
Victor Gunn – Der vertauschte Koffer weiterlesen
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Petermann, Axel – Auf der Spur des Bösen. Ein Profiler berichtet
Schon von Kindesbeinen an werden uns die verschiedenen Facetten und Gesichter des Bösen anschaulich präsentiert: Märchen, Fabeln, Legenden, ja selbst der Priester in der Kirche sprechen davon, dem Bösen zu widerstehen und für das Gute einzutreten. Erst im Laufe unserer geistigen Entwicklungen wird uns klar, dass das „Böse“ ein Meister der Tarnung sein kann und die Grenzen zwischen Gut und Böse durchaus fließend sind.
Wo fängt Schuld an und wo endet Sühne? Für die Beamten der Mordkommissionen stellt sich die Frage wahrscheinlich häufiger. Das Grauen, das sie in ihrem Beruf erleben, lässt sich manchmal in dunklen Nächten nicht verdrängen, so dass Bilder vom Tatort, Gedanken über Opfer und Täter, Leichengeruch und ganz sicher auch die Verzweiflung der Angehörigen die Ermittler auf lange Sicht begleiten.
_Inhalt_
Axel Petermann, der Autor des vorliegenden Buches, ist Kriminalbeamter mit langjähriger Erfahrung und einer der ersten und besten Profiler Deutschlands. Sein Interesse daran, das Verhalten des Täters zu analysieren, es zu dokumentieren und sich mit den kleinsten Details des Tatortes zu beschäftigen, legte den Grundstein zu seiner jetzigen Position. Der Bremer Polizist beschäftigt sich permanent mit den Tatorten und den Leichen, sucht aber auch die Täter im Gefängnis auf und spricht über ihre Beweggründe, ihre Motivation. Gerade dieses auch sehr menschliche Verstehenwollen ist hilfreich, um den Täter als Menschen zu sehen – ob nun böse oder nicht, sei erst mal dahingestellt. Wichtig ist es für Axel Petermann, einen Blick hinter die geistigen Kulissen des Mörders zu werfen, um aus dessen Verhalten lernen zu können. Die Beweggründe der Tat sind vielfältig: psychische Krankheiten, moralische oder ethische Gründe, aber natürlich wird auch Morde aus Gier, Rache, Neid usw. – die sieben Todsünden tauchen immer wieder auf.
„Ich weiß nicht, was das Böse ist“, sagt Axel Petermann, und auf den ersten Blick wirkt dieser knappe, persönliche Feststellung für den Leser verwirrend, doch nach und nach offenbart sich der Sinn und der Kern dieser Aussage. Der Profiler sucht nach der Spur des Bösen und analysiert mit wissenschaftlichen Methoden den Tatort, sucht nach Indizien und nach Kleinigkeiten, die ausschlaggebend sein können. Der Profiler weiß, dass das Sichten des Tatortes, der zeitliche Ablauf der Tat usw. primär wichtig sind und eine einmalige Möglichkeit darstellen, um einen ersten Ansatz zu finden. Vergisst oder übersieht der Beamte etwas, so ist es auf immer verloren.
Der Autor Axel Petermann, auch für die Fernsehserie „Tatort“ als Berater tätig, erklärt seine tägliche Arbeit anhand von sieben gelösten Mordfällen. Dabei schildert er diese Fälle recht schonungslos, er beschönigt nichts und gibt auch persönliche Fehler zu, aus denen er gelernt hat. Es sind sehr unterschiedliche Mordfälle, deren Täter ganz ungleiche Motivationen antrieben. Dass ca. neunzig Prozent aller Morde aufgeklärt werden, klingt erst mal recht zuversichtlich und positiv, andererseits vermutet allerdings Axel Petermann, dass die Dunkelziffer nicht erkannter Morde um ein Vielfaches höher liege. Die Aussage „Wenn auf deutschen Friedhöfen bei jedem Verstorbenen, der dort liegt und nicht eines natürlichen Todes gestorben ist, eine Kerze brennen würde, dann wäre der Friedhof in einer dunklen Nacht ein ziemlich erleuchteter Ort“ stimmt sehr nachdenklich. Es scheint, dass viel vertuscht wird, und dass natürlich aus Kosten- und Zeitgründen weniger Leichen auf den Tischen der Pathologie landen, als es der Fall sein müsste.
Absolut positiv ist, dass der Autor die Täter nicht als „Bestien“ oder als das personifizierte Böse identifiziert, sondern den Menschen als komplexen und fühlenden Wesen erkennt. Alles andere wäre auch zu einfach, und, sagen wir es ruhig, unzivilisiert.
Seinen persönlichen Umgang und dern seiner Kollegen mit dem Verbrechen glorifiziert er in keinem Kapitel. Kriminalbeamte sind Menschen, sie machen Fehler, sie verzweifeln, haben Ängste und erleben in ihrem Beruf immer wieder Situationen, die sie psychisch an ihre Grenzen bringen. Ihre Eindrücke können sie nur bedingt professionell verarbeiten. Hier entwickelt sich schnell Ironie und Zynismus, die helfen, solche Erlebnisse abzuschwächen – ein einfacher und effizienter Schutzmechanismus.
All diese kleinen Szenen bilden in der Gesamtheit ein sehr gutes Buch und geben eine gute und umfassende Momentaufnahme ab. Es räumt auf mit Vorurteilen, die sich immer wieder in Film und Fernsehen, aber auch in der Krimi- und Thriller-Literatur finden.
_Fazit_
„Auf der Spur des Bösen“ von Axel Petermann arbeitet mit dem Ansatz, dass man das „Böse“ nicht einfach finden kann, indem man Spuren verfolgt. Vielmehr stellt sich doch die Frage: Was ist der Auslöser? Wie wird Kriminalität erzeugt und ist nicht auch die Summe unserer Zivilisation bzw. die ansteigende Armut und die Unzufriedenheit, der tägliche Druck, den die Bürger empfinden, der Grund für Verzweiflung? Gewalt ist immer ein Ventil für Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, keinen Ausweg aus ihrer persönlichen Sackgasse finden, doch an solchen Tragödien ist nichts Sensationelles, wie es uns die Medien immer wieder unterhaltsam präsentieren wollen – es ist das Leben, so krank es psychisch und physisch auch sein mag.
„Auf der Spur des Bösen“ ist ein authentisches Buch ohne Sensationsgier, von einem Autor, der nüchtern und vor allem sachlich beschreibt, wozu Menschen fähig sind. Hier stehen das Opfer wie auch der Mensch an sich im Fokus, mit all seinen komplexen Fehlern, und das Buch zeigt sehr deutlich, dass es fühlende Menschen sind bzw. waren, die zu extremen Taten fähig sind.
Das „Böse“ ist und bleibt individuell, es versteckt sich, tarnt sich und offenbart sich manchmal – und es ist komplizierter, als es uns wirklich lieb ist. „Auf der Spur des Bösen“ ist ein großartiges Buch.
|304 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3548373256|
http://www.ullsteinbuchverlage.de
Pirinçci, Akif – Felipolis – Ein Felidae-Roman
_|Felidae|:_
Band 1: „Felidae“
Band 2: „Francis“
Band 3: „Cave Canem“
Band 4: „Das Duell“
Band 5: „Salve Roma!“
Band 6: „Schandtat“
Band 7: _“Felipolis“_
_Inhalt_
Kater Francis hat eigentlich mit persönlichen Problemen zu kämpfen, als sein alter Freund Blaubart ihn auf eine Artgenossin aufmerksam macht, die in einer prekären Situation steckt: Die reiche und offenbar etwas schrullige alte Besitzerin eines Weltkonzerns hat ihre Katze Domino als Alleinerbin eingesetzt und ist dann gestorben. Das ganze riesige Anwesen wimmelt nun von wütenden Familienmitgliedern und wichtig wirkenden Anwälten, und Francis macht sich ein wenig Sorgen um die Erbin: Wie leicht ist so ein kleiner Katzenhals doch umgedreht, wenn das Tier das einzige Hindernis auf dem Weg zu Milliarden ist?
Er ist allerdings nicht die einzige Samtpfote, die sich auf den Weg zu der über Nacht reich gewordenen Katze macht: Zahlreiche Artgenossen tummeln sich bereits vor der großen Villa – aus deren drittem Stock plötzlich ein Zweibeiner stürzt und sehr tot auf einer Luxuslimousine liegen bleibt. Nun gibt es für Francis kein Halten mehr: Die Erbin muss beschützt werden! Doch er scheint der Einzige zu sein, der sich tatsächlich Sorgen macht: Der Großteil der anderen Katzen weiß offensichtlich sehr genau, wofür das Geld verwendet werden sollte. Und wo so große Summen im Spiel sind, lassen natürlich auch die Dosenöffner (= Menschen) nicht lange auf sich warten. Es entbrennt ein Streit unter militanten Tierrechtlern und Anwälten der Gegenseite, und darüber hinaus sieht Francis sich plötzlich von allen Seiten angegriffen. Was soll das, warum möchte man ihn so dringend tot sehen? Und was zur Hölle ist dieses „Felipolis“, von dem man miauend munkeln hört?
Dieser Fall für Francis hat es tatsächlich in sich; diesmal geht es um Weltpolitik und eiskalte Killer, die auf dem Weg zu ihrem Traumziel auf gar nichts mehr Rücksicht nehmen. Wenn das dem alternden Katerdetektiv mal nicht über den plüschigen Kopf wächst …
_Kritik_
Wer sich damals in „Felidae“ verliebt hat und seitdem die Abenteuer des naseweisen Kater (von Freunden wie Feinden treffend „Klugscheißer“ genannt) mit Spannung verfolgt hat, wird sich freuen, dass es endlich weitergeht. Wie gehabt sind Akif Pirinçcis Katzen sehr anthropomorphe Wesen, aber das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Der leicht angeberische, clevere Held wächst dem Leser mit seinen Schwächen und seinen Stärken schnell ans Herz, und dass ihn nun langsam einige Alterserscheinungen beuteln, macht ihn umso sympathischer. Der fluchende, kaputte Blaubart mit dem Herz aus Gold ist ein weiteres Highlight dieser Reihe.
Der Fall ist diesmal extrem verwickelt und reicht über Staatsgrenzen hinaus, bis in wissenschaftliche Grenzgebiete hinein und spielt mit archaischen Wünschen, die zwar insgesamt eher in der Welt der Homo sapiens sapiens auftreten dürften, aber nahtlos in die der Felidae übertragen werden können. Es ist ein schon fast weimarerisch anmutendes Politkuddelmuddel, das Pirinçci hier heraufbeschwört – aber was davon nun Schein und was Sein ist, wird erst nach und nach geklärt. Zwar gibt es schon früh deutliche Hinweise darauf, wie das eine oder andere Verbrechen zu erklären ist, aber die letztendlichen Zusammenhänge begreift man dann doch erst, wenn sie restlos aufgeklärt werden.
Der Stil ist natürlich der flapsigen Sprache Francis‘ angepasst und somit eine unterhaltsame Mischung aus Bildung und Gossensprache. Im Großen und Ganzen haben wir hier einen ausgefallenen, spannenden Krimi voller Schnurrhaare, Krallen und extraordinären Einfällen, bei dem sich der Leser schmunzelnd fragt, wie um alles in der Welt man bloß auf so etwas kommt.
_Fazit_
Wie schon mehrfach zuvor liefert Pirinçci wunderbare Unterhaltung: abwegig, manchmal düster, immer spannend und sehr, sehr interessant. Natürlich ist es hilfreich, wenn man den kleinen Samtpfoten auch im wirklichen Leben verfallen ist, Notwendigkeit dafür besteht aber nicht, da die vierbeinigen Protagonisten allesamt eine sehr menschliche Denkweise an den Tag legen.
„Felipolis“ ist wie seine Vorgänger sehr empfehlenswert, eine vergnügliche Lektüre wie ein beunruhigendes Zukunftsbild gleichermaßen. Gönnt euch den Spaß und lest es!
|Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3453290976|
[www.randomhouse.de/diana]http://www.randomhouse.de/diana
[de.wikipedia.org/wiki/Akif_Pirinçci]http://de.wikipedia.org/wiki/Akif_Pirin%C3%A7ci
_Von Akif Pirinçci auf |Buchwurm.info|:_
[„Yin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1112
Adler-Olsen, Jussi – Schändung
Einst abgestraft und in den Keller versetzt, ermittelt Vizekommissar Carl Mørck nun mit dem Sonderdezernat Q in seinem zweiten Fall. Diesen hat Mørck eher dem Zufall zu verdanken, denn eines Tages liegt die Akte eines vermeintlich gelösten Kriminalfalls auf seinem Schreibtisch, und niemand weiß, wie sie dorthin gekommen ist. Dennoch macht sich Mørck mit seinem Assistenten Assad sogleich an die Arbeit und vertieft sich in den Fall des ermordeten Geschwisterpaars aus Rørvig. 20 Jahre zuvor sind die beiden in einer kleinen Waldhütte brutal ermordet worden, in Verdacht stand damals eine Clique von Jugendlichen aus reichem Hause. Doch nachgewiesen werden konnte ihnen die Tat nicht – bis einer der sechs die Tat gesteht und seitdem im Gefängnis seine Strafe absitzt. Schon nach kurzer Recherche glaubt Mørck nicht an die Schuld des einen allein, immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass auch die anderen fünf ihren Teil der Schuld tragen.
Dieser Mord bleibt nicht die einzige Tat, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto der reichen Jugendlichen geht. Vielmehr scheinen diese Schuld an einer Reihe von Überfällen und Misshandlungen zu sein. Nur konnte ihnen keine der Taten angelastet werden. Während Kristian Wolf nicht mehr am Leben ist und Bjarne Thøgersen im Gefängnis sitzt, sind die verbleibenden drei Männer – Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin – an die Spitze der Karriereleiter aufgestiegen. Daher erscheint es in der Gegenwart umso schwieriger, diese angesehenen Mitglieder der Gesellschaft mit den damaligen Taten in Verbindung zu bringen. Doch nun müssen sich die drei nicht nur vor dem Sonderdezernat Q in acht nehmen, sondern auch vor Kimmie Lassen, die als einzige Frau damals zu der gefährlichen Clique gezählt hat, die aber nach einem Schicksalsschlag auf der Straße lebt. Doch Kimmie hat nicht vergessen, was die Männer der einstigen Clique ihr angetan haben und so verfolgt sie die drei auf Schritt und Tritt, während sie sich gleichzeitig vor den Häschern ihrer früheren Freunde geschickt versteckt hält.
Carl Mørck ahnt noch nicht, was Jensen, Pram und Florin alles auf dem Kerbholz haben und dass Kimmie Lassen bereits Jagd auf die drei macht. Stattdessen schlägt sich Mørck mit seiner neuen Sekretärin Rose herum, die ihm anfangs gehörig auf die Nerven geht, die dann aber genau wie Assad ihren Teil dazu beiträgt, die Jugendclique von einst auffliegen zu lassen …
_Dänenpower_
Nach „Erbarmen“ handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um den zweiten Fall des Sonderdezernats Q, an dessen Spitze Carl Mørck agiert. Und der steht als geschiedener Mann ganz in der Tradition anderer Kriminalkommissare. Zudem war er nach einem missglückten Polizeieinsatz, bei dem einer seiner Kollegen ums Leben gekommen und der zweite schwer verletzt worden ist, in psychologischer Behandlung. Allerdings ging Mørck nicht nur zu den Sitzungen, um sich seine Probleme von der Seele zu reden, sondern weil er der Psychologin zu gerne an die Wäsche gehen würde. Doch leider hat diese noch nicht angebissen, und seine eher unbeholfenen Annäherungsversuche, die er in „Schändung“ wagt, dienen auch nicht gerade dazu, dass Mørck endlich einmal wieder bei einer Frau zum Zuge kommt. Zwar scheint er nicht ganz so depressiv zu sein wie sein schwedischer Kollege Kurt Wallander, aber viel fehlt auch nicht daran, denn auch zu Hause ärgert er sich mit seinem Sohn und seinem merkwürdigen Untermieter herum, zudem überlegt er, seinen querschnittsgelähmten Kollegen zu Hause zu pflegen. Viele Probleme sind es also, mit denen Mørck zu kämpfen hat und die ihn von seinem Fall ablenken.
Zudem weht ihm beruflich ein kräftiger Wind entgegen: Sein Vorgesetzter wirft ihm immer mehr Stöcke zwischen die Beine, um die Ermittlungen zu behindern, bis Mørck gar suspendiert wird. Doch den Kopf steckt er deswegen nicht in den Sand, stattdessen legt er sogar noch eine Schippe drauf. Dies zeigt die starke Seite des Vizekommissars, die mir persönlich deutlich besser gefallen hat als die verzweifelte Seite Mørcks, bei der er im Selbstmitleid versinkt, weil er seit Urzeiten mit keiner Frau mehr im Bett gewesen ist.
Sehr gut gefallen haben mir Assad und Rose als fleißige, aber manchmal auch recht aufmüpfige und eigensinnige Assistenten im Sonderdezernat Q. So überrascht Assad bei so manch einer Vernehmung mit seinen teils eher unqualifizierten Bemerkungen und Fragen, die aber manchmal dann doch genau ins Schwarze treffen. Und auch Rose sorgt für einigen Wirbel, wenn sie neue Tische für die Kellerräume bestellt, damit sie auf ihnen ihre Akten sortieren kann. Doch die nur halb aufgebauten Tische machen das Chaos im Keller schließlich perfekt. Dennoch lässt sich Rose von nichts aus der Ruhe bringen und überhört so manche (nicht allzu freundlich gemeinte) Ermahnung ihres Chefs.
Neben Mørck ist Kimmie Lassen die zweite Hauptfigur des Kriminalromans. Sie lebt auf der Straße, obwohl sie aus reichem Hause stammt und ein großes Haus besitzt. Geldsorgen hat sie demnach nicht, doch muss sie sich vor ihren früheren Freunden versteckt halten. Doch was hat sie damals erleben müssen, das ihr Leben dermaßen auf den Kopf gestellt hat? Nur langsam nähern wir uns der Lösung dieses Rätsels. Kimmie Lassen ist in diesem Buch am schwierigsten zu durchschauen, da Jussi Adler-Olsen uns zunächst nur wenige Informationen über Kimmie und ihre Vergangenheit Preis gibt. Genau dies macht Kimmie umso interessanter, auch wenn anfangs noch gar nicht klar ist, dass sie eine dermaßen zentrale Rolle in diesem Roman spielt. Ihre ehemaligen Weggefährten dagegen blieben für meine Begriffe etwas zu blass. Jensen, Pram und Florin sind ziemlich stereotyp gezeichnet, sie sind die Jungs aus reichem Hause, die auf Kosten anderer ihre Gewaltfantasien ausleben und auch heutzutage ihre Macht immer wieder aufs Neue ausnutzen – sei es bei der Jagd auf Mensch und Tier oder gegenüber ihren Angestellten.
Insgesamt hat mich die Charakterzeichnung somit nicht vollkommen überzeugt. Hinzu kommt die Schwierigkeit, Mørck zu durchschauen, wenn man den ersten Teil „Erbarmen“ nicht gelesen hat. Seine privaten Probleme werden hier nur am Rande erwähnt, sodass man sich zusammen reimen muss, dass er geschieden ist und sein Sohn noch bei ihm im Hause wohnt. Welche Probleme es aber in der Ehe und mit seinem Kind gegeben hat bzw. noch gibt, konnte ich mir nicht erklären. Schade fand ich auch, dass nur angedeutet wurde, was bei dem Polizeieinsatz passiert ist, bei dem Mørcks einer Kollege gestorben und der andere schwer verletzt worden ist. Ganz aufgeklärt ist dies wohl noch nicht, eventuell gibt das Stoff für das nächste Buch, im vorliegenden bleibt diese Tat jedenfalls ziemlich in der Luft hängen.
_Jagd auf die Jäger_
Was dagegen nahezu perfekt gelungen ist, ist der Spannungsbogen. Zunächst sind Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin diejenigen, die Jagd machen – auf wehrlose Tiere und auch auf Kimmie. Die aber dreht irgendwann den Spieß um, was der Handlung deutlich mehr Tempo verleiht. Zu Beginn ahnt man noch nicht, welche Rolle Kimmie im gesamten Gefüge spielt, doch je mehr Puzzleteile an den richtigen Platz rücken, umso mehr möchte man wissen, was sich hinter den verbleibenden Lücken verbirgt, was damals wirklich geschehen ist und wieso Kimmie auf der Straße gelandet ist. Was Jussi Adler-Olsen uns hier schließlich eröffnet, hat es in sich. Hier hat der Autor aus dem Vollen geschöpft, um seine Leser zu schockieren. Beim Finale übertreibt Adler-Olsen es zwar ein klein wenig, doch immerhin gerät die Auflösung wirklich schlüssig.
Carl Mørck mit seinen eigenwilligen Assistenten Assad und Rose hat im Krimigenre sicherlich eine blendende Zukunft vor sich, wenn Jussi Adler-Olsen es weiterhin so gut versteht, seine Leser so sehr zu packen und sie mit zu reißen. Allerdings würde ich mir für das nächste Buch wünschen, dass endlich aufgeklärt wird, was bei dem missglückten Polizeieinsatz damals schief gegangen ist, noch länger sollte Adler-Olsen seine Leser nicht mit Andeutungen hinhalten. Auch in puncto Nebencharaktere könnte er beim nächsten Mal ein klein wenig einfallsreicher sein, dann dürfte der dritte Fall des Sonderdezernats Q sicherlich zu einem äußerst lesenswerten Krimi werden!
|Taschenbuch: 460 Seiten
ISBN-13: 978-3423247870
Originaltitel: |Fasandræberne|
Deutsch von Hannes Thiess|
http://www.dtv.de/
Wade Miller – Die unheimliche Reise

Das geschieht:
Mit seiner alten DC-3 fliegt Pilot und Lebenskünstler Ed Koch jede Fracht von Puerto Rico in die USA und umgekehrt. Dieses Mal hätte er sich den Inhalt der transportierten Kisten besser anschauen sollen, denn sie enthielten Heroin, das von der Polizei entdeckt und beschlagnahmt wurde. Dass man ihn ebenfalls zur Rechenschaft ziehen wird, ist nur eine Frage der Zeit, weiß Koch, und tatsächlich taucht ein FBI-Agent auf, der ihn verhaften will. Koch wehrt sich und erschießt versehentlich den Mann. Nun bleibt ihm nur noch die Flucht.
Trotz eines schweren Sturms steigt er mit seiner Maschine auf. Doch die Natur ist gegen ihn. Die DC-3 stürzt über der Sargassosee ab. Koch hat noch Glück, denn die Maschine landet auf einem dicken Braunalgen-Bündel und bleibt über Wasser. Niemand wird ihn hier draußen jedoch suchen oder finden. Die Lage scheint aussichtlos, bis Koch durch den dichten Nebel plötzlich Klaviermusik hört: Auch die Yacht „Nymphe“ wurde vom Sturm beschädigt, das Funkgerät zerstört. Ohne Antrieb und Steuer treibt das Boot hilflos über den Atlantik.
Der gerettete Cook findet sich in einer eigentümlichen Gesellschaft wieder. Kapitän Moya Auberon steuerte mit ihrem Vater, dessen deutlich jüngeren Ehefrau Holly June, ihrem Ex-Mann und einigen undurchsichtigen Freunden die Bahamas an. Von Einigkeit gibt es auch in der jetzigen Krise keine Spur, stattdessen stiehlt und hortet jemand Lebensmittel für den Notfall – und ermordet in der Nacht den verletzt im Koma liegenden Koch Opie!
Gejagt vom Gesetz, gestrandet und an Bord mit einem Mörder: Kann es für Cook noch schlimmer kommen? Die Antwort ist klar, als Holly June behauptet, sie habe eine Gestalt gesehen, die sich im Nebel über die Algenbänke der Yacht näherte …
Pulp in seiner reinen, besten Form
„Pulp“: Dies bezeichnete ursprünglich das holzige Ausgangsmaterial, aus dem möglich kostengünstig das Papier für jene billig verkauften Magazine hergestellt wurden, die ab den 1920er Jahren für knallige, politisch unkorrekte und optimale Genre-Unterhaltung sorgten. Der Manuskript-Hunger der Herausgeber sorgte dafür, dass auch Neulingen eine Veröffentlichungs-Chance geboten wurde. Die Honorare waren niedrig, sodass vor allem fixe Autoren auf ihre Kosten kamen. Trotzdem – oder gerade wegen der limitierenden Faktoren? – gelangen vielen später berühmten Schriftstellern ihre ersten Schritte im Pulp-Getto. Andere Autoren lieferten hier ihr besten Arbeiten, denn niedrige Entlohnung, billiges Papier und bunte Titelbilder schlossen vielleicht literarische, keineswegs aber erzählerische Qualitäten aus. Diese Geschichten mussten nur einem Zweck genügen – nämlich ihre Leser unterhalten.
Nach dem II. Weltkrieg gingen die klassischen Story-Magazine allmählich ein. Sie wurden ersetzt vom Taschenbuch-Markt, auf dem das „Pulp“-Prinzip ebenfalls funktionierte. Weiterhin triumphierte, was die selbsternannten Wächter der wahren Werte u. a. Spielverderber die Nasen rümpfen ließ: Gewalt, Sex, Action, wobei die Reihenfolge ständig wechselte. Freilich besaß eben diese rohe, auf den Punkt gebrachte Verbrauchsliteratur ohne verklärenden Zuckerguss ihre ganz eigenen Qualitäten, wie Wade Miller mit „Die unheimliche Reise“ belegt.
Der Story – und nur der Story – dienen
1961 erschien dieser Roman bei Ace Books und damit in einem Verlag, der praktisch ein Synonym für effektvolle Reißer ist, die direkt auf den Bauch des Lesers zielen (und gern auch noch ein Stückchen darunter). Verfasser Miller befolgt perfekt die Vorgaben, die den Käufer nach „Die unheimliche Reise“ greifen lassen sollen. Wer die Inhaltsangabe studiert, kann im Grunde gar nicht anders, als neugierig zu werden. Sie lockt mit Köder-Begriffen wie „Flugzeug-Absturz“, „Hurrikan“, „Sargasso-See“, „steuerlose Segel-Yacht“ und beschwört bereits auf diese Weise eine ebenso spannende wie unheimliche Atmosphäre herauf.
Obwohl Miller jeder Effekt und jeder Trick recht ist, um seine Leser auf die Folter zu spannen, spielt er dennoch mit offenen Karten. Es gibt jede Menge Überraschungen aber keine verborgenen Hintertürchen. Zwar ist „Die unheimliche Reise“ nicht nur Krimi, sondern auch Abenteuer-Roman, doch Miller hält sich strikt an die Regeln des klassischen „looked room mystery“: Obwohl sich ein Nebenstrang der Handlung um nächtliche ‚Besuche‘ aus dem Algen-Dschungel dreht, gehört zur uns vorgestellten Besatzung, wer mordend auf der „Nymphe“ umgeht.
Realismus ist nur insoweit gefragt, wie er die Handlung spannender gestalten kann. Gleichzeitig sind Klischees keineswegs verpönt, sondern problemlos gestattete Gestaltungshilfen. „Pulp“-Storys müssen schnell geschrieben werden und sein. Auf diese Weise trägt der Schwung die Handlung über logische Löcher hinweg, in die sie ansonsten sicherlich stürzen würde. In unserem Fall lassen u. a. Cooks ‚Ausflüge‘ über die Algenwälder stutzen. De facto bilden die (tatsächlich existierenden) Algen der Sargasso-See keinen ‚begehbaren‘ Dschungel. Ebenso unwahrscheinlich – aber eben effektvoll – ist die Begegnung mit einem im Tang gefangenen Wikingerschiff, das Auftauchen eines zombiehaften Schiffbrüchigen oder die Invasion gefräßiger Mini-Krabben.
Eine kunterbunte, verdächtige Schar
Klischees bestimmen die Figurenzeichnung. Auch hier hat der „Pulp“ eigene Regeln: Die bekannten Standards werden überzeichnet und auf die Spitze getrieben, bis sie wieder unterhaltsam wirken. Die durch die neblige Sargasso-See treibende „Nymphe“ wird zu einem Geisterschiff der verloren Seelen, denn an Bord sind ausschließlich Männer und Frauen, die nicht nur düstere Geheimnisse hüten, sondern auch in der Gegenwart sehr exzentrisch auftreten.
Hauptfigur Ed Cook führt den Leser durch das Geschehen. Er ist der Außenseiter, der den objektiven Blick auf das auch ohne kriminelles Tun seltsame Reden und Handeln seiner ‚Retter‘ versucht. Dabei passt er selbst hervorragend in diese Runde, denn auch Cook ist ein Mann, der etwas verbirgt – und ein Mann, der noch im Moment der Rettung quasi verdammt ist.
Wiederum ohne Scheu vor offensichtlicher Effekthascherei setzt Miller die Besatzung der „Nymphe“ sexuellen Spannungen aus. Schon die Namen sind Hinweise: Moya Auberon ist die gleichermaßen erfahrene wie vom Leben enttäuschte, scheinbar kalte und unnahbare ‚Göttin‘, Holly June die junge, hübsche, dumme aber berechnende Schlampe. Die eine ist gar nicht so eisig, wie sie sich gibt; sie wartet nur auf den richtigen Mann (= Cook), die andere sorgt durch erotische Disziplinlosigkeit für eine weitere Zuspitzung der ohnehin explosiven Stimmung.
Das Ende ist gleichzeitig Anfang
Aufgrund des exotischen Schauplatzes ignoriert Miller, der im Krimi-Hauptplot ‚fair‘ spielt, ansonsten Genregrenzen. „Die unheimliche Reise“ bietet Horror und vor allem Abenteuer. Selbstverständlich gehen die Lebensmittel zu Ende, schwappen die Wogen ins lecke Schiff, warten hungrige Haie im Kielwasser der „Nymphe“ auf ihre Stunde. Einmal mehr muss man Miller dafür bewundern, dass er diese Klischees nicht nur direkt ansteuert, sondern sie in den Verlauf einer reizvollen Geschichte zu integrieren weiß. „Die unheimliche Reise“ bietet in den Einzelheiten nichts Neues. Insgesamt bietet dieser Roman reines Lektüre-Vergnügen. Miller hat ein ausgezeichnetes Gespür für Spannung und Stimmung. Hinzu kommt ein ausgezeichnetes Timing.
Höchstens der Schluss kommt ein wenig abrupt. Möglicherweise drohte der Redaktionsschluss, oder die vereinbarte Seitenzahl war erreicht. Miller bringt die Handlung jedenfalls recht abrupt zur Auflösung. Zu diesem Zeitpunkt ist das eigentliche Rätsel – wer mordet an Bord der „Nymphe“? – glücklicherweise bereits aufgeklärt. Nun gilt es, das Happy-End zu gewährleisten. Wie wäscht man einen Mann rein, der einen FBI-Mann – in den 1960er Jahren Repräsentant von Recht & Gesetz – umgebracht hat? Miller wusste es auch nicht bzw. griff auf die „Pulp“-Logik zurück – und dieses eine Mal überreizt er sein Blatt, was gar nicht einfach ist in einer insgesamt irrealen Story! Allerdings kann dieser eine ‚Ausrutscher‘ keinesfalls verderben, was auf 170 immer turbulenten Seiten vor den Augen des faszinierten Lesers entfesselt wurde!
Autor
Wade Miller ist das Pseudonym des Autorenduos Robert Allison „Bob“ Wade (1920-2012) und H. William „Bill“ Miller (1920-1961). Die beiden seit Schultagen unzertrennlichen Freunde debütierten 1947 mit „Guilty Bystanders“, dem ersten Roman der Serie um den Privatdetektiv Max Thursday, die von der Kritik zu den besten ihrer Zeit gezählt wird. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten schrieben Wade & Miller als „Wade Miller“, aber auch als „Will Daemer“, „Dale Wilmer“ und „Whit Masterton“ mehr als dreißig Romane, von denen immerhin neun verfilmt wurden. Unter diesen Filmen ragt hoch der Noir-Klassiker „Touch of Evil“ heraus, den 1958 Orson Welles mit Charlton Heston, Janet Leigh, Marlene Dietrich und sich selbst in den Hauptrollen inszenierte.
Als Miller 1961 völlig überraschend einem Herzanfall erlag, schrieb Wade im Alleingang weiter, beschränkte sich jedoch zukünftig auf das Pseudonym „Whit Masterton“. Sein letzter Roman erschien 1979. Dem Krimigenre blieb er jedoch bis zu seinem Tod als kundiger Spezialist und Autor der Kolumne „Spadework“ verbunden.
Taschenbuch: 174 Seiten
Originaltitel: Nightmare Cruise (New York : Ace Books 1961)/The Sargasso People (London : W. H. Allen 1961)
Übersetzung: N. N.
Der Autor vergibt: 



Turow, Scott – letzte Beweis, Der
Schuld oder Unschuld einer Person sind nicht immer eindeutig festzustellen, erst recht nicht in einem Prozess. Indizien können lügen, Zeugen sind nicht immer zuverlässig und auch auf die Geständnisse von Angeklagten kann man nicht immer etwas geben. Der Anwalt und Schriftsteller Scott Turow („Aus Mangel an Beweisen“) beschäftigt sich in seinem Roman „Der letzte Beweis“ sehr detailliert genau mit solchen Fragestellungen – und zeigt, wie sehr der Schein manchmal trügt.
_Die Karriere des_ Richters Rusty Sabich ist nicht ohne Makel. Vor zwanzig Jahren stand er im Verdacht, seine damalige Affäre ermordet zu haben, doch er wurde nie dafür verurteilt. Fehlende Beweise und Verfahrensfehler bewahrten ihn davor, ins Gefängnis zu gehen, doch wirklich reinwaschen konnte er sich von der Schuld nicht.
Nun gibt es erneut eine tote Frau in seinem Leben. Seine Gattin Barbara liegt eines morgens tot im Bett neben ihm, doch anstatt einen Notarzt zu rufen, bleibt er einen ganzen Tag neben ihr sitzen und denkt über die gemeinsame Zeit nach. Tommy Molto, der Rusty damals anklagte, sitzt die frühere Niederlage auch nach zwanzig Jahren noch in den Knochen. Ihm fällt es schwer zu glauben, dass Rusty wirklich nur aus Nostalgie so lange neben seiner Frau sitzen geblieben ist. Er beginnt nachzuforschen und kommt weiteren Ungereimtheiten auf die Spur – dieses Mal sieht es nicht so rosig aus für Rusty …
_“Der letzte Beweis“_ ist ein raffiniertes Buch, das zum Nachdenken anregt und den Leser fordert. Erzählt wird aus zahlreichen Perspektiven und auch aus verschiedenen Zeiten. Um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, sind die Kapitel mit dem Namen der Person sowie dem Zeitpunkt überschrieben. Eine zusätzliche Zeitleiste über der Überschrift erleichtert die Orientierung. Die Personen im Vordergrund sind Rusty, Tommy Molto sowie Rustys Sohn Nat, der vor allem die familiäre Situation beleuchtet. Diese spielt im Buch keine unbedeutende Rolle.
Die Figuren sind ausgesprochen gut gezeichnet. Sie dienen nicht nur der Handlung, es scheint dem Autor auch sehr daran gelegen, dem Leser die Charaktere selbst nahe zu bringen. Ihre Gedanken, Gefühle, Ansichten werden ausgiebig behandelt. Einige Stellen wiederholen sich, andere sind für den Fortgang der Geschichte nicht unbedingt relevant. Sie sind jedoch bedeutend für das Gesamtbild, denn Rustys Prozess ist nicht irgendeine Auseinandersetzung vor Gericht. Es ist gewissermaßen auch das Aufeinandertreffen mehrerer Persönlichkeiten, deren Motive nicht immer gleich deutlich werden.
Der Autor schafft es, die Gedanken der Charaktere und ihr zwischenmenschliches Zusammenspiel sowie den langwierigen Prozess zu einer sehr spannenden Sache zu machen. Da der Leser mehr weiß als die Figuren, wartet er nur darauf, dass einige der Lügengerüste zusammenfallen. Zudem überrascht der Autor mit einigen kleinen, aber einflussreichen Wendungen. Turow schafft es, den Leser während des Prozesses als eine Art Richter einzuspannen. Obwohl man in Rustys Kopf gucken darf, schwankt man beständig. Ist er schuldig oder ist er nicht schuldig? Der Autor sät gewieft seine Zweifel, eine Bewertung der Situation ist vertrackt, die Auflösung erfolgt erst ganz am Ende und kommt überraschend.
Bis zu diesem Punkt sind es über 570 Seiten, die Turow flüssig und mitreißend erzählt. Sein Stil ist eher nüchtern, unaufgeregt, dafür aber handwerklich sehr geschickt. So wie er den Persönlichkeiten seiner Figuren auf den Grund geht, so detailliert schreibt er auch. Er drückt sich präzise aus, ohne zu ausschweifend zu werden, bleibt dabei aber häufig recht distanziert von den Personen, aus deren Perspektive er erzählt. Dies stört allerdings nicht, sondern unterstreicht im Gegenteil das schon beinahe analytische Vorgehen des Autors bei der Schilderung der Umstände.
_“Der letzte Beweis“_ ist ein sehr gut geschriebener Roman, dessen Inhalt zuerst etwas langweilig anmutet, in dem aber überraschend viel Potenzial verborgen ist. Autor Scott Turow macht jedenfalls eine interessante und wendungsreiche Geschichte daraus, die zum Nachdenken über Schuld und Unschuld anregt.
|Hardcover: 573 Seiten
Originaltitel: |Innocenct|
Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN-13: 978-3896674241|
http://www.blessing-verlag.de
Gwynne, Phillip – Vor dem Regen
_Das geschieht:_
Detective Frances „Dusty“ Buchanon ist Beamtin der Mordkommission der Northern Territory Police Force im nordaustralischen Darwin. Privat leidet sie noch unter dem Ende einer langjährigen Beziehung, und auch beruflich läuft es schlecht: Gerade wurde ihr der Fall einer ermordeten Touristin entzogen, in den Dusty viel Arbeit und Emotionen investiert hatte.
Eher unwillig folgt die Polizistin einem Hinweis, der sie tief ins öde Outback führt. Dort haben Veteranen des Vietnamkriegs ein Buschcamp errichtet, in dem sie sich ungestört treffen und feiern können. Ein traumatisierter und drogensüchtiger Ex-Soldat will dort in einem Fluss beim Angel auf die Leiche einer thailändischen Frau gestoßen sein. Als Dusty dies überprüft, stößt sie tatsächlich auf eine tote Asiatin, der ein Messer im Leib steckt, doch als wenig später ein Kollege von der Spurensicherung erscheint, ist die Leiche verschwunden.
Schlimmer noch: Es gibt keine Beweise für ihre Existenz. Dusty leidet unter Halluzinationen, so schlussfolgert ihre ungeliebte Vorgesetzte, und schiebt sie ins Polizeiarchiv und damit ins berufliche Abseits ab. Doch Dusty will diese Schmach nicht hinnehmen. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln.
Dies führt sie ins Rotlichtmilieu von Darwin und in brenzlige Situationen, in denen ihr schon einmal ein neugieriges Schwein aus der Bredouille helfen muss. Nach und nach kommt Dusty einem verwickelten Mordfall auf die Spur, der sogar mit dem Fall der getöteten Touristin in Verbindung steht. Dies spornt Dusty an, umso eifriger nachzuforschen – und es steigert die Unruhe und den Handlungsdrang derer, die sich vor der lästigen Polizei sicher wähnten …
_Mord und Verdruss in der australischen Provinz_
Zwischen Darwin im Norden Australiens und Schottland im Norden der britischen Hauptinsel scheint es ungeahnte Parallelen zu geben. Jedenfalls fühlt sich der Krimi-Freund bei der Lektüre von „Vor dem Regen“ immer wieder in das Edinburgh des Ian Rankin versetzt. Zwischen Frances Buchanon und John Rebus klaffen zwar buchstäblich Welten. Dennoch erzählen sowohl Rankin als auch Phillip Gwynne ebenso spannend wie humorvoll von zwei notorischen Querköpfen, die es ausgerechnet in den Polizeidienst verschlagen hat.
Zwar gehört „Dusty“ Buchanon genau dorthin. Dies würde sie jedoch nie offen zugeben. Sie lebt für die Ermittlung, sie ist gut ausgebildet und eifrig. Darüber hinaus verfügt sie über jenes Quäntchen Zusatz-Intelligenz, das viele Vorgesetzte hassen, weil es Unruhe in ihren bürokratischen Alltag bringt oder – noch schlimmer – sie so dumm aussehen lässt, wie sie (manchmal) tatsächlich sind. Dustys Arbeitsalltag besteht daher mindestens zu gleichen Teilen aus der eigentlichen Polizeiarbeit sowie dem Kampf gegen das System.
Unkonventionelle Menschen sind umgangsschwierig. Als weiteres Element kommt die Tatsache ins Spiel, dass Dusty sich oft selbst am meisten im Weg steht. Darwin stellt sich in der Schilderung von Phillip Gwynne zudem als geografisch und kulturell ziemlich abgelegene Provinzstadt mit einem außerordentlich kreislaufbelastenden Klima dar: Der „Build Up“ des Originaltitels bezeichnet die Monate Oktober bis Dezember, die im tropischen Nordaustralien durch eine ständig zunehmende, drückende Hitze gekennzeichnet sind, bevor endlich die Regenzeit einsetzt.
|Simple Verbrechen in einem komplexen Fall|
Gwynne versinnbildlicht mit diesem Titel außerdem den Höhepunkt eines Geschehens, das den dramatischen und erlösenden Durchbruch in einer lange durch Lügen, Irrtümer und Missverständnisse geprägten Mordermittlung beschreibt. Für die lange Durststrecke kann man weder Dusty noch ihre Kollegen wirklich verantwortlich machen, denn der Verfasser kreiert einen Plot, der dem Zufall persönlich staunende Anerkennung abfordern dürfte. Dies ist nicht negativkritisch gemeint, da Gwynne eine rundum spannende Geschichte erzählt. Doch an ein Miträtseln des Lesers im Sinn eines „Whodunit“ ist hier sicher nicht zu denken.
Die Glaubwürdigkeit der Handlung wird arg strapaziert, wenn Gwynne zwei Verbrechen eine gemeinsame Wurzel schafft, die logisch nicht in einen Zusammenhang zu bringen sind, es sei denn, der Leser lässt sich damit ködern, dass manche Geschichte so absurd ist, dass sie einfach nur wahr sein kann. Also entwickelt Gwynne eine hässliche Bluttat zu einer Kette tragischer, bizarrer und komischer Vorfälle, die „Vor dem Regen“ in einen letztlich zwar funktionierenden aber überkonstruierten Krimi verwandeln.
|Der Autor will uns etwas sagen|
Dass dieser Aspekt nebensächlich erscheint, verdankt das Buch dem Geschick eines Schriftstellers, der sich nicht von Genregrenzen einengen lassen möchte. „Vor dem Regen“ ist nicht ’nur‘ Krimi, sondern auch Sittenbild einer australischen Stadt, deren Verhältnisse Phillip Gwynne gut vertraut sind. Darwin ist ein Musterbeispiel für eine multikulturelle Gemeinschaft, die längst nicht so harmonisch ist, wie ihre Befürworter und andere Gutmenschen gern behaupten.
Der Norden Australiens bildet eine Schnittstelle zum indischen und pazifischen Raum und ein Einfallstor nach und für Südostasien. Der kulturelle Kontrast zum ‚weißen‘ Australien der europäischen Einwanderer bedingt zahlreiche Vorurteile; Gwynne schildert u. a. sarkastisch ein Thailand, das zur ‚Bezugsquelle‘ junger, hübscher (Zwangs-) Prostituierter heruntergekommen ist. Hinzu kommen ältere Differenzen mit den Aborigines, die in ihrem eigenen Land weiterhin nur eine geduldete Randexistenz fristen. Last but not least hat auch Australien eine eigene Vietnam-Geschichte. 47.000 mit den USA verbündete Soldaten zogen in den Krieg. Die Heimkehrer litten und leiden unter den bekannten psychischen Spätfolgen.
In seinem Bemühen, den Leser nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu belehren, bleibt der Kinder- und Jugendbuchautor Gwynne erkennbar, der seine pädagogischen Bestrebungen nun auf erwachsene Leser ausweitet. Ihm ist dabei zugutezuhalten, dass diesem Bemühen niemals die Geschichte zum Opfer fällt. „Vor dem Regen“ wurde ohne erhobenen Zeigefinger geschrieben. Für einen Missionar ist Gwynne außerdem viel zu witzig.
|Die Welt ist ein Irrenhaus|
Sein Humor ist trocken und manchmal rabenschwarz. Auch vor echtem Slapstick schreckt er nicht zurück; als im Zuge der Ermittlung ein Hausschwein zu Tode kommt, schmückt Gwynne dies nicht nur zu einer verrückten Episode aus, sondern integriert diesen Vorfall später in die Krimi-Handlung.
Die Mordkommission der Northern Territory Police Force wird zum Hort oft sehr drastischer Cop-Witze. Dustys Kollegen sind sämtlich exzentrisch überzeichnet, wobei der Leser bald merkt, dass der Autor seine ‚Heldin‘ keineswegs ausklammert. Ihr desolates Privatleben endet mit einem Paukenschlag, der „Vor dem Regen“ eigentlich für eine Fortsetzung prädestiniert.
Sehr effektvoll lässt Gwynne absurde Szenen abrupt ins Tragische umkippen. Hinter dem Schein, so demonstriert er auf diese Weise, verbirgt sich eine Realität, die bei näherer Betrachtung einen Missstand markiert, der eigentlich zum Himmel schreit. Erneut und dieses Mal erst recht verkneift sich Gwynne empörte Appelle an ein Tribunal der Gerechtigkeit, dem sich der Leser gefälligst einzugliedern hat. Er holt seine Leser viel geschickter ab und bringt sie dorthin, wo er sie sehen möchte, ohne sie zu drangsalieren oder zu langweilen.
Folgerichtig folgt ihm besagter Leser freiwillig und gern. Dies krönt Phillip Gwynne zwar nicht zur „Krimi-Sensation aus Australien“, wie wir auf dem deutschen Cover lesen müssen, aber sein Roman stellt tatsächlich |“Thrillerstoff am oberen Ende der Skala“| dar, wie ein weiterer werbewirksamer Trompetenstoß verkündet.
_Autor_
Geboren 1958 in Melbourne und aufgewachsen in Südaustralien, wurde Phillip Gwynne als junger Mann professioneller Football-Spieler. Eine Verletzung beendete diese Karriere; sie wurde durch ein Studium der Meeresbiologie an der James Cook University ersetzt. Anschließend begann Gwynne zu reisen. Im Rahmen längerer Auslandsaufenthalte arbeitete er u. a. Lehrer in Thailand oder Programmierer in Belgien.
Nach seiner Rückkehr nach Australien begann Gwynne zu schreiben. Die Legende besagt, dass er dazu inspiriert wurde, weil er seinem Sohn so unterhaltsame Gute-Nacht-Geschichten erzählte. Gwynne besuchte ein Schriftsteller-Seminar des australischen Kinderbuch-Autoren Libby Gleeson. 1998 erschien „Deadly, Unna?“ (dt. „Wir Goonyas, ihr Nungas“), Gwynnes erstes, mehrfach preisgekröntes und verfilmtes Buch für jugendliche Leser, dem weitere folgten. 2008 veröffentlichte Gwynne den Kriminalroman „The Build Up“ (dt. „Vor dem Regen“).
Mit seiner Familie lebt Phillip Gwynne in den Blue Mountains im australischen Neusüdwales.
|Taschenbuch: 384 Seiten
Originaltitel: The Build Up (Sydney : Pan Macmillan Australia 2008)
Übersetzung: Carsten Mayer
ISBN-13: 978-3-442-37427-4
Als eBook: Juni 2010 (Blanvalet Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-04287-5|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet
Schüller, Martin – TATORT: Tempelräuber
Begeisterte die TATORT-Serie über Jahrzehnte hinweg ein Millionenpublikum vor dem Fernseher, läutete der |Emons|-Verlag eine neue Ära ein: Die beliebteste deutsche Krimiserie schaffte im Herbst 2009 auch den Sprung in die Literatur. Basierend auf Drehbüchern bereits gesendeter Folgen werden seither eine ganze Reihe Fälle ausgewählter und beliebter Ermittler auch als Roman angeboten. Erfolgreich. Der ersten Welle von Veröffentlichungen folgten unlängst weitere. Mittlerweile hat sich lediglich das Cover Design etwas geändert.
_Zur Story_
Hauptkommissar Frank Thiel hat es nun wahrlich nicht leicht. Das bekennende Heidenkind vom Hamburger Kiez lebt und arbeitet nunmehr seit einiger Zeit mitten im erzkatholischen Münster. Als wäre das noch nicht genug, erwischt es einen hohen Geistlichen auf offener Straße. Regens Mühlenberg wird mehrfach überrollt – pikantes Detail: mit dem Taxi von Thiels Hippie-Vater Herbert. Doch auch das reicht noch nicht: Der Gerichtsmediziner, hochmütige Dauernervensäge und penetranter Hobby-Einmischer (überdies auch noch sein Nachbar sowie Vermieter in Personalunion) Professor Karl-Friedrich „Ka-Eff“ Boerne wird zufällig Zeuge der Tat und erleidet beim Rettungsversuch selbst einige üble Frakturen, welche ihn – nicht nur arbeitsmedizinisch – eigentlich außer Gefecht setzen müssten. Eigentlich.
Boerne türmt aus der Obhut seiner Ärztekollegen im Krankenhaus und begibt sich – beidseitig vom Handgelenk bis zu den Schultern in Gips gepackt – unverzüglich an den Obduktionstisch. Die Sache nimmt er persönlich, obwohl er praktisch immobilisiert ist. Assistentin „Alberich“ wird’s schon richten. Und seinen Haushalt kann ja Thiel nebenher erledigen, wozu hat man schließlich Nachbarn. Der hat indes Besseres zu tun, als sich um solche Kindereien zu kümmern – zumal die Staatsanwältin ihm im Nacken sitzt, da „ein toter Geistlicher in Münster soviel zählt wie drei tote Bürgermeister“. Die Spur führt zu einem Priesterseminar, bei dem wohl nicht alle immer mit dem Hardliner Mühlenberg konform gingen. Irgendwie hängt in den heiligen Hallen der Haussegen ziemlich schief. Doch reicht das für einen Mord?
_Eindrücke_
Zweifellos gehören die Münsteraner zu den absoluten Publikumslieblingen. Selbst sonst eingefleischte Tatort-Verweigerer vermögen sie vor den Bildschirm zu locken. Zu köstlich sind die Reibereien zwischen Thiel und Boerne, sowie den ebenfalls bemerkenswert verschrobenen Randfiguren. Als da wären: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm oder Herbert „Vaddern“ Thiel. Kommissar Thiels tüchtige Assistentin Nadeshda Krusenstern (welche er im Buch unverständlicherweise gelegentlich duzt) und die kleinwüchsige Gerichtsmedizinerin Silke „Alberich“ Haller scheinen die einzig halbwegs „normalen“ Figuren zu sein. Sieht man von Thiel selbst einmal ab: Der ist zwar häufig muffig, aber weit davon entfernt exzentrisch zu sein. Seinen überaus wachen Verstand versteckt er gut unter seinem manchmal leicht ungepflegt wirkenden Äußeren.
Leider will das im Roman alles nicht so recht ziehen. Es stellt sich auch nicht die Frage, ob es nur am Fall selbst liegt, der sicherlich nicht zu den besten seiner Art gehört. Auch die Fernsehfolge war nicht grade ein Glanzstück gewesen. Das Problem liegt hauptsächlich darin, dass bei der Transformation ganz wichtige Elemente auf der Strecke blieben. Ja, zwangsläufig bleiben mussten: Gestik, Mimik und Tonfall und somit das Gros der markanten Situationskomik zum Beispiel. Ein gewichtiger Teil des Erfolges des Münsteraner Tatorts geht eben halt auf dieses Konto. Sprich: Nicht nur das Was ist wichtig, sondern auch wie etwas nonverbal ausgedrückt wird, ist – gerade dort – faktisch unabdingbarer Bestandteil der Handlung. Das kann man nicht so ohne Weiteres in einen Roman übertragen. Da kann Martin Schüller sich noch so redlich bemühen.
_Fazit_
Thiel und Boerne als Roman – kann das gut gehen? Jein. Das Buch ist der Fernsehfassung gegenüber grandios im Nachteil und schafft es eher selten den richtigen Ton der Kult-Ermittler zu treffen. Das liegt in der Natur der Sache: Speziell diese Tatorte muss man sehen und hören, damit ihre Figuren die volle Wirkung entfalten. Solche Mittel stehen in der Literatur aber nicht zur Verfügung und man kann nur versuchen, das Beste raus zu holen – und das ist bei diesem ohnehin mittelmäßigen Fall sehr schwer. Man bekommt hier einen immerhin leidlich unterhaltsamen Krimi mit gesellschaftskritischem Thema in die Hand, welcher mal eben zwischendurch gelesen und verdaut ist. Als Appetizer (oder wahlweise Gedächtnisstütze) bis zur nächsten TV-Ausstrahlung.
|Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort“
Nach einem Drehbuch von Magnus Vattrodt
ISBN: 978-3-89705-733-3
156 Seiten, Broschur|
www.emons-verlag.de
_TATORT beim Buchwurm:_
[Blinder Glaube]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
[Todesstrafe]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6346
[Strahlende Zukunft]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5956
[Aus der Traum]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6547
Schulte von Drach, Markus C. – Parasit, Der
Markus C. Schulte von Drach ist eigentlich ein promovierter Biologe, doch es scheint, als liege ihm das Schreiben mehr als das Mikroskopieren. Neben diversen journalistischen Tätigkeiten ist er außerdem als Autor tätig. „Der Parasit“ ist bereits sein zweiter Thriller.
_Die Münchner Polizei_ um Hauptkommissar Hans Bauer steht vor einem Rätsel. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen in der Stadt. Er hat es auf Frauen abgesehen, die er in der Dunkelheit angreift, vergewaltigt und anschließend tot beißt. Er hinterlässt keine verwertbaren Spuren, scheint seine Opfer wahllos auszusuchen und es sieht vor allem nicht so aus, als ob er damit aufhören möchte.
Zur gleichen Zeit werden ähnliche Fälle aus Amerika, Schottland und Hawaii gemeldet. Der Mörder scheint viel herum zu kommen. Doch als Bauer nach Hawaii fliegt, muss er schnell feststellen, dass hier etwas nicht stimmt. Die Mordzeitpunkte liegen zu nahe beieinander. Gibt es mehrere Täter? Auch die hinzugezogenen Profiler können sich keinen Reim auf den Täter machen. Doch allmählich kristallisiert sich etwas heraus, dass keiner der beteiligten Ermittler glauben möchte …
_Schulte von Drach_ hat mit „Der Parasit“ ein sehr umfangreiches, detailliertes Buch geschrieben. Verschiedene Hauptfiguren berichten von verschiedenen Aspekten der Ermittlungen und aus verschiedenen Ländern. Die einzelnen Perspektiven sind recht gleichmäßig verteilt und so gut voneinander getrennt, dass dies kein Problem ist. Der Autor gewährt jedem Einzelnen genug Freiraum, um sich zu erinnerbaren Charakteren zu entwickeln. Der breite Überblick sorgt dafür, dass der Leser bei den einzelnen Höhepunkten stets vor Ort ist. Die Handlung ist dadurch unglaublich spannend. Nach und nach werden verschiedene Spuren aufgedeckt. Erst treibt sich der Mörder nur in München herum, dann in Hawaii, Amerika, Schottland. Der Fall wird immer verworrener, aber nie undurchsichtig. Es gibt so gut wie keine Längen – wenn man mal von einigen längeren Fachgesprächen absieht -, man muss einfach weiter lesen.
Die zahlreichen Protagonisten wirken am Anfang verwirrend, sie gewinnen mit der Zeit aber an Tiefe und Persönlichkeit. Beinahe jeder hat eigene Probleme und Stigmata, mit denen er zu kämpfen hat. Dadurch, dass jeweils aus der dritten Person erzählt wird, wirken die Charaktere zwar etwas distanziert, was sich mit steigender Seitenzahl jedoch auswächst. Besonders geschickt: Einer der Ermittler, der zuerst nur wie Beiwerk wirkt, nimmt mit der Zeit unerwartet eine immer wichtigere Rolle ein. Das ist der Geschichte sehr zuträglich.
Geschrieben ist das vorzüglich konstruierte Buch ebenfalls erstklassig. Am sprachlich hohen Niveau merkt man den journalistischen Hintergrund des Autors. Nicht immer ist alles für den Laien sofort verständlich, da Schulte von Drach vor allem im Bereich der (Kriminal-)Psychologie häufig sehr tief eintaucht. Allerdings schafft er es, derartige Sachverhalte verständlich darzustellen. Ein gewisses Interesse für die Materie sollte man dennoch mitbringen. Wer mehr Wert auf Action als auf lehrreiche Unterhaltung legt, ist mit „Der Parasit“ daher möglicherweise falsch beraten.
_Wer sich jedoch_ darauf einlässt, wird in dem Buch von Markus C. Schulte von Drach eine spannende und informative Lektüre finden. „Der Parasit“ ist ein überdurchschnittlich guter Thriller, der sich durchaus mit internationalen Bestsellern messen kann.
|Taschenbuch: 586 Seiten
ISBN-13: 978-3426504437|
http://www.knaur.de
Daniel Suarez – Daemon. Die Welt ist nur ein Spiel
Seit Jahren beschäftigen sich auch die Medien oberflächlich mit den Gefahren, die durch den allgegenwärtigen Gebrauch der neuen Informations- und Kommunikationstechnologie erwachsen – Betrug, Datenklau, Überwachung, Missbrauch … – die Liste ist lang. Trotzdem dringt dieses Problem nur ungenügend ins öffentliche Bewusstsein, zumal die Konsequenz eine drastische Rücknahme dieses sorglosen Umgangs wäre und für die Betroffenen Arbeit im Sinne von Verstehen und sich schützen lernen bedeutete. Von den meisten Anwendern wird das Problem nicht verstanden und diese technischen Hilfsmittel machen alles so einfach, scheinbar kontrollierbar und schnell – Eigenschaften, die aus Firmen und vor allem der Finanzwelt nicht mehr wegzudenken sind.
Einige Romane beschäftigen sich mit diesem Thema, doch keiner erreicht die eindringliche Tiefe des vorliegenden Buches von Daniel Suarez, der einen DAEMON (ein Computerprogramm, das ständig im Hintergrund abläuft und zu festgelegten Zeitpunkten oder als Reaktion auf bestimmte Ereignisse spezielle Prozesse ausführt. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus „Disk And Execution MONitor“) erdenkt, dessen Auswirkungen und scheinbare Unaufhaltsamkeit das verstörendste, weil so realitätsnah erscheinende, Bild der zivilisatorischen Zukunft der letzten Jahre entwirft. Selbst Überwachungsdystopien wie der jüngst erschienene Roman „Little Brother“ von Cory Doctorow sind noch harmlos dagegen.
Mathew Sobol, Genie, Milliardär und Computerspieleentwickler, hinterlässt bei seinem durch Krebs verursachten Tod ein Vermächtnis, das jede vorstellbare Dimension sprengt: Einen DAEMON von unvorstellbarem Umfang, Ausgeklügeltheit und Zielstrebigkeit. Sobols Hintergründe bleiben vorerst verborgen, doch der DAEMON handelt mit mörderischer Effizienz, vernichtet anfangs nur die Mitentwickler, arbeitet an seiner Verbreitung und übernimmt die Kontrolle wichtiger Finanz- und Entwicklungsfirmen, die erst Notiz davon nehmen, als es zu spät ist. Selbst IT-Experten aller Sicherheitsdienste und Verteidigungsinstitutionen können das Programm nicht stoppen, da es dezentral auf kompromittierten Rechnern weltweit verteilt ist.
Es gibt Menschen, die sich gern vom DAEMON gebrauchen lassen, sich ihm anschließen oder deren Lebenssituation und die individuellen Angebote des DAEMON sie zum Anschluss zwingen. Sobald sie eine gewisse Grenze an Einblick überschritten haben, ist die Alternative dazu auch nur noch der Tod, den das Programm in jedem Fall herbeizuführen im Stande ist. Einige dieser Menschen erhalten dadurch Macht und Bedeutung, die ihnen sonst verwehrt blieben.
Und es gibt einen illegalen Einwanderer in den USA, dessen Identität nicht bekannt ist und der deshalb für den DAEMON unsichtbar ist. John Ross ist Computerfreak, kennt Sobols Spiele wie kaum jemand sonst und erkennt als Erster das Wesen der Gefahr, die so plötzlich erwacht ist. Ross ist es, der mit seinem Wissen um die Technik von Sobols Spielen und den daraus ableitbaren Charakterzügen des Genies erste Schritte zur Bekämpfung des Programms geht. Doch auch er weiß nicht, wie weit Sobol mit seinem DAEMON gegangen ist …
Ehrlich gesagt, der Titel „Daemon – Die Welt ist nur ein Spiel“ gibt nicht allzu viel her. Auch der reißerische Klappentext „es beobachtet. Es lernt. Und es tötet.“ wären für mich eher abschreckend als kaufanreizend. Das Cover jedoch und der eigentliche Klappentext, in dem Matthew Sobols post mortale Ansprache erscheint, sind sehr gelungene Indizien für den Charakter des Romans und überzeugten mich, ihn zu versuchen. Ein Erfolg, zu dem ich den Lektor beglückwünsche, denn hinter diesem zwiespältigen Cover verbirgt sich ein Roman der absoluten Empfehlungsklasse.
Wie es verschiedene Schriftsteller schaffen, allgemein verständlich über komplizierte Computer- und Internetgefahren zu erzählen, versetzt mich jedes Mal in tiefe Hochachtung und Faszination vor dem Thema, sei es nun beispielsweise die Spieltheorie (wie in Brian D’Amato, „2012“), die Zeitzonenproblematik (z. B. Cory Doctorow, „Upload“), die beschleunigte Informationstechnikentwicklung (z. B. Charles Stross, „Accelerando“), Überwachungsproblematik durch die Nutzung verschiedener Netzwerke (z. B. Cory Doctorow, „Little Brother“) oder eben im vorliegenden Roman die Online-Spielewelten und deren Auswirkungen auf das „RL“, Real Life, was aber nur unzureichend einen Aufhänger der Geschichte bezeichnet. Bleiben wir bei „Daemon“: Man steht erstmal wie die offiziellen und sogenannten seriösen IT-Spezialisten wie der Ochs vorm Berge, wenn man die Charakteristika von Sobols Gedankengängen vorgelegt bekommt. Erst die Erklärungen von Spielern, von ausgeprägten Spielern, denen man als Nicht-Computerspieler das Spielen als Fulltime-Job anhängen möchte, führen Leser wie Ermittler auf einen zwar oberflächlichen, aber doch faszinierenden Weg der Erkenntnis.
In diesem Zusammenhang sind auch die Ideen des Autors beachtlich, der die Charakteristika von Spielewelten auf das RL zu übertragen versucht und in vielerlei Richtung verknüpfbare Stellen findet, die er über den DAEMON Sobols auch zu einem ausgeklügelten Gespinst verbindet. Die AutoM8 beispielsweise, die Auto|macht|, aus ferngesteuerten und über das GPS vernetzten Autos, womit diese Verknüpfungen beginnen, sind nur ein winziges Steinchen auf dem Weg, der zumindest für die Anhänger und Jünger des Daemon eine völlige Verknüpfung von RL und Spiel bedeutet. Faszinierende technische Entwicklungen ermöglichen die Projektion von individuellen Spieloberflächen auf die Innenseite von Sonnenbrillen, wo mit charakteristischen Symbolen, die über das GPS eindeutig lokalisierbar und steuerbar sind, eine neue Sphäre erschaffen wird, die für Außenseiter nicht erreichbar ist, für die Jünger des Daemon aber Handlungspotential in ihrer ureigenen Sprache, der Sprache von Onlinespielen, bietet.
Das Abgefahrene an diesem Roman ist nicht nur die Konsequenz und nahezu perfekte Programmierung, mit der Sobol seine Ideen über sein Leben hinaus trägt und erst nach seinem Tod zu verwirklichen sucht, sondern auch und vor allem der Gedanke, der sich dem Leser aufdrängt: Es ist so naheliegend! Wenn auch hoffentlich niemand die Mittel und das Genie Sobols besitzt, um diese zerrüttenden Ideen in dieser Perfektion umsetzen zu können, so besteht doch auf längere Sicht durchaus die Möglichkeit einer Entwicklung in diese Richtung, wo Programme das Handeln der Menschen noch stärker bestimmen, ja, nicht nur Firmenschicksale, sondern persönliches Leben von Entscheidungen logischer Programme abhängen, wo sich vielleicht eine übergeordnete Sphäre entwickelt, die alles und jeden kontrollierbar machen. Letzteres ist überdies ein Ansatz, der ohne Weiteres auch jetzt schon vorstellbar ist und man kann nicht sagen, wie weit Informationsdienste mit dieser Technik beschäftigt sind.
So entwirft Daniel Suarez also neben einem ausnehmend spannend, faszinierend und wunderbar unterhaltend geschriebenen Roman eine Zukunft, in der wir wirklich nicht leben wollen, deren Entstehen aber nicht absurd, sondern sogar bestürzend naheliegend ist. Dieser Roman hat das Zeug zum Highlight des Jahres, auch wenn er sicherlich einige starke Gegner hat mit großen Namen wie Charles Stross oder Iain Banks, Cory Doctorow oder auch Andreas Eschbach, die sich alle in diesem Jahr ein Stelldichein mit ähnlich ambitionierten Neuerscheinungen geben.
Taschenbuch: 640 Seiten
Originaltitel: Daemon
Deutsch von Cornelia Holfelder-von der Tann
ISBN-13: 978-3499252457
Der Autor vergibt: 




Schriever, Tomke – Totenschiffer, Der
_Inhalt_
Bei Leer in Ostfriesland wird ein ermordeter Mann gefunden. Der Täter scheint aber nicht einfach nur den Tod des Mannes gewollt zu haben, er arbeitet mit Symbolik: Der Tote liegt auf einer Fähre, neben ihm ein Hammer und ein toter Hund. Die Kripobeamten ziehen die Psychotherapeutin Hannah Tergarten hinzu. Sie erkennt in dem Toten einen Kollegen, und Hammer, Hund und Fähre stellen sich als Utensilien Charons heraus, des Fährmanns der griechischen Mythologie, der die Seelen der Toten über den Unterseefluss Styx in ihre neue Heimat bringt.
Hannah tappt im Dunkeln, doch ehe sie noch mit dem lähmenden Grauen umzugehen lernt, das der rätselhafte Tod ihres Kollegen in ihr auslöst, wird sie an einen zweiten Tatort gerufen: Unter qualvollen Umständen starb hier eine junge Lehrerin, und in ihrem Mund findet sich eine Münze – so, wie sie im antiken Griechenland den Toten mitgegeben wurde als Bezahlung Charons.
Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den beiden Ermordeten? Wo ist die Schwester der jungen Lehrerin, warum versteckt sie sich? Ist sie die Mörderin, oder weiß sie einfach zu viel? Und wie um alles in der Welt soll Hannah sich auf diese Morde konzentrieren, wenn ihr Vater, zu dem sie ein problematisches Verhältnis hat, zwischendurch eine Bombe gewaltigen Ausmaßes platzen lässt? Auch die junge Beziehung Hannahs zu dem Kripobeamten Enno Hehren gestaltet sich nicht unproblematisch, speziell, wenn die Arbeit der beiden kollidiert: Als die Patienten des ersten Mordopfers in den Ermittlungsfokus rücken, wirft Hannah sich dazwischen, bereit, die Rechte der zu Therapierenden mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Kein Wunder also, dass bei diesem Wust aus vielerlei Problemen und offenen Enden die Ermittlungen nur schleppend vorangehen. Und all das ist nur der Anfang …
_Kritik_
Die Protagonistin dieses Romans hat es nicht ganz leicht: Gerade erst war sie nach einer traumatischen Erfahrung von Hamburg aus ins ruhige Ostfriesland gezogen, und dann passiert so etwas vollkommen Unwirkliches wie diese mythologiegeschwängerten Morde. Obwohl die Morde an sich natürlich so hässlich und widerlich sind, wie ein gewaltsamer Tod nur sein kann, mutet das Drumherum seltsam an, denn ist es eine sehr reizvolle Idee, altgriechische Mythologie mit einem kalten, banalen ostfriesischen Spätherbst und Winter zu verquicken.
Die Entwicklung der Geschichte ist ausgesprochen spannend, Tomke Schriever hetzt ihre Leser von einer falschen Spur auf die nächste, und die permanente Ungewissheit über das Schicksal verschiedener Personen zerrt aufs Angenehmste an den Nerven des Krimilesers. Die Kombination aus der empathischen, grundoptimistischen Therapeutin und den trockenen, logisch denkenden, immer das Schlimmste erwartenden Kripobeamten sorgt für Zunder, selbst wenn die persönlichen Beziehungen zwischen den Parteien durchaus freundschaftlicher Natur sind.
Tomke Schriever befleißigt sich eines angenehmen Stils; sie schreibt aus der Perspektive der Therapeutin und ermöglicht so tiefe Einblicke in deren Sicht der Angelegenheit, die von dem normalen Polizeiblickwinkel erfrischend abweicht. Ausgefallene Morde, verzweifelte Suche nach vermissten Personen, seelische Abgründe, familiäre Probleme und politische heiße Eisen vereinen sich in diesem Regionalkrimi zu einem wirklich lesenswerten Stück Unterhaltungsliteratur.
_Fazit_
Tomke Schriever ist ein Pseudonym Helga Glaeseners, die seit langem historische Romane verfasst. Unter diesem fremden Namen hat sie nun eine neue Reihe begonnen, deren Heldin Hannah Tergarten ist. „Der Totenschiffer“ ist Teil zwei dieser Reihe, und ich werde mir jetzt Teil eins ebenfalls zu Gemüte führen, denn ich war angetan.
Hannah Tergarten ist eine sympathische, unaufgeregte, interessante Protagonistin, ihre Interaktion mit den anderen Personen im Buch ist glaubwürdig und ausgefeilt. Gerade die Natürlichkeit und der gesunde Menschenverstand der Therapeutin machen es Schriever möglich, ein unterschwelliges undeutbares Gefühl drohender Gefahr zu vermitteln: Wenn jemand so gar nicht zur Hysterie neigt, muss wirklich etwas im Argen sein, wenn sich die Situation seltsam anfühlt. Die Autorin beweist deutliches Gespür für Charaktere, Spannungsaufbau und sprachliche Angemessenheit. Krimifans kann ich die Lektüre nur wärmstens empfehlen. Lesen!
|Taschenbuch: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3499253799|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.tomke-schriever.de]http://www.tomke-schriever.de
_Tomke Schriever bei |Buchwurm.info|:_
[„Und dann war Stille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5908
Conrath, Martin – TATORT: Aus der Traum
Den TATORT kennt heute selbst jedes Kind. Kaum ein Format kann auf eine längere und erfolgreichere Geschichte im deutschen Fernsehen zurück blicken als die legendäre Krimi-Serie der ARD. Nun zündete man eine weitere Stufe der Vermarktung. Die beliebtesten Kommissare bzw. Ermittlungsteams gehen nun auch in Buchform auf Verbrecherjagd. Als Vorlage dienen – derzeit zumindest – bereits im TV ausgestrahlte Fälle. Die jeweils etwa 160 Seiten starken Bücher erscheinen seit Ende September 2009 als Broschur bei |Emons| und kosten 8,95 Euro pro Band. „Aus der Traum“ ist der erste gemeinsame Fall des neuen Saarbrücker Duos Kappl/Deininger und gehört zur ersten Tranche der Veröffentlichungen.
_ Zur Story_
Nach dem Ausscheiden von Max Palu hofft Stefan Deininger, die Rolle der ewigen zweiten Geige abzulegen und aus dem Schatten seines alten Chefs treten zu können. Endlich als Hauptkommissar die Leitung der Saarbrücker Mordkommission, das „K1“, übernehmen – die diesbezügliche Ernennung scheint nur reine Formsache. Deininger weiß schließlich, wie die Dinge an der Saar immer gehandhabt werden. Doch was er nicht ahnt: Die Planstelle wurde bereits an jemand anderen vergeben. HK Franz Kappl nämlich, der sich von Bayern hierher hat versetzen lassen, platzt auch passender Weise gleich in die Geburtstagsfeier, bei welcher auch auf Deiningers vermeintlichen Beförderung und Amtsübernahme angestoßen werden soll. Pustekuchen.
Der sonst eher phlegmatische „Stefansche“ schäumt. Ausgerechnet ein Bayer! Als dann Kollegin Kathi, auf die er ein Auge geworfen hat, von drei Kugeln tödlich getroffen in ihrer Wohnung aufgefunden wird, scheint sich endgültig alles gegen ihn verschworen zu haben. Zumal sich recht schnell herausstellt, dass die junge Polizistin zwei Gesichter hatte. Kappl bemüht sich derweil, die Eiszeit zwischen ihnen abzumildern, stößt aber zumeist auf Nickeligkeit und Starrsinn. Außer mit Deininger kämpft er nicht minder mit der hiesigen Mentalität und Gepflogenheiten. Überhaupt scheint das gesamte Saarbrücker K1 seinen Ansichten bezüglich moderner Ermittlungsmethoden gegenüber grundsätzlich erst einmal skeptisch eingestellt zu sein. Ein leichter Start sieht sicher anders aus.
_Eindrücke_
Der Saarbrücker Tatort war schon immer etwas – nennen wir es mal wertungsfrei „eigenwillig“. An der Figur, welche ihm bis dato genau dieses Gesicht verschafft hat, schieden sich Geister, die einen mochten den zuweilen schrägen Vogel Max Palu (übrigens: zwar gesprochen „Palü“, jedoch – wie im Roman mehrfach irrtümlich – ohne Umlaut geschrieben). Nun ist jener allerdings raus aus dem Polizeidienst und sein langjähriger, stets etwas pennälerhaft wirkender Assistent steht parat, die Fackel weiter zu tragen. Kein leichtes Erbe. Und doch: Endlich gewinnt der sonst so farblose Deininger wesentlich mehr Kontur und Biss. Im TV wird das allein schon mit geänderter Haar- und Barttracht signalisiert.
Im Buch geht das aus nachvollziehbaren Gründen natürlich schlecht. Da muss das geschriebene Wort visuelle Eindrücke sowie Gestik und Mimik kompensieren. Das haut hier auch ganz gut hin. Es werden die Begleitumstände humorig kurz angerissen und verdeutlicht, was Deininger so antreibt und in welchem Dilemma er steckt. Humor ist ein gutes Stichwort. Hüben wie drüben lebt der „neue“ Saarbrücker Tatort in erster Linie von der selbstironischen Darstellung der saarländischen Lebensart, Kultur und Sprache – wobei der weltoffene, Tuba spielende Bayer mit seinen amerikanischen Ermittlungsmethoden logischerweise das volle Kontrastprogramm bietet.
Herzerfrischend sind dann die zunächst großen, dann aber immer kleiner werdenden Hahnenkämpfe der beiden MoKo-Leithammel. Dazwischen stehen die Figuren, welche man zum Teil ebenfalls – und glücklicherweise – mitgenommen hat: Spurensicherer Horst Jordan und Innendienst-Urgestein Gerda Braun. Erfüllte sie unter Palu noch fast ausschließlich den Part des mundartlichen comical-relief, so bekommt sie neuerdings wesentlich mehr aktive Funktionen zugesprochen. Ebenfalls neu dabei ist die junge Gerichtsmedizinerin Dr. Resa Singh, auf welche Kappl sofort ein Auge geworfen hat. Diese Sympathie wird auch erwidert, selbstredend wiederum erst einmal zum Leidwesen Deiningers.
Bei soviel Charakteraufbau und Figurenmodifikation für’s neue Team gerät der eigentliche Fall schon fast zur Nebensache. Wobei dieser durchaus nicht leicht zu knacken ist, einige dubiose Gestalten, unerwartete Wendungen und Querverbindungen parat hält, mit denen man so nicht gerechnet hat. Und hinterher war’s vielleicht doch jemand ganz anderes? Es bleibt auf jeden Fall bis zum Ende hin spannend. Das Einzige, was man nicht ganz vom Drehbuch in die Textform retten konnte, ist die versöhnliche Schluss-Pointe. Während diese den Zuschauer im Fernsehen recht unerwartet trifft, kündigt sie sich hier schon vorher an bzw. hat eine leicht alterierende Grundstimmung. Nicht immer ist ein Buch der Verfilmung überlegen.
_Fazit_
Wer die Saarbrücker Tatorte bislang nicht mochte, wird überrascht sein. Das neue, zumeist junge Team ist gefällig, hat selbstironischen Witz und versprüht Esprit. „Eigenwillig“ ist man immer noch, nun aber definitiv im positiven Sinne. Martin Conrath hat die Umsetzung zum Roman in nahezu allen Disziplinen exzellent hinbekommen – die Story macht sicher auch Leuten Freude, welche die TV-Folge (noch) nicht kennen. Man darf hoffen, dass das unterhaltsame Duo Kappl/Deininger, nach einigen sehr sehenswerten Episoden im Fernsehen, bald auch vermehrt den Weg in die Bücherregale finden wird.
|Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort“
Nach einem Drehbuch von Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer
ISBN: 978-3-89705-661-9
176 Seiten, Broschur|
http://www.emons-verlag.de/
_TATORT beim Buchwurm:_
[Todesstrafe]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6346
[Blinder Glaube]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
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Hurwitz, Gregg – Meute, Die
Gregg Hurwitz‘ Romanfigur, der US-Marshall Tim Rackley, hat in „Die Meute“ bereits seinen dritten Auftritt. Auch dieses Mal ist er persönlicher in den Fall involviert als ihm lieb ist …
_Die Polizei in_ Los Angeles beobachtet den Krieg verfeindeter Motorradgangs mit Argwohn. Als bei einem Gefangenentransport zwei Biker auf spektakuläre Art und Weise befreit werden und dabei zwei Polizisten sterben, wollen sie nicht mehr nur länger zuschauen. Unter US-Marshall Tim Rackley formiert sich eine Truppe, die alles daran setzt, um die Bikergangs ein für allemal auszuschalten.
Als die hochschwangere Dray, Tims Frau, von den flüchtigen Gefangenen angeschossen wird, intensivieren sich Tims Bemühungen. Während Dray im Krankenhaus im Koma liegt und um ihr Leben kämpft, deckt ihr Mann etwas auf, womit keiner gerechnet hat. Erst löschen die Laughing Sinners mit einem einzigen Schlag die Cholos, ihre verfeindete Bikergang aus, dann zeichnet sich ab, dass sie an einem merkwürdigen Mord an einem jungen Mädchen beteiligt sind. Als sich allmählich die ganze Tragweite der Taten der Gang verstehen, ist es beinahe schon zu spät …
_Ein Thriller ist_ ein Thriller ist ein Thriller. Obwohl dieses Genre eigentlich von Natur aus spannend und mitreißend sein sollte, trifft das nicht immer zu. Es gibt diverse Stereotype, die nur allzu gerne befolgt werden. Gregg Hurwitz‘ Roman stellt da eine wohltuende Ausnahme dar. Mit Hilfe kleiner Besonderheiten hat er ein überaus lesenswertes Buch geschrieben.
Das beginnt bei der Handlung. Diese ist actiongeladen und baut von der ersten Seite an Spannung auf. Die Ermittler decken immer wieder kleine, aber wichtige Details auf und liefern sich mit den Sinners ein Kopf-an-Kopf-Rennen – bei dem sie häufig zu spät kommen. Der Anschlag auf Dray und die Ungewissheit über ihren Zustand sorgen zusätzlich dafür, dass man das Buch nicht weg legen kann. Hurwitz geht auch sonst nicht zimperlich mit seinen Figuren um. Wieso sollte er die junge Frau also nicht einfach sterben lassen? Diese Frage bleibt bis zu den letzten Seiten unbeantwortet. Ein geschickter Schachzug, denn auch wenn man die beiden vorherigen Bücher nicht kennt, wächst Dray einem ans Herz. Zum Einen durch Tims Erinnerungen, zum Anderen aber auch dadurch, dass er eine Weile im Kopf Dialoge mit seiner Frau führt.
Dray ist nicht die einzige Person, die Sympathien weckt. Eine von Hurwitz‘ Besonderheiten sind seine tollen, authentischen Charaktere. Er stellt diese weder als Gutmenschen noch als psychische Wracks dar. Trotz einiger Erschöpfungsstrecken wirken die Polizisten engagiert und verlieren zumindest ihren Humor nicht. Manchmal hat man sogar das Gefühl, bei den bewaffneten Herren würde es sich um normale Angestellte handeln, so wie sie flachsen. Von den auf Hochglanz polierten Helden anderer amerikanischer Thriller sind diese wunderbar weit entfernt. Es ist zwar ab und zu schwierig, die Vielzahl an Mitarbeitern auseinander zu halten, doch Hurwitz rückt Tim und seine direkte Partner in den Vordergrund, so dass man letztendlich ganz gut den Überblick behält.
Hinzu kommt ein lockerer Sprachstil, der die unkonventionellen Protagonisten unterstreicht. Die Dialoge gefallen durch ihre Lockerheit und den Humor. Hurwitz übertreibt es mit Letzterem nicht, lässt ihn aber immer wieder einfließen. Statt klinischem, aber flüssigem Stil, wie das in anderen Büchern häufig der Fall ist, geht es in „Die Meute“ rauer zu. Gut erzählt ist es trotzdem. Der Autor fasst sich kurz, lässt aber nichts Wichtiges aus. Durch geschickte Kapiteleinteilung baut er Spannung auf. Dass das Buch über 450 Seiten hat, merkt man nicht, denn es vergeht wie im Flug.
_Mit „Die Meute“_ ist Hurwitz ein überaus spannender, toll geschriebener Thriller gelungen, der sich an einigen Stellen angenehm von anderen Thrillern abhebt.
|Taschenbuch: 470 Seiten
Originaltitel: Troubleshooter
Deutsch von Wibke Kuhn
ISBN-13: 978-3426636923|
http://www.knaur.de
Booth, Martin – The American
_Inhalt_
Signor Farfalla ist in dem kleinen italienischen Bergdorf wohlbekannt und wohlgelitten. Der nette, etwas distanzierte, ältere englische Herr malt Schmetterlinge – daher der klangvolle Spitzname – und trifft sich zu friedlichen Diskussionen bei Pfirsichen, Armagnac und Schinken mit dem Priester. Er ist etwas eigen, aber man lässt ihm seinen Frieden, freut sich, wenn er auftaucht und denkt kaum weiter über ihn nach, wenn er es nicht tut.
Was nicht allgemein bekannt ist: Signor Farfalla baut Waffen für Attentate, auf hochkünstlerische Art und Weise. Er ist der Beste auf diesem Gebiet, sehr teuer und sehr präzise. Er kennt keine Wurzeln und keine Heimat, und Frieden kennt er auch nicht. Nach Jahrzehnten der Wachsamkeit traut er niemandem; den Luxus von Freunden, von Vertrauten kann er sich nicht leisten. Und doch, langsam kommt er in die Jahre. Geld hat er genug, um sich an seinem Lebensabend jede Annehmlichkeit zu gönnen, und dieses kleine Bergdörfchen in Italien ist ihm ans Herz gewachsen. Die Menschen sind einfach und freundlich, das Essen sehr gut, der Wein superb. Eine der jungen Damen, die er hin und wieder zu bezahlen pflegt, beginnt von Liebe zu sprechen – Falle oder Wink des Schicksals, dass es an der Zeit ist, sich zur Ruhe zu setzen?
Signor Farfalla weiß es nicht, doch er beschließt, dass der gegenwärtige Auftrag sein letzter sein soll. Und dann taucht plötzlich jemand auf, den er den „Schattenbewohner“ nennt – einer aus der Welt, in der er lebt, ein Verstohlener, ein Heimlicher – und heftet sich an seine Fersen …
_Kritik_
Signor Farfalla zieht den Leser tief in seinen Bann mit vielen Introspektionen und Geheimnissen, mit Philosophieren und weisen Worten, ehe er seine dunkle Seite offenbart. Er kann das Leben im Kleinen genießen, kann dankbar sein für Augenblicke, einen besonderen Wein oder Käse, einen besonders entzückenden Schmetterling, eine Blumenwiese. Er ist eine facettenreiche Figur, der man immer zustimmen möchte, weil sie so viele wundervolle Dinge denkt und sagt, bis dann plötzlich dieser eine kleine Defekt in seinem ethischen Bewusstsein hervortritt, der es ihm erlaubt, Präzisionswaffen zu entwerfen, die ausschließlich für das Töten von Menschen gedacht sind.
Martin Booth pflegt einen wundervollen Stil, der es dem Leser erlaubt, durch die Seiten hindurch direkt auf die kleine Piazza zu blicken, auf der Signor Farfalla sitzt, seinen Espresso trinkt, Zeitung liest und dabei scharf die Gegend im Blick hält, nie entspannt, immer auf der Hut. Die Kluft zwischen der Beschaulichkeit des italienischen Bergdörfchens und dem Waffenbauer, der immer in Habachtstellung ist, wenngleich er es nach außen hin nicht zeigt, erzeugt atemlose Spannung. Gleichzeitig hat man trotz seines menschenverachtenden Jobs ein tiefes Mitleid mit dem alternden Mann, der sich nach Ruhe und Frieden sehnt, aber doch längst verlernt hat, wie man diese Dinge zulässt und fühlt.
„The American“ ist eine klassische Geschichte von der Vergangenheit, die zurückkommt, um dich zu jagen. Aber die Umsetzung ist brillant, grandios, geht unter die Haut. Durch die Unmittelbarkeit, mit der der Leser vom Ich-Erzähler alles erfährt, was geschieht, hat man dem Protagonisten längst sein Herz geöffnet, ehe dieser seine Abgründe offenbart, und ist der eigenen Sympathie ihm gegenüber hilflos ausgeliefert. Es ist ein perfektes psychologisches Spiel.
_Fazit_
Martin Booth war offensichtlich ein Meister seines Fachs. Leider ist er 2004 einem Krebsleiden erlegen; dieser Roman stammt aus dem Jahre 1991 und trug ursprünglich den Titel „A Very Private Gentleman“. Jetzt wurde er gerade unter dem Namen „The American“ verfilmt und soll mit George Clooney in der Hauptrolle hervorragend besetzt sein. Wenn ich aber einen Tipp abgeben dürfte: Lest lieber den Roman. Oder geht ruhig ins Kino, aber lest den Roman trotzdem. Was genau nämlich in des wortgewandten Signor Farfallas Inneren alles vor sich geht, das kann auch der beste George Clooney nicht mimisch wiedergeben.
Dieser Roman ist schlicht ein Meisterwerk, und es wäre traurig für euch, wenn ihr ihn versehentlich nicht läset. Es ist eine Bereicherung für den deutschen Markt, dass nun endlich eine Übersetzung vorliegt.
|Taschenbuch: 400 Seiten
Originaltitel: A Very Private Gentleman
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
ISBN-13: 9783499255151|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
Gordon, William C. – Gift (Samuel Hamilton 2)
_Die |Samuel-Hamilton|-Serie:_
„Der Tote im Smoking“ |(„The Chinese Jars“)| (2007)
„Gift“ |(„The King of the Bottom“)| (2008)
|“The Ugly Dwarf“| (2010) (noch kein dt. Titel)
_Das geschieht:_
Detective Lieutenant Bernardi vom Morddezernat des Richmond Police Departments übernimmt den Fall. Rasch schaltet sich Earl „Deadeye“ Graves ein. Der ehrgeizige Staatsanwalt will sich profilieren. Vier illegale mexikanische Arbeiter, die Hapogian gefeuert hatte, gelten aufgrund diverser Indizien als Hauptverdächtige. Für Graves stehen sie als Mörder fest, die er in die Gaskammer bringen will.
Doch Bernardi hält die ‚Beweise‘ für gefälscht. Während Graves ihm die Hände binden kann, stellen sich der idealistische Anwalt Janak Marachak und der Journalist Samuel Hamilton auf die Seite der Mexikaner. Sie recherchieren die Herkunftsgeschichte der Familie Hapogian, die nach dem Ersten Weltkrieg vor dem Völkermord der Türken und Kurden an den Armeniern flüchten mussten. Dabei finden sich Hinweise auf eine sorgfältig geheim gehaltene Geschichte von Verrat und Rache, der nun auch Joseph Hagopian, Armands Cousin, ähnlich grausig zum Opfer fällt.
Während Marachak den skrupellosen Graves mit Geschick und ein wenig List ausmanövrieren kann, bleiben die Morde ungeklärt, bis der Anwalt und der Journalist auch in dieser Sache weiterkommen und eine tragische Familienfehde aufdecken, die vor vielen Jahren und in einem fremden, fernen Land ihren Anfang nahm …
_Andere Zeiten, ähnliche (Un-) Sitten_
Zum zweiten Mal werden die ungleichen Freunde Janak Marachak und Samuel Hamilton im Großraum San Francisco der 1960er Jahre im Dienste der Gerechtigkeit aktiv. So lässt sich ihre Tätigkeit wohl am besten umschreiben, denn ‚richtige‘ Krimis bietet die 2007 vom William C. Gordon gestartete Reihe eigentlich nicht. Liegt es daran, dass der Verfasser daran scheitert, seine Geschichte/n glaubhaft in einer Vergangenheit zu verankern, deren naiven Geist er gleichzeitig (unfreiwillig) wiederauferstehen lässt?
Die hier anklingende Kritik richtet sich nicht gegen den Plot. Dieser ist nicht gerade raffiniert, was jedoch kein Nachteil sein muss. Allerdings tut Gordon des (nicht so) Guten deutlich zu viel: Er erzählt absolut eindimensional. Überrascht wird der Leser selten und höchstens, wenn die Story sich einer offenen Frage nähert, die ausführlich beantwortet wird, bevor es betulich weitergeht.
Stilistisch bleibt Gordon ebenfalls schlicht. Auch dies ist bis zu einem gewissen Grad kein Minus-Argument. Wäre „Gift“ ein Roman-Erstling, würde man dem Verfasser die eleganzfreie Handlungsstruktur, den unvollständigen Spannungsbogen und den hoch aber ungeschickt erhobenen Zeigefinger nachsehen. Doch dies ist Gordons zweites Werk. Er hätte es besser wissen und können müssen.
|Bilderbuch-Helden und -Bösewichte|
Die Vergangenheit wird dort, wo sich keine Kriege, Hungersnöte und andere menschgemachte Katastrophen orten lassen, gern als ‚unschuldigere‘ Zeit glorifiziert. Gordon schwelgt zwar in pädagogisch wertvollen Anklagen gegen Rassismus, Chauvinismus oder soziale Ungerechtigkeit, bleibt dabei jedoch erzählerisch einem Niveau verhaftet, das ihn als politisch korrekten Gutmenschen karikiert, der er sicherlich nicht sein möchte: Wenn ’nichtweiße Minderheiten‘ – Armenier, Mexikaner, Chinesen – auftreten, schließt sich garantiert ein humanitärer Vortrag an, dem unsere Helden beschämt folgen, denn irgendetwas ethnografisch Unkorrektes haben sie stellvertretend für die Leser bestimmt ausgefressen!
Dabei sind sie faktisch viel zu gut, um wahr zu sein. Egal ob Anwalt, Journalist oder Polizist, sie gehen in ihrem jeweiligen Job auf, zahlen notfalls für Dienstreisen u. a. im Dienste der Wahrheit erforderliche Spesen selbst, die vernagelte Vorgesetzte und Redakteure nicht übernehmen wollen, und arbeiten rund um die Uhr, um verängstigte Mexikaner dem Würgegriff des erbarmungslosen Systems zu entreißen. Privat sind Hamilton, Marachak und Bernardi sensible Familienmenschen und rührend schüchtern im Umgang mit der holden aber starken Weiblichkeit.
Entsprechend – also kindlich – grimmig überzeichnet Gordon die Bösen in seiner Geschichte. Primär Earl „Deadeye“ Graves gerinnt ihm zur Witzfigur, die der Leser keine Sekunde ernst nehmen kann. Er sieht aus wie ein Trottel, spricht wie ein Zeichentrick-Schurke, und als er vor Gericht endlich gefährlich werden könnte, nimmt ihn Marachak nach allen Regeln der Kunst auseinander. Graves ist nie Gegner, und als er, der bisher das Geschehen entscheidend mitbestimmt hat, sein Pulver verschossen hat, nimmt Gordon ihn sang- und klanglos aus der Handlung.
|“Und was nun?“| betitelt der Autor das neunte Kapitel, das der Gerichtsverhandlung folgt. Gute Frage, denn der tückische Staatsanwalt ist weg vom Fenster, die zu Unrecht angeklagten Arbeiter sind frei. Die Ereignisse stocken und nehmen dann einen gänzlich neuen Verlauf. Damit möchte Gordon offensichtlich Spannung generieren. Stattdessen verliert der Leser endgültig den Boden unter den Füßen.
In der ungeschickt angestückelter Auflösung der Hapogian-Morde zaubert der Autor die Täter förmlich aus dem Hut. Sie gehörten nie zu den Verdächtigen. Mit keiner Silbe fanden sie bisher Erwähnung. Folglich lassen ihre (zudem denkbar unspektakuläre) Entlarvung und die Erklärung für ihr mörderisches Tun kalt. Es kommt noch schlimmer: Nachträglich denunziert Gordon Armand Hapogian als kaltherzigen Sadisten, der sein Schicksal verdient hat. Auf diese Weise versucht er, Mitleid und Verständnis für die Täter zu wecken. Dies scheint ihm in letzter Sekunde eingefallen zu sein, und so wirkt dieses Ende auch: plump angeflanscht.
|Historienkrimi außerhalb der Zeit|
„Gift“ spielt 1961. Fände dieses Datum nicht mehrfach Erwähnung, würde es der Leser vergessen, denn Zeitkolorit geht dieser Geschichte völlig ab – eine Todsünde für einen Historienroman! Wieso geht Gordon in die Vergangenheit zurück, wenn er diese nie als handlungsimmanenten Faktor und nicht einmal als simple Kulisse einsetzt? Man benutzt keine Handys und recherchiert nicht per Internet. Ansonsten fallen dem Leser zwischen der Welt von 1961, wie Gordon sie beschreibt, und der Gegenwart keine besonderen Unterschiede auf.
Hin und wieder scheint der Verfasser selbst zu merken, dass er den Zeitpunkt des Geschehens markieren muss. Dann nennt er einige Preise von Gestern oder weist gleich mehrfach darauf hin, dass Fotografen Blitzlichtwürfel verwenden. Der Plot führt ebenfalls keine Wende herbei. Der Auslöser für die beschriebene Fehde liegt bereits 1961 so viele Jahre zurück, dass sie den beteiligten Familien, die längst erfolgreich auf den „American Way of Life“ eingebogen sind, herzlich gleichgültig geworden sein dürfte. So ergeht es auch dem Leser, der zu allem Überfluss letztlich feststellen muss, wie dämlich der umständlich eingefädelte Mordplan im Grunde ist, der hier für Krimispannung sorgen soll.
Wieso erscheint in Deutschland der nur wohlwollend als mittelmäßig zu klassifizierender Roman eines nur bedingt talentierten Verfassers in repräsentativer Klappenbroschur, während so viele wirklich gute Krimis nicht übersetzt werden oder unveröffentlicht bleiben? Darüber können nur Vermutungen angestellt werden. Fakt ist dagegen der begründbare Ärger über ein Buch, dessen unterhaltsamen Qualitäten zu wünschen übrig lassen. Gordon sieht dies naturgemäß anders. Er schreibt bereits am vierten Band seiner Serie …
_Autor_
William C. Gordon wurde 1937 in Südkalifornien geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs er im Osten von Los Angeles in einem überwiegend mexikanisch geprägten Umfeld auf; Spanisch ist deshalb quasi Gordons zweite Muttersprache.
An der University of California in Berkeley studierte Gordon Englische Literatur. Nach seiner Militärzeit begab er sich auf eine einjährige Weltreise Anschließend nahm er am Hastings College of Law in San Francisco ein Jurastudium auf. Nach seinem Abschluss ließ sich Gordon 1965 als Anwalt nieder. Er spezialisierte sich auf Arbeitsrecht, vertrat vor allem Klienten hispanischer Herkunft und praktizierte bis 2002.
Nach zwei gescheiterten Ehen lernte Gordon 1987 die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende kennen. Im folgenden Jahr heiratete das Paar. Allende war es, die Gordon ermunterte, als dieser als Ruheständler selbst Ambitionen als Autor entwickelte. Ein „Coming of Age“-Roman blieb unveröffentlicht. Gordon versuchte sich an einem Krimi und stützte sich dabei auf seine frühen beruflichen Erfahrungen. „The Chinese Jars“ (dt. „Der Tote im Smoking“) erschien 2008 in spanischer Sprache als „Duelo en Chinatown“ und wurde zum ersten Teil einer Serie um den Journalisten Samuel Hamilton im San Francisco der 1960er Jahre.
|Taschenbuch: 304 Seiten
Originaltitel: The King of the Bottom
Erstveröffentlichung als: El rey de los bajos fondos (Barcelona : Ediciones El Anden 2008)
Übersetzung: Sepp Leeb
ISBN-13: 978-3-455-40148-6|
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Forrest, V. K. – In den Armen des Vampirs (Eternal 2)
_Eternal:_
Band 1: [Die Vampire von Clare Point]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6470
Band 2: _In den Armen des Vampirs_
FBI-Agentin Fia Kahill hat zwar den Mörder gefasst, der zwei ihrer Verwandten in ihrer Heimatstadt Clare Point getötet hat, doch weitere Arbeit bleibt nicht aus. In „In den Armen des Vampirs“ verbindet die Autorin V. K. Forrest erneut einen Krimi mit einem vampirischen Hintergrund.
_Im Mittelpunkt dieses_ Romans steht allerdings nicht Fia. Arlan, ihr gelegentlicher Liebhaber und guter Freund, reist als Killer durch die Lande. Seine Opfer: Gewaltverbrecher, Mörder, Kinderschänder, die die menschliche Polizei nicht zu fassen bekommt. Als Kia erfolglos einem irren Serienmörder hinterher jagt, der immer wieder ganze Familien auslöscht, fragt sie Arlan um Hilfe. Die einzige Spur, die die beiden haben, ist Maggie. So nennt sich die Anruferin, die Fia immer wieder Tipps gibt, wo und wann der Täter zuschlägt. Mehr scheint sie nicht zu wissen. Jedenfalls rückt sie nicht damit heraus.
Ihre Rolle in der Mordserie gibt den beiden zu denken. Nach langem Hin und Her schafft Fia es endlich, die anonyme Mitwisserin zu einem Treffen zu bewegen. Doch ein familiärer Notfall kommt ihr dazwischen und Arlan geht alleine zu dem vereinbarten Treffpunkt. Doch aus der Befragung wird mehr. Maggie, die eigentlich Macy heißt, und Arlan verlieben sich. Als er nach Clare Point, seine Heimatstadt, zurückkehrt, folgt sie ihm. Dass sie Gefallen an Arlan gefunden hat, bleibt dem Mörder, der in seltsamer Bekanntschaft mit ihr steht, nicht verborgen …
_Der zweite Band_ der Reihe „Eternal“ hält einige Überraschungen parat. Das beginnt schon damit, dass Fia nicht mehr die Protagonistin ist. Statt dessen stehen Arlan und Macy im Vordergrund sowie deren sich langsam entwickelnde Beziehung. Die Autorin setzt also auch in diesem Band auf einen guten Schuss Romantik und Erotik – in den meisten Fällen jedenfalls. Eine Beziehung aus dem ersten Buch der Reihe geht nämlich in die Brüche, obwohl man eher das Gegenteil erwartet hätte. Die Ermittlungen von FBI-Agentin Fia bleiben erneut oberflächlich. Da sie aber nicht die Hauptrolle spielt, stört das nicht besonders. Erfreulich ist hingegen, dass die Autorin weitere Details über das Örtchen Clare Point und die dort wohnende Vampirpopulation preis gibt. Sie erklärt vor allem die Geschichte der Vampire und ihr Alltagsleben, was definitiv sehr interessant ist. Insgesamt wirkt dieser Roman etwas ausgewogener als der letzte, der stellenweise doch etwas zu sehr Frauenroman war, um auch Nicht-Fans dieses Genres zu gefallen.
Die Figuren in diesem Buch sind, ähnlich wie die aus dem ersten, symapthisch, aber nicht besonders originell. Sie erinnern häufig an Figuren aus anderen Büchern und haben meist nur wenig Interessantes zu bieten. Sie fügen sich zwar gut in die Geschichte ein, aber wirklich mitreißen können sie nicht.
Die wohl größte Überraschung ist Forrests Schreibstil. Dieser hat sich gesteigert. Sie weiß zwar weiterhin sicher und flüssig zu erzählen, zeigt aber deutlich mehr sprachliche Raffinesse. Mit unerwartet heiteren Einwürfen bringt sie Leben in die Geschichte, ohne dabei lächerlich zu wirken.
_“In den Armen_ des Vampirs“ ist ein Buch, das Krimi, Vampire und ziemlich viel Romantik miteinander verbindet. Das ist sicherlich nichts für jedermann. Erfreulich ist allerdings, dass die Autorin sich sprachlich verbessert hat. Ihre humorvollen Einwürfe kommen häufig unverhofft und lockern die Geschichte merklich auf.
|Taschenbuch: 391 Seiten
Originaltitel: Undying
Deutsch von Barbara Imgrund
ISBN-13: 978-3426504741|
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John C. Higgins – Ein Fisch geht ins Netz

John C. Higgins – Ein Fisch geht ins Netz weiterlesen
Camilleri, Andrea – schwarze Seele des Sommers, Die. Commissario Montalbano blickt in den Abgrund
_Commissario Montalbano:_
01 [„Die Form des Wassers“ 306
02 [„Der Hund aus Terrakotta“ 315
03 [„Der Dieb der süßen Dinge“ 3534
04 [„Die Stimme der Violine“ 321
05 [„Das Spiel des Patriarchen“ 312
06 [„Der Kavalier der späten Stunde“ 670
07 [„Das kalte Lächeln des Meeres“ 594
08 „Die Passion des stillen Rächers“
09 [„Die dunkle Wahrheit des Mondes“ 4302
10 [„Die schwarze Seele des Sommers“ 5474
11 [„Die Flügel der Sphinx“ 5875
12 [„Die Spur des Fuchses“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6461
13 „Il campo del vasaio“ (bislang nicht auf Deutsch erschienen)
14 „L’età del dubbio“ (bislang nicht auf Deutsch erschienen)
15 „La danza del gabbiano“ (bislang nicht auf Deutsch erschienen)
16 „La caccia al tesoro“ (bislang nicht auf Deutsch erschienen)
„Die Nacht des einsamen Träumers – Kurzkrimis“
_Inhalt_
Livia, Commissario Montalbanos Langzeitfreundin, hat Urlaub, und den würde sie gern bei ihrem Liebsten verbringen. Allerdings kennt sie ihren Salvo nach all den Jahren gut genug, um zu wissen, dass bei ihm immer ein Mord dazwischen kommen kann und dass sie dann allein in seinem hübschen Haus am Strand sitzen würde. Um dem dann unausweichlich folgenden Streit aus dem Weg zu gehen, beschließt Livia, das Angenehme mit dem Angenehmen zu verbinden und die Familie ihrer Freundin Laura einfach mitzubringen. Sie kann nicht ahnen, dass in der hübschen Villa am Meer, in der Laura sich mit Gatten und Sohn niederlässt, etwas wartet, dass ihr nicht nur den Urlaub vermiest: In einem verborgenen Zimmer stolpert der Commissario auf der Suche nach dem verschwundenen Sohn Lauras über eine Leiche.
Die Situation eskaliert, und zornesbebend reist Livia ab. Montalbano verschiebt die Sorge darüber auf später; hier hat er die Überreste eines jungen Mädchens entdeckt, das zu Lebzeiten hinreißend gewesen sein muss. Diese Vermutung bestätigt sich kurze Zeit später, als die Zwillingsschwester der Ermordeten vor ihm steht und ihn um Hilfe bittet. Adriana ist zweiundzwanzig, hinreißend und wild entschlossen, den Mörder ihrer Schwester zu finden. Wie so oft führen Salvo seine Ermittlungen in einen Sumpf aus Korruption und Verschleierungen, in ein Milieu, in dem ein Menschenleben nicht viel Wert ist und zu einem Mann, der Vorlieben hat, für die Montalbano ihn gern vierundzwanzig Stunden täglich verprügeln würde. Aber es heißt vorsichtig sein; dunkle Mächte halten die Hand über den Verdächtigen, der außerdem ein Alibi hat.
Montalbano befindet sich in einem Ausnahmezustand der Erschöpfung: Die glühende Hitze des sizilianischen Sommers setzt ihm zu, er traut seinem Urteilsvermögen nicht, weil er um seine Voreingenommenheit weiß, Livias Schweigen macht ihm zu schaffen, und dann ist da noch Adriana, die mit verwirrender Stetigkeit um ihn herumschwirrt. Es ist ein tiefer Abgrund, der sich diesmal zu Montalbanos Füßen auftut, mit einer Plötzlichkeit, dass es fraglich ist, ob der Commissario noch anhalten kann …
_Kritik_
Wer Camilleri kennt, ist wie gehabt von Anfang an gebannt (wer Camilleri nicht kennt, sollte das schleunigst ändern; er ist eine Bereicherung). Das übliche Hin und Her mit Livia, diese beiden so unterschiedlichen Charaktere, die immer wieder aufeinander prallen und doch nicht voneinander lassen können, ist großartig gemacht. Entsprechend sorgenvoll betrachtet man Livias Schweigen – oh bitte, kein krasser Ärger bei den beiden! Aber über den Ereignissen hat man das schnell wieder vergessen: Speziell die Stimmung, die die drückende Hitze verbreitet, die einem das Gehirn kocht und die einfachsten Bewegungen zur Unmöglichkeit macht, ist hervorragend ausgearbeitet – ein bisschen wie in Felicitas Mayalls „Hundszeiten“, nur noch krasser; sizilianischer eben.
Camilleri lässt seinen Montalbano nicht zum ersten Mal im korruptionsverseuchten Baugewerbe ermitteln, diesmal aber garniert er ihm diesen wenig hübschen Weg noch dazu mit einem so widerwärtigen Gegenspieler, dass alles irgendwie auf die Spitze getrieben erscheint. Dass Adriana dann zusätzlich als Circe durch die Gegend läuft und alle verbliebenen Sinne verwirrt, verleiht der sonnendurchglühten trägen Hysterie der Seiten noch den letzten Dreh.
Die üblichen Zutaten, die einen guten Camilleri ausmachen, muss man wohl kaum noch erwähnen, wenngleich sie alle vertreten sind: Die liebenswert-nervenaufreibende Zusammensetzung des Kommissariats, das schwelgerisch-wundervolle süditalienische Essen und die ausgesprochen eigentümlichen Einfälle, die den Commissario immer wieder ans Ziel bringen und ihn von seinen Männern abheben.
_Fazit_
Was gibt es zusammenfassend über Commissario Montalbanos zehnten Fall noch groß zu sagen? Lest ihn, Leute. Lest, was immer ihr von Andrea Camilleri in die Finger kriegen könnt; er ist einer der ganz Großen unserer Zeit und sollte mit Andacht betrachtet werden. Er ist nicht nur lebensklug, belesen und wortgewandt wie nur wenige neben ihm, er hat auch einen Humor, der seinesgleichen sucht. Der Mann ist auf dem Buchmarkt, der immer wieder so viele Fragwürdigkeiten hervorbringt, Gold wert.
|Taschenbuch: 288 Seiten
Originaltitel: La Vampa d’Agosto
aus dem Italienischen von Moshe Khan
Besprochene Auflage: 2. Auflage, Juli 2010
ISBN-13: 978-3404164547|
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Farrow, John – Treibeis
Mit „Treibeis“ erscheint der zweite Krimi von John Farrow. Auch dieses Mal stehen der kauzige kanadische Kommissar Cinq-Mars und seine ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden im Vordergrund. Ähnlich wie in [„Eishauch“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5659 kämpft er auch dieses Mal gegen das organisierte Verbrechen …
Émile Cinq-Mars ist ein Polizist der alten Schule. Er bevorzugt menschliche Informanten statt Computerprogrammen, er arbeitet lieber alleine als im Team und vor allem ist es sein erklärtes Ziel, das Verbrechen zur Strecke zu bringen. Von Korruption und Wegschauen hält er wenig. Er bohrt auch da nach, wo es weh tut und nimmt es in Kauf, in die Schusslinie zu geraten.
Eines Tages bekommt er einen Anruf. Er soll zum Eisangeln zum Lake of Two Mountains fahren und dort warten. Tatsächlich trifft er dort jedoch keinen Informanten, sondern einen Toten. Im Eisloch in der Hütte der jungen Mutter Camille befindet sich die Leiche eines Mannes und er ist nicht ertrunken. Er wurde erschossen.
Wer ist der Tote? Und wieso musste er überhaupt sterben? John Farrow nimmt sich an dieser Stelle viel Zeit, um die Geschichte von Andy, dem Verstorbenen, Lucy und Camille zu erzählen. Die drei sind Angestellte eines kanadischen Pharmaunternehmens, dessen Geschäfte nicht immer legal sind. Sie machen sich auf den Weg, um, getrieben vom dem Willen, Menschenleben zu retten, noch nicht zugelassene AIDS-Medikamente an amerikanischen Patienten auszuprobieren. Die meisten ihrer „Versuchskaninchen“ könnten sich anders eine Behandlung niemals leisten. Lucy, die die Medikamente verabreicht, macht diese Tour nicht zum ersten Mal – doch dieses Mal läuft etwas nicht nach Plan. Andy, der für die Sicherheit der Unternehmung zuständig ist und außerdem Interesse an ihr gefunden hat, erzählt ihr, dass es vielen der Patienten nicht besser, sondern schlechter geht. Bald gibt es die ersten Toten und die drei müssen auf einmal fürchten, dass ihre illegalen, aber gut gemeinten Taten auffliegen …
„Treibeis“ hinkt seinem Vorgänger „Eishauch“ deutlich hinterher. Schuld daran ist das Nebeneinander zweier Geschichten. In der einen ermittelt Cinq-Mars, wie man das auch erwartet, doch in der anderen spielen Andy, Lucy und Camille die Hauptrollen. Letztere dominiert das Buch weitgehend. Statt um Mord und Totschlag geht es in diesen Abschnitten um die Pharmaindustrie, um Intrigen in Unternehmen und die folgenschwere Mission in Amerika. Farrow versäumt es, genug Krimispannung einzubauen. Stattdessen dümpelt der Roman über weite Strecken vor sich hin. Erst gegen Ende, wenn Cinq-Mars und sein junger Partner Bill Mathers endlich zu Wort kommen, fängt sich die Geschichte. Die beiden versuchen den Mord aufzuklären, was sich aber als sehr schwierig gestaltet. Schließlich wird auch noch eine junge Frau entführt, Verbindungen zu den Bikerbanden in Montreal, Cinq-Mars natürliche Feinde, ergeben sich. Dies sind die Stellen, an denen man an die Spannung des Vorgängers erinnert wird, doch sie sind erstens viel zu selten und zweitens zu schnell vorbei.
Dass der Kriminalfall in den Hintergrund rückt, sorgt unweigerlich dafür, dass auch Cinq-Mars weniger Auftritte hat. Das ist mehr als schade, denn sein Charakter würde einige Schwächen in der Geschichte wett machen. Farrow fügt seinem Protagonisten in diesem Buch weitere Facetten hinzu und erzählt weitere interessante Details aus seinem ungewöhnlichen Privatleben. Nicht jeder Polizist wird von sich sagen können, Poloponys zu züchten und eine jüngere amerikanische Ehefrau zu haben. Hinzu kommt seine kauzige Art, die skurrilen Dialoge und sein fantastischer Humor. Diese drei Dinge entfalten sich vor allem in der Zusammenarbeit mit seinem Partner Bill Mathers, der im ersten Buch neu zu ihm gestoßen ist. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten arbeiten die beiden nun sehr gut zusammen, auch wenn Bill ob der seltsamen Art seines Chefs manchmal die Stirn runzelt.
Sprachlich ist an der Geschichte nichts auszusetzen. John Farrow kann nicht verbergen, dass er ursprünglich belletristische Literatur schreibt (unter dem Namen John Ferguson). Er liefert wesentlich mehr als bloße Situationsbeschreibungen oder die Gedankengänge eines fokussierten Ermittlers. Immer wieder bezieht er das Privatleben seiner Personen ein, deren Gedankengänge und ihr Gefühlsleben. Er wählt dazu häufig gefühlsbetonte Wörter, die dem Leser helfen, sich in die Geschichte hinein zu versetzen. Seine Beschreibungen sind manchmal recht lang und scheinen zu Nebensächlichkeiten abzuschweifen, sorgen aber dafür, dass die Vorstellungskraft mit allem bedient wird, was sie braucht, um sich die Geschichte in bunten Farben auszumalen. Nicht unerwähnt darf der feine Humor bleiben. Die Dialoge animieren immer wieder zum Lachen, ohne die Geschichte ins Lächerliche zu ziehen und vor allem die Person Cinq-Mars lebt von diesen kleinen Bemerkungen.
„Treibeis“ ist gut geschrieben und in Ansätzen mitreißend. Allerdings vertut sich Farrow vor allem am Anfang ein bisschen. Dadurch, dass er die Geschichte in zwei Stränge aufteilt, geht ihr einiges an Spannung verloren. An den Vorgängerroman „Eishauch“ kommt er so nicht heran, auch wenn dieser nicht perfekt war.
|Taschenbuch: 565 Seiten
Originaltitel: Ice Lake
Deutsch von Friederike Levin
ISBN-13: 978-3426635131|
http://www.knaur.de
Forrest, V. K. – Vampire von Clare Point, Die (Eternal 1)
_Eternal:_
Band 1: _Die Vampire von Clare Point_
Band 2: In den Armen des Vampirs
In der Reihe „Eternal“ verbindet die amerikanische Autorin V. K. Forrest Krimi, Romantik und Vampire. Unerkannt lebt in dem kleinen Örtchen Clare Point eine ganze Vampirpopulation unter sich, deren Abkömmlinge sich längst in ganz Amerika verteilt haben. Fia Kahill beispielsweise lebt als FBI-Agentin in Philadelphia. In „Die Vampire von Clare Point“ muss sie zurück in ihre Heimatstadt fahren, um dort einen Mord aufzuklären.
Bobby, der Postbote von Clare Point, wird ermordet im Postamt aufgefunden. „Ermordet“ bedeutet in diesem Fall, dass er enthauptet und seine Leiche verbrannt wurde – anders lässt sich ein Vampir nicht endgültig töten. Die Gemeinde ist erschüttert und verängstigt. Wer kennt ihr wohlgehütetes Geheimnis?
Obwohl Clare Point eigentlich nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich liegt, wird Kia dorthin beordert – nicht ohne Hintergedanken. Immerhin ist sie selbst Vampirin, auch wenn sie unerkannt unter Menschen lebt und ihre Gelüste zumeist im Zaum halten kann. Doch auch sie hat ihre düsteren Geheimnisse … Wegen Abspracheproblemen bekommt sie einen FBI-Kollegen aus Baltimore an ihre Seite gestellt. Das ist ihr nicht gerade recht. Zu allem Überfluss sieht Glen Duncan einem ehemaligen Liebhaber von Fia täuschend ähnlich, der vor einigen Jahrhunderten beinahe die gesamte Familie Kahill auslöschte.
Gemeinsam machen sich die beiden auf die Suche nach dem Täter. Glen ist inmitten des Vampirdorfs natürlich nicht besonders willkommen. Fia macht ihm die Arbeit nicht immer leicht, denn er ist nicht nur ein Ärgernis, sondern auch ziemlich attraktiv. Dabei hat sie gerade schon genug am Hals. Ein ehemaliger Liebhaber droht, nach Philadelphia zu ziehen und Bobby soll nicht der einzige tote Vampir in der Stadt bleiben …
Eine vampirische FBI-Agentin – das klingt neu und frisch und nach einer ziemlich guten Protagonistin für ein spannendes Buch. „Die Vampire von Clare Point“ legt seinen Fokus aber weniger auf den Beruf von Fia, sondern auf andere Dinge. Fias Beziehungen, die vergangenen wie die zukünftigen, zum Beispiel, aber auch die eine oder andere erotische Szene. Die Zielgruppe für dieses Buch sind mehr Fans von Romantik- als von Agentengeschichten. Die beiden FBI-Ermittler tun zwar ihre Arbeit, aber Forrest schildert sie nicht im Detail, sondern nur sehr oberflächlich. Da ist mal von Autopsieberichten und Spurensicherung die Rede, viel mehr aber auch nicht. Gleichzeitig ist die Geschichte keine reinrassige Vampirgeschichte. Dafür ist dieser Hintergrund zu wenig ausgearbeitet und zu wenig präsent. Der Roman lässt sich wohl am ehesten als Frauenroman mit einigen ungewöhnlichen Zügen beschreiben. Da viel Platz für Liebe und Romantik eingeräumt wird, ist die Spannungskurve eher flach. Die Auflösung der Mordfälle folgt einem sehr einfachen Schema. Der Täter ist zwar nicht direkt vorhersehbar, aber sein Motiv und die Umstände reißen den Leser nicht gerade vom Hocker.
Fia Kahill, aus deren Perspektive zumeist erzählt wird, ist eine innerlich zerrissene Protagonistin, deren Leben von ihren düsteren Geheimnissen geprägt ist. Dass sie ein Vampir ist, ist dabei gar keine große Sache. Forrest stellt ihre Vampire sehr menschlich dar. Sie können ohne Probleme an Tageslicht gehen ohne zu sterben oder zu glitzern. Um sich zu ernähren müssen sie normalerweise auch keine Menschen töten. Deutlicher im Vordergrund stehen Fias Sexsucht sowie einige Ereignisse in ihrer Vergangenheit, die zumeist mit verflossenen Liebschaften zusammen hängen. In der Summe ergibt dies eine junge Frau, die man in dieser Form schon kennt. Forrest kann ihrer Hauptfigur nur wenig Neues hinzufügen und verlässt sich statt dessen auf bekannte Klischees.
Ähnliches lässt sich beim Schreibstil beobachten. Das Buch ist so geschrieben, wie man es von einer solchen Geschichte erwartet – einfach, ohne sprachliche Finessen, dafür aber flüssig und verständlich. Forrest stellt die Situationen gut dar und erklärt die inneren Vorgänge ihrer Hauptperson schön. Etwas wirklich Eigenes vermisst man jedoch im Schreibstil.
„Eternal – Die Vampire von Clare Point“ ist kein Buch für jedermann. Man muss derartige Bücher, die einen starken Fokus auf die weibliche, zumeist innerlich zerrissene Hauptfigur legen, mögen, denn ansonsten wird man nicht viel damit anfangen können.
|Taschenbuch: 359 Seiten
Originaltitel: Eternal
Deutsch von Barbara Imgrund
ISBN-13: 978-3426501733|
http://www.knaur.de


















