Ein furchtbarer Mord auf der Ferieninsel Sylt! Eine vermögende Witwe wird erdrosselt aufgefunden. Eigentlich müsste der Täter per DNA-Analyse schnell zu überführen sein, weshalb Hauptkommissar Erik Wolf auf eine rasche Lösung hofft. Mamma Carlotta jedoch, seine italienische Schwiegermutter, die derzeit zu Besuch ist, hält wenig von solchen modernen Ermittlungsmethoden. Viel lieber verlässt sie sich auf ihre weibliche Intuition. Mit italienischem Charme und zum Schreck der Beamten mischt sie sich in die Ermittlungen ein. Dabei bringt sie sich selbst in Lebensgefahr …
Atmosphärisch, spannend und humorvoll erzählt Gisa Pauly von Mamma Carlottas erstem Fall, bei dem das italienische Temperament mit dem norddeutschen mehr als einmal zusammenprallt.
_Meinung:_
Hauptkommissar Erik Wolf, Witwer, lebt mit seinen beiden auf der Insel Sylt und erhält Besuch von seiner italienischen Schwiegermutter „Mamma Carlotta“. Carlotta Capella, 56 Jahre, forsch und lebhaft, tritt damit ihre erste (Flug-)Reise an, um endlich einmal dorthin zu kommen, wo ihre verstorbene Tochter Lucia gelebt hat und ihre Enkel (Felix, 17 Jahre/ Carolin 16 Jahre) wiederzusehen.
Als Erik Wolf auf dem Weg zum Flughafen ist um Mamma Carlotta abzuholen, ereilt ihn die Nachricht, dass eine weibliche Leiche gefunden wurde: Christa Kern, wohlhabend, zog nach dem Tod ihres Mannes nach Sylt, wo auch ihre Schwester Bernadette (ebenfalls verwitet und verschuldet) lebt. Die ersten Befragungen ergeben, dass die Putzfrau der Ermordeten, die Tote als charakterlich eher bösartige Frau schildert, die alle wo es nur ging schikanierte. Die Ermordete war somit allgemein unbeliebt und der Täterkreis entsprechend groß.
Bei der Spurensicherung wird eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter entdeckt, worum es um den Kauf eines Bildes und 40.000 € geht, was nach Überprüfung den Schluss zulässt, dass sich die hohe Geldsumme im Haus befunden haben muss. Handelt es sich daher um einen Raubmord?
Mamma Carlotta lernt die sylter Welt, in der ihre verstorbene Tochter gelebt hat, immer besser kennen und befreit sich mehr und mehr von ihren Erinnerungen der vergangenen Jahre, in denen sie ihren kranken Ehemann pflegte und kein eigenständiges Leben führte – und wächst förmlich über sich hinaus.
Sie gewinnt alle Herzen im Sturm (die der Kinder, aber auch Erik Wolfs Kollegen) und wird sehr schnell zum Zentrum der Familie und des kollegialen Umfeldes von Erik Wolf und fährt ihm auch beruflich mächtig in die Parade. Denn während ihr Schwiegersohn und sein junger Mitarbeiter Sören Kretschmer, schnell einige Verdächtige (die Schwester der Ermordeten, die Putzfrau und da ist noch der Stiefsohn der Toten) ins Auge fassen, hat Mamma Carlotta schnell einen anderen Tatverdächtigen ausgemacht. Zuvor war sie beherzt am Tatort – dem Haus der Ermordeten – aufgetaucht und entdeckte dort Unmengen des Verpackungsmaterials eines Lieferservices – „Fisch-Andresen“.
Von dem Moment an erwacht ihr Miss Marple-Instinkt. Sie „ermittelt“ hinter dem Rücken ihres ahnungslosen Schwiegersohnes bei „Fisch-Andresen“, dessen Besitzer Wolf Andresen sich nur mit Mühe und Not über Wasser hält. Andresen hat die Ermordete immer abends beliefert – höchstpersönlich – und wurde von ihr ebenso schikaniert, wie all die anderen Menschen ihres Umfelds. Denn Andresen hat private Sorgen, seine Frau Ulla und er bangen um das Leben ihrer kleinen sterbenskranken Tochter Saskia. Nur eine teure Operation in den USA kann sie retten. Doch woher soll das Ehepaar das Geld nehmen?
Wollte er es sich von der Toten borgen und hat sie ermordet, als die ihm die nötige finanzielle Hilfe verweigerte? Das Ergebnis der Obduktion bringt noch mehr Brisanz in den Mordfall – es wird DNS von Sperma an der Leiche festgestellt – in ihrem Mund.
Mamma Carlotta hält Andresen für den Täter, radelt zum Geschäft des Fischhändlers um dessen Frau Ulla auszuhorchen – und Andresen vorzuschlagen, für ihn zu arbeiten, indem sie Antipasti zum Verkauf herstellt. Dabei erfährt sie, dass Ulla Andresen in die USA reisen will, um die Operation an ihrem Töchterchen durchführen zu lassen. Angeblich hat Andresen das Geld dafür in der Spielbank gewonnen. Zufall? Oder ist er doch der Mörder, der die 40.000 € der Toten gestohlen hat?
Aber da sind noch mehr – recht eigenwillige und skurrile und darum umso interessantere Gestalten in der Krimiwelt der Gisa Pauly. Björn, Angestellter von Wolf Andresen, ist zum Beispiel eine der weiteren Personen, die ihn den Fall verwickelten sind, und näher involviert ist, als man zuerst vermuten mag. Dann geschieht ein weiterer Mord – Ulla Andresen wird erdrosselt und auch an ihr werden Spermaspuren gefunden … handelt es sich um denselben Täter?
Dieser munter erzählte Sylt-Krimi, der eine gekonnte Mischung aus Spannung, Humor und tiefgezeichneten Charakteren bietet, ist der Auftaktroman einer Reihe von „Mamma Carlotta“-Krimis, die kurzweilig, flott und dennoch intelligent verwoben erzählt werden.
Man merkt der Autorin an, dass sie auch Drehbücher fürs Fernsehen verfasst, denn dieser Krimi böte sich hervorragend für den Start einer TV-Krimi-Reihe rund um Mamma Carlotta an, die von der ersten Minute an den Leser auf ihrer Seite hat. Das ist Unterhaltung pur!
Die Aufmachung des Bandes ist, wie von Piper gewohnt, erstklassig und ohne Fehl und Tadel. Da kann und muss man beherzt zugreifen. Wer noch Urlaubslektüre für dieses Jahr sucht, kann bei den „Mamma Carlotta“-Romanen nichts falsch machen.
_Fazit:_
Spritzige und spannende Krimilesekost mit Sylt-Flair und einer warmherzigen, resoluten, italienischen, „ermittelnden“ Schwiegermutter, von der man unbedingt mehr lesen möchte. Absolut empfehlenswert!
|Taschenbuch: 356 Seiten
Titelfoto von A. Piper/ plainpicture
Titelgestaltung von Büro Hamburg
ISBN-13: 9783492247689|
[www.piper.de]http://www.piper.de
[www.gisa-pauly.de]http://www.gisa-pauly.de
Seinen neuen Roman möchte Krimi-Schriftsteller und Amateur-Detektiv Ellery Queen nicht in New York, sondern in der Ruhe der Provinz schreiben. Er entscheidet sich für Wrightsville, ein uramerikanisches Städtchen irgendwo im Mittelwesten. Hier scheint die Zeit vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein. Fremde werden ungeniert neugierig beäugt, sodass Queen sich das Pseudonym „Smith“ zulegt, um unerkannt zu bleiben.
Als Gast einer prominenten Familie wird Queen in ein schwelendes Drama gezogen. John F. Wright, Präsident der Wrightsville Nationalbank, hat drei Töchter, von denen nur Patricia, die Jüngste, ohne Skandal blieb. Lola, die Älteste, schloss sich vor Jahren einem Wanderzirkus an und kehrte später geschieden = entehrt nach Wrightsville zurück. Nora wurde vor drei Jahren von ihrem Verlobten Jim Haight verlassen und ist seitdem schwermütig.
Jetzt kehrt Haight plötzlich zurück. Nora nimmt ihn wieder auf, die ausgefallene Hochzeit wird nachgeholt. Das junge Glück ist allerdings überschattet: Nora findet drei vordatierte Briefe, in denen ihr Gatte seiner Schwester Rosemary über eine Krankheit berichtet, der Nora am 1. Januar des kommenden Jahres erliegen wird bzw. soll, denn diese Briefe – sie stecken zudem in einem Fachbuch über tödliche Gifte – deuten darauf hin, dass Jim seine Ehefrau ermorden will.
Während Nora die Bedrohung ignoriert, wollen Queen und Patricia das Komplott verhindern. Dann taucht Rosemary Haight unerwartet in Wrightsville auf, wo sie am Neujahrstag einen mit Arsen versetzten Cocktail trinkt, den ihr Bruder offenbar für seine Gattin gemixt hatte. Selbst Ellery Queen findet lange keine Beweise, die Haight entlasten. Es gelingt ihm erst, ein nicht nur kriminelles Drama aufzudecken, als dieses bereits seinen tragischen Abschluss gefunden hat …
_Unsere kleine, nette, abscheuliche Stadt_
|“Es gibt keine Geheimnisse und kein Zartgefühl, wohl aber sehr viel Grausamkeit in den Wrightsvilles dieser Welt.“| Diesen Satz lesen wir auf einer der letzten Seiten dieses 15. „Ellery Queen“-Romans; er könnte ihm auch als Motto vorangestellt werden. Die Vorstellung vom Dorf oder der Kleinstadt als Hort traditioneller = gesunder = in der Großstadt längst verschwundener, Werte geistert seit jeher durch die Kultur- und Geisteswelt. Der nicht nur geografisch isolierte Kleinstadt-Alltag symbolisiert eine Gesamtheit, deren Elemente sich harmonisch ineinanderfügen, weil sie einander kennen und wissen, wie (und dass) sie zusammengehören.
Doch nicht grundlos kam bereits im 19. Jahrhundert eine Gegenbewegung auf, deren meist gebildeten und ‚fortschrittlich‘ denkenden (sowie in der Stadt lebenden) Vertreter auf die Schattenseiten dieser Idylle hinwiesen: Privatsphäre ist ein kostbares Gut, das dort, wo jeder jeden kennt, nicht zu gewährleisten ist. Folgerichtig weist das Bild Wrightsvilles, das auf den ersten Seiten des vorliegenden Romans nachgerade ironisch als unschuldiges Paradies beschrieben wird, bereits auf den zweiten Blick diverse Flecken auf, um sich nach und nach in einen bodenlosen Sumpf zu verwandeln: Wrightsville wird zur „Calamity Town“, zur „Stadt des Unheils“.
Diesen Prozess setzt das Schriftsteller-Duo Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee (= Ellery Queen) ebenso meisterhaft wie gnadenlos um. Es widmet ihm ebenso viel Raum wie dem Kriminalfall, der vor allem im Mittelteil an den Rand der Handlung rutscht. Auch von den ‚Unschuldigen‘ kommt niemand ungeschoren davon. Hinter harmloser Klatschsucht lauert eine Aggression, die schließlich in einem kollektiven Anfall von Lynchjustiz gipfelt.
|Die Zeiten ändern sich|
Dannay & Lee scheuten sich in ihrer großen Zeit – die erst in den frühen 1960er Jahren endete – nie, ihre Figur Ellery Queen teilweise gravierenden Änderungen zu unterziehen. Dies war riskant, denn der Fan ist ein scheues Wild, das höchstens vorsichtige Variationen des Bekannten und Geschätzten gestattet. Dannay & Lee passten sich den Zeitläufen an. Ellery Queen startete 1929 als typische „Denkmaschine“, die passenderweise einen Kriminalfall löste, der wie eine komplizierte Maschine konstruiert wurde. Zwischenmenschliche Aspekte blieben Nebensache und der Deduktion jederzeit untergeordnet.
In den 1930er Jahren geriet der klassische „Whodunit?“ in seiner reinen Form allmählich auf ein Nebengleis. Auch der Kriminalroman entdeckte die psychologischen Untiefen der menschlichen Seele als Quelle krimineller Taten. Ellery Queen wurde in „Halfway House“ (1936; dt. „Das Haus auf halber Strecke“/“Der Schrei am Fluss“) erstmals ‚menschlich‘ gezeichnet. Natürlich blieb er ein begnadeter Kriminologe, doch er dominierte die Handlung ’seiner‘ Romane nicht mehr so stark wie zuvor, und er zeigte sich oft macht- und ratlos dort, wo das Handwerk des Ermittlers an seine Grenzen stieß. Auch in „Schatten über Wrightsville“ erkennt Queen zu spät die Hintergründe einer Tat, deren Dimensionen weit über das hinausreichen, was ein Detektiv zu meistern vermochte.
Freilich erweist sich die neue psychologische Tiefenschärfe aus heutiger Sicht als deutlicher Schwachpunkt: Sie wirkt veraltet. Dannay & Lee übertreiben es mit den Gefühlen. Vor allem das weibliche Wesen ist durch Schwäche, Weinkrämpfe und Hysterie gekennzeichnet. Durch die Betonung zeitgenössisch akuter, doch inzwischen von der Zeit überholter gesellschaftlicher Konventionen – was auch die männlichen Figuren einschließt – gerät „Schatten über Wrightsville“ noch altmodischer, während die klassischen „Whodunits?“ gerade wegen ihrer künstlichen Altertümlichkeit zeitlos blieben bzw. durch das Alter noch an Reiz hinzugewannen.
|Back to basics|
Verlassen kann man sich glücklicherweise auf Dannay & Lee als Plot-Schneider. Während sie Ellery Queen behutsam neu gestalteten, unterzogen sie auch das Krimi-Element ihrer Romane einer Modernisierung. Die Fälle wurden nach 1939 zunehmend straffer, die überbordende Exotik mancher Auflösung wurde auf ein realistisches Maß zurückgefahren. Die Plots waren eleganter, weil das Autorenduo sich nicht mehr in fantastische Tricks flüchten konnte und wollte.
Spannung erzeugten sie quasi filmisch, d. h. durch Tempo und rasche Szenenwechsel. Ein gutes Beispiel ist die als „court drama“ dargestellte Gerichtsverhandlung gegen Jim Haight. Dannay & Lee ziehen alle Register des Spannungsaufbaus. Sie lassen Humor und Sarkasmus einfließen, um im nächsten Moment tragisch zu werden. In diesen Passagen haben die Autoren ihre Leser fest im Griff, hier kann sich auch der ’neue‘ Ellery Queen erfolgreich entfalten. Auch historischer Realismus hat in diesem Umfeld Platz; mehrfach findet Erwähnung, dass die USA zum Zeitpunkt des Geschehens just in den II. Weltkrieg eingetreten sind und eine „Heimatfront“ im Aufbau ist.
Wrightsville diente Dannay & Lee als Mikrokosmos, in dessen Höllenfeuer sie ihre Plots schmieden konnten, bis sie die gewünschte Härte erreicht hatten. In „Schatten über Wrightsville“ kam Ellery Queen zum ersten Mal nach Wrightsville. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin; 1945 in „The Murderer Is a Fox“ (dt. „Der Mörder ist ein Fuchs“), 1948 in „Ten Days Wonder“ (dt. „Der zehnte Tag“) und 1950 in „Double, Double!“ (dt. „… und raus bist du!“). Anschließend versuchten Dannay & Lee wieder etwas anderes mit ihrem wandelbaren Detektiv.
|“Schatten über Wrightsville“ – der Film|
Kurioserweise erregte der 15. „Ellery Queen“-Thriller trotz des hübschen, viel versprechenden Originaltitels und seiner dramatischen Story nie das Interesse Hollywoods. Als „Calamity Town“ 1979 doch verfilmt wurde, geschah dies in Japan. „Haitatsu sarenai santsu no tegami“ – „The Three Undelivered Letters“ – hieß das 130-minütige, vom Drehbuchautoren Kaneto Shindô adaptierte Werk, zu dessen Premiere (laut [Autorenhomepage]http://www.elleryqueen.us Frederic Dannay, die überlebende Hälfte des Autorenduos Ellery Queen, nach Tokio reiste.
|Anmerkung zur deutschen Übersetzung|
„Schatten über Wrightsville“ gehört zu den Krimis, denen in der Übersetzung Böses geschah: Während die erste deutschsprachige Ausgabe bereits 1949 und ungekürzt erschien, geriet der Titel für die Neuauflage in den unter Krimi-Freunden berüchtigten Ullstein-Häcksler, dem er nur um 100 Seiten gefleddert entkam. Diese Fassung sollte der Leser deshalb mit Missachtung strafen.
Die Erstausgabe aus dem Scherz Verlag ist allerdings antiquarisch nur schwer und dann teuer zu bekommen. Es gibt jedoch eine kostengünstige Alternative: Die Übersetzung von 1949 erschien 1966 als Teil eines Sammelbandes im Eduard Kaiser Verlag. Dieses Buch wird recht häufig angeboten. Wer „Schatten über Wrightsville“ eher lesen als sammeln möchte, ist mit diesem Dreifachband gut bedient, der zudem zwei weitere lesenswerte (und ungekürzte) Krimi-Klassiker enthält: „Die warnenden Affen“ (von Mignon G. Eberhart) und „Mord in der Klinik“ (von Ngaio Marsh). An die doch sehr angestaubte, von halb oder gänzlich vergessenen Ausdrücken wimmelnde Alt-Übersetzung – wer sagt heute noch „stieläugig“ statt „betrunken“ oder wagt es, ein Mitglied des weiblichen Geschlechts als „Frauenzimmer“ zu bezeichnen? – kann man sich gewöhnen; sie ist ein geringer Preis für ein vollständiges Lektüre-Vergnügen!
_Autoren:_
Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.
Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!
In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.
Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste Homepage findet man [hinter diesem Link]http://neptune.spaceports.com/~queen . Eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.
|Originaltitel: Calamity Town (Boston : Little, Brown, and Company 1942/London : Victor Gollancz 1942)
Deutsche Erstausgabe: 1949 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 24)
Übersetzung: N. N., 239 Seiten, [keine ISBN]
Bisher letzte Ausgabe: 1977 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1809)
Übersetzung: N. N., 143 Seiten, ISBN-13: 978-3-548-01809-6|
[www.ullsteinverlag.de]http://www.ullsteinverlag.de
Berlin 1932. Eine junge Frau wird im Wald bei Caputh bewusstlos, verletzt und halb nackt aufgefunden und in die psychiatrische Abteilung der Charité eingeliefert. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an nichts erinnern, nicht einmal an ihren Namen. Bei ihr findet man nur einen Programmzettel von einem Vortrag Albert Einsteins.
Martin Kirsch, der zuständige Psychiater, ist fasziniert von diesem ungewöhnlichen Fall und entwickelt Gefühle für seine Patientin. Wer ist diese Frau? Gibt es eine Verbindung zu Einstein? Seine Nachforschungen führen ihn nach Zürich und bis nach Serbien. Währenddessen ergreifen in Deutschland die Nazis die Macht … (abgewandelte Verlagsinfo)
Gesetze und Gerechtigkeit sind nicht immer dasselbe, „Gut gemeint und doch falsch“ ist nicht nur ein geflügeltes Wort. Das muss der Florentiner Polizist Sandro Cellini feststellen, als er sich aus den besten Gründen falsch verhält und vom Polizeidienst ausgeschlossen wird. Zumindest ist es keine unehrenhafte Entlassung; man gewährt ihm den Frühruhestand. Und doch ist es ein schreckliches Gefühl für den Sechzigjährigen, ein Zivilist zu sein. Er war doch so durch und durch Ermittler …
Und nun ringt er mit sich, hadert mit der Welt. Seine Frau Luisa mag das nicht mehr mit ansehen, mietet ihm ein paar Büroräume und drängt ihn, eine Privatdetektei zu eröffnen.
Wenig geschieht in den ersten Tagen, um Sandro von seinen Gedanken abzulenken. Doch dann kommt eine kleine alte Dame zu ihm, die mehr über die Umstände des Todes ihres Gatten herauszufinden wünscht. Claudio Gentileschi soll Selbstmord begangen haben, und seine Frau weigert sich zu glauben, dass er ohne sie gegangen sein soll.
Teils aus Rührung, teils aus Langeweile übernimmt Sandro diesen Fall, der ihm herzlich sinnlos erscheint. Alle Hinweise führen in dieselbe Richtung: Selbstmord. Und doch, plötzlich tauchen Geheimnisse im Leben des alten Herrn auf, Dinge, die er sorgsam versteckt hatte.
Und gerade, als Sandro sich doch in den Fall zu verbeißen beginnt, überstürzen sich die Ereignisse: Plötzlich geht es nicht mehr nur um einen toten alten Mann, sondern auch um eine verschwundene junge Frau, eine amerikanische Studentin. Irgendwo gibt es eine Verbindung zwischen den Fällen, und in den schlimmsten Regengüssen seit der Flut von 1966 beginnt für Sandro, seine Frau und ihre Freundin Giulietta ein Wettlauf mit der Zeit. Nicht nur mit den schwerfälligen Carabinieri müssen sie sich herumschlagen, ihr Weg führt auch noch in die schwer durchschaubare Kunstszene Florenz‘, in der nie ganz klar ist, wo Exzentrik aufhört und Ungesetzlichkeit beginnt …
_Kritik_
Sandro Cellini ist ein mit vielen Dingen vorbelasteter Protagonist. Ein langes Leben liegt hinter ihm, und er hat schon gefährlich nahe am Abgrund gestanden. Er ist kein Mann, der ohne Reflektion durchs Leben gehen kann, und damit ist er ein etwas sperriger Protagonist. Beileibe kein unsympathischer, bewahre, aber wir erfahren durch Introspektion eine Menge über seine Gedanken. Und die sind häufig genug bedrückend. Manchmal möchte man in die Haut seiner Frau schlüpfen, ihn an den Schultern packen und kräftig schütteln, damit er sich ein bisschen zusammen reißt.
Luisa hingegen ist eine kraftvolle Person, und so wie sämtliche Figuren ist sie liebevoll gezeichnet und sorgsam schattiert. Christobel Kent weiß Charaktere zu erschaffen und ihnen Leben einzuhauchen: Ob sie ernst sind oder schüchtern, verzagt oder sorglos, fröhlich oder leichtsinnig, eigensinnig oder skrupellos, sie wirken allesamt lebensnah und glaubwürdig. Dass mir persönlich der Protagonist etwas zu weichlich ist, ist rein subjektiv.
Das nasse Florenz im November bietet einen kalten, trostlosen Hintergrund für die Suche nach der jungen Studentin bzw. nach Antworten zum Tod Claudio Gentileschis. Die Sprache passt sich dem Rahmen an; die Erzählweise des Romans ist eher sachte, ohne langweilig zu sein. „Die Tränen der Signora“ ist nicht actiongeladen, aber eine eindringliche Geschichte über facettenreiche Menschen, individuelle Freuden, Leiden, Ängste und Hoffnungen.
_Fazit_
Sandro Cellinis erster Fall ist ein solider Kriminalroman, der ohne wilde Schießereien auskommt, dafür aber auf die Tiefe der Akteure Wert legt. Die verhaltene Erzählweise tut der Spannung übrigens keinen Abbruch; gegenteilig leidet man mit den Handelnden, wenn sie wieder ins Unwetter hinaus müssen, immer in der Hoffnung, dass dieser Ausflug ihnen endlich Antworten liefern möge.
Etwas eigentümlich erschien es mir, dass jemand im Jahre 1997 1500 Euro auf ein Konto eingezahlt haben soll (vgl. S. 200) – das ist die Art von Fehler, die eigentlich nach sorgfältigem Lektorat ausgemerzt sein sollte.
Alles in allem ist dieses Buch für jene empfehlenswert, die es etwas stiller und nachdenklicher mögen. Das größte Plus: Die Personen treten absolut plastisch hervor.
|Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel: A Time of Mourning (Sandro Cellini 1) (2009)
Aus dem Englischen von Christine Heinzius
ISBN-13: 9783442374465|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet/
Mit dem Krimi „Nadelstiche“ melden sich zwei Erfolgspaare des Genres zurück: Zum Einen die Autoren Dr. Michael Baden und Linda Kenney, zum anderen die Romanhelden Dr. Jake Rosen und Philomena „Manny“ Manfreda. Ähnlich wie bei den Protagonisten der Geschichte handelt es sich auch bei den Autoren um einen Forensiker und eine Bürgerrechtsanwältin. Das Duo Baden Kenney weiß also, worüber es schreibt, lässt dies aber zum Glück nicht heraushängen.
_In Manhattan geht_ die Angst um. Ein Unbekannter, von den Zeitungen „Vampir“ genannt, sucht verschiedene Personen in ihren Wohnungen auf, betäubt sie mit Äther und nimmt ihnen anschließend Blut ab. Die Taten ergeben keinen Sinn, doch als eine Frau beinahe an einer Überdosis Äther stirbt, kommt Dr. Jake Rosen ins Spiel. Der Forensiker mit dem Hang zu eigenen Ermittlungen findet bald heraus, dass der Täter das Blut weder zum Spaß noch als Fetisch abzapft. Er scheint es zu analysieren.
Doch plötzlich ändert er sein Vorgehen. War vorher noch niemand zu Tode gekommen, findet die Polizei innerhalb kurzer Zeit zwei Leichen mit den charakteristischen Einstichstellen in der Armbeuge. Doch Jake ist nicht der Einzige, der alle Hände voll zu tun hat. Seine Freundin Manny, die fashionverrückte Bürgerrechtsanwältin mit dem transsexuellen Anwaltsgehilfen Kenneth und dem Zwergpudel Mycroft, muss einen Jungen verteidigen, der der Mitgliedschaft einer terroristischen Organisation verdächtigt wird. Eigentlich hat Travis nur die falschen Leute kennen gelernt, die sich einen Streich erlaubt und eine selbst gebastelte Bombe in einen Briefkasten geschmissen haben. Dummerweise lief im Moment der Explosion ein Bundesrichter vorbei und wurde schwer verletzt. Der Dumme-Jungen-Streich ist nun ein Angriff auf den Staat und Travis der einzige der Verdächtigen, den die Polizei fassen konnte. Trotz mauer Beweislage wird er gefangen gehalten. Manny setzt alles daran, um ihn frei zu kriegen, doch je mehr sie ermittelt, umso mehr hat sie das Gefühl, dass er vielleicht nicht schuldlos im Gefängnis sitzt …
_“Nadelstiche“, der zweite_ Krimi mit den Protagonisten Jake und Manny glänzt durch viel, aber nicht durch seine Handlung. Diese beginnt viel versprechend. Die Taten des Vampirs geben nicht nur Jake Rätsel auf, sondern auch dem Leser. Er giert darauf, zu erfahren, was es hiermit zu tun hat, vermutet etwas wirklich Gewieftes hinter den Überfällen. Auch Mannys Fall fängt spannend an. Es gibt Verwicklungen und Ungereimtheiten bezüglich Travis‘ Festnahme, dann die Hinweise darauf, dass er vielleicht doch kein unbeschriebenes Blatt ist. Hätten die Autoren die Fälle so weitergeführt, wäre sicherlich eine großartige Geschichte dabei herausgekommen. Tatsächlich machen sie aber den Fehler, die beiden Erzählstränge zusammenzuführen. Das gelingt ihnen zwar einigermaßen, aber wirklich glaubwürdig ist das Buch von da an nicht mehr. Die Handlung wirkt sehr bemüht und verliert dadurch an Spannung und Authentizität.
Angenehm ist allerdings, dass die Arbeit von beiden Protagonisten nicht übertrieben in den Vordergrund gestellt wird. Baden Kenney verzichten auf seitenlange Beschreibungen von Knochensägereien oder juristischen Winkelzügen. Stattdessen räumen sie dem Privatleben der beiden Hauptfiguren viel Raum ein. Dadurch kommt ihre Persönlichkeit wesentlich besser zum Tragen als das in Büchern ähnlicher Machart der Fall ist. Beide Charaktere (und auch die Nebenfiguren) machen zudem sehr viel Spaß. Manny wirkt stellenweise wie aus einem Frauenroman entsprungen, wenn sie mal wieder über Bekleidungsprobleme oder ihren Hund klagt. Sie tut dies aber zumeist so überspitzt, dass man auch als Nicht-Fan dieses Genre nicht verstimmt ist. Jake hingegen schlägt in eine ganz andere Kerbe. Er entspricht dem Klischee des irren Wissenschaftlers. Seine Arbeit bedeutet ihm viel und spielt auch in den Alltag mit hinein. Er macht sich wenig aus seinem Äußeren, weshalb er der perfekte Gegenpol zu Manny ist.
Der Schreibstil ist locker und häufig sehr humorvoll, besonders bei den Dialogen. Vor allem dadurch erinnert das Buch manchmal an die Bücher von Lisa Scott. Dieser lässige Stil mag Lesern, die auf richtige Krimis stehen, vielleicht nicht gefallen. Wer jedoch gerne unterhalten wird und kein Problem mit ein bisschen weniger Ernsthaftigkeit hat, dem wird „Nadelstiche“ gefallen.
_Auch wenn die_ Handlung mit der Zeit etwas verwaschen wird, ist Baden Kenney ein amtlicher Nachfolger für [„Skalpell N° 5“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5195 gelungen. Witzig, unterhaltsam und leicht zu lesen – für Fans von Lisa Scott genau das Richtige!
|Broschiert: 364 Seiten
Originaltitel: Skeleton Justice
Deutsch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
ISBN-13: 978-3896672865|
http://www.blessing-verlag.de
Ungute Kindheitserinnerungen beschleichen den ältlichen Ex-Anwalt Francis Pettigrew, als ihm seine deutlich jüngere Gattin Eleanor als Urlaubsort ausgerechnet den Flecken Sallowcombe am Rand des großen Exmoors nahe der englischen Westküste vorschlägt. Vor einem halben Jahrhundert hatte er dort als Kind am Hang von Bolter’s Tussock eine Leiche gefunden, aber im Schreck nie davon erzählt.
Nun kehrt er zurück. Wider Erwarten gefällt es ihm, obwohl der Joliffe-Hof, auf dem das Ehepaar unterkommt, kein glücklicher Ort ist. Der alte Joliffe ist ein Tyrann, seine Tochter Edna wurde von ihrem nichtsnutzigen Gatten John Gorman mit zwei Töchtern sitzen gelassen. Die Gormans selbst sind ein hart am Rande der Legalität versippter Groß-Clan, dessen liebste Beschäftigung das gegenseitige Verklagen ist. Die Feindschaft ist schlimmer denn je, denn der alte Gilbert Gorman, der als reicher Mann gilt, liegt im Sterben. Seine Verwandtschaft lauert auf die Erbschaft. Cyril Hare – Der Tote von Exmoor weiterlesen →
Windee Station, eine Farm im Südwesten des australischen Bundesstaates Neusüdwales; mehr als eine halbe Million Hektar von der Sonne verbranntes, ausgedörrtes Land, das nichtsdestotrotz 70.000 Schafe ernährt und den Besitzer Jeffrey Stanton zu einem reichen Mann gemacht haben. Jeff, wie ihn sogar seine Arbeiter zu nennen pflegen, ist ein harter, aber gerechter Selfmade-Mann, ein Witwer, mit einer tüchtigen Tochter gesegnet und mit einem trinkfesten Sohn geschlagen.
Vor etwa zwei Monaten hat sich auf Windee Station Seltsames zugetragen. Ein Mann, der sich Luke Marks nannte, hatte Stanton, angeblich ein alter Freund, besucht. Einige Tage später fand man seinen Wagen in einem öden Landstrich – leer, vom Fahrer keine Spur. Eine ausgedehnte Suche blieb erfolglos, Marks verschwunden.
Dem aufmerksamen Inspektor Napoleon Bonaparte von der Polizei in Queensland ist dieser Fall zu Ohren gekommen. Der Sohn eines weißen Vaters und einer Aborigines-Mutter ist ein ausgezeichneter Kriminalist und Spurenleser, der auch dort seinen Fall zu lösen pflegt, wo seine Kollegen – in diesem Fall der eifrige aber überlastete Sergeant Morris – aufgeben müssen. „Bony“, wie der eigenwillige Bonaparte genannt wird, reist nach Windee Station. Er entdeckt, dass Marks ein korrupter Beamte der Gewerbepolizei von Neusüdwales mit Namen Green war, der sich davongemacht hatte, weil der Boden zu heiß für ihn wurde.
Dass Green nicht mehr lebt, ist Bony rasch klar. Dort, wo sein Wagen gefunden wurde, haben Eingeborene ein Zeichen hinterlassen: „Hütet Euch vor bösen Geistern; hier wurde ein weißer Mann getötet.“ Bony lässt sich vom ahnungslosen Stanton als Farmarbeiter anstellen. So lernt er Windee Station und seine Bewohner kennen. Die Spur wird heiß, als ihm am Tatort eine Ameise einen Diamanten vor die Füße wirft. Dann bekommt Bony es plötzlich mit drei Mördern, einer verzweifelten Braut und einer heißblütigen Erpresserin zu tun und ist fast dankbar, mit einem Buschfeuer auf den Fersen in die Wüste fliehen zu können …
_Die von allen Ablenkungen befreite Kulisse_
Eine sehr einfache Kriminalgeschichte, eingebettet in ein fremdes Land mit einer exotischen Kultur, das Ganze kenntnisreich und gekonnt erzählt: Dies ist das Geheimnis des Erfolgs, der die „Bony“-Romane des Arthur W. Upfield unsterblich werden ließ. „Ein glücklicher Zufall“ bildet keine Ausnahme. Lakonisch und unsentimental, dabei genau beobachtend, schreibt jemand über eine Welt, die er versteht. Genretypische Effekte wie Verfolgungsjagden und Schießereien fehlen gänzlich, die Bluttat ist längst geschehen, als die Handlung einsetzt. Den Hintergrund des Finales bildet stattdessen ein gewaltiges Buschfeuer, das einen wahrlich eindrucksvollen Rahmen für die sehr versöhnliche Auflösung dieses Falles liefert.
Dass Windee Station und die winzige Ortschaft Mount Lion auch im Wilden Westen der Vereinigten Staaten stehen könnten, ist natürlich auch dem Verfasser aufgefallen. Er treibt seine Späße damit, dass hier Schafe statt Rinder getrieben und nicht Bisons, sondern Kängurus gejagt werden. Die stantonschen Arbeiter geben sich wie Cowboys, nur dass sie auf ihrer nachmittäglichen Teestunde bestehen. Sogar Indianer gibt es in dieser Geschichte: Sie werden von den Aborigines vertreten, die mit den weißen Herren ihres Heimatlandes immerhin in friedlicher Koexistenz leben.
Die ruhige, aber niemals betuliche Handlung lässt Raum für schnurrige Episoden mit handfesten Gottesleuten oder unkonventionellen Gastwirten, erzählt vom geheimen oder geheimnisvollen Leben der Aborigines und lässt bei so viel Staub und Hitze die Kehle schon beim Lesen trocken werden.
|Polizist zwischen zwei Welten|
|“Von seiner Mutter hatte er das Nomadenblut, die scharfen Augen und die Jagdleidenschaft geerbt, seinem Vater verdankte er die Beherrschtheit seines Wesens und die Fähigkeit, logisch zu denken.“|
So wird uns Napoleon Bonaparte, kurz „Bony“ genannt, vom Verfasser vorgestellt. Ein wenig verunglückt ist ihm dies aus heutiger Sicht, da inzwischen nur mehr Rassisten und Dummköpfe in Frage stellen, dass auch ‚reinblütige‘ Aborigines über die Gabe des logischen Denkens verfügen. Dabei war Upfield sicherlich kein verkappter Kolonialherr, der die „Nigger“ Australiens – als solche bezeichnet sie der honorige Stanton, ohne sich groß etwas dabei zu denken – als Menschen zweiter Klasse betrachtete, sondern kann nach den Maßstäben seines Zeitalters durchaus als aufgeklärt gelten.
Bony ist ein selbstbewusster Mann, der sich nicht in die „Ja, Massa!“-Ecke abdrängen lässt. Er hat sich trotz seiner unkonventionellen Vorgehensweisen als Kriminalist einen Namen bei Weiß und Schwarz gemacht, beauftragt sich notfalls selbst mit einer Ermittlung und ist mit sich und seiner Herkunft im Reinen; Sergeant Morris springt jedenfalls rasch vom Pferd als er merkt, wer da vor ihm steht, und auch Bony lässt keine Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hat. So war es ein kluger Schachzug Upfields, Bony in beiden australischen Welten zu verankern. Es erweitert den Spielraum möglicher Handlungen beträchtlich und fügt dem Krimi eine buchstäblich menschliche Komponente bei.
|Die Zeiten ändern sich – hoffentlich|
Wenn die Schilderung der Aborigines trotzdem hier und da unangenehm aufstößt, so liegt das primär an der Übersetzung. Sie liest sich nicht nur unter politisch korrekten Aspekten anachronistisch, sondern klingt auch dem nicht moralisch zwangserregten Zeitgenossen heute beleidigend im Ohr. Pidgin-Englisch lässt Aborigines nicht so radebrechen: |“Nein, nein Boß. Schwarzer all right. Guter Kerl. Du Mehl geben, ja?“| Aber so klang es halt, wenn im deutschen Unterhaltungsroman der 1950er Jahre „Neger“ und andere „Wilde“ zu Wort kamen.
Ob oder in welchem Maße die übrigen Bewohner von Windee Station oder Mount Lion überzeichnet sind, ist heute schwer zu entscheiden, nachdem sich im Gefolge von Crocodile Dundee eine Flut grausiger Aussie-Klamotten über die Bewohner der nördlichen Erdhemisphäre ergossen hat. Es müssen jedenfalls außergewöhnliche bzw. außergewöhnlich verschrobene Zeitgenossen sein, die sich – nicht immer freiwillig, wie Upfield deutlich zu machen versteht – in ein solches Leben voll Hitze, Einsamkeit und Öde fügen.
_Autor_
Arthur William Upfield wurde 1888 im südenglischen Gosport geboren. Das schwarze Schaf seiner Familie wurde von dieser 1902 Jahren nach Australien geschickt. Dort streifte Upfield als Gelegenheitsarbeiter durch das Outback. Pelztierjäger war er, Schafzüchter, Goldsucher und Opalschürfer – ohne besonderen Erfolg dies alles, aber reich an Erfahrungen geworden, die Upfield ab 1929 in 28 Kriminalromanen um Inspektor Napoleon „Bony“ Bonaparte nutzen konnte.
Zu seinen Lebzeiten war Upfield erfolgreich, aber bei der Kritik nicht gut angesehen. Das hat sich grundlegend und zu Recht geändert. Heute zählen Upfields „Bony“-Romane mit ihren grandiosen Landschaftsschilderungen und dem sichtlichen Hintergrundwissen über die Kultur der australischen Ureinwohner zu den Klassikern des ‚ethnologischen‘ Kriminalromans. Das mag zu der in Deutschland ansonsten seltenen, für den Leser aber erfreulichen Tatsache beitragen, dass die „Bony“-Romane immer wieder neu aufgelegt werden.
An seinen zweiten „Bony“-Roman sollte Upfield übrigens noch lange denken. Er hatte Ende der 1920er Jahre auf einer Farm gearbeitet und dabei mit den Arbeitern des Feierabends ausgiebig über den perfekten Mord diskutiert. Die Lösung entsprach dem späteren Ende des Luke Marks. Als einer der Farmarbeiter 1932 in die Tat umsetzte, was er gelernt hatte (ohne freilich gründlich genug zu sein), wurde Upfield vor Gericht gestellt. Man versuchte ihn wegen Beihilfe dranzukriegen, was jedoch misslang. (Der eigentliche Schurke musste trotzdem hängen.)
Arthur W. Upfield starb 1964. Im Internet ist der Verfasser u. a. [auf dieser Homepage]http://homepage.mac.com/klock/upfield/upfield.html vertreten.
|Taschenbuch: 221 Seiten
Originaltitel: The Sands of Windee (London : Hutchinson 1931)
Aus dem Englischen von Heinz Otto
ISBN-13: 978-3-442-01044-8
Deutsche Erstausgabe: 1958 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Krimi K 215), 181 Seiten, keine ISBN|
[www.randomhouse/goldmann-verlag.de]http://www.randomhouse/goldmann-verlag.de
_Der ebenso reiche_ wie unsympathische Danny Roth ist fassungslos: Jemand hat seine liebsten Statussymbole, etwa fünfhundert Flaschen einzigartigen Rotweins, aus seinem Haus in den Hollywood Hills entwendet!
Das muss jemand ausbaden. Und diejenige, die Roths Zorn direkt zu spüren bekommt, ist die hübsche Elena Morales von der Versicherung. Die clevere Geschäftsfrau merkt schnell, dass der reiche Widerling alles tun wird, um ihren Arbeitgeber über den Tisch zu ziehen. Bedauerlicherweise haben die Täter extrem professionell gehandelt und so gut wie keine Spuren hinterlassen.
Elena bleibt nur noch eines übrig: Sie muss Sam Levitt anrufen und ihn auf den Fall ansetzen. Einerseits liegt das nahe: Sam ist frankophil, ein außerordentlicher Weinkenner und übernimmt detektivische Arbeiten, seit er sich von der falschen Seite des Gesetzes zurückgezogen hat. Dummerweise ist er auch Elenas Exfreund, und sie ist ihm emotional noch nicht ganz entkommen, so dass eine Kontaktaufnahme Gefahren birgt, die sie nicht brauchen kann.
Sam ist entzückt, sowohl davon, Elenas Stimme wieder zu hören als auch von dem Fall an sich. Er mag Rätsel, und dieses ist besonders knifflig. Wie knifflig genau, geht auch Sam erst mit der Zeit auf. Was er auch versucht, wen er auch befragt: Er rennt gegen Wände. Seine Kontakte versagen, seine Spürnase nimmt nicht die leiseste Witterung auf. Da bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als sich zur Quelle zu begeben, die in diesem Fall mit köstlichem Bukett in Frankreich sprudelt. Die Spur führt von Hollywood über Paris nach Marseille und verlangt dem Detektiv von eigenen Gnaden so einiges an Geist und Chuzpe ab …
_Sam Levitt ist_ ein ausgesprochen sympathischer Protagonist, der die Ermittlungen auf unkonventionelle Weise angeht und nebenher einen luxuriösen Lebensstil pflegt. Mayle führt mit leichter Hand durch die Geschichte, die von vertrackten Aufgaben nur so wimmelt, erfreut den Leser mit der Beschreibung der Öffnung einer metaphorischen Blüte und lässt ihn leise seufzend zurück: „Hach ja, reich müsste man sein, und detektivischen Ehrgeiz müsste man haben, und Ahnung von Wein sowieso.“ Und dann sollte man dringend mal wieder nach Frankreich fahren, allein schon wegen der Bouillabaisse.
Dadurch, dass des Protagonisten Weste erst in den letzten Jahren wieder mühsam weiß gewaschen wurde (oder zumindest beige), umweht ihn noch immer etwas der Dunst des Ungesetzlichen – was ihn als Hauptfigur extrem interessant macht und so einige seiner Aktionen erklärt.
Auch der Fall an sich ist hübsch verknotet; weder an der Ausführung des Verbrechens noch am Endpunkt des manchmal nur hauchdünnen Ariadnefadens ist irgendetwas auszusetzen. Schön gemacht: Die Darstellung der Laufarbeit, die ein Verbrechen nach sich zieht, bei dem Profis kaum Spuren hinterlassen haben.
_Mayle hat einen_ kurzweiligen, interessanten Krimi geschrieben, der völlig ohne Blut, Explosionen oder wilde Verfolgungsjagden auskommt. Das hier niedergeschriebene geistige Kräftemessen zweier fast ebenbürtiger Gegner ist nicht nur für Weinfreunde und Gourmets absolut empfehlenswert. Wenn Sie Spaß an Rätseln haben, an kulinarischen Genüssen, pointierten Gesprächen und scharfsinnigen Folgerungen, dann sind Sie mit der Lektüre gut beraten. „Ein diebisches Vergnügen“ ist als Name für diesen Roman zurecht gewählt worden.
|Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Originaltitel: The Vintage Caper
Aus dem Englischen von Ursula Bischoff
ISBN-13: 9783896674265|
[www.randomhouse.de/blessing]http://www.randomhouse.de/blessing/
[www.petermayle.com ]http://www.petermayle.com/
Seit 1790 steht Calvary Goal auf einem Hügel unweit des Dorfes Thornbeck in der englischen Grafschaft Cumbria. Das große Gefängnis wurde berühmt und berüchtigt durch seine fleißig genutzte Todeskammer, in der mehr als 800 Schwerverbrecher gehängt wurden. Schon lange steht der alte Bau leer, ist baufällig und soll verkauft werden. Um die Werbetrommel für Calvary Goal zu rühren, hat man dem Dokumentarfilmer C. R. Ingram gestattet, mit einigen Studenten ein fragwürdiges Experiment zu inszenieren: Der blinde Schriftsteller Jude Stratton soll eine Nacht in der Todeskammer verbringen und herausfinden, ob es dort womöglich umgeht.
Anderenorts bekam Georgina Grey gerade Post von der „Caradoc-Gesellschaft“, die sich nach fast einem Jahrhundert der Erforschung übersinnlicher Phänomene auflösen will. Ihr Urgroßvater Walter Kane, Gefängnisarzt in Calvary Goal, hatte die Arbeit der Gesellschaft durch ein finanzielles Legat gefördert. Die verbliebenen Mittel sollen nun an Georgina als letzte Erbin zurückfließen. Von ihrem Lebensgefährten verlassen und ruiniert, käme ihr dieses Geld Georgina gerade recht, sodass sie sich umgehend nach Thornbeck begibt.
Dort hütet Vincent Meade, Sekretär der Gesellschaft, ängstlich die Geheimnisse einer turbulenten Vergangenheit, in der Calvary Goal immer wieder von Skandalen und kriminellen Umtrieben erschüttert wurde. Da Meade selbst Teil dieser unterdrückten Geschichte ist, will er Georgina, die diverse entlarvende Papiere erben wird, notfalls mit Gewalt mundtot machen. Eine weitere Nacht, die Jude Stratton mit der inzwischen zum Fernsehteam gestoßenen Georgina unter dem Galgen von Calvary Goal verbringen wird, verschafft Mead die ideale Ausgangsposition …
_Schauerliche Komödie auf diversen Zeitebenen_
Manches Buch liest man, während und obwohl man sich von Seite zu Seite lauter fragt, was um Himmels willen der Verfasser (oder in unserem Fall die Verfasserin) uns da vorsetzt. „Todeskammer“ – das sind 550 Seiten einer absurden Krimi- und Schauermär, die man weder ernst nehmen mag noch kann, obwohl Sarah Rayne in diesem Punkt möglicherweise gänzlich anderer Meinung ist, denn sie hat sich sichtlich Mühe gegeben mit ihrem Plot, der parallel auf vier Zeitebenen spielt, die im Verlauf des Geschehens immer dichter miteinander verschränkt werden. Calvary Goal wird Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte, die 1917 beginnt, 1938 ihre rasante Fortsetzung findet, 1958 gewaltsam auflebt und im 21. Jahrhundert in einem vor Mord & Spuk & Schwachsinn förmlich berstenden Höhepunkt gipfelt.
Eigentliches Zentrum der Geschichte ist der Hinrichtungstrakt des alten Gefängnisses. Wenn Rayne das Zeremoniell der staatlich legalisierten Menschentötung schildert, läuft sie zur Hochform auf. Die Autorin hat ausgiebig recherchiert. Ihre Darstellungen sind präzise, und sie verfügt durchaus über das schriftstellerische Talent, um Schrecken und Komik des Alltags in der Todeszelle auszumalen.
Beide Emotionen sind enge Verwandte. Zwar werden in Calvary Goal Menschen quasi in Serie umgebracht. Trotzdem hat sich hier eine sehr lebendige und farbenfrohe Gesellschaft mit dem Tod eingerichtet. Es wird intrigiert, die Ehe gebrochen und das Gesetz sabotiert, dass es die reine Freude ist. Zum idealen Sendboten des Unheils mutiert der verlotterte, verfressene, moralisch marode Wärter Saul Ketch, der stets zur falschen Zeit am richtigen Ort auftaucht und als griechischer Ein-Mann-Chor die Ereignisse auf unnachahmliche Weise kommentiert.
|Der Zufall macht viele Überstunden|
Dass Ketches komische Eskapaden sich wenig harmonisch in das Gesamtgefüge dieser Geschichte integrieren, darf nicht weiter stören, da „Todeskammer“ zwar eine Story und einen roten Faden, aber keine stringente Struktur besitzt. Von einem Kapitel zum nächsten kann die Stimmung zwischen Dramatik und Slapstick changieren, wobei wie schon angedeutet fraglich ist, ob Rayne dies so gewollt hat. Als Kitt dient den Szenen eine gewisse Gefühlsduseligkeit, da Rayne ein Faible für ‚tragische‘ Liebesgeschichten hat, die im Umfeld der „Todeskammer“ (glücklicherweise) nur selten funktionieren.
Die Komik – sei sie nun echt oder unfreiwillig – wirkt auch deshalb, weil die Verfasserin quasi schreibt, ohne eine Miene zu verziehen. Der Grundton bleibt bierernst, was die bizarren Plot-Kapriolen erst recht glänzen lässt. So gibt es kaum eine Hauptfigur ohne mindestens zwei Identitäten. Der Leser findet es ebenso grandios wie abstrus, wenn Rayne wieder einmal Lebensläufe miteinander verschmilzt, wobei sie die Gesetze der Wahrscheinlichkeit völlig ignoriert. Der Zufall triumphiert mit einer Dominanz, die ihm jeden Ernst raubt. Todeszelle und Hinrichtungskammer verwandeln sich in das Bühnenbild einer Boulevardkomödie. Wo sich dort heimliche Liebhaber in Schränken verstecken, kommt es hier unter dem Galgen zu Verwechslungen und Verwirrungen. Ständig wird der oder die Falsche gehängt, überleben Todeskandidaten, flüchten und kehren in anderer Gestalt zurück.
Die Grenzen zwischen ehrbaren Gesetzesdienern und -brechern sind jederzeit fließend. Aus Patrioten werden Serienmörder, während unschuldige Schönheiten den Wahnsinn unverdünnt vererben. Ein Arzt mutiert zum „mad scientist“, der unbedingt das Gewicht der menschlichen Seele ermitteln will, eine gramgebeugte Adelsfrau verfällt dem Spiritismus, der sich als Sammelbecken dreister aber ebenfalls übergeschnappter Betrüger entpuppt.
Die Gegenwart ist keineswegs ruhiger. Das Fernsehen schickt eine primär von sich selbst überzeugte Gruppe von ‚Dokumentarfilmern‘ nach Thornbeck, die mit der Wahrheit wenig am Hut haben und um des Sensationseffektes u. a. einen blinden Ex-Journalisten ‚ermitteln‘ lassen. Eine ziemlich dumme Frau schließt sich ihnen an und gerät ahnungslos auf die Spuren alter Geheimnisse, die exakt jenen einen Menschen aktiv werden lassen, der sich von ihnen bedroht fühlen muss. Dies setzt eine neue Lawine obskurer Untaten in Gang, die den weiter oben bereits erwähnten Zufall höchstens völlig betrunken am Werk zeigen. Weil Sarah Rayne einst Liebesromane produzierte, kann sie nicht widerstehen und zimmert eine Holzhammer-Romanze hinzu, die womöglich erneut satirisch gemeint ist.
|Geister kommen auch vor|
Um der bösen Geißel „Glaubwürdigkeit“ endgültig den Garaus zu machen, verschneidet Rayne das hoch kriminelle Treiben grob mit diversen Elementen des Schauerromans. Grundsätzlich ist dies eine ehrwürdige Tradition im klassischen Krimi, der sich u. a. John Dickson Carr (1906-1977) gern und gut bediente (und in „Hag’s Nook“, dt. „Tod im Hexenwinkel“, 1933 ebenfalls ein aufgelassenes Gefängnis, in dem es zu spuken scheint, als Schauplatz nutzte). Rayne entwirft liebevoll eine an Grausigkeiten reiche Gefängnis-Geschichte, die Geister eigentlich produzieren _muss_. Ganz in der Tradition der Klassiker fügt sie ihrem Roman einen Übersichtsplan bei, mit dessen Hilfe man verfolgen kann, wo Gut und Böse durch Flure und Zellen tappen. (Dort findet man u. a. einen kleinen aber für die Handlung wichtigen Schuppen, in dem der Ätzkalk-Vorrat der Anstalt lagert, über dessen Verwendung Rayne viel Interessantes zu berichten weiß …) Wundert sich jemand, dass sich aller Spuk letztlich als Humbug erweist? Einmal mehr wirft Rayne eifrig Nebelkerzen. Dabei kann ihr auch ohne Geister beim besten Willen kein Leser im wüsten Gewirr ihrer Gefängnis-Mär auf die Schliche kommen.
„Todeskammer“ ist somit Krimi-Trash pur. Das Lektüre-Vergnügen ist dennoch erheblich, weil die Autorin das Handwerk des Schreibens versteht und ihr diesbezügliches Können auch die Übersetzung überstanden hat. (Oder verdanken wir etwa der Übersetzerin dieses seltsame Schillern zwischen dramatischem Ernst und markerschütternder Komödie?)
_Autorin_
Sarah Rayne wurde am 12. April 1947 als Bridget Wood geboren. Nach eigener Auskunft begann sie als Tochter eines irischen Komödienautors bereits als Teenager zu schreiben. Sie besuchte eine Klosterschule; anschließend begann die, für später erfolgreiche Schriftsteller offenbar obligatorische, Odyssee durch unzählige Kurzzeit-Jobs.
Erst 1982 gelang Wood die Veröffentlichung ihres Romanerstlings. „Mask of the Fox“ erschien unter ihrem Geburtsnamen, den sie als Autorin bis 1994 beibehielt. In dieser Phase veröffentlichte sie Fantasy- und Gruselgeschichten, die sie mit jenen romantischen Einlagen verschnitt, die vor allem Leserinnen schon schätzten, bevor Stephenie Meyer & Co. die Schreckensherrschaft der saft- und kraftlosen Bellas und Edwards einläuteten. Hervorzuheben ist die vierteilige „Wolfking“-Serie, die in einem postatomaren Irland spielt und allerlei ‚keltische‘ Plump-Klischees bedient.
Ab 1994 wechselte Wood zum Pseudonym „Frances Gordon“, doch ihr Programm blieb unverändert; höchstens der Schmalz-Anteil ihrer romantischen, von Uralt-Flüchen und reinkarnierten Finsterbolden wimmelnden Horror-Schinken stieg. 2003 wechselte Wood abermals das Pferd bzw. ihr Pseudonym. Als „Sarah Rayne“ schreibt sie nunmehr „psychologische Thriller“, die jedoch – die Leserinnen seien beruhigt – weiterhin tief in der weiblichen Seele gründeln.
|Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: The Death Chamber (London : Simon & Schuster UK Ltd. 2008)
Übersetzung: Ursula Bischoff
ISBN-13: 978-3-442-47033-4
eBook: April 2010 (Wilhelm Goldmann Verlag), ISBN-13: 978-3-641-04377-3|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann
Robert Hunter gehörte zu den Ermittler-Stars der Polizei von Los Angeles, bis im Vorjahr sein Partner und bester Freund Scott bei einem Bootsunglück starb. An einen Unfall mag Hunter indes nicht recht glauben. Stattdessen ahnt er die Ränken seines schlimmsten Feindes: Vor zwei Jahren trieb der Kruzifix-Killer im Raum Los Angeles sein Unwesen. Mit infernalischem Geschick pflegte er seine Opfer heftig und so lange wie möglich zu foltern. Auf den Leichen hinterließ er sein Markenzeichen: ein doppeltes, in die Haut geschnittenes Kreuz. Schließlich nahmen Hunter und Scott einen Mann fest, der die Bluttaten gestand, verurteilt und später hingerichtet wurde. Schon damals hielt Hunter Farloe für unschuldig.
Der Tod von Scott raubt Hunter den Nachtschlaf, treibt ihn zum Alkohol und beeinträchtigt seine Polizeiarbeit. Darauf hat der echte, immer noch freie Kruzifix-Killer gewartet. Er entführt die Edel-Prostituierte Jenny Farnborough, der er die Haut vom Gesicht zieht, bis sie endlich stirbt. Am Telefon verhöhnt er Hunter und kündigt weitere Morde an. Da der Killer den Kontakt zu Hunter sucht, übernehmen dieser und sein neuer Partner Carlos Carcia den Fall.
Schnell lässt der Killer einen weiteren grässlichen Mord folgen. Daran koppelt er ein infames Spiel: Bevor er tötet, stellt er Hunter eine Aufgabe. Ist dessen Lösung korrekt, bleibt das Opfer am Leben. Allerdings sorgt der Killer dafür, dass dieser Fall möglichst nicht eintritt, sondern Hunter allmählich in den Wahnsinn getrieben wird.
Der ist lange mit kriminologischer Betriebsblindheit geschlagen und außerdem durch eine neue Liebe abgelenkt. Erst in letzter Sekunde findet Hunter heraus, was die Opfer eint, was sich als heiße Spur zum Kruzifix-Killer herausstellt, der allerdings genau jetzt zum blutigen Finale bläst …
_Nicht fabulieren, sondern konstruieren!_
Sie sind partout nicht totzukriegen. An sich kann man mit ihnen leben bzw. sie sogar unterhaltsam finden. Sie dürfen nur nicht alle auf einmal über uns herfallen: Gemeint sind die Klischees des Killer-Thrillers, der mit Hannibal Lecter seinen eigentlichen Beginn nahm, hier seinen Höhepunkt erreichte und bereits sein Ende einläutete. Begabten Autoren gelang es später höchstens, diverse Elemente der Lecter-Mixtur zu verfeinern, zumal auch die psychologische Forschung auf dem Gebiet des Serienmordes voranschritt und auf diese Weise einige Neuansätze bot. Die Trittbrettfahrer des Genres begnügten sich damit, die Zahl der möglichst blutig zu Tode geschundenen Opfer zu steigern.
Chris Carter ist ein solcher Trittbrettfahrer. „Der Kruzifix-Killer“ birst beinahe vor Action und Grauen und ist doch ein konventioneller und erschreckend langweiliger Roman. Nach eingehender Prüfung und selbst mit dem größten Wohlwollen kann dem Verfasser keine neue Idee nachgewiesen werden – wirklich keine einzige! Das darf man fast eine Leistung nennen; eine traurige Leistung allerdings.
Man könnte an dieser Stelle ausführlich die unverändert aufgegriffenen Elemente aus einschlägigen Filmen und Romanen auflisten, mit denen Carter sowohl die Handlung als auch die Figurenzeichnung bestreitet. Diese endlose und deprimierende Arbeit hat sich der Rezensent gespart; sie ist zudem überflüssig, weil sie einen Aspekt nicht berücksichtigt: „Der Kruzifix-Killer“ soll gar kein ‚guter‘ Roman mit frischer Geschichte und lebensechten Figuren sein. Geplant, konzipiert und umgesetzt wurde dieser Thriller als Harpune, mit dem sich sein Verfasser im Speck der modernen Buch-Industrie verankern wollte. Dieser Schuss war ein Volltreffer, was Carter auf seiner Website u. a. mit Schnappschüssen diverser Bestseller-Listen dokumentiert, die das Werk auf vorderen Plätzen zeigen.
|Retorten-Thriller des 21. Jahrhunderts|
Stromlinie bzw. der Verzicht auf Ecken und Kanten heißt der Schlüssel zum Erfolg einer Geschichte, die so lange abgeschliffen wurde, bis sie den Lesern der ganzen Welt gefallen kann. Carter greift außerdem nur Elemente auf, die sich bewährt haben, weil sie nie gegen den Strich gebürstet werden und so möglicherweise irritieren oder verärgern, sondern ausschließlich funktionieren. Was an sich legitim sowie in der Unterhaltungsliteratur üblich ist, ärgert hier durch die besonders kalte und lieblose Realisierung. Carter bemüht sich niemals, sein Recycling zu verschleiern. Er setzt voll und ganz darauf, durch bekannte Muster und quasi auf Knopfdruck das Kino im Kopf einer primär durch Film und Fernsehen geschulten sowie sehr anspruchsarmen Leserschaft in Gang zu setzen.
Darüber hinaus ist „Der Kruzifix-Killer“ ein Buch, das vor allem für Nachwuchs-Leser geschrieben wurde. Sie werden mit einem maßgeschneiderten Thriller bedient. Cop jagt Killer, das Tempo lässt nie nach, und zwischendurch wird es garantiert immer wieder herrlich eklig. Dass die Geschichte altbacken ist, ihre ‚Auflösung‘ durch eine willkürlich ins Geschehen geschnittene Nebenhandlung dreist verzögert und letztlich übers Knie gebrochen wird, die Figuren flach und die Effekte plump und billig sind, interessiert diese Klientel nicht, zumal sie die heiße Nadel (noch) nicht erkennt, mit der Carter sein fadenscheiniges Garn strickt.
|“Se7en“ + „Saw“ = „Der Kruzifix-Killer“|
Blut allein kann den abgebrühten Leser heute nicht mehr schockieren. Das gilt erst recht, wenn der optische Verstärker fehlt, den Film und Fernsehen bieten. Möglichst viele Körperflüssigkeiten müssen strömen und die Opfer dabei leben, zittern und schreien, damit sich der ersehnte Ekel-Effekt einstellt. „Torture Porn“ nennt man dies im Kino; ein ungeliebter Ausdruck, weil er an Seelen-Saiten der Zuschauer rührt, die diese lieber nicht interpretiert wissen möchten.
Immerhin darf man Carter nicht den Vorwurf machen, die Lust am plakativen Grauen zu bemänteln. Er bricht die Realität auf oder gerade in diesem Umfeld bewusst aufs Triviale herunter. Während im wahren Leben der Serienkiller eine niemals charismatische Kreatur ist, wird der Kruzifix-Killer zum dämonischen Übermenschen stilisiert. Tatsächlich bleibt er ein eindimensionaler Buhmann ohne echte seelische Abgründe. Als es ins Finale geht, will Carter Tiefe nachliefern, doch da ist es längst zu spät. Der Killer ist und bleibt nur ein weiterer „Jigsaw“-Klon, der sein sadistisches Handeln mit pseudo-philosophischem Nonsens zu ‚begründen‘ versucht.
Da befindet er sich in perfekter Gesellschaft. Auch Robert „Nomen-est-Omen“ Hunter ist kein Mensch, sondern nur eine Schablone. Taffer Cop mit psychischen Problemen: Banaler geht es wirklich nicht! Auch hier demonstriert Carter jedoch nicht nur glatte Routine, sondern investiert in die Zukunft: „Der Kruzifix-Killer“ ist Auftakt einer (inzwischen fortgesetzten) Reihe von Hunter-Thrillern. Wie es erneut das Fernsehen perfekt vorgibt, zeichnet sich die typische Serienfigur durch wenige aber kennzeichnende Eigenschaften bzw. Eigenheiten aus, die nur sparsam verändert werden: Der Verzicht auf das Unerwartete sichert die Serienbindung. Der Fan liebt es, wie in einen alten Pantoffel in ’seine‘ Figur/en zu schlüpfen. Carter hilft ihm gern dort hinein. Der weitere Erfolg des cleveren Verfassers darf deshalb als gesichert gelten.
_Autor_
Als Sohn italienischer Einwanderer wurde Chris Carter 1965 in Brasilien geboren. Er wuchs in der Hauptstadt Brasilia auf und ging erst nach Abschluss der High School in die USA. Dort studierte er forensische Psychologie, spezialisierte sich also auf die kriminologische Seite dieser Wissenschaft. Folgerichtig arbeitete Carter nach seinem Abschluss als Kriminal-Psychologe.
Nach einigen Jahren wechselte Carter nicht nur nach Los Angeles, sondern änderte auch sein Leben radikal: Er wurde Rockmusiker, ging später nach London und spielte in einer Reihe einschlägiger Bands die E-Gitarre. Wieder einige Jahre später beschloss Carter, Schriftsteller zu werden. Sein Debütroman erschien 2009. „Der Kruzifix-Killer“ wurde gleichzeitig Auftakt einer Serie um den Polizisten Robert Hunter, der ausschließlich die übelsten Kriminellen jagt.
Über sein Werk (schmal) und seine Aktivitäten (eifrig) berichtet Carter auf [seiner Website.]http://www.chriscarterbooks.com
|Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: The Crucifix Killer (London : Simon & Schuster 2009)
Aus dem Englischen übersetzt von Maja Rößner
ISBN-13: 978-3-548-28109-4
[www.ullstein-taschenbuch.de]http://www.ullstein-taschenbuch.de
eBook: Juli 2009 (Ullstein Verlag), 480 Seiten, ISBN-13: 978-3-548-92003-0
Hörbuch: Juni 2009 (Hörbuch Hamburg), 4 CDs (gekürzte Fassung), gelesen von Armin Buch
ISBN-13: 978-3-8690-9030-6|
[hoerbuch-hamburg.de]http://hoerbuch-hamburg.de|
Fast schon vergessen hat Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen seine Zeit in Wrightsville. Nun erhält er anonym Zeitungsartikel zugeschickt, die ihn auf interessante Ereignisse in diesem kleinen Flecken im ländlichen Norden des US-Staates New York hinweisen, in dem die Zeit irgendwann vor dem I. Weltkrieg stehengeblieben zu sein scheint. Ein alter Sonderling ist gestorben und hat sein Vermögen einem mildtätigen Doktor vermacht; ein reicher Fabrikant wurde als Betrüger entlarvt und hat sich erschossen; der Säufer Tom Anderson ist in einem Sumpf verschwunden.
Den alten Tom hat Queen gekannt und gemocht. Als Rima, seine Tochter, in New York auftaucht und den Detektiv um Hilfe und Klärung des Verbrechens angeht, lässt dieser sich nicht lange bitten. In Wrightsville ermittelt Queen, dass alle seltsamen Vorfälle einen Faktor gemeinsam haben: Irgendwie war stets Dr. Sebastian Dodd beteiligt, der selbstlos die Armen und Alten behandelt und als wahrer Stadtheiliger gilt.
Rimas Vater hat er direkt vor dessen Verschwinden ein Darlehen gewährt. Das Geld ist fort, Andersons skurrile Freunde verneinen jegliches Wissen. Queen irrt kriminalistisch im Kreis, bis ihn die wenigen Spuren auf eine irrwitzige Theorie bringen: Hier sterben Menschen nach dem Muster eines alten Abzählreims für Kinder! Niemand will ihm das so recht glauben, selbst als der Tod Queens Hauptverdächtigen dahinrafft, wie er es vorausgesagt hatte. Und besagter Reim geht noch weiter, das nächste Opfer steht schon fest …
_Idylle mit dunklen Winkeln_
„… und raus bist Du!“ ist der letzte Queen-Krimi der „Wrightsville“-Serie. In „The Devil to Pay“ (1938, dt. „Des Teufels Rechnung“) hatte Ellery Queen New York verlassen und war nach Hollywood umgesiedelt. Dies ging mit in der Kriminalliteratur seltenen, aber konsequenten Veränderungen der Figur einher. Queen wurde „erwachsen“; er arbeitete nicht mehr als Berater für die Polizei. Seine Fälle als Privatdetektiv wurden komplizierter und vielschichtiger, psychologische Untertöne schlichen sich ein, aus der oft spielerischen Suche nach dem Mörder wurde nicht selten ein Drama, das unbarmherzig seinem tödlichen Finale entgegen strebte und Queen als wissenden, aber hilflosen und überforderten Zuschauer zurückließ.
1942 kam es zu einem weiteren Wechsel. Ellery Queen wurde in „Calamity Town“ (dt. „Schatten über Wrightsville“) zum ersten Mal nach Wrightsville gerufen. Noch dreimal reiste er in Sachen Mord dorthin (1945: „The Murderer Is a Fox“, dt. „Der Mörder ist ein Fuchs“; 1948: „Ten Days Wonder“, dt. „Der zehnte Tag“; 1950: „Double, Double!“).
Wrightsville ist scheinbar das gute, alte, intakte Amerika, gelegen idyllisch auf dem flachen Land, bevölkert von einfachen, freundlichen Menschen, die der Dekadenz der Großstadt noch nicht erlegen sind. Doch schon der zweite Blick lässt unerfreuliche Wahrheiten zu Tage treten. Die scheinbare Idylle wird durch einen von Abwässern verseuchten Fluss in eine strahlende Musterstadt und in einen Slum geteilt. Aber auch auf der „richtigen“ Seite sind Wohlanständigkeit und Reputation oft nur Fassade, hinter der das Verbrechen wohnt. Und auch mit der traulichen Verschlafenheit ist es vorbei: In Gestalt der Zeitungs-Zarin Malvina Prentiss ist die Moderne in und über Wrightsville hereingebrochen.
|Rätselspiel mit ernsten Nebenwirkungen|
„… und raus bist du!“ demonstriert den Unterschied zwischen Schein und Sein auf manchmal deprimierende Weise. Ist man die auf den Plot konzentrierte, quasi konstruierte Handlung der frühen Queen-Romane mit ihren eindimensionalen Charakteren oder besser Typen gewohnt, überrascht dieser neue Unterton. Dabei ist der Plot keineswegs unkomplizierter geworden. Im Gegenteil: Ellerys Fähigkeit, aus einer Reihe unzusammenhängender Todesfälle auf eine Mordserie nach Abzählreim zu schließen, lässt uns dieses Mal skeptisch zurück. Selbst für ihn ist das ein bisschen zu viel der genialen Deduktion.
Vergnügen bereitet der (nach dem Willen des zeitgenössischen Publikums) „erneuerte“ Ellery Queen aber doch, weil es reizvoll ist, ihn bei seiner Weiterentwicklung zu beobachten. Und das Goldene Zeitalter des klassischen „Whodunit?“-Krimis war 1950 vorbei; ein Held, der im Geschäft bleiben wollte, musste mit der Zeit gehen oder sich bewusst in einen Anachronismus verwandeln.
|Die Figuren gewinnen Tiefe|
Über Ellery Queen ist weiter oben das Grundsätzliche schon gesagt worden. Das „ausgestopfte Hemd“ der frühen Jahre hat sich in einen Menschen mit Ecken und Kanten verwandelt. Sogar Nacktbaden mit einer Klientin ist nun möglich, auch wenn selbstverständlich die Keuschheit des wahren Gentlemans (noch) obsiegt. Als Detektiv ist Queen weiterhin ein Naturtalent, aber gegen gravierende Irrtümer und Fehleinschätzungen ist er nicht mehr gefeit. Das belastet ihn einerseits, während es andererseits die eingeleitete Tragödie nicht beenden kann. Queen erreicht die Zielgerade erst, nachdem der Mörder sein Werk vollendet hat. Das wird ihm in späteren Abenteuern noch öfter passieren.
Rima Anderson ist – Volker Neuhaus erläutert es uns in seinem wie immer kundigen Nachwort – zunächst weniger eine Figur, sondern ein literarischer Scherz: die Inkarnation des Vogelmädchens Rima aus William Henry Hudsons romantischem Abenteuer-Klassiker „Green Mansions“ (dt. „Das Vogelmädchen“) von 1904. Aus dem unschuldigen Naturkind wird durch die Umstände (und Ellerys sanfte Nachhilfe) eine ganz „normale“ junge Frau, wobei es dem Leser überlassen bleibt zu entscheiden, ob sie das wirklich glücklicher werden lässt.
Die übrigen Bewohner Wrightvilles lassen in Verhalten und Gestalt zunächst den üblichen Dorftölpel des Kuschel-Krimis durchscheinen. Dahinter verbergen sich freilich manchmal seelische Abgründe unvermuteter Tiefe. Tom Anderson ist kein bunter Vogel, der lustige Sachen sagt, die den Leser zum Lachen bringen, sondern ein tragischer, psychisch kranker Säufer. Sein Freund, der „Philosoph“, verbirgt hinter schlauen Sprüchen latenten Wahnsinn und den Zorn über sein Dasein als lebenslanger Verlierer. Ein zweiter Freund entpuppt sich als Dieb, der den Gefährten noch im Tod betrügt. Der gute Dr. Dodd wird von Aberglaube und Todesfurcht beherrscht. So geht es weiter, eine Galerie gespaltener Persönlichkeiten, wie es der Roman-Originaltitel andeutet, in einem höchst spannenden und an wendungsreichen Kriminalroman.
_Autoren_
Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.
Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des „realen“ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!
In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.
Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich unter [neptune.spaceports.com./~queen]http://neptune.spaceports.com/~queen Eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.
|Taschenbuch: 301 Seiten
Originaltitel: Double, Double! (New York : Little, Brown, and Company 1950)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Wer ist der Nächste?“): 1953 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane Nr. 55)
Übersetzung: Lola Humm-Sernau, 191 Seiten, [keine ISBN]
Neuausgabe: 1999 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminalbibliothek Bd. 1085)
Übersetzung: Monika Schurr
ISBN-13: 978-3832148478|
[www.dumontverlag.de]http://www.dumontverlag.de
_Ellery Queen bei |Buchwurm.info|:_
[„Chinesische Mandarinen“ 222
[„Der nackte Tod“ 362
[„Drachenzähne“ 833
[„Das Geheimnis der weißen Schuhe“ 1921
[„Die siamesischen Zwillinge“ 3352
[„Der verschwundene Revolver“ 4712
[„Der Giftbecher“ 4888
[„Das Haus auf halber Strecke“ 5899
_Harper Connelly:_
Band 1: [Grabesstimmen 4704
Band 2: [Falsches Grab 5608
Band 3: _Ein Eiskaltes Grab_
Harper Connelly und Tolliver Lang sind keine Geschwister. Zwar traten sie in den vergangenen zwei Bänden zunächst als solche auf, aber damit ist es offenbar vorbei. Schon im letzten Band bemerkte Harper, dass sich ihre Beziehung zu ihrem Halbbruder (keine Blutsverwandtschaft) langsam wandelt und mittlerweile besteht auch Tolliver darauf, dass er nicht als ihr Bruder vorgestellt wird. Die Lektüre von „Eiskaltes Grab“, des dritten Bands der Reihe um Harper Connelly, verspricht also interessant zu werden!
_Diesmal verschlägt es_ Harper und Tolliver in das kleine Städtchen Doraville. In den vergangenen Jahren sind dort immer wieder Jungen verschwunden – acht insgesamt. Der damalige Sheriff hat der Suche nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt und statt dessen angenommen, dass es sich um jugendliche Ausreißer handelt. Doch nun wurde Sandra Rockwell zum neuen Sheriff gewählt und sie ist gänzlich anderer Meinung. Unterstützt in ihrer Annahme wird sie von Twyla Cotton, der Großmutter eines der Jungen. Da diese finanziell gut dasteht, hat sie beschlossen, die neuerlichen Ermittlungen anzuschieben, indem sie Harper engagiert, um die Leichen der vermissten Jungen zu finden.
Und das klappt auch ganz gut. Twyla, Harper und Tolliver fahren einige Orte an, die Twyla für verdächtig hält und tatsächlich findet Harper in einer Scheune ein Massengrab. Sogar mehr als die bisher vermissten Jungen liegen dort begraben. Sie wurden entführt, vergewaltigt, gefoltert und schließlich getötet. Harper ist genauso erschüttert wie die Einwohner der Stadt Doraville. Bisher hatte sie es nämlich noch nie mit einem Massenmord zu tun und die Grausamkeit der Taten ist nur schwer zu ertragen. Da Harper und Tolliver noch Zeugenaussagen machen müssen, können sie die Stadt nicht verlassen. Doch während sie fest sitzen, wird Harper brutal zusammen geschlagen. Und den Mörder gilt es ja auch noch zu finden.
_Harris versucht viel_ in dem schlanken 300-seitigen Buch unterzubringen. Da wäre auf der einen Seite der brutale Mord an den Jungen und die Tatsache, dass sie vergewaltigt und gefoltert wurden, um einem kranken Hirn sexuelle Lust zu verschaffen. Den Leser stößt das ebenso ab wie Harper und Tolliver. Harris konzentriert sich in der Serie bevorzugt auf Mordfälle, die an die Nieren gehen – meistens schon wegen der Jugend der Opfer. Harpers Abscheu, die Trauer der Einwohner, die Wut der Polizei, das Einfallen der Journalistenmeute – all das beschreibt Harris mit einem sehr genauen Blick für Details. Besonders überzeugend gelingt ihr dabei die Reaktion der Einwohner. Zwar stehen die meisten Harpers Begabung skeptisch gegenüber, doch sind sie gleichzeitig bereit, Harpers Einsatz zu würdigen. Und so wird sie zu einem Gedenkgottesdienst eingeladen, bei dem ihr viele der Anwesenden danken. Die Szene ist ergreifend, gerade weil Harper bisher mit ihrer Gabe auf so viel Widerstand und Feindschaft gestoßen ist.
Natürlich wollen auch die Menschen von Doraville ihr nicht nur Gutes. Zumindest der Mörder hat allen Grund sauer zu sein, schließlich hat sie ihm sein perfektes Verbrechen zunichte gemacht. Und so ist der Angriff auf Harper natürlich kein Zufall, auch wenn die Polizei ihm zunächst kaum Bedeutung bei misst. Mit einer Kopfwunde und einem angebrochenen Arm außer Gefecht gesetzt, bleibt Harper nichts anderes übrig, als in der Stadt aus zu harren. Und bei der Gelegenheit kann sie auch gleich den Mordfall lösen, schon allein aus Eigenschutz!
Der zweite Handlungsstrang des Romans ist die Beziehung zwischen Harper und Tolliver. Denn auch Tolliver will mittlerweile mehr von Harper als nur schwesterliche Gefühle. Sie bekommen die Chance ihre Beziehung neu zu definieren, als sie während eines Eissturms in einer Blockhütte am See festsitzen – der perfekte Ort für ein romantisches tête-à-tête. Glücklich über diese neue Ebene in ihrer Beziehung, rückt der aktuelle Mordfall für eine Weile in den Hintergrund und Harper und Tolliver nehmen sich die Zeit, den anderen nochmal ganz neu kennen zu lernen. Doch natürlich eignen sich einsam gelegene Blockhütten für zweierlei Dinge: Romantik und gruselige Action à la „The Last House on the Left“. Charlaine Harris nutzt das Setting für beides und so muss die arme Harper schlussendlich in der Wildnis vor dem wahnsinnigen Mörder fliehen. Genau der Showdown, den man sich als Leser erhofft hat! Es bleibt also bis zur letzten Seite spannend.
Allerdings sollte auch erwähnt werden, dass Harris in dem ohnehin schmalen Band viele Wiederholungen aus früheren Bänden einfügt, um neue Leser an die Hand zu nehmen. So erfährt man wieder und wieder, dass Harper und Tolliver eine schwere Kindheit hatten – ohne dass Harris der Erkenntnis Neues hinzufügen würde. Deren entfremdete Restfamilie (und Harpers veschollene Schwester) werden dem Leser immer wieder in Erinnerung gerufen, doch wäre es schön, wenn diese auch endlich eine tragende Rolle in der Reihe spielen würden. Irgendwann wird dieser Konflikt sicherlich in den Vordergrund rücken müssen – die Frage ist nur, für welchen Band der Reihe Harris sich das aufsparen wird.
_Trotzdem ist „Eiskaltes_ Grab“ wieder eine spannende Lektüre für eine mittellange Bahnfahrt: Eines dieser Bücher, die man mit Begeisterung in einem Rutsch verschlingen kann.
|Sookie Stackhouse:|
[Vorübergehend tot 788
[Untot in Dallas 939
[Club Dead 1238
[Der Vampir, der mich liebte 2033
[Vampire bevorzugt 3157
[Ball der Vampire 4870
[Vampire schlafen fest 5450
[Ein Vampir für alle Fälle 6161
Eine Ära geht zu Ende. Vermutlich ist kein Kriminalkommissar in der gesamten Literatur so bekannt wie Kurt Wallander – der alternde, teils zynische und manchmal schlecht gelaunte und grüblerische Kommissar aus dem schwedischen Ystad, den Henning Mankell vor zig Jahren ins Leben gerufen hat. Mit dem vorliegenden Buch nun endet die Ära Kurt Wallanders …
Der Debütroman des Spaniers Enrique Cortés, „Der 26. Stock“, spielt sich hauptsächlich in einem riesigen Hochhaus ab, in dem die Büros eines namenlosen mächtigen Konzerns untergebracht sind. Das Hochhaus wird die Geschichte nicht überleben – und ist damit quasi die literarische Vorlage für den Brand eines Madrider Büroturms im Jahr 2005. Allerdings dürfte der Windsor-Turm aus weit harmloseren Gründen abgebrannt sein, als der Turm in Cortés‘ Geschichte …
_Isabel Alvarado ist_ Personalverantwortliche in einem riesengroßen Konzern, der diverse Produkte herstellt. Welche das sind, weiß sie selbst nicht so genau. Ihre Aufgabe ist es, vielversprechende Bewerber einzuladen, Vorstellungsgespräche mit ihnen zu führen und sie anschließend zu bewerten. Die Arbeit mit den Menschen macht ihr Spaß, sie fühlt sich in ihrer Firma wohl.
Doch eines Tages verändert sich ihr Arbeitsalltag plötzlich. Ein neues Sicherheitssystem wird im Hochhaus installiert, Kollegen werden scheinbar grundlos befördert, ihr Vorgesetzter und seine Sekretärin verschwinden spurlos und ihr neuer Chef enthält ihr Informationen vor. Als sie sich mit ihrem Kollegen Carlos anfreundet, stellt sie fest, dass sie nicht die Einzige ist, die das Gefühl hat, dass da etwas nicht stimmt. Der Verdacht erhärtet sich, als Carlos eines Tages beinahe tot geprügelt wird und ihr daraufhin geheime Informationen von einem seiner Freunde zugesendet werden. Diese bestehen aus Personaldaten von Angestellten, die erst befördert wurden und dann verschwanden. Eines ist ihnen allen gemein: Sie sind alle in den 26. Stock des Firmenhochhauses, also in die Führungsetage, aufgestiegen. Um heraus zu finden, was hier vor sich geht, lässt sich Isabel in den 26. Stock versetzen …
_Mit über 600_ Seiten ist das Buch nicht gerade dünn. Die meisten Krimis und Thriller haben einen deutlich geringeren Umfang. Langweilig wird die Geschichte trotzdem nicht. Cortés schildert ausführlich und in nüchternem Tonfall die Ereignisse in dem Hochhaus. Dabei schreibt er so trocken, beinahe emotionslos, dass die Geschichte häufig wie ein Tatsachenbericht wirkt. Hinzu kommt, dass aus unterschiedlichen Perspektiven berichtet wird, so dass man einen guten Überblick über die Geschehnisse hat. Trotz der Länge und des eher unspannenden – deshalb aber nicht schlechten – Schreibstils ist das Buch unglaublich fesselnd. Der Autor schafft es, nach und nach Spannung aufzubauen. Besonders gegen Ende entwickelt die Handlung, die gut aufgebaut ist, eine ziemlich starke Sogwirkung. Sie ist geradezu nervenaufreibend. Nur bedingt gelungen ist allerdings der Übergang vom Psychothriller zum Horrorthriller. Er kommt sehr überraschend. Zuerst ist man unsicher, ob man das Gelesene glauben soll oder ob die Personen sich es nur einbilden. Gegen Ende verzettelt sich Cortés bei den Gruselelementen. Was durchaus authentisch begonnen hat, wird zu einer wilden Mischung aus übersinnlichen Wesen und Intrigen.
Die Personen sind hingegen sehr gut gelungen. Auch hier wahrt der Autor eine gewisse Distanz. Dafür beschreibt er die Charaktere umso genauer. Jede Person hat bestimmte Eigenschaften und eine eigene Geschichte, die sie von den anderen abhebt. Fast allen Figuren ist gemein, dass sie bestimmte Schicksalsschläge in ihrem Leben hatten, zum Beispiel den Tod der Eltern oder die Trennung von Ehefrau und Tochter. Isabelle, die auf weiten Strecken im Mittelpunkt steht, ist zum Beispiel Waise und muss darüber hinaus für ihren behinderten Bruder sorgen. Sie ist dadurch stark eingeschränkt und hat wenig Freunde. Umso mehr freut sie sich, als Carlos Interesse an ihr zeigt, auch wenn Enrique Cortés den beiden nur wenig romantische Gefühle einräumt. Die Figuren wachsen dem Leser ans Herz dadurch, dass er sie so gut kennen lernt und sie ihm stets Gründe für Mitgefühl liefern. Umso schlimmer (und nervenaufreibender) ist es da, dass Cortés dazu neigt, auch die freundlichsten Charaktere in scheinbar aussichtslose Situationen zu manövrieren oder in große Gefahr zu bringen.
_“Der 26. Stock“_ ist ein gut geschriebener Psychothriller mit einer fesselnden Handlung und Charakteren, die dem Leser ans Herz wachsen und um deren Wohlergehen man bis zum Ende bangen muss. Die überraschende Hinwendung zum Horrorgenre ist jedoch nur teilweise gelungen. Abgesehen davon, dass die ansonsten sauber konstruierte Handlung an dieser Stelle etwas wirr wird, ist es für viele, die das Buch als realistischen Thriller lesen, sicherlich zu weit her geholt. Besser wäre es gewesen, wenn das Buch in einem Genre geblieben wäre, anstatt plötzlich ein zweites zu bedienen.
|Broschiert: 608 Seiten
Originaltitel: La Torre
Deutsch von Luis Ruby
ISBN-13: 978-3423247610|
http://www.dtv.de
Der Unterhändler der Polizei, Alexander Zorbach, zerbricht an einem Fall, bei dem er eine Frau erschießt. Fortan ist er für die Presse tätig und befasst sich mit dem „Augensammler“. Der zerreißt Familien, in dem er die Mutter tötet, das Kind entführt und dem Vater eine Frist von 45 Stunden und sieben Minuten setzt, um es lebend zu finden. Falls er das nicht schafft, findet er das Kind tot und mit herausgetrenntem linken Auge.
Dann trifft Zorbach auf eine blinde Physiotherapeutin, die behauptet, die Vergangenheit von Menschen sehen zu können und wird von der Polizei verdächtigt, selber der „Augensammler“ zu sein, da seine Brieftasche an einem der Tatorte gefunden wurde …
Vor vielen Jahren hatten sie sich in Los Angeles als Neulinge im Gericht kennengelernt. Michael Haller war damals Pflichtverteidiger, Jerry Vincent als Staatsanwalt sein Gegner. Doch als sich beide Juristen später selbstständig machten, arbeiteten sie immerhin so eng zusammen, dass sie sich gegenseitig in ihren Testamenten bedachten: Sollte dem einem etwas zustoßen, würde der andere dessen Praxis und Klienten ‚erben‘.
Nun ist dieser Fall eingetreten, denn Vincent wurde erschossen, als er nach einem langen Tag im Büro in seinen Wagen gestiegen war. Haller freut sich vor allem über den Fall des Filmproduzenten Walter Elliot, der beschuldigt wird, seine Gattin und deren Geliebten umgebracht zu haben. Als Klient ist Elliot gut bei Kasse aber anspruchsvoll. Vor allem ist er so fest vom Freispruch in seinem anstehenden Prozess überzeugt, dass Haller Korruption zu wittern beginnt. Basierte Jerry Vincents Taktik auf Bestechung – und fiel er einer unerwarteten Planänderung zum Opfer?
Trifft dies zu, steckt womöglich auch Haller in Gefahr. Dies hat der für den Mordfall Vincent zuständige Beamte nicht nur angedeutet. Detective Hieronymus „Harry“ Bosch vom Los Angeles Police Department ist ein fähiger Ermittler, und Haller fasst so viel Vertrauen zu ihm, wie dies einem Anwalt möglich ist, obwohl ihn Bosch durch Druck und Tricks zum Plaudern bringen will.
Der eigentliche Kampf um Recht oder wenigstens Wahrheit bricht dort los, wo Haller sich am wohlsten fühlt: Vor Gericht beginnt er mit List und Tücke dem gegnerischen Staatsanwalt das Wasser abzugraben. Vom Erfolg geblendet, erkennt Haller zu spät, dass man ihn nicht nur benutzt, sondern wie den unglücklichen Vincent aus einem Spiel zu nehmen gedenkt, das gänzlich anders läuft als vermutet …
_Der „Lincoln Lawyer“ ist zurück_
Fast drei Jahre machte er sich seit „Der Mandant“ rar. Wer Michael Haller in diesem Roman kennen gelernt hatte, fragte sich gespannt, was der rührige Winkeladvokat in dieser Zeit an den Gerichten seiner Heimatstadt Los Angeles getrickst und getrieben haben mochte. Tatsächlich beginnt Connelly wieder bei Null, denn nachdem Haller sich in „Der Mandant“ eine Kugel eingefangen hatte, geriet er zunächst an unfähige Ärzte und schließlich in die Abhängigkeit von Schmerzmitteln. Zwei Jahre hat er auf diese Weise verdämmert, bis er von der Sucht loskam. Jetzt können wir ihn bei seinen ersten neuen Schritten auf jener Bühne beobachten, die ihm alles bedeutet.
Wie es für Michael Connelly typisch ist, kehrt Haller nicht durch die Hintertür, sondern mit einem Donnerschlag zurück, um sogleich auf frontalem Konfrontationskurs mit der Justiz, der Polizei und diversen Dunkelmännern zu gehen, die Connelly zunächst in Reserve für das übliche Finale voll offensiver Gewalt hält, das hier vergleichsweise moderat ausfällt. Bis sich gleich mehrere Plot-Knoten raffiniert schürzen, sehen wir Haller glücklicherweise vor allem bei jenem seltsamen Tun, das in den USA als Rechtsprechung gilt.
|Wäre Justitia nicht bereits blind …|
|“Alle lügen. Polizisten lügen. Anwälte lügen. Zeugen lügen. Die Opfer lügen. Ein Prozess ist ein wahrer Lügenwettstreit. Und jeder im Gerichtssaal weiß das. Der Richter weiß es. Sogar die Geschworenen wissen es. Sie betreten das Gericht in der sicheren Erwartung, getäuscht zu werden.“| (S. 9)
Mit diesen prägnanten und provokativen Worten wird der Leser harmonisch auf die folgende Geschichte eingestimmt. Sogleich beginnt Connelly, diesen Worten (geschriebene) Taten folgen zu lassen. Haller hat einen dicken Fisch am Haken, der ihm viel Geld zahlen und Publicity einbringen wird. Dass dieser Walter Elliot sehr wahrscheinlich ein Doppelmörder ist, interessiert seinen Anwalt nicht, der höflich aber bestimmt ignoriert, dass sein Klient für unschuldig gehalten werden möchte.
Haller gliedert Elliots Geschichte in prozessrelevante Module. Er greift sich heraus, was ihm hilft, den großen Auftritt vor Gericht vorzubereiten, wo es nicht um die Feststellung von Tatsachen geht, sondern darum, die Gegenseite so kräftig wie möglich in die Pfanne zu hauen. Für Haller besteht die Herausforderung darin, argumentative Schwachstellen des Anklägers zu finden und darauf aufbauend Zweifel bei den Geschworenen zu säen.
|Die lästige Realität mischt sich ein|
In seiner abgeschotteten Welt blendet Haller das Wissen um die unerquicklichen Aspekte seiner Arbeit aus. Allerdings funktioniert dieser Selbstschutz-Mechanismus nicht mehr, seit ihn eine Kugel in den Bauch traf. Diese buchstäblich einschneidende Erfahrung machte ihm bewusst, dass er sich nicht hinter Schriftsätzen und Vorschriften verschanzen kann. Die Wirklichkeit kann und wird diese Barriere durchbrechen. Deshalb kennt der ’neue‘ Haller nicht nur Skrupel, sondern ist auch zur vorsichtigen Kooperation mit der Polizei bereit; ein Zugeständnis, das Connelly, der die tiefe Kluft zwischen der Justiz und der Polizei anschaulich beschreibt, als kleine Sensation präsentiert.
Anwälte wie Haller sind den Cops ein Dorn im Auge: Haben sie einen Strolch mühsam und oft unter Lebensgefahr festgesetzt, kommt dieser nicht selten durch die Finten seines Anwalts wieder frei. Folglich reagiert Detective Bosch auf die von Haller signalisierte Hilfsbereitschaft sehr misstrauisch: Er kann einfach nicht glauben, dass dieses Entgegenkommen keinen Preis hat, und er liegt richtig.
|Die Evolution des Connellyversums|
|“Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“|, lautet der finale Sinnspruch im Filmklassiker „Metropolis“. Was dort als schale Phrase abzulehnen ist, ergibt hier eher Sinn. Nicht ohne Grund kommen sich Michael Haller und Hieronymus Bosch, der Winkeladvokat und der Cop, trotz aller Querelen näher. Wieder knüpft Connelly die Fäden seines Roman-Universums enger. Schon oft und im Laufe seiner Schriftstellerjahre immer intensiver stellt er heraus, dass die Figuren seiner verschiedenen Krimi-Serien eine gemeinsame Welt teilen. FBI-Agentin Rachel Walling, Kriminalreporter Jack McEvoy, die Diebin Cassie Black sowie Harry Bosch und Michael Haller: Sie laufen einander über den Weg, arbeiten mit- oder auch gegeneinander, und manchmal sterben sie sogar wie der herzkranke Ex-Cop Terry McCaleb.
Einen echten Sinn gibt es für diese Crossover-Auftritte nicht. Connelly hat vermutlich selbst das größte Vergnügen daran. In „So wahr uns Gott helfe“ deckt er familiäre Beziehungen zwischen Bosch und Haller auf. Das ist interessant, verdeckt aber nicht ein gravierendes Problem: Bosch und Haller passen nicht gut zusammen. Treten sie solo auf, konzentriert sich Connelly auf die Stärken und Schwächen jeder Figur. In „So wahr uns Gott helfe“ liegt der Fokus auf Haller. Bosch kommt nicht wirklich zum Zug. Für den Hintergrund ist er jedoch nicht geschaffen. Eigentlich müsste Bosch Haller überrollen, ignorieren und ausmanövrieren. Dies würde der Haller-Figur schaden. Deshalb muss Bosch sich zurückhalten, was nicht zu dem Harry Bosch passt, den wir in 13 Romanen kennen gelernt haben.
Auch Haller hat sich gewandelt. In „Der Mandant“ war er ein windiger Advokat, der sich in den Grauzonen seines Berufes besonders wohl fühlte, für lukrative Klienten-Tipps Schmiergelder zahlte und auch deshalb seine Büroarbeit in einem fahrenden Auto erledigte, weil ihn dort wütende Polizisten, zornige Richter und andere Verfolger schlecht zu fassen bekamen. Haller ist reifer geworden – und langweiliger, wenn er jetzt süchtige Ex-Surfer rettet oder vor seinem Töchterlein als Gutmensch glänzen will.
|Drama vor und hinter Gerichtsschranken|
Immerhin erwacht Haller zum Leben, sobald die Verhandlung – das Herzstück der Handlung – beginnt. Connelly nimmt sich Zeit, seine Leser mit dem Prozedere des US-amerikanischen Schwurgerichts vertraut zu machen. Er beschreibt dies spannend und ohne damit die Spannung aus der Handlung zu nehmen. Schon die simple Auswahl der Geschworenen wird zum erbitterten Gefecht zwischen Anklage und Verteidigung. Was normalerweise nur für Eingeweihte sichtbar ist, bringt Connelly an die Oberfläche; zumindest der deutsche Leser kommt bei diesen Passagen aus dem Kopfschütteln nicht heraus.
Die Verhandlung wird zur Film- oder besser Zirkusvorstellung. Jetzt lässt sich Haller nicht mehr von seinem Klienten bremsen. Dies ist seine Show, und für die zieht er sämtliche Register. Obwohl auf den Gerichtshof fixiert, kann es die Handlung an Spannung und Tempo mit jeder Verfolgungsjagd aufnehmen. Wer das Genre kennt, wird natürlich typische „Einspruch, Euer Ehren!“-Plot-Routinen erkennen. Connelly poliert sie nicht nur auf, sondern verleiht ihnen eine Dramatik, die sogar Leser in ihren Bann zieht, die für Gerichtsdramen wenig übrig haben – kein Wunder, wenn der Autor Haller seinen Job so definieren lässt: |“Für einen Strafverteidiger besteht die Aufgabe vor allem darin, Geduld zu haben. Zu warten. Aber nicht auf irgendeine beliebige Lüge. Sondern auf eine, die man packen und wie ein glühendes Eisen zu einer scharfen Klinge schmieden kann. Und mit dieser Klinge schlitzt man dann den Fall auf und lässt seine Innereien herausquellen.“| (S. 9)
Aber auch diese Klientel wird bedient, um im Jargon zu bleiben. Außerhalb des Gerichts zieht Harry Bosch seine Bahnen. Wenn Waffen gezückt werden, ist er zur Stelle, während Haller wenigstens kurzfristig ins zweite Glied zurücktritt. Das Finale ist Connolly im Vergleich zum „Mandanten“ besser gelungen: Blieben dort die Versuche gleich mehrerer finaler Twist-Überraschungen bemüht, eilt die Handlung dieses Mal überzeugend von einer unerwarteten Lösung zur nächsten.
Wie es weitergeht mit Michael Haller, lässt Connelly offen. Der „Lincoln Lawyer“ hat abgedankt, aber dass er plötzlich brav geworden ist oder den Gerichtssaal dauerhaft aufgeben kann, mag der Leser nicht recht glauben. Dass es mit Haller weitergeht, steht fest: In „The Reversal“ erlebt er – wieder begleitet, unterstützt und ausgetrickst von Harry Bosch – neue Abenteuer im (faulen) Zauberreich der US-Jurisprudenz. (Und sicherlich wird man für die deutsche Übersetzung wiederum einen ähnlich dämlichen Phrasen-Titel wie „So wahr uns Gott helfe“ finden …)
_Autor:_
Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Den Büchern von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eine der größten Blätter des Landes, Connelly an.
Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.
Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell [die zugehörige Website]http://www.michaelconnelly.com.
Die Michael-Haller-Serie erscheint gebunden bzw. als Taschenbuch im Wilhelm Heyne Verlag:
1. Der Mandant („The Lincoln Lawyer”, 2005)
2. So wahr uns Gott helfe („The Brass Verdict”, 2008)*
3. The Reversal (2010; noch kein dt. Titel)*
* Crossover mit Harry-Bosch-Serie
|Gebunden: 512 Seiten
Originaltitel: The Brass Verdict (New York : Little, Brown, and Company 2008/London : Orion Books 2008)
Übersetzung: Sepp Leeb
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2010 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN-13: 978-3-453-26636-0|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne
_Michael Connelly bei |Buchwurm.info| (in Veröffentlichungsreihenfolge):_
|Harry Bosch:|
[„Schwarzes Echo“ 958
[„Schwarzes Eis“ 2572
[„Die Frau im Beton“ 3950
[„Das Comeback“ 2637
[„Schwarze Engel“ 1192
[„Dunkler als die Nacht“ 4086
[„Kein Engel so rein“ 334
[„Die Rückkehr des Poeten“ 1703
[„Vergessene Stimmen“ 2897
[„Kalter Tod“ 5282 (Buchausgabe)
[„Kalter Tod“ 5362 (Hörbuch)
[„Echo Park“ 3917
Britische Geheimagenten jagen einen superreichen, völlig wahnsinnigen Milliardär, der nach der Weltherrschaft strebt, kreuz und quer durch ‚Europa‘ … – Die ohnehin ausgelaugte Kolportage-Story wird plump, spannungslos und logikfrei erzählt, die Figuren-‚Zeichnung‘ verlässt nie die 1. Dimension, die Schauplätze werden im Stil britischer Trash-Thriller der 1960er Jahre präsentiert. Auch stilistisch ist Schmalhans Küchenmeister: ein fürchterliches Machwerk! Colin Forbes – Kalte Wut [Tweed 12] weiterlesen →
Als bei einem Flugzeugabsturz der hoch versicherte Pilot stirbt, soll John Piper im Auftrag der Versicherung feststellen, ob bei diesem ‚Unfall‘ alles mit rechten Dingen zuging. Die Ermittlungen enthüllen einen Betrugsversuch, der allerdings gänzlich anders ablief, als Piper zunächst annimmt … – Wenig spektakulärer aber sauber geplotteter Thriller, dessen Flughafen-Hintergrund einen (dringend erforderlichen) Zusatzreiz auf den Leser ausübt: Krimi aus einem erzarmen Seitenarm der Genre-Minen. Harry Carmichael – Notausstieg weiterlesen →
Seit seine Gattin vor zwei Jahren einem Mordanschlag zum Opfer fiel, vergräbt sich Ben Forsberg in Arbeit. Er berät private Sicherheitsfirmen, die von der US-Regierung angeheuert werden, um in Krisengebieten das Militär zu entlasten – ein einträgliches Geschäft, bis Forsbergs Visitenkarte in der Tasche eines berüchtigten Auftragskillers gefunden wird. Dieser hatte gerade einen US-Agenten erschossen, bevor ihn selbst die tödliche Kugel des Pilgrims, eines Attentäters im Dienst des „Kellers“ – einer streng geheimen und illegalen, weil außerhalb jedes Gesetzes agierenden Gruppe innerhalb der CIA -, traf.
Nach dem 11. September 2001 wurden die Menschenrechte in den USA stark eingeschränkt. Wer im Verdacht steht, einer terroristischen Organisation anzugehören, darf vom Heimatschutz festgenommen und verhört werden, wobei die Grenzen zur Folter fließend sind. Forsberg gilt als schuldig, seinen Unschuldsbeteuerungen schenkt man weder Gehör noch Glauben. Ausgerechnet vom Pilgrim wird Forsberg gewaltsam befreit. Der Killer musste feststellen, dass man ihn ausschalten will. Die Annahme eines Komplotts liegt nahe. Pilgrims Nachforschungen ließen ihn auf Ben Forsberg stoßen, der ebenfalls als Sündenbock missbraucht wird.
Gemeinsam sollte es einfacher sein, die Intrige aufzudecken, denkt sich Pilgrim. Freilich hat er die Rechnung ohne den entsetzten Forsberg gemacht, der trotz seiner Abneigung gegen den übereifrigen Heimatschutz nicht gedenkt, mit einem Killer gemeinsame Sache zu machen. Die Realität belehrt ihn rasch eines Besseren: Sowohl die US-Behörden als auch gedungene Killer sind hinter ihm und Pilgrim her. So tun die beiden Männer sich zusammen. Während sie vor den allgegenwärtigen Verfolgern flüchten, suchen sie den Drahtzieher, der sie unbedingt tot sehen will …
_Das Leben schlägt (Leber-) Haken_
Ein einfacher Durchschnittsmensch lebt sein gewöhnliches Leben, bis ihn der Zufall in eine Krisensituation wirft, der er eigentlich nicht gewachsen ist. In der Not entdeckt unser profilarmer Zeitgenosse plötzlich den Tiger in sich; er flüchtet nicht mehr, sondern stellt sich den Gegnern, die nun ihr blaues Wunder erleben bzw. tief ins Gras beißen müssen: Diese Konstellation taugt für alle Unterhaltungs-Genres. Besonders gern wird sie im Thriller aufgegriffen, der aufgrund seiner Struktur, die in der Regel weniger auf komplexe Plots als auf Geschwindigkeit und Sachbeschädigung setzt, den Wechsel vom Alltag zum Chaos schnell und reibungslos bewerkstelligen kann.
Jeff Abbott geht auf Nummer Sicher und vergesellschaftet besagten Durchschnittsmann mit einem Berufsmörder. Damit dies die Mehrheit der Leser nicht abschreckt, sondern fesselt, mutiert der Pilgrim zum „guten Mörder“, der nur Strolche austilgt, die ihr Ende weidlich verdient haben. Auf diese Weise entlastet, kann er während regelmäßig in die Handlung eingebauter Verfolgungsjagden beinhart durchgreifen, die Funktionsweise immer neuer Waffen und Kampftechniken demonstrieren sowie bizarre Schlupfwinkel aufsuchen, die Geheimagenten anscheinend ebenso eifrig anlegen wie Eichhörnchen Verstecke für ihre Wintervorräte.
Was den Plot angeht, bildet „Run!“ eine Ausnahme vom reinen Highspeed-Thriller. Die Story ist so verwirrend wie die Realität des 21. Jahrhunderts. Das klingt wie eine Phrase und passt daher gut, da die Auflösung von Fronten typisch für das Genre ist. Nach dem Untergang des Ostblocks sind die politischen Verhältnisse ständig undurchsichtiger geworden. Thriller-Autoren bietet sich die Welt als Schlaraffenland potenzieller Schurken dar. Sie können sogar die ursprünglich ordnenden Kräfte einbeziehen, wie Jeff Abbott es im Vertrauen auf multimedial misstrauisch gestimmte Leser praktiziert: Politik, Geheimdienste und Militär sorgen zuverlässig für Skandale, die in erster Linie zu belegen scheinen, dass sich „Gut“ und „Böse“ in ihren Methoden so stark angenähert haben, bis eine Unterscheidung unmöglich wird.
|Im Gewirr moderner Gewalttäter|
Die genannten Gruppen wurden nicht durch Abbott erstmals in die Rollen von Bösewichten gesteckt. Ihm gelingt eine kleine aber immerhin neue Ergänzung: Das Outsourcing hat längst auch die US-Behörden, die Geheimdienste und das Militär erreicht. In den „Krieg gegen den Terror“ ziehen verstärkt private „Berater“ und „Sicherheitskräfte“. Sie werden von Firmen angestellt und betreut, die sich ihre Dienste fürstlich bezahlen lassen. Dies schont zwar weder das Staats- noch das Militärbudget, aber es schönt die Bilanzen: Kosten und Verluste tauchen nicht in jenen Statistiken auf, die von der lästigen Opposition und den Medien scharf beobachtet und kritisiert werden.
Privatwirtschaft und Krieg fanden erst in den letzten Jahrzehnten so harmonisch zusammen, wie sie heute und (hoffentlich) bei Abbott überspitzt auftreten. Der Pilgrim legt dar, was daran falsch ist: Kriege und der Kampf gegen den Terror sollten idealistisch unterfütterte Maßnahmen sein und ausschließlich geführt werden, um Gewalt zu beenden. Stattdessen hat sich ein Geschäft daraus und darum entwickelt, wobei es im Interesse der privaten Nutznießer liegt, dass die Welt nie wirklich friedlich wird. Der Pilgrim, ein desillusionierter Veteran, bekennt sich hier zu einer altmodisch wirkenden Ethik.
Abbott geht einen Schritt weiter: Die Geister, die sich die Regierung rief, wird sie nicht mehr los. Die böse Sicherheitsfirma infiltriert den US-Geheimdienst, um auf diese Weise sicherzustellen, dass sie zukünftig bei der Vergabe von Aufträgen berücksichtigt wird. Hier ist des Lesers Aufmerksamkeit gefragt, denn Abbott beginnt einen Hexenkessel getarnter, doppelt oder dreifach umgedrehter Agenten zu konstruieren, in dem die Übersicht nicht nur den Romanfiguren schnell verlorengeht.
|Ohne Burnusträger geht es nicht|
Geheime Gruppen innerhalb des Geheimdienstes, die von „außen“ ferngesteuert werden: Abbott treibt das Verwirrspiel auf die Spitze. Gleichzeitig mag er auf bewährte Schurken nicht verzichten. Die kommen in bzw. für die USA bevorzugt aus dem Nahen Osten. Sie werden von fundamentalistischen Mordbrennern, die dort an jeder Straßenecke konspirative Treffen abhalten, zu Attentätern ausgebildet, die anschließend rudelweise in die USA einsickern, um dort im Idealfall weitere Hochhaustürme zum Kippen zu bringen.
Abbott scheint den Drang zu verspüren, dieses Bild zu relativieren. Dabei begeht er eine verständliche aber dennoch unerfreuliche Sünde: Als Autor, der einen Unterhaltungsroman schreibt, beginnt er zu predigen. Jene eingeschobenen Kapitel, in denen der libanesische Ich-Erzähler Khaled seine Geschichte erzählt, sind für die Handlung absolut überflüssig. Khaled wurde vom jugendlichen Lebemann zum Agenten, nachdem seine Brüder bei einem Bombenanschlag umkamen. Dafür waren allerdings fanatische Landsleute verantwortlich, weshalb sich Khaled von der CIA (!) anwerben lässt: „Gute“ Araber kämpfen nicht gegen die USA, sondern treten in deren Dienste, um die wahren Strolche zu züchtigen. Hier kann Abbott offenbar nicht aus seiner US-amerikanischen Autoren-Haut.
|Tempo & Spannung mit einigen Tupfen|
Dabei ist dieses plumpe Bemühen um Völkerverständigung unnötig. „Run!“ ist vor allem und nichts anderes als eine spannende Geschichte. Abbott hat ein Gespür für Tempo und Timing, das er effektvoll für einen zwar überkomplizierten Plot aber eine rasante Handlung einsetzt. Geschickt orientiert er sich für seine Pilgrim-Figur am derzeit aktuellen Jason-Bourne-Vorbild, während er Ben Forsberg auf der Suche nach Gerechtigkeit nicht zum Amateur-Hulk ausarten lässt. Wenn die ungleichen Partner von Erinnerungen an vergangene Tragödien gebeutelt werden, übertreibt es der Verfasser nicht mit entsprechenden Klagegesängen, sondern schafft es in der Regel tatsächlich, ein paar tragische Zwischentöne ins Geschehen zu mischen.
Pläne gehen den Guten wie den Bösen schief, Fehler können korrigiert oder wenigstens überlebt werden. Zwar ahnt der Leser nicht nur, wie die Geschichte ausgehen wird, aber Abbott sorgt dafür, dass ihr Verlauf spannend ungewiss bleibt. Das Finale ist dramatisch sowie tragisch; beidem angemessen findet es in den Ruinen der 2005 durch den Hurrikan „Katrina“ verheerten Stadt New Orleans statt. Abbott hat hier ein Sinnbild für eine in Aufruhr und außer Kontrolle geratene Ordnung gefunden.
Ohne Zuckerstückchen für allzu aus dem seelischen Gleichgewicht gebrachte Leser kommt Abbott freilich nicht aus. Am Ende wird alles gut. Die Bösen sind tot oder werden zur Rechenschaft gezogen, die faulen Stellen innerhalb des Geheimdienstes sind ausgebrannt, die Agenten spitzeln nur mehr offiziell und unter Einhaltung gewisser Regeln den Feinden der Demokratie hinterher. Dafür, dass damit ein nicht gerade realistischer Zustand erreicht ist, versöhnen mehr als 350 Zuvor-Seiten mit spannender Unterhaltung.
_Autor:_
Jeff Abbott wurde 1963 im US-Staat Texas geboren. An der Rice University in Houston studierte er Geschichte und Englisch. Nach seinem Abschluss ging er in die Werbung und arbeitete in einer Agentur.
1994 erschien „Do Unto Others“, Abbotts Romandebüt. Dieser erste Band einer vierbändigen Serie um den Privatdetektiv Jordan Poteet war ein klassischer Krimi. Dies traf ebenso auf die zwischen 2001 und 2003 veröffentlichte Whit-Mosley-Trilogie zu.
Mit „Total Panic“ wechselte 2005 Abbott ins Thriller-Genre. Er spezialisierte sich hier und in den folgenden Romanen auf Durchschnittsmenschen, die unter Druck geraten und in der Krise unerwartete Widerstandskräfte entwickeln.
Mit seiner Familie lebt und arbeitet Jeff Abbott in Austin, Texas. Über sein Werk informiert er auf dieser Website: [Autorenhomepage]http://jeffabbott.com
|Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: Collision (New York : Dutton/The Pinguin Group USA 2008)/Run (London : Sphere Books 2008)
Übersetzung: Bea Reiter
Deutsche Erstausgabe: September 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43440)
ISBN-13: 978-3-453-43440-0
eBook: Oktober 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-02792-6|
[www.heyne-verlag.de]http://www.heyne-verlag.de
Sechs Leichen bilden nur die Ouvertüre zu einem Gemetzel zwischen drei konkurrierenden Straßenbanden, das schließlich zu einem regelrechten Krieg ausartet, während die Polizei nach dem fanatischen Rädelsführer fahndet … – Weder „Whodunit“ noch „Howdunit“, ist dieser Kriminalroman vor allem Chronik der Kettenreaktion einer Gewalt, die sich aus Führerwahn und Bandenwesen speist; nüchtern und schonungslos schildert McBain einen aussichtslosen Kampf, dessen siegloser Ausgang von Anfang an feststeht. Ed McBain – Fahr langsam übers Massengrab weiterlesen →
Geist ist geil! Seit 2002 – Ständig neue Rezensionen, Bücher, Lese- und Hörtipps