Archiv der Kategorie: Belletristik

Haas, Marc Alexander – Dunkelheit der Tage, Die

|“Viele hatten sich anfangs ein organisches Dunkel vorgestellt, eine pulsende Bauchhöhle der Metropole, eine tropfende, schleimabsondernde Peristaltik, die nach Licht und Zellen griff, die sich von Ausscheidungen nährte und nie gesehene blasse Kreaturen gebar, um eine erdabgewandte Seite zu bevölkern. Nässe und Moder hatten sie erwartet, rätselhafte Geschöpfe, transparente Schädellose, die in schwarzen Pfützen wimmelten, Altäre der Nacht metertief unter der Stadt.“|

Marc Alexander Haas‘ Roman „Die Dunkelheit der Tage“ erzählt die Geschichte einer Stadt und seiner eigentlich so alltäglichen Bewohner. Wir begegnen Maria, die sich nach der Trennung von Eric zu ihrer Freundin Greta in deren Kneipe flüchtet und die bei einem kleinen Zwischenfall im Supermarkt nicht nur den Obdachlosen Elias kennen lernt, sondern auch Henri, in den sie sich verliebt. Henri ist nach einem Brand arbeitslos und nimmt daher gezwungenermaßen einen Aushilfsjob auf dem Schrottplatz an. Er ist zu stolz, um auf das Angebot seines Freundes Tito zurückzugreifen, für ihn zu arbeiten. Maria und Henri nähern sich einander ganz allmählich an, und im Laufe des beschriebenen Jahres erleben wir Höhen, aber auch einige Tiefen ihrer Beziehung mit.

In der Geschichte treffen wir auf Greta, die in Scheidung von Paul lebt, der ihr zunächst noch hinterherläuft, dann aber bald eine neue Freundin hat. Greta ist die Einzige, die an Vincent herankommt. Er ist vielleicht der geheimnisvollste Charakter in der „Dunkelheit der Tage“, denn er taucht nur ganz sporadisch auf, eigentlich ist er stets auf der Suche nach dem tätowierten Mörder seiner geliebten Freundin Lara. Vincent ist ein undurchsichtiger Charakter, an den wir nicht herankommen, da auch seine Bekannten ihn nicht durchschauen können. Dennoch geht von ihm eine Faszination aus, der sich niemand entziehen kann.

Wir lernen Elias kennen, der in einer kleinen Baracke haust, aber immer wieder zugegen ist, wenn sich kleine Dinge ereignen; so passiert ihm im Supermarkt ein kleines Missgeschick, welches nur Henri durch sein beherztes Eingreifen ausbügeln kann. Elias möchte keine Hilfe seiner Freunde und Bekannten annehmen und feiert daher sogar Weihnachten und Silvester bei eisiger Kälte im Freien, aber immer wieder zeigt er seine Hilfsbereitschaft, er assistiert bei einer Geburt und hilft einer gehässigen Frau nach einem Sturz in ihren Rollstuhl hinein.

Dies sind nicht die einzigen Charaktere, die uns vorgestellt werden. Auf weniger als 400 Seiten stellt Marc Alexander Haas uns eine Vielzahl von verschiedenen Menschen vor und erzählt Teile ihrer Lebensgeschichte. So erfahren wir viele ihrer Eigenarten, Episoden aus ihrer Vergangenheit, aber wir erleben auch ihr aktuelles Leben mit. Im Laufe des Jahres in dieser dunkel gezeichneten Stadt werden Menschen begraben, aber wir schauen auch bei einer Geburt zu. Während die Jahreszeiten wechseln, findet also auch ein kleiner Wechsel der Generationen statt. Die Beziehung zwischen Maria und Eric ist vorbei, doch gibt es nach dem Kennenlernen zwischen Maria und Henri neue Hoffnung. So trostlos, wie Marc Haas uns die unbekannte Stadt präsentiert, baut er auch immer wieder kleine Oasen der Zuversicht ein, die die Geschichte leichter verdaulich machen, auch wenn wir sowohl Armut und Obdachlosigkeit als auch Arbeitslosigkeit und Beziehungskrisen miterleben müssen.

„Die Dunkelheit der Tage“ ist die Biografie einer Stadt samt einem Teil seiner Bewohner, viele völlig unterschiedliche Charaktere verfolgen wir und lernen dabei auf der einen Seite den armen Elias kennen, der für sein Überleben betteln gehen muss, aber wir treffen auch Tito, der von seinem vielen Geld Häuser kauft, die er einfach nur verfallen lassen möchte. Der Roman ist ein Wechselspiel aus Zuversicht und Verzweiflung. Nehmen wir beispielsweise Maria und Henri, die sich kennen lernen, als es Maria nach der Trennung von Eric nicht gut geht. An dieser Stelle muss Henri seine Arbeitslosigkeit verkraften, während es für Maria neue Hoffnung auf dem Arbeitsmarkt gibt, da Gretas Exmann ihr eine Ausstellung in Aussicht stellt. Aber kaum hat dieser eine neue Freundin, löst sich diese Hoffnung in Luft auf. Doch Henri kann helfen, denn er weiß sofort, dass Tito Maria helfen kann. Schon geht es mit den beiden bergauf, doch dann muss Henri den Aushilfsjob auf dem Schrottplatz annehmen und erfahren, dass sein neuer Arbeitgeber dubiose Geschäfte tätigt. Wir erleben alleine an diesem Teil der Geschichte ein ständiges Auf und Ab kennen.

Marc Alexander Haas gelingt der Aufbau einer dichten Atmosphäre und die authentische Zeichnung unterschiedlicher Charaktere. Allerdings fordert er viel von seinen Lesern, er überfrachtet seine Erzählweise völlig, sodass wir einen langen Atem brauchen, um uns durch das Dickicht an Adjektiven, Schachtelsätzen und Metaphern zu kämpfen. Viele Kunstworte werden eingefügt, um eine Sprache zu schaffen, die vielleicht in den Kontext passen mag, die ich aber nicht wie andere Rezensenten als musikalisch bezeichnen möchte, sondern als schwafelig und ermüdend. Auch ist die Geschichte völlig zerpflückt durch den ständigen Wechsel der Schauplätze. Kaum begleiten wir eine Figur auf einem Teil ihres Weges, springen wir schon zu einer anderen Person und erleben mit dieser eine Episode. Dieser ständige Wechsel ohne jeglichen roten Faden führt zu Verwirrung und dazu, dass wir Haas‘ Gedankengängen nicht so recht folgen können.

Meiner Meinung nach hätte der Autor sich auf die Zeichnung einiger weniger Charaktere konzentrieren sollen, dann wären sie uns vielleicht näher gebracht worden, aber Haas versucht die Vorstellung zahlreicher Personen auf wenig Raum und unterbricht seine Erzählung oftmals durch Einschübe, die uns inhaltlich nicht voranbringen, sondern in schier unerträglich schwülstiger Art und Weise eine Szenerie beschreiben wollen:

|“Schilf raschelt spröde; blasse, sehnsuchtsvolle Geschöpfe schälen sich aus der Finsternis, während drüben, im Dunkel des anderen Ufers, der Angler kauert. Geduldig bringt er seine Rute aus, schält das Gebein, aus dem er seine Haken schnitzt. Er zieht harlekineske Fische aus dem stillen Gewässer, und neben ihm hockt friedfertig der Tod. Verirrte Gestalten in der formlosen Dämmerung, vertraut und unvorstellbar fern zugleich, wie Karrenspuren aus der Bronzezeit. Ein Nachen liegt für den Wanderer bereit, er schwoit vor einer pulsenden Höhle, einem Gebirge aus Rauchquarz, von einer rätselhaften Lichtsystole durchblutet.“|

Wer sich von derart überladener Sprache nicht abschrecken lässt, sondern sie womöglich als Kunst bezeichnet, und wer die Geschichte einer Stadt und seiner Figuren kennen lernen möchte, der mag sich mit der „Dunkelheit der Tage“ anfreunden können, ich persönlich bin mit der Erzählung nicht warm geworden. Zu zerpflückt erschien mir der Text, zu schwafelig die Sprache und auch das Schicksal der Charaktere berührte mich nicht. Das vorliegende Buch ist kein Unterhaltungsroman, sondern ein schwer verdauliches Stück Literatur, das seine Leser herausfordert und viel Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen benötigt. Leider wird man nicht durch eine interessante Geschichte belohnt, sondern nur durch kleine Episoden verschiedener Charaktere, mit denen man sich nur halbwegs anfreunden kann.

Yves Jansen – Platzeks Häutung

Für viele mag Goethes „Faust“ eine recht angestaubte Angelegenheit sein. Dass sich aus dem Stoff eine lesenswerte Lektüre zaubern lässt, die gar nicht mal anstrengend sein muss, belegt Yves Jansen mit seinem Debütroman „Platzeks Häutung“.

Erik Platzek ist ein mittelmäßiger, eher unscheinbarer Mensch. Von der Ehefrau verlassen, lässt er seine Zahnarztkarriere hinter sich, um fortan in einer mitteldeutschen Kleinstadt als Buchantiquar zurückgezogen vor sich hin zu leben. An Wochenenden gönnt der Eigenbrödler sich immer wieder mal ein entspannendes Wochenende im Luxushotel „Baseler Hof“. Genau dort verbringt er eines Tages eine wilde Nacht mit der mysteriösen Lilith. Zu dem schüchternen Mittvierziger mag das so gar nicht passen.

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Goebel, Joey – Vincent

|Per aspera ad astra| – sinngemäß: ohne Leid kein Preis. Kunst kommt von Können, sagen die einen. Grundlage künstlerischen Schaffens ist das Leiden, sagen andere. Leid als Quelle der Inspiration. Für Vincent, die titelstiftende Hauptfigur in Joey Goebels Roman „Vincent“ (Originaltitel: „Torture the artist“), sieht so der Alltag aus. Goebels Roman überspitzt das Treiben der Unterhaltungsindustrie auf der Suche nach einem Weg zurück zu Kunst und Qualität.

Foster Lipowitz ist ein alter Medientycoon. Als Vorstandsvorsitzender des größten globalen Unterhaltungskonzerns hat er jahrzehntelang die Menschheit mit seichten Belanglosigkeiten in Form von Musik, Filmen und Fernsehserien überschüttet. Der oberflächliche Müll der Unterhaltungsindustrie, die immer gleich klingenden Popsongs, der immer gleich aussehenden Popsternchen und die sinnentleerten Leinwandspektakel aus Hollywood haben ihn reich gemacht. Doch vom Krebs gebeutelt, plagen den Mann auf dem Totenbett Gewissensbisse.

Nichts von dem, das er geschaffen hat, ist wirklich von Wert, nichts ist es wert, dass sich die Nachwelt daran erinnern wird, nichts hat die Kulturlandschaft wirklich bereichert. Aber Lipowitz hat einen Plan und die Macht, das zu ändern. Und so hebt Lipowitz ein neues Projekt aus der Taufe: New Renaissance. Das Ziel: Aus hochbegabten Kindern werden Künstler herangezogen, die wahre Meisterwerke erschaffen. Mit ihnen will Lipowitz Qualität und Kunst wieder dem unkritischen und anspruchslosen Mainstream zugänglich machen. Unterhaltung soll wieder niveauvoller werden.

Doch um wirklich große Kunst zu schaffen, müssen die Künstler leiden, denn woher sollen sie sonst ihre Inspiration nehmen. Und so stellt Lipowitz dem jungen Vincent, seinem vielversprechendsten Schüler, Harlan als Manager zur Seite. Der ist fortan als dunkler Schutzengel dafür verantwortlich, dass Vincent ordentlich was zu leiden hat. Dank Harlans gutem, aber stets fürsorglichem Händchen im Quälen und dank Vincents ausgesprochen großartiger Fähigkeiten im Leiden scheint das Projekt ein voller Erfolg zu werden.

Je mehr Vincents Leben in Kummer und Traurigkeit versinkt, desto brillanter wird seine Kunst. Seine Songs werden Hits, seine Fernsehserien Quotengaranten. Bei so viel Leid einerseits und so viel Erfolg andererseits ist das Leben für Vincent ein Wechselbad der Gefühle. Wie soll er dabei sein eigenes Glück verwirklichen? Hat das überhaupt eine Chance?

„Vincent“ ist ein Roman, der sich nicht so leicht in eine Schublade stopfen lässt. Ein eigenwilliges Buch, das sich jeder Kategorisierung zu widersetzen scheint. Die Marketingstrategen in den Chefetagen der Unterhaltungsindustrie, die Goebel mit seinem Roman kräftig aufs Korn nimmt, würden sein Buch wohl als „Tweener“ abstempeln. Ein Buch, das irgendwo einsam zwischen allen Zielgruppen umhertreibt. Keine Chance, so etwas zu vermarkten.

„Vincent“ ist von allem ein bisschen. Ein großer Löffel Satire, eine Prise Utopie, ein Spritzer thrillerhaftes Drama, abgeschmeckt mit einer Messerspitze Herz-Schmerz. „Vincent“ ist ein Roman, der sich jeglichem Vergleich zu entziehen scheint und der auf seine Art einzigartig ist. Nicht zuletzt auch deswegen ist die Lektüre ein ausgesprochener Genuss.

Wer vom Fernsehen enttäuscht ist, wer lieber Stille erträgt als das ewig gleich klingende Radiogedudel und wer im Kino beim Besuch des Action-Blockbusters des Jahres nur müde gähnt, der dürfte sich in „Vincent“ verstanden fühlen. Endlich mal ein Buch, das schonungslos und unterhaltsam den Finger in die Wunde der modernen, globalisierten Unterhaltungsindustrie legt. Alle, denen der Mainstream zuwider ist, werden ihre Abneigungen gegen Pop und Kommerz in diesem Buch manifestiert finden.

Auch Joey Goebel scheint einer dieser Mainstream-Verachter zu sein. Seinen ganzen Frust über die Belanglosigkeiten der Unterhaltungsindustrie scheint er in dieses Buch gelegt zu haben. Gnadenlos zieht er über Popkultur und Fernsehlandschaft her, verreißt Musiker und Fernsehshows und lässt dabei einen gnadenlosen Realitätsbezug erkennen. Diese Aufgabe fällt im Roman meist Harlan zu. Harlan scheint das fiktive Pendant zu Joey Goebel zu sein, was sich auch schon anhand biographischer Parallelen offenbart. Beide touren in jungen Jahren mit einer Band durch den Westen der USA. Beiden bleibt der musikalische Durchbruch verwehrt.

Harlan ist nach seinen ersten Gehversuchen als Musiker von der Unterhaltungsindustrie zutiefst enttäuscht. Seine Plattenkritiken für ein Musikmagazin fallen immer so brutal negativ aus, dass sein Arbeitgeber ihn schließlich feuert. Genau deswegen werden die Macher von New Renaissance auf ihn aufmerksam. Hier bekommt Harlan endlich die Chance, sich seinen Idealen entsprechend zu verwirklichen – als Don Quijote der Unterhaltungsindustrie. Natürlich bringt das moralische Bedenken mit sich. Die Förderung eines begabten Künstlers mag ein noch so edles Ziel sein, die Mittel von New Renaissance sind mehr als fragwürdig.

Harlan mag dafür eingestellt worden sein, Vincent zu quälen, dennoch kümmert er sich stets fürsorglich um den jungen Nachwuchskünstler. Das Verhältnis der beiden hat dadurch einen recht merkwürdigen Charakter. Man schließt Harlan als Leser dennoch ins Herz. Er ist sympathisch und man versteht ihn irgendwie. Harlan ist die eigentliche Hauptfigur. Er erzählt die Geschichte aus seiner Sicht.

Vincent bleibt mehr oder weniger blass. Eine gewisse Distanz bleibt zwar zu beiden Figuren bestehen, da auch Harlan sich nicht bis in den letzten Winkel seiner Seele schauen lässt, doch während man für Harlan in seiner Zwickmühle als Handlanger der Unterhaltungsindustrie und als Retter der Kultur noch Sympathie empfinden kann, bleibt Vincent ein wenig fremd und abstrakt. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Man kennt genügend leiderprobte Künstler, um sich ein Bild von ihm zu machen. Das Kurt-Cobain-Bild auf dem Buchdeckel ist da nur eine mögliche Assoziation, die sich aufdrängt.

Zu Beginn mag man „Vincent“ in erster Linie für eine Satire halten. Der Roman hat seine unverkennbar humoristischen und sarkastischen Seiten. Wenn Harlan in der Chefetage des weltweit wichtigsten Medienkonzerns durch die Fernsehkanäle zappt und gnadenlos über alles herzieht, was dort zu sehen ist, während ihm gegenüber die Menschen sitzen, die genau diesen Unsinn verzapft haben, so ist das schon ganz besonders erheiternd.

Aber darüber hinaus ist „Vincent“ auch die Geschichte einer besonderen Freundschaft zwischen Künstler und Mentor, eine Geschichte um wahre Kunst und echte Künstler und nicht zuletzt ein Drama um Liebe, Schwermut, Verlust, Enttäuschung und Ausbeutung. „Vincent“ ist ein Roman, der wunderbar vielschichtig ist, der gleichermaßen unterhält und nachdenklich stimmt, der zum Lachen ermuntert und den Leser rührt.

Dass diese Mischung so gut aufgeht, ist besonders auch Goebels Stil zu verdanken. Ein wenig nüchtern mag er manchmal wirken. Immer wieder streut er Briefe ein oder E-Mails und Texte, die Vincent geschrieben hat. Wie Beweismittel in einem Gerichtsverfahren führt er diese Textschnipsel in seine Erzählung ein, die dadurch einen ganz eigentümlichen und authentischen Charme erhält. Als würde Harlan seine Beichte ablegen. Figuren werden immer wieder anhand ihrer Lieblingsband, ihrer Lieblingsfernsehsendung und ihres Lieblingsfilms vorgestellt und es ist erstaunlich, wie viel das über die jeweiligen Personen aussagt. Hier und da könnte Goebel seinen Stil sicherlich noch weiter verfeinern, aber auch so weiß er schon zu gefallen. Außerdem ist der Mann erst 25, was für die Zukunft noch auf einiges hoffen lässt.

Bleibt unterm Strich festzuhalten, dass „Vincent“ ein außerordentlich erfrischendes und unterhaltsames Buch ist. Eine originelle Geschichte, die sehr gelungen mit einer Mischung aus Satire und Dramatik umgesetzt wurde. Für mich zählt das Buch schon jetzt zu den Toptiteln des Jahres. Joey Goebel ist ein Autor, den man sich ruhig merken sollte.

de Sá Moreira, Régis – geheime Leben der Bücher, Das

„Schmeckt nicht jedem“, diesen Slogan gibt es seit einiger Zeit für eine große Zigarettenmarke. Einen ähnlichen Slogan sollte es auch für Régis de Sá Moreiras dritten Roman „Das geheime Leben der Bücher“ geben. Für wen Bücher nur Gebrauchsgegenstände sind, die am Bahnhofskiosk erworben werden, um eine langweilige Zugfahrt zu überbrücken, für den wird Moreiras Liebeserklärung an die Welten zwischen zwei Buchdeckeln nichts anderes sein als knappe 200 Seiten unverständliches Geschwafel. Für die jedoch, die liebevoll über ihre Reihen von Büchern streichen, Stunden über dem richtigen Ordnungsprinzip der eigenen Sammlung grübeln und Bücher zur Hand nehmen, nur um ihnen etwas Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, für die wird „Das geheime Leben der Bücher“ ein kleines poetisches Meisterwerk sein, das sie in ihrer eigenen Liebe bestärkt.

Der in Paris lebende Moreira hat vor „Le Libraire“, wie der Roman auf Französisch heißt, bereits zwei Bücher geschrieben, doch erst jetzt wurde er ins Deutsche übersetzt. Der |Droemer|-Verlag hat ihn in seiner Reihe „Profile“ herausgebracht, ein Programm für „anspruchsvolle Leser“, wie der Verlag selbst es nennt. Und das beginnt schon bei der Aufmachung: Im schmucken Hardcover kommt der schmale Band daher, mit Goldschrift und in liebevollem Satz. Ein Buch, das man gern zur Hand nimmt und bei dem man erwartungsvoll die Luft anhält, bevor man die erste Seite aufschlägt.

Moreira stellt uns einen namenlosen Buchhändler vor, in einer (ebenfalls namenlosen) Stadt, in der es vor konkurrierenden Buchhandlungen nur so wimmelt. Doch selbst in einem so bibliophilen Ort ist dieser Buchhändler ein Anachronist. Zwischen (vermutlich) Bertelsmann und Weltbild, Hugendubel und Lagerverkauf, besitzt er einen anheimelnen kleinen Laden, der eher eine Erweiterung seines Wohnraumes ist denn ein wirkliches Geschäft. Und so kommt es auch, dass sein Laden immer geöffnet hat und dass er am Schreibtisch seines Buchladens einschläft, wenn der letzte Kunde gegangen ist und aufwacht, wenn der erste Kunde mit einem „Dingelingdingeing“ das Geschäft betritt. Er hat eine sehr eigene Verkaufsphilosophie: Um zu verhindern, dass er versehentlich Schund verkauft, gibt es bei ihm nur Bücher, die er selbst gelesen hat. Darum ist seine Auswahl natürlich begrenzt. Zwar hat er ganze Regalreihen voller Fremdsprachenlehrbücher und ein Regal nur für Ausgaben von „Anna Karenina“, doch nur einen einzigen Reiseführer. Überhaupt fühlt sich der Buchhändler seinen Büchern verpflichtet. Er bietet ihnen ein Heim, er schreitet nachts seine Regalreihen ab, um sie zur Nachtruhe zu betten, er schlägt sie auf, um in ihnen zu lesen … seine Bücher sind seine Freunde und Begleiter und seine einzige Verbindung zur Außenwelt. Und manchmal verweigert er auch einem Kunden ein Buch, wenn er meint, es sei bei diesem nicht gut aufgehoben.

Überhaupt, die Kunden. Sie sind die treibende Kraft in „Das geheime Leben der Bücher“. Wir erleben nämlich einen Tag im Leben dieses außergewöhnlichen und einsiedlerischen Buchhändlers. So ein Tag läuft nach einem festgeschriebenen Prinzip ab: Ein Kunde betritt den Laden und nachdem er wieder gegangen ist, trinkt der Buchhändler einen Kräutertee. Die Menschen, welche die Buchhandlung betreten, sind skurril, urig, liebenswert. Da wären zum Beispiel die Zeugen Jehovas, die täglich in den Laden kommen, um dem Buchhändler von der Schönheit des Lebens zu erzählen. Oder Gott, der auch schon mal eingeschnappt ist und hinter sich die Tür zuschlägt. Oder die Floristin, die ihre Blumensträuße gegen Bücher tauscht. In kurzen Kapiteln erzählt Moreira so immer eine kleine Geschichte, schildert eine Szene, zeigt uns eine Momentaufnahme.

„Das geheime Leben der Bücher“ ist kein großer Roman, stattdessen ist es eine leise Sammlung von Vignetten um einen Buchhändler, die sich durch ihre Poesie und Einfachheit in das Herz des Lesers schleichen. Von einer Handlung kann hierbei keine Rede sein, es gibt keinen Konflikt und somit auch keine Lösung. Das Buch beginnt und endet – einfach so. Gerade deshalb werden es Buchliebhaber mögen. Es ist eine unaufdringliche Liebeserklärung an die Welt der Bücher, den staubigen Geruch einer alten Buchhandlung und die unerwarteten Entdeckungen, die man zwischen Buchdeckeln findet. Wem diese Gefühlswelten fremd sind, der sollte besser die Finger von de Sá Moreira lassen und sich einer geradlinigeren Lektüre widmen. Alle anderen jedoch werden in Moreira und seinem Buchhändler Verbündete ihrer Leidenschaft finden und „Das geheime Leben der Bücher“ regelmäßig aus dem Regal nehmen – einfach, um ihm Aufmerksamkeit zu schenken.

Lolly Winston – Himmelblau und Rabenschwarz

Der Tod ist gemeinhin eine ernste Angelegenheit – todernst sogar. Ein Buch, das sich der „Trauerarbeit“ einer Witwe widmet, muss folglich eine tieftraurige, trockene und gleichsam tränenfeuchte Angelegenheit sein. Aber muss es das wirklich? Dass ein Roman um Tod und Verlust durchaus leichtfüßig, unterhaltsam und witzig sein kann, beweist die Amerikanerin Lolly Winston mit ihrem Debütroman „Himmelblau und Rabenschwarz“.

Sophie Stanton ist 36, als ihr Mann Ethan an Krebs stirbt. Sie ist am Boden zerstört, fällt in eine tiefe Sinnkrise und hat Schwierigkeiten, die einfachsten Dinge des Alltags zu bewältigen. Freunde und Familie versuchen sie aufzubauen, schließlich geht das Leben weiter, doch Sophie mag das nicht glauben und droht zu verzweifeln.

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Hall, Sarah – Elektrische Michelangelo, Der

Sarah Hall ist international noch ein eher unbeschriebenes Blatt, in ihrer britischen Heimat wird sie allerdings schon als die |“vielversprechendste neue Stimme der englischen Literatur“ (The Independent)| gefeiert. Ihr Romandebüt „Haweswater“ wurde mehrfach ausgezeichnet und ihr Zweitwerk „Der Elektrische Michelangelo“ wurde 2004 gar für den Booker-Preis nominiert.

Cyril Parks ist der titelstiftende „Elektrische Michelangelo“. Anfang des letzten Jahrhunderts wächst Cy im Seebad Morecambe Bay an der englischen Nordwestküste auf. Seine Mutter führt direkt an der Bay ein Hotel, das überwiegend von lungenkranken Arbeiter aus den nahe gelegenen Industriestädten frequentiert wird. Cy, der schon immer ein talentierter Zeichner war, tritt in jungen Jahren eine Lehre bei Eliot Riley an. Keine gewöhnliche Lehre, schließlich dürfte Tätowierer kein anerkannter Ausbildungsberuf sein. Riley ist ein begnadeter Künstler, aber auch ein notorischer Trinker und ein draufgängerischer Querulant, der keinen guten Ruf genießt. Nur als Tätowierer ist seine Reputation tadellos.

Als Cys Mutter stirbt, nimmt Riley den Jungen ganz unter seine Fittiche. Cy lernt in dieser Zeit viel über die tiefen Abgründe des Lebens und die hohe Kunst des freihändigen Tätowierens. Als Riley dann in den 30er Jahren stirbt, packt Cy die Koffer und schifft sich nach Amerika ein. Sein neues Zuhause wird Brooklyn, der kunterbunte Schmelztiegel New Yorks. Als Tätowierer kommt Cy schon bald auf Coney Island unter, eine eigene Welt, wo das Können eines guten Tätowierer ein gefragter Dienst ist. Auf Coney Island herrscht der ewige Jahrmarkt vor den Toren New Yorks, mit Karussells und Freakshows, mit Zirkus und Hot Dogs.

Hier geht Cy seiner Arbeit nach, tätowiert Meerjungfrauen und Herzen auf Oberarme und trinkt abends im Varga, der Kneipe mit den siamesischen Kellnerinnen, einen Drink – bis die mysteriöse Zirkusakrobatin Grace mit einem äußerst ungewöhnlichen Auftrag an ihn herantritt und Cy sich in sie verliebt …

Schon inhaltlich erzählt Sarah Hall eine Geschichte, wie man sie nicht alle Tage vorgesetzt bekommt. Die Lebensgeschichte eines Tätowierkünstlers ist schon für sich genommen ein literarisch eher seltenes Vergnügen. Halls Figuren stehen fast allesamt am Rande des Gesellschaft. Menschen, die von der Masse belächelt werden, weil sie auf merkwürdige Art anders sind. Hall führt eine Reihe skurriler Figuren in die Geschichte ein. Der eigenbrötlerische Querulant Eliot Riley ist nur einer von ihnen. Auf Coney Island, im Trubel des ewigen Jahrmarkts, lernt Cy noch einige andere wunderliche Typen, allesamt Randerscheinungen der Gesellschaft, kennen. Da wären beispielsweise die siamesischen Zwillinge hinter dem Tresen des Varga, die an der Hüfte zusammengewachsen sind, da wäre das geradezu riesenhafte Pärchen Arthur und Claudia (er Tätowierer, sie Gewichtheberin) und da wäre die geheimnisvolle Grace, die ihre spärliche Wohnung mit ihren Pferd Maximus teilt.

Sarah Hall versteht es, den Leser größtenteils aufgrund ihrer Figurenbeschreibungen bei der Stange zu halten. Spannung im eigentlichen Sinn baut sie kaum auf. Sie unterhält den Leser einzig mit ihren sprachlichen Mitteln und der Figurenzeichnung. Und das ist absolut nicht langweilig. Cy wächst dem Leser schnell ans Herz und auch die übrigen Figuren gehen einem so schnell nicht aus dem Kopf.

Hall widmet sich einem faszinierenden Ausschnitt vom Rande der menschlichen Gesellschaft und erzählt dabei eine Geschichte, die dennoch mitten aus dem Leben gegriffen scheint. Halls Figuren haben Ecken und Kanten. Sie mögen noch so kurios erscheinen und noch so sonderbar wirken, sie wirken dennoch echt. Jeder trägt seine eigene dunkle Seite in seiner Seele, jeder Charakter hat ausgeprägte helle wie dunkle Züge. Die Figuren, die als ganz wesentlicher Bestandteil die Geschichte tragen, sind einer der unumstößlich positiven Aspekte des Romans.

Coney Island mit seinen merkwürdigen Freakshows, die stets darauf bedacht waren, die Andersartigkeit der Darsteller auf dem Silbertablett zu präsentieren, war zur damaligen Zeit für die Menschen ein Fenster zu weiten Welt. Man sah dort Dinge, die man sonst nirgends zu sehen bekam, von Missgebildeten bis zu Kleinwüchsigen. Man konnte staunen und sich ekeln, so dass von der ganzen Insel auch etwas Faszinierendes ausging. Im Zeitalter des aufkommenden Fernsehens und mit zunehmender Abstumpfung der Betrachter, wurden in den 50ern auch nach und nach die Attraktionen von Coney Island eingemottet. In der Rückschau betrachtet, sind sie ein faszinierendes Phänomen, das ein wunderbares Setting für einen Roman bildet und dessen Sarah Hall sich hier bedient.

Eine ähnliche Faszination geht vom Tätowieren an sich aus. Cy ist zu einer Zeit aufgewachsen, als höchstens Seeleute und zwielichtige Gestalten Tätowierungen trugen. Die Kunst, die Cy erlernt, hat einen verruchten, dunklen Charakter, der eine gewisse Faszination abstrahlt. Hall beobachtet das bunte Treiben im Tätowierstudio von Eliot Riley, erzählt kuriose Geschichten um Tätowierungen und Tätowierte, Geschichten zwischen Schönheit, Schmerz und Leidenschaft.

Doch nicht nur die Geschehnisse auf Coney Island und im Tätowierstudio von Morecambe Bay sind interessant erzählt, auch Cys Kindheit ist erzählerisch eine sehr gute Leistung. Der Grund liegt vor allem in Sarah Halls herausragender sprachlicher Fingerfertigkeit. Virtuos jongliert sie mit Worten und zeichnet im Kopf des Lesers farbenprächtige und plastische Bilder – ähnlich unauslöschlich, wie die Bilder, die Cy seinen Kunden mit der Nadel in die Haut ritzt.

Unumstößlicher Mittelpunkt der Geschichte ist Cy. Weitestgehend geht es um seine Arbeit. Sein Gefühlsleben verläuft eher unspektakulär. Er ist ein Einzelgänger, der nicht viele Kontakte pflegt. Eine solche Hauptfigur mag im ersten Moment etwas langweilig wirken, aber Cy geht seinen Weg und der Leser nimmt daran Anteil. Mit dem ersten Auftauchen von Grace kriegt die Geschichte dann genau das, was ihr bisher fehlte. Cy verliebt sich in sie und sie wird innerhalb der Handlung zu seinem Gegenpol. Sie bleibt stets geheimnisvoll, scheint etwas Magisches an sich zu haben, das nicht nur Cy fasziniert, sondern auch den Leser.

Etwas überraschend entwickelt sich der Roman auf den letzten 70 Seiten. Plötzlich kippt die Handlung, tragische Ereignisse nehmen ihren Lauf und erzeugen eine ganz eigene Spannung, die die Handlung zuvor nicht hatte. Es ist ein sehr deutlicher Bruch und im ersten Moment ist man versucht, ihn als unpassend zu schelten. Je näher dann allerdings das Finale rückt, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass das Buch genau so eine Wendung vielleicht auch braucht. Der Bruch in der Handlung hat einen gewissen Schockeffekt, aber er hat auch auf Figuren und Handlung genau diese Wirkung und es ergeben sich daraus Dinge, die man bei den Figuren anfangs nicht für möglich gehalten hätte.

Am Ende sind es alle großen menschlichen Gefühle, die der Roman in sich vereint, und das hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. In „Der Elektrische Michelangelo“ spiegeln sich viele Facetten von Liebe, Schmerz und Lebensphilosophie, sowie die dunklen und auch die hellen Seiten der menschlichen Seele wider. Der Roman bekommt dabei trotz seiner kuriosen, „unnormalen“ Figuren etwas Universelles und schafft es deswegen auch, den Leser zu berühren. Letztendlich sind die Typen aus den Freakshows auf dem Jahrmarkt und die tätowierten Sonderlinge auch nur Menschen wie du und ich …

Bleibt unter dem Strich ein sehr positiver Eindruck zurück. Sarah Hall zeichnet sich durch einen wunderbaren, geradezu virtuosen Umgang mit Worten aus. Geschickt zeichnet sie mit Worten lebhafte Bilder und lässt die Lektüre zu wahrem Kopfkino werden. Liebevoll entwirft sie skurrile, aber liebenswürdige Figuren mit Ecken und Kanten, die so wirken, als wären sie direkt aus dem Leben gegriffen. Sie spiegelt die Facetten der menschlichen Emotionen wider und gibt ihrem Roman damit trotz der „Randgruppenthematik“ einen universellen Anstrich. Und zu guter Letzt widmet sie sich auch der geheimnisvollen Frage, was an in die Haut gestochenen Bildern so besonders und faszinierend ist.

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Hennig von Lange, Alexa – Warum so traurig?

Der sympathische Lockenkopf Alexa Hennig von Lange legt dieser Tage mit „Warum so traurig?“ seinen neuen und vielleicht besten Roman vor. Die 1973 geborene Hannoveranerin trat erstmals als „Bim Bam Bino“-Moderatorin in den Neunzigerjahren in Erscheinung. Von der Moderation wechselte sie aber bald in ihren Traumberuf, der Schriftstellerei. Ihr bisher größter Erfolg wurde dann auch gleich das Debüt „Relax“ (1997). Seitdem kamen fast jährlich neue Veröffentlichungen hinzu, darunter das weniger überzeugende „Ich bin’s“ (1999), das mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnete „Ich habe einfach Glück“ (2001), „Woher ich komme“ (2003), „Erste Liebe“ (2004) sowie einige Kinderbücher.

Mit „Warum so traurig?“ kehrt Hennig von Lange einerseits zu ihren Wurzeln zurück, anderseits präsentiert sie sich wie auch schon in „Woher ich komme“ als gereifte Schriftstellerin und Persönlichkeit. „Warum so traurig?“ ist eine Art Fortsetzungsroman des Bestsellers „Relax“. In diesem Roman berichtete die Autorin von einem Paar Anfang zwanzig im Rausch der wilden Neunzigerjahre. Das junge Paar war nicht nur im Liebes-, sondern auch im stetigen Drogenrausch. Die 90er sind jetzt vorbei, Elisabeth, die in „Relax“ nur als „die Kleine“ auftauchte, ist Anfang dreißig und mit ihrem Arbeitskollegen Philip verheiratet. Wie es im Klappentext des Buches treffend zusammengefasst wird, berichtet „Warum so traurig?“ vom Aufwachen, der großen Ernüchterung nach der wilden Jugendzeit.

In der Ehe von Philip und Elisabeth kriselt es. Der Alltag hat sich eingeschlichen und die Erotik zwischen beiden ist eingeschlafen. Während Elisabeth dieses Thema anzusprechen versucht, blockt Philip diese Gespräche ab. Generell wird zwischen beiden wenig geredet, der kurze Trip nach Lissabon, über den sich die Erzählzeit erstreckt, kann dies auch nicht ändern. Vielmehr legt er diese Schwächen noch weiter offen. Elisabeth hatte gar keine Lust auf diese Reise, hält dies aber zurück. Sie ist zur Zeit mit anderen Dingen beschäftigt. Während er sie durch Lissabon schleift, ist sie tief in ihren Gedanken versunken, versucht ihre eigene Vergangenheit zu entschlüsseln. Dabei tauchen immer wieder ihre letzten beiden Beziehungen zu Chris, welcher am Ende von „Relax“ stirbt, sowie Markus, mit dem sie später zusammen war, auf. Auch Philip spielt in diesen durch den früheren massiven Drogenkonsum der Protagonistin bruchstückhaften Erinnerungen eine Rolle. Sie erinnert sich daran, wie es mit beiden angefangen hat und versucht so (vergeblich) den Zauber der ersten Begegnung, der ersten Berührung wieder aufleben zu lassen. „Mein Kopf ist voll von unsortierten Bildern, zusammengeklebt von einander bekämpfenden Gefühlen,“ stellt sie müde fest.

Der in die Beziehung eingekehrte Alltag ist nicht das einzige Problem der beiden. Schnell erfährt der Leser, dass beider Leben in unterschiedliche Richtungen verlaufen. Sie ist noch mit der Vergangenheit beschäftigt, hat Sehnsüchte und den Wunsch Mutter zu werden; er will nicht auf die Gedankenspiele seiner Frau eingehen und Kinder will er schon gar nicht. Welche Folgen das für die Ehe haben kann, deutet sich an, als man ein befreundetes Ehepaar in Lissabon besucht. Melissa und Rene haben Kinder, und wie sich zeigt, war Philip mit Melissa einmal zusammen. Als Elisabeth nach dem Trennungsgrund fragt, antwortet Philip kühl: „Sie wollte Kinder haben.“

Doch da ist noch mehr, und instinktiv sucht Elisabeth in ihrer Erinnerung danach. Der Leser ahnt, dass die Erinnerung auch die Entscheidung in der Gegenwart bringen wird.

Hennig von Lange zeichnet mit ihrer einfachen und klaren Sprache gefühlvoll das Scheitern einer noch jungen Ehe nach. Während die Gegenwart die Tatsachen abbildet, werden die Ursachen dafür durch die Erinnerungen der Protagonistin zu Tage gebracht. Immer wieder dringt Vergangenes an die Oberfläche und bringt so ein weiteres Teil des Puzzles zum Vorschein. Die Autorin hat es solcherart geschafft, dieser ruhigen, reflektierenden Erzählungen ein erhebliches Maß an Spannung mitzugeben, was den Leser in einem Zuge durch den Roman treibt. Dieses Entknoten der Vergangenheit hat sie in „Woher ich komme“ schon geübt, hier hat sie es zur Perfektion gebracht. „Warum so traurig?“ verfügt auch über die weiteren Zutaten, die einen Hennig-von-Lange-Roman immer lesenswert machen. Wieder wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt und es ist wohl die beste Eigenschaft der Autorin, die Gedankengänge der Protagonistin und die Charaktere selbst nachvollziehbar und glaubhaft darzustellen. Sie kreiert die Figuren nicht nur, sie fühlt sich auch in sie hinein, und so geht der Leser vollkommen in der Gedankenwelt und im Blickwinkel der Erzählerin auf.

„Warum so traurig?“ ist das vielschichtigste Buch der Autorin. Mit wenigen Worten stellt sie einen tief greifenden Konflikt dar. Sie bringt die erwachsene Erkenntnis zu Papier, dass die zweifellos vorhandene Liebe zwischen zwei Menschen doch nicht reicht, um eine dauerhaft glückliche Ehe zu führen. Sie zeigt auch, dass Narben Zeit zum Heilen brauchen, die ständige Flucht in die Drogen hat die Wunden nur noch vergrößert. Geradezu zerbrechlich wirkt die Protagonistin, die panische Angst vor dem Tod und dem Vergessen hat. Panisch sagt sie zu ihrem Mann „Liebling, ich werde mein Gedächtnis verlieren!“ Die Angst vor Gedächtnisverlust ist ein wiederkehrendes Motiv in dieser Erzählung und wirkt wie eine Metapher für den Verlust der Jugend, denn „Warum so traurig?“ ist auch ein Abschied von der Jugend. Traurig stellt Elisabeth fest: „So golden und sexy, wie wir es uns erträumten, wird es nie wieder werden.“

Franzen, Jonathan – Schweres Beben

Jonathan Franzen hat sich mit den [„Korrekturen“ 1233 einen Namen gemacht als großartiger Erzähler, der seine Leser auch in Büchern epischer Länge mit nur wenig Inhalt zu unterhalten und zu fesseln weiß. Seine Stärken liegen in einer scharfen Beobachtungsgabe und einem fantastischen Erzähl- und Formuliertalent, die zum Erfolg seines Bestsellerromans deutlich beigetragen haben. Aus verkaufsstrategischen Gründen ist es nur verständlich, dass nun auch Jonathan Franzens frühere Werke ins Deutsche übersetzt werden. „Schweres Beben“ wurde bereits im Jahre 1992 in den USA veröffentlicht und damit neun Jahre vor den „Korrekturen“, sodass man als Leser seine Erwartungen niedriger halten sollte. Allerdings ist dies nach der mehr als erfreulichen Lektüre der „Korrekturen“ nur schwer möglich …

_Erschütternd_

In Massachusetts bebt die Erde. Kaum ist Louis Holland in die Nähe seiner ungeliebten Schwester Eileen gezogen und kaum hat er sich mit seiner Stiefgroßmutter Rita Kernaghan verabredet, platzt dieses Date auch schon wieder, da Rita das einzige Opfer des kleinen Erdbebens geworden ist. Louis‘ Mutter Melanie erbt daraufhin große Aktienpakete des Chemiekonzerns Sweeting-Aldren im Wert von etwa 20 Millionen Dollar. Doch das Unternehmen gerät in die Schlagzeilen, als behauptet wird, dass Sweeting-Aldren seine schädlichen Abwässer nicht korrekt entsorgt. Mehrfach erschüttern kleine Beben die Stadt, manchmal sind die Beben so schwach, dass Louis sie gar nicht bemerkt.

Zufällig lernt der 23-jährige Louis die sieben Jahre ältere Seismologin Renée Seitchek kennen, die eine interessante Theorie hat. Bei einer umfassenden Literaturrecherche hat sie nämlich Hinweise darauf gefunden, dass das Chemie-Unternehmen über tiefe Bohrlöcher verfügt, über die eigentlich nach Erdöl gesucht werden sollte. Doch Renée glaubt nicht daran. Sie ist der Überzeugung, dass Sweeting-Aldren seine Abwässer in den Boden pumpt und dadurch diese Erdbeben hervorruft. In den 70er Jahren hatte es bereits eine erste Erdbebenwelle gegeben, die ganz plötzlich aufgehört hat.

Louis und Renée verlieben sich ineinander, doch als die beiden Louis‘ Sachen aus seiner Wohnung holen, damit er bei seiner neuen Freundin einziehen kann, steht plötzlich eine alte Bekannte vor der Tür. Überraschend taucht nämlich Lauren auf, in die Louis einst verliebt war. Geblendet von ihren optischen Reizen, mit denen die bereits 30-jährige Renée nicht mithalten kann, entscheidet sich Louis daher für Lauren. Renée versucht daraufhin auf eigene Faust, Sweeting-Aldren zu überführen und begibt sich damit in große Gefahr. Doch das Schlimmste steht der Gegend rund um Boston noch bevor, denn eine weitere (Natur-)Katastrophe wird die Erde erbeben lassen …

_Franzen goes Brockovich_

Während das erste Erdbeben zunächst noch völlig harmlos wirkt, zumal es so schwach ist, dass kaum jemand es wahrnimmt und es auch nur ein Todesopfer zu beklagen gibt (welches zufällig im angetrunkenen Zustand auf einem Barhocker gestanden und sich beim Sturz tödlich verletzt hat), so spitzen sich die Ereignisse schnell zu, als eine Folge von Erdbeben zu verzeichnen ist. Darüber hinaus scheint mehr hinter den Beben zu stecken als eine natürliche Ursache, denn Renée Seitchek kann anhand wissenschaftlicher Veröffentlichungen plausibel machen, dass Sweeting-Aldren seine schädlichen Abwässer in den Boden pumpt und dadurch die Erdbeben auslöst. Doch das Chemieunternehmen ist mächtig, und somit begibt Renée sich unwissentlich bald in Lebensgefahr.

Thematisch zieht sich die Aufdeckung eines großen Umweltskandals durch das ganze Buch und hält ein wenig die losen Handlungsfäden zusammen. Immer wieder entdeckt Renée neue Hinweise auf die dubiosen Machenschaften des Chemiekonzerns und immer wieder bebt die Erde und erinnert die Menschen an die drohende Gefahr. In Art einer Erin Brockovich versucht auch Renée Seitchek, andere Leute von ihrer zunächst abwegig klingenden Theorie zu überzeugen. Die Beweise sind dünn, dennoch verdichten sie sich im Laufe von Renées Nachforschungen.

Jonathan Franzen greift sich hier ein Thema heraus, das auch heute noch brandaktuell ist, da nach wie vor das Problem einer umweltgerechten Entsorgung von schädlichen Abwässern besteht. Unternehmen standen schon häufig unter dem Verdacht, heimlich ihren Müll so einfach wie möglich zu entsorgen. Welche Auswirkungen dies haben kann, zeigt Franzen in „Schweres Beben“ auf.

_Familiengeschichte_

Aber es geht um mehr: Die Umweltthematik taucht zwar immer wieder auf und hat dem Buch auch seinen Titel verliehen, doch wäre Jonathan Franzen nicht Jonathan Franzen, wenn er nicht auch die Geschichte einer auseinander brechenden Familie erzählen würde. In diesem Falle erfahren wir die Geschichte der Familie Holland, die nach dem ersten kleinen Beben einen unerwarteten Geldsegen zu verkraften hat. Während das Erbe den Marihuana-rauchenden Vater kaum interessiert, zerbricht Mutter Melanie fast an der Angst, das Geld wieder zu verlieren. Und während Eileen sich von ihrer nun reichen Mutter gleich eine teure Eigentumswohnung sponsern lässt, geht Louis wieder einmal leer aus. So weit ist dies für den männlichen Holland-Sprössling nichts Neues, denn Eileen kam noch nie mit ihrem eigenen Geld aus und bettelte schon immer (erfolgreich) ihre Mutter an. Aber dieses Mal kommen auch private Probleme hinzu, denn nach einer anfänglich glücklichen Liebelei mit Renée lässt Louis sich zu schnell von der hübschen Lauren den Kopf verdrehen. Auch beruflich läuft es für Louis alles andere als erfolgreich, denn seinen Job bei einem kleinen Radiosender hat er verloren, nachdem ein fanatischer Abtreibungsgegner den Sender gekauft hat. Louis’ Leben hat also ebenfalls schwere Beben zu verkraften, zeitgleich gehen sein Privat- und Berufsleben den Bach herunter und von seiner Familie kann er auch kaum Rückhalt erwarten. Wäre Louis zumindest an seiner privaten Misere nicht selbst schuld, könnte er einem fast leidtun.

Anders als in den „Korrekturen“ setzt Franzen seinen Schwerpunkt ganz klar auf die Vorstellung nur eines Protagonisten, nämlich die von Louis Holland, über den Rest seiner Familie lesen wir nur ganz nebenbei etwas. Neben Louis erhalten auch Renée Seitchek und ihr Kollege Howard Chun eine ausführliche Präsentation, doch während Renée im Laufe des Romans eine wesentliche Rolle spielt, bleibt Howard immer nur im Hintergrund und ist für die Handlung nicht wirklich wichtig. Warum Franzen sich also viel Zeit nimmt, um auch Howard darzustellen, ist mir nicht klar geworden.

_Thematische Überfrachtung_

Jonathan Franzen scheint ein Faible für lange Romane zu haben, „Schweres Beben“ füllt in der deutschen Übersetzung ganze 685 Seiten und ist voll gepackt mit Informationen über die handelnden Personen, die Spekulationen über mögliche Umweltsünder, über Episoden, die die Handlung ausschmücken und auch bestückt mit allerhand Beiwerk. Die Geschichte wirkt etwas zusammenhanglos. An einer Stelle braucht Franzen einen etwa 50-seitigen Exkurs, bei dem er sogar einen Schlenker über die Geschichte der Indianer macht, um Louis zu erklären, welche familiären Verwicklungen die Familie Holland mit dem Chemiekonzern aufzuweisen hat. Oft entsteht der Eindruck, dass Franzen nicht genug zu sagen hat, als dass es 685 Seiten spannend füllen könnte. Während er sein Meisterwerk mit liebevoller Figurenzeichnung ausgestattet hat, die gerne eien solchen Umfang einnehmen konnte, schafft er es nicht, uns die Familie Holland so zu präsentieren, dass sie uns ans Herz wachsen könnte. Familie Lambert war einfach etwas Besonderes, wir haben sie lieb gewonnen, weil sie eigen und ein wenig chaotisch, aber doch so normal war. An Familie Holland ist kaum etwas normal, auch werden einem die Menschen kaum sympathisch, da sie immer wieder von einem Unglück ins nächste geraten und sich dies meist selbst eingebrockt haben.

Kurz: Der Funke mag nicht so recht überspringen. Der Leser wird nicht recht warm mit dem Buch und auch die Figuren erscheinen uns teilweise sehr nervig (wie Lauren) oder unentschlossen (wie Louis). Besonders Louis‘ Verhalten bleibt meist nicht nachvollziehbar, er dreht sich wie die Fahne im Wind und scheint gar nicht zu wissen, was er eigentlich möchte. Zwar ist er erst 23, dennoch würde ich einem selbstständigen jungen Mann in diesem Alter doch etwas mehr Entschlossenheit zutrauen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Franzen oftmals unangekündigt in der Zeit hin- und herspringt. Wir bleiben über lange Strecken stets bei Louis Holland und begleiten ihn überall hin, allerdings auch in seine gedanklichen Ausflüge in die eigene Vergangenheit. So ist es eine echte Herausforderung für den Leser, an jeder Stelle den Überblick zu behalten über die Zeit, in der die momentane Handlung spielt.

_Wortgewandt_

Während Franzen leider keine so mitreißende (Familien-)Geschichte zu erzählen hat, wie ich es mir erhofft hatte, so punktet er deutlich im sprachlichen Bereich. Schon 1992 in seinem zweiten Roman beweist Franzen, dass er mit Sprache umgehen kann. Lange Schachtelsätze, die sich teilweise über ganze Absätze ziehen, sind keine Seltenheit, doch sind sie stets so formuliert, dass man beim Lesen nie den Überblick verliert. „Schweres Beben“ ist wunderbar zu lesen und macht auf sprachlicher Ebene auch einfach Spaß.

An einigen Stellen zeigt Franzen auch hier, dass er den geübten Blick für Kleinigkeiten hat. So beobachtet er oftmals Dinge, die den meisten Menschen gar nicht auffallen würden. Diese Eigenart hat die „Korrekturen“ zu etwas Besonderem gemacht, im vorliegenden Buch ist davon leider noch zu wenig zu spüren. Man merkt einfach, dass Jonathan Franzen erst eine Entwicklung durchmachen musste, bevor er zu solch überzeugendem Erzähltalent gelangen konnte, wie er es in seinem Bestseller bewiesen hat.

_Warten auf einen neuen Franzen_

„Schweres Beben“ kann praktisch nur enttäuschen, will man es doch mit seinem Nachfolgeroman vergleichen. So ungerecht der Vergleich mit einem so viel jüngeren Buch auch ist, so gerechtfertigt erscheint er doch angesichts der Begeisterung, die die „Korrekturen“ ausgelöst haben. Das vorliegende Buch zeigt in Ansätzen, wo Jonathan Franzens Stärken liegen. Natürlich steht auch hier eine kuriose Familiengeschichte im Mittelpunkt des Geschehens, wobei die Handlung zusammengehalten wird durch den vermuteten Umweltskandal der Firma Sweeting-Aldren. Thematisch hat Franzen sein Buch etwas überfrachtet, oftmals schweift er in seiner Erzählung ab und verlangt von seinen Lesern dadurch einen langen Atem. Inhaltlich ist „Schweres Beben“ durchaus interessant und auch hochaktuell, dennoch weiß das Buch nicht mitzureißen. Für die 685 Seiten sind Ausdauer und Durchhaltevermögen erforderlich. Auch wenn „Schweres Beben“ sicherlich nicht schlecht ist, gehört es nicht zu den Büchern, die man unbedingt gelesen haben muss.

Fuchs, Kirsten – Titanic und Herr Berg, Die

Eine „Amour fou“ in Zeiten sozialer Kälte verspricht der Klappentext zu Kirsten Fuchs‘ Debütroman „Die Titanic und Herr Berg“. Radikal soll er sein, erotisch und hart am Abgrund. Das trifft im Groben und Ganzen durchaus zu, erfordert bei näherer Betrachtung aber noch einiges an Differenzierung.

Fuchs erzählt die Geschichte einer Liebesbeziehung: Tanja (vermutlich Mitte 20 – so ganz deutlich wird das nicht), Sozialhilfeempfängerin, unkonventionell und weltverklärend, lernt beim Behördengang Peter kennen, der auf der anderen Seite des Sozialamtsschreibtisches sitzt. Peter ist 42, zweifach geschieden, zweifacher Vater, beziehungsunfähig und von der beruflich bedingten Überdosis Wirklichkeit abgestumpft.

Tanja ist sofort hin und weg von Peter, sieht ihn als ihren Mann fürs Leben an. Peter lässt sich darauf ein, will aber von Liebe gar nichts wissen. Während sie in die Beziehung immer mehr Hoffnungen steckt, ist sie für ihn eine rein sexuelle Angelegenheit und zumindest in der Hinsicht stimmt die Gleichung – beide fühlen sich wahnsinnig stark zueinander hingezogen.

Doch je länger die Beziehung dauert, desto mehr ist Tanja sich ihrer Sache sicher, dass Peter ihr Ein und Alles ist und sie zusammen den Rest ihrer Lebens verbringen werden. Doch was soll daraus werden, wo Peter von Beziehungen doch gar nichts wissen will?

Schon der etwas unkonventionelle Titel deutet an, dass „Die Titanic und Herr Berg“ kein Roman von der Stange ist. Sprachlich verspielt und so phantasievoll wie die weibliche Hauptfigur erscheint der Roman somit auch auf den ersten Seiten. Kirsten Fuchs‘ Stil ist sehr eigenwillig, verspricht zunächst aber ganz erfrischende und unterhaltsame Lektüre. Spielerischer Umgang mit Satzbau und Formulierungen, ein sehr deutlicher Hang zu Wortspielereien und Doppeldeutigkeiten mit einer gewissen Portion Witz – man ist anfangs wirklich versucht zu glauben, dass „Die Titanic und Herr Berg“ ein toller Roman sein könnte.

Doch leider täuscht der erste Eindruck. Obwohl ich Bücher mit Sprachwitz und Doppeldeutigkeiten mag, und obwohl ich auf den ersten Seiten noch das eine oder andere Mal über Kirsten Fuchs‘ bildhafte Sprache geschmunzelt habe – mit der Zeit wurde die Lektüre immer anstrengender. Anfangs freut man sich durchaus noch über gelungene Sätze wie diese hier: |Ich habe am häufigsten in meinem Leben das Wort „ich“ gesagt und das Wort „und“. Ich sage sehr oft „ich“. Das ist mein Lieblingssatzanfang. Ich, ich, ich bin nicht eloquent. Ich bin der Mittelpunkt meines Mittelpunktes und definiere an mir angepflockt wie eine Ziege einen kleinen Radius um mich herum.| (S. 8)

Je weiter sich die Geschichte allerdings hinzieht, desto zäher wird leider auch die Lektüre. Kirsten Fuchs‘ sprachliche Mittel wirken mit der Zeit ermüdend. Ihr Satzbau wirkt ein wenig gekünstelt, manchmal ein wenig wie mit der Brechstange zurechtgebogen und bemüht um jeden noch so kleinen Wortwitz. Darunter leidet des Öfteren der Lesefluss. Die künstlerische Verspieltheit, die anfangs noch so erfrischend wirkt, mündet immer mehr in eine träge, schwere Künstlichkeit. Man gewinnt den Eindruck, dass die Autorin sich mitsamt ihrer Figuren hinter einem Wall gekünstelten, anstrengenden Satzbaus verschanzt und den Leser nicht an sich heranlässt. Die Figuren bleiben genauso blass und fremd, wie die sprachliche Frische schon nach wenigen Kapiteln verpufft.

Fuchs hält ihre Figuren auf Distanz zum Leser. Man kommt einfach nicht an sie heran, kann sie schlichtweg nicht verstehen und somit auch absolut nicht mit ihnen mitfiebern. Sie bieten nur wenige Identifikationspunkte. An Peter kann man noch so manches nachvollziehen, aber in Tanja gipfelt die Kluft zwischen Leser und Figuren sehr deutlich. Man erfährt zu wenig über sie. Trotz der gewählten Sichtweise des ständig wechselnden Ich-Erzählers, der mal aus Peters und mal aus Tanjas Perspektive berichtet, gelingt es kaum, sich ein nachhaltiges Bild von Tanja zu machen. Erst spät erzählt Kirsten Fuchs etwas aus Tanjas Leben, so richtig begreifbar wird die Figur dadurch zu diesem späten Zeitpunkt aber auch nicht mehr. Eine Sozialhilfeempfängerin, die den 100-Euro-Schein, den ihr ihre Freundin reicht, einfach aus dem Autofenster flattern lässt, die sich mitten im Winter in der leeren Straßenbahn bis auf den BH auszieht – da hapert es einfach ganz grundsätzlich an der Greifbarkeit der Figur. Man kann über sie rätseln, aber man kann sie nicht verstehen.

Peter wirkt daneben schon menschlicher. Während Tanja weltfremd und absonderlich erscheint, nichts in ihrem Leben geregelt bekommt, wenn nicht einer ihrer Freunde für sie die Dinge in die Hand nimmt, steht Peter mit beiden Beinen auf dem Boden. Er steht schon ein bisschen zu sehr auf dem Boden der Tatsachen, denn irgendwo im Laufe seines bisherigen Lebens scheint ihm da etwas ganz Grundsätzliches verloren gegangen zu sein. Seine Grundeinstellung ist eine eher pessimistische, sein Selbstwertgefühl nicht der Rede wert und sein Alltag eher trostlos. Aber zumindest kann man ihn halbwegs verstehen.

Letztendlich ist der Gegensatz zwischen den Hauptfiguren einer, der Potenzial für eine spannungsreiche Liebesgeschichte bietet. Aber dieses Potenzial nutzt Kirsten Fuchs leider nicht so geschickt aus, wie man es tun könnte. Da die Sprache eine Distanz zum Leser schafft, die Figuren dadurch nicht mitzureißen wissen, kommt auch der spannungsreiche Kontrast zwischen den beiden Hauptfiguren nicht so stark zum Tragen. Schade eigentlich.

Da Kirsten Fuchs viel Gewicht auf sprachliche, sich verflüchtigende Effekte legt, kann auch die restliche Geschichte nicht so recht zünden. An manchen Stellen wirkt das Geschriebene geradezu belanglos (|“Erst ist Montag und dann ist Dienstag. Und welch ein Wunder, dann ist Mittwoch.“| S. 43, |“Die Mülltonnen stehen noch da, wo die Mülltonnen immer stehen.“| S.74). Teilweise ist es aber weniger das Beschriebene, was stört, sondern mehr die Art, wie es geschrieben ist.

Anstrengend umständlicher Satzbau und eine Grammatik, die manchmal zum Haareraufen ist. Dass man beispielsweise in einem Satz nach „brauchen“ den Infinitiv mit „zu“ bildet, scheint Kirsten Fuchs entweder nicht zu wissen oder kategorisch zu ignorieren. Vielleicht soll es auch nur die grammatikalische Unwissenheit ihrer Hauptfigur Tanja ausdrücken, wer weiß. Auch ansonsten stolpert man immer wieder über einen Satzbau, für den einem jeder Deutschlehrer die Ohren lang ziehen würde: |“Holger meinte, es sei billiger, ich würde die Rückfahrkarte in Prag kaufen, aber wenn das Geld alle ist, kann sein, es reicht nicht mehr für eine Rückfahrkarte.“| (S. 208) Und so wird das Buch mit zunehmender Seitenzahl stetig anstrengender und ermüdender und der Leser mit der Zeit ein wenig genervt. Die Lektüre von „Die Titanic und Herr Berg“ erfordert nicht nur Geduld, sondern auch Durchhaltevermögen.

Das Ganze gipfelt dann in einem Finale, das uns für all das mühsam aufgebrachte Durchhaltevermögen leider noch nicht einmal anständig entschädigt. Nachdem ich das Buch am Ende zugeschlagen hatte (und zumindest über diesen Umstand doch recht glücklich war), saß ich noch eine ganze Weile mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn da. Das Fragezeichen wich aber auch später keiner Erkenntnis.

Tanja beweist in dem Buch mehrfach, dass sie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und eine ganz gute Lügnerin ist. Insofern wird leider auch nicht deutlich, welche Teile der finalen Handlung man nun ernst nehmen kann bzw. muss und welche nur ihrer Phantasie entsprungen sind. Tanja verabschiedet sich aus der Handlung, ohne auch nur einen Funken Sympathie erzeugt zu haben und ohne auch nur eine Winzigkeit verständlicher geworden zu sein. Und auch Peters Abgang bleibt seltsam diffus.

Alles in allem habe ich das Buch am Ende ziemlich enttäuscht aus der Hand gelegt. Nach einem recht vielversprechenden Start entwickelt sich Fuchs‘ Schreibstil zunehmend anstrengend und ermüdend. Die Figuren wissen nicht mitzureißen und bleiben dem Leser fremd und auch der Schluss lässt den Leser verwirrt und unzufrieden zurück. Ein Buch, das eine Handvoll schöner Momente aufweist, die einen zum Schmunzeln bringen, und das immer dann, wenn Kirsten Fuchs die Geschichte einfach mal ohne viel sprachliche Künstlichkeit laufen lässt, ganz ordentlich in Fluss kommt, aber über diese paar hellen Momente hinaus leider doch eher düster im Gedächtnis bleibt. Schade eigentlich, denn Potenzial wäre da gewesen.

Jodi Picoult – Beim Leben meiner Schwester

Dürfen Eltern sich ihr Wunschkind aussuchen, um damit bestimmte Zwecke zu erfüllen? Was ist, wenn Eltern ein krebskrankes Kind haben und sich den idealen Spender „designen“ lassen? Die heutige Wissenschaft macht vieles möglich, doch führen manche Praktiken zu schier unlösbaren ethischen Problemen. Jodi Picoult schildert in ihrem neuen Roman eine dramatische Familiengeschichte, die genau diese Fragen aufwirft und den Leser zum Nachdenken anregen soll und auch wird.

Ich will leben

Anna Fitzgerald ist nur 13 Jahre alt, als sie ihrer krebskranken Schwester Kate eine Niere spenden soll. Dies ist der Moment, in dem Anna beschließt, sich einen Anwalt zu nehmen, um ihren Eltern die Entscheidungsgewalt in medizinischen Fragen wegnehmen zu lassen. In den Gelben Seiten findet sie den erfolgreichen Anwalt Campbell Alexander, der ihren Fall übernehmen soll. Der jedoch zeigt sich zunächst skeptisch und lässt sich nur durch die ihn erwartende Publicity zu diesem Pro-bono-Fall hinreißen. Annas Eltern Sara und Brian sind überrascht, als sie eine Vorladung vom Gericht bekommen. Sara, die früher als Anwältin gearbeitet hat, beschließt spontan, ihren Fall selbst zu vertreten.

Doch geht es nicht nur um Annas Leben, sondern auch um das ihrer älteren Schwester Kate. Im Alter von zwei Jahren wurde bei Kate eine spezielle Form der Leukämie festgestellt. Da ihr Bruder Jesse als Spender nicht in Frage kam, beschlossen Sara und Brian damals, noch ein Kind zu zeugen und zwar eines, das in allen Punkten als Spenderin für Sara passen würde. Schon das Nabelschnurblut wird für Kate gespendet, in den Jahren danach schließen sich Lymphozyten-, Granulozyten- und sogar eine Knochenmarksspende an. Einen Großteil ihrer Kindheit hat somit auch Anna im Krankenhaus verbracht, geholfen hat es ihrer Schwester immer nur zeitweise. Als schließlich Kates Nieren versagen, könnte nur Anna ein Organ spenden, da ansonsten das Risiko für Kate zu groß wäre. Die Zeit drängt, denn Kate geht es immer schlechter.

Die Verfahrenspflegerin Julia wird vom Gericht bestellt, um sich ein Bild von Anna und ihrer Familie zu machen. In vielen Gesprächen lernt sie Annas Motive und die ihrer Eltern kennen. Doch auch Julia ist ratlos angesichts der sich ihr dargestellten Situation. Gleichzeitig kämpft sie mit privaten Problemen, denn zu ihrer Highschoolzeit hatte sie einst eine kurze Affäre mit Campbell Alexander, damals allerdings hatte er sie sitzen gelassen. Nun flammt die alte Liebe erneut auf.

An allen Fronten erleben wir persönliche Dramen mit, denn in der Familie Fitzgerald liegt einiges im Argen …

Perspektivenwechsel

„Beim Leben meiner Schwester“ ist aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Zunächst lernen wir Anna kennen, die uns ihre Entscheidung mitteilt, dass sie keine Niere für ihre Schwester spenden möchte, da sie bereits oft genug im Krankenhaus gewesen ist. Anna schaltet daraufhin Campbell Alexander als ihren Anwalt ein. Auch aus der Sicht des erfolgreichen Staranwalts erfahren wir einen Teil der Geschichte, er gibt offen zu, dass er Annas Fall zunächst als reine Werbung für sich selbst ansieht und daher den Fall pro bono übernimmt. An Alexanders Seite begleitet ihn stets sein Servicehund Judge, obwohl der Anwalt doch gar nicht blind ist. Welche Funktion Judge in seinem Leben einnimmt, erleben wir hautnah mit, als Anna gerade vor Gericht ihre Aussage macht. Auch die Verfahrenspflegerin Julia erzählt ihren Teil der Geschichte, sie berichtet von den Verletzungen, die Campbell Alexander ihr zugefügt hat, als er sie damals zu Schulzeiten fallen gelassen hat, wir lernen ihre Schwester kennen und begleiten Julia auf ihren Besuchen bei Anna und ihrer Familie.

Aus Saras Perspektive wird die Familiengeschichte von Kates Krankheit erzählt. Dieser Teil der Geschichte setzt ein, als Kate zwei Jahre alt ist und Sara zum ersten Mal merkwürdige blaue Flecken bei ihr entdeckt, woraufhin nach etlichen Tests schließlich Leukämie diagnostiziert wird. Sara berichtet von ihrer Entscheidung, ein passendes Kind zu bekommen, das als Spenderin für Sara fungieren kann, und sie ertappt sich dabei, wie sie dieses ungeborene Kind gar nicht als eigenständige Persönlichkeit wahrnimmt, sondern nur als geeignete Spenderin: „Obwohl ich im neunten Monat bin, obwohl ich reichlich Zeit zum Träumen hatte, habe ich mir über dieses Kind noch keine besonderen Gedanken gemacht. Wenn ich an diese Tochter denke, dann nur daran, was sie für die Tochter tun kann, die ich bereits habe.“ Später erfahren wir aus Saras Sicht, wie Kates Krankheit sich weiterentwickelt, wie Kate schließlich bei der Chemotherapie einen anderen Patienten kennen lernt, in den sie sich verliebt. Wir werden Teil von Kates Krankengeschichte und erfahren insbesondere Saras Gründe für die vielen Behandlungen und auch für Annas Spenden.

Brian dagegen begleiten wir häufig zu seinen Einsätzen. Der Familienvater arbeitet als Feuerwehrmann und rettet andere Leben, wo ihm dies bei seiner eigenen Tochter so schwer fällt. Die Feuerwehr hat mit einem Brandstifter zu kämpfen, der verlassene Hütten anzündet und zunächst nicht gefasst werden kann. Doch aus Jesses Perspektive werden wir recht schnell Zeuge der Brandstiftungen, denn Jesse hat seine eigenen Probleme zu verarbeiten. Während seine Schwestern ständig im Mittelpunkt des Familiengeschehens stehen – die eine wegen ihrer schweren Krankheit und die andere wegen ihrer Spenden – bleibt er außen vor und rebelliert gegen die Nichtbeachtung durch seine Eltern. Sein Zimmer verfügt über einen separaten Eingang, sodass Jesse unbemerkt kommen und gehen kann.

Zunächst ist dieser ständige Perspektivenwechsel sehr gewöhnungsbedürftig, da man sich zu Beginn jedes Kapitels neu einfinden muss, doch später empfand ich dies als gelungenes Stilmittel, da uns die handelnden Personen dadurch sehr nahe gebracht werden. Wir erleben die Probleme und Sorgen jedes Einzelnen hautnah mit und lernen auch die Gründe für ihr Handeln kennen. So paradox es auch erscheinen mag, so verstehen wir dadurch sowohl Annas Weigerung zu einer Organspende als auch Saras Gründe für die Nierentransplantation. Jodi Picoult schafft es überzeugend, uns jede Perspektive deutlich zu machen, wir begleiten jeden Protagonisten immer wieder auf Schritt und Tritt und fühlen auch mit jedem mit. Das Handeln jeder Person wird verständlich, auch wenn besonders Annas und Saras Wünsche miteinander kollidieren.

Nach und nach wird offenkundig, welche Probleme die Familie Fitzgerald mit sich auszumachen hat. Die Interessen ihrer beiden Töchter stehen praktisch im Gegensatz zueinander. Um die kranke Tochter gesund zu machen, muss die gesunde Tochter immer wieder ins Krankenhaus und sogar eine schwere Knochenmarkstransplantation über sich ergehen lassen, die Anna nicht gut verträgt. Die Familie ist kurz vor dem Auseinanderbrechen, was auch den Eltern auffällt, die sich plötzlich nichts mehr zu sagen haben. Zusammengehalten werden die fünf eigentlich nur durch die zu überstehenden Krisen und durch Kates Krankheit, die nur bekämpft werden kann, wenn alle füreinander da sind. Doch speziell Jesses und Annas Interessen bleiben dabei häufig auf der Strecke. So darf Anna nicht auf das Eishockeyseminar fahren, auf das sie sich so gefreut hatte, weil sie in der Zeit eventuell für weitere Spenden gebraucht werden könnte.

„Bis dahin ist ausgeschlossen, dass sie nach Minnesota fährt. Nicht weil ich Angst habe, Anna könnte dort etwas passieren, sondern weil ich Angst habe, Kate könnte etwas passieren, wenn ihre Schwester nicht da ist. […] Und dann brauchen wir Anna – ihr Blut, ihre Stammzellen, ihr Gewebe – und zwar hier.“

Unlösbar

Jodi Picoult hat einen sehr persönlichen Roman vorgelegt, der uns die Personen wunderbar näher bringt und der es schafft, mit jedem mitfühlen zu lassen. Inhaltlich hat sie sich ein Thema herausgesucht, das ethisch schwierig zu beurteilen ist und gerade moralisch unlösbar erscheint. Wir können Annas Standpunkt sehr gut nachvollziehen, dass sie ihre Niere nicht spenden möchte, da dies einen schweren Eingriff in ihre eigene Gesundheit darstellen würde und sie danach ihr geliebtes Eishockeyspiel aufgeben müsste. Anna möchte mit ihren 13 Jahren endlich die Chance auf ein einigermaßen normales Leben haben und die Chance darauf, erwachsen zu werden (obwohl sie uns in den meisten Situationen doch schon sehr erwachsen vorkommt). Doch verbunden ist dies unweigerlich mit Kates Tod. Wie soll man hierzu eine Lösung finden? Jodi Picoult hat sich ein Ende ausgedacht, das dem Leser das Nach- und Weiterdenken ermöglicht. Sie präsentiert uns nicht ihre eigene Lösung, sondern schafft es sehr geschickt, diese Schwierigkeit zu umschiffen. Vielleicht trägt Picoult am Ende ein wenig dick auf, doch vielleicht war dies auch die einzig mögliche Auflösung in diesem Buch?!

„Beim Leben meiner Schwester“ regt zum eigenen Nachdenken an. Wie würde man selbst in dieser Situation reagieren? Ist es überhaupt gerechtfertigt, sich ein Wunschkind wie Anna erschaffen zu lassen, welches von Anfang an die Aufgabe des Spenders zu übernehmen hat? Aber ist es nicht auch völlig normal, dass Eltern alles Menschenmögliche versuchen wollen, um ihr krankes Kind zu retten? All dies sind Fragen, auf die es keine richtige und keine falsche Antwort gibt, daher fällt es uns schwer, das Buch aus der Hand zu legen und abzuschalten. Wenn wir das Buch am Ende zuklappen, rollt uns vielleicht sogar die eine oder andere Träne über die Wange, denn wir müssen loslassen von uns lieb gewonnenen Figuren. Durch die so persönlichen Schilderungen im Laufe der Geschichte haben wir uns besonders mit Anna richtig angefreundet, eine so „persönliche Beziehung“ habe ich nur selten zu Romanfiguren aufgebaut – und das, obwohl die reine Handlung des Buches nur eine gute Woche umfasst.


Etwas Besonderes

„Beim Leben meiner Schwester“ drückt auf die Tränendrüse, vielleicht ist es daher eher ein Buch für Frauen, ganz bestimmt ist es jedoch ein Buch, das Einfühlungsvermögen benötigt und die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Jodi Picoult hat ein Buch vorgelegt, das mich tief bewegt und mitgerissen hat. Der Roman ist flüssig geschrieben und schnell durchgelesen, dennoch ertappt man sich immer wieder dabei, dass man über die geschilderte Situation nachdenkt. Ein wenig störend empfand ich die beginnende Liebesgeschichte zwischen Campbell und Julia, ein reiner Familienroman wäre auch passend gewesen, insgesamt fügt sich aber sogar diese Liebelei ganz gut in das Gesamtgeschehen ein, da wir dadurch auch den Staranwalt aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen dürfen.

Das vorliegende Buch ist ein ganz persönliches Erlebnis, das ich jedem, der sich für dieses Thema und die damit verbundenen Fragen interessiert, nur wärmstens ans Herz legen kann.

Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: My Sister’s Keeper
ISBN-13: 978-3492247962
www.piper.de

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (24 Stimmen, Durchschnitt: 2,58 von 5)

Magnusson, Kristof – Zuhause

|“Alles war in bester Ordnung. Warum auch nicht? Ich hatte nichts gegen Weihnachten. Das Problem war, dass Weihnachten oft etwas gegen mich hatte.“|

Kristof Magnusson hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Vor fast genau einem Jahr habe ich ihn durch Zufall auf einer Lesung erleben dürfen, bei der er aus seinem damals noch unvollendeten Erstlingsroman „Zuhause“ vorgelesen hat. Der sympathische junge Autor und seine eindrucksvolle Lesung sorgten dabei für zahlreiche Lacher im Publikum und für eine ausgelassene Stimmung, sodass ich sicherlich nicht die Einzige bin, die seitdem erwartungsvoll auf die Veröffentlichung von Magnussons Debütwerk gewartet hat (und nun auch sehnsüchtig auf eine Fortsetzung hofft).

_Merry Christmas_

Lárus Lúðvígsson dreht Dokumentarfilme über Vögel in seiner zweiten Heimat Hamburg und möchte nun Weihnachten zusammen mit seiner Jugendfreundin Matilda und ihrem Freund Svend in Island feiern. Was er aber nicht weiß, ist, dass sich Matilda von Svend getrennt hat, weil er und ihre ganze Beziehung ihr zu perfekt vorgekommen sind. Nur nach und nach eröffnet Matilda Lárus, dass sie nun in eine schmuddelige Wohngemeinschaft gezogen ist, obwohl sie doch so stolz auf ihre eigene Wohnung war. Außerdem möchte sie nicht mehr als wandelnder „Expo-Pavillon“ (also als Reiseleiterin) arbeiten, sondern lieber Suppenköchin werden. Doch auch Lárus verschweigt seiner langjährigen Freundin einiges, denn er traut sich nicht zu sagen, dass sein Freund Milan ihn vor kurzem verlassen hat. Dennoch ist Lárus enttäuscht und versteht nicht, warum Matilda ihm nicht gleich alles anvertraut hat. Gleichzeitig bringt er es nicht übers Herz, Matilda von seiner Trennung zu erzählen. So brechen die beiden zusammen zum Flughafen auf, um Milan abzuholen, obwohl Lárus sehr genau weiß, dass dieses Vorhaben völlig vergeblich sein wird. Erstmals muss ihre Freundschaft größere Krisen überstehen …

Doch so kurz vor Weihnachten passiert noch mehr in Island: Matilda und Lárus werden Zeugen, wie die Wohnung von Lárus‘ ehemaligem Schulkameraden Dagur abbrennt. Da dieser ganz in der Nähe ist, kann er noch zur Rettung einiger ihm lieb gewonnener Dinge eilen. Todesmutig (oder auch lebensmüde) stürzt Dagur sich in die Flammen und wirft Teile seiner CD-Sammlung und einige Kleidungsstücke aus dem Fenster. Anschließend zieht Dagur ebenfalls in Matildas Wohngemeinschaft ein. Lárus und Dagur, die sich zu Schulzeiten nicht ausstehen konnten, freunden sich zaghaft an. Doch Lárus wird nicht schlau aus Dagur, der immer wieder auf seine Familie schimpft, aber nicht verraten möchte, was zwischen ihnen vorgefallen ist. Als Dagur sich in Lárus verliebt, sein merkwürdiges Verhalten aber nicht erklären möchte, rasen die beiden auf eine Katastrophe zu …

Gleichzeitig versucht Lárus, seine Erinnerungen an Milan und ihre gescheiterte Beziehung in Worte zu fassen. Diese Briefe möchte er an ein Institut für Liebeskranke in Zürich schicken, das anonym diese Erinnerungen aufbewahrt, damit ihre Besitzer sich nicht mehr mit ihnen herumquälen müssen. Durch diese Briefe gelangt Lárus zu ganz neuen Einsichten, die er langsam verarbeiten muss.

_Lebenskrisen_

Kristof Magnusson erzählt einen Roman über eine Gruppe von Menschen um die 30, die ihre ganz eigene Lebenskrise überstehen müssen und dabei einige Hindernisse zu überwinden haben. Zunächst beginnt „Zuhause“ als „Feel-good“-Roman, der mit viel Wortwitz geschrieben ist und zu Beginn trotz der beiden Trennungen sehr heiter klingt. Es hat den Anschein, als würden sich Lárus und Matilda über ihr Wiedersehen und auf das bevorstehende Weihnachtsfest freuen. Erst nach und nach bröckeln die Fassaden und beide müssen sich eingestehen, dass viel geschehen ist und nicht nur ihre Freundschaft sich verändert hat, sondern auch Lárus und Matilda selbst. Auf ihre jeweils eigene Art versuchen die beiden nun, mit diesen Veränderungen und ihrem Leben klarzukommen. Während Lárus, der komischerweise in Island für tot erklärt wurde, seine Hoffnungen in die aufgeschriebenen Erinnerungen setzt und gar nicht bemerkt, in welches Unglück sich Dagur stürzt, flüchtet sich Matilda in ihre Wohngemeinschaft und lässt sich mit einem fragwürdigen DJ ein, der es auf Lárus abgesehen hat.

Auf nur knapp mehr als 300 Seiten erkennt vor allem Lárus, dass er in der Vergangenheit einige Fehler gemacht hat und die Trennung von Milan eigentlich nicht ganz plötzlich kam, sondern ziemlich vorhersehbar war. Dennoch fällt Lárus diese Einsicht sehr schwer, da er in seinen aufgeschriebenen Erinnerungen zum ersten Mal sein eigenes Verhalten reflektiert und zu seinen Fehlern stehen muss. Erst im Laufe der Zeit bemerkt Lárus, dass er selbst sich ändern und sein eigenes Zuhause finden muss. Dabei kommt er ganz unbeabsichtigt hinter ein altes Familiengeheimnis.

Zusammen mit seinen Protagonisten macht der Roman eine spürbare Veränderung durch. Während die Erzählung anfangs vor Wortwitz sprühte und es keine Seite gab, auf der man nicht zumindest zum Schmunzeln verleitet wurde, wird die Wortwahl mit der Zeit ernster und melancholischer. Der feine Humor ist zwar durchweg spürbar, doch werden die erheiternden Episoden seltener und Magnusson präsentiert uns nicht mehr allzu abstruse Geschichten, von denen er zu Beginn zahlreiche einstreute. So merkt man auch der Erzählweise an, dass Lárus durch ein ziemlich tiefes Tal wandern muss, welches sowohl seine Gedanken betrifft als auch seine körperliche Gesundheit, die unter einigen Unfällen schwer zu leiden hat.

_Achtung: Wortwitz_

„Zuhause“ weiß auf seine eigene Art zu begeistern, das Buch ist sehr liebevoll geschrieben und genau beobachtet. Mit seiner treffenden Wortwahl und seinen teilweise mehr als passenden Metaphern verleiht Kristof Magnusson seinem Debütroman das gewisse Etwas und beweist, dass er mit Worten spielen kann und dies offenbar auch gerne tut. Es sind die kleinen Geschichten am Rande und die eingestreuten Episoden, manchmal aber auch nur einzelne Füllwörter, die mich mitgerissen und begeistert haben. Besonders auf der ersten Hälfte unterhält „Zuhause“ auf grandiose aber feinsinnige Weise. Kein Witz kommt aufdringlich daher oder wirkt peinlich, jede Zeile macht einen sympathischen Eindruck, sodass man sich einfach nur wohlfühlt in diesem Buch und in diesen Worten.

Magnusson beschreibt teils urkomische und herzerfrischende Episoden, deren Lektüre einfach Freude bereitet; er beobachtet selbst feine Nuancen wie beispielsweise den Unterschied zwischen „sich gegenseitig anschweigen“ und „jeder für sich schweigen“ und hebt sich damit positiv von der Masse ab.

S. 30: |“Das hatte sie von ihrem Vater. Der war beim Straßenbauamt von Reykjavík für die Geschwindigkeitsbegrenzungen zuständig, setzte Eisenrohre in den Asphalt und ließ Betonschwellen vor Kindergärten sowie Blindenheimen gießen. Er war auf einem Bauernhof am Ende einer langen holprigen Schotterpiste im Südland groß geworden, und problemlos befahrbare Straßen schienen ihm noch immer suspekt zu sein.“|

S. 32: |“Es war einer von diesen stillen, triumphalen Momenten, in denen ich gern die Fähigkeit besessen hätte, nur die linke Augenbraue heben zu können.“|

„Zuhause“ steckt voller Musik; in der Art eines Nick Hornby streut Kristof Magnusson zu vielen Situationen die passenden Musikzitate ein, die allerdings größtenteils eher unbekannt sind und daher eher weniger zu Ohrwürmern beim Leser führen. Dennoch könnte ich mir gut einen Soundtrack zu diesem Buch vorstellen, der die beschriebenen Situationen unterstreicht.

_Iceland meets Germany_

Obwohl die Romanhandlung komplett in Island spielt, gibt es immer wieder Rückbezüge auf Deutschland, da Lárus an Ereignisse aus Hamburg zurückdenkt oder seine Beziehung zu Milan reflektiert, die sich in Deutschland abgespielt hat. Lárus ist 30 Jahre alt und hat in beiden Ländern eine Wohnung, obwohl er schon als Kind mit seinem Vater nach Hamburg umgezogen ist. Dennoch zieht es Lárus immer wieder in seine Heimat, da er sich ihr weiterhin verbunden fühlt. Auch gibt es dort Matilda, mit der ihn eine tiefe Freundschaft verbindet. Es wird deutlich, dass Lárus sich noch nicht für sein Zuhause entschieden hat und erst noch herausfinden muss, ob er es in Island oder Deutschland finden wird.

Für Lárus stehen seine zwei Zuhause für völlig unterschiedliche Kulturen und für zwei voneinander getrennte Leben. Mit Deutschland verbinden ihn die Erinnerungen an Milan und die Angst, in einige Städte zu reisen, in denen die beiden gemeinsam gewesen sind. Zu Weihnachten verlässt Lárus daher seine deutsche Heimat, um sich in seine isländische Vergangenheit zu flüchten, nur um allerdings festzustellen, dass die Zeit dort auch nicht stehen geblieben ist und Matilda nicht mehr sein Fels in der Brandung ist, sondern ihr Leben in eine andere Bahn gelenkt hat. So begleiten wir Lárus auf einer ganz persönlichen Reise, auf der er mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und sich darum bemühen muss, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen.

_Home Sweet Home_

Am Ende bleibt eigentlich nur noch festzustellen, dass „Zuhause“ einfach Freude bereitet; Kristof Magnusson schreibt sympathisch, liebevoll und mit viel Wortwitz. Dabei zeichnet er Figuren, die zwar eine chaotische Phase durchmachen, aber gerade dadurch menschlich wirken, sodass wir beim Lesen mit ihnen fiebern und uns stellenweise durchaus mit ihnen identifizieren können. Inhaltlich geht es um Lárus‘ Identitätsfindung und um eine geheimnisvolle Familiengeschichte, die im Grunde genommen nicht wirklich spannend ist. Wen interessiert bei dieser wunderbaren Schreibweise noch, was mit Lárus‘ Mutter wirklich passiert ist? Wir registrieren diese Informationen ganz am Rande, konzentrieren unsere Aufmerksamkeit aber weiterhin auf die persönlichen Schicksale und Lárus‘ Weiterentwicklung und natürlich auf die amüsanten Episoden, die uns zum Lachen bringen.

„Zuhause“ beginnt sehr vielversprechend und überzeugt durch seinen Wortwitz, zum Ende hin lässt dies etwas nach, dennoch macht Magnussons Erstlingswerk Lust auf mehr, sodass ich schon jetzt auf eine Fortsetzung hoffe.

Naipaul, Vidiadhar S. – Magische Saat

Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul – einer der bedeutsamsten Englisch schreibenden Romanciers der Gegenwart. Umstritten, geschätzt, verachtet. Nun treibt sein Werk langsam dem Ende entgegen. Er weiß das, erkennt die Begleiterscheinungen des Alterns und will doch nicht zur Ruhe kommen. Es wäre für ihn ein Akt der Schwäche, sich einzureden, er habe nichts mehr zu tun, nun wo er dreiundsiebzig Jahre alt sei und Bestätigung erfahren habe. Bestätigung – einhergehend mit der verschwundenen Angst des Versagens – damit ist der Literaturnobelpreis gemeint, der dem indischstämmigen Autor 2001 verliehen wurde: „Für seine Werke, die hellhöriges Erzählen und unbestechliches Beobachten vereinen, und die uns zwingen, die Gegenwart verdrängter Geschichte zu sehen“, kommentierte die Königlich-Schwedische Akademie die Preisverleihung. In Naipauls nach seinen eigenen Worten letztem Roman „Magische Saat“ ist davon nur noch wenig zu spüren. Der Mensch hinter den Zeilen erinnert an einen alten, müden Wolf. Ein Zähnefletschen, immer noch in Auflehnung gegen die Zeit, ein Kratzen und Schnappen, gefangen gesetzt in einer ureigenen Misere, aus der es kein Entrinnen zu gibt – außer der eigenen Lebensmüdigkeit.

Es ist eine Begegnung mit einem alten Bekannten: Willie Chandran, die zerrissene Gestalt aus „Ein halbes Leben“. Nach seinem ruhelosen Aufbruch aus der beklemmenden Enge des indischen Subkontinents, seinen Irrwegen durch das befremdliche Nachkriegslondon und einem temporärem Verschnaufen von rund zwanzig Jahren in Afrika, flieht Chandran schließlich nach Westberlin. Seine Schwester Sarojini – ebenfalls vor den indischen Wurzeln geflohen – hat sich hier ein neues Leben aufgebaut, zusammengehalten von marxistischer Ideologie, Kulturkritik und Weltverbesserungsträumen. Während Willie immer wieder strauchelte, scheint sie in der Lage, frei zu stehen. Doch um ihre neue Identität zu wahren, muss die Schwester den Bruder in ihr eigenes Weltbild zwängen und drängt ihn schließlich in den Entschluss, Berlin, Europa, den Westen zu verlassen und nach Indien zurückzukehren, um sich dort einer Revolutionsbewegung der Untersten anzuschließen. Etwas für andere Menschen zu tun und sich wahren Idealen zu zuwenden. Gewappnet mit einem neuen Selbstwertgefühl und den Lehren Gandhis im Gepäck, kehrt Willie in seine einstige Heimat zurück – doch das Einzige, was ihm begegnet, ist abermals Fremdheit. Die Hoffnung, eigene Wurzeln und den richtigen Platz in der Welt zu finden, versinkt im Morast einer neuen Odyssee. Ziellos treibt der revolutionäre Widerstand durch den schwülen, indischen Dschungel, verfängt sich im Spannungsfeld zwischen indigener Tradition und postkolonialer Katerstimmung und geht schließlich in eigenen Trugbildern verloren zu Grunde.

Willie, selbst ohne Halt, begegnet in Form einzelner Rebellen diversen Facetten dieser hoffnungslosen, verlogenen Welt und wird in ihrem trüben Kielwasser fortgespült. Erst als er plötzlich zu einem Mord gedrängt wird, erkennt er, dass er dieser Welt entfliehen muss, will er nicht wie all die anderen Gescheiterten in ihr enden. Auf die Jahre im Dschungel folgen Jahre im Gefängnis. Denn als sich Willie der Polizei stellt, weiß er nicht, dass Kapitulation keinen Passierschein in die Freiheit garantiert. Doch mit dem Gefängnis kommt Zeit für Selbstreflexion, Willie findet Ruhe, ja, Normalität – und sogar Glück. Es ist ein alter Bekannter aus der Revolutionsbewegung, der Willies Leben schließlich wieder ins Trudeln bringt – es droht gar Hinrichtung – und erneut flieht Willie Chandran aus dem Land seiner Kindheit. Erneut wartet London und erneut gibt es nur Unruhe.

Als ein „Dahintreiben“ beschreibt Willie sein Leben. Gleiches gilt für das Buch selbst. „Magische Saat“ gleicht einer Irrfahrt und wirkt dabei nicht einmal trist, sondern eher ziellos, schleppend, fad: „It’s a calamity, it’s a great period of boredom and nothing happening and life being eaten away and mind being eaten away.“ Mit diesen Worten charakterisierte Naipaul das Dasein seines Protagonisten im September 2004 in einem BBC-Interview. Das ist Willie Chandran, das ist die „Magische Saat“ – ist das auch der Autor selbst? Streckenweise ist man stark versucht, „Magische Saat“ als ein letztes Durchdenken des eigenen Lebens, der eigenen Geschichte und der eigenen Umwelt zu lesen. Und als eine Art Abrechnung. Gerade wenn dieses letzte Buch den Schlussstrich unter Naipauls Werk ziehen soll. Im Zusammenspiel mit „Ein halbes Leben“ wäre es dann der Epilog einer ambivalenten, vielschichtigen Schriftstellerkarriere. Auch wenn diese zweite Hälfte, im Gegensatz zur ersten, einen staubigen und stumpfen Eindruck hinterlässt – kein „sauberes, kaltes Messer“ mehr, keine Perfektion.

Die Zähne des Wolfs sind längst nicht mehr schneidend scharf – auch wenn er immer noch versucht zu beißen –, dem Unvermeidlichen kann er nicht entgehen. Bei der Lektüre beschleicht einen dabei wiederholt das Gefühl, als schreibe hier die Erbitterung für sich selbst; der Leser wird stets auf Distanz gehalten, vermag die Botschaft nicht zu ergreifen, aber sehr wohl zu erahnen. Vielleicht ist Naipaul, der „Humanist der Moderne“, wirklich einmal politisch „inkorrekt“ gewesen, indem er gegen alles und jeden – Blumen, den Iran, Kinder, Multikulturalismus, Tony Blair – wetterte. Inzwischen wirkt er nur noch müde, aber zumindest immer noch ehrlich. Vielleicht ist mit der Angst vor dem Versagen auch das Verständnis für die Welt und das eigene Ich verschwunden. Was dann bleibt, sind Zweifel …

_Michel Bernhardt_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

La Galite, John – Zacharias

S. 5: |“Eine Schneeflocke hat sich auf den Ärmel meines Anoraks gesetzt, ich habe hochgeschaut. Die Frau ist auf der Höhe vom sechsten Stock. Meine Mutter und ich wohnen im siebten. Die Frau auch. Sie ist unsere Nachbarin. Sie hat sich gerade aus dem Fenster gestürzt. Die Tür der Dachterrasse darüber ist abgeschlossen; kein Mieter hat den Schlüssel. Außer mir. Niemand weiß es. Der Verwalter hat ihn eines Tages im Schloss vergessen.“|

„Zacharias“ wurde von der Kritik mit Lob überhäuft, verkaufte sich in Frankreich 100.000-mal, wurde dadurch zum Bestseller und gewann den renommierten „Grand Prix RTL/Lire“. Wenn man das schmale Buch aber in die Hand nimmt und die ersten Seiten liest, wundert man sich doch ein wenig über die Lobpreisungen. Von einem psychologischen Spannungsroman ist nichts zu spüren und die kurzen aneinandergereihten Hauptsätze stören den Lesefluss erheblich. „Zacharias“ braucht einfach seine Zeit, um sich zu entwickeln … Beginnen wir beim Inhalt:

Zacharias ist zwölf Jahre alt, recht kleingewachsen und an Diabetes erkrankt. Jeden Tag muss er sich daher zwei Insulinspritzen setzen, außerdem versuchen seine Mutter und er, Standardrituale einzuhalten, um der Zuckerkrankheit Einhalt zu gebieten. Einen Vater gibt es nicht, warum, wird uns vorenthalten. Gleich in der ersten Szene beobachtet Zacharias, wie sich die Frau aus der Wohnung nebenan aus ihrem Fenster im siebten Stock in die Tiefe stürzt. Er kann genau beobachten, wie ihr Haar nach oben gezogen wird und die Frau mit den Armen rudert, kurz darauf landet sie auf dem Boden und Zacharias deckt seinen Anorak über den reglosen Körper und wundert sich, dass in der Nachbarschaft Frauen überfallen werden. Ein Mörder hat schon drei Opfer auf seinem Gewissen.

Kurze Zeit später bezieht ein unbekannter Motorradfahrer die nachbarliche Wohnung der toten Frau. Zacharias beobachtet den merkwürdigen Mann, der des Nachts von der gegenüberliegenden Seite aus die Wohnungen in Zacharias‘ Haus ausspioniert. Während bei Zacharias Zweifel und Abneigung entstehen, beginnt seine Mutter, sich auffällig für den Nachbarn zu interessieren. Doch dann hat der Nachbar – Jacob – einen schweren Unfall, bei dem er sich den Hals bricht. Fortan liegt er als Pflegefall in seiner Wohnung. Zacharias‘ Mutter, die als Krankenschwester arbeitet, springt aufgrund ihrer finanziellen Sorgen als Pflegerin für Jacob ein. Da fasst Zacharias einen Plan: Nach einem selbstinszenierten Ohnmachtsanfall in der Schule besucht er seine Mutter beim gemeinsamen Nachbarn. Er hilft bei der Pflege mit und macht sich stückchenweise für seine überarbeitete Mutter unentbehrlich. Es dauert nicht lange, bis seine Mutter ihn mit Jacob alleine lässt, um ihren Schlaf nachzuholen.

Nun kann der Plan in die nächste Phase gehen, Zacharias beginnt kleine Psychospielchen mit dem Nachbarn und verhört ihn. Handelt es sich womöglich bei Jacob um den gesuchten Mörder? Immerhin haben die Morde aufgehört seit seinem Unfall. Durch gezielte Fragen und Beobachtungen kommt Zacharias dem Mörder langsam auf die Spur …

Lange dauert es, bis man sich in diesem Buch warm gelesen hat. Zunächst ahnt man nicht, worauf die Erzählung hinauslaufen wird, außerdem sind die kurzen Sätze und die schlicht gestrickte Sprache sehr ungewohnt. Der verschwenderische Umgang mit kurzen Hauptsätzen stört den Lesefluss erheblich, da man ständig an den nächsten Punkt gerät, nach dem man neu ansetzen muss. Auch sind die Kapitel meist nur zwei oder drei Seiten kurz; so werden künstlich immer wieder Zäsuren eingefügt, die die Erzählung unterbrechen. Sprachlich empfinde ich „Zacharias“ daher als sehr ungewöhnlich, ich würde die Sprache nicht einmal als kindlich bezeichnen, sondern eher als hektisch. Die Geschichte macht den Eindruck, als wäre sie in Konzeptform flüchtig aufs Papier geworfen worden, um hinterher vielleicht einmal entsprechend ausformuliert zu werden. Doch irgendwie passt dies zu der zugrunde liegenden Geschichte, in der ein kleiner Junge sich heimlich auf die Suche nach einem Mörder macht und in dessen Kopf dabei die merkwürdigsten Ideen zu entstehen scheinen.

Wir begleiten Zacharias stets in seinen Gedanken, er präsentiert uns seine Ideen und seinen Plan, wir sind dabei, wie er in der Schule den Ohnmachtsanfall provoziert, wie er seinen Arzt genau beobachtet und wie er sich nachts mit seinem neu erworbenen Fernglas davonstiehlt, um ebenfalls fremde Wohnungen auszuspionieren. Doch obwohl wir eigentlich immer dabei sind, enthält Zacharias uns gewisse Informationen vor, er präsentiert uns gefiltert nur die Dinge, die er uns zeigen möchte. Am Ende erfahren wir, was er uns verschwiegen hat, sodass der Leser hinterher einige Bilder verwerfen muss, die beim Lesen entstanden sind. So führen uns John La Galite und Zacharias geschickt vor, denn die meisten Leser werden von dem uns dargebotenen Ende sicher überrascht sein.

So schlicht wie „Zacharias“ erzählt ist, so tiefsinnig ist das Buch doch auch. Obwohl die Hauptfigur erst zwölf Jahre alt ist und durch seine kleine Statur und die Zuckerkrankheit so verletzbar wirkt, schafft Zacharias es dennoch, durch oscarreife Schauspielleistungen sein Umfeld zu täuschen. In kleinen psychologischen Spielchen zeigt er, dass er nicht nur seine Mutter im Griff hat, sondern dass er auch den schwer verletzten Jacob beeinflussen kann, auch wenn er hier erstmals an seine Grenzen zu stoßen scheint. Vordergründig werden uns die Figuren nur recht oberflächlich beschrieben, doch zwischen den Zeilen kann man so viel mehr herauslesen. Nur durch Zacharias‘ Denken und Handeln können wir uns ein adäquates Bild zurechtlegen, wobei man hier mit viel Einfühlungsvermögen zu Werke gehen muss, da Zacharias nicht nur seine Mutter hereinlegen möchte, sondern auch seine Leser. Dadurch erhält das Buch aber seinen besonderen Reiz, da man somit viel in die Erzählung hineininterpretieren kann, aber am Ende dann doch überrascht wird. So sitzt man im Anschluss an die Lektüre erst einmal da, blättert im Buch zurück, liest einige Passagen noch einmal und muss den Aha-Effekt nachvollziehen. Hier kann der Groschen schon einmal pfennigweise fallen, aber dann trifft uns die Erkenntnis mit voller Wucht. Klasse gemacht!

Wer jedoch mit den Erwartungen an einen (Psycho-)Thriller nach bekanntem Strickmuster an das Buch herangeht, der dürfte enttäuscht werden. Trotz der nur zweihundert Seiten, braucht „Zacharias“ mehr als hundert davon, um ins Rollen zu kommen. Die Geschichte beginnt zwar mit einem Knalleffekt, nämlich dem Fenstersturz der Nachbarin, doch anschließend plätschert die Handlung ein wenig vor sich hin und der Leser ahnt nur ganz allmählich, welchen Plan Zacharias verfolgt. Der kleine Junge ist uns immer mindestens einen Schritt voraus und nur er weiß, was noch passieren wird. Wir tappen im Dunkeln und warten auf den Beginn der Verhöre und auf die ersten Schritte auf der Mörderjagd. Doch müssen wir uns lange Zeit gedulden, denn zunächst erfolgt eine ausführliche Vorstellung von und durch Zacharias. Diese Figur steht immer im Mittelpunkt und die Suche nach dem Mörder geschieht eigentlich nur am Rande. Allerdings erfahren wir am Ende auch, wie beides miteinander zusammenhängt, erst auf der allerletzten Seite fügt sich das letzte Mosaiksteinchen in das Gesamtbild ein und rundet die Erzählung ab.

„Zacharias“ ist ungewöhnlich, unaufdringlich und anders, die Sprache schreckt etwas ab und wirkt ziemlich holperig und unausgegoren, doch ist sie ein bewusst eingesetztes Stilmittel, welches durchaus in das Gesamtkonzept passt. John La Galite präsentiert uns eine innovative Geschichte, die zu allerlei psychologischen Mitteln greift und den Leser zum Miträtseln auffordert. Alles scheint klar und eindeutig, aber das ist es nicht; am Ende wartet eine Überraschung auf uns, die es in sich hat. Man muss sich schon auf die spezielle Erzählweise des Buches einlassen und seine normalen Erwartungen an einen Spannungsroman abschalten, dann überzeugt diese so unauffällig daherkommende Geschichte und begeistert sogar, allerdings erst, nachdem man noch einmal eine Nacht darüber geschlafen und die Eindrücke auf sich wirken gelassen hat.

Jones, Edward P. – bekannte Welt, Die

Zehn Jahre hat Edward P. Jones sein Romandebüt „Die bekannte Welt“ vorbereitet. Nun erntet er die Früchte dieser langjährigen Arbeit. „Die bekannte Welt“ war kaum erschienen, da sorgte das Buch auch schon für Furore, nicht zuletzt aufgrund der brisanten Thematik. 2004 heimste Edward P. Jones den Pulitzerpreis ein, in diesem Jahr folgte der IMPAC Award 2005. Reichlich Vorschusslorbeeren, die eine entsprechend hohe Erwartungshaltung wecken.

„Die bekannte Welt“ spielt Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA. Für die meisten Schwarzen endete in Virginia die ihnen bekannte Welt an der Grundstücksgrenze der Plantage, auf der sie arbeiteten. Was dahinter lag, war unbekannt, fremd und Stoff für Träume. So erging es auch Henry Townsend in jungen Jahren. Er wuchs als Sklave auf der Plantage von William Robbins auf. Sein Vater ist einer der Schwarzen, die es geschafft haben. Aufgrund seiner außerordentlichen Begabung in der Verarbeitung von Holz, verdient er sich etwas dazu und spart genug an, um zunächst sich selbst, dann seine Frau Mildred und zuletzt seinen Sohn Henry freizukaufen.

Henry steht fortan auf eigenen Füßen und er macht etwas daraus. Schon bald hat Henry, dank der Unterstützung durch William Robbins, der ihn fast wie einen Sohn behandelt, seine eigene Plantage – mit seinen eigenen Sklaven. Aus heutiger Sicht wirkt es geradezu absurd, dass ein Schwarzer, noch dazu ein ehemaliger Sklave, selbst zum Handlanger der Sklaverei wird, für Henry ist es weder ungewöhnlich noch verwerflich. Zusammen mit seiner Frau Caldonia bewirtschaftet er seine Plantage mit einer stetig größer werdenden Schar Sklaven. Doch das Glück ist nicht von Dauer. Henry stirbt relativ jung, seine Frau Caldonia steht fortan allein vor der Aufgabe, die Plantage am Laufen zu halten. Dennoch kann sie nicht verhindern, dass sich Chaos auf der Plantage einschleicht. Caldonia drohen die Zügel zu entgleiten …

„Die bekannte Welt“ ist weniger eine geradlinig erzählte Geschichte, sondern vielmehr das vielschichtige und groß angelegte Portrait einer ganzen Epoche. In diesem Portrait spiegelt sich eine Phase der Aufbruchstimmung wieder. Immer mehr Sklaven erlangen die Freiheit, auf den ersten Plantagen kommt es zu Aufständen und der Krieg zwischen Süd- und Nordstaaten liegt genauso wie das offizielle Ende der Sklaverei nicht mehr in weiter Ferne. Innerhalb dieser Epoche hat Jones sich ein dunkles und relativ unbekanntes Kapitel herausgefischt: freie Schwarze, die selbst zu Sklavenhaltern werden.

Jones fängt diese Phase der Geschichte ein und skizziert sie anhand einer so großen Vielfalt von Figuren, dass er sogar ein Namensverzeichnis für sinnvoll erachtet hat. Und das ist durchaus angebracht. Jones präsentiert dermaßen viele Figuren, dass man als Leser schon Acht geben muss, dass man nicht den Überblick verliert. So verlangt der Roman ein recht hohes Maß an Aufmerksamkeit, belohnt den Leser aber eben auch mit einem faszinierend breit gefächerten Bild der damaligen Zeit. Jones zeigt alle Seiten auf: Sklaven und Sklavenhalter, Weiße und Schwarze, Freie und Unfreie, Gesetzeshüter und Sklaveneinfänger, Rechtschaffende und Gesetzlose.

Jones Roman weist schon eine beachtliche Tiefe auf. Trotz der Vielzahl der Figuren schafft er es, dem Leser Handlungen und Handelnde nahe zu bringen. Das Innenleben der Protagonisten wird größtenteils recht deutlich, was in Anbetracht der Fülle an Figuren schon beachtenswert ist. „Die bekannte Welt“ ist ein Roman, der uns tief in das Geschehen zieht und eine recht dichte Atmosphäre aufweist, ohne wirklich Spannung zu bieten. Die damalige Zeit wird greifbar und der Roman wirkt insgesamt sehr plastisch in seinen Schilderungen.

Was Jones‘ Erzählweise besonders auszeichnet, ist sein großer Weitblick. Immer wieder streut Jones ein, was aus handelnden Nebenfiguren später einmal wird. Das ist eine Mischung aus Preisgeben und Andeuten, die zum portraitierenden Charakter des Buches beiträgt und dabei hilft, die damaligen Ereignisse in ihrer Bedeutung zu ermessen. Das ist einerseits sehr schön, denn man spürt beim Lesen immer wieder, dass unter der Oberfläche dieses Romans etwas ganz Großes atmet, aber das kann nicht über Schwächen hinwegtäuschen, die ein wenig die Freude trüben.

Jones springt innerhalb der Handlung unglaublich viel hin und her. Ausgehend von Henrys Tod, zieht er seine Geschichte auf und blickt sowohl auf zurückliegende Ereignisse wie auch auf zukünftige. Zusammen mit der Vielzahl an Figuren ergibt das den Effekt der zeitweiligen Desorientierung. Ich habe mich beim Lesen ab und zu mal gefragt, an welcher Stelle der Chronologie sich die Geschichte eigentlich gerade befindet. Manchmal neigt man bei der Lektüre ein wenig dazu, den zeitlichen Rahmen aus den Augen zu verlieren, einfach weil Perspektive und Figuren stetig wechseln.

Teilweise hatte ich obendrein das Gefühl, dass Jones in seiner weitblickenden, stets vorausschauenden Erzählweise ein wenig zu weit geht. So kommt es beispielsweise vor, dass während einer Unterhaltung zwischen zwei Figuren immer wieder auf bestimmte zukünftige Ereignisse eingegangen wird. Eine Figur sagt einen Satz, anschließend lässt Jones den Blick in die Zukunft schweifen, als nächstes gibt eine andere Figur eine Antwort auf den vorangegangenen Satz, während Jones gleich darauf wieder in die Zukunft springt. Diese Wechsel mitten in den Dialogen haben den etwas unangenehmen Nebeneffekt, dass sie die Geschichte zerstückeln. Ohne etwas gegen Zeitsprünge zu haben, sind mir Zeitwechsel dieser Art einfach zu abgehackt. Sie trüben die Atmosphäre und in meinen Augen hätte Jones gut daran getan, von solchen Spielereien die Finger zu lassen.

Recht unscheinbar ist Edward P. Jones in seiner ganzen Erzählart. Sprachlich wirkt der Roman sehr unauffällig und schlicht, geradezu einfach. Jones erzählt sehr zurückhaltend und bringt trotz dieser sehr einfachen Art seine Figuren recht gut zur Geltung. Er gibt ihnen viel Raum sich zu entfalten. Sie bilden den unumstrittenen Mittelpunkt der Geschichte. Sie wachsen einem im Laufe des Romans durchaus ans Herz und wirken so durch und durch menschlich, dass man sie fast für echt halten möchte.

Jones zeichnet ein lebhaftes Bild einer Epoche, in dem auch Platz für viele kritische und nachdenklich stimmende Zwischentöne ist. Allein die Tatsache, dass Henry Townsend, die zentrale Figur der Geschichte, ein Schwarzer ist, der selbst Sklaven hält, zeigt schon, dass Jones (ebenfalls Afroamerikaner) durchaus auch zur Kritik an der eigenen Rasse fähig ist.

In der Handlung tauchen einige freie, teils sklavenhaltende Schwarze auf, die einem zu manchen Punkten der Handlung das Gefühl geben, dass die Hautfarbe vielleicht doch keine so große Rolle spielen mag, wie es uns die reale Geschichte eigentlich gelehrt hat – zumindest solange man frei ist. Aber diese Flausen weiß Jones einem auszutreiben. Knallhart holt er den Leser auf den Boden der Tatsachen zurück und zeigt, wie sehr die Hautfarbe doch alles dominiert und liefert mit seinem Roman letztendlich Material für interessante Gedankenspielereien. Jones zwingt den Leser dazu, die Perspektive zu wechseln und den Horizont zu verändern. Schon deswegen wird man das Buch nach der Lektüre noch eine ganze Weile im Gedächtnis behalten.

Was die historischen Hintergründe anbelangt, so wird es schwierig, wirklich stichhaltige Informationen zu finden. Die Frage, ob es damals wirklich schwarze Sklavenhalter gab oder nicht und wenn ja, wie viele, lässt sich kaum befriedigend beantworten – kein Wunder also, dass Jones selbst zehn Jahre in die Recherche investiert hat, bevor er sich daran machte, seine Geschichte innerhalb von sechs Monaten aufzuschreiben. Er selbst bezeichnet den Roman vielsagend als „historisch stichhaltig aber zu 98 Prozent erfunden“.

Alles in allem schlägt man das Buch am Ende mit etwas gemischten Gefühlen zu. Man spürt beim Lesen, dass unter der Oberfläche von Jones‘ Debütroman etwas Großartiges schlummert, aber es dringt nicht immer bis an die Oberfläche und ist nicht immer ganz leicht zu erfassen. Der Erzählfluss wird immer wieder für Rück- und Vorblenden unterbrochen, was in einigen Momenten etwas abgehackt wirkt und es dem Leser erschwert, die Chronologie im Auge zu behalten. Jones‘ Stil wirkt einfach und nüchtern, hin und wieder funkelt in manchen Absätzen aber auch eine gewisse Poesie auf.

Die Vielfalt der Figuren wirkt zunächst etwas unübersichtlich, ist aber vielleicht auch gerade deswegen in der Lage, ein weitreichendes Bild der damaligen Zeit zu skizzieren. Nicht immer bis in den letzten Winkel fesselnd, aber dennoch ist „Die bekannte Welt“ eine Geschichte, die man mit großem Interesse weiterverfolgt. Jones‘ Weitblick in erzählerischer Hinsicht und die Tiefe der Erzählung ganz allgemein ermuntern zum stetigen Weiterlesen. Jones skizziert ein groß angelegtes Gemälde einer ganzen Epoche, das vor allem wegen seiner nahe gehenden Figuren im Gedächtnis bleiben dürfte.

McLiam Wilson, Robert – Eureka Street, Belfast

Rob, bist du das? Ich hatte kaum zwei Sätze gelesen, schon fühlte ich mich stark an Rob, den Plattenladenbesitzer aus Nick Hornbys „High Fidelity“, erinnert. Kritischer Blick auf den Buchdeckel. Nein, kein Hornby. Also doch nicht Rob, auch wenn die ersten Sätze aus „Eureka Street, Belfast“ auch von ihm stammen könnten: |“Es war an einem späten Freitagabend, vor sechs Monaten, sechs Monate, seit Sarah weg war. Ich saß in einem Pub und plauderte mit einer Kellnerin namens Mary. Sie hatte kurzes Haar, einen sehr runden Arsch und große, traurige Kinderaugen. Ich kannte sie gerade mal drei Stunden und kriegte schon die Zweijahreskrise.“|

Der Mann mit der Zweijahreskrise ist Jake. Von der Freundin verlassen, lebt er allein mit seinem Kater in Belfast und geht miesen Jobs nach, für die er eigentlich überqualifiziert ist. Seit er von seiner Freundin verlassen wurde, die es in Nordirland nicht mehr ausgehalten hat, hat er kein gutes Händchen mehr in Bezug auf Frauen. Die meisten Annäherungsversuche enden entweder damit, dass er beschimpft oder verprügelt wird oder beides.

„Eureka Street, Belfast“ erzählt die Geschichte von Jake, allerdings nicht nur die Geschichte von Jake. Im Grunde geht es um eine Clique schräger Vögel, von denen einer Jake ist. Ein anderer schräger Vogel und Jakes bester Freund ist Chuckie. Chuckie ist ein Spinner, ein Phantast. Er ist dreißig, hat aber noch immer kein eigenes Geld verdient. Dennoch träumt er davon, reich zu werden, und wie durch ein Wunder kommt der Träumer schon bald seinem Ziel ein Stückchen näher, als er merkt, dass er die verrücktesten Ideen zu Geld machen kann.

|“Als Chuckie noch arm war, waren auch seine Tagträume eher bescheiden gewesen: ein Auto, ein leichter Job, oraler Sex mit Filmstars, den Mädchen von der Wettervorhersage und Gameshowmoderatorinnen. […] Jetzt aber träumte Chuckie davon, das Sozialministerium und die Royal Ulster Constabulary aufzukaufen. Vor allem aber träumte Chuckie davon, Irland aufzukaufen. Er sah die Anzeige des Immobilienmaklers für die Irland-Auktion schon vor sich: Schönes altes Land, kürzlich geteilt. Politisch leicht reparaturbedürftig. Sofort zu verkaufen.“|

Zugegeben, sowohl Chuckies Träumereien als auch seine „Projekte“ muten etwas absurd und merkwürdig an, dennoch verleihen sie dem Buch einiges an Witz. Chuckies Aufstieg vom armen Schlucker zum Selfmade-Man hat schon etwas unglaublich Skurriles. Dennoch wird er, teils durch seinen geschäftlichen Aufstieg, teils durch seine Liebe zu Max, einer Amerikanerin, im Laufe des Buches langsam erwachsen.

Jake dagegen scheint immer wieder auf der Stelle zu treten. Gerade anfangs konnte ich mich nie so recht entscheiden, ob ich ihn mögen soll oder nicht. Einerseits ist er ziemlich rücksichtslos und gleichgültig, andererseits zeigt er auch immer mal wieder, dass unter der harten Schale ein weicher Kern steckt und dass er doch vernünftigere Ansichten hat, als man ihm zunächst zutraut.

Besonders deutlich wird dies immer wieder in seinen politischen Auseinandersetzungen mit Aoirghe, einer ebenso überzeugten wie radikalen Republikanerin. In diesen Momenten kommt, wie an vielen anderen Stellen auch, immer wieder der Nordirlandkonflikt zum Tragen. Jake ist Katholik, Chuckie Protestant. Die beiden haben keinerlei Probleme mit der religiösen Gesinnung des anderen. Für sie zählt die Freundschaft mehr als republikanische oder unionistische Interessen.

Dass eine solche Haltung in Belfast nicht selbstverständlich ist, zeigt sich immer wieder sehr deutlich an den teils wirklich absurden Auswüchsen, die der Nordirlandkonflikt im Alltag annimmt. Sei es der Friedenszug von Belfast nach Dublin, der gegen den ständigen Bombenterror auf der Bahnstrecke protestieren will und seine Fahrt prompt wegen einer Bombendrohung abbrechen muss, oder die haarsträubenden Gespräche, die Jakes Arbeitskollegen mit ihm führen, in dem Glauben, er wäre wie sie Protestant. An solchen Punkten stimmt einen das Buch immer wieder nachdenklich, auch wenn in den Worten des Autors oft ein Prise Sarkasmus mitschwingt.

Was an „Eureka Street, Belfast“ besonders fasziniert, sind die Beschreibungen des alltäglichen, ganz normalen Wahnsinns zwischen Bombenterror und UVF- bzw. IRA-Slogans. |“Du hast die Fahnen gesehen, die Schrift auf den Wänden, die Blumen auf dem Pflaster. Das hier ist eine Stadt, in der die Menschen bereit sind, für ein paar bunte Stofffetzen zu töten und zu sterben. Das sind die Normen zweier Völker, die ein vier- oder achthundertjähriger nationaler und religiöser Unterschied spaltet.“|

Es ist schon schockierend und faszinierend zugleich, wie sich unter solchen Bedingungen etwas wie Alltag einstellen kann. Jake und seine Freunde scheinen aus dem Chaos inmitten all des Terrors das Beste zu machen. Der Terror ist allgegenwärtig, und dennoch scheint er weder Chuckie noch Jake sonderlich zu beeindrucken. Der Alltag läuft weiter: |“Es war natürlich nichts Ernstes. Ein stinknormales Belfaster Bombenattentat. Nicht viel zu erzählen. Niemand ist gestorben, niemand hat geblutet. Nichts Besonderes. […] Was war uns denn schon passiert? Seit wann macht einer Piep, wenn’s bei den Nachbarn knallt?“|

Die fast schon spielerische Art, mit der Autor Robert McLiam Wilson den Terror teilweise bis ins kleinste Detail beschreibt, und die Art, wie er anschließend wieder zur Tagesordnung übergeht, hat schon etwas Schockierendes und Brutales. Dadurch wird deutlich, wie das Leben der Menschen in Belfast inmitten des Terrors abläuft. Auf jede Bombe folgt auch wieder Alltag. Für die Menschen, die nicht in so einem Konflikt aufgewachsen sind, undenkbar. Doch auch Kritik schwingt in vielen Beschreibungen Wilsons von Belfast mit: |“Man hat Erde ins Meer gekippt, und darauf wurde Belfast gebaut. Morast, Neuland. Die Stadt ist eine Düne, ein Widerlager. Die Einheimischen sagen, sie sei dem Wasser entstiegen wie ein Gott, die Wahrheit aber ist, man hat sie ins Meer gekippt, doch sie ist nicht versunken.“

Viele der Szenen des Buches spielen in den ärmeren Stadtteilen von Belfast, wo die Extremisten beider Seiten noch die Zügel in der Hand halten. Eine Stadt zwischen Ausnahmezustand und Alltag. Menschen zwischen Aufruhr und alltäglichem Trott. So in etwa sieht das Bild aus, das Wilson von Belfast zeichnet. Eine Stadt, wie es in England oder Irland viele gibt, und dennoch ist alles anders.

Der Klappentext versteht Wilsons Sicht der Stadt als Liebeserklärung an Belfast und tatsächlich scheint es stellenweise so zu sein. Inmitten all des Terrors schafft er es, Belfast mit seinen Bewohnern immer wieder von einer faszinierenden, fast liebenswürdigen und menschlichen Seite zu zeigen.

„Eureka Street, Belfast“ scheint irgendwie immer zwischen Dramatik und Leichtigkeit hin und her zu pendeln. Es gibt genauso viele Szenen zum Schmunzeln, wie es Augenblicke zum Innehalten und Nachdenken gibt und Momente, die einen schockieren. Die Story hat viel „Drive“, entwickelt sich flott und mit einem durch ständige Perspektivenwechsel angeheizten Tempo.

Gesamturteil: Lesenswert, um es kurz und knackig auf den Punkt zu bringen. „Eureka Street, Belfast“ vereint schräge Figuren, alltägliches Leben und den Herzschlag einer vom Terror geplagten Stadt. Und Robert McLiam Wilson versteht sich genug aufs Geschichten erzählen, dass er daraus ein wirkliches mitreißendes Buch macht.

Reed, Kit – Körperkult

Jung, schlank, schön – das Idealbild des Menschen der oberflächlichen, modernen, globalisierten Gesellschaft. In gewisser Weise trifft das schon heute zu, wenngleich mehr im Seifenopern-Leben der TV-Landschaften als in der Realität. In besonderem Maße trifft es auf die Menschen in Kit Reeds visionären Zukunftsroman „Körperkult“ zu.

_Dein Körper ist ein Tempel!_

„Körperkult“ wirft einen Blick auf das Amerika der möglicherweise nicht mehr allzu fernen Zukunft. Die Religionen versinken in der Bedeutungslosigkeit. Die Menschen glauben nicht mehr an Gott, sondern an Schönheit und Jugend. Der Körper ist der Tempel, in dem dieser neue Glaube zelebriert wird. Oberster Prediger der Glaubensgemeinschaft ist Reverend Earl Sharpnack – ein charismatischer Redner, der mit Fitnessclubs, Diätprodukten und Schlankheitskuren Milliarden scheffelt und sich ein gigantisches Imperium geschaffen hat.

Die Menschen eifern alle denselben Idealen nach: Schlank wollen sie sein, schön, gut gekleidet und auf ewig jung. Wer nicht in dieses Raster passt, wer von der Schönheitsnorm abweicht, bekommt die Folgen bitter zu spüren. Dicke werden in den Untergrund verbannt, Magersüchtige werden in geschlossenen Anstalten wieder auf Normgewicht gebracht, gut betuchte Übergewichtige erkaufen sich einen Platz in Sylphania, einem riesigen Wüstencamp, wo die Menschen gemeinschaftlich abnehmen und sich auf ein „Leben nach dem Fett“ vorbereiten.

Reed stellt in ihrem Roman mehrere Menschen vor, die ihre ganz eigenen Probleme mit dem aufgezwungenen Idealbild haben. Da wäre zum einen die 16-jährige Annie, die ihre Magersucht so lange geheim halten kann, bis ihre Eltern sie eines Tages erwischen. Da ihr Vater diese Schande möglichst schnell beseitigt sehen möchte, ruft er die „Guten Schwestern“ herbei, die Annie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in eines ihrer Klöstern bringen. Die Guten Schwestern sind ein obskurer Nonnenorden und Teil von Reverend Earls Imperium. Übergewichtige und Magersüchtige werden in ihren Einrichtungen weggesperrt, ohne Chance auf ein Entrinnen. Annies Geschwister, die Zwillinge Betz und Danny, sind nicht bereit das hinzunehmen und machen sich zusammen mit Annies Freund Dave auf die Suche nach dem Kloster, in dem Annie festgehalten wird.

Eine gänzlich andere und dennoch sehr ähnliche Geschichte erzählt Jeremy. Der reiche aber übergewichtige Geschäftsmann hat sich für viel Geld einen Platz in Sylphania erkauft, um dort abzuspecken. Als er dort ankommt, stellt er schon bald den erschreckenden Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit fest. Das Leben in dem Camp in der Wüste ist hart. Es gibt kaum etwas zu essen und Jeremy wird harte Arbeit abverlangt. Seine Aussichten auf eine „Erlösung im Leben nach dem Fett“ schmelzen schneller dahin als die Pfunde auf seinen Hüften. Unzufriedenheit macht sich breit. Und er ist nicht der Einzige, der mit der Zeit immer mehr das Bedürfnis hat, den falschen Propheten Earl Sharpnack von seinem Sockel zu reißen. Es formieren sich Kräfte, die einen Aufstand herbeiführen wollen …

_Globalisierte Seifenopernrealität_

Auf den ersten Blick scheint „Körperkult“ sich in eine Reihe mit Globalisierungssatiren wie [„Logoland“ 96 von Max Barry stellen zu können. Die Thematik ist ähnlich. Es geht um die globalisierte Gesellschaft von morgen. Während „Logoland“ einen Schwerpunkt auf den Markenterror setzt, geht es bei „Körperkult“ um die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, die auf Äußerlichkeiten mehr Wert legt als auf Persönlichkeit und Charakter. Eine gesellschaftliche Tendenz, die sich auch heute schon, geschürt durch die Scheinrealität des Fernsehens, erkennen lässt.

Reed skizziert vor diesem Hintergrund ein Szenario, das von der satirischen Überspitzung lebt. In vielen Aspekten unterscheidet sich die Welt von „Körperkult“ nicht großartig von unserer. Der Grad der Technisierung entspricht in etwa heutigem Standard, so dass Reeds Utopie in Teilbereichen durchaus bodenständig und zeitgemäß wirkt. Alle Dinge, die sich um Schönheit, Essverhalten und Alter drehen, wirken dagegen schon recht schräg.

Es herrscht ein aus heutiger Sicht absolut überzogenes Figur- und Fitnessbewusstsein vor. Fast-Food-Ketten gibt es zwar immer noch, aber dort sündigen kann natürlich nur, wer anschließend im Fitnessstudio Buße tut. Das sind für sich genommen noch die harmloseren Auswüchse von Reeds figurbewusster Gesellschaft und es gibt auch heute schon genug Menschen, deren Denkweise ähnlich (wenngleich weniger radikal als bei Reed) erscheint. Allein der Blick auf die Milchprodukte eines durchschnittlichen Kühlregals im Supermarkt suggeriert auch heutige schon ein Mantra, das ebenso gut von Reverend Earl stammen könnte: Fett ist böse! Selbst wenn es nur die 3,5 Prozent der Vollmilch sind. So unglaublich die Geschichte von „Körperkult“ auch zunächst klingen mag, so ganz unvorstellbar erscheint sie nicht.

Radikaler wird Reeds Utopie, wenn sie ihren Blick auf die Menschen richtet, die es nicht schaffen, die aufgezwungene Norm zu erfüllen. Die Klöster der „Guten Schwestern“, hermetisch abgeriegelt von der Gesellschaft, wirken wie ein Zwischending aus Gefängnis und Krankenhaus. Wer hier fliehen will, hat schlechte Karten und wird obendrein brutal bestraft – das bekommt auch Annie zu spüren.

Sylphania setzt dem noch eins drauf. Ein riesiges Camp mitten in der Wüste. Wer sich hier mit viel Geld einen Platz zum Abspecken sichert, haust in einem verrosteten Wohnwagen, wird wie ein Gefangener behandelt und hat nur geringe Aussichten, jemals davon erlöst zu werden. Wer hier nicht abspeckt, hat weder einen Chance auf Verbesserung seiner Situation noch auf Freiheit. Es gibt eine strengere Hierarchie, die Reverend Earl medienwirksam in seinen wöchentlichen TV-Shows in Szene setzt. Die, die es schaffen, von ihren überflüssigen Pfunden erlöst zu werden, werden zu so genannten Engeln befördert, ziehen in das fürstliche Clubhaus ein, genießen Hummer zum Frühstück und das von Reverend Earl stets propagierte „Leben nach dem Fett“. Sylphania ist in Erscheinungsbild und Organisation noch einen Tick radikaler als die Klöster der „Guten Schwestern“. Das Ganze erinnert an eine Mischung aus Internierungslager und „Big Brother“.

Das wirkt für sich betrachtet schon recht abgedreht, dennoch erschien mir Reeds Roman nicht ganz so bitterböse, wie es beispielsweise Max Barrys „Logoland“ ist. Die Grundidee überzeugt zwar durchaus, dennoch weiß Reed ihre Geschichte nicht ganz so gut zu verkaufen wie Max Barry. Letztendlich gibt es vier verschiedene Erzählstränge: die Suche der Zwillinge nach Annie, Annies Erlebnisse bei den „Guten Schwestern“, Jeremys Erlebnisse in Sylphania und die Suche von Annies Mutter nach ihrer Tochter. Gerade der zuletzt genannte Erzählstrang wirkt wenig überzeugend. Annies Mutter wird für den Leser nicht so recht greifbar. Sie bleibt ein wenig fremd und wie der Erzählstrang am Ende mit den übrigen verknüpft wird, erscheint schon ein wenig holprig.

Auch die eine oder andere Frage, die mehr oder weniger ungeklärt im Raum zurückbleibt, trübt am Ende ein wenig die Freude. Der bereits im Klappentext versprochene Aufstand tritt erst auf den letzten 50 der insgesamt 381 Seiten ein und verläuft weniger radikal als man von einer „bitterbösen Satire“ (Zitat Klappentext) eigentlich gerne erwarten möchte. Insgesamt bleibt das Ende, das Reed mit einigen offen in den Raum gestellten Fragen dem Leser allein überlässt, ein wenig schwammig und unbefriedigend.

Auch mit Blick auf die Erzähltechnik bleibt ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Reed wechselt nicht nur immer wieder die Handlungsebenen, sie wirkt auch in ihrem Erzählstil teils etwas sprunghaft. So tauchen unvermittelt immer wieder Passagen auf, die direkt an den Leser gerichtet sind und sich auch in der Anrede direkt an ihn wenden. So ganz stimmig mit dem übrigen Text wirkt das leider nicht immer. Auch der eingebaute Wechsel der Erzählperspektive im Jeremy-Erzählstrang überzeugt nicht wirklich. Alles, was der Leser über Jeremy erfährt, wird in Form seiner eigentlich in Sylphania verbotenen Tagebuchaufzeichnungen dokumentiert. Die sonst neutrale Erzählperspektive wechselt hier immer zu einem Ich-Erzähler. Als es dann allerdings auf den Showdown zugeht, wechselt auch dieser Erzählstrang in die neutrale Erzählperspektive, was etwas unglücklich wirkt.

Die Figurenzeichnung überzeugt mal mehr, mal weniger. Manche Figuren laden zum Mitfiebern ein, andere lassen einen weitestgehend kalt. Jeremy und Annie werden am eindringlichsten geschildert und hinterlassen auch den meisten Eindruck, während die Zwillinge und Dave schon etwas blasser bleiben. Annies Mutter dagegen wirkt etwas deplaziert und der ganze Erzählstrang um sie herum wie Füllwerk.

Der Spannungsbogen wird durch ständige Perspektivenwechsel bestimmt. Der Leser begleitet mal die eine Figur, dann wieder eine andere. Dabei schafft Reed es oft, den Leser neugierig darauf zu machen, wie es in den anderen Teilen der Handlung weitergeht. An manchen Stellen nutzt Reed aber auch die Perspektivenwechsel mit ihrem Potenzial zur Spannungssteigerung nicht aus. Die spannendsten Erzählstränge sind logischerweise die, die von ständigen Fluchtgedanken geprägt sind, wie es bei Jeremy und Annie der Fall ist. Besonders diese beiden Erzählstränge tragen im Wesentlichen die Spannung weiter, während die übrigen Handlungsteile nicht immer durchgängig spannend sind.

Alles in allem bleibt am Ende ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Die Grundidee der Geschichte, das Gesellschaftsbild, das Reed in ihrem Roman skizziert, wirkt absolut überzeugend und macht den Roman durchaus lesenswert. Die Art, wie Reed mit ihrem Bild des vom Schönheitswahn getriebenen Amerika auf satirische Art Denkanstöße zur heutigen Gesellschaft liefert, weiß durchaus zu überzeugen. Über ein paar Schönheitsfehler der Erzählung kann diese Tatsache allerdings nicht ganz hinwegtäuschen. Die Erzähltechnik wirkt manchmal ein erzwungen und auch die Balance zwischen den einzelnen Erzählebenen wirkt nicht immer solide. Eine Reihe unbeantworteter Fragen aus dem Handlungsverlauf geben ebenso zu denken wie das offene, unbefriedigende Ende.

Fazit: Nicht immer hundertprozentig schlüssig und erzählerisch souverän, aber schon aufgrund des entworfenen Szenarios dennoch lesenswert.

Eugenides, Jeffrey – Air Mail

Spätestens seit Jeffrey Eugenides 2003 für seinen erstklassigen Roman [„Middlesex“ 916 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, ist er einer der großen Stars der zeitgenössischen amerikanischen Literatur. Ein großartiges Erzähltalent, das fesselnd seine Geschichten spinnt und Figuren aus dem Hut zaubert, die erfrischend normal und alltäglich sind.

In Romanform hat Eugenides sein Können bereits zweimal eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Zum einen mit seinem Romandebüt „Die Selbstmord-Schwestern“, der Geschichte des Selbstmords der fünf Schwestern der amerikanischen Vorstadtfamilie Lisbon, zum anderen durch die Familiengeschichte des Hermaphroditen Cal/Callie in „Middlesex“. Beide Romane drehen sich um ähnliche Dinge. Normalitäten und Absurditäten in den weißen Vorstädten der amerikanischen Mittelschicht und gleichzeitig um die Zeit des Erwachsenwerdens, die schwierige Phase der Pubertät, des Erwachens der Sexualität, mit all den Irritationen und Kuriositäten, die dazugehören. Beide Romane sind Familiengeschichten der etwas anderen Art.

„Air Mail“ ist nun ein Werk, das sich von den beiden bekannten Veröffentlichungen des Autor einerseits fundamental unterscheidet, andererseits aber durchaus das Bild vervollständigt. „Air Mail“ vereint drei Erzählungen, deren zeitlicher Ursprung genau zwischen den beiden genannten Romanen liegt, zwei stammen aus dem Jahr 1997, die dritte wurde 1999 verfasst.

Nun ist das immer so eine Sache, von einem überaus erfolgreichen und vielgelobten Autor zu einem späteren Zeitpunkt frühere Werk auszugraben und zu veröffentlichen. Im Fall von Jonathan Franzen fand ich mit [„Die 27ste Stadt“ 1207 das Ergebnis eher weniger befriedigend. Oft werden die frühen Werke der heute so großartigen Autoren den Erwartungen nicht ganz gerecht. Doch bei „Air Mail“ ist diese Gefahr schon aufgrund des gänzlich anderen Erzählformats geringer. Als „Kurzstrecken-Erzähler“ ist Eugenides schließlich dem deutschen Leser bislang noch weitestgehend unbekannt.

_Air Mail (1997)_

Die erste Erzählung dreht sich um Mitchell, der gerade auf einer kleinen Insel im Golf von Siam auf einer Strohmatte in einer kleinen Hütte gegen die Ruhr ankämpft. Inspiriert durch die fernöstliche Mentalität, durch den Glauben an die Kraft des Geistes, versucht Mitchell die Ruhr durch eisernes Fasten kleinzukriegen. Fernab von zu Hause, in der Abgeschiedenheit seiner Hütte, bringt Mitchell all seine Gedanken über sich und den Lauf der Welt zu Papier – auf Luftpostpapier, in Form von Briefen, die er seinen Eltern schicken will, in der Hoffnung, dass sie ihn besser verstehen. Während Mitchell seinen Durchfall „wegfastet“, stapeln sich Briefe, die Mitchell nie abschicken wird.

„Air Mail“ ist eine recht sonderbare, aber gleichsam faszinierende Erzählung. Ein exotischer Schauplatz, an dem der Protagonist Mitchell nach einem Inhalt für sein Leben sucht. Der Kontakt zu den Eltern beschränkt sich auf ein Minimum. Sie sind enttäuscht von ihm, dass er die eigentlich geplante Europareise zu einer ausgedehnten Asienreise erweitert hat, mittlerweile seit einem halben Jahr fort ist und ihnen keinerlei Hoffnung auf eine baldige Rückkehr macht. Karriere, Studium und Familie stehen hinten an, solange Mitchell ohnehin nicht weiß, was er einmal machen will.

Fernab der Zivilisation beginnt Mitchell sich selbst zu erforschen, nach einem Sinn zu suchen. Die Ruhr sieht er da fast als eine Art Weg zur Erkenntnis. Er beginnt, sich von der Welt abzukapseln, während er gleichzeitig in dem Glauben ist, er würde sich ihr öffnen, sie endlich verstehen. Innere Erkenntnis und äußere Kommunikation stellen dabei gegenläufige Entwicklungen dar. Verfasste Briefe werden nicht mehr abgeschickt, sein Kumpel Larry versteht nicht recht, warum Mitchell nicht endlich Medikamente nimmt, statt weiter zu fasten, und als Mitchell nach vielen Tagen der Abgeschiedenheit in die Gemeinschaft am Strand zurückkehrt, hat er sich längst meilenweit von ihr entfernt.

Besonders das Ende der Geschichte ist merkwürdig und man steht als Leser etwas ratlos da. Doch irgendwie bleibt auch der Eindruck zurück, dass das Ende gar nicht so sehr das Entscheidende ist. Kern der Erzählung ist vielmehr der Gegensatz zwischen Innen- und Außenleben des Protagonisten.

_Die Bratenspritze (1999)_

„Die Bratenspritze“ ist eine Erzählung, die eine gänzlich andere Richtung einschlägt. Weniger nachdenklich stimmend, weniger sonderbar und weniger verkopft als „Air Mail“. Tomasina ist vierzig, hat alles erreicht, was man sich wünschen kann und einen Job als Produzentin der CBS Evening News, auf den andere nur neidisch sein können. Tomasina ist Single, hatte viele Liebschaften mit nicht wenigen Pannen und daraus resultierend immerhin auch schon eine Handvoll Abtreibungen. Doch mit vierzig beginnt allmählich die biologische Uhr zu ticken, auch für Tomasina. Sie will ein Kind, aber möglichst ohne Mann. Samenspende heißt das Zauberwort, und so lädt sie zu einer Art Befruchtungsparty, inklusive Samenspende, am Tag ihres mittels Basalthermometer ermittelten Eisprungs.

Rein erzählerisch spielt „Die Bratenspritze“ schon in der Liga, in der etwas später auch „Middlesex“ spielt. Bildhafte Vergleiche, die den Leser schmunzeln lassen, und lebhaft gezeichnete Figuren. „Die Bratenspritze“ ist letztendlich eine satirische Momentaufnahme à la „Sex and the City“. Eine Party zwecks Befruchtung der Gastgeberin, das ist für sich schon schräg genug, aber Eugenides lässt diese Party durchaus ernsthaft organisiert erscheinen – so wie man sich eine Party in der feinen New Yorker Gesellschaft der Besserverdienenden halt vorstellt, mit passendem Nippes und feinstem Champagner.

Der eigentliche Protagonist stolpert erst im Verlauf der Erzählung in die Geschichte, ganz unvermittelt und unerwartet platzt er mit einem |“An diesem Punkt sollte ich mich vielleicht vorstellen. Ich heiße Wally Mars.“| in das Geschehen. Wally ist die heimliche Hauptfigur. Ein abgelegter Liebhaber von Tomasina, dem die Rolle des unauffälligen Beobachters zufällt. Mit einem feinen Blick für das Absurde der Situation erzählt Wally die Geschichte, in der er selbst später noch eine maßgebliche Rolle spielen wird.

Eugenides zeigt sich hier von seiner unterhaltsamsten und ironischsten Seite. Während die anderen beiden Erzählungen vielfältigere und weniger leicht zu entschlüsselnde Emotionen transportieren, ist „Die Bratenspritze“ recht einfach gestrickte Unterhaltung, mit einem Blick für die teilweise absurden Züge der modernen Gesellschaft.

_Timesharing (1997)_

In der dritten Erzählung geht es mitten hinein in den tristen amerikanischen Alltag. Eine Vater-Sohn-Geschichte, die in Florida angesiedelt ist. Der Ich-Erzähler besucht seine Eltern, die in Florida gerade ein heruntergekommenes Motel in eine Goldgrube umzuwandeln versuchen. Timesharing heißt das Zauberwort. Die Zimmer werden mit Kochnischen ausgestattet und sollen möglichst längerfristig an zahlungskräftige Gäste vermietet werden.

„Timesharing“ ist einfach eine Momentaufnahme. Anfang und Ende bleiben ein wenig diffus. Eine Pointe, auf die alles hinausläuft, oder einen Höhepunkt gibt es in dem Sinne nicht. Es ist lediglich eine Zustandsbeschreibung des Lebens der Protagonisten und ihres Verhältnisses zueinander. Der Zustand des alten Motels geht dabei mehr oder weniger konform mit dem Zustand des Vaters, der mit brüchiger Gesundheit und stetig schwindender Kraft versucht, sein Lebenswerk zu vollenden. Der Sohn wirkt dabei nicht weniger müde, als es die Eltern sind. Unmotiviert verbringt er seine Zeit als Beobachter auf der Baustelle der Eltern, zieht abends durch die Kneipen und sieht sich nicht einmal dazu in der Lage, ein neues Paar Schuhe zu kaufen.

„Timesharing“ lässt den Leser mit einem merkwürdigen Gefühl zurück. Die Geschichte wirkt irgendwie melancholisch und traurig und die Figuren in all ihrer Müdigkeit und Zerbrechlichkeit erschreckend menschlich. Dadurch, dass die Geschichte keinen klar definierten Handlungsrahmen aufweist, bleibt sie einerseits etwas distanziert und befremdlich, trifft einen andererseits aber auch ins Mark, weil sie authentisch und lebensecht wirkt.

Ergänzt werden die drei Erzählungen durch ein Nachwort des ARD-Literaturkritikers Dennis Scheck. Es wirkt teilweise etwas hochtrabend, wie Scheck sich von Fremdwort zu Fremdwort hangelt, unterstreicht inhaltlich aber die Bedeutung, die Eugenides in der modernen Literatur hat. Möglich auch, dass das Nachwort noch ein wenig als Füllwerk dienen soll, um das Büchlein auf immerhin knappe 120 Seiten zu bringen. In meinen Augen wäre es nicht unbedingt nötig gewesen.

Die drei Erzählungen in „Air Mail“ sind Lektüre für knapp etwas mehr als eine Stunde, dennoch fordern sie eine gewisse darüber hinausgehende Aufmerksamkeit. Ein wenig bedauerlich ist es schon, einen Eugenides so schnell aus der Hand legen zu müssen, und so bleibt ein gewisses Gefühl der Unzufriedenheit zurück. Aber die deutet weniger auf einen qualitativen Mangel hin, sondern mehr darauf, dass man als Leser einfach schon verwöhnt ist, wenn man vorher „Middlesex“ gelesen hat. Eugenides bleibt auch nach der Veröffentlichung von „Air Mail“ ein großartiges Erzähltalent, das man im Auge behalten sollte.

Alexandre Dumas – Die Kameliendame

_Wenn Liebe Sünde läutert_

Wer den Namen Alexandre Dumas hört, wird sicherlich sofort an „Die drei Musketiere“ oder auch „Der Graf von Monte Christo“ denken. Dieser Alexandre Dumas, der Ältere (1802-1870), hatte einen unehelichen Sohn (1824-1895), der früh Zugang zu den literarischen Kreisen von Paris genoss. 1848 veröffentlichte dieser seinen Roman „Die Kameliendame“, der ihm ebenfalls Ruhm als Autor einbrachte. Diverse Verfilmungen und nicht zuletzt die Tatsache, dass Verdi diese Geschichte in „La Traviata“ aufgriff, verhalfen dem Roman bis heute zur Popularität.

_DIE KAMELIENDAME_

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Henning Mankell – Tea-Bag

Erfolgloser Poet bietet Schreibtechnikseminar

Jesper Humlin veröffentlicht genau ein Buch pro Jahr und zwar eine Gedichtsammlung, die sich im Schnitt etwa tausendmal verkauft, doch seinem Verleger ist das nicht mehr genug, er möchte Jesper davon überzeugen, endlich einen Kriminalroman zu schreiben. Dabei ist Jesper doch erfolgreich auf seinem Gebiet, seine Gedichte sind anerkannt und gerade erst ist er von einer monatelangen Südseereise zurückgekommen, die er sich nur durch ein Stipendium finanzieren konnte. Sein wichtigstes Anliegen ist ihm nun eigentlich seine Sommerbräune, die er so lange wie möglich aufrecht erhalten möchte, doch neben seinem unzufriedenen Verleger stellt auch seine Freundin Andrea immer mehr Ansprüche. Sie möchte endlich ein Kind mit ihm und droht mit der Trennung und der Veröffentlichung ihres Privatlebens in Romanform. Es ist nicht so sehr die Angst vor der Trennung, die ihm schwer im Magen liegt, sondern die Möglichkeit, dass Andreas Buch sich besser verkaufen könnte als seine Gedichtsammlung.

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Murakami, Haruki – Tony Takitani

„Tony Takitani“ ist ein Buch, das aus dem Rahmen fällt. Recht großformatig geschnitten, etwas minimalistisch gestaltet und für den Zyniker geradezu papierverschwenderisch gedruckt. Gerade mal 64 Seiten, gerade mal etwa eine Dreiviertelstunde Lesevergnügen, für die der geneigte Leser satte 16 €uro auf den Tisch zu legen hat. Ganz haarspalterisch betrachtet, sind das 25 Cent pro Buchseite oder gar 35 Cent pro Leseminute. Manch einer wird angesichts dieses Preis-/Lesezeitverhältnisses nicht nur schlucken, sondern gleich die Finger von dem Buch lassen. Das ist einerseits verständlich, andererseits ob der Inhalte aber auch bedauerlich, denn „Tony Takitani“ ist ein waschechter Murakami, mit all seinen Qualitäten – nur eben in Kleinstausgabe.

Dass Haruki Murakami ein Ausnahmeautor ist, haben viele Leser schon längst begriffen. Er hat ein außerordentlich vielfältiges Repertoire, hangelt sich von Genre zu Genre, erzählt Romantisches, Visionäres und Fantastische, versteht sich aber auch auf ernste Themen mit dokumentarischem Charakter. Alles auf gleichsam hohem Niveau. Schon mit „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“ oder mit „Der Elefant verschwindet“ hat Murakami bewiesen, dass er auch über die kurze Distanz zu erzählen und den Leser gefangen zu nehmen weiß. Mit „Tony Takitani“ liefert er einen weiteren Beleg dafür.

Darüber hinaus ist „Tony Takitani“ der erste Murakami, der nicht nur als Buch Eindruck machen kann, sondern auch als Kinoverfilmung. Fast zeitgleich mit der Veröffentlichung des Buches läuft auch der gleichnamige Film in den deutschen Programmkinos an, wenngleich auch sicherlich eher vor kleinem Publikum. Das mag wieder den Zyniker auf den Plan rufen, der einwirft, dass er für einen Buchkauf auch zweimal ins Kino gehen könnte, so teuer wie das Buch ist. Das lässt sich alles nicht leugnen und ob ein so hoher Preis für lediglich eine Novelle gerechtfertigt ist, da darf man sicherlich so manchen Zweifel hegen.

Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen der eigentliche Inhalt des Buches. Murakami erzählt wieder einmal eine Geschichte über Zwischenmenschliches – über Nähe und Isolation, über Liebe, Einsamkeit und Verlust.

Tony Takitani, Hauptfigur und Namensgeber der Geschichte, hat keine leichte Kindheit. Die Mutter stirbt drei Tage nach seiner Geburt, das Verhältnis zum Vater bleibt stets ein wenig unterkühlt. Obendrein wird er aufgrund seines amerikanischen Vornamens gehänselt, teilweise gar als vermeintliches Mischlingskind verspottet. Dabei ist Tony Takitani ein waschechter Japaner.

Seine Kindheit verläuft ansonsten unspektakulär. Der Vater verdient seine Brötchen als Jazz-Posaunist, während Sohnemann seine Leidenschaft für das Zeichnen entdeckt. Ganz akkurat und geradezu detailbesessen führt Tony Takitani den Bleistift. Dass er später technischer Zeichner wird, verwundert niemanden. Ähnlich akkurat und leidenschaftslos wie seine Zeichnungen, verläuft auch Tony Takitanis Privatleben. Er ist allein und lebt recht unspektakulär vor sich hin. Tony Takitani hat sich mit seiner Einsamkeit abgefunden.

Das ändert sich, als er eines Tages eine junge Frau kennen lernt. Schnell erkennt er, dass diese Frau für ihn etwas Besonderes bedeutet. Er verliebt sich in sie – eine Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruht. Die beiden heiraten und Tony Takitani findet in seinem Leben endlich das, was ihm immer gefehlt hat. Der einzige Schatten, der dieses Glück trübt, ist die Besessenheit, mit der Tony Takitanis Frau Kleider kauft. Als ihre Kleider irgendwann schon ein ganzes Zimmer in Tony Takitanis Haus füllen, bittet er seine Frau, sich doch vielleicht ein bisschen zu mäßigen. Sie zeigt sich einsichtig, weiß um das Krankhafte ihrer Leidenschaft und verspricht sich zu bessern.

Kurz darauf verunglückt die Frau tödlich mit dem Auto. Tony Takitani ist untröstlich. Der Anblick des Zimmers voller Kleider ist ihm unerträglich. Er versucht all die abgestreiften Hüllen, die seine Frau zurückgelassen hat, wieder mit Leben zu füllen und macht sich auf die Suche nach einer 1,61 m großen Frau mit Kleidergröße 34 …

„Tony Takitani“ ist eine Geschichte, die einem so schnell nicht aus dem Kopf geht und somit ein typischer Murakami. Murakami ist ein Meister im Erzählen von Geschichten, die einem nicht aus dem Kopf gehen und so steht „Tony Takitani“ in bester Murakami-Tradition.

Schon nach wenigen Zeilen nimmt uns die Geschichte gefangen. Haruki Murakamis Erzählstil wird von einer merkwürdigen Poesie getragen. Seine Geschichten haben etwas Magisches, dem sich der Leser nur schwer entziehen kann. Er fesselt, durch seine Art zu erzählen, durch seinen bedachten Umgang mit Worten, durch die Bilder, die er im Kopf erzeugt. Seine Erzählweise, die auf den ersten Blick ein wenig kühl und distanziert wirken mag, ist bei näherer Betrachtung das genaue Gegenteil: eindringlich und emotionsgeladen – aber eben auf ihre ganz eigene Art und immer wieder auch ein wenig verstörend.

Auch „Tony Takitani“ zeigt deutlich diese Mischung. Auf der einen Seite Distanz und deutlich spürbare Kühle. Auf der anderen Seite ein tiefer Einblick in Emotionales. Tony Takitanis Frau bekommt nicht einmal einen Namen, man erfährt nichts über ihr Leben, weiß nur um ihre Kleiderbesessenheit. Ihr Tod kommt plötzlich und unerwartet, geradezu beiläufig und gerade darin liegt bei Murakami so viel Wucht: |“In diesem Moment raste ein Lastwagen, der noch bei Gelb über die Kreuzung fahren wollte, mit voller Geschwindigkeit in ihren Renault Cinque. Ihr blieb nicht einmal Zeit, etwas zu spüren.“|

Tony Takitani ist fortan wieder allein. Und trotz der Kürze der gesamten Geschichte kann man sehr gut mit ihm fühlen. Diesmal erwischt die Einsamkeit ihn eiskalt. Isoliert steht er da, während das Leben vor seiner Tür weiterzieht und er scheint unfähig, daran teilzuhaben. Einsamkeit war ihm von früherer Zeit so vertraut und doch ist sie ihm so neu. Murakami schafft es mit ganz einfachen Mitteln, mit so wenigen Worten, dies einfühlsam zu vermitteln.

Es sind Erzählelemente, die recht typisch für Murakami sind. Liebe und Einsamkeit, Verlust und Isolation spielen oft eine Rolle in seinen Erzählungen und dennoch zeigt „Tony Takitani“ noch eine eigene Spielart. Unstrichen wird diese auch durch die Aufmachung des Buches. „Tony Takitani“ ist in zweifacher Hinsicht ein Kunstwerk – literarisch und visuell.

Das Buch mit dem dicken, schlichten Pappeinband ist angereichert mit Bildern aus der Verfilmung von Jun Ichikawa. Bilder, die schon einen recht guten Eindruck vermitteln und Lust auf den Film machen. Bilder, die all die Emotionen widerspiegeln, die auch Murakami auf erzählerische Art vermittelt. Entfärbt und in schlichtem, kühlem Blaugrau gehalten, erzeugen die Bilder ein absolut stimmiges Bild. € 16,- für eine 64-seitige Novelle mögen schon sehr teuer sein, aber zweifelsohne bekommt man dafür auch ein ungewöhnliches Buch geboten.

Haruki Murakami beweist mit „Tony Takitani“ einmal mehr auf eindrucksvolle, nachhaltig beeindruckende Art, dass er ein Meister des Erzählens ist. Man denkt auch nach dem Ende der Erzählung immer wieder an Tony Takitani zurück. So leidenschaftslos sein Leben auch wirken mag, er ist dennoch eine Figur, die einem immer wieder in den Sinn springt, aber das haben Murakami-Figuren auch irgendwie so an sich. Ein Murakami zieht nicht spurlos an einem vorbei – auch dieser nicht. Ein Autor, der Eindruck macht und eine Erzählung, die im Gedächtnis haften bleibt.

Murakami-Fans werden so auch weiterhin daran festhalten, den Nobelpreis für ihren Star zu fordern. Oder, wie ich es einst in einer Kundenrezension des Online-Buch-Giganten |Amazon| las: „Sie haben noch nie einen Murakami gelesen? Sie Glücklicher. Dann haben Sie das Beste ja noch vor sich.“