Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Robinson, Peter – unschuldige Engel, Der

_Ein Mord_ erschüttert die Kleinstadt Eastvale. An einem nebligen Novemberabend wird die Leiche der sechzehnjährigen Deborah auf dem Friedhof erwürgt aufgefunden. Das Motiv gibt Inspector Banks Rätsel auf, denn die hübsche, kluge Deborah aus gutem Haus schien weder Feinde zu haben, noch wurde sie sexuell missbraucht.

Dennoch gibt es einige Merkwürdigkeiten: Verdächtigt wird vor allem der ehemalige kroatische Küster, der die Mädchens der Internatsschule belästigt haben soll; der Pfarrer ist in einen Skandal verwickelt, seine Frau spricht von Besuchen bei einem Engel und Deborahs Exfreund John ist in einige kriminelle Machenschaften involviert. Trotzdem gestalten sich die Ermittlungen schwierig, denn die Bewohner des Städtchens arbeiten nur widerwillig mit der Polizei zusammen.

Schließlich wird ein Verdächtiger verhaftet und angeklagt, die Beweislage aber ist zweifelhaft, ebenso wie das Motiv. Banks ist von seiner Schuld nicht überzeugt. Und tatsächlich muss der Fall bald wieder aufgerollt werden – und dann geschieht ein zweiter Mord …

_Der achte Fall_ von Inspector Banks führt ihn wieder einmal in eine beschauliche englische Kleinstadt, hinter deren sauberer Fassade dunkle Geheimnisse lauern.

|Fokus auf Sozialkritik|

Trotz mehrerer Verdächtiger ahnt man früh: Die Suche nach dem Mörder wird nicht leicht. Am liebsten wäre der Polizei und den Einwohnern von Eastvale wohl, wenn der kroatische Sonderling Jelacic als Täter dingfest gemacht werden könnte. Er spricht nur gebrochen Englisch, musste mehrere Beschwerden von Schülerinnen entgegennehmen und sein Alibi, das er von befreundeten Landsmännern erhält, klingt nicht unbedingt wasserdicht.

Banks lässt auch das engste Umfeld der Ermordeten nicht aus dem Blickfeld, sogar ihre Eltern werden als potenzielle Täter betrachtet. Am deutlichsten aber weisen die Indizien auf Owen Pierce hin, einen Berufsschullehrer, der kein Alibi besitzt und Haare sowie einen Blutstropfen von Deborah auf seiner Kleidung trägt. Was nach der Verhaftung folgt, ist ein ausgedehnter Prozess mit Expertenmeinungen, chemischen Analysen und einer Vorverurteilung durch Medien und Volk, auch wenn Owen Pierce zunächst freigesprochen wird.

Weite Teile der Handlung widmen sich nun seinem Leben nach dem Prozess. Er verliert seinen Job und die restlichen Freunde, wird gemieden bis angefeindet und ist beim zweiten Mord, der erhebliche Parallelen aufweist, erneut der Hauptverdächtige. An ihm wird deutlich, wie sehr ein Leben durch solche Verdachtsmomente zerstört werden kann, was beinahe noch mehr bewegt als die Morde an den zwei jungen Mädchen.

|Gelungene Charaktere|

Interessant ist neben Owen Pierce vor allem das Ehepaar Charter. Die schöne rothaarige Rebecca Charter besitzt offensichtlich ein Alkoholproblem und sucht regelmäßig Trost bei der steinernen Engelfigur auf dem Friedhof. Einerseits liebt sie ihren Mann Daniel noch immer, andererseits führt sie seit geraumer Zeit eine Affäre, die im Zuge der Ermittlungen ans Licht kommt. Daniel Charter hingegen steht in der öffentlichen Kritik, seit der ehemalige Küster Jelacic ihn der sexuellen Belästigung beschuldigte. Mag diese Bezichtigung auch lächerlich wirken, sie verfehlt ihre Wirkung nicht und Daniel steht in der Gemeinde unter großem Druck.

Ein besonderes Spannungsverhältnis besteht auch zwischen Banks und Polizeichef Riddle, der keine Gelegenheit auslässt, um den verhassten Banks in schlechtem Licht darzustellen. Als guter Freund der Eltern der ermordeten Deborah legt er Wert darauf, dass die Familie so wenig wie möglich durch die Polizei belästigt wird – erst recht, da es sich bei Sir Harrison um einen einflussreichen Großindustriellen handelt, sodass jeder Schritt und jede Befragung von Banks kritisch betrachtet wird. Schwierigkeiten gibt es zudem mit Banks‘ Kollegen Barry Stott, einem jungen, ehrgeizigen Beamten, der unbedingt eine schnelle Verhaftung erzwingen will und sich auf Pierce als Täter versteift hat.

|Einige Schwächen|

Durch die Fokussierung auf die Verhandlung und das Leben des vermeintlichen Täters Owen Pierce gerät die Spannung ein wenig ins Hintertreffen. Die Suche nach dem Mörder wird zwischendurch eingestellt und statt eines Krimis liest man derweil eher ein Sozialdrama – zwar kein schlechtes, doch trifft man damit vermutlich nicht die Erwartungen der Leser, außerdem ist der Prozess unnötig ausführlich und lenkt vom eigentlichen Thema ab.

Ein weiteres Manko ist das etwas konstruierte Ende. Der Täter passt zwar ins Geschehen und sein Motiv ist durchaus schlüssig, aber die Beweise beruhen auf mehreren glücklichen Zufällen, so etwa der Fund eines Tagebuchs mit detaillierten Eintragungen. Da diese Zufallsfunde auch noch recht gedrängt gegen Ende gemacht werden, wirken sie einfach zu konstruiert. Zwei Tippfehler, die mir aufgefallen sind, stören nicht weiter, unschön ist allerdings die fälschliche Schreibung des berüchtigten Mörders Dennis Nilsen, der hier „Nilson“ geschrieben wird.

_Als Fazit_ bleibt ein lesenswerter, aber dennoch eher durchschnittlicher Inspector-Banks-Krimi über einen Mädchenmord. Die Charaktere sind zwar recht interessant, ebenso wie die sozialkritische Handlung, doch die Spannung wird deutlich davon überlagert und am Ende etwas zu sehr der Zufall bemüht.

_Der Autor_ Peter Robinson wurde 1950 in Yorkshire geboren. Er studierte englische Literatur und lebt seither in Toronto. Bekannt wurde er hauptsächlich mit seiner Kriminalreihe um Inspector Alan Banks, die mittlerweile mehr als fünfzehn Bände umfasst und für die er bereits mehrere Preise erhielt, z. B. den „Arthur Ellis Award“ und den „Schwedischen Krimipreis International“. Zu seinen Werken gehören u. a. „Ein unvermeidlicher Mord“, „In blindem Zorn“, „In einem heißen Sommer“ und „Wenn die Dunkelheit fällt“.

http://www.inspectorbanks.com/

_Mehr von Peter Robinson auf |Buchwurm.info|:_

[„Wenn die Dunkelheit fällt“ 185
[„Das verschwundene Lächeln“ 1170
[„Ein seltener Fall“ 5169

Stanley, Mary – Ohne eine Spur

Dublin in den siebziger Jahren: Die stille, intelligente fünfzehnjährige Rebecca Dunville besucht mit ihren Schwestern das katholische St. Martins, die angesehenste Schule der Gegend. Becky bringt nur Bestnoten nach Hause, fühlt sich aber dennoch unter ihren Schwestern zurückgesetzt. Die fast achtzehnjährige, strahlend schöne Bella intrigiert gerne, die jüngere Brona neigt zu Sticheleien. Bella ist der Liebling der Eltern und Becky scheint die Einzige zu sein, die deren boshafte Art durchschaut.

Eines Morgens ist Bella aus ihrem Zimmer verschwunden – und kehrt nicht mehr zurück. Die Polizei vermutet zunächst, sie sei ausgerissen, vor allem nachdem sie ein paar Hanfpflanzen in ihrem Zimmer findet. Bellas Mutter dagegen ist überzeugt, dass sie verschleppt wurde, der Rest der Familie weiß nicht, was er glauben soll.

Kurz darauf stellt sich heraus, dass Bella in der Nacht ein heimliches Treffen plante und für ihre Rückkehr ein Fenster offen gelassen hatte. Nun sieht alles nach Entführung aus – oder nach etwas Schlimmerem. Becky beginnt, in der Vergangenheit ihrer Schwester zu forschen und stößt auf ein beunruhigendes Doppelleben …

_Ein Mädchen_ verschwindet und hinterlässt einen idealen Aufhänger für eine Mischung aus Thriller und Psychodrama, die von Mary Stanley weitgehend überzeugend umgesetzt wird.

|Spannung und Dramatik|

Vom Zeitpunkt ab Bellas Verschwinden dreht sich alles um die Frage, was mit ihr geschehen ist. Einige Punkte sprechen dafür, dass sie möglicherweise freiwillig untergetaucht ist – da wären die verbotenen Hanfpflanzen in ihrem Zimmer, ihre heimliche Liebschaft mit einem jungen Mann und ihre flatterhafte, selbstbewusste Art, gepaart mit ihrem Drang, die Welt zu entdecken. Tagelang hoffen insbesondere ihre Schwestern, dass sie wieder in der Haustür steht und eine plausible Erklärung für ihr Verschwinden liefern kann. Nur Mutter Elizabeth ist von Beginn an überzeugt, dass Bella etwas Schreckliches zugestoßen sein muss. Während sich der Vater in seinen Beruf als Arzt stürzt, bricht Elizabeth Dunville vor Sorge zusammen.

Ein weiterer interessanter Punkt im Hintergrund ist der Rückblick in Elizabeth‘ Vergangenheit, der offenbart, dass Becky durch einen Seitensprung entstanden ist. Pikanterweise spielt ihr leiblicher Vater immer noch eine kleine Rolle im Leben der Dunvilles, ohne dass er und Becky von ihrer Verwandtschaft wissen, und man wartet auf den Augenblick, in dem diese Tatsache ans Licht treten wird.

|Interessante Charakterstudie|

Der Fokus des Romans liegt auf Becky Dunville, der mittleren der drei Schwestern, deren einst behütetes Leben durch Bellas Verschwinden aus der Bahn geworfen wird. Detailgenau beschreibt die Autorin die Folgen dieses Ereignisses für die gutbürgerliche Familie. Becky steht stets im Schatten ihrer älteren Schwester, da von ihr wegen ihrer hohen Intelligenz nur Bestleistungen akzeptiert werden. Nach Bellas Verschwinden wird sie für Brona überraschenderweise zur Bezugsperson, statt Sticheleien wird nun ihr Rat gesucht. Zeitgleich entdeckt Becky ihre Gefühle für den neuen jungen Musiklehrer Mr. Jones, der auf ihre Schwärmereien eingeht und die erste Liebe des verwirrten jungen Mädchens wird.

Für Becky wird Bellas Schicksal zur Bewährungsprobe. Ihre Eltern ziehen sich vor Kummer zurück, die jüngere Schwester braucht sie als Stütze, die Nonnen an der Schule verlangen weiterhin Disziplin, und obendrein fühlt sich Becky dazu gezwungen, ihren Teil zur Aufklärung beizutragen. Sie recherchiert auf eigene Faust in Bellas Leben, macht ihren heimlichen Freund ausfindig und steht im Zwiespalt darüber, ob sie die prekären Details über Bellas Doppelleben der Familie und der Polizei anvertrauen soll oder nicht. Interessant und realistisch ist vor allem, dass Becky sich zwar einerseits ihre Schwester zurückwünscht, sie aber andererseits nicht rückblickend verklärt. Nach wie vor sind ihr Bellas Gemeinheiten sehr präsent, und das Bewusstsein darüber sorgt für eine zusätzliche innere Qual. Darüberhinaus gewährt der Roman dem Leser einen kleinen Einblick in die Welt Dublins vor ein paar Jahrzehnten und vor allem in das dortige strenge Schulwesen.

|Nur kleine Schwächen|

Unter Umständen können Leser in ihrer Erwartung getäuscht werden, denn das Thrillerelement kommt erst spät zum Tragen. Die Polizeiarbeit wird fast gar nicht thematisiert, stattdessen dreht sich die Handlung um die Krise, die das Ereignis in der Dunville-Familie auslöst. Das eigentliche Manko liegt aber im zu rasch abgehandelten Ende und einem Zeitsprung von über zwanzig Jahren. Beinah schon hat man sich damit abgefunden, dass Bellas Verschwinden nicht geklärt werden wird, als sich viele Jahre später doch noch alles aufklärt. Diese Zeitspanne hätte man aber besser auf wenige Jahre beschränkt – zu gewöhnungsbedürftig ist es, dass Beckys jüngere Schwester plötzlich schon zwei erwachsene Kinder hat, während sie wenige Seiten zuvor noch ein Schulmädchen war. Zudem bringt die Aufklärung des Falls einiges an Brisanz mit sich, sodass uns Beckys Reaktion zu knapp geschildert wird.

_Als Fazit_ bleibt ein bewegender und spannender Roman über ein verschwundenes Mädchen, der im Dublin der siebziger Jahre spielt. Vor allem die Hauptperson wird ansprechend charakterisiert, und die Auflösung kommt zwar sehr spät, ist aber plausibel. Störend sind nur der große Zeitsprung zum Ende des Buches und der etwa zu kurz abgehandelte Schluss.

_Die Autorin_ Mary Stanley wurde in London geboren und wuchs in Dublin in Klosterinternaten auf – eine ihrer Lehrerin war die irische Bestsellerautorin Maeve Binchy. Stanley studierte unter anderem in Tübingen, später arbeitete sie in der elterlichen Buchhandlung, ehe sie sich aufs Schreiben konzentrierte. Sie hat inzwischen gut ein halbes Dutzend Romane verfasst. Mehr über sie erfährt man auf ihrer Homepage http://www.marystanley.com.

Richard Stark – Keiner rennt für immer [Parker 22]

Der kühl und klug geplante Überfall auf einen schwer beladenen Geldtransporter wird für Berufsgangster Parker durch unberechenbare Komplizen und die Tücken des Schicksals zu einem Himmelfahrts-Unternehmen, das allen Risiken zum Trotz durchgezogen wird … – Die Geschichte eines zum Scheitern verteilten Coups wird in klarer Sprache, ohne stilistischen Sperenzchen und ungemein spannend erzählt: kein Epos, kein Reiten auf dem „human factor“, sondern einfach ein großartiger Gangster-Thriller. Richard Stark – Keiner rennt für immer [Parker 22] weiterlesen

David Lawrence – Tödliches Dunkel

David Lawrence ist das Pseudonym eines bekannten britischen Drehbuchautors, unter dem er bereits drei Thriller mit Detective Stella Mooney veröffentlicht hat. „Tödliches Dunkel“ ist nun der vierte Fall der innerlich zerrissenen Hauptfigur und nimmt sie mit auf eine Reise, die zurück in ihre eigene Kindheit führt …

In einem Baum aufgeknüpft findet die Polizei die Leiche einer jungen Frau, der „Schmutziges Mädchen“ auf die Schulter geschrieben wurde. Stella und ihre Kollegen stehen vor einem doppelten Rätsel. Es gibt weder verwertbare Spuren zum Täter noch ist bekannt, wer das Mädchen ist. Niemand scheint es zu vermissen. Wenig später finden sie einen ersten Hinweis. Möglicherweise handelt es sich um eine Siebzehnjährige aus Harefield, der Armensiedlung, in der Stella aufgewachsen ist. Dorthin zurückzukehren, fällt ihr sehr schwer, und zu allem Überfluss begegnet sie ihrer Mutter, mit der sie seit Jahren keinen Kontakt hat.

David Lawrence – Tödliches Dunkel weiterlesen

Farrow, John – Eishauch

Wenn man Michael Moore – dem Regisseur der Erfolgsfilme „Bowling for Columbine“ und „Fahrenheit 9/11“ – Glauben schenken darf, ist Kanada das Land der offenen Haustüren. Nimmt man John Farrows Thriller „Eishauch“ zur Hand, überkommt einen das Gefühl, dass es vielleicht doch besser wäre, nichts unverschlossen zu lassen. Das Montréal, in dem der akribische, einzelgängerische Detective Emile Cinq-Mars Dienst schiebt, ist nämlich alles andere als eine Großstadt der dörflichen Gelassenheit …

Emile Cinq-Mars ist eine Legende bei der Polizei. Seine Arbeit ist immer wieder von unglaublichen Erfolgen gekrönt, was vor allem damit zusammenhängt, dass er seine Informanten an den richtigen Stellen zu sitzen hat. Einer dieser Informanten, ein junger Student, wird in der Weihnachtszeit ermordet aufgefunden. Er hängt an einem Fleischerhaken in seinem Kleiderschrank, verkleidet als Weihnachtsmann. Emile ist schockiert und setzt sich zum Ziel, den Mörder von Hagop Artinian zu stellen.

Zur gleichen Zeit eskaliert der Bandenkrieg in Montréal direkt vor den Augen der Wolverines, der Eliteeinheit, die für den Kampf gegen Hells Angels und deren Widersacher, der Rock Machine, zuständig ist. Es stellt sich heraus, dass es sich nicht mehr nur um bloße Rivalität unter zwei verfeindeten Motorradgangs handelt. Eine dritte Instanz hat sich eingeschaltet, die man ehrfürchtig den Zaren nennt.

Wer sich dahinter verbirgt und was er bezwecken will, indem er mit den Hells Angels gemeinsame Sache macht, ist den Polizisten allerdings nicht klar. Sie bitten Emile um Hilfe, doch der arbeitet lieber alleine als in einer Truppe Elitepolizisten. Dann allerdings muss er feststellen, dass der Mord an Hagop Artinian mit den Vorkommnissen in der Stadt eng verbunden ist – und dass noch ganz andere Mächte darin verwickelt sind …

John Farrow ist das Pseudonym des kanadischen Schriftstellers Trevor Ferguson und „Eishauch“ dessen erster Krimi. Man merkt dem Buch an, dass sein Urheber aus dem Romanmetier kommt. Farrow führt mehrere Handlungsstränge ein, von denen einige das ganze Buch durchziehen und andere nur dazu dienen, um einen relevanten Sachverhalt interessant und spannend darzustellen. Diese Vielfalt, die noch dazu in sehr anschauliche Worte gefasst wurde, sorgt unter anderem dafür, dass es dem Leser nicht langweilig wird und er die Handlung von allen Seiten beleuchtet sieht.

Das Ambiente ist düster, genährt von der Rivalität zwischen den beiden Motorradgangs, korrupten Beamten und der Unsicherheit, ob einer der liebgewonnenen Charaktere nicht vielleicht das nächste Bombenopfer ist. Die Geschichte selbst hat durchaus ihre spannenden Momente, krankt aber an der Kauzigkeit des Ermittlers. Emile Cinq-Mars‘ Gedankengänge sind teilweise so verschlungen und sprunghaft, dass sein neuer Kollege Bill Mathers nicht der Einzige ist, dem es manchmal an Überblick fehlt.

Auf der anderen Seite ist Emile Cinq-Mars aber auch der Grund, warum man den Krimi nicht zuklappen kann. Emile ist schrullig, aber gerade das macht ihn liebenswert. Er hat seine eigenen Ansichten und einen sehr speziellen Humor. Die Dialoge zwischen ihm und seinen Gegenübern sind wortgewandt und wunderbar amüsant. Sein Privatleben stellt einen ziemlich krassen Gegensatz zu seinem Arbeitsleben dar. Das macht ihn zusätzlich interessant.

Ähnlich ist es mit den anderen Figuren. Sie sind lebendig, kantig, zumeist etwas düster, aber jedes Mal bewundernswert ausgearbeitet. Farrow scheint es wichtig zu sein, keine flachen Krimicharaktere zu schaffen, sondern solche, die mehrdimensional, schillernd und manchmal fast schon belletristisch sind. Das ist kein großes Kunststück, wenn er unter seinem richtigen Namen bereits sieben Romane veröffentlicht hat. Da wundert es auch nicht, dass sein Schreibstil ebenfalls sehr belletristisch anmutet, und das ist gut so. Denn erzählen kann Farrow. Er weiß, wie er intelligent und präzise seine Wörter setzt und diese mit einem Schuss Humor und Großstadtfeeling kombiniert. Es scheint ihm augenscheinlich Spaß zu machen, in den Dreckgruben der Kriminalität zu wühlen, und es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der erste und letzte Krimi mit Emile Cinq-Mars war.

„Eishauch“ ist aufgrund von Schwächen in der Handlung noch nicht der große Wurf, aber letztendlich ist die Geschichte jener Teil des Buches, der mit der Zeit am unwichtigsten wird. Vielmehr sind es die tollen, düsteren Charaktere und der erfrischend humorvolle Schreibstil, die zum Lesen anregen.

|Originaltitel: City of Ice
Aus dem Englischen von Friederike Levin
ISBN-13: 978-3-426-63514-8
588 Seiten, Taschenbuch|
http://www.knaur.de

Alvtegen, Karin – Schatten

Karin Alvtegen gehört mittlerweile zu den großen Namen der skandinavischen Kriminalliteratur. Wen wundert das? Sie ist immerhin die Großnichte von Astrid Lindgren – literarisches Talent scheint vererbbar zu sein. „Schatten“ ist ihr bislang fünfter auf Deutsch erschienener Roman.

Marianne Folkesson ist städtische Nachlassverwalterin und kümmert sich um die Angelegenheiten der verstorbenen Gerda Persson. Die Frau war Haushälterin bei dem bekannten schwedischen Schriftsteller Axel Ragnerfeldt gewesen. Marianne setzt sich mit der Familie Ragnerfeldt in Verbindung, um ein Foto von Gerda für die Beerdigung zu organisieren. Doch Vater Axel lebt nach einem Hirnschlag in einem Pflegeheim, Mutter Alice hat genug mit ihren eigenen eingebildeten Leiden zu kämpfen und Sohn Jan-Erik muss feststellen, dass seine Ehe kurz vor dem Zerbrechen steht.

Jan-Erik kehrt in das verlassene Elternhaus zurück, um nach einem Bild zu suchen. Dabei betritt er das Arbeitszimmer seines Vaters, das ihm sonst immer verschlossen war. Während er die Papiere von Axel durchwühlt, findet er einige Dokumente, die sein gesamtes Leben infrage stellen. Während eines Amerikaaufenthalts in seiner Jugend ist seine Schwester Annika umgekommen – angeblich bei einem Verkehrsunfall. Doch nun findet er Hinweise, dass Annika sich selbst umgebracht hat, erhängt im Arbeitszimmer des Vaters. Wütend stellt er seine Mutter zur Rede, doch die möchte mit dem wahren Grund für Annikas Tod nicht herausrücken.

Zur gleichen Zeit versucht Kristoffer Sandeblom ein Drehbuch für ein Theaterstück zu schreiben. Als er erfährt, dass er der alleinige Begünstigte in Gerdas Testament ist, bringt ihn das zum Stutzen. Er kannte die tote Frau nicht, doch er hat ein großes Geheimnis. Er ist ein Findelkind und wurde als Kleinkind ausgesetzt. Das macht ihm noch heute zu schaffen, und er hofft, dass Gerda Persson ein erster Hinweis auf seine tatsächliche Herkunft ist. Er beginnt zugleich mit Jan-Erik, in der Vergangenheit zu wühlen, wobei beide einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommen …

Karin Alvtegens Thriller kommt ganz ohne Mitglieder der exekutiven Staatsgewalt aus. Im Mittelpunkt stehen keine Ermittler, sondern ganz normale Menschen, und es geht auch weniger um Mord und Totschlag als vielmehr um die zerstörerische Kraft von Geheimnissen und Stillschweigen. Nicht umsonst denken sowohl Alice als auch Jan-Erik bitter an die Ragnerfeldtsche Maxime, dass man sich eben nicht scheiden lässt. Alvtegen benutzt mehrere Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart, die gegen Ende spitz aufeinander zulaufen. Sie stellt die Ereignisse und die damit verbundenen Gefühle und Gedanken der einzelnen Personen sehr anschaulich dar und weiß sich in die jeweilige Figur gut hineinzuversetzen. „Schatten“ ist eher ein ruhiger Krimi, der seine Spannung aus dem allmählichen Aufdecken der Einzelheiten der damaligen Tat und der damit verbundenen Konsequenzen bezieht. Gegen Ende wird das Buch ein wenig vorhersehbar, aber bis dahin gibt es durchaus fesselnde Momente. Gerade die Verbindung zu Kristoffer bleibt lange im Verborgenen.

Die Personen stehen in dieser Geschichte im Mittelpunkt und sind dementsprechend ausgearbeitet. Obwohl sie doch recht alltäglich sind, lassen sie sich gut voneinander unterscheiden. Ihre Persönlichkeiten und Beziehungen untereinander werden ausführlich dargestellt. Alvtegen hat keine Angst davor, Zeilen für nicht handlungsrelevante Fakten zu benutzen, um dadurch ihre Charaktere zu intensivieren. Auch wenn diese leicht zu differenzieren sind, haben sie eines gemeinsam: Sie sind nicht perfekt, innerlich zerrissen und haben jeder an einer persönlichen Tragödie zu knabbern. Das sorgt dafür, dass die Geschichte sehr bedrückend wirkt, beinahe schon deprimierend, da sie dem Leser vor Augen führt, dass die Art und Weise, wie sich ein Mensch gibt, nicht immer damit übereinstimmt, was in ihm vorgeht. Alvtegen erlaubt dank ihrer detaillierten, nüchternen Schreibweise einen Blick hinter die Kulissen und regt zum Nachdenken an. Sie drückt dem Leser dabei keine vorgefertigte Meinung auf, sondern überlässt ihm oder ihr selbst, was sie von den Personen und ihren Handlungen moralisch hält.

„Schatten“ ist ein unglaublich dichter, wenn auch nur stellenweise fesselnder Roman, der ein einschneidendes Erlebnis der Familie Ragnerfeldt mit all seinen Folgen und Nachwirkungen erzählt. Der Autorin gelingt es dabei, auch ohne Blutvergießen Spannung zu erzeugen und einen literarisch sehr anspruchsvollen Roman abzuliefern.

|Originaltitel: Skugga
Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt
ISBN-13: 978-3-426-50126-9
394 Seiten|
http://www.knaur.de
http://www.karinalvtegen.com

_Mehr von Karin Alvtegen auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Seitensprung“ 3691
[„Die Flüchtige“ 3812

Barton, Beverly – Killing Beauties

Es gibt herausragende, schlechte und durchschnittliche Krimis. Durchschnittliche Krimis zeichnen sich zumeist dadurch aus, dass sie in sich schlüssig und nett lesbar sind, ansonsten aber nur wenig zu bieten haben. Ihre Zutaten sind wohlbekannt, Mut zur Innovation ist selten. „Killing Beauties“ der amerikanischen Autorin Beverly Barton fällt in genau dieses Schema.

Im Mittelpunkt steht ein Serienmörder, der seit Jahren sein Unwesen im Süden der USA treibt. Er hat es auf ehemalige Schönheitsköniginnen abgesehen. Eines seiner ersten Opfer war Jennifer Walker, die Ehefrau des gut betuchten Anwalts Judd Walker. Judd hat ihren Tod nicht besonders gut verarbeitet und beauftragt die private Ermittleragentur seines Freundes Griff Powell mit dem Fall.

Griff und seine Leute kümmern sich nun schon seit viereinhalb Jahren darum, die Morde nachzuverfolgen. Immer wieder geschehen neue Bluttaten, bei denen den Opfern Gliedmaßen abgehackt werden. Genau wie das ebenfalls involvierte FBI haben sie kaum Ergebnisse aufzuweisen. Der Täter geht sehr geschickt vor. Es gibt keine Zeugen, keine Spuren, doch als er die rothaarige Gale Ann Cain töten will, unterläuft ihm ein Fehler. Gale Ann überlebt, und zusätzlich wird er von ihrer Schwester beim Verlassen ihrer Wohnung beobachtet. Sein neuestes Opfer bleibt lange genug bei Besinnung, um den Ermittlern mitzuteilen, dass der Mörder ein Spiel spielt. Je nach Haarfarbe ist eine Tote eine bestimmte Punktzahl wert.

Zur gleichen Zeit treffen Judd Walker und Lindsay McAllister, eine von Powells Agentinnen, erneut zusammen. Sie haben eine bittere Affäre hinter sich, die alleine schon deshalb nicht gut enden konnte, weil Judd sich nach Jennifers Ermordung in seiner Trauer völlig zurückzog, mit dem Trinken begann und ein anderer Mensch wurde. Lindsay liebt ihn jedoch immer noch, und während sie gemeinsam zum Tatort des neusten Mords fahren, kommen die beiden sich wieder näher – mit verhängnisvollen Folgen. Um Judd bei seiner Rückkehr ins Leben zu helfen, beschließt Lindsay, den Täter zu fassen, indem sie ihm eine Falle stellt …

Beverly Bartons Buch liest sich wie das einer Autorin, die Thriller in Serie produziert. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, führt aber häufig zu einer gewissen Routine, die den Leser langweilt. In „Killing Beauties“ ist das ähnlich. Die Handlung ist spannend, obwohl der Täter von Anfang an bekannt ist, und überzeugt durch den Wechsel verschiedener Perspektiven. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Wettlauf zwischen Polizei und Täter, der in einem hektischen Showdown endet. In einer Nebenhandlung wird das komplizierte Verhältnis zwischen Lindsay und Judd beleuchtet. Allzu oft versinkt die Autorin dabei in kitschiger Romantik und dem Versprechen von ewiger Liebe. Das lenkt unangenehm von der eigentlichen Handlung ab, auch wenn die Beziehung sicherlich ihre Berechtigung hat und zur Story dazugehört.

Gerade Lindsay und Judd können sich als Charaktere nicht aus dieser Romantikfalle befreien, obwohl vor allem Judd bei genauerem Hinsehen eine gut ausgearbeitete, intensive Figur ist. Der Schmerz aufgrund des Verlusts seiner Frau wirkt echt und regt zum Nachdenken an. Barton überzeugt, wenn sie seine Gefühle in Worte packt und in die Düsternis seiner Seele hinabführt. Lindsay wirkt hingegen stellenweise wie ein verschüchtertes, unterwürfiges Fräulein. Ihre masochistische Ader ist zu viel des Guten und sorgt eher für Antipathien als für Mitgefühl. Die anderen Charaktere haben hingegen nur kurze Auftritte, was im Fall von Griffin Powell durch ein „leider“ ergänzt werden muss. Es schimmert immer wieder durch, dass Lindsays Chef eine bewegte, nicht ganz saubere Vergangenheit hat. Es wäre spannend gewesen, mehr darüber zu erfahren, doch an dieser Stelle hält die Autorin den Leser kurz.

Krimis in Routine zu produzieren, setzt voraus, dass man sie schreiben kann, denn sonst würden sie kaum verlegt werden. Beverly Barton hat über 50 Bestsellerromane auf ihrer Liste, was ihren sicheren und versierten Schreibstil erklärt. Sie bedient sich eines gehobenen, großen Wortschatzes, bleibt aber nüchtern in der Erzählung. Sie bringt die Gefühle ihrer Personen mit ein, verzichtet aber weitgehend auf die Benutzung von Sprachbildern. Stattdessen schildert sie schnörkellos und ohne unnötigen Ballast die Handlung, so dass ein hohes Erzähltempo entsteht, das auf weiten Strecken für den richtigen Vorwärtsgang sorgt.

„Killing Beauties“ ist sicherlich kein Ausnahmebuch, aber nett zu lesen und spannend. Beverly Barton bewegt sich auf ihrem Gebiet – Krimis mit einem Schuss Romantik – sehr sicher, auch wenn ihr das Besondere fehlt.

|Originaltitel: The Dying Game
Aus dem Amerikanischen von Kristina Lake-Zapp
510 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-426-50014-9|
http://www.beverlybarton.com
http://www.knaur.de

Krajewski, Marek – Gespenster in Breslau

_Das geschieht:_

Breslau im Spätsommer des Jahres 1919: Kriminalassistent Eberhard Mock, eigentlich in der Abteilung für Sittlichkeitsverbrechen tätig, wird zur Mordkommission versetzt, um bei der Aufklärung eines grotesken Massenmords zu helfen: Vier nackte Männer mit Matrosenmützen – offensichtlich Prostituierte – wurden betäubt, ihre Gliedmaßen systematisch zerschlagen und ihre Lungen mit langen Nadeln durchbohrt.

Bei den Leichen hinterließ der Täter eine Nachricht: Eberhard Mock soll sich für ein unerkannt gebliebenes Verbrechen schuldig bekennen. Fatalerweise kann sich Mock an keine entsprechende Missetat erinnern, will diese aber nicht ausschließen: Er ist Alkoholiker, betrinkt sich regelmäßig bis zur Bewusstlosigkeit und leidet unter Schlafstörungen.

So geschieht, womit zu rechnen war: Als Mock sich nicht offenbart, schlägt der ungeduldig gewordene Mörder erneut zu. Von seinen Vorgesetzten kaltgestellt, schart Mock eine kleine Gruppe ihm gewogener Männer um sich und führt die Ermittlungen auf eigene Faust fort. Er stößt auf eine Spur, die in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Breslaus führt, was seine Nachforschungen erheblich erschwert. Mocks Albträume nehmen zu, denn weitere Bluttaten ereignen sich, für die er sich verantwortlich fühlt. Umso nachdrücklicher stürzt er sich in die gefährlichen Untiefen der Breslauer Halbwelt, denn nur dort findet er die Antworten, die er sucht …

_Verbrechen als zeitloses Lesevergnügen_

Historienkrimis liegen im Trend. Vor allem in Deutschland wird die Mischung aus Verbrechen und Vergangenheit sehr geschätzt, was sich in entsprechenden Verkaufszahlen niederschlägt. Wo die Nachfrage hoch ist, wird von Autoren und Verlagen selbstverständlich geliefert – um jeden Preis, was den Historienkrimi zu einem Genre macht, das unter argen Qualitätsgefällen leidet. Noch die dümmlichste Mordmär wird scheinbar geadelt, wenn man sie nur in ferner Zeit ansiedelt: So wird offensichtlich und leider viel zu oft erfolgreich kalkuliert. Dabei ersetzen Recherche und historische Akkuratesse keineswegs eine gute Story, während andererseits eine gute Story problemlos Anachronismen ausgleichen kann.

„Gespenster in Breslau“ stellt keineswegs die ideale Symbiose von Historienroman und Krimi dar – glücklicherweise: Nicht nur die Geschichte liest sich spannend, auch das historische Umfeld ist glänzend rekonstruiert. Kein Wunder, war Autor Krajewski doch einst als Bibliothekar an der Breslauer Universität tätig und hat sich tief in die Geschichte seiner Heimatstadt eingearbeitet. Gleichzeitig übertreibt er es mit den Fakten nicht. Sie unterstützen die Handlung, erdrücken sie aber nie. „Gespenster in Breslau“ bleibt vor allem eine weitere Episode aus dem bewegten Leben des Eberhard Mock, mit dem Krajewski eine Figur gelungen ist, die er zu Recht in den Vordergrund schiebt.

_Serienmord und der Tanz auf dem Vulkan_

Vier schwule Matrosen werden gerädert und mit Nadeln erstochen, weitere Pechvögel erfahren ähnlich bizarre Lebensenden: In Sachen Drastik kann Krajewski auf jeden Fall mit den Metzeleien der aktuellen Killer-Thriller mithalten. Diese ereignen sich allerdings in Breslau, einer Stadt, die erfreuliches Krimi-Neuland für den interessierten Leser darstellt. Das Jahr 1919 ist kein vom Verfasser willkürlich gewähltes Datum; es signalisiert dem historisch leidlich vorgebildeten Leser ein Umfeld, das von politischer und gesellschaftlicher Instabilität geprägt ist und in dem ein Geschehen, wie es Krajewski schildert, plötzlich gar nicht mehr außergewöhnlich wirkt.

1919 ist nicht nur das Jahr 1 nach einem I. Weltkrieg, der viele Millionen Opfer gekostet hat. Jetzt strömen die Überlebenden zurück ins ’normale‘ Leben. Eberhard Mock gehört zu ihnen – ein typischer Vertreter seiner Generation, der nach dem Grauen, das er in einem Abnutzungs- und Vernichtungskrieg erleben musste, psychisch gezeichnet ist. Er kann nicht schlafen, wird von Albträumen heimgesucht, die er mit Alkohol und Sex betäubt. Nachts suchen ihn Gespenster heim, vermischen sich seine Kriegserinnerungen mit den alltäglichen Schrecken, denen er als Polizist ausgesetzt ist.

Die Gegenwart wird ihn kaum zur Ruhe kommen zu lassen. Nach Jahrhunderten, in denen Monarchen die europäischen Staaten regierten, versuchen diese nun die Demokratie. Immer neue Krisen erschüttern die jungen Republiken. Die Inflation galoppiert. Nach sowjetischen Vorbild bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Eine Revolution scheint auch in Deutschland nicht unwahrscheinlich; auch Mock wird damit konfrontiert, dass sich Räte und Militär belauern und ein Funke den bewaffneten Straßenkrieg auslösen kann. Währenddessen rühren die geschassten Machthaber von einst im Untergrund, versuchen alte Positionen neu zu besetzen. Noch spricht niemand von den Nazis, aber das Fundament, auf dem sie gedeihen, wird bereits bereitet.

_Eine Atmosphäre der Bedrohung_

„Gespenster in Breslau“ ist zweifellos ein spannender Kriminalroman. Dennoch ist der Plot vergleichsweise simpel, seine Auflösung womöglich platt. Wesentlich eindrucksvoller ist dagegen die Stimmung, die über dem Geschehen liegt. Über Breslau schweben in der Tat Gespenster; es sind nicht nur die für Mock ungelösten Konflikte der Vergangenheit, von denen die Gegenwart geprägt ist. Die allgemeine Unsicherheit wird von Krajewski selten direkt angesprochen. Viel lieber und effektvoller verdeutlicht er sie durch das fast verzweifelt zu nennende Bemühen der Breslauer, sich zu amüsieren.

In dieser Stadt herrscht kein Frieden, sondern eher eine Ruhe vor dem Sturm. Die Bürger versuchen an die Vorkriegszeit anzuknüpfen und den Krieg und seine Folgen zu verdrängen. Obwohl es hoch hergeht in den Bars und Boudoirs, wirken die Ausschweifungen wie Fluchten. Man genießt nicht, sondern frisst, säuft, kokst und hurt bis zum Erbrechen, bis zur Bewusstlosigkeit, als ob es kein Morgen gäbe oder als ob man schon die nationalsozialistische Zukunft ahnt, die Breslau 1945 in Schutt und Asche sinken und als polnisches Wroclaw wiedererstehen lässt. Dekadenz ist nicht tadelnswert, sondern beinahe das Gebot der Stunde.

In dieser Situation wirken auch die Umtriebe einer obskuren Geheimgesellschaft durchaus realistisch, zumal namentlich erwähnte Personen wie Ludwig Klages, Lanz von Liebenfels oder Walter Friedrich Otto tatsächlich existierten. Natürlich übertreibt Krajewski mit dem Wissen des Nachgeborenen. Der Prägnanz seiner Darstellung tut das jedoch keinen Abbruch.

_Ein Mann wie Mock_

Eberhard Mock markiert wie schon erwähnt das eigentliche Zentrum dieses Romans. Er ist als Person faszinierend, trägt aber durchaus unsympathische Züge. Die einzige Konstante seines Wesens scheint seine Unberechenbarkeit zu sein. Er ist in dem einen Moment sentimental und mitfühlend, um im nächsten seiner Aggressivität freien Lauf zu lassen, die er selbst nicht begreift. Mocks ‚Verhältnis‘ zu Frauen ist – gelinge ausgedrückt – gestört. Eine seiner Kriegsneurosen ist die womöglich eingebildete Erinnerung an eine rothaarige Krankenschwester, in die Mock seine unerfüllten Sehnsüchte projiziert. In Gestalt einer jugendlichen Prostituierten nimmt sie Gestalt an und sieht sich Mocks innerer Zerrissenheit ausgesetzt, der hilflos zwischen Illusion und Realität taumelt.

Wohin gehört dieser Eberhard Mock eigentlich? Auch ohne Krieg wüsste er es wohl nicht. Er ist ein Mann aus dem Volk, Sohn eines Schusters, der aber in den Genuss einer höheren Schulbildung kam. Seine klassische Bildung kann und will Mock nicht verleugnen. Sie hätte ihn womöglich in eine akademische Laufbahn geführt. Stattdessen und ohne sich die Gründe vor Augen führen zu können, ist Mock Polizist geworden. Als solcher ist er gut, aber gleichzeitig korrupt: ein gelangweilter Mann mit selbstzerstörerischen Zügen, der sich im Beruf, aber auch bei seiner Familie und seinen Freunden vorsätzlich in Schwierigkeiten bringt und das heimlich zu genießen scheint.

Als Leser versteht man gut, wieso Krajewski von Mock nicht lassen mag, obwohl er ihn ursprünglich nach vier Romanen ‚entlassen‘ wollte. Er passt in die unruhigen Zeiten, in die ihn der Autor wirft. Mocks Unberechenbarkeit wird unterstrichen durch den Verzicht auf eine chronologische Abfolge seiner Fälle: Während „Tod in Breslau“, der erste Teil der Serie, 1933 spielt, springt [„Der Kalenderblattmörder“ 5001 zurück ins Jahr 1927. „Gespenster in Breslau“ geht weitere acht Jahre zurück, während wir in „Festung Breslau“ den Mock von 1945 erleben. Mit „Pest in Breslau“ geht es zurück nach 1923. Die nüchterne und das Schwelgen in historischem Lokalkolorit meidende Form der Darstellung, die Krajewski – der sich lieber als Handwerker denn als Schriftsteller bezeichnet – bevorzugt, macht auch auf diese Romane neugierig.

Die Eberhard-Mock-Serie:

(1999) Tod in Breslau (btb Verlag Nr. 72831)
(2003) [Der Kalenderblattmörder 5001 (dtv Nr. 21092)
(2005) Gespenster in Breslau (dtv Nr. 21150)
(2006) Festung Breslau (dtv premium Nr. 24644)
(2007) Pest in Breslau (dtv premium Nr. 24727)

_Impressum_

Originaltitel: Widma w mieście Breslau (Warschau : Wydawnictwo W. A. B. 2005)
Übersetzung: Paulina Schulz
Deutsche Erstausgabe: August 2007 (Deutscher Taschenbuch Verlag/Dtv premium 24608)
317 Seiten
EUR 14,50
ISBN-13: 978-3-423-24608-8

Als Taschenbuch: Juli 2009 (Deutscher Taschenbuch Verlag Nr. 21150)
317 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-423-21150-5
http://www.dtv.de

Perry, Anne – Würger von der Cater Street, Der

London, 1881: Die dreiundzwanzigjährige Charlotte Elison ist eine Tochter aus gutbürgerlichem Haus, die mit ihren emanzipierten Ansichten immer wieder ihre Familie vor den Kopf stößt. Ihre ältere Schwester Sarah ist mit dem gutaussehenden Dominic verheiratet, die siebzehnjährige Emily ist ähnlich dickköpfig wie Charlotte, hält aber viel mehr an Konventionen fest. Charlotte schwärmt heimlich seit der ersten Begegnung für Dominic, was sie um des Familienfriedens willen verbirgt.

Zum Entsetzen der Bevölkerung geschehen in der Cater Street mehrere Frauenmorde. Junge Mädchen werden mit einer Drahtschlinge erwürgt, vom Täter gibt es keine Spur. Das Motiv gibt Rätsel auf, da die Frauen weder vermögend waren noch vergewaltgt wurden. Als auch ein Dienstmädchen der Ellisons ermordet wird, die in einer Nebenstraße wohnen, werden sie in den Fall verwickelt. Der ermittelnde Polizist Inspector Pitt stellt der Familie zu ihrem Ärger unangenehme Fragen. Vor allem Familienoberhaupt Edward Ellison stört sich an dem direkten und selbstbewussten Inspector, der ungeachtet seines niedrigen gesellschaftlichen Ranges immer wieder nachhakt.

Brisant ist auch sein auffallendes Interesse an Charlotte, was diese zunächst als unverschämt empfindet. Doch allmählich entwickelt sie selbst ein gesteigertes Interesse an dem Fall, zumal das letzte Opfer aus ihren eigenen Kreisen stammt. Beunruhigend ist auch, dass sich Emily neuerdings ausgerechnet für den zwielichtigen Lord Ashworth interessiert, der in der Halbwelt verkehrt. Und sogar Charlottes Vater Edward und Dominic scheinen etwas zu verbergen …

Fünfundzwanzig Bücher über ihr Gespann Charlotte und Thomas Pitt hat Anne Perry mittlerweile veröffentlicht. Für alle, die sich mit dieser Reihe befassen wollen, bildet dieser Band den Ausgangspunkt, um mit den Figuren vertraut zu werden und zu erfahren, wie sich das spätere Ehepaar Charlotte und Thomas Pitt überhaupt kennenlernte.

|Spannung und Atmosphäre|

Wenige Jahre, bevor Jack the Ripper das reale London in Angst versetzen wird, treibt ein Würger in der gutbürgerlichen Cater Street sein Unwesen. Vor allem das unerkannte Motiv beunruhigt die Bevölkerung, denn die Opfer scheinen nicht viel miteinander gemein zu haben. Bald wagt sich keine Frau mehr allein auf die Straße und Misstrauen zieht sich durch die ganze Stadt. Bekannte verdächtigen sich gegenseitig, denn die Polizei vertritt die Theorie, dass es sich um eine Person handelt, die im öffentlichen Leben völlig unverdächtig wirkt – vielleicht sogar ein Geisteskranker, der außerhalb seiner Anfälle gar nichts von seinen Taten weiß. Das macht die Morde umso beunruhigender und für die Polizei umso schwerer zu lösen.

Besonders heikel wird es, als sich auch Charlottes Schwager Dominic und ihr Vater Edward eigenartig verhalten. Vor allem Edward reagiert zunehmend gereizt auf die häufigen Befragungen des Inspectors, weicht aus und wird bei einem falschen Alibi ertappt. Trotz dreißig Jahren guter Ehe zweifelt seine Frau Caroline plötzlich an ihrem Mann und fürchtet sich davor, dass er mit den Morden zu tun haben könnte. Dazu kommt der innere Zwiespalt, ob sie sein falsches Alibi unterstützen oder dem Inspector die Wahrheit sagen soll. Charlotte verdächtigt zusätzlich den ominösen Lord Ashworth, den Emily für sich zu gewinnen sucht. Sie bangt nicht nur darum, dass der verrufene Lord ihre Schwester unglücklich machen könnte, sondern traut ihm zu, der Würger zu sein …

Trotz der Kriminalhandlung steht aber die Porträtierung der viktorianischen Gesellschaft im Vordergrund. Ansehen ist alles, die Stände bleiben gewöhnlich unter sich, Frauen haben sich zurückzuhalten und vor allem hübsch auszusehen. Charlotte ist mit Anfang zwanzig beinah schon eine alte Jungfer und mit ihrer Offenheit eine denkbar ungeeignete Partie. Die Eigenheiten der konservativen Gesellschaft werden immer wieder auf die Spitze genommen, sei es durch die schadenfrohen Lästereien beim Kaffeeklatsch über scheinbare Skandale oder empörte Reaktionen auf Charlottes ungehöriges Interesse an Tageszeitungen.

|Gelungene Charaktere|

Schon in diesem ersten Band spürt der Leser, dass sich mit Charlotte Elison und Inspector Pitt eine interessante Kombination gefunden hat. Charlotte ist kein Prototyp des viktorianischen Zeitalters; sie verabscheut den Standesdünkel und gibt nicht viel auf oberflächliche Konventionen. Sie spricht aus, was sie denkt, auch wenn sie mit ihrer Ehrlichkeit ihr Gegenüber vor den Kopf stößt, stört sich nicht an Gerede und zeigt echtes Interesse an den Geschichten über die Armenwelt Londons, die ihr von Pitt nahegebracht werden. Die Sympathie des Lesers ist ihr sicher, da Charlotte einerseits alles andere als makellos-langweilig ist, aber auch nicht aufdringlich oder gar zickig. Reizvoll ist auch ihr Verhältnis zu ihrem Schwager Dominic. Von der ersten Begegnung an hat sie für ihn geschwärmt und die Heirat mit ihrer Schwester mit gemischten Gefühlen betrachtet. Noch heute, Jahre später, gerät sie in seiner Gegenwart in Verlegenheit und hofft gleichzeitig, dass niemand, am wenigsten ihre Schwester, davon je etwas erfahren möge. Im Laufe der Handlung muss Charlotte allerdings ihre Meinung zu Dominic ein wenig revidieren und zum ersten Mal erkennen, dass sich ihre Gefühle getäuscht haben.

Auch Pitt hat man wegen seiner unkonventionellen Art schnell ins Herz geschlossen. Ein solider Polizist, der keine Scheu vor der höheren Gesellschaft kennt und sich von Arroganz nicht abschrecken lässt; stattdessen begegnet er Herablassung mit Souveränität und Belustigung. Eine mysteriöse Figur ist der schwer einzuschätzende Lord Ashworth. Gutaussehend und charmant, wie er ist, wählt ihn die naive und sture Emily als zukünftigen Ehemann aus. Allerdings munkelt man, dass der reiche Herr ein Spieler sei, der sich gerne in zwielichtigen Etablissements herumtreibt – und in Emily wahrscheinlich nur ein kurzes Vergnügen sieht.

|Ein paar kleine Schwächen|

Zwar ist die Verbindung aus viktorianischem Gesellschaftsroman und Krimi reizvoll, allerdings steht der Krimi-Teil vergleichsweise im Hintergrund. Es dauert eine Weile, bis die Taten des Würgers Charlotte und ihre Familie direkt betreffen, und bis dahin steht der viktorianische Alltag im Fokus. Das Ende ist dagegen etwas zu knapp gehalten. Schön wäre gewesen, nach dem großen Finale samt Auflösung noch einmal den Rest von Charlottes Familie zu erleben, stattdessen folgt ein abrupter Schluss. Und auch wenn alle den Fall betreffenden Fragen geklärt sind, gibt es doch einen Handlungsstrang, der etwas in der Luft schwebt, anstatt richtig zu Ende geführt zu werden. Die letzten Geschehnisse werden auf zu wenige Seiten gedrängt und wirken eher wie ein Aufhänger für den Nachfolgeband, anstatt den Roman abzuschließen. Diese Punkte verhindern, dass dieser Roman der ganz große Wurf geworden ist, doch für ein Debütwerk ist Anne Perry seinerzeit ein guter Krimi gelungen.

_Unterm Strich_ ist der erste Krimi aus der Inspector-Pitt-Reihe, der die Leser ins viktorianische London führt, gelungen. Die Hauptfiguren sind interessant, die Spannung ist weithin gegeben, allerdings entwickelt sich die Krimihandlung recht schleppend und das Ende ist in allen Belangen etwas zu knapp geraten.

_Die Autorin_ Anne Perry wurde 1938 als Juliet Hume in London geboren. 1954 beging sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin einen Verzweiflungsmord an deren Mutter, der ihnen eine Haftstrafe einbrachte. Der Fall wurde als „Heavenly Creatures“ verfilmt. Nach ihrer Entlassung nahm Perry ihren heutigen Namen an und beann in den sechziger Jahren zu schreiben. 1979 veröffentlichte sie mit „The Cater Street Hangman“ ihren ersten Roman. Seither hat sie Dutzende von Büchern in mehreren Reihen herausgebracht. Am bekanntesten sind ihre Inspector-Pitt- und Privatdetektiv-Monk-Romane, die jeweils im viktorianischen London spielen.

http://www.dumont-buchverlag.de/

_Mehr von Anne Perry auf |Buchwurm.info|:_

[„Feinde der Krone“ 1723
[„Die Verschwörung von Whitechapel“ 1175

le Carré, John – Marionetten

Mit dem 11.9.2001 hat sich durch den terroristischen Anschlag auf das symbolträchtige World Trade Center der USA das gesellschaftliche, politische und kulturelle Leben auf immer verändert. Diese Form des besonders radikalen und bis dahin ungeahnt gewaltbereiten Terrorismus hat den westlichen Staaten der Welt gezeigt, dass man sich selbst in behüteter und gut verteidigter Position nicht sicher wähnen kann. Die Frage, die sich nicht nur die Geheimdienste aller Regierungen stellen, ist: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass 19 junge Islamisten im militärisch stärksten Land der Welt derart koordiniert vier Passagierflugzeuge kapern und auf das Pentagon und die Twin Towers steuern?

Welche enorme logistische Detailplanung dafür notwendig war – Ausbildung der Attentäter zu Piloten, finanzielle Mittel, Gesamtkoordination, aber auch die ideologische Schulung -, ist erschreckend. Erschreckend deswegen, weil trotz der Zusammenarbeit der Geheimdienste verschiedener Nationen einige Täter bekannt waren, aber nicht genug oder nur fahrlässig recherchiert, observiert und informiert wurde. Etwas mehr Kommunikation und Zusammenarbeit hätte vielleicht die Katastrophe verhindern können, bei der über 3000 Menschen den Tod fanden.

Warum war die CIA, der israelische Mossad, der britische MI6 und der deutsche Bundesnachrichtendienst derart machtlos und unvorbereitet? Gab es keine Anzeichen und keine Warnungen von Agenten, die in den al-Qaida- oder anderen Terrorzellen im Untergrund tätig waren?

Nach dem Terroranschlag wurde durch die Bush-Doktrin und dessen Politik ein Präventivkrieg ausgelöst, der auch heute, mehr als sieben Jahre später, in Afghanistan und dem Irak noch kein Ende gefunden hat und sich in weitere Staaten überträgt. Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen dort, die einen Flächenbrand in Form eines weiteres Religionskrieges auslösen könnten, der schließlich auch Europa erreichen wird.

Viele terroristische Anschläge in den Jahren danach haben die Regierungen, ihre Geheimdienste und das Militär unter eine kalte Dusche gestellt, die wahrlich wachrüttelte. Das Rad der Zeit kann man zwar nicht mehr zurückdrehen, doch kann man die Gegenwart beeinflussen, damit in naher und ferner Zukunft so etwas nicht mehr passieren sollte. Inzwischen sind die Geheimdienste verschiedenster Nationen enger zusammengerückt, um der terroristischen Gefahr entgegenzuwirken, und ein neuer kalter Krieg zeichnet sich ab, in dem einfache Menschen aus dem zivilen Leben nur Marionetten dieser Geheimdienste sind, ebenso wie die Agenten, Spione, Analysten, Diplomaten und andere, aber wer zieht die Fäden in diesem Spiel? Wer lässt die Marionetten nach seinen Spielregeln auf der Bühne tanzen?

John le Carré gibt in seinem zuletzt veröffentlichten Roman „Marionetten“ einen interessanten Einblick in die Schattenwelten der Geheimdienste.

_Handlung_

Issa ist ein sonderbarer Flüchtling, ein Moslem, der nach Hamburg-Altona über verschiedene Stationen gereist ist. Langsam, vorsichtig, fast schon ängstlich folgt der junge Mann Big Melik, einem jungen und aufstrebenden türkischen Boxer, der einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Issa erbittet auf einem Stück Papier, das er dem jungen Türken in die Hand drückt, Obdach. Doch Meliks Reaktion ist zunächst negativ, und er möchte den Jungen am liebsten davonjagen, doch seine Mutter Leyla sieht in dem streunenden Mann Gottes Willen und entspricht mitleidsvoll dessen Wunsch nach einer Bleibe.

Auch Melik bekommt Mitleid und schämt sich für seine barschen Worte, als er die Folternarben auf Issas Rücken erblickt. Issa kann sich kaum verständlich machen, er ist tschetschenischer Herkunft, aber seine Zukunft sieht er schon fest vor sich. Er will Deutsch lernen, möglichst schnell, er möchte Medizin studieren und ein großer Arzt werden, der das Leiden von Menschen mindert. Seine einzigen Habseligkeiten sind ein Päckchen mit 500 recht druckfrischen Dollars und ein auf kyrillisch verfasster Brief. Melik kann darauf nur eine sechsstellige Zahl identifizieren.

Doch Issa ist schon längst einer inoffiziellen Abteilung des Bundesnachrichtendienstes bekannt. Hamburg ist schließlich die Stadt, aus welcher der Attentäter Mohammed Atta zusammen mit einigen anderen aufbrach, um den Vereinigten Staaten zu zeigen, was Terror bedeutet, indem sie das WTC vernichteten und das Pentagon beschädigten. Damit wurde eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, welche die Eskalation nur noch weiter vorantreiben sollte.

Der erfolgreiche schottischer Investment-Banker Tommy Brue macht wenig später ebenfalls Bekanntschaft mit dem mysteriösen Flüchtling Issa. Als Vermittlerin fungiert die ebenso undurchsichtige Annabel Richter, eine Anwältin aus bester Familie. Die sechsstellige Zahl ist der Code für einen Schlüssel zu einem dubiosen Depot, das Brue von seinem ebenfalls im Finanzwesen tätigen Vater geerbt hat. Mit diesen Mitteln soll sich der naive Issa eine Zukunft aufbauen, doch zu welchem Zweck?

Der deutsche Geheimdienst und bald nicht nur dieser hat jetzt nicht nur Issa im Visier, sondern ebenso die türkische Familie, die Juristin Annabel Richter sowie den Investment-Banker Tommy Brue widmet. Alle werden zu Spielbällen der Geheimdienste, die ganz eigene Interessen verfolgen.

_Kritik_

John le Carré, selbst ein früherer Agent des britischen Geheimdienstes, kennt die Verbindungen und Methoden aus eigener Erfahrung und setzt sein spezielles Wissen natürlich gern in seinen Romanen ein. Er ist ein Altmeister der Geheim- und Spionagedienstthriller.

Auch „Marionetten“ weist eine sehr reale Handlung auf, die le Carré in der Gesamtschau spannend, wenn auch mit einigen Längen präsentiert. Seine detailreiche Beschreibung über die Methoden von Agenten, die observieren, recherchieren und analysieren, ist thematisch eindrucksvoll und realistisch beschrieben. Dass Dreh- und Angelpunkte der Terroristenszene wie der Hamburger Hauptbahnhof von Geheimdiensten observiert werden, sich Agenten unter die Passanten mischen und durch Drohung oder Bestechung Informationen erschleichen, wird glaubwürdig dargestellt, gerade wenn man daran denkt, dass Hamburg einige terroristischen Zellen beherbergt(e).

Dabei stellt sich unmittelbar die Frage: Wie viele solcher Aktivitäten und Keimzellen gibt es noch und in welchen Städten? Handelt es sich bei den noch in Deutschland aktiven Zellen um aktive Mitglieder terroristischer Gruppierungen, die Anschläge vorbereiten und ausführen, oder sind es lediglich Mittelsmänner und Informanten, vielleicht gar so genannte Schläfer, die irgendwann aktiv werden, aber bis dahin das biedere Leben durchschnittlicher Bürger innerhalb ihrer sozialen Stellung führen? Genau diese Fragen beschäftigen die Geheimdienste in „Marionetten“. Welchen Geistern jagt man nach, die sich später vielleicht als sehr real und allzu menschlich herausstellen?

John le Carré erzählt in „Marionetten“ sehr plastisch und schildert zynisch die Arbeit der Geheimdienste, die wiederum für Eingeweihte, die ihre Tiefen erforschen, noch viel geheimer und undurchschaubarer wirken können. Eine wahre Karikatur bürokratischer Arbeitsmethodik, der man als Leser gern verfolgen mag.

In der ganzen Handlung ist die Atmosphäre recht bedrückend. Nach wie vor herrscht die Angst vor terroristischen Anschlägen, ebenso bewirkt der Gedanke, dieses erneut nicht früh genug erkennen zu können, einen bitteren Beigeschmack, ebenso wie die Frage, ob diese Situation es wert ist, die Freiheitsrechte einzelner Menschen quasi außer Kraft zu setzen. Was wiegt das Schicksal einer einzelnen Person im Vergleich zum vermeintlichen Wohl eines Volkes in seiner Gesamtheit?

Die Protagonisten sind intensiv und detailreich dargestellt, auch wenn man für wirklich keinem von ihnen sonderliche Sympathie entwickelt. Einzelne Schicksale werden final nicht abgeschlossen und unseren Phantasien und Theorien überlassen – zu vage, wie ich finde. John le Carrés Motivation – und das hat er in diesem Roman auch erfolgreich umgesetzt – war es, den Protagonisten den Status einer Marionette zuzuweisen. Dass jeder Geheimdienst aufgrund der Ereignisse vor sieben Jahren seine eigenen Interessen stärkt und seine Ziel verfolgt, oftmals ohne Rücksicht auf Verluste und unter Inkaufnahme von Kollateralschäden, zeigt Carrés Roman eindrucksvoll und für den Laien absolut nachvollziehbar.

John le Carré rüttelt die Leser wach und nimmt die Rolle des kritisch Fragenden ein: Was ist aus unserer Gesellschaft geworden? Ein Opfer seiner selbst? Sind diese Ereignisse ein Produkt aus Ursache und Wirkung, und wir sind nur aus Versehen in den Unfall verwickelt? Aber zahlen wir dann auch bereitwillig den Preis, selbst wenn er uns zu hoch erscheint? Carrés Dramaturgie ist bestechend und die – im Wortsinne – untergründige Spannung bleibt konstant erhalten, allerdings gibt es keine klar definierten Höhepunkte und das Ende des Romans ist so offen wie der Großteil der Handlung mitsamt ihren Protagonisten.

_Fazit_

„Marionetten“ ist mit Einschränkungen zu empfehlen. Den Leser erwartet kein Roman, der unmittelbar nach 9/11 spielt, sondern eine Handlung in der Gegenwart, auch wenn immer wieder auf die Vergangenheit und ihre Auswirkungen Bezug genommen wird.

John le Carré ist seit vielen Jahren routinierter Autor verschiedener Agenten- und Spionage-Romane. Sein Stil ist dabei unverändert geblieben. Er verfasst komplexe Sätze, liebt die ausführliche Form der Darstellung, die Dialoge seiner Protagonisten sind manchmal verworren und man liest entsprechend die eine oder andere Passage noch einmal, was durchaus ermüdend wirken kann.

Die Spannung und das Interesse an der Handlung und den Personen sind anfangs recht hoch, später allerdings wird dem Leser zunehmend auch klar, dass alle Protagonisten, egal ob nun verdächtig oder nicht, ob nun Geheimdienstler der CIA oder des Bundesnachrichtendienstes, zu verwirrend für eine klare Linie konzipiert sind. Die Botschaft, die uns John le Carré vermitteln will, ist spiegelbildlich und sehr real gezeichnet und konfrontiert uns mit der recht aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage. Welche Macht räumt man den Geheimdiensten noch ein und wer bewegt sich in dieser Schattenwelt? Sind alle Abteilungen eigenverantwortlich oder existieren andere geheimdienstliche Zellen, denen fast jedes Mittel recht ist, um etwaige Verdächtige als Terroristen zu überführen oder eigene Ziele zu verfolgen? Viele Fragen werden aufgeworfen, die der Leser mit sich selbst oder auch mit anderen diskutieren sollte.

„Marionetten“ ist insgesamt ein authentischer Roman mit einer interessanten, durchaus auch spannenden Geschichte, die leider zu viele Längen beinhaltet und am Ende – wohl bewusst – für meinen Geschmack zu viele Fragezeichen hinterlässt.

_Der Autor:_

John le Carré, geboren 1931 in Poole, Dorset, studierte in Bern und Oxford Germanistik, bevor er in diplomatischen Diensten u. a. in Bonn und Hamburg und für den britischen Geheimdienst als Secret Service Agent tätig war. „Der Spion, der aus der Kälte kam“ begründete seinen Weltruhm als Bestsellerautor. Der Autor lebt mit seiner Frau in Cornwall und London.

|Originaltitel: A Most Wanted Man
Aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson
366 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-550-08756-1|
http://www.ullstein.de
http://www.johnlecarre.com

_Mehr von John le Carré auf |Buchwurm.info|:_

[„Absolute Freunde“ 399
[„Geheime Melodie“ 2975

Lovesey, Peter – Abschied auf Englisch

_Das geschieht:_

Der unglücklich verheiratete Zahnarzt Walter Baranov und die Blumenverkäuferin Alma Webster haben sich ineinander verliebt. An eine Scheidung darf Walter nicht einmal denken; Gattin Lydia hat in dieser Ehe die Hosen an und das Geld auf der Bank. Außerdem schreibt man das Jahr 1921, und untreue Ehemänner, die ihre Frau verlassen und sich zu ihrer deutlich jüngeren Geliebten bekennen, können mit finanziellem Ruin und gesellschaftlicher Ächtung rechnen.

Alma findet die Lösung: Lydia muss sterben! In seiner Not ist Walter einverstanden. Allerdings erinnert er sich an den unglücklichen Dr. Hawley Crippen, der es 1910 ebenfalls mit Gattinnenmord versucht hatte, nach einer aufsehenerregenden Verfolgungsjagd über den Atlantik in Kanada festgenommen und später gehenkt worden war. Er hatte die Leiche nicht gut genug entsorgt, was ihm zum Verhängnis wurde. Walter und Alma wollen es besser machen: Da Lydia eine Schiffsreise in die USA plant, wollen sie ihr an Bord des Luxusdampfers „Mauretania“ folgen, sie erst dort ermorden und die Leiche durch ein Bullauge verschwinden lassen, worauf Alma in Lydias Rolle schlüpft: Niemand wird auf der Passagierliste fehlen, und das verliebte Paar kann in der neuen Welt in eine ungestörte Zukunft starten!

Doch der Zufall spielt Walter und Alma einen bösen Streich: Eine zweite Frau geht ermordet über Bord. Ihre Leiche kann geborgen werden. Erfreut hört Kapitän Rostron, dass sich unter seinen Passagieren ein berühmter Polizist befindet: Keck nennt sich Baranov an Bord der „Mauretania“ ausgerechnet „Walter Dew“. Dew war der Inspektor, der einst Crippen stellte. Daran erinnert sich der Kapitän. Notgedrungen versucht sich Walter als Ermittler. Ihm hilft seine Vergangenheit als Bühnenmagier; tatsächlich sind seine Nachforschungen so erfolgreich, dass der Mörder unruhig wird und seinem Verfolger nachzustellen beginnt …

_Die Realität schlägt wieder einmal die Fiktion_

„Abschied auf Englisch“ ist der im Deutschen (wie üblich, muss man sagen) nichtssagende Titel einer Geschichte, deren Originaltitel den eingeweihten Leser bereits auf die Handlung einstimmt: Inspektor Dew ist zumindest in England eine bekannte Figur der (kriminologischen) Zeitgeschichte: der Mann, der 1910 den (natürlich ungleich berühmteren) Dr. Crippen stellte.

Das reale Geschehen bildet den idealen Untergrund für diesen Roman. Crippen war kein außergewöhnlicher Verbrecher und Dew als Polizist und Mensch niemand, an den man sich normalerweise erinnert hätte. Es sind die Umstände, die beide unsterblich machten: Crippen floh mit seiner Geliebten per Schiff nach Kanada. Vor 1910 hätte er in dem riesigen Land untertauchen können und wäre nie zur Rechenschaft gezogen worden. Doch Crippen bestieg mit der „SS Montrose“ eines der ersten Schiffe, das mit einer Funkstation ausgestattet war. Als Passagiere das flüchtige Paar erkannten, wurde die Nachricht nach London durchgegeben. Scotland Yard setzte Inspektor Dew in Marsch, der im Wettlauf mit der „Montrose“ nach Toronto reiste. Während Crippen sich ahnungslos auf dem Weg in die Freiheit wähnte, war nicht nur die Polizei, sondern auch die Weltpresse über jeden seiner Schritte informiert. (Diese fesselnde Geschichte rekonstruiert übrigens Eric Larson in seinem Buch [„Marconis magische Maschine. Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation“, 4545 das der Rezensent a. a. O. dieser Website besprochen hat.)

Peter Lovesey orientiert sich stark am Crippen-Fall. Der Zahnarzt Walter Baranov gleicht charakterlich dem unglücklichen Mörder, der ebenfalls als zurückhaltender und von seiner Ehefrau dominierter Mann galt. Auch die Dreiecks-Konstellation Baranov – Lydia – Alma ist der Realität entlehnt. Erst als sich die Handlung an Bord der „Mauretania“ verlagert, weicht Lovesey vom Vorbild ab.

Für diese Nähe zur Realität ist keineswegs die Denkfaulheit des Verfassers verantwortlich. Im Gegenteil: Lovesey setzt sich unter verstärkten schöpferischen Druck, indem er Crippens Odyssee sich in Baranovs Abenteuern widerspiegeln lässt. Auf diese Weise gelingt ihm weit mehr als eine geistreiche Variation. Er dringt tief in die Psychen von Hawley Crippen (der hier durch Baranov ‚gedoubelt‘ wird), Cora Crippen (= Lydia) und Ethel le Neve (Crippens Geliebte = Alma Webster) ein und schafft ein Stimmungsbild, das vielleicht nicht der historischen Realität entspricht, aber auf jeden Fall zeigen könnte, wieso Crippen, der alles andere als der ‚typische‘ Verbrecher war, zum fast perfekten Mörder mutierte.

_Mörderisches Durcheinander als vergnüglicher Historienkrimi_

In diesem ersten Drittel wird der puristische Krimi-Leser womöglich nicht auf seine Kosten kommen. Es geschieht nichts Kriminelles, stattdessen erzählt Lovesey die Lovestory von Walter und Alma. Er beachtet die zeitgenössischen Gesellschaftsregeln genau und verdeutlicht seinen Lesern, wieso eine Befreiung für das Paar aus seinem Dilemma nur in Mord bestehen kann. Dabei brüstet sich der Verfasser nicht mit aufdringlich dargebotenem historischem Wissen. Das Jahr 1921 fließt wohldosiert dort in die Geschichte ein, wo es ihr zugute kommt.

In diesen Handlungsstrang eingeflochten werden Ereignisse und Personen, die zunächst nicht mit dem Hauptgeschehen in Einklang gebracht werden können. Der Autor, der dazu quasi vor unseren Augen und ohne Scheu in die Rolle des allwissenden Erzählers schlüpft, weist uns darauf hin, dass es wichtig ist, diese Informationen im Hinterkopf zu bewahren, weil sie später ihre Bedeutung gewinnen werden. Auf diese Weise liefert er uns jenes Hintergrundwissen, das der Leser von einem ‚fairen‘ Rätselkrimi aus dem „Golden Age“ dieses Genres erwarten darf.

_Fakten & Fiktion in idealhomogener Mischung_

Doch „Abschied auf Englisch“ ist kein ‚authentischer‘ „Whodunit“, obwohl sich die Handlung 1921 abspielt. Erst mehr als sechs Jahrzehnte später schrieb Lovesey seinen Roman. Er ist ein ehrgeiziger und auch guter Schriftsteller, der sich nicht damit begnügt, die alten Schablonen möglichst deckungsgleich abzupausen. „Abschied auf Englisch“ ist ein Historienkrimi, ein Spiel mit dem Genre Kriminalroman und mit seiner Geschichte.

Der Widerhall des Crippen-Dramas ist ein Merkmal. Auch an Bord der „Mauretania“ hinterfragt Lovesey jedoch die zeitgenössischen Verhältnisse, indem er sie einerseits akkurat schildert und seine Kritik daran andererseits behutsam in die Handlung einfließen lässt. Jene Tiefen, die Loveseys figurenpsychologische Bohrungen erreichen, wird man in einem tatsächlich 1921 entstandenen Kriminalroman kaum finden.

Dabei gerät dem Verfasser den Unterhaltungsaspekt nie aus den Augen. Im zweiten Drittel beginnt sich der Grundton zu ändern. Aus der mit durchaus tragischen Zügen angereicherten Liebesgeschichte wird ein ‚echter‘ Krimi bzw. eine Krimi-Komödie. Der ernsthafte Unterbau wird nicht ignoriert; dass Walter Baranov sich so flüssig in Inspektor Dew verwandelt, bliebe ohne das Wissen um seine charakterlichen Eigenschaften schwer verständlich. Doch die Weichen der Handlung werden neu gestellt.

_Jeder verbirgt etwas, das niemand wissen darf_

Die Launen des Schicksals versetzen den Kriminellen in die Rolle des Vertreters von Recht & Gesetz; womöglich muss er sich sogar selbst verfolgen: Neu war diese Konstellation schon 1982 nicht mehr. Sie zählt aber zum Kanon klassischer Plots und wird gut erzählt ihre Wirkung weiterhin nicht verfehlen. Die Begleitumstände sind einfach zu reizvoll: „Inspektor Dew“ geht seiner Arbeit – die er nie erlernt hat – nicht allein nach, sondern wird von der Besatzung und den Passagieren der „Mauretania“ neugierig beobachtet. Fehler muss er tunlichst vermeiden bzw. sie kunstvoll überspielen. An Bord eines Dampfers ist er in seiner Rolle buchstäblich gefangen. Der Zeitfaktor spielt eine wichtige Rolle: Wenn die „Mauretania“ in New York anlegt, sollte „Dew“ nicht nur den Täter gestellt, sondern sich auch über seine Zukunft Gedanken gemacht haben. Als Baranov Dew wurde, hat er sich öffentlich gemacht. Die daraus resultierenden Konsequenzen sorgen für ein Ansteigen der Spannungskurve.

Wer ist der Mörder? In dieser Frage segelt Lovesey im Kielwasser der Klassiker. Verdächtig sind sie alle, diese ausdrucksstarken Figuren, die er uns gründlich vorstellt; so verlangt es das Genre. Selbstverständlich wird im großen Finale kein Deus ex Machina herbeigezaubert. Der Täter rekrutiert sich aus der Schar der Verdächtigen. Wer aufmerksam liest, wird ihn (oder sie) gemeinsam mit „Inspektor Dew“ entlarven, denn Lovesey sorgt wie gesagt für entsprechende Hinweise.

Was ihn allerdings nicht daran hindert, der Krimi-Klassik in einer originellen Coda kategorisch zu entsagen. „Abschied auf Englisch“ schließt mit einer Schlusspointe, die so in einem Krimi der 1920er Jahre nicht möglich gewesen wäre. Lovesey stellt das Geschehene binnen weniger Zeilen auf den Kopf und sorgt für den würdigen Ausklang eines Romans, der inzwischen selbst zum Klassiker seines Genres geworden ist. Dies der Leser nach Abschluss der Lektüre ebenso deutlich unterstreichen wie die fachkundige Jury der „Crime Writers Association“, die „The False Inspector Dew“ mit einem „Gold Dagger Award“ als besten englischen Kriminalroman des Jahres 1982 auszeichnete.

_Die „Mauretania“ sticht wieder in See_

„The False Inspector Dew“ ist bereits 1983 in deutscher Übersetzung erschienen. Noch einmal als Taschenbuch aufgelegt, verschwand der Roman vor vielen Jahren aus den Buchläden verschwunden und blieb nur mehr antiquarisch greifbar.

In der „CrimeClassic“-Serie des |Fischer|-Verlags erlebt er endlich seine Wiederkehr. Die Neuausgabe beinhaltet ein Nachwort von „Krimi-Couch“-Chefredakteur Lars Schafft, der unter dem Titel „Ein Maskenspiel auf hoher See“ relevante Hintergrundinformationen zum gerade gelesenen Roman liefert.

_Impressum_

Originaltitel: The False Inspector Dew (London : Macmillan 1982/New York : Pantheon 1982)
Übersetzung: Herbert Neumaier
Diese Neuausgabe: Februar 2009 (Fischer Taschenbuch Verlag/Fischer Crime Classic Nr. 18246)
318 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-596-18246-6
http://www.fischerverlage.de

Ed McBain – Die Gosse und das Grab

Ein abgehalfterter Ex-Detektiv lässt sich zu einer Ermittlung überreden, die umgehend in einen Mordfall mündet. Bedrängt von der Polizei, attackiert von unbekannten Schlägern und im Kampf mit den inneren Dämonen setzt er hartnäckig seine Arbeit fort, an deren Ende nichts als sein Tod stehen könnte … – Sehr ‚schwarzer‘ und pulpiger Thriller, der seine düstere Geschichte temporeich, in klaren Worten und ohne Beschönigungen erzählt; die Welt ist schlecht, und McBain liefert den Beweis!
Ed McBain – Die Gosse und das Grab weiterlesen

Deaver, Jeffery – Täuscher, Der

Biometrische Daten – der Weg zum ‚gläsernen Bürger‘, über den zahlreiche Daten, so banal und unerheblich sie auch für uns im Alltag erscheinen mögen, gespeichert werden. Datenschützer, die unsere Grundrechte schon angegriffen und vergewaltigt sehen, gehen auf die Barrikaden und prognostizieren Manipulationen unseres persönlichen und privaten Umfelds, die wir uns (noch) nicht vorstellen können oder vor deren drohender Gefahr wir lieber die Augen verschließen.

Längst schon gibt es Firmen in privater Hand, die unsere Kaufdaten analysieren und mit den Daten prophetische Voraussagen über die nächsten Käufe treffen, die wir tätigen wollen. Auch statistische Ämter und andere staatliche Behörden horten unsere ganz persönlichen Daten. Noch unangenehmer wird es, wenn wir darüber nachdenken, was die vielen verschiedenen Kreditinstitute über uns wissen.

Spinnen wir den Gedanken weiter, dass es eine Firma gibt, die möglichst alle persönlichen, privaten und beruflichen Daten speichert, aufbereitet und daraus strukturierte Dossiers erstellt. Ein Alptraum, erst recht dann, wenn diese Daten durch dritte Personen manipuliert werden, denn Wissen ist Macht und vermag Machtvoles zu tun: Manipulation von Kontobewegungen oder Kreditwürdigkeiten, Veränderungen von offiziellen persönlichen Daten oder medizinischen Details.

Ein Horrorszenario, das bereits einige Male in Buch und Film aufgegriffen wurde. Jeffery Deaver hat mit seinem aktuellen Roman „Der Täuscher“ diese Gefahr zum Kernthema gemacht und wie immer in seinen Thrillern um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs einen unaufhaltsamen Spannungsbogen darauf aufgebaut.

_Inhalt_

Lincoln Rhyme ist seit einem Unfall vom Kopf abwärts gelähmt, sein messerscharfer Verstand und seine Fähigkeiten, sich in die Denkweise eines Kriminellen zu versetzen, lassen ihn jedoch weiterhin für jeden Verbrecher zu einer nicht zu unterschätzenden Gefahr werden. Mit psychologischer Raffinesse und der Hilfe seiner Assistentin und Geliebten Amelia Sachs, die die Hände und Augen für den behinderten Ermittler am Tatort ist, kommt es diesmal zu einer persönlichen Konfrontation mit einem Killer, der scheinbar schon seit Jahren sein blutiges Handwerk ausübt.

Ein schockierender Anruf lässt den Kriminalisten Lincoln Rhyme an seine Vergangenheit denken. Vor seiner Karriere als Polizist wuchs er mit seinem Cousin Arthur Ryhme auf. Ihr Verhältnis war eng, sie empfanden fast wie Brüder füreinander, bis sie sich völlig zerstritten und seitdem keinen persönlichen Kontakt mehr pflegten.

Und doch ist für seinen Cousin nun Lincoln die einzige Hoffnung. Arthur ist des vorsätzlichen Mordes angeklagt und sitzt in Untersuchungshaft, die Kautionssumme ist zu hoch, als dass er bis zum Prozess auf freien Fuß kommen könnte. Die Beweislage ist niederschmetternd und Staatsanwalt wie auch seine Verteidigung bedrängen Arthur, sich schuldig zu bekennen und einzulenken, doch der ehemalige Professor beteuert verzweifelt seine Unschuld. Die Chance, dies zu beweisen, tendiert gegen null, denn in Arthurs Auto wurden das Blut der jungen Frau und andere Spuren gefunden, ein anonymer Anrufer hat ihn zudem aus dem Wohnhaus der Getöteten flüchten sehen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Arthur für die Tatzeit den Beamten kein Alibi vorlegen kann und im Zusammenhang mit dieser Tat ein kostbares Bild gestohlen wurde, für das sich Arthur interessierte.

Lincoln Rhyme folgt dem Bitten von Arthurs Frau und beginnt zusammen mit Amelia Sachs, den Fall zu analysieren. Wenig später stößt das Duo auf zwei weitere Todesfälle, die nach gleichem Muster abgelaufen sind. Kann es sein, dass auch die beiden in diesen Fällen verurteilten und inhaftierten Täter unschuldig sind? Rhyme und Sachs vermuten dies und kommen dem Verhaltensmuster des gefährlichen Killers immer näher. Bei einem weiteren Mord unterläuft dem flüchtenden Täter ein erster gravierender Fehler: Er verliert einen Zettel mit einer Hoteladresse in Manhattan.

Als Sachs diese Adresse prüft, trifft sie auf einen verzweifelten und ruinierten Mann, der behauptet, jemand habe seine Identität erst gestohlen und dann mit Kalkül zerstört. Wer hat in seinem Namen ganze Häuser gekauft und enorme Schulden angehäuft? Seine Familie ist zerstört, seinen Beruf als Arzt darf er nicht mehr ausüben, ihm bleibt nichts mehr. Die Spuren führen Rhyme und Sachs zur führenden Firma in Manhattan, die sich auf Datensammlungen und deren Auswertung spezialisiert hat – Strategic Systems Datacort (SSD). Die Firma kooperiert mit Sachs und ihren Ermittlern, und der Kreis der verdächtigen Personen, die Zugriff auf die enorm ausführlichen Datenmengen hatten, wird enger. Aber auch der Täter beginnt zu ‚ermitteln‘ und nutzt sein Wissen, um systematisch gegen die Polizei vorzugehen. Ein erster Todesfall in deren Reihen beweist, dass er zu allem fähig und entschlossen ist …

_Kritik_

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist grandios konzipiert. Mit viel Gespür für unsere ärgsten Alpträume und dem immer wiederkehrenden aktuellen Thema des Datenmissbrauchs und der Datenmanipulation als Grundlage, ist der Roman in seinem Spannungsaufbau kaum zu übertreffen. „Der Täuscher“ ist ein psychologischer Thriller, kein typischer Krimi, denn Lincoln Rhyme und „Täuscher“ fechten hauptsächlich mit ihrer Intelligenz ein Duell aus, das mit einiger Wucht die Gefahren des ‚gläsernen Menschen‘ thematisiert. Wenn Deaver den Täuscher zeigen lässt, welche Daten er sammeln und auswerten kann, um sie dann in teuflischer Weise dafür zu nutzen, um zu seiner eigenen Befriedigung Existenzen zu zerstören, überläuft es den Leser eiskalt.

Die Handlung wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt. Neben Lincoln Rhyme, der – an sein Bett oder seinen Stuhl gefesselt und auf die Hilfe seiner Mitarbeiter Amelia Sachs und Ron Pulaski angewiesen – Spur für Spur analysiert, plant sein Gegner minutiös jeden weiteren Schritt, und ist dabei scheinbar immer im Vorteil. Der Täuscher gibt sich selbstsicher und gottgleich, bis er erkennen muss, dass auch er Fehler begeht. Seine Arroganz lässt ihn unvorsichtig werden; zwar versucht er den angerichteten Schaden immer wieder zu begrenzen, doch auch der Protagonist Zufall hat seinen Auftritt und spielt mit.

Wer hinter der Identität des Täuschers steckt, wird bis zuletzt nicht verraten; immer wieder werden Nebenfiguren ins Spiel gebracht, welche die Handlung vorantreiben und durchaus eigene Motive besitzen, um solche Verbrechen zu begehen, doch das Blatt wendet sich unaufhörlich, während sich die Ermittler und der Täuscher ein Psychoduell liefern. Ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel zieht sich als roter Faden durch die Handlung.

Doch es gibt auch viele und interessante Nebenhandlungen, beispielsweise wird ein Teil von Lincoln Rhymes Vergangenheit aufgearbeitet. Der unterschwelligen Rivalität und dem Konflikt, der seit Jahren zwischen Arthur und Lincoln vor sich hin dämmert, müssen sich beide stellen. Einige alte Bekannte tauchen wieder neben Rhyme und Sachs auf, wie zum Beispiel Detective Selito. Trotzdem kann man diesen Thriller auch gänzlich unabhängig von den anderen Teilen lesen, da sie nur wenig aufeinander aufbauen.

Den Realismus bezieht die Handlung nicht nur aus den detailierten Ermittlungsmethoden, auch wenn sie vielleicht ein wenig unkonventionell wirken, nein, es sind tatsächlich die Verbrechen, welche der Täuscher verübt. Wie oft hinterlassen wir im Alltag persönliche Daten in Behörden, Geschäften oder bei Banken? Wie oft werden wir gefilmt, ohne es vielleicht zu merken, oder nehmen dies als alltäglich hin, da es unserer Sicherheit dienen soll. Der Täuscher verwendet diese Daten als Waffe, und das sehr effektiv und berechnend – er ist allwissend. Ein Zukunftsszenario? Nein, Jeffery Deaver hat sich größtenteils an Fakten gehalten, und wer mehr über Firmen wissen möchte, die Daten von Privatmenschen sammeln, findet im Anhang einige Internetadressen, die sich mit dem Thema wie auch den Gefahren auseinandersetzen.

Lincoln Ryhme und Amelia Sachs ergänzen sich bei den Ermittlungen gekonnt, jeder Teil dieses Ganzen wäre ohne den anderen zwar immer noch ein guter Ermittler, aber nur zusammen sind sie derart erfolgreich. Lincoln, der körperlich sehr eingeschränkt ist, klingt dabei manches Mal verbittert und kaltherzig. Amelia Sachs dagegen hat sich ihre Menschlichkeit bewahrt und geht eher gefühlsbetont und mit weiblicher Intuition vor. Von beiden Ermittlern erfährt man persönliche Details und nimmt sie als Persönlichkeiten wahr. Der Täuscher dagegen könnte jedermann sein, ein Normalbürger, jemand mit zwei Gesichtern und Persönlichkeiten. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist bei diesem unsichtbaren Gegenspieler fließend und nicht überzogen unrealistisch gezeichnet worden.

_Fazit_

„Der Täuscher“ von Jeffery Deaver ist der achte und sicherlich nicht der letzte Fall des Ermittlungsduos Rhyme und Sachs. Stilsicher und spannend geschrieben, ist „Der Täuscher“ einer der intensivsten Psychothriller des Autors und wird den treuen Leser begeistern, auch wegen der aktuellen Debatte um Daten und ihren Missbrauch, die zum Glück immer wieder in den Medien aufgegriffen wird. Der Roman zeigt erschreckend auf, was passieren kann, wenn sensible Daten in falsche und kriminelle Hände geraten können. Das Gesetz kann hier trotz aller Beteuerungen nur schwerlich helfen und Geheimhaltung garantieren.

„Der Täuscher“ ist also in der Summe ein genialer, tiefsinniger und psychologischer Thriller, der spannender kaum gemacht sein könnte. Jeffery Deaver hat mit diesem Roman einen seiner Höhepunkte als Schriftsteller erreicht.

_Der Autor_

Jeffery Deaver wurde 1950 in der Nähe von Chicago geboren. Bereits mit elf Jahren schrieb er sein erstes Buch – es bestand aus zwei Kapiteln. Er studierte Journalismus und arbeitete danach als Autor für ein Magazin, ehe er sich an der Fordham Law School für ein Jurastudium einschrieb. Nach seinem Abschluss war er mehrere Jahre als Anwalt an der Wall Street. Auf den langen Bahnfahrten zu seinem Arbeitsplatz begann er, Thriller zu schreiben – übrigens auch seine bevorzugte Lektüre. Seit 1990 arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller und gilt seitdem als einer der erfolgreichsten Thrillerautoren. Seine Bücher erscheinen in 150 Ländern, werden in 25 Sprachen übersetzt und stehen weltweit ganz vorne auf den Bestsellerlisten.

Für seine Romane und Kurzgeschichtensammlungen hat er zahlreiche Preise erhalten. Sechsmal war er für den Edgar Award der Mystery Writers of America nominiert und ist unter anderem mit dem Steel Dagger Award und dem Short Story Dagger Award der British Crime Writers Association ausgezeichnet worden.

„Dead Silence“ (Buchtitel: „Die Schule des Schweigens“) wurde mit James Garner in der Hauptrolle verfilmt und lief im Fernsehen. Der erste Roman um den gelähmten Ermittler Lincoln Rhyme, „Der Knochenjäger“ (Buch: „Die Assistentin“), kongenial besetzt mit Denzel Washington und Angelina Jolie, war auch in den Kinos ein großer Erfolg.

„Die Menschenleserin“ war 2008 der Auftakt zu einer neuen Serie um die Verhörspezialistin Kathryn Dance. Weitere Romane um Lincoln Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs sind in Vorbereitung. Jeffery Deaver lebt abwechselnd in Virginia und Kalifornien.

|Originaltitel: The Broken Window
Lincoln Rhyme, Band 8
Übersetzung von Thomas Haufschild
543 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7645-0296-6|

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http://www.jeffery-deaver.de

_Mehr von Jeffery Deaver auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Teufelsspiel“ 2272
[„Der faule Henker“ 602
[„Das Gesicht des Drachen“ 608
[„Der Insektensammler“ 1449
[„Tod eines Pornostars“ 2177
[„Lautloses Duell“ 1631
[„Die Saat des Bösen“ 1191

A. A. Milne – Das Geheimnis des roten Hauses

Zwei Hobby-Detektive versuchen sich an der Aufklärung eines mysteriösen Mordfalls … – Vielleicht DER klassische englische Rätselkrimi; mit unerhört feiner Feder konstruiert der Verfasser ein komplexes Verbrechen, das er unter strenger Wahrung der Fairness, im vollen Bewusstsein der wissentlich heraufbeschworenen Unwahrscheinlichkeiten und voller Witz bis zum spannenden Finale entwickelt: ein Kabinettstück des Genres, das auch dem deutschen Leser endlich wieder zugänglich gemacht wird.
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Victor Gunn – Das achte Messer

Gunn Messer Cover 1988 kleinEin Mord im Varieté ist Auftakt für eine ganze Serie von Gewaltverbrechen, die Chefinspektor „Old Iron“ Cromwell und sein Assistent Lister im steten Wettlauf mit dem Tod lösen müssen … – Tüchtig angestaubter aber trotz des recht absurden Plots professionell entwickelter und unterhaltsamer Krimi des englischen Vielschreibers Gunn, der dem Qualität großzügig definierenden Liebhaber des klassischen „Whodunits“ gefallen kann.
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Juliette Manet – Wehrlos

Man bekommt in bestimmten Fernsehshows zwar manchmal einen anderen Eindruck, aber Fotomodells müssen nicht automatisch dumm sein. Juliette Manet ist ein gutes Beispiel dafür. Sie hat nicht nur Kunstgeschichte studiert, sondern auch einen spannenden Thriller geschrieben, der absolut vorzeigbar ist.

Vor zwölf Jahren wurde Paris von einem brutalen Kindermörder heimgesucht, der mit Vorliebe kleine Jungen vergewaltigte und sie schließlich ermordete. Sein Erkennungszeichen war die alte Radierung eines Akts, den er an den Tatorten hinterließ. Senda Barhi, die damalige Kriminalkommissarin, hatte schwer an diesem Fall zu kauen, doch er schien gelöst, als ein Tatverdächtiger Selbstmord beging. Man war davon überzeugt, den Richtigen gefunden zu haben, nur Senda war anderer Meinung. Sie glaubt immer noch daran, dass Raphael Schiller, der Vater eines ermordeten Mädchens, in den Fall verstrickt war, nur konnte sie es ihm damals nicht nachweisen.

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O’Callaghan, Thomas – Blutrituale

_Das geschieht:_

Nachdem die mehrfach arg gestörten Zwillinge Angus und Cassie Claxonn ihren blutschänderischen Vater zersägt und im Kornfeld begraben haben, blasen sie zur Treibjagd auf Perverse mit ähnlichen Gelüsten. Ihrer Mission gehen sie in New York nach, wo sie geile Pädophile per Internet ködern, in Fallen locken, dann umbringen und schließlich öffentlich und möglichst schockierend ausstellen.

Weil ihr Zorn zahlungskräftige Touristen trifft, reagiert der Bürgermeister von New York, ein Machtpolitiker durch und durch, erstens mit blindem Aktionismus und zweitens mit der Bildung einer Ermittlungskommission, der John Driscoll, ein erfahrener Beamter der New York City Police, vorsteht. Die Partner Margaret Aligante und Cedric Thomlinson komplettieren das fahndende Trio.

Leider stellen sich Ergebnisse nur langsam ein, während Angus und Cassie wie entfesselt morden. Ihr Glück scheint sie erst zu verlassen, als sie sich an der Tochter eines reichen Mannes vergreifen, der in seinem Zorn nicht nur eine hohe Belohnung auslobt, sondern auch politischen Druck auf den Bürgermeister ausübt. Die Zwillinge werden als Täter identifiziert, aber nicht gefasst; fest entschlossen, ihr Werk fortzusetzen, tauchen sie unter.

Obwohl Driscoll und sein Team immer stärker unter Druck geraten, setzen sie ihre Arbeit systematisch fort. Dabei stellt sich heraus, dass der trauernde Vater wohl nicht nur durch seinen Seelenschmerz getrieben wird, sich in die Fahndung einzumischen. Dank Geld und Macht kann er sich Driscolls bohrenden Fragen entziehen, doch der hartnäckige Polizist lässt sich nicht einschüchtern. Der Fall der rächenden Zwillinge wird plötzlich zum Wettlauf. Wer wird sie eher finden: die Polizei oder der mordlüsterne Vater – und was hecken Angus und Cassie derweil aus …?

_Volldampf ohne Druck im Kessel_

Man trifft sie auf der Autobahn und mag sie nicht, weil sie die linke Spur für sich gepachtet zu haben glauben und ihren Willen zur dauerhaften Höchstgeschwindigkeit demonstrieren, ohne ihn wirklich umsetzen können. Wer hätte gedacht, dass es diese Zeitgenossen auch in der Unterhaltungsliteratur gibt?

Eines sei vorab festgestellt: Sie sind dort ebenfalls lästig. Thomas O’Callaghan ist ein Autor, dem es – man vergleiche seine Website – nicht an Selbstbewusstsein fehlt. Nichtsdestotrotz ist „Blutrituale“ nur die Blaupause eines Thrillers, und dieser Thriller fällt zu allem Überfluss in eine Genrenische, die mindestens ebenso entartet ist wie O’Callaghans inzestuös geprägte Krimi-Welt.

Serienkiller haben es schwer; seit Hannibal Lecter haben sie längst durchexerziert, was Menschen einander Grausames antun können. Da gibt es einfach nichts Neues mehr, weshalb die präsentierten Übeltaten immer grotesker geworden sind. O’Callaghan versucht dennoch das Unmögliche, den abgestandenen Blutwein im neuen Schlauch zu kredenzen. Er gerät dabei endgültig ins Land der Lächerlichkeiten: Genetisch, körperlich UND seelisch deformierte Zwillinge begeben sich auf eine Rachejagd und metzeln böse, heuchlerische Kinderschänder nieder.

Als Mörder schuften sie wie Fließbandarbeiter, denn O’Callaghan setzt Handlungstempo mit der Schilderung neuer Bluttaten gleich. Wie es sich für US-amerikanisch debile Schurken gehört, stellen Angus und Cassie – aus der Identität der Täter macht der Verfasser keinen Hehl, „Blutrituale“ ist ein „police procedural“ (oder soll es sein), kein „Whodunit“ – ihre Opfer medienwirksam aus. Auch hier bemüht sich O’Callaghan um farbenfrohe Drastik; eine deutsche Touristin wird deshalb nicht nur erschlagen, sondern auch skalpiert und einem Museums-Dinosaurier in die rekonstruierte Darmhöhle geschoben. Muss man so etwas kommentieren?

_Wissen sie eigentlich, was sie tun?_

Dass Angus und Cassie so erfolgreich sind, dürfte zu einem Gutteil auf die Unfähigkeit ihrer Verfolger zurückgehen. O’Callaghan würde dies sicher abstreiten; er wähnt sich auf der sicheren Seite mit seinen turbulenten Impressionen aus dem Polizeialltag. Abermals kopiert er indes nur, was er beschreibt, ohne es tatsächlich mit Leben zu erfüllen. Die kriminologische Arbeit wirkt so, wie er sie beschreibt, schlicht langweilig. Mit Details hält sich der Verfasser nicht auf. Kein Wunder, denn lieber konzentriert sich O’Callaghan auf Zwischenmenschliches. Was er seinen Figuren damit antut, wird weiter unten ausführlich beklagt. Hier sei deshalb nur die plumpe Art angesprochen, mit der O’Callaghan das Konflikt-Dreieck zwischen dem aufdringlich redlichen Detective Driscoll, dem ehrgeizig skrupellosen Bürgermeister und den entfesselten Medien aufrichtet. Der künstlich geschürte Widerstreit wirkt erbärmlich, vergleicht man O’Callaghan zum Beispiel mit Michael Connelly, der tatsächlich spürbar zu machen vermag, was Mediendruck und Mobbing am Arbeitsplatz bedeuten, und diese Faktoren als integrale Spannungsmomente in seine Thriller einfließen lässt, statt sie ihnen aufzupfropfen.

Ohnehin verzettelt sich O’Callaghan in Nebenhandlungen, die dem zentralen Geschehen nichts bringen. Er bemüht sich um eine Vielschichtigkeit, die zu generieren ihm weder gegeben noch generell notwendig ist. Der Plot ist – wieso auch nicht – klassisch und einfach: Zwei Handlungsstränge laufen erst nebeneinander her, um sich schließlich zu vereinigen. Da haben wir unsere Zwillinge auf ihrem Amoklauf und drei Polizisten, die ihnen hinterherermitteln und allmählich aufholen. Gute Autoren vermögen diese zwar alte, aber bewährte Geschichte immer wieder spannend zu erzählen.

_Horrorkabinett langweilig lädierter Gestalten_

Da Autor O’Callaghan so weit Autor ist, dass er die Eindimensionalität seiner Version dieser Geschichte wenigstens ahnt, bemüht er sich um Eindringlichkeit, indem er seine Hauptfiguren in eine Menagerie seelisch derangierter Jammergestalten verwandelt:

– John Driscoll: Vor sechs Jahren rammte ein betrunkener Autofahrer Gattin Colette samt Töchterlein ins Koma bzw. in den Tod; eisern hielt der trauernde Ehemann seiner geliebten Frau die Treue, obwohl die wunderschöne Kollegin Margaret Aligante (siehe unten) in sein Leben trat und ihn gar sehr (aber selbstverständlich erfolglos) in Versuchung führte. Nun ist Colette gestorben und Driscoll Witwer, was ihn aber auch nicht fröhlicher stimmt (was dem Leser unter anderem ausführliche Schilderungen qualvoller Rückblicke auf die Vergangenheit mit Colette beschert).

– Margaret Aligante ist eine „umwerfende Erscheinung“, die „mit sämtlichen Modellen von Veronese mithalten konnte“, aber ach, eine gequälte, männerscheue Seele, seit sie der eigene Vater schändete, und deshalb voller Furcht vor der Beziehung, die sich mit John Driscoll mehr als anzudeuten beginnt. Selbstverständlich wird von allen möglichen Polizisten New Yorks gerade sie mit auf diesen Fall kindlichen Missbrauchs angesetzt (was dem Leser unter anderem die ausführliche Schilderung einer qualvollen Sitzung bei einer Therapeutin beschert).

– Cedric Thomlinson hat im Suff den Tod des Partners verschuldet, sich dann mühsam aufgerappelt, um einen zweiten Einsatz zu versauen, woraufhin er sich prompt erneut an die Flasche hängte; nur John Driscoll, dem Patron derangierter Polizeikollegen, verdankt er seine neuerliche Rettung (was dem Leser unter anderem die ausführliche Schilderung einer qualvollen Sitzung bei den Anonymen Alkoholikern beschert).

– Angus und Cassie Claxonn sind nicht nur mutierte Zwillinge, sondern auch das Produkt inzestuöser Begierde, ihrerseits Opfer eines blutschänderischen Vaters, dessen Mörder sowie selbst ein Liebespaar (was dem Leser unter anderem ausführliche Schilderungen qualvoller Foltersitzungen der Vergangenheit beschert).

Die nüchterne Auflistung diverser Defekte macht deutlich, dass der emotionale Overkill nicht erschüttert, sondern lächerlich wirkt. Immer wieder unterbricht O’Callaghan die Handlung, um tragisch gemeinte, aber ausschließlich klischeehaft in Szene gesetzte Flashbacks einzuflechten. Sie sollen ’schockierende‘ und moralisch verwerfliche Taten darstellen, die sich der Verfasser wohl als „Best-of“ entsprechender Gräuel aus erfolgreichen Buch- und Filmthrillern destilliert hat. Genauso wirken sie denn auch: abgekupfert aber angerostet. Damit passen sie nur zu gut zu einem Roman, der stets aus dem Vollen wesentlich besserer Vorbilder schöpft (doch dabei ausgerechnet das banale und kaugummiartig in die Länge gezogene Finale ausspart). Wenn hier etwas spannend ist, dann höchstens die Dreistigkeit, mit der die Werbung dieses Buch anpreist: „Der Horror trifft einen bis ins Mark!“. Das trifft zwar zu, aber sicherlich nicht so, wie es sich der verärgerte Leser wünscht …

_Der Autor_

Thomas O’Callaghan wurde (in einem Jahr, das er geheimhält) in New York City geboren. Dort ging er zur Schule und studierte an der City University of New York. Wie man seinen spärlichen Auskünften zur Zeit vor 2005 – in diesem Jahr erschien „Bone Chief“, sein Romanerstling, an dem er 13 Jahre gearbeitet hatte – entnehmen kann, nutzte O’Callaghan Erfahrungen in der freien Wirtschaft („a background in sales“), um sich als Schriftsteller zu etablieren; die Stromlinienform seiner als Pageturner konzipierten Thriller künden in der Tat von der Suche nach dem größten gemeinsamen Leser-Nenner.

O’Callaghan ist Mitglied der „Mystery Writers of America“ sowie der „International Thriller Writers“. Mit Gattin Eileen lebt und arbeitet er in Belle Harbor, New York. Über sein Werk informiert der Autor auf seiner Website: [www.thomasocallaghan.com.]http://www.thomasocallaghan.com

_Impressum_

Originaltitel: The Screaming Room (New York : Pinnacle Books, an imprint of Kensington Publishing Corporation 2007)
Übersetzung: Ariane Böckler
Deutsche Erstausgabe: Juli 2008 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46704)
349 Seiten
EUR 7,95
ISBN-13: 978-3-442-46704-4
http://www.goldmann-verlag.de

Anthony Berkeley – Der Fall mit den Pralinen

Sechs Hobby-Detektive versuchen sich an der Aufklärung eines Mordfalls. Sie alle lösen das Rätsel auf ihre Weise, aber wer von ihnen liegt richtig …? – Eleganter britischer „Whodunit?“-Klassiker, der unterhaltsam darüber aufklärt, wie ‚harte Fakten‘ manipuliert und missinterpretiert werden können. Jede ‚Lösung‘ wird logisch entwickelt und (mit knochentrockenem Humor) ad absurdum geführt, bis der Verfasser das letzte, natürlich völlig unerwartete Wort behält: ein zwar altmodischer aber zeitloser Krimi ist endlich wieder zurück auf dem deutschen Buchmarkt!
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Harris, Charlaine – Falsches Grab (Harper Connelly 2)

2008 veröffentlichte der Verlag |dtv|, der sich auch schon Charlaine Harris‘ Serie um die gedankenlesende Kellnerin Sookie Stackhouse angenommen hat, den Auftaktroman zu einer neuen Serie aus Harris‘ produktiver Feder. In [„Grabesstimmen“ 4704 ging es um die junge Harper Connelly, die nach einem Blitzschlag in der Lage ist, Tote aufzuspüren und deren letzte Momente nachzuerleben. Zusammen mit ihrem Halbbruder Tolliver hat sie diese Gabe zu einem Zwei-Mann-Betrieb ausgebaut. Die beiden reisen von Auftrag zu Auftrag, finden Leichen und helfen der Polizei auch schon mal dabei, einen Mord aufzuklären.

Die Fortsetzung „Falsches Grab“ geht zunächst aber durchaus beschaulich los. Harper und Tolliver wurden von dem College-Professor Dr. Nunley eingeladen, um auf einem alten Friedhof die Todesursache der dortigen Leichen zu bestimmen. Nunley gibt ein Seminar zum Thema „Unvoreingenommenes Denken“, in dem er – dem Titel des Seminars völlig entgegengesetzt – Hexen oder Hellseher vor seinen Studenten bloßstellen will. Und so hat er für Harper die perfekte Versuchsanordnung aufgebaut; schließlich ist er im Besitz der offiziellen Aufzeichnungen des Friedhofs und kann jeder Leiche eine Todesursache zuordnen.

Womit er nicht gerechnet hat, ist, dass Harper dies ebenfalls gelingt. Zielsicher wandert sie über den Friedhof und liegt mit den Todesursachen, die sie den Leichen zuweist, immer richtig. Nunley wird zusehends erboster und ungehaltener, droht doch sein Plan zu platzen. Doch das Ziel des Seminars wird in den Hintergrund gedrängt, als Harper feststellt, dass ein Grab doppelt belegt ist: Über der zu erwartenden Leiche befindet sich eine zweite: Die verbuddelten Überreste der seit einem Jahr verschwundenen Tabitha Morgenstern.

Pikanterweise wurden damals gerade Harper und Tolliver damit beauftragt, Tabitha zu finden. Dass sie nun hier zufällig auf die Leiche des elfjährigen Mädchens stoßen, lässt vermuten, dass sie jemand in eine Falle locken wollte. Aber wozu? Und wer hat die Kleine nun tatsächlich umgebracht? Harper und Tolliver finden sich plötzlich mitten in Tabithas trauender Familie wieder, sie werden von Reportern verfolgt und von der Polizei misstrauisch beäugt.

Mit „Falsches Grab“ hat Charlaine Harris eine mehr als würdige Fortsetzung geschrieben. Auf der einen Seite liefert sie einen verzwickten Krimiplot mit so vielen Charakteren, dass man sich als Leser nie recht entscheiden kann, wen man nun eigentlich verdächtigen sollte. Auf der anderen Seite konzentriert sie sich ebenfalls auf ihre Figuren, hauptsächlich natürlich Harper und Tolliver, die sie gegenüber „Grabesstimmen“ weiterentwickelt und mit Leben füllt. Offensichtlich hat sie sich seit dem ersten Roman auch vermehrt mit den medizinischen Auswirkungen eines Blitzschlags beschäftigt, denn es finden sich in „Falsches Grab“ viele Passagen, in denen Harper mit Spätwirkungen zu kämpfen hat – derartiges war in „Grabesstimmen“ noch nicht so plastisch ausgearbeitet.

Doch zurück zu Harper und Tolliver: Tolliver ist Harpers wichtigste Bezugsperson. Die beiden haben eine unglaublich enge – geschwisterliche – Beziehung, da ihre Eltern ständig zu high oder betrunken (oder beides) waren, um ihre elterlichen Pflichten wahrnehmen zu können. Das hat die beiden zusammengeschweißt. Sie planen sogar, sich ein gemeinsames Haus zu kaufen, sobald sie genügend Geld gespart haben. Harper und Tolliver hatten nie eine wirkliche Familien und gerade deswegen ist sie ihnen so wichtig. Sie stehen nicht nur einander sehr nahe, sondern versuchen auch, zu ihren Halbgeschwistern regelmäßigen Kontakt zu halten, obwohl das deren Pflegeeltern nicht gern sehen, da sie wohl denken, bei Harper und Tolliver wären mehrere Schrauben locker.

Und so sind Harper und Tolliver ständig zusammen, 24/7, wie es so schön heißt. Und obwohl sie sich selbst als Geschwister bezeichnen, sind sie tatsächlich nicht blutsverwandt. Harris macht sich einen Spaß daraus, Nebencharaktere auf die seltsame Beziehung der Protagonisten anspielen zu lassen. Ständig werden diesbezügliche Fragen gestellt: „Wollen Sie ein Einzel- oder Doppelzimmer?“ ist da noch eine der braveren Möglichkeiten. Die Häufung dieser Anspielungen führt beim Leser unweigerlich zu der Annahme, dass Harris die Beziehung der beiden bald in eine andere Richtung steuern wird. Und tatsächlich, irgendwann nach zwei Dritteln des Romans, bekommt Harper den erwarteten „Tausend mal berührt“-Blues. Natürlich weiht sie Tolliver nicht in ihre plötzlich veränderten Gefühle ein, und es bleibt abzuwarten, wie lange ihr in der Regel durchaus aufmerksamer Bruder brauchen wird, um hinter das Geheimnis ihrer plötzlichen Stimmungsschwankungen zu kommen. Mal sehen, in welche Richtung es da zukünftig weitergeht!

Abgesehen vom Krimiplot wird auch die Mystery weiter ausgebaut. Harper begegnet zum ersten Mal einem echten Geist (nämlich dem „originalen“ Bewohner des doppelt belegten Grabs), und Harris stellt ihr kurzerhand eine wahrsagende verschrobene Oma und deren schwer tätowierten und gepiercten Enkel Manfred an die Seite. Manfred, der offensichtlich Gedanken lesen kann, darf gern auch in den zukünftigen Romanen vorkommen, denn offensichtlich knistert es zwischen ihm und Harper – auch wenn diese das Knistern nicht wirklich ernst nimmt.

Man sollte sich allerdings hüten, „Falsches Grab“ als Mystery mit Krimihandlung zu bezeichnen. Gerade umgekehrt wird ein Schuh draus: Harris‘ Serie um Harper ist erster Linie Krimi, die Mystery-Handlung ordnet sich dem Mordfall immer unter.

„Falsches Grab“ baut nahtlos auf „Grabesstimmen“ auf und kommt im Ganzen noch unterhaltsamer und spannender daher als der Erstling. Der Krimiplot ist verschachtelter – es gibt mehr Verdächtige und beteiligte Ermittler – und die Charaktere bekommen mehr Tiefe. Charlaine Harris ist also ein durchgehend überzeugender Krimi mit Mystery-Einschlag gelungen, in den man wunderbar eintauchen kann. Ein Pageturner allererster Güte.

|Originaltitel: Grave Surprise
Deutsch von Christiane Burkhardt
301 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-21121-5|
http://www.dtv.de

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_Charlaine Harris auf |Buchwurm.info|:_

|Sookie Stackhouse|

1. „Dead Until Dark“ ([„Vorübergehend tot“, 788 2006, ISBN 978-3-937255-14-9
2. „Living Dead in Dallas“ ([„Untot in Dallas“, 939 2006, ISBN 978-3-937255-15-6)
3. „Club Dead“ ([„Club Dead“, 1238 2005, ISBN 978-3-937255-16-3)
4. Dead to the World ([„Der Vampir, der mich liebte“, 2033 2005, ISBN 978-3-423-24474-9)
5. „Dead as a Doornail“ ([„Vampire bevorzugt“, 3157 2006, ISBN 978-3-423-24545-6)
6. „Definitely Dead“ ([„Ball der Vampire“, 4870 2007, ISBN 978-3-423-20987-8)
7. „All Together Dead“ [(„Vampire schlafen fest“, 5450 2008)
8. „From Dead to Worse“ („Ein Vampir für alle Fälle“, Juli 2009, ISBN 978-3-423-21148-2)

|Harper Connelly|

1. „Grave Sight“ ([„Grabesstimmen“, 4704 2008, ISBN 978-3-423-21051-5)
2. „Grave Surprise“ („Falsches Grab“)
3. „An Ice Cold Grave“

Varesi, Valerio – Schatten von Montelupo, Die. Commissario Soneri kommt ins Grübeln

_Story_

Nach dem Abschluss seines letzten Falls begibt sich Commissario Soneri für einen Heimaturlaub in die bergische Landschaft der Apenninen. Doch die Reise in die wohlige Wärme der Vergangenheit entpuppt sich für den stillen Polizeibeamten sehr schnell als Alptraumszenario, in welches Soneri unfreiwillig wieder als Ermittler hineingezehrt wird.

Der alternde Fleischerei-Fabrikant Palmiro Rodolfi verschwindet spurlos, was den Bewohnern des kleinen Heimatstädtchens des Commissarios jedoch erst auffällt, als ein Aushang darauf hinweist, dass man sich keine Sorgen um Rodolfi machen soll. Doch schon kurze Zeit später überschlagen sich die Ereignisse: Auch Palmiros Sohn Paride ist verschwunden und hinterlässt mit seinem Vater den reichen Familienbesitz, der einzig und allein aus dem Geld der Mitarbeiter und Einwohner des Orts am Montelupo entstanden ist. Als schließlich die erhängte Leiche des alten Rodolfis entdeckt wird, muss Soneri notgedrungen eingreifen und das bis dato harmonische Bild seiner Heimat Schritt für Schritt in ein rechtes Licht rücken.

Während die Carabinieri sich mit der Spurensuche befassen, initiiert ihr Capitano eine blutige Hetzjagd auf den scheinbar flüchtigen Ex-Gefährten des Erhängten, was sich später als fataler Irrtum herausstellen soll. Bis dahin verstirbt aber nicht nur ein Polizist, sondern auch die Seele des Commissarios, dessen Rückzug in die Vergangenheit auch das Ende einer lange gelebten Illusion zu sein scheint …

_Persönlicher Eindruck_

In der neuen Episode der Soneri-Krimis entscheidet sich Valerio Varesi für einen recht melancholischen Einsatz, der zunächst mit kaum einem der bisherigen Romane um den umtriebigen Commissario zu vergleichen ist. Der Autor zieht seinen Protagonisten aus der Großstadt heraus und bringt ihn auf erstaunlich unkonventionelle Weise zu seinem neuen Fall, der grob betrachtet eigentlich gar keiner ist – jedenfalls keiner, der für Soneri selbst bestimmt ist. Aber ein Beamter dieses Dienstgrads kann sich nicht entziehen, wenn um ihn herum gemordet wird – gerade dann, wenn er indirekt auch persönlich von den Ereignissen betroffen ist. Doch wie weit deren Einfluss auch auf seine Person und Vergangenheit reicht, ahnt der Hauptdarsteller Varesis noch gar nicht …

Die Geschichte erweist sich von den ersten Seiten an als ein grober Einschnitt in die angenehme Idylle des Commissarios. Zum ersten Mal werden auch die Gefühle Soneris angesprochen, obschon dieser im Laufe der Handlung nur selten zu seiner Bedrückung stehen möchte. Doch die Geschehnisse in seiner Heimat, welche ihm eigentlich nur als relaxter Rückzugsort dienen und ihn von den jüngsten Strapazen in Parma befreien soll, gehen auch abseits der eigenartigen Attentate nicht an ihm vorbei.

Seit langer Zeit ergeben sich wieder Spuren zu seinem Vater, zu dem Soneri immer ein ganz besonderes Verhältnis hatte, der ihm aber dennoch bis zu seinem Tod ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Diese Beziehung wird zwischen den Zeilen ebenso aufgearbeitet wie Soneris Traumvorstellung der dörflichen Harmonie, die mit seiner Rückkehr und dem Tod des Rodolfi-Clans nun mit einem Schlag zusammenzubrechen droht. Mit größeren Schritten geht er zurück in die Vergangenheit seiner selbst, unterwirft sich dabei größeren Qualen, als er realisiert, dass er bisweilen in einer Scheinwelt gelebt hat, hinter deren Kulissen Intrigen gesponnen und Betrugsserien geplant wurden, muss aber dennoch halbwegs unbefangen an die neue Situation herangehen, da seine Profession als Polizeibeamter dies von ihm verlangt.

In diesem Sinne darf man natürlich gerne sagen, dass Soneris Abenteuer am Montelupo sein bisher schwierigstes ist, zumindest was sein nunmehr angeknackstes Seelenleben angeht. Der merkwürdige Tod Rodolfis und die vielen verborgenen Geheimnisse aus dem Umfeld des Wurstfabrikanten sind belastend und versagen ihm jegliche Chance, emotionslos an die Sache heranzugehen, geschweige denn die steigenden Zweifel auszuräumen und einfach wieder in seinen heutigen Alltag zurückzukehren. Die Tragödie ist schon bei ihrem Eintritt zu weit fortgeschritten und verändert den Commissario als Person und in seinem Handeln – und zumindest dies ist eine sehr gute Grundlage und auch einer der Parts, welche dieses Buch auch als ein besonderes in seiner Serie auszeichnen.

Andererseits werden Krimi-Fans gegebenenfalls etwas enttäuscht sein, da die eigentliche Kriminalhandlung zugunsten einer tiefgreifenden Betrachtung der Persönlichkeit Soneri gelegentlich ins Hintertreffen gerät. Zwar entwickelt sich insbesondere die actionreiche Hetzjagd im zweiten Abschnitt des Buches zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit, doch da viele Elemente der Ermittlungen von vornherein zu offensichtlich sind, fehlt es hier stellenweise schon am entsprechenden Nervenkitzel. Zumindest in dieser Hinsicht war Varesi schon einmal besser in Form.

Nichtsdestotrotz sollten sich Soneri-Liebhaber diesen Roman ins Regal stellen. Die Geschichte ist gut und bietet bisweilen sogar ein wenig ungeahnten Anspruch, der über die stillen Ermittlungsarbeiten des Commissarios hinausgeht. Und da man in diesem Buch mehr über den heimlichen Helden erfährt als in allen bisherigen Episoden zusammen, kommt man an „Die Schatten von Montelupo“ schon fast nicht mehr vorbei.

|Originaltitel: Le ombre di Montelupo
Deutsch von Karin Rother
287 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-24488-9|
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