Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

McFadyen, Cody – Böse in uns, Das

Wer das Treiben des amerikanischen Schriftstellers Cody McFadyen schon etwas länger verfolgt, für den ist die FBI-Agentin Smokey Barrett keine Unbekannte. Smokey hat in „Das Böse in uns“ bereits ihren dritter Auftritt und muss sich auch dieses Mal mit einem verzwickten Fall herumschlagen …

Lisa Reid, eine junge Frau, die früher ein Mann war und zudem einflussreiche Eltern in der Politik hat, wird während eines Flugs getötet. Erst als das Flugzeug gelandet ist, merkt man, dass Lisa nicht mehr lebt. Smokey und ihr Team bekommen den Fall, da aufgrund des Berufs der Eltern besondere Rücksichtnahme nötig ist. Nichts darf an die Presse, doch dann stellt sich heraus, dass der Mörder im Körper der Leiche ein Kreuz mit einer Zahl hinterlassen hat. Was hat das zu bedeuten? Die Zahl ist dreistellig – hat der Mörder etwa schon über hundert Tote auf dem Gewissen?

Tatsächlich findet man wenig später die Leiche einer weiteren Frau, einer ehemaligen Prostituierten. Smokey sucht nach Berührpunkten zwischen den Opfern. Es scheint, als ob sie alle ein düsteres Geheimnis verbergen würden. Kurz darauf nimmt der Mörder Kontakt zu den Ermittlern auf: über eine Videoplattform, ähnlich dem Portal |youtube|. Das Dumme dabei ist, dass er außerdem die Videos sämtlicher Morde in den letzten Jahren hochlädt und sich dieser Skandal im Internet natürlich rasend verbreitet. Die Ermittler stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie haben immer noch keine Spur, und nun droht der Täter damit, als nächstes ein Kind umzubringen …

„Das Böse in uns“ ist eines dieser Bücher, bei denen sich alles um die Hauptperson dreht. Smokey Barrett ist allerdings auch eine selten gute Protagonistin. Sie wirkt sehr eindrücklich und unglaublich realistisch, da sie durch ihren Beruf und einige harte Schicksalsschläge gezeichnet ist. Das sorgt dafür, dass sie sich zum einen sehr viele Gedanken über das Leben macht (und dabei auf einen großen Schatz von Erfahrungen zurückgreifen kann) und zum anderen eine sehr eigene, beinahe schon zynische Sicht der Dinge zugelegt hat. Gleichzeitig wird sie aber nie zu einseitig. Ein Hoffnungsschimmer bleibt immer. McFadyen hat eine schöne Balance zwischen der düsteren und hoffnungsvollen Seite seiner aus der Ich-Perspektive erzählenden Hauptperson gefunden, so dass der Leser sich gut mit ihr identifizieren kann.

Smokey schildert die Handlung also aus ihrer Sicht – auch wenn es einige, seltene andere Perspektiven gibt – und reichert diese daher mit sehr vielen Überlegungen und Meinungen zum Geschehen an. Der Thriller ist dadurch alles andere als objektiv, denn Smokey durchtränkt, wie bereits erwähnt, das ganze Buch mit ihrer starken Persönlichkeit. Da diese Abschweifungen trotz allem auf den Punkt kommen und nicht ausufern, behindern sie die spannende, geradlinige Handlung nicht. McFadyen schafft es, den Leser das ganze Buch über bei der Stange zu halten, indem er eine fesselnde Verbrecherjagd inszeniert. Gefüttert mit nur dem Nötigsten, fiebert der Leser mit der Heldin und ihren Leuten mit und folgt gebannt den einzelnen, häufig falschen Spuren.

Der Schreibstil des Autors hängt sehr eng mit der Hauptperson zusammen, da aus ihrer Ich-Perspektive erzählt wird. Genau wie Smokey ist die Geschichte dadurch manchmal zynisch, manchmal verletzlich, dann wiederum taff und aggressiv. McFadyens Umgang mit der Sprache ist elegant, ohne hochgestochen zu klingen. Er webt viele Sprichwörter und Redewendungen ein, was den Eindruck, Smokey direkt gegenüberzusitzen, zusätzlich verstärkt. Die Atmosphäre ist insgesamt recht düster und traurig, ganz wie die schicksalsgebeutelte Protagonistin, versinkt aber nicht in einem Tränenmeer.

„Das Böse in uns“ von Cody McFadyen ist ein rundherum gelungener Thriller mit einer spannenden Handlung, einer entsprechenden Grundstimmung und einer tollen Protagonistin. Der Roman ist zwar nicht unbedingt die originellste Kost – Serienmörder kommen ja mittlerweile in fast jedem amerikanischen Thriller vor -, lässt sich aber leicht lesen und bereitet Freude.

|Originaltitel: The darker side
Aus dem Englischen von Axel Merz
445 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-7857-2339-5|
http://www.luebbe.de
http://www.codymcfadyen.com

_Cody McFadyen bei |Buchwurm.info|:_

[„Die Blutlinie“ 3120
[„Der Todeskünstler“ 4473

Haines, Carolyn – Mädchen im Fluss, Das

Das Städtchen Drexel in Mississippi, im Sommer 1952: Die schwarze Jade führt einen Schönheitssalon und richtet im Bestattungsinstitut die Verstorbenen her. Obwohl alle Einwohner ihre Fertigkeiten schätzen, wird sie wie alle Farbigen gemieden und als Mensch zweiter Klasse behandelt. Zusätzliches Misstrauen entsteht durch die Gerüchte, Jade könne mit den Toten sprechen.

Jade wurde von dem schwarzen Ehepaar Ruth und Jonah aufgezogen, doch jeder in der Stadt weiß, dass sie die uneheliche und nicht anerkannte Tochter von Lucille Sellers Longier, Drexels First Lady, ist, auch wenn niemand über dieses offene Geheimnis spricht. Während sie Jade verleugnet, vergöttert Lucille ihre jüngere Tochter Marlena, eine blonde Schönheit, die mit dem reichen Lucas Bramlett verheiratet ist. Marlena und Jade sind befreundet, ohne jedoch ein echtes Schwesternverhältnis zu pflegen.

An einem Sommertag macht Marlena mit ihrer kleinen Tochter Suzannah einen Ausflug in den Wald. Wenig später wird Marlena schwerverletzt aufgefunden, Suzannah ist spurlos verschwunden. Deputy Frank Kimble nimmt die Suche nach dem Mädchen und den Männern auf, die Marlena beinahe umgebracht haben, unterstützt von Jade – eine gefährliche Aufgabe …

Ein bisschen Mystik, ein bisschen Krimi, eine intensive Atmosphäre und ein Hang zu den Südstaaten zeichnen die Romane von Carolyn Haines aus. Ähnlich wie ihr Erfolgsroman „Am Ende dieses Sommers“, greift auch dieses Werk auf diese bewährte Mischung zurück.

|Teilweise interessante Charaktere|

Im Mittelpunkt steht die Afroamerikanerin Jade, deren Ansehen in der Stadt von Widersprüchen geprägt ist. Einerseits ist ihr Schönheitssalon mit den Bildern der Hollywoodstars der einzige Hauch von Luxus im ländlichen Drexel, ein Anlaufpunkt für alle Damen der Gesellschaft, die sich widerwillig eingestehen müssen, dass niemand bessere Frisuren und Make-ups zaubert als die geheimnisvolle Farbige. Auch auf ihre Dienste im Bestattungsinstitut will niemand verzichten. Jade besitzt das Geschick, allen Toten einen würdigen Anblick zu verleihen. Mit Rouge, Wachs, Vaseline und Blumensträußen kaschiert sie die Makel des Todes, sodass selbst Angehörige von Unfallopfern nicht auf einen offenen Sarg verzichten müssen. Auf der anderen Seite ist die Einzelgängerin Jade den meisten Bewohnern unheimlich; es geht das Gerücht um, sie könne mit den Toten sprechen. Jade trägt ihr Außenseiterdasein mit Würde. Sie hat Jonah und Ruth, das schwarze Dienstbotenehepaar, als Eltern akzeptiert und ignoriert ihre leibliche Mutter Lucille. Sie drängt auch Marlena nicht dazu, sich als ihre Schwester zu bekennen, und ist damit zufrieden, der kleinen Suzannah Babysitterin zu sein.

Weiterhin gelungen ist die Figur des Deputys Frank Kimble. Ein düsteres Familienschicksal lastet auf dem Kriegsveteran, der seit seinem Einsatz unter einem Trauma leidet. Trotz seiner verdienstvollen Arbeit wird er ähnlich misstrauisch beäugt wie Jade; kein Wunder also, dass die beiden einander näherkommen. Bedeutsame Nebenfiguren sind außerdem Jades Zieheltern Ruth und Jonah und Lucille, von Jonah verehrt, von Ruth gehasst; zudem noch Dotty, Marlenas vorgeblich beste Freundin, ein oberflächliches Frauenzimmer, stets auf Männersuche und bald in eine Affäre mit Lucas Bramlett verstrickt. Allerdings erhält Dotty, die zunächst eine unsympathische Figur ist, gegen Ende noch Gelegenheit, sich zu bewähren, und erscheint in einem freundlicheren Licht. Marlena, von der Handlung her einer der wichtigsten Charaktere des Romans, geht dabei ein wenig unter; über ihr Verhältnis zu Jade wird mehr gesagt, als dass man es wirklich erlebt.

|Spannend und atmosphärisch|

Es ist ein typisches Bild der Südstaaten in den Fünfzigerjahren, das die Autorin hier entwirft. Ein schwüler Sommer mit drückender, feuchter Hitze, eine Kleinstadt voller Vorurteile und gestrigem Denken sowie eine scharfe Rassentrennung, auch wenn sie teilweise nur indirekt zum Tragen kommt. Afroamerikaner sind Menschen zweiter Klasse, werden entweder offen angefeindet oder gönnerhaft wie loyale Dienstboten behandelt. Auch wenn dies kein typischer Krimi ist, wird für Spannung gesorgt. Lange Zeit ist unklar, wer hinter dem Überfall auf Marlena steckt, welches Motiv sich dahinter verbergen mag. Während Marlena mit dem Überleben kämpft, weiß niemand, ob Suzannah noch lebt, ob vielleicht eine Lösegeldforderung eingeht und wo man suchen soll. Jade begegnet auf ihrer Suche nach ihrer Nichte unverhohlenem Hass, und zu Recht bangt Frank Kimble bald auch um ihre Sicherheit.

|Kleine Schwächen|

Weniger gelungen sind die spirituellen Einschläge, die ab und zu in der Handlung aufblitzen. Sowohl Jade als auch Frank erleben Visionen, die ihnen etwas über Suzannahs Schicksal verraten – ein unnötiges Konstrukt, das zudem etwas von der Spannung raubt. Tatsächlich wird die Suche nach Suzannah im Verlauf der Handlung noch in den Hintergrund gerückt; ihr Vater verhält sich gleichgültig, Jade konzentriert sich auf ihre Halbschwester, Frank kommt in den Wäldern hinter ein grauenvolles Geheimnis und schließlich wird auch noch Dotty entführt – alles interessante Nebenhandlungen, die aber etwas zu dominant im Vergleich zu dem verschwundenen Mädchen behandelt werden. Auch das Ende ist nicht optimal; nachdem sich der Kreis scheinbar geschlossen hat, wird auf den letzten beiden Seiten eine neue Entwicklung angedeutet, die fast Platz für einen Fortsetzungsroman böte und zu lapidar die Handlung beschließt.

_Als Fazit_ bleibt ein atmosphärisch dichter Südstaatenkrimi, der überzeugend das Flair der Gegend am Mississippi in den Fünfzigerjahren einfängt. Die Hauptcharaktere sind gelungen, allerdings haben sich auch ein paar kleine Schwächen eingeschlichen. Insgesamt erreicht der Roman nicht die Klasse von Haines Erstling „Am Ende dieses Sommers“, ist aber allen Südstaateninteressierten ans Herz zu legen.

_Die Autorin_ Carolyn Haines, Jahrgang 1953, wuchs in Mississippi auf und arbeitete zunächst zehn Jahre lang als Journalistin, ehe sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Anfangs verfasste sie unter Pseudonym Romanzen, heute schreibt sie Kriminalromane, die alle in den Südstaaten spielen. Zu ihren Werken zählen unter anderem „Am Ende dieses Sommers“, „Der Fluss des verlorenen Mondes“ und „Wer die Toten stört“.

|Originaltitel: Penumbra
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karl-Heinz Ebnet
333 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2328-9|

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John Dickson Carr – Der vergoldete Uhrzeiger

Carr Uhrzeiger Cover kleinDas geschieht:

Im Londoner Kaufhaus Gamridge stiehlt eine Ladendiebin eine kostbare Uhr. Vom Hausdetektiv erwischt, schlitzt sie diesem den Bauch auf und entkommt: ein bizarrer Mordfall so recht nach dem Herzen von Gideon Fell ist, der als Amateur-Ermittler so berühmt ist wie als Wissenschaftler.

Besagte Uhr wurde von Johannus Carver hergestellt, einem Meister seines Fachs, der zurückgezogen in einem großen Haus lebt. Dorthin begibt sich Fell, der den Uhrmacher und seine seltsame ‚Familie‘ gern persönlich kennenlernen möchte. Der Besuch erfolgt unter dramatischen Umständen: Gerade fanden die Bewohner einen Unbekannten tot in einem der Zimmer; der Mann ist offenbar ein Einbrecher. In seinem Nacken steckt der Minutenzeiger einer gewaltigen Turmuhr. John Dickson Carr – Der vergoldete Uhrzeiger weiterlesen

Kane, Andrea – Angsttage

Blut ist dicker als Wasser – aber ist es so dick, dass man dafür morden würde? Andrea Kane beantwortet diese Frage in ihrem Roman „Angsttage“ auf anschauliche Art und Weise.

Sally Montgomery ist eine tierliebe Kindergärtnerin, die für ihre Zähigkeit und Freundlichkeit bekannt ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und widmet ihre Zeit vor allem ihren Tieren. Als der reiche Unternehmer Frederick um ihre Aufmerksamkeit buhlt, gibt sie sich erst bescheiden, lässt sich aber dann doch von ihm dazu überreden, einen Wochenendtrip in die Berge zu machen. Doch dieser endet in einer Katastrophe.

Frederick wird erschlagen und verbrennt zusammen mit ihrer Hütte, Sally kann gerade so flüchten. Ihr wird schnell klar, dass es nicht besonders schlau wäre, zuhause aufzutauchen, wenn der Mörder Fredericks ihr noch auf den Fersen sein könnte – und wenn die Polizei sie verdächtigt, den Brand gelegt zu haben. Verzweifelt meldet sie sich bei ihrer ältesten Tochter Devon, die sofort Sallys Ex-Mann und ihren Vater Monty darüber informiert.

Monty, ein ehemaliger Cop, arbeitet als Privatermittler, und trotz der Trennung liebt er Sally immer noch. Er schwört Stein und Bein, die Täter zu finden, damit Sally nach Hause kommen kann. Mithilfe von Devon beginnt er, Fredericks Familie, die schwerreichen Piersons, auszuspionieren. Er glaubt, dass die Wurzel allen Übels dort zu finden ist. Und tatsächlich scheinen einige Familienmitglieder mehr zu wissen, als sie zugeben …

Andrea Kanes Geschichte strotzt nicht unbedingt vor Originalität. Die Handlung, die sie erzählt, ist nicht die erste, die sich mit den Machenschaften eines Familienclans auseinandersetzt, und hat dieser Thematik auch nichts Neues hinzuzufügen. Dass die Geschichte nicht so einfach zu durchschauen ist, hängt vor allem damit zusammen, dass die Autorin es versteht, falsche Spuren auszulegen und ihre Personen in Ungereimtheiten zu verstricken. Der Leser fragt sich beinahe automatisch, wer denn nun hinter der ganzen Sache stecken könnte. Da es nur eine begrenzte Anzahl verdächtiger Personen gibt, ist das Rätselraten einfach – und trotzdem kommt das Ende überraschend, wirkt aber nicht an den Haaren herbeigezogen.

Auch wenn Kane nicht viel Zeit darauf verwendet, einen großartigen, spannungsgeladenen Plot zu entwerfen, weist die Geschichte einige nette Wendungen auf und ist stellenweise sogar fesselnd. An und für sich ist „Angsttage“ aber zu breit angelegt, um wirklich mitreißend zu sein. Das Privatleben der Figuren nimmt zu viel Platz ein beziehungsweise Kriminalfall und Privatleben werden zu stark vermischt. Das ist vor allem bei Devon der Fall, die eine Affäre mit einem der Piersons beginnt. Des Weiteren wirkt Montys Ermittlergeschick häufig überstürzt. Er löst einige Ungereimtheiten zu schnell auf, was weder der Geschichte noch der Person des Monty gut tut.

Davon einmal abgesehen, sind die restlichen Figuren durchweg gelungen. Es handelt sich um bodenständige Menschen, die sehr optimistisch und freundlich sind. Sie sind gut ausgearbeitet und man kann sich mit ihnen identifizieren; was aber letztendlich störend ist, ist der Mangel an Ecken und Kanten, an düsteren Geheimnissen. Negative Gefühle findet man bei den Montgomerys selten. Diese Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität wird dem einen oder anderen vielleicht sauer aufstoßen, auch wenn Andrea Kane ansonsten saubere Arbeit geleistet hat.

Mit ihrem Schreibstil verhält es sich ähnlich. Auch dieser ist locker-luftig und insgesamt sehr optimistisch. Kane schreibt flüssig, leicht lesbar und verplaudert sich dabei an der einen oder anderen Stelle. Sie schweift aber glücklicherweise nie zu weit ab, sondern polstert die Geschichte dadurch unterhaltsam auf. Spaß machen auch die kleinen Neckereien zwischen den Hauptfiguren, die lebendig und realistisch wirken und manchmal sogar zum Lachen animieren.

„Angsttage“ ist kein straff durchkomponierter, hochspannender Thriller, sondern eher die Familienvariante davon. Nett, beschaulich, aber trotzdem gut geschrieben und sorgfältig aufgebaut. Andrea Kanes Geschichte ist sicherlich nicht für jeden etwas, wird ihren Leserkreis aber finden.

|Originaltitel: Wrong Place, Wrong Time
Aus dem Englischen von Karin Meddekis
444 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-404-15916-1|
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Gerritsen, Tess – Leichenraub

Im Jahre 1830 war die Medizin in Europa und Übersee bereits recht fortschrittlich. Universitäten mit ihren erfahrenen Doktoren und Professoren der Medizin bildeten die angehenden und zukünftigen Ärzte theoretisch und praktisch aus. Ärzte gehörten damals auch schon der sozialen Oberschicht an, und Studenten aus armem Hause mussten entweder zu Geld gekommen sein oder ein einflussreicher Gönner ebnete dem jungen Mann den Weg zu Respekt und Einkommen.

In den Krankenhäusern war der Chefarzt im Grunde ein Alleinherrscher, ein Gott in Weiß und für viele Kranke die letzte Hoffnung. Assistenzärzte und Studenten wurden ausgenutzt und oftmals mit sich und den Patienten allein gelassen. Hygiene in den Hospitale und Krankenhäuser war nur wenig bekannt und wurde nicht umgesetzt, oftmals einfach nur aus Unkenntnis.

Wie es auch heute der Fall ist, mussten die jungen Männer Leichen obduzieren, um den menschlicher Körper und seine komplexen Organe analytisch und mit den Augen und Fingern eines Mediziners verstehen zu können. Typische Krankheitszeichen oder Mangelerscheinungen konnten so identifiziert werden und Rückschlüsse auf den Krankheitsverlauf zulassen.

Mit der steigenden Anzahl von Universitäten stieg ebenso die Nachfrage nach Leichen zur Obduktion. Hingerichtete Verbrecher wurden per Gesetz auf den Vivisektionstisch der angehenden Studenten gelegt und für Studienzwecke seziert, ansonsten gab es nur die illegale Möglichkeit, entwendete Leichen von zwielichtigen Leichenräubern zu kaufen. Natürlich galt so eine Tat als ungesetzlich, und für dieses Vergehen erwartete den Leichenräuber der Galgen, doch das Geld, das man für eine ‚frische‘ Leiche bekommen konnte, war es wert, das Risiko einzugehen.

Tess Gerritsen hat in ihrem aktuellen Roman „Leichenraub“ bei |Limes| diese Thematik in einem spannenden Roman zum Leben erweckt.

_Inhalt_

Julia Hamil, die gerade ihre Ehe beendet und ein Haus samt Anwesen in Boston gekauft hat, stürzt sich in die Restauration und Renovierung ihres neuen Heimes. Haus und Garten bedürfen neben ihrem persönlichen Selbstbewusstsein eine Menge an Aufarbeitung. Bei der Gartenarbeit stößt sie auf etwas recht Hartes und scheinbar Großes, wahrscheinlich einen Stein, den sie in wilder Entschlossenheit ausgraben will. Doch beim näheren Hinsehen entpuppt sich der Stein als Totenschädel, und Julia sieht vor sich nicht mehr ihren neu erworbenen, chaotischen Garten, sondern vielmehr unerwarteterweise ein Grab.

Die Leiche wird von der forensischen Abteilung unter der Leitung der Pathologin Dr. Maura Isles ausgegraben und untersucht. Es handelt sich um die Gebeine einer jungen Frau, die vor circa 200 Jahren ermordet wurde – die Verletzungen des Schädelknochens lassen keine andere Vermutung zu.

Geschockt und verwirrt, fühlt sich Julia in ihrer neuen Bleibe nun etwas unwohl, denn auch die Vorbesitzerin, eine alte Frau, fand man leblos in ihrem Garten, allerdings war sie da schon seit knapp drei Wochen tot. Nur wenige Tage später bekommt Julia einen Anruf aus Maine. Es ist der Cousin der Vorbesitzerin, Henry Paige, der in sechs Kartons alle Dokumente der alten Frau besitzt. Ihn interessiert, was es mit den alten Knochen auf dem Anwesen auf sich hat. Wer war die junge Frau, die eines gewaltsamen Todes starb und heimlich verscharrt wurde? Anhand der Dokumente versuchen er und Julia die Vergangenheit zu rekonstruieren, um etwaige Hinweise darauf zu finden, was sich vor knapp zwei Jahrhunderten abgespielt haben könnte.

Die alten Briefe, unterzeichnet von einer Person mit den Initialen O. W. H., führen Julia und Henry in das Jahr 1830 in Boston. Hier ist der Tod allgegenwärtig in den Armenvierteln und Krankenhäusern der wachsenden Stadt. Der junge Student Norris Marshall, der an der medizinischen Fakultät in Boston studiert und auf einer Farm in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, verdient sich etwas Geld für seinen Lebens- und Ausbildungsunterhalt mit dem Ausgraben und Verkaufen von Leichen für die medizinische Hochschule. Er ist ein talentierter und ehrgeiziger Medizinstudent, der in der Medizin seine wahre Berufung sieht und davon träumt, später ein angesehener und erfolgreicher Arzt zu sein, so dass er seine soziale Unterschicht endlich hinter sich lassen kann.

Rose Connolly, eine junge irische Frau, die gerade in die Staaten ausgewandert ist, um sich eine neue Existenz aufzubauen, wacht in einem Bostoner Krankenhaus am Bett ihrer Schwester Aurina, die kurz vor der Entbindung steht. Hier lernt die junge Frau auch Norris Marshall kennen, der mit seinem Doktorvater und anderen medizinischen Studenten die morgendliche Visite durchgeht. Die schwangere Frau ist schwach, und unkontrollierte Blutungen setzen eine komplizierte Geburt in Gang. Kurz nach der Geburt stirbt Aurina an Schwäche und Meggie, ihrer neugeborenen Tochter, droht das Waisenhaus, doch Rose fühlt sich ihrer Schwester verpflichtet und nimmt sich ihrer jungen Nichte an. Sie arbeitet als Schneiderin für ihren Schwager, einen Trinker und groben Mann, der nur seine eigenen Vorteile sieht.

Eines Abend entdeckt Rose in der Nähe des Krankenhauses die Leiche einer Krankenschwester, die fast ausgeweidet wurde. Die Tat musste in den letzten Minuten geschehen sein und Rose sieht einen dunkel gekleideten Mann mit weißem, todesähnlichem Gesicht, der sich ihr nähert. Sie flieht panisch durch die dreckigen Straßenschluchten und läuft Norris Marshall, der mit einem Studienkollegen unterwegs ist, in die Arme.

Als in den nächsten Nächten wiederum eine Krankenschwester dem „Reaper“ zum Opfer fällt und Norris durch Zufall die verstümmelte Leiche findet, wird er selbst zum Tatverdächtigen. Denn die Verletzungen der toten Frauen legen den Verdacht nahe, dass es sich um jemanden handeln muss, der medizinische Kenntnisse vorweisen kann bzw. vielleicht Tiere wie Kälber und Schweine getötet und ausgenommen hat. Beides hat spricht daher als Indiz gegen den jungen Medizinstudenten, der nun um seiner eigenen Sicherheit willen den wahren „Sensenmann“, den er leibhaftig bei dem zweiten Opfer gesehen hat, finden muss – sonst befinden sich seine medizinische Laufbahn und sein Leben in höchster Gefahr.

Rose hingegen, die er als Zeugin benötigt und zu der er sich immer mehr hingezogen fühlt, wird von einem unbekannten Mann gebeten, ihm ihre Nichte Meggie zu überlassen – gegen ein großzügiges Entgelt, das alle ihre finanziellen Sorgen und Nöte im Nu verschwinden lassen könnte. Doch Rose ist nicht bestechlich und sieht sich nun zusammen mit ihrer kleinen Nichte einer Gefahr ausgesetzt, die sie nicht erkennen kann. Verzweifelt wendet sie sich vertrauensvoll an Norris Marshall und bringt sich damit noch mehr in Gefahr.

_Kritik_

Tess Gerritsen hat mit „Leichenraub“ einen Thriller geschrieben, der diemsal nicht die Reihe um Dr. Maura Isles fortsetzt. Zu Beginn kommt diese kurz vor, als sie Julia darauf hinweist, dass die junge Frau, deren Skelett sie im Garten fand, ermordet wurde. Also gibt es nur ein kurzes Gastspiel, aber die Haupthandlung ist spannend und interessant genug und kommt auch ohne die erfahrene und bei der Leserschaft beliebte Pathologin aus.

„Leichenraub“ ist eher ein historischer Krimi und als solcher literarisches Neuland, auf dem sich Gerritsen bewegt. Sie nimmt diese Hürde aber formidabel und inszeniert den Historienkrimi gekonnt, einfallsreich und spannend. Die Story spielt sich in zwei Zeitebenen ab: einmal natürlich die Gegenwart mit der jungen Julia und ihrer schaurigen Entdeckung und Spurensuche, und das Jahre 1830, das das historische Element bestimmt und den größten Erzählumfang einnimmt.

Tess Gerritsen, die selbst Ärztin ist, weiß, wovon sie schreibt und wie sie plastisch und realistisch ihr Wissen dem Leser zu vermitteln hat. Die Medizin ist hierbei die zentrale Figur, die den menschlichen Protagonisten so manches Mal den Platz auf der Bühne nimmt. Die Behandlungstechniken, die Hygiene der damaligen Zeit, die Forensik und Pathologie mussten ohne die technischen Möglichkeiten der heutigen Zivilisation auskommen, und viele kranke Menschen mussten schlicht aus mangelndem Wissen ihr Leben lassen. Ohne Antibiotika oder Radiologie und sonstige medizinische Technik waren die Ärzte nur auf ihr eher spärliches Wissen angewiesen, das sie entweder fachgerecht erlernten oder sich durch Kollegen und Experimente selbst aneignen konnten. Auch diese Aspekte erklärt die Autorin interessant und lehrreich und man sollte sich wundern, wie spannend medizinische Geschichte erzählt werden kann.

Die Story eines Frauenmörders ähnelt natürlich sehr seinem englischen Verwandten „Jack the Ripper“; auch dieser muss medizinische Grundkenntnisse gehabt haben, also ist die Idee eines unheimlichen Frauenmörders aus dem medizinischen Umfeld insofern nichts Neues. In der Handlung gibt es generell wenig Überraschendes; nach einem gut erkennbaren Muster wird der Leser schon im letzten Drittel der Handlung wahrscheinlich richtig kombinieren und die Identität des Täters offenbart haben. Die geschilderten Vorgänge sowie die Entwicklung die Protagonisten und ihr Zusammenspiel sind dagegen spannend und abwechslungsreich geraten, aber auch dies nur vor dem medizinischen Hintergrund. Die Grundstimmung ist unheimlich; die düsteren Hinterhöfe und Straßen Bostons, die mangelnde Hygiene in den damaligen Krankenhäusern und auch die detailreiche Schilderung der Vivisektion eines Leichnams oder der Raub einer Leiche im Schutze der Nacht auf einem Friedhof jagen dem Leser einen wohligen Schauder über den Rücken.

Die Protagonisten sind mit kräftiger Linienführung gezeichnet, allen voran der talentierte Jungstudent Norris Marshall, der seiner Vergangenheit entfliehen möchte und jede Mühe auf sich nimmt, um seine Zukunft möglichst erfolgreich und beständig abzusichern.

Als Kritikpunkt empfinde ich den gegenwärtigen Handlungsstrang, der mir recht überflüssig erscheint; hier hätte es gar keinen Wechsel zwischen den zeitlichen Ebenen geben müssen. Zu verwirrend sind die Sprünge und die Erklärungen; am Anfang und am Ende sind diese noch gut platziert, aber zwischendurch hemmen sie einfach die aufkommende Spannung der eigentlichen Handlung.

_Fazit_

„Leichenraub“ von Tess Gerritsen ist ein empfehlenswerter Thriller. Um das Prädikat sehr gut zu erreichen, hätte sich die Autorin auf die Erzählebene der Vergangenheit beschränken sollen. Ein historischer Thriller sollte der Erwartungshaltung genügen, gut recherchiert worden zu sein und sich auf Fakten und Beweise zu stützen, was der Autorin auch großartig gelingt. Ich hoffe, dass sie weitere Thriller im historischen Bereich verfassen wird, da sie auch hier zeigt, wie brillant man Medizin in einen spannenden Thriller umzusetzen vermag. „Leichenraub“ ist allerdings ein in sich abgeschlossener Roman, so dass es keine weiteren Episoden geben wird.

|Originaltitel: The Bone Garden, 2007
Übersetzung: Andreas Jäger
442 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-8090-2539-9|
http://www.limes-verlag.de

_Tess Gerritsen auf |Buchwurm.info|:_
[„Todsünde“ 451
[„Die Chirurgin“ 1189
[„Der Meister“ 1345
[„Roter Engel“ 1783
[„Schwesternmord“ 1859
[„Akte Weiß: Das Geheimlabor“ 2436
[„Scheintot“ 3913
[„Blutmale“ 4107
[„In der Schwebe“ 4454

Permezza, Franca – Partitura di Praga

_Story_

Commissario Trattoni ist erzürnt, als er mitten in der Nacht zu einem vermeintlichen Tatort gerufen wird, an dem ein nicht identifizierter Mann erhängt wurde. Immerhin ermittelt der Beamte in Venedig, und dort gibt es ständig Suizidkandidaten, die an Brücken oder im Gewässer gefunden werden. Doch der Tote wurde offensichtlich ermordet, allerdings erst später am Strick befestigt.

Trattoni findet recht bald heraus, dass es sich bei der Leiche um einen begabten tschechischen Musiker handelt, der bereits in den Neunzigern ausgewiesen wurde. Auf einer Reise nach Prag lernt Trattoni die Witwe des Opfers kennen und erfährt auch etwas mehr über dessen stille Liebschaften, über seinen Bezug zur Freimaurerloge und seine Passion für die klassische Musik.

Als in diesem Zusammenhang ein vermeintliches Original einer Mozart-Partitur auftaucht, verdichten sich für den Comissario die Motive für den Mord an dem Tschechen. Als er jedoch ein zweites Mal nach Prag aufbricht, scheint ihm der Fall zu entgleiten. Während seiner Abwesenheit wird ein Hauptverdächtiger ermordet und der Fall an Trattonis verhassten sizilianischen Konkurrenten vergeben. Gegen jegliche Vernunft ermittelt der schwergewichtige Diabetiker auf eigene Faust – und muss dafür fast einen hohen Preis zahlen.

_Persönlicher Eindruck_

Franca Permezzas zweites Buch um den fettleibigen Commissario Trattoni ist im Grunde genommen ein typisch italienischer Krimi, dessen schematischer Aufbau sich sehr gut in der Masse der dort veröffentlichen Kriminalliteratur verstecken könnte. Die Figuren lassen sich in entsprechende Sparten-Schubladen einsortieren, die üblichen Klischees um die einheimische Küche und Kultur werden gerne und effizient aufgegriffen, und auch die Detailverliebtheit bei der Darstellung der Schauplätze ist in diesem Genre gerade in den südländischen Publikationen handelsüblich und macht „Partitura di Praga“ zunächst einmal nur zu einem gewöhnlichen Roman mit Lokalkolorit.

Aber auch der Fall selber ist nicht wirklich spektakulär konzipiert. Eine merkwürdige Leiche baumelt an einer Brücke in Venedig und wurde wahrscheinlich Opfer einer tragischen Liebschaft – so weit, so gut; allerdings hat man dergleichen in ähnlicher Form schon häufig gelesen. Interessant wird das Ganze erst durch die Beziehungen zu den Freimaurern und die Entdeckung einer eigenartigen Partitur, die womöglich von Amadeus Mozart höchstpersönlich verfasst wurde. Allerdings gelingt es der Autorin nur sehr sporadisch, diese Inhalte auch passend in die Handlung einzubauen. Die Mordfälle und die möglichen Ursachen laufen bei der Aufklärung anfangs ein wenig aneinander vorbei und finden erst im Schlussdrittel zusammen, was die Story stellenweise willkürlich erscheinen lässt. Und hierin besteht auch das eigentliche Problem von „Partitura di Praga“.

Bei der Rahmenbeschreibung hingegen zeigt sich Permezza als eine der Besten ihres Faches. Die Schreiberin zeichnet ein recht ambivalentes Bild ihrer Heimatstadt Venedig, gibt sich betont ortskundig und liebevoll bei ihren Darstellungen, wettert aber zwischen den Zeilen auch immer wieder gegen den steten Verfall der Romantik-Hauptstadt. Das ist lebendig, fachlich bemerkenswert und auch richtig angenehm zu lesen. Darüber hinaus sind die kulinarischen Umschreibungen ebenfalls schön in den Plot eingewoben, wenngleich sie manchmal schon einen sehr dominanten Part zugesprochen bekommen. Aber schließlich gehören sie zum italienischen Krimi wie die Butter aufs Brot und sind daher auch in der üppigeren Variante gerne akzeptiert.

Insgesamt hat Permezza sicherlich ein ganz anständiges Buch geschrieben, bei dem zwar manchmal die Zusammenhänge etwas konkreter dargestellt werden könnten, welches aber gleichzeitig über einen guten Spannungsbogen verfügt und daher auch überzeugt. Mit Cammileri und Varesi kann sich die Dame aus Venedig zwar noch nicht messen, doch wenn es darum geht, kurzweilige Kriminalunterhaltung zu konzipieren, versteht Permezza durchaus ihr Handwerk. Mal sehen, ob sich Commissario Trattoni, wie im Roman angekündigt, schon zur Ruhe setzen wird. Als Hauptdarsteller ist er nämlich ein sehr angenehmer, eigenständiger Charakter, den man gerne wiedersehen würde.

|Aus dem Veneziano von Wolfgang Körner
270 Seiten
ISBN-13: 978-3-499-24583-1|
http://www.rowohlt.de

Ridley Pearson – Der blinde Tod

Das geschieht:

In Sun Valley, US-Staat Idaho, verbringt Generalstaatsanwältin Elizabeth Shalor gern ihre raren Urlaubstage. Das ist bemerkenswert, denn vor acht Jahren versuchte sie genau hier ein mit ihrer Arbeit unzufriedener Staatsbürger umzubringen. Damals entkam Shalor nur, weil der junge Deputy Walter Fleming rechtzeitig auf der Bildfläche erschien und den Strolch ausschaltete.

Seither ist Fleming Shalors Freund, ein Status, der neuerdings mit Privilegien aber auch Pflichten verbunden ist: Elizabeth Shalor gedenkt sich für das US-Präsidentenamt zu bewerben. In Sun Valley möchte sie vorab ausspannen sowie auf einer Tagung ihre Kandidatur bekanntzugeben. Walter Fleming, seit seiner Heldentat Sheriff von Sun Valley, ist für ihre Sicherheit verantwortlich. Das FBI ist wenig erfreut darüber, denn Shalor ist aufgrund ihrer politischen Ziele außerordentlich exponiert. Mit Anschlägen ist zu rechnen. Gern würde das FBI sie isolieren, doch Shalor sperrt sich. Sie vertraut ihrem Lebensretter Fleming.

Ridley Pearson – Der blinde Tod weiterlesen

Higgins Clark, Carol – Alptraum in Weiß

Carol Higgins Clark ist ein Teil des schreibenden Mutter-Tochter-Duos Higgins Clark. Dass sie auch alleine erfolgreich sein kann, hat sie schon längst bewiesen. Mit „Alptraum in Weiß“ erscheint bereits der achte Band um die Privatdetektivin Regan Reilly, die in nächster Zeit eigentlich etwas anderes im Sinn hatte als zu ermitteln …

Regan Reilly steht kurz davor, ihren Verlobten Jack, Ermittler bei der New Yorker Polizei, zu heiraten. Doch leider kommt ihr etwas Unvorhergesehenes dazwischen: Ihr Brautkleid, das von den hippen Jungdesignern Alfred und Charisse geschneidert wurde, wurde gestohlen, zusammen mit zwei anderen Kleidern. Ein weiteres wurde zerrissen und blutbeschmiert zurückgelassen, die Designer wurden geknebelt und mussten zusehen, wie ihr Safe ausgeraubt wurde. Eine tragische Geschichte, bei der es glücklicherweise keine Verletzten gab – doch verärgerte Bräute sind beinahe genauso schlimm.

Die eine, Brianne, schäumt vor Wut und möchte die Täter am liebsten eigenhändig erwürgen, und Tracy droht, die Designer zu verklagen, doch die anderen beiden Frauen zeigen sich seltsam ungerührt. Regan beginnt mit der Suche nach den Verbrechern und konzentriert sich dabei auf die armen Aprilbräute. Ob sie einen Grund hätten, die eigene Hochzeit zu sabotieren, oder gibt es jemanden in ihrem Umfeld, der so etwas geplant haben könnte? Es stellt sich heraus, dass die zukünftigen Ehen nicht immer so fest sind, wie sie scheinen. Tracys Fast-Gatte kommt der Diebstahl ganz gelegen und er macht einen Rückzieher, während sich bei der Braut Shauna herausstellt, dass ihre Motive ganz anderer Natur sind … Gemeinsam mit Jack, der nebenbei noch eine Serie von Bankraubüberfällen zu lösen hat, kommt die clevere Regan den Tätern auf die Spur …

Der Titel des Buches erinnert weniger an einen Krimi als vielmehr an einschlägige Frauenlektüre. Diese Assoziation ist von der Wahrheit nicht besonders weit entfernt. Carol Higgins Clark hat keinen fesselnden Thriller geschrieben, sondern einen leicht verdaulichen Vorabendkrimi für das weibliche Geschlecht, ohne Leichen und ohne Action. Regans Privatleben drängt sich häufig sehr in den Vordergrund, und nicht alle Abschnitte haben auch immer einen direkten Bezug zum zu lösenden Kriminalfall. Diesen gestaltet die Autorin sehr einfach. Einen stufenweisen Spannungsaufbau gibt es nicht. Stattdessen werden während der Geschichte neue Handlungsstränge begonnen und es kommt zu teilweise nicht besonders realistischen Auflösungen einiger anderer Handlungsenden. Neben der Entführung der Brautkleider geht es um den Bankraub, ein Hochstaplerpärchen, lügende Verlobte und eine vermisste Frau, die zufällig die Freundin eines der Diebe ist. Möchte man die Handlung des Buches mit wenigen Adjektiven beschreiben, wären simpel, seicht und unrealistisch bestimmt darunter.

Trotzdem muss man der Autorin lassen, dass das, was sie erzählt, nett verpackt ist. Sie erschafft eine stimmige Atmosphäre, in der es manchmal amüsant zugeht, die aber nie bissig oder bösartig wirkt. Alle sind sehr freundlich, was dazu führt, dass einige der Figuren stereotyp wirken. Higgins Clark skizziert zwar Eigenschaften und Benehmen der Personen, geht aber selten in die Tiefe. Stattdessen greift sie an der einen oder anderen Stelle auf Klischees zurück, die sie aber ansprechend einzusetzen weiß. Es ist schwierig, der Autorin deswegen böse zu sein, weil die Figuren doch immer liebenswerte Züge aufweisen und so nett beschrieben werden, dass man sie irgendwie ein bisschen mögen muss. Sie sind einfach gestaltet, aber das hat den Vorteil, dass man sie leicht versteht und nicht viel Konzentration in sie investieren muss.

„Alptraum in Weiß“ ist trotz des Titels alles andere als furchteinflößend. Es handelt sich um eine nette kleine Geschichte, die weniger Krimi als vielmehr nette Frauenunterhaltung ist. Das, was passiert, ist zwar ganz amüsant, aber nicht unbedingt realistisch und sicherlich nicht für jeden etwas. Den einen wird das Buch zu seicht sein, die anderen werden es gerade wegen der Kürze und inhaltlichen Abgeschlossenheit lieben.

|Originaltitel: Hitched
Aus dem Englischen von Julia Walther
332 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-548-26948-1|
http://www.ullstein-taschenbuch.de
http://www.carolhigginsclark.com

Chaplet, Anne – Schrei nach Stille

Der Kinofilm „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat im Herbst 2008 für Furore gesorgt und lässt die 1960er Jahre lebendig werden. Anne Chaplet, ihres Zeichens eine der bekanntesten deutschen Krimiautorinnen, legt mit ihrem neuen Kriminalroman „Schrei nach Stille“ nach. Sie hat zwar nicht die RAF im Blickpunkt, setzt sich dafür aber mit dem Jahr 1968 und dem Sommer der Liebe auseinander.

Vierzig Jahre nach dem Sommer der Liebe hat sich in Klein-Roda, der Wahlheimat von Chaplets Helden Paul Bremer, nur wenig geändert. Es ist nach wie vor ruhig und beschaulich und ein bisschen verschlossen, als er von einer langen Reise mit seiner Freundin Anne zurückkehrt. Fremde mag man noch immer nicht besonders gerne in dem kleinen hessischen Dorf, wie Sophie Winter erfahren muss, die neu in eines der Häuser in der Siedlung eingezogen ist. Niemand möchte Kontakt mit der erfolgreichen Schriftstellerin haben, deren Debüt „Summer of Love“ auf Platz eins sämtlicher Bestsellerlisten stand und mittlerweile verfilmt wird.

Das findet sie selbst aber nicht besonders schade, denn sie hat genug damit zu tun, gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Der „Summer of Love“ ist nämlich nicht ohne Spuren an ihr vorbeigezogen. Ihre Vergangenheit ist enger mit Klein-Roda verbunden, als man glaubt. Außerdem hat sie mit Gedächtnislücken zu kämpfen und glaubt, verfolgt zu werden – von einer realen Person.

Tatsächlich scheint es, als ob es jemand auf sie abgesehen hätte. Es kommt immer wieder zu Zwischenfällen, unter anderem wird ihr Auto sabotiert. Paul Bremer, hilfsbereit wie immer, versucht sich um die Frau zu kümmern, auch wenn sie seine Hilfe abweist. Da erfährt er, dass vor vierzig Jahren in Klein-Roda eine junge Frau verschwunden ist, die nie gefunden wurde – und dass die Dorfbewohner bei dem Verschwinden des zugezogenen Mädchens keine geringe Rolle spielten … Ganz nach seiner Art beginnt Paul, in der Vergangenheit herumzustochern und bringt dabei einiges zutage …

Das Lob und die Preise, die Anne Chaplet bisher eingeheimst hat, kommen nicht von ungefähr. Bereits auf den ersten Seiten merkt der Leser, dass er es hier nicht mit einem einfachen, faden Krimi zu tun hat, sondern mit mehr. Der Erzählstil und die Personengestaltung, die bei anderen Autoren nur als Bewertungskriterium herangezogen werden, nehmen in ihrem Roman einen eigenen Platz neben der Handlung ein. „Schrei nach Stille“ ist nämlich ein ungewöhnlich vielschichtiger Krimi, der einen literarischen, bildreichen Stil mit einer spannenden Handlung und der ein oder anderen Persönlichkeitsstudie verbindet.

Die Handlung ist dabei die eine Sache. Sie besteht aus mehreren Strängen, die am Ende gekonnt ineinander übergehen, ohne dass dies zu weit hergeholt wirkte. Als übergreifendes Motto dient der Sommer ’68, und es ist bewundernswert, wie konsequent die Autorin dies durchhält. Neben der Perspektive von Paul Bremer, der Stammlesern bekannt sein wird, kommen unter anderem einige Dorfbewohner, Sophie Winter und der Frankfurter Polizist Giorgio DeLange zu Wort, und alle haben etwas über den Sommer der Liebe zu sagen. Was genau, das offenbart sich erst mit der Zeit. Anne Chaplet schafft es, die Spannung der Geschichte immer wieder zu steigern, und sorgt durch die Person der Sophie Winter dafür, noch ein bisschen Verwirrung zu stiften. Deren Gedächtnislücken und ihre Angst, verfolgt zu werden, bringen den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte. Besonders am Anfang ist noch nicht ganz klar, ob sie nun verrückt ist oder ob die Dinge wirklich passieren, und dies sorgt dafür, dass man das Buch nicht so schnell aus den Händen legt.

Die Personen in „Schrei nach Stille“ sind so gut ausgearbeitet, dass jede von sich aus einen ganzen Roman fühlen könnte. Über Paul Bremer muss man nicht mehr viel sagen. Er ist, als Zugezogener, für die augenzwinkernd-kritische Betrachtung des Dorfes Klein-Roda zuständig und erfüllt diese Aufgabe wie immer mit Bravour. Bodenständig und stets hilfsbereit, manchmal nachdenklich präsentiert sich Chaplets Held auch bei seinem siebten Abenteuer sympathisch und neugierig wie immer. Die Figur der Sophie Winter dagegen wird als zerrissene, von ihrer Vergangenheit gequälte Frau dargestellt, deren Leben in Scherben liegt. Unpathetisch, aber unglaublich eindrücklich, stellenweise sogar bedrückend schildert die Autorin das Leben und die Gedanken der Frau, ohne zu dick aufzutragen oder den Fortgang der Geschichte zu stören.

Am überraschendsten ist allerdings Giorgio DeLange, Opernliebhaber, alleinerziehender Vater zweier pubertärer Töchter und Meister des inneren Monologs. Sarkastisch und manchmal beinahe schon bissig schildert er seinen Alltag als Schreibtischpolizist bei der Pressestelle der Frankfurter Polizei. Sein wachsames Auge erfasst dabei viele amüsante Details des Alltags, spöttelt über das Verhalten der halbwüchsigen Töchter und darüber, wie es ist, als Berater bei einem Film beteiligt zu sein. Dieser Film heißt im Übrigen „Summer of Love“ und sorgt dafür, dass DeLange die verschreckte Sophie Winter kennenlernt. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht DeLanges letzter Auftritt war, denn seine Kommentare sind wirklich köstlich!

Die dritte wichtige Komponente in diesem Buch ist der Schreibstil, der für einen Kriminalroman unglaublich lebendig und literarisch daherkommt. Die Autorin hält sich nicht an Genregrenzen auf. Man merkt, dass es ihr wichtiger ist, ein durch und durch gutes Buch schreiben anstatt ’nur‘ einen spannende Krimi abzuliefern. Das zeigt sich schon an ihren sorgfältigen Personenzeichnungen, die viel Raum einnehmen, und ist eben auch an ihrem Schreibstil erkennbar. Sie benutzt einen sehr großen, breit gefächerten Wortschatz, mit dem sie immer wieder Akzente setzt. Sie spielt mit Satzbau und rhetorischen Stilmitteln und versucht, die einzelnen Perspektiven auch stilistisch voneinander abzusetzen. Während Paul Bremers Abschnitte gemäß seinem Wesen eher nüchtern und abgeklärt, manchmal aber auch belustigt wirken, sind die der Sophie Winter geprägt durch ihre Verwirrtheit und ihre Ängste. Abgehackte Sätze, eingestreute Erinnerungen, die verschnörkelte, metaphernreiche Umschreibung von Sophies Gedanken sorgen häufig für Gänsehaut und auch dafür, dass der Leser versteht, was in Sophies Kopf vorgeht. DeLanges Perspektive dagegen fällt aus dem Rahmen, was anfangs befremdlich wirkt, dann aber schnell zu einem dicken Pluspunkt wird. Die Form des inneren Monologs ist in diesen kleinen Dosen sehr erfrischend und sorgt vor allem ob des humoristischen, bittersüßen Tonfalls für Abwechslung.

Was bleibt am Ende noch zu sagen zu „Schrei nach Stille“? Eigentlich nicht viel. Außer dass Anne Chaplet ruhig noch einen Deutschen Krimipreis erhalten sollte.

|331 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-471-77282-9|
http://www.list-verlag.de
http://www.anne-chaplet.de

_Anne Chaplet bei |Buchwurm.info|:_
[„Russisch Blut“ 2713

Pearson, Ridley – blinde Tod, Der

Das Timing hätte nicht passender sein können. Im November standen gerade in den Vereinigten Staaten die Präsidentschaftswahlen an. „Der blinde Tod“ von Ridley Pearson ist eine optimale Lektüre zum Thema – wenn auch aus einem anderen Blickwinkel. Die fiktive Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Shaler soll nämlich Opfer eines Anschlags werden, und den gilt es nun zu verhindern.

Walt Fleming ist ein junger Streifenpolizist auf der Suche nach einem abenteuerlichen Einsatz, als er Generalstaatsanwältin Elizabeth Shaler eines Abends knapp vor einem Anschlag rettet. Acht Jahre später ist Walt der Sheriff von Blane County und an dem Wochenende, an dem Elizabeth auf einer Versammlung ihre Kandidatur als Präsidentin bekanntgeben möchte, für deren Sicherheit zuständig.

Dem FBI ist nämlich zu Ohren gekommen, dass erneut ein Anschlag auf die Politikerin geplant ist. Das Security-Aufgebot ist entsprechend hoch, doch es mehren sich die Beweise, dass der Killer sich schon längst in Sun Valley befinden könnte. Der Leser, der den Ermittlern immer ein wenig voraus ist, weiß, dass dies eine Tatsache ist, denn er begleitet den Kriminellen Milav Trevalian auf Schritt und Tritt bei seinen Vorbereitungen für den Anschlag. Er weiß, dass Trevalians Plan vielleicht nicht glattgelaufen, der gute Mann aber kaum aufzuhalten ist. Seine Methoden sind zu gewieft und zu brutal …

Ridley Pearson wird auf der Buchrückseite von den Kollegen James Patterson und Lee Child enthusiastisch gefeiert. In dieses Loblied kann die Rezensentin nur bedingt einstimmen. Bereits der Einstieg in die Geschichte läuft nicht ohne Probleme ab. Trotz des Prologs, der erklärt, in welchem Verhältnis Walt zu Elizabeth Shaler steht, wird dem Leser nicht genug Hintergrundwissen zur Verfügung gestellt. Es ist schwierig zu durchschauen, wer die aufgeführten Personen sind, worin ihre Funktion besteht und auf wessen Seite sie stehen. Es werden zu viele Charaktere auf einmal eingeführt und das noch nicht einmal besonders sorgfältig. Dadurch hat man über weite Strecken richtiggehend Verständnisschwierigkeiten. Trotzdem hat „Der blinde Tod“ seine spannenden Momente. Diese finden sich vor allem dort, wo die Handlung ausbricht und nicht mehr stur dem Schema folgt, das ihr zugrunde zu liegen scheint.

Dem Buch mangelt es außerdem an Menschlichkeit. Es ist schwierig, Zugang zu den einzelnen Personen zu finden. Nur bei wenigen spielen Emotionen überhaupt eine Rolle, zum Beispiel bei Walt, der mit der Scheidung von seiner Frau und deren neuen Flamme – ein Kollege von ihm – sowie mit seinem trinkenden Vater zu kämpfen hat. Die Einblicke in seine Seele sind jedoch so rar gestreut, dass sie kaum auffallen, und ihr Beitrag zum Buch gering bleibt. Im Endeffekt bleiben die einzelnen Charaktere dadurch sehr schemenhaft, und bei einigen fällt es schwer, sie voneinander zu unterscheiden.

Der Schreibstil hat es auch nicht unbedingt einfach. Pearson schreibt sehr reduziert. Viele Beschreibungen lässt er weg, weshalb das Verständnis erschwert wird. Er bringt wenig Leben in seine Worte, sondern erzählt die Geschichte nüchtern und beinahe ein wenig steif. Das macht den Zugang zu diesem Thriller nicht einfacher.

Ridley Pearsons Buch über einen geschickten Killer und seinen Gegenspieler, den eifrigen Sheriff Walt Fleming, hält leider nicht das, was eine solche Kombination verspricht. Die Handlung ist unübersichtlich und teilweise unverständlich, die Charaktere haben wenig Leben in sich und der Schreibstil ist unbeweglich und besitzt wenig Tiefgang. Es gibt eindeutig lesenswertere Bücher.

|Originaltitel: Killer Weekend
Aus dem Englischen von Joachim Honnef
316 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-404-15911-6|
http://www.bastei-luebbe.de

_Ridley Pearson bei |Buchwurm.info|:_

[„Die letzte Lüge“ 1602
[„Die einsamste Stunde“ 4273

Hill, Susan – Der Seele schwarzer Grund

Nach mittlerweile zwei Romanen hat Susan Hill rund um den Ermittler Simon Serrailler eine durchaus lesenwerte Krimireihe aufgebaut, die sich vor allem durch ihre ausgefeilte Figurenskizzierung aus der Masse des Genres heraushebt. Mit „Der Seele schwarzer Grund“ legt die Britin nun den dritten Serrailler-Krimi vor, der mehr oder minder nahtlos an die Handlung des Vorgängerbandes „Des Abends eisige Stille“ anschließt.

Der ungelöste Fall um das Verschwinden des achtjährigen David Angus belastet Simon Serrailer noch immer. Der Fall tritt auf der Stelle und Serrailler und sein Team kommen dem Täter kaum einen Schritt näher. Doch eines Tages bittet die Polizei von Yorkshire Simon um seine Hilfe. Die Kollegen vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden eines siebenjährigen Jungen und dem Fall David Angus.

Und endlich gibt es sogar tatsächlich eine greifbare Spur. Das Auto des Verdächtigen wurde gesehen. Simon nimmt zusammen mit den Kollegen aus dem Norden die Verfolgung auf. Es kommt zu einer dramatischen Verhaftung, bei der die Identität des Täters alle Beteiligten überrascht.

In Lafferton treibt derweil ein anderer Täter sein Unwesen. Reverend Jane Fitzroy, noch neu in der Gemeinde von Lafferton, gerät als Erste in seine Fänge …

Susan Hill schreibt keine Krimis von der Stange. Im Fokus steht bei ihr oft weniger das Verbrechen an sich, bzw. dessen Auflösung, sondern die Menschen, die davon betroffen sind. Sie lässt viele Figuren agieren, wechselt häufig die Perspektive und lässt viele Aspekte in die Handlung einfließen, die andere Autoren wohl als schmückendes Beiwerk empfinden und weitestgehend ignorieren würden.

Hill schreibt gegen die Gewohnheiten des Genres und fordert damit auch den Leser ganz anders als der Großteil anderer Krimiautoren. Schon in ihrem ersten Roman passierte der erste Mord erst nach weit über 100 Seiten, und so ist auch „Der Seele schwarzer Grund“ wieder einmal ein Krimi gegen die Lesegewohnheiten. Das eigentliche Verbrechen ist schon im vorherigen Roman passiert und der Täter ist schon nach etwa 90 Seiten dingfest gemacht.

Was folgt, ist mehr eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Verbrechens, die nicht nur für die Ermittler mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Der Täter bleibt verschlossen, die Taten rätselhaft. Selten genug kommt es vor, dass auch die Aufarbeitung der Tat durch die Angehörigen des Täters ein Thema ist – Susan Hill nimmt sich dafür reichlich Zeit und lässt dessen Mutter daran fast zerbrechen.

Wie auch in den vorangegangen Romanen kehrt Susan Hill stets die menschliche Sicht der Dinge heraus. Und so hat sie in ihrem mittlerweile dritten Roman der Reihe schon erstaunlich plastische Figuren herausgearbeitet. Simon Serraillers Familie, insbesondere seine Schwester Cat, die mit Mann und Kindern in einem alten Bauernhaus lebt und neben Haushalt und Familie auch noch den Praxisalltag als Ärztin zu bewältigen hat, ist häufig ein Thema.

Bei Susan Hill ist alles miteinander vernetzt. Lafferton ist ein recht kleiner Ort, so dass Berührungspunkte zwischen den Protagonisten sich fast von selbst ergeben. Als neue Figur taucht in diesem Roman Reverend Jane Fitzroy auf, die auch mit im Zentrum des neuen Falls steht, der die Polizei von Lafferton auf Trab hält. So entstehen – der ursprüngliche Fall ist schließlich schon gelöst – dennoch immer wieder Spannungsmomente in einem ansonsten eher gemächlichen Plot. Hill setzt auf eine feine, psychologische Spannung. Actionreiche Situationen findet man bei ihr genauso selten wie blutrünstige Mordschilderungen.

Die Spannung ergibt sich aus dem Plot heraus, aus der Entwicklung der Figuren und ihren Verflechtungen und nicht aus der Menge an Blut, die vergossen wird. Hill ist sehr subtil und zeigt damit sehr schön, wie auch mit wenig Blutvergießen ein spannender Krimiplot entstehen kann, zu dem der Leser dank der ausgefeilten Figurenskizzierung eine tiefe Beziehung aufbaut.

Dennoch hat gerade dieser dritte Roman der Reihe auch so seine Schönheitsfehler. Simon Serrailler ist eine durchaus reizvolle Hauptfigur, bewegt sich in seiner persönlichen Entwicklung aber zunehmend in eine Sackgasse. Das schreit für den nächsten Band nach einem Befreiungsschlag, doch gestaltet Hill das Ende des Romans leider etwas zu flach und uninspiriert, als dass man gleich zum nächsten Band (den es sicherlich geben wird) greifen möchte. Die Geschichte wird nicht so richtig aufgelöst. Die losen Enden bleiben in der Luft hängen und vor allem mit Blick auf den zentralen Fall weiß der Leser am Ende eigentlich kaum mehr als schon zu Anfang des Romans.

Für meinen Geschmack ist es etwas zu schwammig, ein Buch, das eigentlich ein Nachklang des vorangegangen Buches (welches ja auch schon ein recht offenes Ende hatte) ist, in einem derartigen Schwebezustand zu beenden. So richtig zufrieden ist man auf diese Weise am Ende nicht, denn es ist eben einfach keine ganz runde Sache.

Dabei versteht Susan Hill ihr Handwerk eigentlich sehr gut. Sie weiß den Leser auch mit wenig greifbarer Handlung zu unterhalten, sie skizziert interessante Figuren und erzählt in einem lockeren Ton, der das Buch zu leichter und flotter Lektüre macht. Nur fällt eben diesmal der Schlussakkord am Ende etwas dissonant aus.

Bleiben unterm Strich gemischte Gefühle zurück. Susan Hill versteht sich darauf, eine feinsinnige psychologische Spannung zu erzeugen, und beweist auch mit ihrer gelungenen Figurenskizzierung, wie gut sie sich auf die leisen Töne des belletristischen Krimis versteht. Dennoch ist dieser Band der Serrailler-Reihe eine etwas unrunde Sache, die den Leser am Ende nicht ganz zufrieden zurücklässt. Zu vieles bleibt gerade auch mit Blick auf den zentralen Fall in der Schwebe. Dennoch kann man die Reihe an sich durchaus noch jedem ans Herz legen, für den Krimispannung sich nicht einfach nur in der Menge des vergossenen Blutes niederschlägt.

_Susan Hills Serrailler-Krimis in chronologischer Reihenfolge:_

[„Der Menschen dunkles Sehnen“ 1698
[„Des Abends eisige Stille“ 3889
„Der Seele schwarzer Grund“

|Originaltitel: The Risk of Darkness
Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle
489 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-426-66148-2|
http://www.knaur.de

Sheldon, Sidney – Blutspur

Sidney Sheldon, der 2007 verstorbene, amerikanische Bestsellerautor, kam erst spät zur Schriftstellerei. Er begann als Drehbuchautor, unter anderem am Broadway, ist heute aber vermutlich eher durch seine Thriller bekannt. Einer davon, „Blutspur“, wurde bei |Ullstein| nun neu aufgelegt.

Auf den Schultern von Elizabeth Roffe lastet ein schweres Erbe, nachdem ihr Vater bei einer Bergtour ums Leben gekommen ist. Er war der Leiter des global agierenden Familienunternehmens für Pharmazeutika, das aufgrund seiner außergewöhnlichen Struktur schon oft Grund für Ärger geboten hat. Es handelt sich dabei nämlich um ein reines Familienunternehmen. Fremden ist es nur durch Heirat in die Familie möglich, eine Stimme und Aktienanteile zu erhalten, wobei man Letztere wiederum nicht veräußern darf. Dumm nur, dass sämtliche Mitglieder des Direktoriums, alles Mitglieder der Familie Roffe, Geldprobleme haben und nichts lieber täten, als die Anteile zu veräußern.

Sam Roffe war derjenige, der sich die ganze Zeit in seiner Funktion als Vorsitzender des Unternehmens dagegen sträubte, etwas an der alten Satzung zu verändern. Sein Tod kommt einigen Mitgliedern des Direktoriums daher nur recht, hoffen sie doch, nun endlich an Geld zu gelangen. Doch wider Erwarten entscheidet sich Elizabeth, die bislang nur wenig mit den Geschäften zu tun hatte, dagegen, das Erbe ihres Vaters abzutreten, und übernimmt selbst die Leitung des Unternehmens. Ihr Plan: Alles bleibt so, wie es ist, denn sie ahnt, dass irgendjemand im Direktorium darauf lauert, endlich die Aktien verkaufen zu können. Doch dieser Entschluss soll sich als lebensgefährlich für sie herausstellen …

„Blutspur“ verfügt über einen sehr ungewöhnlichen Aufbau für einen Thriller. Er orientiert sich nicht an der üblichen Spannungskurve, sondern beginnt, im Gegenteil, damit, die Situation der einzelnen Direktoriumsmitglieder in einzelnen Kapiteln darzustellen. Sheldon schlüpft dazu als Autor in vier Perspektiven in vier Städten und rekonstruiert eigenständige Hintergrundgeschichten, die mit der Handlung selbst nicht besonders viel zu tun haben. Im Anschluss berichtet er wiederum davon, wie Elisabeth im Schatten ihres Vaters erwachsen wird und ein Büchlein findet, in dem der Gründer des Familienunternehmens seinen Aufstieg beschreibt.

Und der Zusammenhang zur Geschichte? Nun, der ist in den meisten Fällen zwar gegeben, aber nicht immer. Anders als erwartet, stört dieses Drumherum aber nicht, da es erzählerisch sehr schön gestaltet wird. Dass das Buch erst wesentlich später in Gang kommt, fällt dank der schriftstellerischen Leistung kaum auf, auch wenn die eigentliche Krimihandlung recht kurz geraten ist. Die Suche nach dem Täter ist trotzdem spannend, da das umfassende Hintergrundwissen den Leser zu Verdächtigungen verführt. Wer letztendlich der Verdächtige ist, ist an keinem Punkt der Geschichte vorhersehbar, und das, obwohl die Anzahl von möglichen Tätern gering ist. Auch wenn es zuerst nicht so wirkt, aber tatsächlich schafft Sidney Sheldon es, mit wenigen Mitteln eine sehr spannende Mördersuche zu inszenieren, die den Leser in ihren Bann schlägt.

Die Personen sind aufgrund der umfassenden Einführung sehr gut ausgestaltet. Ihre Motive werden klar gemacht und ihre besonderen Charakterzüge gut hervorgehoben. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass der eine oder andere Charakter ein wenig zu sehr in bereits vorgefertigte Kerben schlägt. Da wäre der arme Ehemann, der unter einer sex- und herrschsüchtigen Gattin leidet, der blendend aussehende Skilehrer, der sich eine Erbin angelt, der unglückliche Reiche, der sich in ein liederliches Mädchen verliebt, dem das Landleben viel zu bieder ist – Sheldon verwendet an solchen Stellen Stereotype, die in der Masse, in der sie auftreten, einfach zu viel sind. Hinzu kommt, dass seine Charaktere sich ständig mit Sex beschäftigen – und zwar in allen erdenklichen Ausformungen. Davon ausgenommen sind eigentlich nur zwei: Elizabeth und Rhys Williams, die rechte Hand von Sam Roffe. Die beiden haben von allen auftretenden Personen am wenigsten Dreck am Stecken, so dass man in diesem Zusammenhang durchaus von den Guten und von den Bösen sprechen kann.

Zu den Guten gehört übrigens auch der Schreibstil von Sidney Sheldon. Leichtfüßig und elegant, eher belletristisch erzählt Sheldon und ermöglicht dadurch paradoxerweise, dass sich das Buch so spannend lesen lässt. Die vielen Nebensächlichkeiten werden dadurch anschaulich verpackt und mit der Haupthandlung verbunden, was an und für sich eine Meisterleistung ist. Ein anderer Schreibstil hätte das Buch sonst leicht zu einer Nullnummer werden lassen können.

Sidney Sheldon neu aufzulegen, ist demnach völlig gerechtfertigt. Der kunstvoll gewobene Plot sucht seinesgleichen und der Schreibstil erweist sich als leicht lesbar und wunderbar locker. Einziger Wermutstropfen sind die Klischees in der Figurenzeichnung, doch ansonsten ist „Blutspur“ ein Thriller, der mit jüngeren Veröffentlichungen ohne Probleme mithalten kann.

|Originaltitel: Bloodline
Aus dem Englischen von Martin Lewitt
445 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-548-26964-1|
http://www.ullstein-taschenbuch.de

Rensen, Michael – Zen, Drugs & Rock \’n\‘ Roll – Inspektor Minster ermittelt

Den meisten von euch wird Michael Rensen als stellvertretender Chefredakteur des |Rock Hard| bekannt sein. Er ist unbestritten einer der renommiertesten Musikjournalisten in Deutschland und hat dazu auch noch – ganz subjektiv – einen ziemlich guten Musikgeschmack. Doch Michael ist nicht nur Journalist, sondern auch Autor und legt jetzt mit „Zen, Drugs & Rock’n’Roll – Inspector Minster ermittelt“ seinen ersten Kriminalroman vor.

Und der Titel macht deutlich, dass sich der Autor in durchaus bekannten Gewässern bewegt, spielt die Story doch im Rockbusiness. Als die legitimen Nachfolger von |Led Zeppelin|, namentlich |Flying Horses|, nach fünf Jahren Abstinenz von ihrer Heimat das legendäre Isle-Of-Wright-Open-Air headlinen, bricht ihr Sänger Will Hellhound nach den ersten Worten des Openers tot zusammen. Die Obduktion ergibt, dass Hellhound mit Zyanid vergiftet wurde. Dummerweise ist Will nicht nur prominenter Leadsänger einer großen Rockband, sondern auch noch Sohn eines Mitglieds des englischen Parlaments. Und sein Vater Sir Bickershead möchte natürlich, dass nur die Besten den Mord an seinem einst verschmähten Jungen aufklären. Inspektor Minster vom National Crime Squad wird auf den Fall angesetzt. Dummerweise hat Minster mit Rockmusik nichts am Hut, was die Ermittlungen nicht einfacher gestaltet.

Grundsätzlich ist Michael Rensen mit seinem Erstlingswerk ein guter Thriller gelungen, dessen Story einem nicht schon x-mal von anderen Autoren vorgesetzt wurde und deren Wendungen durchaus überraschen. Wer die Hinweise auf den Täter nicht aufmerksam registriert, dürfte selbst 20 Seiten vor Ende des Romans noch nicht wissen, wer der Bösewicht ist. Ein eindeutiges Indiz für eine ausgeklügelte Story und ausreichende Spannung.

Und doch gibt es einen Punkt, der mir an „Zen, Drugs & Rock ’n‘ Roll“ nicht gefällt: die handelnden Personen. An erster Stelle ist das die Hauptfigur Granpole Minster. Minster soll wahrscheinlich kauzig sein, ist mir aber viel zu sehr Gutmensch. Er ist Vegetarier, Antialkoholiker, Nichtraucher, zum Sex mit einem Groupie muss er im Schlaf quasi gezwungen werden und schämt sich danach in alle Ewigkeit, Drogen sind natürlich auch tabu und auch sonst ist er absolut ohne Sünde. Zu allem Überfluss ist er auch noch Buddhist und stammt aus gutsituiertem, blaublütigem Hause. Das ist mir in diesem Ausmaß einfach zu viel des Guten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein paar echte Macken, Ecken & Kanten würden Minster sehr, sehr gut zu Gesicht stehen. So bleibt die Figur trotz detaillierter Beschreibungen von Zen-Meditationen viel zu blass, zu glatt, ja, langweilig.

Dieses Problem haftet auch einigen anderen Charakteren im Buch an. Der gutmütige, engagierte Dorfpolizist Teddy beherbergt gleich eine ganze Horde Klischees, was man so auch für die restlichen Bandmitglieder der |Flying Horses| und deren Crew sagen kann. Und auch Minsters Kollegen vom National Crime Squad haben allesamt nicht wirklich ein Profil. Schade eigentlich.

Dieses Manko wird zwar, wie oben schon angedeutet, durch die geschickten Wendungen in der Storyline wieder aufgefangen, sorgt aber dafür, dass „Zen, Drugs & Rock ’n‘ Roll“ nur das Prädikat „gut“ bekommt. Der zweite Roman „Zen & die Kunst einen Menschen zu töten“ ist bereits fertiggestellt und erscheint im nächsten Frühjahr. Ich bin sehr gespannt, ob Michael Rensen es dort schafft, den Figuren mehr Tiefe zu geben, denn dann kann ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Diese gibt es diesmal nur mit Abstrichen.

|282 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-86852-059-0|
http://www.heel-verlag.de

George Pelecanos – Der Totengarten

Das geschieht:

In Washington, der Hauptstadt der USA, trieb er 1985 sein Unwesen: der „Palindrom“-Mörder, der drei schwarze Teenager, deren Vornamen sich von vorn wie von hinten lesen ließen, vergewaltigte und ihnen in die Köpfe schoss. Gefasst werden konnte er nie, denn er tauchte spurlos unter; ein Fall, der Sergeant T. C. Cook, der damals mit den Ermittlungen betraut war, sehr nahe ging.

Mehr als zwei Jahrzehnte später liegt Asa Johnson mit einer Kugel im Schädel in einem Park in Washington. Ex-Cop Dan Holiday glaubt die Handschrift zu erkennen. Er tut sich mit dem längst pensionierten Cook zusammen, der dem „Palindrom“-Killer immer noch nachjagt. Dritter im Bund wird Gus Ramone, Holidays ehemaliger Partner, der im Polizeidienst geblieben und an den Ermittlungen im Mordfall Johnson beteiligt ist. Mit frischem Eifer und den Methoden des 21. Jahrhunderts beginnt das Trio aufs Neue mit der Fahndung.

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Isau, Ralf – Mann, der nichts vergessen konnte; Der

Tim Labin ist der Mann, der nichts vergessen kann. Egal was er hört, sieht oder liest, jedes Ereignis wird in seinem Kopf wie auf einer Festplatte abgespeichert und ist jederzeit wieder abrufbar. Nur an eines erinnert sich Tim nicht: an die Nacht, in der seine Eltern ermordet wurden.

Gerade als Tim zum Schachweltmeister wird, ereilt ihn ein merkwürdiger Brief, der ein Zahlenrätsel enthält. Beinahe problemlos kann Tim das Rätsel lösen und entdeckt dabei, dass es sich um eines der drei Blätter der [Beale-Chiffre]http://de.wikipedia.org/wiki/Beale-Chiffre handelt; eines Rätsels, an dem sich Wissenschaftler und Historiker schon seit hundertzwanzig Jahren die Zähne ausbeißen. Kurz darauf nehmen ein Professor der Universität von Cambridge und die Computerspezialistin Jamila Jason zu ihm Kontakt auf und bitten ihn darum, nach England zu kommen und sich dort an die Entzifferung der anderen beiden Beale-Chiffren zu machen – denn Tim ist der einzige Mensch, der dazu in der Lage ist. Und Tim, der keine Herausforderung abschlagen kann, kommt dieser Bitte nach, ohne zu wissen, was ihn erwartet: Geheimnisse, Anschläge auf sein Leben, Intrigen und ein unsichtbarer Gegner, der sein ganz eigenes Spiel spielt …

_Eindrücke:_

Bei „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ handelt es sich ganz klar um einen Thriller, der aber in gewisser Weise doch phantastische Züge an sich hat. Zwar gibt es keine wirklich phantastischen Elemente, die diesen Roman zu einem Fantasybuch machen würden, doch die Begabung Tim Labins verleiht dem Roman einen geheimnisvollen, leicht übernatürlichen Touch.

Tim Labin erlitt in der Nacht, als seine Eltern ermordet wurden, einen epileptischen Anfall und war beinahe gestorben. Doch statt zu sterben, wurde er zu einem Savant, einem Menschen, der nichts vergessen kann. Egal ob er irgendetwas liest, sieht oder hört, er kann es nicht mehr vergessen. Er entwickelt schnell eine Vorliebe für Schach, lernt Fremdsprachen innerhalb von einer Woche perfekt und macht innerhalb kürzester Zeit seinen Doktortitel. Doch neben dieser Fähigkeit ist Tim nicht nur einsam, sondern leidet auch an einer Vielzahl verschiedener Phobien – vor allem Angst vor Körperkontakt und Klaustrophobie machen ihm sehr zu schaffen. Dadurch hat Ralf Isau nicht nur einen interessanten Protagonisten geschaffen, der einerseits besondere Fähigkeiten besitzt und andererseits viele Ängste in sich trägt, sondern gleichzeitig auch einen Charakter, der in sich stimmig ist, realistisch und in seiner Eigenart sympathisch wirkt.

Ein weniger interessanter, jedoch nicht minder sympathischer Charakter ist Jamila Jason. Neben Tim ist sie die zweite Hauptperson. Sie wird als überaus gut aussehend beschrieben und gehört zu einer geheimen Spionageagentur, welche sich NSA („Never Say Anything“) nennt. Dort wurde sie nicht nur darin unterwiesen, wie man selbst Lügendetektoren austrickst und wie man sich in andere Computer einhackt, sondern auch in sämtlichen Kampfsportarten. Nun wurde sie von der NSA nach Cambridge geschickt, um dort zusammen mit Tim die Beale-Chiffren zu entziffern. Sie folgt ihrem Chef aufs Wort, doch irgendwann beginnt auch sie an den guten Absichten ihres Bosses zu zweifeln. Jamila wirkt an einigen Stellen des Buches beinahe schon zu perfekt, vor allem neben Tim, was allerdings nicht arg stört.

Zusammen versuchen Tim und Jamila die Beale-Chiffren zu entziffern, und als es Tim gelingt, das zweite Blatt zu dechiffrieren, bricht das Chaos aus. Tim und Jamila werden verfolgt und angegriffen und Tim weiß schon bald nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist. Auch der Leser kann sich dessen nie sicher sein, denn in „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ ist nicht immer alles so, wie es scheint. Zwar weiß der Leser meist mehr als die Charaktere, da man durch den Schreibstil die Absichten der verschiedenen Personen besser kennt, doch oft stellen sich manche Vermutungen später als falsch heraus. An sich bleibt das Buch also die ganze Zeit über spannend. Nur ein Detail war vorhersehbar, was das Ende betrifft und dieses dann in seiner Wirkung ein wenig abgeschwächt hat.

Das Buch ist in verschiedene Phasen eingeteilt, die allesamt dem Schachspiel entlehnt sind – von der Aufstellung bis hin zum Schachmatt. Zuerst wird im Prolog der Leser Zeuge der Nacht, in der Tims Eltern starben. Dann lernen wir Jamila kennen und ihre Arbeit bei der NSA, und erst später beginnt die eigentliche Geschichte, wenn der Leser auch Tim richtig kennen lernt, so wie er heute ist. Bis die Geschichte also richtig anfängt, dauert es eine Weile, was aber der Erzähltiefe zugute kommt. Der Vergleich mit dem Schach passt nicht nur gut zur Handlung, weil Tim der neue Schachweltmeister ist, sondern auch, weil die Geschichte genau wie bei einem Schachspiel verläuft. Tim „spielt“ praktisch gegen einen unsichtbaren Gegner, nur dass es sich bei den Figuren um echte Menschen handelt. Dieses Konzept verleiht dem Buch noch einen besonderen Touch.

Was den Schreibstil angeht, bin ich doch ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits hat mir der Schreibstil von Ralf Isau sehr gut gefallen. Es wird häufiger die Perspektive gewechselt, sodass der Leser auch ein bisschen mehr von den Hintergründen und den Plänen der anderen Charaktere erfährt, jedoch nie so viel, dass die Geschichte zu vorhersehbar wird. Gleichzeitig hat Ralf Isau auch einen angenehmen Sprachstil und arbeitet gerne mit Metaphern. Andererseits war das Buch stellenweise nicht ganz flüssig zu lesen, was unter anderem an ständig vorkommenden Ortsnamen oder englischen Fachbegriffen liegt. Das hat teilweise etwas gestört, auch wenn man die meiste Zeit doch recht schnell mit der Lektüre vorankam.

_Fazit:_

Alles in allem ist „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ von Ralf Isau ein spannender Thriller, der zwar im Lesefluss das ein oder andere Manko aufweist, aber dennoch mit dem Protagonisten und der Idee an sich punkten kann.

_Der Autor:_

Ralf Isau wurde 1956 in Berlin geboren und arbeitete lange Zeit als Informatiker, bis er das Schreiben für sich entdeckte. Mit seinen Büchern „Der silberne Sinn“ und „Die Dunklen“ wurde Ralf Isau zu einem neuen Stern am Literaturhimmel, insbesondere was Thriller und Spannungsliteratur angeht. Und dabei sind Geschichten von Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und die letzten Geheimnisse unserer modernen Welt sein Markenzeichen.

Mehr unter http://www.isau.de & http://www.piper-verlag.de

|459 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-492-70141-9|

_Ralf Isau auf |Buchwurm.info|:_

[„Die Dunklen“ 4829
[„Das gespiegelte Herz“ 1807 (Die Chroniken von Mirad 1)
[„Der König im König“ 2399 (Die Chroniken von Mirad 2)
[„Das Wasser von Silmao“ 3014 (Die Chroniken von Mirad 3)
[„Das Jahrhundertkind“ 1357 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 1)
[„Der Wahrheitsfinder“ 1502 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)
[„Der weiße Wanderer“ 1506 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)
[„Der unsichtbare Freund“ 1535 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)
[„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ 1095 (Die Legenden von Phantásien)
[„Die Galerie der Lügen“ 4208

Varesi, Valerio – Lichtspiele. Commissario Soneri geht ins Kino

_Story_

Alles sieht nach einem natürlichen Tod aus, als der leidenschaftliche Cineast Palmieri in sich zusammengesunken auf einem Sitz seines Stammkinos Minerva aufgefunden wird. Doch die Obduktion ergibt, dass dem reichen Geschäftsmann aus dem Hinterhalt Strychnin gespritzt und er das Opfer eines heimtückischen Mordes wurde.

Commissario Soneri nimmt die Spur des oder der vermeintlichen Attentäter auf und dringt in einen Sumpf aus Lügen und Intrigen vor. Palmieri war Mitglied im Club der Cineasten, einer Vereinigung von Hobby-Detektiven, die ihre Vorliebe für ältere Kriminalfilme als Berufung sahen und daher selber fiktive Fälle inszenierten – nun jedoch scheinbar einen mit Todesfolge. Da die offenkundigen Beteiligten sich in eisiges Schweigen hüllen, tappt der Commissario lange Zeit im Dunkeln. Er erfährt von Palmieris Geliebter Lora, die ebenfalls eine Affäre mit seinem Geschäftspartner und Konkurrenten Stork pflegte, blickt tiefer in die Verstrickungen des Clubs, macht Bekanntschaft mit dem Feinschmecker Costamagna, der ständig mit den Cineasten verkehrte, und sieht sich auch mit Pamieris labiler Mutter konfrontiert, die noch dazu von Soneris besserer Hälfte Angela in Rechtssachen verteidigt wird. Alle Wege verlaufen im Sande, bis Soneri sich schließlich darauf einlässt, das seltsame Spielchen des Detektiv-Clubs mitzuspielen.

_Persönlicher Eindruck_

Mit seinem dritten Kriminalroman kehrt Valerio Varesi wieder ein Stück weit zum verzwickten Fall seiner Debüt-Veröffentlichung zurück, die seinerzeit nicht nur von der außerordentlich prickelnden Atmosphäre lebte, sondern auch inhaltlich ein sehr ansprechendes Rätsel aufbot, dessen subtiler Nervenkitzel in der nachfolgenden Publikation „Die Pension in der Via Saffi“ nicht mehr vergleichbar erreicht wurde. Begünstigt wird dies in „Lichtspiele“ vordergründig durch ein ziemlich hohes Erzähltempo, welches sich in einer Reihe sehr rasanter Wendungen darstellt und zudem den Grad der Komplexität steigert, da Soneri in vielen Kapiteln nur so zwischen den Szenarien hin und her flitzt. Dadurch bewirkt das eigentliche Rätsel noch einen viel größeren Reiz auf den Leser, da dieser häufig mit losen Infos zurückgelassen wird und viele Details zunächst nicht näher bearbeitet werden. Dieses probate Mittel nutzt Varesi im Laufe von Soneris Ermittlungen kontinuierlich, um die Spannung anzuheizen, was ihm abgesehen von einigen kleinen Ungereimtheiten in der Mitte des Buches auch fabelhaft gelingt.

Die Geschichte selber ist sowohl auf den Hintergrund als auch auf den Verlauf der Handlung bezogen unheimlich interessant. Varesi kreiert einen Mythos um einen Club leidenschaftlicher Cineasten, denen ihr Hobby spürbar über den Kopf gewachsen ist, und verwandelt auch deren Umfeld in einen nebulösen Charakterhaufen, in dem keine Figur mehr über ihre Rolle preisgibt als zur gegebenen Zeit unbedingt nötig. Gerade hier zeigt der Autor seine wahre Stärke, lässt seine Leser bei dessen gedanklichen Ermittlungen immer wieder gerne ins offene Messer laufen und krempelt den Plot derart um, dass bis zu den letzten Seiten kein konkreter Verdacht innerhalb der Story Bestätigung findet. Oder anders gesagt: Hier entsteht in einem ganz besonderen Ambiente eine Geschichte, die ihren Zweck als Krimi kaum effektiver erfüllen könnte.

Hinzu kommen schließlich die vielen angenehmen Begleiterscheinungen der italienischen Kultur, die einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der fesselnden Erzählatmosphäre haben. Da wäre zuallererst das hitzige Beziehungsgeflecht des Commissarios und seiner stets gereizten Angetrauten Angela, die sich wie auch schon in den vorangegangenen Büchern trotz ihrer ständigen Wortduelle und verbaler Verfehlungen prima ergänzen. Zwei typische Italiener, wie man meinen mag, ohne dass Varesi hierbei Formen des Klischees überstrapazieren würde. Dann wäre da die Passion für den kulinarischen Bereich, diesmal zur Schau gestellt in Soneris Besuchen beim Antiquar Costamagna, der stets den passenden Käse zum roten Jahrgangstropfen bereithält. Und schließlich ist natürlich die düster-romantische Atmosphäre zu erwähnen, die der neblige Schauplatz Parma in Varesis neuer Erzählung präsentiert. Auch bei den Rahmenelementen der Handlung ergänzen sich viele Puzzleteile zu einem perfekten Setting, welches schlussendlich die Basis für Varesis bislang wohl besten Roman liefert.

Ungewöhnliche Themen in einem ungewöhnlichen Szenario: „Lichtspiele“ ist ein meisterhafter Kriminalroman, der einerseits ganz in der bisherigen Tradition des Autors steht, aufgrund der komplexen Verstrickungen von Charakteren und Ereignissen jedoch den Anspruch an einen Varesi-Titel noch einmal heraufsetzt. Liebhaber des Autors und südländischer Kriminal-Kost im Allgemeinen werden mit diesem sehr kurzweiligen Schmuckstück bestens bedient!

|Originaltitel: Il cineclub del mistero
Deutsch von Karin Rother
283 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-23951-9|
http://www.rowohlt.de

_Mehr von Valerio Varesi auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Nebelfluss“ 1587
[„Die Pension in der Via Saffi“ 3001

Spillane, Mickey / Collins, Max Allan – Ende der Straße, Das

_Das geschieht:_

Nach dreißig Jahren hat Captain Jack Stang genug vom Polizeidienst. Die Zeiten haben sich geändert und ihn, der sich einen Namen als rabiater „Shooter“ machte und nie daran glauben mochte, dass Gangster auch Menschen sind, definitiv zurückgelassen. Sein altes Revier wird abgerissen, Stang fühlt sich entwurzelt, als Tierarzt Dr. Thomas Price ihn aufsucht und mit einer seltsamen Geschichte zwei Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückwirft.

Einst war Jack Stang unsterblich verliebt in die junge EDV-Spezialistin Bettie Brice. In ihrem Job musste sie eines Tages zufällig auf etwas gestoßen sein, das sie definitiv nicht sehen sollte, denn die Mafia entführte sie. Die Befreiung scheiterte, Bettie schien in dem Fluss ertrunken zu sein, in den der Wagen der Kidnapper während der Verfolgungsjagd stürzte. Doch Prices Vater zog sie flussabwärts aus dem Wasser – ohne Gedächtnis und blind. Aus der Presse erfuhr er von Betties Status als Zielobjekt der Mafia. Er adoptierte die junge Frau, stattete sie mit einem reichen Erbe aus und siedelte sie in Florida und damit weit vom Schuss an. In der Seniorenwohnanlage Sunset Lodge, in der hauptsächlich pensionierte Polizeibeamte leben, führt sie seither ein behütetes Leben.

Nun ist Price senior gestorben. In seinem Testament hat er verfügt, dass Stang an seine Stelle treten und auf Bettie aufpassen soll. Die alte Liebe flackert wieder auf, obwohl Bettie sich an ihren Jack nicht erinnert. Doch auch die Mafia ist immer noch auf der Hut, Betties Todesurteil weiterhin gültig. Stang muss noch einmal aktiv werden, um einem unglaublichen Komplott auf die Schliche zu kommen, das ein ihm wohlbekannter Schurke eingefädelt hat. Der Gegner schläft nicht, aber Jack Stang ist entschlossen, sich sein spätes Glück mit Bettie zu bewahren – um jeden Preis …

_Der Tod ist keineswegs das Ende_

Wenn alte und womöglich erfolgreiche Schriftsteller das Zeitliche segnen, wird der Nachlass intensiv gesiebt. Es geht nicht um versteckte Goldmünzen, sondern um wesentlich Lukrativeres: Wohl jeder Autor hat mindestens eine Schublade, in der er Texte hortet, die er nie fertigstellte oder mit denen er so unzufrieden war, dass sie unveröffentlicht blieben. Hat er sich nicht früh genug von diesen Manuskripten trennen können, muss er sich auf Wolke Sieben tüchtig ärgern, denn solches Material kommt unweigerlich zur Veröffentlichung.

Mickey Spillane starb als sehr alter und vermögender Mann. Allerdings blieb er weder körperlich noch geistig von den Malaisen des Alters verschont. Seine Arbeitsweise hatte sich schon früher gravierend geändert; was er einst nach eigener Auskunft in wenigen Tagen geschrieben bzw. in die Maschine gehackt hatte, schritt nun langsam voran, wurde vielfach überarbeitet und blieb oft doch Stückwerk.

Seit mindestens zehn Jahren arbeitete Spillane an „Dead Street“, und die Idee ist sogar noch älter, wie Max Allan Collins in seinem Nachwort berichtet. Als Spillane im Juli 2006 starb, lagen acht von elf Kapiteln und Notizen für den Schluss vor. Der Schriftsteller hatte Collins gebeten fertigzustellen, was er selbst nicht mehr abschließen konnte. Das betraf übrigens nicht nur „Das Ende der Straße“. In den nächsten Jahren wird Spillane deshalb auf dem Buchmarkt mit ‚Neutiteln‘ präsenter denn je sein.

_Ein Cop ist ein Cop ist ein Cop ist ein …_

„Das Ende der Straße“ ist der erste der ‚postumen‘ Spillane-Romane. Erzählt wird eine ebenso simple wie solide Geschichte: Ein alter Cop stößt auf einen offenen Fall und muss noch einmal alle Register seines Könnens ziehen. Das schließt Spillane-typisch kriminalistische Erfahrung und kurzentschlossene Gewalt gleichrangig ein.

Jack Stang (1923-1996) hieß ein Polizist, mit dem Spillane eng befreundet und der in den 1950er Jahren einer Karriere als Schauspieler nicht abgeneigt war. Der Autor sah im Freund die ideale Verkörperung seiner Bestseller-Figur Mike Hammer, doch Stang kam in Hollywood nicht an. Mit „Das Ende der Straße“ setzte ihm Spillane ein kleines Denkmal. ‚Sein‘ Jack Stang ist ein Relikt aus der Vergangenheit – gerade heraus, wenig diplomatisch, der Rächer stets dicht unter der Oberfläche des Gesetzeshüters. Mit Mike Hammer teilt Stang die Liebe zum alten Automatik-Colt des Kalibers 45; keine raffinierte, sondern eine effektive Waffe, deren brutale Wirkung Spillane mit der ihm eigenen Wortgewalt (Achtung: doppeldeutig!) zu schildern weiß.

Dabei ist „Das Ende der Straße“ kein Roman, der in Brutalitäten schwelgt. Über dem Geschehen hängt stattdessen ein Hauch von Abschied und Resignation. Die Zeiten ändern sich, doch das Neue kann erst kommen, wenn das Alte endgültig abgewickelt ist. In der „toten Straße“, die Jack Stang gen Florida verlässt, treiben sich noch einige Gespenster der Vergangenheit herum. Erst wenn er die vertrieben hat, kann Stang mit Bettie ein neues Leben beginnen.

Zu viel Vergangenheit oder zu viel Drama?

Vielleicht hätte Spillane sogar ein wenig heftiger auf die Tube drücken sollen. Seine Geschichte kommt erst richtig in Fahrt, als die Fetzen zu fliegen beginnen. Bis es so weit ist, irritieren den Leser des 21. Jahrhunderts diverse Anachronismen, die „Das Ende der Straße“ als Produkt einer vergangenen Ära outen.

Der Plot ist höchstens unter dem Prädikat „Trash-Crime“ goutierbar. Das von Spillane entworfene Komplott um Mafiosi und Terroristen ist lächerlich; würde das organisierte Verbrechen so wirr und umständlich arbeiten, hätte es sich ohne Einmischung durch die Polizei oder die Bundesbehörden selbst erledigt. In diesem Punkt ist sich Spillane treu geblieben: Realistisch waren seine Krimis nie. Wenigstens die wütenden bzw. unkontrollierten Attacken gegen Kommunisten, Liberale, Feministen und andere Weicheier erspart Spillane dieses Mal sich und seinen Lesern; sie machen Platz für fast altersmilde Klagen über den kriminellen Wahnsinn des globalen Terrors, die womöglich von Collins eingefügt wurden.

Auch Betties Schicksal ist reiner Pulp, den der Leser nur unter Ausschaltung des Logiksektors verkraftet. Alte Liebe mag nicht rosten, doch sie kommt besser nicht so theatralisch oder sentimental daher wie in diesem Fall. Kein Auftritt vergeht ohne schmalzige Oden an Betties unverwelkte Schönheit, obwohl der Leser definitiv begriffen hat, dass Captain Stang unsterblich verliebt ist.

_Profi am Werk_

Zu den abstrusen gesellen sich erfreulicherweise gelungene Einfälle. Bizarr aber unterhaltsam ist Spillanes Schöpfung einer Rentnerstadt, die hauptsächlich von Ex-Polizisten bevölkert wird. Sie setzen ihren Dienst wie gewohnt fort und sind dabei besser bewaffnet als manche militärische Kampfeinheit. Sunset Lodge wirkt wie eine Karikatur, doch Spillane gestaltete die Siedlung nach einem realen Vorbild, das ihn sehr faszinierte. Fast direkt gegenüber platziert er eine entsprechende Siedlung, die von ‚pensionierten‘ Mafiosi bevölkert ist. Diese Konstruktion stellt man sich in der Realität lieber nicht vor, obwohl es auch dafür Vorbilder gibt.

Wie hätte Spillane das Finale gestaltet? Collins inszeniert es als Verbeugung vor dem Altmeister der offenen Gewalt, der für seine freiherzigen Schilderungen unverhohlener Selbstjustiz garstig kritisiert wurde. Captain Stang lässt die 45er sprechen und schafft das Böse zumindest aus seiner Welt. Ein wenig ungelenk muss Collins den absurden Plot um geraubtes Uran noch einmal aufgreifen; er bleibt klugerweise vage, denn dieser Anachronismus lässt sich nicht damit aus der Welt schaffen, indem der Verfasser Stang eifrig sein Handy benutzen und nach verschollenen Disketten – es sind tatsächlich noch Floppy-Disks … – fahnden lässt.

Obwohl Collins Mickey Spillane direkt neben Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Agatha Christie (!) stellt und viele lobende oder besser ehrfürchtige Worte über den verstorbenen Freund und Lehrmeister verliert, ist „Das Ende der Straße“ kein Abschied auf der Höhe eines literarischen Gipfels. Diesen Roman konnte auch Collins nicht in der Gegenwart erden. Er lässt aber anklingen, was Spillane für das Genre in den 1950er und 60er Jahren bedeutet haben muss, und kündet von einer gewissen schriftstellerischen Weiterentwicklung (die Spillane vermutlich entrüstet abgestritten hätte, weil sie seinem raubauzigen Image widersprach). Außerdem ist er lesbar. Wirklich gut ist er nicht. Seinen eigentlichen Zweck wird er jedoch erfüllen und wie alle Spillane-Werke gutes Geld einbringen.

_Der Autor_

Frank Morrison „Mickey“ Spillane, geboren am 9. März 1918 in Brooklyn, New York: ein Selfmademan nach US-Geschmack, aus kleinen Verhältnissen stammend, in 1001 miesen, unterbezahlten Jobs malochend, doch mit dem amerikanischen Traum im Herzen und nach allen Mühen den gerechten Lohn – Geld, Ruhm, Geld, Anerkennung und Geld – einstreichend.

Vorab stand ein Intermezzo im II. Weltkrieg, in dem Spillane angeblich als Fluglehrer und aktiver Kampfflieger tätig war; die Beweislage ist freilich dünn. Eine Beschäftigung als Comic-Zeichner ist dagegen belegt. 1946 ins Zivilleben zurückgekehrt, machte sich Spillane voller Elan an den Durchbruch. Er berücksichtige alles, was gegen den zeitgenössischen Sittenkodex verstieß, und schrieb in neun Tagen „I The Jury“ (1947, dt. „Ich, der Richter“), das erste Abenteuer des raubeinigen Privatdetektivs Mike Hammer, dessen Name Programm war. Der erhoffte Aufruhr war genauso heftig wie der Verkaufserfolg. Spillane ließ seinem Erstling weitere Hammer-Brachialwerke folgen und wurde ein reicher Mann.

Für einige Jahre hielt er sich schriftstellerisch zurück, fuhr Autorennen, arbeitete als Zirkusartist und gründete eine Filmgesellschaft. Hier gönnte er sich den Spaß, Mike Hammer in dem B-Movie „The Girls Hunters“ (1963, dt. „Der Killer wird gekillt“ / „Die Mädchenjäger“) höchstpersönlich zu mimen. In den 1960er und 70er Jahren wurde Spillane wieder aktiver. Mit dem Geheimdienst-Söldner „Tiger Man“ schuf er sogar einen noch grobschlächtigeren Charakter als Mike Hammer. Aber die Kritik verschweigt gern, dass Spillane auch als Jugendbuch-Autor hervortrat. Für „The Day the Sea Rolled Back“ wurde er 1979 gar mit einem „Junior Literary Guild Award“ ausgezeichnet.

1971 hatte Spillane die Hammer-Serie beendet, sie aber 1989 unter dem erhofften Mediendonner wieder aufleben lassen. Natürlich war Hammers große Zeit längst vorüber; Brutalität und Menschenverachtung gehörten inzwischen zum normalen Unterhaltungsgeschäft. Aber der böse Bube erwies sich als zäh, kehrte 1996 in „Black Alley“ (dt. [„Tod mit Zinsen“) 657 noch einmal zurück und überlebte sogar Spillanes Tod am 17. Juli 2006: In „The Goliath Bone“ räumte er 2008 noch einmal kräftig in der Verbrecherwelt auf.

|Originaltitel: Dead Street
Übersetzung von Lisa Kuppler
222 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-86789-049-6|
http://www.rotbuch.de

Laymon, Richard – Show, Die

_Inhalt:_

Die drei Freunde Slim, Rusty und Dwight sind ganz aus dem Häuschen, als eine reisende Vampirshow ihren Auftritt in der Nähe ihres Heimatstädtchens ankündigt. Endlich ergibt sich die einmalige Chance, einen leibhaftigen Vampir aus der Nähe zu sehen. Sogar eine Vampirin, die betörend und faszinierend schön sein soll. Doch es gibt zwei wesentliche Probleme: Die Show beginnt erst um Mitternacht und für Minderjährige ist der Zutritt verboten. Die Freunde sind fest entschlossen, sich davon nicht abhalten zu lassen, und machen sich gegen Mittag bereits auf den Weg zu der abgelegenen Lichtung, wo die Show stattfinden soll. Ab hier beginnt für das Mädchen und die zwei Jungs ein Alptraum, der um Mitternacht, bei der Vampirshow, seinen grausigen Höhepunkt erreichen soll …

_Meine Meinung:_

„Die Show“ gehört zu den letzten Veröffentlichungen des Autors, der im Februar 2001 verstarb und zu den erfolgreichsten amerikanischen Autoren zeitgenössischer Horror-Literatur zählt. Seine Bücher sind hart, brutal und stecken doch voller hintergründigem Humor. Dabei beginnt „Die Show“ recht harmlos, wie ein Jugendabenteuer der frühen sechziger Jahre.

Slim, Rusty und Dwight sind drei Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden und wollen einmal in ihrem Leben einen richtigen Vampir sehen. Dwight erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive und zieht den Leser bereits nach den ersten Seiten in die schwül-heiße Atmosphäre eines Spätsommertages, der für die Teenager in einem Desaster enden soll.

Laymon besaß einen wundervoll prägnanten, flüssigen Schreibstil und ein Talent dafür, wirklichkeitsnahe Dialoge zu schreiben. Seine Protagonisten sind völlig normale Jugendliche, die ihrer Abenteuerlust frönen. Allerdings muss man in den Büchern des Autors damit rechnen, dass hinter jeder Ecke ein Psychopath lauert, und so versteht sich von selbst, dass die Story nicht so glimpflich abläuft, wie man zuweilen annehmen möchte. Ansonsten wäre das Buch sicherlich nicht in der Reihe |Heyne Hardcore| erschienen.

Die titelgebende Vampirshow spielt die ersten 400 Seiten eher eine sekundäre Rolle, was dem Lesespaß indes keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, denn Laymon entwirft ein unheimlich spannendes, kurzweiliges Szenario, in dem Slim, Dwight und Rusty von einem Fettnäpfchen ins Nächste tappen und langsam ahnen, dass die Leute von der reisenden Vampirshow vermutlich nicht ganz so harmlos sind wie anfangs angenommen. Gekonnt spielt Richard Laymon mit den Gefühlen des Lesers und schickt ihn auf eine Achterbahnfahrt der Emotionen, bangend zwischen Momenten haarsträubender Spannung und Erleichterung. Dabei lässt der Verfasser die Bombe sprichwörtlich am Ende platzen und haut dem Leser ein Finale um die Ohren, das für wahre Adrenalinschübe sorgt.

Auf die Dauer ein wenig ermüdend sind die häufigen hormonell bedingten sexuellen Gedankenspiele des Protagonisten, die man nur dadurch entschuldigen kann, dass dieser gerade mal sechzehn Jahre alt ist. Was Laymon hier präsentiert, ist allerdings kein reinrassiger Vampir-Schocker, sondern ein kompromissloser Psychothriller, der den Leser einmal mehr in die Abgründe menschlicher Seelen entführt. Was die Existenz der Blutsaugerin betrifft, so überlässt es der Autor dem Leser zu urteilen, wer oder was sich hinter der geheimnisvollen Valeria verbirgt. Und diese Entdeckungstour sollte sich kein Liebhaber gut geschriebener Thrillerkost entgehen lassen.

In Sachen Aufmachung sind die Bücher der Reihe |Heyne Hardcore| unübertroffen. Auch bei dem vorliegenden Buch überzeugen die hervorragende Papierqualität, ein gefälliger Satzspiegel und eine einfallsreiches Illustration den Käufer. Das Motiv zeigt ein lädiertes Werbeplakat der Vampir-Show mit dem englischen Originaltitel des Romans. Titel und Logo wurden leicht erhaben gedruckt und machen aus dem Band ein edel gestaltetes Taschenbuch.

_Fazit:_

„Die Show“ ist ein Pageturner, der in einem Zeitraum von gut 27 Stunden spielt und ein packendes Szenario entwirft, das den Leser erst wieder loslässt, wenn er das unerträglich spannende Finale endlich hinter sich gelassen hat. Rasant, subtil, authentisch und zum Schluss einfach „hardcore“.

_Der Autor:_

Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.

|Originaltitel: The Travelling Vampire Show
Originalverlag: International Scripts / Schlück
Übersetzt von Thomas A. Merk
Ausgezeichnet mit dem Bram Stoker Award
Taschenbuch, 528 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-67512-4|
http://www.heyne-hardcore.de
http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm
http://www.heyne.de

_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Spiel“ 3491
[„Die Insel“ 2720
[„Rache“ 2507
[„Vampirjäger“ 1138
[„Nacht“ 4127
[„Das Treffen“ 4499
[„Der Keller“ 5289

_Florian Hilleberg_

Sallis, James – Deine Augen hat der Tod

Der amerikanische Autor James Sallis wurde für seinen Thriller „Driver“ gerade mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. Der Münchner Verlag |Liebeskind| veröffentlicht nun einen weiteren, deutlich älteren Roman des Autors. „Deine Augen hat der Tod“ erschien bereits 1997 als amerikanische Originalausgabe, also deutlich vor „Driver“. Die Frage, die bleibt, ist, ob Sallis damals auch schon so gut schrieb, dass das Ergebnis eine solche Auszeichnung rechtfertigt.

Hauptperson der Geschichte ist David, ein ehemaliger Geheimagent, der sich zur Ruhe gesetzt hat und ein friedvolles Leben mit seiner Freundin Gabrielle verbringt. Eines schönen Morgens erhält er einen Anruf seines ehemaligen Arbeitgebers, der ihn darum bittet, einen Agenten namens Luc Planchat zu eliminieren.

Planchat gehörte zum selben Ausbildungsjahrgang wie David und hat sich ebenfalls von der Agentur losgesagt. Trotzdem wurde er weiter beobachtet, und es scheint, als ob es in Planchats Leben ein paar Unregelmäßigkeiten gibt. Mysteriöse Mordfälle werden ihm in die Schuhe geschoben, und da Planchat zu den Besten gehörte, ist es nur schwer möglich, ihn aufzutreiben. Nur einer kann das: David. Obwohl er lieber weiterhin in Ruhe leben möchte, macht er sich auf den Weg. Er durchquert halb Amerika auf der Suche nach einem Phantom und kommt dabei immer wieder in heikle Situationen. Er weiß, er wird verfolgt, aber genau das wollte er erreichen …

„Deine Augen hat der Tod“ ist ein sehr komplexer Roman. Obwohl die Handlung ein wenig wie ein Roadmovie anmutet – und die Geschichte auch Züge davon aufweist -, handelt es sich letztendlich eher um die Charakterstudie eines Mannes, der von seiner Vergangenheit verfolgt wird und anstatt dagegen anzukämpfen eher resigniert wirkt. Auf noch nicht mal zweihundert Seiten packt der Autor neben dieser Charakterstudie außerdem eine überaus komplexe Handlung sowie Davids persönliche Gedanken und Erinnerungen – eigentlich Stoff für ein Buch, das mindestens doppelt so dick ist, und genau das ist des Pudels Kern.

Sallis reduziert alles, was die Geschichte ausmacht, auf das Nötigste. Beschreibungen von Situationen sind selten, die Schauplätze werden zumeist nur umrissen. Während Letzteres keinen wirklich störenden Effekt hat, sondern aufgrund seiner Intensität Lob verdient, ist Ersteres an mehr als einer Stelle störend. Um es ganz ehrlich zu sagen: „Deine Augen hat der Tod“ verlangt seinem Leser einiges ab. Durch die Kürze fehlt häufig Hintergrundwissen, das man sich nicht immer in ganzem Umfang erschließen kann, was wiederum dazu führt, dass einige Ereignisse unverständlich bleiben. Sie können nicht dem Handlungskontext zugewiesen werden, manchmal bleibt sogar unklar, was denn nun überhaupt passiert ist und wer die Beteiligten – neben David – waren. Bei manchen Autoren mag so etwas wie ein geschickter Schachzug aussehen, aber in diesem Fall gelingt es Sallis nicht, das Verhältnis zwischen vermittelten und zurückgehaltenen Informationen ausgewogen zu gestalten. Selbst nach erneuter Lektüre bleiben einige Fragen offen, und das ist nicht unbedingt der Königsweg, um einen Leser bei Stange zu halten.

Der Verzicht auf den Ballast hat allerdings auch eine positive Folge. Das Buch wird spannend, die Handlung schreitet flott voran und enthält keine Längen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass das Geschehen häufig zu komplex ist für jemanden, der sich mit dem Procedere bei einer solchen Agentur wie Davids nicht auskennt. Einige Handlungen Davids wirken auf den ersten Blick seltsam. Er denkt nun mal immer noch wie ein Agent. Leider breitet Sallis viel zu wenig aus, was diese Denke ausmacht, so dass auch hier Fragezeichen zurückbleiben. Dass das Buch trotzdem einigermaßen verständlich und vor allem gut lesbar bleibt, ist vor allem Sallis‘ Schreibstil zu danken, gegen den man nun wirklich nichts einwenden kann.

Der Autor schreibt mit seinen 64 Jahren Lebenserfahrung sehr gewandt und – wenn man bedenkt, wie kurz er sich hält – geradezu virtuos. Sein Stil hat etwas ganz Eigenes, wenn man sich erst mal an die Einsilbigkeit, die vielen Sprachbilder und die Chiffriertheit gewöhnt hat. Er schöpft aus einem sehr großen Wortschatz und findet stets die treffenden Bezeichnungen, um mit wenigen Worten ein Bild vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen. Ähnlich verhält es sich mit der Hauptperson. Das Wissen über David zieht der Leser hauptsächlich aus dem, was der ehemalige Agent denkt. Seine Gedanken werden, ähnlich einem inneren Monolog, auf den Buchseiten ausgebreitet. So etwas kann natürlich auch leicht danebengehen, aber Sallis‘ wortkarger, jedoch intensiver Stil sorgt dafür, dass David sehr viel Tiefe und Authentizität erlangt.

„Deine Augen hat der Tod“ ist eine zwiespältige Angelegenheit. Die Handlung ist sehr komplex, das Verständnis stellenweise mühsam zu erarbeiten. Auf der Habenseite steht allerdings ein Schreibstil, der unglaublich ganzheitlich, intelligent und ausgefeilt wirkt. Ob man das Buch letztendlich lesen will, ist sicherlich Geschmacksache. Wer ein Fan von undurchsichtigen Handlungen ist, wird sich hier wohlfühlen. Wer dagegen leicht verständliche, aber spannende Krimiliteratur bevorzugt, der sollte sich lieber nicht auf dieses Experiment einlassen.

|Originaltitel: Death will have your Eyes
Aus dem Englischen von Bernd W. Holzrichter
Gebunden, 192 Seiten
ISBN-13: 978-3-935890-56-4|
http://www.liebeskind.de

Sebastian Fitzek – Der Seelenbrecher

Das Szenario ist klassisch: ein Ort, abgeschnitten von der Außenwelt, an dem Menschen der Willkür eines unheimlichen Mörders ausgeliefert sind. Hier müssen sie irgendwie mit der Gefahr fertig werden, zumindest bis von Außen Verstärkung eintrifft.

Genau dieser klassischen Rezeptur bedient sich auch Sebastian Fitzek in seinem aktuellen Roman „Der Seelenbrecher“. Der von der Außenwelt abgeschnittene Ort ist in diesem Fall eine psychiatrische Luxusklinik, und der unheimliche Mörder ist der titelstiftende Seelenbrecher.

Der Seelenbrecher ist ein perfider Psychopath. Drei junge Frauen sind ihm bereits zum Opfer gefallen. Sie alle verschwanden für eine Woche und kehrten psychisch völlig gebrochen wieder zurück. Alle drei Frauen wirkten nach ihrem Wiederauftauchen, als wären sie in ihrem eigenen Körper begraben. Niemand dringt mehr zu ihnen durch, sie nehmen nichts mehr wahr. Eine starb gar an den Folgen.

Sebastian Fitzek – Der Seelenbrecher weiterlesen