Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Barr, Nevada – Wolfsspuren

_Das geschieht:_

Bevor Anna Pigeon ihre neue Stelle als oberste Polizistin im Rocky-Mountain-Nationalpark antritt, nimmt sie an einem besonderen Forschungsprojekt teil: Auf der Isle Royale, der größten Insel des Oberen Sees im Norden des US-Staates Minnesota und unmittelbar an der Grenze zu Kanada gelegen, wird seit fünf Jahrzehnten das Verhalten von Wölfen studiert. Sechs Wochen soll dieser Einsatz dauern, der Pigeon im eisigen Wintermonat Januar wider Erwarten in einen ganz und gar nicht der Wissenschaft gewidmeten Mikrokosmos verschlägt.

Die Politik hat die Forschung instrumentalisiert. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wird die Regierung von der Furcht geplagt, dass Terroristen sich durch die unbesiedelten Naturschutzgebiete in die USA einschleichen könnten. Wie dies auszuschließen ist, soll ein Team der Heimatschutzbehörde auch im Isle-Royal-Park überprüfen. Bob Menechinn, der Chef, hat wenig Verständnis für Ridley Murray, den Leiter des Forschungsteam, dem die Wölfe wichtiger sind als die überall lauernden Terroristen.

In der Winterwildnis weitgehend auf sich gestellt, bauen sich innerhalb der kleinen Gruppe schnell Spannungen auf. Menechinn erweist sich als lautstarker, aber ängstlicher Mann; vor Wölfen fürchtet er sich panisch, was fatal ist, weil sich gerade jetzt ein ungewöhnlich großes und bedenklich dreistes Exemplar auf der Isle Royale herumtreibt. Als Menechinns Assistentin nach einem Streit in die Nacht hinausstürmt, finden die Gefährten später ihre zerrissene Leiche. Doch hat wirklich ein Wolf die Frau gepackt, oder wurde hier ein Mord getarnt? Annas detektivischer Instinkt erwacht, was innerhalb des zerstrittenen Teams nicht unbemerkt bleibt und auch sie das Leben kosten könnte …

_Der Mensch ist des Menschen Wolf_

Kommen sie zusammen – der politisch korrekte, hier ökologische sowie (sacht) feministische Impetus und der unterhaltsame Kriminalroman? Die Antwort lautet wie so oft: mal weniger, mal mehr – in dieser Reihenfolge. Das klingt nicht günstig, und in der Tat hinterlässt „Wolfsspuren“, der 14. Roman der Anna-Pigeon-Serie, bei aller Freude, die Autorin und ihre Heldin wieder in deutscher Übersetzung erleben zu können, einen zwiespältigen Eindruck.

Zu den positiven Seiten gehören zweifellos die sorgfältigen Figurenzeichnungen sowie eindrucksvolle Beschreibungen einer gleichermaßen unwirtlichen wie faszinierenden Landschaft. Nevada Barr gelingt es, das polare Nordamerika im Winter wie einen fernen Planeten darzustellen. Geschickt konterkariert sie die Anwesenheit moderner Hightech wie Internet und Satellitentelefon mit der weiterhin realen Unmöglichkeit, einen Ort wie die Isle Royale tatsächlich zu erreichen. Im 21. Jahrhundert kann dich der Tod dort beim Googeln in Gestalt klirrender Kälte oder knurrender Wölfe erreichen.

Hinzu kommen die nicht nur im Krimi üblichen zwischenmenschlichen Verwicklungen. Barr nutzt zum Aufbau von Spannung geschickt die Situation einer isolierten Gruppe, die ihrer sozialen Dynamik quasi ausgeliefert ist. Hehre Forschung ist das Ziel, doch Konflikte bleiben dabei keineswegs außen vor. Die Gruppe zieht an zwei unterschiedlichen Strängen, und auch privat gibt es zahlreiche Reibungspunkte, die zur Entzündung gefährlicher Leidenschaften führen.

Den Menschen stellt Barr die Wölfe der Isle Royale gegenüber. Sie töten zwar unbarmherzig, aber dies nur mit dem Vorsatz, sich vor dem Hungertod zu bewahren. Heimtücke kennen sie nicht, sie folgen ihren Instinkten. Damit bilden sie einen integralen Bestandteil ihres Ökosystems, in dem der Mensch nur ungebetener und oft unfreundlicher Gast und zudem sein eigener Wolf ist, der sehr viel bösartiger umsetzt, was er dem echten Raubtier gern unterstellt.

_Die Globalisierung erreicht jeden Winkel_

Der Gipfel der Absurdität wird am zuverlässigsten noch immer im realen Leben erreicht. So hat sich der Gedanke, dass böse Terroristen sich unter einen Elchbauch binden, um so heimlich die Nordgrenze der USA zu passieren, tatsächlich in den Köpfen derer festgesetzt, die über die Macht verfügen, ihren paranoiden Gedanken Taten folgen zu lassen. Also treiben sich die Bob Menechinns dieser Welt dort herum, wo sie sich in sicherer Entfernung und außer Reichweite echter Terroristen wichtig machen können.

Hilflos müssen die in ihrer Forscherwelt gefangenen Wissenschaftler die Eindringlinge gewähren lassen. Bisher waren sie, denen in der Regel die Ellenbogen für den Karrierekampf fehlen, wenigstens an Orten wie der Isle Royale zeitweise in Sicherheit. Nun folgen ihnen die Pfennigfuchser und Erbsenzähler auch dorthin. Die Reaktion ist ebenso kindisch wie verständlich, die Folgen sind tragisch: Im Bemühen, die Störenfriede zu vertreiben, werden die Wissenschaftler selbst zu Schuldigen.

Während Barr die psychologischen Aspekte dieses Konfliktes gut herausarbeitet, wirkt ihr ‚Lösungsansatz‘ – der gleichzeitig integraler Bestandteil des Krimi-Plots ist – recht naiv. Vielleicht liegt es daran, dass Barr als Alter Ego von Anna Pigeon eindeutig Partei ergreift. Leider gehen sowohl Begeisterung als auch Empörung mit ihr durch. Die Natur ist schön, mysteriös und mächtig, und wer sich ihr nicht öffnen kann, ist entweder dumm oder böse oder beides. Damit gerät Barr in die ausgefahrene Spur jener Öko-Fanatiker, die man ob ihres Übereifers, ihrer epiphanischen Visionen und ihrer humorlosen Unduldsamkeit bespöttelt und unbeachtet lässt.

_Hat jetzt endlich jede/r begriffen?_

Selbstverständlich verschärft Barr um des Effektes willen die prägenden Charakterzüge ihrer Figuren. Dabei streift sie die Grenze zur Karikatur. Neben der allzu ätherischen Waldfrau Robin gerinnt ihr vor allem der schon mehrfach erwähnte Bob Menechinn, den Barr nicht nur als naturfernen Karrieristen, sondern auch als Chauvinisten-Schwein brandmarken will, im großen (und schier endlosen) Finale zum Schurken-Witzbold mit Werwolf-Touch, über dessen mörderische Possen man sich nicht entsetzen mag, sondern eher grinsen kann.

Ausgerechnet Anna Pigeon, die Hauptfigur, ist im Grunde eine langweilige Person. Sie leidet unter einem Helfersyndrom, das die Natur ebenso einschließt wie junge und hilflose Mitschwestern, denen Anna gegen die bösen, groben Kerle notfalls auch ungefragt zur Hilfe eilt. Überall und ständig wittert sie chauvinistische Umtriebe, gegen die auch eigentlich ganz anständige Mannsleute nie völlig gefeit sind. Sie gesellen sich zu den anderen Finsterlingen von Pigeons Welt: Politiker, Urlauber, die ihre Trampelfüße in Annas geheiligte Wälder setzen wollen, und die sture Parkverwaltung.

Bis die Fronten geklärt sind, müssen mehr als 250 eng bedruckte Buchseiten durchgehalten werden. Die bis dato erzählte Geschichte ist nicht langweilig, aber Barr bekommt die Kurve zum Krimi erst in letzter Sekunde und dann nur knapp. Das dem Plot zugrunde liegende Verbrechen erweist sich als Import aus der Zivilisation. Er verseucht die grundsätzlich unschuldige Forschergemeinschaft und kulminiert in einem Höhepunkt, der wie angeklebt wirkt, um der Geschichte abschließend ein wenig Dynamik förmlich einzuprügeln. In B-Film-Manier raufen Heldin und Schuft noch viele, viele Seiten, während die Auflösung längst erfolgt ist. Wahrscheinlich ist es besser so, denn was sich Barr einfallen ließ, um die Mysterien der Isle Royale zu erklären, ist dürftig und leidet als Mordintrige unter tiefen Logiklöchern.

Der 14. Anna-Pigeon-Roman bietet somit zumindest den Krimi-Freunden solide, d. h. mittelmäßige Lektürekost und gehört nicht zu den Höhepunkten der schon (zu?) lange laufenden Serie. Erfreulich ist dagegen die deutsche Ausgabe als altbacken gestaltetes, aber gut übersetztes und kostengünstiges Taschenbuch.

_Die Autorin_

Nevada Barr wurde zwar 1952 Yerington im US-Staat Nevada (dem sie ihren Vornamen verdankt) geboren. Aufgewachsen ist sie indes in Kalifornien, wo ihre Eltern einen kleinen Flugplatz leiteten. Nevada wurde Schauspielerin. Vor die Kamera trat sie in den 1960er und 70er Jahren allerdings vor allem in Werbespots. Ansonsten sah man sie im Theater oder hörte sie im Radio.

Keineswegs durch ihre Karriere überbeansprucht, begann Barr zu schreiben. Sie versuchte sich an Reiseberichten ebenso wie an Bühnenstücken und konnte 1984 einen ersten Roman veröffentlichen. „Bittersweet“ ist (noch) kein Krimi, sondern die tragische Liebesgeschichte zweier Frauen in der Kulisse des „Wilden Westens“.

Ihr Engagement in Sachen Umweltschutz gab Nevada Barr, die in ihrer Freizeit als Ranger im Dienst der „National Park Services“ tätig war, die Idee für einen Kriminalroman („Track of the Cat“, dt. „Die Spur der Katze“) ein, der aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen aufgriff, diese mit frauenspezifischen Aspekten verband und ökologische Themen einschnitt. Was zu einem politisch korrekten, aber unleserlichen Manifest hätte gerinnen können, wurde 1993 zum ebenso unterhaltsamen wie erfolgreichen Start einer bis heute fortgesetzten Serie um die Ranger-Frau Anna Pigeon.

In die Pigeon-Figur lässt Barr autobiografische Züge einfließen. Anna ist (inzwischen trockene) Alkoholikerin, depressiv, etwas einzelgängerisch und mit dem für einen Detektiv unumgänglichen Misstrauen gegenüber Autoritäten ausgestattet. Lange Jahre arbeitet sie im Mesa Verde Nationalpark in Colorado. Von dort verschlägt es sie dienstlich in andere grüne Winkel des nordamerikanischen Kontinents, was für Abwechslung in den Handlungskulissen sorgt. Privat lebt Anna lange allein und ‚unterhält‘ ihre Leser/innen mit entsprechenden Seelenqualen. Neuerdings ist sie nicht nur neu verheiratet, sondern hat auch Mesa Verde verlassen, was wie geplant frischen Wind in die Anna-Pigeon-Serie gebracht hat.

Dies zu beurteilen, fällt den deutschen Lesern nicht leicht: Nevada Barr gehört zu den Autoren, die von ihrem hiesigen Verleger als nicht rentabel genug ‚abgeschossen‘ wurden. Die Bände 6 bis 13 sind nie erschienen, aber 2009 ging es mit Nr. 14 in einem neuen Verlag weiter; da Barr vor allem die persönliche Pigeon-Chronik kontinuierlich fortspinnt, werfen viele Entwicklungen und Andeutungen hierzulande Fragen auf; ein Schwebezustand, den das deutsche Krimi-Publikum allerdings zur Genüge kennt …

_Impressum_

Originaltitel: Winter Study (New York : G. B. Putnam’s Sons 2008)
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2009 (Weltbild Buchverlag/Weltbild Taschenbuch – Originalausgaben)
Übersetzung: Karin Dufner
432 Seiten
EUR 5,95
ISBN-13: 978-3-86800-274-4
http://www.weltbild.de

Read, Cornelia – Schneeweißchen und Rosentot

Die liebe Verwandtschaft – wer verflucht sie nicht manchmal? Madeline Dare, die Heldin aus Cornelia Reads hochgelobtem Debütkrimi „Schneeweißchen und Rosentot“ tut dies ziemlich oft. Während die Tochter einer etwas unkonventionellen Mutter sich mit einem Job bei einem Lokalblatt über Wasser hält, schwelgen andere ihrer Verwandten in verschwenderischem Luxus – und benehmen sich auch so.

Madeline ist nicht gerade gut auf ihre snobistische Familie zu sprechen. Noch weniger gut ist sie allerdings auf die Kleinstadt zu sprechen, in der sie momentan lebt. Oder auf ihren Job und ihren schmierigen Chef. Eigentlich ist sie auf ziemlich viel nicht gut zu sprechen. In Syracuse langweilt sich die New Yorkerin nämlich zu Tode.

Doch das bleibt nicht lange so. Bei einem gemeinsamen Essen mit den Schwiegereltern erfährt sie, dass vor fast zwanzig Jahren ein ungeklärter Doppelmord in der Gegend passiert ist. Zwei unbekannte Mädchen wurden seltsam drapiert und mit Rosen geschmückt auf einem Acker gefunden. Ihr Tod wurde bis heute noch nicht aufgeklärt. Madelines Schwager erzählt, dass er in der Nähe des Leichenfundorts die Erkennungsmarke eines Soldaten gefunden hat und als er sie Madeline zeigt, trifft sie fast der Schlag: Der Name, der darauf steht, kommt ihr sehr bekannt vor. Lapthorne Townsend ist ihr Cousin. Ihr Lieblingscousin, um genau zu sein und einer der wenigen Familienmitglieder, die sie leiden kann. Doch würde er einen Mord begehen? Die Journalistin beginnt zu ermitteln und wühlt dabei mehr Dreck in dem Provinznest Syracuse auf als ihr lieb ist …

Kleinstädte sind vielleicht nicht unbedingt das heißeste Pflaster, aber Cornelia Read beweist, dass man sie trotzdem zum Schauplatz einer spannenden und vor allem hervorragend erzählten Geschichte machen kann. „Schneeweißchen und Rosentot“ beginnt zwar sehr ruhig, doch die Spannung steigt schnell an und wird bis zum Schluss aufrecht erhalten. Die Autorin benutzt überraschende Wendungen und falsche Fährten, um den Leser zu verwirren, während sie ihn immer wieder durch Erinnerungen und Nebenhandlungen auf positive Art und Weise ablenkt.

Diese Erinnerungen und Nebenhandlungen von Hauptperson Madeline beziehen sich vor allem auf ihre snobistische Familie und ihre Eigenheiten, ihre Zeit im Internat, die amerikanische Kultur, das Leben in Syracuse oder ihre Ehe mit Dean. Die Geschichte ist randvoll davon. Sie wird dadurch erst richtig interessant und anders. „Schneeweißchen und Rosentot“ ist nämlich trotz des reißerischen Titels kein einfacher Krimi, sondern gleichzeitig recht belletristisch. Neben den eher ungewöhnlichen Inhalten ist das dem originellen Schreibstil geschuldet. Read schreibt kurz, knackig und sarkastisch. Ihre Dialoge sind schlagfertig, die Ich-Erzählerin zeigt sich eloquent und charmant-witzig.

Die ganze Geschichte wird von Madelines Präsenz getragen, denn mit ihr ist der Autorin eine außergewöhnliche Heldin gelungen. Sie ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Obwohl erst Mitte 20, hat sie eine bewegte Vergangenheit, die sie gerne zum Besten gibt. Der für sie charakteristische, immer etwas miesepetrige Tonfall sorgt für einige lustige Momente in der Geschichte, genau wie ihre Schlagfertigkeit. Die anderen Charaktere sind ebenfalls echte Originale. Sie haben Ecken und Kanten, eine Vergangenheit. Gerade bei der Beschreibung von Madelines Verwandten hat man manchmal den Eindruck, die Autorin übertreibt es etwas, aber das passt zum Tonfall der Geschichte.

Die Handlung ist spannend, die Geschichte interessant, die Hauptperson eine Offenbarung und der Schreibstil göttlich – Cornelia Reads Debütroman ist nahezu perfekt.

|Originaltitel: A Field of Darkness
Deutsch von Sophie Zeitz
428 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3423211994|
http://www.dtv.de

_Cornelia Read bei |buchwurm.info|:_
[„Es wartet der Tod“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6022

Mucha, Martin – Papierkrieg

_Inhalt:_

Arno Linder lebt in Wien, ist Anfang dreißig und Philologe mit kleinem Lehrauftrag an der Wiener Universität. Da aber überhaupt niemand mehr Geisteswissenschaften braucht, wird er jämmerlich bezahlt und ist nicht einmal krankenversichert. Dafür hat er ein ausgesprochenes Faible für Musik in großer Bandbreite und Marihuana. Seine Bekanntschaften tingeln zu großen Teilen durch die Halbwelt, wo auch Arno selbst sich wohl fühlt wie ein Fisch im Wasser.

Das Bildungsgefälle zwischen ihm und seinen Freunden stört ihn nicht. Es stört ihn allerdings, dass er andauernd so knapp bei Kasse ist. Und als eines Nachts beim Heimkehren ein betrunkenes junges Mädchen mitsamt geladener Waffe in seine Arme taumelt, sieht er eine Möglichkeit, seinen finanziellen Engpass in eine von Dukatenbäumen gesäumte Allee zu verwandeln.

Da sein ethisches Empfinden von Skrupeln völlig unbelastet ist, fährt er die junge Dame nach Hause, bemächtigt sich der Waffe und bietet dem wohlhabenden Vater an, den Namen seiner Tochter aus dem Schlamassel heraus zu halten. Gegen ein entsprechendes Entgelt, versteht sich. Wie groß der Schlamassel allerdings tatsächlich ist, wie tot die Toten in diesem Fall sein werden, dass man niemandem trauen darf und dass zu den Gefährdetsten überhaupt in diesem Abenteuer sein eigenes Herz gehören wird, kann der eigenwillige Schöngeist freilich nicht voraussagen. Und so stolpert er denn mutwillig in eine Geschichte, die ihre Wurzeln weit in die Vergangenheit streckt und unter anderem gut organisierte internationale Verbrecher auf den Plan ruft …

_Kritik:_

Sprachlich mal bildschön, mal krude führt Martin Mucha seine Leser durch die unkonventionelle Welt des Arno Linder. Geistige Erhabenheit, Bildung und Fachwissen treffen auf Proletentum, geringe Wortschätze und mentalen Dreck.

Die Figur des Arno Linder ist von ausgesprochener Ambivalenz. So sehr der Ich-Erzähler sich durch Wissen hervortut, durch Einhaltung gewisser Rituale sich in den Stand des liebenswert Schrulligen erhebt, so sehr stößt er dann wieder ab durch seinen gänzlichen Mangel an Ethik, Moral und Empathie. Wie er zwischen der Welt des Geistesadels, die sich in seinen Gedanken zeigt, und der Welt der Spieler, Nutten und Verbrecher hin und her laviert, ist faszinierend mit anzusehen. Er tänzelt quasi mit Lackschuhen am Rande der Gosse, und man vermag kaum wegzuschauen, auch, wenn er ab und an bis über die Waden in Unaussprechliches tritt.

Diese rasant ausgefahrenen Höhen und Tiefen werden geschmiert von überraschend viel Blut. Und wer gerade nicht damit besudelt ist, trägt mindestens eine Maske, hinter der sich etwas verbirgt, das ganz bestimmt nicht schön anzusehen ist. Nebenbei bemerkt klingen nicht eben leise Antipathien an, was die Wiener Polizei betrifft. Während man verwirrt dem Fall folgt, stellt sich irgendwo im Hinterkopf die Frage, was da vorgefallen sein muss, denn die Beamten werden samt und sonders abgewatscht.

_Fazit:_

Ehrlich gesagt habe ich schon lange nicht mehr so ratlos vor einem Buch gestanden. Was soll man zu „Papierkrieg“ sagen? Es ist … also, es ist schon mal nicht schön. Es ist faszinierend. Und unterhaltsam. Und abstoßend. Voller Typisierungen, voller harter Kerle, voll von teilweise wunderschönen Worten, die sich über den krass entgegen gesetzten anmutig erheben wie schillernde Schmetterlinge über Ursumpf. Ab und zu hat man das Gefühl, Mucha schieße hier über das Ziel hinaus: Manchmal ist es ein bisschen zuviel des Guten. Ganz so abgehoben spricht dann wohl doch niemand. Aber die Grundidee der kreischenden Gegensätze, das Aufreiben der Erhabenheit am Gewöhnlichen, Widerlichen, Eiskalten – das ist brillant erdacht und brillant gelungen.

Wenn es auch sonst nicht einfach ist, „Papierkrieg“ zu einzuordnen, kann ich doch eine Tatsache erzählen, die Ihnen vielleicht bei der Entscheidungsfindung (Lesen oder Nichtlesen?) helfen wird: Wenn ich auch noch immer keine Ahnung habe, wie ich den Krimi eigentlich finde, so kreisen meine Gedanken doch auch nach dem Lesen noch viel um die Geschichte. Und das hat einen ganz eigenen Wert.

|Broschiert: 372 Seiten
ISBN-13: 978-3839210543|
[www.gmeiner-verlag.de]http://www.gmeiner-verlag.de

Dünschede, Sandra – Todeswatt

_Inhalt:_

Anfang 2000: Alle sind im Börsenfieber. Menschen, die sich wenig bis gar nicht damit auskennen, stürzen sich mit Begeisterung in den Aktienhandel, und die Kurse steigen höher und höher. Träume von unendlichem Reichtum scheinen in greifbare Nähe gerückt. Doch am 11. März 2000 ist damit Schluss, die Kurse stürzen in den Keller und nehmen reihenweise kleine Anleger mit, die nun oft genug alle Ersparnisse verlieren. Was für eine Katastrophe!

Man sucht verzweifelt nach jemandem, dem man die Schuld geben kann, und in dem kleinen Städtchen Risum-Lindholm ist dieser jemand Arne Lorenzen, der Bankberater. Wie vielen Leuten hatte er nicht das Geld aus den Taschen gezogen – jedenfalls kommt es den Leuten im Nachhinein so vor.
Dummerweise kann man Arne gar keine Vorwürfe mehr machen: Er liegt tot im Watt vor der Insel Pellworm. Hatte da jemand, der durch Lorenzens Beratung seine Ersparnisse verloren hat, Rache genommen? Vielleicht der Fuhrunternehmer Sönke Matthiesen, der nun aller Wahrscheinlichkeit nach Insolvenz anwenden muss? Oder handelt es sich um eine Verwechselung?

Kommissar Thamsen zerreißt sich zwischen den Ermittlungen und seinen Vaterpflichten. Tatsächlich kommt es ihm nicht ganz ungelegen, dass sich die Freunde Tom, Marlene und Haie in den Fall einmischen. Dass sie nicht auf den Kopf gefallen sind, haben sie bereits in früheren Fällen unter Beweis gestellt, und Thamsen profitiert von den Informationen, die die drei ihm liefern. Aber dann scheint es nur eine Möglichkeit zu geben, den Täter zu überführen, und die Beteiligten lassen sich auf eine gefährliche Scharade ein …

_Kritik:_

Sandra Dünschede entführt ihre Leser dahin, wo man das Salz im Wind riechen kann. Sie beschreibt die Orte des Geschehens so plastisch, dass man sie genau vor Augen hat – inklusive der Pensionen und Ferienhäuschen, die einen zurückführen zu Urlaubserinnerungen.

Schön gemacht ist auch die Beschreibung des Mikrokosmos’ Dorf: Wie den Fremden das Misstrauen entgegenschlägt, wie man jederzeit Hilfe finden, aber auch keinen Schritt tun kann, ohne dass es jeder weiß. Das Elend des vielfachen finanziellen Verlusts in so kleiner Gemeinschaft unmittelbar verdeutlicht zu sehen, gibt dem Leser schon zu schlucken. Die Platt schnackenden Einwohner steigen wunderbar authentisch von den Seiten auf, und die Geschichten und Aberglauben der Region sind gekonnt und unaufdringlich mit in den Plot der Kriminalgeschichte mit eingebunden.

Auch die Bürokratie und das Kompetenzgerangel zwischen den einzelnen Polizeistellen sind schön nachgezeichnet und wirken ausgesprochen enervierend. Nur die Auflösung hat mir persönlich nicht so gut gefallen, da mir die Ausarbeitung weniger dezidiert erschien als bei verschiedenen anderen Spuren. Allerdings ist das vermutlich Geschmackssache. Stilistisch gibt es nichts zu beanstanden. Die mundartlichen Stellen der wörtlichen Rede sind interessant gemacht und die Charaktere glaubwürdig gezeichnet. Die möglichen Motive sind glaubwürdig, und die Verwicklungen, die die Ermittlungen ans Tageslicht bringen, sind manchmal nur allzu menschlich.

_Fazit:_

Wer mal auf einer Nordseeinsel gewesen ist, wird so einiges wieder erkennen in Sandra Dünschedes Roman. Wer noch nicht auf einer war, möchte möglicherweise nach der Lektüre hin: Die Einsamkeit, die Weite und die einfachen Strukturen wirken fast meditativ und ausgesprochen verlockend.

Da die Charaktere alle mit ihren eigenen kleinen und größeren Sorgen zu kämpfen haben, erscheinen sie menschlich und natürlich, und man fühlt unwillkürlich mit ihnen. Es ist der dritte Fall, den Kommissar Thamsen, Tom, Marlene und Haie zusammen bearbeiten, und in dieser Zeit können einem die fiktiven Personen schon durchaus sympathisch werden.

Alles in allem handelt es sich bei „Todeswatt“ um einen gut ausgearbeiteten Krimi, der in einer liebevoll detailreich gezeichneten Umwelt angesiedelt ist. Wen also die Sehnsucht nach Nordfriesland packt, wer die Folklore dort mag, wer das Meer rauschen hören und nebenher einen Mordfall knacken möchte, der ist mit der Lektüre dieses Buches gut beraten.

|Broschiert: 327 Seiten
ISBN-13: 978-3839210581|
[www.gmeiner-verlag.de]http://www.gmeiner-verlag.de
[www.sandraduenschede.de]http://www.sandraduenschede.de

Val McDermid – Nacht unter Tag

Immer noch einen draufsetzen, sich stets neu erfinden, aber dennoch einem vertrauten Metier treu bleiben. Val McDermid ist in den vergangenen Jahren gerade deshalb als Bestseller-Autorin an der Spitze geblieben, weil ihre Kriminalgeschichten nie mit Fakten überfrachtet wurden, sondern stets an der Basis blieben und dort mit außergewöhnlichen Entwicklungen für ein Höchstmaß an Spannung sorgten.

Die Fortschritte, die McDermid seither macht, sind beachtlich, auch wenn die Legende „Ein Ort für die Ewigkeit“ immer noch als unerreicht gilt. Mit „Nacht unter Tag“, dem aktuellsten Werk der begehrten Britin, scheint hier aber endgültig die Wachablösung zu folgen.

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Berndorf, Jacques – Meisterschüler, Der

Mit seinen Eifel-Krimis hat sich Jacques Berndorf in den vergangenen Jahren seine Sporen in hiesiger Kriminalliteratur verdient. Seine authentischen, absolut realitätsnah aufgezeichneten Landschaftsdokumentationen, sein Faible für die eigenbrötlerische Welt des westdeutschen Mittelgebirges, vor allem aber die Fähigkeit, ohne jegliche überflüssige Ausschmückung auf den Punkt zu kommen, aber dennoch malerisch zu erzählen, werden von Lesern und Kritikern gleichermaßen geschätzt.

Seit geraumer Zeit hat Berndorf nun ein zweites Betätigungsfeld im Krimi-Metier eröffnet. Mit den BND-Krimis wagt er sich an härtere Fälle heran und entfernt sich kategorisch von seinem Spezi, der Eifel, nur um später dann doch wieder dorthin zurückzukehren …

_Inhalt:_

Nach den Anschlägen auf verschiedene Ziele in Mumbai laufen auch beim BND die Drähte heiß. Ein Serientäter, der vor Ort unbeobachtet von allen Kameras eine Mossad-Bedienstete ermordet hat und offenbar auch noch in New York und Bogota zugange war, scheint nun auch am Mord an einen Kölner Priester beteiligt gewesen zu sein. Sein Visitenkärtchen ‘Im Namen Allahs‘ prangert an den jeweiligen Tatorten und hinterlässt eine enorme Blutspur, der auch die BND-Mitarbeiter um Top-Agent Krause nachgehen.

Zur gleichen Zeit erhält Svenja Takamoto den Auftrag, den Vizepräsidenten des pakistanischen Geheimdienstes außer Landes zu bringen, weil er Informationen gesammelt hat, mit denen er den aggressiven Part der Regierung in Bedrängnis bringen könnte. Sein Kopf ist der meistgesuchte in Pakistan, und auch wenn die Pläne des BND bis ins letzte Detail gefestigt sind, kann auch Svenja nicht verhindern, dass Ismail Mody nur knapp seinem Tod entgeht. Und während sich die Lage auf pakistanischem Boden zuspitzt, müssen Krause, Müller und Co. zusehen, wie der gesuchte Mörder inkognito wieder zuschlägt. Und sein Ziel ist kein x-beliebiges, sondern ein Militärstützpunkt in der Eifel, auf dem die Beamten des CIA offenbar schmutzige Wäsche waschen …

_Persönlicher Eindruck:_

Mit seinem dritten BND-Krimi begibt sich Jacques Berndorf auf riskantes Terrain. In diesem Fall nutzt er ein reales Attentat, nämlich jenes in Mumbai im November 2008, um seine Story anzuheizen und sie schließlich mit fiktiven Inhalten weiter voranzutreiben. Und zu Beginn tut sich Berndorf auch merklich schwer. Der Leser wird ins kalte Wasser geschmissen, mit allerhand Erzählsträngen gefüttert, letzten Endes mit Infos geradezu überhäuft, ist aber schließlich nicht durch die Fülle der Details verwirrt, sondern durch die unglaubliche Transparenz, die der Autor hier auffährt.

Der Macher der Eifel-Krimis lässt sich von der ersten Seite an viel zu offensichtlich in die Karten schauen, gibt immer wieder zu viele Nuancen zu den Hintergründen der terroristischen Handlungen preis und kann dieses offenkundige Manko nicht dadurch wettmachen, dass er wenigstens um das Vermächtnis von Ismail Mody, der vom BND unter Personenschutz gestellt wird, ein kleines Geheimnis macht.

Jedenfalls dauert es nicht sonderlich lange, bis Berndorf den Täter namentlich und im Hinblick auf seine Motive beschrieben und vorgestellt hat. Die Fragen zum Wer sind genauso schnell geklärt wie diejenigen zum Warum. Was dem Autor also bleibt, ist die Qualität der insgesamt drei Erzählstränge, die für sich betrachtet sicher einiges an Potenzial bereithalten, dieses aber eben nicht entschieden und effektiv ausspielen.

Zwar gelingt es Berndorf, zunächst einmal alles unabhängig voneinander zu konstruieren und somit das Offensichtliche, nämlich die spätere Zusammenführung, in Frage zu stellen. Doch letzten Endes sind die einzelnen Passagen einfach zu verlässlich aufeinander abgestimmt, als dass man hier grübeln müsste, inwiefern ein Zusammenhang überhaupt möglich ist. Der Altmeister zeigt sich leider viel zu oft von seiner ungeschickteren Seite, vermeidet jedwede inhaltliche Komplexität und schreibt in diesem Fall wirklich nur für jenes Publikum, dem einfache Kost gerade anspruchsvoll genug ist, und welches sich beim Lesen nicht sonderlich lange mit Grübeln, Nachdenken oder auch Atem anhalten beschäftigen möchte.

Das Potenzial für solche Ereignisse ist „Der Meisterschüler“ nämlich weder inhaltlich, noch hinsichtlich des mageren Spannungsaufbaus in die Wiege gelegt worden.

_Fazit:_

Man kann letzten Endes streiten, ob eine 007-isierung, wie sie in den ersten beiden Romanen um die Figuren Krause etc. betrieben wurde, sinnvoll ist. Doch im direkten Vergleich zeigt sich, dass eine Verteilung der Schwerpunkte auf zu viele Handlungsspielräume und Charaktere innerhalb der BND-Serie (noch) nicht funktioniert.

Entgegen vieler Behauptungen entpuppt sich Part drei der Reihe als das bislang schwächste Glied in der Kette und erweist sich – überraschenderweise – als ein Berndorf-Roman, den man nicht zwingend gelesen haben muss. Mit anderen Worten: „Der Meisterschüler“ ist eine ziemliche Enttäuschung, der das Bauchgefühl fehlt, und die summa summarum nahezu ausschließlich konstruiert wirkt.

|Hardcover: 415 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-26643-8|
[http://www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Jaques Berndorf bei |Buchwurm.info|:_

[Eifel-Feuer 735
[Eifel-Träume 1989
[Eifel-Kreuz 3212
[Eifel-Kreuz (Hörbuch) 3306
[Der letzte Agent 3079

Köstering, Bernd – Goetheruh

_Inhalt:_

Hendrik Wilmut, frankfurter Literaturdozent und Goethe-Kenner, wird von seinem Cousin Benno in seinen ehemaligen Heimatort Weimar gerufen. Benno hatte am Telefon nichts sagen wollen, und Hendrik ist tatsächlich neugierig. Was ihn erwartet, ahnt er allerdings nicht, und er ist wie vor den Kopf geschlagen, als er erfährt, dass im Goethehaus Diebstähle stattgefunden haben. Offensichtlich ging der Täter sehr planvoll vor, da es sich bei den gestohlenen Stücken nur um Originale handelt.

Nach jedem Diebstahl lässt der Dieb Benno, der für die Stadt Weimar tätig ist, ein Zitat aus einem Werk Goethes zukommen – zeitlich und zu den Umständen des Diebstahls so passend, dass es der reine Hohn für die Männer ist, die ihn jagen.
Hendrik soll mit seinem Wissen über Goethe weiterhelfen: Welche Stellen genau sind es, die der Unbekannte zitiert? Und gibt es nähere Zusammenhänge mit den Beutestücken?

Schnell wird klar, dass die Diebstähle nicht beim normalen alltäglichen Publikumsverkehr entwendet worden sein können. Das Goethe-begeisterte Phantom verfügt also über Mittel und Wege, die nicht jedem zugänglich sind.
Hendrik ist entsetzt über die Entweihung seines Lieblingsmuseums und stürzt sich mit Feuereifer in die Arbeit. Er kommt dem Dieb geistig relativ nahe, befindet er sich doch in einer ähnlichen Umlaufbahn um den letzten Universalgelehrten wie der Kriminelle. Doch je mehr der Dozent erfährt, desto unheimlicher wird ihm der Fall. So vieles, was der Unbekannte tut, erscheint ihm falsch und blasphemisch.

Und als wäre das alles nicht schon genug, muss er sich nun auch noch lebensumwälzenden Fragen stellen, die teils mit seiner Jugendfreundin Hanna und teils mit seiner Arbeit zusammenhängen…

_Kritik:_

Köstering führt seine Leser nach Weimar und zeichnet ein liebevoll-detailreiches Bild des Goethe-Hauses und der Umgebung. Durch Hendriks Recherche und die Ränke des Diebes erfährt der Leser nebenher jede Menge über Goethe als Dichter, als Menschen und als Mythos. Zahlreiche Zitate des großen Mannes vermitteln seine geistige Nähe in seiner einstigen Heimatstadt. Das ist schön gelungen und macht Spaß zu lesen.

Allerdings krankt „Goetheruh“ an Längen. Jeder, aber auch jeder Schritt, jeder Gedanke, jeder Schwindelanfall, jede Regung Hendrik Wilmuts wird mit einem Wortschwall geschildert und lassen den Dozenten und zivilen Polizeiberater als echten Leisetreter erscheinen. Natürlich ist er nicht der Mann fürs Grobe, natürlich wurde er als Gehirn zur Sonderkommission gebeten, aber man kann es auch übertreiben. An Stelle seiner Jugendliebe Hanna beispielsweise wäre die Unterzeichnete längst durchgedreht. In Hendriks Kopf liegen Dinge immer wundervoll klar dar, wie es scheint, aber an der Umsetzung hapert es offensichtlich, wenn nicht mehrere Tage Anlaufzeit vorhanden sind.

Zumindest kam es mir so vor – vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass kaum etwas der Phantasie des Lesers überlassen bleibt, weil alles ausformuliert wird. So etwas nimmt natürlich Zeit in Anspruch. Weniger wäre in diesem Fall einfach mehr gewesen, hätte dem Roman etwas mehr Tempo und Spannung verleihen können.

_Fazit:_

„Goetheruh“ ist grundsätzlich für jeden Literaturfan empfehlenswert. Die Anspielungen auf Goethe selbst sind liebevoll ausgearbeitet und zeugen von emsiger Vorarbeit und einem profunden Wissen seitens Köstering. Auch die Details aus dem medizinisch-psychologischen Bereich zeugen von akribischer Recherche.

Wem allerdings die Verbundenheit zum alten Meister fehlt, der wird mit diesem Krimi sicherlich seine Probleme bekommen. Auf Grund seiner Sperrigkeit und der Tatsache, dass Köstering durch Beschreibungen und Introspektion immer wieder die Bremse zieht, wenn sein Fall Fahrt aufnimmt. Allerdings ist „Goetheruh“ Bernd Kösterings Krimi-Erstling. Bisher schrieb er Fach- und Sachbücher. Bestimmt ist die Umstellung von Tatsachenschilderung zu Fiktion, Reiz und Lockung von Andeutungen und Tempo nicht ganz einfach.

Da diverse Grundlagen viel versprechen und Übung bekanntlich den Meister macht, lohnt es sich wohl also dennoch, ein weiteres Auge auf Kösterings Werke zu haben. Vielleicht verlieren sich diese kleinen Makel im Laufe der Zeit.

|Broschiert: 374 Seiten
ISBN-13: 978-3839210451|
[www.gmeiner-verlag.de]http://www.gmeiner-verlag.de

Donohue, Keith – dunkle Engel, Der

_Story:_

Für Margaret Quinn hat das Leben bereits vor mehr als zehn Jahren eine grausame Wendung genommen. Ihre Tochter Erica ist seinerzeit völlig unangekündigt aus der heimischen Idylle ausgebüchst und hat sich ihrem Freund Wiley angeschlossen, der als Revoluzzer Erfüllung in einer merkwürdigen Glaubensvereinigung suchte und seine Geliebte zu einem Ausflug ohne Rückkehr verführte.

Nur einzelne Spuren deuten später darauf hin, was mit Erica und Wiley geschehen ist. Doch nachdem auch das FBI erfolglos gefahndet hat und keine weiteren Lebenszeichen mehr nachzuvollziehen sind, hat Margaret die Hoffnung aufgegeben, ihre Tochter je wieder, geschweige denn lebend zu Gesicht zu bekommen.

Jahre später taucht mitten in der Nacht ein junges Mädchen im Hause der verwitweten Quinn auf und stellt Margaret vor eine große Herausforderung. Mit wehmütigen Gedanken an ihre verlorene Tochter, entschließt sie sich kurzerhand, die junge Norah aufzunehmen und sie ihrer Umgebung als ihre plötzlich heimgekehrte Enkelin zu präsentieren. Doch schon bald wird Norah auffällig, behauptet, sie sei ein Engel und verzaubert ihre neuen Mitschüler mit den phantasievollsten Tricks.

Doch die Schulautoritäten können unter dem wachsenden Druck der Elterngemeinschaft langfristig nicht zulassen, dass Norah eine Sonderstellung einnimmt. Und während Magaret langsam aber sicher realisiert, dass Norahs Auftauchen eine tiefere Bedeutung hat, läuft das Leben des Mädchens mit den besonderen Fähigkeiten völlig aus dem Ruder …

_Persönlicher Eindruck:_

Bevor man überhaupt näher in die Tiefenanalyse von Keith Donohues neuem Roman „Der dunkle Engel“ einsteigt, sollte zunächst einmal festgehalten werden, dass das in drei übergeordneten Sinnabschnitten unterteilte Buch ein ziemlich merkwürdiges ist. Sowohl inhaltlich als auch hinsichtlich der sehr wechselhaften Charakteristik des Erzählstils.

Problematisch ist hierbei in erster Linie der manchmal fast schon gravierenden Sprung zwischen den Genres, welches die Story von Kinderbuch über Fantasy bis hin zu einem reißerischen Road Trip führt und schließlich mit einigen Horror-Sequenzen verfeinert wird.

Die Unterteilung in die drei Hauptkapitel gibt also zunächst mal Sinn, wird aber mit der Zeit als Stimmungskiller entlarvt, da die im zweiten Part geschilderte Rückblende zu Ericas Flucht überhaupt nicht mit dem mysteriösen Auftauchen des kleinen Mädchens zusammenpassen will (selbst wenn hier ab und zu ein klarer Querverweise herausgearbeitet wird).

Und die erwarteten Entwicklungen im letzten Part wiederum ganz und gar nicht mit dem hohen Tempo klarkommen wollen, welches der Autor in der mittleren Passage an den Tag gelegt hat. Und schon ergibt sich ein Hickhack, das zwar durch viele gute Ideen entzerrt wird, langfristig aber zuviel Hektik aufbringt, als dass ein angenehmer Fluss der Story noch gewährleistet werden könnte.

Zu Beginn gelingt es Donohue indes auch nur sehr schwer, der Geschichte den nötigen Drive zu verpassen und das vermeintliche Drama um das verlorene Mädchen halbwegs spannend zu gestalten. Ihre Ankunft wird als selbstverständlich hingenommen, die Verschleierung ihrer Identität hingegen mit so wenig Aufwand betrieben, dass die Glaubwürdigkeit der Ereignisse zunehmend unter dem mangelnden Gefühl für eine authentische Darbietung leidet. Gerade noch rechtzeitig gelingt der Absprung in das neue Kapitel, so dass zumindest ein Stückweit ein Mysterium erhalten bleibt, das jedoch zu keiner Zeit das Zeug zu einem echten Personenkult hat.

Sobald Donohue dann das Tempo anzieht und eben jenen Personenkult auf die beiden Ausreißer Wiley und Erica überträgt, bekommt „Der dunkle Engel“ dann plötzlich genau das, was man sich bei der oberflächlichen Betrachtung des Inhalts erhofft hatte: Faszinierende Gestalten, undurchsichtig-spannende Handlungsschritte, eine allgemeine Faszination für den spektakulären Inhalt und vor allem einen sehr individuellen Charakter, der zwischen besagtem Road Trip, stark beschriebener Naivität und unkonventioneller mentaler Überzeugung pendelt.

Ganz stark, was der Autor hier über weite Strecken abliefert. Und ganz merkwürdig, dass Donohue sich zuvor an vergleichsweise Langatmigem aufhält, bevor er weiter in die Vergangenheit des Plots eindringt.

Schade ist daher, dass der Versuch, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unter einen Hut zu bringen, absolut nicht funktioniert. Der Abschluss drängt zu sehr in den philosophischen Bereich, packt die schmale Gratwanderung mit der Fantasysparte ebenfalls nicht und wirkt inhaltlich einfach zu künstlich. Außerdem scheint das Ende von Beginn an ersichtlich, wird aber eben nicht in die Dramaturgie gebettet, die eine solche Verquickung der Ereignisse erfordert.

Schlussendlich avanciert das Ganze eher zu Stückwerk als zu einer schlüssigen Erzählung, insgesamt zwar sicherlich liebevoll aufbereitet, in letzter Instanz aber nicht effektiv genug differenziert. Immerhin: Das mittlere Kapitel hat es wirklich in sich und besitzt genügend Potenzial für einen noch weitergeführten Bestsellerstrang. Doch das Rahmenprogramm ist schlichtweg zu schlaff und gekünstelt und kann selbst von den sehr starken Momenten in der Haldnung nicht kaschiert werden.

Einerseits schade, andererseits aber eben auch jene bittere Realität, die eine Empfehlung für „Der dunkle Engel“ erheblich einschränkt, vielleicht sogar auch verbietet!

|Hardcover: 477 Seiten
Originaltitel: Angels of Destruction
ISBN-13: 978-3570011263|
[C. Bertelsmann Verlag]http://www.derclub.de

_Keith Donohue bei |Buchwurm.info|:_

[Das gestohlene Kind 4581

Steinhauer, Olen – Tourist, Der

_Das geschieht:_

Noch vor sechs Jahren galt Milo Weaver als einer der besten „Touristen“ im Dienst des US-Geheimdienstes CIA: ein Troubleshooter, der um die ganze Welt reiste und Terroristen, Verräter und andere Feinde des „Imperiums“ (wie patriotische Spitzel die USA gern nennen) entlarvte und eliminierte. Ausgebrannt und bei einem fehlgeschlagenen Einsatz schwer verletzt, gab Weaver die Arbeit an der Agentenfront auf, übernahm einen Schreibtischposten, heiratete und wurde der mit in die Ehe gebrachten Tochter ein guter Vater. Nur noch selten wird Weaver von seinem Chef Tom Grainger eine heikle Mission anvertraut.

Das ändert sich, als ein alter Feind den Kontakt zu Weaver sucht. Der „Tiger“ ist ein international aktiver Killer, mit dem der CIA-Agent mehrfach die Klingen kreuzte. Erwischen konnte Weaver ihn nie, weshalb er darauf brennt, den „Tiger“ zu verhören, als der endlich gefasst wird. Er findet einen todkranken Mann vor, der vor seinem Tod ein monströses Komplott zwischen Terroristen aus dem Nahen Osten und chinesischen Regierungsmitgliedern skizziert.

Bevor er dem nachgehen kann, übernimmt Weaver einen Freundschaftsdienst. In Paris wird Angela Yates, eine ihm gut bekannte Agentin, des Verrats verdächtigt. Weaver glaubt nicht an diese Anschuldigung. Zu seiner Überraschung erfährt er von Yates, dass auch sie gegen den „Tiger“ und seine Hintermänner ermittelt. Kurz darauf ist sie tot – und Weaver muss erkennen, dass sich nicht Burnus-Träger und Diktatoren-Knechte, sondern hochrangige CIA-Angehörige und US-Politiker verschworen haben. Als offenbar wird, dass Weaver im Bilde ist, beginnt eine weltweite Jagd auf den allzu informierten Agenten, der im Kampf um sein Leben noch einmal zur Höchstform aufläuft …

_Das Spiel wird höchstens schmutziger_

Einige Zeit sah es so aus, als habe der Agententhriller sich mit dem Ende der Sowjetunion überlebt. Zu fest schien die Ordnung dieser Welt – hier die USA und ihre Verbündeten, dort die Sowjets und ihre Trabanten – zementiert zu sein, auf deren Fundament auch die Geheimdienste der beiden Supermächte beschäftigungssicher ruhten.

Natürlich war dies ein Trugschluss. Die Welt des 21. Jahrhunderts bietet dem Agententhriller sogar eine noch weit bessere Basis. Als die alten Strukturen in den 1990er Jahren zerfielen, hinterließen sie ein Vakuum, in das neue Kräfte vorstießen. Dahin war damit jegliche Stabilität. Machtverhältnisse wechseln heute oft rasant, weniger denn je wissen die weiterhin aktiven Geheimdienste, wer Freund und wer Feind ist, zumal auch diese Rollen problemlos wechseln können.

Eines blieb ohnehin unverändert: der Wille besagter Geheimdienste, wie bisher hinter den Kulissen zu schalten, wie sie es für notwendig halten. Zwischen der ‚offiziellen‘ Politik – hier ist vor allem die eigene Regierung gemeint – und dem Geheimdienst herrscht traditionell keine Liebe. Gesetze und Regeln sind dem Agentengeschäft hinderlich und werden deshalb ignoriert. Leider wollen nicht alle Politiker, die Justiz und die Medien einsehen, dass hässliche Handlungen notwendig sind, um dem Gegner voran zu bleiben. Deshalb agieren Geheimdienste am liebsten isoliert.

Für die CIA erwies sich der Terroranschlag vom 11. September 2001 als Glücksfall. Bis zu diesem Zeitpunkt sah es düster für den Geheimdienst aus, der vor allem durch Unfähigkeit auffiel und sich harter Kritik und ständigen Budgetkürzungen ausgesetzt sah. Mit dem „patriot act“ entfiel die Notwendigkeit, sich an Gesetze und moralische Regeln zu halten: Die Feinde des „Imperiums“ mussten in Schach gehalten werden!

_Geheimdienst modern: Niemand ist sicher_

Die Phase der Neuorientierung unter Besinnung auf alte Untugenden bildet die Kulisse für die Abenteuer eines sehr modernen Geheimagenten. Milo Weaver, der sich als leicht in die Jahre gekommener und am Schreibtisch etablierter Beamter betrachtet, gerät in den Sog eines Gewerbes, dessen Führungskräfte sich einerseits politisch nach allen Seiten absichern, während sie andererseits ihre Mitarbeiter wie Büromaterial verbrauchen: Neue Kräfte lassen sich problemlos rekrutieren, und die Nackenschläge einer globalisierten Gegenwart treffen nur jene, die sich nicht dagegen wehren können.

Patriotismus ist zu einem gern benutzten aber fadenscheinigen Feigenblatt geworden. Die Tom Graingers, die ihre Agenten zum Wohle der USA opferten, wurden ersetzt durch eine CIA-Generation, die vor allem ihre Pfründen und Privilegien sichert. Sie können sich auf ähnlich moralfreie Politiker und Wirtschaftsmagnaten verlassen, denen die Interessen des eigenen Landes sekundär sind. Jenseits einer Welt mit grenzfixierten Staaten haben längst vage konstruierte, sehr flexibel reaktionsfähige Interessenkonglomerate das Sagen. In einem nächsten Schritt gehen deren Angehörige selbst in die Politik, wobei sie ganz selbstverständlich die kriminellen Methoden zum Einsatz bringen, derer sie sich immer bedienten. Loyalität, Verrat, Zusammenarbeit, Beruf und Privatleben: Die Grenzen haben sich aufgelöst. Jeder belügt und bespitzelt jeden.

_Vom Auge des Sturms direkt in dessen Wirbel_

Das ist die Lektion, die Milo Weaver in diesem ersten Band einer neuen Thriller-Serie im Schnelldurchlauf lernen muss. In der ‚alten‘ CIA hat er seinen Job gelernt, dabei fast sein Leben gelassen und sich den Zeitläuften angepasst – so meinte er, denn tatsächlich ist ihm die Brutalisierung der Agency so lange nicht bewusst geworfen, wie er von ihren Folgen unbehelligt blieb. Stattdessen erfreute er sich der zur Selbstverständlichkeit gewordenen Vorteile. Der Glamour der James-Bond-Filme ist zwar fern, aber Agenten verfügen im Einsatz ein beachtliches Spesenkonto. Sie reisen um die Welt und steigen in feinen Hotels ab. Anders ausgedrückt: Sie sind den Beschränkungen des normalen Arbeitnehmers enthoben. Dieser Aspekt ist es, auf den Weaver nicht verzichten möchte.

Dennoch hat er sich seine als allein agierenden „Tourist“ erworbene Unabhängigkeit bewahrt. Weaver ist kein Soldat, der sich verheizen ließe. Als er es notwendig findet, bietet er dem Apparat die Stirn. Das ist sicherlich kein innovatives Spannungskonzept, aber es funktioniert, weil Olen Steinhauer die Grundprinzipien beachtet: Auf der einen Seite steht der übermächtige Gegner, der als solcher geschickt aufgebaut wurde, auf der anderen das einsame, verloren scheinende Individuum, das dennoch den Kampf aufnimmt. Selten bestimmt offene Gewalt das Geschehen, sondern ein Spiel der Tricks und Täuschungen. Weaver ist schlau – so schlau, dass er sich schließlich in die Höhle des Löwen wagt und darin umzukommen scheint.

Welches Spiel treibt Weaver? Steinhauer lässt uns im Dunkeln tappen. Milo ist Opfer und Täter; die Rolle wechselt rasend schnell und mehrfach. Vor allem in der zweiten Hälfte löst sich Steinhauer zeitweise von seiner Figur, deren Beweggründe dadurch verschwommen bleiben. Die daraus resultierende Unsicherheit schürt die Spannung, zumal der Autor das Heft fest in der Hand hält und seine Leser geschickt an den Nasen herumführt. Dass der Faktor Zufall zusätzlich mitspielt, lässt die Ratlosigkeit noch wachsen.

_Startschuss ohne Schalldämpfer_

Im Finale von „Der Tourist“ hat Weaver gleichzeitig gewonnen und alles verloren. Damit wird er zur idealen Figur für eine Serie, die ihn in weitere Agenten-Intrigen verwickeln wird. (Hoffentlich) wohldosierte Einschübe eines desolaten Privatlebens werden ihr jene Tiefe verleihen, die Literaturkritiker und seifenopergestählte Leser/innen neben temporeicher Action gleichermaßen verlangen. Im Verlauf dieses Debüt-Abenteurers hat sich Steinhauer trotz der rasanten Handlung die Zeit genommen, entsprechende Bolzen einzuschlagen, an denen sich solche Verwicklungen verankern lassen. Weavers Gattin ist kein Anhängsel, das von Zeit zu Zeit gerettet werden muss, sondern recht selbstbewusst. Darüber hinaus deutet Steinhauer an, dass die gute Tina nicht zufällig dort war, wo Milo sie unter turbulenten Umständen kennenlernte. Die Erwartungen sind hoch, wenn es mit „The Nearest Exit“ weitergeht!

_Der Autor_

Olen Steinhauer (geb. am 21. Juli 1970) wuchs im US-Staat Virginia auf. Er studierte Englisch an der University of Texas in Austin sowie am Emerson College in Boston. Im Rahmen eines Fulbright Forschungsstipendium konnte er 1999 für ein Jahr nach Rumänien reisen.

Die in dieser Zeit recherchierten Fakten und die im Ausland gemachten Erfahrungen flossen in Steinhauers schriftstellerische Arbeit ein. „The Bridge of Sighs“ wurde der Auftakt einer Serie von Thrillern, die vor der Kulisse eines fiktiven (und namenlos bleibenden) osteuropäischen Landes die Geschichte des Kalten Krieges in den Jahren 1948 bis 1989 rekonstruiert. Die fünf zwischen 2003 und 2007 erscheinenden Bände dieser Serie wurden für zahlreiche Preise nominiert und mehrfach ausgezeichnet.

2009 veröffentlichte Steinhauer den ersten Band einer Trilogie von Spionage-Thrillern, in deren Mittelpunkt der von den Zeitläuften gebeutelte Geheimdienst-Agent Milo Weaver steht. „Der Tourist“ wurde nicht nur im US-amerikanischen Sprachraum ein Bestseller, sondern markierte auch Steinhauers internationalen Durchbruch; der Roman erschien in 20 Sprachen. Auch Hollywood wurde aufmerksam; das Studio Warner Brothers erwarb die Filmrechte an „Der Tourist“, und für die Titelrolle wurde George Clooney engagiert.

Mit seiner Familie lebt Olen Steinhauer in Budapest. Er ist nicht nur als Schriftsteller tätig; so übernahm er für das Wintersemester 2009/10 eine Gastprofessur für Literatur am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig.

Über seine Arbeit informiert Olen Steinhauer auf seiner Website: http://www.olensteinhauer.com.

_Impressum_

Originaltitel: The Tourist (New York : St. Martin’s Minotaur 2009)
Deutsche Erstausgabe (geb.): Januar 2010 (Wilhelm Heyne Verlag)
Übersetzung: Friedrich Mader
543 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-453-26610-0
http://www.heyne.de

Camilla Läckberg – Die Totgesagten

„Schwedens erfolgreichste Krimiautorin“ – so betitelt der Verlag die junge Frau, deren Foto den Schutzumschlag ziert. Und da Schweden ein ausgesprochen interessantes Land ist, konnte ich nicht umhin, mir den vorliegenden Roman zu gönnen. Jetzt muss er nur noch halten, was da so großartig versprochen wird.

Im kleinen Ort Tanum bekommt die Polizei Verstärkung durch die junge, hochqualifizierte Hanna Kruse. Ihr erster Einsatz: Zusammen mit dem Mittdreißiger Patrik Hedström geht es zum Unfallort einer scheinbar alkoholisierten Frau, die mit ihrem Wagen gegen einen Baum fuhr. Patrik kommt die Sache spanisch vor, denn wie alle Angehörigen bezeugen, hat die Frau in den letzten Jahren keinen Tropfen Alkohol angerührt. Dazu kommen merkwürdige blaue Flecken in der Mundgegend, Spuren von Pflaster im Gesicht und wunde Handgelenke …

Tanum wird zu dieser Zeit Schauplatz einer Reality-Soap, bei der die Teilnehmer zugeteilter Arbeit nachgehen, für Unruhe sorgen und sich feiernd und saufend lächerlich machen sollen. Als die „Barbie“ unter den Teilnehmern übel zugerichtet und tot in einer Mülltonne gefunden wird, lastet der Pressedruck auf Patrik und seinen Mitarbeitern, so dass der Fall mit dem vermeintlichen Autounfall vorerst auf dem Stapel landet. Nach langen Tagen der erfolglosen Ermittlungen wird Patrik unangenehm an den ersten Fall erinnert und sortiert die Prioritäten neu, denn mittlerweile steht zweifelsfrei fest, dass auch dies Mord war. Und während er sich mühsam, langsam und teilweise frustriert durch zwei Mordfälle kämpft, muss er seiner Frau die alleinige Organisation ihrer Hochzeit überlassen.

Das sind nicht einmal alle Baustellen, die Camilla Läckberg auf den 416 Seiten einführt und bearbeitet. Der Ärger mit den Produzenten der Soap wird kurz angedeutet, und als erfahrene Leser überrascht es uns nicht, dass die Dreharbeiten trotz Mord nicht beendet werden, ja im Gegenteil die Tragödie noch ausgeschlachtet wird. Die Gutgläubigkeit der Polizisten ist hier eher überraschend und wirkt etwas naiv. Im Zusammenhang mit der medialen Aufmerksamkeit wirft Läckberg in kleinen Schlaglichtern Brocken über einzelne Interessengruppen ein, die manipulierend auf das kleine Dorf einwirken. Der neue Gemeindevorsitzende hat seinen Einfluss im Blick, der Polizeichef ist durch eine Romanze abgelenkt, würde aber auch sonst nicht produktiv an der Aufklärung arbeiten können. Die einzelnen Teilnehmer der Soap sind allesamt verkrachte Existenzen, deren Motivation in unterschiedlicher Tiefe ausgearbeitet wird und die so weitere menschliche Facetten zum Roman hinzu fügen. Die baldige Frau von Patrik ist überlastet mit ihrem Kind, den zwei Kindern ihrer Schwester Anna und den Vorbereitungen für die Hochzeit, während Anna selbst in Depressionen wegen ihres Exmannes versinkt und die Welt außerhalb ihres Kopfes vergisst. Doch Ericas Ex, mittlerweile guter Freund der Familie, findet einen Weg zu Anna und hilft ihr ins Leben zurück, wo sie sich mit fröhlicher Energie in Ericas Hochzeitsvorbereitungen engagiert und ihren Kindern wieder eine Mutter sein kann.

All das (und noch mehr) entwirft ein tief gehendes menschliches Bild der Umstände, in denen Patrik und sein Team ermitteln müssen. Läckberg schildert in rasch wechselnden Abschnitten aus vielen verschiedenen Perspektiven die Entwicklung an jeder Baustelle, wobei sie je nach Spannungskurve der einen oder anderen Handlung mehr Gewicht verleiht. Diese ständigen Wechsel, die auch oft vom eigentlichen Kriminalgeschehen ablenken, abschweifen und der Ausarbeitung des persönlichen Umfelds der Protagonisten dienen, machen den Einstieg in die Geschichte über mehrere zwanzig Seiten schwer, bis man sich an diese Art zu Erzählen gewöhnt hat und sich nicht mehr mit immer wieder neuen Schauplätzen auseinander setzen muss, sondern die einzelnen „Bauarbeiter“ schon kennt. Ab dem Moment verflechten sich die Stränge langsam zu einem stimmigen Bild und bauen die krimitypische Spannung auf, auch wenn Läckberg mit einer Art des buchinternen Cliffhangers arbeitet, der etwas zu oft angewandt wird und gleichfalls übertrieben wirkt. So ist der Leser in seinem Kenntnisstand den Ermittlern meist hinterher, da sie ihre neuen Erkenntnisse am Ende ihres Absatzes für sich behalten, Läckberg einen oder mehrere Sprünge an andere Schauplätze macht und sich erst dann wieder den wichtigen Erkenntnissen widmet. So fühlt man sich als Leser wiederholt gelackmeiert und an der langen Leine verhungert, was in dieser Ausprägung für einen Punktabzug sorgt.

Die einzig mögliche Lösung wird, auch wenn ihre genaue Bedeutung und Entstehung und das große entscheidende WARUM nur durch Erklärung der Autorin klar gemacht werden kann, schon ziemlich früh erahnbar, und wenn man sich die einzelnen Beziehungen verdeutlicht, stößt man schnell auf den Mörder, obwohl immer die Hoffnung (aus der Erfahrung anderer Leseerlebnisse gewachsen) bleibt, dass die Autorin einen an der Nase herum führt und eine gänzlich überraschende Lösung präsentiert. Doch es bleibt, Überraschung!, wirklich nur bei dieser einen Möglichkeit.

Einzelne Fäden, die Läckberg spinnt, offenbar um das Umfeld lebendiger zu gestalten, bleiben im letzten Drittel des Romans nach und nach in der Luft hängen und machen Platz für die immer drängendere Auflösung der Mordermittlungen. Und auch ein wichtiger Knackpunkt, mit dessen Hilfe schließlich bei Patrik die Erleuchtung eintritt, bleibt unerklärt und wirkt daher wie ein „Deus ex machina“, ein Wunder, das sich wohl jeder Ermittler wünscht. Woher kommen die Haare in Barbies Hand?

Da ich die Vorgängerromane nicht kenne, kann ich sagen, dass es zur guten Lektüre und dem Verständnis in keinster Weise nötig ist, alle Romane gelesen zu haben. In einer anderen Rezension steht allerdings geschrieben, dass die Entwicklung der Protagonisten aufeinander aufbauend sei. Von dieser Seite betrachtet leuchtet es auch ein, woher einige dieser leider für die Geschichte weitgehend unwichtigen Erzählebenen stammen (zum Beispiel um Erica oder Mellberg, den Polizeichef) – hier ging es der Autorin offenbar nur darum, bekannte Charaktere nicht völlig zu vernachlässigen und ihnen irgendwie zu neuem Leben im neuen Roman zu verhelfen. Dem Leser, der wie ich die anderen Romane nicht kennt, bedeuten diese Personen nichts außerhalb dieses Romans, weshalb ihre Anwesenheit sich eher negativ auf die Gesamtwertung auswirkt.

Trotz des relativ geringen Umfangs ist „Die Totgesagten“ vollgepackt mit unterschiedlichsten Charakteren und Handlungsebenen, von denen einige zwar das Umfeld beleben, im Endeffekt aber unaufgelöst bleiben und der Geschichte selbst nicht weiterhelfen. Dabei sind alle Bereiche für sich betrachtet höchst unterhaltsam geschrieben, nur ergeben sie ein etwas unruhiges und überladenes Gesamtbild, dem der Rotstift sicher hätte helfen können. Der Zaunpfahl ist zu riesig, als dass man von der Auflösung noch überrascht sein könnte. Trotzdem bietet die Geschichte hervorragende Unterhaltung, ein Widerspruch, mit dem das Buch nun auskommen muss.

Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3471350126
Originaltitel: Olycksfågeln
Katrin Frey (Übersetzer)

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (3 Stimmen, Durchschnitt: 1,33 von 5)

Mooney, Chris – Enemy

Darby McCormick, die Serienheldin aus Chris Mooneys Büchern, hat in „Enemy“ eine persönliche Tragödie aufzuklären: Den Tod ihres Vaters. Doch nicht nur das. Sie muss sich auch durch ein Geflecht aus Lügen und Intrigen kämpfen – und gerät dabei in Lebensgefahr …

Nach einem anstrengenden Trainingstag beim SWAT-Team der Bostoner Polizei wird Darby zu einem schrecklichen Tatort gerufen. Die Mutter eines dreizehnjährigen Jungen wurde zu Tode gefoltert, während er mit im Raum saß und alles mit angehört hat. Als Darby zum Tatort kommt, stellt sie fest, dass es mehrere Täter gewesen sein müssen – und dass sie noch in der Nähe sind.

Nach einer wilden Schießerei, bei der die Mörder entkommen, fährt die CSI-Ermittlerin ins Krankenhaus, um sich mit dem Jungen zu unterhalten. Der weigert sich zuerst, mit ihr zu sprechen. Seine Mutter hat ihm eingetrichtert, nur mit einem Polizisten zu reden – Thomas McCormick, Darbys verstorbenem Vater. Nachdem sie den Jungen davon überzeugt hat, dass er sich auch ihr anvertrauen kann, fängt er stockend an zu erzählen, dass er und seine Mutter sich stets auf der Flucht befanden, seit seine Großeltern gestorben sind, und dass sie ständig ihre Namen geändert haben. Doch als er weiter sprechen will, werden sie unterbrochen. Ein FBI-Agent betritt das Zimmer und will die Ermittlungen an sich reißen, was darin gipfelt, dass der Junge sich mit einer eingeschmuggelten Pistole erschießt. Doch das ist noch nicht alles: Es stellt sich heraus, dass der FBI-Agent überhaupt kein echtes Mitglied des FBIs war. Es scheint, als ob jemand Darbys Ermittlungen zu sabotieren versucht. Jemand, der genau über den Fall Bescheid weiß und vor nichts zurückschreckt …

Chris Mooney hat eine wendungs- und actionreiche Geschichte geschrieben, die zwar spannend, aber nicht besonders originell ist. Bücher mit toughen, weiblichen Protagonistinnen in Männerberufen sind keine Seltenheit und auch Thriller, in denen einige der Gesetzeshüter sich nicht so benehmen, wie ihr Job das von ihnen verlangt, kennt man. Die Brutalität, die Mooney in seiner Geschichte besonders betont, hilft da wenig. Das Buch ist vielleicht mitreißend geschrieben sowie gut und spannend aufgebaut, aber es hinterlässt den Eindruck, dass man es schon mal irgendwo gelesen hat. Nett ist allerdings die Einbettung des Falls in das Alltagsleben des kleinen Städtchens Charlestown mit seinen seltsamen Verwicklungen.

Hauptperson Darby McCormick geht komplett in ihrem Job auf, von ihrem Privatleben erfährt man so gut wie gar nichts. Ihre Gedanken und Gefühle spielen durchaus eine Rolle, aber sie drehen sich zumeist um alte Fälle, ihren verstorbenen Vater, manchmal um ihren Kollegen Coops. Sie wirkt allerdings trotzdem tiefgängiger als andere, ähnlich geartete Romanfiguren. Das Gleiche gilt für die anderen Figuren in der Geschichte. Auch sie wirken alltäglich, lebendig. Trotzdem bleiben beispielsweise die Beweggründe der Bösen verdeckt. Die Täter werden sehr eindimensional dargestellt, was im Vergleich mit den übrigen Figuren beinahe etwas enttäuscht.

Geschrieben ist das Buch wie viele andere Thriller auch. Hohes Tempo, klare Sätze, wenig Platz für Verzierungen und Wortbilder. Es ist leicht zu lesen, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck.

„Enemy“ ist vielleicht spannend und gut gemacht, aber nicht gerade neu. Wer nur ab und zu einen Thriller liest, wird sicherlich seine Freude an dem handwerklich einwandfreien Buch haben.

|Aus dem Englischen von Michael Windgassen
Originaltitel: The Dead Room
393 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3499252846|
http://www.rororo.de

_Mehr von Chris Mooney auf |Buchwurm.info|:_

[„Victim“ 3799
[„Victim“ 5226 (Hörbuch)
[„Missing“ 5787
[„Missing“ 5731 (Hörbuch)
[„Sekret“ 5844 (Hörbuch)

Brown, Sandra – Ewige Treue

_Inhalt_

Griff Burkett steht das Wasser bis zum Hals: Gerade wurde er aus dem Gefängnis entlassen, und seine Aussichten sind alles andere als rosig. Sein Anwalt hat zur Begleichung seiner Verbindlichkeiten fast seinen gesamten geliebten Besitz veräußert, und es wird sich sicherlich nicht so schnell jemand finden, der ihm einen Job gibt: Seit Griff – einst umjubelter Footballstar – nach einem wichtigen Spiel des Betrugs überführt worden war, gehört er zu Amerikas bestgehassten Personen. Und dann war da noch die Geschichte mit dem ermordeten Buchmacher, in der Griff dringend verdächtigt wurde, man ihm aber nichts nachweisen konnte. Wer also sollte einen spielsüchtigen, kriminellen, vielleicht-mörderischen Ex-Knastbruder einstellen wollen?

Wie aus heiterem Himmel bekommt er ein Angebot von dem spleenigen querschnittsgelähmten Multimillionär Foster Speakman. Speakman möchte ein Kind mit seiner Frau Laura, und er möchte, dass es ihm ähnelt. Da er selbst zeugungsunfähig ist und Griff ihm auffällig ähnelt, bittet er den gefallenen Spielerstar, mit seiner Frau ein Kind zu zeugen. Er bietet so viel Geld dafür, dass Griff, obwohl er den Mann für wahnsinnig hält, nicht nein sagen kann.

Ab da gerät alles aus den Fugen. Verfolgt von einem brutalen Polizisten, der ihm noch immer den Mord an dem Buchmacher anhängen möchte, und den Gedanken an die unnahbare, verletzliche Laura versucht Griff, die Scherben seines Lebens bestmöglich zu kitten. Dass sein Widersacher bei seiner Verfolgung mit außergewöhnlicher Grausamkeit vorgeht und nicht vor Personen haltmacht, die ihm nahestehen, hilft ihm dabei ebenso wenig weiter wie die Tatsache, dass er sein Herz an Laura Speakman verliert, die um nichts in der Welt mehr für ihn sein darf als ein Job.

Während Griff noch nach einer angebrachten Vorgehensweise sucht, zumindest mit dem Polizisten fertig zu werden, geschieht eine Katastrophe, und ihm bleibt nur die Flucht. Aber er kann nicht fort – wenn er sich nicht irrt, schwebt Laura in einer Gefahr, von der sie nichts ahnen kann …

_Kritik_

„Ewige Treue“ ist ein harter, rasanter Thriller, der in einem möglichst coolen Stil von übertypisierten Menschen erzählt, die in einem unglaubwürdigen Plot herumwüten.

„Wenn Sie Spannung suchen, bei der ihnen vor Aufregung die Zähne klappern, dann ist Sandra Brown die richtige Autorin für Sie“, sagte offenbar mal Stephen King. Ich weiß ja nicht. Wenn Sie einen Protagonisten suchen, dessen Redeweise ihm Sätze erlaubt wie „Er hätte ihn nicht einmal angepinkelt, wenn er in Flammen gestanden hätte“, und eine elegante, wohlerzogene, intellektuelle, distinguierte Frau, die sich allen Ernstes in ihn verlieben soll, DANN ist Sandra Brown die richtige Autorin für Sie.

Der Böse ist so unfassbar böse, wie das sonst eigentlich nur in Fantasy-Romanen vorkommt, und der Protagonist hat zwar jede Menge Dreck am Stecken, aber eigentlich ist er doch viel besser als sein Ruf und überhaupt ja auch ein ganz Charmanter.

Tatsächlich war der Thriller stellenweise spannend, andernteils aber auch arg vorhersehbar, und der verheerende Stil tat sein Übriges, um mich anzuöden. Die Charaktere wirken ein bisschen wie 4-Teile-Puzzle (gut-unverstanden-trotzig-cool, lieb-naiv-reuig-Opfer, böse-brutal-gerissen-fies usf.) und lassen keine Überraschung zu, und die letztendliche Auflösung tat nichts, um mich mit dem Vorangegangenen zu versöhnen.

_Fazit_

Nach dem ersten Unglauben (das kann doch nicht ihr Ernst sein …?) habe ich dieses Buch nur mehr widerwillig zur Hand genommen. In kleinen Etappen habe ich mich bis zum Ende durchgebissen und kann das niemandem empfehlen, der Wert legt auf schönen Stil, psychologische Glaubwürdigkeit der Charaktere und Handlungen, Logik und Ästhetik.
Sollten Sie allerdings ihr Gehirn abschalten wollen und ein Faible haben für unglaubwürdige Action, dann ist „Ewige Treue“ vielleicht doch ganz schön für Sie. Oder wenn Sie Stephen King sind, vielleicht. Irgendwie landen Sandra Browns Thriller wohl auch immer auf Bestsellerlisten. Wenn die anderen aber diesem Werk gleichen, habe ich beim besten Willen keine Ahnung, wie es dazu kommen kann.

|Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
ISBN-13: 978-3764503086
Originaltitel: Play Dirty
Aus dem Amerikanischen von Christoph Göhler
Gebundene Ausgabe 19,95 €|
http://www.randomhouse.de/blanvalet

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_Mehr von Sandra Brown auf |Buchwurm.info|:_

[„Crush – Gier“ 1124

Olsen, Gregg – Cruel – Eiskaltes Grauen

_Das geschieht:_

Seit zwanzig Jahren versucht Hannah Griffin das grausame Ende ihrer Kindheit zu vergessen. Auf einer Farm im US-Staat Oregon wuchsen sie und ihre Zwillingsbrüder bei einer psychopathischen Mutter auf, die schließlich in einer kalten Winternacht ihren Kindern das Dach über dem Kopf anzündete. Während die Brüder sowie ihre Mutter im Feuer umkamen, konnte Hannah entkommen. Bei einer Besichtigung der Brandstätte stieß die Polizei auf ein Grab. Es blieb nicht das einzige, und immer lag die Leiche eines in Uniform gekleideten, älteren Mannes darin: Claire Logan hatte als Massenmörderin genaue Vorstellungen von ihrem Opfer.

Schon damals waren sowohl Hannah als auch Jeff Bauer, der als FBI-Beamter den Fall bearbeitete, davon überzeugt, dass die in der Ruine des Farmhauses gefundene Frauenleiche nicht die von Claire Logan war. Sie ist entkommen und verfolgt als vage Schreckgestalt ihre Tochter, die sich nie von den halb verdrängten Erinnerungen an Gräueltaten lösen konnte, deren Zeugin sie als Kind wurde.

Inzwischen ist Hannah verheiratet und selbst Mutter einer achtjährigen Tochter. Sie arbeitet als Ermittlerin für das Bezirksgericht des Santa Louisa County nahe Los Angeles in Kalifornien. Der zwanzigste Jahrestag des Brandes naht, als Hannah anonym ein Paket mit den angesengten Kinderschuhen ihrer Brüder zugeschickt wird. Töchterlein Amber berichtet von einer unbekannten Frau, die Grüße von der Großmutter ausgerichtet hat.

Ist Claire zurückgekehrt, will sie vollenden, was ihr einst nicht gelang? Zusammen mit Agent Bauer kehrt Hannah nach Oregon zurück. Die Odyssee führt zu einem drastisch veränderten Bild der damaligen Ereignisse, und das beschwört Gefahren herauf, mit denen weder Hannah noch Bauer rechnen konnten …

_Viele Leichen, wenig Gewalt_

Sogar der Unterhaltungs-Thriller der B-Kategorie hält sich mit Frauen in der Serienkiller-Rolle zurück; diese unschöne Variante des Kapitalverbrechens scheint auch im Zeitalter der Emanzipation buchstäblich in männlichen Händen zu liegen. Andererseits gibt es mordende Frauen. Gregg Olsen, Autor zahlreicher „True Crime“-Bücher, hat sogar mit einigen gesprochen, denn die Dynamik zwischen Müttern und Töchtern, die entweder kriminell oder das Opfer krimineller Aktivitäten wurden, ist so etwas wie seine Spezialität. (Mit der Figur der Autorin Marcella Hoffman hat Olsen – Kritikern lieber selbst den Wind aus den Segeln nehmend – seiner Zunft ein selbstironisches Denkmal gesetzt, das sämtliche Unarten des „True Crime“-Genres verkörpert.)

Auch sonst versteht er sichtlich etwas von der Materie. Sein Hintergrundwissen ist breit gefächert und deckt nicht nur die polizeiliche Ermittlungsarbeit ab, sondern widmet sich ebenso intensiv dem menschlichen Drama, das ein Verbrechen des hier beschriebenen Kalibers auslöst, von dem nicht nur die Mordopfer, sondern auch deren Familien und Freunde sowie – das wird oft vergessen – die Angehörigen des Täters betroffen werden.

Die Gewaltorgien der Mörder-Lady breitet Olsen nicht so liebevoll vor seinen Lesern aus, wie es im Killer-Thriller 2.0 viel zu üblich geworden ist. Er ‚beschränkt‘ sich auf die Schilderung der Folgen, die sich aus den Untaten ergeben. Dieses Verb steht hier in Anführungsstrichen, weil sich Olsen zumindest in dieser Hinsicht keine Zügel anlegt. Die Exhumierung einer seit Jahren unter der Erde gelegenen Säuglingsleiche ist auch ohne Blut und Schreie reichlich starker Tobak (sowie für das eigentliche Geschehen völlig unerheblich).

_Viel Dramatik, wenig Spannung_

Was Olsen nicht gelingt, ist die Verknüpfung von Information und Handlung. Schon die Erzählstruktur wirkt unnötig sperrig: Die Geschichte startet, dann springt sie weit in die Vergangenheit zurück und unterbricht den ersten Spannungsbogen, der mühsam neu aufgerichtet werden muss, während wir uns dem Ausgangspunkt – der Gegenwart – allmählich wieder nähern. Auch sonst verwechselt Olsen beim Spannungsaufbau oft Cliffhanger und Abrisskante oder zerdehnt und verkompliziert Abläufe, die von den eigentlichen Ereignissen wegführen.

Das Schüren von Spannung wird durch Handlungsroutinen erschwert, die jeder halbwegs eifrige Genre-Leser im Geiste abhaken kann: Zwischen dem FBI, der örtlichen Polizei und der Justiz gibt es Kompetenzrangeleien, die Presse hechelt rücksichtsfrei allen Betroffenen hinterher, und natürlich haben die Hauptfiguren auch ein Privatleben, das ausführlich vor den Lesern ausgebreitet wird, ob diese das wünschen oder nicht.

Eher nicht, wenn sich der Autor mit der Reihung von Klischees begnügt. Vor allem Hannah ist eine Art Schwarzes Loch, das Pech und Kummer erbarmungslos in seinen Ereignishorizont reißt. Ihre Jugend als Tochter einer psychopathischen Mutter äußert sich in ständigen Albträumen und Visionen, die Fetzen der verkorksten und im Wachzustand verdrängten Vergangenheit hochkommen lassen – kein Konzept, das Überraschungen bietet.

Um die Schrecken des Gestern möglichst drastisch mit dem Heute kontrastieren zu lassen, stellt Olsen der trotz aller Schicksalsschläge beruflich idealistisch und privat herzensgut gebliebenen (und selbstverständlich bildhübschen) Hannah eine Bilderbuch-Familie mit frauenverstehendem Gatten und offensiv niedlichen Töchterchen zur Seite, das Olsen freilich – es spricht für ihn – nicht als Spannungsreserve für das Finale dient.

_Wie im richtigen Leben_

Ohnehin nimmt das Geschehen im letzten Drittel einen völlig unerwarteten Verlauf. Was zunächst positiv klingt, relativiert angesichts der Tatsache, dass Olsen diesen Umschwung quasi aus dem Nichts heraufbeschwört. Die bis zu diesem Zeitpunkt eingefädelten Rätsel werden zwar sämtlich aufgelöst, doch wenn dies geschieht, haben sie sich längst selbst erledigt. (Was wohl auch besser ist, da sich Logik und Originalität dabei nur am fernen Horizont zeigen.)

Der abrupte Bruch erfolgt zeitgleich mit einem gewaltigen geografischen Sprung: Plötzlich finden wir sämtliche Hauptfiguren auf der pazifischen Kodiak-Insel vor der Südküste von Alaska. Was sie dorthin verschlägt, ist ein recht dreister Winkelzug des Verfassers, denn wiederum hat der Leser keine Chance, diesen Wechsel nachzuvollziehen. Die Erkenntnis, dass sich die böse Claire in Polarnähe versteckt, reizt das Prinzip Zufall nicht nur, sondern beult seine Grenzen bedenklich aus.

Schade eigentlich, denn Olsen, der das „true crime“ wie gesagt kennt, konstruiert kein Bilderbuch-Happyend mit dramatischem Todeskampf zwischen Tochter und Mutter, während die Familie hilflos, weil von Oma bzw. Schwiegermutter gefesselt, zuschauen und abwarten muss und der FBI-Held anderweitig beschäftigt ist. Nicht jeder Übeltäter wird erwischt. Diese Entscheidung gefällt und versöhnt – es sei denn, sie bereitet eine Fortsetzung vor …

Den dummen Schlusspunkt setzt abermals die deutsche Ausgabe, die dem Werk den denglischen Nullsinn-Titel „Cruel“ zwischen die Hörner nagelt.

_Der Autor_

Gregg Olsen wurde am 5. März 1959 in Seattle, US-Staat Washington, geboren. Bevor er 2007 mit „A Wicked Snow“ (dt. „Cruel – Eiskaltes Grauen“) sein Thriller-Debüt gab, hatte er sich bereits einen Namen als Autor von sieben „True Crime“-Büchern gemacht, in denen sich genretypisch sachliche Aufklärung und behutsam die Fakten ‚bearbeitende‘ Dramatisierung mischten – eine Struktur, die auch Olsens Kriminalromanen zugrunde liegt.

Als ‚Fachmann‘ für Kapitalverbrechen ist Olsen ein gern und oft gesehener Gast in TV- und Radiosendungen. Darüber hinaus schreibt er Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Während er über seine Aktivitäten als Autor sehr ausführlich und werbewirksam Auskunft gibt, gibt Olsen auf seiner [Website]http://www.greggolsen.com über sein Privatleben nur noch bekannt, dass er mit seiner Familie in Olalla (US-Staat Washington) lebt.

_Impressum_

Originaltitel: A Wicked Snow (New York : Pinnacle/Kensington Publishing Corporation 2007)
Übersetzung: Anja Schünemann
Deutsche Erstausgabe: November 2007 (Rowohlt Verlag/RoRoRo Nr. 24614)
316 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3499246142
http://www.rowohlt.de

Bergman, Andrew – LeVine & Humphrey Bogart

_Das geschieht:_

Der II. Weltkrieg ist vorüber, aber die Geschäfte gehen für Jack LeVine, Privatdetektiv in New York, 1947 schlechter denn je. Da trifft es sich gut, dass ein alter Freund und Studienkollege ihn anheuern möchte. Walter Adrian lebt und arbeitet eigentlich in Hollywood, wo er es als Drehbuchautor zu Ruhm und Geld gebracht hat. Aber etwas Unheimliches geht seit einiger Zeit hinter den Kulissen der großen Studios vor. Adrian wird geschnitten, seine Karriere ist beschädigt. Gründe werden nicht genannt, aber der Autor ahnt etwas: Er hat sich stets öffentlich gegen Armut und Korruption sowie für mehr Gleichheit ausgesprochen und sogar mit dem Sozialismus geliebäugelt.

Das taten nicht nur in Hollywood viele Männer und Frauen. Die USA und die Sowjetunion waren im Krieg Verbündete. Aber seit Stalin als ernsthafter Konkurrent in der Weltpolitik auftritt, gilt die UdSSR als Reich des Bösen. Nun planen rechte Kreise den großen Schlag und wollen unter dem Vorwand des Kampfes gegen die ‚roten‘ Elemente ihres Heimatlandes auch unliebsame Konkurrenten im Kampf um Macht und Geld kaltstellen. In dem jungen, krankhaft ehrgeizigen und skrupellosen Kongressmann Richard M. Nixon finden sie den idealen Inquisitor für ihren verbrecherischen Plan.

Ein „Komitee gegen unamerikanische Umtriebe“ wird geplant und Walter Adrian steht auf dessen Liste. LeVine kommt zu spät nach Hollywood: In der Westernstadt der Warner-Studios findet er den Freund an einem Wildwest-Galgen baumelnd. Selbstmord, verkündet die Polizei, die als Instrument des „Komitees“ agiert. Mord, weiß LeVine, der Gerechtigkeit fordert, wie es seine Art ist. Das bringt ihn in Lebensgefahr, denn dieses Mal legt er sich mit Gegnern an, die das Gesetz auf ihrer Seite haben und sich nicht scheuen, es zwecks Einschüchterung und Mord zu beugen. Aber es gibt auch Verbündete, sodass sich LeVine während einer rasanten Verfolgungsjagd an der Seite des Filmstars Humphrey Bogart findet …

_Ein ganz düsteres Kapitel_

Politische Brisanz, realistische Gesellschaftskritik & Unterhaltung mit Köpfchen, dargeboten als stimmige, spannende, nachdenklich machende Mischung: Wir lesen offenkundig einen US-amerikanischen Kriminalroman aus den 1970er Jahren, als diese Elemente einander nicht ausschlossen, sondern fast vollendet harmonierten. „New Hollywood“ nannte man dieses Phänomen in der Filmstadt, die in einer kaum zehn Jahre währenden Glanzphase Meisterwerke wie „Bonnie & Clyde“ (1967), „French Connection“ (1971), „Chinatown“ (1974) oder „Taxi Driver“ (1976) zustande brachte.

„LeVine & Humphrey Bogart“ ist ein Werk, das sich romanhaft mit einem düsteren Kapitel der modernen US-amerikanischen Geschichte beschäftigt: den Hexenjagden des Senators McCarthy und seines „House Committee on Unamerican Activities“ (HUAC), vor das in den 1950er Jahren gezielt prominente Schauspieler, Autoren, Sänger und andere Künstler geladen wurden, wo sie sich zu möglicherweise ungesetzlichen Aktivitäten äußern mussten. Befand sie dieses Tribunal – das selbstverständlich selbst definierte, was „unamerikanisch“ bedeutete – ‚kommunistischer Umtriebe‘ für schuldig, wurden sie bestraft und fanden sich vor allem auf einer Schwarzen Liste. Das bedeutete praktisch Berufsverbot, denn die großen Filmstudios in Hollywood, aber auch Radiostationen, Theater und sogar Nachtclubs im ganzen Land schlugen sich, um ihre Pfründen bangend, auf die Seite der Hexenjäger.

Unschuldige Männer und Frauen standen vor dem Nichts, gerieten in Not, begingen verzweifelt Selbstmord. ‚Verräter‘, die vor dem HUAC-Druck kapitulierten und ‚Genossen‘ denunzierten, entgingen dem Ruin, aber sie wurden von Kollegen und Freunden geächtet. Wer sich dem Terror widersetzte oder ihn anprangerte, geriet sofort selbst in die HUAC-Mühlen: Das ist die totalitäre Welt, deren Entstehung LeVine in erster Reihe miterleben darf.

_Spannung und Brisanz_

Andrew Bergmann nennt die Dinge beim Namen. Das ist längst nicht so selbstverständlich, wie es uns heute vorkommt, denn 1975 waren prominente Befürworter der Hexenjagd noch am Leben oder nahmen sogar bedeutende Ämter ein. Bisher hatten sie sich ihrer historischen Verantwortung entziehen können. „LeVine & Humphrey Bogart“ markiert den Zeitpunkt, an dem sich dies änderte.

Dieser Roman demonstriert weiterhin, dass sich Anspruch und Unterhaltung in der Tat keineswegs ausschließen müssen. War „The Big Kiss-off of 1944“ (1974, dt. „LeVine“), die erste LeVine-Geschichte, bei aller ebenfalls geäußerten Kritik an Korruption und Hurrapatriotismus vor allem eine glänzende Rekonstruktion der unmittelbaren Nachkriegszeit als Detektivstory, ist Bergman mit „LeVine & Humphrey Bogart“ eindeutig ehrgeiziger.

Düster wird der Weg in den McCarthy-Terror geschildert. Für Bergman ist bereits seine Entstehung ein Verbrechen, das vor allem deshalb inszeniert wurde, um die politischen Gegner der amerikanischen Rechten aus dem Weg zu räumen. Folglich treten deren Repräsentanten wie Gangster heimlich, bedrohlich, verschwörerisch in abbruchreifen Häusern und an anderen wenig Vertrauen erweckenden Orten auf, wird ihr Wirken als Komplott gegen Gesetz und Moral identifiziert.

Den Fall wird LeVine vielleicht lösen, aber der Gerechtigkeit wird er nicht zum Sieg verhelfen können. Beklemmend zeigt uns Bergman die Mechanismen, die dem HUAC seinen Weg ebnen. Es gibt für jene, die sich ihm in den Weg stellen, keine Warnung, keinen Schutz. So verbietet sich das obligatorische Happyend; die Drahtzieher werden ihr übles Spiel fortsetzen, und LeVine weiß dies auch.

_Detektiv am Scheideweg_

Jack LeVine ist immer noch ganz genretypisch der desillusionierte, aber insgeheim idealistische und grundehrliche Privatdetektiv alter Schule. Seine aktuellen Erlebnisse sind die ideale Voraussetzung dafür zum Zyniker zu werden, denn diese Dimension des legalisierten Verbrechens sind ihm bisher nicht bekannt gewesen.

Zudem bewegt sich LeVine abseits seines Territoriums. New York kennt er, Los Angeles nicht. Das scheinbar so auf sich selbst konzentrierte, um das Filmbusiness kreisende, die Medienpräsenz beschwörende Universum von Hollywood ist tatsächlich vielschichtiger als gedacht. Auch im oberflächlichen Tinseltown leben Menschen mit politischem Idealismus – oder Ambitionen.

Machtkämpfe ganz eigener Art toben hier, in die sich LeVine vorsichtig aber unverdrossen stürzt. Normalerweise würde er gut damit fahren: Das Verbrechen ruht quasi überall auf der Welt auf gewissen Grundkonstanten, die ein erfahrener Kriminalist zu deuten weiß. Doch hier stößt LeVine an seine Grenzen. Seine unsichtbaren, schwer oder gar nicht fassbaren Gegner werden personifiziert durch den Kongressmann Richard Nixon. Das ist keine fiktive Gestalt, wie wir (hoffentlich) wissen, sondern ein historischer Prominenter ganz besonderen Kalibers: ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der von seinen Bürgern aus dem Amt gejagt wurde, weil er seine Gegner bespitzeln (und sich erwischen) ließ – und das war nur eines von zahlreichen Vergehen.

_Realer Schurke im Krimi-Einsatz_

Als Bergman „LeVine und Humphrey Bogart“ 1975 schrieb, war Watergate noch eine sehr aktuelle Affäre. Nixon hatte gewiss andere Sorgen, als gegen sein Porträt als skrupelloser Aufsteiger, der um jeden Preis nach oben will, zu protestieren. Zu diesem Zeitpunkt symbolisierte er den moralischen Bankrott der politischen Rechten. Wieso dies so ist, so kommen musste, versucht Bergman auf seine Weise zu illustrieren. Der junge Nixon ist bei ihm kein simpler Nachwuchsstrolch, sondern wirkt eher schizophren als ehrgeiziger Eiferer, der selbst an die hohlen Phrasen zu glauben scheint, die er in endlosen Serien hervorstößt. Bergman gelingt ein erschreckend überzeugendes Bildnis.

Ebenso eindringlich ist seine Darstellung der Opfer. Nicht Solidarität bestimmt die Situation. Statt sich zusammenzutun, versuchen die ins Visier der Inquisitoren geratenen Filmleute vor allem, die eigene Haut zu retten – und sei es auf Kosten der Leidensgenossen. Das macht es ihren Gegnern doppelt leicht. Indem sie die eingeschüchterten Männer und Frau gegeneinander ausspielen, können sie im Hintergrund bleiben und die besorgten Moralisten mimen. Indem sie sich wie Vieh treiben lassen, fügen sich die Verfolgten selbst einander die schlimmsten Wunden zu: Sie verraten einander und werden das niemals vergessen oder vergeben.

Dies alles breitet Andrew Bergman auf nur 220 Seiten und dadurch ebenso dicht wie intensiv aus. Hier ist kein Raum für jenes ablenkende Geschwätz, das heute zu viele Kriminalromane in ziegelsteindicke Seifenopern verwandelt. Bergman bleibt gnadenlos auf dem Punkt und nimmt seine Leser auf eine nur allzu reale Höllenfahrt in die Vergangenheit mit.

_Der Autor_

Andrew Bergman wurde 1945 in New York City geboren. Eine Berufslaufbahn in den Medien wurde ihm quasi in die Wiege gelegt; sein Vater arbeitete als Redakteur für die |New York Daily News|. Bergman absolvierte das Harper College und studierte an der University of Wisconsin-Madison.

1971 trat Bergman mit „We’re in the Money“ hervor, einer historisch-soziologischen Studie über den von der Wirtschaftskrise und New Deal geprägten US-Film der 1930er Jahre. Kurz darauf verfasste er in rascher Folge die beiden Kriminalromane „The Big Kiss-off of 1944“ (1974) und „Hollywood & LeVine“ (1975) um den Privatschnüffler Jack LeVine.

Dann ging Bergman selbst nach Hollywood. Mehr als ein Vierteljahrhundert arbeitete er als Drehbuchautor und Regisseur. Geschrieben und/oder inszeniert wurden von ihm Filme wie „Soapdish“ (1991; dt. „Lieblingsfeinde – eine Seifenoper“), „The Freshman“ (1990), „Fletch“ (1984; dt. „Fletch – Der Troublemaker“), „Striptease“ (1996) oder „Honeymoon in Vegas“ (1992).

2001 kehrte Bergman zur Überraschung von Publikum und Kritik zur Figur des LeVine zurück und schrieb ihm mit „Tender Is LeVine“ ein neues Abenteuer auf den Leib: Das „Striptease“-Filmdesaster von 1996 hatte ihm einen Karriereknick und viel Freizeit beschert. Erst 2003 kehrte Bergman mit „The In-Laws“ (dt. „Ein ungleiches Paar“ – nur Drehbuch) nach Hollywood zurück.

Die LeVine-Romane von Andrew Bergman:

(1974) LeVine („The Big Kiss-off of 1944“)
(1975) LeVine & Humphrey Bogart („Hollywood & LeVine“) – Ullstein Krimi Nr. 10334
(2001) „Tender Is LeVine“ (2001; kein dt. Titel)

_Impressum_

Originaltitel: Hollywood & LeVine (New York : Holt, Rinehart & Winston 1975)
Deutsche Erstausgabe: 1985 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi Nr. 10334)
Übersetzung: Jürgen Bürger
221 Seiten
ISBN-13: 978-3-548-10334-1
http://www.ullstein-buchverlage.de

Spencer-Fleming, Julia – Wer mit Schuld beladen ist

_Inhalt_

Die ehemalige Helikopterpilotin und jetzige Pastorin Clare Fergusson macht gerade eine schwierige Phase durch: Seit einiger Zeit weiß sie, dass sie den Sheriff Russ Van Alstyne liebt. Und sie weiß, dass er sie ebenfalls liebt. So sicher wie das Amen in ihrer Kirche weiß sie, dass niemals etwas zwischen ihnen passieren darf: Russ ist verheiratet. Aber was heißt denn „nichts passieren“? Wenn sie auch keine Affäre miteinander hatten, so haben sie sich doch häufig gesehen, einmal die Woche sogar zum Mittagessen – sie haben sich genug Zeit miteinander eingeräumt, um sich ihrer Gefühle sicher zu sein.

Russ war ebendieser Gefühle wegen kurz zuvor von seiner Frau vor die Tür gesetzt worden; eine Entscheidung musste her. Und Clare hatte sich gerade schweren Herzens entschlossen, Russ nicht mehr zu sehen, da kommt der nächste Schlag: Der Bischof stellt ihr eine neue Diakonin zur Seite, die ganz offensichtlich als eine Art Wachhund für die unkonventionelle Pastorin fungieren soll.
So ist Clares Laune sowieso schon am Tiefpunkt, als sie erfährt, dass Linda, Russ‘ wütende Ehefrau, brutal ermordet in ihrem Haus aufgefunden wurde. Folgerichtig dauert es nicht lange, bis Russ in Verdacht gerät und vom Dienst suspendiert wird. Clare beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, um seine Unschuld zu beweisen, und sieht sich bald selbst misstrauisch beäugt. War sie nicht der Grund, warum Linda Russ überhaupt hinausgeworfen hatte?

Die Verdachtsmomente in verschiedenste Richtungen verdichten sich, tränenreiche Anschuldigungen werden erhoben, absurde Pläne geschmiedet, und in einem Gefühlstaumel, der ebenso heftig ist wie der herannahende Schneesturm, schlagen die Protagonisten um sich und fügen anderen schwerere Verletzungen zu als eigentlich geplant …

_Kritik_

„Wer mit Schuld beladen ist“ ist der fünfte Band um Clare Fergusson und Russ Van Alstyne. Band zwei, [„Die rote Spur des Zorns“, 2812 hat auf dieser Seite bereits Beachtung gefunden. Meiner Ansicht nach hat sich Julia Spencer-Fleming seit diesem Punkt weiterentwickelt. Zwar sind einige Typisierungen überzogen – ist es etwa nötig, dass eine Pastorin aus einem TOD-AUS-DEN-WOLKEN-Becher Kaffee trinkt, nur weil sie mal bei der Army war? – aber ansonsten sind die Charaktere recht ausgewogen dargestellt.

Es gibt zwar noch immer wenig feine Besonderheiten in Spencer-Flemings Stil, dafür hat sie inzwischen gelernt, an der Spannungsschraube zu drehen. Die Art, wie sich das Netz um den Sheriff und die Pastorin immer enger zusammen zieht, wie sie sich selber halb kampf-, halb hilfsbereit gegenüberstehen, während in einer natürlichen Spiegelung der inneren Konflikte sich draußen ein Blizzard von Jahrhundertgewalt zusammenbraut, das ist schon stark gemacht. Die Diskrepanz von Clares gequält lächelndem Gesicht, das sie der neuen Diakonin und ihren neugierigen Gemeindemitgliedern zeigt, und ihren tatsächlichen Gefühlen lässt den Leser ebenfalls schwer schlucken.

Während man noch hier und dort gedanklich einer Spur zu folgen versucht und mit sich selbst hadert, was genau man den Protagonisten denn nun eigentlich wünschen sollte, ergibt sich eine überraschende Wendung, die alles Bisherige in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.

_Fazit_

Letztlich ist es wohl am besten, wenn man Clares und Russ‘ Vorgeschichte kennt, also auch die früheren Bücher liest, ansonsten fällt der Einstieg ein bisschen schwer.

Die Beiläufigkeit des oben erwähnten früheren Bandes hat sich in „Wer mit Schuld beladen ist“ verloren – aber Achtung: Es handelt sich hier keinesfalls um ein nettes Buch. Zuhauf kommen dunkle Geheimnisse ans Licht und lassen den Beleuchteten ausgesprochen schlecht dastehen, Enttäuschungen jagen Katastrophen und umgekehrt. Wer auf düstere Szenarien und das Leben verändernde Situationen steht, sollte hier zugreifen. Vom Spannungsverlauf her bleiben keine Wünsche offen.

|Broschiert: 509 Seiten
Englischer Originaltitel: All Mortal Flesh
Aus dem Amerikanischen von Frauke Czwikla
ISBN-13: 978-3426503126
Taschenbuch: 8,95 €|
http://www.droemer-knaur.de
http://www.juliaspencerfleming.com

Stromiedel, Markus – Feuertaufe

Biometrische Reisepässe, Vorratsdatenspeicherung, der gläserne Kunde – einige Begriffe, die durch die Medienlandschaft geistern, lassen den Eindruck entstehen, dass sich unser Zusammenleben immer weiter vom demokratischen Grundgedanken entfernt. Der Autor Markus Stromiedel spinnt diesen Gedanken in seinem Polit-Thriller „Feuertaufe“ einen Schritt weiter.

In Berlin gibt es einen Brandanschlag auf ein Haus mit ausschließlich ausländischen Einwohnern. Nur ein neunjähriger Junge überlebt, doch er ist verstummt und keine große Hilfe bei der Suche nach den Tätern, die in der rechten Szene vermutet werden.

Kommissar Paul Selig wird dazu abberufen, den Fall zu leiten – jedenfalls in der Öffentlichkeit. Tatsächlich möchte man ihn nur als vertrauenswürdige Publikumsfigur, während andere im Hintergrund die Ermittlungen durchführen. Das lässt Selig selbstverständlich nicht auf sich sitzen und beginnt mit seinem Team zu recherchieren. Schnell findet er unerwartet eine erste Spur. Ein Mann mit einer auffälligen Tätowierung an der Hand wollte sich mit ihm anonym treffen, um ihm Informationen zu kommen zu lassen. Als das Treffen misslingt, versucht Selig zu recherchieren, wer der Mann war. Zuerst scheint es, als ob er Erfolg habe, doch dann verschwinden nicht nur die Spuren wie von Geisterhand – Melderegistereinträge werden gelöscht, Wohnungen geleert -, sondern auch unliebsame Zeugen werden eliminiert. Als Selig dem Jungen, der den Anschlag überlebt hat, die Tätowierung zufällig zeigt, bekommt dieser einen Anfall. Anscheinend gibt es einen Zusammenhang zwischen dem mysteriösen Unbekannten und dem Anschlag.

Selig und sein Team ermitteln weiter. Sie müssen sich dafür immer tiefer mit Formationen in der Bundesrepublik auseinandersetzen, die dem Staat nicht wohlgesonnen sind – sowohl von rechts als auch von links. Das ist nicht ungefährlich, doch Selig hat noch einen weiteren Feind, von dem er nichts ahnt. Er wird aus den eigenen Reihen sabotiert …

Markus Stromiedel hat nicht nur als Journalist gearbeitet, sondern schreibt auch Drehbücher. Beides merkt man seinem Roman an. Die Handlung ist, genau wie ein guter Film, sauber konstruiert und unglaublich spannend. Diverse Erzählperspektiven sorgen dafür, dass man die Situation aus allen Blickwinkeln betrachten kann. Das ist sinnvoll, da sehr viele Intrigen und Verwicklungen in der Geschichte vor kommen, doch Stromiedel schafft es, den Leser sicher durch die komplexe Handlung zu führen. Die vielen losen Enden laden dazu ein, selbst auf Tätersuche zu gehen, doch ähnlich wie Selig steht man vor einem Rätsel. Erst gegen Ende löst sich alles allmählich auf. Neben der Spannung vergisst Stromiedel das Zwischenmenschliche nicht. Die zerbrochene Liebe zwischen zwei Mitarbeitern Seligs, die Beziehung zwischen dem Kommissar und seinem Sohn – sie werden sauber ausgearbeitet und bringen Leben in die Geschichte, ohne diese ausufern zu lassen.

Seligs Ermittlungen sind ähnlich wie der Kommissar selbst. Nicht immer zielgerichtet, aber letztendlich führen sie zu einem Ergebnis. Paul Selig ist also kein Superheld, sondern ein ruhiger, fast schon etwas melancholischer Charakter, der streckenweise an gewisse skandinavische Polizisten erinnert. Er ist allerdings nicht ganz so schwermütig. Sein Privatleben spielt zwar immer wieder eine Rolle, auch in Form der Ereignisse, die im ersten Band der Reihe passiert sind, doch es nimmt nie überhand. Oder besser gesagt: Es spielt eine bedeutende Rolle für die Handlung und stört deshalb nicht.

Die übrigen Charaktere – und von denen gibt es viele! – sind ebenfalls gut ausgearbeitet. Der Autor bündelt diese Vielzahl an Personen, Eindrücken und Schauplätzen mit Hilfe des sauberen Schreibstils. Dabei geht er durchaus detailliert vor. Man kann sich alles sehr gut vorstellen. Doch das liegt nicht etwa an seitenlangen Beschreibungen, sondern daran, dass Stromiedel ein ungewöhnlich gutes Händchen dafür hat, mit wenigen, passenden Begriffen etwas zu beschreiben. Seine Korrektheit wirkt zuerst etwas befremdlich, aber schnell wird klar, dass eine so komplexe Geschichte anders gar nicht geschrieben werden sollte.

„Feuertaufe“ ist packend, fesselnd und gleichzeitig lebendig. Gerade letzteres ist nicht unbedingt das, was man von einem Polit-Thriller erwartet, aber der Markus Stromiedel bringt sehr viel Menschliches in die dramatische Handlung ein. Dadurch entsteht ein wirklich großartiges Buch, das zudem sehr gut geschrieben ist.

|491 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-426-50114-6|
http://www.knaur.de

Charles Finch – September Society. Der Club der tödlichen Gentlemen

Das Verschwinden eines adligen Oxford-Studenten verwickelt 1866 einen frühen Privatdetektiv in eine Verschwörung, die zwei Jahrzehnte zuvor im fernen Ostindien ihren Anfang nahm … – Ein früher Sherlock Holmes löst unter Einsatz zeitgenössischer Ermittlungsmethoden seinen Fall, während er gleichzeitig mit privaten Liebeshändeln ringt: gemächlicher Häkel-Krimi mit Lady-Thriller-Schmalz-Ballast und überkonstruiertem Plot.
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Steinhauer, Olen – Tourist, Der

_John le Carré lässt grüßen: Smiley heißt jetzt Milo_

Milo Weaver ist „Tourist“, ein hoch ausgebildeter Geheimagent, der rund um den Globus Aufträge für die CIA erfüllt. Touristen haben keine eigene Identität, sie haben keine Freunde, keine Familie, ihre oberste Maxime ist Misstrauen. Als Weaver bei einem Einsatz schwer verletzt wird, zieht er sich zurück.

Doch sechs Jahre später holt ihn die Vergangenheit ein. Es gibt verlässliche Hinweise auf den Aufenthaltsort des Killers Benjamin Harris, genannt der „Tiger“, mit dem Weaver ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel verband. Weaver spürt Harris auf, nur um kurz vor dessen Selbstmord zu erfahren, dass Harris selbst ein Tourist war und von seinen Auftraggebern mit einer tödlichen Krankheit infiziert wurde.

Als kurz darauf eine seiner Kolleginnen unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt, verdächtigt man Milo, und er taucht unter. Um sein Leben zu retten, muss er die Machenschaften der CIA aufdecken. Sein letzter Auftrag beginnt. (Verlagsinfo)

Der Roman soll mit George Clooney in der Titelrolle verfilmt werden.

_Der Autor_

Olen Steinhauer wuchs in Virginia auf und lebte seitdem in Georgia, Mississippi, Pennsylvania, Texas, Kalifornien, Massachusetts und New York. Außerhalb der USA lebte er in Kroatien (das damals noch zu Jugoslawien gehörte), in der Tschechischen Republik und in Italien. Als Fulbright-Stipendiat verbrachte er ein Jahr in Rumänien, ein Aufenthalt, der ihn zu seinen fünf ersten Büchern inspirierte. Er lebt zurzeit in Ungarn mit seiner Frau und seiner Tochter.

Im Laufe der Jahre veröffentlichte er Erzählungen und Gedichte. Sein erster Roman „The Bridge of Sighs“ (2003), der Auftakt zu einem fünfbändigen Zyklus über das Osteuropa des Kalten Krieges über 50 Jahre hinweg, wurde für fünf Auszeichnungen nominiert. Das zweite Buch der Serie, „The Confession“, erntete ebenso Kritikerlob wie der Folgeband „36 Yalta Boulevard“ („The Vienna Assignment“ in Großbritannien). „Liberation Movements“ („The Istanbul Variations“ in Großbritannien), war für einen Edgar Award als bester Roman des Jahres nominiert. Der Abschlussband der Reihe, „Victory Square“, veröffentlicht 2007, wurde von der |New York Times| lobend hervorgehoben.

Mit dem Roman „The Tourist“ hat Steinhauer den Kalten Krieg hinter sich gelassen und eine Trilogie von Agentenromanen begonnen, die sich auf die internationale Arena in der Welt nach dem 11. September 2001 konzentriert. George Clooneys Produktionsfirma Smoke House Films hat die Filmrechte erworben, und Clooney soll selbst die Hauptrolle verkörpern.

_Handlung_

|PROLOG.|

10. bis 11. September 2001. Charles Alexander – so nennt sich Milo Weaver jetzt, als er von Amsterdam nach Kroatien fliegt. Milo ist ein „Tourist“, also ein Agent, der für die CIA das Dreckgeschäft erledigt. Er denkt ständig an Selbstmord, doch jedes Mal kommt ihm etwas dazwischen. So wie jetzt in Ljubljana, wo ihn die Kollegin Angela Yates abholt und zur Küste fährt. Der CIA-Agent Harry Dawdle sei verschwunden, zusammen mit drei Millionen US-Dollar, die für einen Kriegsverbrecher bestimmt waren. Oder für das Aufspüren dieses Mannes? Angela ist es nicht ganz klar.

Im Hafenbecken findet Milo durch Tauchen eine Leiche, aber es ist nicht Harry, sondern der Kriegsverbrecher Dusan Maskovic. Harrys fehlendes Boot bringt Milo auf eine Idee – tatsächlich meldet die Polizei von Venedig, sie habe es herrenlos vorgefunden. Offenbar hat Harry in der Lagunenstadt einen Deal vor, aber was? Obwohl Angela an seinem Verstand zweifelt, beschattet Milo den Stadtpalast des russischen Oligarchen Ugrimow und wird belohnt: Am nächsten Morgen taucht Harry tatsächlich auf, mit dem erwarteten Geldkoffer, doch mit einer schwangeren Frau. Als Angela und Milo Harry stellen, kommt es zu einer Schießerei mit fatalen Folgen …

|Sechs Jahre später, 4. Juli 2007 (US-Nationalfeiertag)|

Sechs Jahre ist Milo dem „Tiger“ auf der Spur gewesen, einem Attentäter, der wie Milo selbst unter verschiedenen Namen tätig war. Nun findet er den „Tiger“ in einer Zelle des Sheriffbüros von Blackdale, Tennessee, also in der tiefsten Provinz. Gemäß Rücksprache mit seinem Chef Tom Grainger soll er ihn erst ausquetschen, bevor die Agenten vom Heimatschutz kommen – in etwa einer Stunde. Der entgegenkommende Sheriff lässt Milo mit dem Sam „Tiger“ Roth allein.

Sam sieht nicht gut aus, findet Milo. Tatsächlich hat Sam sogar AIDS im Endstadium, wie er Milo verrät. Er habe Milo, seinen Jäger gesucht, um ihn endlich persönlich kennenzulernen – und nicht bloß seine Akte zu lesen. Milo wird hellhörig. Welcher ausländische Geheimdienst führt über CIA-Agenten Akten? Es war einer von Sams Auftraggebern bzw. dessen Mittelsmann in Mailand, ein Ami namens Herbert Williams alias Jan Klausner, zusammen mit Geld für einen im Sudan ausgeführten Auftrag.

Bei dieser Zusammenkunft wurde Sam durch einen Metalldorn an seinem Caféstuhl am Bein gestochen – und mit dem HIV-Virus infiziert. Sam, der als Christian Scientist keine Medikamente einsetzen darf und deshalb stirbt, bekennt, ebenfalls nur ein „Tourist“ wie Milo zu sein – und als Kollege bittet er ihn nun, den Schweinehund ausfindig zu machen, der ihn umbrachte. Dann beißt Sam auf eine Zyanidkapsel und stirbt. Was die Heimatschutzagenten überhaupt nicht freut.

Tom Grainger schickt Milo nach Paris, um Angela Yates eine Falle zu stellen. Hat Angela, die Sicherheitsleiterin der dortigen US-Botschaft, Geheiminformation an einen chinesischen General verhökert? Da sie Milo vertraut – sie kam zu seiner Hochzeit in Texas -, sollte es ihm ein Leichtes sein, ihr Falschinformationen auf einem USB-Stick unterzujubeln, hofft Grainger.

Zunächst sieht Angela wirklich verdächtig aus. Sie wird von einem rotbärtigen Mann beschattet und trifft sich mit einem Schwarzen, der sich als mutmaßlicher Terrorist aus dem Sudan entpuppt. Doch Milo glaubt immer noch an ihre Unschuld und setzt sich einfach zu ihr, als sie unweit der US-Botschaft essen geht. Zu seinem Erstaunen ist sie nicht nur erfreut, ihn nach sechs Jahren wiederzusehen, sondern erzählt ihm auch, dass sie dem „Tiger“ hart auf den Fersen war und dazu sogar Tom Grainger kontaktierte. Milo ist von ihrer Tüchtigkeit beeindruckt – sie ist viel besser als er. Es tut ihm leid, ihr mitteilen zu müssen, dass der Gejagte in Tennessee gestorben ist, vor seinen, Milos, Augen. Aber woher der Tiger-Kontaktmann Herbert Williams Milos Akte hatte, ist ihr ebenfalls ein Rätsel. Sie ist bereit, diesen Kontaktmann zu suchen.

Es versteht sich von selbst, dass die CIA-Agenten vor Ort Angela ebenfalls beschatten. Milo hat ihren auffälligen Lieferwagen sofort entdeckt und steigt jetzt einfach zu Agent Einner ein. Sie folgen Angela zu ihrer Wohnung, entdecken zu ihrem Leidwesen aber auch zwei Beschatter, die wohl der französische Inlandsgeheimdienst geschickt hat. Zu dumm. Jetzt müssen sie die erst abschütteln. Erst spät abends kommt Milo dazu, bei Angela zu klingeln. Er hat Einner darum gebeten, die Abhörgeräte und die Videoüberwachung für die Dauer dieses Besuchs abzuschalten, glaubt aber selbst nur halb daran, dass Einner seiner Bitte entspricht.

Als er am nächsten Morgen in seinem Hotelzimmer erwacht, steht schon Einner auf der Matte: Angela ist tot. Mit Barbituraten vergiftet, die gegen ihre Schlafmittel ausgetauscht worden waren. Und von Angelas letzten Stunden während Milos Besuch gibt es tatsächlich keine Aufzeichnung. Die wäre jetzt natürlich sehr hilfreich, denn automatisch steht Milo unter dringendem Verdacht. Milo beteuert sofort seine Unschuld, hat aber keine Beweise. Er stellt Vermutungen an: War es Angelas lesbische Ex-Geliebte, der französische Geheimdienst, die Chinesen oder ein unbekannter Gegenspieler von der Seite eines Herbert Williams?

Tom Grainger teilt ihm mit, dass der Heimatschutz von Angelas Tod Wind bekommen hat und seinen Arsch haben will. Graingers Boss Fitzhugh will ihn ebenfalls dringend sprechen, ist ja klar, um seinen eigenen Arsch aus der Schusslinie zu bringen. Doch Milo gerät vielleicht ein ganz klein wenig in Panik und macht sich lieber vom Acker. Als er in Angelas Zweitwohnung (nach einer akrobatischen Klettereinlage) ein verstecktes Dokument über den „Tiger“ und die Sudan-Connection gefunden hat, weiß er, dass er erst mal in die Schweiz fahren muss: In Genf hatte „Tiger“ Harris Geld von einem Mann namens Tomas Vinterberg erhalten.

„Rein zufällig“ wohnt in Genf auch ein alter Bekannter Milos: der zwielichtige, pädophile Russe Ugrimow, den er zuletzt in Venedig kennenlernte. Auch er hat seine Finger im Sudangeschäft …

_Mein Eindruck_

Streckenweise erinnerte mich das Schicksal Milo Weavers an das von CIA-Mitarbeiter Joe Turner in „Die drei Tage des Condors“, einem Film von Sidney Pollack aus dem Jahr 1975. Hier wie dort herrscht Paranoia auf allen Seiten. Die „Firma“ ist immer noch von Misstrauen durchdrungen, nicht bloß gegen den Feind, sondern auch gegen ihre eigenen Agenten. Ist Milo umgedreht worden? Für wen arbeitet er jetzt?

|Touristen|

Aber es gibt ein paar Unterschiede zu 1975, als die Watergate-Affäre die Schlagzeilen bestimmte. Nun konkurrieren 16 US-Geheimdienste untereinander und mit dem neuen Heimatschutzministerium. Alle buhlen um das Vertrauen des US-Präsidenten, selbst wenn sie schwarze Operationen durchführen. Für diese Black-Ops sind die „Touristen“ zuständig, selbständig arbeitende Attentäter, die im Auftrag der „Reiseabteilung“ der CIA Leute umlegen.

Tom Grainger und sein Chef Fitzhugh sind solche „Reiseleiter“, mit einem geheimen Stockwerk mitten in New York City. Auffällig ist die Einsamkeit dieser Spezies Mensch: Grainger ist Witwer, Fitzhugh geschieden und Außendienstler Einner noch nicht mal verheiratet. Selbst Angela Yates ist solo, nachdem ihre Geliebte sie betrogen hat: Die war vom französischen Geheimdienst auf sie angesetzt worden.

|Nestwärme|

Deshalb bildet Milo eine große Ausnahme in dieser Gemeinde aus Einzelgängern. Sein Vorteil ist die Nestwärme, die ihm seine Frau Tina und seine sechsjährige Tochter Stephanie geben. Diese Menschen bestimmen die Art und Weise seines Handelns. Aber die Familie ist auch seine Achillesferse: Durch sie ist er erpressbar. Und ständig muss er Tina vorlügen, dass er mal wieder auf einem „dringenden Geschäftstermin“ ist, wenn er jemanden umlegen soll. Es kann nicht ausbleiben, dass diese Lügen auffliegen und Tina das Vertrauen in ihn verliert.

|Geschichtenerzähler|

Alle Touristen sind Geschichtenerzähler, lautet deshalb der Titel des zweiten Buchteils. Die Geschichten retten ihnen die Haut und erhalten das Vertrauen ihrer „Kontakte“, sei es die Familie oder die CIA selbst. Dumm läuft es allerdings, wenn Geschichten miteinander in Konflikt geraten und die Einsatzleitung nicht weiß, welches die richtige bzw. wahre ist – wobei „Wahrheit“ immer ein dehnbarer Begriff ist. Meist wollen die Geheimdienste nicht die objektive Wahrheit, sondern eine Geschichte, die ihnen in den Kram passt und die sie glauben können. Originalton von Joe Turner: „Ihr glaubt wohl, bei einer Lüge nicht erwischt zu werden, sei dasselbe wie die Wahrheit zu sagen.“ Das bringt es auf den Punkt.

|Vom Regen in die Traufe|

Als Milo in die USA zurückkehrt, will er Tina überreden, mit ihm unterzutauchen. Sie lehnt rundweg ab, denn sie will ihrer Tochter kein Leben auf der Flucht zumuten. Während sie zu ihrem Ex-Freund zurückgeht, bleibt Milo nur der Weg, sich „der Firma“ zu stellen. Bevor er in die Zentrale geht, verabredet er sich mit Tom Grainger. Doch das Treffen in den Bergen wird zu einem blutigen Fiasko: Milo wurde zum Abschuss freigegeben – aber von wem? Von Tom oder von seinem Chef Fitzhugh? Um dies herauszufinden, begibt er sich in die New Yorker Zentrale und lässt sich widerstandslos festnehmen und einlochen. Denn er weiß: Er hat eine Geschichte zu erzählen, und solange er sich an sie hält, wird er dafür den richtigen Käufer finden – entweder Fitzhugh oder den Heimatschutz.

|Doppelleben|

Dass seine Lügen über sein Leben vor der Ehe mit Tina auffliegen werden, hat Milo einkalkuliert: Seine ungewöhnlich guten Russischkenntnisse, seine deutsche Mutter Ellen, die in den siebziger Jahren als Terroristin aktiv war, zu guter Letzt sein russischer Vater Jewgeni – und der Großvater, der ein ganz besonders dunkles Geheimnis hütet. Janet Simmons, die Agentin des Heimatschutzministeriums, bekommt Fotos und Dokumente zugespielt, die in eine Richtung deuten: auf Fitzhugh und seine „Reiseabteilung“. Über kurz oder lang wird es zwischen den beiden gewaltig krachen, aber dabei kommt heraus, dass Fitzhugh für einen bestimmten Senator arbeitet – aber nicht mehr lange …

|Smileys Leute|

Alle Rezensenten sind sich einig, dass Steinhauers Roman es mit den Agentenromanen John le Carrés aufnehmen kann, ja, sogar jetzt schon ein Klassiker des Spionagegenres sei. Es ist unübersehbar, wie ähnlich Steinhauer seine Hauptfigur im Stil von Agent Smiley und seinen Leuten angelegt hat. Im Gegensatz zum verbreiteten Thriller interessiert sich der Autor nicht für vordergründige Action, sondern für die Spannungen im privaten und beruflichen Leben der Agenten. Als aktive Mitarbeiter des Systems sind sie zugleich auch dessen Opfer, und das wiederum wirft ein bezeichnendes Licht auf jene Gewaltigen, die das System schaffen und manipulieren, nämlich die Politiker. Dem Weg Milo Weavers zu folgen, bedeutet, ins Herz der Finsternis zu wandeln, die im Kern des Systems herrscht: absolute Unwahrheit und absolute Gewissenlosigkeit.

|Die Übersetzung|

Wie so oft bei Hardcover-Ausgaben, gibt es auch hier kaum irgendwelche Fehler in der Übersetzung zu beanstanden. Bei hochpreisigen Büchern steckt der Verlag einfach mehr Geld in die Fehlerkorrektur. Daher ist auch hier die Lektüre eine fast ungetrübte Freude. Ich fand keinen einzigen stilistischen oder sprachlichen Fehler, und lediglich hier und da tauchte mal eine falsche Wortendung auf.

_Unterm Strich_

Wer John le Carré mag, der kommt auch bei Steinhauer auf seine Kosten. Er zeigt wie le Carré das Innenleben des Agenten-Universums, setzt mehr auf psychologische Spannung als auf vordergründige Action – obwohl es an dieser ebenfalls nicht mangelt. Milo Weaver ist in diesem Milieu eine Ausnahmeerscheinung, weil er eine Familie hat. Doch wie lange wird diese noch seine Lügen glauben, fragt sich der Leser.

Der politische Aufhänger ist ein internationales Interessengerangel um das Erdöl des Sudans, was mich ebenfalls an den Robert-Redford-Film „Die drei Tage des Condors“ aus dem Jahr 1975 erinnert hat. Im Sudan spielen Chinesen und Amerikaner mit dem Diktator Machtspiele und aktivieren ab und zu schon mal den Volkszorn, wenn ein islamischer Mullah ermordet wird.

Für den Leser ist es eine Denksportaufgabe, all die Figuren, Beziehungen, Organisationen, ihre „Geschichten“ und Lügen auseinanderzuhalten und zueinander in Beziehung zu setzen. Aber Steinhauer tut sein Möglichstes, um diese nicht ganz einfache Aufgabe zu erleichtern, indem er nämlich immer mal wieder Rückschau hält und resümierend zusammenfasst. Das erledigt natürlich Milo für ihn, und er tut es in verständlichen Begriffen.

Milo ist am Ende ein Tourist in seinem eigenen Leben – oder was davon noch übrig geblieben ist, nachdem man ihn bei CIA und Heimatschutz durch die Mangel gedreht hat. Es ist eine traurige Szene, wie er unerkannt beobachtet, wie seine Tochter Stephanie von ihrem neuen Daddy Patrick von der Schule abgeholt wird. Aber Hauptsache, Milo ist wieder in Freiheit. Und einen schönen blauen Pass der Vereinigten Staaten von Amerika hat er auch, genau so einen, wie er auf dem Schutzumschlag nachgebildet ist (man beachte die 13 Sterne im Wappen – sie stehen für die Gründungsstaaten der Union). Aber er hat es geschafft, nicht wie Benjamin „Tiger“ Harris zu enden, mit einem Giftzahn im Mund.

|Origitnaltitel: The Tourist, 2009
Aus dem US-Englischen von Friedrich Mader
543 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-453-26610-0|
http://www.heyne.de

McMahon, Jennifer – dunkle Stimme der Schuld, Die

Was tut man nicht alles aus jugendlichem Übermut? Jeder erinnert sich sicherlich an die eine oder andere peinliche Blamage, die er in jungen Jahren auf Grund seines Alters erlebt hat. Dumm nur, wenn die Schandtat auch im Erwachsenenalter noch Folgen hat. Eine solche Situation beschreibt Jennifer McMahon in ihrem Thriller „Die dunkle Stimme der Schuld“.

Henry und Tess haben sich auseinander gelebt. Ihre Ehe, die in der gemeinsamen Collegezeit ihren Ursprung hat, ist nicht mehr das, was sie einmal war. Beide kümmern sich nur noch um ihre eigenen Probleme, aber nicht mehr um sich. Und auch nicht richtig um ihre neunjährige Tochter Emma, die eine unsichtbare Freundin namens Danner hat und gemeinsam mit ihrer realen Freundin Mel versucht, die Eltern wieder zusammen zu bringen.

Eines Tages finden sie in Henrys Werkstatt Fotos und ein Tagebuch aus der Jugend von Emmas Eltern. Sie stellen fest, dass die beiden damals mit ein paar anderen in einer Gruppe namens „Die barmherzigen Demontisten“ waren. Sie glauben, dass sie die Eltern vielleicht dadurch wieder zusammen bringen können, dass sie ihre Collegefreunde per Post einladen.

Was die Beiden nicht wissen: Der Sommer der barmherzigen Demontisten endete tragisch. Die Zeit, die die fünf Mitglieder gemeinsam in einer abgelegenen Waldhütte verbrachten, war vor Allem durch die Reibereien zwischen den jungen Menschen geprägt. Ihre eigentliche Absicht war es, kreativ zu sein, doch die charismatische Anführerin Suz nahm ihren Wahlspruch „Um etwas zu verstehen, muss man es zerstören“ etwas zu ernst …

Henry und Tess dachten eigentlich, sie hätten mit den barmherzigen Demontisten damals ein für alle mal abgeschlossen. Doch als die Verwandte eines der damaligen Mitglieder sie anruft, um zu sagen, dass Spencer sich umgebracht hat, nachdem er eine Karte der barmherzigen Demontisten bekommen hat, bricht ihre Welt zusammen. Weiß jemand etwas von den Ereignissen vor knapp neun Jahren? Auf einmal geschehen merkwürdige Dinge …

„Die dunkle Stimme der Schuld“ beginnt ziemlich gemächlich. McMahon erzählt von den Eheproblemen von Tess und Henry und stellt Emma, eine altkluge, etwas merkwürdige Neunjährige, ausführlich vor. Ab und zu wirft sie Erinnerungen an die Jugendzeit von Tess und Henry dazwischen und man ahnt, dass es eine Tragödie gegeben hat. Wie die aussieht und wie sie sich letztendlich auf die Gegenwart nieder schlägt – dies erfährt man erst am Ende, doch dazwischen kommt definitiv keine Langeweile auf. Die Autorin versteht es, allmählich Spannung aufzubauen, indem sie stückweise Details aus der Vergangenheit offenbart. Zudem müssen sich die beiden Erwachsenen endlich mit den damaligen Ereignissen auseinandersetzen, was sehr schmerzhaft für sie ist, aber dafür sehr spannend für den Leser. Jener wird wenig Glück haben, wenn er versucht, die Handlung zu entwirren und die vorkommenden Personen nach Gut und Böse zu trennen. Dafür ist die Geschichte zu verworren – allerdings im positiven Sinne. Die Autorin führt die einzelnen Handlungsstränge am Ende so geschickt zusammen, dass keine Fragen offen bleiben und sich, nach überraschenden Wendungen, alles auflöst. Vorher muss sich der Leser jedoch immer wieder fragen, was er da jetzt in den Händen hält. Ist es tatsächlich ein Thriller oder könnte es auch eine Horrorgeschichte sein? Die Autorin spielt wahnsinnig geschickt mit diesen beiden Genres, ohne dass man als Fan des jeweils anderen über den Ausgang enttäuscht wäre.

Neben dieser überaus spannenden Handlung glänzt die Autorin auch in den anderen Bereichen. Die Personen sind überdurchschnittlich gut gezeichnet. Sie wirken authentisch, haben Ecken und Kanten und ziehen einen in den Bann. Besonders hervor zu heben sind dabei die jüngeren Charaktere. Emma, die Tochter von Henry und Tess, und ihre Freundin, die wissensdurstige Mel, lockern die Geschichte mit ihrer kindlichen Sicht auf. Hinzu kommt, dass beide sehr intelligente Kinder sind, die von den anderen als Außenseiter abgestempelt werden. Während Emma eher etwas verrückt wirkt, ist Mel bodenständig und versucht den Dingen auf den Grund zu gehen. Sie ist eine kleine Besserwisserin, deren Neugierde die Geschichte überhaupt erst in Gang bringt.

Die Erwachsenen verblassen gegenüber diesen zwei fast ein bisschen, doch auch sie wirken sehr real. Da das Buch aus wechselnden Perspektiven erzählt, gestaltet die Autorin die Abschnitte der Mädchen wesentlich „kindlicher“ als die der Erwachsenen. Dies ist eine Bereicherung für die Geschichte, die ansonsten flüssig und flott geschrieben ist. McMahon erzählt zwar immer wieder über das Gefühlsleben ihrer Protagonisten, sie hält sich dabei aber so knapp und präzise, dass es die Thrillerhandlung nicht stört.

Alles in allem ist „Die dunkle Stimme der Schuld“ ein unglaublich spannender Thriller. Die Handlung ist fesselnd, stellenweise auch verwirrend, doch nach der geschickten Auflösung bleiben keine Fragen offen. Dass zwei Kinder – und eins davon mit einer unsichtbaren Freundin – eine wichtige Rolle im Buch spielen, macht es nur zusätzlich interessanter.

|Originaltitel: Dismantled
Deutsch von Margarete Längsfeld und Sabine Maier-Längsfeld
509 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3499253164|
http://www.rowohlt.de

Lustbader, Eric Van / Ludlum, Robert – Bourne-Attentat, Das (Jason Bourne 6)

_Zwischen Killern und schönen Frauen: Bourne in neuer Mission_

Jason Bourne kommt nicht zur Ruhe: Eine Gruppe islamistischer Terroristen plant den finalen Schlag gegen die USA. Bourne wird ausgesandt, das Dokument, in dem das Ziel des Anschlags festgelegt ist, zu finden. Dabei gerät er ins Visier der Terroristen und des amerikanischen Geheimdienstes, für den er ein Unsicherheitsfaktor ist. Bourne entgeht nur knapp einer Serie von Mordanschlägen, aber schließlich gelingt es ihm, die brisanten Pläne an sich zu bringen.

Zu seiner Bestürzung erfährt er, dass ein Spion aus den eigenen Reihen dem muslimischen Netzwerk angehört. Erst im letzten Augenblick erkennt Bourne, wer der eigentliche Drahtzieher des drohenden Anschlags ist und wo die Terroristen zuschlagen wollen. Doch es scheint zu spät zu sein …

_Die Autoren_

a) Robert Ludlum wurde 1927 in New York City geboren. Nach dem II. Weltkrieg begann er eine Karriere als Schauspieler, die er verfolgte, bis er vierzig wurde, also bis 1967. Er studierte Kunstgeschichte und fing mit dem Schreiben an. 1971 schießt sein erster Thriller „Das Scarlatti-Erbe“, an dem er 18 Monate schrieb, an die Spitze der Bestsellerlisten. Als ähnlich erfolgreich erwiesen sich auch alle weiteren Romane, so etwa „Das Osterman-Wochenende“ (verfilmt), „Die Scorpio-Illusion“ oder „Der Ikarus-Plan“.

Seine Erfahrung als Schauspieler kam ihm zugute: „Man lernt, wie man die Aufmerksamkeit des Publikums behält.“ Seine Bücher wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von mehr als 280 Millionen Exemplaren (Verlagsangabe Heyne). Zuletzt wurden die drei legendären Bourne-Thriller mit Matt Damon höchst erfolgreich verfilmt. Ludlum lebte bis zu seinem Tod am 12. März 2001 mit seiner Frau Mary und seinen Kinder in Florida und Connecticut.

Mehrere Autoren schreiben an den Serien, die Ludlum schuf, weiter. Derzeit befinden sich die Verfilmungen zu „The Matarese Circle“/“Der Matarese-Bund“ (mit Denzel Washington) und „The Chancellor Manuscript“/“Das Kastler-Manuskript“ (mit Leonardo DiCaprio) in der Produktion. Außerdem gibt es seit 2008 das Videospiel „Robert Ludlum’s: Das Bourne-Komplott“ für |PlayStation 3| und |Xbox360|.

1) Die Bourne-Identität
2) Das Bourne-Imperium
3) Das Bourne-Ultimatum
4) [Das Bourne-Vermächtnis 5355 (von Eric Lustbader)
5) [Der Bourne-Betrug 5537 (von Eric Lustbader)
6) Das Bourne-Attentat (von Eric Lustbader, 2008)
7) The Bourne Deception (von Eric Lustbader, 2009)

Eric Van Lustbader, geboren 1946, ist der Autor zahlreicher Fernost-Thriller und Fantasyromane. Er lebt auf Long Island bei New York City und ist mit der SF- und Fantasylektorin Victoria Schochet verheiratet. Sein erster Roman „Sunset Warrior“ (1977) lässt sich als Sciencefiction bezeichnen, doch gleich danach begann Lustbader (das „Van“ in seinem Namen ist ein Vorname, kein holländisches Adelsprädikat!), zur Fantasy umzuschwenken.

1980 begann Lustbader mit großem Erfolg seine Martial-Arts-&-Spionage-Thriller in Fernost anzusiedeln, zunächst mit Nicholas Linnear als Hauptfigur, später mit Detective Lieutenant Lew Croaker: The Ninja; The Miko; White Ninja; The Kaisho usw. Zur China-Maroc-Sequenz gehören: Jian; Shan; Black Heart; French Kiss; Angel Eyes und Black Blade. Manche dieser Geschichten umfassen auch das Auftreten von Zauberkraft, was ihnen einen angemessenen Schuss Mystik beimengt.

_Handlung_

Jason ist ein Mann mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Diesmal muss er sich zwischen Jason Bourne, dem tödlichen Killer, und David Webb, dem friedlichen Sprachwissenschaftler, entscheiden. Bei dieser Wahl hilft ihm Moira Trevor, die schöne Witwe seines besten Freundes Martin Lindros, der in „Der Bourne-Betrug“ ums Leben kam – wofür sich Jason immer Vorwürfe machen wird. Moira bittet ihn, die geheimen Sicherheitsmaßnahmen ihres privaten Sicherheitsdienstes Black River für ein neues Flüssiggas-Terminal zu überprüfen. Sie verrät ihm, dass sie Informationen hat, dass ein Anschlag geplant sei. Und tatsächlich: Sie wird bereits beschattet: vom Geheimdienst CI, Jasons früherem Arbeitgeber

Auch sein Mentor, der Sprachprofessor Dominic Specter, wird beschattet, doch Jason vereitelt einen Entführungsversuch. Ein Tattoo des Killers zeigt einen Totenschädel, der von drei Pferdeköpfen umrahmt wird. Das sei das Emblem der Schwarzen Legion, berichtet Specter und offenbart, er selbst sei ein Terroristenjäger. Die Schwarze Legion sei eine geheime Terrororganisation, die von der SS im Dritten Reich gegründet wurde, nachdem 1941 die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen hatte. Die Schwarze Legion rekrutierte sich aus muslimischen Ex-Russen und werde heute von einem Exilrussen namens Semjon Ikupov geleitet. Niemand wisse von ihr, weil sie sich hinter der friedlichen zivilen Organisation der Eastern Brotherhood verberge.

Doch nun habe die Schwarze Legion ein großen Anschlag vor – eben jenen, von dem Moira Jason berichtete. Die Legion habe Specters Verbündeten Pjotr Zilber getötet, so dass dessen Netzwerk in Gefahr geraten sei. Der allein arbeitende Killer sei ein durchgeknallter Russe namens Leonid Arkadin, der offenbar ein bestimmtes Dokument suche, das Pjotr Zilber vom Feind stehlen konnte. Es handle sich wohl um den Bauplan für ein Anschlagsziel: ein Gebäude irgendwo an der amerikanischen Ostküste. Der Bauplan würde verraten, welches Gebäude das Ziel sei. Jason sagt seinem Mentor seine Hilfe zu, nicht zuletzt auch wegen Moiras Information und aus Sorge um viele Menschenleben.

Doch bevor er nach Moskau fliegen kann, gerät er in Washington, D.C., beinahe selbst unter die Räder. Nach dem Tod des Alten Herrn (in „Der Bourne-Betrug“) hat eine ehemalige privatwirtschaftliche Sicherheitsspezialistin namens Veronica Hart den freigewordenen Posten als Chefin des Geheimdienstes Central Intelligence erobert. Sofort ist sie von Feinden umringt, allen voran der Verteidigungsminister und dessen Geheimdienst NSA. Die NSA will die CI übernehmen, ganz besonders deren Vorderasien-Abteilung Typhon, die Martin Lindros leitete. Doch weder dessen jetzige Direktorin Soraya Moore, eine alte Bekannte Jasons, noch Veronica Hart haben die Absicht, den Kommissköppen ihre Organisation kampflos zu überlassen.

Die NSA will Jason Bourne nun dazu benutzen, um entweder die CI bloßzustellen oder um einen Helfer ärmer zu machen. Aber dazu müssen sie ihn erst einmal kriegen. Sie wenden alle Tricks an, um ihn zur Strecke zu bringen. Zu guter Letzt schickt der Sekretär des Verteidigungsministers wutentbrannt seinen besten Killeragenten aus Afghanistan nach Moskau, um Jason in der russischen Hauptstadt zu erledigen …

_Mein Eindruck_

Wie so häufig in Eric Lustbaders Romanen verläuft die Handlung in mindestens drei Hauptsträngen, die dann im Finale zusammengeführt werden. Diesmal folgen wir den Wegen von Jason Bourne, Soraya Moore und Leonid Arkadin. Sobald Jason Washington verlassen hat, ist die Verbindung zu Soraya nur noch sehr lose, doch weil die NSA-Leute Jason auch im Ausland jagen, kann Soraya einmal Jason rechtzeitig vor ihnen warnen.

|Arkadin, das Spiegelbild|

Das Verhältnis zwischen Jason und Arkadin ist jedoch ein ganz spezielles: Der eine erblickt im anderen sein seelisches Spiegelbild. Wie der Autor in zahlreichen Rückblenden erkundet, hat Arkadin ein ähnlich verlustreiches Leben geführt wie Bourne, doch im Gegensatz zu Bourne ist es Arkadin nie gelungen, den Schrecken dessen, was er verdrängt, zu verarbeiten, geschweige denn, die daraus resultierende Leere durch eine bedeutungsvolle Partnerbeziehung zu füllen.

Wo Bourne seine Marie (und zwei Kinder, die jetzt in Sicherheit sind) hatte, ergaben sich bei Arkadin nur eine Reihe von kurzfristigen Beziehungen, die meist zweckbestimmt waren. Deshalb ist es nun für Arkadin von großer Bedeutung herauszufinden, was seine neueste Beziehung zu der Moskauer Prostituierten Devra für ihn bedeutet. Liebt er sie am Ende wirklich? Er kann es nicht sagen, denn er hat nie erfahren, wie sich Liebe anfühlt.

Wie Bourne hat er keine verwundbaren Punkte in seiner Psyche, denn jede/r, der ihm zu nahe kommt, muss daran glauben. Arkadin ist in der Tat eine furchteinflößende Figur in diesem Roman, ein würdiger Gegner für einen vollendeten Krieger wie Bourne. Kein Wunder, dass diesen beiden das Finale gehört. Schließlich hat Bourne Arkadins engsten Freund getötet.

|In Moskau|

Bei seiner Suche nach der Schwarzen Legion mischt Bourne die Unterwelt von Moskau mächtig auf. Wir erhalten Einblick in die Machtstrukturen dieser Weltstadt. Die Oligarchen stehen mit ihren Machtapparaten, den Geheimdiensten, auf der einen Seite, auf der anderen Seite befinden sich zwei Clans der Drogenmafia, die sich bekriegen. Zwar erteilt Prof. Specter seinem Helfer Bourne den dringenden Rat, sich mit keiner dieser „grupperovka“ anzulegen, doch das lässt sich natürlich nicht vermeiden. Und so landet Bourne schließlich in einem Zimmer vor dem Anführer eines dieser Clans. Es ist eine interessante Unterhaltung: über Arkadin, dessen Anhängerschaft und vor allem über seine Mitgliedschaft in der Schwarzen Legion. Bourne stößt auf merkwürdige Widersprüche.

Diese Widersprüche gilt es aufzuklären. Wir machen uns unseren eigenen Reim darauf. Könnte es sein, dass man Bourne schon wieder hereingelegt hat? Und zusammen mit ihm werden auch wir an der Nase herumgeführt. Am Schluss sind wir völlig verwirrt und eine Menge Fragen harren der Beantwortung. Die Antworten fand ich jedenfalls nicht sonderlich überzeugend und legte den Roman etwas unzufrieden aus der Hand.

|Der McGuffin|

Arkadin und seine Geliebte Devra folgen Pjotr Zilber in ein Netzwerk, in dem die Baupläne für das Anschlagsziel weitergereicht werden. Arkadins Auftritt ist stets tödlich, und es ist gar nicht so wichtig, was das für ein Dokument ist, dem er hinterherjagt: ein klassischer [McGuffin]http://de.wikipedia.org/wiki/McGuffin von Hitchcock’schem Zuschnitt. Schließlich erweist sich diese ganze Aktion als belangloses Ablenkungsmanöver, das die diversen Geheimdienste auf eine falsche Spur locken soll, vor allem die NSA. Das klappt auch hervorragend. Das eigentliche Anschlagsziel ist derweil völlig ungeschützt. Wird Jason Bourne noch rechtzeitig eintreffen?

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung durch Norbert Jakober überzeugte mich durch einen verständlichen Stil, der gediegen, aber nicht gestelzt wirkt. Alle Namen, die ich aus dem amerikanischen Original kenne, wurden natürlich an die deutsche Schreibweise angepasst, so wurde aus „Icoupov“ ein „Ikupov“, was sich auch leichter aussprechen lässt.

Was die allfälligen Fehler in deutschen Übersetzungen anbelangt, so durfte ich erfreut feststellen, dass sie fast gar nicht vorhanden sind. Es sind lediglich Flüchtigkeitsfehler. Einmal schreibt der Übersetzer „was“ statt „war“ und der Name „Cambridge“ statt „Cambrigde“, das hier zu lesen ist, scheint ihm auch schwergefallen zu sein. Doch bei so wenigen und lässlichen Fehlern wird die Lektüre zum ungestörten Vergnügen.

_Unterm Strich_

Diesmal bekommt es Jason Bourne mit einem allein arbeitenden russischen Killer und einer alten Nazi-Organisation aus den eroberten Gebieten der Sowjetunion zu tun, der Schwarzen Legion. Die Spur führt über Moskau nach München. Dessen Beschreibung fand ich bestürzend negativ und unausgewogen. Die Szenen in Dachau wirkten auf mich hingegen aufschlussreich und bewegend.

Wieder mal verstrickt sich Bourne in einem Dickicht aus Täuschungen und muss sich obendrein des US-Geheimdienstes NSA des Pentagons erwehren. Seine Freunde bei Central Intelligence sind schwer damit beschäftigt, einen Übernahmeversuch der NSA abzuwehren, der mit Härte und Hinterlist geführt wird. Am Schluss führen alle Fäden zusammen, und natürlich kommt es zu diversen Showdowns.

Ob Bourne in Moira Trevor endlich eine Gefährtin fürs Leben gefunden hat, ist abzuwarten. Diesmal sind seine Flashbacks jedenfalls fast gar nicht vorhanden. Dafür hat sein Gegner Arkadin um so mehr davon. Und in der Fortsetzung „The Bourne Deception“ könnten wir möglicherweise mehr über Arkadin erfahren, sofern es Jason Bourne nicht geschafft hat, ihn ins Jenseits zu befördern.

Die Übersetzung fand ich diesmal wirklich gelungen. Weil sie fast fehlerfrei ist, kann man das Buch auch völlig ungestört genießen.

|Originaltitel: The Bourne Sanction, 2008
Aus dem US-Englischen von Norbert Jakober
608 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3453266247|
http://www.heyne.de

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