Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Zurdo, David / Gutiérrez, Ángel – 616 – Die Hölle ist überall

In Boston rettet der Feuerwehrmann Joseph Nolan dem minderbegabten Gärtner Daniel bei einem Klosterbrand das Leben. Zuerst steht es schlecht um den alten Mann, doch nach und nach erholt er sich. Nolan besucht ihn des Öfteren und lernt dabei die reservierte Psychologin Audrey Barrett kennen, die auf Wunsch der Nonnen Daniel behandelt. Dabei entdeckt sie bei dem alten Gärtner eine merkwürdige Persönlichkeitsspaltung. Als er ihr Dinge sagt, die er nicht wissen kann, ahnt sie Schreckliches und will es doch nicht wahrhaben. Ist Daniel von einer überirdischen Wesenheit besessen – vielleicht sogar vom Teufel persönlich? Weiß Daniel tatsächlich, wo sich ihr seit fünf Jahren verschollener Sohn befindet?

Zur selben Zeit untersucht der Jesuit Pater Albert Cloister mysteriöse Ereignisse. Einem Priester wurden im geschlossenen Sarg die Knochen gebrochen; Ähnliches geschah einer alten Frau, die immer noch am Leben ist. Auch bei anderen Vorkommnissen steht immer wieder dieselbe Botschaft im Vordergrund: |DIE HÖLLE IST ÜBERALL.|

Je mehr sich Cloister mit dieser Nachricht auseinandersetzt, desto mehr erkennt er, dass er persönlich in diese Fälle verwickelt wird und sich eine unsagbar böse Kreatur mit ihm in Verbindung setzen will …

_Meine Meinung:_

In diesem Roman trifft „Der Exorzist“ auf „Sakrileg“. Die Wissenschaftsjournalisten Zurdo und Gutiérrez schufen einen fundierten und extrem gut recherchierten Mysterythriller, der neben einer Menge subtiler Spannung auch eine interessante Geschichte zu erzählen hat, die mit einer gut durchdachten Pointe aufwarten kann.

Zunächst beginnt der Roman recht verworren und viele Szenenwechsel erfordern eine gewisse Konzentration bei der Lektüre. Doch im Laufe des Buches wächst die Handlung zusammen, und obwohl es so gut wie keine Actionsequenzen im Roman gibt, ist er äußerst spannend und atmosphärisch. Am eindringlichsten und nachhaltigsten sind dabei jene Abschnitte, in denen ein Exorzismus an Daniel durchgeführt wird und Albert Cloister durch Tonbandaufnahmen mit dem Bösen kommuniziert. Die Protagonisten Audrey Barrett, Joseph Nolan und Albert Cloister wurden glaubhaft und vielschichtig dargestellt, so dass man unwillkürlich mit ihnen fühlt und leidet. Der Spannungsbogen baut sich langsam aber kontinuierlich auf, und die Geschichte weist einige überraschende Wendungen im Handlungsablauf auf.

Im Anhang berichten die Autoren über Fakten und Fiktion ihres Werkes, besonders die Wahrheit über die Zahl des Tieres ist überaus interessant zu lesen. Besonders gelungen ist dem |Droemer/Knaur|-Verlag die einmalige Aufmachung: Im Buchdeckel ist die Zahl 616 als Scherenschnitt abgebildet, hinter dem die Flammen des umklappbaren Umschlags zu sehen sind. Das Buch wurde auf hochwertigem Papier gedruckt und die Schrift hat die ideale Größe.

_Fazit:_

„616 – Die Hölle ist überall“ ist ein hervorragend recherchierter Mysterythriller über Besessenheit, die Wahrheit über die Zahl des Tieres sowie Judas Ischariot. Der flüssig lesbare Roman überrascht mit unerwarteten Wendungen und überzeugt durch subtile Spannung.

|Originaltitel: 616 – Todo es inferno
Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit
Illustration: FinePic, München
408 Seiten Paperback
ISBN13: 978-3426663165|
http://www.knaur.de

_Florian Hilleberg_

Fielding, Joy – Nur der Tod kann dich retten

Gegen ihren eigentlichen Willen zieht Sandy Crosbie mit ihrem Mann Ian und den beiden Teenagern Megan und Tim in die verschlafene Kleinstadt South Torrance in Florida, wo Sandy als Lehrerin an der einzigen High School arbeitet. Kurz darauf erfährt sie, dass ihr Mann sich wegen seiner Affäre Kerri, einer gelifteten Blondine aus der Stadt, scheiden lassen will. Am liebsten würde Sandy die Stadt sofort wieder verlassen, doch vor allem Megan hat sich gerade erst eingelebt und Freundinnen gefunden.

Für Sandy beginnt ein einsamer Lebensabschnitt. Viele Schüler sind aufsässig und oberflächlich, ihre eigenen Kinder fühlen sich durch die Anwesenheit der Mutter an der Schule gestört und zu allem Überfluss muss Sandy auch noch die Tochter ihrer Rivalin unterrichten, die schüchterne Außenseiterin Delilah. Zudem hofft Sandy immer noch, dass ihr Mann seine Affäre beendet und zu ihr zurückkehrt.

Noch schlimmer wird für Sandy das Leben in Torrance, als ihre Schülerin Liana Martin spurlos verschwindet. Wenige Tage später werden alle Hoffnungen zerstört, als ihre Leiche auftaucht. Sheriff Weber übernimmt die Ermittlungen, ohne dass sich ein Anhaltspunkt findet. Bald fürchtet er, dass auch das verschwundene Mädchen aus dem Nachbarort einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Tatsächlich ist ein Serienmörder am Werk, der schon das nächste Mädchen ins Visier genommen hat …

Frau in Gefahr, das ist das Motto eines jeden Joy-Fielding-Romans, so auch bei diesem Thriller.

|Spannende Handlung|

Solide wie üblich versteht es die Autorin, den Leser zu fesseln und die Identität des Mörders lange Zeit im Dunkeln zu halten. Dabei bangt man nicht nur um die Hauptfigur Sandy Crosbie, sondern darf auch rätseln, welches Opfer es als nächstes trifft. Ein paar Verdächtige geraten ins Visier, aber es ist absehbar, dass der wirkliche Täter nicht dabei ist.

Joy Fielding spielt mit Cliffhangern und wechselt häufig die Handlungsstränge, bevor Langeweile einsetzen kann. Mal gerät Sandy in eine brenzlige Lage, mal spielt sich ein Drama bei Kerri und Delilah ab, mal scheint Megan in Gefahr zu schweben. Erfreulicherweise werden keine Gewalt- oder Ekelszenen geliefert, zart besaitete Leser brauchen also vor der Lektüre nicht zurückschrecken, und es sind keine voyeuristischen Szenen dabei – das Werk hat sich vielmehr den Titel Psycho-Thriller redlich verdient.

|Sympathische Charaktere|

Keine der Figuren besitzt außerordentliche Tiefe oder Nachwirkung, dennoch sind einige von ihnen durchaus sympathisch, sodass man als Leser mit ihnen fühlt und sich inständig ein gutes Ende für sie wünscht. Dazu gehört natürlich vor allem Sandy Crosbie, sitzengelassen und einsam, die sich in einem ständigen Widerstreit der Gefühle befindet: Einerseits hofft sie, ihren Mann doch noch zur Rückkehr bewegen zu können, andererseits lässt sie sich von ihrer Freundin zu einem Blinddate überreden. Mit Recht bemerkt ihre irritierte Tochter, dass Sandy sich zeitweise wie ein alberner Teenager aufführt und genau die Fehler begeht, die sie Megan vorwirft.

Ein interessanter Nebenstrang dreht sich um die unansehnliche, unbeliebte Delilah – ausgerechnet die Tochter von Sandys Erzrivalin -, für die sie gegen ihren Willen Mitleid empfindet. Von ihrer Großmutter erntet sie nur zynische Spitzen, ihre zur Barbie-Puppe operierte Mutter schenkt ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit, von den Mitschülern hagelt es böse Spitznamen. Sandy fühlt sich verpflichtet, das Mädchen zu ermuntern, obwohl sie zugleich jedes Zusammentreffen schmerzhaft an den Betrug ihres Mannes und sein neues Leben ohne sie erinnert.

Auch Sheriff Weber steht zeitweilig im Fokus. Einen Serienmörder im verschlafenen Torrance zu jagen, bedeutet eine große Aufgabe für ihn, der sich sonst höchstens mit Kneipenschlägereien befasst. Daneben muss er sich um sein kompliziertes Familienleben kümmern. Die Ehe mit Pauline ist eingeschlafen, seine ehemalige Affäre mit Kerri droht öffentlich zu werden und Tochter Amber scheint der Magersucht verfallen.

Neben der Suche nach einem Killer präsentiert der Thriller also auch ein typisches Kleinstadt-Szenario, in dem kein Geheimnis lange verborgen bleibt und alle Einwohner wie Nachbarn zueinander stehen. Die kleinen und großen Sorgen und Ängste der Bewohner werden zum zweiten Hauptthema der Handlung gemacht. Da sind der drängende Wunsch von Megan, endlich vollkommen von ihren neuen Freundinnen akzeptiert zu werden, die ersten Liebeleien und Eifersuchtsprobleme, die Befürchtungen eines Jungen, für schwul gehalten zu werden, das Wetteifern um Schönheit und Beliebtheit unter den Teenagern, lauter Ausschnitte aus dem Leben und Leiden von Highschool-Absolventen, die sich erst noch auf der Welt zurechtfinden müssen.

|Schwaches Ende|

Leider bleibt der positive Aha-Effekt bei Finale größtenteils aus. Zwar ist die Auflösung der Frage, wer sich hinter den Morden verbirgt und welches Motiv den Anlass gab, nicht leicht vorherzusehen. Allerdings ist die Präsentation des Mörders auch gleichzeitig einigermaßen unglaubwürdig. Vor allem die Sequenzen, die zwischendurch aus dem „Totenbuch“ des Täters verfasst wurden, sind in Hinblick auf seine Identität nicht immer stimmig. Die Gedanken, die der Mörder dort preisgibt, erscheinen teilweise unplausibel. Ungeschickt ist zudem, dass man über die Beweggründe und Vorgehensweise des Täters fast nur über dessen Geständnis informiert wird, anstatt dass andere Figuren diese erschließen. Sogar die letzten Zeilen enttäuschen, in denen Raum für eine Fortsetzung gelassen wird oder zumindest ein kleiner Schockeffekt erzielt werden soll. Tatsächlich aber lesen sich die Andeutungen eher aufgesetzt und erinnern an schlechte Horrorfilme, in denen das Monster nie endgültig besiegt wird.

_Als Fazit_ bleibt ein Werk in gewohnter Joy-Fielding-Qualität mit solider Spannung. Zwar bleibt der Thriller nicht lange im Gedächtnis haften und die Täter-Identifikation ist nicht wirklich überzeugend, doch bei nicht zu hohen Erwartungen bietet sich dennoch unterhaltsamer Lesestoff.

_Die Autorin_ Joy Fielding, geboren 1945 in Toronto, Kanada, hatte bereits in ihrer Kindheit großes Interesse am Schreiben. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin studierte sie englische Literatur und arbeitete eine Weile als Schauspielerin. 1991 gelang ihr mit dem Roman „Lauf Jane, lauf“ der internationale Durchbruch. Seitdem landen ihre Frauenthriller regelmäßig auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Weitere Werke sind u. a. „Sag Mammi goodbye“, „Ein mörderischer Sommer“, „Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ und „Träume süß, mein Mädchen“.

http://www.joyfielding.com
http://www.randomhouse.de/goldmann/

_Joy Fielding auf |Buchwurm.info|:_
[„Schlaf nicht, wenn es dunkel wird“ 556
[„Träume süß, mein Mädchen“ 4396

MacBride, Stuart – erste Tropfen Blut, Der

Noch immer muss Logan McRae, Detective Sergeant bei der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen, sein berufliches Dasein im „Versagerclub“ des Reviers (s. „Die Stunde des Mörders“) fristen. Unter der Fuchtel seiner ebenso exzentrischen wie energischen Chefin, Detective Inspector Roberta Steel, bearbeitet McRae vor allem Routinefälle, mit denen Detective Inspector Insch, Steels schwergewichtiger Kollege, nicht behelligt werden möchte.

Aktuell sonnt sich Insch im Licht der Medien, weil es der Beamtin Jackie Watson gelang, während eines Undercover-Einsatzes einen gefürchteten Serien-Vergewaltiger zu stellen. Die Freude verflüchtigt sich, als dieser sich als Star-Spieler eines örtlichen Fußballvereins entpuppt. Robert Macintyre leugnet seine Schuld nicht nur hartnäckig, er wird auch von seinen Fans erbittert verteidigt, die ihn für seine Stürmer-Qualitäten lieben. Ausgerechnet McRae verhört im Laufe einer ganz anderen Ermittlung einen Mann, der plötzlich zugibt, eine der Frauen, die Macintyre zum Opfer gefallen sein sollen, vergewaltigt zu haben. Insch steht schlecht da, der Fußballer wird auf Bewährung freigelassen, der Fall wenig später gänzlich niedergeschlagen.

McRae ermittelt weiter im Fall Jason Fettes. Der junge Aushilfs-Pornodarsteller wurde vor einem Krankenhaus aus dem Wagen gestoßen; er verblutete an einer Verletzung, die womöglich als bizarrer ‚Arbeitsunfall‘ zu deklarieren ist. Zu DI Steels Freude führt die Untersuchung tief in das Sado-Maso-Milieu von Aberdeen. McRae kann diese Begeisterung nicht teilen. Der wütende Insch schurigelt ihn, und auch privat gibt es Probleme: Jackie Watson, mit der McRae seit einiger Zeit Tisch und Bett teilt, begibt sich des Nachts auf Streifzüge, über die sie keine Auskunft geben will. Betrügt sie ihn oder beschattet sie auf eigene Faust Macintyre, an dessen Schuld sie wie Insch fest glaubt? McRae weiß nicht, was schlimmer wäre, aber ihm bleibt ohnehin keine Zeit, sich um seine Beziehung zu kümmern: Steel und Insch belegen ihn mit Beschlag, die Ermittlungen treten auf der Stelle, es warten neue, dringende Fälle – ein Wettlauf, der nicht zu gewinnen ist …

Das wahre Glück liegt für die bekennenden Leser von Serienkrimis nicht im stetigen Wandel, sondern in der behutsamen Variation des Bekannten. Stuart MacBride hat diese Grundregel begriffen und beherzigt sie treu. Der neue Fall von Logan McRae ist eigentlich ganz der alte – eine Melange aus klassischer Kriminalstory und moderner Gesellschaftskritik.

Ebenfalls schon bewährt hat sich für MacBride die Verzwirbelung gleich mehrerer Kriminalfälle zu einer Geschichte, die dadurch als Krimi an Stringenz und Dynamik zwar verliert, aber gleichzeitig realitätsnäher wirkt, da auch im wirklichen Leben Ereignisse nicht nach der Reihenfolge sortiert geschehen, sondern sich überlappen. Hier bildet Jackie Watsons Privatfehde mit einem gewitzten und unter Prominentenschutz stehenden Triebverbrecher den ersten Sub-Plot; das düstere Geheimnis eines kindlichen Schwerverbrechers fließt etwas später in die Handlung ein.

Praktisch unverändert bleiben diverse Konstanten: Die Grampian Police ist an der ‚Front‘ überlastet und unterbesetzt; Reformbemühungen entpuppen sich regelmäßig als Augenwischerei oder blinder Aktionismus und werden für Politik und Medien inszeniert. Von allen Seiten gibt es ausschließlich Druck von unfähigen, in Machtkämpfe verwickelten Bürokraten, einer feindseligen, auf Sensationsgeilheit gepolten Presse, den unzufriedenen, sich unbeschützt fühlenden Bürgern und vielen anderen enthusiastischen, aber schlecht informierten Gegnern. Die Ausrüstung der Polizei ist museumsreif und wird von den modern ausgestatteten Gangstern verlacht, Anwälte sind rund um die Uhr damit beschäftigt, eindeutig schuldige Zeitgenossen aus den Zellen zu klagen.

Frustrierte Beamte begeben sich in die innere Emigration oder entwickeln skurrile Züge. Will man MacBride Glauben schenken, arbeiten ausschließlich karikaturhaft verzerrte Exzentriker für die Grampian Police. Ihre diversen Schnurren sorgen erneut für Erheiterung, obwohl dahinter immer wieder deutlich wird, dass hier Menschen ihre eigenen Methoden gefunden haben, um einen Alltag zu meistern, der im Grunde nur noch Chaos ist.

Ohnehin bleibt der Autor dem milde sarkastischen Tonfall treu, der den konzeptionellen Stillstand der McRae-Serie gern vergessen lässt: Diese Bücher lesen sich einfach fabelhaft, weil sie einen Sinn für echten Humor erkennen lassen. Die Übersetzung kann das – die Regel ist das nicht – bewahren und verdient eigenes Lob.

DI Steel benimmt sich weiterhin wie die Axt im Wald und lässt Logan McRae ihre Arbeit erledigen. DI Insch stopft alle möglichen Süßigkeiten in seinen Wanst und inszeniert die schlechteste Amateur-Theatertruppe der Welt. Der dicke Gary hört immer noch alle Revier-Flöhe husten. Sandy Moir-Farquharson behauptet seine Führungsposition als widerlichster Anwalt der Welt. Colin Miller ist als Enthüllungsjournalist die Zecke im Fell der Grampian Police.

Nichts Neues also auch im Bereich der Figurenzeichnung. Das gilt erst recht für Logan McRae, der als Person ohnehin kaum ein eigenes Profil aufweist. Man nennt ihn zwar „Lazarus“, seit er von einem irren Killer aufgeschlitzt wurde und trotzdem überlebte, aber das daraus resultierende Trauma ist längst fadenscheinig geworden. McRae ist vor allem deshalb wichtig, weil es wenigstens eine ’normale‘ Figur geben muss, die für die kriminalistische Arbeit verantwortlich zeichnet. Ohne ihn würde sich die Grampian Police endgültig aus der Realität verabschieden, denn es ist schwer vorstellbar, dass seltsame Gestalten wie Steel oder Insch auch nur einen Fall lösen könnten.

Inzwischen ist McRae also mit Jackie Watson zusammen, womit MacBride den obsoleten Anteil Seife in seinen Krimi einspritzt. Die private Situation in Serie tätiger Polizisten oder Detektive ist heutzutage ebenso wichtig wie die Darstellung eines Verbrechens. MacBride hält sich erfreulich zurück; vor allem weibliche Seriendetektive agieren hart an der Grenze zur „chick-lit“, und die Grenze ist viel zu durchlässig geworden.

Die Beziehung wird in den folgenden Bänden der Serie noch ernsthaft auf die Probe gestellt werden, denn Jackie Watson hat eine unsichtbare Grenze überschritten: die vom Ordnungshüter zum Richter und Vollstrecker. Die Gefahr ist allgegenwärtig in MacBrides Polizeiwelt, die von Frustration gekennzeichnet ist. Wenn die Justiz die Arbeit der Polizisten aushebelt, fühlen sich diese womöglich nicht mehr an ein Gesetz gebunden, von dem sie sich vernachlässigt und verhöhnt wähnen. Schlimmer noch: Ihr Gefühl für Toleranz und Verhältnismäßigkeit hat sich verflüchtigt. Sogar Logan McRae lässt sich in einem Moment der Selbstjustiz dazu hinreißen, einem bereits gefangenen Vergewaltiger Pfefferspray in die Augen zu sprühen.

Denn der Alltag, obwohl von MacBride so humorvoll in Szene gesetzt, hinterlässt seine Spuren: DI Insch frisst sich zu Tode, DI Steel eifert ihm per Zigarette nach. Die Zahl der kollektiven Besäufnisse nach Feierabend ist in „Der erste Tropfen Blut“ beachtlich, die Folgen werden drastisch beschrieben. Ein Privatleben, das als Ausgleich dienen könnte, bleibt auf der Strecke. In McRaes und Watsons gemeinsamer Wohnung stapelt sich der Dreck – ein Alarmsignal, denn der Stress gestattet nicht einmal die Einhaltung simpler hygienischer Standards. Der dicke Gary bringt es auf den Punkt, als er anmerkt, er könne von McRae eigentlich Miete fordern, denn er lebe ja ohnehin auf dem Revier.

Die Maschine frisst auch die jungen Beamten mit Haut und Haaren. Mit Constable Rickards führt MacBride ein neues Gesicht ein. Rickards ist – noch – ein Idealist mit einem privaten Geheimnis, das er – so dumm ist er nicht – gern vor seinen Kollegen gewahrt hätte. Es kommt ans Tageslicht und verwandelt Rickards in ein willkommenes Opfer für Hohn und Spott: Die abgestumpften Polizisten geben nicht einmal einander moralischen Rückhalt, sie zerfleischen sich selbst. Rickards einzige Chance ist es, auf das Erscheinen eines neuen Pechvogels zu warten und sich dann unter denen einzureihen, die ihn bittere Mores lehren. Wir lachen, wenn wir lesen, wie Rickards wieder einmal veräppelt wird – und ertappen uns dabei, Komplizen geworden zu sein. Die Heiterkeit bleibt uns im Hals stecken. Diese Reaktion werden wir oft erleben, denn Stuart McRae ist ein böser Meister, der sie kunstvoll auszulösen versteht. Es sind halt nicht nur Kugeln oder Messer, die durch die Haut gehen – „Broken Skin“ heißt dieser Roman im Original -; auch böse Taten und Worte dringen durch und richten nicht selten größere Schäden an als jede Waffe.

Stuart MacBride wurde (in einem Jahr, das sich nicht ermitteln ließ) im schottischen Dumbarton geboren. Die Familie zog wenig später nach Aberdeen um, wo Stuart aufwuchs und zur Schule ging. Studiert hat er an der University in Edinburgh, die er indes verließ, um sich in verschiedenen Jobs (Designer, Schauspieler, Sprecher usw.) zu versuchen. Nach seiner Heirat begann MacBride Websites zu erstellen, stieg bis zum Webmanager auf, stieg in die Programmierung ein und betätigte sich in weiteren Bereichen der Neuen Medien.

Stuart MacBride lebt heute wieder in Aberdeen. Über Leben und Werk informiert er auf seiner Website [www.stuartmacbride.com,]http://www.stuartmacbride.com die er um einen Autorenblog sowie eigene Kurzgeschichten erweitert hat.

_Stuart MacBride auf |Buchwurm.info|:_

[„Die dunklen Wasser von Aberdeen“ 2917
[„Die Stunde des Mörders“ 3739

http://www.goldmann-verlag.de

Anscombe, Roderick – Hinterhältig

Die Zutaten, aus denen Roderick Anscombe seinen Thriller „Hinterhältig“ zaubert, klingen vielversprechend: Man nehme einen forensischen Psychiater in einem Hochsicherheitsgefängnis für psychisch kranke Straftäter, gebe einen gerissenen, schwerreichen, psychopathischen Stalker dazu und schon hat man einen Thriller, der in einem Psychoduell auf Leben und Tod gipfelt.

So ergeht es zumindest Psychiater Paul Lucas, der den schwerreichen Elitestudenten Craig Cavanaugh als neuesten Patienten vor die Nase gesetzt bekommt. Craig hat seiner Professorin Natalie Davis massiv nachgestellt. Mit deren Zurückweisungen kommt er nicht zurecht, und so kommt es, wie es kommen muss: Natalie fühlt sich bedroht und schaltet die Behörden ein, die Craig zu der Auflage verdonnern, sich von Natalie fern zu halten. Natürlich verstößt Craig gegen diese Auflage (was sich aber nicht mit letzter Endgültigkeit beweisen lässt) und da es auch Paul nicht gelingt, dem Gericht glaubhaft zu machen, dass Craig wirklich gefährlich ist, kommt er frei und wird fortan auf eigenen Wunsch von Paul therapiert.

Doch glaubt der Psychiater anfangs noch, er habe die Lage im Griff, so sorgt Craig schon bald dafür, dass Paul die Sache entgleitet. Ohne dass Paul es so richtig bemerkt, gibt auf einmal Craig den Ton an und verwickelt ihn in eine ausgebuffte Intrige, die Paul schon bald nicht nur seinen Job kosten könnte, sondern obendrein sein ganze Leben über den Haufen zu werfen droht …

So weit der grobe Inhalt. Anscombe erzählt den Roman aus der Perspektive von Paul. Paul steht im Mittelpunkt der Handlung, und obwohl Anscombe die Perspektive des Ich-Erzählers wählt, ist der Leser schon bald schlauer als die Hauptfigur. Natürlich ist dem Leser schon beim ersten Zusammentreffen von Psychiater und Stalker klar, dass die Angelegenheit irgendwie aus dem Ruder laufen muss, aber zu Beginn passiert erst einmal nicht viel.

Anscombe versucht sich mit einem ganz subtilen Spannungsaufbau. Er lässt die beiden Kontrahenten einfach aufeinanderprallen, und während sie sich in langen Gesprächen zunächst erst einmal gegenseitig „abtasten“, passiert ansonsten nicht viel. Das sorgt nicht gerade für einen spannungsgeladenen Romaneinstieg. Anscombe blickt auf Pauls Privatleben und auf die Probleme, die er und seine Frau Abby haben, seitdem der Sohn bei einem Autounfall starb.

Obwohl der Autor dabei auch teilweise das Innenleben seines Protagonisten entblättert, bleibt die Figur des Paul Lucas überraschend blass. Das alles sieht eben mehr nach durchschnittlicher Kost aus, von der man nicht sonderlich viel Tiefe erwarten kann. Dementsprechend baut sich dann auch der weitere Plot auf. Da Paul Lucas als Protagonist also ein wenig konturenlos bleibt, fiebert man als Leser auch nicht sonderlich stark mit ihm mit.

Erschwerend kommt hinzu, dass man Paul am liebsten immer für seine Blindheit ohrfeigen möchte. Der Leser überschaut enorm viel, kann Teile der Handlung gar vorhersehen und ist somit weder vom Handlungsverlauf sonderlich überrascht, noch kann die Intrige, mit der Paul sich konfrontiert sieht, besonders fesseln. Es ist halt etwas schade, wenn man als Leser immer einen entscheidenden (und mitunter ziemlich großen) Schritt voraus ist, und der Autor dann nicht einmal für wirklich überraschende Wendungen sorgt, die dem Leser demonstrieren, dass er eben doch nicht alles durchschaut hat.

Die Richtung des Romans ist schon recht bald klar, und so wartet der Leser eigentlich nur ungeduldig darauf, wann auch Paul Lucas endlich begreift, in welcher Lage er sich befindet und wie sein Lösungsansatz für diese Misere aussieht. Vermutlich war es Anscombe auch gar nicht so wichtig, ganz banale Spannung zu erzeugen, bei der auch der Leser mal im Dunkeln tappt. Anscombe ist von Haus aus selbst Gerichtspsychiater, und so dürfte für ihn logischerweise das Psychoduell der beiden Hauptfiguren den Reiz der Geschichte ausmachen.

Anscombe stellt Paul Lucas als Mann mit hohen Idealen dar, der sich stets der Wahrheit verpflichtet fühlt und ganz persönlich schon mit einer kleinen Notlüge Probleme hat. Zu beobachten, wie solch ein Mensch sich in einem schier ausweglosen Psychoduell gegen einen skrupellosen Stalker verhält, mag also seinen Reiz haben. Paul muss feststellen, dass ihm bei der Bewältigung dieses Problems seine eigenen Ideale im Weg stehen, und muss seine Handlungsweise entsprechend entgegen seinen eigenen Moralvorstellungen anpassen.

Mit der Anpassung seiner Ideale treibt Anscombe es dabei sehr weit – für meinen Geschmack zu weit. Das Finale wirft eine ganze Reihe moralischer Fragen auf, die Paul Lucas aber anscheinend nicht wirklich schlaflose Nächte bereiten und am Ende auch offen im Raum stehenbleiben. Das lässt dann Pauls Charakterskizzierung etwas unausgegoren wirken und man kann sicherlich darüber streiten, inwiefern diese charakterliche Wandlung gelungen ist bzw. eben nicht. Für meinen Geschmack wirkt sie eher wenig überzeugend.

Und so ist „Hinterhältig“ dann leider auch eher ein Thriller, der im unteren Mittelmaß anzusiedeln ist. Spannung wird eher wenig aufgebaut, da der Plot für den Leser zu durchsichtig ist und Protagonist Paul Lucas eine dermaßen lange Leitung hat, dass es schon fast ein wenig nervt.

Lediglich zum Showdown schafft Anscombe es, den Leser zu fesseln, greift dann aber zu etwas moralisch fragwürdigen charakterlichen Veränderungen an der Figur des Paul Lucas, so dass auch das Finale trotz einiger Spannung Bauchschmerzen verursacht. Und so bleibt eben auch die Figurenskizzierung irgendwo im Mittelmaß stecken. Unterm Strich also ein Thriller, der zwar eigentlich eine interessante Thematik zugrunde legt, diese aber eher schwach umsetzt.

http://www.knaur.de

Franz, Andreas – Spiel der Teufel

Kommissar Sören Henning und seiner Partnerin Lisa Santos stehen besonders unangenehme Ermittlungen bevor. Ihr Freund und Kollege Gerd Wegner wird tot in seinem Auto gefunden, offenbar Selbstmord durch Kohlenmonoxid-Vergiftung. Es existiert jedoch kein Abschiedsbrief und niemand kann sich vorstellen, dass er sich umgebracht haben sollte. Vor allem seine schöne Witwe, die Russin Nina, glaubt nicht an die Selbstmord-Theorie.

Kurz darauf taucht die Leiche einer jungen Asiatin am Kieler Hafen auf, genau an jenem Ort, an dem sich Gerd kurz vor seinem Tod aufgehalten hatte. Weggeätzte Fingerkuppen deuten auf eine Auftragskillerin hin, die von ihresgleichen beseitigt wurde. Henning und Santos wittern einen Zusammenhang. Der Mordverdacht erhärtet sich, als sich herausstellt, dass Gerd verdeckte Ermittlungen für das Landeskriminalamt führte, die ihm womöglich zum Verhängnis wurden.

Leider stellen Henning und Santos auch fest, dass Gerd ein Doppelleben führte. Eine Frau meldet sich, die sich als seine Geliebte ausgibt, zudem kassierte Gerd anscheinend Schmiergelder, die ihm ein luxuriöses Leben ermöglichten. Die Spur führt zu einer russischen Organhandel-Organisation, die in ganz Europa Stützpunkte unterhält – und auch zu einer Kieler Schönheits-Klinik, in der illegale Operationen vorgenommen werden …

Nach „Unsichtbare Spuren“ gibt es in diesem Buch ein Wiedersehen mit dem Kieler Kommissar Sören Henning, das erfreulicherweise an die positiven Erwartungen des Vorgängers anknüpfen kann.

|Spannung bis zum Schluss|

Es ist in mehrfacher Hinsicht ein besonders aufreibender Fall für Sören Henning und Lisa Santos. Nicht nur, dass das Mordopfer ihr geschätzter Kollege Gerd Wegner ist, sondern im Laufe ihrer Ermittlungen erhärtet sich auch noch der Verdacht, dass die Mittäter in den eigenen Reihen zu finden sind. Brisant ist auch das Thema Organmafia, das im weiteren Verlauf die Handlung dominiert.

Schnell ist dem Leser ebenso wie den Ermittlern klar, dass der angebliche Selbstmord von Gerd Wegner fingiert wurde, doch die Frage nach dem Täter bleibt spannend. Ein persönlicher Racheakt ist ausgeschlossen, bleibt also nur noch die Möglichkeit, dass Gerd aufgrund von Ermittlungen ausgeschaltet wurde. Seine verdeckte Nebentätigkeit und der Verdacht der Korruption bringen Henning und Santos ins Wanken, immerhin betrachteten sie Gerd als einen ihrer engsten Freunde und wollen kaum glauben, dass der zuverlässige, ruhige Familienvater in dubiose Machenschaften verwickelt war. Für Bestürzung sorgt auch das Obduktionsergebnis, nach dem er kurz vor seinem Tod Sex mit einer Frau hatte, die unmöglich Ehefrau Nina gewesen kann, die sich zu der Zeit in Hamburg befand. Henning und Santos rätseln, ob die mysteriöse Geliebte an seinem Tod beteiligt war oder zumindest als Zeugin helfen kann. Besonders im letzten Viertel ist der Roman reich an überraschenden Wendungen. Sogar der Epilog kann noch mit neuen Ergebnissen aufwarten, sodass man sich bis kurz vor Schluss nie sicher sein kann, wie die Dinge wirklich liegen.

In einem Nebenstrang wird immer wieder zu den Organhändlern geschaltet. Durch leere Versprechungen von einem besseren Leben lotsen sie Kinder und junge Leute aus dem Armutsvierteln in St. Petersburg auf ein Schiff, das sie nach Deutschland führt. Anstatt jedoch von liebevollen Familien in Empfang genommen zu werden, erwarten sie eine ärztliche Untersuchung, eine Betäubungsspritze und der Tod auf dem OP-Tisch, wo ihnen wichtige Organe entnommen werden. Mit eiskalter Kalkulation wickeln die Macher ihre Geschäfte ab, ohne Scheu, den Immigranten ins Gesicht zu lügen.

Andreas Franz verzichtet bewusst auf Szenen mit Gewaltdarstellung; seine Schilderungen lösen dennoch beim Leser heftige Beklemmung aus. Inständig wünscht man sich, dass die jüngsten Opfer des Organhandels noch rechtzeitig gerettet werden können, während man verfolgt, wie den eingepferchten Gefangenen nach ihrer Ankunft langsam eine Ahnung aufsteigt, dass sie in eine Falle gelaufen sind. Die Verwicklung höchster Kreise von russischer Politik, Justiz und Polizei in das organisierte Verbrechen schockiert nicht zuletzt dank des Wissens, dass Andreas Franz sich hier mehr an recherchierten Fakten denn an Phantasie orientiert und das totgeschwiegene Thema Organhandel präsenter sein dürfte, als es einem lieb ist. Der Leser sei vorgewarnt, dass er sich auf ein sehr düsteres Werk einlässt, das dicht an der traurigen Realität bleibt.

|Gelungene Hauptcharaktere|

Sören Henning ist auch hier gerade durch seine überlegte Art ein Sympathieträger, von dem man sich noch viele weitere Romane wünscht. Kenntnisse über das Vorgänger-Werk sind nicht notwendig, denn die wichtigsten Informationen fließen wie nebenbei in die Handlung ein. Sören Henning ist ein geschiedener Kommissar Anfang vierzig, der sehr unter der Trennung von seinen Kindern leidet. Seine Ex-Frau stellt unablässig finanzielle Forderungen, während sie im Gegenzug versucht, jeden Kontakt zwischen Henning und den Kindern zu vermeiden.

Einziger Halt ist, wie schon im letzten Band, Lisa Santos, mit der er inzwischen eine Beziehung führt, die in Einklang mit dem Alltagsstress gebracht werden muss. Die Liebesbeziehung steht aber angenehm im Hintergrund. Franz benutzt sie weder, um Sexszenen noch Eifersüchteleien einzubauen. Einziger Konfliktpunkt ist Santos‘ ältere Schwester Carmen, die vor über zwanzig Jahren bei einem brutalen Überfall schwerste Gehirnverletzungen davontrug und seither im Wachkoma liegt. Für Henning ist es schwer zu akzeptieren, dass Carmen für Lisa den wichtigsten Punkt in ihrem Leben darstellt und sie nicht davon abrückt, sie mehrfach die Woche zu beobachten, obwohl wenig dafür spricht, dass Carmen ihre Gegenwart überhaupt registriert. Davon abgesehen werden Henning und Santos als gleichwertige Partner präsentiert, die einander in einem besonders belastenden Fall gegenseitig eine Stütze bieten. Der Fokus liegt eindeutig auf den Ermittlungsarbeiten statt auf dem Privatleben der Kommissare.

|Kleine Schwächen|

Auf der Gegenseite sind die Charaktere nicht ganz so überzeugend gelungen. Sowohl beim Leiter der Klinik als auch bei seinen niederen Handlangern vermisst man Züge abseits der Klischees. Der Leiter besticht nach außen hin durch Charme und weltmännisches Auftreten, um hintenrum seine grausamen Geschäfte abzuwickeln. Da gibt es keine Überraschungen in Verhalten oder Motivation der Figuren; die oberen Drahtzieher sind geld- und machtbesessen, die Untergebenen werden genötigt, da ihnen bei Zuwiderhandlungen der Tod oder der eines Familienangehörigen droht.

Etwas weniger Schwarzweiß-Malerei und etwas differenzierte Darstellungen wären schön, vor allem ein paar schwankende, an ihrer Tätigkeit zweifelnde Charaktere auf der Seite der Bösen hätten der Handlung gut getan. Und obwohl die Wendungen und der Ausgang generell sehr überraschend sind, gibt es zumindest zwei Personen, deren nähere Beteiligung man schon etwa in der Mitte des Buches zu erahnen beginnt, sodass die Bestätigung am Ende nicht allzu überraschend ausfällt.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr düsterer und realistischer Krimi über das brisante Thema Organmafia. Auch das zweite Werk mit den Kieler Kommissar Sören Henning überzeugt durch interessante Hauptcharaktere und Spannung inklusive Wendungen bis zum Schluss. Die kleinen Schwächen fallen dagegen kaum ins Gewicht.

_Der Autor_ Andreas Franz wurde 1956 in Quedlinburg geboren. Bevor er sich dem Schreiben widmete, arbeitete er unter anderem als Übersetzer, Schlagzeuger, LKW-Fahrer und kaufmännischer Angestellter. 1996 erschien sein erster Roman. Franz lebt mit seiner Familie in der Nähe von Frankfurt, wo die meisten seiner Krimis spielen. Weitere Werke von ihm sind unter anderem: „Jung, blond, tot“, „Das achte Opfer“, „Der Finger Gottes“, „Letale Dosis“, „Das Verlies“, „Teuflische Versprechen“ und „Unsichtbare Spuren“.

Mehr über ihn auf seiner Homepage: http://www.andreas-franz.org.

http://www.droemer-knaur.de

_Andreas Franz auf |Buchwurm.info|:_
[„Teuflische Versprechen“ 1652
[„Unsichtbare Spuren“ 3620

Ani, Friedrich – Wer tötet, handelt

Friedrich Ani gehört zu Deutschlands beliebtesten Krimiautoren. Er hat unter anderem auch schon Drehbücher für den ARD-Klassiker „Tatort“ geschrieben. Bekannt ist er vor allem für seine Reihe um den kauzigen Kommissar Tabor Süden, die er 2005 abschloss. Seitdem hat er zwei weitere Serien entwickelt: Zum einen hat er Hauptkommissar Polonius Fischer ins Leben gerufen, zum anderen den erblindeten Ex-Ermittler Jonas Vogel, der sich mit seiner Behinderung einfach nicht abgeben will. Nachdem in der ersten Geschichte um Jonas Vogel, [„Wer lebt, stirbt“, 3846 von Vogels Unfall erzählt wurde, geht es im zweiten Band der Reihe „Der Seher“ vor allem darum, wie Vogel und sein Umfeld mit der neuen Situation zurechtkommen.

Wenn es nach Jonas Vogel ginge, würde alles beim Alten bleiben, abgesehen davon, dass er nichts mehr sieht und einen Bobtail namens Roderich als seinen nicht ausgebildeten Blindenhund stets bei sich hat. Seine Familie sieht das anders. Esther, seine alkoholabhängige Ehefrau, fühlt sich von ihrem Ehemann entfremdet, während die erwachsenen Kinder Kathrin und Max, der ebenfalls bei der Polizei arbeitet, wütend auf Jonas Vogel sind. Er nimmt überhaupt keine Rücksicht auf die labile Esther und setzt der Situation die Krone auf, als er sich ungefragt in die Ermittlungsarbeit der Mordkommission einmischt.

Eines Abends, nach einem fruchtlosen Gespräch mit seinem Sohn Max über Jonas‘ Erblindung, begegnet Jonas Vogel auf dem Heimweg einem jungen, halbnackten Mann, der davon redet, dass er mit seiner Freundin in deren Wohnung überfallen worden ist. Die Freundin, Silvia Klages, ist nach wie vor in der Gewalt des Einbrechers und in Jonas Vogel kommen unangenehme Erinnerungen hoch. Silvia Klages hatte vor Jahren die Ermordung ihrer eigenen Eltern mitansehen müssen und glaubt seitdem, die Schuld für deren Tod läge bei ihr. Vogel ist klar, dass die Frau völlig verängstigt sein muss, und er sieht keine andere Möglichkeit, als sich gegen sie austauschen zu lassen. Selbstverständlich haben nicht nur Max, sondern auch der Leiter der Mordkommission etwas dagegen. Immerhin ist Jonas blind. Doch er lässt sich nicht beirren und nimmt den Platz der jungen frau ein. Erst als er dem Entführer gegenübersitzt, ahnt er, worauf er sich da eingelassen hat …

„Wer tötet, handelt“ glänzt vor allem durch seine Charaktere. Ani konzentriert sich ungewöhnlicherweise weniger auf Täter, Opfer und Ermittler, sondern rückt die Familie Vogel in den Vordergrund. Silvia Klages sowie der Täter kommen nicht zu kurz, doch bleiben sie weit weniger haften als Jonas, Max und Esther. Deren zwischenmenschliche Konflikte werden sehr stark thematisiert ohne zu langweilen. Das gelingt dem Autor vor allem dank der Tatsache, dass seine Figuren mehr hinsichtlich ihrer Schwächen als ihrer Stärken dargestellt werden. Dazu gehören Vogels verschlossenes Verhalten oder auch der regelmäßige Alkoholkonsum in der Familie. Ani schönt nichts, was es dem Leser erlaubt, sich mit den authentischen Figuren zu identifizieren.

Ähnlich wie der erste Band der Reihe geht die eigentliche Kriminalhandlung durch die Fokussierung auf die Vogelschen Familieninterna ein wenig unter. Wer einen spannenden, unterhaltsamen Krimi zum Mitraten erwartet, wird herb enttäuscht. Ani interessiert sich nicht für technische Ermittlungsarbeit. Der Täter ist von Anfang an bekannt, einzig seine Beweggründe bleiben vorerst verborgen. Die klären sich im Gespräch mit Vogel, während die beiden in Silvia Klages Wohnung ausharren, bis die Polizei die Forderungen des Täters nach einem Auto und Geld erfüllt hat. Auch an dieser Stelle geht es vornehmlich um die Psyche von Henning, wie der Einbrecher sich nennt, und weniger um Action. Eine Spannungskurve zeichnet sich in der Geschichte nicht ab, doch trotzdem kann Friedrich Ani überzeugen, denn die Handlung ist flott erzählt und kommt ohne unnötigen Ballast aus.

Dass eine Handlung, die sich hauptsächlich auf Zwischenmenschliches stützt, ohne schmückendes Beiwerk auskommt, klingt im ersten Moment paradox. Dies ist Anis virtuosem Schreibstil zu verdanken, der diesen Widerspruch auflöst. Der Autor schafft es, Emotionen und Sachverhalte mit wenigen Worten so farbig zu schildern, dass der Leser die Situationen versteht, ohne bis ins Detail aufgeklärt worden zu sein. Es entsteht eine sehr lebendige Atmosphäre, vornehmlich durch knappe Sätze und Dialoge hervorgerufen, die den Leser nicht mehr loslässt.

Es ist vorbildlich, wie Ani mit wenigen, sparsamen Mitteln die Geschichte zum Leben erweckt. Das gelingt nur wenigen Autoren in dieser Form. Allerdings kommt „Wer tötet, handelt“ nicht ohne Kritik aus: Obwohl das Buch auch so funktioniert, hätte ein mitreißender Kriminalfall dem zweiten Band der Reihe „Der Seher“ nicht geschadet. Im Vergleich mit dem ersten Band hat sich Ani allerdings gesteigert, und wer weiß? Vielleicht hat er es ja zu seiner Maxime gemacht, sich von Band zu Band zu verbessern. In diesem Fall warten wir gespannt auf sein nächstes Buch.

http://www.dtv.de
http://www.friedrich-ani.de

|Siehe ergänzend dazu auch unsere [Rezension 3563 zur Lesung von „Wie Licht schmeckt“.|

Link, Charlotte – letzte Spur, Die

Die junge Elaine Dawson hatte bisher wenig Glück im Leben. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie zurückgezogen im ländlichen Kingston St. Mary, wo sie sich um ihren älteren Bruder Geoffrey kümmert, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Die Hochzeitseinladung ihrer ehemaligen Kinderfreundin Rosanna in Gibraltar sorgt für einen Lichtblick in ihrem trüben Alltag. Doch Elaine hat Pech, Nebel verhindert den Flug und sie sitzt hilflos am Flughafen Heathrow. Ein Anwalt, der ihre missliche Lage erkennt, bietet ihr eine Übernachtung bei sich zuhause an. Elaine nimmt dankbar an – und verschwindet spurlos.

Fünf Jahre später: Rosanna Hamilton fühlt sich in ihrer Ehe und ihrem Leben auf Gibraltar immer weniger glücklich. Sie sehnt sich danach, wieder in ihrem alten Beruf als Journalistin zu arbeiten. Dankbar nimmt sie ein Angebot ihres ehemaligen Chefs an und reist nach London. Sie soll eine Zeitungsserie über vermisste Personen schreiben, darunter auch über den ungelösten Fall von Elaine. Rosanna rollt den Fall wieder auf, nicht nur aus journalistischem Interesse, sondern auch, um ihre Schuldgefühle über das Verschwinden der Freundin zu bewältigen.

Dabei konzentriert sie sich auf den Anwalt Marc Reeve – den Mann, der Elaine damals mit nach Hause nahm. Obwohl er stets beteuerte, Elaine am nächsten Tag zum Flughafen zurückgebracht zu haben, und die Polizei ihm nie etwas nachweisen konnte, wurde er den Verdacht nie los. Besonders Geoffrey versuchte mit allen Mitteln, sein Leben zu zerstören. Nur widerstrebend zeigt er sich zur Kooperation mit Rosanna bereit. Doch bald stößt die Journalistin auf Hinweise, dass Elaine möglicherweise noch lebt …

Verschwundene Personen, ein unbekannter Mörder und Frauen in Gefahr, das sind die Zutaten, die Charlotte Link nicht zum ersten Mal für einen Spannungsroman verwendet.

|Spannende Handlung, überraschende Wendungen|

Solide wie üblich versteht es Charlotte Link, durchgängig Spannung aufzubauen. Trotz des Umgangstons stellen sich erfreulicherweise keine Längen ein. Vielmehr fesselt den Leser von Beginn an die Frage, was mit Elaine Dawson geschehen sein mag. Dabei sind viele Möglichkeiten denkbar: Wurde Elaine auf dem Weg zum Flughafen entführt und ermordet? Wird sie vielleicht irgendwo gefangen gehalten und fristet vielleicht ein Dasein als Zwangsprostituierte? Gab es vielleicht einen Unfall, bei dem sie unbemerkt ums Leben kam? Oder ist Elaine gar freiwillig aus ihrem Leben ausgestiegen, hat eine neue Identität angenommen und will gar nicht gefunden werden?

Alles scheint möglich und zugleich nichts davon wirklich realistisch. Nicht nur Rosanna, auch dem Leser fällt es schwer zu glauben, dass der charmante, attraktive Marc Reeve etwas mit dem Verschwinden der unscheinbaren Elaine zu tun haben soll. Auch dass sie einem brutalen Killer in die Arme gelaufen sein soll, scheint fraglich, denn Elaine war zwar unerfahren, aber nicht vollends naiv. Die Dominanz ihres schwierigen Bruders Geoffrey, der sie als Bezugsperson beständig einspannt, mag vordergründig ein Motiv zur Flucht gewesen sein, dennoch kann sich niemand, der Elaine kannte, denken, dass sie, die schüchterne, einsame Dorfpflanze, tatsächlich einen solch großen Schritt wagte und ein heimliches neues Leben begann.

In einer Parallelhandlung tauchen jedoch zwei weitere Frauenleichen auf, deren Fälle womöglich mit Elaine zusammenhängen. Sowohl die Prostituierte Jane French als auch die sechzehnjährige Linda werden gefesselt und ertränkt aufgefunden, brutal getötet von einem Sexualverbrecher. Während die Polizei zunächst im Dunkeln tappt, verdichten sich die Hinweise, dass beide Frauen an den gleichen Mann gerieten und seiner psychopathischen Ader zum Opfer fielen. Eine fieberhafte Suche beginnt, mit dem Verdacht, hier endlich etwas über Elaines Schicksal zu erfahren. Für Leser wie Charaktere beginnt ein Wechselbad der Gefühle voller neu aufkeimender Hoffnungen, die sich mit Enttäuschungen und Misserfolgen abwechseln. Das Ende ist kaum vorhersehbar und dennoch plausibel, und bis zum Finale halten überraschende Wendungen den Leser in Atem.

|Private Verwicklungen|

Aber nicht nur die Suche nach Elaine Dawson, sondern auch die Schicksale der Menschen, die mit ihrem Fall verwoben sind, sorgen für Spannung. Vordergründig geht es dabei um Rosanna Hamilton, die nicht verwinden kann, dass es ihre Hochzeitseinladung war, die zum Verschwinden von Elaine führte, der sie nie besonders nahe stand und bei der sie wusste, dass eine solche Reise die junge Frau womöglich überfordern würde. Im Fokus liegt aber auch Rosannas Ehe- und Familienleben. Nie hat sie sich auf Gibraltar eingelebt, stattdessen vermisst sie ihr ländliches Kingston St. Mary und ihre abwechslungsreiche Arbeit als Journalistin.

Ihr Mann Dennis dagegen hadert mit seinem aufmüpfigen sechzehnjährigen Sohn Rob, der seinerzeit ungeplant zur Welt kam, von seiner jungen überforderten Mutter abgegeben wurde und inzwischen auch den Vater über Gebühr belastet. Da der Kontakt zur leiblichen Mutter schon vor vielen Jahren abbrach, hat Rosanna diese Rolle übernommen. Umso schlimmer für Rob, dass nun auch sie für unbestimmte Zeit nach England zurückgeht und sich offenbar immer weniger wohl in ihrer Ehe fühlt. Weitere Rollen spielen auch die Annäherungen zwischen Rosanna und Marc Reeve, die die verheiratete Frau in schwere Gefühlskonflikte bringen, sowie das Leid von Geoffrey, der seit Elaines Verschwinden in einem Pflegeheim lebt und sich an Marc rächen will, den er nach wie vor verantwortlich macht.

|Kleine Schwächen|

Trotz der eingebauten Nebenhandlungen, die sich um die Probleme der Figuren abseits der Suche nach der Vermissten drehen, besitzt das Buch keine wirkliche Tiefe und wirkt nicht lange nach der Lektüre nach. Zwar lässt einen das Schicksal der Charaktere nicht kalt, aber es reicht nicht, um den Leser mitleiden zu lassen. Dazu kommt, dass die Dialoge oft gestelzt klingen, gerade in emotionalen Momenten zu überlegt und dadurch nicht realistisch. An ein paar entscheidenden Stellen der Handlung springt der Zufall ein, sodass auch hier der Realismus ein wenig auf der Strecke bleibt und man unweigerlich spürt, dass sich die Handlung nicht von selbst ergibt, sondern sorgfältig konstruiert wurde.

Etwas fraglich ist außerdem, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen zum Tod von Linda nicht von selbst auf die Idee kommt, an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz zu recherchieren. Dies übernimmt stattdessen, einer Eingebung folgend, ihre Schwester Angela, die über Lindas ehemalige Kollegin auf eine heiße Spur gerät. Erst hier schaltet sich die Polizei ein, ohne dass erklärt wird, warum sie nicht längst dieses Umfeld überprüfte. Ein wenig übertrieben mutet auch der Einbau der Liebesbeziehung zwischen Rosanna und Marc an, als sei diese Entwicklung ein Muss, um das Chaos zu vervollständigen.

Als _Fazit_ bleibt ein solider Thriller von Erfolgsautorin Charlotte Link, der sich um mysteriöse Frauenmorde und die Suche nach einer verschwundenen Person dreht. Für Spannung ist durchgehend gesorgt, auch dank der überraschenden Wendungen. Kleine Schwächen liegen in der mangelnden Tiefe, die das Werk nicht weit über einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman ohne größere Ansprüche hebt.

_Charlotte Link_, Jahrgang 1963, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart. Fast alle ihre Bücher wurden zu Bestsellern. Ihre Spezialgebiete sind historische Romane sowie Psychothriller. Zu ihren bekanntesten Werken zählen: „Das Haus der Schwestern“, „Verbotene Wege“, „Die Sünde der Engel“ und die Sturmzeit-Trilogie („Sturmzeit“, „Wilde Lupinen“, „Die Stunde der Erben“). Mehrere ihrer Bücher wurden fürs Fernsehen verfilmt.

http://www.randomhouse.de/goldmann/

|Siehe ergänzend dazu:|

[„Am Ende des Schweigens“ 1606
[„Der fremde Gast“ 1080
[„Das Echo der Schuld“ 3753

Ellery Queen – Der Giftbecher

Im großen Haus der Hatters geht ein trickreicher Mörder um. Ein knurriger Polizist und ein tauber Privatdetektiv ermitteln, aber sie erkennen beinahe zu spät, dass sich hinter den Verbrechen eine düstere Familientragödie verbirgt … – Klassischer „Whodunit“-Krimi aus der goldenen Ära dieses Genres, der alle erforderlichen Elemente – das alte und dunkle Haus, der Mord im vom innen verschlossenen Raum usw. – aufweist und durch die bizarre Figurenzeichnung besticht: ein nostalgischer Lektürespaß der Oberklasse. Ellery Queen – Der Giftbecher weiterlesen

Klönne, Gisa – Nacht ohne Schatten

Gisa Klönne legt mit „Nacht ohne Schatten“ bereits den dritten Roman um die Kölner Kriminaloberkommissarin Judith Krieger vor. „Die Krieger“, wie diese von ihrem jungen und manchmal etwas machohaften Kollegen Manni genannt wird, hat nach wie vor mit Problemen und mit ihrer sturköpfigen Art zu kämpfen, die sie immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Doch ihr neuer Fall verlangt ihr noch viel mehr ab: Judith, die früher Nachtwächterin in einem Frauenhaus war, wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Geschlagene Frauen, Zwangsprostitution und mehrere Morde beschäftigen die drahtige Frau und bringen sie beinahe an die Grenzen des Möglichen.

Eines Nachts findet man auf den S-Bahn-Gleisen im Gewerbepark von Köln einen erstochenen S-Bahn-Fahrer. Sein Rucksack und seine Jacke fehlen, genau wie eine Spur vom Täter. Ein Zeuge sagt zwar aus, eine Person in einem dunklen Mantel gesehen zu haben, doch das bringt die Beamten nicht weiter. Bei einer weiteren Zeugenbefragung lernt Judith die invalide Künstlerin Thea Markus aus einer nahen Ateliergemeinschaft und einen nervösen Pizzeriabesitzer kennen. Das Restaurant von Letzterem brennt wenig später nieder, zusammen mit seinem Besitzer. Im Keller findet man eine schwer verletzte junge Frau, die dort, wie es scheint, zur Prostitution gefangen gehalten wurde. Man weiß weder, ob sie überlebt, noch, wer sie überhaupt ist.

Die Beamten arbeiten fieberhaft, doch ihnen fehlen die Spuren. Außerdem wird der Zusammenhalt des KK 11 auf die Probe gestellt, denn jeder scheint eine andere Theorie für die Mordfälle zu haben. Während Manni glaubt, die Täter im Rotlichtmilieu zu finden, geht Judith davon aus, dass alles mit der Kunstfabrik zusammenhängt, in der auch Thea Markus und ihre verschwundene Kollegin, die junge und erfolgreiche Performancekünstlerin Nada, arbeiten. Außerdem ist sie gezwungen, in das Milieu der Frauenhäuser einzutauchen, um etwas über die anonyme Prostituierte in der Pizzeria herausfinden. Dieser Schritt konfrontiert sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Persönlichkeit. Nicht gerade einfach für die resolute Frau …

Gisa Klönne vermischt in ihrem neuen Krimi erneut persönliche Schicksale, interessante Persönlichkeiten und eine spannende, aber nicht konstruiert wirkende Handlung. Sie kommt der Arbeit, die tatsächlich tagtäglich in den Kommissariaten Deutschlands passiert, vermutlich sehr nahe: Mehrere Fälle beschäftigen die Ermittler, und bis zur Lösung des primären Falles schwanken sowohl der Leser als auch die Polizisten in ihrer Ansicht darüber, ob diese zusammengehören oder nicht. Klönne ist sich dabei nicht zu fein, ihre Ermittler auflaufen zu lassen. Alles in allem wird der Fall sehr menschlich, das heißt mit Fehlern und Irrtümern gelöst, und das macht ihn so authentisch und auch spannend. Allerdings verliert man manchmal während der Lektüre beinahe den Überblick über die verschiedenen Theorien, was sich aber nie nachteilig auswirkt.

Auf die Charaktere legt die Autorin besonderen Wert. Neben den Perspektiven der Hauptermittler Judith und Manni darf auch die neue Gerichtsmedizinerin zu Wort kommen, die aus Russland stammt und an ihrer Vergangenheit zu knabbern hat. Dies geschieht zumeist auf nachdenkliche, nie ausufernde Art und Weise. Ekaterina Petrowa ist nicht die einzige Person, die mehr als nur eine Rolle bei den Ermittlungen spielt. Eine zweite ist Thea Markus, die für die Lösung des Falls nur wenig Relevanz aufweist. Trotzdem gesteht Klönne ihr Raum zu, und das stört überhaupt nicht, denn Thea ist eine verbitterte Person, die mit einer alten Verletzung und ihren Alltagsproblemen, wie beispielsweise der drohenden Pleite, zu kämpfen hat. Sie eröffnet dem Leser einen Blick auf das Leben, den er vielleicht so nicht kennt, und verleiht dem Buch eine gewisse Tiefe und Ernsthaftigkeit.

Abgesehen davon stehen Judith und Manni im Vordergrund. Klönne beobachtet die beiden nicht nur bei ihrer Arbeit, sondern auch in ihrem Privatleben, wobei es schön gewesen wäre, wenn die beiden etwas mehr hätten sagen dürfen. Manchmal gehen sie im Fall unter, und das ist schade, da es sich um sehr gut ausgearbeitete, starke Charaktere handelt. Judith Krieger ist eine angenehm unkonventionelle Frau, die aber nie überzogen wirkt, sondern sehr natürlich. Ihre inneren Konflikte werden dieses Mal leider weniger thematisiert als in den vorhergehenden Büchern, aber noch immer genug, um ein lebendiges Bild von ihr zu zeichnen. Manni ist nach wie vor ein Jungspund, doch auch bei ihm vermisst man ein wenig die Tiefe, die in „Unter dem Eis“ zu finden war. Seine Gedanken drehen sich hauptsächlich um den Fall und die blonde Sonja, mit der er eine Affäre hat. Die Dynamik, die in „Unter dem Eis“ aus der Paarung Judith-Manni stammte, kommt in diesem Buch ein wenig zum Erliegen.

Trotzdem bietet „Nacht ohne Schatten“ mehrere hundert Seiten Lesegenuss. Fall und Ermittlungsarbeit sind realistisch, die Personen prima ausgearbeitet. Klönnes tiefgängiger, manchmal schwermütiger Schreibstil sorgt dafür, dass sich alles ineinanderfügt, und schmückt die Geschichte zusätzlich mit bewundernswert plastischen Beschreibungen aus. Einmal mehr taucht der Leser zusammen mit den Helden des Buches in eine ganz eigene Welt – in diesem Fall sogar ein eigenes Milieu – ein, die ihn so schnell nicht mehr loslassen wird.

_Gisa Klönne bei |Buchwurm.info|:_

[„Der Wald ist Schweigen“ 1879
[„Der Wald ist Schweigen“ (Hörbuch) 2126
[„Unter dem Eis“ 3047

http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteinhc
http://www.gisa-kloenne.de

Kampmann, Renate – Fremder Schmerz

Band 3: [„Fremdkörper“ 3672

Leonie Simon ist eigentlich Gerichtsmedizinerin, doch offensichtlich reicht ihr dieser Job alleine nicht aus, sodass sie sich in bester Miss-Marple-Manier stets auch in die Arbeit der Polizei einmischt und auf eigene Faust ermittelt. Mit „Fremder Schmerz“ legt Renate Kampmann bereits den vierten Teil in ihrer Leonie-Simon-Reihe vor, die mit „Die Macht der Bilder“ ihren lesenswerten Anfang nahm …

_Das schlägt hohe Wellen_

Wieder einmal vergisst Leonie Simon, die Alarmanlage abzuschalten, bevor sie die Balkontür betätigt. Kaum hat sie sich ihre Klamotten übergeworfen, steht auch schon ihre verängstigte Vermieterin vor der Tür, kurz gefolgt von der Polizei, die erneut aufgrund eines falschen Alarms bei Leonie auftaucht. Doch dieses Mal hat es ein Gutes, denn durch die Polizisten erfährt sie gleich, dass das Haus ihres Kollegen Frank Gotthardt abgebrannt ist. Leonie macht sich sofort auf den Weg, um notfalls ihre Arbeit am Tatort verrichten zu können.

Schnell bestätigen sich Leonies schlimmste Befürchtungen, denn ihr Kollege Frank Gotthardt und seine Frau sind tatsächlich ums Leben gekommen, doch ob wirklich die Flammen daran schuld waren, bezweifelt Leonie sofort. Frank Gotthardt wird zwar in einer Lage aufgefunden, die voreilig auf einen Selbstmord schließen ließe, und auch seine Frau liegt auf der Kellertreppe, als wäre sie rückwärts die Treppe hinuntergestoßen worden. Nach genauerer Untersuchung kommen Leonie jedoch immer mehr Zweifel, denn Claudia Gotthardts Genick ist professionell gebrochen, während weitere Verletzungen, die ein Sturz auf der Treppe mit sich gebracht hätte, fehlen. Und auch die Schmauchspuren an Frank Gotthardts Händen deuten darauf hin, dass jemand anderer hier zu Werke gegangen ist.

Auf eigene Faust ermittelt Leonie und sucht nach Motiven. Zunächst glaubt sie, dass Frank Gotthardt in einem brisanten Fall die gerichtsmedizinischen Untersuchungen gemacht haben muss, doch bald deutet alles darauf hin, als wären Claudia Gotthardts Recherchen über veruntreute Hilfsgelder Auslöser für die schreckliche Tat gewesen. Claudia, die als freie Journalistin gearbeitet hat, war einem handfesten Skandal auf der Spur; so hatte sie herausgefunden, dass Hilfsgelder für die Opfer des Tsunamis gar nicht an den richtigen Stellen angekommen sind.

Als kurz darauf die schwer zugerichtete Leiche eines Zahnarztes gefunden wird, der damals etliche Tsunami-Opfer identifiziert hat, deutet alles auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen, dem Leonie Simon auf die Spur kommen möchte, um den Tod ihres Kollegen besser verarbeiten zu können …

_Zu viele Köche verderben den Brei_

Der vorliegende Kriminalroman beginnt mit einem Paukenschlag: Schon in der ersten Szene muss Leonie Simon das ausgebrannte Haus ihres Kollegen betreten, um dort die Leichen der beiden Gotthardts zu untersuchen. Schnell deutet alles auf einen unbekannten Dritten hin, der offensichtlich von den Gotthardts überrascht wurde, die zu früh aus dem Urlaub zurückgekehrt sind.

Leonie, die sich immer noch nicht vollkommen in Berlin eingelebt hat, ist Mitglied einer Gruppe, die ungelöste Kriminalfälle unter die Lupe nimmt, um ein genaues Täterprofil zu erstellen. Beim Treffen liegt die Akte des ermordeten und gefolterten Zahnarztes auf dem Tisch. Schnell finden die Ermittler heraus, dass der tote Zahnarzt genau wie Claudia Gotthardt und Leonie selbst mit Khao Lak verbunden ist, wo damals die Opfer des Tsunamis zu identifizieren waren. Diese Spur ist es, die Leonie sich am intensivsten anschaut, zumal sie selbst die Zeit in Khao Lak noch nicht vollständig verarbeitet hat.

Kurz darauf kommt eine Vermisstenmeldung rein, denn Sina Rauscher-Abramowsky ist verschwunden. Bei dem Namen klingelt es bei Leonie, denn in Claudia Gotthardts Unterlagen war sie bereits auf einen Theo Abramowsky gestoßen, der vor dem Tsunami eine Tauchschule in Khao Lak geführt hatte. Leonie sucht Abramowsky auf, um ihn zur Rede zu stellen, denn zu viele Spuren führen in die gleiche Richtung, als dass wirklich der Zufall im Spiel sein könnte. Abramowsky zeigt sich wenig kooperativ und weicht Leonies Fragen mehr oder weniger geschickt aus, was Leonies Misstrauen ins Unermessliche steigen lässt.

Doch Leonie hat noch mehr auf dem Herzen, denn ihr Bruder Michael ist vor einiger Zeit spurlos verschwunden. Man nimmt an, dass er bei einer Explosion ums Leben kam, doch gefunden wurde von ihm nur ein Finger, sodass Leonie nicht an seinen Tod glauben mag. Wieder einmal ermittelt sie auf eigene Faust und wird tatsächlich auf sehr verschlungenen Pfaden fündig.

Als sie Michael gegenübersteht, hat dieser überraschenderweise Informationen, die Leonie in ihrem Berliner Fall weiterhelfen, denn er weiß mehr über Theo Abramowsky, der gar nicht der ist, für den er sich ausgibt.

Und dann sollte man nicht vergessen, dass ein Mörder, den der Leser früh kennenlernt und der auch Leonie Simon in einer der ersten Szenen über den Weg läuft, sein Unwesen treibt. Ben erbt das Haus seiner Tante, allerdings nur unter der Bedingung, dass er seinen tot geglaubten Großvater im Pflegeheim besucht. Dort findet er einen kauzigen General vor, der keine sonderlich weiße Weste vorzuweisen hat. Denn einst war er ein ehrgeiziger Nazi-Scherge, der seine Vergangenheit nun gerne vergessen machen möchte und mit seinen ehemaligen Nazi-Freunden nichts mehr zu tun haben will.

Renate Kampmann macht viele Baustellen auf in ihrem vierten Leonie-Simon-Roman, sodass der Leser oft genug den Überblick zu verlieren droht. Mitunter eiert ihre Romanhandlung dadurch hin und her, ohne dass man Kampmanns Gedankengängen folgen kann. Hinzu kommen die vielen Zufälle, die nach und nach immer unrealistischer wirken. Dass Leonie Simon plötzlich beschließt, ihren Bruder wiederfinden zu wollen, und dieser dann auch noch einen ganz wichtigen Hinweis liefern kann, fand ich wenig glaubwürdig. Auch dass Kampmann zwei Kriminalfälle parallel abhandeln möchte, obwohl nur einer titelgebend ist und dieser durch die genaue Charakterzeichnung Bens und seiner Familie genügend Stoff für das gesamte Buch hergegeben hätte, fällt negativ auf.

Wie die Autorin den Tsunami und seine schrecklichen Auswirkungen thematisiert, wirkt aufgesetzt. Hierbei geht es der Autorin nicht nur um die Schwierigkeit der Opferidentifizierung, sondern auch um die Schrecken, welche die freiwilligen Helfer noch Jahre später zu verarbeiten haben. Aber damit nicht genug, diskutiert Kampmann auch noch das Problem, dass viele Kriminelle den Tsunami und das anschließende Chaos ausgenutzt haben, um ihr eigenes Verschwinden zu inszenieren. Das sind sicherlich alles spannende Themen, allerdings hätten sie für ein weiteres Buch gereicht.

Denn eigentlich geht es um Ben, seine mysteriöse Krankheit und seinen Wunsch, den Schmerz anderer Menschen genauestens zu analysieren. Er mordet nicht aus Spaß an der Freude, sondern er will genau herausfinden, wie andere Menschen auf Schmerz reagieren. Gleichzeitig muss er sich mit seinem Großvater auseinandersetzen, zu dem er sich auf der einen Seite hingezogen fühlt, der auf der anderen Seite aber auch abstoßend auf Ben wirkt. Und sein Großvater ist auch schuld daran, dass ein skrupelloser Nazi Ben bedroht und ihn zu erpressen versucht.

Renate Kampmann riskiert einen ganz genauen Blick auf Ben und sein Leben, sodass der Mörder uns im Laufe der Geschichte immer vertrauter wird und wir auch immer besser sein Motiv verstehen können. Diese Charakterzeichnung ist der Autorin wirklich gut gelungen, nur geht sie leider ein wenig in einem Wust aus anderen Geschichten unter – schade.

_Leonie auf Abwegen_

Die zweite Person, die im Mittelpunkt des Buches steht, ist natürlich die Gerichtsmedizinerin Leonie Simon, die sich bereits zum vierten Mal in die Ermittlungen der Polizei einmischt. Hinzu kommen aber wie gewohnt zahlreiche persönliche Probleme: So führt Leonie nach wie vor eine Beziehung zu Paul, der in Hamburg arbeitet und immer weniger Zeit für Leonie hat. Doch auch die x-te Ausrede seinerseits macht Leonie immer noch nicht misstrauisch genug, und auch als sie einen abgebrochenen rotlackierten Fingernagel in seiner Wohnung entdeckt, versucht Leonie noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Fast zeitgleich hat sie eine Affäre mit einem Journalisten, der sie aber nur auszuhorchen scheint. Auf der Beziehungsebene befindet Leonie sich folglich auf einer echten Talfahrt. Dafür wird ihre Bekanntschaft zur Psychologin Madeleine Quast immer intensiver. Quast vertraut Leonie nach und nach ihre Probleme an und wird dadurch fast zu einer guten Freundin und Vertrauten. Die hat Leonie aber auch bitter nötig, denn auch der pubertierende Sohn einer Bekannten sucht in Berlin verzweifelt Hilfe von Leonie, die mit der Situation offensichtlich völlig überfordert ist.

In der Rückbetrachtung frage ich mich immer mehr, wie Renate Kampmann es geschafft hat, all diese Aspekte in einem nur knapp 500-seitigen Kriminalroman unterzubringen; vielleicht hätte sie wirklich gut daran getan, zwei Bücher aus dieser Geschichte zu machen.

_Lesenswert mit Schönheitsfehlern_

Insgesamt fühlte ich mich trotz allem recht gut unterhalten vom vorliegenden Roman. Kampmann thematisiert zwei für sich genommen sehr interessante Kriminalfälle, die nicht nur spannend sind, sondern auch brisante Themen aufgreifen. Ihre Charakterzeichnung überzeugt auf ganzer Linie, auch wenn Leonies hartes Schicksal mitunter etwas dick aufgetragen wirkt.

Der größte Kritikpunkt ist sicherlich die völlige Überfrachtung der Geschichte, die leider einen roten Faden oft vermissen lässt und dazu führt, dass die Spannung nie so richtig ansteigen kann. „Fremder Schmerz“ ist sicherlich nicht der beste Roman der Leonie-Simon-Reihe, obwohl er viel Potenzial hatte. Unter dem Strich bleibt ein eher durchschnittlicher Eindruck zurück und die Hoffnung, dass sich Renate Kampmann beim nächsten Mal wieder steigert.

|496 Seiten Hardcover|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc/

David Peace – 1983

Dass die Polizei nicht immer die Guten sind, weiß man nicht nur aus der Verfilmung von [„L.A. Confidential“. 1187 Es gibt auch eine Unmenge von Büchern, die sich mit diesem Thema beschäftigen, wie zum Beispiel der Roman „1983“ von David Peace, der das Finale von Peaces Red-Riding-Quartett darstellt.

In Yorkshire verschwind 1983 die kleine Hazel Atkins. Die Öffentlichkeit ist erschüttert. Die Polizei unter der Leitung von Chief Superintendent Maurice Jobson hat schnell einen Verdächtigen parat, doch Hazel bleibt verschwunden. Der übergewichtige, nicht besonders erfolgreiche Anwalt John Piggott wird von der Mutter von Jimmy Ashworth gebeten, seine Verteidigung zu übernehmen.

Doch als John zum Polizeirevier kommt, erfährt er, dass Jimmy sich aufgehängt hat. John Piggott glaubt nicht daran, dass dies wirklich Selbstmord war, und beginnt, sich näher mit Maurice Jobson zu beschäftigen. Dieser führte nämlich auch die Ermittlungen, als Jahre zuvor andere kleine Mädchen verschwanden. Auch hier hatte man schnell einen Verdächtigen zur Hand, doch wie es scheint, mit einem erpressten Geständnis. Der lethargische Anwalt beginnt im Dreck zu wühlen und fördert dabei Dinge zutage, welche die Polizisten lieber für sich behalten hätten …

Bereits auf der ersten Seite fällt auf, dass David Peace sehr viel Wert auf einen individuellen Schreibstil legt. Beinahe schon in stenografisch abgehacktem Stil wirft er dem Leser bestimmte Details wie Örtlichkeiten, Zeiten oder anwesende Personen vor, und auch sonst greift er immer wieder auf verkürzte oder unvollendet Sätze zurück, um die Gedanken seiner Protagonisten möglichst realitätsgetreu wiederzugeben. Er verwendet außerdem eine sehr bildhafte Sprache und schmückt diese mit Zitaten aus Songs oder völlig abwegigen, poetisch angehauchten Gedanken, die sich mit der Lebenssituation der jeweiligen Person auseinandersetzen. Häufig wiederholt er auch einzelne Sätze oder sogar ganze Abschnitte, um die Ausweglosigkeit der Situation seiner Figuren darzustellen. Nicht immer wird dem Leser dabei die wirkliche Bedeutung von Peaces Worten klar. Er schreibt auf der einen Seite sehr angenehm und schön, nämlich nachdenklich, pessimistisch, düster, dann aber auch wieder sehr kryptisch. Manche der Textabschnitte sind einfach zu introvertiert und unverständlich. Dem einen Leser mag das mehr, dem anderen weniger liegen.

Ob das bei der Handlung auch so ist, sei dahingestellt. Peace behandelt zwei gegenläufige Stränge. Auf der einen Seite ermittelt John Piggott in der Gegenwart, auf der anderen werden die Geschehnisse der früheren Mädchenentführungen in den Siebzigern aus der Sicht von Maurice Jobson gezeigt. Das geschieht allerdings unstrukturiert und verwirrend. Es fehlt der rote Faden, der diese beiden unterschiedlichen Ansätze am Ende geschickt und verständlich miteinander verknüpft. Das ist bei „1983“ nicht unbedingt der Fall. Es passiert auch immer wieder, dass einige Textabschnitte zu beliebig oder zu unpassend wirken, so dass man in diesem Fall nicht von einem runden Ganzen reden kann.

Die Personen sind hingegen gelungen, ihre Ziellosigkeit und Deprimiertheit wird gut dargestellt. Vor allem die Figur des John Piggott zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich total gehen lässt und nicht unbedingt mit Enthusiasmus bei der Sache ist. Das wirkt alles sehr authentisch. Vermutlich jeder hat schon einmal so eine Phase in seinem Leben gehabt und kann sich dementsprechend damit identifizieren. Anders ist es da bei Maurice Jobson: Während Piggotts Perspektive auf eine Du-Anrede zurückgreift, erzählt Jobson aus der ersten Person. Trotzdem wirkt er immer kühl und distanziert, verschlossen, introvertiert. Das hängt vor allem mit Peaces Schreibweise zusammen, die diesen Charakter sehr gut reflektiert.

In der Summe überzeugt „1983“ trotzdem nicht immer, dafür fehlt es dem Buch an Struktur. Gerade der Handlung hätte ein wenig mehr roter Faden gutgetan. Der Schreibstil von David Peace und seine Figurenzeichnung überzeugen allerdings trotzdem, auch wenn sie sich wegen der dramaturgischen Schwächen nicht völlig entfalten können.

David Peace bei |Buchwurm.info|:

„1974“
„1977“
„1980“

http://www.liebeskind.de

Zurdo, David / Gutiérrez, Ángel – 616 – Die Hölle ist überall

Seit Anbeginn der Menschheit gibt es unerträgliches Leid auf unserer Welt. Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen und grausame Verbrechen, die jeden Tag stattfinden. Seit der biblischen Vertreibung aus dem Paradies erlebte die Welt kaum friedvolle Perioden. Selbst und besonders die heilige Mutter Kirche brachte Tod und Verderben über die Menschheit, ihre Priester standen Soldaten an Brutalität und Unmenschlichkeit in nichts nach. Da stellt sich nicht zum ersten Mal die Frage: Gibt es einen Gott? Wenn ja, hat er uns bereits verlassen, so wie Jesus es in den Evangelien ausspricht? Oder hat der Teufel im Kampf um die Seelen die Oberhand gewonnen?

Doch es geschieht auch viel Gutes, und immer wieder widerfahren einem Auserwählten ‚Wunder‘, die Wissenschaftler, Psychologen und Ärzte nicht fundiert erklären können. Aber bevor diese Geschehnisse offiziell als Wunder Gottes erklärt werden, werden sie von Wissenschaftlern des Vatikans überprüft. Es gibt Vereinigungen, die ganz speziell diese ‚Wunder‘ untersuchen, und diese unterstehen direkt dem Papst. Teilweise arbeiten diese Männer inkognito, wenn es sein muss auch mit einer gefälschten Identität. Es sind tiefgläubige Männer, ausgebildet in moderner Wissenschaft, Geschichte, Mythologie, Symbolik und alten, auch ausgestorbenen Sprachen. Unter ihnen befinden sich auch Psychologen, Spione und Diplomaten des Vatikans.

Das ‚Böse‘ hat viele Gesichter, und es gibt um diese finsteren Wesenheit einen ganz speziellen Studiengang an der Universität des Vatikans: Exorzismus und Dämonologie. Viele mögen dies belächeln, aber Papst Benedikt und auch Johannes Paul unterstützen diese Priester in ihren Ämtern. Die größte List des Teufels ist es vielleicht, uns glauben zu machen, er existiere gar nicht, wie Baudelaire es sagte. Aber was ist, wenn die Wahrheit noch schrecklicher ist: Was ist, wenn die Hölle überall existiert, auch im Jenseits?!

Die beiden spanischen Autoren David Zurdo und Ángel Gutiérrez haben den Kampf im Himmel in ihrem Roman „616 – Die Hölle ist überall“ thematisiert: Ein Mysterythriller, der seinesgleichen sucht.

_Die Geschichte_

Der Jesuitenpriester Albert Cloister gehört einer Kommission des Vatikans an, die unerklärliche Wunder auf wissenschaftlicher Basis analysiert. In einem kleinem spanischen Dorf soll er das Grab eines ehemaligen Priesters untersuchen, der seliggesprochen werden soll. Vor Jahren kam es zu spontanen Wunderheilungen und unerklärbaren Phänomenen, und nach altem Brauch soll nun die Leiche exhumiert werden, um festzustellen, ob der Körper unversehrt ist und kaum oder gar keine Verwesung eingetreten ist.

Als der Sarg gewaltsam geöffnet wird, bietet sich den Anwesenden ein grausiges Bild. Der Deckel des Kiefernsarges ist innen zerkratzt, die Knochen des toten Priesters sind zermalmt. Es ist unmöglich, dass sich der Priester diese Verletzungen selbst zugefügt hat, zu groß und vielfältig sind die Schäden am Körper. Cloister entdeckt auf einem der Fragmente des Sarges einen Satz, der die schrecklichste Erfahrung und Verzweiflung eines Menschen vermitteln kann: „Die Hölle ist überall“.

Verwirrt und erschrocken fliegt der geistliche Ermittler zurück nach Rom, um im Vatikan nach Lösungen zu suchen. Es gibt weitere besorgniserregende Vorkommnisse. Bei vielen Nahtoderfahrungen häufen sich erschreckende Aussagen, das Jenseits präsentiere sich den sterbenden Menschen nicht als friedvolles Paradies in ein warmes Licht getaucht, sondern als unfassbares Grauen und Leiden. Den wieder ins Leben geholfenen Menschen bleiben nur Angst und eine erschreckende Hoffnungslosigkeit.

In Boston überlebt ein psychisch kranker Gärtner den Brand eines Hauses. Seitdem verfolgen ihn Nacht für Nacht quälende Alpträume. Die Psychologin Audrey Barrett versucht Daniel zu therapieren und kümmert sich aufopfernd um ihn. In den vielen Sitzungen offenbart sich der Psychologin ein anderer Daniel. Er verfügt über Wissen, das er eigentlich gar nicht besitzen dürfte, über eine sprachliche Eloquenz und Gewandtheit, die niemals sonst in Erscheinung trat. Selbst seine Stimme verändert sich. Daniel scheint mit der jungen Psychologin zu spielen und konfrontiert sie mit ihren eigenen Verfehlungen, was ihn augenzwinkernd amüsiert.

Ist dies das Resultat eines Traumas, eine multiple Persönlichkeitsstörung? Verwirrt und auch verängstigt sucht Audrey in weiteren Sitzungen mit Daniel nach einer Lösung, doch es findet sich keine; immer beklemmender und beängstigender werden die Gespräche mit dem kranken Mann. Als Daniel ihr Einzelheiten über das Verschwinden ihres Sohnes vor fünf Jahren erzählt, wird Audrey wieder aktiv und ist auch innerlich bereit, die Konfrontation zu suchen und vielleicht ihren Sohn wiederzufinden.

Pater Albert geht einer anderen Spur nach, und auch ihm begegnet Unheimliches. Auf seinen Tonbandaufnahmen entdeckt er verzerrte, aber doch verständliche Stimmen, die im Hebräischen zu ihm sprechen, und auch hier taucht wieder der unheimliche Satz auf: „Die Hölle ist überall“. Die Ziffern des Satans 616 oder XIC, also Chi, Iota und Stigma, weisen ihm den Weg zu einem Interview mit dem Satan selbst.

Und Pater Cloister erkennt, dass die Wahrheit um den Kampf im Himmel eine ganz andere ist. Die Schlacht ist endlos und birgt keine Hoffnung. Jesus‘ Ausspruch „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ wird aufgelöst, aber der Preis um diese Wahrheit ist viel zu hoch.

_Kritik_

„616 – Die Hölle ist überall“ ist nicht der erste Roman des Autorenduos Zurdo & Gutiérrez aus Spanien. Längst haben die Autoren in ihrem Heimatland weitere Mysterythriller mit großem Erfolg veröffentlicht.

Die hier im Roman geschilderten ungeklärten Vorfälle besitzen eine ‚reale‘ Grundlage. Das macht den Roman so außerordentlich interessant, und die Thesen der Autoren sind zwar spannend, doch überdies bergen sie einen spürbaren Schrecken. Die im Buch erwähnten Bibelpassagen und Fragmente sowie die von der Kirche geächteten apokryphen Texte und Zitate über den Teufel sind authentisch.

Die hier erwähnte Teufelsbibel, den 75 Kilogramm schweren [Codex Gigas,]http://de.wikipedia.org/wiki/Codex__Gigas gibt es wirklich. Der Legende nach schrieb in nur einer Nacht ein Mönch mit Hilfe Satans das ganze Wissen der Menschheit auf. Der Preis dafür war seine Seele. Als Beweis dafür, dass der Teufel selbst an dem Manuskript gearbeitet hat, fügte der Mönch das eindrucksvolle Bildnis des Teufels hinzu.

Unerklärliche Phänomene, die mit der bekannten Wissenschaft nicht kompatibel sind, erschrecken uns, eine normale Reaktion, aber die offenen Fragen bleiben. Und sie führen immer zum Ursprung und konfrontieren allzu oft mit religiösen Fragen wie: Gibt es einen Gott? Gibt es den Teufel? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die Vorstellung eines christlichen Gottes kommt ohne das ‚Böse‘ nicht aus. Ohne dieses ‚Böse‘ ergäbe die Kreuzigung Christi keinen Sinn. Ohne Sünde gäbe es auch keine Vergebung – der Gegensatz von Gut und Böse gehört wesentlich zum Konzept der christlichen Religion. Das ‚Böse‘ schlechthin aber verkörpern in den Traditionen der Kirche wie im Evangelium nicht militärische Feldherren oder andere Feinde der Menschheit, sondern der Teufel selbst. Seitdem er in Gestalt der Schlange Eva und Adam verführte, ist das Böse aus der Bibel sowie aus den Kirchengeschichten nicht mehr wegzudenken.

Der mit diesen Hintergründen angefüllte Roman ist unbeschreiblich spannend, und der Leser wird von seiner kühlen und sehr dichten Atmosphäre nahezu in den Bann geschlagen. Es gibt zwei Handlungsstränge, einmal die Perspektive des Paters Cloister und auf der anderen Seite das Schicksal von Audrey. Beide fließen, wie es sich gehört, erst am Ende zusammen, doch sind beide unabhängig von einander gleichsam eindrucksvoll spannend.

Wenn ein Mysterythriller dem Leser einen kalten Schauer über den Rücken gleiten lässt und dieser vielleicht nach einem besonders spannenden Kapitel erschöpft durchatmet, so haben die Autoren ihr Ziel erreicht. Gerade in diesem Genre muss man dabei auch die Grenzen zwischen übertriebenen Klischees und wirklichen Fakten, wie wir sie in „616“ erleben, mit Fingerspitzengefühl behandeln, um den Leser nicht des Geschehens in seiner Erlebbarkeit zu entrücken.

Zudem befasst sich der Roman mit essenziellen Fragestellungen: Der christliche Mensch lebt in der Hoffnung, nach dem Tod weiterzubestehen. Wenn die Seele Energie ist, wo geht sie dann hin? Wo ist dieser Weg zu Ende, den wir eines Tages alle gehen müssen? Steckt in den Nahtod-Erlebnissen ein Fünkchen Wahrheit oder spielt uns unser Gehirn nur etwas vor? Ist es ein Schutzmechanismus, ein komplizierter chemischer Prozess, um uns die letzten Minuten und Sekunden auf der Erde erträglicher zu machen?

Die Antworten liegen sicherlich nicht in diesem Roman verborgen, auch wenn viele geschilderte Fälle auf Tatsachenberichten beruhen, aber die Antworten, welche die Autoren uns hier geben, bleiben zweideutig, und der Weg zur Antwort ist vielleicht das eigentliche Ziel. In „616“ vermengen sich Fakten mit Theorien und entführen den Leser in eine Welt voller Fragen, offener Fragen, die zwar abschließend nicht beantwortet werden können, aber mindestens neugierig machen.

Die Protagonisten sind glaubhaft geschildert und selbst der Teufel ist in seinem Handel nicht der Kategorie ‚Böse‘ zuzuordnen. Alles zeigt zwei Seiten, und auch der Teufel besitzt scheinbar eine ‚menschliche‘ Komponente. Cloister und Audrey zeigen Schwächen und Stärken, sie hadern mit ihrem Schicksal, das sie aber unausweichlich auf die Suche gehen lässt nach der letzten Wahrheit, wie sehr sie auch erschrecken und das ganze Weltbild förmlich auf dem Kopf stellen mag.

Der Spannungsbogen explodiert am Ende in einer schlüssigen, aber nicht endgültigen Wahrheit. Auch die Charaktere werden von einem Extrem ins andere geworfen und kämpfen sich immer wieder an die Oberfläche, nur um wenig später zu begreifen, dass sie auf einem offenen Meer voller Fragen schwimmen. Gerade dieser Abwechslungsreichtum und die beständige Ambivalenz lassen den Leser in jedem Kapitel mitfiebern.

Sehr positiv ist noch zu erwähnen, dass die Autoren im Nachwort auf die Phänomene zu sprechen kommen und diese in Ansätzen erklären.

_Fazit_

„616 – Die Hölle ist überall“ ist ein unheimlich(er) dichter Roman, der den Leser völlig in seinem Bann zu ziehen vermag. Es gibt keine vordergründig logischen oder inhaltlichen Fehler, wenn Fakten und Fiktion miteinander kombiniert werden. Positiv sei zu vermerken, dass es diesmal keine große Verschwörungstheorie gibt und die Kirche in der Geschichte neutral behandelt wird. Es gibt keine blutigen Ritual- und Opfermorde, das Böse an sich zeigt hier ein ganz anderes Gesicht, eines, das deutlich realistischer nachwirkt. Das Böse berührt und verführt, es macht nachdenklich, aber es ist nicht einseitig in ein Klischee verpackt. Manchmal hat die Realität vielleicht eine ausreichend bestechende Komponente, der man sich nicht zu entziehen mag.

Abschließend kann ich den Roman wärmstens empfehlen. Auf zarte Gemüter und tief gläubige Leser mag er jedoch erschreckend und aufwühlend wirken, und ganz sicher wird der eine oder andere Leser neugierig zur Bibel greifen, um darin entweder Trost zu finden oder zwischen den Zeilen nach Wahrheiten und Botschaften zu suchen.

_Die Autoren_

David Zurdo und Angel Gutiérrez sind Wissenschaftsjournalisten, die sich auf ungeklärte Vorfälle der Weltgeschichte spezialisiert haben. In Spanien haben sie bereits mit großem Erfolg einige Mysterythriller veröffentlicht. „616 – Die Hölle ist überall“ ist ihr deutsches Debüt.

|Mysterythriller
Originaltitel: 616 – Todo es infierno
Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit
416 Seiten Klappenbroschur|
http://www.kanur.de
[Trailer zum Buch]http://www.lesungen.tv/trailer/david-zurdo-zaiz-616-die-hoelle-ist-ueberall/
[Interview mit den Autoren]http://www.droemer-knaur.de/magazin/Interview+mit+Zurdo+und+Gutierrez.569510.html

Theorin, Johan – Öland

Trilogien gibt es mittlerweile zur Genüge. Jeder Autor, der etwas auf sich hält, schreibt Bücher im Dreierzyklus. Der Schwede Johan Theorin dagegen orientiert sich nicht an der magischen Drei, sondern an den vier Jahreszeiten. Er plant eine Reihe, die für jede Jahreszeit eine Geschichte zu erzählen hat. „Öland“ macht den Anfang im Herbst, und das sehr erfolgreich. In Schweden war das Buch schon kurz nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten zu finden und wird momentan in diverse Sprachen übersetzt.

Das Buch spielt auf der gleichnamigen schwedischen Insel, die mittlerweile ein beliebtes Touristenziel geworden ist. Doch zu der Zeit, in der Theorins Geschichte spielt, steckt diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen, und zu der Zeit, als das Geschehen seinen wirklichen Anfangspunkt hat, war davon noch gar nichts zu spüren. 1972 verschwindet der fünfjährige Jens spurlos während eines dichten Nebels in der Alvar, einer öden Kalksteppe der Insel. Seine Mutter Julia ist auch über zwanzig Jahre später noch nicht davon überzeugt, dass Jens tot ist. Arbeitsunfähig aufgrund der psychischen Belastung, lebt sie in Göteborg und würde Öland am liebsten nie wieder betreten. Doch als ihr Vater Gerlof anruft und mitteilt, dass er eine neue Spur entdeckt hätte, rafft die mutlose Frau sich auf und besucht ihre alte Heimat.

Der Mann, den man damals verdächtigt hat, Jens entführt zu haben, ist eigentlich schon lange tot. Nils Kant hieß er, doch die Umstände seines Todes sind fraglich. Er war eine Art Außenseiter und Sündenbock auf der Insel, und es gibt einige, die behaupten, dass er immer noch lebt und jemand anderer in seinem Grab liegt. Ausgehend von dieser Theorie, arbeiten sich Julia, der im Altersheim lebende Gerlof und dessen alte Kumpels vor. Es scheint, als seien sie tatsächlich auf eine heiße Fährte gestoßen, denn auf einmal geschieht ein weiterer Mord …

Die Stimmung, die Theorin in seinem Krimi erreicht, ähnelt der von Schwedens Vorzeigekrimiautor Henning Mankell: bedrückend, pessimistisch und dadurch spannend. Anders als sein Kollege berichtet Theorin allerdings nicht aus der Perspektive eines Polizisten, sondern lässt ganz normale Menschen sprechen. Er bindet den Kriminalfall in den Alltag und in das Privatleben seiner Charaktere ein, so dass von der Trockenheit, welche die Polizeiarbeit manchmal mit sich bringt, wenig zu spüren ist. Trotzdem ist „Öland“ ein eher ruhiges Buch. Die Spannung baut sich allmählich und nicht durch actionreiche Ereignisse auf. Mit fast 450 Seiten ist es daher für Leute, die wenig übrig haben für eine sich allmählich steigernde Spannung, eher eine Zumutung. Wer jedoch gerne typische skandinavische Krimis liest, dem wird „Öland“ gefallen, denn neben der in sich schlüssigen Handlungen überzeugt der Roman auch bei der Personenzeichnung.

Julia und Gerloff, die im Vordergrund stehen, sind wunderbar ausgearbeitet und ihre Persönlichkeiten erreichen den Leser treffsicher. Julia ist seit dem Verschwinden ihres Sohns in eine Depression gefallen, und dem Autor gelingt es, ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Hoffnungen sehr plastisch, aber nie übertrieben darzustellen. Der Leser versteht sie und fühlt mit ihr, obwohl er genau wie sie weiß, dass es nach über zwanzig Jahren längst an der Zeit ist loszulassen. Gerlof dagegen ist ein tatkräftiger Mann. Der ehemalige Seemann verbringt seine Zeit nicht mit Nachdenken, sondern packt die Dinge an. Während Julia durch ihren eigenen Kopf gebremst wird, ist es bei dem alten Mann eine rheumatische Erkrankung, die ihn immer wieder behindert. Auffällig ist dabei, dass Gerlof nicht als griesgrämiger Alter und auch nicht als klischeehafter, das Altersheim aufmischender Opa dargestellt wird, sondern als bedächtiger, lebenserfahrener Mann. Theorin gelingt es, das Alter seines Protagonisten nicht nur als Tatsache darzustellen, sondern richtiggehend in die Geschichte einzuweben. Dadurch wirkt Gerlof sehr authentisch und interessant, da er nicht unbedingt der klassische Charakter eines Kriminalromans ist.

Der Schreibstil ähnelt den beiden Hauptfiguren: ruhig, gemächlich, aber stets mit einem Hang zum Pessimismus. Theorin beschreibt seine Szenarien in einer emotionslosen, plakativen Sprache, welche die Ödnis der Insel und innerhalb der Personen sehr gut transportiert. Es entsteht eine Atmosphäre, in die man sich als Leser hineinfühlen und dadurch mit den Personen mitfiebern kann.

„Öland“ ist in gewisser Weise Geschmacksache. Nicht jeder wird etwas mit der eher actionarmen Handlung und den entweder deprimierten oder alten Charakteren anfangen können. Wer sich jedoch mehr für Persönlichkeiten als für aufregende Kriminalfälle interessiert, der ist bei diesem Buch von Johan Theorin goldrichtig. Der Schwede hat einen atmosphärischen, ruhigen Krimi geschrieben, der sich dank der Protagonisten wohltuend von ähnlichen Büchern des Genres abhebt.

|Originaltitel: Skumtimmen
Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
448 Seiten, gebunden|
http://www.piper-verlag.de
http://www.johantheorin.com

Gardner, Lisa – Kühles Grab

Lisa Gardner mausert sich zu einem neuen Namen in der Thrillerwelt, den man sich merken sollte. Ihr neuer Streich „Kühles Grab“ schließt an das von den Kritikern gelobte [„Lauf, wenn du kannst“ 4648 an, ohne eine direkte Fortsetzung zu sein.

Die bereits bekannten Charaktere der Polizisten Bobby und D.D. sowie Catherine Gagnon, der Bobby half, als sie unrechtmäßig wegen Mord und Kindesmisshandlung angezeigt wurde, sind wieder mit von der Partie. Im Mittelpunkt steht allerdings Annabelle Granger oder Tanya Nelson, wie sie mittlerweile heißt. In ihrer Kindheit ist sie mit ihren Eltern von einer amerikanischen Stadt in die nächste gezogen, hat ständig ihre Identität gewechselt und nie Anschluss gefunden. Nun, da ihre Eltern tot sind, ist sie zurück nach Boston gekehrt und lebt ein beschauliches, aber von Ängsten regiertes Leben. Das Training ihres Vaters, das sie schon im zarten Kindesalter vor Vergewaltigern und Kriminellen bewahren sollte, trägt immer noch Früchte. Ohne ihren Hund Bella und einen Elektroschocker geht sie nicht joggen, doch das hilft ihr wenig, als sie eines Tages in der Zeitung liest, dass sie gestorben ist.

Auf dem Gelände einer ehemaligen Psychiatrie in Mattapan hat man sechs mumifizierte Mädchenleichen gefunden, und eine von ihnen trägt ein Medaillon mit Annabelles Namen. Annabelle geht zur Polizei, denn sie ahnt, dass das tote Mädchen ihre Kindheitsfreundin Dori ist. Und sie hat Recht. Die Polizei, das heißt Bobby und D.D., die die Ermittlungen leitet, müssen feststellen, dass Annabelle Catherine Gagnon, die als Kind Opfer eines sadistischen Vergewaltigers wurde, sehr ähnlich sieht. In Anbetracht der Tatsache, dass Annabelles Vater sich mit seiner Familie ab dem Jahr 1982 auf der Flucht befand, fragen sich die beiden, ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen gibt. War Richard Umbrio, der für Catherines Fall verantwortlich gemacht wurde, auch der Mörder der anderen Mädchen, oder war er gar unschuldig, als er ins Gefängnis wanderte? Hatte er einen Komplizen? Zu spät merken die beiden, dass die Gefahr von jemand ganz anderem ausgeht, und da ist es beinahe schon zu spät …

Lisa Gardner tut in „Kühles Grab“ das, was sie am besten kann: spannende Geschichten erzählen. Die Handlung ist rasant, dicht und ohne Längen, der Schreibstil fesselt. Der Thriller ist auch ohne das Vorwissen von „Lauf, wenn du kannst“ zu genießen, doch macht Gardners aktuelles Buch als Nachfolger mehr Spaß. Der Leser kennt Catherine Gagnons Fall genau, die Verwicklungen, die damit einhergingen, und auch die Erlebnisse, die Bobby stark geprägt haben.

Bobby steht dieses Mal nicht so stark im Vordergrund, sondern Annabelle und ihre tragische Geschichte. Die Polizeiarbeit wird zwar immer wieder gestreift, doch hauptsächlich aus der ‚Laiensicht‘ von Annabelle erzählt. Die wiederum berichtet aus der Ich-Perspektive, eine weitere Neuerung, aber eine, die gefällt. Die Geschichte wirkt dadurch sehr menschlich, geradezu literarisch. Die Thrillerspannung geht dabei ein bisschen verloren, doch Gardner beweist, dass sie dennoch ein gewisses Maß davon aufrechterhalten und gleichzeitig ein Schicksal erzählen kann. Angenehm ist dabei, dass sie trotz der weiblichen Erzählerin nie in die aus Frauenbüchern bekannten Klischees abrutscht. Annabelles Perspektive ist schön erzählt, behandelt häufig auch Nebensächliches und fügt sich trotzdem in das Gesamtgeschehen ein.

Das Einzige, was man dem Buch ankreiden kann, ist, dass es zwar hohe Spannung und gute Unterhaltung bietet, letztendlich aber nichts wirklich Neues. Abgesehen von der überraschenden Ich-Perspektive ist es eben nur noch ein weiterer psychisch gestörter Serienkiller, der von noch einem sorgengebeutelten Cop gejagt wird. Die Qualität von Handlung, Personen und Schreibstil ist allerdings hoch. Alles ist gut ausgearbeitet, harmoniert und fügt sich perfekt ein.

„Kühles Grab“ ist eine runde Sache und liest sich wie aus einem Guss. Lisa Gardner legt einen regelrechten Pageturner vor, der den Leser fesselt, auch wenn die Story selbst nicht unbedingt innovativ ist. Pluspunkte kann allerdings die Ich-Perspektive von Annabelle sammeln, die neben der eher kühlen, analytischen Sichtweise der Cops steht.

_Lisa Gardner bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Schattenmörder“ 875
[„Lauf, wenn du kannst“ 4648

http://www.aufbau-verlag.de

Graham Hurley – Die Saat des Zweifels

Der Untergang einer Segelyacht wird zum Höhepunkt eines komplexen Verbrechens, dessen Aufklärung einen kompromisslosen Polizisten vor große Probleme stellt, da sich aufgrund der mangelhaften Indiziensituation die Ermittlungslage ständig ändert … – Polizei-Krimi der gediegenen britischen Schule, d. h. actionfrei und ohne Überraschungen aber gut geplottet, handwerklich sauber ausgeführt und mit überzeugend gezeichneten Figuren: gutes Lesefutter für die Fans von Ian Rankin, Stuart MacBride oder Reginald Hill, auch wenn deren Qualität nicht erreicht wird.
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Joseph Wambaugh – Hollywood Station

Das geschieht:

Alltag im Los Angeles Police Department. Auf den Straßen regiert das Chaos, das nur noch verwaltet aber nicht mehr bekämpft werden kann: Seit das LAPD aufgrund einer Serie dokumentierter Polizeibrutalitäten unter staatliche Aufsicht gestellt wurde und die Medien auf weitere Verstöße förmlich lauern, sind den Beamten nicht nur die Schlagstöcke, sondern auch die Hände weitgehend gebunden. Generell herrscht aufgrund permanenter Unterbesetzung und Überlastung Frustration. Der ständige Druck fordert seine Opfer. Dienstmoral und Arbeitsleistung leiden erheblich. Viele Beamte haben quasi innerlich gekündigt. Auf den Straßen wissen die Kriminellen von den Beschränkungen und nutzen die Gelegenheit weidlich aus.

Die drogensüchtigen Kleinkriminellen Farley und Olive Ramsdale haben dem Nachwuchs-Gangster Cosmo Betrossian Informationen über ein anstehendes Diamantengeschäft verkauft. Cosmo überfiel den Händler und will die Beute dem Bandenboss Dmitri verkaufen, was gleichzeitig sein Einstieg ins organisierte Verbrechen von Los Angeles werden soll. Kein Wunder, dass er heftig reagiert, als Farley und Olive ihn plötzlich mit ihrem Wissen erpressen. Zu allem Überfluss geht kurz darauf der Überfall auf einen Geldtransporter zwar erfolgreich aber blutig aus. Panisch versteckt Cosmo die Beute ausgerechnet im Haus von Farley und Olive, deren Ermordung er gleichzeitig plant. Doch die Drogen haben das Paar so paranoid werden lassen, dass sie sich nicht in die Falle locken lassen. Joseph Wambaugh – Hollywood Station weiterlesen

Vlugt, Simone van der – Finsternis

„Finsternis“ ist der inzwischen dritte Thriller der niederländischen Senkrechtstarterin Simone van der Vlugt, die mit „Klassentreffen“ und „Schattenschwester“ zwei packende Psychothriller vorgelegt hat. Ähnelte „Schattenschwester“ dem Debütwerk noch auffallend stark, wagt sich van der Vlugt mit dem vorliegenden Thriller nun an eine ganz andere Thematik heran. Ob ihr dieser Ausflug in die Verschwörungsthrillerecke allerdings gelungen ist, bleibt nachzuprüfen …

_Howard Carters Erben_

Durch Zufall macht der niederländische Archäologe Nicolaas Bogaards in Karnak eine unglaubliche Entdeckung. Er findet einen geheimen Durchgang und eine geheime Kammer, in die er alleine eindringt, um sich diese Eroberung von niemandem streitig machen zu lassen. Anschließend verschwindet er allerdings spurlos.

In einer Kneipe lernt die Maklerin Birgit einen gutaussehenden Kerl kennen – als Jef stellt er sich vor und rettet sie beherzt aus einer unangenehmen Situation. Schnell sind die beiden sich einig und vergnügen sich in Birgits Wohnung. Die beiden verbringen eine heiße Nacht und einen wunderschönen Tag, doch danach verschwindet auch Jef ohne eine Nachricht. Birgit kommt die Idee, ihn in einem der leerstehenden Häuser zu suchen, die sie vermitteln will und die sie Jef gezeigt hatte. Und tatsächlich spürt sie ihn auf. Kurz nach ihr taucht allerdings ein mysteriöser Fremder auf, der bewaffnet ist und offensichtlich Böses im Schilde führt. Die beiden können dem Fremden gerade noch einmal entfliehen. Als Birgit Jef zur Rede stellt, erzählt er ihr, dass er auf der Suche nach seinem Vater ist, dem bekannten Archäologen Nicolaas Bogaards, den er nicht mehr erreichen kann.

Gemeinsam fliegen die beiden nach Ägypten, dicht gefolgt vom bewaffneten Fremden, der immer noch nach ihrem Leben trachtet. Auf der Ausgrabung lernen die beiden Nicolaas‘ Vertraute und gute Freundin Frances kennen, die den beiden die geheime Kammer zeigt, in der sich offensichtlich die Bundeslade befunden hat. Damit ist Bogaards Entdeckung eine wirklich großartige. Doch kurz nach dem gefährlichen Ausflug in die geheime Kammer wird Frances ermordet und Birgit und Jef befinden sich wieder auf der Flucht. Dieses Mal verschlägt es sie nach Frankreich, wo Jef einen guten Freund seines Vaters sucht, der vielleicht ein wenig Licht in die Sache bringen kann. In Frankreich jedoch treffen die beiden nicht nur ihren bekannten Widersacher wieder, sondern stehen plötzlich noch weiteren Menschen gegenüber, die nach ihrem Leben trachten…

_Auf Dan Browns Spuren_

Nach ihren beiden doch sehr ähnlichen (wenn auch sehr spannenden) Psychothrillern wagt sich Simone van der Vlugt an etwas ganz anderes heran. Ich hatte zwar wieder einen guten Psychothriller erwartet, fand mich dann aber plötzlich in einem Verschwörungsthriller wieder, der sich recht schnell um die Diskussion rund um die Bundeslade dreht. Löblich natürlich, dass die Autorin ein ganz anderes Genre erobern möchte, doch leider geht hier viel schief und sie orientiert sich in vielen Dingen zu sehr an Dan Brown…

Zunächst lernen wir Birgit und Jef kennen, die schon in der ersten Nacht übereinander herfallen und anschließend das direkte Pendant zu Robert Langdon und Vittoria Vettra bzw. Sophie Neveu darstellen. Die beiden reisen von einem exotischen Ort zum nächsten und kommen dabei einem unglaublichen Geheimnis immer näher auf die Spur. Der Schreibstil der Autorin ist dabei ähnlich kurz angebunden wie bei Dan Brown, obwohl sie zugegebenermaßen mit ihrer Story keine solche Faszination entwickelt, wie Brown es bislang meist geschafft hat. Zu ausgeluscht fand ich auch die Geschichte rund um die Bundeslade, die in Indiana Jones zudem deutlich interessanter und vor allem unterhaltsamer dargestellt wird…

Aber auch im Folgenden bedient sich van der Vlugt weiterer Brownscher Elemente, so präsentiert sie uns zum Ende natürlich den Bösewicht, der das Geheimnis um die Bundeslade wie seinen Augapfel hütet, doch leider identifiziert man ihn sehr schnell, da man ja bereits weiß, dass in einem solchen Buch der beste Freund am Ende zum Feind und zum Strippenzieher hinter all dem Schrecken wird. So bleibt natürlich das Überraschungsmoment völlig aus und weicht eher einem Gähnen ganz nach dem Motto „hab ich es doch geahnt“.

Und natürlich verstrickt die Autorin sich ganz wie ihr männliches Vorbild in abstrusesten physikalischen Verstrickungen und Theorien. So handelt es sich bei der Bundeslade um die schrecklichste Waffe schlechthin, denn die Kiste ist mit einem Pulver gefüllt, das High-Spin-Zustände erzeugen kann. Diese High-Spin-Kerne sorgen dafür, dass sich alle Elektronen mit Höchstgeschwindigkeit synchron bewegen und zu einem Pulver zerfallen, das supraleitende Eigenschaften hat. Dieser Supraleiter kann dann Energie über weite Strecken übertragen und zwar ohne einen elektrischen Leiter. Verbindet man nun zwei Supraleiter, entsteht ein Magnetfeld. Hier will van der Vlugt nicht weiter vertiefen, sondern wirft nur Begriffe wie Quantenkohärenz und das Meißner-Feld in den Raum, in letzterem kann man unbegrenzt Energie speichern. Aktiviert wird der Supraleiter mittels Magnetfeld, in dem dann Energie wie in einem Perpetuum mobile in fortwährender Bewegung begriffen ist. Aufgrund dieser erstaunlichen Eigenschaften ist nun also unendlich viel Energie in der Bundeslade gespeichert, die eine unvorstellbar große Spannung aufbaut, die sich in dem Moment entlädt, wenn sich jemand der Bundeslade zu sehr nähert. Und daher handelt es sich bei der Bundeslade um die tödlichste aller Waffen. So weit, so „interessant“. Leider vergisst die Autorin in ihrer Danksagung zu erwähnen, von welchem Berater sie diese spannende Theorie mitgeteilt bekommen hat…

Inhaltlich greift Simone van der Vlugt meiner Meinung nach folglich total daneben. Sie kupfert nicht nur handwerklich schlecht vieles schon Dagewesene ab, sondern übertreibt es mit ihren Theorien dann leider, wie Dan Brown es vor ihr mit seinen Superakkus und der Antimaterie ebenfalls getan hat.

_Klischees!_

Auch figurentechnisch begnügt Simone van der Vlugt sich mit lieblosen Schablonen. Sie bringt ein junges, gutaussehendes Pärchen aufs Tapet, das dann todesmutig durch die halbe Weltgeschichte reist, immer dicht verfolgt von einem bewaffneten Killer. Beide Hauptfiguren haben für mich im Laufe der Geschichte keinerlei Format erhalten. Natürlich sind beide mit einer wahrlich tragischen Biografie ausgestattet, so ist Birgit nur gezeugt worden, um ihre Leukämie-kranke Schwester zu retten. Ihre ganze Kindheit war Birgit daher nur Spenderin für ihre Schwester, hat ihr Knochenmark und am Ende auch eine Niere gespendet, aber auch Jef steht mit seiner verkorksten Familiengeschichte dem Ganzen in kaum etwas nach. Derlei tragische Geschichten drücken mir wiederum zu sehr auf die Tränendrüse und wirken meiner Meinung nach auch völlig überzogen, sodass ich mich in keiner Situation mit Birgit identifizieren konnte. Hinzu kommt, dass man von vornherein ja weiß, dass diesen beiden blassen Charakteren ohnehin nichts passieren wird und daher auch kaum Spannung aufgebaut wird.

_Netter Versuch, allerdings völlig gescheitert_

Wie gesagt, ich rechne es Simone van der Vlugt hoch an, dass sie mal etwas ganz Neues versucht hat, nachdem ihr zweiter Thriller dem ersten doch zu sehr ähnelte und sie in diesem Genre offensichtlich keinerlei neue Ideen mehr zu Papier gebracht hätte. Was sie uns hier präsentiert, grenzt allerdings schon fast an eine Unverschämtheit. Die Grundstory ist dermaßen ausgelutscht, dass sie einen kaum packen kann, sondern nur noch zum Gähnen animiert und wenn van der Vlugt uns dann am Ende ihre kuriosen Theorien auftischt, ist man kurz davor, das Buch an die Seite zu legen. Im übrigen wirkt das ganze Buch ziemlich ideenlos, da die Parallelen zu anderen Schriftstellern und Büchern so offensichtlich sind, dass der Wiedererkennungsfaktor viel zu hoch ist. Bei „Finsternis“ ist der Name wirklich Programm, finster ist dieses Buch wie es finsterer kaum sein kann …

http://www.diana-verlag.de

_Simone van der Vlugt auf |Buchwurm.info|:_

[„Schattenschwester“ 3625
[„Klassentreffen“ 3850

Richard S. Prather – Blaue Bohnen zum Frühstück

Ein Privatdetektiv gerät zwischen die Fronten eines örtlichen Gangsterkriegs. Beide Parteien halten ihn für einen Handlanger des Gegners und schicken ihm ihre Revolvermänner auf den Hals, während er nicht nur sich selbst, sondern gleich zwei junge Frauen retten muss … – „Hard-boiled“-Krimi aus einer lang laufenden Serie, die praktisch sämtliche Klischees vom eisenharten Schnüffler und Frauenhelden bedient und heute eher vergnüglich als spannend wirkt, wenngleich der Autor seinen Job versteht und gutes Handwerk abliefert. Richard S. Prather – Blaue Bohnen zum Frühstück weiterlesen

Stieg Larsson – Vergebung (Millennium 3)

Ein Jahr mussten die Leser warten, um endlich zu erfahren, wie das große Finale von Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“ aussieht. Nun liegt mit „Vergebung“ der heiß ersehnte letzte Band der Reihe vor. „Verdammnis“, der Vorgängerband, endete derart abrupt mitten in der Handlung, dass man als Leser schon etwas unbefriedigt und ungeduldig wartend zurückblieb. „Vergebung“ knüpft unmittelbar an die Geschehnisse in „Verdammnis“ an.

Lisbeth Salander wird mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Göteborger Krankenhauses gebracht. Sie hat die Auseinandersetzung mit Alexander Zalatschenko, dem kriminellen russischen Ex-Spion, nur knapp überlebt. Und kaum ist sie aus dem Gröbsten raus und so langsam auf dem Wege der Besserung, da soll ihr auch schon der Prozess gemacht werden. Auch wenn sich die Mordanschuldigungen nicht erhärtet haben, so wird Lisbeth doch noch eine ganze Reihe von Taten zur Last gelegt, für die sie sich vor Gericht verantworten soll.

Der schwedische Geheimdienst setzt derweil alles daran, die Ermittlungen so zu beeinflussen, dass der Prozess nach ihren Wünschen enden wird. Lisbeth soll mundtot gemacht werden und für möglichst lange Zeit in der Psychiatrie verschwinden. Doch Lisbeth hat noch einen starken Verbündeten: Mikael Blomkvist. Mikael sammelt fleißig Beweise für Lisbeths Unschuld und versucht das Komplott gegen sie möglichst lückenlos aufzudecken. Doch das ist kein leichtes Unterfangen. Von höchster Stelle werden Mikael Steine in den Weg gelegt. Doch Mikael setzt alles daran, die Sache restlos aufzuklären …

Nachdem Stieg Larsson schon mit den beiden Vorgängerbänden „Verblendung“ und „Verdammnis“ zwei äußerst spannende Romane abgeliefert hat, sind die Erwartungen an das Finale logischerweise groß. Nachdem er am Ende des zweiten Teils ein wenig über das Ziel hinaus geschossen ist und Lisbeth im Licht der Ereignisse plötzlich wie ein mutierter Superheld erschien, wird die Handlung mit Beginn des dritten Teils wieder etwas bodenständiger.

Für Spannung ist dennoch von Beginn an reichlich gesorgt. Zunächst einmal müssen die Ärzte Lisbeths Leben retten, und kaum, dass es ihr dann etwas besser geht, muss sie auch schon anfangen, um ihre Sicherheit zu fürchten. Währenddessen sammelt Mikael Material, um die letzten Lücken in seiner Story abzudichten. Auch hier ist für Spannung stets gesorgt, denn die Gegenspieler vom Geheimdienst sind über die zu erwartende Bedrohung im Bilde und man erwartet jederzeit Aktionen, die eine Veröffentlichung des Materials vereiteln sollen.

Man weiß inzwischen, dass die Bösewichte skrupellos genug sind, um sich und ihre Machenschaften auch mit drastischen und endgültigen Maßnahmen zu schützen, und so hält Larsson den Spannungsbogen über Hunderte von Seiten auf konstant hohem Niveau. Selbst wenn er einen Nebenplot eröffnet, bleibt die Geschichte temporeich und durchgängig fesselnd. Der hauptsächliche Nebenplot dreht sich um die „Millennium“-Chefredakteurin Erika Berger, die ihren neuen Posten bei einer großen Tageszeitung antritt.

Larsson baut immer wieder Sprünge ein, so dass man ständig auf dem Laufenden darüber ist, was in anderen Erzählsträngen passiert. Auf diese Weise hält er den Leser dicht am Geschehen und lässt „Vergebung“ damit zu einem echten „Page-Turner“ werden. Man kommt einfach nicht los von dem Buch, und ich muss sagen, dass ich schon lange nicht mehr so schnell durch knapp 850 Seiten gekommen bin, wie bei diesem Buch. Man kann einfach nicht die Finger davon lassen, und die Versuchung ist groß, alles andere um sich herum umgehend zu vergessen.

Der konsequent aufstrebende Spannungsbogen ist damit schon mal die wichtigste Qualität von „Vergebung“. Eine weitere liegt, wie schon in den Vorgängerbänden, in der Figurenskizzierung. Lisbeth Salander hat vor allem mit „Verdammnis“ an Profil gewonnen, und obwohl sie dabei am Ende wie ein mutierter Superheld wirkt, bleibt sie als Figur interessant. Sie ist eine äußerst ambivalente Figur – unglaublich scharfsinnig und klug, wenngleich sie in Sachen soziale Kompetenz so ihre Defizite hat. Sie hat etwas eigenwillige moralische Ansichten, aber ist im Grunde ein ehrlicher Mensch. Es ist gerade auch die Figur der Lisbeth Salander, die den Reiz der Geschichte ausmacht. In „Vergebung“ zu sehen, welche Maßnahmen sie ergreift, um sich selbst den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, trägt sehr zum Lesegenuss bei.

Die gesamte Spannung der Buches läuft im Grunde auf einen Punkt hinaus: den Prozess gegen Lisbeth. Als der dann vorbei ist, fällt damit die Spannung logischerweise erst einmal ab. Aber dennoch setzt Larsson noch einen weiteren Finalpunkt, der auf den letzten Metern erneut an der Spannungsschraube dreht.

Und so kann man das Buch am Ende im Grunde sehr zufrieden zuschlagen und den Puls langsam wieder runterfahren. „Vergebung“ ist das durch und durch spannende Finalspektakel der „Millennium-Trilogie“. So wirklich nennenswerte Kritikpunkte mögen mir da nicht einfallen, außer vielleicht, dass ich an den Tagen, an denen ich mit dem Buch beschäftigt war, etwas wenig geschlafen habe.

„Vergebung“ ist ein stimmiger und sehr lesenswerter Schlussakkord einer größtenteils wirklich gut durchkomponierten Trilogie, die gerade auch durch ihre ausgefeilte Figurenzeichnung überzeugt. Wer es spannend mag, für den führt vor allem nach diesem fulminanten Finale eigentlich kein Weg daran vorbei, alle drei Bände der Reihe zu lesen. Sie bauen ohnehin aufeinander auf, so dass von einem Quereinstieg dringend abzuraten ist.

Stieg Larsson (* 15. August 1954 als Karl Stig-Erland Larsson in Umeå, Schweden; † 9. November 2004 in Stockholm) war ein schwedischer Journalist, Schriftsteller und Herausgeber des antifaschistischen Magazins „EXPO“. Er galt weltweit als einer der führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus. Noch vor seinem Tod konnte er drei Kriminalromane fertigstellen, die jedoch erst posthum veröffentlicht wurden. Stieg Larsson starb 2004 an den Folgen eines Herzinfarktes. 2006 erhielt er posthum den skandinavischen Krimipreis |Glasnyckeln| für „Verblendung“, welches ein Jahr zuvor bereits vom schwedischen Buchhandel zum besten Buch des Jahres gewählt worden war.

Im März 2008 sollen die Dreharbeiten für die Verfilmungen der Millennium-Trilogie beginnen. Für den ersten Teil „Verblendung“ sind ein Kinofilm (Premiere wahrscheinlich 2009) und zwei je 90 Minuten lange Teile für das Fernsehen geplant. Die Bände „Verdammnis“ und „Vergebung“ werden nur fürs Fernsehen verfilmt. In den Hauptrollen werden Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist und Noomi Rapace-Norén als Lisbeth Salander zu sehen sein.

Stieg Larssons Millennium-Trilogie:

„Verblendung“ (Män Som Hatar Kvinnor, 2005; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2006)
„Verdammnis“ (Flickan som lekte med elden, 2006; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2007)
„Vergebung“ (Luftslottet som sprängdes, 2007; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2008)

Soininvaara, Taavi – Finnischer Tango

[„Finnisches Requiem“ 1909
[„Finnisches Quartett“ 2988
[„Finnisches Blut“ 3465

_Vom Gefolterten zum Folterer_

In Camp Bucca wird Adil al-Moteiri qualvoll gefoltert. Doch er übersteht die Erniedrigungen und Qualen schwer verletzt. Anschließend ist er allerdings nicht nur körperlich gekennzeichnet, sondern er will dieses Unrecht wieder gutmachen …

Eeva Hallamaa, ehemals drogenabhängig, hat dagegen einigermaßen ins Leben zurückgefunden. Nach dem Sorgerechtsstreit um ihre Tochter Kirsi und der gescheiterten Beziehung zu Adil al-Moteiri ist sie glücklich in ihrer Partnerschaft mit Mikko, der allerdings nur unter der Bedingung mit ihr zusammen ist, dass Eeva keine Drogen mehr nimmt. Als sie eines Tages im Dezember in ihre Wohnung zurückkehrt, stimmt etwas nicht, sie spürt sofort, dass etwas anders ist. Und richtig: Ein Mann, der sich als „der Türke“ vorstellt, bedroht sie und setzt vor ihren Augen einem bekannten Drogendealer den goldenen Schuss. Der Türke trägt Eeva auf, der Polizei eine Botschaft zu übermitteln, und zwar soll sie ihnen sagen, dass Wassili Arbamov den europäischen Drogenmarkt erobern möchte. Noch ahnt Eeva allerdings nicht, dass ihr Alptraum erst begonnen hat.

Sie flüchtet sich zu Arto Ratamo, den sie in der Vergangenheit kennen und schätzen gelernt hat, weil Kirsi mit Ratamos Tochter Nelli gut befreundet ist. Arto Ratamo glaubt Eevas Schilderung, doch als sich in ihrer Wohnung außer Spuren von Amphetamin nichts findet, beginnt auch Ratamo, skeptisch zu werden. Der tote Drogendealer wird später gefunden – mit Spuren aus Eevas Wohnung direkt an der Leiche, und erschossen wurde er mit der Waffe von Eevas Vater. Eeva rutscht ungewollt in eine schier ausweglose Situation. Bald wird sie wieder vom Türken bedroht, der weitere Pläne mit ihr hat. Doch noch weiß sie nicht, dass hinter allem ihr Exfreund al-Moteiri steckt, der einen wahrlich teuflischen Plan ausgeheckt hat, bei dem Eeva eine entscheidende Rolle spielen soll …

_Rasant_

Der finnische Erfolgsautor Taavi Soininvaara spinnt erneut seine spannende Reihe um Arto Ratamo weiter. Ratamo, der früher als Wissenschaftler gearbeitet hat, ist nun schon seit geraumer Zeit bei der SUPO, der finnischen Sicherheitspolizei. Seine ehemalige Liebe Riitta Kuurma kehrt nach ihrem Dienst bei Europol in die finnische Hauptstadt zurück, und Ratamo merkt, dass Riitta die Trennung noch nicht vollkommen verkraftet hat. Arto Ratamo jedoch steckt bereits in einer neuen Beziehung, in der er zwar glücklich ist, doch Ilona möchte gerne eine Familie gründen und mit Ratamo zusammenziehen; das allerdings ist Ratamo zu viel der Nähe, sodass er ins Zweifeln gerät, ob diese Beziehung wirklich das Richtige ist oder ob er womöglich einfach beziehungsunfähig ist. Gleichzeitig hadert er mit seiner Freundschaft zu Eeva Hallamaa, die schwer belastet wird durch all die Indizien, die gegen sie sprechen und auch Ratamo an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln lassen.

Schon im Prolog nimmt die Geschichte Fahrt auf, denn wir lernen Adil al-Moteiri kennen, der schwerste Folterungen zu erdulden hat, diesen aber standhält und neue Pläne schmiedet, wir erfahren, dass er nun einen Weg einschlagen will, von dem es kein Zurück mehr gibt. Doch was genau al-Moteiri plant und welche Rolle Eeva Hallamaa, seine Exfreundin, dabei spielt, das bleibt sehr lange Zeit im Dunkeln. Nur häppchenweise erfahren wir von Taavi Soininvaara, welche Figuren in den Plan verwickelt und welche teuflischen Anschläge auf die Menschheit geplant sind.

Erst kurz vor Ende erfahren wir dann aber, was genau das oberste Ziel al-Moteiris ist, und sind genauso schockiert wie die Polizisten, die kurz vor knapp ebenfalls herausbekommen, was al-Moteiri vorhat. Der Spannungsbogen setzt von Beginn an ein, steigert sich dann immer mehr, um schließlich im großen Finale seinen Höhepunkt zu erreichen. Soininvaara schafft es daher wieder einmal, seine Leser völlig zu fesseln und in seine Geschichte eintauchen zu lassen. So musste ich das Buch auch in wenigen Tagen verschlingen, um endlich zu erfahren, was al-Moteiris Plan ist.

_Gut gegen Böse_

Insbesondere Eevas Rolle in al-Moteiris Plänen verleiht der Geschichte ihren besonderen Reiz. Wir wissen, dass Adil al-Moteiri Eeva immer noch liebt, gleichzeitig bringt er sie aber in eine ausweglose Lage; er lässt Reste von Amphetaminen in ihrer Wohnung verteilen, obwohl er weiß, dass Eeva dadurch höchstwahrscheinlich ihren Job an der Uni sowie das Sorgerecht für ihre Tochter verliert. Er hetzt den Türken auf Eeva und versetzt sie dadurch in Angst und Schrecken, er legt falsche Fährten, die Eeva stets als Schuldige dastehen lassen, und versteckt schlussendlich kiloweise Drogen in Eevas Wohnung und im Atelier ihres Lebensgefährten. Wieso al-Moteiri das seiner Geliebten antut, bleibt lange im Dunkeln. Eeva Hallamaa wird dadurch zur Sympathieträgerin, da der Leser ja weiß, dass sie unschuldig und ohne ihr Zutun in diese Situation geraten ist. Wieso Eeva der Schlüssel zum Gelingen von al-Moteiris Plan ist, fand ich zwar arg unlogisch, doch über diesen kleinen Schönheitsfehler mag man hinwegsehen.

Der zweite Sympathieträger ist wieder einmal Arto Ratamo, der vom Unglück verfolgt zu sein scheint. Seine Beziehungen scheitern der Reihe nach, seine Tochter Nelli war wochenlang krank, sodass Ratamo sich große Sorgen um sie macht und den Ergebnissen ihrer Blutuntersuchung ängstlich entgegenblickt, und dann macht er sich auch noch wiederholter Dienstvergehen schuldig, um seine Freundin Eeva Hallamaa zu decken. Ratamo hat wirklich das Potenzial, einen Wallander abzulösen, zumal in der Tat einige Parallelen zu entdecken sind. Und mir scheint, ein Krimi- oder Thrillerheld muss einfach eine tragische Figur sein, die nie zum Happy-End gelangen wird. Und da passt Arto Ratamo hervorragend ins Profil, obwohl er am Ende natürlich stets als mehr oder weniger gefeierter Held dasteht. Mit Ratamo hat Taavi Soininvaara eine Figur geschaffen, die durchaus eine längere Thrillerreihe trägt, weil sie Ecken und Kanten besitzt, stets glaubwürdig bleibt und uns so nahe gebracht wird, dass wir immer mitfiebern und mitleiden. Das ist mal wieder ganz großes Kino.

Neben den Sympathieträgern baut Soininvaara auch die unliebsamen Gestalten zum Teil weiter aus und stellt Ratamo bei der SUPO zwei ungeliebte Gegenparts gegenüber, mit denen Ratamo immer wieder in Clinch geraten kann und die nach und nach immer sympathischer werden – herrlich!

_Wenn Frisuren zu Hauptdarstellern werden_

Auch sprachlich überzeugt Taavi Soininvaara. Obwohl seine Bücher ausgesprochen spannend geschrieben sind, nimmt Soininvaara sich dennoch ab und an die Zeit, um seine Situationen durch nette Metaphern oder Ironie aufzulockern. Insbesondere in der Figurenbeschreibung macht sich das bemerkbar, ein Beispiel:

|“Sie machte einen ganz ruhigen Eindruck und klopfte mehrmals leicht auf ihre massive Frisur, die heute gewissermaßen haargenauso aussah wie ein Hexenbesen am Ast einer Birke.“|

Doch die misslungene Frisur von Arto Ratamos Chefin ist Hauptdarstellerin in einer weiteren Situation:

|“[…] und Arto Ratamo beobachtete interessiert, wie sich ihre massive Haartracht in der Waagerechten verhalten würde. Die Stützkonstruktion hielt, stelle er enttäuscht fest, das imposante tütenförmige Gebilde wackelte kaum, während die Chefin der SUPO vorsichtig Kaffee schlürfte.“|

So gerät das vorliegende Buch nicht nur zu einem spannenden Pageturner, sondern auch noch zu einem vergnüglichen Leseerlebnis, denn Soininvaara trifft stets den schmalen Grat zwischen locker-flockiger Figurenzeichnung und den spannenden Passagen, die natürlich von derlei Schnickschnack verschont bleiben.

_Ein teuflischer Plan_

Auch die Hauptstory überzeugt über weite Teile. Taavi Soininvaara greift verschiedene Probleme auf; so thematisiert er unter anderem den europäischen Drogenhandel. Er beschreibt, auf welchen Wegen die Drogen nach Europa geschmuggelt und dort weiterverbreitet werden, um immer mehr Menschen drgenabhängig zu machen – und das offensichtlich sehr erfolgreich, denn die Strippenzieher schwimmen im Geld, sodass Arbamov eine Erpressung um 25 Millionen Euro eigentlich ganz gut verkraften kann.

Die Drogen sind aber nur ein Schauplatz, denn auch der Konflikt zwischen den islamischen Staaten und den westlichen Mächten ist ein weiterer Themenschwerpunkt. Adil al-Moteiri kämpft als Vertreter des Islams für das Recht seines Volkes, außerdem möchte er vergelten, was seiner Familie widerfahren ist. Dabei bewegt er andere Menschen wie Bauern auf einem Schachbrett und opfert das Leben seiner Mitmenschen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Nach und nach wird einem immer klarer, dass al-Moteiri vor nichts zurückschreckt, was am Ende die islamischen Staaten allerdings auch wieder als die einzig Bösen hinstellt. Taavi Soininvaara baut jedoch ein Feindbild auf, das durchaus glaubwürdig ist; er macht sehr deutlich, welch schreckliches Elend einzelne Terroristen erzeugen können, wenn sie zu viel Macht und Geld erlangen …

_Darf ich bitten?!_

Unter dem Strich ist Taavi Soininvaara erneut ein erstklassiger Thriller gelungen, der von der ersten Seite an fesselt und mit überzeugenden und authentischen Charakteren aufwarten kann. Nicht nur sprachlich, sondern auch thematisch unterhält Soininvaara seine Leser gut, auch wenn seine Geschichte an manchen Stellen ein wenig hakt (mir erschien Eevas Rolle und Mithilfe dann doch etwas zu konstruiert). Vielleicht nicht allerbeste Sahne, aber insgesamt dennoch verdammt lesenswert!

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