Auf halbem Weg zwischen New York City und Philadelphia liegt Trenton, Hauptstadt des US-Staates New Jersey. Hier trifft Privatdetektiv Ellery Queen auf der Durchreise einen alten Freund. William Angell ist ein erfolgreicher Anwalt, den derzeit privater Kummer plagt. Seine Schwester Lucy ist seit zehn Jahren mit dem Handlungsreisenden Joseph Wilson verheiratet, der seine Gattin offensichtlich vernachlässigt. Just hat Wilson seinen Schwager in ein einsam gelegenes Haus am Fluss gebeten, wo er sich mit Angell aussprechen möchte.
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Easterman, Daniel – Schwert, Das
Im Laufe der letzten Jahre konnte man in den Medien verfolgen, wie islamische Fundamentalisten immer wieder den „Heiligen Krieg“ ausrufen, den Dschihad, den Kampf auf dem Wege Gottes. Dies ist ein wichtiges Glaubensprinzip, manchmal wird es auch als die sechste Säule des Islams bezeichnet. Doch es gibt auch andere, recht wörtlich genommene Erklärungen dieses Begriffes aus dem Koran und damit aus dem Munde Mohammeds – und in dieser direkten Auslegung leider für viele extremistische und militante Gruppen die Absolution für jeglichen terroristischen Angriff auf die ihnen so fremde westliche Welt.
Zum Wohle Allahs und seines Propheten wird der Koran in diesem Sinne sehr frei interpretiert; viele sehen es daher als ihre heilige Pflicht an, sich für den Kampf gegen die Ungläubigen als Märtyrer zu opfern, um im Paradies ewig zu leben. Aber auch das gesellschaftliche Ansehen steigert sich mit dem Freitod: Für Angehörige des ‚Helden‘ wird finanziell gesorgt und der Name in Ehren gehalten.
Mit dem heiligen Krieg verbinden wir Osama bin Laden und seine Terrororganisation al-Qaida. Charakteristisch ist für diese Terrorgruppe die asymmetrische Kriegsführung, die auch oben erwähnte Selbstmordattentate legitimiert.
Doch innerhalb des muslimischen Kulturkreises gibt es auch kritische Stimmen, die sich gegen jegliche Gewalt aussprechen und terroristische Angriffe mit aller Härte verurteilen. Aber die Fronten sind mehr und mehr verhärtet. Jeder Krieg, jeder Grenzkonflikt in Israel, jeder Freiheitskampf und jeder Anschlag lässt die Spirale der Gewalt länger und länger werden.
Der Autor Daniel Easterman, das Pseudonym für den irischen Nahost-Experten Denis McEion, hat mit „Das Schwert“ einen brisanten, fundierten und aktuellen Roman zu dieser Thematik verfasst – ein erschreckender Politthriller, nachvollziehbar und sehr spannend erzählt.
_Inhalt_
Professor Jack Goodrich lebt mit seiner Frau und seiner Tochter Naomi in der Millionenstadt Kairo. Die multikulturelle Metropole bietet der kleinen und glücklichen Familie ein beschauliches und ruhiges Leben. Jack lehrt an der dortigen Universität, seine Frau ist Sekretärin in der Botschaft und Naomi besucht die internationale Schule. Doch angesichts der Terrordrohungen und Anschläge und der generell unruhigen Lage in den Nachbarländern gilt die persönliche Situation doch als angespannt.
Als ein ägyptischer Freund und Buchhändler Jack bittet, ein altes Artefakt zu begutachten, nimmt dieser das Angebot gerne an, denn sein wissenschaftliches Interesse und die menschliche Neugierde sind geweckt. Der alte Mann präsentiert Jack ein Schwert; die Zeit hat ihre Spuren auf der eindrucksvoll gearbeitete Waffe hinterlassen und die beiliegenden Schriftstücke deuten darauf hin, dass es sich um das persönliche Schwert des Propheten Mohammeds handeln könnte.
Jack zweifelt nicht an der Echtheit des Schwertes und gerät sehr schnell ins Visier eines radikalen, islamistischen Terroristen – Mohammed Al-Masri, ein direkter Nachfahre des letzten Kalifats. Al-Masri sieht sich als von Gott berufen, die muslimische Welt zu einem globalen Dschihad zu mobilisieren: Tod allen Ungläubigen und Rückeroberung der ehemals muslimischen Länder wie Spanien oder Portugal. Al-Masri mit dem Schwert des Propheten Mohammed wäre ein Symbol, das zu einem wahren Sturm auf die westliche Welt aufrufen könnte, einem Konflikt, in dem ausschließlich die Waffen sprechen würden.
Eines Tages wird Jacks Familie überfallen, seine Frau und seine Tochter werden gefoltert und von den Terroristen ermordet, auch der ägyptische Buchhändler ist unter diesen ersten Toten. Gepeinigt vom Verlust, sucht ihn schließlich ein britischer Mitarbeiter des Geheimdienstes auf, um ihm mitzuteilen, dass seine Frau Leiterin des MI6-Büros in Kairo war und seine Tochter Naomi nicht tot ist, sondern von Al-Masris Terrorgruppe entführt wurde, um sie gegen das Schwert einzutauschen. Jack sinnt auf Rache und Vergeltung – Auge um Augen, Zahn um Zahn; aber noch mehr möchte er seine Tochter retten und riskiert dabei nicht nur sein eigenes Leben …
_Kritik_
Im Grunde klingt die ganze Geschichte ja recht unwahrscheinlich und voller Klischees, aber der erste Blick kann auch täuschen. Daniel Easterman hat sein Wissen um die islamisch geprägte Welt mit ihrer Ideologie und Kultur spannend in dieser Handlung durchkonstruiert.
Für uns bleibt die islamische Welt mit ihrer uns so fremden Lebensart und Einstellung wohl ein verschlossenes Buch, und wenn wir es denn öffnen, können wir die Denk- und Handlungsweisen nur schwer positiv oder auch nur neutral betrachten und nachvollziehen. Zu feindselig sind die Fronten der Kulturen verhärtet. Auch wenn Daniel Easterman Islamwissenschaft studiert hat, so erfährt der Leser nicht unbedingt viel von dieser Kultur und ihrem streng religiös geprägten Leben, wohl aber von der Motivation fundamentalistischer Terroristen, die nur aggressiv agieren.
Auch der Ursprung des Schwertes und die Geschichte Mohameds bleiben im Dunkeln. Es gibt zwei Handlungsstränge die sich abwechseln, einmal aus Sicht des Professors Jack Goodrich, zum Anderen des Gegenspielers Al-Masri. Dabei sind beide Charaktere recht eindimensional: Jack war in seiner Vergangenheit Soldat der britischen Spezialeinheit SAS, was ihm natürlich zugute kommt auf der Jagd nach den Terroristen. Al-Masri ist ein charismatischer und gebildeter Mann, der nach Macht und Ansehen strebt und tendenziell leicht größenwahnsinnige Züge zeigt.
Jacks Figur ist dabei noch als realistisch zu bezeichnen; ein Vater und Ehemann, der seine Frau ermordet vorfindet und seine Tochter in den Händen skrupelloser Terroristen sieht, kennt bald nur noch Angriff als die beste Verteidigung. Ob das nun der richtige Weg ist, angesichts der späteren Ereignisse, sei mal so dahingestellt.
Die erzählte Brutalität ist manchmal doch sehr schwer zu verdauen. Folter, Mord und Anschläge werden so kaltblütig und detailreich beschrieben, dass einem schon das Grauen kommt. Es zeigt ein erschreckendes Bild von radikalen, verblendeten Menschen, die aus religiöser und politischer Motivation Herr über Leben und Tod sein möchten und darüber hinaus vergessen, was Ethik und Moral auch in der islamischen Kultur für eine wichtige Rolle spielen.
„Das Schwert“ ist ein spannender und schneller Roman, in dem die Story gar nicht zur Ruhe kommt. Daniel Easterman schreibt unterhaltsam, aber leider zu oberflächlich. Sein Wissen setzt er in einigen Szenen schlüsselreich und richtig ein, doch letztlich bleibt es zu einseitig, da die Grenze zwischen schwarz und weiß, sprich gut und böse, kristallklar gezogen ist. Es geht primär nicht um den Konflikt oder eine anzustrebende Lösung zwischen den verschiedenen Religionen, sondern nur darum, den brutalen Charakter der islamischen Terroristen aufzuzeigen. Verblendet, brutal, rücksichtslos und menschenverachtend – damit wird hier jedes Klischee gleichmäßig bedient.
Wenn Daniel Easterman schon den Islam studiert hat und auch die Regionen kennt, so frage ich mich, warum er sein Wissen nicht genutzt hat, um einen atmosphärisch dichteren Roman zu schreiben, in dem der islamische Terrorismus nicht die Hauptrolle einnimmt, sondern die ursächliche Kultur mit ihren wechselwirkenden Schwierigkeiten im Vordergrund steht. Den wohlwollenden Blick über den Tellerrand mag man hier wirklich vermissen. Die Protagonisten werden schnell und szenengerecht eingeführt, doch bleiben sie immer schablonenhaft und in ihren Handlungen nicht immer nachvollziehbar.
_Fazit_
„Das Schwert“ ist ein unterhaltsamer Thriller, allerdings ohne atmosphärische Dichte oder lehrreiche, interessante Ansätze und Überlegungen. Daniel Easterman weiß gut zu erzählen, aber leider zu kurzweilig für meinen Geschmack. Auch der Showdown war dann doch etwas enttäuschend und wusste nicht zu überzeugen.
Daniel Easterman verfügt über einen pragmatischen Schreibstil mit rasantem Tempo, das den Leser zwar mitreißt, ihn aber literarisch nicht unbedingt umhaut. Ein solider Thriller, der immerhin kurzweilig und spannend, erzählerisch kompakt und deswegen durchaus, wenn auch nur eingeschränkt, zu empfehlen ist.
_Der Autor_
Daniel Easterman, geb. 1949 in Belfast, hat Anglistik, Persisch, Arabisch und Islamwissenschaften studiert. Er arbeitete als Dozent für Islamwissenschaften in Fèz (Marokko) und in England und ist ein gefragter Nahost-Experte. Neben wissenschaftlichen Werken hat er neun Bestseller geschrieben und sich ein internationales Publikum erobert. Daniel Easterman lebt mit seiner Frau in Newcastle.
|Originaltitel: The Sword
Aus dem Englischen von Eva Bauche-Eppers
418 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-7466-2478-5|
http://www.aufbauverlag.de
Wachlin, Oliver G. (Roman); Pflüger, Andreas (Drehbuch) – TATORT: Blinder Glaube
Den TATORT kennt heute selbst jedes Kind. Kaum ein Format kann auf eine längere und erfolgreichere Geschichte im deutschen Fernsehen zurückblicken als die legendäre Krimiserie der ARD. Nun zündete man eine weitere Stufe der Vermarktung. Die beliebtesten Kommissare bzw. Ermittlungsteams gehen nun auch in Buchform auf Verbrecherjagd. Als Vorlage dienen bereits im TV ausgestrahlte Fälle. Derzeit sind es deren Sechs, mit den Mordkommissionen aus Köln, Saarbrücken, Berlin, Bremen, Leipzig und München. Die jeweils 160 bzw 176 Seiten starken Bücher erscheinen seit Ende September 2009 als Broschur bei |Emons| und kosten 8,95 Euro pro Band. Wegen des großen Erfolges ist bereits eine zweite Tranche für Anfang 2010 angekündigt.
_Zur Story_
Ein etwas peinlicher „Arbeitsunfall“ führt die Hauptkommissare Felix Stark und Till Ritter in die Berliner Uni-Augenklinik. Dort treffen sie flüchtig auf eine blinde Patientin, die ebenso wie die Klinik selbst bald Teil ihrer Ermittlungsarbeit werden soll. Die Frau bekommt an diesem Tag, quasi als freiwilliges Versuchskaninchen, einen neuartigen Chip implantiert, der ihr das Sehen wieder ermöglichen soll. Das hoffen alle am prestigeschwangeren „Phydra“-Forschungsprojekt Involvierten jedenfalls. Es wäre eine medizinische Sensation und selbstverständlich ein lukratives Geschäft gleichermaßen. Allerdings erscheint die Chefärztin Dr. Katja Manteuffel nicht zum OP-Termin, weswegen ihre Assistenzärztin Dr. Andresen den anspruchsvollen Eingriff letztendlich vornimmt.
Katja Manteuffel wird zwei Tage später von einigen Jugendlichen tot im Kofferraum ihres Wagens entdeckt. Erschlagen. Bei ihren Nachforschungen treffen Stark und Ritter auf ein wahres Dickicht von Verwandtschaftsverhältnissen, Affären und teils alten Seilschaften zwischen den Doktoren, Firmenrepräsentanten der Cordea AG und dem Forschungsministerium. Diese ganzen Querverbindungen machen es den beiden nicht leichter, überhaupt das Motiv zu finden. Beziehungstat, gekränkte Eitelkeit und Rache – oder wusste Frau Doktor einfach zu viel? Wenn ja: Was? Alles scheint möglich. Zudem mauern alle Beteiligten und machen sich dadurch natürlich erst recht verdächtig. Der Schlüssel zum Rätsel scheint aber der revolutionäre Chip-Prototyp zu sein.
_Eindrücke_
Die vom RBB produzierte TV-Fassung wurde im August 2008 erstmals ausgestrahlt und erweist sich damit als ein recht aktueller Fall mit ebensolcher Thematik. Passend dazu präsentiert sich der moderne Schreibstil, mit welchem Oliver G. Wachlin das Originaldrehbuch von Andreas Pflüger in die Romanform transformiert. Das ist für sich genommen schon keine leichte Aufgabe, da immer die Gefahr besteht, mit den auf dem Bildschirm bereits fest etablierten Filmcharakteren zu kollidieren. Das Ermittlergespann funktioniert in dieser Form immerhin schon seit 2001. Und das sehr erfolgreich. Ein „Aufbohren“ von Drehbüchern ist also eine diffizile Angelegenheit.
Ein Roman erfordert andere Erzählstrukturen und Mittel als die Schauspielerei – und umgekehrt. Die Umsetzung funktioniert hier nicht immer ganz reibungslos. Zwar harmonieren die Figuren recht gut mit ihren Fernsehvorbildern, es herrscht aber ein leichtes Ungleichgewicht zu Gunsten des ewig blanken Möchtegern-Playboys Till Ritter. Dessen Figurenzeichnung fällt wesentlich detaillierter aus als bei seinem stilleren Partner. Der interessantere Typ ist in der Fernsehserie aber eigentlich der ausgeglichene Felix Stark, was er (bzw. Boris Aljinovic) zu einem Gutteil allein mit Gestik und Mimik erzeugt. Das ist etwas, was – im Gegensatz zu Ritters (Dominic Raacke) doch plakativerem Gehabe – im Roman nur sehr schwer abzubilden ist.
Die Story an sich krankt ein wenig am fehlenden Actionanteil und verliert sich aber zuweilen in prinzipiell unnötigen Berliner (Rand-)Geschichtchen. Vielleicht ist es auch nicht unbedingt der am besten geeignete Fall, das ansonsten dynamischere Hauptstadtduo in die Literatur zu entlassen. Eigentlich ist es sogar ein Trio, denn der Oberkommissar Weber (in der Serie: Ernst Georg Schwill) darf logischerweise nicht fehlen. Der kauzige Kriminaltechniker mit der Schiebermütze berlinert sich auch hier bissig-respektlos durch die Ermittlungen und sorgt somit für die nötige Portion Lokalkolorit mit einer Prise Humor. Der kommt im Übrigen auch so nicht zu kurz. Die Schreibe ist insgesamt locker und überaus angenehm zu lesen.
_Fazit_
Steigerungsfähig. Handwerklich ist dem Buch nichts anzulasten, im Gegenteil, es wertet die Vorlage sogar noch auf. Über mehr als solides Mittelmaß kommt „Blinder Glaube“ trotz der durchaus redlichen Bemühungen bei der Umsetzung zum Roman aber nicht hinaus. Er bleibt leichte und schnell verdauliche Krimikost für mal eben zwischendurch, welche natürlich in erster Linie Tatort-Junkies anspricht, grundsätzlich jedoch nicht allein auf diesen Kreis beschränkt ist. Die haben allerdings den tröstlichen Vorteil zu wissen, dass es weitaus bessere Fälle des Berliner Teams gibt, die noch der potentiellen Transformation harren. Der Anfang ist aber gemacht.
_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Oliver G. Wachlin: „Blinder Glaube“
Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort-Berlin“
Nach einem Drehbuch von Andreas Pflüger
[Emons-Verlag]http://www.emons-verlag.de/ , September 2009
ISBN-10: 3897056607
ISBN-13: 978-3-89705-660-2
160 Seiten, Broschur
Sigurðardóttir/Sigurdardottir, Yrsa – letzte Ritual, Das
Unter den Skandinavien-Krimis im Allgemeinen hat sich der „Island-Krimi“ längst als eigenständiges Genre herauskristallisiert. In die Reihe vielversprechender isländischer Krimiautoren reiht sich auch die Ingenieurin Yrsa Sigurðardóttir ein, die, während sie in der isländischen Einöde eines der größten europäischen Kraftwerksprojekte als technische Leiterin betreut, Romane schreibt, wenn sie des Abends einsam in ihrer Hütte hockt. Mit „Das letzte Ritual“ hat Sigurðardóttir 2005 ihr Debüt abgeliefert, das ein Jahr später auf Deutsch erschien.
Die Putzkolonne der Universität Reykjavík stößt eines Morgens auf die entstellte Leiche des deutschen Geschichtsstudenten Harald Guntlieb. Der Leiche wurden die Augen entfernt und Runen in die Haut geritzt. Die Polizei kann diese Zeichen nicht so recht einordnen und verhaftet einen Drogendealer, da obendrein kurz vor Haralds Tod ein großer Geldbetrag von dessen Bankkonto verschwunden ist.
Doch Haralds Eltern in Deutschland misstrauen den Ermittlungen der Polizei und schicken ihren Bevollmächtigten Matthias Reich nach Island. Zusammen mit der jungen Anwältin Dóra Guðmundsdóttir soll er den Fall noch einmal neu aufrollen und den wahren Täter finden.
Für Dóra und Matthias bedeuten die Ermittlungen eine Reise in ein dunkles Kapitel der Geschichte, denn Haralds besonderes Interesse galt der Zeit der Inquisition, alten Hexenkulten und dunkler Magie. Dieses Interesse beschränkte sich dabei nicht nur auf Haralds Studienarbeiten, sondern war auch ganz privater Natur. Harald schien ein durch und durch bizarrer Mensch mit einigen geradezu unheimlichen Eigenarten zu sein. Dóra und Matthias suchen nach einem Motiv für den Mord an Harald und erfahren dabei schon bald mehr über dunkle Rituale, als ihnen lieb ist …
Mit „Das letzte Ritual“ hat Yrsa Sigurðardóttir einen durchaus beachtenswerten Debütroman abgeliefert. Man taucht schnell in die Geschichte ein und mit der jungen Anwältin Dóra schickt Sigurðardóttir eine Protagonistin ins Rennen, die einem schnell ans Herz wächst. Mag man ihr auf der einen Seite vielleicht vorhalten, dass ihre Figuren nicht sonderlich vielschichtig sind, so kann man die leichte Zugänglichkeit der Protagonisten durchaus als positiven Faktor verbuchen.
Dóra lebt nach der Scheidung mit ihren beiden Kindern allein und herrscht über einen etwas chaotischen Haushalt. Ähnlich chaotisch scheint es in ihrer Kanzlei zuzugehen, nicht zuletzt dank ihrer unfähigen Sekretärin Bella. Insgesamt ist Dóras Figurenskizzierung bei aller Einfachheit aber auch gut nachvollziehbar angelegt. So ist sie auf Anhieb sympathisch, und auch dieser Faktor trägt nicht unerheblich dazu bei, dass man schnell in die Geschichte eintaucht.
Auch das Zusammenspiel zwischen Matthias und Dóra trägt zum Unterhaltungswert bei. Mit einem ironischen Unterton spielen sich die beiden immer wieder gegenseitig die Bälle zu und lockern die ansonsten eher düstere Geschichte dadurch sehr gut auf. Die Ermittlungsarbeit ist dabei zunächst eine eher nüchterne Angelegenheit. Dóra arbeitet eine Mappe mit Unterlagen zu Haralds Lebensweg durch, die Stück für Stück seine Persönlichkeit nachskizzieren.
Einzelheiten zu den Geschehnissen in der Mordnacht und zu den Hintergründen der Tat tauchen erst im Laufe der Ermittlungen auf, als sich ein Puzzleteil in das andere zu fügen beginnt. Aufbau und Spannungsverlauf sind so gesehen auch recht klassisch. Der Leser wird durch Andeutungen und Perspektivenwechsel bei Laune gehalten. Zum Ende hin dreht Sigurðardóttir dann noch einmal kräftig an der Spannungsschraube, so dass der Roman wahre Page-Turner-Qualitäten entwickelt. Das tröstet über kleinere Hänger in den ersten zwei Dritteln des Buches locker hinweg. Sigurðardóttir erfindet eben nicht das Genre neu, sondern liefert einen gut durchdachten und cleveren Krimi ab, der obendrein durch seine interessant gewählte Thematik zu überzeugen weiß.
Die Autorin hat offensichtlich viel recherchiert und streut damit einiges Wissen zum Thema Hexenverfolgung in die Handlung ein. Das gibt dem Ganzen eine besondere Würze und trägt ebenfalls zur Spannung bei. Sigurðardóttir bleibt dabei aber stets auf dem Teppich und driftet nicht zu sehr ins Übernatürliche ab.
Bleibt unterm Strich ein durchaus positiver Eindruck zurück. Sigurðardóttir schickt mit Dóra und Matthias zwei sympathische Protagonisten ins Rennen, erzählt gewitzt und mit eingängigem Schreibstil und dreht mit fortschreitender Handlung dermaßen an der Spannungsschraube, dass man das Buch kaum zur Seite legen mag. Die geschichtlichen Details zum Thema Hexenverfolgung und die bizarre Persönlichkeit des Mordopfers sind dabei das Salz in der Suppe. Alles in allem ein durchaus gelungenes Debüt, nach dessen Lektüre man sich am liebsten sofort in den Nachfolgeroman [„Das gefrorene Licht“ 4547 vertiefen möchte.
http://www.fischerverlage.de
Child, Lee – Way Out
_Das geschieht:_
Jack Reacher, freiwillig heimatlos durch die USA vagabundierender Ex-Militärpolizist, wird in einem Café in New York City zufällig Zeuge einer Lösegeld-Übergabe. Kate, Ehefrau des millionenschweren ‚Sicherheitsberaters‘ Edward Lane, wurde zusammen mit Jade, ihrer achtjährigen Tochter aus erster Ehe, entführt. Gegen die Zahlung von einer Million Dollar sollten Gattin und Stieftochter freikommen, doch die Kidnapper hielten ihr Versprechen nicht.
Reacher bietet seine Hilfe an. Er weiß: Die Verbrecher wollen ihr Opfer weiter ‚melken‘. In der Tat wird wenig später eine weitere Geldforderung erhoben. Fünf Millionen Dollar zahlt Lane, ohne auch dieses Mal zu zögern, denn vor fünf Jahren hatte man Anne, seine erste Frau, entführt und umgebracht, als die Polizei ins Spiel kam. Dieses böse Ende sieht Reacher neuerlich nahen, denn er glaubt trotz Lösegeldzahlung nicht an ein Freikommen von Mutter und Tochter.
Patricia Joseph, Annes jüngere Schwester, hält Lane für einen Psychopathen, der seine ihm lästig gewordene Erstgattin ermorden ließ. Seitdem überwacht sie den Ex-Schwager und hofft, ihn bei einer entlarvenden Unvorsichtigkeit zu ertappen. Ohne Patricias Wissen blieb auch Lauren Pauling auf Lanes Fersen. Sie war vor fünf Jahren die im Entführungsfall Anne Lane zuständige FBI-Agentin. Den Tod des Opfers hat sie nie verwunden und ihren Abschied genommen. Jetzt werden beide Frauen Reachers Verbündete.
Der Fall ist komplizierter, als alle Beteiligten ahnen. Lane, tatsächlich Leiter einer privaten Söldnertruppe, die für Geld überall in der Welt kämpft, hat bei einem gescheiterten Einsatz zwei Männer zurückgelassen, die wider Erwarten überlebten und Rache an ihrem Dienstherrn nehmen wollen – oder ist auch dies nur eine Theorie, die sich in Luft auflöst, während die Uhr für Kate und Jade endgültig abläuft …?
_Hit the bad boys, Jack!_
Grundsätzlich bleibt alles beim Alten: Jack Reacher lässt sich durch die USA treiben, beobachtet Land und Leute, und weil er ein wenig schärfer sieht als seine Zeitgenossen, wird er wieder einmal Zeuge einer Tat, hinter der sich nicht nur ein Verbrechen, sondern – das ist wichtig – ein Unrecht verbirgt, das offiziell und durch das Gesetz nicht geahndet werden kann. So etwas bringt ihn auf, denn Reacher, der sonst „sein Leben bis ins kleinste Detail immer so ein[richtet], dass er sekundenschnell aufbrechen konnte“ (S. 6), besitzt eine Achillesferse: Er ist ein Moralist, der sich auf die Seite der Schwachen und Wehrlosen stellen muss, wenn er ihnen begegnet.
Damit beginnen harte Zeiten für die sogenannten Starken, die sich gewaltsam und hinterlistig Privilegien aneignen und diejenigen schurigeln, die sich an die Regeln halten. Einer wie Reacher ist mindestens ebenso rücksichtslos wie sie, denn „das Reue-Gen fehlte in seiner DNA. Total. Es existierte einfach nicht.“ (S. 445) Seine Gegner begreifen stets ein wenig zu langsam, dass es ihnen nun mit gleicher Münze heimgezahlt wird. Das spricht wohlig des Lesers Gerechtigkeitssinn an, in dessen Hirn ein kleiner, meist gut verborgener Winkel existiert, wo die Selbstjustiz haust.
Lee Childs Schurken sind Abschaum, und in den Reacher-Romanen bekommen sie anders als im realen Leben, was sie verdienen. Meint Child es ernst mit diesem Vigilantentum, oder ist es nur Theaterdonner, der ein Buch spannender und besser verkäuflich machen soll? Die Frage ist generell und hier besonders unwichtig, wenn es gelingt, den Gutmenschen-Reflex auszuschalten, eine spannende Geschichte als spannende Geschichte zu akzeptieren und sich unterhalten zu lassen.
Das schafft Child auch dieses Mal vorzüglich. Action-Thriller sind keineswegs so einfach zu schreiben, wie viel zu viele ‚Autoren‘ dies glauben. Auch eine rasante Geschichte will sauber konstruiert und entwickelt sein, soll sie ihre Wirkung vollständig entfalten. „Way Out“ ist keine simple Hetzjagd von Punkt A nach B und C und so weiter, die Story hält ihr Tempo ohne Durchhänger und verliert auch angesichts rasanter Wendungen den Anschluss nicht.
_Hit the road, Jack!_
Mit dem ersten Satz wird der Leser in die mit Volldampf anlaufende Handlung gerissen. Pausen wird es (bis auf die obligatorische, bei Child traditionell peinlich-lächerliche und glücklicherweise einzige Liebesszene) nicht geben: Jeder Rückblick in die Vergangenheit, jede Gefühlsäußerung steht im Dienst der Story. Wer seinen Thriller mit Seelenpein und Beziehungskisten liebt, sollte sich die Lektüre von „Way Out“ verkneifen; wer seifenoperlich verschnittene Thriller hasst und in dieser Hinsicht ein vielfach gebranntes Kind ist, kennt und schätzt Reacher längst.
Ökonomisch schreiben zu können, ist eine kostbare Gabe. Child hat ein wunderbares Gefühl für Timing. Das Geschehen schlägt immer wieder Haken in unerwartete Richtungen. Sorgfältig konstruiert der Autor Handlungsstränge, die sich als Irrwege entpuppen. Bevor man bewundern kann, wie man schon wieder elegant an der Nase herumgeführt wurde, geht es ähnlich trügerisch weiter. So mancher gefeierte Thriller-Autor mit Bestsellerlisten-Präsenz kann Child (nicht nur) in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen. Last-Minute-Überraschungen setzt er nicht auf, sondern integriert sie in die Handlung.
Jack Reacher ist ein Mann mit Sinn für Details. Sie zu beachten, musste er lernen, sie sich zunutze zu machen, hat er zu einer Kunst entwickelt. Auch Child schwelgt in Einzelheiten. Er beschreibt scheinbar unwichtige Alltäglichkeiten wie eine Tür oder sogar nur ein Türschloss mit einer Intensität, die deutlich macht, dass man solche Passagen im Hinterkopf behalten sollte. Viele Seiten später kann ein Detail zum Hebel werden, mit dessen Hilfe sich ein Rätsel lösen lässt, das sich über den halben Erdball erstreckt. Auch dies wirkt nie aufdringlich, sondern entspringt flüssig dem Geschehen.
_Hit the Union, Jack!_
Weite Reisen ins Ausland sind oft Element eines Reacher-Romans. Sie zeigen den Einzelkämpfer als Meister der Improvisation, der auf fremden Boden und ohne Rückendeckung erst recht zur Hochform aufläuft. Dieses Mal gönnt sich Child ein Heimspiel: Das große Finale von „Way Out“ spielt in England. Ausgerechnet Lee Child, der die USA so prägnant als Schauplatz und ihre Bewohner als Figuren seiner Romane zu schildern weiß, ist gebürtiger Brite. Trotzdem – oder gerade deswegen? – gelingt es ihm, ’sein‘ Land aus Reachers Blickwinkel und damit wie ein Fremder zu betrachten.
Ein trockener, kaum wahrnehmbarer Humor ist oft mehr zu ahnen als zu bemerken. Zu den Schauplätzen von „Way Out“ gehört unter anderem das Dakota Building in New York City, in dem Edward Lane feudal residiert. Es ist berühmt geworden als Wohnort von John Lennon, und seine Witwe lebt noch heute hier. Mehrfach stellt Reacher die Frage, ob Lane oder einer seiner Söldner „Yoko“ (Ono) gesehen haben – ein running gag, bis Reacher die berühmte Frau in einem Nebensatz schließlich trifft.
In Sachen Körpereinsatz geht Child deutlich weniger subtil vor. Reacher ist ein Profi, was seiner Meinung nach Gewalt als selbstverständliches Mittel zum Zweck einschließt. Anders als Lane ist Reacher allerdings kein Soziopath, der Vergnügen an Schmerz und Tod findet. Kühl und effizient geht er vor, und Child setzt seine Leser brutal deutlich über die Folgen ins Bild. Trotzdem gehört „Way Out“ keineswegs in einen Topf mit den heute so publikumswirksamen Killer-Thrillern, deren Verfasser sich im Ausdenken bizarrer Folter- und Todesmethoden zu übertreffen versuchen.
Deshalb hält die Spannung auch zwischen den Höhepunkten an; es gibt keine langweilige Passagen, die übersprungen werden müssen – eine Verhaltensweise, die für die Leser von Thrillern fast schon selbstverständlich geworden ist -, weil Child es nicht nötig hat, seine Geschichte mit faulen Tricks auf Länge zu bringen. Auf Seite 448 ist der Spuk vorbei. Er schleppt sich nicht mühsam mit nachträglichen ‚Überraschungen‘ dahin, sondern bringt die Handlung von „Way Out“ zu ihrem logischen Ende und stellt in zwei Schlusssätzen den status quo für Reachers elften Auftritt her. Auf den freut man sich; eine Reaktion, die mancher andere Serienheld schon nach dem zweiten oder dritten Auftritt nicht mehr hervorzurufen vermag …
_Der Autor_
Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er unter anderem hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/“Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/“Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.
Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“) aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.
Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei Null.
Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website: http://www.leechild.com.
Die Jack-Reacher-Romane erscheinen in Deutschland im |Heyne| (Bd. 1, 2) und im |Blanvalet| Verlag (ab Bd. 3):
1. Killing Floor (1997, dt. „Größenwahn“)
2. Die Trying (1998, dt. [„Ausgeliefert“) 905
3. Tripwire (1999; dt. [„Sein wahres Gesicht“) 2984
4. Running Blind (aka „The Visitor“, 2000; dt. [„Zeit der Rache“) 906
5. Echo Burning (2001; dt. [„In letzter Sekunde“) 830
6. Without Fail (2002, dt. „Tödliche Absicht“)
7. Persuader (2003, dt. [„Der Janusmann“) 3496
8. The Enemy (2004, dt. [„Die Abschussliste“) 4692
9. One Shot (2005; dt. [„Sniper“) 5420
10. The Hard Way (2006; dt. „Way Out“)
11. Bad Luck and Trouble (2007; noch kein dt. Titel)
12. Nothing to Lose (2008; noch kein dt. Titel)
13. Gone Tomorrow (2009; noch kein dt. Titel)
14. 61 Hours (2010; noch kein dt. Titel)
_Impressum_
Originaltitel: The Hard Way (London : Bantam Press 2006/New York : Delacorte Press 2006)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2009 (Blanvalet Verlag)
448 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-7645-0236-6
http://www.blanvalet-verlag.de
Cain, Chelsea – Gretchen
Das „Böse“ ist faszinierend. Doch warum ist es das? Das psychologische Profil von Serienmördern ist für Psychologen und Profiler der Ermittlungsbehörden ein packendes Thema. Man sagt, Genie und Wahnsinn lägen nahe beieinander, und vielleicht ist durchaus etwas Wahres an dieser These. Um einen Serienmörder aufzuspüren, muss man ihn psychologisch und gedanklich analysieren, um seine Taten zumindest verstehen zu können. Doch diese Methodik kann auch eine Gefahr für den Psychologen darstellen, denn wer begibt sich schon gerne in die seelischen Abgründe von Sadisten und Mördern? Kann hier eine Abhängigkeit entstehen oder noch schlimmer eine Sympathie, ein Verstehen für solch mörderisches Gedankengut?
Die Autorin hat mit ihrer Protagonistin Gretchen Lowell eine teuflisch, raffinierte Serienmörderin erschaffen, die schon in „Furie“ und „Grazie“ ihre Leser faszinierte.
Gretchen Lowell ist eine Psychopathin, die in den Medien als die „Beauty-Killerin“ bezeichnet wird. Sie hinterlässt auf ihren Opfern in Fleisch geschnitzte Herzen, eine makabere Visitenkarte. Ihr psychologisches Profil ist nicht transparent genug für die Ermittler. Die Mörderin hinterließ zahlreiche Hinweise, aber welche, das entschied nur sie selbst. Sie spielt nicht nur mit ihren Opfern, bevor sie diese grausam tötet, sondern auch ein gefährliches Spiel mit der Polizei, aber sie fungiert dabei als Spielleiterin und manipuliert ihre Gegner in jedem Zug.
Gretchen Lowell ist eine schöne, bezaubernde Frau. Sie ist hochintelligent und versteht es, fremden Menschen ihren Willen aufzuzwingen, bevor sie selbst wissen, was ihnen überhaupt geschieht.
Mit „Gretchen“ hat die Autorin Chelsea Cain ihre Serienmörderin wieder auf die Bühne geschickt. Und der dritte Teil verspricht genauso viel Spannung und Verführung wie die ersten beiden.
_Inhalt_
Detective Archie Sheridan war mal Leiter einer Sondereinheit, die nach einem berühmt-berüchtigten Serienmörder in Portland fahndete. Archie verlor damals alles, seine Familie, seinen Verstand, seine Milz, die ihm Gretchen Lowell ohne Anästhesie aus dem Körper schnitt. Jahrelang hat Archie die Serienmörderin gejagt, obwohl sie praktisch jeden Tag mit ihm als Psychologin zusammenarbeitete. Für und mit Gretchen hat Archie seine Frau betrogen. Ganz im Bann der attraktiven Serienmörderin, körperlich wie auch seelisch, war er ihr ausgeliefert. Archie wurde von ihr betäubt, gefangen und über mehrere Tage hinweg gefoltert, bis er so weit war, den Tod herbeizusehnen, doch Gretchen liebt es, verführerisch und zugleich morbide zu sein. Zwischen Archie und Gretchen entwickelt sich eine besondere Zuneigung, eine Abhängigkeit, eine Liebesaffäre, die nicht greifbar ist. Auch Gretchen hat Gefühle für Archie und rettet ihm das Leben, als sie sich selbst den Behörden stellt und damit ihrem Lover Archie das Leben rettet.
Selbst im Gefängnis hat Gretchen nichts von ihrer Bösartigkeit und ihrer Attraktivität verloren. Ihr liegt nicht die Rolle der passiven Inhaftierten, und sie spielt weiterhin mit Archie, der auf eine krankhafte Art Gretchen verfallen ist. Doch Archie, der seelisch und körperlich gebrochen ist, ist seit einigen Monaten zu Gast in einer psychiatrischen Klinik. Abhängig von Medikamenten und noch immer ein Opfer von Angst- und Panikzuständen, verkriecht sich der ehemals erfolgreiche Ermittler und sondert sich von der kranken Gesellschaft ab.
Die Medien sind fasziniert von der Person Gretchen Lowell und idealisieren ihre Taten. Inzwischen gibt es Fanclubs, und sogar die Mode setzt auf den Gretchen-Trend. Seit dem Tag, als Gretchen aus dem Gefängnis geflohen ist, wird jeder weitere Tag gefeiert, den die Serienmörderin auf freien Fuß ist.
Eine neue Serie von Morden erschüttert Archies Kollegen, denn die Opfer tragen als Zeichen das blutige Herz von Gretchen. Ist die untergetauchte Mörderin wieder aktiv und fordert erneut Archie auf, mit ihr zu spielen? Oder sind es gar Trittbrettfahrer, die auf den medialen Zug aufspringen, um sich ebenfalls einen unsterblichen Namen zu machen? Auch wenn es so aussieht, als würde Gretchen ihr erneutes Comeback feiern, so passen die Details nicht ins Gesamtbild. Die Taskforce benötigt dringend die Hilfe von Archie, denn keiner kennt Gretchen so gut wie er, niemand ist ihr jemals so nahe gekommen wie er, niemand hat eine schicksalhafte Begegnung mit ihr überlebt. Außer Archie, und um die Serienmörder auszuschalten, die Gretchen kopieren oder in ihrem Auftrag töten, muss er sich wieder seinen tiefsten Ängsten stellen, doch Gretchen ist ihm immer einen Schritt voraus …
_Kritik_
„Gretchen“ von Chelsea Cain ist eine ganz andere Art von Thriller. Bisweilen erkennt man Parallelen zur Figur eines Hannibal Lecters. Doch Gretchen Lowell ist vielseitiger und impulsiver, ihr Auftreten mysteriös und unnahbar, zugleich aber kalt und analytisch. Sie tötet um der Macht willen, sie manipuliert, verführt und erschreckt ihre Opfer, und das bereitet ihr teuflisches Vergnügen.
In „Gretchen“ tritt die Serienmörderin zunächst in den Hintergrund. Die Geschichte konzentriert sich auf die Ereignisse in der Vergangenheit, auf die Bedeutung einer Serienmörderin in unserer Gesellschaft. Gerade was den medialen, informativen Charakter angeht, interpretiert die Autorin sehr gekonnt. Blut und Tränen, Angst und Verlust gibt es schon seit jeher, nur war die ‚Vermarktung‘ und die Aufarbeitung auch immer ein Spiegelbild unserer Zivilisation.
Immer wieder kommt es zu Rückblenden, in denen die alten Taten von Gretchen an die Oberfläche kommen. Zwar sind diese inhaltlich spannend, doch stören sie manchmal die Handlung. Obwohl der Roman den Titel „Gretchen“ trägt, taucht die attraktive Serienmörderin erst spät auf, allerdings zeigt sie dann dem Leser auch gleich, dass sie nichts verlernt hat oder ruhiger geworden wäre. Was sie allerdings antreibt, wird in „Gretchen“ nicht erklärt. Vielleicht ist das ihre Art von bewusstem Leben, aber ein erkennbares Muster, warum sie sich gerade diesen oder jenen als Opfer heraussucht, offenbart sich nicht.
Die Handlung stützt sich fast ausschließlich auf Archie Sheridan. Seine Person wechselt oftmals von stark überzeichnet bis absolut realistisch. Dass er sich für unabsehbare Zeit wegschließen lässt und freiwillig in einer psychiatrischen Klinik bleibt, kann man einerseits verstehen, andererseits hingegen denkt man manchmal, dass er es jetzt aber wirklich übertreibt. Sein Verhältnis zu Gretchen ist allerdings spannend aufgearbeitet. Archie ist Gretchen fast hörig, zugleich würde er sie aber am liebsten tot sehen. Sie hat ihn nicht nur körperlich verletzt und ihre Spuren hinterlassen, viel schlimmer ist es für Archie, dass er unheilbare psychische Schäden davongetragen hat. Ein Trauma, das man zwar medikamentös behandeln kann, aber nicht auszulöschen vermag. Gretchen wird immer ein Teil seines Lebens sein. Für ihn selbst ein positiver, wie auch negativer Aspekt ist es, dass sie ihn begehrt, verletzt, gedemütigt, aber ihm auch das Leben gerettet hat. Seine ganz individuelle Hölle heißt einfach schlicht und ergreifend Gretchen Lowell.
Chelsea Cain setzt auf Schockmomente, je mehr, desto besser. Die ersten Opfer wurden mit einer Brutalität getötet, die zwar nicht geschildert wird, aber es reicht schon, wenn man sich die Beschreibung der Opfer vorstellt. Hier wird mit Details nicht gespart und besonders zum Schluss hin erreicht der Ekelfaktor ungeahnte Höhen.
Da „Gretchen“ der dritte Teil aus der Reihe ist, trifft man hier auf einige alte Bekannte aus den beiden Romanen „Furie“ und „Grazie“, Henry Sobol wie auch die Journalistin Susan Ward sind hier beispielsweise auch wieder mit von der Partie. Letztere wird zur Assistentin von Archie, der die Ermittlungen wieder aufnimmt, und zusammen stürzen sie sich in ein Drama, das sie nur mit Mühe kontrollieren können. Allerdings nur als Co-Produzenten, denn Gretchen kann nicht von Archie lassen …
_Fazit_
Chelsea Cains „Gretchen“ ist ein Adrenalinstoß in den Abendstunden. Für sanfte Gemüter ist der Roman sicherlich nicht geeignet. Spannend und abwechslungsreich konfrontiert uns der Roman mit einer Serienmörderin, die eine morbide Faszination ausübt. Es ist jedenfalls empfohlen, dass man vorher die beiden Bücher „Grazie“ und „Furie“ lesen sollte, da man sonst nicht die Abhängigkeit der beiden Hautfiguren im Detail verstehen kann.
Alpträume können einen Namen haben, für Archie wird es immer „Gretchen“ sein. So naiv wie harmlos der Name auch klingen mag – Gretchen hat ihren Hänsel-Archie fest im Griff und wird ihn auch im vierten Teil nicht loslassen. Wer sich in „Gretchens“ Welt flüchtet, wird unweigerlich in ein Universum der Angst und Begierde katapultiert, denn „Gretchen“ hat das Zeug, um sich zur Kultfigur zu entwickeln.
Licht an, lesen und erst aufhören, wenn „Gretchen“ ihre Show beendet hat!
|Originaltitel: Evil at Heart
Originalverlag: St. Martin’s Press, New York 2009
Aus dem Amerikanischen von Fred Kinzel
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3-8090-2535-1|
http://www.limes-verlag.de
Remin, Nicolas – Requiem am Rialto
Mit seinem sympathischen Commissario Alvise Tron, der sogar schon Bekanntschaft mit Kaiserin Elisabeth von Österreich schließen durfte, hat sich Nicolas Remin längst in die Herzen der Krimifans geschrieben. Für mich gibt es im Bereich des Italienkrimis niemand anderen als ihn, denn niemand zeichnet so nette und authentische Charaktere wie Remin. In „Requiem am Rialto“ löst Commissario Tron bereits seinen fünften Fall.
_Ausgeweidet_
Venedig steht im Wettkampf mit Graz, Salzburg und Triest um die niedrigste Mordrate, doch noch ist die Zeit des Karnevals nicht überstanden. Dennoch wähnt sich Polizeipräsident Spaur bereits auf der Zielgeraden, hat er seiner anspruchsvollen Gattin doch bereits die Einladung zum Ball in die Wiener Hofburg in Aussicht gestellt, die dem siegreichen Polizeipräsidenten winken könnte. Zwei Morde könnte Spaur noch verkraften, wie dumm nur, dass gerade zu dieser so wichtigen Zeit ein Serienmörder auf den Plan tritt…
Die erste blonde Frau trifft im Zug auf ihren Mörder. Zurück bleiben ein Blutbad und eine fachmännisch heraus getrennte Leber, die die Putzfrau des Zuges kurzerhand einsteckt und ihrem Mann zum Abendessen serviert. Die nächste Dame, eine Prostituierte, entführt der Mörder auf eine Gondel. Hinter dem Vorhang versteckt, macht er sich an der wehrlosen Frau zu schaffen, während der Gondoliere von einem heftigen Liebesspiel ausgeht und passend dazu eine Arie anstimmt. Aber damit ist die Todesserie noch längst nicht abgebrochen. Immer wieder tauchen ausgeweidete Frauen – stets mit blonden Haaren und grünen Augen – in Venedig auf. Die Polizei steht vor einem Rätsel, sodass sie einen Lockvogel auf die Straßen schickt – Ispettore Bossi, verkleidet mit Perücke und Kleid. Und tatsächlich macht Bossi Bekanntschaft mit dem Frauenmörder von Venedig, muss ihn wegen seiner unbequemen Damenschuhe allerdings flüchten lassen.
Ein Tatverdächtiger nach dem anderen kann identifiziert und dingfest gemacht werden. Dummerweise geschieht immer dann ein neuer Mord, wenn die Polizei glaubt, den Fall gelöst zu haben. So müssen Tron und seine Kollegen ihre Ermittlungen immer wieder neu aufnehmen. Wer steckt bloß hinter der grausamen Mordserie, die Polizeichef Spaur den Ausflug in die Hofburg kosten könnte?
_Von Pralinés und Frauenkleidern_
Wieder einmal ist Commissario Trons Gespür gefragt, denn in Venedig werden Blondinen fachmännisch ausgeweidet, ohne dass der Täter eine Spur hinterlassen würde. Doch Tron kämpft nicht nur mit der Todesserie, sondern auch mit seinem Vorgesetzten, der seine Felle davon schwimmen sieht, und mit seiner Mutter, die den alljährlichen Maskenball vorbereitet und Alvise inzwischen mehr als nur subtil darauf hinweist, dass er seine Dauerverlobte ehelichen solle. Die aber interessiert sich nur marginal für eine mögliche Ehe und schreibt stattdessen dem gut aussehenden Julien Sorelli Briefe, die sie ihrem Verlobten gegenüber lieber verschweigt. Trons Eifersucht ist angestachelt, wenn auch nur oberflächlich, denn meist konzentriert er sich ganz auf die mehr oder weniger leckeren Speisen, die im Hause Tron serviert werden.
Bereits zu Beginn des Buches hat Tron seinen großen Auftritt, als er einen vermeintlich betrunkenen Störenfried in der Questura gekonnt zur Strecke bringt. Dummerweise handelt es sich bei dem Österreicher um einen kaiserlichen Offizier. Wie gut, dass Spaur andere Sorgen hat, als Tron zu rügen, denn er sieht sich vielmehr als baldigen Polizeipräsidenten des Jahres.
Alvise Tron ist der eigentliche Held von Nicolas Remins Krimireihe, denn seine liebenswert schrulligen Eigenschaften machen den besonderen Reiz aus, zumal seine Kollegen ihm in nichts nachstehen. Da ist nicht nur der Süßigkeiten-vernarrte Spaur, der ein Praliné nach dem anderen futtert, sondern in diesem Buch vor allem Ispettore Bossi, der als Lockvogel fungieren soll. Zunächst scheut er sich davor, sich als Frau zu verkleiden, dann aber findet er Gefallen an den Frauenkleidern und erscheint schlussendlich in großer Ballrobe zum Maskenball der Trons.
_Hinter Masken_
Vom Mörder erfährt der Leser zunächst wenig. Zwar begleiten wir ihn bei all seinen Taten und wissen, dass ein Tier in dem Manne wohnt, das ihn praktisch zu den Morden zwingt. Er verliert dann völlig die Kontrolle über sich selbst und lässt sich von dem Tier in sich lenken. Doch um wen es sich handelt, wissen wir nicht, und Nicolas Remin verrät uns zunächst nur wenig über diesen Mann. So rätseln wir gemeinsam mit Tron und seinen Kollegen. Allerdings ist uns etwas schneller klar als Polizeipräsident Spaur, dass die ersten Verdächtigen keineswegs für die Taten in Frage kommen dürften. Und so kommt es, wie es kommen muss: Nach und nach scheidet einer nach dem anderen aus Kreis der Verdächtigen aus. Doch wer ist wirklich verantwortlich für die ausgeweideten Frauen?
Anfangs fällt das Mitraten schwer, da man über den Täter nicht viel mehr weiß, als dass er für seine Mordgänge eine schwarze Halbmaske aufsetzt und ansonsten völlig unauffällig wirkt. Doch je weiter der Roman voranschreitet, umso mehr zeichnen sich einige heiße Verdächtige ab, die man auch als Leser näher unter die Lupe nehmen kann. Wer wirklich der Mörder ist, verrät Nicolas Remin allerdings erst ganz zum Schluss, und erst dann kann der Leser prüfen, ob er mit seinem Verdacht richtig lag. Der Spannungsbogen ist dadurch nahezu perfekt gelungen, auch wenn Remin zwischendurch fast schon zu viele Verdächtige präsentiert.
_Bildhaft_
Nicolas Remins Markenzeichen ist seine malerische und bildhafte Sprache. Er verwendet viele Metaphern, davon viele, die den Kern der Sache genau treffen und einen schmunzeln lassen. Kaum einmal findet sich eine Metapher, die bereits altbekannt ist, meistens streut Remin eigene Ideen ein und beweist seine Kreativität und sein Sprachgefühl. Sein Schreibstil ist sehr detailreich, Remin beschreibt alles haargenau, sodass man sich als Leser bestens in die Szenen hinein versetzen kann. Auch die schrullige Charakterzeichnung funktioniert nur mit der blumigen Sprache, mit Remins teils schwarzem Humor und mit seiner Detailverliebtheit.
Auch im Vergleich mit den bisherigen Tron-Bänden schneidet der vorliegende Fall gut ab. Speziell dank Ispettore Bossi in Frauenkleidern, des kauzigen Polizeipräsidenten Spaur und natürlich dank des sympathischen und so herrlich unehrgeizigen Tron unterhält das Requiem am Rialto hervorragend und macht schon jetzt neugierig auf Trons sechsten Fall.
|Nicolas Remin bei Buchwurm.info:|
[Schnee in Venedig 1987
[Venezianische Verlobung 2326
[Die Masken von San Marco 4630
[Gondeln aus Glas 4754
Henderson, Jack – Reloaded
Digitale Informationen bestimmen und organisieren mittlerweile unser Leben. Im gewöhnlichen Tagesablauf hinterlassen wir unendlich viele Daten, mit denen man uns charakterlich ziemlich gut interpretieren und einordnen kann. Persönliche Daten und Informationen können aber, wie wir wissen, genauso gut als Waffe gegen uns verwendet werden. Das Internet hat uns erobert und unser Leben zugleich leichter wie auch transparenter gemacht. Suchmaschinen, Foren, Eintragsdienste machen uns zu gläsernen Personen.
Woran wir aber selten denken, ist, dass leistungsstarke Rechner unser Alltagsleben steuern und regeln; Wasserkraftwerke, Flughäfen, Atomanlagen, militärische Anlagen, städtische Verwaltungen – die Liste könnte man endlos erweitern. Sollten auf diese für uns überlebensnotwendigen Anlagen terroristische Anschläge stattfinden, wäre das Chaos unaussprechlich dramatisch. Es wäre der Alptraum eines jedes Staates.
Das wir uns vor Terroranschlägen nicht wirklich wirksam schützen können, ist uns ganz sicher nach dem 11. September 2001 schmerzlich bewusst geworden. Über Jahre hinweg haben sich Terroristen intensiv mit den Plänen darüber auseinandergesetzt, wie man eine ganze Reihe von Anschlägen so minutiös koordiniert, um damit eine Weltmacht wie die USA anzugreifen und empfindlich zu verletzen. Was würde passieren, wenn eine Gruppe von Terroristen nicht nur Geschäftsgebäude angreift, sondern ihre Ziele sorgsam mit Hinblick auf maximale Vernichtung gewählt werden, z. B. Atomkraftwerke, Regierungsgebäude, städtische Infrastruktur? Es würde direkte und indirekte Opferzahlen in Millionenhöhe geben, und ein Chaos würde entstehen, das über Jahrzehnte hinweg noch spürbar wäre. Ein erschreckendes Szenario, aber nicht selten ist aus solchen prophetischen Geschichten grausame Realität geworden.
Jack Henderson hat mit „Reloaded“ einen Roman geschrieben, der sich mit solch einer Überlegung befasst.
_Inhalt_
11. September 2001. Die junge Jeannie Reese arbeitet für die Regierung der Vereinigten Staaten und gilt als Wunderkind in der IT- und Informationsbranche. Jeder kennt die Legende, dass die NSA jede Mail und jedes Telefonat nach auffälligen und verdächtigen Stichwörtern durchkämmt, die über die Datenhighways flitzen, doch Jeannie hat noch etwas weitaus Effektiveres entwickelt: ein Überwachungsprogramm namens „IRIN“, das alles Bisherige an Spionagesoftware in den Schatten stellt. Als am 11. September während einer Sitzung Passagierflugzeuge gleich einer Bombe im Pentagon und in die Twin Towers einschlagen, befiehlt der amerikanische Präsident, dass das System online scharf gestellt wird, um die Hintermänner dieses furchtbaren Terroranschlags ausfindig zu machen.
Der 44-jährige John Fagan verfolgt schockiert am Fernseher und an seinem Rechner die Ereignisse des Terroranschlags, der die Welt auf immer verändern wird. Vor Jahren hat er sich online mit anderen Hackern darüber ausgetauscht wie man möglichst brutal und konsequent einen Terroranschlag ausführen könnte. Jetzt sind seine theoretischen Vorschläge in einem schrecklichem Szenario zur Realität geworden. John Fagan ist Phr33k, ein legendärer und gefürchteter Hacker, der sich seit Jahren unentdeckt und anonym durch die virtuelle Welt bewegt und sich von der materiellen Welt so gut wie abgeschottet hat. Niemand kennt ihn oder hat ihn je wirklich zu Gesicht bekommen, von der Außenwelt hält John nicht viel, und so schaffte er sich sein eigenes, kleines Reich mit seiner virtuellen Freundin Kate, die über eine lernfähige und eigenständige künstliche Intelligenz verfügt.
Jeannie Reese ist Phr33k bekannt, denn er hat viele der größten Internetverbrechen begangen und wäre ein mächtiger Verbündeter im Krieg gegen die terroristischen Verbrechern. Aber auch das wissen die Drahtzieher des 11. September: Sie decken Phr33ks Identität auf, entführen ihn, um seine Ideen und seine Intelligenz für den nächsten, noch fürchterlicheren Terroranschlag zu missbrauchen. Anfangs kann sich John in der Gefangenschaft seiner Entführer wehren, auch der Folter kann er noch widerstehen, doch die Terroristen wissen, wie sie John gefügig machen und für ihr Vorhaben gewinnen können.
John Fagan wird zur Schlüsselgestalt, zum Sesam-öffne-dich in diesem makaberen Spiel um Krieg oder Frieden. Jeannie Reese weiß, dass sie nur mit Hilfe und Unterstützung von Phr33k solche terroristischen Akte im Vorfelde vereiteln kann, und mit IRIN und der Sammlung einer Unmengen von Daten findet sie die Identität von Phr33k heraus. Allerdings kommt sie zu spät, denn John ist bereits entführt worden und wird gezwungen, Amerika mithilfe von koordinierten Terroranschlägen auf zivile und militärische Ziele zu erschüttern.
_Kritik_
John Hendersons Roman ist zwar eine fiktive Geschichte, die sich auf Fakten des 11. Septembers stützt, doch hat er mit „Reloaded“ ein realistisches Szenario geschaffen.
Der Roman rüttelt den Leser wach und transportiert ihn acht Jahre in die Vergangenheit. Die Ereignisse werden hier sehr detailliert in Worte gefasst. Der Schrecken entsteht im Leser durch die anschauliche Schilderung eines möglichen nächsten Terroranschlags globalen Ausmaßes. So unrealistisch sind diese Überlegungen nämlich nicht, dass man innerlich mit den Schultern zucken und die Gedankengänge ignorieren könnte.
„Reloaded“ ist eindrucksvoll erzählt. Die Geschichte präsentiert sich aus den verschiedenen Perspektiven, so dass zwei Handlungsstränge entstehen, einmal aus der Sicht von Jeannie Reese, den anderen Part übernimmt John Fagan alias Phr33k.
Was der Autor in allen Facetten mitteilen möchte, ist unter anderem, dass man sich nicht wirksam gegen den Terror schützen kann, und dass alles, was durch Rechner gesteuert wird, im Grunde angreifbar bzw. manipulierbar ist. Der Faktor Mensch spielt dann eigentlich nur eine untergeordnete Rolle, denn es wird immer Menschen geben, die für ihre Überzeugung und ihre Ideale mit einem Lächeln in den sicheren Tod gehen. Fanatismus, bei dem man sich im Glauben wiegt, man gäbe sein Leben für ein größeres Ziel – auch das wird im Roman sehr klar umrissen -, ist dann in seinen aggressiven Folgen die scheinbar einzige Möglichkeit, eine deutliche, nicht zu überhörende Sprache zu sprechen.
Nicht nur die spannende Handlung wirkt überzeugend, auch die Charaktere tragen viel zum runden Gesamtbild bei. Es gibt zwei Hauptakteure, aber eigentlich konzentriert sich alles auf John Fagan, das Genie für IT, den anonymen Hacker, der mit seiner Intelligenz bewaffnet einen eindrucksvollen Gegner darstellt. Durch die kritischen Situationen, in denen er sich befindet, muss er nicht nur reagieren, sondern auch proaktiv werden, so dass er eine innere Entwicklung erfährt. In ähnlicher Weise ergeht es Jeannie Reese, die mit der Gefahr über sich hinauswächst. Doch es wird schnell klar, dass die bezaubernde Jeannie ohne praktische Hilfe durch Phr33k/Fagan keinerlei Aussicht auf Erfolg hätte.
„Reloaded“ ist eher an eine jüngere Leserschaft gerichtet, denn Leser jenseits der 50er hätten größtenteils Probleme, mit der Handlung Schritt zu halten. Es gibt viel Fachvokabular aus der IT-Welt, die mit Sicherheit nicht jedem geläufig sein wird. Aber auch das behindert die Story nicht, für Action und Spannung ist gesorgt, und auch die eine oder andere Wendung bringt die Handlung noch ordentlich in Fahrt.
_Fazit_
Jack Hendersons „Reloaded“ ist ein Thrillerkracher, der die virtuelle Welt mit der materiellen verbindet. Das Szenario der Terrorangriffe, die Überlegungen, wie man die Infrastruktur einer Weltmacht ins Wanken bringen könnte, sind erschreckend reell.
Der Roman ist in sich abgeschlossen, aber ich würde mich freuen, wenn vielleicht auch in den nächsten Bänden phr33k seine Finger im Spiel hätte.
Es gibt viele Thriller die sich mit dem 9/11-Anschlag befassen – „Reloaded“ gehört zu den besten unter ihnen, und fernab von Verschwörungstheorien spielt der Autor gekonnt mit seinem Wissen und seinen Ideen. Ein absolut grandioser Thriller, der seine Leser bombensicher überzeugen wird.
|Originaltitel: Circumference of Darkness
Aus dem Englischen von Wolfgang Thon
574 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-442-37319-2|
http://www.blanvalet.de
J. M. Walsh – Die Nebelbanditen
_Das geschieht:_
Inspektor Quaile von Scotland Yard ist gut beschäftigt: Im dichten Londoner Nebel treibt eine neue, gut organisierte Räuberbande ihr Unwesen. Die „Nebelbanditen“ schalten ihre Opfer mit Betäubungsgas aus und verschwinden spurlos mit fetter Beute. In der Unterwelt raunt man, dass eine junge Frau als Anführerin über die Halunken gebiete.
Frank Slade, der normalerweise für den Geheimdienst tätig ist und Quaile als Assistent zugeteilt wurde, wird durch private Gefühle von der Ermittlung abgelenkt. Er rettet die junge Lady Anne Sanford, als sie ihm auf der Flucht vor dem Erpresser Lanty vor den Wagen läuft, und verliebt sich in sie. Auch Lord Sanford, Annes Vater, steht unter Druck: Er hat sich an der Börse verspekuliert und wird von seinem Gläubiger, dem finsteren Mr. Ashlin, gedrängt, ihm die schöne Anne als Ehefrau auszuliefern; ein Kuhhandel, den diese energisch ablehnt. Die Situation eskaliert, als die Nebelbanditen Lord Sanford überfallen und ausrauben. Weder Ashlin noch Lanty lassen locker, und als Anne eine Verzweiflungstat unternimmt, treibt sie das noch tiefer in die Fangarme der Schurken.
Quaile und Slade nehmen inzwischen über den Hobby-Detektiv Joseph Mallah den Kontakt zur Londoner Gaunerwelt auf. Sie müssen wohl auf eine heiße Spur geraten sein, denn Slades Auto fliegt in die Luft. Der nur knapp entkommene Polizist und sein Vorgesetzter bringen den Grund für solche Nervosität in Erfahrung: Die Nebelbanditen planen einen grandiosen Coup, neben dem ihre bisherigen Raubzüge bedeutungslos wirken werden …
_London bei Nacht: ein Krimi-Klischee-Kaleidoskop_
Er ist dick und gelb und geradezu sprichwörtlich: der Londoner Nebel, der sich im Winter wie eine Glocke aus Dunst und Abgasen über die Stadt legt und eine Intensität erreicht, welche die Sichtweite auf Null reduzieren und die Lungen mit ätzenden Schwefeldünsten füllen kann. Zumindest für diejenigen Zeitgenossen, die das Tageslicht für ihre Geschäfte scheuen, ist der Nebel freilich hilfreich, wie Autor J. M. Walsh anschaulich darstellt: Räuber und Diebe treiben in seinem Schutz ihr Unwesen; sie schleichen sich unerkannt an ihre Opfer heran und flüchten anschließend erfolgreich, während die verfolgende Polizei blind durch die dichten Schwaden stolpert.
Schon 1932 war dieser Nebel freilich auch zum Klischee degeneriert, denn er wurde als Instrument und Stimmungsmittel in Literatur und Film ausgiebig strapaziert, wobei sich vor allem die Routiniers der Unterhaltungsliteratur allzu gern seiner bedienten.
_Schnell voran, damit niemand nachdenkt!_
Walsh muss zu ihnen gezählt werden: ein Vielschreiber, der nicht nur den Krimi-Markt bediente, sondern auch Abenteuer- und Science-Fiction-Storys verfasste. „Die Nebelbanditen“ ist ein typisches Produkt zeitgenössischer ‚Gebrauchs-Literatur‘. Unterhaltsam sollte die Geschichte sein, während das vernunftgemäße Fundament wacklig sein durfte. Walsh packt in die Handlung, was diese vorantreiben kann, während er sich um das Schürzen des Logik-Knotens offensichtlich erst nachträglich Gedanken macht. Nur so lässt sich das Durcheinander erklären, das zeitweilig die Handlung eher verwirrt als bewegt. Es wird verfolgt, erpresst und gedroht auf Teufel-komm-heraus, was der Übersicht gar nicht zuträglich ist, zumal der Leser sich fragt, was dies denn alles mit den Nebelbanditen zu tun hat.
Grundsätzlich wenig, muss das Urteil lauten. Die angeblich so gefährlichen Verbrecher verschwinden immer wieder für viele Seiten aus dem Geschehen. Machen sie sich bemerkbar, dann künden ihre Untaten eher vom Drang aufzufallen als Beute zu machen.
Das Spektakel ist überhaupt Walshes bevorzugtes Stil- und Stimmungselement. Wie sein Zeitgenosse Edgar Wallace geht er lieber sensationell als schlüssig zur Sache: Gangster im Nebel schleudern Gasbomben oder blenden mit flüssigem Ammoniak; eine Autobombe wird platziert, wo eine Revolverkugel wesentlich effektiver wäre; in geheimen Gängen und unterirdischen Gewölben hausen hoch im 20. Jahrhundert unerkannt Banditen. Man tarnt und täuscht mit einer Vehemenz, die man nur als reinen Spieltrieb werten kann.
Gern verlässt Walsh im Sprung eine allzu rätselhafte Szene und beginnt eine neue Verwicklung. Kehrt er später zur offenen Frage zurück, ist gewöhnlich so viel Zeit verstrichen, dass sich das Problem selbst erledigt hat oder mit einigen Sätzen nebenbei abgehandelt werden kann; die Musik spielt ohnehin wieder an anderer Stelle. Nach bewährtem Prinzip werden die losen Fäden im Finale zusammengefasst, was umständliche Erklärungen über viele Seiten erforderlich macht.
_Feine Leute sind anders_
Dass ein Kriminalroman in die Jahre gekommen ist, muss ihm bekanntlich nicht schaden, sondern kann seinen Unterhaltungswert noch steigern. Der einst normale Lebensalltag ist selbst interessant geworden und bildet eine reizvoll altmodische Kulisse, in die sich auch der viel später geborene Leser gut und gern hineindenken kann. Natürlich ist ein Roman kein dokumentarisches Abbild vergangener Wirklichkeit. Es ist nur erforderlich, dass die genannte Kulisse glaubhaft wirkt. In diesem Punkt fragt man sich, wie die zeitgenössischen Leser „Die Nebelbanditen“ beurteilt haben: Selbst mit dem Zugeständnis einer emotionalen Naivität, die viele Romane und auch Filme dieser Zeit prägt, übertreibt es Walsh maßlos. Das London von 1932 war realiter nicht mehr das London der Königin Victoria.
Lord Sanford spekuliert und gibt sich damit als moderner Zeitgenosse zu erkennen. Trotzdem setzt er seine Gesundheit und das Glück seiner Tochter bedenkenlos aufs Spiel, um den Ruf seiner Familie zu wahren. Die Hartnäckigkeit, mit der Vater und Tochter Sanford sich in diesem Punkt immer stärker in die Bredouille bringen, stört und langweilt heute, was durch Annes prompte Ohnmachtsanfälle in ‚heikler‘ Lage gefördert wird. Ein offenes Wort, und die diversen Erpressungsgespinste würden sich schneller auflösen als der Nebel, was allerdings die Handlung zu einem abrupten Ende brächte.
Sympathie vermag keine der zahlreichen Figuren zu wecken. Inspektor Quaile bleibt farblos, Assistent Slade gibt vor allem den verliebten Gutmenschen, der die Maid in Not nicht nur rettet, sondern letztlich heiratet. ‚Normale‘ Polizisten taugen nur zur Fußarbeit. Zu ihrem Glück ist das Gros der Gauner notorisch dumm und kann deshalb regelmäßig eingefangen werden. Die „Nebelbanditen“ verheddern sich in ihrer eigenen Überschläue, hinter der sich ebenfalls jener Hang zum Scheitern verbirgt, der – so macht Walsh deutlich – dem Bösewicht per se innewohnt: Verbrechen lohnt nicht, und zumindest der geistig schlicht gestrickte Leser durfte sich mit dieser Phrase trösten, wenn er das Buch zuklappte. Das präsentieren die Klassiker des Genres wesentlich raffinierter und eleganter, und deshalb werden ihre Werke noch heute aufgelegt, während J. M. Walsh in Vergessenheit geraten ist.
_Der Autor_
James Morgan Walsh wurde am 23. Februar 1897 in Geelong, einer Kleinstadt im australischen Bundesstaat Victoria, geboren. Schon 1913 erschien eine erste Kurzgeschichte, acht Jahre später der erste Roman. 1925 wanderte Walsh nach England aus, wo er sich als Produzent populärer Trivialliteratur etablierte, dessen Romane und Kurzgeschichten vor allem in den „Pulp“-Magazinen dieser Zeit erschienen. Walsh schrieb vor allem Krimis und Spionage-Thriller, verfasste aber auch Sciencefiction. Zumindest als Fußnote ging er mit seiner Space Opera „Vandals of the Void“ (1931) ein, die ein frühes Beispiel für SF aus Australien ist.
Seine Produktivität war so hoch, dass Walsh auch als H. Haverstock Hill, Stephen Maddock und George M. White veröffentlichte. Er blieb auch nach dem II. Weltkrieg bis zu seinem frühen Tod am 29. August 1952 als Autor ungemein aktiv.
_Impressum_
Originaltitel: Lady Incognito (London : Collins 1932)
Übersetzung: Hans Herdegen
Deutsche Erstausgabe: 1935 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann’s Detektiv-Romane)
217 Seiten
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 17)
219 Seiten
[keine ISBN]
Joseph Wambaugh – Die Chorknaben

Joseph Wambaugh – Die Chorknaben weiterlesen
Isau, Ralf – Messias
Wunder gibt es immer wieder … aber was bezeichnet die katholische Kirche als Wunder? Gibt es Phänomene, mittels derer Gott, Jesus, Maria oder der Heilige Geist zu uns sprechen? In unserer materiellen Welt mit allen Ängsten und Bedrohungen vermissen wir vielleicht manchmal etwas Spirituelles, etwas, das uns Hoffnung und Halt gibt. Mythen, Legenden oder auch theologische Glaubenssätze bilden einen bunten Spielplatz für Interpretationen. Was geschah seinerzeit an den bekannten Walfahrtstätten, wie z. B. Lourdes, zu denen auch heute noch Millionen von Menschen pilgern? Sind diese Wunder ein Beweis für die Existenz Gottes?
Das Außergewöhnliche, Spektakuläre und Sensationelle sowie die gefühlsmäßige Ergriffenheit stehen nicht unbedingt im Widerspruch zur Religion, doch es gibt immer wieder Grund zur gesunden Skepsis. Nicht wenige versuchen durch Vortäuschung, solche ‚Wunder‘ medial auszureizen, um natürlich damit einen nicht geringen Profit zu kassieren. Um ein Wunder wirklich als solches bezeichnen zu dürfen, bedarf es einiger recht weltlicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Die katholische Kirche entsendet immer wieder ‚Ermittler‘, die diese Spuren Gottes untersuchen, und das mit allen technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten unserer Zeit.
Ralf Isau erzählt in seinem neuesten Roman „Messias“ von solchen Wundern.
_Inhalt_
Irland war und ist ein Land voller Legenden und Mythen. Die dort lebenden Menschen sind zumeist etwas schrullig, gar merkwürdig und zugleich von einem tiefen Glauben erfüllt. Als die alte Kirche Duiske Abbey von einem hellen Blitz erhellt wird, dem dortigen Geistlichen ein nackter Mann vor die Füße fällt und das Kruzifix auf einmal ohne Jesusfigur dasteht, sprechen die ersten Stimmen bereits von einem Wunder. Der 103-jährige Seamus Whelan, im Ort Graiguenamanagh selbst als „Wunderheiler“ bekannt, wird Zeuge dieses Vorfalls. Der nackte, blutende Mann am Boden fleht verzweifelt auf hebräisch um Hilfe. Seine Hände und seine Füße weisen Wunden eines Gekreuzigten auf. Ist es möglich, dass der leibhaftige Jesus vom Kreuz gestiegen ist, dass der Heiland die irdische Welt erneut besucht?
Die Nachricht des „Wunders von Graiguenamanagh“ verbreitet sich rasend schnell durch die Medien. Auch der Vatikan wird hellhörig. Der verletzte Mann wird in die Notaufnahme des St Luke’s Hospital in Kilkenny eingeliefert, als der Zorn Gottes zwei Menschen aus dem Ort niederstreckt. Die Toten sind als notorische Sünder bekannt, so dass einige vom Strafgericht Gottes sprechen.
Die Kirche ist entsetzt: Was geschieht in diesem kleinen irischen Ort? „Jeschua“, wie sich der geheimnisvolle Mann selbst nennt, philosophiert mit Bibelzitaten, seine Vergangenheit bleibt trotzdem im Dunklen. Schon sind die ersten Pilger in Graiguenamanagh, dicht gefolgt von den ersten Journalistenteams, die von diesem einmaligen Wunder aus erster Hand berichten wollen. Der Vatikan sieht sich gezwungen, Licht in diese ominöse Wundergeschichte zu bringen, und entsendet Monsignore Hester McAteer von der „Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse“ aus Rom.
McAteer ist selbst Ire und seit seiner Kindheit mit dem kleinen Ort verbunden. Seit Jahren ist er ein Experte für die Entlarvung falscher Wunder, die mit technischer Raffinesse ausgeführt wurden. Monsignore McAteer weiß, wie und wonach man suchen muss, doch was er auch bei seinen Untersuchungen findet, lässt ihn diesmal in vielerlei Hinsicht zweifeln. Seine Vergangenheit überholt ihn und konfrontiert ihn mit seiner alten Liebe Fiona Sullivan, mit der eine gemeinsame Tochter hat. Schon in seiner klerikalen Ausbildung verliebte sich der junge Mann unsterblich, doch entschied er sich für eine Laufbahn in der Kurie und gegen seine Empfindungen.
Selbst sein Vater Seamus Whelan, mit dem er seit Jahrzehnten im Streit liegt, offenbart sich als Wundertäter, als er übers Wasser geht, mit Raben spricht und noch einige merkwürdige Dinge mehr in seinem Umfeld geschehen. Technischer Schabernack oder noch eine wunderbare Gabe?
Die Ermittlungen werden zum emotionalen Minenfeld, und auch wenn McAteer in der Vergangenheit durch seine Erfahrungen reifer und skeptischer geworden ist, so wird hier sein (Un-)Glaube vielfach durch mysteriöse Situationen infrage gestellt. Was würde mit der Welt und all dem, woran er festgehalten und geglaubt hat, geschehen, sollte „Jeschua“ wirklich der „Messias“ sein?
Um mehr zu erfahren, muss Hester wieder ein Mitglied der skurrilen Dorfgemeinschaft werden, und genau dies bringt ihn und seine wiedergefundene Familie in Lebensgefahr.
_Kritik_
„Messias“ von Ralf Isau ist in vielerlei Hinsicht ein wirklich guter Roman, der es überdies versteht, auf wunderbare Art zu provozieren.
Der Spannungsbogen entwickelt sich besonders intensiv in den ersten Kapiteln und gleichmäßig mit Einführung der Protagonisten. Diese sind besonders skurril und verschroben und, wie der Autor auf seiner Website erwähnt, durchaus nicht fiktiv. Irland ist also nicht nur wunder. sondern auch sonderbar.
Das Provokative an Ralf Isaus Geschichte ist zum einen das Verhältnis der Kirche zu Wundern generell und zum anderen sind es die Gedankenspiele des Autors: Was wäre, wenn Jesus wirklich auf die Erde zurückkämme? Welchen Stellenwert hätte dann die katholische Kirche? Hätte sie Angst um ihre Macht auf Erden, ihren Einfluss eine Milliarde gläubiger Schäfchen? „Jesus“ hätte, ohne es zu wollen, eine deutliche politische Wirkung, nicht nur eine spirituelle. Es wäre genauso gut denkbar, dass er erneut zum Märtyrer werden könnte. In jedem Fall wäre sein Auftauchen ein Ende unserer bekannten Welt, entweder in Form des mythologischen Jüngsten Gerichtes oder aber der Beginn eines anderen Denkens. All diese Punkte werden vom Autor intelligent in die Handlung eingebaut.
Ralf Isaus Stil ist für einen Thriller deutlich von Humor geprägt. Dieser wird von den manchmal merkwürdigen und schrulligen Charakteren eingebracht, die den Leser wirklich zum Schmunzeln bringen werden. In keinem Fall empfindet man diese humoristischen Einlagen als störend, sie lockert im Gegenteil die angespannte Atmosphäre auf und unterstützt die Handlung. So rasant die Anfänge von „Messias“ sich aufbauen, so schnell stoppt die Dynamik aber leider auch. Schon recht frühzeitig wird ein Teil der Wunder aufgeklärt, doch immer wieder überrascht uns Hesters Vater mit seinen, sagen wir mal: Phänomenen. Zum Ende hin weiß aber der Roman aber wieder durchaus in Sachen Spannung zu überzeugen und führt die Story gekonnt auf die Zielgerade.
Die Figuren sind so detailliert konzipiert, dass man sie durchweg als sympathisch empfindet. Monsignore McAteers Philosophie ist eher rational geprägt. Er verlässt sich auf das, was er sieht, und nicht auf das, was er sich zu sehen wünscht. Verstand und Gefühl trennt er rigoros, aber nur in beruflichen Belangen. Menschlich ist er genauso empfindsam wie viele andere, aber das will er nicht hören und gehört nicht in sein kompaktes Weltbild. Allerdings holt ihn seine Vergangenheit ein, und das heißt für ihn, nicht nur herauszufinden, ob „Jeschua“ der Messias ist, sondern auch, was er selbst vom Leben erwartet. Auch dieser Part von „Messias“ wird vom Autor spannend erzählt und lässt keine Langeweile aufkommen.
Ralf Isau spielt abwechslungsreiche, psychologische Spielchen mit seinen Protagonisten. Glaubhaft präsentiert er die Skepsis und den tiefen Glauben seiner Figuren, das persönliche Scheitern und Einsehen alter Fehler, Vergebung und Opferung. So wird dem Thriller Leben eingehaucht und dem Leser viel Raum gegeben, um sich eigene Gedanken zu machen.
Die Kongregation des Vatikans, die Wunder und Phänomene untersucht, gibt es tatsächlich, und Ralf Isau beschreibt die Vorgehensweise und Methodik sehr genau und realitätsgetreu. „Messias“ ist zwar ein klerikaler Thriller, aber weit entfernt von den derzeit beliebten „Verschwörungstheorien“ rund und über den Vatikan. Er bedient sich ausschließlich eines konzentrierten Schauplatzes und einer überschaubaren Anzahl an Tätern und Opfern. Der „Messias“ kommt nur selten zu Wort, erzählt wird die Geschichte größtenteils aus der Perspektive Hesters.
_Fazit_
Die Auflösung des Ganzen ist zwar eher banal und zum Ende hin kein Geheimnis mehr, doch ist das auch nebensächlich. Viel mehr Raum wurde den zahlreichen Nebengeschichten gewidmet, die mit ihren von Humor geprägten Charakteren überzeugen. Spannung, Wortwitz und viele Ansätze zum Nachdenken machen „Messias“ zu einem besonderen Thriller.
Wer einen klerikalen Thriller erwartet, der so spannungsgeladen und verschwörerisch sein sollte wie viele andere aus dem Genre der Brown-Klischees, wird vielleicht enttäuscht sein. „Messias“ bietet aber inhaltlich viel mehr als Spannung, und das hebt diesen von anderen, ähnlich gelagerten Romanen weit ab.
Zu kritisieren gibt es nur den Punkt, dass die Auflösung verfrüht einsetzt. Der Spannung hätte es gutgetan, wenn es erst gegen Ende hin zur Auflösung gekommen wäre. Wertvoll hingegen waren die vielen und schön erzählten Nebengeschichten mit ihren wunderbaren Charakteren.
Ralf Isaus „Messias“ ist zwar nicht wunderbar, dafür um so positiv-sonderbarer, dass man ihn gerne lesen und auch zwischen den Zeilen verstehen wird. Lesefreude ist garantiert.
_Der Autor_
Ralf Isau (geb. 1. November 1956 in Berlin) ist ein deutscher Schriftsteller. Er arbeitete zunächst als Organisationsprogrammierer, PC-Verkäufer, Systemanalytiker und Niederlassungsleiter eines Software-Hauses, Projektmanager und seit 1996 als selbstständiger EDV-Berater. Zu dieser Zeit hatte er bereits ein Kinderbuch und drei Romane veröffentlicht. Zum Schreiben kam er 1988, als er mit der Arbeit an der Neschan-Trilogie begann. 1992 überreichte er Michael Ende anlässlich einer Lesung ein kleines, selbstgebundenes Märchenbuch („Der Drache Gertrud“), das er für seine Tochter geschrieben hatte. Ende empfahl ihn dem |Thienemann|-Verlag, wo Ralf Isau seither über ein Dutzend Romane für jüngere und ältere Leser veröffentlichte, die in zwölf Sprachen übersetzt und mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden sind. Ein Merkmal seiner Romane, die er selbst als „Phantagone“ bezeichnet, ist die Vermischung von Fiktion mit historischen Tatsachen.
Mit Romanen wie „Der silberne Sinn“ (2003) und „Der Herr der Unruhe“ (2004) wagte Ralf Isau den Schritt vom Jugendbuch zur Erwachsenenliteratur. Im Roman „Die Galerie der Lügen Oder: Der unachtsame Schläfer“ (2005) setzt er sich mit der Darwinschen Evolutionstheorie auseinander, die er zugunsten einer auf |Intelligent Design| basierenden Sichtweise ablehnt.
Isau lebt mit seiner Frau in Asperg bei Ludwigsburg.
|426 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-492-70142-6|
http://www.isau.de
http://www.piper-verlag.de
_Mehr von Ralf Isau auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Mann, der nichts vergessen konnte“ 5361
[„Die Dunklen“ 4829
[„Das gespiegelte Herz“ 1807 (Die Chroniken von Mirad 1)
[„Der König im König“ 2399 (Die Chroniken von Mirad 2)
[„Das Wasser von Silmao“ 3014 (Die Chroniken von Mirad 3)
[„Das Jahrhundertkind“ 1357 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 1)
[„Der Wahrheitsfinder“ 1502 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)
[„Der weiße Wanderer“ 1506 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)
[„Der unsichtbare Freund“ 1535 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)
[„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ 1095 (Die Legenden von Phantásien)
[„Die Galerie der Lügen“ 4208
Victor Gunn – Das Geheimnis der Borgia-Skulptur

Victor Gunn – Das Geheimnis der Borgia-Skulptur weiterlesen
Peter Lovesey – Sein letzter Slapstick
Ohne Job und pleite ist der Varieté-Künstler Warwick Easton in Kalifornien gestrandet. Wir schreiben das Jahr 1915, und wie so viele gescheiterte Existenzen versucht auch Easton sein Glück in Hollywood. Die noch junge Film-Metropole hat freilich nicht auf ihn gewartet. Statt eine ‚ernste‘ Rolle in einem ‚richtigen‘ Film zu übernehmen, reiht sich der junge Mann in die Reihe der „Keystone Cops“ ein. Die beliebte, grotesk überzeichnete Polizisten-Truppe ist eine Schöpfung des Studiobosses Mack Sennett, der mit Slapstick-Filmen berühmt und reich geworden ist.
In diesen frühen Tagen der Filmgeschichte wird noch ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet. Die absurden Stunts der Keystone Cops sind gefährlich. Easton kommt zu seinem Job, weil sein Vorgänger bei einem bizarren Unfall sein Leben ließ.
Läckberg, Camilla – Totgesagten, Die
_Mit ihren ersten drei Romanen_ hat sich die Schwedin Camilla Läckberg als hervorragende Krimiautorin bewiesen. Grund genug, auch für den vorliegenden vierten Band ihrer Krimireihe um den Polizisten Patrik Hedström und die Schriftstellerin Erica Falk die Erwartungen nicht zu tief anzusetzen.
_Patrik und Erica_ stecken mitten in den Vorbereitungen für ihre bevorstehende Hochzeit, als Patrik einen neuen Fall auf den Schreibtisch bekommt. Zusammen mit seiner neuen jungen Kollegin Hanna Kruse wird er zu einem vermeintlichen Autounfall gerufen. Eine Autofahrerin ist mit ihren Fahrzeug von der Straße abgekommen und wird am Unfallort tot aufgefunden. Schnell gibt es erste Zweifel daran, dass es sich um einen Unfall handelt. Schon bald deuten erste Indizien auf Mord hin.
Während Patrik und seine Kollegen noch mit den Ermittlungen beschäftigt sind, geschieht ein weiterer Mord, der schon bald die Medien auf den Plan ruft. In einem Müllcontainer wird die Leiche einer Teilnehmerin der Reality Show „Raus aus Tanum“ entdeckt. Für die Medien ein gefundenes Fressen, und für Patrik und sein Team ist es nicht leicht, unter diesem Druck erste Ermittlungsergebnisse zusammenzutragen.
Doch je weiter die Kollegen die beiden scheinbar zusammenhanglosen Fälle beleuchten, desto wahrscheinlicher wird eine Verbindung zwischen beiden Taten. Als sie das verbindende Indiz zwischen den beiden Fällen endlich entdecken, offenbart sich ihnen aber etwas noch viel Größeres: Es gibt weitere, ganz ähnliche Fälle, verteilt über ganz Schweden, und bei allen Opfern wurde eine herausgerissene Seite aus „Hänsel und Gretel“ gefunden. Patrik und seine Kollegen müssen den Serienkiller möglichst schnell zur Strecke bringen, bevor es weitere Opfer gibt …
_Camilla Läckbergs Krimis_ haben ihre ganz eigene Qualität, welche die Autorin bislang geschickt mit jedem ihrer Romane weiter entwickelt hat. Aus ganz gewöhnlich erscheinenden Protagonisten und geschickt gesetzten Perspektivensprüngen fabriziert sie einen spannenden und mitreißenden Plot. Läckbergs Romane waren bislang stets so angelegt, dass man sich als Leser mit einer ganzen Reihe Verdächtiger konfrontiert sieht.
Es tauchen viele Figuren auf, von denen viele ein dunkles Geheimnis mit sich herumtragen, das dem Leser immer wieder hier und da angedeutet wird. Dadurch gibt es enorm viele glaubwürdige potenziell Verdächtige, aus denen sich erst spät der wahre Täter herausschält. Es gibt dadurch auch viele parallel verlaufende Handlungsstränge, die erst im Laufe des Romans immer dichter miteinander verwoben werden. Auf diese Weise schafft Läckberg es, die Spannung durchweg auf hohem Niveau zu halten – eine Rezeptur, die bislang in jedem ihrer Romane wunderbar aufging.
Umso bedauerlicher ist es, dass ihr dieses Kunststück mit dem neuen Roman nicht mehr ganz so gut glückt wie mit den Vorgängerwerken. Anders als sonst, hatte ich schon recht früh eine Ahnung davon, wer der Täter sein könnte, ohne dass mir die Zusammenhänge wirklich klar wurden. Konnte man sonst immer bis zum Ende mitfiebern und sich nicht wirklich sicher sein, wer genau der Täter nun ist, gibt es bei „Die Totgesagten“ nicht ganz so viele Möglichkeiten. Und so verliert sich leider ein Teil der Spannung schon im Verlauf des Romans.
Die Lektüre macht zwar dennoch Spaß, und dass dem so ist, verdanken wir größtenteils dem immer noch sehr eingängigen Schreibstil der Autorin, aber sie hat eben schon mehrfach bewiesen, dass sie es eigentlich besser kann.
Erica Falk, im ersten Läckberg-Roman eigentlich noch die Hauptfigur, wurde schon in den letzten Romanen zugunsten von Patrik Hedström mehr und mehr aus dem Mittelpunkt verdrängt. Erica wird auch in diesem Roman zunehmend zur Randfigur. Ihr bleiben das Aufpäppeln ihrer psychisch angeschlagenen Schwester (deren Genesung dann etwas zu schnell vonstatten geht) und die Vorbereitung der Hochzeitsfeierlichkeiten.
Ihre humorige Seite lebt Läckberg dann auch wie gewohnt überwiegend mit Blick auf Erica Falk aus und mit den typisch ironischen Betrachtungen von Patriks Vorgesetztem Bertil Mellberg, aber auch diese Facette bleibt in diesem Roman etwas dünner als beispielsweise in ihrem immer noch unübertroffenen ersten Roman [„Die Eisprinzessin schläft“. 3209
Was immer noch typisch bleibt, ist die Bodenständigkeit ihrer Protagonisten. Alle wirken wunderbar authentisch, nichts erscheint überzeichnet oder unrealistisch. Läckberg hat einfach ein Gespür für eine realistische Figurenskizzierung, und so macht die Lektüre in jedem Fall Freude.
„Die Totgesagten“ lässt sich flott herunterlesen. Quereinsteigern sei aber dringend dazu geraten, die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, da gerade die persönliche Entwicklung der Protagonisten von einem Roman zum nächsten aufeinander aufbaut. Wer sich hier nichts vorenthalten möchte (schließlich hält auch das Privatleben von Erica Falk mit Blick auf ihre Schwester einiges an Spannung bereit), der sollte strickt der Reihe nach lesen:
[„Die Eisprinzessin schläft“ 3209
[„Der Prediger von Fjällbacka“ 2539
„Die Töchter der Kälte“
„Die Totgesagten“
_Es bleiben unterm Strich_ gemischte Gefühle zurück. Camilla Läckberg versteht sich immer noch auf unterhaltsame, spannende Krimis. Vor dem Hintergrund der Vorgängerromane wirkt „Die Totgesagten“ aber etwas blasser, als man es von Camilla Läckberg sonst gewohnt ist. Sie hat eben schon bewiesen, dass sie es besser kann, und so bleibt zu hoffen, dass „Die Totgesagten“ nur ein kleiner Ausflug ins Mittelmaß ist und sie mit dem nächsten Roman wieder zu alter Form aufläuft.
|Originaltitel: Olycksfågeln
Aus dem Schwedischen von Katrin Frey
413 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-471-35012-6|
http://www.aufbauverlag.de
Andreas Eschbach – Ein König für Deutschland
Das ist Timing! Ende September 2009 stehen in Deutschland die Bundestagswahlen an, und auf den einschlägigen Seiten wurde Andreas Eschbachs neuer Roman für den 15. September angekündigt. Ein Roman, der mit eschbachtypischem Charisma ein heikles Thema, das aktueller nicht sein könnte, packt und die Dinge beim Namen nennt: Computer wurden zur Datenmanipulation erfunden! Also öffnen Wahlcomputer der Wahlmanipulation unschuldig grinsend alle Tore!
Andreas Eschbach, auf dessen Homepage man nicht nur Informationen zu seinen Veröffentlichungen und Lesereisen findet, sondern auch viel interessanten und schön aufbereiteten Stoff zum Leben und zur Arbeit eines Schriftstellers, verblüfft immer wieder mit seinen Romanen, die ein ihm wichtiges Thema umfassend behandeln und dabei in ihrer Qualität als Unterhaltungsmedium stets allen Ansprüchen gerecht werden. Wen interessiert schon eine wissenschaftliche Abhandlung über die Möglichkeiten, über Wahlcomputer den Ausgang einer Wahl zu manipulieren? Um wie viel spannender ist dagegen ein Roman zu diesem Thema, noch dazu von einem erzählerischen Genie wie Eschbach!
In seinem Roman »Eine Billion Dollar« nutzte er die Seitenzahlen, um die Größenordnung dieser Summe deutlich zu machen. »Ein König für Deutschland« heute ist ein Roman, dessen Stichhaltigkeit der Autor mit ausführlichen Fußnoten und Quellenangaben belegt. Wen also nur die erzählte Geschichte interessiert, den stören keine hemmenden Fakten – doch jeder hat die Möglichkeit, die als Tatsachen dargestellten Unstimmigkeiten bei Wahlen und andere Hintergründe nachzulesen und zu überprüfen.
Der Roman
Der Deutsche Simon König, ehrbarer Gymnasialprofessor und Historiker, erlebte auf einer Amerikareise einen Fehltritt mit einer Amerikanerin, wodurch seine Ehe in die Brüche ging. Das Ergebnis der Verbindung ist der Sohn Vincent Merrit, Programmierass und Schöpfer einer Software samt Benutzerhandbuch zur Manipulation von Wahlcomputern. Durch Konflikte mit mafiaähnlichen Gruppierungen und politischen Lobbyisten ist Vincent gezwungen, sein Programm zu verstecken: Er sendet es dem Vater nach Deutschland, der in der Folge in Kontakt mit dem Chaos Computer Club tritt und zur Offenbarung der Manipulierbarkeit von Wahlcomputern eben dieses Programm nutzt, um sich zum König wählen zu lassen. Der Reiz der plötzlichen Möglichkeiten ist auch auf diesen bodenständigen und intelligenten Simon König sehr groß …
Kritik
Vincent Merrit wird als Programmierer dargestellt, wie ihn sich Eschbach als ehemaliger Softwareentwickler vorstellt: bleich, hager, selbstbewusst, Pizza essend und Cola trinkend, ohne dauerhafte Beziehung außer zu seinen Rechnern. Und davon hat er eine ganze Menge, richtet in seinem Haus einen Server- und Arbeitsraum mit zig Rechnern ein und lebt kaum in der »realen« Welt. Er erfüllt also einige der gängigen Klischees über seine Zunft, allerdings auf überwiegend positive Art. Denn er bewegt sich ebenso wie im Netz auch im »real life« souverän – sieht man von seinen Reibungspunkten mit dem Gesetz ab. Ein perfekter Macher. »Ein Präsidentenmacher«.
Simon König ist der Inbegriff der Bodenständigkeit. Lehrer mit idealistischen Vorstellungen, aber von der Realität gefangen und eigentlich zufrieden mit seinem Leben – abgesehen von dem Desaster seiner Ehe durch den Seitensprung in Amerika. Über Diskussionen mit seinem Freund und Kollegen Bernd erfährt man seine Ideen zur Verbesserung der Bildung und Gesamtsituation in Deutschland, außerdem erfährt er durch ein zufällig entdecktes Spiel, wie langfristig eine Besserung der Verhältnisse bewirkt werden kann (dabei ist nicht klar, ob diese Deutung auf Eschbachs Ideengut zurückzuführen ist oder das Spiel tatsächlich zu diesen Ergebnissen führt). König ist also der perfekte Weltverbesserer.
Im Chaos Computer Club findet sich eine Organisation zur Durchführung aller möglichen Manipulationsmaßnahmen jeglicher Größenordnung, um auf Missstände – gerade im Bereich Sicherheit – aufmerksam zu machen. Diese Verbündeten stehen für die Durchführbarkeit des Planes, computergestützte Wahlen zu sabotieren – die perfekten Revolutionäre.
Der Mafiaabkömmling Zantini ist als Zauberer ein Profi der Täuschung und Manipulation. Ihm die Rolle des finanziellen Nutznießers zu geben, schließt endlich den Kreis der perfekten »Mitarbeiter« an diesem Projekt. Trotz der Schwierigkeiten, die Eschbach der Manipulation zugesteht, traut man den Trick diesem gewieften Zauberer durchaus zu. Und anhand seiner Charakterisierung ist auch nachvollziehbar, wie er moralisch angelegt ist, um mit Wahlbetrug zu Reichtum kommen zu wollen.
Die kaum erkennbaren Hintergrundorganisationen, die eigentlichen Auftraggeber und direkten Interessenten am Programm werden entweder durch Parteiabgeordnete oder klischeebehaftete »Agenten« mit Kurzhaarschnitt und Namen wie Smith und Miller dargestellt. Sie symbolisieren das Interesse oder auch den Einfluss von Lobbyisten, Parteien und staatlichen Organisationen an einem sicher vorhersagbaren Wahlergebnis.
Insgesamt also eine Topbesetzung, in der man jedem Darsteller seine Handlungen abkauft: technisch einwandfrei entwickelte Charaktere mit dem Vorteil, dass man ihnen ihre Perfektion während der Geschichte nicht ansieht. Es ist wie in einem Film, in dem man nicht einen Sean Bean über schneebedeckte Gipfel wandern sieht, sondern voller Sorge auf die lederbehandschuhte Hand blickt und denkt: Boromir, gib den Ring zurück!
Fazit
Der Roman gleicht in Stil und Aufbau sowie in der Sprache keinem anderen aus Eschbachs Fabrik und zeugt damit erneut von den Fähigkeiten des Autors, sich nicht zu wiederholen und jeden Roman auf andere, neue und immer wieder spannende Art zu verfassen. Und wenn man das Buch zuklappt, hinterlässt es abgesehen von dem Gefühl, grandios unterhalten worden zu sein, den Wunsch und die Hoffnung, niemals zu Abstimmungen oder gar Wahlen an Computern gezwungen zu sein, und ein endgültiges Einsehen bei den Verantwortlichen, diesen unzweckmäßigen Einsatz von Computern zu unterbinden.
491 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2374-6
Der Autor vergibt: 



John Buchan- Grünmantel
Im Jahr 1916 liefern sich die europäischen Großmächte auf dem Kontinent einen erbitterten Grabenkrieg. Noch ist nichts entschieden, die Deutschen halten buchstäblich ihre Stellungen. Dennoch suchen Kaiser Wilhelms Strategen nach einer Möglichkeit, vor allem die britischen Truppen der Front fernzuhalten. Im fernen Osmanischen Reich – der späteren Türkei – wird den islamischen Stämmen der Region die Ankunft eines ‚Propheten‘ vorgegaukelt, der sie zum „Heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ aufrufen und durch Persien gen Indien schicken soll. Das Kronjuwel des britischen Empire müssten die Briten auf jeden Fall verteidigen.
Daly, Elizabeth – Buch des Toten, Das
_Das geschieht:_
Im Sommer des Kriegsjahrs 1943 wird Henry Gamadge, ein Experte für alte Manuskripte und Bücher, der in der Vergangenheit schon mehrfach erfolgreich als Privatdetektiv tätig wurde, von der Zahnarzthelferin Adele Fisher um Hilfe gebeten. Sie hat im Vormonat den Urlaub in ihrem Heimatort Stonehill, US-Staat Vermont, verbracht. Dabei lernte sie einen netten älteren Herrn kennen. Howard Crenshaw, nach eigener Auskunft ohne Familie und sterbenskrank, wollte die letzten Lebenstage in aller Ruhe verbringen. Über das Mitgefühl der jungen Frau freute er sich, war aber bemüht, ihre Existenz seinem Diener Perry vorzuenthalten, den er regelrecht zu fürchten schien.
Seiner Bekannten lieh Crenshaw einen Band mit Shakespeare-Dramen, der ihm lieb und teuer war. Deshalb war Adele erschrocken, als sie feststellen musste, dass Crenshaw nach New York abgereist war, wo ihn kurz darauf sein Ende ereilte. Zudem fand sie in dem Buch seltsame handschriftliche Anmerkungen, die sie als Hilferuf interpretiert. Gamadge soll das Rätsel lüften.
Die letzten Tage des Howard Crenshaw weisen in der Tat einige Merkwürdigkeiten auf. Wieso hat sich der reiche Mann als Arzt den heruntergekommenen Florian Billing ausgesucht, der eher verschwiegen als fähig zu sein scheint? Was geschieht in dem obskuren „Woods-Heim für Geisteskranke, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige“, in das sich nicht mehr vorzeigbare Zeitgenossen diskret abschieben lassen? Und vor allem: Wer schlug Adele Fisher auf offener Straße den Schädel ein? Gamadge hat offenbar in ein Wespennest gestochen. Die definitive Bestätigung erhält er, als der Mörder auch ihm in seinem Heim auflauert …
_Deduktion ist vor allem Arbeit_
Der klassische „Cozy“ ist allgemein nicht für seine Realitätsnähe bekannt. Im Vordergrund steht der möglichst komplizierte „Fall“, den der Detektiv, umgeben von einer Schar potenzieller Verdächtiger, auf hoffentlich geniale und unterhaltsame Weise zu lösen hat. Über dem Geschehen liegt eine eigentümliche Stimmung, die sogar dem mörderischen Anlass einen ‚gemütlichen‘ Anstrich gibt.
„Das Buch der Toten“ erfüllt alle genannten Anforderungen, weicht aber gleichzeitig davon ab und geht einige ungewöhnliche Wege. Was zunächst paradox klingt, wird von Elizabeth Daly routiniert und schlüssig umgesetzt. Bereits der Titel lässt die Freunde des „Kuschelkrimis“ hoffen: Das ominöse Buch ist der ideale „MacGuffin“ – der Anlass, der die Handlung in Gang setzt. Daly entscheidet jedoch früh, besagtes Buch an den Rand des Geschehen rutschen zu lassen. Es gibt seine Informationen preis, die in die folgenden Ereignisse einfließen und dort von neuen Fakten verdrängt werden. Das Buch ist ein Indiz, aber nicht DAS Indiz, von dem die Klärung abhängig ist.
Der Plot unserer Geschichte ist ohnehin recht komplex. Das klassische Miträtseln des Lesers ist Dalys Anliegen nicht. Schon die Einleitung macht es deutlich: Hier liest man eine Szene, die keine ‚Zeugen‘ in Gestalt horchender Personen hat, die später darüber Auskunft geben können. Der „allwissende Erzähler“ ist im klassischen „Whodunit“ eine Ausnahmeerscheinung. Üblicherweise müssen alle Geschehnisse durch Indizien oder Zeugen belegbar sein. Daly verzichtet auf diese Form der Leserbindung; sie will ihre Geschichte so erzählen, wie sie es für richtig hält.
_Mörderjagd an der Heimatfront_
Aus heutiger Sicht mag der Plot reichlich altmodisch wirken. Tatsächlich fädelt Daly das Verbrechen raffinierter ein als anfänglich vermutet. „Das Buch der Toten“ ist kein altmodischer Erbschwindel à la Edgar Wallace, sondern eine kühl und clever konstruierte Intrige mit hohem und aktivem Frauenanteil.
Die Story ist in die Gegenwart des Jahres 1944 eingebettet. Auch die USA sind inzwischen in den II. Weltkrieg eingetreten. Fern der europäischen und asiatischen Kriegsschauplätze existiert eine „Heimatfront“. Viele Güter des täglichen Bedarfs sind rationiert, nachts wird verdunkelt. Die Detektivarbeit wird immer wieder durch die Notwendigkeit erschwert, sich einen fahrbaren Untersatz zu verschaffen, denn Benzin ist knapp. Mancher Streich gelingt dem Mörder nur, weil er nicht auf den Bus warten muss.
Ohnehin kalkuliert er den Krieg ein: Die Polizei jagt in diesen Tagen eher Spione als ’normale‘ Strolche. Auch Henry Gamadge stellt sein kriminologisches Wissen inzwischen dem Kriegsministerium zur Verfügung; sein privates Labor ist verwaist, sein Assistent dient als Soldat. Gamadge ist selbstverständlich Patriot und tut, wie ihm geheißen. Als echter Detektiv und Individualist kann er indes der Herausforderung nicht widerstehen, die das „Buch der Toten“ an ihn stellt. Verdächtig rasch glänzt er im Ministerium durch Abwesenheit. Stattdessen zeigt er sich findig, als es gilt, Personal und Sachmittel zu ‚organisieren‘, was in diesem Fall eher auf Missbrauch (allerdings im Dienst der guten Sache) hinausläuft.
_Detektiv ohne Eigenschaften_
Dies hätte man einem Henry Gamadge eigentlich gar nicht zugetraut, denn die exzentrische Genialität der klassischen Krimi-Detektive geht ihm vollständig ab. Zwar geizt er mit zwischenzeitlichen Hinweisen auf den Stand der Ermittlungen genauso nachdrücklich wie seine Kollegen. Ansonsten ‚versteckt‘ Daly Gamadges durchaus überragenden Intellekt hinter einer betont farblosen Fassade. Damit gibt sie freiwillig ein cozy-typisches Element auf, denn die Schnurren eingebildeter, sprunghafter, charakterstarker Ermittler, die stets für eine Überraschung gut sind, stellen sonst ein unterhaltsames Pfund dar, mit dem Autoren oft und ausgiebig wuchern.
Gamadge verschmilzt mit dem Fall. Nicht selten zieht er im Hintergrund die Fäden und überlässt seinen Helfern das Feld. So ein Detektiv taugt nur bedingt zur Identifikationsfigur. Gamadge ist als Figur schlicht langweilig, und das beeinträchtigt den Spaß an dem sonst fein gesponnenen Kriminalroman stark. Ecken und Kanten weisen höchstens die Nebenfiguren auf, aber auch hier verkneift sich Daly allzu karikierende Typenzeichnungen. Die vermisst man wiederum nicht, sondern anerkennt die (relative) Lebensnähe der Figuren.
_Angelsachsen und Amerikaner_
Mit „Das Buch des Toten“ geht die noch junge Reihe „Fischer Crime Classic“ quasi in die zweite Staffel. Standen bisher klassische Krimis aus England auf dem Verlagsprogramm, folgt nunmehr der Sprung über den Atlantik. Um auf regionale Unterschiede aufmerksam zu machen, ist „Das Buch der Toten“ ein guter Einstieg. Auf der anderen Seite wird (unfreiwillig) deutlich, wieso Elizabeth Daly, die in Agatha Christie eine prominente Fürsprecherin besaß, hierzulande nie populär wurde: Es fehlt an Leichtig- und an Unverwechselbarkeit. Dem Literaturkritiker mag gerade dies erfreuen, aber der Leser vermisst es.
In einem ausführlichen Nachwort („Erfunden, vergessen, neu entdeckt und revolutioniert – Über den amerikanischen Kriminalroman“) erläutert „FCC“-Herausgeber Lars Schafft die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Krimi-Regionen. (Ein zweites Nachwort desselben Verfassers informiert über Leben und Werk der Elizabeth Daly.)
_Die Autorin_
Elizabeth Daly wurde am 15. Oktober 1878 in New York City als Tochter eines Richters geboren. Sie studierte Kunst, arbeitete nach ihrem Abschluss an der Columbia University (1902) jedoch als Lehrerin für Französisch und Englisch am Bryn Mawr College.
Zwar interessierte sie sich Zeit ihres Lebens für Kriminalgeschichten, doch erst in den 1930er Jahren begann Daly selbst zu schreiben. Ihre ersten Versuche blieben erfolglos. Mit der Figur des Bücher-Spezialisten und Gentleman-Detektivs Henry Gamadge änderte sich dies 1940. In rascher Folge verfasste Daly 16 Romane um Gamadge sowie einen von der Serie unabhängigen Thriller.
Bereits 1951 zog sich Daly als Autorin zurück. 1960 wurde sie für ihr Werk von den „Mystery Writers of America“ mit einem „Edgar Award” ausgezeichnet. Kurz vor ihrem 89. Lebensjahr ist Elizabeth Daly am 2. September 1967 im St. Francis Hospital in Long Island gestorben.
_Impressum_
Originaltitel: The Book of the Dead (New York – Toronto : Farrar & Rinehart 1944/London : Hammond 1946)
Dt. Erstausgabe: 1958 (AWA Verlag/AWA Welt der Abenteuer 59)
Übersetzung: Hans Friedrich Kliem
190 Seiten
[keine ISBN]
Diese Neuausgabe: Mai 2009 (Fischer Taschenbuch Verlag/Fischer Crime Classic Nr. 18466)
Übersetzung: Hans Friedrich Kliem
245 Seiten
EUR 7,95
ISBN-13: 978-3-596-18466-8
http://www.fischerverlage.de
John Cassells – Die Schwarzen Tränen

John Cassells – Die Schwarzen Tränen weiterlesen
S. S. Van Dine – Mordakte Kasino

S. S. Van Dine – Mordakte Kasino weiterlesen
Ligny, Jean-Marc – Aqua TM
Naturkatastrophen aller Art beschäftigen fast alle Länder auf unserem Planeten. Klimawandel und mutierte Krankheitserreger, deren Wirken sich schnell zu neuen Pandemien ausweiten können, bedrohen aktuell die gesamte Menschheit. Der Kampf um das Element Wasser wird in absehbarer Zeit genug Sprengkraft besitzen, um Regierungen zu stürzen und Kriege zu entfachen – eine Gefahr, die ebenso schnell einen fanatischen Religionskrieg auslösen könnte, und manche politische Partei oder manch ein Unternehmen könnte beim Rangeln um diesen wichtigsten aller Rohstoffe zum gefährlichen Sicherheitsrisiko werden.
Flüchtlingsströme würden aus wasserarmen Regionen wie eine Invasionsstreitmacht über die Nachbarländer kommen, unaufhaltsam würde ein Krieg um fruchtbaren Lebensraum beginnen, in dem nur die Starken sich durchsetzten und überleben könnten. Noch ist das alles Theorie, aber schon längst gibt es in vielen Ländern Pläne, die sich mit dieser globalen Bedrohung beschäftigen, nur lassen die Strategen sich nicht gerne in die Karten schauen. Das ist Klimapolitik, die Angst macht, und überdies verfolgt jede Nation eigene und darüber hinaus führende Interessen, die sie in diesem Zusammenhang vertritt. Die Erderwärmung und die daraus resultierende klimatischen Veränderungen bedrohen die Machtverhältnisse, und längst schon gibt es neben den wirtschaftlichen Plänen auch Überlegungen militärischer Strategen in dieser Angelegenheit.
Der Preis wird hoch sein, aber wir werden ihn bezahlen müssen, so oder so, und Teil dieses Tributes werden Menschenleben sein. Der französische Autor Jean-Marc Ligny lässt diese Bedrohung in seinem aktuellen Roman „Aqua TM“ zur schrecklichen Wirklichkeit werden.
_Inhalt_
Im Jahr 2030 ist jedem Erdbewohner klargeworden, dass die ständigen Naturkatastrophen, die über die Staaten hereinbrechen, immer schlimmer werden. Die Wüste in der Sahara dringt immer mehr in den Lebensraum, der Sand verschlingt ehemals fruchtbare Regionen und ganze Dörfer, Orkane und Tsunamis bedrohen besonders die Städte an den Küsten, und nicht selten verschwinden ganze Inseln in den Fluten des Meeres. Die Hitze auf dem afrikanischen Kontinent ist mörderisch, der Hautkrebs und auch Infektionskrankheiten wie Malaria sieben schnell unter den Starken und Schwachen aus. Es gibt nur noch Chaos und Anarchie auf dem ehemals blauen Planten.
Als eine fanatische Sekte in den Niederlanden einen Damm sprengt, verlieren in der verheerenden Flutwelle Hunderttausende ihr Leben. Ganze Dörfer werden vernichtet und auch Rudy, ein Holländer, der sich auf Geschäftsreise befindet, verliert bei dem Attentat seine Frau und sein Kind. Verzweifelt und ohne wirkliche Hoffnung auf das Überleben seiner Familie, landet Rudy in einem Auffanglager. Ohne persönliche Papiere und finanzielle Mittel wartet er auf eine Chance und einen Sinn zum Weiterleben.
In dem Auffanglager erwarten Rudy unzureichende Verpflegung und mangelhafte Hygiene. Mitgefühl und Verständnis bringt man den vielen Flüchtlingen nicht entgegen, es herrscht das Recht des Stärkeren. Im Lager schließt sich Rudy wenig später einem Überlebenstraining an. Dort lernt er Nahkampftechniken und den Umgang mit Schusswaffen. Als er Europa den Rücken kehren möchte, kommt ihm ein Angebot als Fahrer für eine Hilfsorganisation gerade recht.
In Afrika wurde ein unterirdisches Wasserreservoir gefunden, das die Versorgung für etwa 50 Jahre gewährleisten könnte. Unendlicher Reichtum und Wohlstand würde dies für das geplagte Land und seine Menschen bedeuten, das unter einer tödlichen, schrecklichen Dürre leidet. Doch auch private Unternehmen zeigen natürlich Interesse an dem Wasser und versuchen mit allen legalen und illegalen Mitteln, sich das Wasserreservoir zu sichern.
Rudy soll für die Hilfsorganisation das Bohrmaterial in das kleine afrikanische Land befördern, und ihm ist bewusst, dass dieses Unternehmen ein Himmelfahrtskommando ist. Es beginnt ein tödlicher Wettlauf um das köstliche und kostbare Wasser.
_Kritik_
Jean-Marc Ligny beschreibt in seinem Roman einen wahren Weltuntergang. Düster, bedrohlich und verzweifelt präsentiert er der Reihe nach einzelne Katastrophen, selbst das Verhalten der Protagonisten mit- und zueinander ist negativ gestimmt.
„Aqua TM“ wird aus der Sicht des Protagonisten Rudy erzählt, der im Laufe der Handlung über sich hinauswächst. Der ehemalige Blumenhändler, der friedlich seinen Geschäften nachging und seine unternehmerischen Interessen vertrat, entwickelt sich zu einem regelrechten Elitekämpfer, der sich seiner Fähigkeiten bislang nicht bewusst war und erst nach einigen gefährlichen Extremsituationen erkennen muss, dass ihm kaum andere Auswege als diese radikale Variante übrig bleiben. Seine Figur ist zumeist zwar glaubhaft, aber auch in einigen Situationen überzeichnet dargestellt.
In einem solchen Thriller gibt es natürlich auch immer die weniger guten Charaktere, und diese sind hier absolut in der Überzahl. Neben der radikalen religiösen Sekte, die sehr weltliche Ziele verfolgt, und auch im Namen Gottes nicht vor Mord zurückschreckt, füllt der Unternehmer Anthony Fuller noch eine wichtige Position aus. Sicherlich fällt er unternehmerische Entscheidungen und seine Perspektive ist durchaus nachvollziehbar, doch begeht er Verbrechen ohne Reue und Nachsicht, und loyal ist er nur gegenüber sich selbst. Doch auch er zahlt für seine Verfehlungen und Verbrechen einen hohen Preis: Seine Frau Pamela rächt sich für die Ignoranz ihres Mannes, indem sie sich der radikalen Sekte anschließt.
Jean-Marc Ligny lässt seine Protagonisten leiden, die Guten ebenso wie die Bösewichte. Jeder bekommt die Umweltkatastrophen zu spüren, auch wenn man in einer sicheren, in sich geschlossener Enklave lebt, die vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt existiert. Man beeinflusst und kontrolliert sein Leben mit Medikamenten und synthetischen Drogen. Soziale Abgrenzung ist an der Tagesordnung und manche Menschen ziehen sich in die virtuelle Welt zurück, die aber auch ihre Gefahren birgt.
„Aqua TM“ ist spannend zu lesen, auch wenn die Story besonders zum Ende hin immer unglaubwürdiger wird und einige unlogische Passagen und Entwicklungen auftauchen. Ernüchternd ist auch die Grundstimmung, vielleicht auch gerade deswegen, weil diese uns mit einer durchaus möglichen Zukunft konfrontiert: Wer hört schon gerne, dass die Natur erbarmungslos zurückschlägt und dabei keine Gnade kennt? Zynisch ist der Grundton des Autors Ligny, der auch nicht davor zurückschreckt, manchmal etwas sehr reich an Details so manche dramatische Situation noch ein wenig abstoßender zu beschreiben. Mitgefühl gegenüber den Schicksalen der Protagonisten empfindet man wenig, so emotionsfrei ist der Stil von Jean-Marc Ligny.
_Fazit_
„Aqua TM“ ist ein erschreckender Thriller, der zwar durchaus Spannung erzeugt, aber diese nicht wirklich anhaltend und packend vorantreibt. Viele Situationen sind vorhersehbar und wenig überraschend. Zwar gibt es nicht viele Längen in der Erzählform, doch der nüchterne und emotionslose Stil mindert das Interesse des Lesers und hält ihn auf Distanz.
Der Plot ist reißerisch und erwartungsvoll, doch kann ich „Aqua TM“ letztlich nur bedingt empfehlen. Als Leser hätte ich gerne mehr von den Naturkatastrophen erfahren und davon, wie die Bevölkerung damit umgeht, welche Schutzmaßnahmen getroffen werden. Das wird leider immer nur kurz angesprochen und geht dann in dem gnadenlosen und spektakulären Wettlauf um das Wasserreservoir unter. Da sich die Geschichte primär in Afrika abspielt, erzählt der Autor in der Folge viel zu wenig von den anderen Kontinenten, die ebenso um ihr Überleben kämpfen und sich schützen müssen.
„Aqua TM“ ist interessant, durchaus spannend, aber inhaltlich ist die Story zu überzogen und zu konzentriert auf einen zu kleinen Fokus. Etwas mehr Abwechslung hätte diesem Umweltthriller gutgetan.
_Der Autor_
Jean-Marc Ligny ist Bretone und hat bereits mehrere Jugendromane und Romane für Erwachsene veröffentlicht. Er ist Rockgitarrist und wurde in dem Jahr geboren, das der Entsendung der ersten Sputnik voranging, also 1956. Für „Aqua TM“ hat er viele Preise erhalten, unter anderem den Preis |Un autre terre|.
|Originaltitel: Aqua TM
Aus dem Französischen von Ulrike Werner-Richter
813 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2358-6|
http://www.luebbe.de


















