Archiv der Kategorie: Hörspiele / Hörbücher

Boyd, William – Ruhelos

_Im Schattenreich: Rastlos ist das Agentenleben_

Ruth Gilmartin, Englischlehrerin in Oxford, findet im Jahr 1976 heraus, dass ihre Mutter Sally, geborene Fairchild, in Wahrheit eine gewisse Ewa Delektorskaja sei. Mehrere Schnellhefter mit ihren Aufzeichnungen belegen Sallys unglaubliche Geschichte: eine russische Emigrantin und britische Spionin. Noch ahnt Ruth vor lauter Verwirrung nicht, dass sie diese Informationen aus einem ganz bestimmten Grund bekommt, dem ein perfider Plan ihrer Mutter zugrunde liegt.

_Der Autor_

William Boyd, 1962 in Ghana geboren, schreibt Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher, wofür er vielfach ausgezeichnet wurde. Für „Ruhelos“ erhielt er den |Costa Book Award| 2006. Boyd lebt mit seiner Frau in London und Südfrankreich.

_Die Sprecherin_

Martina Gedeck, in München geboren, wuchs in Landshut und in Berlin auf. Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Max-Reinhardt-Schule und debütierte am Frankfurter Theater am Turm. Sie spielte unter so namhaften Regisseuren wie Wilfried Minks und Michael Bogdanov. Seit 2005 spielt sie am Deutschen Theater Berlin die „Minna von Barnhelm“ unter der Regie von Barbara Frey. Sie ist in zahlreichen Hörspielproduktionen und Lesungen zu hören.

Ihre Filmkarriere begann 1988 mit Dominik Grafs „Die Beute“, und 1994 spielte sie in Jo Baiers „Hölleisengretl“ eine Rolle, für die sie 1995 den Bayerischen Fernsehpreis erhielt. Ihre Auftritte in Dietls „Rossini“ sowie Beckers „Das Leben ist eine Baustelle“ brachten ihr weitere Auszeichnungen ein. 2002 war der Deutsche Filmpreis für ihre Titelrolle in „Bella Martha“ fällig. Zuletzt brillierte sie in „Elementarteilchen“, „Das Leben der Anderen“ und Robert de Niros „The good shepherd“. Kurzum: Gedeck gehört zur Topliga der deutschen Schauspieler.

_Handlung_

Wie begann das wohl alles? Ruth Gilmartin blickt zurück auf den heißen Juni 1976, als sie, achtundzwanzigjährige Mutter eines Sohnes, von ihrem heimatlichen Oxford hinausfuhr aufs flache Land. Sie will ihre Mutter Sally besuchen. An ihrer Seite sitzt Ruths Sohn Jochen, den sie von Karlheinz Kleist hat, einem deutschen Geschichtsprofessor aus Hamburg, den sie vor einem Jahr verlassen hat, weil er sie betrog. Nun ist Ruth wieder Englischlehrerin und schreibt an ihrer Doktorarbeit über deutsche Geschichte der Weimarer Republik. Ruth ist alles andere als dumm, und wenn sie es wäre, würde sie von Sally etwas zu hören bekommen.

Sally wohnt in einem abgeschieden gelegenen Cottage in der Mitte von nirgendwo und lässt ihren Garten verwildern. Misstrauisch beobachtet Sally mit einem Fernglas den nahen Wald, der Witchwood, also Hexengehölz heißt. Sie fühlt sich beobachtet und verlangt von Ruth, künftig gewisse Vorsichtsmaßnahmen beim Telefonieren zu beachten. Heute gibt Sally ihrer verwunderten Tochter den ersten von mehreren Schnellheftern mit der Aufschrift: „Die Geschichte der Eva Delektorskaja“. Und wer soll diese Eva Delektorskaja sein, bitteschön? Das sei sie selbst, sagt Sally. Es haut Ruth um.

|Die Geschichte der Eva Delektorskaja|

Paris 1939. Eva emigrierte mit ihrer Familie nach der Oktoberrevolution und dem nachfolgenden blutigen Bürgerkrieg erst nach Berlin, dann nach Paris. Sergej heißt ihr Vater, ihre Mutter ist (war?) Engländerin, Irène ist ihre Schwester und Kolja ihr Bruder. Kolja wird heute begraben, denn er war ein Spion. Eva fällt aus allen Wolken. Sie sieht den Mann mit dem Schlapphut, der ihr auf dem Begräbnis auffiel, drei Tage später, als er sie anspricht. Wie viele Sprachen sie spreche? Sie kann englisch, französisch, russisch und halbwegs deutsch sprechen, wieso? Wunderbar, meint er und vereinbart ein Treffen.

Kolja habe für den britischen Geheimdienst gearbeitet, erfährt Eva bei mehreren Treffen, und hatte die Aufgabe, die französischen Faschisten zu infiltrieren. In Nanterre schlugen sie dem Verräter in einer Hintergasse den Schädel ein. Dass Sergej, ihr Vater, diesen Schlapphut, der sich Lucas Romer nennt, ebenfalls kennt, hätte Eva zu denken geben sollen. Romer sagt, er arbeite für die britische Regierung. Sie kommt nicht auf den Gedanken, dass er auch noch andere Auftraggeber haben könnte. Er will sie rekrutieren, doch sie lehnt ab. Sie mag ihn nicht, und sein Geld will sie nicht. Aber sie will Rache für Kolja, und deshalb sitzt sie bald im Zug nach Edinburgh, mit einem falschen Pass auf den Namen Eve Dalton.

Die Ausbildung an der Agentenschule in Lime House am Fluss Twed ist hart und intensiv, aber man lässt sie weder zu den Selbstverteidigungs- noch zu den Fallschirmspringer-Trainings zu. Stattdessen schult man ihr Gedächtnis, das Beschatten und Entkommen sowie einen neuen Gebrauch der Sprache. Alles ist zweideutig und ein Geheimcode. „Krähen“ sind Beschatter, und „Gespenster“ sind Verräter. Im Juli 1939 übt sie in der City von Edinburgh das Abschütteln ihrer Beschatter. Romer ist von seiner gelehrigen Schülerin begeistert. Sie liebt ihn immer noch nicht.

Nach einer ersten Mission in Belgien, bei der sie sich bewährt, erhält Romers Organisation, die AAS Limited, die Erlaubnis, in die USA zu reisen. Dort ist die kleine Gruppe um Lucas Romer in die landesweit operierende British Service Coordination eingebunden. Ihre Aufgabe besteht darin, alles zu unternehmen, damit die USA in den Krieg gegen Hitler eintreten. Denn Churchill weiß, dass ein kleines England allein nicht gegen die Nazis bestehen kann. Das Zünglein an der Waage ist Franklin Delano Roosevelt, der Präsident. Doch die Amerikaner wollen sich keinesfalls schon wieder in einen Krieg hineinziehen lassen, der 3000 Meilen entfernt stattfindet. Der BSC stört die Isolationisten ebenso wie die Faschisten und die Kommunisten in den USA. Die USA müssen England helfen, um jeden Preis.

Inzwischen sind Romer und Eva ein Liebespaar. Diese Arbeitsliebe hat ihre Höhepunkte, aber sie sind selten, weil beide viel unterwegs sind, und wenn Romer eines ist, dann undurchsichtig. Bei einer Operation in Washington, D.C., will die AAS den Presseattaché der rechten Hand des Präsidenten in ihre Hand bekommen. Sie verbringt eine Nacht mit diesem Familienvater, und anhand der dabei geknipsten Fotos wird er fortan gefügig gemacht.

Im November 1941 steht die deutsche Wehrmacht vor Moskau, als Romer sie bittet, für die AAS nach New Mexico zu fahren, um Geld zu überbringen und eine Landkartenfälschung abzuholen. Über die Hintergründe klärt er sie nicht auf, aber hinterher wird klar, dass eine von Deutschen gefälschte Landkarte von Mexiko in den Händen einer toten britischen Agentin alles andere als positiv aussehen würde. Im Gegenteil: Die britischen Agenten würden als äußerst suspekt enttarnt werden und womöglich sogar des Landes verwiesen. Deshalb ist Evas Mission in New Mexico alles andere als unwichtig.

Eva selbst weiß nichts davon, als sie über Albuquerque in das Kaff namens Las Cruces fährt und Zimmer in zwei verschiedenen Hotels bucht. Sie ist in ständigem Kontakt mit Morris Deveraux im AAS-Büro. Lucas Romer sei in England, erfährt sie. Warum führt er sie nicht, wenn er sie auf diese Mission schickt, fragt sie sich. Doch sie hat schon in Belgien selbständig gearbeitet und saubere Arbeit geleistet. Daher vertraut sie auf ihre überlegene Technik als Agentin.

Doch den Mann auf dem Bett in ihrem Hotelzimmer hat sie nicht vorhergesehen. Er richtet einen Revolver auf sie und sieht aus wie ein mexikanischer Polizist. Jemand muss Eva verraten haben …

|Ruth|

Sally Gilmartin alias Eva Delektorskaja alias Eve Dalton alias Sally Fairchild etc. pp. bittet ihre Tochter, in London einen gewissen Lord Mansfield, Earl of Hampton-Cleve, ausfindig zu machen. Sein früherer Name: Lucas Romer …

_Mein Eindruck_

Ja, es ist eine aufregende Welt, die der Agenten, Spione, Informanten, Reisenden mit falschem Pass, falschen Identität und wechselnden Loyalität, den agents provocateurs, Liebenden im Vorübergehen und stets beschattet, immer beschattet – wenn nicht von anderen, dann von einem selbst. Es ist ein Leben im Schatten, einem mentalen Schatten, den auch Sally verinnerlicht hat. Nicht ohne Grund schaut sie mit dem Fernglas auf den nahen Waldrand. Wurde nicht gestern eine alte Frau im Rollstuhl überfahren? Es hätte ihr gelten können, dieses rasche, geradezu beiläufige Überfahren.

Nun fällt der Schatten (der Vergangenheit) auch auf Sallys Tochter. Doch Sally hat vor, den Schatten ein für alle Mal abzuschütteln. Dazu muss sie ihr Kind als Verbündeten auf ihre Seite ziehen. Ruth mag zwar ihr eigenes Leben haben, doch wohin hat es sie bis jetzt geführt? Mitten ins Nirgendwo, eine ziellose Kompassnadel. Nein, zuerst muss die Vergangenheit abgeschlossen und bewältigt werden, und wie ginge dies besser als mit einem Showdown, mit einer finalen Abrechnung? Einer wird auf der Strecke bleiben und Sally hat nicht vor, dass sie das sein wird.

|Der Höhepunkt|

Die Agentenjahre waren schön, und der Autor zeichnet diese Jahre als ein einziges Abenteuer. Neue Erfahrungen, neue Menschen, eine große Liebe, die zu Lucas Romer, eine tragische Liebe, doch umso aufregender für uns. Der Höhepunkt von Eve Daltons Abenteuern in Amerika ist zweifellos die Mission an der mexikanischen Grenze: Las Cruces, die Kreuze, der Schauplatz eines Indianermassakers im 17. oder 18 Jahrhunderts.

Wie passend. Um ein Haar wird Eve Dalton Opfer eines blutigen Komplotts, zu dessen einsam verscharrtem Opfer sie auserkoren ist. Doch die berühmte „Umsicht und Tatkraft unserer Miss Dalton“, wie Lucas Romer es voll Stolz über seine gelehrige Schülerin und Geliebte ausdrückt, retten den Tag, wie der Brite sagt. Um ein Haar. Wem kann sie jetzt noch trauen? Der Schatten ist zur Finsternis geworden. Schließlich dämmert Eve ein ungeheurer Verdacht.

|Zwei Leben|

Der Autor bringt uns zwei Leben nahe, das „ruhelose“ von Eva und das „ruhige“ von Ruth. Beide sind natürlich grundverschieden, doch mit ein paar gemeinsamen Nennern. Beide sind unverheiratet und alleinerziehend, doch tatkräftig. Beide werden vom Lauf der Geschichte gestreift: Eva vom Zweiten Weltkrieg und Ruth von der RAF. Karlheinz’ nichtsnutziger Bruder Ludger sucht bei ihr Unterschlupf, schleppt sogar eine Freundin, Ilse, an. Wird er gesucht? Die Informationslage ist ungesichert. Und dann Sallys Aufzeichnungen – der Hammer! Ruth konsultiert einen Experten namens Tim Thoms, der über dieses Material absolut alles erfahren will – und natürlich auch über Ruth und Sally.

|Showdown|

Der Showdown sieht Sally und Ruth in einem Auto vor dem Haus von Lucas Romer. Der Tag des Jüngsten Gerichts ist gekommen. Und der Tag der Wahrheit. Ist wirklich alles so, wie es Sally aufgeschrieben hat? Ruth ist gespannt und desorientiert: Ist das nur eine weitere Agentenstory, eine Tarngeschichte, um sie, Ruth, an den Punkt zu bringen, an dem sie jetzt vor dem prächtigen Haus eines wahrhaftigen Earls Wache hält und ein Sandwich futtert? Mehr als einmal zweifelt Ruth am Verstand ihrer Mutter, doch diese weiß sie immer schnell zu beruhigen, denn schließlich ist sie Agentin und kann jederzeit eine Story auftischen, die dem gewünschten Zweck dienlich ist.

Immer tiefer zieht die Handlung den Leser bzw. Hörer in ihren Bann, und je detaillierter desto fesselnder wird die Räuberpistole mit dem Titel „Die Geschichte der Eva Delektorskaja“. Das nötige korrigierende Gegengewicht liefert Ruths Geschichte mit ihren zahlreichen Banalitäten und Menschlich-Allzumenschlichem. Bis auch dieser Handlungsstrang die Kurve kriegt und den Kreis schließt, den Evas Geschichte eröffnete.

|Vorbilder|

Die Wirkung ist äußert zufriedenstellend, und so überschlagen sich die Kritiker auch vor Lob. Allerdings wüsste ich jetzt nicht zu sagen, wie sich dieser Roman von Meisterwerken des Agentenromangenres abhebt, als da wären John le Carrés Spione um „Smiley und seine Leute“ oder Graham Greenes Exilanten wie etwa „Der stille Amerikaner“ oder „Der Honorarkonsul“.

Am ehesten lässt sich vielleicht noch Le Carrés verfilmter Thriller „Die Libelle“ (The little drummer boy) mit „Ruhelos“ vergleichen. Eine amerikanische Schauspielerin soll die Geliebte eines Terroristen werden, den der israelische Geheimdienst dann in Deutschland liquidieren will – hochexplosiver Stoff und selten im TV zu sehen. Nicht der Plot ist so ähnlich, sondern das Schlüpfen in andere Rollen und das fortwährende Misstrauen – also der Grundtenor von Evas Lebensweise in „Ruhelos“.

Freunde von Action, Sex und Blut kommen allesamt auf ihre Kosten. Und wer weder Sex noch Blut mag, sei hiermit entsprechend gewarnt. James Bond mag ein aufregendes Leben führen, aber nur die Tüchtigen können es auch zu Ende leben. Und die Tüchtigen sind bereit, über Leichen und Lover zu gehen. Es gibt nur eine Todsünde in diesem Schattenreich: jemandem zu vertrauen. Und Eva begeht sie.

|Die Sprecherin|

Martina Gedeck liest wie eine Theaterschauspielerin, die ein neues Manuskript einstudiert: unaufgeregt, konzentriert, deutlich betonend, hier und da mit ein wenig Emotion, vor allem gegenüber Kindern. Ihre Aussprache englischer und französischer Namen, Bezeichnungen und Ausdrücken ist nahezu perfekt, jedenfalls gut genug für den Laien. Ihr Vortrag ließ mir die Freiheit, mich ganz auf die Geschichte zu konzentrieren. Andere Hörer mögen einen solchen Vortrag langweilig und sogar einschläfernd finden, aber nur die Zurückhaltung des Sprechers gibt dem Hörer die Freiheit, sich seinen eigenen Teil über das Geschehen zu denken. Ganz besonders bei einer so doppelbödigen Doppel-Story wie „Ruhelos“.

Anders als am Buch kritisiert, lenken in der gekürzten Lesungsfassung kaum jemals Nebenfiguren von der eigentlichen Geschichte ab. Nebenfiguren gehören in Ruths Leben unbedingt dazu, um sie authentisch erscheinen zu lassen. Aber in Evas Leben bleiben Nebenfiguren, die nicht Lucas Romer heißen, nur nebelhaft und vergänglich, quasi halbtransparente „Gespenster“.

_Unterm Strich_

Boyd reiht sich mit „Ruhelos“ in die zweite oder dritte Generation der Autoren ein, die über Agenten im Zweiten Weltkrieg oder unmittelbar danach geschrieben haben. Doch seine Genration ist endlich in der Lage, über Geheimnisse und ihre Träger zu schreiben und sich dabei auf neue Erkenntnisse der Geschichtsforschung zu stützen. So wie Eric Naves Buch den Verrat der britischen Codebrecher im Fall Pearl Harbor aufdeckte, so gibt es wohl neue (mir unbekannte) Publikationen über britische Agenten, die ihr Land verrieten, die aber dennoch weitermachen durften, anders als jene enttarnten russischen Spione, die fliehen oder verurteilt werden konnten.

Diese untergetauchten Ex-Verräter – man kann sie wohl kaum „Maulwürfe“ nennen, denn sonst wären sie noch aktiv – gibt es nach Boyds Darstellung immer noch. Und sie lassen es sich in den höchsten Rängen der Gesellschaften gutgehen. Wer weiß, was noch alles in den Geheimarchiven der Regierung schlummert. Schon diese Enthüllungen über Bletchley Park, die Codeknackerzentrale im Zweiten Weltkrieg, aus dem Jahr – welch Zufall – 1976 legten nahe, dass da noch viel mehr ist, wo das herkommt.

Wie auch immer: „Ruhelos“ ist ein unterhaltsamer, spannender und stets fesselnder Thriller, der über zwei, drei lebendig gezeichnete Hauptfiguren und ein paar anziehende Nebenfiguren verfügt, die auch das Interesse an den menschlichen Aspekten des Agentenlebens wachhalten. Der Showdown ist wunderbar inszeniert und ausgeführt, die letzten Sätze von einer berührenden Symbolkraft und Anschaulichkeit. Was will man mehr?

Die Sprecherin Martina Gedeck hält sich sehr zurück beim Vortrag dieses personen- und handlungsreichen Textes. Auf diese Weise lässt sie dem Hörer die Freiheit, den geistigen Freiraum, selbst die Zusammenhänge und Verbindungen herzustellen, die menschliche Dimension der Ereignisse auszuloten. Man mag ihren Vortragsstil als langweilig, weil unaufgeregt und unaufdringlich, kritisieren, doch ich fand ihn genau richtig. Die Sprecherin verschwindet hinter der Geschichte, und so sollte es sein.

|Originaltitel: Restless, 2006
Aus dem US-Englischen übersetzt von Chris Hirte
5 CDs, 365 Minuten|
http://www.hoca.de

Gruppe & McNeile – Sherlock Holmes – Der Mann im Speisewagen (Folge 56)


Holmes und Watson als Code-Knacker

Während einer Zugfahrt kommt Philip Hardy in den Besitz eines geheimnisvollen Codes, den er nicht zu deuten weiß. Seither wird er von vier undurchsichtigen Männern verfolgt und schließlich sogar niedergeschlagen. Aus Angst um sein Leben vertraut sich Hardy dem Meisterdetektiv an… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.

Die Serie wurde mit dem „Blauen Karfunkel“ der Deutschen Sherlock Holmes-Gesellschaft und dem HÖRKULES ausgezeichnet.
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Hayder, Mo – Sekte, Die (Lesung)

_Auf der Insel des Teufels_

Als der Journalist Joe Oakes eine zurückgezogen lebende Sekte auf einer abgelegenen schottischen Insel besucht, will er eigentlich nur das Rätsel um ein Touristenvideo lüften. Es zeigt zwei Sekunden lang ein großes Wesen, das auf zwei Beinen geht, aber einen langen Schwanz trägt. Sind die Sektenmitglieder Satanisten? Oakes kennt den Sektenführer Malachi Dove schon seit langen Jahren.

Doch Oakes Erwartungen werden enttäuscht. Dove ist verschwunden. Warum will absolut niemand in der Sekte etwas über die satanische Erscheinung auf dem Video sagen? Und was verbirgt sich hinter dem hohen Elektrozaun jenseits der zentralen Schlucht? Es kommt zu einer gewalttätigen und blutigen Auseinandersetzung. Und Oakes muss sich fragen, ob es nicht seine Einmischung war, die erst zu dieser Katastrophe geführt hat.

_Die Autorin_

Mo Hayder wurde in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu suchen, und hat später viele Jahre im Ausland verbracht. Dabei lebte sie u. a. in Japan, wo sie als Hostess in einem Tokioter Nachtclub arbeitete. Mit ihrem Romandebüt, dem Psychothriller „Der Vogelmann“, wurde sie zur Bestsellerautorin.

Diesem Buch folgte „Die Behandlung“, ebenfalls ein Psychothriller mit Detective Inspector Jack Caffery. Diesen Erfolg unterstrich sie mit dem fulminanten Thriller „Tokio“. Sie hat Creative Writing studiert und unterrichtet gelegentlich auch an ihrer alten Uni, der Bath Spa University. Hayder lebt als freie Schriftstellerin mit Lebensgefährte und Tochter in London. „Die Sekte“ ist ihr vierter Roman.

|Mo Hayder bei Buchwurm.info:|
[„Der Vogelmann“ 2114
[„Die Behandlung“ 2118
[„Tokio“ 2194

_Der Sprecher_

David Nathan, geboren 1971 in Berlin, gilt laut Verlag als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht seine Stimme Darstellern wie Johnny Depp, Christian Bale und Leonardo DiCaprio. In „Die Sekte“ erweckt er die Spannung und den Horror zum Leben.

Katrin Zacheja und Dicky Hank zeichnen für die Textkürzung und die Regie verantwortlich. Hank leitete die Aufnahme im |d.c. studio|, das Mastering Dennis Kassel.

_Handlung_

Joe Oakes ist schon seit vielen Jahren ein investigativer Journalist für die Regenbogenpresse. Er stammt aus der Liverpooler Arbeiterklasse, und das merkt man seiner ruppigen Ausdrucksweise deutlich, in der das F-Wort eine prominente Stellung einnimmt. Er hat einen Bruder, Finn. Mit dem besuchte er vor über 20 Jahren den Mann, bei dem ihre krebskranke Mutter Geistheilung erhofft und nicht gefunden hatte: der selbsternannte Reverend Malachi Dove. Der leitet eine Sekte von Leuten, die der modernen Medizin abgeschworen hat und wie die Wiedergeborenen Christen nur auf Gottes Hilfe vertraut: die PHM oder Psychogenic Healing Ministries.

Als seine Mutter unter Qualen starb – sie verweigerte Morphium – lernte Joe, Malachi Dove bis aufs Blut zu hassen und drohte ihm den Tod an, sollte er jemals seinen Weg kreuzen. Nun jedoch ist es so weit.

Auf der Flucht vor dem US-Finanzamt IRS hat sich Dove eine kleine schottische Insel gekauft, die man allgemein Pig Island nennt, im Gälischen aber Cuigeach Eilean oder Hinkende Insel. Der Grund, warum Joe mit seiner Frau Lexie hinfährt, ist ein Touristenvideo, auf dem zwei Sekunden lang ein großes schwarzes Wesen mit einem langen Schwanz zu sehen ist, das aufrecht geht. Haben sich die PHM-Leute mit dem Teufel eingelassen?

Als sein Kontaktmann Blake ihn an der Küste abholt, befürchtet Joe bereits das Schlimmste, doch der Empfang der kleinen PHM-Gemeinde auf der Insel ist freundlich. Sie wollen etwas Wichtiges von Joe. Malachi Dove lebt noch, auf der anderen Hälfte der Insel, jenseits einer tiefen von Giftmüll verseuchten Schlucht. Und ihm gehört der meiste Grund und Boden hier. Den wollen sie haben. Und weil Joes Story über Eigg Island bereits zu einem ähnlichen Ergebnis geführt hat, soll er ihnen helfen, diesen Grund und Boden zu erhalten, um ihn gewinnbringend zu verkaufen. Alles klar?

Ist Joe völlig klar und recht. Doch deshalb ist er nicht hergekommen. Und außerdem gibt es Widerstand gegen diesen Plan. Die Familie Garrick fordert, dass Dove in Ruhe gelassen werde, weil er mit dem Satan im Bunde steht. Nach einem beeindruckten Blick in die aus dem gewachsenen Fels geschlagene Kapelle der Gemeinde sucht Joe einen Weg, der ihn auf das Land von Dove führt. Die 17-jährige Sovereign Garrick hilft ihm dabei.

|Expeditionen zum Teufel|

Die erste der drei Expeditionen endet am Drahtzaun. Dort wachen Videokameras über jede Bewegung. Dass Pig Island seinen Namen nicht umsonst trägt, wird aus den alle drei Meter auf die Zaunpfähle gespießten Schweinsköpfen ersichtlich, die wie Teufelsfratzen Besucher abschrecken. Der Erfolg dieser Maskerade ist durchschlagend. Man steckt Joe in Arrest. Doch an einen Sprung aus dem Fenster haben seine Wächter offenbar nicht gedacht.

Seine zweite Expedition endet dramatischer. Joe hat eine Drahtschere mitgebracht. Leider hat er nicht bedacht, dass der Elektrozaun enorm geladen ist und interpretiert das statische Summen um eine Millisekunde zu spät als das, was es andeutet: einen derart gewaltigen Stromschlag, dass Joe für Stunden wie gelähmt auf der Erde liegt. Als Malachi Dove gemächlich erscheint, kann er Joe in aller Ruhe mit der Axt ein Ding verpassen, von dem sich Joe erst nach zwei Wochen erholt hat. Lexie ist entsprechend entsetzt.

Joe ist hartnäckig. Ein Boot bringt ihn zur Doves Domizil. Es ist leer, scheint aber bewohnt zu sein. Doch wo ist der Erzfeind? Es gibt nur eine logische Erklärung: Dove ist in der PHM-Gemeinde. Als Joe dort endlich eintrifft, glaubt er, in seinen schlimmsten Albtraum geraten zu sein. Denn hier ist keine Menschenseele mehr am Leben. Nur die Schweine. Sie fressen …

_Mein Eindruck_

Dies ist nicht einmal das erste Drittel dieses an Überraschungen reichen Thrillers. Joe findet auf der Insel nicht nur Malachi Dove, sondern auch dessen Tochter Angeline. Diese junge Frau von knapp 19 Jahren weist einige Besonderheiten auf, von denen die sichtbarste sicherlich ihr Schweif ist. Offenbar ist sie es, die auf dem Touristenvideo kurz in Sicht kommt. Was es mit dieser Deformierung auf sich hat – damit muss nicht nur Joe, sondern auch dessen Frau Lexie zurechtkommen. Bei Joe löst sie einen erotischen Schub aus, bei Lexie, die Angeline zunächst halb fürsorglich, halb egoistisch aufgenommen hat, einen Schub blanker Eifersucht.

Überhaupt, Lexie. Sie stammt im Gegensatz zu dem Arbeitersohn aus der oberen Mittelklasse. Nicht nur verrät ihr Wortschatz, den sie in ihren Briefen an ihren Psychotherapeuten schreibt, eine viel bessere Bildung, sondern auch völlig andere Werte, als Joe sie an den Tag legt. Das zeigt sich deutlich an der Reaktion der beiden auf den Arzt, der Angeline als erster untersuchen darf. Der richtig edel gekleidete Mann ist genau Lexies Kragenweite bei der Partnerwahl, doch für Joe ist er nur ein Kleiderständer, der sich doch eigentlich selbst lächerlich vorkommen müsste. Angelines Reaktion auf die unterschiedlichen beiden Menschen Joe und Lexie fällt dementsprechend aus. Sie sucht Schutz, aber nur bei Joe.

Doch Joe hat dafür kaum einen Blick, ist er doch nur von einem besessen: von dem spurlos verschwundenen Malachi Dove. Zusammen mit den führenden Beamten der Polizei der Grafschaft Strathclyde Strujters und Danso jagt er einem Mann nach, der sich letzten Endes als Phantom erweist. Die Folgen sind nichts weniger als tragisch zu nennen. Statt nachzudenken, verrennt sich Joe in einen Albtraum. Bis es zu spät ist.

|Das dicke Ende|

„Die Sekte“ scheint nach dem zweiten Drittel so dahinzuplätschern, aber der Schein trügt. Hätte nämlich der Leser etwas länger nachgedacht als Joe Oakes, dann wäre er auf die Lösung des Rätsels gekommen: Warum wurden in der Kapelle Spuren von 31 Menschen gefunden, obwohl doch in der Sekte nur 30 gelebt haben? Dass Malachi Dove den Tod gefunden haben könnte, will Joe einfach nicht in den Schädel. Lieber jagt er einem Phantom hinterher. Oder schreibt an seinem Buch über das, was er auf Pig Island erlebte.

Doch Angeline ist keine Puppe, die man in die Ecke stellen könnte, sondern ein lebendiges Wesen, das zwar anders gebaut ist, aber dennoch unbestreitbar weibliche Attribute aufweist: Er verliebt sich in sie. Sein Bruder Finn ist erst abgestoßen, dann fasziniert – das Buch, das Joe schreibt und er als Literaturagent verkauft, wird garantiert ein Bestseller. Und die Fotosession mit einer glamourös auftretenden Angeline wird bestimmt der Hammer.

Doch wie so oft hat auch diese Geschichte ein dickes Ende. Joe sieht es nicht kommen und der Leser, der aus seinem Blickwinkel die Entwicklung betrachten muss, ebenso wenig. Die Überraschung, die Struthers und Danso auf Lager haben, stellt die bisher erzählte Geschichte auf den Kopf. Joe kann kaum so schnell denken, dass er gleich begreift, was hier nicht stimmt. Man hält ihn für den Schuldigen, dabei muss es doch jemand anderes gewesen sein! Können das die sturen Bullen denn nicht kapieren?

Mit Joe verstehen wir uns nur allzu gut. Und das zwingt den Leser, entweder die letzten Seiten mehrmals zu lesen oder den Roman nochmals von vorne anzufangen. Denn nun haben alle Beobachtungen und Deutungen, die Joe uns liefert, eine völlig andere Bedeutung, und zwar nicht nur am Anfang auf Pig Island, sondern auch später im Fall Lexie.

Diese Umkehrung aller Annahmen im Licht neuer Erkenntnisse und Folgerungen kann nur der Leser selbst leisten. Das erweist sich als Geniestreich der Autorin. Denn nun ist es der Leser selbst, der das Grauen erzeugt und schier am eigenen Verstand zweifelt. Wie konnte dieser oder jener Hinweis nur übersehen werden? Wie ist ist es möglich, dass man so leichtgläubig auf die Annahmen des braven Joe Oakes hereinfiel?

|Der Skeptiker wird bekehrt|

Joe ist ein abgebrühter Erforscher des so genannten Übernatürlichen. Geistheilungen, weinende oder blutende Statuen, verkleidete Riesenaffen oder Urmenschen – er entlarvt alles als Scherz und Betrug. Er ist der geborene Skeptiker und sein Geschäft als Enthüllungsjournalist für die Sensationsblätter besteht genau darin, mit Mitteln der Vernunft den Betrug durch religiösen Wahn oder Aberglauben aufzudecken. Er würde sich für den Weißen Ritter der Vernunft halten, wenn dieses Bild nicht so abgeschmackt wäre.

Aber Joe ist es am Schluss, der heulend und schreiend an der Straße steht und einer wegfahrenden Frau nachbrüllt: „You evil witch!“ Wie konnte es so weit kommen, dass er einen religiösen Begriff – „evil“ – und einen des Aberglaubens – „witch“ – in einem Atemzug nennt und zwar voll irrationalem Hass? Es ist das Kunststück der Autorin, den Weg, der an diesen Endpunkt führt, geradezu unmerklich zu pflastern und dann noch einen draufzusetzen. Es sieht für die Polizei so aus, als sei es Joe, der am Massaker auf Pig Island schuldig sei. Durch seine eigene Blödheit, seine Verblendung durch Dove, hat er zugelassen, dass er nicht mehr klar denkt, und das Unheil quasi eingeladen, das nun schließlich über ihn hereinbricht.

|Hexenjagd|

Mehrere Aspekte machen die Geschichte dieses Romans aktuell relevant, besonders für Briten. Es geht um Ausgrenzung einer anders orientierten religiösen Gemeinschaft. Dass Christen inzwischen auch mit muslimischen Glaubensangehörigen ein Problem haben, dürfte bekannt sein. Das Problem wurde verschärft, als Muslime im Namen Allahs Bombenanschläge auf Unschuldige verübten (Juli 2005). Eine wahre Hexenjagd begann, in deren Verlauf die Täter und deren Familien gesucht und teilweise verhaftet wurden. Für rechtsgerichtete Kreise ein gefundenes Fressen, um gegen alle Andersartigen zu hetzen.

Es ist kein Zufall, dass Antiterroreinheiten bei der Aufklärung des Massakers auf Pig Island eingesetzt werden. Diese Leute sind eben am besten für die Spurensuche und das Aufspüren Verschwundener gerüstet. Für Joe sieht es aus wie auf einem Filmschauplatz, als die Cops ihr Lager aufschlagen. (Eine sehr gut geschilderte Szene.) Sie stellen die Normalität auf den Kopf. Und wenn sich Joe ein wenig mehr für ihre Ergebnisse interessiert hätte statt für ihr schräges Outfit, wäre ihm manches Ungemach erspart geblieben.

Das ungewöhnlich Ironische an der Handlung von „Die Sekte“ resultiert daraus, dass die Hexenjagd dem völlig falschen Ziel gilt. Mit Joe werden wir dazu verleitet, Malachi Dove für das Ziel zu halten und andere Möglichkeiten auszublenden, als hätten wir Scheuklappen. Wie sehr sich dieses Denken an seinem Urheber rächt, stellt sich erst ganz am Schluss, auf den letzten zehn Seiten, heraus: Er fängt sich in seiner eigenen Falle. Der wahre Schuldige spaziert in die Freiheit. Da nützt Joe all sein Toben und Wüten nichts mehr. Und man darf darauf wetten, dass er einen Sündenbock finden wird.

Dieses Verhalten gemahnt an das mancher Politiker, zum Beispiel an den nicht besonders schmeichelhaft erwähnten Tony Blair. Er zeigte mit dem Finger auf Saddam Hussein, weil der angeblich „Massenvernichtungswaffen“ herstellte. Dass diese nur in den Papieren der CIA existierten, scheint seiner Politikerlaufbahn nicht geschadet zu haben. Er fand genügend Sündenböcke, beispielsweise einen Wissenschaftler, der solche „Todesfabriken“ im Auftrag der UNO untersucht hatte. Ob der britische Geheimdienst schuld an dessen Freitod war, ist nicht ganz geklärt.

|Der Sprecher|

David Nathan ist mir als ein ausgezeichneter Leser von Texten bekannt, die ein wenig unheimlich und gruselig sind. Er hat Stephen Kings „The Green Mile“ und [„PULS“ 2819 gelesen, nun löst er Dietmar Bär als Leser von Mo-Hayder-Büchern ab. Verglichen mit Bär ist Nathans sprachliches Instrumentarium weitaus vielfältiger und flexibler. Daher fällt es ihm leicht, die männlichen Figuren zischen, raunen, schreien oder auch nur spöttisch lachen zu lassen – und das alles schon auf der ersten CD. Nathan hat auch kein Problem mit Fäkalsprache und dem englischsprachigen Ausruf „Fuck!“, die alle vom Übersetzer Rainer Schmidt so stehen gelassen wurden. Demgegenüber hebt sich die frömmelnde Heiterkeit von Blake Frandenberg, der Joe zu den GPH führt, umso stärker ab.

Aber Nathan hätte sich vielleicht doch mal um ein wenig sprachliche Recherche bemühen sollen. Seine Aussprache von schottischen, biblischen und gälischen Namen entspricht nicht dem korrekten Sprachgebrauch, der heute als gültig angesehen wird. Der Name von Argyll wird nicht [a:g(e)l], sondern [a:gail] ausgesprochen. Der biblische Name Malachi (im Deutschen Malachias) wird [mäläkai] statt, wie von Nathan, [mäläki].

Der gälische Name von Pig Island, nämlich Cuigeach Eilean, ist natürlich ein Härtefall. Dennoch lässt sich auch dessen Aussprache nachschlagen oder durch Ausspracheregeln erschließen. Keine einzige Regel sieht vor, dass das „each“ auch „ach“ ausgesprochen wird, wie Nathan es tut. Die Regel sieht vor, das erste Wort [ku:gi] auszusprechen. „Eilean“ erfreut sich einer annähernd richtigen Aussprache: [ejlän]

|Die Übersetzung|

Warum der Übersetzer das englische Wort „springtide“ stehen ließ und nicht mit „Springflut“ übersetzte, ist mir ein Rätsel. Auch die Wortwahl von Joe Oakes, dem Ich-Erzähler, ist weit vom Original entfernt. Er ist ein einfacher Kerl aus der Liverpooler Arbeiterklasse und redet ein völlig anderes Englisch als seine Frau Lexie, die dem oberen Bürgertum angehört. Der Unterschied wird von der Übersetzung nivelliert, zumindest aber in der Interpretation durch David Nathan. Ich bezweifle jedoch, dass Lexie Wörter wie „Fuck“ oder „Arsch“ in den Mund nehmen würde.

_Unterm Strich_

„Die Sekte“ ist ein selten fies erzählter Thriller. Wer meint, er hätte, wie Joe Oakes, die Lösung des Rätsels schon nach kurzer Zeit gefunden, der irrt sich gewaltig. Das dicke Ende kommt noch. Sobald man den Schluss gehört hat, muss man entweder von vorne anfangen oder schwer darüber nachgrübeln, welche Folgen diese Informationen für den Rest der Handlung haben. Das Grauen entsteht erst im Hirn des Lesers, nachdem das Hörbuch beendet ist. Dabei tauchen auch etliche Fragen und Widersprüche auf, aber die lassen sich durch genauere Lektüre klären.

Somit steht „Die Sekte“ in einer Reihe mit der Klasse besonders fieser Thriller, deren Schluss den ganzen Rest des Buches umdeutet. Nur in seltenen Glücksfällen ahnt der gewitzte Leser nicht, was da auf ihn zukommt. „Die Sekte“ ist ein solcher Fall. Und das mit etlichen aktuellen Aspekten, die ich oben aufgeführt habe. Weder Story noch Erzählstil sind herausragend, aber die Story haute mich um.

Das Hörbuch wird von einem ausgezeichnet vortragenden Sprecher gestaltet, der mit Nuancenreichtum die Figuren unterscheidbar macht und ihnen Leben einhaucht. Seine Schwächen bei der Aussprache schottischer und gälischer Namen sehe ich ihm nach, denn diese Schwäche teilt er mit vielen deutschen Sprechern. Wertungsabzug gibt es für den nach wie vor zu hohen Preis der |Random House|-Hörbücher.

|Originaltitel: Pig Island, 2006
Aus dem Englischen von Rainer Schmidt
431 Minuten auf 6 CDs|
http://www.randomhouseaudio.de
[Verlagsspezial]http://www.randomhouse.de/dynamicspecials/hayder__sekte/

John Grisham – Die Schuld (Lesung)

Ein junger Pflichtverteidiger wird von einem geheimnisvollen Fremden dazu verführt, die juristische Drecksarbeit für einen Pharmakonzern zu erledigen. Zu spät erkennt Clay Carter, in welcher Klemme er nach nur wenigen Monaten steckt. – Grisham zeigt auf, wie verführbar junge, unterbezahlte Anwälte sind und wie das dreckige, aber völlig legale Geschäft mit den Sammelklagen in den USA funktioniert.

Der Autor
John Grisham – Die Schuld (Lesung) weiterlesen

Perry-Rhodan-Team / Borsch, F. / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Der Gesang der Motana (Perry Rhodan – Sternenozean 7)

Bei Robin Hood im Wald der Gesetzlosen

|Lübbe Audio| vertont die Abenteuer des Kadetten Kantiran und des Sternenadminstrators Perry Rhodan, die in der Unterserie „Sternenozean“ im Perry-Rhodan-Universum spielen. Bislang sind zwölf Hörspiele veröffentlicht, doch will |Lübbe| offenbar vierzig Hörspiele produzieren. Dies ist die zweite Staffel.

Folge 7: Perry Rhodan und Atlan geraten mitten in einen mörderischen Kampf gegen die Kybb-Cranar. Können sie dem Volk der Motana tatsächlich helfen? Und welche Rolle spielt der Nomade Rorkhete? (Verlagsinfo)

Die Reihe

„Perry Rhodan“ ist die größte SF-Heftchen- und Roman-Reihe der Welt. Eine Vielzahl von Autoren schreiben seit Jahrzehnten für die Reihe, und koordiniert wird dieser Aufwand vom |Pabel|-Verlag in Rastatt. Auch Andreas Eschbach fühlte sich geehrt, einen oder zwei Bände beitragen zu dürfen.

Es gab vor der aktuellen |LübbeAudio|-Reihe schon Vertonungen der PR-Silberbände, doch nicht in der stilvollen Inszenierung des |STIL|-Tonstudios. Die Romanvorlage für das vorliegende Abenteuerhörspiel stammt von Frank Borsch („Der letzte Gesang“ und „Gesang der Hoffnung“).

Die ersten Staffel:

1) [Der Sternenbastard
2) [Die Mascantin
3) [Der Hyperschock
4) [Planet der Mythen
5) [Havarie auf Hayok
6) Das Blut der Veronis

Die 2. Staffel:

7. [Der Gesang der Motana
8. [Sonderkommando Kantiran
9. [Tau Carama
10. [Überfahrt nach Curhafe
11. [Entscheidung in Vhalaum
12. [Die Femesängerin

Die 3. Staffel:

13. [Der Flug der Epha-Motana
14. [Terraner als Faustpfand
15. [Die Sekte erwacht
16. [Der Todbringer
17. [Kampf um den Speicher
18. [Die mediale Schildwache

Die 4. Staffel:

19. [Operation Kristallsturm
20. [Das Land unter dem Teich
21. [Attentat auf Hayok
22. [Kybb-Jäger
23. Auf dem Weg nach Magellan
24. Jenseits der Hoffnung

Die Sprecher / Die Inszenierung

Erzähler: Joachim Höppner (Stimme von „Gandalf“) – dem letztes Jahr überraschend Verstorbenen ist die ganze 2. Staffel gewidmet.
Perry Rhodan: Volker Lechtenbrink (Schauspieler, Sänger, Synchronsprecher)
Atlan: Volker Brandt (Stimme von Michael Douglas)
Zephyda: Claudia Urbschat-Mingues (Stimme von Angelina Jolie, Maria Bello)
Rorkhete: Charles Rettinghaus (Stimme von Jean-Claude van Damme, Robert Downey jr.)
Planetare Majestät: Kerstin Sanders-Dornseif (Stimme von Susan Sarandon, Glenn Close)
Kybb-Cranar: Markus Krane & Thomas Schmuckert
Und weitere.

Volker Lechtenbrink wurde 1944 in Cranz/Ostpreußen geboren. Bereits als Achtjähriger sprach er im Kinderfunk und stand zwei Jahre später auch schon auf der Bühne. 1959 wurde er durch den Antikriegsfilm „Die Brücke“ (Regie: Bernhard Wicki) bundesweit bekannt. Er besuchte die Schauspielschule in Hamburg und ist heute in zahlreichen TV-Serien zu sehen. Darüber hinaus ist er am Theater tätig, geht auf Tourneen oder wirkt als Intendant. (Verlagsinfo)

Die Hörspieladaption stammt von S. A. Effenberger. Regie, Musik, Ton und Programmierung lagen in den Händen von Christian Hagitte und Simon Bertling vom Ton-Studio STIL. „Die Musik wurde exklusiv für die Perry-Rhodan-Hörspiele komponiert und vom Berliner Filmorchester unter der Leitung von Christian Hagitte live eingespielt. Die elektronischen Klänge und Effekte wurden speziell für die Hörspiele vom |STIL|-Team durch den Einsatz von Computertechnik generiert“, heißt es im Booklet. Executive Producer der Reihe ist Marc Sieper.

Am Schluss erklingt der Song „How do you feel? Perry Rhodan Mix“ von der Band |Camouflage|. Der Originaltitel stammt von der LP „Relocated“ (SPV 2006).

Vorgeschichte

Perry Rhodan und sein arkonidischer Freund Atlan sind auf einem Minenplaneten der bösartigen Kybb Cranar in deren Gefangenschaft geraten. Die igelförmigen Aliens verpassten ihnen metallene Halsringe, die mit einem Giftstachel bewehrt sind: die Krynn Varid. Bei Widerstand kann das Gift per Fernsteuerung injiziert werden. Nur aufgrund ihrer persönlichen Zellaktivatoren können die beiden Gefährten das Gift neutralisieren, doch jedes Mal kostet es sie mehr Kraft.

Im Heiligen Berg mussten sie mühselige Bergarbeiterjobs verrichten, zusammengepfercht mit anderen Sklaven vom Planeten der einheimischen Motana. Deren Anführer Yadüel opferte sich für sie auf, damit sie fliehen konnten, und gab ihnen dabei ein kleines Säckchen mit einem Geschenk auf den Weg …

Handlung

Perry und Atlan eilen durch die Steppe, um den nahen Wald von Pardan zu erreichen. Dort hoffen sie bessere Deckung vor den Gleitern der Kybb Cranar zu finden, die bestimmt bereits nach den Entflohenen suchen. Vorerst sichten die Gefährten nur die Transportgleiter der Mine, die beladen mit Schaumopal zu den Raumhäfen unterwegs sind.

Im Wald stoßen sie auf ein leeres Camp der Motana, leihen sich die Reittiere aus und dringen weiter in den Dschungel vor. Bis sie plötzlich von Motana-Kriegern umzingelt sind. Deren Anführerin stellt sich als „Wegweiserin“ Zephyda vor. Ihre grünäugige und rothaarige Schönheit steht in krassem Gegensatz zu ihrem Misstrauen gegen die beiden Eindringlinge. Erst als Perry den Gesang der Motana, den er in den Minen gehört hat, anstimmt und ihr den Inhalt des Säckchens Yadüels gezeigt hat, glaubt ihm Zephyda. Sie ist Yadüels Schwester und trauert um ihn. Die Geschwister sind die Enkel der Planetaren Majestät. Zu dieser bringt Zephyda die Flüchtlinge, damit sie über sie richte.

Um die Halsringe loszuwerden, braucht Perry Werkzeug der Kybb Cranar. Dieses findet sich in einem der Wachtürme, den die Motana und die beiden Gefährten im Sturm erobern. Dass sie dabei auf sich aufmerksam machen, ist ihre geringste Sorge. Das Aufbrechen der Halsringe gelingt, doch nur unter einem hohen Risiko.

In der zentralen Waldstadt der Motana lernen sie die Planetare Majestät kennen, eine uralte Frau, die mit ihren zwölf Wegweiserinnen die verborgen lebenden Motana anführt. Einst waren auch die Motana zwischen den Sternen unterwegs, doch unterwarfen die Kybb Cranar den ganzen Sektor, um die Menschen als Sklaven in ihren Minen auszubeuten.

Bei der Willkommensfeier zu Ehren der Gäste tritt ein Nomade namens Rorkhete auf, der sie einer schmerzhaften psychischen Wahrheitsprüfung unterzieht. Leider stellen sie sich nicht als die prophezeiten Schutzherren der Welt heraus, obwohl sie natürlich ihren Beistand anbieten. Aus Zephyda und Atlan scheint ein Liebespaar geworden zu sein, stellt Perry verwundert fest.

Niemand ahnt, dass sich die würfelförmigen Raumschiffe der Kybb Cranar lautlos der Residenz angenähert haben, bis es zu spät ist. Die Sklavenjäger eröffnen auf die überraschten Feiernden das Feuer. Perry, Atlan und Zephyda können mit knapper Not fliehen. Da stoppt vor ihnen Rorkhetes Vehikel. Will er sie töten?

_Mein Eindruck_

Im Rahmen einer guten Radiostunde erlebt der Hörer hier ein actiongeladenes Drama, das es in puncto Produktionsqualität mit einer Star-Wars-Episode aufnehmen kann. Die SF-Handlung, kombiniert mit Fantasyelementen – die Rede ist von Prophezeiungen, und eine magisch-psychische Prüfung wird vollzogen -, weiß für flotte Unterhaltung zu sorgen. Die Guten kämpfen gegen die eindeutig als finster und fremdartig gekennzeichneten Bösen, die igelförmigen Kybb Cranar. Ob sie den Sieg erringen, bleibt abzuwarten. Vorerst wirken Perry und Atlan wie Aragorn und Legolas und müssen sich und Zephyda in Sicherheit bringen.

Was hier an Zutaten noch fehlt, ist der größere Zusammenhang. Die Planetare Majestät gewährt zwar einen Blick in die Vergangenheit, doch welchen Stellenwert der Planet der Motana einnimmt, bleibt verborgen. Ob Perry und Atlan eine Rolle bei der Vertreibung der Kybb Cranar spielen können, erscheint eher unwahrscheinlich, denn ihre Mittel sind sehr begrenzt. Sie besitzen nicht einmal ein Ansible-Funkgerät, das andere Welten erreichen könnte, geschweige denn einen Materietransmitter. Das macht ihre Abenteuer in ihrer Begrenztheit aber sehr menschlich. Ein Supermensch, wie ihn der SF-Autor [A. E. van Vogt 3579 im Dutzend billiger ersonnen hat, würde hier relativ deplatziert wirken – eine märchenhafte Lösung in einem SF-Ambiente.

Nur ein Pedant würde daran herummäkeln, dass Perry und Atlan auf allen Welten, auf die sie geraten, keine Probleme mit dem Sauerstoffgehalt der Luft, den Mikroben oder gar der Schwerkraft der Welt haben. Daran ist zu merken, dass alle Planeten im Grunde nur alternative Versionen der Erde sind. Und wenn die Motana mitten im Wald in Baumhäusern leben, so erinnert uns dies entweder an Robin Hood oder an die gute alte Mittelerde. So gesehen, wirkt die fremde Welt der Motana fast schon wieder heimelig.

|Die Inszenierung|

So fangen Sternenopern an: mit einer schmissigen Titelmelodie und raunenden Stimmen, die Schicksalhaftes verkünden. Ein Erzähler wie Achim Höppner hat eine recht hohe Autorität und wir glauben ihm seine Geschichte nur allzu gern, wenn er von der Flucht Perrys und Atlans erzählt. Atlan klingt wie Michael Douglas. Ihm und Volker Lechtenbrink als Perry Rhodan nehme ich die Actionhelden ab.

Ihnen stehen zwei gleichwertige Frauengestalten gegenüber: Zephyda, die kämpferische Amazone, und die weise Alte, die Stimme der Vergangenheit. Zwischen ihnen steht der zwielichtige Nomade Rorkhete, von dem ich mir einige Überraschungen erwarte. Charles Rettinghaus, die deutsche Stimmbandvertretung von Jean-Claude van Damme, spielt ihn energisch und zupackend.

Insgesamt sind die Musik und die Geräuschkulisse (s.u.) eine ganze Menge Aufwand für eine simple Sternenoper, aber es lohnt sich: Das Hörspiel klingt höchst professionell produziert. Ich könnte Gegenbeispiele nennen, in denen die Musikbegleitung in die Hose ging, aber sie stammen alle nicht von |STIL|.

Die Geräusche können in Sachen Professionalität absolut mit Kinoproduktionen mithalten. Eine große Bandbreite an Sounds charakterisiert die verschiedenen fremdartigen Wesen und Maschinen, welche die Helden auf seinen Streifzügen antreffen. Da sausen die Gleiter, da zischen die Strahler. Vielerlei Viehzeugs zwitschert, knurrt und fiept in Wald und Steppe rings um Perry und Atlan. Wenn sie sich in die Büsche schlagen, so knistert und prasselt es aus den Boxen.

Die größte akustische Leinwand bemalen jedoch die tausend elektronisch erzeugten Sounds, die der ganzen Handlung erst das kosmische Science-Fiction-Feeling verleihen. Ohne sie könnte es sich ebenso gut um Fantasy auf einem fernen Planeten handeln, wie sie z. B. Jack Vance fabriziert hätte.

Der Abschlusssong von |Camouflage| klingt nach solider deutscher Wertarbeit: mit einem fetzigen Bassriff und einem Sänger, der sich die Feinheiten der englischen Aussprache noch antrainieren muss („head“ klingt wie „hat“). Der Song dauert vier Minuten und ist wenig bemerkenswert. PR-Fans werden ihn sicherlich begrüßen. Mehrere Zitate aus der aktuellen Episode wurden eingeflochten.

_Unterm Strich_

Insgesamt bildet „Der Gesang der Motana“ einen vielversprechenden Auftakt zur zweiten Staffel der Hörspielserie „Perry Rhodan: Sternenozean“. Sie wird offenkundig von Profis produziert, von mancher bekannten Hollywoodstimme gesprochen und liefert einen soliden Gegenwert für den Preis von rund acht Euronen.

Jugendliche beiderlei Geschlechts zwischen 14 und 17 Jahren dürften sich rasch mit den Helden identifizieren, und das ist eine der besten Voraussetzungen, ein treues Publikum aufzubauen. Auch Zephyda ist eine solche Identifikationsfigur, und ich hoffe, dass sie möglichst lange Teil des Serienpersonals bleibt.

Was die Qualität des Inhalts angeht, so darf man wohl kaum tiefschürfende und daher langweilige Monologe erwarten. Vielmehr sind kämpferische Action und romantische Exotik angesagt – das ist genau die Mischung, die auch „Star Wars“ so erfolgreich gemacht hat. In der Abwechslung liegt das Geheimnis des Erfolgs für solche Unterhaltung, und deshalb wechselt in der folgenden Episode „Sonderkommando Kantiran“ die Szene schon wieder völlig.

|58 Minuten auf 1 CD|
http://www.perryrhodan.org
http://www.luebbe-audio.de
http://www.stil.name/
[Ausführlicher Überblick über diesen Zyklus der Heftromanserie]http://www.perrypedia.proc.org/Der__Sternenozean__%28Zyklus%29

Sir Gilbert Campbell – Der weiße Wolf von Kostopchin (Gruselkabinett Folge 107)


Die dämonische Frau

Im strengen Winter 1845 wird das Gut Kostopchin von einem Wolfsrudel heimgesucht. Im Grenzland zwischen Polen und Russland sind die Winter hart, bitterkalt, schneereich und lang. Und manche Geschöpfe der Nacht wissen dies geschickt für ihre Zwecke zu nutzen … Weil er beim russischen Zaren in Ungnade gefallen ist, wird der Edelmann Pawel Sergejewitsch auf das einsame Gut Kostopchin verbannt. Dort stößt der passionierte Jäger auf die Spur eines weißen Wolfes. Als einige Bewohner der Umgebung gewaltsam zu Tode kommen, beginnt die Jagd auf das vermeintliche Untier. Es wird eine Jagd mit ungewöhnlichem Ausgang.

Der Verlag empfiehlt sein Hörspiel ab 14 Jahren.
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Die drei !!! – Die Pony-Verschwörung (Pocket Buch 1)

Die Handlung:

Ein eigenes Pferd! Ein Traum geht für Jessi in Erfüllung. Doch warum ist „Skuggabaldur“ auf einmal viel wilder als beim Probereiten? Ein neuer Fall für Kim, Franzi und Marie! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Im Jahr 2015 sind vier Die-drei-!!!-Romane im Pocket-Format (10x16cm) erschienen, von denen hier das Erste verhörspielt wurde. Von der Idee der kleinen Abenteuer hatte sich der Verlag dann aber schnell wieder verabschiedet, da danach keine mehr erschienen sind. Das Format scheint wohl bei der Zielgruppe nicht so gut angekommen zu sein wie erhofft.

Wohl damit die Geschichten aber nicht versauern, kommt jetzt (für mich ziemlich unerwartet) diese Verhörspielung aus der Mini-Reihe auf den digitalen Hörmarkt (eine CD gibts leider nicht). Fans und Freunde/Innen*Innen^^nenIn wirds freuen.

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Bernard Cornwell – Schwertgesang (Uhtred 4)

Uhtreds Heldentaten: Die Prinzessin ist das Silber

England im 9. Jahrhundert. Der große Krieger Uhtred wird vom sächsischen König Alfred beauftragt, die dänisch besetzte Stadt Lundene (London) zurückzuerobern. Doch herrschen soll dort ein anderer: sein unfähiger Schwager Aethelred von Mercien, der prompt eine große Dummheit begeht. Aethelreds Frau [Alfreds Tochter] gerät in die Hände der Nordmänner, und nur Uhtred wagt sich ins feindliche Lager. Dort wartet eine ungeheure Überraschung auf ihn… (Verlagsinfo)
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Rufin, Jean-Christophe – 100 Stunden (Lesung)

Wie viele Menschen verkraftet die Erde? Das ist eine der zentrale Fragen, mit denen Jean-Christophe Rufin den Leser/Hörer seines Romans „100 Stunden“ konfrontiert. Entwickelte Rufin in seinem ersten Roman „Globalia“ noch eine Anti-Utopie à la Orwell und Co., liest sich „100 Stunden“ mehr als eine Art Öko-Thriller.

Die französische Umweltaktivistin Juliette befreit im polnischen Wroclaw Tiere aus einem Versuchslabor, demoliert die Einrichtung und nimmt im Auftrag ihres Freundes Jonathan ein ominöses Fläschchen mit. Für wen die Ware bestimmt ist, weiß sie genauso wenig wie was sie enthält. Doch Juliette lässt sich nach Ausführung ihres Auftrag nicht so einfach abservieren. Die Umweltaktivistin will weiterhin an dem Projekt beteiligt bleiben und die Hintermänner der Aktion treffen. Also versteckt sie das Fläschchen, wodurch sie schon bald den Zorn eines Mannes auf sich zieht, der sich in seiner Arbeit nicht von Juliettes Motivation behindern lassen will …

Währenddessen wird in den USA der Arzt und Ex-Agent Paul Matisse von seinem alten Chef Archie erneut rekrutiert. Archie hat nach seinem Ausscheiden bei der CIA eine Art privaten Geheimdienst ins Leben gerufen, der nun auch mit den Ermittlungen in Sachen Wroclaw betraut wird. Dafür braucht Archie den Mediziner Paul, der prompt einwilligt und zusammen mit seiner früheren Partnerin Kerry die Hintergründe aufzuklären versucht.

Schon bald zeigt sich, dass der Cholera in der Sache eine zentrale Bedeutung zukommt. Paul und Kerry setzen sich auf die Fährte einer fanatischen, radikalen Umweltschutzorganisation, deren finstere Pläne zum Schutz des Planeten schon bald eine Bedrohung für die halbe Menschheit darstellen. Für Paul und Kerry beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, wenn sie die Pläne der Umweltfanatiker vereiteln wollen …

Mein Eindruck

„100 Stunden“ ist ein Roman, der zwar einerseits durchaus als Thriller erscheint, andererseits aber als solcher eher ruhig daherkommt. Wer nervenaufreibende Spannung und haarsträubende Action erwartet, den dürfte das gemächliche Tempo von „100 Stunden“ vermutlich eher abschrecken. Schon in der (sicherlich gekürzten) Hörbuchfassung ist die Spannung zwar greifbar, liest man aber die Pressestimmen, so könnte man glatt auf die Idee kommen, Rufin habe einen actionreichen, atemlosen Thriller abgeliefert.

Dabei ist die Spannung eher subtiler Art. Paul und Kerry ermitteln im Umfeld einiger Umweltschutzorganisationen und reisen um den Globus, um die Spur der Fanatiker aufzunehmen. Das läuft schon mal sehr spannend ab, vor allem natürlich im Showdown, als die Zeit knapp wird, aber oft ist es eben auch schnöde Ermittlungsarbeit, bei der Rufin in den Gesprächen der Agenten die thematisierte Kernproblematik anklingen lässt. Insgesamt wirkt gerade auch die Agentenarbeit sehr realistisch – viel Recherche, wenig James-Bond-mäßige Action.

Der zentrale Aspekt des Buches ist das Problem der Überbevölkerung. Wie soll Umweltschutz funktionieren können, wenn die Erde einfach schlichtweg zu stark bevölkert ist, um ein halbwegs nachhaltiges Leben zu ermöglichen? Die Sichtweise der Umweltschützer in Rufins Roman ist höchst kontrovers. Ihr vorrangiges Ziel ist der Schutz der Erde, nur sind ihre Schlussfolgerungen zur Umsetzung des Ziels äußerst drastisch. Man landet am Ende bei der Frage, was eine höhere Priorität besitzt – der Schutz der Umwelt und damit die Sicherung der Lebensgrundlage für zukünftige Generationen oder das Leben des Einzelnen.

Durch diese Radikalisierung des Umweltschutzes zwingt Rufin auch den Leser/Hörer dazu, immer wieder Stellung zu beziehen. Er konfrontiert ihn mit der radikalst möglichen Ausrichtung. Die ist zwar sicherlich in gewisser Weise effektiv (wenngleich in der Lösung der radikalen Umweltschützer ein gewichtiger Denkfehler steckt), aber eben auch höchst unethisch. Aber wo genau verläuft dabei die Grenze? Wo ist der Punkt, ab dem sich die ethische Verantwortung gegenüber unser aller Lebensgrundlage anderen ethischen Fragen unterzuordnen hat? Und wie müsste die richtige Antwort auf das Problem der Überbevölkerung lauten?

Es ist vor allem dieser Aspekt, diese philosophische Komponente, die „100 Stunden“ so interessant macht. Das war auch schon in Rufins Vorgängerwerk „Globalia“ nicht anders. Rufin fordert den Leser/Hörer zum eigenständigen Denken heraus. Rufin selbst ist Wissenschaftler. Er ist Mitbegründer von |Ärzte ohne Grenzen|, arbeitete als Entwicklungshelfer und wurde 2007 französischer Botschafter im Senegal. Er weiß, wovon er schreibt, und so macht eben auch die philosophische Komponente, die sich hinter der Umweltschutz- und Dritte-Welt-Problematik verbirgt, einen sehr gut recherchierten Eindruck. Da mag man Rufin teilweise verzeihen, dass sein Roman als Thriller nicht immer ganz so wunderbar funktioniert wie andere Exemplare dieses Genres.

Ein weiterer Makel, der „100 Stunden“ anhaftet, ist die Figurenskizzierung. Die Protagonisten wirken teilweise sehr eindimensional. Man fiebert nicht so richtig mit ihnen mit und kann sich nicht sonderlich gut in sie hineinversetzen. Dieser Eindruck manifestiert sich besonders deutlich in der Figur der Juliette. Man kann nicht so ganz nachvollziehen, was sie motiviert, und so bleibt sie bis zum Schluss etwas zu schablonenhaft.

Die 451-minütige Lesung von |Argon Hörbuch| ist dabei eine sehr empfehlenswerte Variante, sich „100 Stunden“ zu Gemüte zu führen. Wolfram Kochs gekonnte Vortragsweise macht den Roman zu einem kurzweiligen Hörvergnügen.

Bleiben unterm Strich also etwas gemischte Gefühle zurück. „100 Stunden“ behandelte eine interessante und äußerst wichtige Problematik. Rufin regt den Leser zum Nachdenken an und verpackt die Problematiken von Umweltschutz und Überbevölkerung in einer Geschichte, die größtenteils spannend, aber nicht so actiongeladen und nervenaufreibend ist, wie man anhand des Presselobes vielleicht glauben möchte. Auch die Figurenskizzierung bleibt leider hinter den Erwartungen zurück. Dafür versteht Rufin sich eben darauf, seine philosophische Romankomponente interessant verpackt unters Volk zu bringen.

http://www.argon-verlag.de

Leroux, Gaston / Gruppe, Marc – Phantom der Oper, Das (Gruselkabinett 4)

_Egoistisch: das Monster in seinem Labyrinth_

Frankreich 1880: In der Pariser Oper treibt ein Phantom sein Unwesen. Niemand kennt sein Gesicht, das stets hinter einer Maske verborgen bleibt. Die neuen Direktoren der Oper erkennen schnell, dass es sehr gefährlich ist, sich den Wünschen des Phantoms zu widersetzen. Als die vom Phantom protegierte Sängerin Christine Daaé ihrer Jugendliebe Raoul de Chagny wiederbegegnet, bahnt sich eine Katastrophe an. In den Katakomben unter der Oper kommt es zur Demaskierung des Phantoms …

_Der Autor_

Der Franzose Gaston Leroux (1868-1927) war mit seinem Roman „La mystère de chambre jaune“ (1908) ein Pionier des „Locked room mysterys“, einer cleveren Unterkategorie des Detektivromans. Bekannter ist er jedoch für „Le fantome de l’Opera“, das 1908 erschien. Obwohl es nichts Übernatürliches im Text gibt, so scheint doch die aufgeladene Grand-Guignol-Atmosphäre des Stückes auf eine nicht natürliche Lösung des Rätsels hinzuweisen. Leroux versicherte seinen Lesern jedoch, die Geschichte basiere auf Fakten. In den zwei Dekaden von 1904 bis 1924 schrieb Leroux etliche Romane mit phantastischem Einschlag.

_Die Sprecher / Die Inszenierung_

Die Rollen und ihre Sprecher:

Gaston Leroux: Herbert Schäfer
Madame Giry: Dagmar von Kurmin
Christine Daaé: Marie Bierstedt (Kirsten Dunst („Spider-Man“), Kate Beckinsale und Natalie Portman)
Das Phantom Eric: Torsten Michaelis (Wesley Snipes, Sean Bean)
La Carlotta, die Diva: Ursula Heyer (Charlotte Rampling, Claudia Cardinale, Gena Rowlands und natürlich Joan Collins als Denver-Biest „Alexis Carrington-Colby-Dexter“)
Der Perser: Jürg Löw
Raoul de Chagny: Patrick Winczewski (Hugh Grant, Tom Cruise)
Philippe, sein Bruder: Charles Rettinghaus (Jean-Claude van Damme, Robert Downey jr.)
Poligny: Heinz Ostermann (Kammerschauspieler)
Moncharmin: Detlef Bierstedt (Bill Pullman, George Clooney, Robert Englund, Jonathan Frakes)
Richard: Joachim Tennstedt (John Malkovich, Mickey Rourke, James Belushi, Michael Keaton …)
Meg Giry: Heide Jablonka
Mathilde: Arianne Borbach (Catherine Zeta-Jones, Diane Lane, „B’Elanna“ in „Star Trek Voyager“)
Garderobiere: Dagmar Altrichter (Ingrid Bergman, Angela Lansbury)
Monsieur Daaé, Geiger: Christian Rode (Michael Caine, Christopher Plummer, Telly „Kojak“ Savalas)
Christine als Kind: Charlotte Mertens
Raoul als Kind: Lucas Mertens

Marc Gruppe schrieb wie stets das Buch und gemeinsam mit Stephan Bosenius setzte er es um. Die Aufnahme fand im Studio AudioCue, Rotor Musikproduktion, Scenario Studio und bei Kazuya statt. Die Illustration stammt von Firuz Askin.

_Handlung_

Der Journalist Gaston Leroux ruft bei der Pariser Oper an: Nein, es gebe kein Phantom und habe auch nie eines gegeben. Doch er erhält einen Anruf, in dem genau das Gegenteil behauptet wird. Die Dame bittet ihn zu sich. Madame Giry lebt zurückgezogen in einem Klosterstift. Die alte Dame kannte das Phantom, denn sie war seine frühere Logenschließerin. Das Phantom hat sich die Loge Nr. 5 reservieren lassen und gab ihr stets ein gutes Trinkgeld, wenn sie seine Wünsche berücksichtigte. Die Direktion der Oper wusste davon und erlaubte es. Im Jahr 1880 trat die Giry ihre Stelle an und entwickelte ein Vertrauensverhältnis zu dem Mann, den sie nie zu Gesicht bekam. Der einzige andere Mensch, der das von sich behaupten konnte, war Christine Daaé, die Sängerin, deren Mentor und Ausbilder das Phantom wurde. Doch eines Tages veränderte sich alles …

Monsieur Poligny übergibt die Leitung der Pariser Oper an die Herren Moncharmin und Richard. Allerdings hat er zwei erstaunliche Bedingungen und er warnt die neuen Direktoren vor den Folgen, wenn diese nicht erfüllt würden. Erstens bleibt die Loge Nr. 5 für das Phantom reserviert und zweitens sei der Pachtvertrag zu erfüllen, der dem Phantom monatliche Bezüge zusichert. Die beiden Herren überwinden ihr Erstaunen und lehnen die Bedingungen rundweg und mit größtem Spott ab. Unheil zieht herauf.

Als Erstes steht Gounods Oper „Faust“ auf dem Programm, und Ballerinen und Sängerinnen proben fleißig. Die italienische Diva La Carlotta tut mal wieder dicke, denn sie fühle sich in ihrer Ruhe gestört. Über das Phantom, von dem die Kolleginnen tuscheln, spottet sie nur. Da ertönt ein Schrei, und Madame Giry hat die an einem Seil baumelnde Leiche des Bühnenbauers Joseph entdeckt. Kurz darauf warnt das Phantom La Carlotta davor, den Part der Margarethe zu singen. Die Diva beschwert sich bei den Direktoren und darf natürlich auftreten. Denn auch die Direktoren haben einen Brief erhalten, in dem das Phantom auf die zwei bekannten Bedingungen pocht und noch eine weitere hinzufügt: Christine Daaé solle die Margarethe singen. Sie lehnen empört ab.

Premierenabend. Zwei Akte hat das Ensemble bereits erfolgreich bewältigt, da folgt die Katastrophe: Der hochbezahlten Kehle der La Carlotta entringt sich nur ein lächerliches Krächzen. Das Publikum lacht sie aus und sie flieht von der Bühne. Was nun, fragen sich die Direktoren. Das Phantom präsentiert die Lösung: Christine Daaé könne sofort einspringen. Ist okay, und Christines Auftritt wird ein akustischer Triumph. Das Publikum ist ebenso entzückt wie die Direktoren. Der Abend scheint gerettet. Aber wo zum Kuckuck hat die Daaé so gut singen gelernt?

Ein alter Bekannter des Phantoms und Stammgast der Oper ist der Perser. Er führt die beiden adeligen jungen Männer Raoul und Philippe de Chagny zu den Garderoben der Künstlerinnen, die wie stets belagert sind. Raoul erkennt in Christine Daaé seine Jugendliebe wieder und möchte sie natürlich wiedersehen. Doch er stößt auf ein Rätsel. Erst freut sie sich, dann weist sie ihn ab, aber sie wolle ihm schreiben. Hinter der verschlossenen Tür hört er eine Männerstimme! Christine nennt den Mann ihren „Meister“ und gelobt ihm Treue und Gehorsam. Als sie die Garderobe verlässt, schaut Raoul heimlich hinein: Keiner da. In ihrem Brief vereinbart Christine ein heimliches Treffen auf dem baldigen Maskenball.

Doch ihr Treffen bleibt keineswegs unbemerkt. Eine Gestalt, die als der Tod auftritt und ganz in Scharlachrot gewandet ist, folgt den beiden Turteltäubchen bis hinauf aufs Dach der Oper. Während sie einander Liebesschwüre zuflüstern, erkennt das Phantom Christines Verrat. Dafür soll sie büßen.

Schon in der nächsten Vorstellung der Oper kommt es zu einer Katastrophe. Der Kronleuchter stürzt ins Publikum. Doch von der Panik und den Schreien merkt Christine in ihrer Garderobe anscheinend nichts. Raoul, der zu ihr eilt, merkt verwundert, dass sie durch den Spiegel verschwindet. Wie seltsam! Doch der Perser und Philippe wissen Rat. Das Phantom habe das Mädchen in die Keller, Tunnel und Katakomben entführt, die den umfangreichen Untergrund der riesigen Oper durchziehen.

Bewaffnet mit Degen und einer einzigen Lampe betreten die drei Männer das Labyrinth des Phantoms. Unterdessen verfolgt der Herrscher dieser Unterwelt seine eigenen Pläne mit seiner schönen Beute …

_Mein Eindruck_

Bestimmte Szenen wie der Auftritt des Phantoms als scharlachroter Tod, der an Poes Geschichte „Die Maske des Roten Todes“ (1842) erinnert, sowie das Abreißen der Gesichtsmaske sind mittlerweile unverzichtbarer Teil der Bildsprache des phantastischen Films und des Horror-Genres. Die Geschichte als Ganzes ist eine zentrale „urbane Phantasie“, die nur in der großen Stadt auftreten kann, wo es stets auch eine umfangreiche Unterwelt gibt.

|Minotaurus|

Auch an die Sage vom Minotaurus erinnert mich das Ungeheuer, das im Labyrinth herrscht. Und Christine verschwindet durch einen (präparierten) Spiegel in eine Anderswelt, genau wie die Alice von Lewis Carroll es vor ihr tat. Unterdessen stürzen die Retter des Mädchens von einer Falle in die nächste und müssen erkennen, dass sie es mit einem durchtriebenen Architekten von Folterkammern zu tun haben. Der Perser, der das Phantom schon seit Jahren kennt, erzählt den beiden Chagnys die Geschichte von Erik, dem heutigen Phantom der Oper. Er erbaute einst dem Schah von Persien Folterkammern und Geheimgänge.

|Unterwelt|

Diese Unterwelt hat ihren eigenen „Totensee“, über den das Phantom in der Art des antiken Fährmanns über den Styx in der griechischen Unterwelt das Mädchen übersetzt. Doch diese Unterwelt bietet nicht nur Kälte, sondern auch Hitze. Die Retter sind in einer Kammer gefangen, die ihnen die Illusion vermittelt, sich mitten in der heißen Wüste zu befinden – geradezu der Prototyp einer virtuellen Welt, wie es heute von „Second Life“ verkörpert wird.

|Second Life des Don Juan|

Eine weitere Illusion ist das Himmelbett, das Christine zu ihrer Wohnstatt nehmen soll. Unterdessen legt sich das Phantom, quasi als lebender Toter, zum Schlafen in einen bequemen Sarg. Diese Anklänge an Vampirlegenden beflügeln die Phantasie des Lesers bzw. Hörers ebenso wie sie Christine Daaé Todesangst einjagen.

Dabei ahnt sie noch nicht einmal etwas von den Sprengstofffässern unter den Tunneln, die das Phantom durch einen einfachen Hebeldruck zünden kann. Es lässt Christine sogar zwischen zwei solchen Hebeln wählen, was ich etwas widersinnig finde. Hat es sie nicht entführt, um ihre Gesellschaft zu genießen? Er schreibt an einer Oper namens „Don Juans Triumph“, sieht sich wahrscheinlich selbst in der Titelrolle. Dann müsste er aber Christine am Leben lassen. Es sei denn, sein Selbsthass bringt ihn dazu, die ganze Welt mit sich in den Abgrund zu reißen.

|Schönheits-Maske|

Der zentrale Konflikt besteht jedoch darin, dass die Liebe, die das Phantom von Christine begehrt, an Schönheit gebunden ist. Von der hässlichen Fratze, die sie unter seine Maske erblicken muss, ist sie jedenfalls abgestoßen. Am Ende hat sie immerhin Mitgefühl für den Träger dieses angeborenen (keineswegs künstlich zerstörten!) Gesichts übrig – und kann ihn so erlösen. Sie ist eine christliche Madonnengestalt. Ihr Problem ist, dass sie einen falschen Herrn anbeten und ihm dienen muss. Raoul bedeutet für sie die Rettung aus dieser wohlwollenden Knechtschaft.

|Binärsystem|

In der ganzen Auseinandersetzung hat der Autor den Konflikt zwischen Kunst und Leben, dem schönen Anschein und der hässlichen Fratze darunter, also der Verlogenheit der Kunst zusammen- und in Bilder gefasst. Diese Szenen wirkten noch lange nach, und die Zahl der Verfilmungen des vermeintlichen Horrorstoffs sind mittlerweile Legion. Die Maskenballszene bildet aber auch die vertikale Trennung wider, die zwischen den Schönen und Reichen oben und den Armen und Hässlichen unten herrscht. Christine, die bürgerliche Tochter eines Geigers, lebt genau auf der Grenze, und deshalb entbrennt der Kampf um ihre Zukunft. So betrachtet ist die Geschichte des Phantoms auch die Geschichte eines Klassenkampfes.

|Die Sprecher / Die Inszenierung|

„Das Phantom der Oper“ ist nicht nur Kino für die Ohren, sondern auch noch Hollywoodkino. Denn hier sprechen nicht irgendwelche Sprecher, sondern die deutschen Stimmen bekannter Stars aus der internationalen Filmgeschichte – siehe oben. Dass diese Profis eine solide Performance abliefern, versteht sich fast von selbst, und ich war meist entsprechend zufrieden.

Es gibt jedoch Ausnahmen von diesem Lob. Zunächst ist die Stimme des Phantoms etwas gewöhnungsbedürftig. Torsten Michaelis (deutsche Stimme von Wesley Snipes, Sean Bean u. a.) spricht sehr tief und langsam, so dass seine Worte oft drohend klingen, immer aber sehr autoritär, selten sanft. Wie will er damit das Herz seines Schützlings Christine erobern, fragt man sich. Etwas mehr Dynamik statt Langsamkeit hätte seinem Auftritt gutgetan. Es ist ja nicht so, als hätte das Phantom einen Sprachfehler.

Die zweite Herausforderung an die Ohren des Zuhörers stellt La Carlotta dar. Man muss sich Ursula Heyer stets als Denver-Clan-Biest Alexis vorstellen, doch diesmal geht sie meines Erachtens wirklich zu weit. Mit ihrem Gebrüll vor den beiden Direktoren entledigt sie sich jeder Würde, die einer Diva angemessen wäre, und begibt sich auf die Ebene keifender Waschweiber hinab.

Am allerbesten gefiel mir die sanfte und weise Madame Giry, gesprochen von Dagmar von Kurmin. Auch Herbert Schäfer, der den Gaston Leroux, und Peter Winczewski, der den Raoul spricht, haben mir gut gefallen. Doch Marie Bierstedt als junges Seelchen Christine drückt zu penetrant auf die Tränendrüse, wimmert, jammert und fleht zum Steinerweichen. Dieses Übermaß an Emotionen war mir nach einer Weile denn doch zu viel. Das trifft auch auf das nervende Kichern und Lachen der Damen auf dem Maskenball zu.

Außerdem fand ich Christines Sinneswandel, den sie auf dem Dach der Oper gegenüber Raoul an den Tag legt, wenig plausibel. Gerade noch die treue Dienerin ihres Mentors, ist sie in der nächste Minute schon Raouls wiedergefundene Jugendliebe. Ach was: „Jugendliebe“! Sie waren, wie die Rückblende belegt, erst Kinder, als sie einander kennen lernten – und jetzt, mindestens zehn Jahre später, lieben sie sich immer noch?

Sowohl Sprechdarstellung als auch Dramaturgie haben Ecken und Kanten, die mit ein klein wenig mehr Mühe und Zeit hätten beseitigt werden können. So bleibt ein störend unfertiger Eindruck zurück.

|Geräusche und Musik|

Das gilt jedoch nicht für Geräusche und Musik. Das zweite konstante Merkmal der „Gruselkabinett“-Inszenierungen – man könnte sie auch Grusicals nennen – besteht darin, alle Geräusche sehr realistisch und glaubwürdig zu gestalten, aber sich dabei stets an die Vorgaben des Horrorgenres zu halten. Wenn es also Nacht ist und Furcht und Grauen angesagt sind, so rollen zwei oder drei Donnerschläge über den Himmel, um den Hörer wissen zu lassen, dass die Mächte des Schicksals umgehen. Gleich wird etwas Schreckliches geschehen, so viel ist klar.

Da der Schauplatz in der Stadt liegt, fehlen diesmal Naturgeräusche fast völlig. Nur um Madame Giry scheinen im Park Heerscharen von Vögeln sich die Seele aus dem Leib zu zwitschern. Die Kichturmuhr des Klosters schlägt dazu die Stunde. Dies ist die Verkörperung des alten, weitgehend verschwundenen, ländlichen Frankreich, das mit dem städtischen und künstlichen Kosmos der Oper und ihren Katakomben – das Phantom hat sie selbst geplant und mitgebaut – kontrastiert. Ein weiteres von vielen Gegensatzpaaren in diesem sorgfältig konstruierten Text.

Die Geräusche der Unterwelt erinnerten mich an das viktorianische Zeitalter und dessen Vorliebe für Fallen, Scheintüren, Geheimgänge. Die vom Phantom geschaffene Unterwelt ist labyrinthisch und somit bedrohlich, passend zum Horrorgenre. Die Geräusche sind häufig metallisch oder steinern und die Stimmen mitunter von Hall verstärkt. Außerdem habe ich beim Auftreten des Phantoms zweimal die Nutzung eines Stereoeffektes bemerkt. Dieser imitiert die Bewegung von der einen zu anderen Seite der Hörraumes, den sich der Hörer automatisch im Kopf vorgestellt.

Die Musik ist wie fast jede andere Filmmusik nach konventionellem Muster gestaltet, und niemand, der auf alte Gruselfilme steht, wird sich daran stören. Die Musik lenkt die Emotionen auf subtile, aber wirkungsvolle Weise. Die Musik ist diesmal natürlich an den theatralischen Gestus der Oper angepasst. Andrew Lloyd Webber lässt schön grüßen. Mehrmals werden Motive aus klassischen Opern oder Symphonien eingeblendet – durchaus passend, wie ich finde. Aber andererseits bin ich kein Kenner klassischer Musik und kann nicht für die Güte der verwendeten Soundbites bürgen. Manchmal ist das Beste, was man über Hintergrundmusik sagen kann, dies, dass man sie nicht bemerkt. So ist es auch hier.

_Unterm Strich_

Die Veröffentlichung dieses grundlegenden Textes jährt sich 2008 zum hundertsten Mal, und ich hoffe, dass es eine Menge Aufführungen von Verfilmungen und Musical-Versionen, etwa von Webber, geben wird. Die Geschichte hat es nämlich wirklich verdient. Sie macht Aussagen über die Gegensatzpaare Kunst und Leben, Echtheit und schöner Schein, Schönheit und Hässlichkeit, Reich und Arm, Vergangenheit und Zukunft, Liebe und Hass, Alt und Jung, Stadt und Land und noch vieles mehr. Eine wahre Fundgrube für einen Literaturwissenschaftler, eine sprudelnde Quelle urbaner Phantasien.

Die Umsetzung als Hörspiel hinterließ bei mir den Eindruck, als sei das Stück nur zu 99 Prozent fertig geworden. Es gibt Ecken und Kanten – siehe oben. Mehrere Übertreibungen in den Darbietungen der Sprecher gingen mir ebenso auf den Wecker wie zu dick aufgetragene Lachgeräusche im Vorder- und Hintergrund. Die Musik, meist Beispiele klassischer Opern, wie mir scheint, fand ich hingegen durchweg passend.

So bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück: Ausgangstext top, aber Umsetzung suboptimal.

|Lesetipp:|

Leroux‘ Originaltext sowieso, aber auch Frederick Forsythes Fortsetzung „Das Phantom von Manhattan“.

|78 Minuten auf 1 CD|

Home – Atmosphärische Hörspiele


http://www.luebbe-audio.de

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“ 993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“ 1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“ 1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“ 1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“ 1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“ 1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“ 1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“ 1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“ 2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“ 2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“ 3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“ 3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“ 3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“ 4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“ 4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“ 4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“ 4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“ 4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“ 5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“ 5166 (Gruselkabinett 27)

John Sinclair – 160 – Die Unheimliche vom Schandturm

Die Handlung:

Köln im Jahre 1357. Als die Stadt von der Pest heimgesucht wird, fällt ihr auch die Frau des Bürgermeisters, Richmodis von der Aducht, zum Opfer. Doch Stunden nach ihrer Beerdigung kehrt Richmodis in ihr Turmzimmer zurück und tötet ihren Gatten … Nur ein Schauermärchen, eine Legende? Unser Freund Will Mallmann bittet uns, nach Köln zu kommen, denn 666 Jahre später hat die unheimliche Richmodis aus dem Schandturm ihr nächstes Opfer gefunden! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Heftromans mit der Nummer 394 gemacht, das erstmalig am 20. Januar 1986 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

Als Basis hat sich der Autor recht frei der Richmodis-Sage angenommen und blutiger als das Original umgedichtet.

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Robert Louis Stevenson / Marc Gruppe – Dr. Jekyll und Mr. Hyde (Gruselkabinett 10)

Das Monster von Whitechapel – ein Arzt?!

London 1888. Eine Bestie in Menschengestalt, die sich Edward Hyde nennt, verbreitet im Elendsviertel Whitechapel Angst und Schrecken. Niemals hätte der angesehene Anwalt Gabriel J. Utterson daran zu glauben gewagt, dass einer seiner besten Freunde, der Mediziner Dr. Henry Jekyll, in irgendeiner Beziehung zu den von Hyde verübten Untaten steht. Als er einem diesbezüglichen Hinweis nachgeht, kommt er einer tragischen Geschichte auf die Spur …
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Mankell, Henning – Mann mit der Maske, Der

_Süd trifft Nord: Wallander in der Klemme_

Polizeipräsidium Malmö am Weihnachtsabend. Kommissar Kurt Wallander soll noch bei einer alten Dame vorbeisehen, die sich über einen verdächtigen Mann beschwert hat. Er findet die Frau tot vor und wird selbst niedergeschlagen. Gelingt es Wallander, den Mann mit der Maske zu überführen?

_Der Autor_

Henning Mankell wurde 1948 in Schweden geboren. Heute verbringt der Schriftsteller, Drehbuchautor und Intendant die eine Jahreshälfte in Mocambique, wo er seit 1996 das Teatro Avenida in der Hauptstadt Maputo leitet. Die andere Jahreshälfte verbringt er in Schweden. Für sein vielseitiges Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so etwa mit dem Deutschen Krimi-Preis und mit dem Deutschen Bücherpreis.

_Der Sprecher_

Axel Milberg, geborten 1956, ist einer der vielseitigsten Schauspieler in Deutschland. Nach Absolvierung seiner Ausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München ist er seit 1981 Mitglied des Ensembles der Münchner Kammerspiele. Dort arbeitete er u. a. unter Dieter Dorn, Peter Zadek und Alexander Lang, so etwa in Dorns „Faust“-Inszenierung. Milberg spielte außerdem in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen mit, so etwa in „Rossini“ (1996), „Jahrestage“ (2000) und „Stauffenberg“ (2004), aber leider auch in „Harte Jungs“.

_Handlung_

Es ist Heiligabend 1975, als Kriminalassistent Kurt Wallander im Polizeipräsidium Malmo einen letzten Auftrag vor Weihnachten erhält. Bevor Wallander zu Frau und Kind nach Ystad fährt, möchte Kommissar Hemberg, dass er dem Anruf einer alten Dame namens Elma Hågmann nachgeht und bei ihr nach dem Rechten schaut. Sie mache sich Sorgen wegen einer „sonderbaren Person“. Und es würde ja bloß zehn Minuten kosten. Wallander nickt.

Als er vor dem Lebensmittelladen eintrifft, lässt er den Schlüssel stecken und die Tür offen, denn er denkt, es dauert ja eh nicht lange. Er soll sich getäuscht haben. Der Laden ist leer, doch im Hinterzimmer sieht er eine alte Frau auf dem Boden liegen, in ihrem Blut. Wo aber ist der Täter? Als er sich wegen eines Geräusches umdreht, wird er niedergeschlagen.

Wallander erwacht auf dem Boden des Ladens, gefesselt mit seinem eigenen Abschleppseil. Es ist zehn nach 18 Uhr. Hoffentlich ruft seine Frau Mona bald Hemberg an, um zu fragen, wo er nur bleibt. Ein großer Mann mit schwarzer Maske und Handschuhen bedroht Wallander mit einem Eisenrohr, sagt aber kein Wort. Als er wieder weggeht, streift der Polizist das Seil ab und stürzt sich auf den Zurückkehrenden. Doch dieser zieht eine Pistole und zielt auf Wallanders Stirn.

Wallander verlegt sich aufs Verhandeln, doch der Mann sagt weiterhin kein Wort. Auch auf das mehrmalige Klingeln des Telefons reagiert er nicht. Noch weiß der Mann nicht, dass er es mit einem Polizisten zu tun hat. Da gibt er sich zu erkennen und bittet den Maskierten, die Waffe wegzulegen. Erst da gibt es eine Reaktion. Unter der Maske kommt ein Afrikaner zum Vorschein. Deshalb also konnte er Wallander nicht verstehen. Der Polizist verlegt sich auf Englisch und erhält eine Antwort: Er heiße Oliver und komme aus Südafrika, sei geflohen.

Da wird Wallander einiges klar. In Südafrika herrscht die Apartheid und die weiße Minderheit unterdrückt die protestierende schwarze Mehrheit mit wachsender Brutalität. Er kann sich das Elend, in dem Oliver seit seiner Flucht gelebt hat, vorstellen. Und nun wollte er den Laden einer alten Dame ausrauben, um an ein wenig Geld zu kommen. Das ging schief.

Es ist inzwischen nach 18:35 Uhr. Die Situation eskaliert, als Kommissar Hemberg eintrifft und an die Tür des Ladens klopft …

_Mein Eindruck_

Wallander philosophiert über den Riss nach, den er in der Gesellschaft wahrzunehmen glaubt, erst in der schwedischen, dann in der weltweiten. Als der Mann noch maskiert ist, wundert er sich über die zunehmende Gewalt und Brutalität, die so völlig unmotiviert und sinnlos erscheint. Aber als der Mann seine Maske abnimmt und seine Geschichte von Tod, Verfolgung und Tod erzählt, erhält der Riss ein Gesicht und einen Hintergrund.

Danach verteidigt Wallander den Schwarzen, was Hemberg leider nicht verstehen kann. Der Unterschied ist der, dass Hemberg nur die „Flut von Ausländern“ sieht und deren Gewalt, Wallander aber keine „Flut von Ausländern“ wahrnimmt und im Gegensatz zu Hemberg das Kommen von Leuten wie Oliver versteht. Vertrieben aus einem Gewaltstaat, geflohen in einen Rechtsstaat, glaubte Oliver, sich in Schweden mit Gewalt behaupten zu können. Doch eine einfache Frage Wallanders entwaffnet ihn: „Was würde dein Vater über das denken, was du getan hast und was du immer noch tust?“ Olivers Vater war Mitglied des African National Congress (ANC), der um die Rechte der schwarzen Mehrheit in Südafrika kämpfte. Oliver schämt sich seiner Taten und handelt entsprechend.

Aber die Komplexität dieser Situation scheint Wallander seinem Chef nicht klarmachen zu können. Und wie soll er seiner Frau Mona erklären, was passiert ist – dass er beinahe getötet worden wäre? Sie macht sich eh schon zu viele Sorgen um ihn. Es ist 20:10 Uhr. Er befolgt den Rat Hembergs und sagt Mona nichts davon. So können beide mit Tochter Linda einen schönen Heiligabend verbringen.

|Der Sprecher|

Ich verstehe nicht, warum Axel Milberg vom Verlag so gelobt wird. Seine Leistung ist nicht gerade überragend zu nennen. Er trägt zwar deutlich und gut betont vor, doch alle seine Figuren sind nicht voneinander zu unterscheiden. Für jeden der drei Männer hat er die gleiche Tonlage und Sprechweise. (Oliver kommt eh nicht zu Wort.) Weder Musik noch Geräusche unterstützen seinen Vortrag. Die akustische Umsetzung begeistert mich also überhaupt nicht.

_Unterm Strich_

Das Hörbuch entspricht in jeder Weise dem, was man thematisch von Mankell erwartet. Der Gesetzeshüter der schwedischen Gesellschaft trifft auf einen politischen Flüchtling aus dem südlichen Afrika – ich habe sofort erwartet, er komme aus Mosambik, wo Mankell zeitweilig lebt. Dass Wallander mit einem Opfer der Apartheidspolitik der weißen Regierung in Pretoria konfrontiert wird, ist für die Zeit um 1975 äußerst aktuell. Es ist die Zeit von Steve Biko und des ANC, als sich auch zunehmend westliche Künstler des Problems bewusst werden. (Peter Gabriel komponierte ein Lied über Steve Biko, allerdings erst in den Achtzigern.)

Die Story wird schnörkellos, aber spannend geschildert. Wallanders Verhandlungsversuche werden von Kämpfen abgelöst, ohne zu einem Ergebnis zu führen. Erst als er sein Gegenüber ernst nimmt und sich in dessen Geschichte hineinversetzt, führt er die entscheidende Wende herbei. Wallander handelt hierin stellvertretend für alle westlichen Gesetzeshüter. Das ist vielleicht ein wenig idealistisch von Mankell dargestellt.

Milbergs Vortrag hat mich nicht beeindruckt, sondern eher durch mittelmäßige Kompetenz beruhigt. So konnte ich mich auf das konzentrieren, was im Text gesagt wird. Das ist zwar nicht viel, was sich für Milbergs Vortrag sagen lässt, aber es ist für den Hörer jedenfalls ein Vorteil.

|55 Minuten auf 1 CD|
http://www.hoerverlag.de

William Hope Hodgson – Die Herrenlose (Gruselkabinett 53)

Schrecken und Grauen im Indischen Ozean

Auf hoher See anno 1900: Nach einem schweren Sturm entdeckt die Besatzung des Schiffes Bheopte ein umhertreibendes, herrenloses Wrack. Im Sonnenuntergang beschließen sie, dort an Bord nach dem Rechten zu sehen. Ein – wie sie erkennen müssen – lebensgefährliches Unterfangen … (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörspiel ab 14. Jahren.

Der Autor

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Cornelia Funke – Tintenherz (Tinten-Zyklus 1) (Lesung)

Die Magie des Schreibens und Lesens

In einer stürmischen Nacht taucht ein unheimlicher Gast bei Meggie und ihrem Vater Mo auf. Am nächsten Morgen reist Mo überstürzt mit Meggie zu ihrer Tante Elinor, die eine wertvolle Bibliothek besitzt. Dort macht Meggie eine überraschende Entdeckung. Und schon bald begreift sie, dass ihr Vater in großer Gefahr schwebt … (Verlagsinfo)

Dieses Hörbuch war in zwei Kategorien für den |Deutschen Hörbuch Preis| 2004 nominiert und platzierte sich auf der hr2-Bestenliste. Die Filmrechte an „Tintenherz“ hat das Warner-Studio New Line Cinema erworben.
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Doyle, Arthur Conan – griechische Dolmetscher, Der

_Entführung, Erpressung, Menschenraub: das pralle Leben_

Der griechische Dolmetscher Mr. Melas ist von einem seltsamen Kunden entführt worden, um die Worte eines bandagierten Gefangenen in einem abgelegenen Landhaus zu übersetzen. Nach seiner Freilassung wendet sich Melas jedoch entgegen der Wünsche der Entführer an Sherlock Holmes. Er will mit seiner Hilfe das Landhaus wiederfinden, denn die Ermordung des Gefangenen scheint unmittelbar bevorzustehen.

Neben diesem titelgebenden Abenteuer um den „griechischen Dolmetscher“ finden sich auf den zwei CDs auch die Fälle „Das gelbe Gesicht“ und „Der Daumen des Ingenieurs“.

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um seinen Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: [„The Lost World“ 1780 erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt.

_Der Sprecher_

Daniel Morgenroth, geboren 1964 in Berlin, studierte von 1986-1990 an der Hochschule „Ernst Busch“ in seiner Heimatstadt. Seither spielte er in zahlreichen Theaterstücken, Kino- und Fernsehfilmen und gewann neben anderen Auszeichnungen den „Alfred-Kerr-Darstellerpreis“. (Verlagsinfo)

Regie führte Frank Bruder, die Aufnahme erfolgte durch Danny Eichler von „der apparat“, Berlin. Die Titelillustration zeigt den Ausschnitt eines Gemäldes von Paul Cézanne.

_Handlung von: Der griechische Dolmetscher_

Dieser Fall wird Sherlock Holmes von seinem sieben Jahre älteren Bruder Mycroft zugetragen, von dem Dr. John Watson fast kaum etwas weiß. Holmes bietet ihm daher eines Tages an, ihn zum Diogenes-Klub zu begleiten, in dem Mycroft Holmes Mitglied ist. Das sei einer der merkwürdigsten Klubs der Hauptstadt: Man sei zum Schweigen verpflichtet, und die Mitglieder müssten einander ignorieren. Folglich erwartet Watson nicht viel von Mycroft.

Er wird aufs Angenehmste enttäuscht. Holmes erklärt, Mycroft verfüge über eine noch schärfere Beobachtungsgabe und schlussfolgere besser als er selbst. Diese Fähigkeiten demonstriert Mycroft anhand eines harmlosen Passanten. Doch leider fehlt ihm die Tatkraft und Entschlossenheit seines Bruders, um Verbrecher auch dem Arm des Gesetzes zuzuführen. Daher macht er ihn auf den Fall des Mr. Melas aufmerksam.

Der Herbeigerufene erzählt den beiden Holmes und Watson seine ungewöhnliche Geschichte. Er sei entführt worden, ohne dass er es sich versehen hätte. Vor zwei Tagen habe ihn ein gewisser Mr. Harold Latimer in seiner Kutsche aufs Land hinausfahren lassen, doch seltsamerweise waren die Fenster mit Papier verklebt. Als Mr. Latimer einen Totschläger gezückt und ihm mit körperlichem Schaden gedroht habe, habe er, Melas, sich in sein Schicksal gefügt. Latimers Komplize, ein kichernder Dicker mit Brille, habe ihm ebenfalls gedroht.

In einem Landhaus hielten die beiden einen ausgemergelten und bandagierten Landsmann namens Paul Kratidis gefangen, dem Melas die Forderungen der Verbrecher übersetzen musste. Er sollte Papiere unterschreiben und seine Zustimmung zu einer Vermählung geben. Kratidis weigerte sich jedoch. Als eine Frau namens Sophie hereintrat, fielen sie und Kratidis sich wie Bruder und Schwester in die Arme. Melas gelang es, ein paar Informationen zu gewinnen. Doch nach Sophies Auftauchen musste er verschwinden. Man warf ihn auf der Heide Wandsworth Common aus der Kutsche.

Doch als er sich an Mycroft wandte, machte dieser einen verhängnisvollen Fehler: Er suchte per Annonce nach Sophie Kratidis und Harold Latimer. Dadurch hat er Mr. Melas in Gefahr gebracht, denn nun wissen sich auch Latimer und sein Komplize über Melas’ Verrat Bescheid. Sherlock übernimmt den Fall. Da Mycroft inzwischen eine Antwort auf seine Annonce bekommen hat, weiß man, wo Sophie Kratidis zu finden ist. Zusammen mit Inspektor Gregson fahren die Detektive und Watson auf ihr Gut nach Beckenham. Doch Melas kann nicht mit: Er wurde bereits erneut entführt.

Die Gesetzeshüter müssen sich beeilen, um das Schlimmste zu verhüten.

_Mein Eindruck_

Entführung, Erpressung, Menschenraub – die Story geht ans Eingemachte. Ohne Zweifel ist hier die Tatkraft und Entschlossenheit von Sherlock Holmes gefragt und nicht etwa nur die kontemplative Sophisterei seines Bruders Mycroft. Was der Story allerdings fehlt, ist ein handfester Showdown. Die Verbrecher sind bereits über alle Berge, als Holmes und seine Truppe eintreffen.

Zwei positive Aspekte vermittelt die Erzählung. Die Gesetzeshüter fühlen sich selbstverständlich auch für die in England lebenden Ausländer wie Mr. Melas und die beiden Kratidis’ zuständig und handeln ihrer Verantwortung gemäß. Zweitens haben wir nun auch Mycroft kennen gelernt. Er mag ja angesehener Buchprüfer sein und über Scharfsinn verfügen, doch hilft dies den Klienten seines Bruders herzlich wenig, wenn er keine Anstalten macht, die Übeltäter zur Strecke zu bringen.

Wären Mycroft und Sherlock jemals ein Team geworden, so wäre vielleicht Mycroft der lenkende Kopf geworden und Sherlock die ausführende Hand. Ihre Schnittmenge besteht in Beobachtungsgabe und Schlussfolgerungsfähigkeit. Sherlock verfügt zudem über Kunstsinn und Kreativität. Es wird erwähnt, dass er dies möglicherweise von seiner Oma geerbt hat, die die Schwester eines französischen Kunstmalers gewesen sei. Mycroft verblasst ihm gegenüber, doch taucht er immer wieder in Doyles Holmes-Erzählungen auf, so etwa als Berater in Regierungskreisen in der Story „London im Nebel“.

_Handlung von: Das gelbe Gesicht_

Der Hopfenhändler Jack Grant-Munro wendet sich verzweifelt mit einem ehelichen Problem an Holmes. Als ob der Meisterdetektiv nichts Besseres zu tun hätte! Aber sein Handeln beweist, dass er sich auch um privates Glück sorgt, wenn es ihm geboten erscheint.

Grant-Munro ist seit drei Jahren glücklich mit Effi verheiratet, vormalige Mrs. Hebron. Da sie von ihrem in Amerika verstorbenen Mann ein Vermögen mitbrachte, übereignete sie es Grant-Munro, damit er ihr Bankier sei. Welche Ehre! Sie konnten sich ein Haus auf dem Lande in Norbury kaufen. Doch am Montag dieser Woche ist eine schreckliche Entfremdung zwischen ihnen eingetreten, und die hat mit dem gelben Gesicht zu tun.

Bislang sei das Nachbarhaus leer gestanden, erzählt Grant-Munro, doch seit ein paar Tagen habe er dort Leute bemerkt. Als er die Nachbarn begrüßte, wies ihn eine alte garstige Frau ab. Doch was ihn wirklich erschreckte, sei das Auftauchen eines gelben, fahlen Gesichtes am Fenster eines der Zimmer im Obergeschoss gewesen. Er könne aber nicht sagen, ob es einem Mann oder einer Frau gehörte.

Um die Merkwürdigkeiten weiterzutreiben, erbat seine Frau die erkleckliche Summe von 100 Pfund Sterling von ihm. Die wies er ihr auch an, obwohl sie ihm nicht sagen wollte, wozu sie derart viel Geld benötigte. In einer Nacht darauf bemerkte, wie seine Gattin sich mitten in der Nacht aus dem Haus schlich und erst nach einer halben Stunde zurückkehrte. Sie erschrak bei seinem Anblick, wollte ihm aber nicht die Wahrheit darüber sagen, was sie um diese Nachtzeit draußen zu suchen habe. Stattdessen tischte sie ihm eine Lüge auf.

Der Gipfel kam jedoch erst noch: Beim Spazierengehen sieht er sie aus dem Nachbarhaus treten. Doch sie hindert ihn daran, dem Grund ihres Besuchs auf den Grund zu gehen. Erneut sieht er das fahle Gesicht. Als er sie jedoch trotz ihres Versprechens zwei Tage später erneut dort sah, durchsuchte er das Haus von oben bis unten: Niemand da. Nur das Foto seiner Frau steht auf dem Kaminsims. Nun ist er ratlos, denn seine Frau weigere sich, Auskunft zu erteilen. Nur Holmes könne noch helfen.

Der Meisterdetektiv schickt ihn zurück nach Norbury, mit der Bitte, nach dem fahlen Gesicht Ausschau zu halten. Gegenüber Watson äußert er jedoch seine Befürchtung, Grant-Munros Frau werde offensichtlich erpresst. Dass sich auch ein Meisterdetektiv täuschen kann, zeigen der Besuch in Norbury am anderen Morgen.

_Mein Eindruck_

Die Erzählung wirft ein Schlaglicht auf die Befürchtungen der Weißen, wenn es um Farbige und deren Nachkommen geht. Mrs. Grant-Munro fürchtet, ausgegrenzt und von ihrem Mann verstoßen zu werden, weil sie ein dunkelhäutiges Kind von einem Farbigen hat. In dieser Story zeigt sich Doyle von seiner toleranten und humanen Seite, der sich gegen Rassismus einsetzt.

Bis zuletzt ist die Geschichte spannend, denn eigentlich handelt es sich nicht um einen Kriminalfall (Erpressung), sondern um ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Die Enthüllung des Geheimnisses geht jedoch gut und versöhnlich aus.

_Handlung von: Der Daumen des Ingenieurs_

An Dr. Watsons Wohnungstür klopft es. Ein Schaffner der Eisenbahn vom nahen Paddington-Bahnhof bringt einen jungen Mann zur Behandlung. Der Ingenieur Victor Hatherley hat eine verwundete Hand: Der Daumen wurde abgetrennt. Rechtzeitig ist es ihm gelungen, die Blutung zu stoppen. Doch was der Schaffner einen „Unfall“ nennt, bezeichnet Hatherley als Mordanschlag. Das ist natürlich ein Fall für Sherlock Holmes.

Hatherley berichtet, dass er mutterseelenallein auf diesem Planeten lebt und sich sein Brot mit Beratungsarbeiten und dergleichen verdient. Eines Tages kam ein Mann in sein Büro in der Victoria Street und tat sehr geheimnisvoll. Er stellte sich als Oberst Lysander Stark vor: Hatherley könne 50 Pfund in einer Nacht verdienen, sofern er Diskretion bewahre und kommende Nacht nach Iford in Berkshire hinauskomme. Dort solle er eine hydraulische Presse untersuchen. Nach etwas Hin und Her willigte Hatherley ein. Die Sache kam ihm seltsam vor, aber er brauchte das Geld.

In Iford fuhren sie an die zwölf Meilen mit einem geschlossenen Pferdekarren übers Land, bis sie an einem Haus ankamen, wo eine junge Frau ihnen mit einer Lampe leuchtete. Kaum war Stark kurz weg, warnte die junge Frau Hatherley eindringlich, so schnell wie möglich zu verschwinden, denn sein Leben sei gefahr. Zu spät! Schon kam Mr Fergusons, Stark Kompagnon, ins Zimmer und führte Hatherley zur hydraulischen Presse, die so groß ist, dass man hineingehen kann.

Der Mann vom Fach findet den Schaden sofort: ein verfaulter Dichtungsring. Und wegen dieser Lappalie hat man ihn geholt? Deshalb stellt er ein paar neugierige Fragen, die gar nicht gut ankommen. Die zwei Gentlemen Stark und Ferguson verschließen die Tür zur Presse und setzen die Maschine in Gang! Es ist offensichtlich ein Anschlag auf sein Leben. Hätte die junge Frau ihm nicht das Leben gerettet, könnte er jetzt nicht Sherlock Holmes um Hilfe bitten. Wer um Himmels willen waren diese Ausländer?

_Mein Eindruck_

Hier spielt der Autor mit den Tücken falscher Wahrnehmung und Schlussfolgerung. Holmes hat natürlich den richtigen Riecher und durchschaut, worum es im Grunde geht. Bemerkenswert ist an den Verbrechern, dass es sich wieder einmal um Ausländer handelt, wie schon in „Der Mazarin-Stein“ und „London im Nebel“. Der Technik-Laie wundert sich natürlich, dass es eine hydraulische Presse geben kann bzw. konnte (vor über 100 Jahren), in die ein Mann hineinspazieren kann, der dort eingeschlossen wird.

_Der Sprecher_

Der Sprecher Daniel Morgenroth trägt die Geschichten in kompetenter Weise vor und beherrscht die Kunst der Pause, die vor wichtigen Wörtern und in einem der vielen Monologe einzulegen ist. Doch selten gelingt es ihm, die Figuren so zu charakterisieren, dass sie unterscheidbar, ja sogar unverwechselbar werden.

Deshalb ist die einzige Figur, die mir im Gedächtnis geblieben ist, ausgerechnet jener Verbrecher, den Mr. Melas so verabscheut: der Dicke mit der Brille, dessen wahrer Name William Kemp lautet. Sein herausragendes Merkmal sind nicht seine üblen Drohungen, sondern sein fortwährendes fieses Kichern. Es macht seine Drohungen gegen den braven Mr. Melas umso gehässiger.

_Unterm Strich_

Während die erste und dritte Erzählung Wert auf Handlung und Ortsveränderung legen, ja, sogar länderübrgreifend angelegt sind, stellt die mittlere Erzählung eher das Gegenteil dar und bildet einen ruhenden Pol zwischen Nr. 1 und Nr. 3. Hier bleibt das vermeintliche Verbrechen – Erpressung – im engsten Familienkreis und entpuppt sich lediglich als Rätsel: Wer wohnt wirklich im Nachbarhaus und verbirgt sich hinter dem „gelben Gesicht“?

Diese kleineren Stücke sind nicht zu vergleichen mit bekannten Meisterwerken wie „Der Hund der Baskervilles“ und „Das Zeichen der Vier“. Daher reißt es den Hörer auch nicht gerade vom Sitz, wenn er diese Geschichten anhört. Es sind Storys, wie sie das gebildete Publikum gerne in seinen Magazinen zur Unterhaltung las, und selten verirrt sich mal ein unterprivilegiertes Individuum in solche Texte. Doyle wollte sein Publikum nicht vor den Kopf stoßen, sondern flocht seine humanistischen Thesen quasi durch die Hintertür ein: in Nr. 2 gegen Rassismus, in Nr. 1 für Ausländer. Jack the Ripper und Konsorten sucht man hier vergeblich.

Der Sprecher Daniel Morgenroth trägt die Texte kompetent und mit Einfühlungsvermögen vor, so dass der Zuhörer nicht dabei einschläft. Der Vortrag ist deutlich zu verstehen und leicht zu verfolgen. Was Morgenroth noch ausbauen muss, ist seine Fähigkeit zur Charakterisierung. Was Rufus Beck, Philip Schepmann und Heikko Deutschmann beherrschen, ist sicherlich auch für Morgenroth kein Buch mit sieben Siegeln.

Fazit: Dieses preisgünstige Hörbuch bietet eine durchschnittliche, aber dennoch kompetente Leistung und ein solides Preis-Leistungsverhältnis, aber es ist beileibe kein Muss.

|Nach einer anonymen Übersetzung aus dem Jahr 1902
142 Minuten auf 2 CDs|

Salamanda Drake – Drachenwelt – Die Schule der Drachenreiter (Lesung)

Besser als Hanni und Nanni auf dem Drachenhof

Drachenwelt ist die bekannteste Drachenschule und Drachenzucht aller Inseln von Bresal. Die unterschiedlichsten Drachen werden hier von Drachenmeister Huw ausgebildet: Jagd-, Wächter- und Renndrachen. Huws Tochter Cara ist für die Aufzucht und Pflege der Drachen mitverantwortlich, aber es ist ihr nicht erlaubt, auf ihnen zu fliegen. Doch gerade dies ist ihr sehnlichster Wunsch: einmal auf ihren Lieblingsdrachen Sternstürmer zu steigen!

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 9 Jahren.

Salamanda Drake – Drachenwelt – Die Schule der Drachenreiter (Lesung) weiterlesen

Wallace, Edgar / Gruppe, Marc – indische Tuch, Das (Krimi-Klassiker 1)

Adel vernichtet: Der Mörder ist nicht der Gärtner

England 1928: Ein Halstuch-Mörder, der seine Opfer stets mit einem indischen Seidentuch stranguliert, treibt sein Unwesen auf dem düsteren Schloss Marks Priory. Die adelsstolze Lady Lebanon, ihr Sohn Lord Willie und ihre Angestellten scheinen eine Menge vor Scotland Yard zu verheimlichen. Wer von ihnen ist der unheimliche Halstuch-Mörder – und wer sein nächstes Opfer?

Der Autor

Edgar (Richard Horatio) Wallace, 1875 bis 1932, war ein britischer Schriftsteller, Bühnenautor und Herausgeber, der für seine Thriller am bekanntesten ist. Wallace erwarb Kenntnisse im Burenkrieg, in dem ab 1905 in Südafrika Engländer gegen die ursprünglichen niederländischen Siedler, die Buren, kämpften. Diese Kenntnisse wandte er mehrfach in seinen Werken an, so etwa auch in der Erzählung „Die blaue Hand“, aber auch in mehreren Romanen, die in der Zukunft spielen.

Er arbeitete als Drehbuchautor in Hollywood, u. a. auch an „King Kong“ (1932), obwohl sein Beitrag wohl recht klein war, denn die Romanfassung schrieb nicht er, sondern Delos Wheeler Lovelace (1894-1967). Aber von ihm stammt das Drehbuch für den Horrorfilm „The Table“, der 1936 von Robert G. Curtis gedreht wurde.
Wallace, Edgar / Gruppe, Marc – indische Tuch, Das (Krimi-Klassiker 1) weiterlesen

Ellmer, Arndt / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Überfahrt nach Curhafe (Perry Rhodan – Sternenozean 10)

Sternenoper: zwischen Matrix und Mordor

Lübbe Audio vertont die Abenteuer des Kadetten Kantiran und des Sternenadministrators Perry Rhodan, die in der Unterserie „Sternenozean“ im Perry Rhodan-Universum spielen. Bislang sind sechs Hörspiele veröffentlicht, doch will Lübbe offenbar vierzig Hörspiele produzieren. Dies ist die zweite Staffel.

Folge 10, Fortsetzung von Folge 9: Die „Terra Incognita“ sticht mit Perry Rhodan und Atlan in See. Ihr Ziel ist der Kontinent Curhafe. Was hat es mit der grausamen Quote auf sich, die den Frauen dort abverlangt wird? Und wohin führt deren geheimnisvoller Zug? (Verlagsinfo)

Die Reihe
Ellmer, Arndt / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Überfahrt nach Curhafe (Perry Rhodan – Sternenozean 10) weiterlesen

Brown, Dan – Diabolus

Die kryptografische Abteilung des US-Geheimdienstes NSA verfügt über einen geheimen Super-Computer, der in der Lage ist, binnen kürzester Zeit jeden Code zu knacken, besonders den von E-Mails. Jedenfalls bis zu dem Tag, als „Diabolus“ zum Einsatz kommt, ein mysteriöses Programm, das den Rechner offenbar überfordert: Die drei Millionen Prozessoren des zwei Milliarden teuren Ungetüms rechnen bereits achtzehn Stunden lang vergeblich an der Diabolus-Datei – und das ist richtig teuer.

Der Entwickler des Programms droht, Diabolus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Existenz des Super-Computers zu enthüllen. Die Mitarbeiter des Geheimdienstes müssen alle Hebel in Bewegung setzen, das drohende Desaster zu verhindern. Sie haben weniger Zeit, als sie ahnen.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist ein gefragter Synchronsprecher, der u. a. George Clooney und Jonathan Frakes („Star Trek“) seine Stimme leiht und mit viel Begeisterung Hörbücher interpretiert – das kann ich voll unterstreichen. Bierstedt lebt in Berlin.

Die gekürzte Romanfassung hat Dr. Arno Hoven bearbeitet, Regie führte Kerstin Kaiser.

_Handlung_

Es ist in Sevilla um elf Uhr, als auf einem Platz in einem Park der japanische Computerprogrammierer und Verschlüsselungsexperte Ensei Tankado plötzlich zusammenbricht und in den letzten Momenten seines Lebens den drei herbeieilenden Passanten seine Hand entgegenstreckt. Sie hat nur drei Finger. An einem davon steckt ein goldfarbener Ring, in den eine Inschrift eingraviert ist.

Dr. Susan Fletcher träumt gerade davon, ihren Verlobten David Becker zu heiraten, als David in aller Herrgottsfrühe anruft, um ihr geplantes Wochenend-Rendezvous abzusagen. Er müsse in Commander Strathmores Auftrag dringend weg. Er rufe sie aus dem Flieger wieder an. Flieger??

Während sie von Strathmore, dem Stellvertretenden Direktor des US-Geheimdienstes NSA (National Security Agency, auch „No such agency“ genannt) wegen eines „Notfalls“ in die Kryptografieabteilung der NSA, die sie leitet, gerufen wird, düst Becker nach Sevilla. Strathmore will sämtliche Habseligkeiten, die Ensei Tankado bei sich hatte. Als David die Leiche untersucht, bemerkt er einen hellen Streifen an einem von Tankados Finger: Ein Ring fehlt.

Zum Glück ist David als Professor für Linguistik ein Sprachgenie, das sechs Sprachen fließend beherrscht. Schnell stöbert er den alten französischen Reisekorrespondenten auf, der bei Tankado anlangte. Doch nicht er nahm den Ring an sich, sondern ein fettleibiger Deutscher in Begleitung einer rothaarigen Spanierin namens „Dewdrop“. Schon wieder ein Rätsel? Wer heißt denn in Spanien schon „Tautropfen“, und dann noch in Englisch? Beim Abklappern der Escort-Agenturen stößt David aber auf den Namen einer gewissen Rocío, was in Spanisch „Tautropfen“ bedeutet.

Durch allerlei Tricks und großen Einfallsreichtum findet er heraus, dass die Lady keine Lady ist, sondern eine abergläubische Prostituierte, die das Schmuckstück schnellstens verschenkt hat, weil es von einem Toten stammt. Die neue Empfängerin sei eine Punkerin. Zum Abschied sagt der Deutsche „Fock off and die“ – na toll, jetzt wird David auch noch beschimpft. Womit hat er das nur verdient? Und was soll an dem Ring so besonders sein?

Zu diesem Zeitpunkt hat David noch nicht bemerkt, dass hinter ihm alle seine Informanten wie die Fliegen sterben …

Unterdessen hat Dr. Susan Fletcher, 35, ganz andere Sorgen. Das Prunk- und Herzstück ihrer Kryptografischen Abteilung, der TRANSLTR, der zwei Milliarden Dollar gekostet hat, versucht seit rund achtzehn Stunden ein und dieselbe Datei zu knacken. Und das mit allen drei Millionen Prozessoren. Das kostet pro Minute nicht nur astronomisch viel Geld, sondern ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Die längste Zeit, die der TRANSLTR für eine normale Datei braucht, sind etwa sechs Minuten, bei Diagnoseprogrammen maximal drei Stunden. Etwas sehr Ungewöhnliches geht hier vor: ein Notfall?

Strathmore ist für Susan wie ein Vater und Mentor zugleich. Sie zieht sein Handeln keine Sekunde lang in Zweifel. Er hat die Datei, an der TRANSLTR arbeitet, von Ensei Tankados Webseite heruntergeladen. Laut Tankado enthält die Datei einen neuartigen Verschlüsselungscode, der sich nicht brechen lässt. Dieser Code trägt den Namen DIABOLUS. Das Einzige, was ihn öffnen könne, sei ein Private Key, ein privater Schlüssel. Strathmore vermutet insgeheim, dass Tankados Ring diesen Schlüssel enthält, vielmehr dessen Inschrift. Deshalb hat er Becker losgeschickt, den Ring zu beschaffen.

Was aber Strathmore nicht wahrhaben, sondern vielmehr vertuschen will, ist eine Tatsache, die einem der Systemsicherheitstechniker auffällt. In dieser Datei steckt nicht nur der Teufel, sondern offenbar auch ein Virus. Das ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit, denn zahlreiche ausgetüftelte Sicherheitsfilter, genannt GAUNTLET (Spießrutenlauf), sollen ein solches Eindringen verhindern. Als der Techniker erkennt, dass Strathmore GAUNTLET manuell umgangen haben muss, spitzt sich die Entwicklung dramatisch zu.

Denn für das, was Strathmore vorhat, darf es keine Zeugen geben.

Leider hat Strathmore für das, was wirklich im Innern von TRANSLTR passiert, erst Augen, als es bereits zu spät ist. Der Angriff auf die zentrale Datenbank der NSA läuft bereits …

_Mein Eindruck_

|Erfolgsrezepte|

Schon in seinem ersten Roman praktiziert Dan Brown das gleiche Erfolgsrezept wie in seinen Bestsellern „Illuminati“ und „Sakrileg“. Es ist das Prinzip der Schnitzeljagd, das von einem Rätsel durch dessen Lösung zum nächsten führt und so weiter. Das ist am besten an dem abzulesen, was David Becker unternimmt und was ihm dabei widerfährt. Zum Glück ist er ein Sprachgenie und – wie das Leben so spielt – durch das Zusammenleben mit Dr. Susan Fletcher ein wahrer Experte in Ver- und Entschlüsselung. Warum hat er nicht schon längst bei der NSA angeheuert?

Das zweite Prinzip, das Brown stets umsetzt, ist die Steigerung im Ausmaß der nur sehr allmählich sichtbar gemachten Katastrophe, auf die das Geschehen hinausläuft. Dadurch hat der Thriller nicht nur einen Showdown – den von Becker vs. Killer -, sondern auch ein richtiges Finale, mit allen Licht-, Sound- und Showeffekten, die dazugehören, um dem Leser / Hörer richtig Angst einzujagen. Folglich kann er das (Hör-)Buch gar nicht mehr weglegen, aus Angst, er könnte etwas Wichtiges verpassen. Dass er durch falsche Fährten etc. selbst ebenso getäuscht wird wie die Figuren, ist natürlich ein listiges Prinzip, dem viele Thriller folgen, um durch unerwartete Wendungen Spannung zu erzeugen.

|Rotkäppchen und der böse Wolf|

Dass stets auch ein Pärchen im Mittelpunkt steht, versteht sich fast von selbst. So haben auch die weiblichen Leser / Hörer etwas davon. Die Beziehung des Paares Becker-Fletcher steht vor einer Bewährungsprobe, als Strathmore seine quasi-väterlichen Rechte geltend macht und Susan für sich reklamiert. Da hat er sich aber geschnitten, denn er hat einen winzigen Kommunikationsfehler gemacht, der Susan die Wahrheit über ihren tollen Ersatzvater enthüllt. Der Vater ist ein Monster. In dieser Themenanordnung kommen Assoziationen an gewisse Märchen hoch, so etwa an „Rotkäppchen und der böse Wolf“, in dem sich der Wolf ja auch verkleidet, um die junge Unschuld zu erwischen.

|Die Botschaft|

Trotz dieser trivialen Erzählstrukturen bringt der Autor natürlich ein ernstes Thema zur Sprache: Wer überwacht die NSA, während sie das Volk (die Welt) überwacht? In dieser Behörde sitzen ja keine Engel an den Kontrollbildschirmen, sondern Angestellte. Diese wiederum gehorchen gewählten Vertretern des Volkes, die Interessensgruppen, genannt „Parteien“, angehören. Und wenn die Regierung wechselt, gelten dann immer noch die gleichen Grundsätze? Wohl nicht, wie die Verabschiedung des „Patriot Act“ nach dem 11. September 2001 gezeigt hat.

Doch die NSA hat nicht nur Lobredner und Präsidenten, die sie für unentbehrlich halten. Sie hat auch Kritiker, und nicht zu wenige. Im Buch wird die real existierende Electronic Frontier Foundation, kurz: EFF, genannt. Sie ist eine der letzten Verfechterinnen der Bürgerrechte in der digitalen Welt, sozusagen der David gegen den Big-Brother-Goliath. Ob die EFF wirklich aufgedeckt hat, wie sich die NSA ein Hintertürchen in einen neuen „Private Key Encryption (PKI)“-Standard verschaffen wollte, vermag ich ohne längere Recherche nicht zu sagen. Aber dass es solche Bemühungen seitens der NSA und Regierung gibt, steht außer Frage.

Als Folge wiegt sich der E-Mails versendende Bürger in Sicherheit, weil er Verschlüsselung einsetzt, während die Überwacher seinen Code mühelos durchs Hintertürchen knacken können. Und je schneller die normalen PCs werden, desto schneller geht das. (Wer will, kann auf bestimmten Webseiten selbst prüfen, wie schnell sich seine Passwörter knacken lassen – nämlich binnen Sekunden!)

Der Autor stellt lediglich zur Diskussion, was schon der alte Römer Juvenal in seinen „Satiren“ fragte: „Quis custodiet ipsos custodes?“ Wer überwacht die Wächter? Dass die Wächter – aus Eigennutz oder Vaterlandsliebe, ist im Effekt egal – über die Stränge schlagen können, demonstriert der Autor in „Diabolus“. Dass Hacker wie etwa Ensei Tankado genau diese menschliche Schwäche einkalkulieren, führt jedoch zur Katastrophe. Die NSA muss sozusagen die Hosen runterlassen, als Diabolus zuschlägt. Denn, wie die Bibel und Tankado sagen: Nur die Wahrheit macht euch frei und kann euch retten.

|“Wie war das in der Mitte?“| (Otto, der Killer in „Ein Fisch namens Wanda“)

An einer Stelle habe ich mich gefragt, ob dem Autor vielleicht doch ein blöder Fehler unterlaufen ist. Der Killer, der David in Sevilla mehr oder weniger unauffällig folgt (eher weniger, denn so viele Tote dürften schon auffallen), ist nämlich taub. Trotzdem „befragt“ er in einer Szene einen Informanten und erhält auch eine mündliche Antwort. Wie kann er sie verstehen, wenn er taub ist, fragt man sich erst einmal. Doch dann denkt man zurück an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum, in der in einer Schlüsselszene der Bord-Computer HAL 9000 die Astronauten „belauscht“, obwohl sie in einem schalldichten, aber einsehbaren Gefährt sitzen. Des Rätsels Lösung: Sowohl HAL 9000 als auch der Killer können von den Lippen ablesen, was gesprochen wird. q.e.d.

_Der Sprecher_

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Detlef Bierstedt gelingt es, mit seiner tiefen Stimme eine ganze Palette verschiedener Figuren so zu charakterisieren, dass man sie auseinanderhalten kann. Dass er angesichts der Vielzahl der Figuren nicht durcheinanderkommt, ist schon erstaunlich. Die beiden „jungen Leute“ David Becker und Susan Fletcher klingen ganz anders als etwa der knorrige Commander Strathmore oder der nörgelige Proll Jabba (wegen seiner Körperfülle benannt nach Jabba the Hutt aus „Star Wars“). Heiser und atemlos klingt der krank darniederliegende Franzose Pierre Clouchard in Sevilla, und wenn der Killer einmal leise spricht, läuft einem ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

Nicht nur die Figuren erwachen zum Leben, sondern auch jede einzelne Szene erhält eine eigene Charakteristik. Da sind natürlich die vielen Szenen, in denen Rätsel auftauchen und schnellstens gelöst werden müssen – bis hin zum Finale, in dem das allergrößte Rätsel geknackt werden muss, um die Existenz der NSA zu retten. Die atemlose Hektik, die in der NSA-Zentrale jeden Augenblick in nackte Panik umzuschlagen droht – das erleben wir quasi hautnah, so wie es die Kunst des Sprechers erlaubt. Ich habe diese Szene mit dem Original verglichen und festgestellt, dass kaum eine Zeile weggelassen wurde.

Es gibt jedoch einen Bereich, auf dem Bierstedt nicht gerade glänzt: die Aussprache der Namen. Ich kenne zwar die Namen in der gedruckten Übersetzung nicht, aber welcher Übersetzer würde es wagen, Namen zu verstümmeln? Angenommen, dass die Namen in Original und Übersetzung übereinstimmen, tauchen in Bierstedts Text mehrere Unstimmigkeiten auf, die sich durch den gesamten Vortrag ziehen. Statt den Killer, der in Sevilla hinter David Becker her ist, wie im Buch „Hulohot“ zu nennen, hörte ich immer „Huhot“. Und den Systemsicherheitstechniker Phil Chatrukian nennt Bierstedt durchgehend „Tschatörkin“ – sehr seltsam. Das kann ich mir nur dadurch erklären, dass sich die Bierstedt’sche Version besser, also schneller aussprechen lässt.

Auch die Aussprache des Spanischen ist Bierstedt nicht geläufig. Der Club der Punker, in dem David strandet, heißt nicht „El brujo“ (mit Jott), sondern „Embrujo“ (mit ch statt j). Dort wird ein gewisser „Sid Vicious“ erwähnt. Damit ist natürlich der verstorbene Sänger der „Sex Pistols“ gemeint, der berühmtesten Punk-Band überhaupt. Bierstedt kennt das englische Wort „vicious“ (= bösartig) offensichtlich nicht und spricht es aus, wie man es schreibt (schauder!).

Musik gibt es auch: Spanische Gitarren stimmen anfangs auf das Geschehen in Sevilla ein, und am Schluss geleiten sie den Hörer wieder in den Alltag zurück. Hier spielt offensichtlich ein Meister des Saitenwerks.

_Unterm Strich_

Dem Buch selbst gebe ich nur eine mittlere Wertung. Für den lebhaften, spannenden Vortrag von Detlef Bierstedt aber gibt es einen Bonus. Der Thriller funktioniert so wirkungsvoll und im Grunde einfach wie alle Thriller von Dan Brown. Für Spannung, Action und unzählige unterhaltsame und zum Teil witzige Rätsel ist gesorgt, aber auch für Drama und Tragik.

Dennoch bleibt eine bedeutende Frage im Mittelpunkt, und darum ging es vielleicht – hoffentlich – dem Autor: Wer überwacht die Wächter? Wer schaut der NSA auf die Finger, während sie die Welt überwacht? Wer sagt auch mal „nein“, wenn sie ihre Kompetenzen überschreitet? Bekämen wir das überhaupt mit? Ich bezweifle, dass die NSA je in die Lage geraten wird, wie im Buch mal die Hosen runterlassen zu müssen.

|445 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Digital Fortress, 1998
Übersetzt von Peter A. Schmidt|

Weitere Besprechungen der Dan-Brown-Werke bei |Buchwurm.info|:

[Diabolus 1064 (Buch)
[Meteor 155 (Buch)
[Illuminati 110 (Buch)
[Illuminati 687 (Hörbuch)
[Sakrileg 184 (Buch)