Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Morrell, David – Level 9

Den Todesfallen des „Paragon“-Hotels gerade noch entkommen (s. David Morrell: [„Creepers“, 3049 |Knaur| Taschenbuch-Verlag/TB Nr. 63447), versuchen sich Ex-Polizist Frank Balenger und seine Leidens- und Lebensgefährtin Amanda Evert immer noch von ihren Qualen zu erholen, als neues Ungemach über sie hereinbricht: Ein genialer aber geistig gestörter Psychopath plant das ultimative ‚Gottesspiel‘. Der „Gamemaster“ präpariert ein abseits in den Bergen des US-Staates Wyoming gelegenes Tal für seine „Scavenger“-Jagd. Er entführt fünf Männer und Frauen, die in der Vergangenheit außergewöhnliche Krisensituationen überlebten. Sie sollen sich hier seinem Spiel auf Leben und Tod unterwerfen. 40 Stunden bleiben Ray, Bethany, Derrick, Vivian und der unglücklichen Amanda, das Ziel des ‚Spiels‘ zu erreichen: die geheimnisvolle „Grabkammer des weltlichen Begehrens“.

Damit sich die ‚Spieler‘ fügen, hat der „Gamemaster“ ihre Ausrüstung vermint; als die unglückliche Bethany die weitere Teilnahme verweigert und flüchten will, wird sie in die Luft gesprengt. Also fügen sich die Überlebenden und begeben sich auf einen mit wilden Hunden, giftigen Schlangen und anderen Todesfallen gespickten Hindernisparcours durch die Geisterstadt Avalon, deren Bewohner Anno 1900 auf geheimnisvolle Weise spurlos verschwanden.

Inzwischen bleibt Frank Balenger in New York nicht untätig. Er ahnt nicht, dass der „Gamemaster“ auch ihn in sein Spiel einbeziehen will und Fährten legen lässt, die auf Amandas Aufenthaltsort hinweisen. Balenger folgt ihnen und muss feststellen, dass auch auf ihn tödliche Fallen warten. Vom „Gamemaster“ per Telefon gereizt und angestachelt, findet er dennoch heraus, wohin Amanda verschleppt wurde. Er macht sich auf den Weg nach Avalon – und gerät vom Regen in die Traufe bzw. ins Zentrum der „Scavenger“-Jagd. Alle Beteiligten spielen inzwischen mit Tricks, die Regeln sind aufgehoben. In den Ruinen der Geisterstadt beginnt ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel, das die Mehrheit der Teilnehmer nicht überleben werden …

David Morrell ist ein gebildeter Mann, der flachgründige Romane schreibt. Das ist kein Widerspruch, denn da der ehemalige Professor der Literaturwissenschaften weiß, wie ein Text ‚funktioniert‘, fällt es ihm leicht, die gewünschten Spannungseffekte zu erzeugen. Das Ergebnis sind Thriller wie „Level 9“ – ein Buch, das sich praktisch wie von selbst liest und seine Leser bei der Stange hält, obwohl sie sehr bald wissen, dass ihnen hier alter Wein im neuen Schlauch serviert wird.

Dieses Bild passt gut, denn bekanntlich bekommt das Alter dem Wein meist gut. Morrell kennt die Elemente eines Thrillers genau, und er weiß sie zu einem stimmigen Gesamtwerk zusammenzusetzen. „Level 9“ ist schieres Entertainment, sollte so goutiert werden und sorgt dann für angenehme Bauch-Lektüre.

Dass die Handlung eins-zu-eins einem Computerspiel ‚entlehnt‘ ist, spiegelt Morrells noch junge Faszination am Thema wider – so will es uns der schlaue Schriftsteller jedenfalls in seinem ausführlichen und lesenswerten Nachwort weismachen. Deshalb wird eine Menge metaphysisches Stroh gedroschen, diskutieren Frank Balenger und der „Gamemaster“ zwischen diversen Großfeuern, Explosionen und Totschlägen über das Wesen der Realität, die womöglich mehrdimensional ist, wobei die nächste Ebene per Cyberspace zu betreten ist. Das klingt mächtig bedeutsam, ist aber nur geschickt formuliertes Wortgeklingel, das eine Tiefe suggeriert, die dieser Roman niemals erreicht.

Mussten unbedingt Frank & Amanda die Protagonisten sein? Auch hier arbeitet Morrell ökonomisch. Für „Creepers“ bediente er sich 2005 praktisch des gleichen Handlungsprinzips. Die Hetzjagd ging damals durch ein mit Todesfallen gespicktes Hochhaus, während im Hintergrund ebenfalls ein Marionetten spielender Psychopath sein Unwesen trieb. Relativ überzeugend begründet Morrell die ‚Fortsetzung‘ in „Level 9“ mit der Qualifikation seiner beiden Hauptfiguren als Überlebenskünstler, die deshalb ins Blickfeld des „Gamemasters“ gerieten.

Ansonsten wird variiert, und das Spielfeld ist größer geworden. Die Regie ist dieses Mal makellos, die dramaturgischen Durchhänger, die „Creepers“ kennzeichneten, bleiben aus. Hilfreich ist darüber hinaus das Wissen, dass Morrell die Verheißung außerordentlicher Rätsel nicht einlösen wird. Lang und breit führt er uns in das wahrlich faszinierende Thema der Zeitkapseln ein, in denen Dinge und Daten versiegelt und vergraben werden, die in vielen Jahren Archäologen und Historikern, aber auch dem an der Geschichte interessierten Laien eine Bestandsaufnahme der Zivilisation zum Zeitpunkt der Ablage ermöglichen sollen. Für die Handlung ist dies alles ebenso Nebensache wie die unheilvolle Geschichte des Fanatikers Owen Pentecost: Schlagsahne auf einem gewöhnlichen Napfkuchen, die der Autor unbeachtet schmelzen lässt.

Gewaltige logische Löcher des Plots gleicht Morrell durch Höllentempo aus: Eine ‚Erklärung‘ dafür, dass unsere Helden finden, was Generationen aufmerksamer Schatzsucher verborgen blieb, gibt es nicht, weshalb der Verfasser es nicht einmal versucht. Über die reale Umsetzung eines Plans, wie ihn sich der ‚geniale‘ „Gamemaster“ ausgedacht hat, denkt man lieber nicht nach. So unverschämt, dass es nur als ironische Hommage gemeint sein kann, ist die Existenz eines Hebels, mit dem der „Gamemaster“ seine unterirdische Festung in die Luft jagen kann; so haben sich schon Dr. Frankenstein und andere geniale Irre in viel zu vielen Filmen vor einem glaubwürdigen Finale gedrückt! (Mein persönlicher Favorit ist dieses Rätsel: Wie viele Giftschlangen muss man fangen und in einem See aussetzen, damit sich der in eine Todesfalle verwandelt …?)

Noch ist es nicht so weit, dass die Charaktere von Computerspielen so ausgefeilt sind wie die Figuren in Filmen oder Büchern – wieso auch, da Games wie „Scavenger“ von Action und Bildern bestimmt werden. In solcher Umgebung bleibt für eine detaillierte Figurenzeichnung weder die Zeit noch wird sie von den Spielern erwartet. Es genügen diverse Grundsätzlichkeiten, die eine Spielfigur kennzeichnen und identifizierbar machen.

An diese Voraussetzung hält sich auch David Morrell. Den nicht so leselustigen Zeitgenossen mag diese Aussage empören, doch sie trifft zu: Sämtliche Emotionen, die unsere Protagonisten – die Guten wie die Bösen – umtreiben, sind behauptet und der Klischeekiste entnommen. Sie sorgen für die Erdung einer Handlung, deren Jump-and-Run-Dramaturgie sich sonst allzu intensiv offenbaren würde. Gleichzeitig gehen die ‚Gefühle‘ der Figuren niemals so stark in die Tiefe, dass sich die Action-Fraktion der Leserschaft davon gestört weil abgelenkt fühlen müsste. Wieder einmal zeigt sich Morrells Professionalität als Autor, der ganz nüchtern einzuschätzen weiß, wie viel ‚literarischen‘ Aufwand er in ein Projekt investieren muss.

Deshalb ist es für den Leser quasi ein Spiel im Spiel zu raten, wen es als nächsten erwischt. Es dürfte kein Spoiler sein, wenn ich an dieser Stelle verrate, dass man sich im Grunde gar nicht irren kann. Gestorben wird hierarchisch von unten nach oben, es beginnt mit diversen No-Names, danach kommen die Nebenrollen an die Reihe, und zuletzt erwischt es den Stellvertreter des Bösewichts und abschließend den Oberteufel selbst.

Doch auch wenn „Level 9“ primär jene zu Begeisterungsstürmen hinreißen wird, die weder des Lesens schon allzu lange mächtig sind noch seit Jahrzehnten mit cineastischem Junkfood malträtiert wurden und deshalb das Rumpeln der Story auf ihren über Gebühr ausgefahrenen Geleisen für normal halten, muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass Morrells Rechnung aufgeht. Ob Frank Balenger ein weiteres Mal auf einen Zick-Zack-Kopf-ab-Kurs geschickt wird, hängt praktischerweise nicht von Aspekten wie Logik oder Originalität, sondern nur von der Akzeptanz des Publikums ab. Das mäkelt allerdings und vermisst die munkelige Hui-Buh-Atmosphäre von „Creepers“. Vielleicht hätte Morrell berücksichtigen sollen, dass die frische Luft von Wyoming sogar im Hirn beinharten Gamer die Kritikzellen wecken kann …

Die deutsche Übersetzung lässt sich nicht nur gut lesen, sondern kommt schön und fest gebunden mit Schutzumschlag und erfreulich preisgünstig auf den Buchmarkt. Mit der Reihe „Premieren“ geht die „Weltbild“-Handelskette neue Wege: Veröffentlicht wird nicht mehr nur, was bereits anderweitig erschienen ist. „Level 9“ wird wie „Creepers“, der erste Band der Balenger-Serie, im März 2008 im Knaur Taschenbuch Verlag erscheinen. Vorab erscheint diese Ausgabe, die nur für ihr lieblos einem Bildstock entnommenen Cover zu kritisieren ist. (Abgesehen von der Frage, wieso „Level 9“ ein ‚besserer‘ i. S. von den Inhalt treffender umschreibender Titel als „Scavenger“ – „Schnitzeljagd“ – sein soll.)

David Bernard Morrell wurde 1943 in Kanada geboren, stammt also aus Kanada. 1966 emigrierte er in die Vereinigten Staaten. An der Pennsylvania State University studierte er Anglistik und schloss mit einem Magister- und einem Doktortitel ab. Einer seiner Dozenten half ihm bei ersten Gehversuchen als Schriftsteller. Morrell war ein guter Schüler: 1972 debütierte er mit „First Blood“ (dt. „Rambo“), der Geschichte eines Vietnamveteranen, der heimkommt in ein Amerika, das er und das ihn nicht mehr versteht, was in einem metapherreichen Stellvertreterkrieg an der ‚Heimatfront‘ mündet. „First Blood“ wurde zum Vorbild für unzählige Actionreißer, die mehr oder weniger nach demselben Muster gestrickt waren, ohne jedoch in der Regel die Qualität des Originals zu erreichen. Morrell wurde durch die erfolgreiche Verfilmung seines Buches mit Sylvester Stallone in der Titelrolle zum Bestsellerautor.

Ab 1970 lehrte Morrell als Professor für Englische Literatur an der University of Iowa, während er weitere Romane verfasste, Seit 1986 arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller. Sein Spektrum erschöpft sich längst nicht in spannenden Thrillern. Er legt auch literaturwissenschaftliche Essays vor oder berichtet über seine Erfahrungen als Schriftsteller. David Morrell lebt heute in Santa Fé, New Mexico. Er pflegt eine eigene Website (www.davidmorrell.net), die durch ihre Aktualität und ihren Informationsgehalt gefällt.

http://www.weltbild.de
http://www.knaur.de

Box, C. J. – Stumme Zeugen

Man stelle sich vor, man wohne in der Nachbarschaft von ehemaligen Cops – würde man sich da nicht sofort sicherer fühlen? Besonders, wenn diese Cops auch noch aus L. A. sind und sich mit Verbrechen auskennen?

In Kootenai Bay, einem kleinen Ort in Idaho, ist genau dies passiert. Der eigentlich sehr rustikale Ort ist zu einem beliebten Zufluchtsort für ehemalige Cops aus L. A. geworden. Niedrige Grundstückspreise und die schöne Umwelt scheinen die Expolizisten in die Gegend zu ziehen, was den eigentlichen Dorfbewohnern nicht immer gefällt. Da sich die Neuankömmlinge aber zumeist in ihre riesigen Villen zurückziehen und am öffentlichen Leben kaum teilhaben, gewöhnt man sich aneinander.

Als eines Tages zwei Kinder nach einem Spaziergang im Wald verschwinden, erklären sich sogar ein paar der frisch Zugezogenen bereit, mit ihrem Know-how bei der Suche zu helfen. Bald haben sie einen Verdächtigen zur Hand, doch was der Leser im Gegensatz zur Bevölkerung weiß, ist, dass die Kinder nicht einfach so verschwunden sind.

Nachdem sie im Wald einen Mord beobachtet haben, mussten sie fliehen, weil die Mörder sie bemerkt hatten. Doch ausgerechnet diese Mörder sind die ehemaligen Polizisten, die dem örtlichen Sheriff bei der Suche unter die Arme greifen. Die Kinder wissen nicht, wohin sie sollen. Überall scheinen sie in Gefahr zu schweben, von den Tätern gefasst zu werden, und die zwölfjährige Annie ist sich sicher, dass die Männer sie und ihren kleinen Bruder William nicht heile zu ihrer verzweifelten Mutter zurückbringen werden. Als sie auf Jesse, einen alten Rancher, treffen, der abgelegen im Wald lebt, spüren sie, dass er ihnen vielleicht ihre Geschichte glauben würde. Doch sie haben nicht damit gerechnet, dass die Ex-Cops ihnen so schnell auf die Spur kommen …

Die Handlung von „Stumme Zeugen“ klingt nach Action und so, als ob sie der Bezeichnung „Thriller“ gerecht werden würde. C. J. Box schlägt allerdings eine andere Richtung ein. Sein Buch ist eines von denen, die Spannung auf die stille Art und Weise erzeugen. Wirkliche Action gibt es selten, dafür aber eine gute Portion Nervenkitzel und das Gefühl, dass mit einigen Leuten in der Story etwas nicht stimmt. Der Autor beginnt seine Geschichte langsam und steigert sich gegen Ende hin. Zwischendurch gibt es Phasen, in denen nicht viel passiert, aber sie stören nicht, sondern passen gut ins Gesamtgefüge. Dieses lässt sich vor allem als ’nüchtern‘ beschreiben, genau wie der Schreibstil. Box verzichtet, wie gesagt, auf reißerische Action, sondern schildert lieber exakt und objektiv, was vor sich geht. Dabei gelingt ihm das Kunststück, trotzdem Gefühle und Menschlichkeit in seine Geschichte einfließen zu lassen, was ihn abseits anderer amerikanischer Thrillerautoren platziert. Die Handlung von „Stumme Zeugen“ wirkt eben nicht wie aus einem Hollywoodhochglanzstreifen, sondern kann sich einiges an Lebendigkeit bewahren.

Die Personen dagegen wirken an manchen Stellen ein wenig hölzern. Der sachliche Tonfall macht es manchmal schwierig, sich mit ihnen zu identifizieren, obwohl sie sehr authentisch wirken. C. J. Box hat ein Händchen dafür, seine Figuren einprägsam und anschaulich zu gestalten, ohne ihnen dabei übertrieben heldenhafte Züge zu geben. Sie wirken alle sehr bodenständig und normal, auch wenn ihnen dadurch vielleicht ab und an die Originalität fehlt.

Über den Schreibstil gibt es schließlich nicht mehr viel zu sagen. Wie der Rest des Buchs ist er sehr nüchtern, objektiv, geradezu trocken. C. J. Box wählt aus einem großen Wortschatz, der aber stets innerhalb der Genregrenzen bleibt, soll heißen, ein literarisches Wunderwerk kann man bei „Stumme Zeugen“ nicht erwarten, einen schlechten Schreibstil aber auch nicht. Box schreibt gut, passend zu seiner Geschichte, aber es sind nicht seine Worte, die ihn aus der Masse der anderen Autoren hervorheben.

Dies erledigt der angenehm unspektakuläre Plot für ihn. „Stumme Zeugen“ ist kein kühler Actionthriller, sondern ein bodenständiger Roman, der durch seine Natürlichkeit glänzt. Figuren und Schreibstil passen, trotz einiger Verbesserungsmöglichkeiten, sehr gut dazu und runden das Buch ab.

http://www.heyne.de

Laymon, Richard – Treffen, Das

Seit dem College sind Abilene, Helen, Finley, Vivian und Cora enge Freundinnen. Die vernünftige Abilene, die ihren Doktor in Englischer Literatur macht, die pummelige, zurückhaltende Helen mit dem Horror-Tick, die burschikose Filmstudentin Virginia Finley, die alle nur bei ihrem Nachnamen nennen, die sanfte Vivian, ein gefragtes Model und die sportlich-amazonenhafte Lehrerin Cora. Nach ihrem Abschluss beschlossen sie, sich jedes Jahr für eine Woche zu treffen und etwas Aufregendes zu unternehmen.

In diesem Jahr hat Helen das Treffen organisiert. Die Freundinnen fahren in ein verlassenes Sporthotel mitten im Wald, die verrufene Totem Pole Lodge. Vor zwölf Jahren wurde hier ein Massaker angerichtet, bei dem eine Gruppe Wilder alle achtundzwanzig Gäste des Hotels bestialisch ermordete – ein Racheakt für den Tod eines Mädchens aus ihrer Familie, für den ein paar Männer aus dem Hotel verantwortlich waren. Die Freundinnen genießen gerade ein Bad im Pool, der direkt über einer Quelle errichtet wurde, als sie merken, dass sie beobachtet werden. Ein etwa siebzehnjähriger Junge flüchtet in den Wald. Kurz darauf finden die Frauen ihre Kleidung im Pool.

Trotz aller Abenteuerlust beschließen sie, den unheimlichen Ort zu verlassen – doch der Autoschlüssel aus Helens Hose ist unauffindbar. Notgedrungen übernachten sie im Wald. Als sie morgens erwachen, ist eine von ihnen verschwunden. Verzweifelt suchen die vier verbliebene Freundinnen nach ihr – und geraten bald selbst in höchste Gefahr …

Wenn sich eine Gruppe junger Frauen in einem verlassenen Haus versammelt, das einst Schauplatz eines Massakers war, erwartet man zu Recht ein Abenteuer mit mörderischen Folgen.

|Spannung trotz langer Anlaufzeit|

Es dauert eine Weile, bis sich der Roman den Titel „Thriller“ verdient, dann aber ist für Spannung gesorgt. Eine der Freundinnen verschwindet über Nacht, gerade nachdem ihnen bewusst wurde, dass sie nicht allein im Hotel waren. Der Leser darf gemeinsam mit den Protagonistinnen rätseln, welche Rolle der Junge spielt, der sie heimlich beobachtet hat, was es mit der grausamen Vergangenheit des Hotels auf sich hat, was mit der verschwundenen Freundin geschehen ist und wer von ihnen als nächstes in Gefahr gerät. Für einen originellen Kick sorgt die bizzare Gestalt von „Batty“, einem androgynen Einsiedler, den die Frauen mal für männlich und mal für weiblich halten, ein hexenhaftes Wesen mit einer makaberen Sammlung präparierter Tierkörperteile von Augäpfeln bis hin zu Knochen und offenbar im Besitz hellseherischer Fähigkeiten. Batty liefert ihnen einerseits einen brauchbaren Hinweis auf die verschwundene Freundin, bedroht sie aber andererseits mit der Schrotflinte und ist eine weitere unberechenbare Größe innerhalb der Handlung.

|Sympathische Figuren|

Bei Richard Laymons Charakterzeichnungen darf man gewöhnlich keine große Tiefe erwarten, dennoch sind ihm hier anschauliche und vor allem sympathische Protagonistinnen gelungen, deren Schicksal für zusätzliche Spannung sorgt. Helen ist schon als Teenager übergewichtig, leidet unter ihrer Unattraktivität und hat im Leben mit Männern fast nur Pech. Auf der anderen Seite ist sie der Horrorfan der Truppe, liebt alles Geisterhafte und Gruselige und ist daher auch die Initiatorin des Trips in das Hotel. In kurzen Sequenzen erfährt man über ihre unglückliche Ehe, die nur noch auf dem Papier existiert, und über die rührenden Pläne der Freundinnen, ihr beim Einschlagen in einen neuen Lebensweg zu helfen – einmal, endgültig die überflüssigen Kilos abzuwerfen und zudem, sich eine Pause von ihrem geldgierigen Ehemann zu gönnen.

Finley ist der Exot der Gruppe. Mit ihrem knabenhaften Körper, den weiten Safariklamotten, den kurzen Haaren und den frechen Sprüchen wirkt sie eher wie ein Teenagerjunge, ist jedoch gleichzeitig überraschenderweise die männerfixierteste unter den Freundinnen, stets auf der Suche nach einer neuen Affäre mit viel Sex und wenig emotionaler Bindung. Kaltschnäuzige Bemerkungen liegen ihr eher als gefühlvolle Worte, dennoch erweist sie sich als treue Kameradin, die sich mit Leib und Seele für die anderen Frauen einsetzt.

Vivian ist seit der Collegezeit die Schönheit unter den Freundinnen, bildet sich aber darauf ebenso wenig ein wie auf ihre Karriere als Model und Schauspielerin. Trotz ihres Aussehens erntet sie keinen Neid, sondern weckt vielmehr als Sensibelchen innerhalb der Clique den Beschützerinstinkt. Abilene und Cora bilden mit ihrem pragmatisch-vernünftigen Denken die soliden Grundmauern der Gruppe, gehen besonnener vor als Finley und unerschrockener als Vivian und Helen. Alle fünf sind sympathische Frauen, denen man wünscht, dass sie den Horrortrip überleben mögen.

|Ausführliche Rückblicke|

Zusätzlich interessant sind die Rückblicke in die Vergangenheit. Der Leser erfährt, wie sich die fünf zu einer Clique auf der Belmore-University zusammenschlossen, welche verwegenen Streiche sie ausheckten und was sie auf ihren früheren Trips für Abenteuer erlebten. Diese Rückblicke allerdings lassen zeitweise fast vergessen, dass es sich hier um einen Thriller handelt. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, in einem Frauenroman gelandet zu sein, der von ersten Liebeleien und witzig-albernen Collegeerlebnissen erzählt. Vor allem männliche Leser fühlen sich wahrscheinlich in diesen Phasen leicht gelangweilt, zumal es lange dauert, bis sich auch auch in der Gegenwart unheimliche Vorfälle ereignen. Der Racheakt an der strengen Rektorin etwa wird über mehrere Etappen ausgebreitet und mit Cliffhangern unterbrochen, zwar durchaus amüsant geschildert, ist aber im Verhältnis zur Gesamthandlung zu breit geraten. Ein Highlight unter den Rückblicken ist allerdings der Halloween-Ausflug der Clique, der sie ins Haus eines Fremden und zu einer schockierenden Entdeckung führt, die sie auch Jahre danach noch nicht losgelassen hat.

|Wenig Gewalt|

Sowohl die Heyne-Hardcore-Reihe als auch der Name Richard Laymon verheißen normalerweise viel explizite Gewalt jenseits der üblichen Darstellungen und des guten Geschmacks. In diesem Roman hält sich Laymon jedoch angenehm zurück. Fast 300 Seiten dauert es, bis der Leser auf die erste Leiche stößt, und ekelerregende Splattereinlagen sucht man vergebens. Ein paar brutale Szenen sind zwar vorhanden, das Maß übersteigt aber keinesfalls die in Thrillern üblichen Einlagen, sodass empfindsame Gemüter nicht zurückzuschrecken brauchen. Ebenso fehlen erfreulicherweise die unrealistischen Verhaltensweisen der Charaktere, die sich vor allem in „Rache“ und „Nacht“ teilweise wie Figuren aus einem B-Movie aufführten und unangemessene Risiken eingingen. Die Personen aus „Das Treffen“ handeln bis auf wenige Ausnahmen sehr nachvollziehbar. Wer sich an den blutrünstigen Details anderer Laymon-Romane erfreute, der wird von diesem Werk enttäuscht werden. Auf der anderen Seite ist er empfehlenswert für all jene, denen Laymon ansonsten zu harte und krasse Details liefert.

|Kaum Mankos|

Abgesehen von der langen Anlaufzeit gibt es kaum etwas zu bemängeln. Die Charaktere verhalten sich weitestgehend angenehm realistisch, auch wenn man darüber streiten kann, wie vernünftig es ist, sich heimlich in ein abgelegenes, verlassenes Hotel zu begeben in einer Zeit, in der man noch keine Handys mit sich trug. Auch leistet sich Finley manchmal in unpassenden Augenblicken sarkastisch-lockere Bemerkungen, in denen sie eigentlich noch zu sehr unter Schock stehen müsste. Etwas zu leicht abgehandelt wird ebenso eine Szene, in der die Frauen zwangsweise Blut trinken müssen und ihren Ekel sehr rasch überwinden, und der Zufall greift einmal böse ein, als sich auf der Flucht eine von ihnen auf unnötige Weise den Knöchel bricht. Dies sind aber nur Kleinigkeiten, die weder den Gesamtverlauf in Frage stellen noch lange im Gedächtnis bleiben.

_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer Thriller, der wesentlich unblutiger ist als andere Bücher des Autors. Abgesehen von kleinen Längen und einem recht behäbigen Anfang ein für Thrillerfans sehr lesenswerter Roman mit sympathischen Charakteren.

_Der Autor_ Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte Englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Im Jahr 2001 verstarb er überraschend früh und hinterließ eine Reihe von Romanen, die vor allem wegen ihrer schnörkellosen Brutalität von sich Reden machten. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang auf Deutsch erhältlich. Zu seinen weiteren Werken zählen u. a. „Rache“, „Die Insel“, „Parasit“, „Im Zeichen des Bösen“ und „Vampirjäger“.

Mehr über ihn gibt es auf seiner offiziellen [Homepage]http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm nachzulesen.

http://www.heyne-hardcore.de

_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Spiel“ 3491
[„Die Insel“ 2720
[„Rache“ 2507
[„Vampirjäger“ 1138
[„Nacht“ 4127

Erwin Grosche – Der falsche Priester [Maikötter 1]

Im westfälischen Paderborn treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Privatdetektiv Maikötter, der sich gern als Priester verkleidet, beschattet zwar eigentlich einen untreuen Ehegatten, wird aber wider Willen in die Ermittlungen hineingezogen … – Was sich als Krimi tarnt, ist eine Sammlung satirischer Betrachtungen des Lebens in der westfälischen Großstadt-Provinz, mit der eine Liebesgeschichte verquickt wurde. Die Story plätschert im Einklang mit den 200 Quellen der Pader dahin, und wie dieser kürzeste Fluss Deutschlands verliert sie sich spurlos in fremden Gewässern. Zumindest der Krimi-Leser mag dem bald nicht mehr folgen.
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Seldon Truss – Ein Toter meldet sich

Als ein junger Kriminalreporter eine übel beleumundete Kaschemme erbt, kommt es dort zu Raub und Mord. Im Wettlauf mit Scotland Yard ermittelt der Reporter im Alleingang, wobei ihn eine hübsche Pfarrerstochter unterstützt. Dabei geraten die neugierigen Amateure in gefährliche Situationen … – Nicht klassischer aber sehr solider „Whodunit“ der britischen Krimi-Schule, dessen Plot aus heutiger Sicht ein wenig zu leicht durchschaubar gerät, was trockener Witz und unterhaltsam überzeichnete Figuren weitgehend wettmachen können.
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Fossum, Karin – Mord an Harriet Krohn, Der

Nach dem Tod seiner geliebten Frau Inga geht es mit Charles Olav Torp nur noch bergab. Seine Spielsucht gerät außer Kontrolle, seine Schulden werden immer höher, er verliert seine Arbeit und der Kontakt zu seiner 16-jährigen Tochter Julie friert ein. Vor allem unter der Distanz zu Julie, die selbstständig in einem Wohnheim lebt, leidet er stark. Als sich seine Spielschulden auf 200.000 Kronen belaufen und er fürchtet, von seinen Gläubigern zusammengeschlagen zu werden, fasst er einen grausigen Entschluss:

Charles sucht sich die alte Harriet Krohn als Opfer aus. Unter einem Vorwand lässt er sich abends in ihre Wohnung bitten und bedroht sie mit einem Revolver. Wider Erwarten wehrt sich die alte Frau und in Panik erschlägt er sie. Anschließend durchsucht er ihre Wohnung, findet 200.000 Kronen in bar und Silberbesteck. Auf dem Heimweg gerät er unverschuldet in einen Autozusammenstoß und flüchtet, um nicht in Tatortnähe gesehen zu werden.

Mit dem Geld bezahlt er seine Schulden, für den Erlös des Silbers kauft er einen stolzen Fuchswallach und schenkt ihn seiner reitbegeisterten Tochter, die ihr Glück kaum fassen kann. Endlich verbringt er wieder regelmäßig Zeit mit Julie, zumal er im Reitstall eine Anstellung findet. Doch die Angst, dass man seine Spur findet, nimmt kein Ende. Täglich verfolgt Charles die neuen Ermittlungen im Fall Harriet Krohn. Die wachsende Paranoia und sein Gewissen setzen ihm immer weiter zu …

Karin Fossums Krimis um Hauptkommissar Konrad Sejer zeichnen sich stets durch einen besonderen Fokus auf die Seelenzustände der Figuren und psychologische Tiefe aus. Bei wohl keinem anderen ihrer Romane trifft dies stärker zu als beim „Mord an Harriet Krohn“.

|Lupenreiner Whydunnit|

Von Beginn an ist der Leser über den Täter im Bilde. Er verfolgt unentwegt Charles‘ Gedankengänge, die Vorbereitungen für den Mord und die Tat selbst sowie sein anschließendes Martyrium, seine ständige Angst vor Entdeckung. In kleinen Rückblicken wird man in seine Vergangenheit geführt. Man erfährt, wie er schon während seiner Ehe allmählich auf die schiefe Bahn geriet und der Faszination des Glücksspiels erlag. Was er damals noch halbwegs unter Kontrolle halten konnte, entglitt ihm nach dem Tod seiner Frau, die seine Stütze war, vollends. Eine kleine Unterschlagung in der Firma kostet ihn den Job, seine Gläubiger drohen ihn mit Gewalt zum Zahlen zu bringen, der Kontakt zu Julie, dem einzigen Menschen, der ihm noch etwas bedeutet, reißt ab. In manchen Momenten empfindet man ansatzweise Mitleid mit Charles. Seine Vorstellung von Glück konzentriert sich auf eine liebevolle Beziehung zu seiner Tochter, nur für sie ist er bereit, buchstäblich über Leichen zu gehen. Anrührend sind die Rückblicke in Julies ersten Ausflug in einen Reitstall, ihre ersten Reitversuche auf dem Pony Snowball, ihre späteren Turniererfolge und Charles‘ Stolz auf seine Tochter, dem er mit einem eigenen Pferd endlich Ausdruck verleihen möchte. Es ist ein verzweifelter Versuch, mit dem edlen und riesigen Fuchswallach „Call me crazy“ die Liebe seiner Tochter zurückzugewinnen, und anfangs scheint diese traurige Rechnung sogar aufzugehen. Auch um Julies Willen, um die junge Frau, die tapfer den Verlust der Mutter erträgt und ihr Leben schon sehr selbstständig meistert, fühlt man sich zerrissen zwischen dem Wunsch, die beiden mögen wieder zusammenfinden, und der Abneigung gegen Charles, der für seine Tochter das Leben einer alten Frau opferte.

Dass man Charles einerseits für den Mord verabscheut und andererseits hin und wieder in Versuchung gerät, ihn wegen seines Schicksals zu bedauern, bildet einen interessanten Spannungspunkt, der den Leser fesselt – obwohl dies keiner der konventionellen Krimis ist, bei denen man den Mörder erraten muss. Dennoch bleiben genug Faktoren übrig, die bis zum Schluss ungewiss sind. Man fragt sich, ob Charles von Kommissar Sejer gefasst werden wird oder sich womöglich selber stellt, ob seine Tochter, bei der der plötzliche Geldsegen natürlich Misstrauen erweckt, hinter die schreckliche Tat kommt, oder ob Charles sogar zusammenbricht und aus Verzweiflung Selbstmord begeht – denn seine verständliche Sorge vor Entdeckung wandeln sich nach und nach in eine ausgewachsene Paranoia. Plötzlich fürchtet Charles an jeder Ecke, entlarvt zu werden. Irgendjemand könnte ihn wider Erwarten beobachtet haben, sein Aussehen ist vielleicht doch nicht so unauffällig und durchschnittlich, wie er glaubt, der Verursacher des Autounfalls könnte ihn identifizieren, nachdem bekannt wurde, dass ganz in der Nähe kurz zuvor ein Mord verübt wurde. Sein sorgfältig ausgearbeiteter Plan bricht in sich zusammen, kleine Patzer und Risiken häufen sich. Charles‘ Leben ist eine einzige Lüge, die Belastung hinterlässt schließlich auch körperliche Spuren. Karin Fossum zeichnet das gelungene Porträt eines Mörders, der sich selber vor allem als Opfer widriger Umstände sieht, und schafft dadurch eine unkonventionelle Krimi-Basis.

|Kleine Schwächen|

Im Gegensatz zu anderen Werken der Autorin taucht der ermittelnde Kommissar Sejer hier nur am Rande auf. Wer die Reihe also vorwiegend wegen seiner Person verfolgt, wird in diesem Band sicher zunächst leicht enttäuscht werden. Bis auf ein paar wenige Begegnungen mit dem Kommissar lebt der Roman alleine durch die Präsenz von Charles. Das ist schade, da Konrad Sejer ein sehr sympathischer und interessanter Ermittler ist. Andere Romane der Reihe gewähren Einblick in sein Gefühlsleben, das vor allem von Einsamkeit geprägt ist nach dem Krebstod seiner Frau, ohne dabei die Krimihandlung zu verdrängen.

Gewöhnungsbedürftig ist auch der Stil des Buches. Karin Fossum neigt grundsätzlich zu einem parataktischen Stil, es dominieren die Hauptsätze, die sich oft anstelle eines Nebensatzes aneinanderreihen. Dies passt natürlich ideal zu den inneren Monologen von Charles, zu seinen sprunghaften Gedanken, die mit vielen Assoziationen durchsetzt sind – aber diese Hektik verleiht dem Text nicht nur Authentizität, sondern macht ihn auch ein wenig schwerer lesbar. Es ist gewiss kein Krimi, den man zur Entspannung liest, vielmehr ruft er den Leser dazu auf, in einem Rutsch verschlungen zu werden, auch da es mühsam sein kann, sich jedesmal aufs Neue in den Stil einzulesen.

_Als Fazit_ bleibt ein interessanter Krimi aus der Kommissar-Sejer-Reihe, in dem man intensiv an der Psyche des Mörders teilnimmt. Obwohl der Täter dem Leser von Beginn an bekannt ist, kommt ausreichend Spannung auf. Nur der hektische Stil ist gewöhnungsbedürftig sowie die Tatsache, dass Kommissar Sejer deutlich weniger Auftritte in der Handlung hat als gewohnt.

_Die Autorin_ Karin Fossum wurde 1954 in Norwegen geboren. 1974 und 1978 erscheinen zwei Gedichtbände von ihr, ehe sie ihre Kinder bekam und eine schriftstellerische Pause einlegte. 1995 erschien ihr Debütroman [„Evas Auge“ 4433 mit dem Ermittler Kommissar Sejer. Es folgten sechs weitere Bände, u. a. „Fremde Blicke“, „Dunkler Schlaf“ und „Stumme Schreie“.

http://www.piper-verlag.de

Libor Schaffer – Tod am Galgen

Der Odenwald – das klingt nach einer behaglichen Gegend, in der sich Fuchs und Gans noch gute Nacht sagen. Doch der Odenwald ist neben den beschaulichen Landschaften und den vielen schönen Burgen auch der Ort, an dem Privatdetektiv Tobias Bloch seine Kriminalfälle löst. Dieses Mal beschäftigt ihn ein Mordfall am berühmten Beerfeldener Galgen. An diesem Galgen nämlich hängt eines schönen Morgens eine tote Frau, deren langer Rock an den Knöcheln zusammen gebunden ist, damit ihr auch niemand darunter schauen kann. Denn im Odenwald – da herrschen noch Zucht und Ordnung!

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Ackermann, Rolf – Fluch des Diamanten, Der

„Diamonds are a girl’s best friend“, hat Marylin Monroe einst geträllert. Im Falle der Schmuckexpertin Marie-Claire de Vries trifft diese Weisheit allerdings nicht zu. Sie wird in dem Buch „Der Fluch des Diamanten“, wie der Titel schon erkennen lässt, von ein paar Edelsteinen in die Bredouille gebracht.

Die Geschichte beginnt damit, dass von einem Privatbesitz und einem Museum in Florenz zwei verschiedene Diamanten unter Zuhilfenahme brutaler Mittel gestohlen werden. Die Täter waren eindeutig Araber und es geht ein Bekennerschreiben ein, in dem es heißt, dass sie die Edelsteine ihres Landes dorthin zurückholen wollten. Gleichzeitig wird Marie-Claire de Vries beauftragt, über den ‚Florentiner‘ – einen berühmten, aber als verschollen geltenden Diamanten – etwas herauszufinden. Francis Roundell, ihr Auftraggeber und hohes Tier im Auktionshaus Christie’s, möchte, dass sie die Geschichte des Florentiners recherchiert.

Marie-Claire stürzt sich in die Arbeit und stellt bald fest, dass der sagenumwobene Stein von einer Art Fluch umgeben scheint. Seinen bisherigen Besitzern hat er nur Unglück gebracht und es ranken sich viele, teils unveröffentlichte Legenden um ihn. Doch sie ist nicht die Einzige, die sich für diese Geschichten interessiert. Marie-Claire ist mit ihren blonden Haaren und langen Beinen sicherlich alles andere als hässlich, aber bemerkenswert ist es schon, dass sich auf einmal gleich drei Männer um sie bemühen. Drei Männer, von denen nicht jeder ausschließlich an ihr interessiert ist …

Der Roman von Rolf Ackermann beschäftigt sich mit einem nicht alltäglichen Thema, das der Autor gut zu verpacken weiß. Er lässt viele historische Fakten über den Florentiner einfließen und erweist sich als Kenner in Bezug auf das, was er schreibt. Leider reicht das nicht, um „Der Fluch des Diamanten“ zu einem spannenden Thriller zu machen. Dafür tröpfelt die Handlung zu belanglos vor sich hin, außerdem fehlt es an wirklich interessanten Ereignissen und Überraschungen. Ackermann verteilt seine Handlung auf mehrere Länder, doch der Thrill bleibt bei der Jagd rund um die Erdkugel auf der Strecke.

Das könnte mit dem Schreibstil zusammenhängen, der kühl und distanziert, geradezu analytisch berichtet. Der Autor benutzt dazu passend einen gehobenen Wortschatz, weshalb sogar die meisten Dialoge sehr hochgestochen wirken. Das wirkt auf der einen Seite nicht besonders authentisch und distanziert die Charaktere zusätzlich stark vom Leser. Das macht es nicht unbedingt einfach, sich mit ihnen zu identifizieren und mit ihnen zu fiebern. Im Gegenteil wirken Marie-Claire und Co. zu perfekt beziehungsweise ihre Ecken und Kanten bewegen sich immer in einem oberflächlichen Rahmen.

Zudem fällt negativ auf, dass das Buch stark von Klischees durchsetzt ist. Die Frauen sind beispielsweise zum Großteil sehr gutaussehend, im Beruf sehr erfolgreich und in der Liebe eher nicht, was zu aufgestauten sexuellen Energien führt. Die Männer dagegen sind zumeist geschniegelt, intellektuell und echte Verführer, für welche die Frauen nur zu gerne die Hüllen fallen lassen. Der Autor tut nichts dagegen, um diese Stereotypen zu durchbrechen und seine Figuren mit etwas Originalität zu versehen.

Nach der Lektüre von „Der Fluch des Diamanten“ bleibt ein fader Nachgeschmack zurück. Rolf Ackermann schreibt zwar über ein interessantes Thema, bietet diesem jedoch nicht den richtigen Nährboden. Der Handlung fehlt es an Schwung und Spannung, der Schreibstil ist zwar handwerklich gut, aber zu kühl und distanziert, und den Charakteren mangelt es an Tiefe und Originalität.

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Fossum, Karin – Evas Auge

Nach ihrer Scheidung leidet die alleinerziehende Eva Magnus unter Geldproblemen. Ihre Arbeit als Malerin bringt nicht viel ein, ihre kleine Tochter, das fröhliche Pummelchen Emma, soll ohne Sorgen aufwachsen. Eine zufällige Begegnung mit Jugendfreundin Maja bringt sie auf eine Idee. Die lebenslustige Maja arbeitet als Prostituierte, verdient damit gut und schlägt Eva vor, es ihr gleichzutun. Eva nutzt die Chance, bei einem Kundenbesuch im Nebenzimmer zuzuschauen und sich Einblicke in das Metier zu verschaffen. Das Treffen verläuft jedoch völlig anders als geplant und Eva wird ungewollt Zeugin eines Verbrechens …

Bald darauf werden in der norwegischen Kleinstadt Engelstad zwei Leichen gefunden, der erstochene Egil Einarsson in einem Fluss und Maja Durban, erwürgt in ihrer Wohnung. Einarsson, der Frau und Kind hinterlässt, verschwand, nachdem er angeblich seinen Wagen einem Käufer vorführen wollte. Nichts deutet darauf hin, dass sich Einarsson und Maja kannten, doch der ruhige, verwitwete Kommissar Sejer vermutet bei zwei Morden innerhalb so kurzer Zeit dennoch einen Zusammenhang.

Eva Magnus, die als Freundin der Verstorbenen befragt wird, gibt sich unwissend. Als ihre Tochter jedoch ausplaudert, dass sie und ihre Mutter die Leiche im Fluss entdeckt haben, wird Sejer misstrauisch, denn Eva hat die Polizei nicht verständigt. Nach weiteren Ermittlungen bestätigt sich sein Verdacht, dass Eva Einarsson kannte. Merkwürdig ist auch, dass Evas Geldprobleme seit kurzem abgenommen haben. Während Sejer untersucht, in welcher Verbindung Eva zu den Morden stehen könnte, wird die junge Frau bedroht. Jemand ist ihr auf den Fersen …

Eine unfreiwillige Verbrechens-Zeugin und finanzielle Verlockungen bilden die Folie für diesen Debütroman, der gleichzeitig auch das erste Buch mit dem Ermittler Kommissar Sejer ist, dem bislang noch sechs weitere folgten.

|Gelungene Charaktere|

Im Mittelpunkt steht die talentierte, aber erfolglose Malerin Eva Magnus, eine Frau mit vielen Facetten und nachvollziehbaren Schwächen, die zufällig in ein Verbrechen hineingezogen wird. Eva ist mit Leib und Seele Künstlerin. Sie lehnt Auftragsarbeiten ab und lässt sich allein von ihrer Inspiration leiten. Ihre Bilder bestehen aus schwarzen Leinwänden, in die sie mit dem Spatel helle Stellen einritzt, eigenwillige Kreationen, die nur schwer Käufer finden. Neben der Kunst sind ihr verwitweter, kranker Vater Markus und ihre kleine Tochter Emma ihre einzigen Haltepunkte im Leben. Die Rechnungen türmen sich immer höher, das Telefon wurde bereits abgestellt, Töchterlein Emmas geliebte Ausflüge zu McDonalds werden zum unerschwinglichen Luxus. Daneben plagen sie die Sorgen über ihren Vater, der aufgrund einer Gehbehinderung seine Wohnung nicht mehr verlassen kann und zunehmend schwächer wird^, sowie das deutliche Übergewicht ihrer Tochter, die bald in die Schule kommt und dort vermutlich Hänseleien ausgesetzt sein wird. Immer tiefer gerät der Leser in den trostlosen Alltag der Eva Magnus vor dem Hintergrund eines düsteren skandinavischen Herbstes. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen immer kälter und Gleiches geschieht mit Evas Leben.

Das Wiedersehen mit Maja, der lustigen und quirligen Freundin aus Kinder- und Jugendtagen, die Eva durch einen Umzug entrissen wurde, bringt eine Wendung. Der Gedanke an Prostitution schreckt Eva ab, doch Maja ist der lebende Beweis dafür, wie schnell sich mit scheinbar einfacher Arbeit das große Geld verdienen lässt. Nur wenig fehlt noch, damit Maja ihren Traum vom kleinen Hotel in Frankreich verwirklichen und ein unabhängiges Leben führen kann. Die Versuchung ist groß für Eva, die Vorstellung gewinnt an Reiz. Was folgt, ist ein Absturz in die Tiefen eines Verbrechens und einen Strudel weiterer Abgründe, der sich von Eva nicht mehr kontrollieren lässt. Scham und Angst halten sie davon ab, der Polizei ihre Zeugenaussage abzuliefern; einerseits fürchtet sie, selber als Verdächtige zu gelten, und andererseits quält sie der Gedanke, ihre Tochter und ihr Vater könnten erfahren, dass sie mit der Idee spielte, als Prostituierte zu arbeiten.

Ein vielschichtiger Charakter ist auch Kommissar Sejer. Der große, souveräne Mann mit der ruhigen Art ist ein gewissenhafter Ermittler, dessen Argusaugen kein Detail übersehen. Beinahe beiläufig erfährt man vom Krebstod seiner geliebten Frau und seiner Einsamkeit, durch die er sich mit seinem Leonberger Kollberg hinwegtröstet. Sejer entgeht nicht, dass Eva Magnus etwas zu verbergen hat, auch wenn er nicht erraten kann, um was es sich handelt. Ihn fasziniert diese einsame Frau mit den außergewöhnlichen Bildern, die so wenig über sich preisgibt, die in ein brutales Verbrechen verwickelt zu sein scheint und gleichzeitig offensichtlich eine liebevolle Mutter ist, die für ihr Kind zu beinah jedem Opfer bereit ist.

|Spannung und Tiefe|

Es ist kein typischer Thriller oder Krimi, der den Fokus auf die Spannung legt, und doch fesselt der Roman den Leser von Anfang bis Ende. Die düstere, realistische und von Romantismen freie Atmosphäre lässt bis zum Schluss Zweifel an einem guten Ausgang. Die Protagonistin ist keine strahlende Heldin, sondern vielmehr eine Frau, deren Schwäche ihr zum Verhängnis wurde und die in einem Lügengerüst gefangen ist. Es ist nicht vorherzusehen, ob Eva von der Polizei überführt wird, ob der Mörder sie findet und ausschaltet oder ob sie einen Weg entdeckt, ihrer fatalen Situation zu entrinnen. Faszinierenderweise hofft man einerseits, dass Kommissar Sejer ihre Lügen durchschaut und ihr seine Hilfe und polizeilichen Schutz bietet – auf der anderen Seite aber versetzt man sich unwillkürlich auch in Eva hinein, die alles daransetzt, ihre Fassade aufrechtzuerhalten, und drückt ihr die Daumen. Kurz vor Ende kann der Roman zudem noch mit einer überraschenden Wendung aufwarten, die einige Dinge noch einmal in ein anderes Licht rückt.

|Kaum Schwächen|

Reizvoll und gewöhnungsbedürftig zugleich ist die Chronologie des Romans, der mit dem Fund der beiden Leichen beginnt. Erst etwa in der Mitte setzt ein detaillierter Rückblick ein, in dem aus Evas Leben vor den Morden erzählt wird. Der Klappentext allerdings geht chronologisch vor und fasst nur den Rückblick zusammen, sodass man nach seiner Lektüre schon zumindest die Umstände eines Mordes kennt. Dadurch wird die Spannung ein wenig geschmälert, was allerdings nicht dramatisch ist angesichts der Konzentration auf die psychologischen Vorgänge. Das Ende ist ein wenig zu offen gehalten; die Hauptfragen werden zwar geklärt, doch es bleibt Raum für einige Spekulationen, was das weitere Schicksal mehrer Figuren angeht.

_Fazit:_

Ein fesselnder, vielschichtiger Thriller über eine Frau, die Zeugin eines Mordes wird und zwischen die Fronten von Gesetz, Versuchung und Gewissen gerät. Obwohl durchaus spannend, liegt der Fokus auf den ausgefeilten Charakterdarstellungen. Deswegen und auch wegen der nicht chronologischen Erzählweise keine ganz leichte Lektüre, aber sehr empfehlenswert.

_Die Autorin_ Karin Fossum wurde 1954 in Norwegen geboren. 1974 und 1978 erscheinen zwei Gedichtbände von ihr, ehe sie ihre Kinder bekam und eine schriftstellerische Pause einlegte. 1995 erschien ihr Debütroman „Evas Auge“ mit dem Ermittler Kommissar Sejer. Es folgten sechs weitere Bände, u. a. „Fremde Blicke“, „Dunkler Schlaf“ und „Stumme Schreie“.

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Kerr, Philip – Janus-Projekt, Das

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Europa in Trümmern. Von den Ideologien, den Träumen und Wunschvorstellungen eines Dritten Reiches existierten nur noch Städte, die knapp einer vollständigen Zerstörung entgangen sind. In jedem Straßenzug zeugten die Skelette der zerbombten Gebäude von einem Vernichtungskrieg. Der „totale Krieg“ forderte seine Opfer, und diese waren beileibe nicht nur Soldaten und Parteimitglieder des Deutschen Reiches.

In den Jahren nach dem Krieg entgingen viele Kriegsverbrecher ihrer Strafe. Sich der Verantwortung zu entziehen, zu fliehen in dem Wissen, unmenschliche Schwerverbrechen begangen zu haben, gehörte zur üblichen Verhaltensweise der Offiziere der SS und anderer NS-Organisationen. Auf so genannten „Rattenlinien“ versuchten Verbrecher wie Klaus Barbie, Josef Mengele und Adolf Eichmann, sich der Gerichtsbarkeit der Siegermächtige zu entziehen. Argentinien war in dieser Zeit unter der Regierung von Perón ein beliebter Zufluchtsort.

Es gab einige Organisationen und Verbände, die ein Interesse daran hatten, derartigen Verbrechern zu helfen, nicht selten waren es die Geheimdienste der Alliierten, selbst der Vatikan war behilflich bei der Flucht aus Nachkriegsdeutschland. Kurz vor Ende des Krieges, als sich bereits abzeichnete, dass der Krieg verloren war, soll es eine berüchtigte Gruppe von Nazisympathisanten gegeben haben, die unter dem Namen „Odessa“ fungierte. Mit Geld, Einfluss und straff organisierten Plänen gelang es ihnen, einige Kriegsverbrecher der Justiz zu entziehen. Aber warum schützten die Geheimdienste der Siegermächte solche Kriegsverbrecher?

Der Kalte Krieg betrat die Weltbühne und das Gespenst des Kommunismus bedrohte und verängstigte die Staaten, auf anderer Seite hingegen schürte der Kapitalismus den Neid und auch die Sorgen. Wissenschaftler, Generäle, Ärzte und Geschäftsmänner, die in anderen Zeiten für ihre Verbrechen verurteilt und bestraft würden, entgingen so ihrem Tod – ihr Wissen und ihre Ideen waren für die konkurrierenden Staaten ein allzu wertvolles Hab und Gut.

Im neuen Roman „Das Janus-Projekt“ von Philip Kerr, der in der Nachkriegszeit spielt, geht es um genau dieses Thema.

_Story_

München, 1949. Vier Jahre nach dem verlorenen Krieg gehört der ehemalige Polizist und jetzige Privatdetektiv Bernhard (Bernie) Gunther zu den desillusionierten Deutschen, die zwar den Krieg überlebt haben, aber ansonsten alles als verloren betrachten. Seine Frau ist in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, und er selbst führt in der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers in Dachau ein wirtschaftlich marodes Hotel, das keine Gäste beherbergt. Ein Neuanfang will ihm aber nicht gelingen, zu schwer liegen die Erinnerungen an die Erlebnisse der Ostfront auf seiner Seele. Verbittert geht er seiner Idee nach, das einzig Richtige zu tun, das er tun kann – als Privatermittler tätig zu werden.

Nach dem Tod seiner Frau versucht er sich in München eine Existenz aufzubauen. Noch immer gibt es unzählige vermisste Familienmitglieder, die es zu finden gilt, demzufolge auch genug zahlungswillige, suchende Klienten, die ihn beauftragen könnten. Andererseits gibt es noch genug Kunden, die immer noch beweisen wollen, dass ihre nächsten Angehörigen keine Nazis waren, und Bernie Gunther soll ihnen dabei helfen.

Die zweite Möglichkeit ist für seine Verbitterung und seinen daraus resultierenden Sarkasmus nicht ohne Probleme, aber er passt sich schnell der geforderten Situation an und übernimmt den Auftrag einer Frau Britta Warzok, die ihn darum bittet, Beweise für den Tod ihres Ehemannes zu beschaffen. Frau Warzok möchte wieder heiraten, und so lange ihr Ehemann offiziell nicht für Tod erklärt wurde und nur als vermisst eingestuft wird, stellt sich genau dies als sehr störendes Problem dar.

Bernie Gunthers Recherchen und Ermittlungen führen ihn wieder einmal in gefährliche Kreise. Noch immer versuchen ehemalige Nazi-Größen, die junge Bundesrepublik, die von den alliierten Siegermächten besetzt wird, zu verlassen. Und diese Kriegsverbrecher, denen der Tod droht, sehen in den sensiblen Ermittlungen des Privatdetektives ein Problem. Gunther läuft in eine Falle, wird gefoltert und zusammengeschlagen, aber am Leben gelassen. Ein freundlicher Arzt nimmt sich seiner an, versorgt und behandelt ihn, wenig später lernt er einen Erich Grün kennen, der durch eine Verletzung, die er im Krieg erlitt, an den Rollstuhl gefesselt ist. Die beiden Männer freunden sich an und Gunther bietet sich an, für Grün eine Erbschaft anzutreten – Gunther und Grün sehen sich ungemein ähnlich, und die Zeit und der Krieg sollten ausreichen, um an seiner statt die Formalitäten erledigen zu können.

Gunther muss nach Wien reisen, und dort erfährt er, dass er eine Marionette in einem teuflischen Spiel ist. Eingebunden und benutzt in einer weitreichenden Verschwörung, sieht er seine eigene Überlebenschance darin, dieses Komplott aufzudecken, doch schnell bemerkt er, dass im Untergrund noch allzu viele Nazis existieren, die über Leichen gehen, dass er zu einem Spielball der Geheimdienste geworden ist, und auch israelische Killerkommandos auf der Suche nach Kriegsverbrechern kennen nur ihre eigenen Gesetze …

_Kritik_

„Das Janus-Projekt“ ist ein spannender Unterhaltungsroman von Philip Kerr. Allerdings vermischt der Autor die Fakten mit vielen Fiktionen, die zwar unterhalten können, aber nicht zu Ende gedacht wurden.

Die Geschichte spielt in der jungen Bundesrepublik Deutschland, die ein schweres Erbe zu tragen hat. Der Krieg ist verloren und die gerade entstandene Republik kämpft noch immer mit den moralischen Altlasten und Verbrechen des Terror-Regimes. Niemand will mehr von der Vergangenheit reden, es wird verdrängt, ignoriert und totgeschwiegen – doch die Vergangenheit holt einen doch immer wieder ein. Schließlich kann eine ganze Nation, eine ganze Generation nicht einfach von der kriminell ausgearteten ideologischen Bühne hüpfen.

Leider, und genau das ist einer der großen Kritikpunkte, habe ich ebendieses gelebte Schuldbewusstsein im täglichen Miteinander vermisst. Einzig und allein der Hauptcharakter Bernie Gunther lebt noch immer in seiner Vergangenheit, die er nicht vergessen kann oder will und die er versucht, mit einem gewissen sarkastischen Zynismus zu bekämpfen.

Betrachtet man den Roman neutral, so ist die Story dennoch keine neue. Sicherlich baut sie Spannung auf, aber hätte der Autor sich mehr Zeit gelassen, vielleicht einen mehrteiligen Thriller aus der Story gemacht, so hätte dies der Geschichte mehr grundlegende Substanz verliehen. Der Kalte Krieg, der für die nächsten Jahrzehnte die politische Weltbühne beherrschen wird, lässt nicht nur Bernie Gunther zum Spielball werden, auch die gesuchten Naziverbrecher sollen gezwungen werden, gegen die rote Gefahr zu kämpfen. Auch diese Thematik wird nicht zu Ende gedacht, nur angerissen, mehr nicht.

Recht, Unrecht, Moral und Ethik hätten die Säulen dieses Romans werden können, doch leider schildert Kerr die Konsequenzen nicht überzeugend. Immer wieder reißt Kerr diese dunklen Fakten an, aber nur inkonsequent. Diese Motivation im Sinne der Spannung zwar in allen Ehren gehalten, aber so verwandelt sich das Fundament in brüchiges Einerlei. Egal welcher Nation seine Charaktere angehören, sie sind nur sehr schlicht charakterisiert; entweder verfügen sie über edle Motive oder sie sind einfach nur böse. Philip Kerr verrennt sich in seinem Alibihintergrund und beweist in Laufe seiner Geschichte, was er, wenn er an das „Dritte Reich“ denkt, damit an Klischees verbindet. Selbst die Nachkriegszeit und die daraus resultierenden Konfrontationen, egal ob nun politisch oder menschlich, vernachlässigt er.

Die Handlung überlässt der Autor allerdings nicht dem Zufall; es dauert seine Zeit, bis sich die eigentliche Story entwickelt und Bernie Gunther zeigen kann, was so in ihm steckt. Dessen Charakterentwurf muss ich dabei wirklich loben. Seine zynische Art und Herangehensweise und seine Vergangenheit, für die er sich nicht unschuldig führt, machen ihn wirklich sympathisch und sehr menschlich. Einzig und allein der Humor wirkt in manchen Passagen etwas überdosiert und unpassend. Trotzdem könnte dies aber den Roman für manchen Leser retten.

Leider schafft es der Autor auch hier nicht, die Waage im Gleichgewicht zu halten. Es kann und darf nicht sein, dass einzig und allein die Hauptfigur des Bernie Gunther so etwas wie ein Gewissen vorzuweisen hat, ihr Handeln hinterfragt und sich selbst manchmal als sehr kritisch ansieht und damit die einzige Figur bleibt, die so empfindet. Gunthers Schuldbewusstsein, und da steht er weit und breit alleine da, wirkt gerade deshalb oftmals nicht glaubwürdig oder zu überzeichnet.

Philip Kerr hat es aber gut gemeint und aktiv versucht, der Nachkriegszeit ein Gesicht zu geben, doch auf mich wirkte er mit seiner Agenda oftmals überfordert. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht sind zu gradlinig gezeichnet, ohne Grenzland, in dem man Schwächen und Stärken wiederfindet.

Allein schon aus dieser schweren Epoche in Form eines Spannungsromans zu erzählen und dabei genau bemessene Proportionen zu wählen, ist sicherlich schwer und sollte vielleicht Autoren überlassen werden, die diese Zeit er- und überlebt haben oder sich mit der Problematik in den Nachkriegsjahren politisch und gesellschaftlich intensiv auseinandergesetzt haben.

_Fazit_

„Das Janus-Projekt“ ist ein reiner Unterhaltungsroman. Nicht mehr oder weniger. Die Fiktion wird mit nebulösen Fakten vermengt und Philip Kerr schafft es nicht, die Story und ihre Charaktere in konsequenter Weise zu entwickeln. Es gibt keine rein gute und heile Welt, wie sie hier propagiert wird, auch wenn wir uns dies immer wünschen.

Meinen Erwartungen und Ansprüche verfehlt dieser Roman leider völlig. Ein detailliertes Grundgerüst mit allen Facetten von Politik und Gesellschaft, mit Schuld und Sühne, der Vergebung und Vergegenwärtigung wäre sinnvoll gewesen, dann hätte dieser Roman ein wunderbar spannendes und zugleich glaubhaftes Zeugnis abgegeben.

Der Roman ist der vierte aus Kerrs Reihe um den eigensinnigen Gunther, aber man kann sicherlich „Das Janus-Projekt“ lesen, ohne die drei vorherigen Titel zu kennen.

_Der Autor_

Philip Kerr wurde 1956 in Edinburgh geboren. Heute lebt er in London. Mit dem Roman „Das Janus-Projekt“ schließt er die Berlin-Reihe um den Privatdetektiv Bernhard Gunther ab. Aus dieser Reihe sind noch die Romane „Feuer in Berlin“, „Im Sog der dunklen Mächte“ und „Alte Freunde – neue Feinde“ erschienen.

http://www.rowohlt.de

_Philip Kerr auf |Buchwurm.info|:_

[„Game over“ 4245
[„Der Coup“ 2174
[„Der zweite Engel“ 500
[„Newtons Schatten“ 440
[„Esau“ 136

Nick Stone – Voodoo

stone-voodoo-cover-kleinPrivatermittler Max Mingus sucht auf der Karibik-Insel Haiti nach dem verschollenen Sohn eines reichen Mannes. Er gerät in eine düstere Welt, in der sich das Verbrechen mit dem Übernatürlichen mischt und ausschließlich das Recht des Stärkeren regiert; lästige Fragensteller werden hier entsetzlich einfallsreich zum ewigen Schweigen gebracht … – Bedrückend realistischer Thriller, der die Hölle in der menschlichen Seele zum Schauplatz hat. Die Story ist spannend, der Spannungsbogen bruchfest, die Figurenzeichnung hervorragend: „Voodoo“ ist ein Roman, der über die gesamte Distanz fesselt.
Nick Stone – Voodoo weiterlesen

John Dickson Carr – Die Schädelburg

Carr Schaedelburg Cover 1991 kleinDas geschieht:

Trutzig ragt Burg Schädel unweit von Koblenz hoch über dem Rhein auf, wo sie vor einem halben Jahrtausend ein gefürchteter Hexenmeister errichten ließ. Der verrufene Ort wurde zum idealen Heim für den großen Bühnenmagier Maleger, der privat ein Ekel und Sonderling. 1913 – vor 17 Jahren – ist er während der Anreise zur Burg angeblich in den Fluss gestürzt, aus dem man seine ebenso angebliche Leiche zog.

Burg Schädel ging an Myron Alison, den berühmten Schauspieler, und seinen Freund, den Finanzmagnaten Jérôme D’Aunay. Viel Freude bereitete ihnen das Erbe nicht. Alison fand man kürzlich unterhalb der Mauern; man hatte ihn angeschossen, mit Benzin übergossen und angesteckt. Als lebende Fackel taumelte er über die Zinnen, während ein gespenstischer Schatten dies beobachtet haben soll. John Dickson Carr – Die Schädelburg weiterlesen

Hurwitz, Gregg – Sekte, Die

Neben den vielen großen Religionen auf unserer Welt gibt es noch zahlreiche Gruppierungen von Gläubigen, die sich abspalten und abgrenzen vom etablierten Glauben. Die Sekten unserer Zeit versuchen, durch eine ganz eigene Botschaft Mitglieder für ihre Idee und Überzeugung zu gewinnen. Gerade labile Menschen, die durch Schicksalsschläge ihre Grundlage, vielleicht sogar ihren Glauben verloren haben, die sich im Stich gelassen fühlen oder einfach menschlich enttäuscht wurden, sind anfällig, sich sich auch einer der zweifelhafteren dieser Gruppierungen anzuschließen.

Längst schon versuchen Sekten, ihre Machtstellung innerhalb der Gesellschaft zu festigen. Religion und Glauben, Ideologie und Überzeugung bedeuten zugleich immer, auch Macht auszuüben, Menschen zu lenken und zu kontrollieren; oftmals unterwandern derlei Gruppierungen auch die Gesetze oder nutzen deren Lücken, damit sie durch den Staat nicht angreifbar werden. Die wirtschaftlichen Interessen gehören immer zu den wichtigsten ideologischen Überzeugungen einer solchen Gruppe.

Mit Nächstenliebe und Respekt gegenüber ihren Mitmenschen, mit Meinungsfreiheit und Entfaltung der eigenen Person haben diese Vereinigungen meistens ein recht großes Problem. Es entstehen eher richtiggehende und gefährliche Personenkulte, die autoritär auf die Gruppe einwirken und diese auch mit disziplinarischen Strafen einschüchtern. In solchen Sekten leben die Mitglieder meistens nach ihren eigenen Gesetzen und Geboten, und genau hierin besteht die Gefährlichkeit.

Der Autor Gregg Hurwitz zeichnet seinen Lesern in seinem Roman „Die Sekte“ ein recht gutes Bild von den Organisationen und Strukturen, den Wegen der Gewinnung neuer Mitglieder und deren Kontrolle und wirtschaftlichen Ausbeute.

_Inhalt_

Tim Rackley hat nach dem gewaltsamen Mord an seiner sechsjährigen Tochter nicht nur seine Anstellung als US Marshal verloren. Durch seine eigensinnige Selbstjustiz wurde er vom Dienst suspendiert und der Schmerz über den Verlust lässt ihn und seine Frau Andrea, genannt Dray, auch privat nicht zur Ruhe kommen. In ihren Träumen, ihren Gedanken verfolgt sie die Tragödie noch immer.

Eines Tages bekommen Tim und Dray Besuch von einem erfolgreichen Filmproduzenten und seiner Frau, die verzweifelt um Hilfe bitten. Der einflussreiche Produzent Will Henning übergibt Tim ein Foto. Auf diesem posiert ein junges Mädchen, das gerade die Highschool abgeschlossen und ein Studium begonnen hat. Sie sieht hübsch aus, vielleicht ein wenig linkisch, traurig graugrüne Augen, schulterlanges Haar. Eine Person, an die man sich aufgrund ihrer Aura erinnert. Tims Augen schweben über das Foto seiner toten Tochter auf dem Kaminsims, er nimmt an, dass das Mädchen auf dem Foto auch umgebracht wurde.

Doch sie ist nicht tot. Will Henning, der Stiefvater, erklärt, dass die 19-jährige Leah quasi vermisst wird. Die junge Studentin ist einer Sekte beigetreten und hat den Kontakt zur ihren Eltern komplett abgebrochen. Die Polizei kann nicht eingreifen, weder das FBI noch die CIA sehen eine Möglichkeit bzw. ein Verbrechen, gegen das sie vorgehen könnten.

Tim soll, wenn es nach ihren Eltern geht, die junge Frau aus dem Kreis dieser Sekte entführen, denn von der Außenwelt hat sich diese Sekte fast völlig abgeschlossen, so dass kaum eine legale Möglichkeit für die Ermittler übrig bleibt. Vorübergehend wird Tim wieder in den Rang eines US Marshal eingesetzt und nimmt als Erstes Kontakt zu einem Universitätsprofessor und Experten für Sekten auf.

Trotz seiner psychologischen Vorkenntnisse, die Tim innerhalb der amerikanischen Streitkräfte erhalten hat, gibt Dr. Bedermann dem Beamten wertvolle Tipps, um sich vor psychologischen Praktiken der Bewusstseinskontrolle wehren zu können. Auch übergibt Dr. Bedermann Tim die Adresse eines Patienten, der den Fängen der Sekte entkommen konnte, nicht jedoch, ohne dabei zu Schaden gekommen zu sein. Doch dieser ist nur noch ein Schatten seiner selbst, ein seelischer und psychologischer Krüppel mit irreparablen Schäden, und der Versuch Tims, etwas über die Sekte herauszufinden, endet in einem nervlichen Zusammenbruch des Mannes.

Eine weitere Adresse führt Tim zu einem ebenfalls ausgestiegenen Sektenmitglied. Auch dieser Mann reagiert panisch und denkt, dass man ihn ausschalten möchte; nur mit äußerste Vorsicht gelingt es Tim, ein wenig Zugang zu dem verstörten Mann zu finden. Doch dieser beantwortet die Fragen des Ermittlers nur zaghaft und möchte mit dieser Vereinigung nichts mehr zu tun haben. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben …

Wenige Tage später bietet der Mann Tim doch noch seine Hilfe an und berichtet, wie er zu der Sekte kam und wie eine solche Veranstaltung, die unter dem Motto „Das Programm“ organisiert ist, abläuft. Bewusstseinskontrolle wird von der Sekte und ihrem charismatischen Führer durch psychologische Erniedrigung, medikamentös durchsetzte Getränke, Schlafmangel und Temperaturdifferenzen innerhalb des Raumes erreicht. Es findet eine völlig Deprogammierung ihres Ich statt, bis man zu guter Letzt nur noch an die Grundsätze, die Gebote, das Weltbild der Sekte glaubt. Eine Marionette auf einem Spielfeld mit fest definierten Regeln.

Die labilen Menschen werden angeworben, wenn sie sich in einer persönlichen Krisensituation befinden – Beerdigungsinstitute, Jobmessen, Kennlernpartys in Kirchen, Selbsthilfegruppen usw. sind die Orte einer solchen ersten Begegnung. Die Kriterien, nach denen sie angeworben werden: Sie müssen über Geld verfügen, zugänglich sein und auch auf sexueller Basis dem „Meister“ gefallen. Leben und wohnen findet auf einer abgelegenen Farm statt, und nur auf dieser. Neue Mitglieder – so genannte „Neos“ – werden von den älteren Sektenmitgliedern kontrolliert und durch den Tag begleitet – eine völlige und gerichtete Abhängigkeit.

Tim sieht seine einzige Chance darin, dass er versuchen muss, sich selbst in diese Sekte einzuschleusen. Mit seiner neuen Identität als reicher Firmeninhaber, der gerade seine Tochter durch ein Verbrechen verloren hat, gelingt es ihm bei einem Seminar von „Das Programm“, innerhalb der Sekte für ein weiteres Kolloquium eingeladen zu werden. Bei diesen Veranstaltungen spielt er seine Rolle überzeugend und kann die psychologischen Tricks zwar durchschauen, aber da er auch psychisch durch den Tod seiner Tochter angeschlagen ist, muss er seine ganze Konzentration aufbringen, um nicht selbst und tatsächlich zum Opfer zu werden.

Leah findet er wenig später, aber trotz aller Versuche, die junge Frau mit Argumenten davon zu überzeugen, dass diese Sekte lediglich auf ihr Vermögen aus ist und kriminell handelt, lässt sie sich anfänglich nicht überzeugen. Doch aufgeweckt, wie sie ist, bekommt ihr suggestiv verabreichtes „Programm“ erste Risse. Tim offenbart sich ihr als US Marshal und schildert die Ängste und Sorgen, die ihre Eltern durchmachen, und Leah deckt Tims Identität anschließend sehr bewusst.

Tim Rackley untersucht derweil die „Ranch“, um legale Beweise zu finden, welche die Staatsanwaltschaft nutzen kann, um gegen die Sekte ermitteln zu können. Eines Tages beobachtet Tim aus der Ferne, wie eine junge Frau, die der Meister fallen gelassen hat, bettelnd vor ihm steht und damit droht, „Das Programm“ durch ihr Wissen auffliegen zu lassen. Wenig später wird sie von zwei „Beschützern“ in den Wald geführt und Schüsse fallen. Wenig später wird Tims falsche Identität entdeckt und nicht nur er, sondern auch Leah befinden sich jetzt in Lebensgefahr, denn die Sekte duldet keine „Aussteiger“ …

_Kritik_

Gregg Hurwitz hat mit seinem Thriller „Die Sekte“ (englisch „The Program“) einen imposanten und psychologisch sehr dichten Thriller verfasst. Über Sekten und ihren inneren Aufbau, ihre Motivation und, was noch wichtiger ist, ihre psychologische Vorgehensweise bei der Gewinnung neuer Mitgliedern hat der Autor authentisch und transparent beschrieben.

Es gibt sicherlich diverse Vorurteile und eine gewissen Negativbehaftung des Begriffes der Sekte, aber auch hier schafft es der Autor gekonnt und bewusst, entweder mit diesen Pauschalisierungen aufzuräumen bzw. aufzuklären. Besonders gefallen haben mir die Erklärung und Schilderung des „Eröffnungsseminars“ der Vereinigung, die suggestiven, psychologischen Mittel, um die Teilnehmer erst mental brechen und sie dann unter Mithilfe der gleichen Mittel wieder gezielt nach den Grundsätzen der Sekte aufbauen zu können. Erschreckend, wie gezielt und raffiniert so etwas organisiert sein kann.

Die Geschichte wird aus Sicht von dem Ermittler Tim Rackley und seinem Schützling, der Studentin Leah, erzählt, die er aus dem engen Netz der Sekte befreien möchte. Tim Rackleys Charakter ist dabei nachvollziehbar und sehr menschlich dargestellt. Er liegt nicht immer richtig und man merkt, dass er sich trotz seiner Ausbildung bei der Armee und der Polizei ab und an mal überschätzt. Noch schmerzt in ihm der Verlust seiner Tochter, doch in dieser Schwäche liegt auch seine ganz persönliche Stärke. Er hat keine Angst davor, sich dem Schmerz zu stellen, und zusammen mit seiner selbstbewussten Frau Dray besteht gute Hoffnung, dass er dieses Trauma übersteht. Mit jeder Faser seiner Persönlichkeit versucht er, vielleicht auch aus Schuldbewusstsein heraus, Leah ein guter Freund, ein Beschützer zu sein.

Leah hingegen wirkt in sich nicht ruhend, auch wenn sie sich selber versucht einzureden, dass die Sekte ihr neues Zuhause ist und ihr alles das geben kann, was sie in ihrem Elternhaus vermisst hat. Trotzdem kommen in ihr immer wieder Zweifel auf, und in verschiedenen Situationen merkt man ihr an, dass sie nicht ganz den Parolen und Theorien des Meisters folgen kann. Psychosomatisch wirkt dies sich bei ihr als Form eines Hautausschlags aus.

Der Spannungsbogen wird von Gregg Hurwitz gekonnt und plausibel immer weiter entwickelt. Angefangen von der theoretischen Vorgehensweise, erklärt durch den Universitätsprofessor und Experten Dr. Bedermann, bis in die persönliche Indoktrinierung hinein und zur späteren Konfrontation, die Tim Rackley bewältigen muss. Wertvoll sind auch hier die sehr negativen Erfahrungen, die von dem ehemaligen Mitglied der Sektegeschildert werden; seine Ängste bilden zusammen mit den Erklärungen von Dr. Bedermann das Grundgerüst der psychologischen Dramaturgie.

Der negative Part fällt ganz klar dem „Meister“, dem Denker und Führer der Sekte zu. Er wird sehr berechnend, aber auch mit einer intelligenten Grausamkeit ausgestattet dargestellt, die ihm einen charismatischen Charakter verleihen. Die Selbstüberschätzung ist wohl dann der große Fehler in seinem eigenen Weltanschauungssystem.

Es gibt in dem Roman keine Nebenschauplätze, keine inhaltlich unwichtigen Parallelen zur Haupthandlung. Die Story konzentriert sich hingebungsvoll auf Tim und Leah; es gibt zwar ein paar Rückblenden in die Vergangenheit von Tim Rackley und seiner Frau, die in dem Debütroman [„Die Scharfrichter“ 3295 ihre Wurzeln hat, doch ist es kein Muss, jenes Buch vor diesem gelesen zu haben.

Gregg Hurwitz verrennt sich in keinem Moment in logischen Fehlern und Lücken oder unglaubwürdigen Theorien. Auch kombiniert er den Glauben nicht mit der Botschaft der Sekte. Die Sekte ist nicht religiös, sondern nur darauf aus, die Persönlichkeit des Menschen umzuprogrammieren; ganz klar und unmittelbar wird hier Macht über den Einzelnen ausgeübt, aber es folgt keine metaphysische Drohung mit dem Fegefeuer, sondern nimmt als Bestrafung ganz andere und unmittelbarere Formen an.

_Fazit_

Für Außenstehende und Menschen, die noch keinen Kontakt zu Sekten und ihren Beweggründen hatten, birgt dieser Roman viel Interessantes und ein wenig prophylaktische Vorsicht gegenüber solchen Vereinigungen mit doch recht merkwürdig anmutenden Glaubensgebilden.

Nach [„Die Scharfrichter“ 3295 ist dies der zweite Roman mit den Figuren Tim Rackley und seiner Frau Andrea. „Die Sekte“ empfinde ich als weitaus fundierter und spannender aufgebaut als den ersten Roman. Die Charaktere haben an Stärke zugenommen, sind positiver entwickelt worden und auch die Story wirkt authentischer und eingegrenzt.

Was bleibt, ist ein sehr spannender Roman mit zudem positivem Lerneffekt. In unserer heutigen Zeit und Gesellschaft gibt es vielerlei Vereinigungen, die ähnlich strukturiert werden, wie es der Autor beschreibt; um so wichtiger ist es, dass man einen kurzen Blick hinter den Vorhang werfen kann. Abschließend kann ich den Roman bedenkenlos weiterempfehlen und freue mich schon auf eine Fortsetzung.

_Autor_

Gregg Hurwitz ist Mitte dreißig und wuchs in der Nähe von San Francisco auf. Er studierte Englisch und Psychologie an der Harvard University sowie in Oxford/Großbritannien, wo er seine Magisterarbeit über Shakespeares Tragödien schrieb. Er hat Aufsätze in akademischen Zeitschriften publiziert, Drehbücher verfasst und bereits mehrere Spannungsromane veröffentlicht, die von der US-Kritik und Schriftstellerkollegen einhellig gelobt wurden. Gregg Hurwitz lebt in Los Angeles.

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Fred Vargas – Die schwarzen Wasser der Seine

Die Französin Fred Vargas gehört wohl zu den bekanntesten Krimiautorinnen Deutschlands. Ihre vergnüglichen Romane um den schrulligen Kommissar Adamsberg, seine skurrilen Fälle und sein versponnenes Umfeld begeistern seit Jahren. Nachdem 2007 bereits „Die dritte Jungfrau“ in Deutschland erschienen ist, veröffentlicht der Aufbau-Verlag zusätzlich einen Band mit drei kurzen Geschichten um Adamsberg, der in Frankreich schon im Jahr 2002 zu haben war.

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S. S. Van Dine – Der Mordfall Canary

Eine berühmte Revue-Darstellerin, die sich ein Zubrot als Erpresserin verdiente, liegt erdrosselt in einem von innen verschlossenen Raum. Dieser Mord ist anscheinend unmöglich und daher perfekt, bis Privatermittler Philo Vance auf seine unnachahmliche Weise das Rätsel klärt … – Kompromisslos klar konstruiertes „looked room mystery“: Die Deduktion wird zum Planspiel, in dem die Regeln des Genres konsequent dekliniert werden; trotz der Abwesenheit ‚menschlicher‘ Figuren ein – zugegeben manchmal akademisches – Lesevergnügen. S. S. Van Dine – Der Mordfall Canary weiterlesen

Patrick Redmond – Der Musterknabe

England, 1945: Die sechzehnjährige Anna Sidney erwartet ein Kind vom Soldaten Edward, der kurz nach ihrem Kennenlernen in den Krieg gezogen ist. Obwohl er Anna versprochen hat, sie danach zu heiraten, kehrt er nicht mehr zurück. Ein harter Schlag für das Mädchen, das mit 13 die Eltern bei einem Fliegerangriff verlor und jetzt bei Tante Vera und Onkel Stan lebt. Ihr Sohn Ronnie wird zu ihrem Lichtblick im Leben, den sie gegen alle widrigen Umstände behält. Während Onkel Stan ein netter, aber sehr schwacher Mann ist, terrorrisiert Vera Anna unentwegt herum. Ronnie wächst zu einem hübschen, intelligenten Jungen heran, der von Anna vergöttert wird und sie für ihr bisheriges Leid entschädigt. Niemand ahnt etwas von seinem eiskalten Charakter unter der strahlenden Fassade, auch nicht, als er Tante Vera über einen Rollschuh ins Frittierfett stolpern lässt und ihre schwere Armverbrennung wie einen Unfall aussehen lässt.

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Connelly, Michael – L. A. Crime Report

In drei Großkapitel gliedert der Verfasser in den Jahren 1984 bis 1992 als Kriminalreporter veröffentlichte Berichte. Connelly arbeitete zunächst in Florida und ging später nach Los Angeles. „L. A. Crime Report“ berichtet im ersten Teil über „Die Cops“ (S. 23-150). Sie üben einen Beruf aus, der aufreibend und gefährlich ist, wobei die Gefahr nicht selten von ihnen selbst ausgeht. „Der Anruf“ informiert über einem ganz normalen Tag im Leben der Beamten des Morddezernats von Fort Lauderdale, die den 38. Mord des Jahres 1987 untersuchen, im ihn in mühsamer aber konzentrierter Polizeiarbeit klären.

„Open Territory“ wurde Broward County im Süden Floridas lange genannt. Hier siedelten sich viele Jahrzehnte hochrangige Mafiosi an, die in der Sommerfrische Abstand vom ‚Geschäft‘ suchten. Seit den 1980er Jahren behält sie jedoch die eigens gegründete „Metropolitan Organized Crime Intelligence Unit“ im Auge. Ihre Arbeit wird am Beispiel des Mafiabosses „Little Nicky“ Scarfo erläutert, der ihnen 1987 ins sorgfältig gespannte Netz ging. Einen Schritt weiter geht die US-Polizei im Kampf gegen Verbrecher, die ihr Heil in einer Flucht nach Mexiko suchen. „Grenzüberschreitungen“ garantieren Kriminellen längst nicht mehr die ersehnte Sicherheit vor den US-Behörden. An diversen Beispielen erläutert Connelly die mühsame Zusammenarbeit zweier recht unterschiedlicher Rechtssysteme, in die sich immer wieder nationale Befindlichkeiten mischen.

„Polizisten auf der Anklagebank“ und „Todesschwadron“ erinnern an die kapitale Krise, in die das Los Angeles Police Department Anfang der 1990er Jahre geriet. Rassistische Übergriffe und die unverhältnismäßige Anwendung von Gewalt, die offenbar die Hinrichtung von Verdächtigen ‚in Notwehr‘ einschloss, führten zu einer grundlegenden, längst überfälligen Umstrukturierung des Departments. Eine Erklärung für den nervösen Zeigefinger der Polizisten bietet Connelly in „Von einem Jungen getötet“. Hier rollt er die Geschichte eines 24-jährigen Beamten auf, dem ein minderjähriger Einbrecher die Dienstwaffe entwand, mit der er ihn anschließend erschoss.

Teil 2 – „Die Mörder“ (S. 151-276) – beginnt mit der Geschichte eines Vergewaltigers und Serienkillers, der nach Jahren geschickt vertuschter Untaten eine mörderische ‚Reise‘ durch die Vereinigten Staaten begann, die bis heute nicht in allen Details aufgeklärt werden konnte. Connelly kehrt ein Jahr nach dem Tod des Mörders zu denjenigen Familien seiner Opfer zurück, die damit fertig werden müssen, dass die Leichen ihrer Töchter und Schwestern auf ewig verschwunden bleiben.

„Verhängnisvolle Tarnung“ erzählt die unglaubliche Geschichte eines Hochstaplers, der sich nicht nur eine zweite Identität als CIA-Agent, sondern auch zwei Ehefrauen zulegte. Als nach Jahren das Lügengebäude einzustürzen beginnt, verliert der Mann die Nerven und wird zum Mörder. „Der Stalker“ ist ein Mann, der junge Frauen nicht nur beobachtete, sondern ihnen bald aufzulauern begann. Aufgrund der dünnen Beweislage gelingt es dem hochintelligenten Verdächtigen, der sich vor Gericht selbst verteidigt, Zweifel an der Tatsache seiner Schuld zu säen.

Dass auch gute Arbeit der Polizei nicht immer der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen kann, belegt der Fall eines Vatermörders, dem beinahe das perfekte Verbrechen gelang: Nachdem dieses doch ans Tageslicht kam, ergriff der Täter erfolgreich die Flucht; „Amerikas meistgesuchter Verbrecher“ konnte nie gefasst werden. Anders erging es dem „Ehefrauenmörder“, der fünf Jahre nach seiner Bluttat doch gefasst und verurteilt wurde.

„Wo Gangster um die Ecke knallen“ ist der (deutsche) Titel eines Films, der die komischen Taten einer Bande völlig unfähiger Verbrecher in Szene setzte. Connelly setzt ihn über ein Kapitel, in dem er die Verbrechen der wohl unfähigsten aber nichtsdestotrotz brutal vorgehenden Bande von Mietkillern der Neuzeit beschreibt. In „Böse, bis er stirbt“ zeichnet der Verfasser die fast fünf Jahrzehnte währende ‚Karriere‘ des Gewohnheitsverbrechers Roland Comtois nach, der sich vom Einbrecher zum Räuber, vom Spanner zum Vergewaltiger und schließlich zum Mörder ‚hocharbeitete‘.

Teil 3 (S. 277-395) beschreibt einige banale bis bizarre Mordfälle, mit denen Connelly sich als Journalist intensiv beschäftigte. „Das namenlose Grab“ birgt den Körper eines Mordopfers, das nie identifiziert werden konnte; nicht einmal der Mörder wusste, nach seiner Festnahme befragt, wen er umgebracht hatte. Ein „Doppelleben“ als freundlicher Nachbar und Kapitalverbrecher führte Francis Malinosky, der über Jahre geschickt mit vier Identitäten jonglierte. Der „Tod einer Erbin“ stellte sich erst nach langer Zeit und nur durch Zufall als Familientragödie heraus. In „The Family“ berichtet Connelly vom Aufstieg und Fall eines brutalen Verbrechersyndikats, das im gesamten US-Staat Kalifornien aktiv war. Ein „Leben auf der Überholspur“ führte Billy Schroeder, der jährlich in mindestens 350 Häuser einbrach, um seiner Drogensucht frönen zu können. Parallel dazu schildert Connelly die Leiden seiner Opfer, die sich in ihren Heimen nicht mehr sicher fühlen. „Lag der Täter auf der Lauer?“, fragt der Verfasser anlässlich des Mordes an einer Krankenschwester. „Der Tote im Kofferraum“ gehörte einerseits zur L.-A.-Prominenz, war jedoch andererseits in allerlei Machenschaften verwickelt und betrog die Mafia, die dies auf ihre typische Art quittierte. „Offen – ungelöst“ bleibt wohl auch der Fall eines Handwerkers, der sich allzu neugierig in Gefahr begab und darin umkam.

Einer der besten Autoren des modernen US-amerikanischen Kriminalromans war vor seiner Schriftstellerkarriere Kriminalreporter. Dies war durchaus bekannt, doch erst die Lektüre von „L. A. Crime Report“ lässt erkennen, dass da ein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Michael Connelly schildert in einem langen Vorwort seinen Weg, wobei er großen Wert auf die Feststellung legt, dass es den Schriftsteller ohne den Journalisten nie gegeben hätte. Als Journalist sieht sich Connelly auch heute noch, denn nach wie vor bedient er sich der in vielen Jahren erlernten Methoden, was die Plots seiner Thriller aktuell, plausibel und aufregend werden lässt.

Die vielleicht wichtigste Lektion, die Connelly als Kriminalreporter lernte, ist seiner Meinung nach diese: Cops leben mit dem Grauen, aber gute Cops lässt diese Erfahrung nicht zynisch werden. So hat Connelly folgerichtig seine bekannteste Figur gestaltet: Hieronymus Bosch arbeitet in einer Welt der Korruption, der Ungerechtigkeit und der Gewalt, aber trotz aller Nackenschläge resigniert er nicht und macht weiter – „Die Welt ist schlecht“ ist für ihn eine zu banale Binsenweisheit, als dass man sich damit aus der Verantwortung stehlen dürfte.

„L. A. Crime Report“ wird durch ein hochinteressantes Essay des Connelly-Kenners Michael Carlson abgerundet. Präziser als der Schriftsteller selbst findet er die Nahtstelle zwischen dem Kriminalreporter und dem Thriller-Autor. In diesem Zusammenhang greift er auf Connellys Biografie zurück. Beispielhaft legt Carlson offen, wo und wie der Autor für seine Romane auf reale, einst journalistisch begleitete Kriminalfälle zurückgreift. Dies geschah vor allem im frühen Werk, doch auch heute hält Connelly den Kontakt zur Polizei.

Im Zeitalter der DVD werden inzwischen auch Bücher mit diversen Features aufgewertet. Das mag einerseits albern, kann andererseits jedoch von Vorteil sein. „L. A. Crime Report“ wurde in der deutschen Ausgabe durch einen (separat paginierten) Anhang ergänzt. In „Das schwarze Herz“ geht Jochen Stremmel ein weiteres Mal auf das Werk des Michael Connelly ein (und ‚leiht‘ sich dafür den Titel eines Thrillers aus, der von dessen ebenfalls mit Kritikerlob & Publikumsinteresse überschütteten Schriftsteller-‚Kollegen‘ John Connolly verfasst wurde), wobei er manche Informationen ausgräbt, die Michael Carlsons Beitrag ergänzen. Sehr hilfreich ist außerdem eine detaillierte Connelly-Bibliografie, die auch die in Deutschland unbekannten Kurzgeschichten – es sind nur wenige – einschließt.

Vor- und Nachwort sowie ‚Bonusmaterial‘ tragen viel zum besseren Verständnis der in „L. A. Crime Report“ gesammelten Texte bei. Sie beantworten die Frage, wieso diese Beiträge gesammelt und veröffentlicht werden, die doch für die aktuelle Tagespresse geschrieben wurden und deshalb eine relativ geringe Halbwertszeit besitzen. Aber schlauer gemacht durch Connelly, Carlson & Stremmel erkennen wir, dass die meisten Artikel durchaus zeitlos sind. Der ‚Wert‘ eines guten Kriminalreporters misst sich u. a. daran, dass er knapp aber präzise alle Aspekte eines Verbrechens in seine Story einarbeitet. Connelly beschränkt sich nicht darauf, den Cops über die Schultern zu schauen. Er berücksichtigt auch die Seite des Kriminellen, wobei er keineswegs nach dem Motto „Die Gesellschaft ist schuld“ dessen Partei ergreift. Er geht noch einen wichtigen Schritt weiter und befragt die Familienangehörigen und Freunde von Tätern und Opfern. Ein Verbrechen – es muss nicht einmal ein kapitales sein – ist kein isoliertes Geschehen. Es zieht eine Kettenreaktion von Schicksalen nach sich, die aus Behördensicht für den eigentlichen Fall nicht relevant sind. Connelly hat begriffen, dass dies falsch ist bzw. berichtet werden muss, um das Gesamtbild darzustellen. Wie ihm das gelingt, ist über die Brisanz der berichteten Kriminalfälle hinaus eine spannende und lehrreiche Lektüre, die endlich auch den deutschen Lesern ermöglicht wird – ein Indiz für den Bekanntheitsgrad, dessen sich Connelly endlich auch hierzulande erfreut.

Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Der „Entdeckung“ der Bücher von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. (2006 erschien eine Auswahl in Buchform unter dem Titel „Crime Beat. A Decade of Covering Cops and Killers“ – ein Werk, das übersetzt hoffentlich ebenfalls seinen Weg nach Deutschland findet.) Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eines der größten Blätter des Landes, Connelly an.

Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.

Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida. Über das Connellyversum informiert stets aktuell die Website http://www.michaelconnelly.com.

http://www.heyne.de

|Michael Connelly auf Buchwurm.info:|

|Harry Bosch:|
[„Vergessene Stimmen“ 2897
[„Die Rückkehr des Poeten“ 1703
[„Die Frau im Beton“ 3950
[„Kein Engel so rein“ 334
[„Schwarze Engel“ 1192
[„Dunkler als die Nacht“ 4086
[„Das Comeback“ 2637
[„Schwarzes Eis“ 2572
[„Schwarzes Echo“ 958

[„Der Mandant“ 4068
[„Unbekannt verzogen“ 803
[„Im Schatten des Mondes“ 1448
[„Der Poet“ 2642

Nasaw, Jonathan – Kuss der Schlange, Der

Treue Fans von Jonathan Nasaw und seinem Erstlingsroman [„Die Geduld der Spinne“ 82 dürfen in Nasaws neuestem Werk nun ein Wiedersehen feiern mit dem Serienkiller Ulysses Maxwell. Seine Mordserie liegt bereits einige Zeit zurück, doch nachdem er in einem psychiatrischen Institut von seiner Persönlichkeitsstörung geheilt wurde, soll ihm nun der Prozess gemacht werden. Für diese wundersame „Heilung“ ist Dr. Al Corder verantwortlich, der dank einer Elektroschocktherapie den handzahmen Lyssy als Persönlichkeit etabliert hat. Lyssy hat sich seitdem viele Freiräume erspielt, er darf unbewacht spazieren gehen und ist auch im Hause des Arztes ein gern gesehener Gast, doch ahnt niemand, dass dunkle Stimmen in Lyssys Kopf spuken, die immer mehr Platz fordern.

Auch Lily leidet an einer Persönlichkeitsspaltung, seit sie in ihrer Kindheit von ihren Eltern schwer missbraucht worden ist. Mehrere weitere |Alters| helfen ihr, über diese erlittenen Grausamkeiten hinweg zu kommen. Da gibt es beispielsweise die selbstbewusste Lilith, die immer dann hervorkommt, wenn Lily sich ängstigt und mit einer Situation nicht mehr klarkommt. Als sie dann vom Tod ihrer geliebten Großeltern hört, wechselt Lily die Identität und bringt erst Lilah und dann auch wieder Lilith hervor, die sich mit einer Rockerbande auf die Reise begeben. Als Lilith dann vergewaltigt wird, weiß sie sich anders zu helfen als Lily; sie beißt ihrem Vergewaltiger die Nase ab und flüchtet. Doch Dr. Irene Cogan und E. L. Pender können sie aufspüren und bringen sie auf Wunsch von Lilys Onkel in das gleiche Institut, in dem auch der Serienmörder Maxwell von seinem dissoziativen Identitätssyndrom geheilt werden konnte.

Lyssy verliebt sich auf den ersten Blick in die verschüchterte Lily, aber dann wechseln beide ihr Alter und begegnen sich bald als Max und Lilith wieder, die sofort ihre Seelenverwandtschaft entdecken und die Flucht planen. Dieser Flucht stehen natürlich einige Menschen im Wege, die sodann ihr Leben lassen müssen. Auf eigene Faust verfolgen Cogan und Pender das mörderische Pärchen, um Schlimmeres zu verhindern. Die beiden sind jedoch auf Rache aus, und da spielen natürlich auch Cogan und Pender eine wichtige Rolle, da sie zumindest Maxwells Leben auf dem Gewissen haben. Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, in dessen Verlauf viel Blut fließen und viele Persönlichkeiten auftauchen werden …

Nach seinen zwei Vampirthrillern widmet sich Jonathan Nasaw nun wieder seinem angestammten Genre, dem Psychothriller. Und hier beruft er sich auf seine alten Stärken, nämlich die Persönlichkeitsspaltung und seine bekannten und bewährten Charaktere: Maxwell, Pender und Cogan. Nur leider funktioniert diese Ansammlung im vorliegenden Thriller nicht. „Der Kuss der Schlange“ ist gerademal 444 Seiten kurz, doch bis zur Hälfte dauert es, bis Max und Lilith aus dem Institut fliehen und ihren mörderischen Rachefeldzug beginnen. Dieser beginnt allerdings zunächst mit einem weiteren Persönlichkeitswechsel, denn Corder kann vor seinem Tod noch Lyssy heraufbeschwören, der Lilith zunächst in ihrer Flucht behindert, denn Lyssy ist handzahm und möchte gar nicht aus dem Institut fliehen, wo er so viele Privilegien gewonnen hat, dass er sich dort wohlfühlt. Und auch Lilith muss bald wieder Lily Platz machen, die allerdings ungewohnte Stärken an sich entdecken kann. Sie erinnert sich daran, dass Irene Cogan ihr einst erzählt hat, dass man die Persönlichkeitsstörung heilen kann, indem die verschiedenen Alter in einer Persönlichkeit integriert werden; so nimmt sie nach und nach Liliths Selbstbewusstsein an und überwindet auch ihre Kindheitstraumata.

Die Flucht ist geprägt von zahlreichen Persönlichkeitswechseln, in Maxwell kämpfen Max und Lyssy um die Vorherrschaft, aber kaum ist ein Messer im Spiel, dringt auch Kinch, der Metzger, wieder hervor. Doch im Grunde sind es nur noch Max und Lyssy, die stark genug sind, um sich länger im Körper des Serienkillers zu halten. Sobald aber Lyssy das Sagen hat, brauchen die Opfer nichts zu fürchten, und so kommt es, dass auf dem Rachefeldzug auch das eine oder andere Opfer überlebt, wenn nämlich Lyssy und Lily beschließen, Gnade walten zu lassen.

Cogan und Pender versuchen derweil, die Spur des Pärchens aufzunehmen, ohne aber zu wissen, welche Persönlichkeiten dort gerade die Vorherrschaft haben und ob Maxwell Lily entführt hat und diese selbst zum Opfer geworden ist, oder ob diese womöglich aktiv an der Flucht beteiligt ist. Noch sind Cogan und Pender die Verfolger, doch da Maxwell und Lilith noch einige Rechnungen mit den beiden offen haben, werden sie bald zu den Verfolgten. So erwacht Cogan eines Nachts und sieht sich ihrem ehemaligen Peiniger gegenüber, der in ihr Haus eingedrungen ist und Cogan nun als Geisel hält.

Das Buch nimmt leider nie so richtig Fahrt auf, da das Tempo durch das Auftauchen von Lyssy und Lily immer wieder ins Stocken gerät und Nasaw viel Zeit darauf verwendet, die Beziehung des mörderischen Pärchens unter Berücksichtigung aller ihrer Alters zu beleuchten. Hier sind natürlich viele Aspekte zu erörtern, da die verschiedenen Alters so unterschiedliche Charakterzüge aufweisen. Ausgesprochen hanebüchen wird es schließlich im Showdown, wenn Cogan und Pender die beiden aufspüren und sie überwältigen wollen. In diesem Showdown wechseln Lily und Maxwell so oft ihr Alter, dass man fast schon den Überblick zu verlieren droht; hinzu kommt, dass die aktuellen Alter immer versuchen, ihre Mitmenschen zu täuschen, indem sie die Charakterzüge eines anderen Alters annehmen. So spielt sich Lily als Lilith auf, um Maxwells Vertrauen zu erlangen, aber auch Maxwell gibt sich oft genug als Lyssy aus, um der Verfolgung durch Lily, Pender und Cogan zu entgehen. Dies artet in ein heilloses Wirrwarr aus, das eher ärgert als mitreißt.

Jonathan Nasaw hat viel Potenzial verspielt, denn der Klappentext klingt noch ausgesprochen vielversprechend und gaukelt dem Leser vor, hier würde sich ein mörderisches Serienkillerpärchen auf eine blutige Flucht begeben. In Grundzügen stimmt das auch, doch beschreibt der Klappentext nur den zweiten Teil des Buches, der erste widmet sich ausschließlich dem Institut und dem Kennenlernen von Lily und Lyssy, außerdem gerät auch die Flucht nicht halb so blutig wie angekündigt. So viele Spannungsbremser finden sich in der Story, dass der Thriller nicht so recht zu packen weiß.

Unter dem Strich hat Jonathan Nasaw leider nicht an seine alten Psychothrillererfolge anknüpfen können. Er beruft sich nahezu ausschließlich auf bereits dagewesene Komponenten, die in „Die Geduld der Spinne“ noch so überzeugend umgesetzt waren; der vorliegende Thriller artet allerdings zu einem lieblos geschriebenen Abklatsch aus, der insbesondere zum Ende hin arge Hänger hat und einen faden Nachgeschmack hinterlässt. So bleibt nur zu hoffen, dass sich Nasaw für den nächsten Psychothriller wieder etwas ganz Neues ausdenkt, denn die Geschichte um Ulysses Maxwell scheint mir inzwischen arg ausgefranst zu sein.

http://www.heyne.de

_Jonathan Nasaw auf |Buchwurm.info|:_
[„Blutdurst“ 2299
[„Seelenesser“ 926
[„Angstspiel“ 430
[„Die Geduld der Spinne“ 82

Fielding, Joy – Träume süß, mein Mädchen

Jamie Kelloggs Leben steckt in einer handfesten Krise. Die junge Frau aus Floria hat bisher nur Pech mit Männern gehabt, eine überstürzte Ehe ging rasch in die Brüche. Auch das Verhältnis zu ihrer Schwester ist schlecht, sie ist unglücklich in ihrem Job und sie leidet immer noch unter der herrischen Erziehung ihrer kürzlich verstorbenen Mutter. Gerade hat sich herausgestellt, dass ihr neuer Freund bereits verheiratet ist. Mitten in dieser Misere lernt sie in einer Bar den charmanten Brad Fisher kennen. Bereits am ersten Abend gehen sie miteinander ins Bett. Zu Jamies ungläubiger Freude scheint Brad tatsächlich auf eine Beziehung aus zu sein.

Kurz darauf überredet Brad sie zu einer Autoreise nach Ohio. Er will dort seinen Sohn aus geschiedener Ehe treffen. Jamie lässt sich auf dieses Abenteuer ein, ohne zu ahnen, dass Brad ein mörderischer Psychopath ist. In Wahrheit hat seine Exfrau ihn verlassen, nachdem sie um ihr Leben fürchten musste, und lebt nun unter neuem Namen in Dayton, Ohio, in der Hoffnung, dass Brad sie dort nicht findet.

Währenddessen lernt Jamie auf der Autofahrt langsam die negativen Seiten ihres neuen Freundes kennen. Brad entpuppt sich zunehmend als dominant und brutal. Je näher sie ihrem Ziel kommen, desto bedrohlicher werden seine Ausfälle. Erst jetzt ahnt Jamie allmählich, worauf sie sich eingelassen hat – doch für eine Flucht ist es bereits zu spät …

Frauen in Lebenskrise sind Joy Fieldings Spezialgebiet, fast immer eingebunden in eine mörderische Bedrohung.

|Drei verwobene Schicksale|

Im Mittelpunkt stehen diesmal gleich mehrere Frauenfiguren, die zwar unterschiedliche Charaktere besitzen, aber alle eines gemeinsam haben: die unglückliche Vergangenheit, was Männer betrifft. Gut kann man nachvollziehen, dass sich Jamie vom attraktiven Brad Fisher schnell um den Finger wickeln lässt. Ihr fehlt der Halt im Leben, weder Familie noch Freunde, noch Arbeit können die deprimierende Leere füllen, und als sie per Zufall auf einmal der Ehefrau ihres neuen Liebhabers gegenübersteht, bricht auch die letzte Hoffnung auf Besserung zusammen.

Brad Fisher ist aufmerksamer als alle anderen Männer, denen sie begegnet ist. Nach der ersten gemeinsamen Nacht überrascht er sie mit Kaffee und Bagels und gibt ihr bei jeder Gelegenheit das Gefühl, eine besondere Frau zu sein. Die Fahrt nach Ohio mit ihrem geliebten Thunderbird ist ein Abenteuer, dem Jamie nicht widerstehen kann, zu groß ist die Versuchung, aus ihrem eingefahrenen Leben auszubrechen. Allerdings ist Jamie zu naiv gezeichnet. Sie ignoriert die ersten Anzeichen, dass Brad nicht der unkomplizierte Traummann ist, den sie sich erhofft hat. Gerade eine Frau mit solch schlechten Erfahrungen sollte durch seine Unberechenbarkeit gewarnt sein. Jamie erscheint weniger als erwachse Frau in den Dreißigern als vielmehr wie ein verzückter Teenager, der sich durch Oberflächlichkeiten blenden lässt. Mehr als einmal wünscht man sich, Jamie würde sich nicht ganz so stark von Brads Fassade blenden lassen und mehr auf ihren Verstand hören; ausgerechnet sie ist allerdings die Hauptfigur des Romans, der am meisten Raum gewidmet wird.

In Ohio leben derweil Emma und Lily, zwei Frauen mit einer geheimen Vergangenheit und zwei kleinen Söhnen, die zaghaft Freundschaft schließen. Emma leidet unter der ständigen Furcht, jemand könne herausfinden, dass in Wirklichkeit anders heißt, und unter den Entbehrungen ihres Sohnes. Für Dylan, wie sie ihn nun aus Sicherheitsgründen nennt, ist unverständlich, warum er von heute auf morgen sein Zuhause und seine Freunde verlassen musste, warum er seine Haare färben und auf den neuen Namen hören muss, warum er seinen Daddy nicht mehr sehen darf. Dazu kommt der steigende Druck durch das Lügengebilde, das sich Emma aufbaut und das vorm Zusammenbrechen zu bewahren zunehmend schwerer wird. Die Bekanntschaft mit Lily Rogers bedeutet eine angenehme Abwechslung, gleichzeitig aber auch Stress, da Dylan sich mehr denn je an seine Mutter klammert und immer aggressiver reagiert.

Die hübsche, leicht mollige Lily ist eine zurückhaltende Frau, die von ihrem früheren Leben nur preisgibt, dass sie verwitwet sei und sich danach sehnt, einen neuen Mann in ihrem Leben zu finden. Bei ihrer Arbeit im Fitnessstudio lernt sie den attraktiven Detektive Jeff Dawson kennen, der hinter seiner rauen Schale eine sensible Ader besitzt.

|Spannung und Wendungen|

Gleich doppelte Spannung versprechen die parallel verlaufenden Handlungsstränge in Florida und Ohio. Über Jamies Leben wird früh und umfassend informiert und auch Brads düsterer Charakter wird bereits zeitig angedeutet, sodass seine Brutalität nur für Jamie, nicht aber für für den Leser überraschend kommt. Spannend bleibt die Handlungsebene dennoch, da nicht absehbar ist, welches Ende die gefährliche Odyssee mit Brad für Jamie nehmen wird – gelingt es ihr, in einem passenden Moment zu fliehen, kann sie zumindest den Agriff auf Brads Exfrau verhindern oder wird sie gar selbst zum Opfer? Eine zusätzliche Bedrohung liegt in dem Mord, den Brad auf der Fahrt begeht. Es gelingt ihm, am Tatort Spuren zu hinterlassen, die auf Jamie als mögliche Täterin hindeuten, sodass sie nicht nur seine Gefangene ist, sondern für Außenstehende sogar als Komplizin gesehen werden kann.

Noch ungewisser ist das Schicksal von Emma und Lily. Vor allem bei Emma weiß man zwar, dass sie ein großes Geheimnis verbirgt, doch die genauen Umstände werden erst am Ende offenkundig und warten mit einer kleinen Überraschung auf. Lily hält man lange Zeit für den unauffälligsten Charakter der drei, doch ihre Rolle ist nicht weniger bedeutsam. Man darf nicht nur gespannt sein, wie das Zusammentreffen mit Brad verläuft, der sich unaufhaltsam Ohio nähert, sondern auch auf die Enthüllungen von Emmas und Lilys Vergangenheit, die man vorher höchstens erahnen kann.

|Ein paar Schwächen|

Es ist Geschmackssache, inwieweit die überraschende Wendung am Schluss der Autorin gelungen ist. Einerseits gelingt es ihr damit, den Leser auf eine falsche Fährte zu führen, andererseits werden hier bewusst Informationen vorenthalten, sodass man sich als Rezipient leicht beschwindelt fühlen kann, wenn schließlich die Katze aus dem Sack gelassen wird. Das Finale im Haus einer der Frauen ist zwar spektakulär gestaltet, dafür sind die Zusammenhänge und die zeitlichen Abläufe, die alle Personen fast gleichzeitig zusammenführen, konstruiert. Letztlich wird eines der Schicksale nur sehr vage angedeutet. Sehr spät erfährt man erst die wahren Hintergründe und die weitere Entwicklung bleibt der Phantasie des Lesers überlassen; man vermisst einen kurzen Epilog oder eine kleine Andeutung in den zukünftigen Verlauf.

Cineasten wird sicher aufstoßen, dass es hier im erwähnten Filmtitel „Das Haus der Lady Alquist“ fälschlicherweise „Almquist“ heißt und dort nicht Joseph Cotton, sondern Charles Boyer die angesprochenen Rolle des Ehemannes spielte. Es bleibt offen, ob hier ein Fehler der Autorin vorliegt oder sich die Figur, die den Film erwähnt, absichtlich zum Amüsement der Leser irren soll, darauf gibt es allerdings keinen Hinweis.

Für langjährige Joy-Fielding-Leser sind gerade die Charaktere natürlich nicht mehr sonderlich originell. In fast allen Büchern stehen krisengeplagte Frauen im Vordergrund, die zerrüttete Beziehungen hinter sich haben und/oder sich durch einen neuen Mann in ihrem Leben bedroht fühlen. Je mehr man von ihren Büchern gelesen hat, desto bekannter erscheinen einem die Charakterzüge. Lange bleibt dieses Werk nicht im Gedächtnis, dafür ist es, abgesehen von einer überraschenden Wendung, zu konventionell gezeichnet und das Schema zu abgenutzt.

_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer Frauenthriller im üblichen Joy-Fielding-Schema, der ziemlich spannend ist, aber nicht lange im Gedächtnis bleibt.

_Die Autorin_ Joy Fielding, geboren 1945 in Toronto, Kanada, hatte bereits in ihrer Kindheit großes Interesse am Schreiben. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin studierte sie englische Literatur und arbeitete eine Weile als Schauspielerin. 1991 gelang ihr mit dem Roman „Lauf Jane, lauf“ der internationale Durchbruch. Seitdem landen ihre Frauenthriller regelmäßig auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Weitere Werke sind u. a. „Sag Mammi goodbye“, „Ein mörderischer Sommer“, [„Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ 556 und „Tanz Püppchen, tanz“. Ihr aktuelles Werk ist „Nur der Tod kann dich retten“.

http://www.joyfielding.com/
http://www.randomhouse.de/goldmann/

Anderson, Jeffrey – schlafende Tod, Der

_Inhalt_

In Los Angeles erkranken mehrere Menschen an einer scheinbaren Virusinfektion, die innerhalb weniger Tage zum Tod führt. Symptome sind Magen-Darm-Krämpfe und massive Blutungen aus dem Unterleib und dem Mund-Rachen-Bereich. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Da stündlich neue Patienten gemeldet werden, werden die Katastrophenschutzbehörde und die Seuchenzentrale sowie FBI, CIA und NSA alarmiert.

Der FBI-Agent Alan Thorpe und sein hochkarätiges Wissenschaftler-Team nehmen sich der Sache an, um dem Virus auf die Spur zu kommen. In einem Hochsicherheitslabor untersuchen sie Proben von Erkrankten und finden tatsächlich etwas: Nanoröhrchen – winzigste Bauteile der Nanotechnologie. Die Angst, es mit einer künstlich hervorgerufenen Viruserkrankung zu tun zu haben, steigt extrem an, zumal die Computerprognosen über die Verbreitung der Krankheit eine eindeutige Epidemie hervorsagen.

Zeitgleich wird eine entsetzliche Entdeckung im Internet gemacht: Die Besucher der Pentagon-Seite werden umgeleitet – zu einer Drohung, die ihnen den Nanotod im Namen von Allah ankündigt! Nicht nur in Los Angeles bricht Panik aus, denn der Nanotod schlägt nun auch in anderen Städten gnadenlos zu.

Für Präsident Sutherland ist die Lage prekär, die Weltmacht USA muss auf diesen offensichtlichen Anschlag reagieren. Als der Verdacht aufkommt, dass syrische Terroristen die Urheber der Katastrophe wären, plant er einen militärischen Eingriff. Doch bevor der Krieg ausbrechen kann, gibt es neue Beweise, dass die Terroristen aus dem eigenen Land kommen. Ein Agent, der in die Terroristenbande eingeschleust wurde, bringt nicht nur neue Informationen mit, sondern auch ein Virus, das sehr schnell tötet und gegen das die Wissenschaftler noch kein Mittel haben …

_Meinung_

Das ist längst noch nicht alles, was auf den 412 Seiten dieses Thrillers passiert, aber es reicht, um im Groben zu verstehen, worum es geht: Um Terrorismus, Wissenschaft, Politik und um Menschenleben. Dieser Thriller lässt sich kaum aus der Hand legen, denn er ist verflucht spannend! Bereits die ersten Seiten fesseln den Leser; die Story setzt mit der Erkrankung ein und schnellt damit augenblicklich auf ein hohes Spannungslevel – und das Schöne daran ist, dieses Level wird konstant gehalten!

Viel trägt dazu bei, dass das entworfene Szenario sehr realitätsnah gehalten ist; es spielt zwar nicht in der Gegenwart (das ist nur daran zu erkennen, dass Bush nicht mehr der Präsident der USA ist), allerdings auch nicht in allzu weiter Zukunft. Eine solche Nanotechnologie-Biowaffe könnte tatsächlich in wenigen Jahren bereit sein, fast die gesamte Menschheit innerhalb kürzester Zeit auszulöschen. Die psychologische Angst, die geschickt auf den Leser übertragen wird, begleitet diesen durch die Seiten und lässt ihn mit den Wissenschaftlern mitfiebern, die unter schwersten Bedingungen ein Heilmittel suchen.

Das Debüt von Jeffrey Anderson ist ein Wissenschaftsthriller, und demnach finden sich reichlich wissenschaftliche Ausführungen, die den Laien erklären sollen, was da eigentlich gerade stattfindet. Ich gebe zu, ich habe zwar nicht alles verstanden, aber das, was ich begriffen habe, reichte allemal, um den Roman nachzuvollziehen und zu genießen. Der Autor baut auch nicht einfach einen trockenen Absatz mit Erklärungen ein, sondern bringt dem Leser die Informationen größtenteils mittels Dialogen nahe – eine sehr schöne Variante, da sie gleich auch die Charaktere formt und deren Fachkompetenz als Super-Genies unterstreicht. Ich habe es ihnen jedenfalls abgekauft, dass sie Koryphäen auf ihrem jeweiligen Gebiet sind!

Zur besseren Vorstellung hat der Autor das Biodefense-Team (Alan Thorpe & die besagten Genies) auf der allerersten Seite gesondert vorgestellt. Das hilft natürlich, diese Figuren dem Leser nahezubringen und sie als \“Helden\“ wiederzuerkennen. Nun sind mir diese fünf Charakter nicht unbedingt ans Herz gewachsen, aber unsympathisch kann man sie auch nicht nennen. Doch nur der Agent Alan Thorpe und der Arzt Sam Goldberg konnten meine volle Aufmerksamkeit erreichen, da diese beiden jeweils mitten im Zentrum eines Krisengebietes kämpften: Alan inmitten von hochrangigen Politikern bis hin zum Präsidenten, und Sam inmitten der Infizierten im LA-Krankenhaus. Die restlichen drei kämpfen zwar verbissen um ein Heilmittel, sind mir aber als Figuren nicht so nahegegangen, weil sie doch eher außerhalb der Gefahr stehen. Auch sind ihre Eigenschaften blasser ausgefallen (außer ihrer fachlichen Kompetenz, wie erwähnt) und damit gibt es weniger Identifikationspotenzial für den Leser.

Insgesamt ist das Debüt von Anderson ein gelungener, spannender Wissenschaftsthriller, der gerade durch seine Realitätsnähe besticht und mitreißt. Ich spreche damit eine Empfehlung aus, und zwar nicht nur für Fans von Wissenschaftsthrillern.

_Der Autor_

Jeffrey Anderson, Dr. med. und Dr. phil, ist Neuroradiologe an der Universität von Utah und veröffentlicht seine Forschungsergebnisse in den führenden amerikanischen Fachzeitschriften wie \“Science\“, \“Nature Neuroscience\“ und \“Neuron\“. \“Der schlafende Tod\“ ist sein erster Roman und mit seinem zweiten Werk \“Die Erben der Schöpfung\“ wartet bereits ein neuer Wissenschaftsthriller im Handel.

http://www.goldmann-verlag.de