„Diamonds are a girl’s best friend“, hat Marylin Monroe einst geträllert. Im Falle der Schmuckexpertin Marie-Claire de Vries trifft diese Weisheit allerdings nicht zu. Sie wird in dem Buch „Der Fluch des Diamanten“, wie der Titel schon erkennen lässt, von ein paar Edelsteinen in die Bredouille gebracht.
Die Geschichte beginnt damit, dass von einem Privatbesitz und einem Museum in Florenz zwei verschiedene Diamanten unter Zuhilfenahme brutaler Mittel gestohlen werden. Die Täter waren eindeutig Araber und es geht ein Bekennerschreiben ein, in dem es heißt, dass sie die Edelsteine ihres Landes dorthin zurückholen wollten. Gleichzeitig wird Marie-Claire de Vries beauftragt, über den ‚Florentiner‘ – einen berühmten, aber als verschollen geltenden Diamanten – etwas herauszufinden. Francis Roundell, ihr Auftraggeber und hohes Tier im Auktionshaus Christie’s, möchte, dass sie die Geschichte des Florentiners recherchiert.
Marie-Claire stürzt sich in die Arbeit und stellt bald fest, dass der sagenumwobene Stein von einer Art Fluch umgeben scheint. Seinen bisherigen Besitzern hat er nur Unglück gebracht und es ranken sich viele, teils unveröffentlichte Legenden um ihn. Doch sie ist nicht die Einzige, die sich für diese Geschichten interessiert. Marie-Claire ist mit ihren blonden Haaren und langen Beinen sicherlich alles andere als hässlich, aber bemerkenswert ist es schon, dass sich auf einmal gleich drei Männer um sie bemühen. Drei Männer, von denen nicht jeder ausschließlich an ihr interessiert ist …
Der Roman von Rolf Ackermann beschäftigt sich mit einem nicht alltäglichen Thema, das der Autor gut zu verpacken weiß. Er lässt viele historische Fakten über den Florentiner einfließen und erweist sich als Kenner in Bezug auf das, was er schreibt. Leider reicht das nicht, um „Der Fluch des Diamanten“ zu einem spannenden Thriller zu machen. Dafür tröpfelt die Handlung zu belanglos vor sich hin, außerdem fehlt es an wirklich interessanten Ereignissen und Überraschungen. Ackermann verteilt seine Handlung auf mehrere Länder, doch der Thrill bleibt bei der Jagd rund um die Erdkugel auf der Strecke.
Das könnte mit dem Schreibstil zusammenhängen, der kühl und distanziert, geradezu analytisch berichtet. Der Autor benutzt dazu passend einen gehobenen Wortschatz, weshalb sogar die meisten Dialoge sehr hochgestochen wirken. Das wirkt auf der einen Seite nicht besonders authentisch und distanziert die Charaktere zusätzlich stark vom Leser. Das macht es nicht unbedingt einfach, sich mit ihnen zu identifizieren und mit ihnen zu fiebern. Im Gegenteil wirken Marie-Claire und Co. zu perfekt beziehungsweise ihre Ecken und Kanten bewegen sich immer in einem oberflächlichen Rahmen.
Zudem fällt negativ auf, dass das Buch stark von Klischees durchsetzt ist. Die Frauen sind beispielsweise zum Großteil sehr gutaussehend, im Beruf sehr erfolgreich und in der Liebe eher nicht, was zu aufgestauten sexuellen Energien führt. Die Männer dagegen sind zumeist geschniegelt, intellektuell und echte Verführer, für welche die Frauen nur zu gerne die Hüllen fallen lassen. Der Autor tut nichts dagegen, um diese Stereotypen zu durchbrechen und seine Figuren mit etwas Originalität zu versehen.
Nach der Lektüre von „Der Fluch des Diamanten“ bleibt ein fader Nachgeschmack zurück. Rolf Ackermann schreibt zwar über ein interessantes Thema, bietet diesem jedoch nicht den richtigen Nährboden. Der Handlung fehlt es an Schwung und Spannung, der Schreibstil ist zwar handwerklich gut, aber zu kühl und distanziert, und den Charakteren mangelt es an Tiefe und Originalität.
Nach ihrer Scheidung leidet die alleinerziehende Eva Magnus unter Geldproblemen. Ihre Arbeit als Malerin bringt nicht viel ein, ihre kleine Tochter, das fröhliche Pummelchen Emma, soll ohne Sorgen aufwachsen. Eine zufällige Begegnung mit Jugendfreundin Maja bringt sie auf eine Idee. Die lebenslustige Maja arbeitet als Prostituierte, verdient damit gut und schlägt Eva vor, es ihr gleichzutun. Eva nutzt die Chance, bei einem Kundenbesuch im Nebenzimmer zuzuschauen und sich Einblicke in das Metier zu verschaffen. Das Treffen verläuft jedoch völlig anders als geplant und Eva wird ungewollt Zeugin eines Verbrechens …
Bald darauf werden in der norwegischen Kleinstadt Engelstad zwei Leichen gefunden, der erstochene Egil Einarsson in einem Fluss und Maja Durban, erwürgt in ihrer Wohnung. Einarsson, der Frau und Kind hinterlässt, verschwand, nachdem er angeblich seinen Wagen einem Käufer vorführen wollte. Nichts deutet darauf hin, dass sich Einarsson und Maja kannten, doch der ruhige, verwitwete Kommissar Sejer vermutet bei zwei Morden innerhalb so kurzer Zeit dennoch einen Zusammenhang.
Eva Magnus, die als Freundin der Verstorbenen befragt wird, gibt sich unwissend. Als ihre Tochter jedoch ausplaudert, dass sie und ihre Mutter die Leiche im Fluss entdeckt haben, wird Sejer misstrauisch, denn Eva hat die Polizei nicht verständigt. Nach weiteren Ermittlungen bestätigt sich sein Verdacht, dass Eva Einarsson kannte. Merkwürdig ist auch, dass Evas Geldprobleme seit kurzem abgenommen haben. Während Sejer untersucht, in welcher Verbindung Eva zu den Morden stehen könnte, wird die junge Frau bedroht. Jemand ist ihr auf den Fersen …
Eine unfreiwillige Verbrechens-Zeugin und finanzielle Verlockungen bilden die Folie für diesen Debütroman, der gleichzeitig auch das erste Buch mit dem Ermittler Kommissar Sejer ist, dem bislang noch sechs weitere folgten.
|Gelungene Charaktere|
Im Mittelpunkt steht die talentierte, aber erfolglose Malerin Eva Magnus, eine Frau mit vielen Facetten und nachvollziehbaren Schwächen, die zufällig in ein Verbrechen hineingezogen wird. Eva ist mit Leib und Seele Künstlerin. Sie lehnt Auftragsarbeiten ab und lässt sich allein von ihrer Inspiration leiten. Ihre Bilder bestehen aus schwarzen Leinwänden, in die sie mit dem Spatel helle Stellen einritzt, eigenwillige Kreationen, die nur schwer Käufer finden. Neben der Kunst sind ihr verwitweter, kranker Vater Markus und ihre kleine Tochter Emma ihre einzigen Haltepunkte im Leben. Die Rechnungen türmen sich immer höher, das Telefon wurde bereits abgestellt, Töchterlein Emmas geliebte Ausflüge zu McDonalds werden zum unerschwinglichen Luxus. Daneben plagen sie die Sorgen über ihren Vater, der aufgrund einer Gehbehinderung seine Wohnung nicht mehr verlassen kann und zunehmend schwächer wird^, sowie das deutliche Übergewicht ihrer Tochter, die bald in die Schule kommt und dort vermutlich Hänseleien ausgesetzt sein wird. Immer tiefer gerät der Leser in den trostlosen Alltag der Eva Magnus vor dem Hintergrund eines düsteren skandinavischen Herbstes. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen immer kälter und Gleiches geschieht mit Evas Leben.
Das Wiedersehen mit Maja, der lustigen und quirligen Freundin aus Kinder- und Jugendtagen, die Eva durch einen Umzug entrissen wurde, bringt eine Wendung. Der Gedanke an Prostitution schreckt Eva ab, doch Maja ist der lebende Beweis dafür, wie schnell sich mit scheinbar einfacher Arbeit das große Geld verdienen lässt. Nur wenig fehlt noch, damit Maja ihren Traum vom kleinen Hotel in Frankreich verwirklichen und ein unabhängiges Leben führen kann. Die Versuchung ist groß für Eva, die Vorstellung gewinnt an Reiz. Was folgt, ist ein Absturz in die Tiefen eines Verbrechens und einen Strudel weiterer Abgründe, der sich von Eva nicht mehr kontrollieren lässt. Scham und Angst halten sie davon ab, der Polizei ihre Zeugenaussage abzuliefern; einerseits fürchtet sie, selber als Verdächtige zu gelten, und andererseits quält sie der Gedanke, ihre Tochter und ihr Vater könnten erfahren, dass sie mit der Idee spielte, als Prostituierte zu arbeiten.
Ein vielschichtiger Charakter ist auch Kommissar Sejer. Der große, souveräne Mann mit der ruhigen Art ist ein gewissenhafter Ermittler, dessen Argusaugen kein Detail übersehen. Beinahe beiläufig erfährt man vom Krebstod seiner geliebten Frau und seiner Einsamkeit, durch die er sich mit seinem Leonberger Kollberg hinwegtröstet. Sejer entgeht nicht, dass Eva Magnus etwas zu verbergen hat, auch wenn er nicht erraten kann, um was es sich handelt. Ihn fasziniert diese einsame Frau mit den außergewöhnlichen Bildern, die so wenig über sich preisgibt, die in ein brutales Verbrechen verwickelt zu sein scheint und gleichzeitig offensichtlich eine liebevolle Mutter ist, die für ihr Kind zu beinah jedem Opfer bereit ist.
|Spannung und Tiefe|
Es ist kein typischer Thriller oder Krimi, der den Fokus auf die Spannung legt, und doch fesselt der Roman den Leser von Anfang bis Ende. Die düstere, realistische und von Romantismen freie Atmosphäre lässt bis zum Schluss Zweifel an einem guten Ausgang. Die Protagonistin ist keine strahlende Heldin, sondern vielmehr eine Frau, deren Schwäche ihr zum Verhängnis wurde und die in einem Lügengerüst gefangen ist. Es ist nicht vorherzusehen, ob Eva von der Polizei überführt wird, ob der Mörder sie findet und ausschaltet oder ob sie einen Weg entdeckt, ihrer fatalen Situation zu entrinnen. Faszinierenderweise hofft man einerseits, dass Kommissar Sejer ihre Lügen durchschaut und ihr seine Hilfe und polizeilichen Schutz bietet – auf der anderen Seite aber versetzt man sich unwillkürlich auch in Eva hinein, die alles daransetzt, ihre Fassade aufrechtzuerhalten, und drückt ihr die Daumen. Kurz vor Ende kann der Roman zudem noch mit einer überraschenden Wendung aufwarten, die einige Dinge noch einmal in ein anderes Licht rückt.
|Kaum Schwächen|
Reizvoll und gewöhnungsbedürftig zugleich ist die Chronologie des Romans, der mit dem Fund der beiden Leichen beginnt. Erst etwa in der Mitte setzt ein detaillierter Rückblick ein, in dem aus Evas Leben vor den Morden erzählt wird. Der Klappentext allerdings geht chronologisch vor und fasst nur den Rückblick zusammen, sodass man nach seiner Lektüre schon zumindest die Umstände eines Mordes kennt. Dadurch wird die Spannung ein wenig geschmälert, was allerdings nicht dramatisch ist angesichts der Konzentration auf die psychologischen Vorgänge. Das Ende ist ein wenig zu offen gehalten; die Hauptfragen werden zwar geklärt, doch es bleibt Raum für einige Spekulationen, was das weitere Schicksal mehrer Figuren angeht.
_Fazit:_
Ein fesselnder, vielschichtiger Thriller über eine Frau, die Zeugin eines Mordes wird und zwischen die Fronten von Gesetz, Versuchung und Gewissen gerät. Obwohl durchaus spannend, liegt der Fokus auf den ausgefeilten Charakterdarstellungen. Deswegen und auch wegen der nicht chronologischen Erzählweise keine ganz leichte Lektüre, aber sehr empfehlenswert.
_Die Autorin_ Karin Fossum wurde 1954 in Norwegen geboren. 1974 und 1978 erscheinen zwei Gedichtbände von ihr, ehe sie ihre Kinder bekam und eine schriftstellerische Pause einlegte. 1995 erschien ihr Debütroman „Evas Auge“ mit dem Ermittler Kommissar Sejer. Es folgten sechs weitere Bände, u. a. „Fremde Blicke“, „Dunkler Schlaf“ und „Stumme Schreie“.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Europa in Trümmern. Von den Ideologien, den Träumen und Wunschvorstellungen eines Dritten Reiches existierten nur noch Städte, die knapp einer vollständigen Zerstörung entgangen sind. In jedem Straßenzug zeugten die Skelette der zerbombten Gebäude von einem Vernichtungskrieg. Der „totale Krieg“ forderte seine Opfer, und diese waren beileibe nicht nur Soldaten und Parteimitglieder des Deutschen Reiches.
In den Jahren nach dem Krieg entgingen viele Kriegsverbrecher ihrer Strafe. Sich der Verantwortung zu entziehen, zu fliehen in dem Wissen, unmenschliche Schwerverbrechen begangen zu haben, gehörte zur üblichen Verhaltensweise der Offiziere der SS und anderer NS-Organisationen. Auf so genannten „Rattenlinien“ versuchten Verbrecher wie Klaus Barbie, Josef Mengele und Adolf Eichmann, sich der Gerichtsbarkeit der Siegermächtige zu entziehen. Argentinien war in dieser Zeit unter der Regierung von Perón ein beliebter Zufluchtsort.
Es gab einige Organisationen und Verbände, die ein Interesse daran hatten, derartigen Verbrechern zu helfen, nicht selten waren es die Geheimdienste der Alliierten, selbst der Vatikan war behilflich bei der Flucht aus Nachkriegsdeutschland. Kurz vor Ende des Krieges, als sich bereits abzeichnete, dass der Krieg verloren war, soll es eine berüchtigte Gruppe von Nazisympathisanten gegeben haben, die unter dem Namen „Odessa“ fungierte. Mit Geld, Einfluss und straff organisierten Plänen gelang es ihnen, einige Kriegsverbrecher der Justiz zu entziehen. Aber warum schützten die Geheimdienste der Siegermächte solche Kriegsverbrecher?
Der Kalte Krieg betrat die Weltbühne und das Gespenst des Kommunismus bedrohte und verängstigte die Staaten, auf anderer Seite hingegen schürte der Kapitalismus den Neid und auch die Sorgen. Wissenschaftler, Generäle, Ärzte und Geschäftsmänner, die in anderen Zeiten für ihre Verbrechen verurteilt und bestraft würden, entgingen so ihrem Tod – ihr Wissen und ihre Ideen waren für die konkurrierenden Staaten ein allzu wertvolles Hab und Gut.
Im neuen Roman „Das Janus-Projekt“ von Philip Kerr, der in der Nachkriegszeit spielt, geht es um genau dieses Thema.
_Story_
München, 1949. Vier Jahre nach dem verlorenen Krieg gehört der ehemalige Polizist und jetzige Privatdetektiv Bernhard (Bernie) Gunther zu den desillusionierten Deutschen, die zwar den Krieg überlebt haben, aber ansonsten alles als verloren betrachten. Seine Frau ist in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, und er selbst führt in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers in Dachau ein wirtschaftlich marodes Hotel, das keine Gäste beherbergt. Ein Neuanfang will ihm aber nicht gelingen, zu schwer liegen die Erinnerungen an die Erlebnisse der Ostfront auf seiner Seele. Verbittert geht er seiner Idee nach, das einzig Richtige zu tun, das er tun kann – als Privatermittler tätig zu werden.
Nach dem Tod seiner Frau versucht er sich in München eine Existenz aufzubauen. Noch immer gibt es unzählige vermisste Familienmitglieder, die es zu finden gilt, demzufolge auch genug zahlungswillige, suchende Klienten, die ihn beauftragen könnten. Andererseits gibt es noch genug Kunden, die immer noch beweisen wollen, dass ihre nächsten Angehörigen keine Nazis waren, und Bernie Gunther soll ihnen dabei helfen.
Die zweite Möglichkeit ist für seine Verbitterung und seinen daraus resultierenden Sarkasmus nicht ohne Probleme, aber er passt sich schnell der geforderten Situation an und übernimmt den Auftrag einer Frau Britta Warzok, die ihn darum bittet, Beweise für den Tod ihres Ehemannes zu beschaffen. Frau Warzok möchte wieder heiraten, und so lange ihr Ehemann offiziell nicht für Tod erklärt wurde und nur als vermisst eingestuft wird, stellt sich genau dies als sehr störendes Problem dar.
Bernie Gunthers Recherchen und Ermittlungen führen ihn wieder einmal in gefährliche Kreise. Noch immer versuchen ehemalige Nazi-Größen, die junge Bundesrepublik, die von den alliierten Siegermächten besetzt wird, zu verlassen. Und diese Kriegsverbrecher, denen der Tod droht, sehen in den sensiblen Ermittlungen des Privatdetektives ein Problem. Gunther läuft in eine Falle, wird gefoltert und zusammengeschlagen, aber am Leben gelassen. Ein freundlicher Arzt nimmt sich seiner an, versorgt und behandelt ihn, wenig später lernt er einen Erich Grün kennen, der durch eine Verletzung, die er im Krieg erlitt, an den Rollstuhl gefesselt ist. Die beiden Männer freunden sich an und Gunther bietet sich an, für Grün eine Erbschaft anzutreten – Gunther und Grün sehen sich ungemein ähnlich, und die Zeit und der Krieg sollten ausreichen, um an seiner statt die Formalitäten erledigen zu können.
Gunther muss nach Wien reisen, und dort erfährt er, dass er eine Marionette in einem teuflischen Spiel ist. Eingebunden und benutzt in einer weitreichenden Verschwörung, sieht er seine eigene Überlebenschance darin, dieses Komplott aufzudecken, doch schnell bemerkt er, dass im Untergrund noch allzu viele Nazis existieren, die über Leichen gehen, dass er zu einem Spielball der Geheimdienste geworden ist, und auch israelische Killerkommandos auf der Suche nach Kriegsverbrechern kennen nur ihre eigenen Gesetze …
_Kritik_
„Das Janus-Projekt“ ist ein spannender Unterhaltungsroman von Philip Kerr. Allerdings vermischt der Autor die Fakten mit vielen Fiktionen, die zwar unterhalten können, aber nicht zu Ende gedacht wurden.
Die Geschichte spielt in der jungen Bundesrepublik Deutschland, die ein schweres Erbe zu tragen hat. Der Krieg ist verloren und die gerade entstandene Republik kämpft noch immer mit den moralischen Altlasten und Verbrechen des Terror-Regimes. Niemand will mehr von der Vergangenheit reden, es wird verdrängt, ignoriert und totgeschwiegen – doch die Vergangenheit holt einen doch immer wieder ein. Schließlich kann eine ganze Nation, eine ganze Generation nicht einfach von der kriminell ausgearteten ideologischen Bühne hüpfen.
Leider, und genau das ist einer der großen Kritikpunkte, habe ich ebendieses gelebte Schuldbewusstsein im täglichen Miteinander vermisst. Einzig und allein der Hauptcharakter Bernie Gunther lebt noch immer in seiner Vergangenheit, die er nicht vergessen kann oder will und die er versucht, mit einem gewissen sarkastischen Zynismus zu bekämpfen.
Betrachtet man den Roman neutral, so ist die Story dennoch keine neue. Sicherlich baut sie Spannung auf, aber hätte der Autor sich mehr Zeit gelassen, vielleicht einen mehrteiligen Thriller aus der Story gemacht, so hätte dies der Geschichte mehr grundlegende Substanz verliehen. Der Kalte Krieg, der für die nächsten Jahrzehnte die politische Weltbühne beherrschen wird, lässt nicht nur Bernie Gunther zum Spielball werden, auch die gesuchten Naziverbrecher sollen gezwungen werden, gegen die rote Gefahr zu kämpfen. Auch diese Thematik wird nicht zu Ende gedacht, nur angerissen, mehr nicht.
Recht, Unrecht, Moral und Ethik hätten die Säulen dieses Romans werden können, doch leider schildert Kerr die Konsequenzen nicht überzeugend. Immer wieder reißt Kerr diese dunklen Fakten an, aber nur inkonsequent. Diese Motivation im Sinne der Spannung zwar in allen Ehren gehalten, aber so verwandelt sich das Fundament in brüchiges Einerlei. Egal welcher Nation seine Charaktere angehören, sie sind nur sehr schlicht charakterisiert; entweder verfügen sie über edle Motive oder sie sind einfach nur böse. Philip Kerr verrennt sich in seinem Alibihintergrund und beweist in Laufe seiner Geschichte, was er, wenn er an das „Dritte Reich“ denkt, damit an Klischees verbindet. Selbst die Nachkriegszeit und die daraus resultierenden Konfrontationen, egal ob nun politisch oder menschlich, vernachlässigt er.
Die Handlung überlässt der Autor allerdings nicht dem Zufall; es dauert seine Zeit, bis sich die eigentliche Story entwickelt und Bernie Gunther zeigen kann, was so in ihm steckt. Dessen Charakterentwurf muss ich dabei wirklich loben. Seine zynische Art und Herangehensweise und seine Vergangenheit, für die er sich nicht unschuldig führt, machen ihn wirklich sympathisch und sehr menschlich. Einzig und allein der Humor wirkt in manchen Passagen etwas überdosiert und unpassend. Trotzdem könnte dies aber den Roman für manchen Leser retten.
Leider schafft es der Autor auch hier nicht, die Waage im Gleichgewicht zu halten. Es kann und darf nicht sein, dass einzig und allein die Hauptfigur des Bernie Gunther so etwas wie ein Gewissen vorzuweisen hat, ihr Handeln hinterfragt und sich selbst manchmal als sehr kritisch ansieht und damit die einzige Figur bleibt, die so empfindet. Gunthers Schuldbewusstsein, und da steht er weit und breit alleine da, wirkt gerade deshalb oftmals nicht glaubwürdig oder zu überzeichnet.
Philip Kerr hat es aber gut gemeint und aktiv versucht, der Nachkriegszeit ein Gesicht zu geben, doch auf mich wirkte er mit seiner Agenda oftmals überfordert. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht sind zu gradlinig gezeichnet, ohne Grenzland, in dem man Schwächen und Stärken wiederfindet.
Allein schon aus dieser schweren Epoche in Form eines Spannungsromans zu erzählen und dabei genau bemessene Proportionen zu wählen, ist sicherlich schwer und sollte vielleicht Autoren überlassen werden, die diese Zeit er- und überlebt haben oder sich mit der Problematik in den Nachkriegsjahren politisch und gesellschaftlich intensiv auseinandergesetzt haben.
_Fazit_
„Das Janus-Projekt“ ist ein reiner Unterhaltungsroman. Nicht mehr oder weniger. Die Fiktion wird mit nebulösen Fakten vermengt und Philip Kerr schafft es nicht, die Story und ihre Charaktere in konsequenter Weise zu entwickeln. Es gibt keine rein gute und heile Welt, wie sie hier propagiert wird, auch wenn wir uns dies immer wünschen.
Meinen Erwartungen und Ansprüche verfehlt dieser Roman leider völlig. Ein detailliertes Grundgerüst mit allen Facetten von Politik und Gesellschaft, mit Schuld und Sühne, der Vergebung und Vergegenwärtigung wäre sinnvoll gewesen, dann hätte dieser Roman ein wunderbar spannendes und zugleich glaubhaftes Zeugnis abgegeben.
Der Roman ist der vierte aus Kerrs Reihe um den eigensinnigen Gunther, aber man kann sicherlich „Das Janus-Projekt“ lesen, ohne die drei vorherigen Titel zu kennen.
_Der Autor_
Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren. Heute lebt er in London. Mit dem Roman „Das Janus-Projekt“ schließt er die Berlin-Reihe um den Privatdetektiv Bernhard Gunther ab. Aus dieser Reihe sind noch die Romane „Feuer in Berlin“, „Im Sog der dunklen Mächte“ und „Alte Freunde – neue Feinde“ erschienen.
Privatermittler Max Mingus sucht auf der Karibik-Insel Haiti nach dem verschollenen Sohn eines reichen Mannes. Er gerät in eine düstere Welt, in der sich das Verbrechen mit dem Übernatürlichen mischt und ausschließlich das Recht des Stärkeren regiert; lästige Fragensteller werden hier entsetzlich einfallsreich zum ewigen Schweigen gebracht … – Bedrückend realistischer Thriller, der die Hölle in der menschlichen Seele zum Schauplatz hat. Die Story ist spannend, der Spannungsbogen bruchfest, die Figurenzeichnung hervorragend: „Voodoo“ ist ein Roman, der über die gesamte Distanz fesselt. Nick Stone – Voodoo weiterlesen →
Trutzig ragt Burg Schädel unweit von Koblenz hoch über dem Rhein auf, wo sie vor einem halben Jahrtausend ein gefürchteter Hexenmeister errichten ließ. Der verrufene Ort wurde zum idealen Heim für den großen Bühnenmagier Maleger, der privat ein Ekel und Sonderling. 1913 – vor 17 Jahren – ist er während der Anreise zur Burg angeblich in den Fluss gestürzt, aus dem man seine ebenso angebliche Leiche zog.
Burg Schädel ging an Myron Alison, den berühmten Schauspieler, und seinen Freund, den Finanzmagnaten Jérôme D’Aunay. Viel Freude bereitete ihnen das Erbe nicht. Alison fand man kürzlich unterhalb der Mauern; man hatte ihn angeschossen, mit Benzin übergossen und angesteckt. Als lebende Fackel taumelte er über die Zinnen, während ein gespenstischer Schatten dies beobachtet haben soll. John Dickson Carr – Die Schädelburg weiterlesen →
Neben den vielen großen Religionen auf unserer Welt gibt es noch zahlreiche Gruppierungen von Gläubigen, die sich abspalten und abgrenzen vom etablierten Glauben. Die Sekten unserer Zeit versuchen, durch eine ganz eigene Botschaft Mitglieder für ihre Idee und Überzeugung zu gewinnen. Gerade labile Menschen, die durch Schicksalsschläge ihre Grundlage, vielleicht sogar ihren Glauben verloren haben, die sich im Stich gelassen fühlen oder einfach menschlich enttäuscht wurden, sind anfällig, sich sich auch einer der zweifelhafteren dieser Gruppierungen anzuschließen.
Längst schon versuchen Sekten, ihre Machtstellung innerhalb der Gesellschaft zu festigen. Religion und Glauben, Ideologie und Überzeugung bedeuten zugleich immer, auch Macht auszuüben, Menschen zu lenken und zu kontrollieren; oftmals unterwandern derlei Gruppierungen auch die Gesetze oder nutzen deren Lücken, damit sie durch den Staat nicht angreifbar werden. Die wirtschaftlichen Interessen gehören immer zu den wichtigsten ideologischen Überzeugungen einer solchen Gruppe.
Mit Nächstenliebe und Respekt gegenüber ihren Mitmenschen, mit Meinungsfreiheit und Entfaltung der eigenen Person haben diese Vereinigungen meistens ein recht großes Problem. Es entstehen eher richtiggehende und gefährliche Personenkulte, die autoritär auf die Gruppe einwirken und diese auch mit disziplinarischen Strafen einschüchtern. In solchen Sekten leben die Mitglieder meistens nach ihren eigenen Gesetzen und Geboten, und genau hierin besteht die Gefährlichkeit.
Der Autor Gregg Hurwitz zeichnet seinen Lesern in seinem Roman „Die Sekte“ ein recht gutes Bild von den Organisationen und Strukturen, den Wegen der Gewinnung neuer Mitglieder und deren Kontrolle und wirtschaftlichen Ausbeute.
_Inhalt_
Tim Rackley hat nach dem gewaltsamen Mord an seiner sechsjährigen Tochter nicht nur seine Anstellung als US Marshal verloren. Durch seine eigensinnige Selbstjustiz wurde er vom Dienst suspendiert und der Schmerz über den Verlust lässt ihn und seine Frau Andrea, genannt Dray, auch privat nicht zur Ruhe kommen. In ihren Träumen, ihren Gedanken verfolgt sie die Tragödie noch immer.
Eines Tages bekommen Tim und Dray Besuch von einem erfolgreichen Filmproduzenten und seiner Frau, die verzweifelt um Hilfe bitten. Der einflussreiche Produzent Will Henning übergibt Tim ein Foto. Auf diesem posiert ein junges Mädchen, das gerade die Highschool abgeschlossen und ein Studium begonnen hat. Sie sieht hübsch aus, vielleicht ein wenig linkisch, traurig graugrüne Augen, schulterlanges Haar. Eine Person, an die man sich aufgrund ihrer Aura erinnert. Tims Augen schweben über das Foto seiner toten Tochter auf dem Kaminsims, er nimmt an, dass das Mädchen auf dem Foto auch umgebracht wurde.
Doch sie ist nicht tot. Will Henning, der Stiefvater, erklärt, dass die 19-jährige Leah quasi vermisst wird. Die junge Studentin ist einer Sekte beigetreten und hat den Kontakt zur ihren Eltern komplett abgebrochen. Die Polizei kann nicht eingreifen, weder das FBI noch die CIA sehen eine Möglichkeit bzw. ein Verbrechen, gegen das sie vorgehen könnten.
Tim soll, wenn es nach ihren Eltern geht, die junge Frau aus dem Kreis dieser Sekte entführen, denn von der Außenwelt hat sich diese Sekte fast völlig abgeschlossen, so dass kaum eine legale Möglichkeit für die Ermittler übrig bleibt. Vorübergehend wird Tim wieder in den Rang eines US Marshal eingesetzt und nimmt als Erstes Kontakt zu einem Universitätsprofessor und Experten für Sekten auf.
Trotz seiner psychologischen Vorkenntnisse, die Tim innerhalb der amerikanischen Streitkräfte erhalten hat, gibt Dr. Bedermann dem Beamten wertvolle Tipps, um sich vor psychologischen Praktiken der Bewusstseinskontrolle wehren zu können. Auch übergibt Dr. Bedermann Tim die Adresse eines Patienten, der den Fängen der Sekte entkommen konnte, nicht jedoch, ohne dabei zu Schaden gekommen zu sein. Doch dieser ist nur noch ein Schatten seiner selbst, ein seelischer und psychologischer Krüppel mit irreparablen Schäden, und der Versuch Tims, etwas über die Sekte herauszufinden, endet in einem nervlichen Zusammenbruch des Mannes.
Eine weitere Adresse führt Tim zu einem ebenfalls ausgestiegenen Sektenmitglied. Auch dieser Mann reagiert panisch und denkt, dass man ihn ausschalten möchte; nur mit äußerste Vorsicht gelingt es Tim, ein wenig Zugang zu dem verstörten Mann zu finden. Doch dieser beantwortet die Fragen des Ermittlers nur zaghaft und möchte mit dieser Vereinigung nichts mehr zu tun haben. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben …
Wenige Tage später bietet der Mann Tim doch noch seine Hilfe an und berichtet, wie er zu der Sekte kam und wie eine solche Veranstaltung, die unter dem Motto „Das Programm“ organisiert ist, abläuft. Bewusstseinskontrolle wird von der Sekte und ihrem charismatischen Führer durch psychologische Erniedrigung, medikamentös durchsetzte Getränke, Schlafmangel und Temperaturdifferenzen innerhalb des Raumes erreicht. Es findet eine völlig Deprogammierung ihres Ich statt, bis man zu guter Letzt nur noch an die Grundsätze, die Gebote, das Weltbild der Sekte glaubt. Eine Marionette auf einem Spielfeld mit fest definierten Regeln.
Die labilen Menschen werden angeworben, wenn sie sich in einer persönlichen Krisensituation befinden – Beerdigungsinstitute, Jobmessen, Kennlernpartys in Kirchen, Selbsthilfegruppen usw. sind die Orte einer solchen ersten Begegnung. Die Kriterien, nach denen sie angeworben werden: Sie müssen über Geld verfügen, zugänglich sein und auch auf sexueller Basis dem „Meister“ gefallen. Leben und wohnen findet auf einer abgelegenen Farm statt, und nur auf dieser. Neue Mitglieder – so genannte „Neos“ – werden von den älteren Sektenmitgliedern kontrolliert und durch den Tag begleitet – eine völlige und gerichtete Abhängigkeit.
Tim sieht seine einzige Chance darin, dass er versuchen muss, sich selbst in diese Sekte einzuschleusen. Mit seiner neuen Identität als reicher Firmeninhaber, der gerade seine Tochter durch ein Verbrechen verloren hat, gelingt es ihm bei einem Seminar von „Das Programm“, innerhalb der Sekte für ein weiteres Kolloquium eingeladen zu werden. Bei diesen Veranstaltungen spielt er seine Rolle überzeugend und kann die psychologischen Tricks zwar durchschauen, aber da er auch psychisch durch den Tod seiner Tochter angeschlagen ist, muss er seine ganze Konzentration aufbringen, um nicht selbst und tatsächlich zum Opfer zu werden.
Leah findet er wenig später, aber trotz aller Versuche, die junge Frau mit Argumenten davon zu überzeugen, dass diese Sekte lediglich auf ihr Vermögen aus ist und kriminell handelt, lässt sie sich anfänglich nicht überzeugen. Doch aufgeweckt, wie sie ist, bekommt ihr suggestiv verabreichtes „Programm“ erste Risse. Tim offenbart sich ihr als US Marshal und schildert die Ängste und Sorgen, die ihre Eltern durchmachen, und Leah deckt Tims Identität anschließend sehr bewusst.
Tim Rackley untersucht derweil die „Ranch“, um legale Beweise zu finden, welche die Staatsanwaltschaft nutzen kann, um gegen die Sekte ermitteln zu können. Eines Tages beobachtet Tim aus der Ferne, wie eine junge Frau, die der Meister fallen gelassen hat, bettelnd vor ihm steht und damit droht, „Das Programm“ durch ihr Wissen auffliegen zu lassen. Wenig später wird sie von zwei „Beschützern“ in den Wald geführt und Schüsse fallen. Wenig später wird Tims falsche Identität entdeckt und nicht nur er, sondern auch Leah befinden sich jetzt in Lebensgefahr, denn die Sekte duldet keine „Aussteiger“ …
_Kritik_
Gregg Hurwitz hat mit seinem Thriller „Die Sekte“ (englisch „The Program“) einen imposanten und psychologisch sehr dichten Thriller verfasst. Über Sekten und ihren inneren Aufbau, ihre Motivation und, was noch wichtiger ist, ihre psychologische Vorgehensweise bei der Gewinnung neuer Mitgliedern hat der Autor authentisch und transparent beschrieben.
Es gibt sicherlich diverse Vorurteile und eine gewissen Negativbehaftung des Begriffes der Sekte, aber auch hier schafft es der Autor gekonnt und bewusst, entweder mit diesen Pauschalisierungen aufzuräumen bzw. aufzuklären. Besonders gefallen haben mir die Erklärung und Schilderung des „Eröffnungsseminars“ der Vereinigung, die suggestiven, psychologischen Mittel, um die Teilnehmer erst mental brechen und sie dann unter Mithilfe der gleichen Mittel wieder gezielt nach den Grundsätzen der Sekte aufbauen zu können. Erschreckend, wie gezielt und raffiniert so etwas organisiert sein kann.
Die Geschichte wird aus Sicht von dem Ermittler Tim Rackley und seinem Schützling, der Studentin Leah, erzählt, die er aus dem engen Netz der Sekte befreien möchte. Tim Rackleys Charakter ist dabei nachvollziehbar und sehr menschlich dargestellt. Er liegt nicht immer richtig und man merkt, dass er sich trotz seiner Ausbildung bei der Armee und der Polizei ab und an mal überschätzt. Noch schmerzt in ihm der Verlust seiner Tochter, doch in dieser Schwäche liegt auch seine ganz persönliche Stärke. Er hat keine Angst davor, sich dem Schmerz zu stellen, und zusammen mit seiner selbstbewussten Frau Dray besteht gute Hoffnung, dass er dieses Trauma übersteht. Mit jeder Faser seiner Persönlichkeit versucht er, vielleicht auch aus Schuldbewusstsein heraus, Leah ein guter Freund, ein Beschützer zu sein.
Leah hingegen wirkt in sich nicht ruhend, auch wenn sie sich selber versucht einzureden, dass die Sekte ihr neues Zuhause ist und ihr alles das geben kann, was sie in ihrem Elternhaus vermisst hat. Trotzdem kommen in ihr immer wieder Zweifel auf, und in verschiedenen Situationen merkt man ihr an, dass sie nicht ganz den Parolen und Theorien des Meisters folgen kann. Psychosomatisch wirkt dies sich bei ihr als Form eines Hautausschlags aus.
Der Spannungsbogen wird von Gregg Hurwitz gekonnt und plausibel immer weiter entwickelt. Angefangen von der theoretischen Vorgehensweise, erklärt durch den Universitätsprofessor und Experten Dr. Bedermann, bis in die persönliche Indoktrinierung hinein und zur späteren Konfrontation, die Tim Rackley bewältigen muss. Wertvoll sind auch hier die sehr negativen Erfahrungen, die von dem ehemaligen Mitglied der Sektegeschildert werden; seine Ängste bilden zusammen mit den Erklärungen von Dr. Bedermann das Grundgerüst der psychologischen Dramaturgie.
Der negative Part fällt ganz klar dem „Meister“, dem Denker und Führer der Sekte zu. Er wird sehr berechnend, aber auch mit einer intelligenten Grausamkeit ausgestattet dargestellt, die ihm einen charismatischen Charakter verleihen. Die Selbstüberschätzung ist wohl dann der große Fehler in seinem eigenen Weltanschauungssystem.
Es gibt in dem Roman keine Nebenschauplätze, keine inhaltlich unwichtigen Parallelen zur Haupthandlung. Die Story konzentriert sich hingebungsvoll auf Tim und Leah; es gibt zwar ein paar Rückblenden in die Vergangenheit von Tim Rackley und seiner Frau, die in dem Debütroman [„Die Scharfrichter“ 3295 ihre Wurzeln hat, doch ist es kein Muss, jenes Buch vor diesem gelesen zu haben.
Gregg Hurwitz verrennt sich in keinem Moment in logischen Fehlern und Lücken oder unglaubwürdigen Theorien. Auch kombiniert er den Glauben nicht mit der Botschaft der Sekte. Die Sekte ist nicht religiös, sondern nur darauf aus, die Persönlichkeit des Menschen umzuprogrammieren; ganz klar und unmittelbar wird hier Macht über den Einzelnen ausgeübt, aber es folgt keine metaphysische Drohung mit dem Fegefeuer, sondern nimmt als Bestrafung ganz andere und unmittelbarere Formen an.
_Fazit_
Für Außenstehende und Menschen, die noch keinen Kontakt zu Sekten und ihren Beweggründen hatten, birgt dieser Roman viel Interessantes und ein wenig prophylaktische Vorsicht gegenüber solchen Vereinigungen mit doch recht merkwürdig anmutenden Glaubensgebilden.
Nach [„Die Scharfrichter“ 3295 ist dies der zweite Roman mit den Figuren Tim Rackley und seiner Frau Andrea. „Die Sekte“ empfinde ich als weitaus fundierter und spannender aufgebaut als den ersten Roman. Die Charaktere haben an Stärke zugenommen, sind positiver entwickelt worden und auch die Story wirkt authentischer und eingegrenzt.
Was bleibt, ist ein sehr spannender Roman mit zudem positivem Lerneffekt. In unserer heutigen Zeit und Gesellschaft gibt es vielerlei Vereinigungen, die ähnlich strukturiert werden, wie es der Autor beschreibt; um so wichtiger ist es, dass man einen kurzen Blick hinter den Vorhang werfen kann. Abschließend kann ich den Roman bedenkenlos weiterempfehlen und freue mich schon auf eine Fortsetzung.
_Autor_
Gregg Hurwitz ist Mitte dreißig und wuchs in der Nähe von San Francisco auf. Er studierte Englisch und Psychologie an der Harvard University sowie in Oxford/Großbritannien, wo er seine Magisterarbeit über Shakespeares Tragödien schrieb. Er hat Aufsätze in akademischen Zeitschriften publiziert, Drehbücher verfasst und bereits mehrere Spannungsromane veröffentlicht, die von der US-Kritik und Schriftstellerkollegen einhellig gelobt wurden. Gregg Hurwitz lebt in Los Angeles.
Die Französin Fred Vargas gehört wohl zu den bekanntesten Krimiautorinnen Deutschlands. Ihre vergnüglichen Romane um den schrulligen Kommissar Adamsberg, seine skurrilen Fälle und sein versponnenes Umfeld begeistern seit Jahren. Nachdem 2007 bereits „Die dritte Jungfrau“ in Deutschland erschienen ist, veröffentlicht der Aufbau-Verlag zusätzlich einen Band mit drei kurzen Geschichten um Adamsberg, der in Frankreich schon im Jahr 2002 zu haben war.
Eine berühmte Revue-Darstellerin, die sich ein Zubrot als Erpresserin verdiente, liegt erdrosselt in einem von innen verschlossenen Raum. Dieser Mord ist anscheinend unmöglich und daher perfekt, bis Privatermittler Philo Vance auf seine unnachahmliche Weise das Rätsel klärt … – Kompromisslos klar konstruiertes „looked room mystery“: Die Deduktion wird zum Planspiel, in dem die Regeln des Genres konsequent dekliniert werden; trotz der Abwesenheit ‚menschlicher‘ Figuren ein – zugegeben manchmal akademisches – Lesevergnügen. S. S. Van Dine – Der Mordfall Canary weiterlesen →
England, 1945: Die sechzehnjährige Anna Sidney erwartet ein Kind vom Soldaten Edward, der kurz nach ihrem Kennenlernen in den Krieg gezogen ist. Obwohl er Anna versprochen hat, sie danach zu heiraten, kehrt er nicht mehr zurück. Ein harter Schlag für das Mädchen, das mit 13 die Eltern bei einem Fliegerangriff verlor und jetzt bei Tante Vera und Onkel Stan lebt. Ihr Sohn Ronnie wird zu ihrem Lichtblick im Leben, den sie gegen alle widrigen Umstände behält. Während Onkel Stan ein netter, aber sehr schwacher Mann ist, terrorrisiert Vera Anna unentwegt herum. Ronnie wächst zu einem hübschen, intelligenten Jungen heran, der von Anna vergöttert wird und sie für ihr bisheriges Leid entschädigt. Niemand ahnt etwas von seinem eiskalten Charakter unter der strahlenden Fassade, auch nicht, als er Tante Vera über einen Rollschuh ins Frittierfett stolpern lässt und ihre schwere Armverbrennung wie einen Unfall aussehen lässt.
In drei Großkapitel gliedert der Verfasser in den Jahren 1984 bis 1992 als Kriminalreporter veröffentlichte Berichte. Connelly arbeitete zunächst in Florida und ging später nach Los Angeles. „L. A. Crime Report“ berichtet im ersten Teil über „Die Cops“ (S. 23-150). Sie üben einen Beruf aus, der aufreibend und gefährlich ist, wobei die Gefahr nicht selten von ihnen selbst ausgeht. „Der Anruf“ informiert über einem ganz normalen Tag im Leben der Beamten des Morddezernats von Fort Lauderdale, die den 38. Mord des Jahres 1987 untersuchen, im ihn in mühsamer aber konzentrierter Polizeiarbeit klären.
„Open Territory“ wurde Broward County im Süden Floridas lange genannt. Hier siedelten sich viele Jahrzehnte hochrangige Mafiosi an, die in der Sommerfrische Abstand vom ‚Geschäft‘ suchten. Seit den 1980er Jahren behält sie jedoch die eigens gegründete „Metropolitan Organized Crime Intelligence Unit“ im Auge. Ihre Arbeit wird am Beispiel des Mafiabosses „Little Nicky“ Scarfo erläutert, der ihnen 1987 ins sorgfältig gespannte Netz ging. Einen Schritt weiter geht die US-Polizei im Kampf gegen Verbrecher, die ihr Heil in einer Flucht nach Mexiko suchen. „Grenzüberschreitungen“ garantieren Kriminellen längst nicht mehr die ersehnte Sicherheit vor den US-Behörden. An diversen Beispielen erläutert Connelly die mühsame Zusammenarbeit zweier recht unterschiedlicher Rechtssysteme, in die sich immer wieder nationale Befindlichkeiten mischen.
„Polizisten auf der Anklagebank“ und „Todesschwadron“ erinnern an die kapitale Krise, in die das Los Angeles Police Department Anfang der 1990er Jahre geriet. Rassistische Übergriffe und die unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt, die offenbar die Hinrichtung von Verdächtigen ‚in Notwehr‘ einschloss, führten zu einer grundlegenden, längst überfälligen Umstrukturierung des Departments. Eine Erklärung für den nervösen Zeigefinger der Polizisten bietet Connelly in „Von einem Jungen getötet“. Hier rollt er die Geschichte eines 24-jährigen Beamten auf, dem ein minderjähriger Einbrecher die Dienstwaffe entwand, mit der er ihn anschließend erschoss.
Teil 2 – „Die Mörder“ (S. 151-276) – beginnt mit der Geschichte eines Vergewaltigers und Serienkillers, der nach Jahren geschickt vertuschter Untaten eine mörderische ‚Reise‘ durch die Vereinigten Staaten begann, die bis heute nicht in allen Details aufgeklärt werden konnte. Connelly kehrt ein Jahr nach dem Tod des Mörders zu denjenigen Familien seiner Opfer zurück, die damit fertig werden müssen, dass die Leichen ihrer Töchter und Schwestern auf ewig verschwunden bleiben.
„Verhängnisvolle Tarnung“ erzählt die unglaubliche Geschichte eines Hochstaplers, der sich nicht nur eine zweite Identität als CIA-Agent, sondern auch zwei Ehefrauen zulegte. Als nach Jahren das Lügengebäude einzustürzen beginnt, verliert der Mann die Nerven und wird zum Mörder. „Der Stalker“ ist ein Mann, der junge Frauen nicht nur beobachtete, sondern ihnen bald aufzulauern begann. Aufgrund der dünnen Beweislage gelingt es dem hochintelligenten Verdächtigen, der sich vor Gericht selbst verteidigt, Zweifel an der Tatsache seiner Schuld zu säen.
Dass auch gute Arbeit der Polizei nicht immer der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen kann, belegt der Fall eines Vatermörders, dem beinahe das perfekte Verbrechen gelang: Nachdem dieses doch ans Tageslicht kam, ergriff der Täter erfolgreich die Flucht; „Amerikas meistgesuchter Verbrecher“ konnte nie gefasst werden. Anders erging es dem „Ehefrauenmörder“, der fünf Jahre nach seiner Bluttat doch gefasst und verurteilt wurde.
„Wo Gangster um die Ecke knallen“ ist der (deutsche) Titel eines Films, der die komischen Taten einer Bande völlig unfähiger Verbrecher in Szene setzte. Connelly setzt ihn über ein Kapitel, in dem er die Verbrechen der wohl unfähigsten aber nichtsdestotrotz brutal vorgehenden Bande von Mietkillern der Neuzeit beschreibt. In „Böse, bis er stirbt“ zeichnet der Verfasser die fast fünf Jahrzehnte währende ‚Karriere‘ des Gewohnheitsverbrechers Roland Comtois nach, der sich vom Einbrecher zum Räuber, vom Spanner zum Vergewaltiger und schließlich zum Mörder ‚hocharbeitete‘.
Teil 3 (S. 277-395) beschreibt einige banale bis bizarre Mordfälle, mit denen Connelly sich als Journalist intensiv beschäftigte. „Das namenlose Grab“ birgt den Körper eines Mordopfers, das nie identifiziert werden konnte; nicht einmal der Mörder wusste, nach seiner Festnahme befragt, wen er umgebracht hatte. Ein „Doppelleben“ als freundlicher Nachbar und Kapitalverbrecher führte Francis Malinosky, der über Jahre geschickt mit vier Identitäten jonglierte. Der „Tod einer Erbin“ stellte sich erst nach langer Zeit und nur durch Zufall als Familientragödie heraus. In „The Family“ berichtet Connelly vom Aufstieg und Fall eines brutalen Verbrechersyndikats, das im gesamten US-Staat Kalifornien aktiv war. Ein „Leben auf der Überholspur“ führte Billy Schroeder, der jährlich in mindestens 350 Häuser einbrach, um seiner Drogensucht frönen zu können. Parallel dazu schildert Connelly die Leiden seiner Opfer, die sich in ihren Heimen nicht mehr sicher fühlen. „Lag der Täter auf der Lauer?“, fragt der Verfasser anlässlich des Mordes an einer Krankenschwester. „Der Tote im Kofferraum“ gehörte einerseits zur L.-A.-Prominenz, war jedoch andererseits in allerlei Machenschaften verwickelt und betrog die Mafia, die dies auf ihre typische Art quittierte. „Offen – ungelöst“ bleibt wohl auch der Fall eines Handwerkers, der sich allzu neugierig in Gefahr begab und darin umkam.
Einer der besten Autoren des modernen US-amerikanischen Kriminalromans war vor seiner Schriftstellerkarriere Kriminalreporter. Dies war durchaus bekannt, doch erst die Lektüre von „L. A. Crime Report“ lässt erkennen, dass da ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Michael Connelly schildert in einem langen Vorwort seinen Weg, wobei er großen Wert auf die Feststellung legt, dass es den Schriftsteller ohne den Journalisten nie gegeben hätte. Als Journalist sieht sich Connelly auch heute noch, denn nach wie vor bedient er sich der in vielen Jahren erlernten Methoden, was die Plots seiner Thriller aktuell, plausibel und aufregend werden lässt.
Die vielleicht wichtigste Lektion, die Connelly als Kriminalreporter lernte, ist seiner Meinung nach diese: Cops leben mit dem Grauen, aber gute Cops lässt diese Erfahrung nicht zynisch werden. So hat Connelly folgerichtig seine bekannteste Figur gestaltet: Hieronymus Bosch arbeitet in einer Welt der Korruption, der Ungerechtigkeit und der Gewalt, aber trotz aller Nackenschläge resigniert er nicht und macht weiter – „Die Welt ist schlecht“ ist für ihn eine zu banale Binsenweisheit, als dass man sich damit aus der Verantwortung stehlen dürfte.
„L. A. Crime Report“ wird durch ein hochinteressantes Essay des Connelly-Kenners Michael Carlson abgerundet. Präziser als der Schriftsteller selbst findet er die Nahtstelle zwischen dem Kriminalreporter und dem Thriller-Autor. In diesem Zusammenhang greift er auf Connellys Biografie zurück. Beispielhaft legt Carlson offen, wo und wie der Autor für seine Romane auf reale, einst journalistisch begleitete Kriminalfälle zurückgreift. Dies geschah vor allem im frühen Werk, doch auch heute hält Connelly den Kontakt zur Polizei.
Im Zeitalter der DVD werden inzwischen auch Bücher mit diversen Features aufgewertet. Das mag einerseits albern, kann andererseits jedoch von Vorteil sein. „L. A. Crime Report“ wurde in der deutschen Ausgabe durch einen (separat paginierten) Anhang ergänzt. In „Das schwarze Herz“ geht Jochen Stremmel ein weiteres Mal auf das Werk des Michael Connelly ein (und ‚leiht‘ sich dafür den Titel eines Thrillers aus, der von dessen ebenfalls mit Kritikerlob & Publikumsinteresse überschütteten Schriftsteller-‚Kollegen‘ John Connolly verfasst wurde), wobei er manche Informationen ausgräbt, die Michael Carlsons Beitrag ergänzen. Sehr hilfreich ist außerdem eine detaillierte Connelly-Bibliografie, die auch die in Deutschland unbekannten Kurzgeschichten – es sind nur wenige – einschließt.
Vor- und Nachwort sowie ‚Bonusmaterial‘ tragen viel zum besseren Verständnis der in „L. A. Crime Report“ gesammelten Texte bei. Sie beantworten die Frage, wieso diese Beiträge gesammelt und veröffentlicht werden, die doch für die aktuelle Tagespresse geschrieben wurden und deshalb eine relativ geringe Halbwertszeit besitzen. Aber schlauer gemacht durch Connelly, Carlson & Stremmel erkennen wir, dass die meisten Artikel durchaus zeitlos sind. Der ‚Wert‘ eines guten Kriminalreporters misst sich u. a. daran, dass er knapp aber präzise alle Aspekte eines Verbrechens in seine Story einarbeitet. Connelly beschränkt sich nicht darauf, den Cops über die Schultern zu schauen. Er berücksichtigt auch die Seite des Kriminellen, wobei er keineswegs nach dem Motto „Die Gesellschaft ist schuld“ dessen Partei ergreift. Er geht noch einen wichtigen Schritt weiter und befragt die Familienangehörigen und Freunde von Tätern und Opfern. Ein Verbrechen – es muss nicht einmal ein kapitales sein – ist kein isoliertes Geschehen. Es zieht eine Kettenreaktion von Schicksalen nach sich, die aus Behördensicht für den eigentlichen Fall nicht relevant sind. Connelly hat begriffen, dass dies falsch ist bzw. berichtet werden muss, um das Gesamtbild darzustellen. Wie ihm das gelingt, ist über die Brisanz der berichteten Kriminalfälle hinaus eine spannende und lehrreiche Lektüre, die endlich auch den deutschen Lesern ermöglicht wird – ein Indiz für den Bekanntheitsgrad, dessen sich Connelly endlich auch hierzulande erfreut.
Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Der „Entdeckung“ der Bücher von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. (2006 erschien eine Auswahl in Buchform unter dem Titel „Crime Beat. A Decade of Covering Cops and Killers“ – ein Werk, das übersetzt hoffentlich ebenfalls seinen Weg nach Deutschland findet.) Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eines der größten Blätter des Landes, Connelly an.
Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.
Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell die Website http://www.michaelconnelly.com.
http://www.heyne.de
|Michael Connelly auf Buchwurm.info:|
|Harry Bosch:|
[„Vergessene Stimmen“ 2897
[„Die Rückkehr des Poeten“ 1703
[„Die Frau im Beton“ 3950
[„Kein Engel so rein“ 334
[„Schwarze Engel“ 1192
[„Dunkler als die Nacht“ 4086
[„Das Comeback“ 2637
[„Schwarzes Eis“ 2572
[„Schwarzes Echo“ 958
Treue Fans von Jonathan Nasaw und seinem Erstlingsroman [„Die Geduld der Spinne“ 82 dürfen in Nasaws neuestem Werk nun ein Wiedersehen feiern mit dem Serienkiller Ulysses Maxwell. Seine Mordserie liegt bereits einige Zeit zurück, doch nachdem er in einem psychiatrischen Institut von seiner Persönlichkeitsstörung geheilt wurde, soll ihm nun der Prozess gemacht werden. Für diese wundersame „Heilung“ ist Dr. Al Corder verantwortlich, der dank einer Elektroschocktherapie den handzahmen Lyssy als Persönlichkeit etabliert hat. Lyssy hat sich seitdem viele Freiräume erspielt, er darf unbewacht spazieren gehen und ist auch im Hause des Arztes ein gern gesehener Gast, doch ahnt niemand, dass dunkle Stimmen in Lyssys Kopf spuken, die immer mehr Platz fordern.
Auch Lily leidet an einer Persönlichkeitsspaltung, seit sie in ihrer Kindheit von ihren Eltern schwer missbraucht worden ist. Mehrere weitere |Alters| helfen ihr, über diese erlittenen Grausamkeiten hinweg zu kommen. Da gibt es beispielsweise die selbstbewusste Lilith, die immer dann hervorkommt, wenn Lily sich ängstigt und mit einer Situation nicht mehr klarkommt. Als sie dann vom Tod ihrer geliebten Großeltern hört, wechselt Lily die Identität und bringt erst Lilah und dann auch wieder Lilith hervor, die sich mit einer Rockerbande auf die Reise begeben. Als Lilith dann vergewaltigt wird, weiß sie sich anders zu helfen als Lily; sie beißt ihrem Vergewaltiger die Nase ab und flüchtet. Doch Dr. Irene Cogan und E. L. Pender können sie aufspüren und bringen sie auf Wunsch von Lilys Onkel in das gleiche Institut, in dem auch der Serienmörder Maxwell von seinem dissoziativen Identitätssyndrom geheilt werden konnte.
Lyssy verliebt sich auf den ersten Blick in die verschüchterte Lily, aber dann wechseln beide ihr Alter und begegnen sich bald als Max und Lilith wieder, die sofort ihre Seelenverwandtschaft entdecken und die Flucht planen. Dieser Flucht stehen natürlich einige Menschen im Wege, die sodann ihr Leben lassen müssen. Auf eigene Faust verfolgen Cogan und Pender das mörderische Pärchen, um Schlimmeres zu verhindern. Die beiden sind jedoch auf Rache aus, und da spielen natürlich auch Cogan und Pender eine wichtige Rolle, da sie zumindest Maxwells Leben auf dem Gewissen haben. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, in dessen Verlauf viel Blut fließen und viele Persönlichkeiten auftauchen werden …
Nach seinen zwei Vampirthrillern widmet sich Jonathan Nasaw nun wieder seinem angestammten Genre, dem Psychothriller. Und hier beruft er sich auf seine alten Stärken, nämlich die Persönlichkeitsspaltung und seine bekannten und bewährten Charaktere: Maxwell, Pender und Cogan. Nur leider funktioniert diese Ansammlung im vorliegenden Thriller nicht. „Der Kuss der Schlange“ ist gerademal 444 Seiten kurz, doch bis zur Hälfte dauert es, bis Max und Lilith aus dem Institut fliehen und ihren mörderischen Rachefeldzug beginnen. Dieser beginnt allerdings zunächst mit einem weiteren Persönlichkeitswechsel, denn Corder kann vor seinem Tod noch Lyssy heraufbeschwören, der Lilith zunächst in ihrer Flucht behindert, denn Lyssy ist handzahm und möchte gar nicht aus dem Institut fliehen, wo er so viele Privilegien gewonnen hat, dass er sich dort wohlfühlt. Und auch Lilith muss bald wieder Lily Platz machen, die allerdings ungewohnte Stärken an sich entdecken kann. Sie erinnert sich daran, dass Irene Cogan ihr einst erzählt hat, dass man die Persönlichkeitsstörung heilen kann, indem die verschiedenen Alter in einer Persönlichkeit integriert werden; so nimmt sie nach und nach Liliths Selbstbewusstsein an und überwindet auch ihre Kindheitstraumata.
Die Flucht ist geprägt von zahlreichen Persönlichkeitswechseln, in Maxwell kämpfen Max und Lyssy um die Vorherrschaft, aber kaum ist ein Messer im Spiel, dringt auch Kinch, der Metzger, wieder hervor. Doch im Grunde sind es nur noch Max und Lyssy, die stark genug sind, um sich länger im Körper des Serienkillers zu halten. Sobald aber Lyssy das Sagen hat, brauchen die Opfer nichts zu fürchten, und so kommt es, dass auf dem Rachefeldzug auch das eine oder andere Opfer überlebt, wenn nämlich Lyssy und Lily beschließen, Gnade walten zu lassen.
Cogan und Pender versuchen derweil, die Spur des Pärchens aufzunehmen, ohne aber zu wissen, welche Persönlichkeiten dort gerade die Vorherrschaft haben und ob Maxwell Lily entführt hat und diese selbst zum Opfer geworden ist, oder ob diese womöglich aktiv an der Flucht beteiligt ist. Noch sind Cogan und Pender die Verfolger, doch da Maxwell und Lilith noch einige Rechnungen mit den beiden offen haben, werden sie bald zu den Verfolgten. So erwacht Cogan eines Nachts und sieht sich ihrem ehemaligen Peiniger gegenüber, der in ihr Haus eingedrungen ist und Cogan nun als Geisel hält.
Das Buch nimmt leider nie so richtig Fahrt auf, da das Tempo durch das Auftauchen von Lyssy und Lily immer wieder ins Stocken gerät und Nasaw viel Zeit darauf verwendet, die Beziehung des mörderischen Pärchens unter Berücksichtigung aller ihrer Alters zu beleuchten. Hier sind natürlich viele Aspekte zu erörtern, da die verschiedenen Alters so unterschiedliche Charakterzüge aufweisen. Ausgesprochen hanebüchen wird es schließlich im Showdown, wenn Cogan und Pender die beiden aufspüren und sie überwältigen wollen. In diesem Showdown wechseln Lily und Maxwell so oft ihr Alter, dass man fast schon den Überblick zu verlieren droht; hinzu kommt, dass die aktuellen Alter immer versuchen, ihre Mitmenschen zu täuschen, indem sie die Charakterzüge eines anderen Alters annehmen. So spielt sich Lily als Lilith auf, um Maxwells Vertrauen zu erlangen, aber auch Maxwell gibt sich oft genug als Lyssy aus, um der Verfolgung durch Lily, Pender und Cogan zu entgehen. Dies artet in ein heilloses Wirrwarr aus, das eher ärgert als mitreißt.
Jonathan Nasaw hat viel Potenzial verspielt, denn der Klappentext klingt noch ausgesprochen vielversprechend und gaukelt dem Leser vor, hier würde sich ein mörderisches Serienkillerpärchen auf eine blutige Flucht begeben. In Grundzügen stimmt das auch, doch beschreibt der Klappentext nur den zweiten Teil des Buches, der erste widmet sich ausschließlich dem Institut und dem Kennenlernen von Lily und Lyssy, außerdem gerät auch die Flucht nicht halb so blutig wie angekündigt. So viele Spannungsbremser finden sich in der Story, dass der Thriller nicht so recht zu packen weiß.
Unter dem Strich hat Jonathan Nasaw leider nicht an seine alten Psychothrillererfolge anknüpfen können. Er beruft sich nahezu ausschließlich auf bereits dagewesene Komponenten, die in „Die Geduld der Spinne“ noch so überzeugend umgesetzt waren; der vorliegende Thriller artet allerdings zu einem lieblos geschriebenen Abklatsch aus, der insbesondere zum Ende hin arge Hänger hat und einen faden Nachgeschmack hinterlässt. So bleibt nur zu hoffen, dass sich Nasaw für den nächsten Psychothriller wieder etwas ganz Neues ausdenkt, denn die Geschichte um Ulysses Maxwell scheint mir inzwischen arg ausgefranst zu sein.
http://www.heyne.de
_Jonathan Nasaw auf |Buchwurm.info|:_
[„Blutdurst“ 2299
[„Seelenesser“ 926
[„Angstspiel“ 430
[„Die Geduld der Spinne“ 82
Jamie Kelloggs Leben steckt in einer handfesten Krise. Die junge Frau aus Floria hat bisher nur Pech mit Männern gehabt, eine überstürzte Ehe ging rasch in die Brüche. Auch das Verhältnis zu ihrer Schwester ist schlecht, sie ist unglücklich in ihrem Job und sie leidet immer noch unter der herrischen Erziehung ihrer kürzlich verstorbenen Mutter. Gerade hat sich herausgestellt, dass ihr neuer Freund bereits verheiratet ist. Mitten in dieser Misere lernt sie in einer Bar den charmanten Brad Fisher kennen. Bereits am ersten Abend gehen sie miteinander ins Bett. Zu Jamies ungläubiger Freude scheint Brad tatsächlich auf eine Beziehung aus zu sein.
Kurz darauf überredet Brad sie zu einer Autoreise nach Ohio. Er will dort seinen Sohn aus geschiedener Ehe treffen. Jamie lässt sich auf dieses Abenteuer ein, ohne zu ahnen, dass Brad ein mörderischer Psychopath ist. In Wahrheit hat seine Exfrau ihn verlassen, nachdem sie um ihr Leben fürchten musste, und lebt nun unter neuem Namen in Dayton, Ohio, in der Hoffnung, dass Brad sie dort nicht findet.
Währenddessen lernt Jamie auf der Autofahrt langsam die negativen Seiten ihres neuen Freundes kennen. Brad entpuppt sich zunehmend als dominant und brutal. Je näher sie ihrem Ziel kommen, desto bedrohlicher werden seine Ausfälle. Erst jetzt ahnt Jamie allmählich, worauf sie sich eingelassen hat – doch für eine Flucht ist es bereits zu spät …
Frauen in Lebenskrise sind Joy Fieldings Spezialgebiet, fast immer eingebunden in eine mörderische Bedrohung.
|Drei verwobene Schicksale|
Im Mittelpunkt stehen diesmal gleich mehrere Frauenfiguren, die zwar unterschiedliche Charaktere besitzen, aber alle eines gemeinsam haben: die unglückliche Vergangenheit, was Männer betrifft. Gut kann man nachvollziehen, dass sich Jamie vom attraktiven Brad Fisher schnell um den Finger wickeln lässt. Ihr fehlt der Halt im Leben, weder Familie noch Freunde, noch Arbeit können die deprimierende Leere füllen, und als sie per Zufall auf einmal der Ehefrau ihres neuen Liebhabers gegenübersteht, bricht auch die letzte Hoffnung auf Besserung zusammen.
Brad Fisher ist aufmerksamer als alle anderen Männer, denen sie begegnet ist. Nach der ersten gemeinsamen Nacht überrascht er sie mit Kaffee und Bagels und gibt ihr bei jeder Gelegenheit das Gefühl, eine besondere Frau zu sein. Die Fahrt nach Ohio mit ihrem geliebten Thunderbird ist ein Abenteuer, dem Jamie nicht widerstehen kann, zu groß ist die Versuchung, aus ihrem eingefahrenen Leben auszubrechen. Allerdings ist Jamie zu naiv gezeichnet. Sie ignoriert die ersten Anzeichen, dass Brad nicht der unkomplizierte Traummann ist, den sie sich erhofft hat. Gerade eine Frau mit solch schlechten Erfahrungen sollte durch seine Unberechenbarkeit gewarnt sein. Jamie erscheint weniger als erwachse Frau in den Dreißigern als vielmehr wie ein verzückter Teenager, der sich durch Oberflächlichkeiten blenden lässt. Mehr als einmal wünscht man sich, Jamie würde sich nicht ganz so stark von Brads Fassade blenden lassen und mehr auf ihren Verstand hören; ausgerechnet sie ist allerdings die Hauptfigur des Romans, der am meisten Raum gewidmet wird.
In Ohio leben derweil Emma und Lily, zwei Frauen mit einer geheimen Vergangenheit und zwei kleinen Söhnen, die zaghaft Freundschaft schließen. Emma leidet unter der ständigen Furcht, jemand könne herausfinden, dass in Wirklichkeit anders heißt, und unter den Entbehrungen ihres Sohnes. Für Dylan, wie sie ihn nun aus Sicherheitsgründen nennt, ist unverständlich, warum er von heute auf morgen sein Zuhause und seine Freunde verlassen musste, warum er seine Haare färben und auf den neuen Namen hören muss, warum er seinen Daddy nicht mehr sehen darf. Dazu kommt der steigende Druck durch das Lügengebilde, das sich Emma aufbaut und das vorm Zusammenbrechen zu bewahren zunehmend schwerer wird. Die Bekanntschaft mit Lily Rogers bedeutet eine angenehme Abwechslung, gleichzeitig aber auch Stress, da Dylan sich mehr denn je an seine Mutter klammert und immer aggressiver reagiert.
Die hübsche, leicht mollige Lily ist eine zurückhaltende Frau, die von ihrem früheren Leben nur preisgibt, dass sie verwitwet sei und sich danach sehnt, einen neuen Mann in ihrem Leben zu finden. Bei ihrer Arbeit im Fitnessstudio lernt sie den attraktiven Detektive Jeff Dawson kennen, der hinter seiner rauen Schale eine sensible Ader besitzt.
|Spannung und Wendungen|
Gleich doppelte Spannung versprechen die parallel verlaufenden Handlungsstränge in Florida und Ohio. Über Jamies Leben wird früh und umfassend informiert und auch Brads düsterer Charakter wird bereits zeitig angedeutet, sodass seine Brutalität nur für Jamie, nicht aber für für den Leser überraschend kommt. Spannend bleibt die Handlungsebene dennoch, da nicht absehbar ist, welches Ende die gefährliche Odyssee mit Brad für Jamie nehmen wird – gelingt es ihr, in einem passenden Moment zu fliehen, kann sie zumindest den Agriff auf Brads Exfrau verhindern oder wird sie gar selbst zum Opfer? Eine zusätzliche Bedrohung liegt in dem Mord, den Brad auf der Fahrt begeht. Es gelingt ihm, am Tatort Spuren zu hinterlassen, die auf Jamie als mögliche Täterin hindeuten, sodass sie nicht nur seine Gefangene ist, sondern für Außenstehende sogar als Komplizin gesehen werden kann.
Noch ungewisser ist das Schicksal von Emma und Lily. Vor allem bei Emma weiß man zwar, dass sie ein großes Geheimnis verbirgt, doch die genauen Umstände werden erst am Ende offenkundig und warten mit einer kleinen Überraschung auf. Lily hält man lange Zeit für den unauffälligsten Charakter der drei, doch ihre Rolle ist nicht weniger bedeutsam. Man darf nicht nur gespannt sein, wie das Zusammentreffen mit Brad verläuft, der sich unaufhaltsam Ohio nähert, sondern auch auf die Enthüllungen von Emmas und Lilys Vergangenheit, die man vorher höchstens erahnen kann.
|Ein paar Schwächen|
Es ist Geschmackssache, inwieweit die überraschende Wendung am Schluss der Autorin gelungen ist. Einerseits gelingt es ihr damit, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen, andererseits werden hier bewusst Informationen vorenthalten, sodass man sich als Rezipient leicht beschwindelt fühlen kann, wenn schließlich die Katze aus dem Sack gelassen wird. Das Finale im Haus einer der Frauen ist zwar spektakulär gestaltet, dafür sind die Zusammenhänge und die zeitlichen Abläufe, die alle Personen fast gleichzeitig zusammenführen, konstruiert. Letztlich wird eines der Schicksale nur sehr vage angedeutet. Sehr spät erfährt man erst die wahren Hintergründe und die weitere Entwicklung bleibt der Phantasie des Lesers überlassen; man vermisst einen kurzen Epilog oder eine kleine Andeutung in den zukünftigen Verlauf.
Cineasten wird sicher aufstoßen, dass es hier im erwähnten Filmtitel „Das Haus der Lady Alquist“ fälschlicherweise „Almquist“ heißt und dort nicht Joseph Cotton, sondern Charles Boyer die angesprochenen Rolle des Ehemannes spielte. Es bleibt offen, ob hier ein Fehler der Autorin vorliegt oder sich die Figur, die den Film erwähnt, absichtlich zum Amüsement der Leser irren soll, darauf gibt es allerdings keinen Hinweis.
Für langjährige Joy-Fielding-Leser sind gerade die Charaktere natürlich nicht mehr sonderlich originell. In fast allen Büchern stehen krisengeplagte Frauen im Vordergrund, die zerrüttete Beziehungen hinter sich haben und/oder sich durch einen neuen Mann in ihrem Leben bedroht fühlen. Je mehr man von ihren Büchern gelesen hat, desto bekannter erscheinen einem die Charakterzüge. Lange bleibt dieses Werk nicht im Gedächtnis, dafür ist es, abgesehen von einer überraschenden Wendung, zu konventionell gezeichnet und das Schema zu abgenutzt.
_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer Frauenthriller im üblichen Joy-Fielding-Schema, der ziemlich spannend ist, aber nicht lange im Gedächtnis bleibt.
_Die Autorin_ Joy Fielding, geboren 1945 in Toronto, Kanada, hatte bereits in ihrer Kindheit großes Interesse am Schreiben. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin studierte sie englische Literatur und arbeitete eine Weile als Schauspielerin. 1991 gelang ihr mit dem Roman „Lauf Jane, lauf“ der internationale Durchbruch. Seitdem landen ihre Frauenthriller regelmäßig auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Weitere Werke sind u. a. „Sag Mammi goodbye“, „Ein mörderischer Sommer“, [„Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ 556 und „Tanz Püppchen, tanz“. Ihr aktuelles Werk ist „Nur der Tod kann dich retten“.
In Los Angeles erkranken mehrere Menschen an einer scheinbaren Virusinfektion, die innerhalb weniger Tage zum Tod führt. Symptome sind Magen-Darm-Krämpfe und massive Blutungen aus dem Unterleib und dem Mund-Rachen-Bereich. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Da stündlich neue Patienten gemeldet werden, werden die Katastrophenschutzbehörde und die Seuchenzentrale sowie FBI, CIA und NSA alarmiert.
Der FBI-Agent Alan Thorpe und sein hochkarätiges Wissenschaftler-Team nehmen sich der Sache an, um dem Virus auf die Spur zu kommen. In einem Hochsicherheitslabor untersuchen sie Proben von Erkrankten und finden tatsächlich etwas: Nanoröhrchen – winzigste Bauteile der Nanotechnologie. Die Angst, es mit einer künstlich hervorgerufenen Viruserkrankung zu tun zu haben, steigt extrem an, zumal die Computerprognosen über die Verbreitung der Krankheit eine eindeutige Epidemie hervorsagen.
Zeitgleich wird eine entsetzliche Entdeckung im Internet gemacht: Die Besucher der Pentagon-Seite werden umgeleitet – zu einer Drohung, die ihnen den Nanotod im Namen von Allah ankündigt! Nicht nur in Los Angeles bricht Panik aus, denn der Nanotod schlägt nun auch in anderen Städten gnadenlos zu.
Für Präsident Sutherland ist die Lage prekär, die Weltmacht USA muss auf diesen offensichtlichen Anschlag reagieren. Als der Verdacht aufkommt, dass syrische Terroristen die Urheber der Katastrophe wären, plant er einen militärischen Eingriff. Doch bevor der Krieg ausbrechen kann, gibt es neue Beweise, dass die Terroristen aus dem eigenen Land kommen. Ein Agent, der in die Terroristenbande eingeschleust wurde, bringt nicht nur neue Informationen mit, sondern auch ein Virus, das sehr schnell tötet und gegen das die Wissenschaftler noch kein Mittel haben …
_Meinung_
Das ist längst noch nicht alles, was auf den 412 Seiten dieses Thrillers passiert, aber es reicht, um im Groben zu verstehen, worum es geht: Um Terrorismus, Wissenschaft, Politik und um Menschenleben. Dieser Thriller lässt sich kaum aus der Hand legen, denn er ist verflucht spannend! Bereits die ersten Seiten fesseln den Leser; die Story setzt mit der Erkrankung ein und schnellt damit augenblicklich auf ein hohes Spannungslevel – und das Schöne daran ist, dieses Level wird konstant gehalten!
Viel trägt dazu bei, dass das entworfene Szenario sehr realitätsnah gehalten ist; es spielt zwar nicht in der Gegenwart (das ist nur daran zu erkennen, dass Bush nicht mehr der Präsident der USA ist), allerdings auch nicht in allzu weiter Zukunft. Eine solche Nanotechnologie-Biowaffe könnte tatsächlich in wenigen Jahren bereit sein, fast die gesamte Menschheit innerhalb kürzester Zeit auszulöschen. Die psychologische Angst, die geschickt auf den Leser übertragen wird, begleitet diesen durch die Seiten und lässt ihn mit den Wissenschaftlern mitfiebern, die unter schwersten Bedingungen ein Heilmittel suchen.
Das Debüt von Jeffrey Anderson ist ein Wissenschaftsthriller, und demnach finden sich reichlich wissenschaftliche Ausführungen, die den Laien erklären sollen, was da eigentlich gerade stattfindet. Ich gebe zu, ich habe zwar nicht alles verstanden, aber das, was ich begriffen habe, reichte allemal, um den Roman nachzuvollziehen und zu genießen. Der Autor baut auch nicht einfach einen trockenen Absatz mit Erklärungen ein, sondern bringt dem Leser die Informationen größtenteils mittels Dialogen nahe – eine sehr schöne Variante, da sie gleich auch die Charaktere formt und deren Fachkompetenz als Super-Genies unterstreicht. Ich habe es ihnen jedenfalls abgekauft, dass sie Koryphäen auf ihrem jeweiligen Gebiet sind!
Zur besseren Vorstellung hat der Autor das Biodefense-Team (Alan Thorpe & die besagten Genies) auf der allerersten Seite gesondert vorgestellt. Das hilft natürlich, diese Figuren dem Leser nahezubringen und sie als \“Helden\“ wiederzuerkennen. Nun sind mir diese fünf Charakter nicht unbedingt ans Herz gewachsen, aber unsympathisch kann man sie auch nicht nennen. Doch nur der Agent Alan Thorpe und der Arzt Sam Goldberg konnten meine volle Aufmerksamkeit erreichen, da diese beiden jeweils mitten im Zentrum eines Krisengebietes kämpften: Alan inmitten von hochrangigen Politikern bis hin zum Präsidenten, und Sam inmitten der Infizierten im LA-Krankenhaus. Die restlichen drei kämpfen zwar verbissen um ein Heilmittel, sind mir aber als Figuren nicht so nahegegangen, weil sie doch eher außerhalb der Gefahr stehen. Auch sind ihre Eigenschaften blasser ausgefallen (außer ihrer fachlichen Kompetenz, wie erwähnt) und damit gibt es weniger Identifikationspotenzial für den Leser.
Insgesamt ist das Debüt von Anderson ein gelungener, spannender Wissenschaftsthriller, der gerade durch seine Realitätsnähe besticht und mitreißt. Ich spreche damit eine Empfehlung aus, und zwar nicht nur für Fans von Wissenschaftsthrillern.
_Der Autor_
Jeffrey Anderson, Dr. med. und Dr. phil, ist Neuroradiologe an der Universität von Utah und veröffentlicht seine Forschungsergebnisse in den führenden amerikanischen Fachzeitschriften wie \“Science\“, \“Nature Neuroscience\“ und \“Neuron\“. \“Der schlafende Tod\“ ist sein erster Roman und mit seinem zweiten Werk \“Die Erben der Schöpfung\“ wartet bereits ein neuer Wissenschaftsthriller im Handel.
An einem Tag im September des Jahres 2001 ändert sich innerhalb von Stunden die ganze Welt. „Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann nicht ermessen, was hier passiert ist.“ So oder ähnlich äußert sich jeder, der am „Ground Zero“ war, dem Einsturzort des World Trade Centers. Wir alle erinnern uns an die Fernsehbilder, an die Reportagen und später auch an den authentischen Funkverkehr innerhalb der Flugzeuge, die entführt wurden. Wir alle sehen noch immer die fassungslosen New Yorker Bürger vor uns, die nur wenige Häuserblöcke vom World Trade Center stehen, die vielleicht auf den Südturm schauen, das höchsten Bauwerk ihrer Stadt, sehen, wie er einem Kartenhaus gleich ins sich zusammenstürzt. Es ist Dienstag, der 11. September 2001, der Tag, als Terroristen Amerika attackieren – im Wahn, damit den Willen Allahs zu tun.
Innerhalb der Zwillingstürme breitet sich das Grauen aus. Verzweifelt springen die ersten von Feuer und Explosionen bedrohten Menschen aus den Fenstern des World Trade Centers. Es werde noch weitere Dutzend folgen. Sie wählen diesen Ausweg, um nicht qualvoll im Inferno des Feuers umzukommen. In hilflosem Entsetzen verfolgen Passanten auf der Straße die fürchterlichen Szenen.
Jetzt, sechs Jahre später, verfolgt uns das Grauen jenen Attentates noch immer. Die Folgen, die Angst und der Zorn begleiten jeden von uns, gleich welcher Religion, welcher Glaubensgemeinschaft oder welchem Staat er angehört. Die Täter, alles relativ junge Männer, sind identifiziert, scheinbar gehören sie dem Terrornetzwerk Osama bin Ladens an. Die islamische Terrorszene spricht nicht von Mord oder Selbstmord, sondern von „Opfertod für Allah“ – ein Martyrium.
Doch wer gab diesen jungen Menschen den Befehl, in den sicheren Tod zu gehen und tausende mitzunehmen? Was wussten die amerikanischen, aber auch ausländischen Geheimdienste von diesem geplanten Terroranschlag? Wer hat sich dieses so komplexe Attentat ausgedacht? Im Internet gibt es unzählige Verschwörungstheorien, nicht wenige davon kommen selbst aus den USA. Seit Area 51, der Ermordung J. F. Kennedys und auch dem 11. September wird stets eine Verschwörung von dunklen Hintermännern vermutet, welche die wahre Macht besitzen. In vielen Foren finden sich unzählige und immer waghalsigere Theorien über von Radarschirmen verschwundene Flugzeuge, Kursabweichungen und Aussagen von Militärs, die an diesem Tag geheimnisvolle Befehle erhalten haben sollen.
Auch der amerikanische Autor John S. Cooper hat eine Theorie für seinen Debütroman „Das fünfte Flugzeug“ aufzubieten.
_Die Story_
Der frühere Top-Journalist und Pulitzer-Preisträger Max Fuller, dessen erfolgreicher Karriere und Plänen durch persönliche Schwächen wie Alkohol u. ä. ein Ende gesetzt wurde, fristet beim Sender CBS nur noch ein geduldetes Dasein. Sein täglich Brot verdient er mit Klatschgeschichten über die Prominenz Hollywoods. Den tragischen 11. September 2001 erlebte er unter medikamentöser Behandlung in einer Entziehungsklinik.
Eine ihm angebotene Enthüllungsstory über das Attentat klingt daher für ihn nur nach einer weiteren völlig unsinnigen Verschwörungstheorie. Ein mysteriöser Anwalt bietet ihm diese wahre Geschichte an, aus der Sicht eines der Piloten des Flugzeuges erzählt, das über die Radarschirme der US-Luftabwehr irrte.
Fuller glaubt nicht wirklich an diese Geschichte, doch seine Neugierde verleitet ihn dazu, sich mit dem Anwalt zu treffen. Doch diesem Treffen wird durch professionelle Killer ein schnelles Ende bereitet, der Mittelsmann wird vor seinen Augen kaltblütig erschossen und Fuller muss fliehen, wenn er überleben möchte.
Die Flucht nach vorne scheint für ihn der einzige Ausweg zu sein, und so findet er auch tatsächlich den besagten Piloten, der ebenfalls auf der Flucht vor den Killern ist. Einzig und allein die Wahrheit, eine Reportage vor den Augen und Ohren aller Welt, kann ihn retten, doch kurz vor dem Treffen mit Fuller wird dieser Opfer eines merkwürdigen Unfalls. Fuller ahnt, dass er der nächste in dieser Reihe ist, denn sein Nachbar wurde mit ihm verwechselt und ebenfalls getötet.
Zusammen mit der Tochter des Piloten, die ein Päckchen mit Beweisen erhalten hat, sowie dem Hacker und Konspirologen Nick und seinem Freund Jake Williams, der über exzellente Kontakte verfügt, recherchiert er weiter, um die Wahrheit über den 11. September 2001 ans Licht zu bringen. Konzentriert versucht das Quartett trotz aller Anschläge auf ihr Leben, die Wahrheit zu ermitteln, doch die Hintermänner des größten Verbrechens sind mächtiger als gedacht und die Wahrheit findet sich scheinbar, geschützt durch die Regierung, in den höchsten Kreisen …
_Kritik_
Der Autor John S. Cooper schreibt mit hohem Tempo und viel Ironie. Sicherlich ist diese Verschwörungstheorie eines Flugzeuges, welches auf geheimnisvoller Art und Weise von den Radarschirmen verschwand, nichts Neues, doch Cooper wirft gekonnt die eine oder andere Priese an Zutaten in den Gerüchtetopf.
Wie viele Thriller ist auch dieser „Das fünfte Flugzeug“ ein spannendes Road Movie mit vielen Verfolgungsjagden, die Handlungsträger sind ständig auf der Flucht vor den finsteren Hintermännern, die eventuell der Regierung selbst angehören. Die Flucht nach vorne bzw. die Fertigstellung eines Dokumentarfilmes, der an die Öffentlichkeit gebracht wird, kann das Überleben vielleicht garantieren.
Der Roman ist ironisch und sehr temporeich aufgebaut. Es gibt zwar jede Menge Spannung, dies aber ohne wirklichen Tiefgang, und leider wirken auch die Charaktere blass und farblos wie in vielen Thrillern dieses Genres. Interessant dagegen ist der Charakter des Konspirologen und Interntfreaks Nick, der überlegen und sehr geistreich die eine oder andere Idee einbringt und viele Theorien einfach zusammenführt. Die Geschichte als solche ist zwar haarsträubend und starker Tobak, doch versteht es John S. Cooper, daraus einen spannenden Roman zu stricken.
Wer allerdings den Roman kauft, um mehr über die Hintergründe der Anschläge auf das World Trade Center zu erfahren, dem sei wirklich abgeraten. Coopers Verschwörungstheorie ist zwar nicht unbekannt, aber es gibt kaum Indizien dazu und sicherlich nichts Beweisbares. Die Theorie bildet leider nur das Grundgerüst und nicht viel mehr für diesen Roman. Alles andere wird nur angerissen und kaum erklärt; alles in allem geht es nur um wilde Verfolgungsjagden, bei denen die Botschaft des Romans leider auf der Strecke bleibt.
Fragwürdig finde ich es leider, dass im Fahrwasser dieses Anschlags, bei dem etwa 3700 Menschen ihr Leben ließen, mit derartigen Romanen Geld verdient wird. Einen Vorwurf allerdings kann man dem Autor kaum machen. Seit jeher werden diese Geschichten ausgeschlachtet und zu Geld gemacht.
Als großen Kritikpunkt empfinde ich deswegen in diesem Roman die außerordentliche Komik, die der Autor atmosphärisch auf den Leser wirken lässt. Für einen Thriller mit derartigen Hintergrund ist der Tonfall allerdings eher unpassend und fehl am Platze. Der Autor hätte sich klarer entscheiden müssen, in welchem Genre und mit welcher Wirkung auf die Leser er denn nun schreiben möchte.
_Fazit_
Ich kann diesem Roman nur bedingt empfehlen. Meine Erwartungshaltung war hoch angesetzt und wurde durch die bereits erwähnte Ignoranz der eigentlich Theorie unterschritten. Bei einem solchen Roman hätte ich mehr Authentizität und Ernsthaftigkeit erwartet. Sicherlich ist „Das fünfte Flugzeug“ spannend und temporeich, aber um welchen Preis? In Anbetracht der Opfern und des Krieges gegen den Terror wirkt der Thriller nicht ausfüllend, eher wie ein spannendes Action-Drehbuch ohne Tiefgang. Was übrig bleibt, ist ein Roman, der zwar Spannung garantiert, aber weder das Motiv der Tat grundlegend zu erklären noch Folgefragen aufzuwerfen vermag.
_Der Autor_
John S. Cooper ist Historiker und Archivar und lebt in Vermont (USA). „Das fünfte Flugzeug“ („The Fifth Plane“) ist sein erster Roman.
Mit einem größenwahnsinnigen Psychopathen sollte man sich besser nicht anlegen. Doch Jack Donovan, Spezialagent beim Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms & Explosives (AFT), nimmt die Jagd auf Alexander Gunderson, den charismatischen Führer der paramilitärisch-terroristischen „Socialist Amerikan Reconstruction Army“ nach langen Monaten längst persönlich. Stets ist ihm Gunderson, der das Spiel mit den Medien perfekt beherrscht und sich geschickt zum Volkshelden stilisiert, durch die Finger geschlüpft. Viel Blut hat die S.A.R.A. – die sogar über eine eigene Website verfügt – inzwischen vergossen, und zwischen Politik und Öffentlichkeit ist das AFT unter Druck geraten.
Endlich scheint Gunderson in der Falle zu sitzen. Mit einigen ‚Kampfgefährten“ sowie seiner hochschwangeren Gattin Sara hat er eine Bank überfallen. Die Gruppe ist umzingelt, doch das hat der Bandenchef vorausgesehen. Man sprengt sich den Weg zum Fluchtwagen frei. Donovan nimmt die Verfolgung auf und kann das Vehikel von der Straße drängen. Wieder entkommt Gunderson, doch Sara bleibt tot auf der Strecke. Der rasende Witwer schwört Donovan schreckliche Rache.
Wochen später ist Gunderson immer noch frei. Donovan nutzt die Kampfpause, um seine ihm seit der Scheidung entfremdete Tochter Jessie besser kennen zu lernen. Der Teeny ist seine einzige Schwachstelle – und genau hier setzt Gunderson an. Er kidnappt Jessie und sperrt sie in ein Erdgrab, das von außen mit Sauerstoff versorgt wird. Anschließend informiert er den Vater und weidet sich an dessen hilfloser Wut. Gunderson stellt keine Lösegeldforderung – er will Donovan quälen. Der Cop setzt Himmel und Hölle in Bewegung. Es gelingt tatsächlich, Gundersons geheimes Versteck zu finden und ihn zu stellen. Die Verhaftung endet als Desaster – Gunderson fängt sich eine Kugel ein und stirbt, ohne zu verraten, wo er Jessie begraben hat.
Knapp 48 Stunden reicht der Sauerstoff, der Jessie am Leben hält. Verzweifelt sichten Donovan und seine Kollegen die wenigen Hinweise, die auf das Erdgrab deuten. Spur für Spur verläuft im Nichts, während die Zeit erbarmungslos abläuft …
Tempo ist sicherlich das Wort, mit dem sich „Devil’s Kiss“ am besten charakterisieren lässt. Es beginnt mit einem furios geschilderten Bankraub und einer spektakulären Flucht mit katastrophalem Ende – und damit geht die Geschichte erst los. 48 Stunden Zeit zur Rettung des hilflosen Opfers, auf das der Autor zur Förderung des leserlichen Nägelbeißens immer wieder ‚umschaltet‘, und keine Hinweise, die dem ermittelnden Beamten – der auch noch der Vater besagten Opfers ist; Browne schreckt vor keinem Klischee zurück, wenn es der Spannung dienlich ist – auf die richtige Spur bringen können.
Natürlich gibt es doch einige Hinweise, die mit manchmal schwer nachvollziehbarer Logik entdeckt und ausgewertet werden. Verbrecher sind keine Supermänner, so Brownes Prämisse, und in diesem Punkt weiß er zu überzeugen, verknüpft die Professionalität der Polizei mit der Tücke des Objekts, die den Vorteil des Kriminellen, der sich an keine Vorschriften halten muss, negieren kann.
Geschwindigkeit ist für Browne auch deshalb wichtig, weil sie den Leser über diverse und oft gewaltige Plotlücken trägt; es bleibt kaum die Chance, diese zu registrieren, denn sofort geht es turbulent weiter. Das ist nur gut so, denn weicht der Verfasser von seinem Patentrezept ab, stellen sich Stirnrunzeln und Langeweile ein. Leider traut sich Browne nicht, Rasanz zum Programm zu erheben. Zwischendurch lässt er es ‚menscheln‘, lässt die komplizierte Vater-Tochter-Beziehung zwischen Donovan und Jessie Revue passieren und stellt damit vor allem unter Beweis, dass er solchen emotionalen Verwicklungen nicht gewachsen ist. Stattdessen schlägt er Opernseife auf TV-Niveau und lässt des Lesers Auge schnell zum nächsten aufregenden Zwischenfall springen, der glücklicherweise garantiert folgt.
Eine echte Überraschung erlebt der Leser nach dem ersten Drittel: Gerade hatte man sich auf ein erbittertes Duell zwischen Donovan und Gunderson eingestellt, da trifft Letzteren eine tödliche Kugel. Damit stirbt die wichtigste und womöglich einzige Spur zur irgendwo begrabenen Jessie. Der verzweifelte Vater muss den Fall völlig neu organisieren und sich auf die Jagd nach Gundersons Komplizen begeben.
Leider verlässt sich Browne nicht auf die Spannung, die aus der Suche nach dem sprichwörtlichen Strohhalm erwächst. Stattdessen schiebt er ein bizarres Kapitel ein, das Donovan nach einem Verkehrsunfall in ein fegefeuerähnliches Reich zwischen Leben und Tod führt. Dort trifft er zunächst einen verstorbenen Cop-Kumpel, der ihm bedeutet, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist, und dann Gunderson, der vermutlich auf sein Shuttle gen Hölle wartet; jedenfalls hat er die Gestalt eines Dämons angenommen. Bis ihn der Teufel endgültig holt, kündigt der geisterhafte Terrorist die Fortsetzung seiner Rache an. Als Donovan in die Realität zurückkehrt, hat er das Zweite Gesicht und sieht immer wieder Gunderson teuflisch aus dunklen Ecken grinsen: Der Finsterling hat sich als Geist in seinem Hirn eingenistet! Dieser Weg, die Handlung auf neue Geleise zu bringen, ist zugegebenermaßen extraordinär, doch es kommt ihr nicht zugute. Im Finale geht’s zurück ins kitschige Fantasy-Fegefeuer, wo Donovan buchstäblich mit seinem Dämonen ringt und der Leser um seine Fassung, denn jetzt wird es endgültig lächerlich. Da überrascht es nicht, dass Browne sein krudes Opus mit einem langbärtigen Schlussgag krönt, der zudem eine Fortsetzung androht.
Diese Welt ist schlecht, und wer sie bevölkert, hat allemal Dreck am Stecken. „Gut“ und „Böse“ gibt es nicht, die Menschen bewegen sich juristisch oft und moralisch immer in einer Grauzone. Das ist kein Grund zum Jammern, sondern die Realität, die man gefälligst zu akzeptieren hat. Lässt man sich darauf ein, stellt sich der Alltag als Dasein dar, das weniger Gesetzen als Regeln folgt: Willkommen in Brownes sehr modernem Universum, das elegant die Klischees einer ungemütlichen Gegenwart in den Dienst möglichst spannender Unterhaltung stellt. Politiker sind stets verlogen und sorgen sich ausschließlich um ihre Macht sowie ihren Einfluss, aber keine Sorge: Konzerne oder die Medien denken und handeln ebenso, und das Volk ist so dumm, dass es völlig zu Recht belogen und betrogen wird.
Idealisten werden zu Zynikern, um nicht emotional vor die Hunde zu gehen. Spuren hinterlässt die moralische Camouflage dennoch: Jack Donovan ist als Ehemann und als Vater privat gescheitert. Als ihm die Tochter entführt wird, reagiert er eher manisch als sich auf jene Fähigkeiten zu stützen, die ihn zu einem guten Cop machen. Wie ein wütender Stier walzt er durch die Stadt und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Will er auf diese Weise wettmachen, was er als Vater versaubeutelt hat? Browne scheint der Ansicht zu sein, dies steigere den emotionalen Druck in dem Kessel namens „Kiss Her Goodbye“. Stattdessen wirkt Donovans Hyperaktivität lächerlich und übertrieben.
Aber Realismus ist Brownes Anliegen ohnehin nicht. Jeder Figur hat er aus bewährten Klischees sorgfältig eine stromlinienförmige Persönlichkeit konstruiert – ein Vorgehen, das er während seiner Tätigkeit als Drehbuchautor in Hollywood erlernt und perfektioniert hat. Also treten weiterhin auf: karrieregeile Schlipsträger, treue Kumpel, eine still vor sich hin schmachtende Donovan-Verehrerin, die pubertierende Tochter von einem fremden Planeten – und natürlich Lumpen, die es offenbar ausschließlich um des Effekts willen finster treiben. Alex Gunderson könnte sich als Schurke für einen „Stirb langsam“-Streifen casten lassen, denn er spielt das kriminelle Superhirn mit Wonne, ohne sich echte Gedanken über den Sinn seiner Streiche zu machen. An seiner Seite stehen Schießbudenfiguren, die aus Leibeskräften so ‚böse‘ sind, dass es die reine Wonne ist, sie unschöne, aber detailfreudig beschriebene Tode sterben zu ’sehen‘.
Lässt man sich auf die ebenso dreisten wie offensichtlichen Manipulationen eines Verfassers ein, der sich seinen Job möglichst einfach macht, indem er den Faktor Originalität vollständig ausklammert, macht die Lektüre freilich auf einer anderen Ebene Spaß. „Devil’s Kiss“ ist Trash der gut gemachten Art. Brownes Stil ist simpel, sein Wortschatz begrenzt. Gleichzeitig verfügt er über einen manchmal zynischen, in der Regel aber trockenen Witz und ein Gespür für die Inszenierung absurder Zwischenfälle. (Obwohl die deutsche Übersetzung offenbar unter Zeitdruck entstand – gleich zwei Übersetzer brachten das Werk ins Deutsche -, liest sie sich flüssig und weiß den leichten Ton zu wahren.) Ohne Brownes Willen zum buchstäblich außerirdischen Plotknaller wäre „Devil’s Kiss“ feines Lesefutter für müde Leserhirne. So reicht der Spaß nur bis zum Hirnriss.
Bevor Robert Gregory Browne (geb. 1955 in Baltimore) sich als ‚richtiger‘ Schriftsteller versuchte, verbrachte er einige Jahre in Hollywood. Ein Stipendium der „Academy of Motion Picture Arts & Sciences“ sicherte ihm den Start in eine verheißungsvolle Zukunft als Drehbuchautor.
Die Wirklichkeit sah anders aus. Brownes Drehbücher wurden ausgiebig durch die Mahlwerke der Hollywood-Maschine gedreht und in der berüchtigten „development hell“ geröstet, ohne dass sie je zur filmischen Umsetzung kamen. Was schließlich nach seinen Büchern gedreht wurde, waren diverse Folgen der TV-Zeichentrickserien „Diabolik“ und „Spider-Man Unlimited“ – für den ehrgeizigen Browne kein Ausgleich für viele Jahre der Frustration.
Browne kehrte der Filmmetropole schließlich den Rücken und setzte sein Wissen um den Aufbau einer vor allem spannenden und rasant erzählten Geschichte in seinem ersten Roman „Kiss Her Goodbye“ um, der vom Verlag |St. Martin’s Press| angekauft und veröffentlicht wurde. Dieser wurde umgehend so erfolgreich, dass Browne sogleich einen weiteren Buchvertrag erhielt.
Robert Gregory Browne hat eine Website (www.robertgregorybrowne.com). Auf http://murderati.typepad.com/murderati/paul__guyot/index.html („Murderati – Mysteries, Murder and Marketing“) führt er (neben vielen anderen Krimi-Kollegen) einen Blog, in dem er sich informativ und humorvoll über Gott & die Welt und seine noch junge Schriftstellerkarriere (sowie ihre Tücken) äußert.
http://www.knaur.de/
|Siehe ergänzend dazu die [Rezension 4083 von Maren Strauß zum Buch.|
In der chinesischen Provinz Gansu entwickelt sich eine neue Supergrippe, die sich womöglich als Pandemie über die ganze Welt ausbreiten wird. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schickt Dr. Noah Haldane, Spezialist für Infektionskrankheiten, und weitere Spezialisten als medizinische Verstärkung in den Osten, welche dies in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden verhindern sollen und können.
Doch inzwischen haben sich islamische Terroristen in China reichlich mit virenverseuchtem Rotz eingedeckt. Vom fanatischen Scheich Hassan angestachelt, organisiert der ägyptische Zeitungszar Hazzir Al Kabaal im Auftrag der „Bruderschaft der einen Nation“ eine biologische Attacke gegen die verhassten Ungläubigen aus dem Westen. In Somalia haben er und seine skrupellosen Schergen, unter denen sich der irre Mörder-Major Abdul Sabri besonders unrühmlich hervortut, ihre Attentatszentrale und Virenfabrik eingerichtet. Von dort aus schicken sie absichtlich infizierte ‚Märtyrer‘ in ausgewählte europäische und nordamerikanische Großstädte, wo sie sich als Virenschleudern tummeln und brave Bürger anstecken, die planmäßig wie die Fliegen umfallen und für Massenpanik sorgen.
Als die Lumpen ihre schmutzigen Klauen auch gen USA ausstrecken, wird der stets wachsame Geheimdienst CIA aufmerksam. Letzte Klarheit schafft ein Ultimatum der „Bruderschaft“, die einen vollständigen Rückzug der westlichen Truppen aus dem arabischen Raum fordert. Natürlich gedenkt sich die letzte Supermacht auf Erden nicht von dreisten Schurkenstaaten auf der Nase herumtanzen zu lassen. In Zusammenarbeit mit der Bioterrorismus-Abwehr in der Abteilung für Zivilschutz denkt man über einen Militärschlag in Somalia nach. Mit von der Partie ist wiederum Dr. Haldane, der vor Ort nach Hinweisen auf das weitere Vorgehen der Terroristen fahnden soll, was nur gut ist, denn inzwischen hat der endgültig übergeschnappte Major Sabri die Macht übernommen. Seine Virenschmiede haben einen neuen Erreger gebastelt, der noch wesentlich gefährlich ist als der Vorgänger. Mit diesem Virus will die „Bruderschaft“ den Westen endgültig in die Knie zwingen …
Spannender Thriller vor realistischer Kulisse und lachhafte Spukgeschichte auf Privatfernsehniveau – „Pandemie“ ist beides und in dieser Kombination ein Idealbeispiel für jene Instant-Bestseller, die heutzutage als leicht verdauliches Lesefutter palettenweise in die Filialen der Buchhandelsketten geschoben werden. Zur Abwechslung geht es nicht um den heiligen Gral, die Tempelritter oder vatikanische Munkeleien, sondern um das ebenfalls aktuelle Thema Vogelgrippe. Wenn man den Medien Glauben schenken möchte, sitzt diese als moderne Weltpest in den Startlöchern und ist schon längst überfällig. Daniel Kalla gehört zu denjenigen medizinischen Spezialisten, die ebenfalls dieser Meinung sind. Außerdem hat er offensichtlich bemerkt, dass viele unterbeschäftigte und/oder schlecht bezahlte Wissenschaftler und Journalisten sich ein hübsches Zubrot damit verdienen, ihr Fachwissen in Romanform einem zahlenden Publikum zu vermitteln.
Für den schriftstellernden Anfänger ergibt sich das Problem, dass ein Roman etwas ganz anderes als ein Sachbuch oder Aufsatz für eine Fachpublikation ist. Kalla, der hier sein Debütwerk vorlegt, muss erst noch lernen, seinen Hang zum Dozieren in den Griff zu bekommen bzw. in den Dienst der Handlung zu stellen. Es ist lobenswert, dass er an den medizinischen Laien denkt und die Mechanismen einer Epidemie allgemeinverständlich darlegt. Wer viel weiß, dem wohnt freilich in der Regel auch der Drang inne, seine Mitmenschen zu belehren – und es dabei zu übertreiben. (Wer sich ohne literarische Klimmzüge über Epidemien und Pandemien informieren möchte, greife zum modernen Seuchen-Sachbuchklassiker [„Influenza. Die Jagd nach dem Virus“ 2594 von Gina Kollata, erschienen im |Fischer|-Taschenbuchverlag; es ist übrigens das besser geschriebene Buch.)
Mit mehr Hirnschmalz hätte Kalla die eigentliche Story schmieren sollen. Statt eines Plots erdachte er sich eine Plotte. Auch hier gibt die Unerfahrenheit des Verfassers den Ausschlag für diese Negativkritik. Sogar die guten Thriller glänzen selten durch Originalität, die Kreuzung von Katastrophen- und Terroristenmär war schon oft da, sie wird auch noch oft zurückkehren, da sie eingängig und aktuell ist und wohl auch bleiben wird. Ein bisschen Logik darf trotzdem sein. Wie schaffen es beispielsweise Al Kabaals Virenschmuggler, zum richtigen Zeitpunkt exakt dort zu sein, wo die Gansu-Grippe entsteht? Halten sich Terroristen überall bereit, wo eine pandemietaugliche Krankheit auftauchen könnte? Außerdem scheint sich die „Bruderschaft“ über die Bedeutung des Wortes Pandemie nicht klar zu sein: Eine weltweit wütende Seuche würde natürlich auch die islamischen Länder nicht aussparen, was kaum im Sinn der Glaubenskrieger sein dürfte.
So gelingt Kalla nur ein Szenario auf Kasperletheater-Niveau. Die Welt des internationalen Terrors schildert er so, wie sie von der US-Regierung Bush gesehen wird: als Verschwörung menschenverachtender Schurkengruppen, deren Mitglieder entweder Fanatiker oder Irre oder beides sind. Zwar bemüht er sich sichtlich um Objektivität, doch letztlich läuft alles auf ein finales Simpelduell zwischen Gut & Böse hinaus.
Ständig arbeitet Kalla mit billigen Tricks. Der Haupthandlung fügt er einen Nebenstrang ein, der die Recherchen eines ägyptischen Polizisten gegen die Terroristen schildert. Diese Geschichte ist ohne Belang, Kalla erzählt sie, weil er unbedingt zeigen möchte, dass es in der muslimischen Welt neben verrückten Fundamental-Islamisten auch ’normale‘ Menschen gibt. Deshalb muss der arme Sergeant Achmed Eleish im Namen der guten Indianer – halt: Araber sind es hier ja – dem schäumenden Terror-Scheich Hassan eine flammende Anklage ob seiner kriminellen Aktivitäten in die zahnfaulige Fratze schleudern, bevor er, der seinen Dienst damit getan hat, von einem weiteren Burnus-Unhold dramatisch zu Tode gebracht wird.
Ziemlich aufdringlich sind ebenfalls die Anbiederungen an ein möglichst großes US-Publikum. Kalla ist Kanadier, wünscht sich für seinen Erstling jedoch verständlicherweise zahlreiche Käufer. Also schildert er einen Einsatz von US-Rangern in Somalia, der so abläuft, wie es Dabbeljuh Bush sicherlich gern seinen Enkeln als Gute-Nacht-Geschichte erzählen würde: Schneidig hinein geht’s in den Schurkenstaat, das Terrornest wird besetzt und ausgehoben, mit chirurgischer Präzision der Feind ausgeschaltet und ansonsten kein Grashalm gekrümmt. Damit noch der Dümmste begreift, was diese absurde, zudem unbeholfen in Szene gesetzte Episode (bei deren Lektüre sich ein Tom Clancy wahrscheinlich vor Lachen gekrümmt hat) bewirken soll, setzt Kalla auf Seite 406 noch eins drauf:
|“‚Mr. President‘, sagte Gwen, die auf halber Höhe des Tisches saß, und alle Köpfe drehten sich nach ihr um, „Ich habe einem Kameraden der Gefallenen versprochen, Ihnen zu sagen, dass die US-Ranger, die in Somalia gestorben sind, große Amerikaner waren. Jeder Einzelne von ihnen.‘ Er starrte sie mehrere Augenblicke an, bevor ein väterliches Lächeln auf seinem Gesicht erschien. ‚Und ich verspreche Ihnen, dass ich sie als solche ehren werde. Jeden Einzelnen von ihnen.'“| (Im Film hier weihevolle Musik inklusive Trommelwirbel einspielen!)
Dem holzschnittartigen Handlungsverlauf entspricht die Figurenzeichnung. Da haben wir beispielsweise Dr. Haldane, Ende 30, aber immer noch „jungenhaft aussehend“; ein Idealist und Vollblutmediziner, der in Sachen Gesundheit unermüdlich um den Globus jettet und in seiner knappen Freizeit Ehefrau und Töchterlein vergöttert. Aber, ach, die Gattin versteht das nicht, fordert Vollzeit-Balz, betrügt ihn gar – und das auch noch mit einer Frau! Wie gut, dass es Kollegin Gwen Savard gibt, die ebenso idealistisch und gleichaltrig ist, sich jedoch sogar noch besser gehalten hat. Seite an Seite jagt man Viren und Terroristen und kommt sich stetig näher dabei, bis die Neu-Geliebte im Finale klischeegerecht dem Ober-Unhold in die würgenden Hände fällt und vom plötzlich zum Nahkämpfer mutierenden Haldane gerettet werden muss.
Wenn man die Schar der Bösewichte mustert, so scheint Kalla ursprünglich eine gewisse Ausgewogenheit im Sinn gehabt zu haben. Sein Hazzir Al Kabaal ist kein Bin-Laden-Double, sondern wirkt durchaus hin- und hergerissen zwischen tiefer Frömmigkeit und weltlichen Genüssen, zwischen Terrorismus und Schrecken, da Gewalt – so begreift Al Kabaal schließlich – nie die gewünschten Paradiesfrüchte eines Gottesstaats auf Erden hervorbringen wird. Gleichzeitig bleibt er ein Weißkragen-Terrorist, der den Schrecken nur befiehlt und gar nicht wissen will, was er damit in Gang setzt.
Bald beschleicht Kalla Furcht vor der eigenen Courage. Ein Terrorist mit Selbstzweifeln? Das könnte sein Publikum ihm übelnehmen! Also rückt Major Abdul Sabri an die Spitze der Virenschurken. Er ist endlich von jener glasklaren Bösartigkeit, die von den braven Zeitgenossen verstanden wird, welche einfache Freund-Feindbilder favorisieren und sich vor den Fremden aus Nahost fürchten, denen ein grausames Schicksal die ertragreichsten Ölquellen zugespielt hat. Sabri ist nicht nur ein Mörder, sondern – viel schlimmer – ein Heuchler und als solcher eine Schande für seine abscheuliche Zunft: Er terrorisiert nicht, um den Glauben zu verteidigen, sondern weil man ihn einst nicht befördern wollte. Schnöde Rache und andere niedere Beweggründe treiben ihn folglich um. Übergeschnappt ist er außerdem, so dass es völlig legitim ist, ihn wie einen tollen Hund abzuknallen.
Ähnlich gepolte Handlager wuseln um die beiden Zentralschurken herum. Auch sie entgehen ihrem gerechten Urteil nicht. Bis es so weit ist, ergehen sie sich in Hasstiraden gegen die unmoralischen Christenhunde, lassen sich zum Wohl ihrer Sache jede Scheußlichkeit antun, fiebern einem Ende als Märtyrer entgegen und treiben auch sonst viel von jenem stereotypen Unfug, für den der islamische Modellfanatiker in Funk & Fernsehen, Weißem Haus & Hollywood bekannt ist.
Über solche Simplifizierungen und Unterstellungen könnte man lachen oder sie als unvermeidbar für ein Stück Remmidemmi-Literatur wie „Pandemie“ hinnehmen, würde nicht so offenbar, dass es Verfasser Kalla ernst meint. Das ist schade, denn unter allen Dämlichkeiten geht fast verloren, dass ihm eines zu vermitteln gelingt: Eine Seuche wird heute schneller denn je zur Pandemie, weil es auf dieser Welt keine Grenzen mehr gibt, die einem Virus Einhalt gebieten könnten. Prinzipiell jeder Punkt des Erdballs ist per Flugzeug erreichbar, der interkontinentale Fernverkehr längst so intensiv geworden, dass sich die Ausbreitung von Epidemien auf diesem Weg womöglich nicht mehr kontrollieren lässt. Es gibt keine Inseln oder anderen Orte mehr, auf oder an denen man sich in Sicherheit wiegen kann.
Solche Passagen versöhnen zwischenzeitlich mit einem Roman, der ansonsten herzlich wenig bzw. meist das Falsche aus seiner Ausgangsidee macht. Da braucht es keine Terroristen, doch leider traut Kalla seinem eigenen Stoff nicht wirklich. (Haftbar machen sollte man übrigens die zum Teil recht prominenten Schützenhelfer, die „Pandemie“ auf den Umschlagseiten allen Ernstes zum Meisterwerk hochstilisieren; sie sind entweder skrupellos und wurden für ihre Lobhudeleien gut bezahlt oder haben dieses Buch nie gelesen.)
_Autor_
Viel ist nicht über Daniel Kalla bekannt; es lohnt nach der Lektüre von „Pandemie“ ehrlich gesagt auch nicht, im Internet nach Informationsbrocken zu sieben. Also beschränken wir uns auf die kargen Angaben des Verlags. Kalla wurde demnach 1966 geboren und arbeitet als Notarzt im kanadischen Vancouver. Als dort 2003 eine SARS-Epidemie drohte, gehörte er zum Team der Mediziner, die vor Ort für eine Eindämmung der Krankheit sorgen sollten. Die gewonnenen Erfahrungen setzte Kalla 2005 in seinem Romanerstling „Pandemic“ um.
John Katzenbach hat sich mit Thrillern wie „Die Anstalt“, „Das Opfer“ oder „Der Patient“ in letzter Zeit zum Bestsellerautor gemausert. Dabei schreibt er nicht erst seit gestern. Deshalb veröffentlicht Knaur jetzt einen Roman wieder, der unter dem Titel „Das Auge“ bereits vor zwanzig Jahren veröffentlicht wurde. Das Buch wurde völlig neu bearbeitet und heißt jetzt „Der Fotograf“.
Der Fotograf ist in diesem Fall Douglas Jeffens, der nach einer unschönen Kindheit zum Mörder wurde. Eins seiner Opfer ist Susan, die Nichte von Detective Mercedes Barren. Obwohl man jemanden fand, der zur gleichen Zeit weitere Mädchen in Miami umgebracht hat, glaubt Mercedes nicht daran, dass dieser Täter auch Susan auf dem Gewissen hat. Es muss noch einen Mörder geben. Sie macht sich auf die Suche und stößt dabei auf Martin Jeffers, Douglas‘ Bruder, der nichts von Douglas‘ Geheimnis weiß beziehungsweise wissen will. Er hat es zwar schon immer geahnt, doch nie wahrhaben wollen.
Gemeinsam mit Mercedes macht er sich auf die Suche nach Douglas, der auf „Erinnerungsreise“ gegangen ist. Er hat kein gutes Gefühl dabei und ist sich auch nicht sicher, ob er Mercedes wirklich vertrauen kann. Gleichzeitig fährt Douglas durch ganz Amerika, auf dem Beifahrersitz die junge Literaturstudentin Anne, die den Auftrag hat, das mitzuschreiben, was Douglas zu erzählen hat – und was er tut. Douglas ist schließlich immer noch ein gefährlicher Serienmörder und Anne ist sich dessen ständig bewusst …
Auch wenn man den Namen Katzenbach stets in allen möglichen Bestsellerlisten findet, bedeutet das noch nicht, dass auch alles von ihm gut sein muss. „Der Fotograf“ hat sicherlich seine Vorzüge, aber auch einige bedeutsame Schwächen. Dazu zählt vor allem die Handlung. Das Buch hat weit über 600 Seiten, doch es kommt nur selten Spannung auf. Mercedes‘ Jagd auf Douglas ist recht spannungsarm, da dem Leser – im Gegensatz zum Detective – von Anfang an bekannt ist, wer Susan ermordet hat. Dadurch ist die einzige Frage, die man sich während der Lektüre stellt, wann sie Douglas denn endlich hat. Katzenbach konzentriert sich dabei nicht auf eine einzige Hauptperson, sondern auf mehrere. Dadurch wird der Leser mehr oder weniger allwissend, was auch nicht unbedingt einen positiven Effekt auf die Spannung hat. Zudem wird das Buch stellenweise sehr lang, da zu wenig passiert. Viele Dinge sind außerdem vorhersehbar oder werden nicht besonders spannend dargestellt.
Was auf der Habenseite steht, ist der Schreibstil. Katzenbach schreibt sehr akkurat und versucht, wirklich alles wiederzugeben. Dass er sich dabei nicht in Unwichtiges verstrickt, ist ihm hoch anzurechnen. Sein Wortschatz ist groß, sein Stil eher nüchtern. Er stellt Gefühle zwar dar, aber trotzdem bleibt stets eine gewisse Distanz zwischen Personen und Leser.
Die Personen sind gute Handarbeit, kommen durch diese Distanz aber nicht immer völlig zur Geltung. An einigen Stellen wirkt das Buch wie mit Handbremse geschrieben. Dabei gefallen die Charaktere eigentlich durch ihre ansprechende Ausgestaltung. Jede bzw. jeder hat eine Vergangenheit und ist sehr menschlich. Es gibt Ecken und Kanten und Katzenbach hält sich von Klischees fern. Mercedes erinnert beispielsweise anfangs an die taffe, etwas burschikose Polizistin, doch sehr bald muss man als Leser überrascht feststellen, dass sie durchaus auch sehr weiblich sein kann. Anders als manche Autorin schlachtet Katzenbach diese Tatsache aber nicht aus. Es ist sehr erfrischend, dass es keine obligatorische Romanze in „Der Fotograf“ gibt.
Der einzige Charakter, der etwas klischeehaft wirkt, ist ausgerechnet Douglas Jeffers, der Mörder. Seine Geschichte – schlechte Kindheit et cetera – ist wirklich schon oft dagewesen. Katzenbach hat dazu den Gegenpol in Form von Martin Jeffers geschaffen, der trotz ähnlicher Erlebnisse eben nicht kriminell geworden ist. Das ist geschickt gemacht, aber der Autor scheint das Potenzial dieses Gegensatzes nicht völlig auszuschöpfen. Zu wenig kommt der Konflikt zwischen den Brüdern zum Tragen.
„Der Fotograf“ ist ein Thriller, der nicht unbedingt spannend ist, aber immerhin gut geschrieben. Er hat viele Längen und kann selten mitreißen, Katzenbach schafft es aber, die Erlebnisse der einzelnen Charaktere in gute, dichte Worte zu fassen und anschaulich darzustellen.
In einem kleinen englischen Dorf zweifelt ein Historiker an der Schuld eines ortsansässigen Mörders. Er stellt Fragen und versucht sich ungeschickt als Detektiv, was den wahren Täter so nervös werden lässt, dass er den lästigen Schnüffler (mund-) tot machen möchte … – Sehr britischer Krimi, der hinter einer idyllischen Szenerie menschliche Abgründe offenlegt. Die Handlung bietet weder inhaltlich noch formal Neues, hebt sich aber wohltuend von den Seifenoper-Krimis ab, die andere Autoren bzw. Autorinnen in ähnlichen Kulissen verbrechen. Martin Edwards – Tote schlafen nicht weiterlesen →
Polina Daschkowa gehört zu den bekanntesten russischen Autorinnen. Ihr neuestes Buch „Der falsche Engel“ ist typisch Daschkowa – und doch wieder nicht. Auf der einen Seite hat man wie gehabt eine verwobene Handlung, viele Personen, deren ungewohnte Namen man sich nur schwer einprägen kann, und ein nicht besonders positiv dargestelltes Russland. Auf der anderen Seite hat man zugleich eines der besten Bücher der Russin in Händen.
Der verwöhnte Unternehmersohn Stas, der einfach nicht erwachsen werden will, wird aus seinem Luxusleben aufgeschreckt, als er eines Tages beobachtet, wie vermummte Männer sein Auto in die Luft zu sprengen versuchen. Es scheint, als ob jemand hinter ihm her ist. Nur wer? Er kann sich das nicht erklären und dann wird auch noch sein Chauffeur erschossen. Seine Eltern haben Angst um ihn und da sein Vater Wladimir nur wenig von der Miliz hält, beauftragt er seinen Freund Raiski, sich um seinen Sohn zu kümmern.
Er kann natürlich nicht ahnen, dass Raiski auf zwei Hochzeiten tanzt: Er beschützt nicht nur Stas, sondern benutzt ihn auch oder zumindest sein Gesicht. Raiski lässt Major Sergej Longinow mittels plastischer Chirurgie zu einem Ebenbild von Stas operieren. Sergej soll für eine Weile Stas‘ Leben führen, um einen persönlichen Rachefeldzug für Raiski zu führen, während der echte Stas im „Urlaub“ ist. Doch worauf zielt Raiski ab? Und an wem will er sich rächen?
„Der falsche Engel“ verbindet viele verschiedene Handlungsstränge, die schließlich in einem gewaltigen Knoten enden. Irgendwie hängt alles zusammen, jede Person hat eine Aufgabe in der Geschichte. Das sorgt, vor allem dank Daschkowas spannender und erdiger Erzählweise, für eine Menge Spannung. Die Handlung an und für sich ist zwar an einigen Stellen etwas zu verworren, schlägt sich aber in Anbetracht der Masse von Ereignissen erstaunlich gut. Die russische Autorin schafft es tatsächlich, aus einer Menge loser Enden, die anfangs unabhängig voneinander scheinen, ein dicht gewebtes Netz von Geschichten zu spinnen. Dabei schlägt sie ein flottes, aber nicht rasantes Erzähltempo an und hält sich nicht an Kleinigkeiten auf. Sie sorgt vielleicht nicht von der ersten bis zur letzten Seite für Hochspannung, aber eine gewisse unterschwellige Spannung ist stets vorhanden und macht das Buch lesenswert.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen, wie so oft bei Polina Daschkowa, Kriminelle, unbescholtene Bürger, die plötzlich mit dem Verbrechen in Berührung kommen, und vor allem Menschen, die alle eine dunkle Seite haben. Was an „Der falsche Engel“ besonders gefällt, ist die Tatsache, dass die Autorin, anders als in beispielsweise [„Keiner wird weinen“, 4224 völlig darauf verzichtet, ihre Figuren beinahe lächerlich überzeichnet darzustellen. Stas ist zwar ein Muttersöhnchen, wie es im Buche steht, aber dieses Mal gibt es keine dickliche, unverheiratete und deshalb frustrierte Russin. Vielmehr setzt Daschkowa auf ernste, tiefgründige Charaktere. Das tut dem Buch sehr gut. Es steigert die Spannung und den Nervenkitzel, der nicht durch witzige Zwischenspiele aufgelockert wird. Die Charaktere sind dabei wie gewohnt gut ausgearbeitet und anschaulich dargestellt. Das Einfließen von vergangenen Erlebnissen und Gedanken sorgt dafür, dass das Buch nicht zu handlungslastig wird, sondern den Fokus auch auf die Personen legt.
Einziger Wermutstropfen bei der Lektüre ist der Schreibstil. Nicht, dass er nicht gut wäre. Daschkowa schreibt auf den Punkt genau. Sie verliert nicht viele Worte, sondern schildert in klarer, beobachtender Sprache, was um die einzelnen Perspektiven herum passiert. Der Stil erinnert dabei weniger an einen Krimi als an einen guten Roman, denn sie schreibt sehr literarisch. Sie verzichtet auf wertende Emotionen innerhalb des Textes, sondern beschreibt beinahe stur, was passiert. Manchmal ist sie dabei aber etwas unaufmerksam. Sätze, die Zusammenhänge zwischen Absätzen erklärt hätten, scheinen an einigen Stellen zu fehlen. Dadurch hat man als Leser das Gefühl, als ob ein Sprung in der Geschichte vorkäme. Da dies nicht nur einmal passiert, sondern öfter, wird die Lektüre ab und an etwas kompliziert.
Allerdings ist dies nur ein kleines Manko. Da es sich zumeist nicht um handlungsrelevante Dinge handelt, die vorschnell abgehandelt werden, kann man darüber wegsehen. Immerhin hat „Der falsche Engel“ genug Positives zu bieten. Die Handlung ist flott, spannend und unglaublich gut ausgedacht, der Schreibstil gefällt durch seine nüchterne Betrachtungsweise und die Personen sind toll ausgearbeitet. Wer von Polina Daschkowa trotz ihrer zahlreichen, deutschen Veröffentlichungen noch nichts gehört hat, der sollte zu „Der falsche Engel“ greifen. Bei diesem Buch handelt es sich nämlich ohne Frage um eines der besten der Russin.
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|Polina Daschkowa auf Buchwurm.info:|
[„Für Nikita“ 807
[„Keiner wird weinen“ 4224
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