Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Mo Hayder – Ritualmord [Jack Caffery 3]

In der englischen Hafenstadt Bristol werden Leichenteile gefunden, die aus einem organisierten Handel mit Zauber-Fetischen stammen. Zwei Polizisten müssen mit Hochdruck ermitteln, bevor ein neues Opfer ‚verarbeitet‘ wird … – Der dritte Band um den psychisch labilen Polizisten Jack Caffery beeindruckt erneut durch blutige, groteske und die Grenze zum Horror nicht nur streifende Szenen, lässt aber die Intensität der ersten beiden Romane vermissen: solides Krimi-Handwerk mit einer wirren und durch unnötige Abschweifungen beeinträchtigten Handlung.
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Mørk/Moerk, Christian – Darling Jim

_Das geschieht:_

In dem kleinen irischen Städtchen Melahide bei Dublin wird ein bizarres Mordrätsel zwar offenbart aber nicht gelöst: Moira Walsh, die vor einigen Monaten zuzog, hat in zwei Zimmern eines zum Privatgefängnis ausgebauten Hauses ihre Nichten Fiona und Roisin nicht nur festgehalten, sondern durch Essensentzug und Rattengift langsam und qualvoll sterben lassen. In einem letzten Kraftakt griff Fiona die irre Tante an und brachte sie um, konnte sich und ihre Schwester aber nicht mehr befreien.

Der erfolglose Jung-Postbote Niall Cleary stößt beim Sichten der eingehenden Paketsendungen auf ein Tagebuch, das Fiona in den letzten Tagen ihrer Kerkerhaft verfasste. Ihm entnimmt er, dass Aoife, eine dritte Schwester, in die Gewalt der Tante geraten war, aber flüchten konnte. Seitdem ist sie verschwunden.

Auch Roisin hat ein Tagebuch geschrieben, das Niall an sich bringen kann. Diese Aufzeichnungen enthüllen die Geschichte von „Darling Jim“ Quick, den die Walsh-Schwestern drei Jahre zuvor in ihrer Heimatstadt Castletownbere kennengelernt hatten. Mit ihnen allen sowie mit der Tante hatte der charmante junge Mann angebändelt und die Familie gegeneinander aufgehetzt, denn Jim war ein bösartiger Psychopath. Außerdem war er ein brutaler Raub- und Serienmörder, der mit enormem Geschick alle Indizien verschwinden ließ.

Nachdem er auch die Schwestern immer heftiger attackierte, beschlossen die in ihrer Not, den Peiniger zu ermorden. Doch Jim hatte dies vorausgesehen und einen neuen Plan geschmiedet, der seinen Tod einkalkulierte und die Walsh-Frauen in den endgültigen Untergang treiben sollte …

_Eine irische, aber irdische Krimi-Tragödie_

Irland … grünes Land der Trolle und der IRA, bewohnt von rothaarigen Schönheiten und trinkfesten Geschichtenerzählern. Klischee reiht sich an Klischee, eine Kette, die schier unzerreißbar ist. Weshalb Christian Mørk es gar nicht erst versucht, sondern sich ihrer erfindungsreich bedient, ihren Unterhaltungswert nutzt und sie ansonsten der verdienten Lächerlichkeit preisgibt.

Denn selbstverständlich ist auch Irland im 21. Jahrhundert angekommen. Was der Urlauber, der das Land wieder verlassen kann, als Idylle schätzt, ist für die Einwohner, die bleiben müssen, nicht selten eine Sackgasse. Noch schlimmer ist es für jene, die das Stigma des Außenseiters tragen. Kleine Dörfer können Brutstätten großer Vorurteile sein. Die Walsh-Schwestern steckten schon in Schwierigkeiten, bevor Darling Jim die Szene betrat.

Er ist vor allem der Katalysator für eine Kettenreaktion, die sich über drei Jahre hinzieht und auch nach Jims Ende alle zu vernichten droht, die es zu lösen versuchen. Darling Jim ist ein infernalisch erfindungsreicher Zerstörer von Menschen. Er ist ein Rätsel, sein Verhalten bleibt unberechenbar. Nicht einmal der eigene Tod kann ihn abhalten, sein verwickeltes Spiel zu spielen. Es zu entschlüsseln, bleibt einer Figur vorbehalten, die denkbar ungeeignet scheint.

_Irrungen, Wirrungen, Irritationen …_

Niall Cleary ist alles andere als der Ritter, zu dem er sich dennoch entwickelt. Er hat kein eigenes Leben, das mit der Tragödie mithalten kann, in die er verwickelt wird und in die er sich willig ziehen lässt. Niall allein gelangt in den Besitz jener Details, die ihn das Rätsel lassen. Autor Mørk lässt sie uns Leser gleichzeitig mit Niall entdecken. Er verzichtet dabei auf eine stringente Handlung, sondern lässt sie in Episoden zerfallen, die wir gemeinsam mit Niall zum Gesamtbild zusammensetzen. Fionas und Roisins Tagebuchaufzeichnungen bilden die Klammer. Die Entdeckung der einen und die Suche nach der anderen beschreibt der Mittelteil, der gleichzeitig Nialls Auftritt markiert. Es endet mit jenem Teil der Geschichte, der selbst den Walsh-Schwestern unbekannt war und den erst der hartnäckige Niall aufdecken kann.

Bis es soweit ist, führt uns Mørk immer wieder aufs Glatteis. Nach dem ersten Drittel meint man den weiteren Verlauf der Ereignisse zu kennen und ist ein wenig enttäuscht, dass die verheißungsvoll einsetzende und spannend entwickelte Geschichte diese Richtung nimmt. Genau jetzt reißt Mørk das Ruder herum. Er setzt das Licht neu, wechselt die Perspektive und gewinnt seiner schauerlichen Mär gänzlich neue Seiten ab.

„Schauerlich“ ist ein Stichwort, denn Mørk scheut vor keinem Trick zurück, um an der Spannungsschraube zu drehen. Zeitweise gewinnt der Leser den Eindruck, eine „dark fantasy“ statt eines Thrillers zu lesen. Darling Jim scheint ein mythologischer Werwolf zu sein, der wie der Ewige Jude seit Jahrhunderten durch Irland zieht und seine Opfer reißt. Auch das ist eine der erwähnten falschen Fährten und Jim Quick ein Mörder, der sich selbst perfekt zu inszenieren weiß. Die Sagen, die er für Geld in Kneipen erzählt (und die Mørk im Volltext wiedergibt), beschreiben offen seine Taten. Man muss sie nur zu deuten wissen. Den Walsh-Schwestern bleibt nicht die Zeit dafür. Erst Niall versteht, was im letzten Teil noch einmal für eine unerwartete Wendung sorgt.

_Familienhöllen brennen besonders heiß_

Während die Morde des Darling Jim eher Nebensache bleiben, konzentriert sich Mørk auf die Dynamik innerhalb der Walsh-Familie. Sie ist aus verschiedenen Gründen selbstzerstörerisch und deshalb ideal für einen geborenen und selbst ernannten ‚Wolf‘ wie Jim Quick, der – so lernen wir – selbst ungewöhnlichen Familienverhältnissen entwachsen aber nie entkommen ist.

Zum Auslöser für die Entstehung des Romans „Darling Jim“ wurde ein reales Familiendrama: In Leixlip, einer irischen Gemeinde im County Kildare, entdeckte man 2000 in einem einsamen Gehöft die Leichen einer 83-jährigen Frau und ihrer drei Nichten. Sie hatten sich offenbar religiös motiviert selbst zu Tode gehungert, ein Exempel entschlossenen Wahnwitzes, das Mørk nicht aus dem Gedächtnis ging. Er ergänzte das Szenario durch den Faktor des mörderischer Vorsatzes und ersann eine Vorgeschichte, die ebenfalls im Wahnsinn gipfelte.

Auch ohne ihre verrückte Tante haben die Walsh-Schwestern einen schweren Stand. Fiona ist eine frustrierte Lehrerin, Roisin hütet ihre lesbische Veranlagung, Aoife hört Stimmen. In ihrem Dorf beobachtet man sie mit Argusaugen und zerreißt sich das Maul über sie. Der tragische Unfalltod der Eltern hat ihre Isolation noch verstärkt. Das Trio bleibt unter sich und konserviert dadurch die Probleme.

Niall gilt der Gesellschaft als Loser. Sogar seinen wenig anspruchsvollen Job verliert er, die Karriere als Comic-Zeichner wird ein Traum bleiben. Er lebt allein mit seiner Katze, die ihm auf der Nase tanzt. Als Niall Fionas Tagebuch findet, öffnet sich ihm dadurch ein Schlupfloch. Die unbekannte und gefährliche Welt dahinter kann ihn nicht schrecken, die öde Gegenwart zu verlassen. Das wird er oft bitter bereuen, aber nie gibt er nach. Seine Erlebnisse lassen Niall reifen. Als er das Rätsel gelöst hat, steht er nur scheinbar so trostlos da wie zuvor. Endlich gelingt ihm ein Bild, mit dem er sich lange Zeit vergeblich geplagt hatte. Es steht am Ende dieses Romans und fasst wiederum verschlüsselt aber nunmehr verständlich das Geschehen noch einmal zusammen – ein eigenartiger Ausklang, der indes gut zu dieser ungewöhnlichen, gut erzählten Geschichte passt.

_Der Autor_

Geboren und aufgewachsen in Kopenhagen, der Hauptstadt Dänemark, verließ Christian Mørk Europa im Alter von 21 Jahren, um in den US-Staat Vermont umzusiedeln. Er studierte am dortigen Marlboro College Geschichte und Soziologie. Nach seinem Abschluss 1991 zog Mørk nach New York City, wo er an der Columbia Graduate School Journalismus studierte. Anschließend arbeitete er für das Unterhaltungsmagazin „Variety“, was den Umzug nach Los Angeles erforderte. Dort heuerte ihn das Studio Warner Bros. an. Im Produktionsbereich betreute Mørk in den nächsten Jahren diverse Filmprojekte, bevor er nach New York und zum Journalismus zurückkehrte.

Parallel dazu bereitete Mørk sein Debüt als Romanautor vor. Er spann ein bizarres aber reales Morddrama zu einem Psycho-Thriller aus. „Darling Jim“ erschien 2007 zunächst in Dänemark und wurde ein nationaler Bestseller. Inzwischen wurde dieses Buch in 13 anderen Ländern veröffentlicht.

Websites:
– http://www.christianmoerk.com
– http://www.darlingjim.de

_Impressum_

Originaltitel: Darling Jim (Kopenhagen : Politikens Forlag 2007)
Übersetzung: Violeta Topalova
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2009 (Piper Verlag)
351 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-492-05256-6
http://www.piper.de

Thiesler, Sabine – Totengräberin, Die

Seit fast zwanzig Jahren sind Magda und Johannes verheiratet und nach außen hin glücklich. Tatsächlich hat Johannes eine Geliebte, die er regelmäßig besucht. Wie jedes Jahr wollen Johannes und Magda den Sommer in ihrem Ferienhaus in der Toskana verbringen. Magda fährt voraus, während sich Johannes zur letzten Aussprache mit Carolina trifft und sich für seine Ehe entscheidet. Er hofft auf einen Neuanfang und darauf, dass seine Frau ihm die Affäre verzeiht.

Er ahnt nicht, dass Magda in der Toskana bereits seinen Tod plant. Am Morgen nach seiner Rückkehr vergiftet sie ihn und vergräbt die Leiche im Gemüsegarten. Freunden und Verwandten sagt sie, er sei für ein paar Tage zu einem Freund nach Rom gefahren. Später meldet sie ihn vermisst und spielt überzeugend die besorgte Ehefrau. Alles läuft nach Plan – bis Johannes‘ Bruder Lukas auftaucht. Schon vor ihrer Hochzeit war er in sie verliebt und begehrt sie immer noch. Gerade ist das Theaterstück, in dem er eine wichtige Rolle spielen sollte, geplatzt und er will sich in Italien eine Auszeit gönnen. Außerdem hofft er, Magda näherzukommen.

Anfangs glaubt Lukas die Vermisstentheorie und hilft Magda, seinen Bruder zu suchen. Doch dann verändert sich Magda plötzlich. Sie spricht Lukas mit „Johannes“ an und scheint ihn ernsthaft für ihren Mann zu halten. Der verwirrte Lukas spielt das Spiel mit und gibt sich auch bei der Polizei als heimgekehrter Ehemann aus. Noch bizarrer wird es, als Lukas Briefe von Magda an ihren verstorbenen Sohn Thorben findet. Offenbar lebt sie in einer Scheinwelt. Und dann taucht auch noch ein Erpresser auf, der Lukas Fotos von seinem toten Bruder schickt …

Nach „Der Kindersammler“ und „Hexenkind“ ist „Die Totengräberin“ der dritte Kriminalroman von Sabine Thiesler, der zum größten Teil in der Toskana spielt, aber qualitativ nicht ganz an die Vorgänger anschließen kann.

|Fesselnde Handlung|

Vom Gesichtspunkt der Spannung aus ist der Roman nahezu einwandfrei gelungen. Der Mord an Ehemann Johannes geschieht früh zu Beginn, und von da an ist alles Weitere erst einmal ungewiss. Magdas Plan klingt zunächst überzeugend: Sie erweckt den Anschein, als sei Johannes für ein paar Tage nach Rom gefahren, und mimt gekonnt die besorgte Ehefrau gegenüber seinen Eltern am Telefon, gegenüber Bekannten im Dorf und gegenüber der Polizei. Auch Lukas fällt darauf herein, und als er in Johannes‘ Handy Nachrichten an die ehemalige Geliebte Carolina entdeckt, steht für ihn fest: Johannes hat sich vermutlich absichtlich abgesetzt und will eine Auszeit oder Magda sogar ganz verlassen. Daher glaubt er zunächst nicht an ein Verbrechen, sondern freut sich insgeheim über diese Entwicklung, da er Chancen sieht, seiner immer noch verehrten Magda näher zu kommen.

Als Lukas anonym die Fotos seines toten Bruders erhält, wagt er es nicht, Magda einzuweihen. Mehr noch, er ahnt, dass ironischerweise er der Hauptverdächtige der Polizei sein würde, denn seine Liebe zu Magda ist ein ideales Motiv, während die Eheprobleme niemandem außer ihm bekannt sind. Natürlich verdächtigt Lukas zunächst den Fotoabsender, den er auch bald kennenlernt. Es ist der schmierige Literaturkritiker Stefano Topo, der sich durch Erpressung eine Finanzspritze erhofft. Nur der Leser weiß, dass die beiden einander des Mordes verdächtigen, ohne es auszusprechen. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Spannungsbogen – Lukas muss das geforderte Erpressungsgeld aufbringen und Topos Gegenwart ertragen, der dreist Magdas Bekanntschaft schließt.

Topo wiederum ahnt nicht, dass er den falschen Täter im Visier hat und die Lage falsch einschätzt. Hinzu kommt im späteren Verlauf Johannes‘ Exgeliebte Carolina, die es nach einer Aussprache drängt und spontan eine Fahrt in die Toskana plant. Sie weiß, dass Johannes als vermisst gilt und will den Dingen auf den Grund gehen, ohne die wahren Hintergründe zu ahnen. Die ganze Zeit über wird der Spannungspegel konstant hoch gehalten. Im Raum stehen die Fragen, ob Magda weitere Morde begehen wird, ob das Grab unter dem Olivenbäumchen gefunden wird und wer als Erster die verzwickten Hintergründe durchschaut.

|Interessante Rückblicke|

Es braucht eine Weile, ehe der Leser hinter Magdas komplizierten Charakter steigt. Sehr erhellend sind die immer wieder eingestreuten Rückblenden in ihre Kindheit und in die vergangenen Jahre. Zum einen erfährt der Leser hier anschaulich, weshalb sie so sensibel auf das Thema Fremdgehen reagiert. Magda hat traumatische Kindheitserfahrungen mit ihrem Vater erlebt und ist durch das Leid und Verhalten ihrer Mutter geprägt. Einerseits sind diese Enthüllungen informativ, andererseits erschreckend und verleihen der Handlung einen Hauch von emotionaler Tiefe. Weiterhin erfährt man, was es mit Thorben auf sich hat, der bereits vor einem Jahr ums Leben gekommen ist. Man erfährt die Umstände und weiß nun endgültig, dass Magda schon lange psychisch gestört ist, da sie nach wie vor liebevolle Briefe an ihren Sohn schreibt, den sie im Internat glaubt.

Für ein bisschen Humor bei den Charakteren sorgt Kommissar Neri, der schon in „Hexenkind“ eine Rolle spielte und ein nettes Wiedersehen beschert, ohne dass man diesen Roman fürs Verständnis gelesen haben müsste. Neri ist ein bemühter, aber recht trotteliger Polizist, der nach den letzten Misserfolgen von Rom in die Provinz versetzt wurde und sich sehnlichst wieder einen spektakulären Fall wünscht, der ihn rehabilitieren könnte. Mit von der Partie ist seine temperamentvolle Frau Gabriella, die es erst recht zurück nach Rom drängt und die ihn bei den aktuellen Ermittlungen auf eigene Faust tatkräftig unterstützt, indem sie Magda aushorcht.

|Mangelnde Glaubwürdigkeit|

Leider gibt es auch mindestens eine erhebliche Schwäche im Roman, nämlich das teilweise unglaubwürdige Verhalten von Magda und Lukas. Anfangs sieht es aus, als sei Magda eine kaltblütige Mörderin. Sie besorgt sich das Gift geschickt aus der Apotheke, in der sie arbeitet, indem sie den Verdacht auf jemand anderen lenkt. Aber bald nach dem Mord schwenkt dieser Eindruck um. Magda hält Lukas nach kurzer Zeit bereits für Johannes und verdrängt ihre Tat vollkommen. Ihre psychische Störung ist zwar ein interessanter Zug, kommt aber für den Leser zu plötzlich und ist ein fast enttäuschender Umschwung, nachdem man sich bereits auf ihre berechnende Art eingewöhnt hat.

Sehr seltsam ist zudem das Verhalten von Lukas. Anfangs reagiert er verwirrt und geschockt auf Magdas Äußerungen und wagt es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Das ist zunächst verständlich, dass er sich dann aber entscheidet, das Spiel dauerhaft mitzumachen, ist eher lächerlich. Er genießt es einfach, nun seinen fast zwanzigjährigen Traum zu verwirklichen und eine Beziehung mit Magda zu führen. Dass sie ihn „Johannes“ nennt, blendet er aus und auch die Suche nach seinem Bruder steht erst einmal im Hintergrund. Nicht nur, dass er Magda gegenüber die Rolle als Johannes einnimmt, er sorgt auch dafür, dass die Polizei ihre Ermittlungen nach dem Vermissten einstellt und lässt sich von jedem als Magdas Ehemann vorstellen. Selbst als er weiß, dass Johannes ermordet wurde, vertraut er sich niemandem an. Auch gegenüber seinen Eltern am Telefon lügt er, dass Johannes in Ordnung und nur gerade verhindert sei. An vielen Stellen im Roman handelt er unlogisch, obwohl völlig offensichtlich ist, dass er sich selbst immer tiefer in eine fatale Lage verstrickt. Während man es am Ende zumindest teilweise nachvollziehen kann, weil da ein Zurück kaum mehr möglich ist, wirken seine ersten Handlungen sehr unüberlegt und naiv.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr spannender Toskana-Kriminalroman über eine Mörderin, der aber auch Schwächen besitzt. Das Buch lässt sich leicht lesen und fesselt den Leser durchgehend, aber die unlogischen Verhaltensweisen der beiden Hauptcharaktere trüben im weiteren Verlauf das Gesamtbild.

_Die Autorin_ Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwisenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Sie verfasste auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Von ihr erschienen zuletzt die Romane „Der Kindersammler“ und „Hexenkind“.

|511 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-453-43275-8|
http://www.heyne.de

_Sabine Thiesler auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Kindersammler“ 3317
[„Hexenkind“ 4319

Kornbichler, Sabine – Nur ein Gerücht

Vor fünf Jahren hat Carla Bunge ihren Lebenstraum verwirklicht: Sie ist von München aufs Land gezogen und hat einen alten Reiterhof gepachtet. Mittlerweile ist sie mit Reitstunden und einer Reihe Pensionspferden gut ausgelastet und genießt einen guten Ruf. In Sachen Beziehung allerdings ist sie abweisend. Das bekommt auch ihr bester Freund Christian zu spüren, der ganz in der Nähe ein Hotel betreibt und schon seit langem mehr für sie empfindet.

Am Tag des fünfjährigen Jubiläums des Hofes erfährt Carla einen Schock. Der Besitzer Herr Pattmann kündigt ihr völlig überraschend den Pachtvertrag und will, dass sie innerhalb der nächsten Wochen verschwindet. Offenbar hat er ein lukrativeres Angebot für den Hof erhalten und sucht einen Vorwand, um Carla zu vertreiben. Plötzlich häufen sich die unangenehmen Vorfälle auf dem Hof. Gegenstände verschwinden, falsches Futter liegt auf der Weide, jemand kündigt in Carlas Namen die Heulieferung.

Carla ist verzweifelt, denn die Vorfälle schaden ihrem Hof zunehmend. Natürlich hat sie Herrn Pattmann im Verdacht, aber er ist nicht der Einzige. Da ist auch Melanie, die Schwester ihres früheren Klassenkameraden Udo, dem Carla trotz seines kürzlichen Todes seine früheren Quälereien nicht verzeihen will. Melanie hat Rache geschworen, zumal sie Carla als Konkurrenz für ihren eigenen Hof sieht. Und dann ist da noch Carlas alte Schulfreundin Nadine, die nach langer Funkstille in Christians Hotel auftaucht und mit ihm anzubändeln scheint. Carla muss sich nicht nur gegen den oder die Unbekannten wehren, die sie zu ruinieren versuchen, sondern sich auch noch mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, die sie schon lange verdrängt hat …

_Ein bisschen Thriller_ und ein bisschen Frauenroman ist dieses Werk von Sabine Kornbichler, und das Ergebnis ist solide, wenn auch nicht ohne Schwächen.

|Spannende Handlung|

Schon früh gewinnt die Handlung an Brisanz, als Carla beim Besuch des Hofbesitzers völlig überraschend die Kündigung erhält. Als fadenscheinige Begründung gibt er „unredliches Verhalten“ an, ohne es näher zu begründen. Carla ahnt zwar bereits und wird bald von ihrem Anwalt darin bestätigt, dass die Vertragskündigung haltlos ist. Aber sie wird die Angst dennoch nicht los, zumal Herr Pattmann in den nächsten Tagen und Wochen bei jeder Begegnung auf der Kündigung beharrt und zeigt, dass dies nicht nur eine Laune von ihm war.

Fast gleichzeitig taucht Melanie auf, Schwester von Carlas ehemaligen Klassenkameraden Udo, und sorgt ebenfalls für Probleme. Udo gehörte zur Schulzeit einer berüchtigten Clique an, die Carla die „glorreichen Fünf“ nennt, die es sich zum Ziel machten, Schwächere über Jahre hinweg zu hänseln und zu quälen. Carla mit ihrer skandalösen Familiengeschichte, die im weiteren Verlauf näher beleuchtet wird, plus dem damaligen Übergewicht bot eine hervorragende Zielscheibe und litt jahrelang unter den Quälereien. Jetzt ist Udo tot, Selbstmord als Folge von Rufmord, und Carla soll zur Beerdigung kommen. Aber trotz des Selbstmords kann sie dem toten Udo sein damaliges Verhalten nicht verzeihen und Melanie schwört Rache – zumal sie selbst einen Hof führt und Carla als Konkurrenz sieht.

Von da an häufen sich die Vorfälle auf dem Bungehof, die Carla in Verruf bringen und Misstrauen unter ihren Kunden säen. Herr Pattmann hat ein Motiv, Melanie ebenso, und doch kann Carla zunächst nichts nachweisen und traut so manche Aktion keinem von beiden zu. Gespannt verfolgt der Leser, wie sich die Vorfälle verdichten und Carla hilflos ihrem eigenen Rufmord zusehen muss. Um den Täter zu entlarven, ist sie bereit, selbst zweifelhafte Dinge wie einen Einbruch auf sich zu nehmen, und natürlich fesselt den Leser die Frage, wer genau hinter welchen Taten steckt.

|Sympathische Hauptfigur|

Carla Bunge ist kein besonders vielfältiger oder origineller Charakter, aber doch sympathisch und eine Protagonistin, mit der sich der Leser weitgehend identifizieren kann. Sie ist stolz auf ihren beliebten Reiterhof, den sie in jahrelanger Arbeit mühsam auf die Beine gestellt hat. Ihr besonderer Liebling ist Oscar, das Problempferd aus schlechter Haltung, das nur zu Carla Vertrauen gefasst hat und ihr in schweren Zeiten immer Kraft spendet. Erst allmählich erfährt man die Hintergründe über ihren Vater, zu dem sie seit zwanzig Jahren keinen Kontakt hat. Man erfährt zunächst nur, dass sie jeden Kontakt ablehnt, auch als sie hören muss, dass er im Sterben liegt. Dann enthüllt sich das Drama, das seinerzeit dazu beitrug, dass sie in der Schule gehänselt und zur Außenseiterin wurde, sodass ihre Mutter schließlich mit ihr fortzog. Neben der Kriminalhandlung um den anonymen Rufmörder und Saboteur gewinnt dieser Handlungsstrang zunehmend an Bedeutung.

Weiterere sympathische Charaktere sind Franz Lehnert, der sie wieder mit ihrem Vater zusammenführen will und der dafür ein besonderes Motiv besitzt, sowie Carlas beste Freundin Susanne, die als Hauswirtschafterin bei Christian tätig und außerdem eine engagierte Hobby-Astrologin ist, die bei jeder Gelegenheit die aktuelle Sternenkonstellation analysiert. Eine langzeitig rätselhafte Figur ist Nadine, Carlas ehemals beste Schulfreundin, die als Neuling genauso unter den Hänseleien zu leiden hatte. Nach ihrem Umzug aber brach Carla den Kontakt vollständig ab, um ein neues Leben beginnen zu können. Jetzt taucht Nadine auf einmal wieder auf – als Hotelgast von Christian, der ihr auffallend viel Zeit widmet. Carla wird den Verdacht nicht los, dass Nadine etwas mit ihrem Besuch bezweckt, und muss sich mehr mit ihrer Vergangenheit befassen, als ihr lieb ist.

|Ein paar Schwächen|

Zunächst fällt störend auf, dass der Leser zwar von Anfang an demonstriert bekommt, dass Carla Christians Avancen ablehnt, aber keinen rechten Grund dafür erfährt. Sie findet ihn durchaus anziehend, beharrt aber auf ihrer Ablehnung gegenüber Beziehungen, ohne dass es wirklich plausibel wird, vor allem, als sie gekränkt reagiert, nachdem sich Christian plötzlich Nadine widmet. Zum anderen ist Carla in der Endphase des Romans etwas zu naiv; der Leser ahnt deutlich früher, wer hinter den Taten steckt und welches Motiv dafür verantwortlich ist. Da ist es fast schon ärgerlich, dass sie die Zusammenhänge nicht durchschaut.

Etwas enttäuschend sind auch die Enthüllungen, weshalb Carla mit ihrem Vater gebrochen hat. Man kann zwar gut verstehen, dass sie die Demütigungen der Schulzeit noch heute als starke Belastung empfindet, aber ihr Groll gegen den Vater scheint nach all der Zeit übertrieben. Bevor man erfährt, was er sich geleistet hat, glaubt man, dass er vielleicht ihre Mutter geschlagen oder gar sie selbst missbraucht habe. Als sich dann herausstellt, was tatsächlich passiert ist, klingt es nicht sehr glaubwürdig, dass Carla zwanzig Jahre lang nichts mit ihm zu tun haben wollte und sich nicht darum kümmert, ob er überhaupt noch lebt.

Alles in allem darf man an das Buch keine zu hohen Erwartungen stellen. Es ist ein Unterhaltungsroman, der sich leicht lesen lässt und durchaus spannend ist, aber nicht weiter im Gedächtnis bleibt. Eine ideale Urlaubslektüre, allerdings nach dem Lesen schnell abgehakt und für eingefleischte Thrillerfans gewiss zu seicht.

_Als Fazit_ bleibt ein solider Unterhaltungsroman, der sich am besten für Frauen eignet, die sich ein bisschen Spannung und leichte Lektüre wünschen. Das Thema ist interessant und die Handlung über weite Strecken fesselnd, die Protagonistin sowie einige Nebencharaktere sind recht sympathisch. Das Bild trüben ein paar Unstimmigkeiten in Carlas Sichtweise und ihre Naivität gegen Ende, zudem ist der Anspruch nicht besonders hoch. Kann man lesen, muss man nicht.

_Die Autorin_ Sabine Kornbichler wurde 1957 in Wiesbaden geboren. Sie studierte zunächst VWL und arbeitete als Texterin und PR-Beraterin. Seit 1998 lebt sie als freie Autorin in Düsseldorf. Ihr Werk umfasst Romane und Kurzgeschichten. Weitere Bücher von ihr sind: „Majas Buch“, „Klaras Haus“, „Steine und Rosen“, „Vergleichsweise wundervoll“, „Annas Entscheidung“, „Im Angesicht der Schuld“ und „Der gestohlene Engel“.

http://www.sabine-kornbichler.de/
http://www.knaur.de/

_Sabine Kornbichler auf |Buchwurm.info|:_

[„Im Angesicht der Schuld“ 2561
[„Der gestohlene Engel“ 4680

Fielding, Joy – Katze, Die

Die alleinerziehende Mutter Charley ist Journalistin und mit ihrer humorvoll-frivolen Kolumne „Charlotte’s Web“ erfolgreich, auch wenn sie oft Kritik für die oberflächlichen Themen einstecken muss. Überraschend erhält sie einen Brief der verurteilten Mörderin Jill Rohmer, die drei Kinder brutal ermordet haben soll und in der Todeszelle sitzt. Jill entpuppt sich als Fan von Charley und bietet ihr exklusiv ihre Geschichte an, damit Charley ein Buch schreiben kann. Dabei will Jill, die im Prozess die Aussage verweigerte, angeblich eine ganz neue Sicht der Geschehnisse offenbaren.

Charley ist zunächst entsetzt und angewidert, lässt sich aber dennoch auf ein Treffen ein, begleitet von Jills Anwalt Alex Prescott. Wider Willen findet sie Jill sogar sympathisch und sehr viel harmloser als gedacht. Nach einigem Zögern erklärt sie sich schließlich bereit, das Buch zu schreiben. Jill will ihr in Briefen und persönlichen Interviews ihr Leben erzählen, und Charley ist trotz ihrer Vorbehalte gespannt auf die Enthüllungen.

Zur gleichen Zeit aber treffen wiederholte E-Mails bei ihr ein, die sie bedrohen. Der anonyme Schreiber beschimpft sie als Schundschreiberin und kündigt gar die Ermordung ihrer Kinder an. Charley informiert die Polizei und hofft, dass es sich nur um einen Wichtigmacher handelt. Während sie sich langsam auch auf privater Basis Alex Prescott annähert, enthüllt Jill, dass sie von ihrem Ex-Geliebten „Jack“ zur Beihilfe am Mord gezwungen worden sei. Nur aus Angst habe sie seine Identität bisher verschwiegen. Charley fürchtete zunehmend, dass „Jack“ wirklich existiert – und es vielleicht sogar auf sie und ihre Kinder abgesehen hat …

_Die Ausgangslage_ ist recht typisch für Joy Fieldings Werke: Eine Frau mit Kindern und familiären Problemen gelangt in eine bedrohliche Situation und muss schließlich um ihr Leben fürchten. Trotzdem handelt es sich hier um einen ihrer besseren Romane, der sich in einigen Punkten vom Einheitsbrei abhebt.

|Weitgehend spannend|

Im Gegensatz zu manch anderem Werk von Joy Fielding gibt es hier keine Ich-Erzählerin, und somit muss man zumindest theoretisch auch um das Leben der Protagonistin bangen. Bis dahin ist es aber ein langer Weg, denn zunächst liegt der Fokus auf Jill Rohmers Enthüllungen. Als scheinbar fröhliche und kinderliebe Babysitterin hatte sie bei den beiden Familien angeheuert und ihre Schützlinge kurz hintereinander entführt, brutal misshandelt und qualvoll getötet. Die Beweise sind erdrückend: DNA-Spuren an den Körpern, kein Alibi und Tonbänder, die nicht nur die Schreie der Kinder, sondern auch Jills Stimme enthalten.

Dennoch hat Charley nach kurzer Zeit schon Zweifel, ob Jill nicht vielleicht nicht die Haupttäterin war. Nicht nur, dass sie viel mädchenhafter und harmloser erscheint, als sie es sich vorgestellt hätte, sie findet sie beinah sympathisch, und es klingt immer glaubwürdiger, dass sie nur aus Angst vor ihrem psychopathischen Exgeliebten vor Gericht geschwiegen hat; auch ihr Anwalt ist von „Jacks“ Existenz überzeugt. Je tiefer Charley in Jills Leben eintaucht, desto stärker fühlt sie sich hin- und hergerissen. Einerseits traut sie Jill die schrecklichen Morde nicht zu, andererseits gibt es auch belastende Aussagen ihrer Familie und Exfreunde, und so ist es für den Leser spannend zu verfolgen, was man noch alles über Jill erfährt.

Im weiteren Verlauf sorgen die Drohmails für Brisanz. Es verdichtete sich der Verdacht, dass „Jack“ hinter ihnen steckt – aber handelt er gegen Jills Wissen und Willen oder stachelt sie ihn womöglich dazu an? Oder ist es womöglich doch nur ein wutentbrannter Leser, der sich, wie nicht wenige andere, an ihren intimen Themen und dem flapsigen Schreibstil stört? Die Polizei kommt mit ihren Ermittlungen auch nicht weiter, da die Mails natürlich von verschiedenen öffentlichen Computern kommen.

|Interessante Charaktere|

Charleys Privatleben wird ein sehr großer Raum in der Handlung gewidmet. Da ist zum einen das zerrüttete Familienverhältnis. Vor über 20 Jahren verließ ihre Mutter Elizabeth die Familie, weil sie ihre Liebe zu Frauen entdeckte und mit ihrer Freundin nach Australien zog. Jetzt ist sie zurück und hofft auf einen Neuanfang, doch außer Charley ist keine ihrer beiden Schwestern und auch weder ihr Bruder Bram noch ihr Vater zu einem Treffen bereit. Immer wieder versucht Charley zu vermitteln, auch wenn sie selbst ihrer Mutter noch nicht ganz verziehen hat, scheitert aber, zumal sie ebenfalls kein allzu gutes Verhältnis zum Rest der Familie besitzt.

Nächster Punkt sind ihre Schwierigkeiten mit Männern. Charley ist unverheiratet und bisher kein Typ für lange Beziehungen, auch wenn sie zu den Vätern ihrer beiden Kinder ein recht gutes Verhältnis hat. Im Verlauf der Handlung lässt sie sich mit Alex Prescott ein, was Jill mitbekommt und merkwürdig reagieren lässt, und auch ein weiterer Mann spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Jills Schilderungen ihrer Kindheit werfen in Charley zudem die Frage auf, inwieweit Psychopathen von ihrer Umwelt geformt werden. Zwischenzeitlich ertappt sie sich dabei, die Geschichten von Inzest und Gewalt in der Familie beinah als Entschuldigung zu sehen, obwohl sie andererseits genau weiß, dass keine Erfahrung einen Menschen zwingend zu einem Mörder macht.

|Ein paar Schwächen|

Zum einen dürfte es vor allem eingefleischte Thrillerfans stören, dass Charleys Familienprobleme beinah einen größeren Raum einnehmen als die eigentliche Spannungshandlung. Es gibt viele Szenen, in denen gestritten wird, Charley sich an ihre Kindheit erinnert, vergeblich versucht, Treffen zu arrangieren, und man sich natürlich auch ausspricht und versöhnt, inklusive dem typisch amerikanischen „Ich liebe dich“, das sich Kinder und Mutter zuhauchen.

Da vergisst man zeitweise beinahe, dass es eigentlich um eine Mörderin geht und nicht um ein Familiendrama. Zum anderen kommt das Finale etwas überhastet; wie aus dem Nichts heraus schweben Charleys Kinder in Gefahr, und im Vergleich zur vorher ausufernden Handlung verläuft alles sehr schnell, beinah so, als hätte die Autorin eine gewisse Seitenzahl als Maximum vorgegeben gehabt. Die Identität des Täters ist nicht so überraschend, wie es sein sollte, weniger wegen geschickter Andeutungen – davon gibt es nämlich zu wenige -, sondern eher, weil es zum konventionellen Thriller-Schema passt. Vor allem wer schon mehrere Joy-Fielding-Romane gelesen hat, dürfte nicht wirklich überrascht werden. Letzter störender Punkt ist der Zufall, der es Charley ermöglicht, herauszufinden, wer hinter den E-Mails steckt und ihre Kinder bedroht. Ein Beweis fällt ihm im Wortsinn direkt in die Hände, was den hastigen Verlauf des Finales noch verstärkt – ein bisschen mehr Einfallsreichtum wäre schön gewesen.

_Als Fazit_ bleibt ein insgesamt solider Frauenthriller über eine Journalistin, die in Kontakt mit einer verurteilten Kindermörderin gerät. Die Handlung ist weitgehend spannend, die Charaktere sind nicht uninteressant, allerdings überwiegen zeitweise die privaten Probleme gegenüber dem Thrilleraspekt und das Ende kommt zu plötzlich und ist ein wenig konstruiert. Leicht zu lesen und unterhaltsam, aber kein Highlight.

_Die Autorin_ Joy Fielding, geboren 1945 in Toronto, Kanada, hatte bereits in ihrer Kindheit großes Interesse am Schreiben. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin studierte sie englische Literatur und arbeitete eine Weile als Schauspielerin. 1991 gelang ihr mit dem Roman „Lauf, Jane, lauf“ der internationale Durchbruch. Seitdem landen ihre Frauenthriller regelmäßig auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Weitere Werke sind u. a. „Sag Mammi goodbye“, „Ein mörderischer Sommer“, „Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ und „Tanz, Püppchen, tanz“.

|Originaltitel: Charley’s Web
Übersetzung: Kristian Lutze
477 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-442-31154-5|
http://www.joyfielding.com
http://www.goldmann-verlag.de

_Joy Fielding auf Buchwurm.info:_

[„Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ 556
[„Träume süß, mein Mädchen“ 4396
[„Nur der Tod kann dich retten“ 4933

MacBride, Stuart – Blut und Knochen

_Das geschieht:_

Der neue Fall für Detective Sergeant Logan McRae von der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen ist ein recht unappetitlicher: In einem Container, der Gefrierfleisch für die Besatzung einer Ölbohrinsel enthält, wurden Teile mindestens eines fachgerecht zerwirkten Menschenkörpers entdeckt. Als die Metzgerei, die das Fleisch lieferte, von der Polizei durchsucht wird, finden sich dort weitere für den Verzehr vorbereitete Leckereien eindeutig menschlicher Herkunft.

Der Fund weckt Erinnerungen an die Taten des „Fleischers“, eines Serienkillers, der vor zwanzig Jahren Ehepaare daheim überfiel, entführte, ermordete und zerlegte. Als Hauptverdächtiger galt der Metzger Ken Wiseman, der allerdings aufgrund schwerwiegender Verfahrensfehler nach kurzer Haft auf freien Fuß gesetzt werden musste – eine Niederlage, die Detective Inspector Insch, damals ermittelnder Beamter und heute McRaes Vorgesetzter, noch heute zu schaffen macht.

Deshalb stürzt sich Insch mit Verve in die neue Fahndung nach dem alten Bekannten, denn der Metzger, in dessen Kühlkammer das menschliche Bratfleisch lagerte, beschäftigte seinen Schwager: Ken Wiseman! Der ist freilich untergetaucht, bevor ihn die Polizei festnehmen konnte, und verfällt in einen Blutrausch, der ihn die Peiniger von einst verfolgen lässt. Auch Insch und seine Familie geraten in Wisemans Gewalt.

McRae entdeckt zu allem Überfluss, dass der wieder aufgetauchte „Fleischer“ niemals Wiseman war. Damals wie heute spielt/e der Trubel dem tatsächlichen Täter in die Hände: Während die Polizei Wiseman verfolgte, konnte und kann der „Fleischer“ in aller Ruhe seinem Mordtrieb nachgeben. Jetzt agiert er noch weitaus perfider als früher, denn er schlachtet nicht alle Opfer; die Pechvögel sperrt er in sein Labyrinth ein und füttert sie mit den Resten ihrer Mitgefangenen …

_Mahlzeit!_

Schon die keltischen Skoten und Pikten waren wilde Völker, die von den Römern nur zu bändigen waren, indem sie Schottland vom Rest der britischen Hauptinsel durch den Hadrianswall trennten. Nachdem diese Grenze gefallen war, setzte ein Jahrhunderte währendes Hauen & Stechen ein, dem Mel Gibson mit „Braveheart“ ein in allen grausigen Details liebevoll gezeichnetes Filmdenkmal setzte.

Dem möchte der schottische Autor Stuart MacBride nun offenbar nachstreben, und auch er bedient sich quasi filmischer Methoden, um seiner Schauermär vom serienmordenden „Fleischer“ die nötige Durchschlagskraft zu verschaffen. Der wirkt wie einem Horrorfilm vom Kaliber einer „Splatter“-Granate wie „Texas Chainsaw Massacre“ entsprungen, auch wenn er – MacBride ist ein Witzbold; dazu später mehr – hier die Maske der „Eisernen Lady“ Margareth Thatcher trägt, die England als Premierministerin von 1979 bis 1990 regierte und – nach Ansicht ihrer Kritiker – terrorisierte.

Schon die ersten drei Bände der Logan-McRae-Serie zeichneten sich durch drastisch dargestellte Gräueltaten und -szenen aus. Dieses Mal übertrifft sich MacBride mit den ausgemalten Schauerlichkeiten nicht nur selbst: Er treibt es auf die Spitze und geht oft noch ein gutes Stück weiter. Das muss man wissen, wenn man zur Lektüre von „Blut und Knochen“ ansetzt, die empfindliche Naturen überfordern und zur Kritik herausfordern könnte.

_Ein grimmiges Vergnügen_

Wovon sich der wagemutige Leser nicht abschrecken lassen sollte, weil ihm – oder ihr – ein sicherlich politisch nicht korrekter, aber sowohl spannender als auch witziger Krimi entginge. Hinter dem vordergründigen Blutbad steckt ein mehrschichtiger Plot. Die Jagd nach dem „Fleischer“ ist „Whodunit“ und „police procedural“; wer sich hinter der Maske verbirgt, bleibt viele hundert Seiten unklar. Zwar hat der Leser keine reale Chance, die Identität des „Fleischers“ zu erraten, weil ihm entsprechende Indizien vorenthalten werden. Das wird dem Verfasser allerdings kaum jemand zum Vorwurf machen, weil dieser die lange vergebliche Fahndung so spannend in Szene zu setzen weiß.

Die Polizei steht unter Druck, der von den Vorgesetzten durch die Ränge nach unten weitergegeben wird und sich dabei verstärkt. Politik und Medien sind rasch mit dem Urteil „unfähig“ bei der Hand; sie ignorieren die Schwierigkeiten einer Ermittlung mit zwanzigjähriger Vorgeschichte, die eine Chronik menschlicher Verfehlungen darstellt. Diesen Knoten zu entwirren, bedarf seiner Zeit. Logan McRae wäre dies vermutlich weitaus früher gelungen, doch er ist gleich mehrfach gehandicapt.

MacBride schildert die Grampian Police als sympathische, aber unorganisierte Truppe. Überarbeitung und mangelhafte Ausrüstung fordern ebenso wie Kompetenzrangeleien ihren Tribut. Dass dieses Mal die Schere zwischen Herausforderung und polizeilichem Alltag besonders weit klafft, verdeutlicht MacBride, indem er immer wieder von der Ermittlung ins unterirdische Labyrinth des „Fleischers“ umblendet, in dem eine weibliche Gefangene allmählich den Verstand verliert. Hier ist der Verfasser sozusagen deckungsgleich mit dem „torture porn“ des modernen Horrorfilms à la „Hostel“ oder „Saw“, aber ihm gelingt, was er erreichen will: Dem Leser wird eindringlich klar, dass jede Sekunde zählt.

_Was schiefgehen kann …_

Auch ohne den „Fleischer“ wirkt das Leben des Logan McRae wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Von seiner Freundin Jackie hat er sich inzwischen getrennt, aber sie, die ebenfalls Polizistin ist, vermag sich unter Ausnutzung des Dienstwegs bitter zu rächen. Weiterhin ist McRae Diener zweier unberechenbarer Herrn; zwischen dem cholerischen Insch und der chaotischen Detective Inspector Roberta Steel wird er förmlich zerrieben, da die beiden zudem verfeindeten Vorgesetzten nur die Dreistigkeit eint, mit der sie den gutmütigen McRae in die Zange nehmen.

Murphy’s Law spielt eine große Rolle in den McRae-Romanen. So sicher wie nie hält der Verfasser in „Blut und Knochen“ die Balance zwischen Komik und Tragik. Zwerchfellerschütternde Episoden wechseln abrupt mit dramatischen Szenen, bei denen dem Leser das Lachen im Hals stecken bleibt. Dabei genießen auch prominente und beliebte Hauptfiguren keinen Bestandsschutz; dieses Mal ist es DI Insch, den MacBride beruflich wie privat in die Hölle stürzt.

Ohnehin verwischt der Verfasser unablässig die Grenze zwischen „gut“ und „böse“. Ken Wiseman wurde durch einen übereifrigen Polizisten in die Rolle des „Fleischers“ gedrängt, sein Leben dadurch zerstört. Als genau dies zum zweiten Mal geschieht, dreht er durch. Man versteht ihn, aber es entschuldigt nicht seine Taten – zumal MacBride mit einer gelungenen Volte Wisemans Rolle plötzlich neu definiert.

Überhaupt ist MacBride ein Meister unerwarteter Wendungen. Sie ergeben sich aus dem Geschehen und wirken nicht aufgesetzt. Wie es sich für einen gelungenen Krimi ziemt, wischt die tatsächliche Auflösung alle bisherigen Theorien vom Tisch. Für die Taten des „Fleischers“ gibt es ein Motiv – und das immerhin lässt MacBride im „Whodunit“-Stil durchblicken; man muss das zwischen geschickt gezündeten Nebelkerzen nur erkennen …

_Krimi mit Multimedia-Ansätzen_

Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen ehrbaren und überforderten Polizisten und skrupellosen Journalisten ist ein Stützpfeiler des gedruckten und verfilmten Krimis. MacBride weiß auch aus diesem Klischee Funken zu schlagen. Der Sturmlauf der Presse gewinnt groteske Züge, nachdem der Verdacht – mehr ist es nie – aufkommt, der „Fleischer“ habe Menschenfleisch in den Handel einschleusen können. Die daraus resultierenden Schlagzeilen führt uns der Verfasser buchstäblich vor Augen: Verschiedene Kapitel von „Blut und Knochen“ werden durch Kollagen eingeleitet, die Ausschnitte fiktiver Zeitungsartikel präsentieren. Sie enthalten sogar Fotos, auf denen MacBride zum Teil Schauspieler agieren ließ. Diese Schnipsel – die übrigens für die deutsche Ausgabe übersetzt und neu layoutet wurden – verdeutlichen das Tohuwabohu einer privatisierten, globalisierten, abgestumpften Gesellschaft ebenso traurig wie perfekt.

Nicht zum ersten Mal stellt sich die Frage, ob und wie MacBride den einmal eingeschlagenen Kurs weiterverfolgen möchte. Bisher ist es ihm immer noch gelungen, der Schraube eine Umdrehung mehr zu geben. Mit „Blut und Knochen“ scheint das Ende dieser Fahnenstange und die Grenze zur (gewollten?) Parodie erreicht zu sein, aber MacBride ist wie gesagt stets für eine Überraschung gut …

_Der Autor_

Stuart MacBride wurde im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.

Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen. Über Leben und Werk informiert er auf seiner Website www.stuartmacbride.com, die er um einen Autorenblog sowie eigene Kurzgeschichten erweitert hat.

Die Logan McRae-Serie erscheint im Wilhelm Goldmann Verlag:

(2005) Die dunklen Wasser von Aberdeen („Cold Granite“) – TB 46165
(2006) Die Stunde des Mörders („Dying Light“) – TB 46262
(2007) Der erste Tropfen Blut („Broken Skin“) – TB 46574
(2008) Blut und Knochen („Flesh House“) – TB 47029
(2009) „Blind Eye“ (noch kein dt. Titel)

_Impressum_

Originaltitel: Flesh House (London : HarperCollinsPublishers 2008/New York : Minotaur Books 2008)
Deutsche Erstausgabe: Juni 2009 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 47029)
Übersetzung: Andreas Jäger
511 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-47029-7
http://www.goldmann-verlag.de

_Mehr von Stuart MacBride auf |Buchwurm.info|:_

[„Die dunklen Wasser von Aberdeen“ 2917
[„Die Stunde des Mörders“ 3739
[„Der erste Tropfen Blut“ 4940

Mooney, Chris – Missing

Winter in Belham: Die sechsjährige Sarah will unbedingt auf den Hügel zum Schlittenfahren, obwohl es ihre Mutter Jess verboten hat. Ihr Vater Mike lässt sich überreden und begleitet sein Töchterchen auf den Hang. Während er in ein Gespräch verwickelt wird, darf Sarah mit ihrer Freundin Paula losziehen. Kurz darauf verlieren sich die Mädchen aus den Augen – und Sarah ist verschwunden. Mike sucht verzweifelt im aufkommenden Schneesturm nach seiner Tochter, findet aber nur ihre Brille, ohne die sie hilflos ist. Auch die Polizei kann Sarah nicht finden. Der einzige Zeuge ist der elfjährige Jimmy, der gesehen hat, wie ein Mann Sarah an der Hand nahm.

Fünf Jahre später: Sarah ist immer noch verschwunden, die Ehe ihrer Eltern inzwischen zerbrochen. Mike hat den Verlust nicht verkraftet und kämpft mit Alkoholproblemen, während seine Frau ein neues Leben beginnt. Der ehemalige Priester Francis Jonah steht seit Jahren unter Tatverdacht, doch stichhaltige Beweise für eine Anklage gab es nie. Mike ist überzeugt davon, dass Jonah schuldig ist, und hofft insgeheim immer noch, dass Sarah lebt.

Doch Francis Jonah ist schwer krebskrank und liegt im Sterben, die Ärzte geben ihm nur noch Tage oder maximal wenige Wochen. Mike versucht alles, um ihn zu einem Geständnis zu bringen, ehe er sein Geheimnis womöglich ins Grab nimmt. Obwohl Jonah stets seine Unschuld beteuerte, sprechen die Indizien gegen ihn und für Mike läuft die Zeit ab …

_Entführte Kinder_ sind ein gern gewähltes und dankbares Thema für Thriller, gewährleisten sie doch eine emotional aufgeladene Handlung, die den Leser gleichzeitig fesselt und rührt. Chris Mooney legt hier einen soliden Thriller vor, der zwar keine Höchstbewertung verdient, aber allemal gute Unterhaltung bietet und vor allem schnell und leicht zu lesen ist.

|Spannende und bewegende Handlung|

Bis kurz vor Schluss heißt es Rätsel raten, wer für Sarahs Verschwinden verantwortlich ist und ob sie vielleicht noch lebt. Mikes Suche zeigt all seine Verzweiflung und nicht enden wollende Hoffnung und ist besonders mitreißend, weil er nahezu auf sich allein gestellt ist. Seine Exfrau hat das Verschwinden der Tochter halbwegs akzeptiert und fängt ein neues Leben ohne ihn an, die Polizei reagiert ihm zu lethargisch auf neue mögliche Hinweise, seine Freunde raten ihm dazu, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Für Mike ist es ein Kampf gegen Windmühlen, denn er kann es nicht akzeptieren, Sarahs Schicksal womöglich nie zu erfahren.

Trotz aller Indizien, zu denen im Verlauf der Handlung noch einige mehr kommen, ist der Leser unschlüssig in der Entscheidungsfrage, ob wirklich Francis Jonah hinter Sarahs Verschwinden steckt. Der schwerkranke Mann ist auch angesichts des Todes zu keinem Geständnis zu bewegen, was gerade in Anbetracht seiner Vergangenheit als Geistlicher ungewöhnlich wirkt. Mike kommt mehrfach in Versuchung, Selbstjustiz an ihm zu verüben, obwohl er nach einem Angriff bereits unter strengsten Bewährungsauflagen steht. Seine Suche nach Sarah rührt unweigerlich an, ist aber auch überwiegend fesselnd, da sich ganz allmählich neue Hinweise einschleichen und er der der Wahrheit Stück für Stück näher kommt, unterstützt von einer alten Freundin und einer resoluten Privatdetektivin.

Ungewöhnlich für den Thriller ist, dass alle Taten bereits Jahre zurückliegen und kein neuer Mord- oder Entführungsfall geschieht, was der Spannung aber nicht abträglich ist. Die Auflösung ist nicht zu früh zu erahnen und recht plausibel, wenngleich Mike beim Erkennen der Zusammenhänge ein bisschen per Zufall auf die Sprünge geholfen wird. Man braucht gewiss keine große Konzentration, um der Handlung zu folgen, die nicht besonders verstrickt oder wendungsreich ist. Der Roman stellt keine große Anforderungen an den Leser, ohne dabei zu seicht oder anspruchslos zu sein, und verzichtet im Gegensatz zu den meisten anderen Thrillern auf Gewaltszenen, sodass zarte Gemüter nur durch das Thema Kindesentführung an sich verstört werden könnten.

Vor allem im Mittelteil des Romans dreht sich die Handlung nicht nur um Sarah, sondern auch um Mikes Mutter, die ihn im Kindesalter zurückließ und in ihre Heimat Paris zurückkehrte. Mike hat allen Grund zu glauben, dass sein Vater Lou, ein gewiefter Verbrecher, der immer schon zur Brutalität gegen seine Frau neigte, sie in Paris aufgesucht und ermordet hat. Auch das Schicksal seiner Mutter wird wieder aktuell und Mike erfährt mehr über seine Familie als jemals zuvor. Es ist für Mike nicht nur die Suche nach zwei Angehörigen, sondern auch ein neuer Abschnitt in seinem Leben, das er nur beginnen kann, wenn er endlich Klarheit findet über den Verbleib seiner Tochter und seiner Mutter – egal, wie schmerzhaft die Wahrheit auch sein mag.

|Ein paar Schwächen|

Der Klappentext enthält leider einen irreführenden Fehler, dort ist nämlich davon die Rede, dass während Mikes Suche nach dem Verbleib seiner Tochter ein weiteres Mädchen verschwindet – davon ist im Buch aber keine Rede, was sicherlich die Leser ärgert, die sich von einem aktuellen Fall zusätzliche Spannung versprochen haben. Der Teil über Mikes Familie ist zudem ein wenig zu ausufernd geraten. Manchmal geht es seitenweise nur um seine Ehe mit seiner Exfrau, die Vergangenheit seines Vaters und die Suche nach seiner Mutter in Paris, und Sarahs Schicksal rückt dabei in den Hintergrund. Einerseits ist es interessant, die beiden grundverschiedenen Fälle miteinander zu verbinden, andererseits lenken diese Phasen von der eigentlichen Haupthandlung ab.

Zudem kommt der Sprung zwischen Sarahs Verschwinden 1999 und der Gegenwart etwas zu radikal angesichts der vielen Veränderungen. Zu guter Letzt sind die Nebenfiguren gegenüber Mike etwas zu blass geraten. Seine Exfrau Jess bleibt nur eine Schablone ohne individuelle Charaktereigenschaften, es gibt keinen markanten Ermittler, auch Mikes Freund Bill erscheint zwar sympathisch, aber zu unbedeutend. Erst seine alte Freundin Sam und die burschikose Detektivin Nancy bringen im späteren Verlauf wieder etwas Farbe ins Spiel, ansonsten ist der Roman arm an interessanten Figuren, auch wenn das nicht so stark ins Gewicht fällt, da Mike eindeutig im Mittelpunkt steht.

_Als Fazit_ bleibt ein überwiegend spannender Thriller über ein vermisstes Mädchen, der vor allem dank der Hauptfigur recht bewegend ist. Ein paar Schwächen verhindern, dass das Buch ein echtes Highlight ist, aber für Thrillerleser auf alle Fälle eine empfehlenswerte Lektüre, die sich locker in ein bis zwei Tagen durchlesen lässt.

_Der Autor_ Chris Mooney studierte Englisch an der Universität von New Hamshire und lebt seit 2000 als freier Autor. Seine bekanntesten Werke sind „Victim“ und „Secret“, die den Anfang seiner Reihe um die Ermittlerin Darby McCormack bilden. Er lebt heute mit seiner Frau in Boston.

|Originaltitel: Remembering Sarah, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Windgassen
382 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-24719-4|
http://www.rowohlt.de
http://www.chrismooneybooks.com

_Mehr von Chris Mooney auf |Buchwurm.info|:_

[„Missing“ 5731 (Hörbuch)
[„Victim“ 3799
[„Victim“ 5226 (Buch)

Preisler, Jerome – CSI Las Vegas: Tod in der Wüste

_Das geschieht:_

In ihrem Haus im vornehmen Vorort Mariah Valley wird nackt, an ihr Bett gefesselt und erstickt die schöne Rose Demille gefunden. Die High-Society und die Medien kannten und liebten sie als „Nevada Rose“. Regelmäßig lieferte ihr mondäner und lockerer Lebensstil Schlagzeilen. Die Zahl der Verdächtigen bleibt dennoch überschaubar, nachdem Catherine Willows und Warrick Brown, zwei erfahrene Beamte des Kriminaltechnischen Labors Las Vegas (CSI), die Ermittlung übernehmen.

Am Tatort finden sie Spuren, die auf die nächtliche Anwesenheit des Baseball-Starspielers Mark Baker hindeuten, der als Demilles aktueller Liebhaber und sogar Verlobter galt. Darüber hinaus unterhielt die verstorbene „Nevada Rose“ aber auch ein Verhältnis mit dem berühmten – und verheirateten – Schönheitschirurgen Layton Samuels …

CSI-Chef Gil Grissom und seine Kollegen Sara Sidle und Greg Sanders plagen sich derweil mit dem Fall des ‚grünen Mannes‘: Aus einem künstlichen See am Rand der Wüste zog man die Leiche des Edelstein-Schürfers Arthur Belcher, die nach Wochen des Treibens im trüben Wasser weder einen erfreulichen Anblick bietet noch die Umstände ihres Ende preisgibt.

Mit seinem Bruder Charles und seiner Mutter Gloria bildete Arthur zu Lebzeiten ein erfolgreiches, aber notorisch zerstrittenes Trio. Vor einigen Monaten gelang den Belchers in ihrer Mine der Fund ihres Lebens: ein gigantischer roter Smaragd, den sie „Nevada Rose“ tauften. Über den Verkauf war man uneins, was in Grissom die Frage weckt, ob sich die Familie des lästigen Arthurs nicht heimlich entledigt hat …

_Das Bekannte neu und aufregend wirken lassen_

„Exklusiver, bisher unveröffentlichter Originalfall“, liest man lockend auf dem Cover der deutschen Ausgabe. Normalerweise darf das Adjektiv „exklusiv“ in Verbindung mit einem Roman, der offensichtlich ein „tie-in“-Produkt ist, nicht als Empfehlung gelten: Moderne Franchises decken alle potenziell einträglichen Bereiche mit entsprechenden Angeboten ab; das „Buch zum Film“ oder in diesem Fall zur TV-Serie ist da nur ein Posten auf der Liste.

Das „CSI“-Franchise bildet indes seit jeher eine rühmliche Ausnahme. Die Qualität der Serie (bzw. der Serien, denn ermittelt wird ja nicht nur in Las Vegas, sondern auch in Miami und New York City) spiegelt sich in Romanen wider, die trotz verschiedener Autoren erstaunlich lesenswert geraten. Es dürfte primär daran liegen, dass zwar Schriftsteller angeheuert werden, die vor allem schnell die gewünschte ‚Ware‘ liefern, dabei jedoch darauf geachtet wird, nicht den Bodensatz der Branche aufzurühren; „tie-in“-Romane können schrecklich sein, und meist sind sie es auch, weil in der Materie kundige, aber ansonsten unerfahrene und/oder untalentierte Schreiberlinge, oft deutlich erkennbar mehr Fans als Autoren, auf die Leser losgelassen werden.

Jerome Preisler ist ein Profi mit langer Veröffentlichungsliste. Wie geschmeidig er sich den jeweiligen Auftraggebern anzupassen weiß, zeigt die Qualität dieses seines ersten „CSI“-Romans. Wobei „Qualität“ in diesem Fall einer näheren Erläuterung bedarf: „Tod in der Wüste“ kann als eigenständiger, solide geplotteter und angenehm lesbarer Krimi überzeugen, wirkt aber im „CSI“-Umfeld deutlich besser. Im Verlauf der Lektüre tauchen vor dem inneren Auge immer wieder Szenen, Dialoge und Kulissen aus der TV-Serie auf. Das geschieht natürlich nicht von ungefähr, sondern wird vom Verfasser forciert, der sich auf diese Weise seinen Job erleichtern kann.

_Die Wüste lebt, aber sie tötet auch_

Was die eigentliche Krimi-Handlung freilich nicht berührt. Hier gilt es einerseits, den Ton zu treffen, in dem sattsam bekannte Figuren interagieren, während andererseits ein scheinbar unmögliches Verbrechen zu entwerfen und aufzuklären ist. Weil ein Roman mit recht eng bedruckten 250 Seiten gefüllt werden muss, sind es sogar zwei Fälle. Mit dieser Episodenstruktur darf sich Preisler auf der sicheren Seite sehen, da auch im Fernsehen oft zwei oder gar drei CSI-Teams Seite an Seite, aber nicht gemeinsam ermitteln.

In „Tod in der Wüste“ bildet die „Nevada Rose“ eine lockere Klammer zwischen den Fällen. Sich des Zufalls bedienend, aber ihn nicht in seinen Dienst zwingend, geht Preisler von der Existenz zweier Rosen aus. Die eine war eine Frau, die ihr Leben in der Stadt verbrachte, die andere ist ein Edelstein, der in der Wüste gefunden wurde. Auf diese Weise hat der Verfasser zwei räumlich voneinander isolierte Schauplätze geschaffen, was sich auf die polizeiliche bzw. kriminaltechnische Arbeit und damit auf die Handlung auswirkt: Stadtteam und Landteam ermitteln auf unterschiedliche Weisen.

Den gemeinsamen Schnittpunkt bildet das „CSI“-Labor mit seinem unerschöpflichen Fundus wundersamer Hightech-Instrumente, die sich unabhängig von jenem Sparzwang, der dem öffentlichen Dienst ansonsten weltweit gemein ist, in Las Vegas zu türmen scheinen. Preisler hat seine Hausaufgaben gemacht. In den Labor-Szenen spricht er geschickt in jener Zunge, deren Sprache man als „Technobabbel“ bezeichnet: Unabhängig davon, ob technisch und wissenschaftlich tatsächlich möglich ist, was uns geschildert wird, klingt es auf jeden Fall realistisch und erfüllt damit seinen Unterhaltungszweck.

_Und wenn sie nicht gestorben sind, ermitteln sie noch morgen …_

„Tod in der Wüste“ ist chronologisch in die zweite Hälfte der 7. „CSI“-TV-Staffel einzuordnen. Warrick Brown lebt, Sara Sidle ist noch im Dienst, ihre Beziehung zu Gil Grissom nicht publik geworden (was erst geschah, als der Modellbau-Mörder sie entführte). Nick Stokes und Jim Brass müssen sich dieses Mal mit Gastauftritten begnügen.

Wie schon erwähnt, vermag sich Preisler erfolgreich in die TV-Figuren hineinzuversetzen. Sie haben alle ihren eigenen Stil und ihre Eigenheiten, die der Verfasser geschickt an passender (oder passend gemachter) Stelle einfließen lässt. Preisler geht womöglich einen Schritt weiter als Max Allan Collins, der bisher für den Las-Vegas-Bereich des „CSI“-Franchises schrieb, wenn er beispielsweise Gil Grissom als bekannt tüchtigen Kriminologen darstellt, der sich jedoch gern im Stil eines ‚zerstreuten Professors‘ in ab- und weitschweifigen Vorträgen verliert und von seinen Kollegen zurück in die Ermittlungsspur gebracht werden muss.

„Tod in der Wüste“ ist trotz seiner Qualitäten kein Krimi, der im Gedächtnis haften wird; dafür ist die Machart zu schematisch. Auf dem Niveau, das vorgelegt wurde und gehalten wird, entstehen jedoch unterhaltsame und gut lesbare Romane wie dieser, deren Reihe sich zweifellos um diverse Bände verlängern wird – und sollte!

_Der Autor_

In New York City, Stadtteil Brooklyn, geboren, gehört Jerome Preisler zu den schwer und schnell arbeitenden Autoren der „tie-in“-Fraktion: Er bedient diverse Franchises mit Romanen zu Filmen („Last Man Standing“) und TV-Serien („Homicide: Life on the Streets“). Bekannt wurde er durch seine Militär-Thriller der „Power Plays“-Serie, für die Bestseller-Autor Tom Clancy (angeblich) die Exposés lieferte, die Preisler zu Romanen ausarbeitete.

Mit seiner Ehefrau Suzanne schreibt Preisler unter dem gemeinsamen Pseudonym „Suzanne Price“ die Cozy-Serie „Grime Solvers Mystery“. Das Paar lebt und arbeitet wechselweise in New York sowie an der Küste von Neuengland.

_Impressum_

Originaltitel: CSI: Las Vegas – Nevada Rose (New York : Pocket Star Books, a division of Simon & Schuster 2008)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Oktober 2008 (Vgs Verlag/CSI Las Vegas, Bd. 10)
Übersetzung: Frauke Meier
256 Seiten
EUR 17,95
ISBN-13: 978-3-8025-1785-3
http://www.vgs.de

Claudio Michele Mancini – Mala Vita

Handlung:

Roberto Cardone ist zutiefst geschockt: Gerade erst ist er sicher, die Frau seines Lebens getroffen zu haben, als ein Anruf seines besten Freundes und Mitbewohners Carlo ihn völlig aus der Bahn wirft. Entsetzt verfolgt Roberto in den Medien die Inszenierung der Hinrichtung seines Bruders Enrico, der vor laufenden Kameras erdrosselt wird. Nur kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse: Die Kanzlei des ermordeten Rechtsanwalts wird fluchtartig geräumt, Akten werden vernichtet und Spuren verwischt. Roberto reist selber von Bologna nach Palermo, um sich vor Ort ein Bild zu machen, entdeckt aber nichts als Rätsel.

Claudio Michele Mancini – Mala Vita weiterlesen

Edwards, Martin – Kein einsames Grab

Die Lösung von so genannten „cold cases“, also Fällen, die nie aufgeklärt wurden, aber als abgeschlossen gelten, hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Fernsehserien haben sich etabliert, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und auch in der Literatur wirbt man mittlerweile mit dem Begriff „cold case“. „Kein einsames Grab“ von Martin Edwards ist ein solcher Kriminalroman.

Dem übereifrigen Engagement eines Journalisten ist es zu verdanken, dass am zehnten Jahrestag nach dem Verschwinden von Emma Bestwick ihr ungeklärter Fall wieder aufgenommen wird. Es konnte nie geklärt werden, ob sie aus eigenen Motiven verschwunden ist oder entführt wurde. Hannah Scarlett ist Leiterin der Cold-Case-Abteilung der Polizei von Cumbria und aufgrund des öffentlichen Drucks nimmt sie sich des Falls an.

Das ist keine einfache Arbeit. Sie und ihre zwei Kollegen müssen sämtliche Zeugen von damals noch einmal befragen, in der Hoffnung, dass sie sich nun an Dinge erinnern, die ihnen vor zehn Jahren nicht eingefallen sind. Ein aussichtsloses Unterfangen – bis der Journalist Toni Di Venuto behauptet, ein anonymer Anrufer hätte ihm den Fundort von Emmas Leiche gesteckt. Es soll das Arsen-Labyrinth in den Bergen von Cumbria sein. Als die Polizei hinabsteigt, um zwischen den Trümmern der ehemaligen Mine nach Emma zu suchen, findet sie nicht nur eine Leiche, sondern zwei. Hängen die beiden Fälle zusammen? Und wer ist der anonyme Anrufer? Plötzlich gewinnt der Fall deutlich an Brisanz …

Das Aufarbeiten alter, ungelöster Fälle – das klingt eher nach trockener Büroarbeit als nach einem spannenden, rasanten Krimi. Tatsächlich ist dies das größte Problem von „Kein einsames Grab“. Die Befragungen der Zeugen gestalten sich trocken und ergebnislos, nehmen aber einen Großteil des Buches ein. Die eigentlich spannenden Ereignisse werden recht knapp abgehandelt und zudem unterbrochen von diversen anderen Perspektiven in der Geschichte, die mit der eigentlichen Handlung nur wenig zu tun haben. Zum einen ist da der Handlungsstrang des Täters, der sich aber eher weniger mit der damaligen Tat auseinandersetzt. Vielmehr wird seine durchtriebene Persönlichkeit beleuchtet, was nicht unbedingt ein Zugewinn für die Geschichte ist. Zum anderen hätten wir da Daniel Kind, den Sohn von Hannahs ehemaligem Chef, der als Historiker in Cumbria arbeitet. Er kommt vor allem dann ins Spiel, wenn es darum geht, die Geschichte des Arsen-Labyrinths aufzudröseln. Ob dafür unbedingt eine eigene Perspektive von ihm notwendig war, ist fraglich. Viele Sichtweisen auf eine Handlung können sehr aufschlussreich sein, doch in diesem Fall ist Edwards‘ Vorgehen eher verwirrend. Es fällt dem Leser schwer, der zerklüfteten Handlung zu folgen und zu erkennen, was wichtig für den Fall ist und was nur schmückendes Beiwerk.

Aufgrund der Masse der erzählenden Personen gehen auch deren Persönlichkeiten ein wenig unter. Die einzigen Figuren sind zwar anständig ausgearbeitet und besitzen Tiefgang, doch wirklich interessant sind sie nicht. Hannah ist meistens dann am besten, wenn sie gerade mal wieder Zweifel bezüglich ihrer Ehe hat. Ansonsten wirkt sie wie ein Katalysator für die Ermittlungen. Sie besitzt weder einen besonderen Humor noch deutliche Schwächen. Das Gegenteil dazu ist Guy Koenig, der sich unter falschem Namen in einer Pension in Cumbria einnistet und die Hauswirtin um seinen Finger wickelt – mit dem Ziel, ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er hat definitiv eigene Züge, da er sich häufig eine neue Identität zulegt und sehr geübt im Lügen und Täuschen ist. Allerdings wird sein Charakter einseitig beschrieben. Er scheint Reuegefühle und ähnliches nicht zu kennen. Dadurch wird er unglaubwürdig.

Der Schreibstil ist, ähnlich wie die Figuren, gut, aber nicht herausragend. Edwards schreibt flüssig und lebendig, aber er setzt sich kaum von anderen Autoren ab. Er verzichtet weitgehend auf rhetorische Stilmittel und auch seine Dialoge sind häufig etwas langweilig.

In der Summe ist „Kein einsames Grab“ kein schlechtes Buch, aber eben auch kein richtig gutes. Dazu fehlt es ihm an Eigenständigkeit und auf weiten Strecken auch an Spannung und interessanten Ereignissen.

|Originaltitel: The Arsenic Labyrinth
Aus dem Englischen von Ulrike Werner
ISBN-13: 978-3-404-16264-2
412 Seiten, Taschenbuch|
http://www.bastei-luebbe.de

Martin Edwards

_Martin Edwards bei |Buchwurm.info|:_
[„Tote schlafen nicht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4372

Dahl, Kjell Ola – Blutfeinde

Ein Polizist wird erschossen – bei einer Kneipenschlägerei nahe des Osloer Polizeipräsidiums. War es ein Unfall oder Mord? Kommissar Gunnarstranda wird mit dem Fall betraut, muss aber von Anfang an gegen Anfeindungen aus den eigenen Reihen kämpfen. Denn nur wenige Wochen zuvor hatte Gunnarstranda dafür gesorgt, dass Ivar Killi, der nun zum Opfer der Kneipenschlägerei geworden ist, vom Dienst suspendiert wird. Gunnarstranda ist allein auf weiter Flur, kann auf keine Hilfe seiner Kollegen hoffen und muss dann sogar feststellen, dass ihm Beweisstücke aus der eigenen Schreibtischschublade entwendet werden. Keine guten Voraussetzungen, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Schlussendlich wird Gunnarstranda gar der Fall entzogen. Stattdessen muss er seinem Kollegen Frank Frølich dabei helfen, den vermissten Anwalt Arne Welhaven aufzuspüren. Zwar nicht mit Feuereifer, aber immerhin doch gewissenhaft stürzt sich Gunnarstranda in den neuen Fall und entdeckt bei seinen Nachforschungen bald, dass die beiden Fälle zusammenhängen. Denn die Geschäfte, in die Welhaven verwickelt war, betrafen auch den toten Ivar Killi.

Unter schwierigen Bedingungen macht sich Gunnarstranda daran, die beiden Fälle zusammenzubringen und die Fäden zu entwirren, die den Zusammenhang verbergen …

Kjell Ola Dahl hat sich im Krimigenre bereits einen Namen gemacht. Seine Oslo-Krimis mit Kommissar Gunnarstranda erfreuen sich einer festen Fangemeinde, zu der ich mich auch einmal zählte – bis zu diesem Buch …

Gunnarstranda ist eigenwillig, er scheut sich nicht, seine Kollegen vor den Kopf zu stoßen und auch mit unbequemen Wahrheiten aufzutreten. Er weiß sich durchzusetzen und tut, was ihm gefällt. Niemand kommt mit ihm aus, niemand möchte mit ihm zusammenarbeiten, und doch ist Gunnarstranda es stets, der den richtigen Riecher hat. Sympathisch wirkt er auf den ersten Blick eher nicht, man muss schon einen Hang zu derart eigenwilligen Charakteren haben, um Gunnarstranda ins Herz zu schließen. Doch was ihn ausmacht, ist seine Ehrlichkeit auf Teufel komm raus, die mich durchaus beeindruckt. Denn selbst, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht, würde er nie einen Gedanken daran verschwenden, seinem Vorgesetzten Honig ums Maul zu schmieren, nur um diesem zu gefallen. Dennoch: An Gunnarstranda dürften sich die Geister scheiden; mir war er in diesem Fall ein wenig |zu| eigen …

Doch das Problem von „Blutfeinde“ ist ein anderes: Zunächst bekommen wir einen Toten präsentiert, den wir nicht kennen und dem wir daher auch nicht nachtrauern. Noch ist auch nicht klar, ob es sich um einen Unfall handelt oder um Mord. Spannung wird also nicht aufgebaut. Im weiteren Verlauf des Romans wirft uns Kjell Ola Dahl zwar einige Hinweise vor und es wird bald klar, dass Ivar Killi nicht zufällig gestorben ist, doch die Spuren sind so verwaschen, dass wir ihnen nicht folgen können. Bevor wir eine Ahnung erlangen, wohin uns Dahl führen will, schaltet er zu einem anderen Fall, nämlich zu dem vermissten Anwalt. Einen Zusammenhang gibt es zunächst nicht, doch auch der Vermisstenfall ist undurchsichtig und kompliziert. Zu viele lose Fäden versucht Kjell Ola Dahl hier zusammenzuflechten. Meiner Ansicht nach ist sein Handlungskonstrukt dabei aber total zerfasert.

Nicht nur im Polizeipräsidium treffen wir auf zahlreiche unterschiedliche Polizisten – auf Gunnarstranda und seinen Vorgesetzten, seinen Widersacher Petter Bull, auf seinen neuen Kollegen Frølich und auf die Kollegin, die ihm an die Seite gestellt wird. Es tauchen immer mehr Personen auf, die – wie im Fall Yttergjerde – kaum eine Rolle im weiteren Verlauf des Buches spielen. Noch schlimmer sieht es bei den Ermittlungen aus, denn je weiter Gunnarstranda sich in seine Nachforschungen vergräbt, umso mehr Personen fördert er zutage, die mindestens mit einem der beiden Kriminalfälle zu tun haben. Irgendwann muss der Leser zwangsläufig den Überblick verlieren.

Aufgrund der zahllosen Figuren, die wir meist nur oberflächlich kennenlernen und die natürlich meist etwas zu verbergen haben, muss man sich regelrecht durch ein Labyrinth kämpfen – und das ohne einen leitenden roten Faden. Leider vergisst Kjell Ola Dahl bei seinem komplizierten Personen- und Handlungsgeflecht, Spannung aufzubauen, die den Leser motivieren würde, all die Irrwege mitzugehen, auf die Gunnarstranda sich begibt.

Mich hat das Buch leider kein bisschen berührt, da mir die zwei wichtigsten Dinge für einen guten Spannungsroman fehlten: der rote Faden und die Spannung. Auf mich wirkte „Blutfeinde“ vielmehr völlig überladen: Da gibt es anzügliche Fotos von jungen Mädchen, Erpressung und mögliche Vergewaltigung, es werden Unsummen an Geld auf ein dubioses Konto verschoben, und es gibt Polizisten, die mehr als nur ihren Dienst tun. Weniger wäre hier sicher mehr gewesen …

|Originaltitel: Svart Engel
Aus dem Norwegischen von Kerstin Hartmann
ISBN-13: 978-3-431-03774-6|
http://www.ehrenwirth.de

_Außerdem von Kjell Ola Dahl auf |Buchwurm.info|:_
[„Lügenmeer“ 4434

Lewis, Damien – Cobra Gold

_Das geschieht:_

1979 tobt im Libanon der Bürgerkrieg. Christliche und moslemische Gruppen kämpfen erbittert um die Macht. Die Hauptstadt Beirut ist ein Trümmerfeld. Der Westen will Frieden in der wichtigsten Erdöl-Region der Erde. Nach ständigen Attacken durch Palästinenser marschierten israelische Truppen ein. Islamische Terrorgruppen versuchen das Ausland durch Anschläge von einer weiteren Einmischung abzuhalten.

Im Januar des genannten Jahres plant der britische Special Air Service (SAS) eine geheime Operation in Beirut. Dort hält trotz der prekären Situation die „Imperial Bank of Beirut“ weiterhin ihre Pforten geöffnet. Alle kriegführenden Parteien unterhalten hier Konten. Die Bank gilt als neutrales Territorium und wird verschont. Doch der SAS hat Kenntnis von Papieren bekommen, die grundlegende Informationen über arabische Terrorzellen enthalten und in einem bestimmten Schließfach aufbewahrt werden. Neun Männer sollen unter dem Kommando ihres charismatischen Anführers Luke Kilbride nach Beirut gehen, die Bank überfallen und die Papiere sichern.

Kilbride gedenkt die Gelegenheit zu nutzen: Im Tresor der Bank lagern Goldbarren im Wert von 50 Millionen Dollar! Die wollen er und seine Männer sich unter den Nagel reißen, an einem sicheren Ort verstecken und bergen, wenn Gras über die Sache gewachsen ist. Der Coup, Deckname „Cobra Gold“, gelingt, nur dass Kilbride im Safe nicht 700, sondern mehr als 2000 Goldbarren findet! Eine besonders fanatische Terrorgruppe, die „Schwarzen Assassinen“, lagert hier ihre Kriegskasse. Kilbride und seine Kameraden rauben 26.000 kg Gold und versenken es vor der Küste in einer Höhle der Palmeninsel. Anschließend kehren sie zu ihrem Stützpunkt zurück.

Fast drei Jahrzehnte dauert es, bis Frieden im Libanon einkehrt. Endlich kann der Schatz gehoben werden. Allerdings haben die Assassinen die Suche nach ihrem Gold nie aufgegeben. Sie planen eine weltweite Terroraktion und benötigen Geld. Außerdem sollen die frevlerischen Diebe einen schrecklichen Tod erleiden. Kilbride und seine acht Gefährten lassen sich auf ein gewagtes Spiel ein. Sie wollen nicht nur das Gold holen, sondern müssen sich auch die Assassinen vom Hals schaffen …

_Ein Haufen verwegener Hunde_

Dieser Plot erfreut sich konstanter Beliebtheit: Eine Gruppe ebenso verschworener wie kühner Profis, die sich um Gefahr und Vorschriften (oder das Gesetz) nicht kümmern, plant ein eigentlich unmögliches Unternehmen und zieht es durch, auch wenn nicht alle dies überleben werden. Vor allem in England treten Haudegen dieses Kalibers seit jeher in unzähligen Kriegsfilmen und Abenteuerromanen in Aktion. Es geht gegen einen übermächtigen, finsteren Gegner, der die schlauen Schlichen, mit denen er gehörig dezimiert wird, stets ‚verdient‘. In „Cobra Gold“ sind es nicht die sonst von den Briten immer gern an der Nase herumgeführten Nazis, sondern ihr modernes Pendant: moslemische Terroristen.

Die Dramaturgie der Handlung ist simpel; warum auch nicht, denn sie hat sich bewährt und funktioniert immer, wenn bestimmte Regeln beachtet werden. Es beginnt mit einem unkonventionellen Plan und setzt sich mit der Suche nach entsprechenden Kampfgefährten fort, die erst einmal tüchtig gedrillt werden, damit sie in Form für ihre Taten kommen. Dabei wird mächtig gestöhnt und geflucht, aber an einem Strang gezogen, denn in der Sache sind solche Draufgänger eisern und höchstens in der Umsetzung eigenwillig. Immer gibt es Konfrontationen mit Greenhorns und Sesselfurzern, denen Verachtung demonstriert und die eigene Feigheit widergespiegelt wird.

Untereinander halten ‚die Jungs‘ wie Pech und Schwefel zusammen. Sie saufen, prügeln sich, steigen den Frauen hinterher, lieben Landser-Scherze und geistlose Foppereien. Kritiker können ihnen zu Recht vorwerfen, sie wollten nicht erwachsen werden. Das dürfen sie auch nicht, da sonst niemals unterhaltsame Schwachsinns-Unternehmen wie „Cobra Gold“ zustande kämen.

Der Anführer gibt den Kitt, der die Teufelskerle zusammenhält. Luke Kilbride ist der Kopf, der koordiniert, was sich acht Querköpfe einfallen lassen – der ‚Vernünftige‘, der es inzwischen zu einem soliden Leben gebracht hat, während sich ‚die Jungs‘ ziellos treiben ließen. Die Bergung des Goldes ist ihnen nicht nur des Geldes wegen wichtig – es gibt ihrem Dasein wieder Sinn.

_Einst und jetzt – gut und mittelmäßig_

Als Roman zerfällt „Cobra Gold“ in zwei Hauptteile. Nummer eins schildert die Ereignisse des Jahres 1979. Hier läuft Verfasser Lewis zu grandioser Form auf. Der Banküberfall in den Wirren eines mörderischen Bürgerkriegs liest sich kinoreif. Jedes Wort sitzt, die Handlung wird im Höllentempo vorangetrieben. Lewis kennt Land und Leute und weiß dies für seine Geschichte zu nutzen. Der große Coup bietet Spannung pur.

Leider gelingt dem Verfasser die Rückkehr in den Libanon nicht mehr so überzeugend. Die Fahrt lässt sichtlich nach, stattdessen wirkt die Handlung zerfahren. Vor allem beginnt Lewis seinen Figuren ein Privatleben zu generieren, für das sie nicht geschaffen wurden. Bisher auf ihre Rolle als Tausendsassas beschränkte ‚Jungs‘ entwickeln plötzlich Frühlingsgefühle, soll heißen: Männer in ihren Fünfziger verlieben sich in knapp zwanzigjährige und selbstverständlich wunderschöne Frauen, die sich gern dem Werben solcher Kämpen ergeben, weil in Afrika das Alter geehrt wird. Klischeehaft und unbeholfen geschriebene Liebesszenen lassen den Leser peinlich berührt stöhnen. Der generell unnötige Versuch, einer Räuberpistole ‚Tiefe‘ einzuhauchen, schadet ihr nachhaltig.

Keine gute Idee ist auch die Weitung des Blickwinkels. Die Realität bot im ersten Teil die Folie, vor der neun Männern ihr ganz privater Husarenstreich gelang. Nunmehr wird das Gold zur Nebensache. Plötzlich geht es um die Ausschaltung islamischen Terrorgesindels. Aus Bankräubern werden Handlanger des britischen Geheimdienstes und Retter der Welt. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Hebung eines Schatzes. Zum Wohl der Menschheit wird stattdessen einer Lumpenbande eine gigantische Bombe untergeschoben, die sie in Stücke reißen soll. Das hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack, wozu passt, dass Kilbride und Co. nunmehr metzeln, was ihre prall gefüllte Waffenkammer hergibt, und sogar vor Folter nicht zurückschrecken.

_Haut die Burnusköpfe – aber nur die richtigen …_

Aber es sind ja richtig böse Mistkerle, die ins staubige Gras beißen. Lewis versucht beschwichtigend zu differenzieren: 99,9 % aller Moslems sind friedliche Menschen, die weder einander noch ihren christlichen Nachbarn Böses antun. Die restlichen 0,1 % sind jene Brandstifter, die frömmelnd und verlogen ihre eigenen Landsleute unterdrücken und die nicht-islamische Welt mit Terror überziehen.

Weil Lewis vorsichtshalber möglichen Protesten zuvorkommen möchte, konstruiert er für seine Geschichte eine eigene, ganz besonders fiese Mördertruppe. Die „Schwarzen Assassinen“ knüpfen an eine arabische Attentäter-Organisation an, die vor einem Jahrtausend ihr Unwesen trieb. Sogar die religiösen Fanatiker im eigenen Land fürchteten sie. Lewis kreiert mit dem „Scheich“ einen richtigen Bilderbuch-Buhmann, der feurigen Blickes Fremdenhass predigt und Mordbefehle erteilt, während er fromm seine Teekanne schwingt. Solcher Abschaum gehört geradezu ausgetilgt, so Lewis‘ Schlussfolgerung, die er nicht ausspricht, sondern seinen Lesern überlässt.

Um den etwaigen Vorwurf rassistischer Schmähungen endgültig abzufedern, stellt Lewis den Assassinen einen britischen Verräter zur Seite. Dieser übergelaufene und ganz besonders blindgläubige „Sucher“ ist der eigentliche Bösewicht. Er tückt noch ärger als der Scheich. Auf ihn kann und soll der Leser seinen vom Verfasser aufgepeitschten Rachedurst („Legt sie um, die Teufelsbrut! Hurra, schon wieder ein Schweinehund von einer Mine/einem Kampfhund/einer MG-Garbe zerfetzt!“) konzentrieren.

Im Finale geht es mit Nervengas und selbst gepanschtem Napalm noch einmal richtig zur Sache. Im Schatten dieses Feuerzaubers verdorrt die eigentliche Auflösung. Die Aktionen werden unrealistisch, Hektik ersetzt die ausgeklügelte Dramaturgie, die den ersten Teil des Buches auszeichnet. Als der Held zuletzt im Duell mit dem Schurken sein Ende zu finden scheint, ist dies nur billiger Vorwand für einen schmalzreichen Aufschub des Happy-Ends, mit dem selbstverständlich – und das ist kein Spoiler – das Unternehmen „Cobra Gold“ ausklingt. Schade, denn dieser Roman hatte das Zeug zu richtig großer Unterhaltung. So bleibt nur die Erinnerung an einen steilen Aufstieg, dem bis zum jähen Finalabsturz ein sanftes Abgleiten auf hohem unterhaltsamen Niveau folgt.

_Der Autor_

Damien Lewis, geboren 1966 und aufgewachsen im englischen Dorset, ist ein Journalist und Autor, dessen schriftstellerisches Spektrum zunächst verblüfft: Er schreibt einerseits militärhistorische Sachbücher bzw. Militär-Thriller und andererseits Biografien über Frauenschicksale in restriktiven muslimischen Gesellschaften. Vor allem als Ko-Autor der Sudanesin Mende Nazar, der eine abenteuerliche Flucht aus moderner Sklaverei gelang, fand Lewis zahlreiche (nicht nur weibliche) Leser und die entsprechende Aufmerksamkeit der Medien.

Die Schnittmenge seiner Hauptthemen findet Lewis in den Krisenzonen vor allem der sog. „Dritten Welt“ und hier in Afrika und im Nahen Osten. Hier geht er immer wieder auf Reisen, seit er – noch als Student – eine ausdehnte Pkw-Reise durch den afrikanischen Kontinent unternahm. Als Journalist zog es ihn im Auftrag von Zeitungen und Fernsehsendern aber auch in eher gefährliche Regionen Asiens und Südamerikas. Nach einer beinahe tödlichen Krankheit im Jahre 2000 schränkte Lewis seine Reisetätigkeit ein und begann Bücher zu schreiben, die sich – es wurde bereits erwähnt – mit humanitären und militärischen Krisen beschäftigen. Seine Werke – Bücher und Filme – wurden vielfach mit Preisen ausgezeichnet.

Wenn er nicht reist, pendelt Damien Lewis zwischen Südwest-England, Irland und Frankreich. Über seine Aktivitäten informiert der Autor und Filmemacher auf seiner Website: http://www.damienlewis.com.

_Impressum_

Originaltitel: Cobra Gold (London : Century Books 2007)
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2008 (Knaur Taschenbuchverlag/TB Nr. 50143)
Übersetzung: Stefan Troßbach
448 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-426-50143-6
http://www.knaur.de

O’Connor, Ed – Leda

Literarische Serientäter gibt es mittlerweile in allen möglichen Formen und Farben. Der englische Schriftsteller Ed O’Connor fügt dem Thema in seinem Krimi „Leda“ eine neue Nuance hinzu: Schwäne und einen guten Schuss Kunst.

Detective Inspector Lucy Maguire steht vor einem Rätsel. Innerhalb kurzer Zeit werden in London zwei weibliche Leichen gefunden. In beiden Fällen fand eine Vergewaltigung statt und die Opfer wurden merkwürdig drapiert. Zu ihren Füßen finden sich zertretene Eierschalen, in ihren Hälsen stecken die Schnäbel von Schwänen. Es scheint, als habe man es hier nicht mit einem normalen Killer zu tun. Ob ein Ritualmörder sein Unwesen treibt?

Zur gleichen Zeit wird der betagte Kunsthistoriker Siegfried Gratz von einer jungen Frau kontaktiert, die behauptet, die Tochter seiner großen, aber unerwiderten Liebe Elizabeth Weir zu sein. Sie überreicht ihm einen Briefumschlag mit seltsamen Dokumenten, darunter die Fotografie eines Michelangelo-Gemäldes. Es scheint, als habe sie ihm vor ihrem Tod ein Rätsel aufgeben wollen, in dessen Mittelpunkt das verschwundene Gemälde der „Leda“ steht. Ob Elizabeth eine Spur hatte, wo sich das Kunstwerk befindet? Helen Aurel und Siegfried Gratz machen sich auf die Suche danach, und schon bald kreuzen sich ihre Wege unvorhergesehen mit denen der Londoner Ermittler …

Die Handlungsstränge mit Gratz und Maguire sind allerdings nicht die einzigen. Begleitend beschreibt Ed O’Connor den Werdegang des Gemäldes „Leda“. Er streut immer wieder voneinander unabhängige historische Rückblicke ein, die nicht in die eigentliche Geschichte passen wollen. Sie gewinnen erst gegen Ende an Bedeutung. Vorher sind sie eher ein Ärgernis, das man gerne überblättert. Die Geschichte zerklüftet dadurch sehr stark, und die kurzen Abschnitte, die im sechzehnten Jahrhundert beginnen, passen nicht in den Kontext. Die Sprünge zwischen den einzelnen Handlungssträngen machen es für den Leser schwierig, der Geschichte zu folgen. Hinzu kommt, dass der Autor die einzelnen Abschnitte häufig sehr kurz hält. Dadurch verschenkt er einiges an Potenzial – auch hinsichtlich der Spannung des Thrillers.

Durch die vielen, nebeneinander stehenden Perspektiven gibt es nur wenig Raum zur Entfaltung der Charaktere. Siegfried Gratz wird zum Glück recht ausführlich behandelt, denn er ist ein interessanter Mensch mit einer spannenden Vergangenheit. Außerdem macht es Spaß, seinem Wissen über die Kunst zu folgen. Anders sieht das bei Aiden Duffy, dem Londoner Forensikspezialisten, aus. Er kommt eindeutig zu kurz. Seine Figur besitzt sehr viel Tiefgang, der sich aber aufgrund der Kürze seiner Auftritte nicht völlig entfalten kann. Zudem fällt besonders an dieser Stelle auf, dass der Autor zu viel Drumherum in sein Buch packen wollte. Neben der Geschichte des Gemäldes, den Morden in London und Gratz‘ Suche nach dem Gemälde behandelt er außerdem Duffys Vergangenheit, seine Beziehung zu DI Maguire sowie Vergangenheit und Gegenwart des Mörders.

Es ist löblich, dass Ed O’Connor das Geschehen aus so vielen Blickwinkeln wie möglich beleuchten möchte, doch in diesem Fall wäre weniger mehr gewesen. O’Connors unaufgeregter, flüssiger Schreibstil und das Handlungsgerüst an und für sich hätten einen ordentlichen Thriller gegeben, doch das ausschweifende Beiwerk schadet „Leda“ mehr, als es nützt. Schade.

|Originaltitel: Leda
Aus dem Englischen von Marion Sohns
ISBN-13: 978-3-404-16263-5
412 Seiten, Taschenbuch|
http://www.bastei-luebbe.de

_Ed O’Connor bei |Buchwurm.info|:_
[„Mit eiskalter Klinge“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3653

Goddard, Robert – Schatten von Aberdeen, Die

_Das geschieht:_

Nach vielen Jahren kehrt der in Kanada lebende Harry Barnett in seine englische Heimat zurück, um den Nachlass seiner verstorbenen Mutter zu ordnen. Die Einladung zu einem Treffen ehemaliger RAF-Kameraden ist ihm eine willkommene Ablenkung. Vor fünfzig Jahren hatte Harry als Soldat an einem obskuren militärischen Projekt teilgenommen: Junge Soldaten wurden in Kilveen Castle, einem unweit der schottischen Stadt Aberdeen gelegenen Außenposten der Royal Air Force, auf ihre Lernfähigkeit überprüft. Mit 14 Kameraden hatte Harry 1955 drei angenehme, weil drillfreie Monate in der alten Burg verbracht. Dorthin lädt Johnny Dangerfield, der im Ölgeschäft reich geworden ist, nun ein. Kilveen Castle wurde inzwischen zum Luxushotel umgebaut, sodass sich die im Rentenalter befindlichen Kameraden nicht lange bitten lassen.

Auch Harry fährt, obwohl er weiß, dass sein ehemaliger Freund und Geschäftspartner Barry Chipchase ebenfalls kommen wird. Nach der Pleite einer gemeinsam betriebenen Werkstatt geht man sich tunlichst aus dem Weg. Auch andere alte Kameraden hat Chipchase inzwischen um Geld geprellt, sodass Harry sich nicht wundert, dass Barry Kilveen Castle letztlich meidet.

Ohnehin ist das Treffen kein Erfolg. Schon während der Anreise verschwindet einer der alten Soldaten; seine Leiche wird später gefunden. Mord ist möglich, und als in kurzem Abstand zwei weitere Teilnehmer des Treffens sterben, wird die Polizei unangenehm. Ausgerechnet der biedere Harry wird zum Hauptverdächtigen. Zu ihm gesellt sich der aus der Versenkung aufgetauchte Chipchase. In ihrer Not tun die beiden Männer sich zusammen und stellen eigene Nachforschungen an. Sie führen in die eigene Vergangenheit zurück, die sie zu unfreiwilligen Opfer eines obskuren Experiments machte. In der Gegenwart sind die Polizei, der Geheimdienst und diverse Killer dem Duo auf den Fersen …

_Ein Buch als nicht ganz einfach zu hebender Schatz_

Die Konstruktion eines Rätsels, das auch den lese- und filmerfahrenen Zeitgenossen fesseln kann, ist im 21. Jahrhundert wahrlich kein einfaches Unterfangen. Uns wurden alle möglichen (und unmöglichen) Intrigen in unzähligen Varianten bereits präsentiert, sodass wir in der Regel wissen, wohin der Hase läuft.

Deshalb ist durchaus eine besondere Erwähnung angebracht, wenn es einem Autoren doch gelingt zu überraschen – einem Autoren zudem, der einem als Kandidat nicht unbedingt einfallen würde. Robert Goddard hat sich mit mysteriösen Ereignissen der (jüngeren) Vergangenheit, die sich in der Gegenwart meist gewalttätig zu neuem Leben melden, zwar einen Namen gemacht, der indes durch ein Zuviel an unterhaltsamen, aber zunehmend schematisch gestrickten Geschichten an Glanz verloren hat. Zumindest der Rezensent hätte Goddard ein Kabinettstück wie „Die Schatten von Aberdeen“ nicht (mehr) zugetraut!

Es zu finden, ist nicht ganz einfach, denn obwohl Goddard zu den Stammautoren des |Goldmann|-Verlags gehört, werden seine Werke optisch völlig lieblos und mit auswechselbaren Stock-Covern quasi gut getarnt in die deutschen Buchladen-Ketten gepresst.

_Menschen altern, Geheimnisse reifen_

Sehr schade ist das, denn die Geschichte vom alten Soldaten, der in eine monströse Verschwörung gerät, ist ungemein unterhaltsam. Zwar ist das dem Komplott zugrunde liegende Rätsel nachträglich betrachtet nicht gerade originell. So denkt der Leser freilich in 99 von 100 entsprechenden Fällen. Der Weg ist der Ziel, und der ist reich an scharfen Kurven und unerwarteten Hindernissen, während die Geschichte gemächlich beginnt, aber bald gefährlich an Fahrt aufnimmt. Dabei muss man mehr als einmal an Alfred Hitchcock selig und hier explizit an sein frühes Meisterwerk „The 39 Steps“ (1935; dt. „Die 39 Stufen“) denken, das ebenfalls eine wilde Flucht vor unsichtbaren, aber mörderischen Verfolgern durch schottische Moor- und Heidelandschaften und ein vertracktes Rätsel thematisiert, von dessen eigentlich unmöglicher Auflösung das Leben der ratlosen Hauptfiguren abhängt.

Auch Harry Barnett ist eine Figur, die Hitchcock gefallen hätte – ein Jedermann, der in seinem ruhigen Leben keine Turbulenzen erfahren und überstanden hat, die ihn auf das vorbereiten könnten, was ihn im Land seiner Väter erwartet. Folgerichtig ist Harry alles andere als ein Held und – obwohl schon zweimal in kriminelles Treiben verwickelt – in echten Krisensituationen überfordert. Schon sein Alter verbietet ihm Action-Einlagen, und für sein Naturell ist es charakteristisch, dass ihn bereits die Handhabung eines Handys überfordert; keine Idealvoraussetzungen für eine Flucht, die kreuz und quer durch Schottland und England führt und in der nördlichen Ödnis der Neuen Hebriden ihren Höhepunkt findet.

_Nimm’s mit Humor, auch wenn die Kugeln fliegen_

Hitchcock zum Dritten: Obwohl Mord und Totschlag mehr als eine Szene von Harrys Odyssee prägen, schlägt Autor Goddard einen sehr leichten Ton an. „Die Schatten von Aberdeen“ besticht durch einen stets präsenten, nie albernen oder aufdringlichen, sondern britisch trockenen Humor, der die Übersetzung erfreulich gut überstanden hat. Für einen politisch unkorrekten Oneliner sorgt auch in kritischen Situationen zuverlässig Luftikus Barry Chipchase, den Goddard wohlweislich dem blassen Harry an die Seite stellt.

Barry ist ein Betrüger, dem kein Coup jemals wirklich gelang. Wieso das so ist, erfahren wir schnell, denn für eine Hetzjagd auf Leben und Tod ist er eigentlich nicht der richtige Partner. In der Tat ist es die blanke Not, die unsere ungleichen ‚Helden‘ zusammenschweißt: ein Klischee, das Goddard wundersam mit neuem Leben erfüllt.

Natürlich hat Barry das Herz auf dem rechten Fleck. Wenn man weiß, welche Knöpfe man bei ihm zu drücken hat, schwingt er sich zu ungeahnten Höhenflügen auf. Harry ist hartnäckig, aber zurückhaltend, Barry unkonventionell. Gemeinsam sind sie nicht unbedingt unschlagbar, aber sie entwickeln eine Gegenwehr, die nicht aus bisher verborgenen Superkräften, sondern logisch aus der Handlung erwächst. Das zu verfolgen, macht einfach Spaß, zumal Goddard mit Überraschungen nie geizt. Selbst das etwas zu happy geratene Ende passt zu dieser Geschichte, die Routine mit Raffinesse mischt – in welchem Verhältnis dies geschieht, mag der Leser/der Kritiker selbst entscheiden.

_Der Autor_

Robert Goddard wurde 1954 in Fareham, Hampshire, geboren. Als Student der Universität zu Cambridge erwarb er einen akademischen Grad als Historiker: eine Ausbildung, die ihm später nützlich war, obwohl er sich zunächst mit den in diesem Metier üblichen Beschäftigungsproblemen konfrontiert sah. Ein Versuch, als Journalist Fuß zu fassen, scheiterte recht bald, und auch als Lehrer konnte Goddard nicht glänzen. So wählte er den letzten Ausweg und ging in die Verwaltung.

Während er für das „Education Department“ des Devon County Councils tätig war, schrieb er in seiner Freizeit einen ersten Roman. „Past Caring“ (dt. „Dein Schatten, dem ich folgte“) erschien 1986 und entwickelte sich sogleich zu einem großen Erfolg. Der gleichzeitig vertrackte und spannend entwickelte, dabei aber den Regeln des Genres stets verpflichtete und massenlesertaugliche Thriller um diverse Schatten aus ferner Vergangenheit, die in der Gegenwart zu neuem, unheilvollen Leben erwachen, wurde zur Blaupause der meisten Romane, die seither in zügigem Tempo und regelmäßig folgten. Die Leser scheint es nicht zu stören, jedes Goddard-Werk entert die Bestsellerlisten; nicht bis zur Spitze, aber – auch in Deutschland – hoch genug, um dem mit seiner Gattin heute in Truro, Cornwall, lebenden Schriftsteller ein behagliches Auskommen zu garantieren.

Die Harry-Barnett-Serie erschien zuletzt im |Wilhelm Goldmann Verlag|:

(1990) Into the Blue („Mitten im Blau”) – TB 41310
(1996) Out of the Sun („Die Zauberlehrlinge”) – TB 44273
(2006) Never Go Back („Die Schatten von Aberdeen“) – TB 46400

_Impressum_

Originaltitel: Never Go Back (London : Bantam Press 2006/New York : Delta Trade Paperbacks 2007)
Übersetzung: Peter Pfaffinger
Deutsche Erstausgabe: Juni 2007 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46400)
411 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-46400-5
http://www.goldmann-verlag.de

_Außerdem von Robert Goddard auf |Buchwurm.info| zu finden:_

[„Bedenke, dass wir sterben müssen“ 1605

Baldacci, David – Sammler, Die

Der amerikanische Schriftsteller David Baldacci liebt die Abwechslung. Während es sich bei den Büchern mit Michelle Maxwell und Sean King um knallharte Agententhriller handelt, geht es in der Reihe des Camel Club wesentlich gemächlicher zu. „Die Sammler“ ist der zweite Band nach [„Die Wächter“, 4513 und auch dieses Mal haben die vier Freunde um den mysteriösen Oliver Stone einen Mordfall aufzuklären.

Der Camel Club hat es sich zur Aufgabe gemacht, Verschwörungen der amerikanischen Regierung aufzudecken. Eines ihrer Mitglieder, Caleb Shaw, arbeitet in der Washingtoner Kongressbibliothek in der Abteilung für seltene Bücher. Eines Morgens findet er seinen Vorgesetzten Jonathan DeHaven tot in einem der Räume. Die Obduktion ergibt, dass er einem Herzversagen zum Opfer fiel, doch der misstrauische Camel Club glaubt nicht an diese offizielle Version des Falls, denn wenige Tage zuvor ist ein Sprecher des Repräsentantenhauses erschossen worden.

Bei ihren Ermittlungen finden die vier Mitglieder des Camel Clubs heraus, dass DeHaven nicht nur ein sehr wertvolles antikes Buch besaß, sondern auch seinen Nachbarn, einen Rüstungsunternehmer, beobachtete. Warum hat er dies getan? Und was ist mit seiner Ex-Frau, der undurchsichtigen Susan, die den vieren hilft und dabei besondere Fähigkeiten an den Tag legt? Was der Camel Club nicht weiß: Susan heißt eigentlich anders und ist eine erfolgreiche Trickbetrügerin. Gerade hat sie ein Casino in Las Vegas ausgehoben und wird deshalb gesucht …

Wer Baldacci bislang vor allem als Autor actionreicher Thriller kennengelernt hat, wird für „Die Sammler“ etwas Zeit zur Eingewöhnung brauchen. In diesem Buch geht es nämlich wesentlich gemächlicher zu. Die meisten Mitglieder des Camel Clubs sind ältere Semester und beschränken sich eher auf das Denken als auf das Handeln. Letzteres kommt zwar nicht zu kurz, wirkt aber häufig nicht besonders authentisch, sondern eher aufgesetzt. Darüber hinaus hätte der Erzählstrang von Susan eine Schlankheitskur vertragen. Baldacci bläht den Casinobetrug derart auf, dass man glaubt, er müsste eine tiefere Bedeutung für den Rest der Handlung haben. Dies ist aber nicht der Fall. Hinzu kommt, dass die Perspektive des Täters zwar gut gestaltet ist, aber durchaus Potenzial für ein häufigeres Auftreten gehabt hätte.

Die Spannung kommt in „Die Sammler“ dementsprechend etwas zu kurz. Ähnlich verhält es sich mit den Charakteren. Der Autor bemüht sich zwar, diese lebendig und interessant auszuformen, aber sein humorvoller Unterton ist schuld daran, dass Caleb, Oliver, Milton und Reuben häufig eher wie Karikaturen ihrer selbst wirken. Oliver Stones geheimnisvoller Hintergrund bringt an manchen Stellen etwas Feuer in die Geschichte, aber letztendlich ist eine Vergangenheit im Dienste des Staates nichts wirklich Neues. Gerade der Tiefgang, der Baldaccis Figuren Maxwell und King ausmacht, fehlt in diesem Buch beinahe vollends.

Geschrieben ist der Roman gut, ohne Frage. Der Autor versteht sein Handwerk und schafft es zudem, in diesem Fall anders zu klingen als in den Büchern um Maxwell und King. Er verfällt häufig in einen humorvollen Tonfall, was der Geschichte Leben einhaucht. Ansonsten erzählt er flüssig und unkompliziert, aber mit wenig Wiedererkennungswert.

In der Summe ist „Die Sammler“ daher sauber erzählt, aber nicht wirklich spannend. Andere Thriller von David Baldacci haben da wesentlich mehr zu bieten. Trotzdem wird „Die Sammler“ sicherlich seinen Fankreis finden. Wer ältere, etwas exzentrische Verschwörungstheoretiker mag und weniger Wert auf eine rasante Handlung legt, der ist mit diesem Buch gut beraten.

|Originaltitel: The Collectors
Aus dem Amerikanischen von Uwe Anton
ISBN-13: 978-3-7857-2354-8
494 Seiten, Hardcover|
http://www.luebbe.de
http://www.davidbaldacci.com

_David Baldacci bei |Buchwurm.info|:_

[„Mit jedem Schlag der Stunde“ 2400
[„Im Bruchteil der Sekunde“ 836
[„Das Geschenk“ 815
[„Der Abgrund“ 414
[„Die Verschwörung“ 396
[„Das Versprechen“ 361
[„Die Versuchung“ 676
[„Die Wächter“ 4513
[„Im Takt des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5677

Faulks, Sebastian – James Bond: Der Tod ist nur der Anfang

_Das geschieht:_

Nachdem ihm erst der böse Blofeld die Gattin erschoss und kurz darauf der irre Killer Scaramanga ihn zum Duell forderte, ist James Bond, Doppel-Null-Agent mit der Lizenz zum Töten, körperlich und geistig am Ende. M, Chef des britischen Geheimdienstes, schickt ihn in einen dreimonatigen Zwangsurlaub. Bond nimmt an und ist nach einigen ruhigen Wochen fast entschlossen, den Dienst zu quittieren, als ihn ein dringender Auftrag ins große Agentenspiel zurückkehren lässt.

Der charismatische aber psychisch gestörte Wissenschaftler Dr. Julius Gorner plant, seinem Hass auf alles Britische durch die Flutung des Inselreiches mit qualitativ hochwertigem Heroin zu frönen. Im persisch-sowjetischen Grenzgebiet des Irans – wir schreiben das Jahr 1967 – hat er eine Laborfestung errichtet, in der rauschgiftsüchtige Sklaven für ihn schuften. Mit den Sowjets, denen Gorners Plan sehr gut gefällt, steht der Doktor im Bund, was den britischen Geheimdienst erst recht in Aufruhr versetzt.

Schon bevor Bond sein Flugzeug nach Teheran besteigen kann, wird ein erster Mordanschlag auf ihn verübt, denn Gorner hat seine Spitzel überall. Als wäre es nicht schwierig genug, selbst am Leben zu bleiben, steht Bond auch noch im Wort bei der schönen Scarlett Papava. Er soll ihre Zwillingsschwester Poppy retten, die zu Gorners Sklavenheer zählt.

Teheran ist Stützpunkt zahlreicher Geheimdienste und Agenten. Die ‚Kollegen‘ von der CIA empfangen Bond unfreundlich. Aber auch Gorner weiß längst, dass Bond ihn ausforschen soll. Die Falle ist gestellt, und als sie zuschnappt, steckt 007 tief in Gorners bizarrer Festung gefangen, wo er von dessen neuestem Projekt erfährt – dem III. Weltkrieg …

_Held von heute in der Welt von gestern_

2006 blies der global erfolgreiche Relaunch der James-Bond-Filmreihe frischen Wind ins halbtote 007-Franchise. Auf dass die Münzen noch ein wenig lauter im Beutel klingelten, wurde auch der ‚literarische‘ James Bond wiederbelebt. Zwar erschienen nach Ian Flemings Tod (und unabhängig von den Filmen) immer wieder neue 007-Romane, doch litten auch diese unter denselben Ermüdungserscheinungen, die auch dem Film-Bond beinahe den Garaus gemacht hätten.

Lustlos wurde immer wieder aufgekocht, was längst nicht mehr originell war. Während die 007-Story mit „Casino Royale“ quasi wieder neu aufgerollt wurde, entschied man sich, die Bond-Chronik, wie sie durch die Filme fortgeschrieben war, für den neuen Roman zu ignorieren: Nun endete sie 1966, dem Jahr, in dem – bereits postum – Flemings letzte Bond-Kurzgeschichten („Octopussy“ und „The Living Daylights“) erschienen waren, und wurde fast nahtlos durch Sebastian Faulks fortgesetzt, der seinen pünktlich zum 100. Geburtstag von Ian Fleming veröffentlichten 007-Thriller 1967 spielen lässt.

„Sebastian Faulks schreibt als Ian Fleming“, lesen wir auf dem Buchcover – eine ebenso anmaßende wie überflüssige Ankündigung, die indes unfreiwillig perfekt diesen Retro-Bond charakterisiert. Faulks erfindet den Geheimagenten nicht neu. Seine Intention ist ein Roman, wie ihn Fleming geschrieben hätte, wäre er nicht 1964 eines frühen Todes gestorben. Er bedient sich der Mechanismen, für die Fleming berühmt (oder berüchtigt; die Kritiker sind sich da uneins) geworden ist: Bond ist wieder ein aktiv an den Fronten des Kalten Kriegs kämpfender Agent. Zu seinem Job gehört es, sich in allen Gesellschaftsschichten zu bewegen. In der iranischen Wildnis tritt er ebenso sicher auf wie an der französischen Riviera. Fleming schätzte die Attribute des feinen Lebens sehr und schilderte sie ausführlich in seinen Romanen. Folgerichtig beschreibt auch Faulks luxuriöse Autos, opulente Menüs oder schicke Kleidung ungemein detailliert.

_Viel Mühe investiert & nur Bekanntes erschaffen_

Schon jetzt taucht die Frage auf, worin der Sinn besteht, einen literarischen Stil nachzuahmen, der vor langer Zeit mit seinem Schöpfer verschwunden ist. Als Kopist hat Faulks zweifellos gute Arbeit geleistet. Genau dieser Punkt wird in der Werbung hervorgehoben, denn selbstverständlich wurde „Der Tod ist nur der Anfang“ unter gehörigem Mediengetöse auf den Markt gebracht.

Der Plot scheint in diesem Zusammenhang eher unwichtig zu sein. Faulks strickt ein nie originelles und simples, aber solides und in Unkenntnis des 007-Universums – dazu gleich mehr – unterhaltsames Thriller-Garn. Gorners Drogenkartell ist ein brauchbarer Aufhänger. Fleming selbst schrieb Anfang der 1960er Jahre das Skript zu einem Thriller im Rauschgiftschmuggel-Milieu des Nahen Ostens, das 1966 als „Poppies Are Also Flowers“ (dt. „Mohn ist auch eine Blume“) verfilmt wurde. James Bond tauchte in dieser Geschichte nicht auf.

Hieße die Hauptfigur hier nicht James Bond, wäre Faulks Roman allerdings nicht der Stoff, aus dem Bestseller gemacht werden. Schlimmer noch: „Der Tod ist nur der Anfang“ reiht faktisch und kaum (bzw. schlecht) variiert ausschließlich Bond-Szenen aneinander, die wir aus Flemings Romanen und den 007-Filmen (primär mit Sean Connery) kennen. Bonds Tennis-Duell mit dem unfair aufspielenden Gorner ist dem Poker-Turnier mit dem mogelnden Goldfinger nicht nur nachempfunden. Die pittoreske Szenerie in Teheran erinnert fatal an das Istanbuler Ambiente aus „From Russia with Love“ (dt. „Liebesgrüße aus Moskau“).

_Das Böse ist immer gezeichnet_

Und natürlich ist Julius Gorner nur ein weiterer megalomanischer Bösewicht in der Tradition von Dr. No, Hugo Drax oder Karl Stromberg. An seiner Seite tückt als Psychopath fürs Grobe nicht Oddjob, Schnickschnack oder gar der „Beißer“, sondern der lobotomisierte Kriegsverbrecher Chagrin.

Denn das Böse manifestiert sich im Bond-Kosmos nicht nur im Größenwahn seiner Schurken, sondern auch in deren Erscheinung. Die innere Verunstaltung spiegelt sich im Äußeren wider: Gorner leidet unter einer Erbkrankheit, die seine linke Hand in eine behaarte Affenpfote verwandelt, Chagrin hat eine Klappe im Schädeldach und leidet unter einer Lähmung der Gesichtsnerven, die ihn keine Miene verziehen lässt.

Schon Fleming schätzte solche plakativen Finsterlinge. Anders als in den Bond-Filmen seit den 1970er Jahren vernachlässigte er darüber jedoch nicht das realitätsbezogene Szenario einer Welt im Kalten Krieg. Faulks kann oder mag sich dem nur bedingt anschließen. Er lässt die Weltpolitik des Jahres 1967 pflichtschuldig einfließen. Sehr viel ausführlicher schwelgt er jedoch in den pompösen, aber unrealistischen Vernichtungs- und Racheplänen des Dr. Gorner und damit in der Science-Fiction-Gigantomanie des Kino-Bonds. (Außen vor bleiben immerhin die lachhaften ‚Geheimwaffen‘, mit denen Q selig ihn so zahlreich ausstattete.)

_Der Anfang ist nur der Tod_

Der ’neue-alte‘ Bond soll stylish wirken. Stattdessen ist er altmodisch. Flemings Bond war zeitgemäß und im positiven Sinn ein Kind seiner Zeit. Faulks schickt Strom durch die Muskeln eines toten Frosches: Er zuckt, aber lebendig wird er deshalb nicht. Sogar als Liebhaber kommt Bond nie zum Zug; entweder will er gerade nicht, oder es kommt im entscheidenden Moment etwas dazwischen. Andererseits ist Scarlett Papava als Bond-Girl keine Offenbarung, ihre Attraktivität nur behauptet. Es braucht halt eine schöne Frau an James Bonds Seite – ein weiterer Automatismus, der sich als solcher selbst entlarvt.

Als Bond das erste Mal auftritt, unternimmt er gerade eine Erholungsreise durch das mediterrane Europa. Er ist ausgebrannt, was Autor Faulks ausführlich begründet, und will aussteigen. Das ist in einem Moment vorbei und vergessen, sobald er auf Gorners Fährte gesetzt wird. Bonds Midlife-Crisis wird nie wieder erwähnt; sie war wohl doch nicht so stark ausgeprägt …

Oder hat die von M verordnete Kur angeschlagen? Dass „Der Tod ist nur der Anfang“ unter anderem im „Swinging London“ der späten 1960er Jahre spielt, erfahren wir dadurch, dass M sich unheilvoll über die Promiskuität aktueller Popsänger auslässt. Allerdings hat die „Flower-Power“-Bewegung trotzdem den Geheimdienst erreicht – M übt sich nun in Yoga und verdonnert auch den entsetzten 007 zu entsprechendem Treiben: Ist es Faulks Absicht, Bond im Kontrast zu einer Welt im Wandel als betont konservativen Charakter zu zeigen? Mögen wir einen James Bond, der mit seiner ältlichen Aufwartefrau einig ist in der Ächtung der Rolling Stones?

Und mit dieser tiefsinnigen Frage sowie folgendem Fazit schließen wir diese Buchbesprechung: „Der Tod ist nur der Anfang“ bietet leichte Thriller-Kost mit der beruhigenden Gewissheit des Bekannten, nie Überraschenden; so mancher Leser schätzt diese Routine, und der Handel weiß, was er wie zu vermarkten hat. Der James Bond, den Ian Fleming einst schuf, bleibt allerdings tot. 007 lebt nur im Kino wirklich weiter. Dort scheint er allerdings unsterblich zu sein.

_Anmerkung_

„Devil May Care“, der Originaltitel, ist ein altes englisches Sprichwort, das sich am besten mit „Nach mir die Sintflut“ übersetzen lässt, was wesentlich besser klingt als das elegisch-pompöse „Der Tod ist nur der Anfang“.

_Der Autor_

Sebastian Charles Faulks wurde 1953 in Newbury in der englischen Grafschaft Berkshire geboren. Er studierte Englisch an der Universität Cambridge und wusste nach eigener Auskunft bereits in jungen Jahren, dass er sein Geld als Autor verdienen wollte. Nach seinem Abschluss übernahm Faulks zunächst eine Dozentenstelle, bevor er in den Journalismus wechselte und für verschiedene Zeitungen arbeitete.

1984 erschien „A Trick of Light“, Faulks Romandebüt. Als Literat blieb er in den nächsten Jahren vor allem ein Kritikertipp. Sein Durchbruch gelang Faulks 1993 mit „Birdsong“ (dt. „Gesang vom großen Feuer“), dem zweiten Teil seiner Trilogie „The Girl at the Lion d’Or“ – das Buch entwickelte sich zum millionenfach verkauften Bestseller. Seinen Ruf als ‚ernsthafter‘ Schriftsteller wusste Faulks in den nächsten Jahren mit weiteren Romanen zu festigen und zu steigern.

Obwohl Faulks sich ab 1991 auf seine Tätigkeit als Schriftsteller konzentrierte, blieb er weiterhin journalistisch aktiv; unter anderem schrieb er Kolumnen und historische Dokumentationen für das Radio. 2007 sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass ausgerechnet Faulks von der Erbengemeinschaft Ian Flemings den Auftrag übernommen hatte, einen neuen James-Bond-Roman zu schreiben. „Devil May Care“ (dt. „Der Tod ist nur der Anfang“), ein gelungenes, aber wenig originelles Fleming-Pastiche, entstand binnen sechs Wochen und sicherte Faulks neben einem hoch dotierten Lohnscheck die Aufmerksamkeit der Medien, bevor er zur ‚hohen‘ Literatur zurückkehrte.

Sebastian Faulks informiert über seine Arbeit auf eigener Website: http://www.sebastianfaulks.com.

_Impressum_

Originaltitel: Devil May Care (London : The Penguin Group 2008)
Übersetzung: Jürgen Bürger
Dt. Erstausgabe: Mai 2008 (Wilhelm Heyne Verlag/Paperback Nr. 26602)
352 Seiten
EUR 12,95
ISBN-13: 978-3-453-26602-5
Als Taschenbuch: August 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43414)
352 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-453-43414-1
http://www.heyne-verlag.de

_Mehr James Bond auf |Buchwurm.info|:_

[„Casino Royale“ 1748
[„Moonraker“ 1830
[„Leben und sterben lassen“ 2035
[„Der Tod ist nur der Anfang“ 5204

Riera, Carme – englische Sommer, Der

Ein Sprachurlaub ist eigentlich etwas Schönes. Man tut Gutes für das Gehirn und lernt dabei noch ein fremdes Land besser kennen – jedenfalls im Normalfall. Die spanische Schriftstellerin Carme Riera entwirft in ihrem Roman „Der englische Sommer“ allerdings ein weniger erfreuliches Szenario …

Die Immobilienmaklerin Laura Prats ist eine Frau Ende vierzig, die neben dem Spanischen keine Fremdsprachen beherrscht. Das wird ihr zum Verhängnis, als eine Beförderung in Aussicht steht. Sie beschließt, sich durch ihr fehlendes Englisch nicht noch einmal die Chance auf ein höheres Gehalt nehmen zu lassen, und meldet sich zu einem Intensivkurs auf dem englischen Land an.

Sie ist ganz aufgeregt, als sie Mrs. Grose, ihre Lehrerin und Gastgeberin, das erste Mal trifft. Eigentlich hat sie sich diese ein bisschen anders vorgestellt, denn auf dem Foto auf der Website war sie wesentlich adretter. In der Realität ist sie eine übergewichtige, ziemlich grobe Frau, die Laura schon bald nicht mehr ganz geheuer ist. Sie behandelt sie wie ein Kind, bestraft sie beim Unterricht für ihre Fehler mit Essensentzug oder Hausarrest und prüft jeden Freitag ihr erlerntes Wissen ab. Laura schaut sich dieses Verhalten eine Weile an, doch bald wird ihr Angst und Bange. Mrs. Grose redet davon, einen gewalttätigen Ex-Mann zu haben, der sie in ihrem Landhaus immer wieder aufsucht. Außerdem hört Laura nachts ein seltsames Weinen. Als sie versucht, den Kurs abzubrechen, stellt sich ihre Lehrerin quer. Sie sagt, sie wird Laura nicht gehen lassen, bevor sie nicht ordentlich Englisch gelernt hat. Für die Immobilienmaklerin beginnt ein Alptraum …

Carme Rieras Roman erstreckt sich über nur 122 Seiten, aber auf diesen wenigen Seiten macht sie alles richtig. Die Handlung der Geschichte konzentriert sich ausschließlich auf die Ereignisse von Lauras Sommerurlaub. Die Autorin schweift so gut wie nie ab, so dass die Spannung konstant gehalten wird. Tatsächlich besitzt das Buch beinahe schon kammerspielartigen Charme, da sich fast alles zwischen den Hauptpersonen Laura und Mrs Grose auf deren Landgut abspielt. Die Unberechenbarkeit der Englischlehrerin und ihr augenscheinlicher Hang zu seltsamem Benehmen führen dazu, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Wieso ist sie so? Was steckt dahinter? Wie wird es mit Laura weitergehen?

Laura, die Ich-Erzählerin, ist eine sehr sympathische Hauptfigur. Sie beginnt ihre Geschichte so, als ob sie ihren Anwalt ansprechen würde, was den Leser zusätzlich auf die Folter spannt, denn er möchte wissen, was Laura getan hat, um im Gefängnis zu landen. Obwohl sie mit 49 Jahren und ihrem Geschlecht wie ein Fall für die typische Frauenliteratur wirkt, ist sie auch für andere Zielgruppen interessant, da sie nicht als Karikatur, sondern als echte und lebendige Person dargestellt wird. Man erfährt sehr viel über ihre Gedanken und Gefühle, die so eindringlich geschildert werden, dass man ihre Ängste und Sorgen wegen Mrs. Grose nachvollziehen kann.

Lauras durchgehender „Monolog“ ist so gestaltet, dass er sich so liest, als bekäme man ihn persönlich erzählt. Riera schreibt locker und ungezwungen. Sie benutzt einen großen Wortschatz und garniert das Geschriebene mit einer eigenen Note. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, Laura persönlich kennen gelernt zu haben. Obwohl sie durchaus humorvoll sein kann, wird die Autorin nie lächerlich, sondern hält ihren Roman auf einem hohen Niveau.

„Der englische Sommer“ ist leicht bekömmlich, aber dennoch spannend und literarisch sehr ansprechend. Der Titel klingt vielleicht wie ein verlockender Urlaubsroman, doch Vorsicht: Lauras Erlebnisse sind nicht gerade dergestalt, dass sie den Leser ruhig schlafen lassen …

|Originaltitel: L’estiu del l’anglès
Aus dem Katalanischen von Kerstin Brandt
ISBN-13: 978-3-548-60866-2
122 Seiten, Taschenbuch|
http://www.list-taschenbuch.de

Landay, William – Strangler

_Das geschieht:_

Boston im US-Staat Massachusetts gilt im Jahre 1962 als Großstadt im Aufbruch. Ganze Stadtviertel fallen einer visionsreichen Stadtplanung zum Opfer. In das „Neue Boston“ wird massiv investiert. Großzügig fließen öffentliche Gelder in aufwändige Bauprojekte. Wer Kritik äußert, gilt als Feind des Fortschritts. Dabei gibt es gute Gründe zur Skepsis. Schiebung und Korruption sind allgegenwärtig. Nicht nur hohe Politiker und örtliche Unternehmer füllen sich die Taschen. Auch die Mafia sahnt kräftig ab. Die Polizei ist in diese Machenschaften verwickelt. Mitmachen oder wegschauen, lautet die Devise.

Joe Daley ist eigentlich ein guter Cop. Schon sein Vater war Polizist, bis ihn im Vorjahr eine Kugel traf. Sein Tod stellt die Familie vor eine Zerreißprobe. Ohne die strenge Hand des Vaters ist Joe dem Glücksspiel verfallen. Seine Wettschulden sind so hoch, dass er sich von Vinnie „The Animal“ Gargano, der rechten Hand des Mafia-Paten Carlo Gapobianco, rekrutieren lassen muss, für den er säumige Schutzgeldzahler zusammenschlägt. Joes Bruder Ricky ist ein professioneller Einbrecher, der sich beim letzten Coup dummerweise an Diamanten vergriffen hat, deren Eigentümer unter dem Schutz der Mafia steht. Nun sitzt Gargano auch Ricky im Nacken. Michael, der dritte Bruder, stand im Dienst der städtischen Enteignungskommission, die Mieter und Ladenbesitzer aus ihren Wohnungen und Läden klagt, bevor er die Leitung der „Taktischen Einsatzgruppe“ übernahm, die nach dem „Würger von Boston“ fahndet, der in anderthalb Jahren 13 Frauen ermordet hat.

In die Rolle des Würgers schlüpft Albert DeSalvo, nach Michaels Auffassung ein psychisch instabiler Wichtigtuer. Amy, Rickys Freundin und eine engagierte Journalistin, teilt seine Meinung. Kurz darauf wird sie ermordet: Ihr Ende entspricht bis ins Detail dem Modus Operandi des Würgers, obwohl DeSalvo hinter Gittern sitzt. Polizei und Staatsanwaltschaft ignorieren diese Tatsache. Michael beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Joe und Ricky unterstützen ihn, denn Amy war offenbar einer Verschwörung auf die Spur gekommen: Die Profiteure des „Neuen Boston“ gehen über Leichen. Nun werden sie aufmerksam. Die Mafia wird aktiv. Mit den Rücken zur Wand nehmen die Daley-Brüder einen Kampf auf, in dem sie völlig chancenlos zu sein scheinen …

_Eine Stadt im Würgegriff_

„The Strangler“ lautet der klug gewählte, weil einerseits nur bedingt korrekte, aber andererseits den eigentlichen Kern der Sache treffende Titel dieses ehrgeizigen Romans. Eine Mischung aus Historienkrimi und Thriller hat Autor William Landay konzipiert und dabei zumeist großartige Arbeit mit einer Geschichte geleistet, die in der Vergangenheit spielt, während ihr Inhalt zeitlos ist.

Korruption, Gier, Verbrechen, und das im ganz großen Maßstab: Kein eifriger Frauenmörder ist es, der Boston 1962 in seinem Würgegriff hält. Landay lässt ihn, der zu einer prominenten Gestalt der Kriminalgeschichte wurde, nur eine Nebenrolle spielen. Ob tatsächlich Albert DeSalvo der „Boston Strangler“ war, ist für den Verfasser nebensächlich. ‚Sein‘ Würger ist nur Mittel zum Zweck. Die eigentlichen Verbrechen finden auf einer ganz anderen Ebene statt: Kein Wunder, dass Landay seinen Roman lieber „The Year of the Strangler“ genannt hätte; der Titel wurde vom Verlag als nicht zugkräftig genug abgelehnt.

Auch die USA hatten ihre Wirtschaftswunder-Ära. Nach 1945 lief die im Weltkrieg auf Hochtouren gebrachte Wirtschaft mit voller Kraft weiter. Gewinne und Steuereinnahmen wollten investiert werden. Geld bedeutet Macht. Damit war die Schnittmenge zwischen Politik und Unternehmertum nicht nur in Boston schnell gefunden: Staatsdiener verfügen über gewaltige Geldsummen. „Zum Wohle des Volkes“ ordnen sie die Enteignung und Räumung ganzer Stadtviertel an. Skrupelfreie Geschäftemacher versprechen ihnen finanzielle Zuwendungen und Unterstützung im Wahlkampf, wenn Großaufträge, die legal ausgeschrieben gehören, an sie gehen.

Zum perfekten Funktionieren benötigt diese Maschinerie eine dritte Komponente: Nicht alle Bürger weichen der staatlichen oder städtischen Macht freiwillig. Hier kommt die Mafia ins Spiel, die mit Gewalt durchsetzt, was sich dank friedlichen Widerstandes Jahre hinziehen könnte. Wie das in der Realität aussieht, schildert Landay brutal und überzeugend in „Strangler“. Wenn er die alltägliche Korruption beschreibt, die quasi alle städtischen Bediensteten in Handlanger der einander in Gier verbundenen Schattenherren von Boston verwandelt, läuft der Verfasser zu ganz großer Form auf.

_Historie nimmt Handlung Huckepack_

„Strangler“ ist kein Tatsachen-Roman, der die böse Geschichte einer gleichermaßen moralisch verkommenen wie hilf- und ahnungslos Stadt erzählen will. In einem Nachwort erläutert Autor Landay sein Konzept. Die historische Realität dient ihm als Folie. Die Ereignisse von 1962 bilden den Hintergrund für das eigentliche Geschehen. Zwar bemüht sich Landay um eine akkurate Darstellung, ohne sich sklavisch an die Fakten zu halten. Er lässt reale Personen der Stadtgeschichte auftreten, legt ihnen jedoch seine Worte in die Münder und setzt sie so ein, wie es die Story verlangt. Das Ergebnis ist nicht authentisch, sondern hinterlässt jenen Eindruck unterhaltsamer Glaubwürdigkeit, die einen guten Historienroman auszeichnet.

Dazu kommt ein ausgefeilter Stil. Landay zeigt, dass man den Kriminalroman nicht in die Genre-Ecke drängen soll, weil eben auch seine Autoren literarisch anspruchsvoll schreiben können, ohne dass die Unterhaltung dabei auf der Strecke bleibt. „Strangler“ ist vor allem in den beschreibenden Szenen ein Genuss. Landay schreibt – in der deutschen Fassung tatkräftig und tüchtig unterstützt von seinem Übersetzer – klar und anschaulich, ohne dabei ins Schwafeln oder Predigen zu verfallen. Der Verfasser war selbst Jurist, weshalb die präzise Darstellung der Ablaufprozesse in einer US-Gerichtsbehörde besonders fesselt.

_Großes Drama benötigt Gesichter_

Landay entscheidet sich für eine Dreiteilung der Hauptfigur und platziert die Daleys an den Brennpunkten der Handlung. Joe, der Polizist, repräsentiert den korrupten Unterbau der Stadtverwaltung. Michael, der Jurist, gehört zumindest randständig der selektiv ihren Bürgern dienenden Führungsschicht an. Ricky, der Dieb, steht im Lager des Verbrechens. Damit haben alle Brüder einen guten Blick auf das jeweilige Milieu.

Mit der Charakterisierung tut sich Landay schwer. Joe lässt sich bestechen und von der Mafia instrumentalisieren, Michael von seinen Vorgesetzten manipulieren, Joe stiehlt. Geprägt von irisch-katholischen Grundsätzen (die hier eher wie Gemeinplätze wirken), sind sie trotz ihrer Fehler ‚gute Menschen‘. Landay versucht jede Schwarz-Weiß-Färbung zu vermeiden. Seine Welt ist in unterschiedlichen Grautönen gezeichnet. Nicht nur die Daleys, sondern auch die vielen anderen Figuren, die er in „Strangler“ auftreten lässt, mühen sich mit ihrem Leben ab; selbst mordlustige Mafiosi haben ihre schwachen Momente.

Für diese durchaus der Realität entsprechende Ambivalenz findet Landay manchmal nur klischeeträchtige Bilder. Beispielhaft ist ein Basketballspiel zwischen Joe, Michael und Ricky. Der Verfasser spiegelt im Spielverhalten die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Brüder. Dann ändert sich die Perspektive; im Haus hinter dem Spielfeld stehen die Mutter, die Ehefrau und die Freundin. Sie beobachten ihre Söhne, den Gatten und den Geliebten, kommentieren deren Verhalten und entschlüsseln es für diejenigen Leser, die vielleicht immer noch kapiert haben, wessen Geistes Kinder die Daley-Brüder sind. Solche Szenen familiärer Interaktion kennt man aus Kino- und vor allem Fernsehfilmen. Sie sind plakativ und stören die Illusion einer ansonsten geschlossenen und ausgewogenen Romanhandlung.

Ungemein eindimensional denken, handeln und sprechen Landays Mafiosi. Der Autor hat sich anscheinend herausgegriffen, was er bei Puzo, Coppola und Scorsese gelesen oder gesehen hat, und schmeckt es mit einer Prise Sopranos ab. Im Interview erwähnt Landay die oft und gern zitierte Anekdote, dass erst Puzo und Coppola mit „Der Pate“ der Mafia ihr bekanntes Selbstbild verschafft haben: Nachdem sie das Buch gelesen und den Film gesehen und für gut befunden hatten, begannen sie die Film-Gangster in Verhalten und Auftreten zu imitieren. Landay projiziert dies auf ’seine‘ Mafiosi aus Boston. So wirken sie denn auch: wie Laienschauspieler.

Das Ende ist – wiederum erwartungsgemäß – tragisch. Dass es nicht happy ausfallen wird, ist dem Leser schnell klar, denn ein wenig zu stark weht der traurige Wind der Verdammnis durch die Kapitel … Noch einmal lässt der Autor sich fremdinspirieren. Die Matriarchin als rasendes Muttertier und Rächerin ist ein Klischee, dass Landay sich und seinen Lesern hätte ersparen können, zumal es dem sonst überzeugenden Finale angeflanscht wirkt.

Mit solchen Einschränkungen kann der Leser freilich leben. Der Ehrgeiz des Verfassers spiegelt sich unterm Strich positiv in seiner Geschichte wider. Landay schreibt langsam und sorgfältig, er fordert die Aufmerksamkeit seines Publikums. Womöglich muss man nach der Lektüre allzu vieler mit der heißen Nadel gestrickter ‚Bestseller‘ erst wieder lernen, sich auf diese Herausforderung einzulassen …

_Der Autor_

William Landay wurde 1964 in Boston geboren. Seine Jugend verbrachte er in Brookline. Er studierte Jura in Yale und an der Boston College Law School. Nach seinem Abschluss arbeitete er für die Staatsanwaltschaft des Distrikts Middlesex.

Landay war kein Vollblutjurist. Zwischen 1991 und 1997 nahm er sich zwei längere Auszeiten und versuchte sich als Schriftsteller. Die beiden dabei entstandenen Romane wurden abgelehnt, und Landay kehrte ins Büro zurück. In seiner Freizeit schrieb er indes weiter. 2003 veröffentlichte er – inzwischen verheiratet – seinen Romanerstling „Mission Flats“ (dt. „Jagdrevier“), für den ihn die britische „Crime Writers Association“ mit einem „John Creasey Memorial Award“ für das beste Romandebüt des Jahres auszeichnete. Landay gab die Jurisprudenz abermals und endgültig auf. Auch sein zweiter Roman „The Strangler“ (dt. „Strangler“) wurde von der Kritik hoch gelobt.

Über sein Werk informiert der Verfasser auf seiner Website: http://www.williamlanday.com.

_Impressum_

Originaltitel: The Strangler (New York : Delacorte Press 2007)
Übersetzung: Robert Brack
Deutsche Erstausgabe: Januar 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 40584)
528 Seiten
EUR 9,95
ISBN-13: 978-3-453-40584-4
http://www.heyne.de

Theurillat, Michael – Sechseläuten

Irgendwann muss auch mal genug sein mit Frost und Schnee: In der Schweiz treibt man Mitte April mit einem Brauch namens Sechseläuten den Winter aus und verbrennt dabei traditionell einen künstlichen Schneemann, den Böögg. Dieses doch eher beschauliche Festchen nutzt der Schweizer Autor Michael Theurillat, um in seinem gleichnamigen Kriminalroman einen eher unschönen Fleck in der Geschichte des Alpenstaats literarisch aufzuarbeiten.

Auch in Theurillats drittem Krimi spielt der Züricher Kommissar Eschenbach die Hauptrolle. Er befindet sich gerade auf der Sechseläutenwiese, als in seiner unmittelbaren Nähe eine Frau zusammenbricht. Trotz seiner Erste-Hilfe-Versuche stirbt sie, und niemand scheint zu merken, dass ihr kleiner Sohn alles hat mit ansehen müssen. Er redet aufgeregt in einer Sprache, die Eschenbach nicht versteht, aber er hat den Eindruck, dass der Tod der Frau kein Herzanfall war, wie die Obduktion ergibt.

Er nimmt sich des Jungen an und beginnt zu ermitteln, doch alsbald wird er von dem Fall abgezogen. Schlimmer noch: Er wird mit einer schalen Begründung suspendiert. Mithilfe seiner Sekretärin Rosa und seines Kollegen Claudio Jagmetti setzt er alles daran, Charlotte Bischoffs Tod trotzdem aufzuklären, denn niemand scheint sich wirklich für die zweifelhaften Umstände zu interessieren. Als sich Eschenbach mit Charlottes Schwester anfreundet, erhält er erste Hinweise darauf, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Doch dann gibt es einen Anschlag auf Charlottes Schwester und ihr Sohn wird entführt …

Michael Theurillats „Sechseläuten“ ist ein sauber aufgebauter Krimi, der aber vor allem in der Mitte nicht besonders spannend ist. Es fehlen überraschende Wendungen und brenzlige Situationen, um die Geschichte lebendig werden zu lassen. Außerdem tritt Claudio Jagmetti, mit dem sich Eschenbach in den Büchern zuvor gerne einen Schlagabtausch geliefert hat, nur sehr selten auf. Die Sekretärin Rosa, eine Italienerin mit Leib und Seele, sorgt zwar für einige Höhepunkte, doch trotzdem kommt das Buch erst gegen Ende richtig in Fahrt. Hier fügt sich alles und Eschenbach begreift die Hintergründe der Tat, es kommt zu einem spannenden Finale.

Obwohl der Autor sich darauf versteht, die Personen sehr detailliert und farbig zu gestalten, ist Eschenbach schwer greifbar. Es fällt nicht leicht, ihn sich vorzustellen, vielleicht auch dadurch, dass er zwar ein etwas sonderbarer Kommissar ist, aber noch lange nicht so schrullig wie einige andere Vertreter der exekutiven Staatsgewalt. Gleichzeitig wirkt er aber auch nicht wie der durchschnittliche Normalbürger. Er ist irgendwo in der Mitte anzusiedeln, doch er kann in diesem Roman nicht genau zugeordnet werden. Das gelingt bei Lara Bischoff, Charlottes Schwester, wesentlich besser, und auch bei einigen anderen Figuren im Buch. Mit von der Partie sind sogar einige Originale, die dem Buch einen ganz eigenen Charme verleihen.

Was die Geschichte trotz einiger Schwächen letztendlich zusammenhält, ist Theurillats ausgefeilter Schreibstil. Er setzt seine Worte sicher, schöpft aus einem breit angelegten Vokabular und versteht sich darauf, Spannung und Atmosphäre mit seinen Sätzen zu kreieren.

Der Schreibstil ist es schließlich, der „Sechseläuten“ zum Prädikat eines überdurchschnittlichen Kriminalromans verhilft. Hinzu kommt eine außergewöhnliche Thematik, die aber in der Handlung nicht immer spannend umgesetzt wurde.

|ISBN-13: 978-3-550-08750-9
327 Seiten, Hardcover|
http://www.ullstein.de

_Michael Theurillat bei |Buchwurm.info|:_
[„Im Sommer sterben“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3471
[„Eistod“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3492

Zoran Drvenkar – Sorry

In einer Dienstleistungsgesellschaft wie der unsrigen kann man beinahe alles von anderen erledigen lassen. In Zoran Drvenkars Thriller „Sorry“ kommen vier junge Berliner auf die Idee, die Entschuldigung zur Dienstleistung werden zu lassen – mit unangenehmen Folgen für alle Beteiligten …

Kris, sein Bruder Wolf und die besten Freundinnen Tamara und Frauke kennen sich seit der gemeinsamen Schulzeit. Zehn Jahre danach ziehen sie Bilanz und müssen feststellen, dass die Träume ihrer Jugend sich in Luft aufgelöst haben. Trotz Studium oder Ausbildung haben die meisten von ihnen keinen Job. Während eines gemeinsamen Besäufnisses, bei dem sie über das Leben philosophieren, kommen sie auf die Idee, eine Agentur zu gründen, die sich für andere entschuldigt – auf Unternehmensebene.

Der Einfall scheint wahnwitzig, aber wider Erwarten funktioniert das Geschäft. Die Agentur namens „Sorry“ wird mit Aufträgen überhäuft. Eines Tages fährt Wolf zu einem Geschäftstermin und entdeckt in der Wohnung der Frau, bei der er sich im Auftrag eines Lars Meybachs entschuldigen soll, die Leiche der Bewohnerin. Sie wurde an die Wand genagelt und der Täter erwartet von den vieren, dass sie sich nicht nur bei der Toten entschuldigen, sondern sich auch um die Leiche kümmern. Er droht damit, ihren Familien etwas anzutun, sollten sie sich weigern, seine Befehle auszuführen. Was bleibt ihnen also anderes übrig? Eingeschüchtert machen sie sich daran, die Leiche der Frau zu vergraben, nicht ahnend, dass sie damit eine Kette schicksalhafter Ereignisse in Gang setzen …

Zoran Drvenkar hat ein selten gutes Buch geschrieben, in dem einfach alles stimmt. Das wird bereits auf den ersten Seiten ersichtlich. In kurzen Kapiteln wechseln sich unterschiedliche Abschnitte ab. Mal wird jemand direkt mit „Du“ angesprochen, dann folgt die Einführung der vier Hauptfiguren, zwischendurch finden sich immer wieder zeitlich nach vorne oder hinten verschobene Absätze, die anonym gehalten sind. Der Leser merkt schnell, dass in dem Buch einiges passieren wird, doch er versteht noch nicht, was. Das baut natürlich eine intensive Spannung auf, die ihn nicht mehr so schnell loslässt. Der Autor greift immer wieder vor, legt Irrwege, führt neue Personen ein – er spielt mit dem ganzen Repertoire der Spannungsliteratur und geht dabei weit über das hinaus, was ein normaler Thriller zu bieten hat.

Eine weitere wichtige Komponente von „Sorry“ sind die Personen und ihre Beziehungen untereinander. Darüber hinaus versucht Drvenkar, das Bild einer Generation zu zeichnen, der alle Möglichkeiten offenstehen und die sie trotzdem nicht nutzt. Dies gelingt ihm sehr gut. Kris, Wolf, Tamara und Frauke wirken, als kenne man sie persönlich. Sie besitzen Tiefe und einen eigenen Charakter. Sie sind sehr real gezeichnet und ihre Reaktionen auf die ungewöhnlichen Umstände in der Geschichte wirken glaubwürdig, wenn auch nicht immer moralisch korrekt. Doch hätte man selbst in einer solchen Situation anders gehandelt? „Sorry“ regt zum Nachdenken an; über Schuld, über den Tod – und über sich selbst.

Gekrönt wird das Ganze von einem grandiosen Schreibstil. Drvenkar benutzt wenige Worte, diese dafür aber treffsicher und eindringlich. Seine Beschreibungen sind sparsam gehalten, seine Sprache ist beinahe schon atmosphärisch, streckenweise düster. Er benutzt viel wörtliche Rede, gibt aber auch die Gedanken und Gefühle seiner Hauptpersonen wieder. Dabei wird er häufig schon philosophisch, doch er schweift nie zu sehr ab, sondern bleibt angenehm nah am Handlungsverlauf.

„Sorry“ besitzt eine wichtige Eigenschaft, die diesen Thriller herausragen lässt: Das Buch bringt den Leser zum Nachdenken. Der Berliner Autor Zoran Drvenkar versteht es, Themen wie Tod, Schuld und Unschuld so zu verpacken, dass daraus kein knochentrockener, moralischer Roman wird, sondern ein rasanter und spannender Thriller.

|ISBN-13: 978-3-550-08772-1
397 Seiten, Hardcover|
http://www.drvenkar.de
http://www.ullstein.de

_Zoran Drvenkar bei |Buchwurm.info|:_
[„Du bist zu schnell“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1084