Archiv der Kategorie: Belletristik

Haddon, Mark – wunde Punkt, Der

Die Durchschnittsfamilie aus der Vorstadt war in der Vergangenheit schon so manche gute Story wert. Man denke nur an einen Film wie „American Beauty“, der wie kein anderer die piefige Vorstadtwelt porträtiert. Ähnlich kleinbürgerlich, aber eben dennoch gänzlich anders als die Welt von Lester Burnham sieht das Leben von George Hall aus: Zwei-Kinder-Standardfamilie, Vorstadthaus mit Garten – alles in bester Ordnung.

George Hall ist Rentner, aber diese einschneidende Veränderung birgt für ihn scheinbar keine Probleme. Seine Zeit verbringt er damit, an seinem Gartenhäuschen herumzuwerkeln oder dezenten Jazz zu hören. Das Familienleben läuft in geregelten Bahnen, die Kinder sind aus dem Haus, die Gattin Jean pflegt ein außereheliches Verhältnis, von dem er nichts weiß, und die Homosexualität des Sohnes Jamie wird dezent totgeschwiegen.

Doch alles ändert sich mit dem Tag, an dem George in der Umkleidekabine eines Kaufhauses einen seltsamen Fleck an seiner Hüfte entdeckt. Das muss Krebs sein, denkt er und macht sich gleich darauf Gedanken, wie er am unkompliziertesten von dieser Welt abtreten kann, ohne anderen größere Umstände zu bereiten. Mit der Konsequenz, dass er einen Blackout erleidet.

Doch schon zu Hause ereilt den Rentner der nächste Schock: Tochter Katie will zum zweiten Mal heiraten, und das, obwohl ihre Eltern mit ihrem Auserwählten alles andere als glücklich sind. George bekommt auf den Schreck prompt seinen nächsten Blackout. Während Jean sich in die Vorbereitung der Feierlichkeiten stürzt, beginnt George mehr und mehr an seinem Verstand zu zweifeln. Und auch das Krebsgeschwür an seiner Hüfte macht ihm Kummer, führt es ihm doch die eigene Vergänglichkeit vor Augen und zwingt ihn dazu, sich gedanklich auf den Tod einzustellen. Und warum nimmt sein Hausarzt das alles nicht wirklich ernst?

Sohnemann Jamie hat derweil ganz andere Sorgen. Da hat er nun endlich einen festen Freund, aber kann er den auch mit auf eine Vorstadthochzeit im spießbürgerlichen Peterborough mitnehmen? Der Geliebte nimmt im Angesicht des zögerlichen Verhaltens seines Freundes prompt Reißaus, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt, da nun auch noch die Hochzeit zu platzen droht. Mitten in dem ganzen Trubel steht George allein und machtlos seinem vermeintlichen Krebsgeschwür gegenüber. Aber er resigniert nicht, und so entscheidet er sich für eine Radikalmaßnahme …

Ein wenig erinnern die chaotischen Halls von Mark Haddon an die nicht minder merkwürdigen Lamberts aus Jonathan Franzens [„Korrekturen“. 1233 Beide Familien sind sonderbar und alltäglich zugleich, und beiden Autoren ist gemein, dass sie mit ihren jeweiligen Romanen außerordentlich unterhaltsame Familienporträts entworfen haben.

Jede Figur hat ihre Macken, und doch wirkt jede auf ihre Art ziemlich normal. George, der Rentner, der kein Mann großer Worte ist, der eigentlich ein so bescheidenes Leben führt und nun auf so eigentümliche Art und Weise aus seinen bisherigen Bahnen ausbricht, ist sicherlich die schillerndste Figur der Geschichte. Seine Charakterisierung nimmt schon gewisse verrückte Züge an, bleibt nichtsdestotrotz aber stets sehr liebenswürdig.

Der Rest der Familie hat auch seine Macken, wirkt dabei aber etwas bodenständiger. Sie alle werden von Problemen im Liebesleben geplagt, und in allen Fällen entblättert Haddon wunderbar nachvollziehbar Motive und Gedanken der Protagonisten. Er wechselt immer wieder die Perspektive, spult die Handlung immer wieder aus neuen Blickwinkeln ab und schafft es auf diese Weise sogar, eine gewisse Spannung zu erzeugen.

Der Leser ahnt, dass alles auf einen unvermeidlichen Höhepunkt zuläuft, eine Katastrophe, in der das Chaos seinen Zenit erreicht. Das ganze Buch, der ganze Spannungsverlauf zielt auf diesen einen Moment ab, und so schafft Haddon es mit Leichtigkeit, den Leser bei der Stange zu halten. Man muss einfach wissen, wie es weitergeht, und so entwickelt sich „Der wunde Punkt“ zu ganz unerwarteter Spannungslektüre.

Haddon bedient sich so gesehen einer sehr geschickten Erzählweise. Was auf den ersten Blick wie ein ganz lockerer Unterhaltungsroman wirkt, zeigt bei genauerer Betrachtung ganz andere Qualitäten. Ein spannend aufgebauter Plot wird mit facettenreichen Figurenskizzierungen und unerwartet tiefen Einblicken in die Abgründe der verschiedenen Persönlichkeiten verquickt – und das glaubwürdig und in sich stimmig.

Eine weitere Qualität ist Haddons wunderbarer Erzählton. Ganz leichtfüßig erzählt er seine Geschichte, locker und unverkrampft. Er streut immer wieder Gags ein und bringt den Leser zum Schmunzeln, baut dabei aber im Laufe der Kapitel auch eine gewisse Dramatik auf. „Der wunde Punkt“ ist eine ausgeglichene und toll erzählt Tragikomödie, die voller Leben steckt und dabei das Kunststück vollbringt, gleichermaßen herrlich skurril, unspektakulär normal und voller ehrlicher Ansichten über das Leben zu sein.

Von Anfang bis Ende schafft Haddon ein stimmiges Romangefüge und eine dichte Atmosphäre. Leichtfüßiger Unterhaltungsroman und tiefgründiges Drama in einem: Haddon gelingt damit ein gewisser Balanceakt, der sich ganz nebenbei wunderbar unterhaltsam liest.

Bleibt unterm Strich ein durchweg positiver Eindruck zurück. Mark Haddon hat mit „Der wunde Punkt“ ein herrlich liebenswürdiges und skurriles Familienporträt abgeliefert, das von der ersten bis zur letzten Seite keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Wer schon Spaß daran hatte, Jonathan Franzens Lamberts in den „Korrekturen“ zu beobachten, und wer britisch angehauchte Tragikomödien mag, für den dürfte „Der wunde Punkt“ absolut lohnenswerte Lektüre sein.

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Kitty Fitzgerald – Pigtopia

Jack Plum wird mit einer Entstellung geboren, die ihn ähnlich aussehen lässt wie ein Schwein. Sein Kopf ist deformiert, er hat Sprachschwierigkeiten und für seine Mutter, die nach der schweren Geburt bleibende Schäden zurückbehielt und inzwischen im Rollstuhl sitzt, ist er ein Monster. Jacks Vater, ein Metzger, schützt seinen Sohn dagegen und weiht ihn in die Grundlagen der Schweinezüchtung ein. Doch nach Jacks zwölften Geburtstag verschwindet Daniel Plum spurlos und kehrt nicht zurück. Von nun an lebt Jack allein mit seiner depressiven Mutter, abgesperrt von der Außenwelt.

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Dubois, Jean-Paul – Ein französisches Leben

Ganz unspektakulär klingt der Titel von Jean-Paul Dubois‘ Roman „Ein französisches Leben“. Ganz pragmatisch beschreibt er den Inhalt und wirkt dabei gleichermaßen banal wie unaufregend. Und so läuft man beinahe Gefahr, ein schönes Kleinod zu verpassen, das man angesichts des unscheinbaren Titels in der Masse der Neuerscheinungen kaum wahrnimmt.

„Ein französisches Leben“ erzählt in der Tat ein solches, und zwar das von Paul Blick. Eine Kindheit in den fünfziger Jahren, das Aufbegehren der Achtundsechziger und später der Rückzug in die Bürgerlichkeit. Pauls erstes einschneidendes Erlebnis ist der Tod des Bruders am Tag der Wiederwahl von Charles de Gaulle. Paul verliert einen wichtigen Haltepunkt, den großen, starken Bruder, der ihn auf alles im Leben hätte vorbereiten können.

Doch Paul geht auch so seinen Weg, wenngleich die Familie nicht mehr die Gleiche ist wie vor dem Tod des Bruders, dessen Platz am Abendbrotstisch schon bald ein Fernsehgerät einnimmt. Paul entflieht dem Elternhaus, so früh er kann, und beginnt sein Studium mitten in den unruhigen Zeiten der achtundsechziger Bewegung. Auch Paul steckt mittendrin. Zügelloses WG-Leben, Bandproben statt Vorlesungen, politische Debatten anstelle von Klausuren – Paul entwickelt viele Leidenschaften, aber keine für sein Studienfach Soziologie.

Irgendwie bekommt er sein Diplom, wenngleich man sich fragt, wofür. Er nimmt einen Job als Sportjournalist an und verliebt sich in Anna, die Tochter seines Chefs. Als Anna schwanger wird, beugt Paul sich den gesellschaftlichen Konventionen und heiratet Anna. Mit der Heirat schwenkt er wieder in ein konventionelleres Leben ein, wenngleich die Rollenverteilung in der jungen Familie Blick für die damalige Zeit noch eher unkonventionell ist. Während Anna im eigenen Betrieb Karriere macht, hütet Paul Haus und Kinder und kocht das Abendessen.

Als die Kinder größer werden, entdeckt Paul zwei neue Leidenschaften: das Fotografieren von Bäumen und Laure, die Freundin seiner Frau. Zwischen Laure, Dunkelkammer und Hausarbeit spielt sich Pauls Leben in den folgenden Jahren ab, und mit seiner Ehe geht es dabei ganz leise bergab. Als dann nacheinander mehrere persönliche Katastrophen über die Blicks hereinbrechen, ist das beschauliche Leben für Paul vorbei. Er muss sich dem Schicksal stellen …

Eine Lebensgeschichte erzählt „Ein französisches Leben“ nur in erster Linie. In zweiter Linie ist Jean-Paul Dubois‘ Roman auch ein Abbild der Gesellschaft zwischen 1958 und heute. Wie schon am Tag, als Pauls Bruder stirbt, durchkreuzen die politischen Ereignisse immer wieder das persönliche Schicksal des Paul Blick. Paul ist ein Mensch mit hochgesteckten, linken Idealen, und so spielt Politik immer wieder eine Rolle in seiner Biographie. Dubois schildert Pauls Leben mit einem stetigen Auge auf die politischen Entwicklungen der jeweiligen Zeit, und so ist „Ein französisches Leben“ gleichzeitig ein Resümee der französischen und europäischen Geschichte der letzten fünfzig Jahre.

Paul ist dennoch der Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Alles wird aus seinem Blickwinkel beschrieben und an ihm kann man wunderbar die unterschiedlichen Ausprägungen der Epochen nachvollziehen, die er erlebt hat. Interessant wird es mit dem Aufbegehren Ende der sechziger Jahre, als Paul gerade sein Studium antritt. Wie ein Befreiungsschlag vom dumpfen Alltag seines Elternhauses, auf dem noch immer der Tod des Bruders lastet, wirkt der Start in sein neues Leben. Paul will so schnell wie möglich auf eigenen Füßen stehen, sein Leben nach seinen Vorstellungen führen.

Der rebellische Charakter des Achtundsechzigers wird unter den Konventionen des Ehelebens jedoch schnell gebrochen. Paul zieht sich zurück, bleibt zu Hause und kümmert sich um den Nachwuchs, während seine Frau als erfolgreiche Geschäftsfrau immer mehr in eine Rolle schlüpft, die ihm als Linken nicht in den Kram passen kann. Und so schleift das Leben nicht nur die Ecken und Kanten von Pauls Persönlichkeit ab, sondern auch die des Ehelebens. Das Zusammenleben wird zunehmend farbloser. Die Leidenschaft der erste Jahre weicht wortkargen Mahlzeiten und einsamen Abenden auf dem Sofa.

Dabei führt Paul eigentlich ein so bewundernswert ruhiges Leben. Da seine Frau die Brötchen verdient, bleiben ihm alle Freiheiten, die er sich wünschen kann. Er hat Zeit, sich der Fotografie zu widmen, die immer mehr zu seiner einsamen Insel wird, die ihn von den anderen isoliert. Stundenlang hockt er in der Dunkelkammer, während sich Bäume auf dem Fotopapier materialisieren und die Welt um ihn herum immer weiter wegrückt.

Es muss unweigerlich irgendwann zu einem Bruch in diesem Leben kommen, das voller Entfremdung und Müßiggang ist, und so schlägt das Schicksal am Ende gnadenlos zu. Es passiert wahnsinnig viel auf den letzten Seiten des Buches, und man kann sich ausmalen, welch radikalen Umbruch das im Leben eines Paul Blick bedeuten muss.

Das Leben des Paul Blick ist sicherlich nicht in jeder Hinsicht exemplarisch für das einer ganzen Generation, dennoch gelingt es Jean-Paul Dubois durch seine weitsichtige Erzählweise, das Abbild einer Epoche darzustellen. Mit präzisem Blick porträtiert er die unterschiedlichen Generationen und skizziert das Leben der unterschiedlichen Menschen in Paul Blicks Leben.

Auch wenn das nicht immer spannend ist (von Spannung kann eigentlich erst gegen Ende des Buches die Rede sein), so ist es dennoch stets sehr schön zu lesen. Dubois hat einen absolut fantastischen Erzählstil, an dem einzig die häufigen und teils skurrilen Fremdwörter stören. Ansonsten jongliert er so wunderbar mit Worten und setzt sie auf so erstaunliche Weise zu punktgenauen und wohlakzentuierten Formulierungen um, dass die Lektüre ein wahrer Genuss ist. Es ist vor allem Dubois‘ Erzählstil, der den Leser leichtfüßig durch die Handlung trägt.

Dubois schreibt mit wunderbar klarem Blick und bringt dabei eine solche bunte Palette an Emotionen unter, die so herrlich treffsicher in Worte verpackt sind, dass man sich das Buch einfach auf der Zunge zergehen lassen muss. Ein Roman, der langsam und genießerisch gelesen werden will und dann das ganze Kaleidoskop seiner Emotionen entfaltet.

Bleibt unterm Strich ein positiver Eindruck zurück. „Ein französisches Leben“ ist sicherlich nichts für Leser, die eine fesselnde Erzählung erwarten. Wer sich aber auf eine schöne Sprache voller Gefühl und Leben einlassen kann und wer einfache Geschichten zu schätzen weiß, die das Leben halt so schreibt, der wird an der Lektüre sicherlich seine Freude haben. Dubois‘ Erzählstil bereitet sehr viel Freude und verlangt genießerisches Lesen. Wer sich darauf einlässt, der wird mit einer Geschichte voller intensiver Gefühle belohnt.

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Palme, Oliver / Hillen, Boris / Nowak, Stefan (Hgg.) – Fotosynthesen. Anthologie

Im Frankfurter |Pahino|-Verlag ist eine Anthologie mit dem Titel „Fotosynthesen“ erschienen, die ein reizvolles Konzept aufzeigt: Anspruch war es, Text und Bild miteinander zu verbinden und ein Gesamtarrangement in Form eines Buches herauszugeben. Es wurden 18 literarische Reaktionen auf 18 Fotografien gesammelt, und versucht, einen Zusammenhang zwischen dem narrativen Element der Erzählungen und der Momentaufnahme des Fotos herzustellen. Die Anthologie folgt keinem zentralen Thema, die Erzählungen der beteiligen Autoren und Autorinnen kreisen um beliebig ausgewählte Fotos. Für die Sammlung schrieben u. a. Autoren wie Dietmar Dath, Buddy Giovinazzo und Feridun Zaimoglu.

Im Vorwort heißt es, dass die Bilder nicht als Illustrationen, also als Verzierung der Texte, und die Texte nicht als Kommentar zu den Bildern verstanden werden sollen. Dieser Anspruch konnte leider nur zum Teil eingelöst werden. Eine Text-Bild-Synthese beginnt meiner Meinung schon mit einem konzeptionalisierten Thema und sollte doch gerade Wert auf die Bildauswahl legen. Wenn dagegen nach dem Prinzip der Beliebigkeit gearbeitet wird, kann zwar eine gelungene Sammlung von Erzählungen entstehen, doch der Versuch, dass sich Bild und Text in einem Zusammenhang, als Synthese, vorstellen, kann nur durch eine einheitliche Basis als geglückt bezeichnet werden. Jeder Text in „Fotosynthesen“ würde – für sich genommen – auch ohne das zugehörige Foto funktionieren, doch ein einzeln betrachtetes Foto verliert seine Substanz, wenn das narrative Element genommen wird. Zurück bleiben beliebig ausgewählte Fotografien und meist Schnappschüsse. Der im Vorwort beschworene Zusammenhang zwischen Text und Bild wurde nur einseitig eingelöst: Das Gesamtarrangement ist nicht so gelungen wie angedacht.

Das Gefühl der Beliebigkeit wird nicht zuletzt auch durch die recht nervöse Gestaltung des Buches verstärkt. Die vorgefundenen Fotos, auf die es literarische Reaktionen gab, wurden bewusst zerfasert und ihre Teilausschnitte als Dekoelemente in den Textfluss eingefügt. Ein gestalterisches Konzept, welches die einheitliche Basis von Text-Bild-Synthesen enorm fördert, war mir nicht erkennbar.

Auch wenn die Fotografien neben den Texten keinen eigenständigen Raum erhalten, sind der Großteil der Erzählungen lesenswerte Beiträge. Die Vielfalt der Textformen und Inhalte ist in dieser Hinsicht ein Pluspunkt. Besonders zu empfehlen sind die Beiträge von Melanie Stumpf, Kathleen Weise, Markolf Hoffmann, Boris Hillen, Feridun Zaimoglu und Boris Koch.

„Fotosynthesen. Anthologie“ wurde herausgegeben von Boris Hillen, Stefan Novak und Oliver Palme. Mit Beiträgen von Dietmar Dath, Buddy Giovinazzo, Peter Glaser, Boris Hillen, Markolf Hoffmann, Sakura Ilgert, hci-krauskopf, Boris Koch, Mustang Lamar, Tobias O. Meißner, Mathias Mertens, Stefan Nowak, Frank Schuster, Melanie Stumpf, Jamal Tuschick, Kata W. Fonsen, Kathleen Weise und Feridun Zaimoglu.

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Fleischhauer, Wolfram – Schule der Lügen

„Deine Geschichte wird Dich finden“ – ein Satz, der sich wie eine Bestimmung vom Anfang bis zum Ende durch den Roman „Schule der Lügen“ von Wolfram Fleischhauer zieht.

Zugleich ist dieser Satz das elementare Sinnbild der hier geschilderten Familiengeschichte, die dem Leser in sinniger und ungemein interessanter Form ein ganz eigenes Spiegelbild präsentiert, in dem sich ein jeder wiederfinden kann. In der heutigen schnelllebigen Zivilisation, in der Moral, Ethik und Anstand oftmals nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, lässt Fleischhauers „Schule der Lügen“ den Leser genau über diese Problematiken in philosophischer Weise ins Grübeln kommen.

Wie oft verrennen wir uns in geheimen Wünschen und Hoffnungen und vergessen dabei unsere eigene Persönlichkeit in den Mühlen von Arbeit, Verpflichtungen gegenüber der Familie und dem Druck, der daraus resultiert? Wie oft meinen und empfinden wir, dass wir uns in einem Irrgarten verlaufen haben und unmöglich den erlösenden Ausgang finden können? Wenn wir dann eines Tages die Wahrheit über uns selbst herausfinden, ist es meist zu spät, um die verlorene Zeit einzufangen, und wir fügen uns dem scheinbar unausweichlichem Schicksal.

Wolfram Fleischhauer erzählt in seinem 2006 erschienen Roman elegant und einfühlsam ein abgründiges Familiendrama voller Intrigen, Täuschungen und Lügen, Verführungen und Liebe, mit dem Hintergrund, uns aufzuzeigen, was wirklich wichtig im Leben ist, um sich selbst verwirklichen zu können.

_Die Geschichte_

Der junge adlige Student Edgar von Rabov verbringt seine Abende und Nächte in dunklen Bars und zweifelhaften Etablissements in den Tagen der Weimarer Republik, inmitten von Berlin. In den goldenen Zwanzigerjahren der Weimarer Republik ist er auf der Suche nach sich selbst, vernachlässigt dabei das Studium der Chemie, sich dessen bewusst, dass er der Alleinerbe des väterlichen Konzerns ist, obwohl er nicht davon innerlich nicht überzeugt ist, der Aufgabe und Nachfolge seines Vaters gerecht zu werden.

In einer kalten Februarnacht des Jahres 1926 begegnet Edgar eine exotisch aussehende, schöne Inderin, mit der er heimliche Blicke tauscht, doch die Edgar offensichtlich nicht sonderlich interessant findet. Außerdem befindet sie sich in Begleitung eines mysteriösen älteren Herrn, der zudem noch aus England zu kommen scheint. Beim Verlassen der Bar steckt ihm die orientalische Schönheit im Vorbeigehen einen Zettel zu: „Übermorgen hier. Ich erwarte Sie.“

Edgar trifft sich mit der jungen Inderin Alina und kann sich ihrem exotischen Zauber nicht entziehen. Alina wirkt auf den jungen von Rabov anziehend, zugleich aber auch abschreckend und widersprüchlich. Er lässt sich auf ein abgründiges Liebesabenteuer mit ihr ein, das er selbst nicht gänzlich ergründen kann.

Edgar empfindet nach und nach eine immer tiefere Zuneigung für Alina, doch seine intolerante und standesbewusste Familie sieht diese Verbindung nicht gerne, lässt ihn beschatten und setzt ihn persönlich stark unter Druck. Edgar soll sich seiner Position in der Familie und seiner Verpflichtung gegenüber Deutschland bewusst werden.

Edgar und Alina bewegen sich in einer Art von Zwischenwelt, voller ungelöster Fragen. Bei aller Zuneigung, die sie füreinander empfinden, wird ihre Liebe auch von einer philosophischen Sicht der Dinge begleitet.

Eines Tages verschwindet Alina plötzlich ohne Vorankündigung und reist zurück nach Indien, das unter englischer Kolonialherrschaft steht. Edgar folgt ihr entschlossen; er will Antworten auf all seine Fragen finden, doch was er stattdessen findet, ist zunächst die Vergangenheit seiner Familie – oder einer Familie, die er bis dahin zu kennen glaubte …

_Leseprobe_

Und dann war dieser Brief gekommen. Ein Brief von ihr. Wie oft hatte er ihn schon gelesen? Diesen Abschiedsbrief, der keinerlei Erklärung enthielt.

|Edgar, bitte folge mir nicht. Es war alles falsch. Vergiss mich. Es tut mir unendlich leid, was geschehen ist. Bitte hasse mich nicht. Und Du würdest mich hassen, wenn wir uns noch einmal begegnen würden. Auch deshalb gehe ich. Was immer Du glauben magst: Auf meine Weise war ich immer ehrlich zu Dir. Auch mein Körper, vor allem mein Körper, der noch immer nach Dir ruft. Ohnehin sind nur unsere Körper ehrlich.

Bitte vergiss, was geschehen ist. Wenn Du es kannst. Ich würde einiges dafür geben, wenn ich die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen könnte. Auch wegen Phil. Allein ich bin an allem schuld.

Ich habe den Brief zahllose Male geschrieben und wieder zerrissen. Denn wie sollte ich Worte für uns finden? Oder gar letzte Worte?

Leb wohl. Alina.|

Die Briefmarke auf dem Umschlag war italienisch, abgestempelt in Genua. Zwei Stunden später stand Edgar vor dem Schaufenster der Norddeutschen Lloyd am Tauentzien und studierte die Linienpläne nach Ostasien.

_Kritik_

Wolfram Fleischhauers „Schule der Lügen“ ist ein sehr mitreißender Roman, der von Schuld und Lüge erzählt, von Täuschung und Intrigen, Verführung und Freiheit. Ein Familienroman, der kompliziert erscheint und trotzdem eine philosophische Liebesgeschichte beinhaltet, die zum Nachdenken anregt.

In der bewegten Weimarer Republik, in welcher der Roman spielt, schickt Fleischhauer die Hauptperson Edgar von Rabov auf eine Suche nach der Liebe, nach der Wahrheit und schließlich auf die erlösende Suche nach sich selbst.

Der Autor beweist sich als sehr guter Geschichtslehrer und entführt den Leser in die bewegten gesellschaftlichen Tage zwischen den beiden Weltkriegen. Er schreibt auch aus der Sichtweise der „adligen“ Bevölkerung, die dem Untergang geweiht zu sein scheint und verbissen um die alten Werte und Normen kämpft – allerdings bereits auf verlorenem Boden.

Zwischen Mystik und der ganz anderen Lebensweise in Indien, zwischen Religionen und damit verschiedenen Grundsätzen von Moral und Ethik bewegen sich die hervorragend ausgestalteten Charaktere in „Schule der Lügen“. Ein Hauch von Orientalismus im andersartigen und fernen Indien sowie das schwelende Pulverfass des dekadenten Berlins werden dem aufmerksamen Leser vor das innere Auge gebracht.

Ich kann die Lektüre dieses Roman jedem Leser nahelegen. Besonders zu gefallen wissen als wichtiger Bestandteil des Romans die philosophischen Gespräche, die Fragen nach dem Sinn eines Lebens, nach den elementarsten Grundsätzen des Lebens. Sicherlich Fragen, die sich der Leser individuell beantworten muss und auch sollte, schließlich befindet sich ein jeder auf die Suche nach dem „Wer bin ich? Wohin gehe ich? Worin besteht der Sinn?“

„Schule der Lügen“, der fünfte Roman von Wolfram Fleischhauer, ist überraschend gut und der Autor weiß mit seinem Wissen um Indien und die innerdeutsche Politik in der Weimarer Republik zu überzeugen.

_Wolfram Fleischhauer_, geboren 1961 in Karlsruhe, studierte in Deutschland, Spanien, Frankreich und in den USA. Als Konferenzdolmetscher pendelt er zwischen Brüssel und Berlin, wo er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn lebt. Unter anderem hat Wolfram Fleischhauer die Romane „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ und [„Das Buch, in dem die Welt verschwand“ 265 veröffentlicht. Er ist einer der wenigen deutschsprachigen Schriftsteller, deren Romane auch international erfolgreich sind.

|528 Seiten|
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Szerb, Antal – In der Bibliothek

|“Das, was hier geschah, war die Interferenz von Lieben. Wenn sich zwei Lieben in einem Herz treffen, dann verstärken sie sich entweder, oder sie schwächen sich gegenseitig ab, so wie jedes Licht, jeder Ton und jede andere Welle oder schwingende Bewegung. Einmal war ich in zwei Frauen zugleich verliebt, und diese beiden Lieben trafen sich in einer so unglücklichen Phase in meiner Seele, daß sie sich gegenseitig aufhoben und ich mich gezwungen sah, mich in eine dritte zu verlieben.“|

Diese wunderbaren Worte, die den Leser in der Seele treffen und anrühren, können eigentlich aus kaum einer anderen Feder stammen als aus der des ungarischen Literaturprofessors Antal Szerb, den der |Deutsche Taschenbuchverlag| nun endlich für sich entdeckt hat. Im vorliegenden Buch „In der Bibliothek“ sind insgesamt 14 Kurzgeschichten des verstorbenen Autors zusammengestellt, die sich im ersten Teil vornehmlich der Liebe widmen. Doch das Thema „Liebe“ greift Szerb immer wieder auf und beleuchtet es von allen Seiten. Und so kurios manche Geschichten anfangs auch anmuten mögen, bei genauerem Hinschauen fällt immer wieder auf, dass Szerb den Nagel auf den Kopf trifft.

Da begegnen wir beispielsweise Lancelot, der unsterblich, aber auch unglücklich in die schöne Königin Guinever verliebt und nun losgezogen ist, um gegen einen Drachen zu kämpfen und von diesem den Schuh der schönen Königin wiederzuerlangen. Auf seiner Reise verbringt Lancelot eine Nacht im Hause des Zauberers Klingsor und schüttet diesem sein Herz aus, weil er ja so unglücklich sei, da seine Angebetete mit König Artus verheiratet ist. Des Nachts fängt Klingsor die Liebe ein und verschließt sie in einer Phiole, woraufhin Lancelot plötzlich von seiner blinden Liebe zu Guinever befreit ist. Doch anstatt sich seiner neu gewonnenen Freiheit zu freuen, bemerkt er bald, dass er ganz ohne die Liebe – und sei sie noch so unglücklich und unerfüllt – eben auch nicht leben kann. Auf den ersten Blick mag sich das merkwürdig anhören, aber hat Lancelot – bzw. Antal Szerb – damit nicht vollkommen Recht? Wer möchte denn schon ganz ohne Liebe sein?

Aber wir lernen in den einzelnen Geschichten noch ganz andere bemerkenswerte Charaktere kennen, die wir ein Stück ihres Weges begleiten. In der Titelgeschichte erzählt uns Tamás, wie seine große (ehemalige) Liebe aus Studienzeiten Edit ihn brieflich bittet, ihrer Cousine Ilonka die Bibliothèque Nationale zu zeigen, in der Tamás den Großteil seiner Zeit verbringt. Zunächst ist der Ich-Erzähler skeptisch und malt sich schlimme Visionen dieser Ilonka aus. Als er eines Tages aber eine unsichere junge Dame bemerkt, die ihn zu suchen scheint, stellt er fest, dass Ilonka alles andere als unscheinbar oder gar hässlich ist, sondern sehr attraktiv. Tamás zeigt ihr daraufhin die Bibliothek, geht mir ihr Kaffee trinken und zeigt ihr einen Teil des Pariser Lebens, ohne allerdings zu bemerken, wie er sich nach und nach in die schöne Ilonka verliebt. Als diese ihm seine Liebe gesteht, weist Tamás sie aber zurück. Diese kleine Geste ist es, die die Beziehung der beiden grundlegend verändert.

Bei Antal Szerb sind es im Übrigen meist die kleinen Dinge, die eine entscheidende Wende herbei führen, wie auch in der Geschichte, in der ein Mann sich auf den ersten Blick in die wunderschöne Delia Danthorp verliebt, die eigentlich nur Augen für seinen guten Freund, den Pianisten János, hat und die dennoch eigentlich nur auf Frauen steht. Als Delia ihn aber zu einem Tee zu sich nach Hause einlädt und ihm unmissverständlich klarmacht, dass diese Einladung ohne jegliche Hintergedanken ausgesprochen wurde, gibt es dennoch diesen einen winzigen Moment, in dem der Ich-Erzähler das Richtige tut und anschließend mit einer schier unglaublichen Liebesnacht belohnt wird.

Im zweiten Teil des Buches widmet Antal Szerb sich mehr den historischen bzw. fabelhaften Figuren und dem Übersinnlichen. Er erzählt die Geschichte des jungen Parzivals, der den schrecklichen roten Ritter besiegt und am Ende mit dem Kelch des Himmels belohnt wird, wir erfahren die Geschichte von Ajándok, die sich in einen schwarzen Magier verliebt, und wir lesen, wie das Unglück einer Stadt durch seine Kälte alle Kinder dahinrafft.

Mit einer großen Liebe zum Detail und vor allem einem fantastischen Sprachgefühl erzählt Antal Szerb uns Geschichten seiner Alltagshelden, die in diesen Erzählungen aber dennoch ganz wunderbare Dinge erleben. Auch wenn das Einlesen einige Mühen kostet, da man sich in zahlreiche Kurzgeschichten neu einfinden muss, wird man als Leser doch mit herrlichen Erfahrungen belohnt und vor allem mit Szerbs ganz besonderer Sprache, seiner genauen Beobachtungsgabe, seinem großen Sprachtalent und wunderbaren Formulierungen, die man sich am liebsten alle aufschreiben möchte, um sie später bei geeigneter Gelegenheit zitieren zu können. Antal Szerbs Geschichten, aber auch seine einzelnen Sätze sind wie kleine Schätze, die man beim Lesen ausgräbt und die einem richtig das Herz erwärmen können. Seine Erzähler und Figuren sind so sympathisch, manchmal auch ein klein wenig naiv, aber doch immer so herzensgut, dass wir mit ihnen fiebern und mit ihnen traurig sind, wenn sich die große Liebe und das große Glück am Ende dann doch nicht einstellen wollen.

Aus jeder dieser Geschichten kann man etwas mitnehmen, das Szerb uns sagen möchte. Seine Erzählungen stecken voller Botschaften, die er mit seiner genauen Beobachtungsgabe analysiert und aufdeckt. Antal Szerb vermittelt uns das Gefühl, als habe er nicht nur das menschliche (Un-)Glück durchschaut, sondern auch das menschliche Verhalten generell. Oftmals hält er uns einen Spiegel vor und führt uns vor Augen, wie irreal wir uns verhalten und wie unlogisch unsere Handlungen sein können, wenn doch das Gefühl und die Liebe im Spiel sind. Szerbs Geschichten sind fein und zerbrechlich und sie entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn man das Buch zugeschlagen und das Gelesene verdaut hat. Erst beim anschließenden Nachsinnen entdeckt man vieles, das Szerb zwischen den Zeilen versteckt hat und was dazu führt, dass man immer wieder zurückblättert, um seine Worte ein weiteres Mal auf sich einwirken zu lassen.

„In der Bibliothek“ ist wieder einmal eine literarische Entdeckung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Wer Antal Szerb noch nicht kennt, der hat wahrlich etwas verpasst, denn auch wenn sich seine Geschichten nach heutigen Gesichtspunkten vielleicht nicht ganz so einfach runterlesen lassen, so wird man doch durch Szerbs feine Ironie, sein Sprachgefühl, seine scharfe Beobachtungsgabe, seine beachtlichen Charaktere und seine wunderbaren Erzählungen belohnt, die dem geneigten Leser ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

_Antal Szerb bei |Buchwurm.info|:_

[„Reise im Mondlicht“ 1292
[„Reise im Mondlicht“ 2724 (Hörbuch)
[„Die Pendragon-Legende“ 955
[„Die Pendragon-Legende“ 2135 (Hörbuch)
[„Das Halsband der Königin“ 1855

Ali, Tariq – Sultan von Palermo, Der

Muhammad al-Idrisi ist ein islamischer Gelehrter aus Sizilien. Gerade kehrt er von seiner letzten Reise zurück, deren Ziel es war, ein umfassendes geographisches Werk zu schreiben, inklusive Landkarten und allem, was sonst noch so dazugehört. Nun ist sein Werk nahezu abgeschlossen, doch er weiß, dass er nicht in dieselbe Welt zurückkehrt, aus der er aufgebrochen ist. Sein Freund und Gönner, Sultan Rujari II. von Palermo, ist krank und dem Tode nahe. Und mit dem Tod des toleranten, weltoffenen Herrschers wird in Sizilien eine Ära zu Ende gehen …

„Der Sultan von Palermo“ ist, wie ich leider erst im Nachhinein feststellte, der vierte Band einer fünfteiligen Romanreihe. Zwar ist das Buch in sich abgeschlossen, außerdem spielt der erste Band „Im Schatten des Granatapfelbaums“ circa dreihundert Jahre später als „Der Sultan von Palermo“. Falls es dennoch irgendwelche Bezüge zwischen den Romanen gibt außer dem offensichtlichen, dass sie stets die Berührungspunkte zwischen Islam und Christentum in einer Zeit des Umbruchs zum Thema haben, dann muss dieser Aspekt hier leider unberücksichtigt bleiben.

Aber auch für sich allein genommen bietet „Der Sultan von Palermo“ einen überraschenden Blick auf eine besondere Welt. Sizilien war zu dieser Zeit ein eigenständiges Königreich, zu dem außer der Insel auch noch Teile in Süditalien gehörten. Die Eroberung durch die Normannen lag gerade mal eine Generation zurück, die Mehrheit der Bevölkerung war noch immer islamisch.

Roger II., der sich selbst gern Rujari nennt, fließend arabisch spricht und trotz seines christlichen Bekenntnisses einen Harem mit mehreren Frauen unterhält, hat ein ausgeprägtes Faible für Kultur und Philosophie. Er nutzte die Wirren des Kirchenschismas, um sich vor der Teilnahme an den Kreuzzügen ins Heilige Land zu drücken, und eroberte stattdessen Gebiete im nördliche Afrika. Unter seiner Herrschaft leben Christen, Moslems und Juden friedlich nebeneinander.

Mit der wachsenden Schwäche des Herrschers wuchs allerdings die Macht der Kirche in Sizilien, damit einher gingen Übergriffe gegen die islamische Bevölkerung. Nur wenige Jahre nach Rogers Tod begann die Vertreibung aller Andersgläubigen, die nicht zum Christentum übertreten wollten.

Vor diesem historischen Hintergrund erzählt Tariq Ali aus dem Leben von al-Idrisi, seinem Familienleben, seinen Interessen und Ansichten.
Al-Idrisi ist gläubiger Moslem. Im Vergleich zu dem, was wir heute unter gläubigen Moslems verstehen, wirkt er allerdings etwas lax. Er geht beileibe nicht jeden Freitag in die Moschee, lässt gelegentlich Gebete ausfallen, wenn er keine Lust hat, und empfiehlt den Bauern auf seinem Gut, zum Christentum zu konvertieren – wenigstens zum Schein -, um sich vor der zunehmenden Bedrohung durch die Nazaräer zu schützen. Er zitiert amüsiert anstößige Verse über Homosexualität, schwärmt für alkoholische Getränke und begeht Ehebruch mit seiner Schwägerin, die eigentlich mit dem Emir von Syrakus verheiratet ist. An einer Stelle erwähnt er sogar, dass der Stellvertreter des Propheten sich gelegentlich überrascht darüber geäußert haben soll, dass seine vertraulichen Ratschläge später öfters als göttliche Offenbarung verkündet wurden, während die Ehefrau des Propheten eine erstaunliche Übereinstimmung der göttlichen Offenbarungen bezüglich der Frauen mit den Wünschen ihres Gemahls festgestellt habe. Was für gotteslästerliche Gedanken! – Dennoch ist al-Idrisi ein ernsthafter Mann, dem trotz aller Kritik zu keiner Zeit in den Sinn kam, seinen Glauben zu wechseln, nicht einmal zum Schein, wie es in jener Zeit so viele taten.

Aus den Äußerungen al-Idrisis über seinen Glauben und seine Heimat entsteht ein ungewöhnliches Bild, das heutige Moslems womöglich entsetzen würde. Die Freizügigkeit in sexuellen Dingen fand ich dabei am erstaunlichsten. Al-Idrisi hat sich von seiner Frau getrennt, seine große Liebe Mayya aber lebt im Harem des Sultans. Trotzdem besucht er sie dort und zeugt eine Tochter. Der Sultan weiß es und drückt ein Auge zu! Gegen Ende seines Lebens schickt er Mayya samt Tochter zu al-Idrisi, der Mayya sofort heiratet. Gleichzeitig aber fängt der Gelehrte die Affäre mit Mayyas Schwester an, die unbedingt ein Kind will, deren Mann aber offenbar zeugungsunfähig ist. Mayya unterstützt dies sogar! Ihre Schwester wird schwanger, kehrt aber vor der Geburt zu ihrem Mann zurück, um ihm keine Hörner aufzusetzen. Der Mann weiß um al-Idrisis Vaterschaft und freut sich sogar darüber, dass er nun einen eigenen Erben bekommt! Er bietet al-Idrisi an, ihm seine Frau nach der Geburt erneut zu schicken, falls sie noch weitere Kinder möchte! Keiner der Beteiligten scheint mit diesem Chaos ein größeres Problem zu haben, auch wenn sie alle dafür sorgen, dass nichts davon nach außen dringt. Erstaunlich ist auch, dass die treibenden Kräfte des Ehebruchs die Frauen waren!

Einen weiteren Punkt werden wir heutzutage als untypisch empfinden, nämlich den, dass es die Moslems waren, die in dem aufkeimenden Konflikt zwischen Christen und Andersgläubigen diejenigen waren, die die Gewaltspirale bremsten, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Der beherrschende Gedanke war der Schutz von Leben, nicht das ruhmreiche Sterben für Allah und den Propheten. Allerdings war der von Tariq Ali beschriebene Islam kein homogenes Gebilde. Al-Idrisi stellt vielmehr fest, dass der Glaube der Wüstenvölker noch weit fanatischer ausgeprägt ist als der der Stadtbevölkerung, die sich weniger mit dem Jihad als mit Handel und Wissenschaft beschäftigt. Vor allem Letztere führte zur Öffnung des Islam gegenüber anderen Kulturen. Die Kultur aus der Wüste hat trotz aller Gegensätze von den Hinterlassenschaften der Römer und Griechen ebenso gelernt wie die Normannen von den Moslems. Der Austausch von Wissen hat nach al-Idrisis Überzeugung den Islam groß gemacht, deshalb reagiert er äußerst ärgerlich auf die Zerstörung von Büchern und Schriftrollen durch fanatische Glaubensbrüder.

Vielleicht ist das der Punkt, der dieses Buch am meisten auszeichnet. Tariq Alis Protagonist ist ein sehr sachlicher und unvoreingenommener Beobachter, dessen Kritik beide Seiten in gleicher Weise trifft, ohne dabei jemals in Anschuldigungen oder Beschimpfungen zu verfallen. Hier soll niemand denunziert oder schlecht gemacht oder verdammt werden. Es wird lediglich ein Bild gezeichnet, wie golden zumindest ein Teil der Welt einmal war, und wie er mit der entsprechenden Einstellung auf beiden Seiten auch wieder werden könnte.

Der Autor erzählt in sehr ruhigen, unaufgeregten Worten. Spannung findet sich kaum in diesem Buch, nicht einmal angesichts des unaufhaltsam näher rückenden Endes dieser goldenen Ära. Dieses Buch fällt weniger in die Kategorie „Historienroman“ als in die eines „Sittengemäldes“, es ist kein monumentales Geschichtsepos, sondern eher ein Stilleben, leise und unaufdringlich und auch ein wenig frivol. Wer sich vorwiegend für fremde Kulturen interessiert und eine leichte, luftige Erzählweise schätzt, ist hier gut aufgehoben. Wer es dagegen eher dramatisch oder lebhaft mag, sollte vielleicht lieber zu einem anderen Buch greifen.

Tariq Ali wurde 1943 in Lahore geboren und studierte an der Punjab-Universität. Wegen politischer Aktivitäten gegen Pakistans Militärdiktatur musste er schließlich nach England emigrieren. In Oxford setzte er sowohl sein Studium als auch seine politischen Unternehmungen fort. Er war eine der führenden Personen der Studentenbewegung 1968, bezog Stellung gegen den Vietnamkrieg unter anderem in öffentlichen Debatten mit Henry Kissinger oder Michael Stewart. Tariq Ali versteht sich als Sozialist und Antiimperialist, ist Mitherausgeber einer Zeitung der internationalen Linken, ansonsten aber hauptsächlich Filmemacher und Autor. Aus seiner Feder stammen unter anderem die Romane „Das Buch Saladin“ und „Die steinerne Frau“ sowie „Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung: Die Krisenherde unserer Zeit und ihre historischen Wurzeln“ und „Bush in Babylon“.

http://www.tariqali.org/
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Bathurst, Bella – Feindinnen

|Jugendzeit – schöne Zeit? Bella Bathurst belehrt uns mit „Feindinnen“ eines Besseren!|

Eine Gruppe von englischen Internatsschülerinnen fährt für zwei Wochen in ein abgelegenes Schullandheim. Doch von der Erholung, die sie dort genießen sollen, bekommen die Dreizehn- und Vierzehnjährigen nichts mit, denn sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, sich und ihre Umwelt zu beobachten.

Da wäre zum Beispiel Caz, der strahlende Stern der kleinen Gruppe, die einen perfekten Körper und Jungskontakte aufweisen kann. Hen, die magersüchtig ist und mit der Scheidung ihrer Eltern nicht zurechtkommt. Ali, die sich von den anderen Mädchen fernhält, lieber alleine auf Bäumen sitzt und Bücher liest. Izzy, die etwas dicklich ist und trotz ihrer hilflosen und nervenden Versuche keinen Anschluss an die Gruppe findet. Jules, die so sein möchte wie Caz und sich deshalb zu unschönen Erfahrungen hinreißen lässt.

Es ist die Personenkonstellation, aus der Bathurst ihre Handlung bezieht. Die Konflikte, die die Mädchen mit sich selbst und unterschwellig mit den anderen haben, treten auf dem engen Raum eines Zimmers ans Tageslicht und entladen sich in ungewollten Entjungferungen, Essensverweigerungen und allergischen Schocks. Die beiden Lehrkräfte, die sadistische Ms Naylor und die junge Geschichtslehrerin Jaws tragen ihren Teil dazu bei, dass die Atmosphäre sich nicht bessert.

Die englische Autorin weiß geschickt mit diesen Handlungsfäden umzugehen und spinnt daraus eine dichte, intensive, aber angenehm unaufdringliche Story. Spannung gibt es dagegen kaum und es ist fraglich, ob der Aufdruck „Psychothriller“ wirklich verdient ist. An und für sich gibt es nämlich noch nicht mal eine stringente Handlung. Die Geschichte stellt eher die Aneinanderreihung verschiedener, mit dem Jugendalter verbundener Ereignisse dar, die aber nicht voneinander abhängen.

Das ist in diesem Fall allerdings kein Negativpunkt, denn durch die Abwesenheit eines wirklichen Handlungstrangs kann sich Bella Bathurst völlig darauf konzentrieren, ihren Figuren und deren Erlebnissen den Raum zur Entfaltung zu geben, den sie benötigen, um den Leser zu becircen.

Die Figuren sind wirklich sehr gut getroffen, auch wenn man sie anfangs für ein wenig langweilig hält, aber sie gewinnen an Form und differenzieren sich mit dem Verlauf des Buches immer mehr voneinander, so dass man erkennt, wie sie eigentlich sind. Auf leisen Sohlen schleichen sie sich an, bis der Leser dann plötzlich, mit Erinnerung an seine eigene Jugend, sofern er diese schon hinter sich hat, feststellen muss, wie authentisch die Darstellung ist.

Die Stimmungsschwankungen und Unsicherheiten werden mit melancholischen, nüchternen Worten dargestellt, ohne zu sehr in Pathos oder Gefühlskälte abzurutschen. Bathurst trifft genau den Nerv der Jugend und überrascht dabei ab und an noch mit ein paar gelungenen Metaphern, die positiv aus den sehr trocken gehaltenen Zeilen hervorstechen. Einzig die sehr abgehackte Jugendsprache, die in den Dialogen vorkommt, stört ein wenig. Doch da dies auch an der Übersetzung liegen kann, sollte man der Autorin deswegen keinen Vorwurf machen.

Bella Bathurst hat mit ihrem Debütroman ein leises, unaufdringliches Buch geschaffen, das seinen Zauber erst nach einer Weile entwickelt. Dann allerdings auf allen Ebenen. Die Story, die Personen, der Schreibstil – alles passt zusammen und schafft ein pralles Bild vom Teenagerdasein. Ein wenig mehr Spannung an der einen oder anderen Stelle hätte „Feindinnen“ sicherlich nicht geschadet, aber auch so handelt es sich bei dem Buch um ein beeindruckendes Debüt.

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Mittelberger, Werner – Henker und der Hofnarr, Der

Diese Erzählung in Form einer Novelle führt den Leser |in medias res| in die Gewölbe der Pariser Bastille zu Zeiten Karls VI., König von Frankreich.

In der Exposition wird der Hofnarr Bouchet des Hochverrats angeklagt und dazu verurteilt, bis zu seiner Hinrichtung in sieben Tagen eingekerkert zu sein. In sechs weiteren Kapiteln setzt sich die Erzählung fort, wobei das letzte Kapitel etwa die Hälfte der gesamten Erzählung umfasst. Historisch gesehen ist es das Jahr 1392, jenes Jahr, in dem sich in König Karl VI., der schon im Alter von zwölf Jahren den Thron bestieg, erstmals Symptome seines beginnenden Wahnsinns zeigten.

Bouchet trifft auf den Henker des Königs, Saberge, und liefert sich manch ein Wortgefecht mit ihm. Gleich einem Harlekin spricht der Narr in Versen und Metaphern, doch der Henker ist seinen Späßen anfangs nicht zugänglich. Beide teilen nicht nur das Schicksal, ihr Ich unter einer Maske bzw. Kapuze zu verbergen zu müssen, sondern auch ihre Funktionalität in den Gefügen der Gesellschaft, die von der Willkür eines Königs bestimmt ist. Doch der Narr schafft es nicht nur, Spiegel des Königs und der Gesellschaft zu sein, sondern auch ein Spiegel des Henkers zu werden.

Dies führt zu „einer sich ereignenden unerhörten Begebenheit“ in der Erzählung, die nach J. W. von Goethe in einem Gespräch mit Johann Peter Eckermann Merkmal einer Novelle ist und zu einem Wendepunkt überleitet. Denn am zweiten Tag schließen sie eine Freundschaft, die im Henker einen Zwiespalt zwischen der Loyalität zum König und seiner Freundschaft zum Narren erzeugt. Erzählerisch erfolgt die Annäherung auch durch ein vertrautes ‚Du‘ unter ihnen – das der Autor nicht konsequent einhält, der später noch mal in ein ‚Sie‘ zurückfällt -, das Fallenlassen der Masken und die körperliche Verteidigung des Narren vor sadistischen Kerkerwachen. Ebenso werden geschickt Erzählungen aus der Vergangenheit des Henkers sowie des Narren eingeflochten.

Insgesamt werden die beiden Figuren zunehmend personifiziert und aus ihrer Funktionalität herausgeholt; so spricht der Narr nicht mehr in Versen und der Henker entwickelt eine vielfältige Gefühlswelt. Es ist eine Entwicklung, die bis zum Ende fortdauert und in die Freiheit führt. Über die listige, humorvolle und spannende Flucht beider sei hier nicht viel verraten, führt sie aber in eine nur mit „Nur der Horizont war das nächste Ziel, und er würde es auch für immer bleiben“ (S. 99) angedeutete Zukunft – ebenfalls ein typisches Novellenmerkmal.

Auch wenn manchmal der österreichische Dialekt durchkommt, so erleichtert der Autor Werner Mittelberger durch seine der Zeit nachgeahmte Sprache dem Leser das Hineinfühlen in diese Epoche.

Mittelbergers Erstlingswerk bietet gehobene sowie spannende und humorvolle Unterhaltung, die Freude macht auf sein nächstes Werk. Ob der geringen Editionsauflage ist auch der Preis von 11,90 € gerechtfertigt. Das Titelbild von Svend Richter ist ebenso symbolträchtig wie die Erzählung.

_Martin Dembowsky_

Despentes, Virginie – Bye Bye Blondie

Virginie Despentes hat sich in den letzten Jahren vom Schmuddelkind zu einer der beliebtesten Autorinnen Frankreichs gemausert. Mit „Bye Bye Blondie“ möchte sie diesen Status weiter ausbauen.

Hauptperson ist die Mitdreißigerin Gloria, eine Chaotin, die für ihre Wutanfälle gefürchtet, in ihrer Stammkneipe „Royal“ bei den Stammgästen aber sehr beliebt ist.

Eines Tages, als sie gerade von ihrem Freund rausgeschmissen worden ist, trifft Gloria auf Eric, eine Jugendliebe, die sie damals bei einem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt hat. Nachdem sie beide entlassen wurde, verbrachten sie eine glückliche Zeit, bis Eric plötzlich wie vom Erdboden verschwand und sich nicht mehr bei ihr meldete. Das brach Gloria das Herz und als sie ihn, der mittlerweile ein bekannter Fernsehmoderator ist, auf der Straße verheult und außer sich wiedertrifft, hat sie überhaupt keine Lust, sich wieder auf ihn einzulassen.

Trotzdem folgt sie ihm nach Paris in sein schmuckes Appartement und in ein Leben voller Glitzer und Glamour, in dem sie sich als rotzfrecher Altpunk nicht gerade wohlfühlt und das auch zeigt. Ob die beiden trotzdem eine Chance haben?

Das Buch spielt in zwei verschiedenen Welten. Neben dem aktuellen Handlungsstrang erzählt die französische Autorin auch aus der Jugend der Punkerin Gloria aus anständigem Elternhaus, gegen das es sich zu rebellieren lohnte. Sie beschreibt dabei einen ganzen Lebensstil. Von spontanen Fahrten nach Paris, ohne einen einzigen Cent in der Tasche, und dem Leben auf der Straße bis hin zu Prügeleien mit Skinheads ist alles dabei und Gloria präsentiert sich als alles andere als ein liebes, nettes Mädchen. Das stößt den Eltern von Eric, die der höheren Schicht zugehörig sind, natürlich sauer auf, besonders weil Gloria noch nicht mal damit zurückhält, was sie von diesen Spießern hält.

Die Gloria von heute ist vielleicht keine Punkerin mehr, aber ganz normal ist sie trotzdem nicht. Als Sozialhilfeempfängerin mit einem Faible für Alkohol und das Anpöbeln fremder Menschen in der Öffentlichkeit lebt sie bei ihren ständig wechselnden Freunden, die sie zumeist deshalb rausschmeißen, weil sie ihre Wutanfälle nicht mehr ertragen.

Gloria ist nicht glücklich. Sie ist kaputt und gleichzeitig auf der Suche nach ein bisschen Wärme. Diese nicht ganz alltägliche Protagonistin weiß Virginie Despentes sehr schön darzustellen, ohne dabei seitenlange Beschreibungen abzuliefern. Sie beschreibt ihre Figur lieber aus deren Erinnerung heraus, so dass der Leser versteht, wieso sie handelt und was sie schon hinter sich hat.

Auch die anderen Charaktere in dem Buch wissen aufgrund ihrer Authenzität zu gefallen, und trotzdem schleicht sich da eine kleine Frage in den Kopf des Lesers, der gerne mal einen der modernen französischen Autoren wie Pille oder andere Bücher von Despentes liest. Wieso kommt einem die Konstellation eines armen Mädchens, das in die höheren Schichten aufsteigt, weil es irgendeinen neureichen jungen Mann kennenlernt, so bekannt vor? Eine gewisse Klischeehaftigkeit lässt sich folglich nicht verbergen.

Die Handlung ist auch nicht immer so goldig, wie sie laut den Kritiken glänzen sollte. Glorias Jugenderinnerungen, die einen Großteil des Buches einnehmen, sind wirklich sehr gut gelungen. Dicht, ohne Längen und sogar mit einer gewissen zwischenmenschlichen Spannung gewürzt, sorgen sie dafür, dass man das Buch lange nicht aus der Hand legen will. Besonders, wenn man von dem dargestellten Lifestyle weit entfernt ist, ist es sehr interessant zu lesen, wie die junge Gloria ihre Freizeit verbringt.

Der Erzählstrang, der sich mit der aktuellen Beziehung von Gloria und Eric beschäftigt, wirkt dagegen zum größten Teil wie die lästige Pflicht nach der Kür. Arme Sozialhilfeempfängerin trifft schneidigen Moderator und landet auf VIP-Feiern – das ist wirklich nichts Neues mehr und der Großteil der Erlebnisse von Eric und Gloria ist furchtbar vorhersehbar und langweilt dementsprechend ein wenig.

Da hilft teilweise noch nicht einmal der überzeugende Schreibstil Despentes‘. Despentes schreibt einfach, trocken, alltäglich, manchmal obszön, aber immer treffend. Sie gibt den Emotionen ihrer Charaktere nicht wirklich viel Raum, aber gerade das lässt die Emotionen umso authentischer wirken. Sie benutzt auch hier die für sie typischen Beobachtungen der kleinen Dinge des menschlichen Zusammenlebens und schmückt sie oft mit nüchternen, aber passenden Metaphern wie auf Seite 53 aus:

|“Sie nahm wohl wahr, dass sie am ehesten einem durchgeknallten Vogel glich, der für alle anderen unsichtbar Skateboard fuhr und mit gesenktem Kopf gegen alle Wände um sich herum knallte.“|

Derartige rhetorische Mittel lockern das Buch auf, auch wenn die Jugendsprache in der deutschen Übersetzung stellenweise eher grenzwertig ist. (|“Seine Nase ist rot verquollen, voll die Erbeere.“|, Seite 16).

„Bye Bye Blondie“ ist dementsprechend ein durchwachsen anmutendes Buch mit einer positiven Tendenz. Die Handlung hat ihre Höhepunkte, aber auch ihre Tiefpunkte, und die Personen sind, solange sie nicht Gloria heißen und unglaublich gut ausgearbeitet sind, manchmal etwas klischeehaft. Der Schreibstil kann sich dagegen mit seinen feinsinnigen Anspielungen, Metaphern und Beobachtungen lesen lassen.

http://www.rowohlt.de

Mueller-Stahl, Armin – Hannah

„Hannah“ handelt von einer sowohl tiefen, innigen und wahren als auch falschen Liebe.

In einem Hotel treffen sich zwei alte Schulfreunde, um nach dem Tod der jungen und inzwischen sehr bekannten und ungewöhnlich begabten Musikerin Hannah ihrer zu gedenken und manches Geheimnis dem anderen erklären zu können. Für beide Männer wird das Gespräch zu einer Art von Lebensbeichte. Der Vater Hermann Krämer, von Beruf ein erfolgreicher Schriftsteller, und sein Jugendfreund Arnold erzählen von ihrem Leben mit Hannah.

Hermann Krämer übernimmt das Wort und erzählt unter Trauer von seiner Tochter. Hannah war immer musikalisch hochbegabt und verstand es bereits mit vier Jahren, eine Viertelgeige perfekt zu spielen. So selbstverständlich und harmonisch, so individuell begabt, entwickelte sie ihren ganz eigenen Stil. Über Bach sagte sie: „Wenn ich Bach spiele, weiß ich, was Unendlichkeit ist. Es ist die Unendlichkeit selbst. Bei Bach gibt es keinen Tod.“

Hannah war eine selbstbewusste, stets neugierige Frau. Ihre Melancholie, ihre Philosophie kompensierte sie mit ihrem Geigenspiel. Die Musik schien ihre Seele zu reinigen. Hannah war auch immer das Kind ihres Vaters. Die Ehe von Hermann Krämer war schwierig, durch seine schriftstellerische Arbeit distanzierte er sich immer mehr von seiner Frau, aber nicht von Hannah selbst.

Arnold, sein Freund, hört still die Beichte seines Freundes. Es ist eine Lebensbeichte, die Auflösung aller Schwierigkeiten, aller Geheimnisse, die vielleicht beide irgendwo teilen. Hermann erzählt von seinem Verhältnis zu seiner Frau Hellen, die schwer erkrankte und kurz nach Hannahs Tod selbst starb. Hermann ist einsam, er fühlt sich im Stich gelassen und stellt fest, dass er einiges einfach nicht wahrgenommen hat oder wahrnehmen wollte. Kurz vor Hannahs Tod offenbarte er ihr die Wahrheit über ihr Leben. Trägt er eine Mitschuld am Tode seiner Frau und Hannahs?

In stolzem Bewusstsein und Trauer hört Arnold still zu; kritisch und aller Illusionen beraubend präsentiert er seinem Freund die harte, melancholische Wahrheit. Zum ersten Mal seit ihrer Jugend erzählt er von seinem Verhältnis zu Hermanns Frau und Hannah. Der Kreis des Lebens scheint sich zu schließen, und Geheimnisse werden zum ersten und wohl zum letzten Mal gelüftet.

Der Roman ist unglaublich faszinierend geschrieben. Armin Mueller-Stahl beschreibt die verschiedenen Verhältnisse der beiden Männer zu Hannah in stiller Melancholie. Die Geschichte ist akribisch, detailliert erzählt. In einer ganz eigenen poetischen Stimmung und Spannung entführt uns Armin Mueller-Stahl in unterschiedliche, aber auch gemeinsame Lebensläufe seiner Charaktere. Der Roman ist in der Ich-Form des Hermann Krämer geschrieben. Man spürt förmlich die Trauer und das tiefe Schuldbewusstsein der Vaterfigur.

Dies ist der erste Roman, den ich von Armin Müller-Stahl gelesen habe, und er macht Lust auf mehr. Der Roman ist leider nur 134 Seiten stark, aber jedes Kapitel ist eine Geschichte für sich. Als Schauspieler hat er mich schon längst überzeugt, sein schriftstellerisches Talent kann ich nur als ebenso brillant beschreiben.

Als einzigen negativen Punkt kann nicht nur anmerken, dass der Schluss des Romans vorhersehbar ist, aber doch wegen der einen oder anderen Erklärung der beiden Hauptpersonen nicht uninteressant. Letztlich geht es auch nicht darum, die Spannung bis zum Schlusssatz aufzusparen, denn die ganze Geschichte wirkt in sich einmalig.

Für die Leserschaft wird dieser Roman unterschiedlich interessant sein. Der Roman regt zum Nachdenken an. Der Leser stellt fest, dass die Wahrheit nicht immer die bessere Lösung sein muss, denn diese kann vernichtendes Potenzial haben. „Warnend“ sei gesagt, dass dieser Roman nicht unterhaltsam oder durch Handlung spannend sein will. Diese Geschichte gehört dafür nicht zu den Erzählungen, die man liest und gleich wieder vergessen hat.

_Armin Mueller-Stahl_ ist bekannt geworden durch Film- und Theaterschauspiel. Geboren 1930 in Tilset, gehört er inzwischen zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern. Er ist neben der Schauspielerei noch ausgebildeter Konzertgeiger, Maler und Schriftsteller. Armin Mueller-Stahl schreibt seit vielen Jahren und hat noch einige andere Romane veröffentlicht, u. a. „Der verordnete Sonntag“ (1981) (leider vergriffen), „Drehtage“ (1991), „Unterwegs nach Hause“ (1997) und „In Gedanken an Marie Louise“ (1998).

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Marc Levy – Solange du da bist

Die Story

„Solange du da bist“ von Marc Levy spielt in der heutigen Zeit in San Francisco. Die junge Assistenzärztin Lauren verunglückt eines Tages mit ihrem Auto schwer. Die Unfallärzte schaffen es aber, ihr Leben unter Anstrengung zu retten. Lauren wird dennoch zur Koma-Patientin, angeschlossen an Maschinen, die sie am Leben erhalten.

Monate später zieht der Architekt Arthur in die inzwischen leer geräumte Wohnung der Patientin. Eines Abends schaltet er sein Radio ein, geht unter die Dusche und hört ein ständiges Fingerschnippsen und Summen, als würde jemand den Song rhythmisch begleiten. Aufgeschreckt und auch leicht beunruhigt öffnet er seinen Badezimmerschrank und entdeckt eine junge Frau, dort sitzend mit geschlossen Augen, die die Musik tatsächlich begleitet. Es ist Lauren, oder besser gesagt es ist ihr „Geist“, ihre Seele, ihre Essenz des Lebens.

Damit beginnt für beide eine seltsame und verrückte Geschichte. Anfangs ist Arthur verständlicherweise genervt, dann amüsiert ihn diese Situation doch und schließlich verliebt er sich in seine Mitbewohnerin, die er immerhin als „Gespenst“ bezeichnen könnte. Er erzählt seinem besten Freund Paul von seiner Liebe, der ihm anfangs kein Wort glaubt. Er nimmt sich Urlaub, um Lauren zu helfen. In endlosen Stunden versuchen sie gemeinsam, eine Lösung zu finden, um sie aus dem Koma wecken zu können. Arthur ist der einzige Mensch, der Lauren in dieser Form sehen und, ja, auch berühren kann. Er opfert seine ganze Zeit und achtet nicht auf Mitmenschen, die ihn bei einem Restaurantbesuch seltsam beobachten, weil er Selbstgespräche führt, lacht und sich aufführt, als würde jemand an seiner Seite sitzen.

Inzwischen raten die Ärzte im Krankenhaus Laurens Mutter, die lebenserhaltenden Apparaturen abzuschalten, da scheinbar nach Monaten des Hoffens keine Möglichkeit mehr besteht, dass Lauren noch aufwachen könnte.

Arthur und Lauren lieben sich, so gut es zwischen einem Gespenst und einem lebenden, fühlenden Menschen eben möglich ist. Beide wissen, dass sie nur noch wenig Zeit haben. Arthur fasst einen Entschluss: Er will Laurens Körper aus der Klinik entführen, denn er will sie nicht verlieren …

Kritik

Selbst jetzt, einige Zeit, nachdem ich diesen Roman gelesen habe, rühren mich das erneute Durchblättern des Werkes und die Erinnerung an die Lektüre. Mancher Leser wird diesen Roman sicherlich als zu kitschig empfinden. Doch gilt es bei dieser Lovestory auch zwischen den Zeilen zu lesen. Ganz sicher ist dieser Roman, auch wenn man ihn an einem Tag durchlesen kann, nicht trivial oder rein melodramatisch; es gibt so viele einzelne, kleinere Textstellen, die den Leser zum Nachdenken inspirieren. Zum Beispiel erzählt die Figur des Gespenstes Lauren dem Architekten Arthur, was Zeit ist. Denn sie als körperloser Geist kann nicht schlafen, und kein anderer hat sie bisher gesehen oder wahrgenommen.

Dieser Roman schafft es, die Balance zwischen Komik, Trauer, Romantik, aber auch zwischen Poesie und Witz zu halten. Ich würde „Solange du da bist“ von Marc Levy nicht nur als Lovestory unserer Zeit umschreiben; dieser Roman ist viel mehr, und jeder von uns wird sich ein wenig darin wiederfinden.

Levy beschreibt in seinem Debüt wundervoll die beiden Hauptdarsteller in ihrem Glauben und ihrer Hoffnung auf ein Leben. Mit viel Witz und schöner Situationskomik entführt er den Leser in ungemein vielschichtige Gefühlswelten. Tragödie und Komödie liegen hier eng beisammen, und ich kann diesen Roman nur wärmstens weiterempfehlen.

Der Autor

Marc Levy, 1961 geboren, entdeckte schon früh sein Faible für Kino und Literatur. Diesen ersten Roman schrieb er eigentlich für seinen Sohn Louis, der ihn lesen sollte, wenn er zwanzig Jahre älter ist. Levy sagt, er wollte von einem Mann erzählen, der sich in den Inhalt eines Menschen verliebt und nicht in seine äußere Verpackung.

Der Roman wurde ein Welterfolg: „Solange du da bist“ wurde in 28 Sprachen übersetzt und verkaufte sich alleine in Deutschland über 600.000-mal. Der US-amerikanische Regisseur Mark Waters verfilmte den ersten Teil der Geschichte im Jahr 2005 mit Reese Witherspoon. Seit seinem Welterfolg lebt Marc Levy als freier Schriftsteller in London und Paris.

Broschiert: 277 Seiten
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
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Cecelia Ahern – P.S. Ich liebe Dich

Das Leben dreht sich immer um Liebe und Schmerz, Verlust und Hoffnung. Egal, wie alt oder jung wir sind – Gefühle, Emotionen lenken unser Leben und bestimmen unser Schicksal. Und „menschliche“ Verluste wissen wir meistens erst dann zu würdigen, wenn es zu spät sein mag.

Story

Das Leben scheint für Holly und Gerry eine unerschöpfliche Quelle der Liebe und des Verstehens zu sein. Auch nach 15 Jahren gemeinsamer Zeit lieben sie sich und können auf eine Menge Erinnerungen zurückgreifen, sie sind mehr als Liebende, Seelenverwandte, Partner, Freunde, sie leben nicht nur miteinander, sondern auch füreinander.

Cecelia Ahern – P.S. Ich liebe Dich weiterlesen

Yoshimoto, Banana – Eidechse

Banana Yoshimoto hat schon eine besondere Art, ihre Leser zu fesseln. Ihr Stil, ihre Art zu Erzählen, auf eine so lockere und gleichsam so intensive Weise, sucht in der literarischen Welt seinesgleichen. Seit ihrem Debüt „Kitchen“ von 1988 hat Yoshimoto auch hierzulande viele begeisterte Leser gefunden und in ihrer Heimat Japan einen Literaturpreis nach dem anderen eingeheimst.

Der aktuell bei |Diogenes| im Taschenbuch verliegende Erzählband „Eidechse“ ist von 1993 und vereint sechs Erzählungen, die vor allem eines verbindet: Sie handeln von Menschen, denen eine wichtige Veränderung bevorsteht. In allen Geschichten spielt dabei die Liebe eine wesentliche Rolle. Junge Menschen, die den Schritt wagen, sich zu einer Beziehung zu bekennen. Menschen, die mit einer Heirat den Grundstein zur gemeinsamen Zukunft legen, spielen die Hauptrolle.

Yoshimotos Erzählungen drehen sich dabei um die Gefühle dahinter, um Unsicherheiten und Ängste, um Ratlosigkeit, Orientierungslosigkeit und Ungewissheit, die mit dem festen Bekenntnis zu einem bestimmten Menschen einhergehen. Yoshimoto selbst formuliert das in ihrem Nachwort so wunderbar treffend, dass nichts näher liegt, als sie zu zitieren: |“Die Geschichten behandeln den gesamten Komplex von der anfänglichen Ratlosigkeit über die Phase der Ungewissheit, in der man sich daranmacht, sein seelisches Gepäck neu zu ordnen, bis hin zur Befreiung und Erleichterung, wenn man sich über etwas klargeworden ist.“|

Das Besondere an Yoshimotos Erzählungen ist dabei, dass sie ihre Geschichten immer mit einer besonderen Zutat, einem unerwarteten Element zu garnieren weiß. Sie legt eine spezielle Magie in die Zeilen, fügt geradezu fantastische Aspekte hinzu, wie in der ersten Erzählung des Buches „Frisch verheiratet“, die eine S-Bahn-Fahrt schildert, die ein junger Mann in betrunkenem Zustand durch das nächtliche Tokio macht und auf der er in dem scheinbar verwahrlosten Penner neben sich plötzlich eine hübsche Frau erkennt.

Yoshimoto versteht es, auf diese Weise zu überraschen und schwere und leichte Elemente zu verknüpfen. Sie erzählt ihre Geschichten in einem leichten, lockeren Ton und setzt dem sperrige, schwer verdauliche Elemente entgegen, die mit der Wahrnehmung des Lesers spielen und als Projektionsfläche für die komplexen Seelengemälde dienen, die Yoshimoto aus ihren Figuren entwirft.

Den Erzählungen verleiht diese Art etwas Surreales. Die sprachlichen Bilder, die Yoshimoto skizziert, sind wunderschön, wenngleich sie schnell wieder verblassen. Was zurückbleibt, ist in etwa so wie die diffuse Erinnerung an einen merkwürdigen Traum. Die Handlung verschwimmt, aber Stimmungen und Augenblicke bleiben zurück, und das auf eine teilweise erstaunlich intensive Art, bei der man sich am Ende fragt, wie sie das eigentlich vollbracht hat.

Yoshimotos Erzählungen sind etwas, auf das man sich voll und ganz einlassen muss, das Raum zum Wirken braucht und Zeit, sich zu entfalten. Je mehr man das Gelesene wirken lässt, desto intensiver sind die Bilder im Kopf.

Nicht alle Erzählungen sind dabei gleich einprägsam. „Helix“, „Der Kimchi-Traum“ und „Der Glücksbringer“ haben sich mir nicht ganz so intensiv eingeprägt wie „Frisch verheiratet“, „Eidechse“ und „Eine denkwürdige Begebenheit am Großen Fluss“, dennoch hat jede Erzählungen ihre Vorzüge. Sie hier inhaltlich zu reflektieren, ergibt wenig Sinn, zu sehr sind Stimmungen und Gefühle Kern der Erzählungen, als dass es eine konkrete Handlung gäbe, die sich zufriedenstellend wiedergeben ließe.

In Yoshimotos Erzählungen muss man einfach eintauchen und Figuren, Gespräche und Stimmungen wirken lassen. Wem das zu wenig ist, der wird Yoshimotos Erzählungen nicht viel abgewinnen können. Wer sich aber darauf einlassen kann, dem wird Yoshimoto mit ihren Erzählungen einige Freude bereiten.

Unterm Strich kann Banana Yoshimoto somit auch mit „Eidechse“ wieder überzeugen. Sie zeichnet komplexe Seelenporträts, entwirft interessante Figuren und zaubert dem Leser vielfältige Stimmungen in den Kopf. Ein Buch, das man mehr fühlt als liest, dessen Eindruck auf den ersten Blick flüchtig und auf den zweiten intensiv ist. Yoshimoto beweist einmal mehr, dass sie eindrucksvoll zu erzählen weiß und es immer wieder schafft, den Menschen tief in die Seele zu blicken.

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Nicholls, David – Keine weiteren Fragen

|“Immer wenn ich Edith Piaf ‚Non, je ne regrette rien‘ singen höre – was häufiger geschieht, als mir lieb ist, jetzt, wo ich an der Uni bin -, denke ich unwillkürlich, wovon redet die eigentlich? Ich bereue so ungefähr ALLES. Mir ist bewusst, dass der Übergang zum Erwachsenwerden ein schwieriger und mitunter schmerzlicher Prozess ist. Mir sind die Abläufe von Durchgangsriten vertraut, ich weiß, was der literarische Begriff ‚Bildungsroman‘ bedeutet, und ich bin mir darüber im Klaren, dass ich auf Dinge, die in meiner Jugend geschehen sind, eines Tages zurückblicken und sie amüsiert und milde belächeln werde. Aber das erklärt noch lange nicht, warum ich mich für Dinge schäme, die vor dreißig Sekunden passiert sind.“| (S. 378)

Diese Bestandsaufnahme gibt schon recht deutlich die Situation von Brian Jackson, dem Protagonisten aus David Nicholls‘ Roman „Keine weiteren Fragen“, wieder. Dabei sollte doch mit dem Beginn des Studiums alles super werden: geistreiche Gespräche, tiefsinnige Bemerkungen, gewichtige Freundschaften, tagsüber Sex mit schönen Frauen und exotisches Essen – so in etwa stellt Brian Jackson sich seine Mannwerdung vor. Doch wie das Einstiegszitat eindrucksvoll demonstriert, gestaltet sich dieser Prozess schwieriger, als Brian erwartet hat.

Wir schreiben die 80er Jahre: Brian Jackson ist hochmotiviert, aknegeplagt und lebensunerfahren, als er sich in das Studium und das Leben stürzt. Das große Ziel ist nicht nur, endlich zum Mann zu werden, sondern wenn möglich auch einen Platz in der TV-Quizshow „University Challenge“ zu ergattern. Doch dabei verknallt Brian sich unsterblich in Teamkollegin Alice. Brian strengt sich redlich an, Alice möglichst beeindruckend zu umgarnen, doch da die beiden ohnehin in zwei gänzlich unterschiedlichen Ligen spielen, gestaltet sich dies außerordentlich schwierig. Brian hat eben mehr das Talent zum Außenseiter als zum unschlagbaren, mysteriösen Verführer.

Doch wenn Brian auch nicht unbedingt in vielen Dingen zu brillieren weiß, so kann er auf eine Fähigkeit dennoch voll und ganz bauen – sein Quizkandidatentalent. Und so will Brian Alice beim „University Challenge“ demonstrieren, was in ihm steckt, und mit dieser todsicheren Strategie schließlich ihr Herz gewinnen …

David Nicholls Debütroman ist in seiner englischen Heimat gleich nach der Veröffentlichung gewaltig eingeschlagen. Die Verfilmung kam bereits im Herbst 2006 in die englischen Kinos. Kritiker und Presse sparen nicht mit Lob und greifen dabei gar zu einem Vergleich mit Nick Hornby. Das lässt auf einiges hoffen.

Mit Brian Jackson hat Nicholls eine Figur geschaffen, die immer wieder Anlass zu Heiterkeit bietet. Die Geschichte spielt mitten in der Rezession und Brian schafft nur dank eines Stipendiums den Weg an die Uni, wo er Englische Literatur studiert. Während seine Kumpels zu Hause ihn mit dem Begriff Mittelschicht belegen und das als Schimpfwort meinen, geht er an der Uni höchstens als Unterschicht durch. Das macht ihn im Angesicht der reichen, gutaussehenden Unikollegen gleich zum Außenseiter.

Zu beobachten, wie Brian sich damit abplagt, trotz all dieser Widrigkeiten anerkannt zu werden, ist äußerst unterhaltsam. Sei es seine gewagte Tanzeinlage zu James Browns „Sex Machine“ bei der ersten Uniparty oder sein Kampf um Anerkennung im „University Challenge“-Team. Immer wieder schafft Brian es, sich beim Versuch, Eindruck zu hinterlassen, lächerlich zu machen. Besonders gut gelingt ihm dies selbstverständlich in der Gegenwart von Alice.

Brian hat sich den Beginn des Studiums als glorreichen Neuanfang ausgemalt, dabei aber vergessen, dass er aus seiner Haut nicht heraus kann. Und so verläuft Brians Start ins Studentenleben für ihn selbst eher ernüchternd und für den Leser dafür umso erheiternder. Brian ist ein liebenswerter Versager, den man gleich zu Beginn ins Herz schließt.

Die Typen, denen Brian im Laufe seines ersten Studienjahres an der Uni begegnet, sind teilweise grundverschieden, was die Lektüre um eine weitere unterhaltsame Facette ergänzt. Da wäre beispielsweise Rebecca, die meistens auf Krawall gebürstet ist und gerne die Konfrontation mit Brian sucht. Die beiden sind herrlich gegensätzlich und ergänzen sich so wunderbar zu einem durch und durch komischen Team.

Alice dagegen ist ein ganz anderer Typ. Sie ist weltgewandt, gutaussehend und beliebt und damit das komplette Gegenteil von Brian. Dass sie ihn überhaupt wahrnimmt, grenzt schon an ein Wunder. Das Hin und Her zwischen Alice und Brian ist von einem so ausgeprägten Ungleichgewicht bestimmt, dass man gleich vom ersten Augenblick ahnt, dass Brian hier eigentlich nur Energie verschwendet. Aber er kann es ja einfach nicht lassen …

Was „Keine weiteren Fragen“ zu einer so unterhaltsamen und komischen Geschichte macht, sind das Zusammentreffen dieser unterschiedlichen Persönlichkeiten und die Art, wie sie miteinander umgehen. Daraus ergibt sich im Verlauf des Romans so manche Pointe und auch Brians Ehrgeiz bei „University Challenge“ offenbart so manchen komischen Moment.

Dennoch schafft Nicholls einen Brückenschlag zwischen Komik und Tragik. „Keine weiteren Fragen“ enthält auch ernsthafte Momente – in erster Linie geht es dabei um vernachlässigte Freundschaften. Brian schafft es nicht nur in der Sache Alice, sich immer wieder zum Idioten zu machen, sondern lässt auch sonst so ziemlich keine Gelegenheit dazu aus. Darunter haben vor allem seine Freunde von früher zu leiden. Diese Verknüpfung von Humor und ernsthaften Aspekten der Geschichte macht die Figur des Brian umso greifbarer. Er ist nicht einfach nur der Depp, der sich in eine Frau verliebt, die drei Nummern zu groß für ihn ist, sondern bekommt auch eine zunehmend menschliche Seite.

Ein besonderes Lob verdient das Ende der Geschichte. Nicholls lässt die Sache stimmig enden. Er löst sie im Grunde auf die einzige wirklich sinnvolle Art auf (und auch das wieder mit einem sehr schönen Lacher) und sorgt so dafür, dass „Keine weiteren Fragen“ nicht so schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwindet, wie es so manchem anderen Roman dieser Art vorbestimmt ist. Nicholls schafft es, Geschichte und Figuren glaubhaft weiterzuentwickeln, und das rundet den Gesamteindruck positiv ab.

Unterm Strich ist „Keine weiteren Fragen“ eine wirklich runde Sache – unterhaltsam und flott erzählt, mit witzigen, liebenswürdigen Figuren, die man schnell ins Herz schließt, und einem stimmigen Handlungsverlauf. Wer humorvolle, selbstironische Bücher mag, dem sei dringend zur Lektüre geraten. David Nicholls ist mit „Keine weiteren Fragen“ eine herrlich komische Geschichte geglückt, die aus der Masse vergleichbarer „Coming-of-Age-Romane“ wunderbar hervorsticht.

http://www.heyne.de

Koch, Boris – adressierte Junge, Der

|-Beinahe hatte ich den Willen verloren, doch jetzt werde ich es tun, und morgen schon bin ich kein Sterblicher mehr, sondern fast ein Gott, der unbemerkt unter euch Menschen lebt.-|

_Inhalt_

Ein Okkultist versucht den Tod zu überlisten, indem er vorher Selbstmord begeht. Ein Griechenlandreisender entdeckt einen geheimen Ort, der ihn nicht wieder loslässt. Der Tod des Sohnes und das gleichzeitige Erscheinen einer geheimnisvollen Madonna zerreißen eine Familie.

| 5 Kurzgeschichten von Boris Koch:|

Todestag
Der adressierte Junge
Poteideia
Aus den Reisenotizen des Jonathan Mommsen
Die Mutter der Tränen

_Rezension_

Nun ist „Der adressierte Junge“ zugegebenermaßen nicht mehr der frischste, bedenkt mein sein Erscheinungsjahr, aber man sollte dennoch nicht versäumen, auch 2007 noch einmal auf diesen Band hinzuweisen. Denn wieder einmal überrascht Boris Koch durch Einfallsreichtum und Abwechslung. Langweilig wird es bei ihm wirklich nie.

Die fünf Kurzgeschichten könnten von den Plots her nicht unterschiedlicher sein. Nun mögen Niggelsköpfe vielleicht anmerken, dass der Band einen roten Faden vermissen lasse, eine Linie, die die Storys verbindet – für mich macht gerade |das| die Besonderheit des dünnen Büchleins aus, bei dessen Lesen mir schwer nach mindestens doppelt so vielen Erzählungen des „lebendigen Berliners“ war. Gerade als ich wieder voll an der Koch-Nadel hing, war ich bereits am Ende angelangt und es setzten, bevor ich das Buch zuklappte, Entzugserscheinungen ein.

Vor allem, weil die letzte Geschichte mich besonders zu fesseln vermochte. Sie zeigt einmal mehr das enorme Einfühlungsvermögen von Boris Koch und seine gesellschaftliche Beobachtungsgabe. Er legt verbal den Finger in die Wunden, die wir uns gegenseitig schlagen, zeigt menschliche Abgründe, aber auch psychische Grenzen auf, ohne allzu überspitzt daherzukommen oder gar zu dick aufzutragen. Das ist die wahre Kunst – deutliches Aufzeigen ohne Holzhammermethode oder reißerisches Vokabular. Man möge mir verzeihen, aber ich gerate wieder einmal ins Schwärmen.

Kommen wir also zu meinem Favoriten, der letzten Geschichte: In |Die Mutter der Tränen| leiden wir mit den Eltern, die ihren Sohn durch ein brutales Verbrechen verlieren und jeder auf seine Art – in sich zurückgezogen – damit umzugehen versucht. Während die Mutter hinter einer Mauer aus Aggression Schutz sucht, findet der Vater seinen ganz besonderen „Trost“ in einer madonnenhaften Erscheinung, die aber nur seiner Phantasie entsprungen scheint.

Ebenso unter die Haut gehend ist die Titelstory |Der adressierte Junge|, die ein perfektes Spiegelbild mancher Familienverhältnisse ist – barbarisch und fesselnd. Gesehen durch die Kinderaugen des Jungen, dessen Vater ihm eine kanadische Adresse auf die Stirn ritzt, mit der Drohung, ihn bei Ungehorsam dorthin zu schicken.

|Todestag| erzählt grandios von einem Kriegsflüchtling, der eine mystische Maschine baut, mit deren Hilfe er dem Tod ein Schnippchen schlagen will.

Mehr sei über den Inhalt des Titels nicht verraten – es wäre eine Schande, dem Leser zu viel vorwegzunehmen. Außer dass es wirklich längst an der Zeit – nein überfällig ist, dass die großen Verlage auf Boris Koch aufmerksam werden. Er hat das Zeug dazu, ein Großer zu werden. Nein, er ist es bereits – die breite Leserschaft muss ihn nur endlich entdecken und wird dann ebenso schnell erkennen, welches Potenzial in ihm steckt!

Kommen wir noch zum Handwerklichen des Bandes: Das Papier ist einwandfrei, das Lektorat korrekt (was auch daran liegen mag, dass drei der fünf Geschichten bereits veröffentlicht waren), und das Covermotiv stimmig, wenngleich es nicht die Brillanz der Texte widerspiegelt. Leider ist es auch nicht folienkaschiert, und ich vermisse die Vita des Autors (für die Leser immer von Interesse). Aber das kann man mit einigem Wohlwollen in die Kategorie „Geschmacksache“ einordnen.

Ich gebe es zu, ich habe extreme Bedenken, einen 102-Seiten-Band von stolzen 10 € zu empfehlen, aber ein Autor wie Boris Koch ist das allemal wert. Daher: Wer alle Koch-Werke sein Eigen nennen möchte, greife zu, solange es den Band noch gibt – textlich ist da jeder gut beraten!

http://www.eloyed.com/
[Interview mit Boris Koch, Christian von Aster & Markolf Hoffmann]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=73 im |StirnHirnHinterzimmer|

Jodi Picoult – Bis ans Ende aller Tage

Jodi Picoult, eine wahre Meisterin des Spannungsromans, hat mit „Bis ans Ende aller Tage“ ein Buch vorgelegt, das zwar sehr umfangreich ist und auf der Inhaltsebene gar nicht allzu viel zu erzählen hat, aber dennoch von der ersten Seite an fesselt und das man von Anfang an kaum aus der Hand legen kann. In ein Genre lässt sich dieses Buch nur schwerlich einordnen, hier muss (und sollte) sich jeder sein eigenes Bild machen.

Jodi Picoult – Bis ans Ende aller Tage weiterlesen

Massaron, Stefano – toten Kinder, Die

Wenn man mich fragt, welches zu rezensierende Buch ich in diesem Jahr am liebsten gelesen habe, dann gibt es nur eine Antwort: „Die toten Kinder“ von Stefano Massaron.

Wie? Nie davon gehört? Das sollte sich aber schnell ändern …

Schauplatz des Romans ist Mailand im Sommer 1977, genauer gesagt die Arbeitersiedlung der „Bienenstöcke“, wie die alten Hochhäuser überall genannt werden. In den Bienenstöcken wohnt auch eine Bande von Kindern zwischen neun und zwölf Jahren, deren Lieblingsspielort ein alter Schrottplatz ist. In dem Koloss aus Eisen, welcher den Hauptteil des Schrottplatzes ausmacht, haben sie ihre kleine Höhle. Doch ihr Frieden wird bedroht, als ein kleines Mädchen geschändet und erschlagen auf dem Schrottplatz gefunden wird. Für Carmine, den Anführer der Bienenstockbande, ist der Täter sofort klar. Der Sabberer, ein harmloser Geisteskranker, soll die kleine Magherita vergewaltigt und ermordet haben. Doch Carmine irrt, denn wenig später wird seine eigene Schwester entführt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Allerdings steht nicht Carmine im Vordergrund, so wie das vielleicht in der Beschreibung anmuten mag. Vielmehr ist es Sandro, aus dessen Sicht – sowohl 1977 als auch 2003 – erzählt wird, und es ist Cinzia. Sandro ist in Cinzia, die kratzbürstige Streberin, die Carmine offen die Stirn bietet, verliebt, was ihn gleichzeitig von den anderen isoliert. Im Jahr 2003 sehen die beiden sich endlich wieder – nachdem die Vergangenheit die beiden eingeholt. Sandro kommt damit nicht zurecht und verspürt den Drang, nicht nur zu rekapitulieren, sondern die Angelegenheit auch zu klären.

Neben diesen beiden Perspektiven erzählt Massaron aber auch subtil und meisterhaft aus der Sicht des Täters. Selbiger ist dem Leser von Anfang an bekannt und trotzdem schafft Massaron es, innerhalb der Handlung Spannung aufzubauen. Schon alleine die Frage, ob die Bienenstockbande Carmines Schwester retten kann, sorgt dafür, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen will.

Schuld daran ist auch der phänomenale Schreibstil des Italieners, der weit über das hinausgeht, was man bei seinen Kollegen sieht. Er macht die Worte und die Schrift geradezu zu seinen Sklaven. So kommt es, dass er zum Beispiel die Gedanken des pädophilen Täters wiedergibt, aber neben den „normalen“ Gedanken in Klammern auch noch die böse innere Stimme sprechen lässt. Ähnlich verfährt er mit den Erinnerungen, die Sandro lieber unterdrücken möchte.

Durch derartige Geschicklichkeiten, aber auch durch die raffinierten Perspektiven- und Zeitsprünge, die immer wieder für Brüche im Erzählfluss sorgen, gelingt es Massaron, ein überaus lebendiges Bild der Geschichte zu gestalten. Lebendig und spannend, denn die düstere Spannung ist allgegenwärtig, so wie das drohende Streichergewitter im Hintergrund eines guten Thrillers.

Doch Massaron macht sich nicht nur die Schriftform völlig zu Eigen und reichert es zudem mit Mails, Worddokumenten und Bautafeln an. Er verfügt auch über entsprechende rhetorische Mittel. Metaphern, grandiose Erinnerungen aus den Köpfen von Kindern, dazu Stilmittel wie Wiederholungen und Metaphern.

Was ebenfalls Beachtung verdient hat, ist Massarons Umgang mit seinen Protagonisten, allesamt im besten Alter, nämlich der Pubertät. Er schafft es, sie perfekt darzustellen, nämlich als Mittelwesen zwischen Kindheit und Jugend. Der Einfluss der Eltern ist noch unübersehbar, jedoch werden die Gleichaltrigen, vor allem die der eigenen Bande immer wichtiger, genau wie das andere Geschlecht.

Massaron schafft also das, woran viele Autoren schon verzweifeln, wenn sie nur eines der vielen Elemente, die der Italiener verwendet, zu einem Roman verarbeiten wollen. Kindheitserinnerungen, Pubertierende als Charaktere, ein Pädophiler, eine Thrillerhandlung und ein Schreibstil für die Götter. Was will man mehr? Hier ist alles in einem wunderbaren Buch versammelt, das man einfach lieben muss. Hier gewinnt das Wort „Kunst“ wieder an Bedeutung!

http://www.rowohlt.de

Hornby, Nick – A Long Way Down

Nick Hornby, der Autor mit Vorliebe für Listen und gute Musik, hat mit „A Long Way Down“ den literarischen Soundtrack für Silvester geschrieben.

Vier Menschen treffen sich an Silvester auf dem Dach des Topper’s House, das dank seiner Höhe ein beliebter Ort für Selbstmorde ist. Die vier sind fest entschlossen, sich umzubringen. Martin, ein bekannter Fernsehmoderator aus dem Frühstücksfernsehen, hat sein Leben in den Sand gesetzt, nachdem er mit einer Minderjährigen geschlafen hat und deshalb ins Gefängnis musste. Seine Frau hat ihn verlassen, mit seiner Freundin funktioniert es nicht so, wie es sollte, und seine Karriere findet momentan beim heruntergekommensten Kabelsender Englands statt. Maureen ist das klassische Hausfrauenmauerblümchen und hat aus ihrem Leben nichts gemacht – konnte nicht, denn die Sorge um ihren schwerbehinderten Sohn Matty, den sie ganz alleine pflegt, hat sie ans Haus gefesselt. Die siebzehnjährige Jess dagegen hat andere Probleme. Seit ihr Freund Chas sich aus dem Staub gemacht hat, wird sie ihres Lebens nicht mehr glücklich. Nicht, dass sie das vorher jemals war, seit ihre Schwester Jen vor Jahren einfach verschwunden ist und sie in ihrem versnobten Elternhaus, immerhin ist ihr Vater der Erziehungsminister, alleine gelassen hat. Jess widmet sich in ihrer Freizeit neben dem Versuch, Chas zu finden und ihn zu verprügeln, vor allem Drogen, Alkohol und ihrer aggressiven und direkten Art, mit der sie Leute gerne vor den Kopf stößt.
Der vierte im Bunde ist JJ, ein gescheiterter Rockmusiker, der wegen eines Mädchens von Amerika nach England gezogen ist. Nun ist nicht nur seine Band kaputt, sondern auch seine Beziehung und er weiß nicht so recht, wie er nun weitermachen soll. Für immer Pizza ausfahren? Oder dann doch lieber vom Dach springen?

Nun treffen sich unsere vier Helden in besagter Nacht auf diesem Dach, und anstatt zu springen, essen sie die Pizza, die JJ eigentlich hätte ausfahren sollen, und reden. Sie erzählen sich ihre Probleme, und als Jess zu Chas kommt, beschließen sie, den Jungen zu suchen und ihn zu einer Aussprache mit Jess zu zwingen.

Was harmlos anfängt, endet nicht nur damit, dass sie in allen Zeitungen sind dank Martins Bekanntheitsgrad und Jess‘ Vater, sondern auch beschließen, den Selbstmord bis zum Valentinstag hinauszuzögern und sich währenddessen regelmäßig zu treffen. Allmählich entsteht so etwas wie eine Freundschaft zwischen den vier unterschiedlichen Persönlichkeiten und am Ende kommt sowieso alles anders …

Dieses Buch ist durch und durch ein Hornby. Schräge Gestalten, die doch irgendwie normal sind, und ein tiefgründiger, humorvoller Schreibstil. Eine Handlung, die nicht wirklich eine ist, und trotzdem kann man das Buch nicht zur Seite legen.

Der englische Kultautor hat es geschafft, vier abwechselnd aus der Ich-Perspektive berichtende Charaktere zu schaffen, die sich voneinander unterscheiden und authentisch wirken. Gerade Ersteres kann sehr schwierig sein, da vier Perspektiven verhältnismäßig viele sind und es aufgrund der sparsamen Handlung notwendig ist, jeden Charakter bis in die Haarspitzen zu durchdenken und das Durchdachte wiederzugeben. Hornby umschifft diese gefährlichen Klippen vorbildlich, indem er aus dem Vollen schöpft. Verschiedene Altersgruppen, verschiedene Einkommensschichten, Lebensläufe – nur eines haben sie gemeinsam: Sie sind verzweifelt und kommen in ihrem Leben nicht mehr weiter.

Das wird unglaublich anschaulich in den einzelnen Perspektiven beschrieben, wobei wir hier natürlich auf den typischen Hornbyschreibstil stoßen, in dem sich jeder, der schon mal etwas von diesem Autor gelesen hat, sofort zuhause fühlt. Spritzig, sehr persönlich und prall gefüllt mit allerlei sinnlosen bis verschrobenen Überlegungen über Leben und Leute, erzählt Hornby von den vier Helden, die auszogen, um zu sterben. Es ist ihm dabei hoch anzurechnen, dass man selbst ohne die Angaben der Namen in den Überschriften sofort erkennen würde, welche Person gerade spricht, denn er verpasst jeder einen sehr eigenen Schreibstil. Maureen ist aufgrund ihres Alters eher etwas distanziert und konservativ, Martin legt einen gewissen Zynismus an den Tag, JJ ist ein lieber Kerl und Jess ist ein schwerpubertierendes Mädchen, dem dementsprechende Gedanken durch den Kopf gehen.

Mal abgesehen davon, dass diese Überlegungen auf die Dauer etwas ermüdend sein können – vor allem in Verbindung mit der spannungsarmen Handlung -, hat Hornby hier wirklich Großes geschaffen, denn ein Buch mit einem solchen Aufbau und noch dazu mit fast 400 Seiten ist nicht einfach zu schreiben.

Was man vielleicht als Einziges wirklich bemängeln kann, ist die fehlende Handlung. Im ganzen Buch geht es nur um die aufkeimende Freundschaft der vier und die Höhen und Tiefen dieser Verbindung. Selbst die Frage, ob man sich nun umbringen soll oder nicht, rückt in den Hintergrund.

Ansonsten ist Nick Hornby aber ein unterhaltsames Buch gelungen, das vor allem in Bezug auf seine Charaktere und den Schreibstil sehr gefällt.

http://www.knaur.de

E.-E., Marc-Alastor – Maliziöse Märchen

Marc-Alastor E.-E. veröffentlicht in diesem wunderschönen, edel aufgemachten Band sieben anspruchsvolle Märchen für Erwachsene, die schon lange einer Veröffentlichung harren.

_Brauen Blätter und eine Zaunpassage_ berichtet von zwei verfeindeten Königreichen und der Liebe zwischen einer Prinzessin mit dem König des gegnerischen Lagers. Das Ende dieser Geschichte zeigt deutlich, weshalb der Band den Titel „maliziöse Märchen“ trägt.

_Erinnerungsschub_ ist wie das letzte Aufflackern der Gedanken an eine unbeschwerte, glückliche Vergangenheit, bevor der Geist dem Vergessen anheim fällt.

_Notengespräch_ gibt Zeugnis darüber, wie sehr sich Wahnsinn und Genie ähneln und wie anfällig menschlicher Geist für beider Art Krankheit ist. Eine junge Frau erkennt schon als Kind ihre Liebe zur Musik, die nach dem Tod der Eltern ins Groteske abgleitet.

_Der Widergänger_ ist ein Reisender, der in seinen verhassten Heimatort zurückkehrt, wo er als jenes Monster erkennbar wird, als das er sich ausgibt.

_Die Melancholistin und ein Kobold namens Freudlos_ ist eine düstere Geschichte über die Unbeständigkeit des Glückes und die böse Ironie der Melancholie.

_Der Prediger_ ist ein junger Mann, der mit der Natur in Einklang lebt und durch eine unerwiderte Liebe alles verliert, was für ihn von Wert war.

_Der Glasbläser_ ist der begnadetste seiner Zunft in Venedig. Aber erst die unverfälschte, reine Schönheit einer jungen Frau verhilft ihm zu seinem Meisterwerk.

Der Verlag |Lindenstruth| hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese ungewöhnlichen Märchen in einem Buch zu sammeln und zu veröffentlichen; die bizarre Atmosphäre der Geschichten spiegelt sich in dem Schutzumschlag auf vollkommene Weise wider. Dem Auge des Lesers wird aber nicht nur durch eine große Schrift und verstörend schöne Innenillustrationen geschmeichelt, welche jedes einzelne Märchen zieren, sondern vor allem durch die poetische Sprache, derer sich der Autor bedient. Satzbau und Vokabeln verdeutlichen dabei Moral und Botschaft, wie es keinem anderen Autoren treffender gelingen könnte.

Marc-Alastor E.-E. gehört zu den talentiertesten und vielversprechendsten deutschen Autoren. Seine Geschichten und Romane sind kein Handwerk, sondern Kunst, und als solche sind diese Märchen auch zu verstehen. Diese sieben kleinen, gemeinen Geschichten sind keine bloße Unterhaltungsliteratur, keine Massenware, und sollten in angemessener Art und Weise genossen werden. Sinn und verborgene Weisheiten erschließen sich mit Sicherheit nicht gleich beim ersten Lesen, vielmehr laden die Texte dazu ein, das Buch immer wieder zur Hand zu nehmen, um sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort das eine oder andere Märchen noch einmal zu Gemüte zu führen.

Der Autor versucht nicht, potenzielle Leser mit aufgesetzter Erotik oder übertriebener Gewalt zu ködern. Jeder sei hiermit davor gewarnt, bei dem Begriff „Märchen für Erwachsene“ schlüpfrige Gedanken zu hegen. Doch für Kinder sind diese Geschichten wahrlich nicht die richtige Lektüre, um vor dem Schlafen den unruhigen Geist zu glätten, und selbst die auf dem Waschzettel angesprochene Zielgruppe sollte es sich genau überlegen, ob sie sich diese Märchen als Bettlektüre erwählt, der anschließende Schlaf könnte sich mitunter sehr spät einstellen und recht unruhig werden. Dies weniger wegen gruseliger Geschehnisse als vielmehr aufgrund einiger zum Denken anregender Sätze und zu Papier gebrachter Gedanken. Jedes einzelne Märchen wird dabei begleitet von einer grotesken Melancholie und, wie die Werbung bereits treffend bemerkte, einer höchst zweifelhaften Moral.

Fazit: Für Liebhaber bizarrer, anspruchsvoller Geschichten ist diese bibliophile Sonderausgabe ein Muss.

_Florian Hilleberg_

|Limititerte und nummerierte Auflage von 111 Exemplaren; in Leinen handgebunden, mit Schutzumschlag, farbigem Vorsatzpapier, Silberprägung und Lesebändchen versehen
203 Seiten – 22 × 14,5 cm|
http://www.verlag-lindenstruth.de/