Friedrich Ani gehört zu Deutschlands beliebtesten Krimiautoren. Er hat unter anderem auch schon Drehbücher für den ARD-Klassiker „Tatort“ geschrieben. Bekannt ist er vor allem für seine Reihe um den kauzigen Kommissar Tabor Süden, die er 2005 abschloss. Seitdem hat er zwei weitere Serien entwickelt: Zum einen hat er Hauptkommissar Polonius Fischer ins Leben gerufen, zum anderen den erblindeten Ex-Ermittler Jonas Vogel, der sich mit seiner Behinderung einfach nicht abgeben will. Nachdem in der ersten Geschichte um Jonas Vogel, [„Wer lebt, stirbt“, 3846 von Vogels Unfall erzählt wurde, geht es im zweiten Band der Reihe „Der Seher“ vor allem darum, wie Vogel und sein Umfeld mit der neuen Situation zurechtkommen.
Wenn es nach Jonas Vogel ginge, würde alles beim Alten bleiben, abgesehen davon, dass er nichts mehr sieht und einen Bobtail namens Roderich als seinen nicht ausgebildeten Blindenhund stets bei sich hat. Seine Familie sieht das anders. Esther, seine alkoholabhängige Ehefrau, fühlt sich von ihrem Ehemann entfremdet, während die erwachsenen Kinder Kathrin und Max, der ebenfalls bei der Polizei arbeitet, wütend auf Jonas Vogel sind. Er nimmt überhaupt keine Rücksicht auf die labile Esther und setzt der Situation die Krone auf, als er sich ungefragt in die Ermittlungsarbeit der Mordkommission einmischt.
Eines Abends, nach einem fruchtlosen Gespräch mit seinem Sohn Max über Jonas‘ Erblindung, begegnet Jonas Vogel auf dem Heimweg einem jungen, halbnackten Mann, der davon redet, dass er mit seiner Freundin in deren Wohnung überfallen worden ist. Die Freundin, Silvia Klages, ist nach wie vor in der Gewalt des Einbrechers und in Jonas Vogel kommen unangenehme Erinnerungen hoch. Silvia Klages hatte vor Jahren die Ermordung ihrer eigenen Eltern mitansehen müssen und glaubt seitdem, die Schuld für deren Tod läge bei ihr. Vogel ist klar, dass die Frau völlig verängstigt sein muss, und er sieht keine andere Möglichkeit, als sich gegen sie austauschen zu lassen. Selbstverständlich haben nicht nur Max, sondern auch der Leiter der Mordkommission etwas dagegen. Immerhin ist Jonas blind. Doch er lässt sich nicht beirren und nimmt den Platz der jungen frau ein. Erst als er dem Entführer gegenübersitzt, ahnt er, worauf er sich da eingelassen hat …
„Wer tötet, handelt“ glänzt vor allem durch seine Charaktere. Ani konzentriert sich ungewöhnlicherweise weniger auf Täter, Opfer und Ermittler, sondern rückt die Familie Vogel in den Vordergrund. Silvia Klages sowie der Täter kommen nicht zu kurz, doch bleiben sie weit weniger haften als Jonas, Max und Esther. Deren zwischenmenschliche Konflikte werden sehr stark thematisiert ohne zu langweilen. Das gelingt dem Autor vor allem dank der Tatsache, dass seine Figuren mehr hinsichtlich ihrer Schwächen als ihrer Stärken dargestellt werden. Dazu gehören Vogels verschlossenes Verhalten oder auch der regelmäßige Alkoholkonsum in der Familie. Ani schönt nichts, was es dem Leser erlaubt, sich mit den authentischen Figuren zu identifizieren.
Ähnlich wie der erste Band der Reihe geht die eigentliche Kriminalhandlung durch die Fokussierung auf die Vogelschen Familieninterna ein wenig unter. Wer einen spannenden, unterhaltsamen Krimi zum Mitraten erwartet, wird herb enttäuscht. Ani interessiert sich nicht für technische Ermittlungsarbeit. Der Täter ist von Anfang an bekannt, einzig seine Beweggründe bleiben vorerst verborgen. Die klären sich im Gespräch mit Vogel, während die beiden in Silvia Klages Wohnung ausharren, bis die Polizei die Forderungen des Täters nach einem Auto und Geld erfüllt hat. Auch an dieser Stelle geht es vornehmlich um die Psyche von Henning, wie der Einbrecher sich nennt, und weniger um Action. Eine Spannungskurve zeichnet sich in der Geschichte nicht ab, doch trotzdem kann Friedrich Ani überzeugen, denn die Handlung ist flott erzählt und kommt ohne unnötigen Ballast aus.
Dass eine Handlung, die sich hauptsächlich auf Zwischenmenschliches stützt, ohne schmückendes Beiwerk auskommt, klingt im ersten Moment paradox. Dies ist Anis virtuosem Schreibstil zu verdanken, der diesen Widerspruch auflöst. Der Autor schafft es, Emotionen und Sachverhalte mit wenigen Worten so farbig zu schildern, dass der Leser die Situationen versteht, ohne bis ins Detail aufgeklärt worden zu sein. Es entsteht eine sehr lebendige Atmosphäre, vornehmlich durch knappe Sätze und Dialoge hervorgerufen, die den Leser nicht mehr loslässt.
Es ist vorbildlich, wie Ani mit wenigen, sparsamen Mitteln die Geschichte zum Leben erweckt. Das gelingt nur wenigen Autoren in dieser Form. Allerdings kommt „Wer tötet, handelt“ nicht ohne Kritik aus: Obwohl das Buch auch so funktioniert, hätte ein mitreißender Kriminalfall dem zweiten Band der Reihe „Der Seher“ nicht geschadet. Im Vergleich mit dem ersten Band hat sich Ani allerdings gesteigert, und wer weiß? Vielleicht hat er es ja zu seiner Maxime gemacht, sich von Band zu Band zu verbessern. In diesem Fall warten wir gespannt auf sein nächstes Buch.
http://www.dtv.de
http://www.friedrich-ani.de
|Siehe ergänzend dazu auch unsere [Rezension 3563 zur Lesung von „Wie Licht schmeckt“.|
Die junge Elaine Dawson hatte bisher wenig Glück im Leben. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie zurückgezogen im ländlichen Kingston St. Mary, wo sie sich um ihren älteren Bruder Geoffrey kümmert, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Die Hochzeitseinladung ihrer ehemaligen Kinderfreundin Rosanna in Gibraltar sorgt für einen Lichtblick in ihrem trüben Alltag. Doch Elaine hat Pech, Nebel verhindert den Flug und sie sitzt hilflos am Flughafen Heathrow. Ein Anwalt, der ihre missliche Lage erkennt, bietet ihr eine Übernachtung bei sich zuhause an. Elaine nimmt dankbar an – und verschwindet spurlos.
Fünf Jahre später: Rosanna Hamilton fühlt sich in ihrer Ehe und ihrem Leben auf Gibraltar immer weniger glücklich. Sie sehnt sich danach, wieder in ihrem alten Beruf als Journalistin zu arbeiten. Dankbar nimmt sie ein Angebot ihres ehemaligen Chefs an und reist nach London. Sie soll eine Zeitungsserie über vermisste Personen schreiben, darunter auch über den ungelösten Fall von Elaine. Rosanna rollt den Fall wieder auf, nicht nur aus journalistischem Interesse, sondern auch, um ihre Schuldgefühle über das Verschwinden der Freundin zu bewältigen.
Dabei konzentriert sie sich auf den Anwalt Marc Reeve – den Mann, der Elaine damals mit nach Hause nahm. Obwohl er stets beteuerte, Elaine am nächsten Tag zum Flughafen zurückgebracht zu haben, und die Polizei ihm nie etwas nachweisen konnte, wurde er den Verdacht nie los. Besonders Geoffrey versuchte mit allen Mitteln, sein Leben zu zerstören. Nur widerstrebend zeigt er sich zur Kooperation mit Rosanna bereit. Doch bald stößt die Journalistin auf Hinweise, dass Elaine möglicherweise noch lebt …
Verschwundene Personen, ein unbekannter Mörder und Frauen in Gefahr, das sind die Zutaten, die Charlotte Link nicht zum ersten Mal für einen Spannungsroman verwendet.
|Spannende Handlung, überraschende Wendungen|
Solide wie üblich versteht es Charlotte Link, durchgängig Spannung aufzubauen. Trotz des Umgangstons stellen sich erfreulicherweise keine Längen ein. Vielmehr fesselt den Leser von Beginn an die Frage, was mit Elaine Dawson geschehen sein mag. Dabei sind viele Möglichkeiten denkbar: Wurde Elaine auf dem Weg zum Flughafen entführt und ermordet? Wird sie vielleicht irgendwo gefangen gehalten und fristet vielleicht ein Dasein als Zwangsprostituierte? Gab es vielleicht einen Unfall, bei dem sie unbemerkt ums Leben kam? Oder ist Elaine gar freiwillig aus ihrem Leben ausgestiegen, hat eine neue Identität angenommen und will gar nicht gefunden werden?
Alles scheint möglich und zugleich nichts davon wirklich realistisch. Nicht nur Rosanna, auch dem Leser fällt es schwer zu glauben, dass der charmante, attraktive Marc Reeve etwas mit dem Verschwinden der unscheinbaren Elaine zu tun haben soll. Auch dass sie einem brutalen Killer in die Arme gelaufen sein soll, scheint fraglich, denn Elaine war zwar unerfahren, aber nicht vollends naiv. Die Dominanz ihres schwierigen Bruders Geoffrey, der sie als Bezugsperson beständig einspannt, mag vordergründig ein Motiv zur Flucht gewesen sein, dennoch kann sich niemand, der Elaine kannte, denken, dass sie, die schüchterne, einsame Dorfpflanze, tatsächlich einen solch großen Schritt wagte und ein heimliches neues Leben begann.
In einer Parallelhandlung tauchen jedoch zwei weitere Frauenleichen auf, deren Fälle womöglich mit Elaine zusammenhängen. Sowohl die Prostituierte Jane French als auch die sechzehnjährige Linda werden gefesselt und ertränkt aufgefunden, brutal getötet von einem Sexualverbrecher. Während die Polizei zunächst im Dunkeln tappt, verdichten sich die Hinweise, dass beide Frauen an den gleichen Mann gerieten und seiner psychopathischen Ader zum Opfer fielen. Eine fieberhafte Suche beginnt, mit dem Verdacht, hier endlich etwas über Elaines Schicksal zu erfahren. Für Leser wie Charaktere beginnt ein Wechselbad der Gefühle voller neu aufkeimender Hoffnungen, die sich mit Enttäuschungen und Misserfolgen abwechseln. Das Ende ist kaum vorhersehbar und dennoch plausibel, und bis zum Finale halten überraschende Wendungen den Leser in Atem.
|Private Verwicklungen|
Aber nicht nur die Suche nach Elaine Dawson, sondern auch die Schicksale der Menschen, die mit ihrem Fall verwoben sind, sorgen für Spannung. Vordergründig geht es dabei um Rosanna Hamilton, die nicht verwinden kann, dass es ihre Hochzeitseinladung war, die zum Verschwinden von Elaine führte, der sie nie besonders nahe stand und bei der sie wusste, dass eine solche Reise die junge Frau womöglich überfordern würde. Im Fokus liegt aber auch Rosannas Ehe- und Familienleben. Nie hat sie sich auf Gibraltar eingelebt, stattdessen vermisst sie ihr ländliches Kingston St. Mary und ihre abwechslungsreiche Arbeit als Journalistin.
Ihr Mann Dennis dagegen hadert mit seinem aufmüpfigen sechzehnjährigen Sohn Rob, der seinerzeit ungeplant zur Welt kam, von seiner jungen überforderten Mutter abgegeben wurde und inzwischen auch den Vater über Gebühr belastet. Da der Kontakt zur leiblichen Mutter schon vor vielen Jahren abbrach, hat Rosanna diese Rolle übernommen. Umso schlimmer für Rob, dass nun auch sie für unbestimmte Zeit nach England zurückgeht und sich offenbar immer weniger wohl in ihrer Ehe fühlt. Weitere Rollen spielen auch die Annäherungen zwischen Rosanna und Marc Reeve, die die verheiratete Frau in schwere Gefühlskonflikte bringen, sowie das Leid von Geoffrey, der seit Elaines Verschwinden in einem Pflegeheim lebt und sich an Marc rächen will, den er nach wie vor verantwortlich macht.
|Kleine Schwächen|
Trotz der eingebauten Nebenhandlungen, die sich um die Probleme der Figuren abseits der Suche nach der Vermissten drehen, besitzt das Buch keine wirkliche Tiefe und wirkt nicht lange nach der Lektüre nach. Zwar lässt einen das Schicksal der Charaktere nicht kalt, aber es reicht nicht, um den Leser mitleiden zu lassen. Dazu kommt, dass die Dialoge oft gestelzt klingen, gerade in emotionalen Momenten zu überlegt und dadurch nicht realistisch. An ein paar entscheidenden Stellen der Handlung springt der Zufall ein, sodass auch hier der Realismus ein wenig auf der Strecke bleibt und man unweigerlich spürt, dass sich die Handlung nicht von selbst ergibt, sondern sorgfältig konstruiert wurde.
Etwas fraglich ist außerdem, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen zum Tod von Linda nicht von selbst auf die Idee kommt, an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz zu recherchieren. Dies übernimmt stattdessen, einer Eingebung folgend, ihre Schwester Angela, die über Lindas ehemalige Kollegin auf eine heiße Spur gerät. Erst hier schaltet sich die Polizei ein, ohne dass erklärt wird, warum sie nicht längst dieses Umfeld überprüfte. Ein wenig übertrieben mutet auch der Einbau der Liebesbeziehung zwischen Rosanna und Marc an, als sei diese Entwicklung ein Muss, um das Chaos zu vervollständigen.
Als _Fazit_ bleibt ein solider Thriller von Erfolgsautorin Charlotte Link, der sich um mysteriöse Frauenmorde und die Suche nach einer verschwundenen Person dreht. Für Spannung ist durchgehend gesorgt, auch dank der überraschenden Wendungen. Kleine Schwächen liegen in der mangelnden Tiefe, die das Werk nicht weit über einen durchschnittlichen Unterhaltungsroman ohne größere Ansprüche hebt.
_Charlotte Link_, Jahrgang 1963, gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autorinnen der Gegenwart. Fast alle ihre Bücher wurden zu Bestsellern. Ihre Spezialgebiete sind historische Romane sowie Psychothriller. Zu ihren bekanntesten Werken zählen: „Das Haus der Schwestern“, „Verbotene Wege“, „Die Sünde der Engel“ und die Sturmzeit-Trilogie („Sturmzeit“, „Wilde Lupinen“, „Die Stunde der Erben“). Mehrere ihrer Bücher wurden fürs Fernsehen verfilmt.
http://www.randomhouse.de/goldmann/
|Siehe ergänzend dazu:|
[„Am Ende des Schweigens“ 1606
[„Der fremde Gast“ 1080
[„Das Echo der Schuld“ 3753
Im großen Haus der Hatters geht ein trickreicher Mörder um. Ein knurriger Polizist und ein tauber Privatdetektiv ermitteln, aber sie erkennen beinahe zu spät, dass sich hinter den Verbrechen eine düstere Familientragödie verbirgt … – Klassischer „Whodunit“-Krimi aus der goldenen Ära dieses Genres, der alle erforderlichen Elemente – das alte und dunkle Haus, der Mord im vom innen verschlossenen Raum usw. – aufweist und durch die bizarre Figurenzeichnung besticht: ein nostalgischer Lektürespaß der Oberklasse.Ellery Queen – Der Giftbecher weiterlesen →
Gisa Klönne legt mit „Nacht ohne Schatten“ bereits den dritten Roman um die Kölner Kriminaloberkommissarin Judith Krieger vor. „Die Krieger“, wie diese von ihrem jungen und manchmal etwas machohaften Kollegen Manni genannt wird, hat nach wie vor mit Problemen und mit ihrer sturköpfigen Art zu kämpfen, die sie immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Doch ihr neuer Fall verlangt ihr noch viel mehr ab: Judith, die früher Nachtwächterin in einem Frauenhaus war, wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Geschlagene Frauen, Zwangsprostitution und mehrere Morde beschäftigen die drahtige Frau und bringen sie beinahe an die Grenzen des Möglichen.
Eines Nachts findet man auf den S-Bahn-Gleisen im Gewerbepark von Köln einen erstochenen S-Bahn-Fahrer. Sein Rucksack und seine Jacke fehlen, genau wie eine Spur vom Täter. Ein Zeuge sagt zwar aus, eine Person in einem dunklen Mantel gesehen zu haben, doch das bringt die Beamten nicht weiter. Bei einer weiteren Zeugenbefragung lernt Judith die invalide Künstlerin Thea Markus aus einer nahen Ateliergemeinschaft und einen nervösen Pizzeriabesitzer kennen. Das Restaurant von Letzterem brennt wenig später nieder, zusammen mit seinem Besitzer. Im Keller findet man eine schwer verletzte junge Frau, die dort, wie es scheint, zur Prostitution gefangen gehalten wurde. Man weiß weder, ob sie überlebt, noch, wer sie überhaupt ist.
Die Beamten arbeiten fieberhaft, doch ihnen fehlen die Spuren. Außerdem wird der Zusammenhalt des KK 11 auf die Probe gestellt, denn jeder scheint eine andere Theorie für die Mordfälle zu haben. Während Manni glaubt, die Täter im Rotlichtmilieu zu finden, geht Judith davon aus, dass alles mit der Kunstfabrik zusammenhängt, in der auch Thea Markus und ihre verschwundene Kollegin, die junge und erfolgreiche Performancekünstlerin Nada, arbeiten. Außerdem ist sie gezwungen, in das Milieu der Frauenhäuser einzutauchen, um etwas über die anonyme Prostituierte in der Pizzeria herausfinden. Dieser Schritt konfrontiert sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Persönlichkeit. Nicht gerade einfach für die resolute Frau …
Gisa Klönne vermischt in ihrem neuen Krimi erneut persönliche Schicksale, interessante Persönlichkeiten und eine spannende, aber nicht konstruiert wirkende Handlung. Sie kommt der Arbeit, die tatsächlich tagtäglich in den Kommissariaten Deutschlands passiert, vermutlich sehr nahe: Mehrere Fälle beschäftigen die Ermittler, und bis zur Lösung des primären Falles schwanken sowohl der Leser als auch die Polizisten in ihrer Ansicht darüber, ob diese zusammengehören oder nicht. Klönne ist sich dabei nicht zu fein, ihre Ermittler auflaufen zu lassen. Alles in allem wird der Fall sehr menschlich, das heißt mit Fehlern und Irrtümern gelöst, und das macht ihn so authentisch und auch spannend. Allerdings verliert man manchmal während der Lektüre beinahe den Überblick über die verschiedenen Theorien, was sich aber nie nachteilig auswirkt.
Auf die Charaktere legt die Autorin besonderen Wert. Neben den Perspektiven der Hauptermittler Judith und Manni darf auch die neue Gerichtsmedizinerin zu Wort kommen, die aus Russland stammt und an ihrer Vergangenheit zu knabbern hat. Dies geschieht zumeist auf nachdenkliche, nie ausufernde Art und Weise. Ekaterina Petrowa ist nicht die einzige Person, die mehr als nur eine Rolle bei den Ermittlungen spielt. Eine zweite ist Thea Markus, die für die Lösung des Falls nur wenig Relevanz aufweist. Trotzdem gesteht Klönne ihr Raum zu, und das stört überhaupt nicht, denn Thea ist eine verbitterte Person, die mit einer alten Verletzung und ihren Alltagsproblemen, wie beispielsweise der drohenden Pleite, zu kämpfen hat. Sie eröffnet dem Leser einen Blick auf das Leben, den er vielleicht so nicht kennt, und verleiht dem Buch eine gewisse Tiefe und Ernsthaftigkeit.
Abgesehen davon stehen Judith und Manni im Vordergrund. Klönne beobachtet die beiden nicht nur bei ihrer Arbeit, sondern auch in ihrem Privatleben, wobei es schön gewesen wäre, wenn die beiden etwas mehr hätten sagen dürfen. Manchmal gehen sie im Fall unter, und das ist schade, da es sich um sehr gut ausgearbeitete, starke Charaktere handelt. Judith Krieger ist eine angenehm unkonventionelle Frau, die aber nie überzogen wirkt, sondern sehr natürlich. Ihre inneren Konflikte werden dieses Mal leider weniger thematisiert als in den vorhergehenden Büchern, aber noch immer genug, um ein lebendiges Bild von ihr zu zeichnen. Manni ist nach wie vor ein Jungspund, doch auch bei ihm vermisst man ein wenig die Tiefe, die in „Unter dem Eis“ zu finden war. Seine Gedanken drehen sich hauptsächlich um den Fall und die blonde Sonja, mit der er eine Affäre hat. Die Dynamik, die in „Unter dem Eis“ aus der Paarung Judith-Manni stammte, kommt in diesem Buch ein wenig zum Erliegen.
Trotzdem bietet „Nacht ohne Schatten“ mehrere hundert Seiten Lesegenuss. Fall und Ermittlungsarbeit sind realistisch, die Personen prima ausgearbeitet. Klönnes tiefgängiger, manchmal schwermütiger Schreibstil sorgt dafür, dass sich alles ineinanderfügt, und schmückt die Geschichte zusätzlich mit bewundernswert plastischen Beschreibungen aus. Einmal mehr taucht der Leser zusammen mit den Helden des Buches in eine ganz eigene Welt – in diesem Fall sogar ein eigenes Milieu – ein, die ihn so schnell nicht mehr loslassen wird.
_Gisa Klönne bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Wald ist Schweigen“ 1879
[„Der Wald ist Schweigen“ (Hörbuch) 2126
[„Unter dem Eis“ 3047
Leonie Simon ist eigentlich Gerichtsmedizinerin, doch offensichtlich reicht ihr dieser Job alleine nicht aus, sodass sie sich in bester Miss-Marple-Manier stets auch in die Arbeit der Polizei einmischt und auf eigene Faust ermittelt. Mit „Fremder Schmerz“ legt Renate Kampmann bereits den vierten Teil in ihrer Leonie-Simon-Reihe vor, die mit „Die Macht der Bilder“ ihren lesenswerten Anfang nahm …
_Das schlägt hohe Wellen_
Wieder einmal vergisst Leonie Simon, die Alarmanlage abzuschalten, bevor sie die Balkontür betätigt. Kaum hat sie sich ihre Klamotten übergeworfen, steht auch schon ihre verängstigte Vermieterin vor der Tür, kurz gefolgt von der Polizei, die erneut aufgrund eines falschen Alarms bei Leonie auftaucht. Doch dieses Mal hat es ein Gutes, denn durch die Polizisten erfährt sie gleich, dass das Haus ihres Kollegen Frank Gotthardt abgebrannt ist. Leonie macht sich sofort auf den Weg, um notfalls ihre Arbeit am Tatort verrichten zu können.
Schnell bestätigen sich Leonies schlimmste Befürchtungen, denn ihr Kollege Frank Gotthardt und seine Frau sind tatsächlich ums Leben gekommen, doch ob wirklich die Flammen daran schuld waren, bezweifelt Leonie sofort. Frank Gotthardt wird zwar in einer Lage aufgefunden, die voreilig auf einen Selbstmord schließen ließe, und auch seine Frau liegt auf der Kellertreppe, als wäre sie rückwärts die Treppe hinuntergestoßen worden. Nach genauerer Untersuchung kommen Leonie jedoch immer mehr Zweifel, denn Claudia Gotthardts Genick ist professionell gebrochen, während weitere Verletzungen, die ein Sturz auf der Treppe mit sich gebracht hätte, fehlen. Und auch die Schmauchspuren an Frank Gotthardts Händen deuten darauf hin, dass jemand anderer hier zu Werke gegangen ist.
Auf eigene Faust ermittelt Leonie und sucht nach Motiven. Zunächst glaubt sie, dass Frank Gotthardt in einem brisanten Fall die gerichtsmedizinischen Untersuchungen gemacht haben muss, doch bald deutet alles darauf hin, als wären Claudia Gotthardts Recherchen über veruntreute Hilfsgelder Auslöser für die schreckliche Tat gewesen. Claudia, die als freie Journalistin gearbeitet hat, war einem handfesten Skandal auf der Spur; so hatte sie herausgefunden, dass Hilfsgelder für die Opfer des Tsunamis gar nicht an den richtigen Stellen angekommen sind.
Als kurz darauf die schwer zugerichtete Leiche eines Zahnarztes gefunden wird, der damals etliche Tsunami-Opfer identifiziert hat, deutet alles auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen, dem Leonie Simon auf die Spur kommen möchte, um den Tod ihres Kollegen besser verarbeiten zu können …
_Zu viele Köche verderben den Brei_
Der vorliegende Kriminalroman beginnt mit einem Paukenschlag: Schon in der ersten Szene muss Leonie Simon das ausgebrannte Haus ihres Kollegen betreten, um dort die Leichen der beiden Gotthardts zu untersuchen. Schnell deutet alles auf einen unbekannten Dritten hin, der offensichtlich von den Gotthardts überrascht wurde, die zu früh aus dem Urlaub zurückgekehrt sind.
Leonie, die sich immer noch nicht vollkommen in Berlin eingelebt hat, ist Mitglied einer Gruppe, die ungelöste Kriminalfälle unter die Lupe nimmt, um ein genaues Täterprofil zu erstellen. Beim Treffen liegt die Akte des ermordeten und gefolterten Zahnarztes auf dem Tisch. Schnell finden die Ermittler heraus, dass der tote Zahnarzt genau wie Claudia Gotthardt und Leonie selbst mit Khao Lak verbunden ist, wo damals die Opfer des Tsunamis zu identifizieren waren. Diese Spur ist es, die Leonie sich am intensivsten anschaut, zumal sie selbst die Zeit in Khao Lak noch nicht vollständig verarbeitet hat.
Kurz darauf kommt eine Vermisstenmeldung rein, denn Sina Rauscher-Abramowsky ist verschwunden. Bei dem Namen klingelt es bei Leonie, denn in Claudia Gotthardts Unterlagen war sie bereits auf einen Theo Abramowsky gestoßen, der vor dem Tsunami eine Tauchschule in Khao Lak geführt hatte. Leonie sucht Abramowsky auf, um ihn zur Rede zu stellen, denn zu viele Spuren führen in die gleiche Richtung, als dass wirklich der Zufall im Spiel sein könnte. Abramowsky zeigt sich wenig kooperativ und weicht Leonies Fragen mehr oder weniger geschickt aus, was Leonies Misstrauen ins Unermessliche steigen lässt.
Doch Leonie hat noch mehr auf dem Herzen, denn ihr Bruder Michael ist vor einiger Zeit spurlos verschwunden. Man nimmt an, dass er bei einer Explosion ums Leben kam, doch gefunden wurde von ihm nur ein Finger, sodass Leonie nicht an seinen Tod glauben mag. Wieder einmal ermittelt sie auf eigene Faust und wird tatsächlich auf sehr verschlungenen Pfaden fündig.
Als sie Michael gegenübersteht, hat dieser überraschenderweise Informationen, die Leonie in ihrem Berliner Fall weiterhelfen, denn er weiß mehr über Theo Abramowsky, der gar nicht der ist, für den er sich ausgibt.
Und dann sollte man nicht vergessen, dass ein Mörder, den der Leser früh kennenlernt und der auch Leonie Simon in einer der ersten Szenen über den Weg läuft, sein Unwesen treibt. Ben erbt das Haus seiner Tante, allerdings nur unter der Bedingung, dass er seinen tot geglaubten Großvater im Pflegeheim besucht. Dort findet er einen kauzigen General vor, der keine sonderlich weiße Weste vorzuweisen hat. Denn einst war er ein ehrgeiziger Nazi-Scherge, der seine Vergangenheit nun gerne vergessen machen möchte und mit seinen ehemaligen Nazi-Freunden nichts mehr zu tun haben will.
Renate Kampmann macht viele Baustellen auf in ihrem vierten Leonie-Simon-Roman, sodass der Leser oft genug den Überblick zu verlieren droht. Mitunter eiert ihre Romanhandlung dadurch hin und her, ohne dass man Kampmanns Gedankengängen folgen kann. Hinzu kommen die vielen Zufälle, die nach und nach immer unrealistischer wirken. Dass Leonie Simon plötzlich beschließt, ihren Bruder wiederfinden zu wollen, und dieser dann auch noch einen ganz wichtigen Hinweis liefern kann, fand ich wenig glaubwürdig. Auch dass Kampmann zwei Kriminalfälle parallel abhandeln möchte, obwohl nur einer titelgebend ist und dieser durch die genaue Charakterzeichnung Bens und seiner Familie genügend Stoff für das gesamte Buch hergegeben hätte, fällt negativ auf.
Wie die Autorin den Tsunami und seine schrecklichen Auswirkungen thematisiert, wirkt aufgesetzt. Hierbei geht es der Autorin nicht nur um die Schwierigkeit der Opferidentifizierung, sondern auch um die Schrecken, welche die freiwilligen Helfer noch Jahre später zu verarbeiten haben. Aber damit nicht genug, diskutiert Kampmann auch noch das Problem, dass viele Kriminelle den Tsunami und das anschließende Chaos ausgenutzt haben, um ihr eigenes Verschwinden zu inszenieren. Das sind sicherlich alles spannende Themen, allerdings hätten sie für ein weiteres Buch gereicht.
Denn eigentlich geht es um Ben, seine mysteriöse Krankheit und seinen Wunsch, den Schmerz anderer Menschen genauestens zu analysieren. Er mordet nicht aus Spaß an der Freude, sondern er will genau herausfinden, wie andere Menschen auf Schmerz reagieren. Gleichzeitig muss er sich mit seinem Großvater auseinandersetzen, zu dem er sich auf der einen Seite hingezogen fühlt, der auf der anderen Seite aber auch abstoßend auf Ben wirkt. Und sein Großvater ist auch schuld daran, dass ein skrupelloser Nazi Ben bedroht und ihn zu erpressen versucht.
Renate Kampmann riskiert einen ganz genauen Blick auf Ben und sein Leben, sodass der Mörder uns im Laufe der Geschichte immer vertrauter wird und wir auch immer besser sein Motiv verstehen können. Diese Charakterzeichnung ist der Autorin wirklich gut gelungen, nur geht sie leider ein wenig in einem Wust aus anderen Geschichten unter – schade.
_Leonie auf Abwegen_
Die zweite Person, die im Mittelpunkt des Buches steht, ist natürlich die Gerichtsmedizinerin Leonie Simon, die sich bereits zum vierten Mal in die Ermittlungen der Polizei einmischt. Hinzu kommen aber wie gewohnt zahlreiche persönliche Probleme: So führt Leonie nach wie vor eine Beziehung zu Paul, der in Hamburg arbeitet und immer weniger Zeit für Leonie hat. Doch auch die x-te Ausrede seinerseits macht Leonie immer noch nicht misstrauisch genug, und auch als sie einen abgebrochenen rotlackierten Fingernagel in seiner Wohnung entdeckt, versucht Leonie noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist.
Fast zeitgleich hat sie eine Affäre mit einem Journalisten, der sie aber nur auszuhorchen scheint. Auf der Beziehungsebene befindet Leonie sich folglich auf einer echten Talfahrt. Dafür wird ihre Bekanntschaft zur Psychologin Madeleine Quast immer intensiver. Quast vertraut Leonie nach und nach ihre Probleme an und wird dadurch fast zu einer guten Freundin und Vertrauten. Die hat Leonie aber auch bitter nötig, denn auch der pubertierende Sohn einer Bekannten sucht in Berlin verzweifelt Hilfe von Leonie, die mit der Situation offensichtlich völlig überfordert ist.
In der Rückbetrachtung frage ich mich immer mehr, wie Renate Kampmann es geschafft hat, all diese Aspekte in einem nur knapp 500-seitigen Kriminalroman unterzubringen; vielleicht hätte sie wirklich gut daran getan, zwei Bücher aus dieser Geschichte zu machen.
_Lesenswert mit Schönheitsfehlern_
Insgesamt fühlte ich mich trotz allem recht gut unterhalten vom vorliegenden Roman. Kampmann thematisiert zwei für sich genommen sehr interessante Kriminalfälle, die nicht nur spannend sind, sondern auch brisante Themen aufgreifen. Ihre Charakterzeichnung überzeugt auf ganzer Linie, auch wenn Leonies hartes Schicksal mitunter etwas dick aufgetragen wirkt.
Der größte Kritikpunkt ist sicherlich die völlige Überfrachtung der Geschichte, die leider einen roten Faden oft vermissen lässt und dazu führt, dass die Spannung nie so richtig ansteigen kann. „Fremder Schmerz“ ist sicherlich nicht der beste Roman der Leonie-Simon-Reihe, obwohl er viel Potenzial hatte. Unter dem Strich bleibt ein eher durchschnittlicher Eindruck zurück und die Hoffnung, dass sich Renate Kampmann beim nächsten Mal wieder steigert.
Dass die Polizei nicht immer die Guten sind, weiß man nicht nur aus der Verfilmung von [„L.A. Confidential“. 1187 Es gibt auch eine Unmenge von Büchern, die sich mit diesem Thema beschäftigen, wie zum Beispiel der Roman „1983“ von David Peace, der das Finale von Peaces Red-Riding-Quartett darstellt.
In Yorkshire verschwind 1983 die kleine Hazel Atkins. Die Öffentlichkeit ist erschüttert. Die Polizei unter der Leitung von Chief Superintendent Maurice Jobson hat schnell einen Verdächtigen parat, doch Hazel bleibt verschwunden. Der übergewichtige, nicht besonders erfolgreiche Anwalt John Piggott wird von der Mutter von Jimmy Ashworth gebeten, seine Verteidigung zu übernehmen.
Doch als John zum Polizeirevier kommt, erfährt er, dass Jimmy sich aufgehängt hat. John Piggott glaubt nicht daran, dass dies wirklich Selbstmord war, und beginnt, sich näher mit Maurice Jobson zu beschäftigen. Dieser führte nämlich auch die Ermittlungen, als Jahre zuvor andere kleine Mädchen verschwanden. Auch hier hatte man schnell einen Verdächtigen zur Hand, doch wie es scheint, mit einem erpressten Geständnis. Der lethargische Anwalt beginnt im Dreck zu wühlen und fördert dabei Dinge zutage, welche die Polizisten lieber für sich behalten hätten …
Bereits auf der ersten Seite fällt auf, dass David Peace sehr viel Wert auf einen individuellen Schreibstil legt. Beinahe schon in stenografisch abgehacktem Stil wirft er dem Leser bestimmte Details wie Örtlichkeiten, Zeiten oder anwesende Personen vor, und auch sonst greift er immer wieder auf verkürzte oder unvollendet Sätze zurück, um die Gedanken seiner Protagonisten möglichst realitätsgetreu wiederzugeben. Er verwendet außerdem eine sehr bildhafte Sprache und schmückt diese mit Zitaten aus Songs oder völlig abwegigen, poetisch angehauchten Gedanken, die sich mit der Lebenssituation der jeweiligen Person auseinandersetzen. Häufig wiederholt er auch einzelne Sätze oder sogar ganze Abschnitte, um die Ausweglosigkeit der Situation seiner Figuren darzustellen. Nicht immer wird dem Leser dabei die wirkliche Bedeutung von Peaces Worten klar. Er schreibt auf der einen Seite sehr angenehm und schön, nämlich nachdenklich, pessimistisch, düster, dann aber auch wieder sehr kryptisch. Manche der Textabschnitte sind einfach zu introvertiert und unverständlich. Dem einen Leser mag das mehr, dem anderen weniger liegen.
Ob das bei der Handlung auch so ist, sei dahingestellt. Peace behandelt zwei gegenläufige Stränge. Auf der einen Seite ermittelt John Piggott in der Gegenwart, auf der anderen werden die Geschehnisse der früheren Mädchenentführungen in den Siebzigern aus der Sicht von Maurice Jobson gezeigt. Das geschieht allerdings unstrukturiert und verwirrend. Es fehlt der rote Faden, der diese beiden unterschiedlichen Ansätze am Ende geschickt und verständlich miteinander verknüpft. Das ist bei „1983“ nicht unbedingt der Fall. Es passiert auch immer wieder, dass einige Textabschnitte zu beliebig oder zu unpassend wirken, so dass man in diesem Fall nicht von einem runden Ganzen reden kann.
Die Personen sind hingegen gelungen, ihre Ziellosigkeit und Deprimiertheit wird gut dargestellt. Vor allem die Figur des John Piggott zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich total gehen lässt und nicht unbedingt mit Enthusiasmus bei der Sache ist. Das wirkt alles sehr authentisch. Vermutlich jeder hat schon einmal so eine Phase in seinem Leben gehabt und kann sich dementsprechend damit identifizieren. Anders ist es da bei Maurice Jobson: Während Piggotts Perspektive auf eine Du-Anrede zurückgreift, erzählt Jobson aus der ersten Person. Trotzdem wirkt er immer kühl und distanziert, verschlossen, introvertiert. Das hängt vor allem mit Peaces Schreibweise zusammen, die diesen Charakter sehr gut reflektiert.
In der Summe überzeugt „1983“ trotzdem nicht immer, dafür fehlt es dem Buch an Struktur. Gerade der Handlung hätte ein wenig mehr roter Faden gutgetan. Der Schreibstil von David Peace und seine Figurenzeichnung überzeugen allerdings trotzdem, auch wenn sie sich wegen der dramaturgischen Schwächen nicht völlig entfalten können.
Seit Anbeginn der Menschheit gibt es unerträgliches Leid auf unserer Welt. Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen und grausame Verbrechen, die jeden Tag stattfinden. Seit der biblischen Vertreibung aus dem Paradies erlebte die Welt kaum friedvolle Perioden. Selbst und besonders die heilige Mutter Kirche brachte Tod und Verderben über die Menschheit, ihre Priester standen Soldaten an Brutalität und Unmenschlichkeit in nichts nach. Da stellt sich nicht zum ersten Mal die Frage: Gibt es einen Gott? Wenn ja, hat er uns bereits verlassen, so wie Jesus es in den Evangelien ausspricht? Oder hat der Teufel im Kampf um die Seelen die Oberhand gewonnen?
Doch es geschieht auch viel Gutes, und immer wieder widerfahren einem Auserwählten ‚Wunder‘, die Wissenschaftler, Psychologen und Ärzte nicht fundiert erklären können. Aber bevor diese Geschehnisse offiziell als Wunder Gottes erklärt werden, werden sie von Wissenschaftlern des Vatikans überprüft. Es gibt Vereinigungen, die ganz speziell diese ‚Wunder‘ untersuchen, und diese unterstehen direkt dem Papst. Teilweise arbeiten diese Männer inkognito, wenn es sein muss auch mit einer gefälschten Identität. Es sind tiefgläubige Männer, ausgebildet in moderner Wissenschaft, Geschichte, Mythologie, Symbolik und alten, auch ausgestorbenen Sprachen. Unter ihnen befinden sich auch Psychologen, Spione und Diplomaten des Vatikans.
Das ‚Böse‘ hat viele Gesichter, und es gibt um diese finsteren Wesenheit einen ganz speziellen Studiengang an der Universität des Vatikans: Exorzismus und Dämonologie. Viele mögen dies belächeln, aber Papst Benedikt und auch Johannes Paul unterstützen diese Priester in ihren Ämtern. Die größte List des Teufels ist es vielleicht, uns glauben zu machen, er existiere gar nicht, wie Baudelaire es sagte. Aber was ist, wenn die Wahrheit noch schrecklicher ist: Was ist, wenn die Hölle überall existiert, auch im Jenseits?!
Die beiden spanischen Autoren David Zurdo und Ángel Gutiérrez haben den Kampf im Himmel in ihrem Roman „616 – Die Hölle ist überall“ thematisiert: Ein Mysterythriller, der seinesgleichen sucht.
_Die Geschichte_
Der Jesuitenpriester Albert Cloister gehört einer Kommission des Vatikans an, die unerklärliche Wunder auf wissenschaftlicher Basis analysiert. In einem kleinem spanischen Dorf soll er das Grab eines ehemaligen Priesters untersuchen, der seliggesprochen werden soll. Vor Jahren kam es zu spontanen Wunderheilungen und unerklärbaren Phänomenen, und nach altem Brauch soll nun die Leiche exhumiert werden, um festzustellen, ob der Körper unversehrt ist und kaum oder gar keine Verwesung eingetreten ist.
Als der Sarg gewaltsam geöffnet wird, bietet sich den Anwesenden ein grausiges Bild. Der Deckel des Kiefernsarges ist innen zerkratzt, die Knochen des toten Priesters sind zermalmt. Es ist unmöglich, dass sich der Priester diese Verletzungen selbst zugefügt hat, zu groß und vielfältig sind die Schäden am Körper. Cloister entdeckt auf einem der Fragmente des Sarges einen Satz, der die schrecklichste Erfahrung und Verzweiflung eines Menschen vermitteln kann: „Die Hölle ist überall“.
Verwirrt und erschrocken fliegt der geistliche Ermittler zurück nach Rom, um im Vatikan nach Lösungen zu suchen. Es gibt weitere besorgniserregende Vorkommnisse. Bei vielen Nahtoderfahrungen häufen sich erschreckende Aussagen, das Jenseits präsentiere sich den sterbenden Menschen nicht als friedvolles Paradies in ein warmes Licht getaucht, sondern als unfassbares Grauen und Leiden. Den wieder ins Leben geholfenen Menschen bleiben nur Angst und eine erschreckende Hoffnungslosigkeit.
In Boston überlebt ein psychisch kranker Gärtner den Brand eines Hauses. Seitdem verfolgen ihn Nacht für Nacht quälende Alpträume. Die Psychologin Audrey Barrett versucht Daniel zu therapieren und kümmert sich aufopfernd um ihn. In den vielen Sitzungen offenbart sich der Psychologin ein anderer Daniel. Er verfügt über Wissen, das er eigentlich gar nicht besitzen dürfte, über eine sprachliche Eloquenz und Gewandtheit, die niemals sonst in Erscheinung trat. Selbst seine Stimme verändert sich. Daniel scheint mit der jungen Psychologin zu spielen und konfrontiert sie mit ihren eigenen Verfehlungen, was ihn augenzwinkernd amüsiert.
Ist dies das Resultat eines Traumas, eine multiple Persönlichkeitsstörung? Verwirrt und auch verängstigt sucht Audrey in weiteren Sitzungen mit Daniel nach einer Lösung, doch es findet sich keine; immer beklemmender und beängstigender werden die Gespräche mit dem kranken Mann. Als Daniel ihr Einzelheiten über das Verschwinden ihres Sohnes vor fünf Jahren erzählt, wird Audrey wieder aktiv und ist auch innerlich bereit, die Konfrontation zu suchen und vielleicht ihren Sohn wiederzufinden.
Pater Albert geht einer anderen Spur nach, und auch ihm begegnet Unheimliches. Auf seinen Tonbandaufnahmen entdeckt er verzerrte, aber doch verständliche Stimmen, die im Hebräischen zu ihm sprechen, und auch hier taucht wieder der unheimliche Satz auf: „Die Hölle ist überall“. Die Ziffern des Satans 616 oder XIC, also Chi, Iota und Stigma, weisen ihm den Weg zu einem Interview mit dem Satan selbst.
Und Pater Cloister erkennt, dass die Wahrheit um den Kampf im Himmel eine ganz andere ist. Die Schlacht ist endlos und birgt keine Hoffnung. Jesus‘ Ausspruch „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ wird aufgelöst, aber der Preis um diese Wahrheit ist viel zu hoch.
_Kritik_
„616 – Die Hölle ist überall“ ist nicht der erste Roman des Autorenduos Zurdo & Gutiérrez aus Spanien. Längst haben die Autoren in ihrem Heimatland weitere Mysterythriller mit großem Erfolg veröffentlicht.
Die hier im Roman geschilderten ungeklärten Vorfälle besitzen eine ‚reale‘ Grundlage. Das macht den Roman so außerordentlich interessant, und die Thesen der Autoren sind zwar spannend, doch überdies bergen sie einen spürbaren Schrecken. Die im Buch erwähnten Bibelpassagen und Fragmente sowie die von der Kirche geächteten apokryphen Texte und Zitate über den Teufel sind authentisch.
Die hier erwähnte Teufelsbibel, den 75 Kilogramm schweren [Codex Gigas,]http://de.wikipedia.org/wiki/Codex__Gigas gibt es wirklich. Der Legende nach schrieb in nur einer Nacht ein Mönch mit Hilfe Satans das ganze Wissen der Menschheit auf. Der Preis dafür war seine Seele. Als Beweis dafür, dass der Teufel selbst an dem Manuskript gearbeitet hat, fügte der Mönch das eindrucksvolle Bildnis des Teufels hinzu.
Unerklärliche Phänomene, die mit der bekannten Wissenschaft nicht kompatibel sind, erschrecken uns, eine normale Reaktion, aber die offenen Fragen bleiben. Und sie führen immer zum Ursprung und konfrontieren allzu oft mit religiösen Fragen wie: Gibt es einen Gott? Gibt es den Teufel? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die Vorstellung eines christlichen Gottes kommt ohne das ‚Böse‘ nicht aus. Ohne dieses ‚Böse‘ ergäbe die Kreuzigung Christi keinen Sinn. Ohne Sünde gäbe es auch keine Vergebung – der Gegensatz von Gut und Böse gehört wesentlich zum Konzept der christlichen Religion. Das ‚Böse‘ schlechthin aber verkörpern in den Traditionen der Kirche wie im Evangelium nicht militärische Feldherren oder andere Feinde der Menschheit, sondern der Teufel selbst. Seitdem er in Gestalt der Schlange Eva und Adam verführte, ist das Böse aus der Bibel sowie aus den Kirchengeschichten nicht mehr wegzudenken.
Der mit diesen Hintergründen angefüllte Roman ist unbeschreiblich spannend, und der Leser wird von seiner kühlen und sehr dichten Atmosphäre nahezu in den Bann geschlagen. Es gibt zwei Handlungsstränge, einmal die Perspektive des Paters Cloister und auf der anderen Seite das Schicksal von Audrey. Beide fließen, wie es sich gehört, erst am Ende zusammen, doch sind beide unabhängig von einander gleichsam eindrucksvoll spannend.
Wenn ein Mysterythriller dem Leser einen kalten Schauer über den Rücken gleiten lässt und dieser vielleicht nach einem besonders spannenden Kapitel erschöpft durchatmet, so haben die Autoren ihr Ziel erreicht. Gerade in diesem Genre muss man dabei auch die Grenzen zwischen übertriebenen Klischees und wirklichen Fakten, wie wir sie in „616“ erleben, mit Fingerspitzengefühl behandeln, um den Leser nicht des Geschehens in seiner Erlebbarkeit zu entrücken.
Zudem befasst sich der Roman mit essenziellen Fragestellungen: Der christliche Mensch lebt in der Hoffnung, nach dem Tod weiterzubestehen. Wenn die Seele Energie ist, wo geht sie dann hin? Wo ist dieser Weg zu Ende, den wir eines Tages alle gehen müssen? Steckt in den Nahtod-Erlebnissen ein Fünkchen Wahrheit oder spielt uns unser Gehirn nur etwas vor? Ist es ein Schutzmechanismus, ein komplizierter chemischer Prozess, um uns die letzten Minuten und Sekunden auf der Erde erträglicher zu machen?
Die Antworten liegen sicherlich nicht in diesem Roman verborgen, auch wenn viele geschilderte Fälle auf Tatsachenberichten beruhen, aber die Antworten, welche die Autoren uns hier geben, bleiben zweideutig, und der Weg zur Antwort ist vielleicht das eigentliche Ziel. In „616“ vermengen sich Fakten mit Theorien und entführen den Leser in eine Welt voller Fragen, offener Fragen, die zwar abschließend nicht beantwortet werden können, aber mindestens neugierig machen.
Die Protagonisten sind glaubhaft geschildert und selbst der Teufel ist in seinem Handel nicht der Kategorie ‚Böse‘ zuzuordnen. Alles zeigt zwei Seiten, und auch der Teufel besitzt scheinbar eine ‚menschliche‘ Komponente. Cloister und Audrey zeigen Schwächen und Stärken, sie hadern mit ihrem Schicksal, das sie aber unausweichlich auf die Suche gehen lässt nach der letzten Wahrheit, wie sehr sie auch erschrecken und das ganze Weltbild förmlich auf dem Kopf stellen mag.
Der Spannungsbogen explodiert am Ende in einer schlüssigen, aber nicht endgültigen Wahrheit. Auch die Charaktere werden von einem Extrem ins andere geworfen und kämpfen sich immer wieder an die Oberfläche, nur um wenig später zu begreifen, dass sie auf einem offenen Meer voller Fragen schwimmen. Gerade dieser Abwechslungsreichtum und die beständige Ambivalenz lassen den Leser in jedem Kapitel mitfiebern.
Sehr positiv ist noch zu erwähnen, dass die Autoren im Nachwort auf die Phänomene zu sprechen kommen und diese in Ansätzen erklären.
_Fazit_
„616 – Die Hölle ist überall“ ist ein unheimlich(er) dichter Roman, der den Leser völlig in seinem Bann zu ziehen vermag. Es gibt keine vordergründig logischen oder inhaltlichen Fehler, wenn Fakten und Fiktion miteinander kombiniert werden. Positiv sei zu vermerken, dass es diesmal keine große Verschwörungstheorie gibt und die Kirche in der Geschichte neutral behandelt wird. Es gibt keine blutigen Ritual- und Opfermorde, das Böse an sich zeigt hier ein ganz anderes Gesicht, eines, das deutlich realistischer nachwirkt. Das Böse berührt und verführt, es macht nachdenklich, aber es ist nicht einseitig in ein Klischee verpackt. Manchmal hat die Realität vielleicht eine ausreichend bestechende Komponente, der man sich nicht zu entziehen mag.
Abschließend kann ich den Roman wärmstens empfehlen. Auf zarte Gemüter und tief gläubige Leser mag er jedoch erschreckend und aufwühlend wirken, und ganz sicher wird der eine oder andere Leser neugierig zur Bibel greifen, um darin entweder Trost zu finden oder zwischen den Zeilen nach Wahrheiten und Botschaften zu suchen.
_Die Autoren_
David Zurdo und Angel Gutiérrez sind Wissenschaftsjournalisten, die sich auf ungeklärte Vorfälle der Weltgeschichte spezialisiert haben. In Spanien haben sie bereits mit großem Erfolg einige Mysterythriller veröffentlicht. „616 – Die Hölle ist überall“ ist ihr deutsches Debüt.
|Mysterythriller
Originaltitel: 616 – Todo es infierno
Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit
416 Seiten Klappenbroschur|
http://www.kanur.de
[Trailer zum Buch]http://www.lesungen.tv/trailer/david-zurdo-zaiz-616-die-hoelle-ist-ueberall/
[Interview mit den Autoren]http://www.droemer-knaur.de/magazin/Interview+mit+Zurdo+und+Gutierrez.569510.html
Trilogien gibt es mittlerweile zur Genüge. Jeder Autor, der etwas auf sich hält, schreibt Bücher im Dreierzyklus. Der Schwede Johan Theorin dagegen orientiert sich nicht an der magischen Drei, sondern an den vier Jahreszeiten. Er plant eine Reihe, die für jede Jahreszeit eine Geschichte zu erzählen hat. „Öland“ macht den Anfang im Herbst, und das sehr erfolgreich. In Schweden war das Buch schon kurz nach Erscheinen auf den Bestsellerlisten zu finden und wird momentan in diverse Sprachen übersetzt.
Das Buch spielt auf der gleichnamigen schwedischen Insel, die mittlerweile ein beliebtes Touristenziel geworden ist. Doch zu der Zeit, in der Theorins Geschichte spielt, steckt diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen, und zu der Zeit, als das Geschehen seinen wirklichen Anfangspunkt hat, war davon noch gar nichts zu spüren. 1972 verschwindet der fünfjährige Jens spurlos während eines dichten Nebels in der Alvar, einer öden Kalksteppe der Insel. Seine Mutter Julia ist auch über zwanzig Jahre später noch nicht davon überzeugt, dass Jens tot ist. Arbeitsunfähig aufgrund der psychischen Belastung, lebt sie in Göteborg und würde Öland am liebsten nie wieder betreten. Doch als ihr Vater Gerlof anruft und mitteilt, dass er eine neue Spur entdeckt hätte, rafft die mutlose Frau sich auf und besucht ihre alte Heimat.
Der Mann, den man damals verdächtigt hat, Jens entführt zu haben, ist eigentlich schon lange tot. Nils Kant hieß er, doch die Umstände seines Todes sind fraglich. Er war eine Art Außenseiter und Sündenbock auf der Insel, und es gibt einige, die behaupten, dass er immer noch lebt und jemand anderer in seinem Grab liegt. Ausgehend von dieser Theorie, arbeiten sich Julia, der im Altersheim lebende Gerlof und dessen alte Kumpels vor. Es scheint, als seien sie tatsächlich auf eine heiße Fährte gestoßen, denn auf einmal geschieht ein weiterer Mord …
Die Stimmung, die Theorin in seinem Krimi erreicht, ähnelt der von Schwedens Vorzeigekrimiautor Henning Mankell: bedrückend, pessimistisch und dadurch spannend. Anders als sein Kollege berichtet Theorin allerdings nicht aus der Perspektive eines Polizisten, sondern lässt ganz normale Menschen sprechen. Er bindet den Kriminalfall in den Alltag und in das Privatleben seiner Charaktere ein, so dass von der Trockenheit, welche die Polizeiarbeit manchmal mit sich bringt, wenig zu spüren ist. Trotzdem ist „Öland“ ein eher ruhiges Buch. Die Spannung baut sich allmählich und nicht durch actionreiche Ereignisse auf. Mit fast 450 Seiten ist es daher für Leute, die wenig übrig haben für eine sich allmählich steigernde Spannung, eher eine Zumutung. Wer jedoch gerne typische skandinavische Krimis liest, dem wird „Öland“ gefallen, denn neben der in sich schlüssigen Handlungen überzeugt der Roman auch bei der Personenzeichnung.
Julia und Gerloff, die im Vordergrund stehen, sind wunderbar ausgearbeitet und ihre Persönlichkeiten erreichen den Leser treffsicher. Julia ist seit dem Verschwinden ihres Sohns in eine Depression gefallen, und dem Autor gelingt es, ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Hoffnungen sehr plastisch, aber nie übertrieben darzustellen. Der Leser versteht sie und fühlt mit ihr, obwohl er genau wie sie weiß, dass es nach über zwanzig Jahren längst an der Zeit ist loszulassen. Gerlof dagegen ist ein tatkräftiger Mann. Der ehemalige Seemann verbringt seine Zeit nicht mit Nachdenken, sondern packt die Dinge an. Während Julia durch ihren eigenen Kopf gebremst wird, ist es bei dem alten Mann eine rheumatische Erkrankung, die ihn immer wieder behindert. Auffällig ist dabei, dass Gerlof nicht als griesgrämiger Alter und auch nicht als klischeehafter, das Altersheim aufmischender Opa dargestellt wird, sondern als bedächtiger, lebenserfahrener Mann. Theorin gelingt es, das Alter seines Protagonisten nicht nur als Tatsache darzustellen, sondern richtiggehend in die Geschichte einzuweben. Dadurch wirkt Gerlof sehr authentisch und interessant, da er nicht unbedingt der klassische Charakter eines Kriminalromans ist.
Der Schreibstil ähnelt den beiden Hauptfiguren: ruhig, gemächlich, aber stets mit einem Hang zum Pessimismus. Theorin beschreibt seine Szenarien in einer emotionslosen, plakativen Sprache, welche die Ödnis der Insel und innerhalb der Personen sehr gut transportiert. Es entsteht eine Atmosphäre, in die man sich als Leser hineinfühlen und dadurch mit den Personen mitfiebern kann.
„Öland“ ist in gewisser Weise Geschmacksache. Nicht jeder wird etwas mit der eher actionarmen Handlung und den entweder deprimierten oder alten Charakteren anfangen können. Wer sich jedoch mehr für Persönlichkeiten als für aufregende Kriminalfälle interessiert, der ist bei diesem Buch von Johan Theorin goldrichtig. Der Schwede hat einen atmosphärischen, ruhigen Krimi geschrieben, der sich dank der Protagonisten wohltuend von ähnlichen Büchern des Genres abhebt.
|Originaltitel: Skumtimmen
Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
448 Seiten, gebunden|
http://www.piper-verlag.de
http://www.johantheorin.com
Lisa Gardner mausert sich zu einem neuen Namen in der Thrillerwelt, den man sich merken sollte. Ihr neuer Streich „Kühles Grab“ schließt an das von den Kritikern gelobte [„Lauf, wenn du kannst“ 4648 an, ohne eine direkte Fortsetzung zu sein.
Die bereits bekannten Charaktere der Polizisten Bobby und D.D. sowie Catherine Gagnon, der Bobby half, als sie unrechtmäßig wegen Mord und Kindesmisshandlung angezeigt wurde, sind wieder mit von der Partie. Im Mittelpunkt steht allerdings Annabelle Granger oder Tanya Nelson, wie sie mittlerweile heißt. In ihrer Kindheit ist sie mit ihren Eltern von einer amerikanischen Stadt in die nächste gezogen, hat ständig ihre Identität gewechselt und nie Anschluss gefunden. Nun, da ihre Eltern tot sind, ist sie zurück nach Boston gekehrt und lebt ein beschauliches, aber von Ängsten regiertes Leben. Das Training ihres Vaters, das sie schon im zarten Kindesalter vor Vergewaltigern und Kriminellen bewahren sollte, trägt immer noch Früchte. Ohne ihren Hund Bella und einen Elektroschocker geht sie nicht joggen, doch das hilft ihr wenig, als sie eines Tages in der Zeitung liest, dass sie gestorben ist.
Auf dem Gelände einer ehemaligen Psychiatrie in Mattapan hat man sechs mumifizierte Mädchenleichen gefunden, und eine von ihnen trägt ein Medaillon mit Annabelles Namen. Annabelle geht zur Polizei, denn sie ahnt, dass das tote Mädchen ihre Kindheitsfreundin Dori ist. Und sie hat Recht. Die Polizei, das heißt Bobby und D.D., die die Ermittlungen leitet, müssen feststellen, dass Annabelle Catherine Gagnon, die als Kind Opfer eines sadistischen Vergewaltigers wurde, sehr ähnlich sieht. In Anbetracht der Tatsache, dass Annabelles Vater sich mit seiner Familie ab dem Jahr 1982 auf der Flucht befand, fragen sich die beiden, ob es einen Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen gibt. War Richard Umbrio, der für Catherines Fall verantwortlich gemacht wurde, auch der Mörder der anderen Mädchen, oder war er gar unschuldig, als er ins Gefängnis wanderte? Hatte er einen Komplizen? Zu spät merken die beiden, dass die Gefahr von jemand ganz anderem ausgeht, und da ist es beinahe schon zu spät …
Lisa Gardner tut in „Kühles Grab“ das, was sie am besten kann: spannende Geschichten erzählen. Die Handlung ist rasant, dicht und ohne Längen, der Schreibstil fesselt. Der Thriller ist auch ohne das Vorwissen von „Lauf, wenn du kannst“ zu genießen, doch macht Gardners aktuelles Buch als Nachfolger mehr Spaß. Der Leser kennt Catherine Gagnons Fall genau, die Verwicklungen, die damit einhergingen, und auch die Erlebnisse, die Bobby stark geprägt haben.
Bobby steht dieses Mal nicht so stark im Vordergrund, sondern Annabelle und ihre tragische Geschichte. Die Polizeiarbeit wird zwar immer wieder gestreift, doch hauptsächlich aus der ‚Laiensicht‘ von Annabelle erzählt. Die wiederum berichtet aus der Ich-Perspektive, eine weitere Neuerung, aber eine, die gefällt. Die Geschichte wirkt dadurch sehr menschlich, geradezu literarisch. Die Thrillerspannung geht dabei ein bisschen verloren, doch Gardner beweist, dass sie dennoch ein gewisses Maß davon aufrechterhalten und gleichzeitig ein Schicksal erzählen kann. Angenehm ist dabei, dass sie trotz der weiblichen Erzählerin nie in die aus Frauenbüchern bekannten Klischees abrutscht. Annabelles Perspektive ist schön erzählt, behandelt häufig auch Nebensächliches und fügt sich trotzdem in das Gesamtgeschehen ein.
Das Einzige, was man dem Buch ankreiden kann, ist, dass es zwar hohe Spannung und gute Unterhaltung bietet, letztendlich aber nichts wirklich Neues. Abgesehen von der überraschenden Ich-Perspektive ist es eben nur noch ein weiterer psychisch gestörter Serienkiller, der von noch einem sorgengebeutelten Cop gejagt wird. Die Qualität von Handlung, Personen und Schreibstil ist allerdings hoch. Alles ist gut ausgearbeitet, harmoniert und fügt sich perfekt ein.
„Kühles Grab“ ist eine runde Sache und liest sich wie aus einem Guss. Lisa Gardner legt einen regelrechten Pageturner vor, der den Leser fesselt, auch wenn die Story selbst nicht unbedingt innovativ ist. Pluspunkte kann allerdings die Ich-Perspektive von Annabelle sammeln, die neben der eher kühlen, analytischen Sichtweise der Cops steht.
_Lisa Gardner bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Schattenmörder“ 875
[„Lauf, wenn du kannst“ 4648
Der Untergang einer Segelyacht wird zum Höhepunkt eines komplexen Verbrechens, dessen Aufklärung einen kompromisslosen Polizisten vor große Probleme stellt, da sich aufgrund der mangelhaften Indiziensituation die Ermittlungslage ständig ändert … – Polizei-Krimi der gediegenen britischen Schule, d. h. actionfrei und ohne Überraschungen aber gut geplottet, handwerklich sauber ausgeführt und mit überzeugend gezeichneten Figuren: gutes Lesefutter für die Fans von Ian Rankin, Stuart MacBride oder Reginald Hill, auch wenn deren Qualität nicht erreicht wird. Graham Hurley – Die Saat des Zweifels weiterlesen →
Alltag im Los Angeles Police Department. Auf den Straßen regiert das Chaos, das nur noch verwaltet aber nicht mehr bekämpft werden kann: Seit das LAPD aufgrund einer Serie dokumentierter Polizeibrutalitäten unter staatliche Aufsicht gestellt wurde und die Medien auf weitere Verstöße förmlich lauern, sind den Beamten nicht nur die Schlagstöcke, sondern auch die Hände weitgehend gebunden. Generell herrscht aufgrund permanenter Unterbesetzung und Überlastung Frustration. Der ständige Druck fordert seine Opfer. Dienstmoral und Arbeitsleistung leiden erheblich. Viele Beamte haben quasi innerlich gekündigt. Auf den Straßen wissen die Kriminellen von den Beschränkungen und nutzen die Gelegenheit weidlich aus.
Die drogensüchtigen Kleinkriminellen Farley und Olive Ramsdale haben dem Nachwuchs-Gangster Cosmo Betrossian Informationen über ein anstehendes Diamantengeschäft verkauft. Cosmo überfiel den Händler und will die Beute dem Bandenboss Dmitri verkaufen, was gleichzeitig sein Einstieg ins organisierte Verbrechen von Los Angeles werden soll. Kein Wunder, dass er heftig reagiert, als Farley und Olive ihn plötzlich mit ihrem Wissen erpressen. Zu allem Überfluss geht kurz darauf der Überfall auf einen Geldtransporter zwar erfolgreich aber blutig aus. Panisch versteckt Cosmo die Beute ausgerechnet im Haus von Farley und Olive, deren Ermordung er gleichzeitig plant. Doch die Drogen haben das Paar so paranoid werden lassen, dass sie sich nicht in die Falle locken lassen. Joseph Wambaugh – Hollywood Station weiterlesen →
„Finsternis“ ist der inzwischen dritte Thriller der niederländischen Senkrechtstarterin Simone van der Vlugt, die mit „Klassentreffen“ und „Schattenschwester“ zwei packende Psychothriller vorgelegt hat. Ähnelte „Schattenschwester“ dem Debütwerk noch auffallend stark, wagt sich van der Vlugt mit dem vorliegenden Thriller nun an eine ganz andere Thematik heran. Ob ihr dieser Ausflug in die Verschwörungsthrillerecke allerdings gelungen ist, bleibt nachzuprüfen …
_Howard Carters Erben_
Durch Zufall macht der niederländische Archäologe Nicolaas Bogaards in Karnak eine unglaubliche Entdeckung. Er findet einen geheimen Durchgang und eine geheime Kammer, in die er alleine eindringt, um sich diese Eroberung von niemandem streitig machen zu lassen. Anschließend verschwindet er allerdings spurlos.
In einer Kneipe lernt die Maklerin Birgit einen gutaussehenden Kerl kennen – als Jef stellt er sich vor und rettet sie beherzt aus einer unangenehmen Situation. Schnell sind die beiden sich einig und vergnügen sich in Birgits Wohnung. Die beiden verbringen eine heiße Nacht und einen wunderschönen Tag, doch danach verschwindet auch Jef ohne eine Nachricht. Birgit kommt die Idee, ihn in einem der leerstehenden Häuser zu suchen, die sie vermitteln will und die sie Jef gezeigt hatte. Und tatsächlich spürt sie ihn auf. Kurz nach ihr taucht allerdings ein mysteriöser Fremder auf, der bewaffnet ist und offensichtlich Böses im Schilde führt. Die beiden können dem Fremden gerade noch einmal entfliehen. Als Birgit Jef zur Rede stellt, erzählt er ihr, dass er auf der Suche nach seinem Vater ist, dem bekannten Archäologen Nicolaas Bogaards, den er nicht mehr erreichen kann.
Gemeinsam fliegen die beiden nach Ägypten, dicht gefolgt vom bewaffneten Fremden, der immer noch nach ihrem Leben trachtet. Auf der Ausgrabung lernen die beiden Nicolaas‘ Vertraute und gute Freundin Frances kennen, die den beiden die geheime Kammer zeigt, in der sich offensichtlich die Bundeslade befunden hat. Damit ist Bogaards Entdeckung eine wirklich großartige. Doch kurz nach dem gefährlichen Ausflug in die geheime Kammer wird Frances ermordet und Birgit und Jef befinden sich wieder auf der Flucht. Dieses Mal verschlägt es sie nach Frankreich, wo Jef einen guten Freund seines Vaters sucht, der vielleicht ein wenig Licht in die Sache bringen kann. In Frankreich jedoch treffen die beiden nicht nur ihren bekannten Widersacher wieder, sondern stehen plötzlich noch weiteren Menschen gegenüber, die nach ihrem Leben trachten…
_Auf Dan Browns Spuren_
Nach ihren beiden doch sehr ähnlichen (wenn auch sehr spannenden) Psychothrillern wagt sich Simone van der Vlugt an etwas ganz anderes heran. Ich hatte zwar wieder einen guten Psychothriller erwartet, fand mich dann aber plötzlich in einem Verschwörungsthriller wieder, der sich recht schnell um die Diskussion rund um die Bundeslade dreht. Löblich natürlich, dass die Autorin ein ganz anderes Genre erobern möchte, doch leider geht hier viel schief und sie orientiert sich in vielen Dingen zu sehr an Dan Brown…
Zunächst lernen wir Birgit und Jef kennen, die schon in der ersten Nacht übereinander herfallen und anschließend das direkte Pendant zu Robert Langdon und Vittoria Vettra bzw. Sophie Neveu darstellen. Die beiden reisen von einem exotischen Ort zum nächsten und kommen dabei einem unglaublichen Geheimnis immer näher auf die Spur. Der Schreibstil der Autorin ist dabei ähnlich kurz angebunden wie bei Dan Brown, obwohl sie zugegebenermaßen mit ihrer Story keine solche Faszination entwickelt, wie Brown es bislang meist geschafft hat. Zu ausgeluscht fand ich auch die Geschichte rund um die Bundeslade, die in Indiana Jones zudem deutlich interessanter und vor allem unterhaltsamer dargestellt wird…
Aber auch im Folgenden bedient sich van der Vlugt weiterer Brownscher Elemente, so präsentiert sie uns zum Ende natürlich den Bösewicht, der das Geheimnis um die Bundeslade wie seinen Augapfel hütet, doch leider identifiziert man ihn sehr schnell, da man ja bereits weiß, dass in einem solchen Buch der beste Freund am Ende zum Feind und zum Strippenzieher hinter all dem Schrecken wird. So bleibt natürlich das Überraschungsmoment völlig aus und weicht eher einem Gähnen ganz nach dem Motto „hab ich es doch geahnt“.
Und natürlich verstrickt die Autorin sich ganz wie ihr männliches Vorbild in abstrusesten physikalischen Verstrickungen und Theorien. So handelt es sich bei der Bundeslade um die schrecklichste Waffe schlechthin, denn die Kiste ist mit einem Pulver gefüllt, das High-Spin-Zustände erzeugen kann. Diese High-Spin-Kerne sorgen dafür, dass sich alle Elektronen mit Höchstgeschwindigkeit synchron bewegen und zu einem Pulver zerfallen, das supraleitende Eigenschaften hat. Dieser Supraleiter kann dann Energie über weite Strecken übertragen und zwar ohne einen elektrischen Leiter. Verbindet man nun zwei Supraleiter, entsteht ein Magnetfeld. Hier will van der Vlugt nicht weiter vertiefen, sondern wirft nur Begriffe wie Quantenkohärenz und das Meißner-Feld in den Raum, in letzterem kann man unbegrenzt Energie speichern. Aktiviert wird der Supraleiter mittels Magnetfeld, in dem dann Energie wie in einem Perpetuum mobile in fortwährender Bewegung begriffen ist. Aufgrund dieser erstaunlichen Eigenschaften ist nun also unendlich viel Energie in der Bundeslade gespeichert, die eine unvorstellbar große Spannung aufbaut, die sich in dem Moment entlädt, wenn sich jemand der Bundeslade zu sehr nähert. Und daher handelt es sich bei der Bundeslade um die tödlichste aller Waffen. So weit, so „interessant“. Leider vergisst die Autorin in ihrer Danksagung zu erwähnen, von welchem Berater sie diese spannende Theorie mitgeteilt bekommen hat…
Inhaltlich greift Simone van der Vlugt meiner Meinung nach folglich total daneben. Sie kupfert nicht nur handwerklich schlecht vieles schon Dagewesene ab, sondern übertreibt es mit ihren Theorien dann leider, wie Dan Brown es vor ihr mit seinen Superakkus und der Antimaterie ebenfalls getan hat.
_Klischees!_
Auch figurentechnisch begnügt Simone van der Vlugt sich mit lieblosen Schablonen. Sie bringt ein junges, gutaussehendes Pärchen aufs Tapet, das dann todesmutig durch die halbe Weltgeschichte reist, immer dicht verfolgt von einem bewaffneten Killer. Beide Hauptfiguren haben für mich im Laufe der Geschichte keinerlei Format erhalten. Natürlich sind beide mit einer wahrlich tragischen Biografie ausgestattet, so ist Birgit nur gezeugt worden, um ihre Leukämie-kranke Schwester zu retten. Ihre ganze Kindheit war Birgit daher nur Spenderin für ihre Schwester, hat ihr Knochenmark und am Ende auch eine Niere gespendet, aber auch Jef steht mit seiner verkorksten Familiengeschichte dem Ganzen in kaum etwas nach. Derlei tragische Geschichten drücken mir wiederum zu sehr auf die Tränendrüse und wirken meiner Meinung nach auch völlig überzogen, sodass ich mich in keiner Situation mit Birgit identifizieren konnte. Hinzu kommt, dass man von vornherein ja weiß, dass diesen beiden blassen Charakteren ohnehin nichts passieren wird und daher auch kaum Spannung aufgebaut wird.
_Netter Versuch, allerdings völlig gescheitert_
Wie gesagt, ich rechne es Simone van der Vlugt hoch an, dass sie mal etwas ganz Neues versucht hat, nachdem ihr zweiter Thriller dem ersten doch zu sehr ähnelte und sie in diesem Genre offensichtlich keinerlei neue Ideen mehr zu Papier gebracht hätte. Was sie uns hier präsentiert, grenzt allerdings schon fast an eine Unverschämtheit. Die Grundstory ist dermaßen ausgelutscht, dass sie einen kaum packen kann, sondern nur noch zum Gähnen animiert und wenn van der Vlugt uns dann am Ende ihre kuriosen Theorien auftischt, ist man kurz davor, das Buch an die Seite zu legen. Im übrigen wirkt das ganze Buch ziemlich ideenlos, da die Parallelen zu anderen Schriftstellern und Büchern so offensichtlich sind, dass der Wiedererkennungsfaktor viel zu hoch ist. Bei „Finsternis“ ist der Name wirklich Programm, finster ist dieses Buch wie es finsterer kaum sein kann …
Ein Privatdetektiv gerät zwischen die Fronten eines örtlichen Gangsterkriegs. Beide Parteien halten ihn für einen Handlanger des Gegners und schicken ihm ihre Revolvermänner auf den Hals, während er nicht nur sich selbst, sondern gleich zwei junge Frauen retten muss … – „Hard-boiled“-Krimi aus einer lang laufenden Serie, die praktisch sämtliche Klischees vom eisenharten Schnüffler und Frauenhelden bedient und heute eher vergnüglich als spannend wirkt, wenngleich der Autor seinen Job versteht und gutes Handwerk abliefert. Richard S. Prather – Blaue Bohnen zum Frühstück weiterlesen →
Ein Jahr mussten die Leser warten, um endlich zu erfahren, wie das große Finale von Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“ aussieht. Nun liegt mit „Vergebung“ der heiß ersehnte letzte Band der Reihe vor. „Verdammnis“, der Vorgängerband, endete derart abrupt mitten in der Handlung, dass man als Leser schon etwas unbefriedigt und ungeduldig wartend zurückblieb. „Vergebung“ knüpft unmittelbar an die Geschehnisse in „Verdammnis“ an.
Lisbeth Salander wird mit einer Kugel im Kopf in die Notaufnahme eines Göteborger Krankenhauses gebracht. Sie hat die Auseinandersetzung mit Alexander Zalatschenko, dem kriminellen russischen Ex-Spion, nur knapp überlebt. Und kaum ist sie aus dem Gröbsten raus und so langsam auf dem Wege der Besserung, da soll ihr auch schon der Prozess gemacht werden. Auch wenn sich die Mordanschuldigungen nicht erhärtet haben, so wird Lisbeth doch noch eine ganze Reihe von Taten zur Last gelegt, für die sie sich vor Gericht verantworten soll.
Der schwedische Geheimdienst setzt derweil alles daran, die Ermittlungen so zu beeinflussen, dass der Prozess nach ihren Wünschen enden wird. Lisbeth soll mundtot gemacht werden und für möglichst lange Zeit in der Psychiatrie verschwinden. Doch Lisbeth hat noch einen starken Verbündeten: Mikael Blomkvist. Mikael sammelt fleißig Beweise für Lisbeths Unschuld und versucht das Komplott gegen sie möglichst lückenlos aufzudecken. Doch das ist kein leichtes Unterfangen. Von höchster Stelle werden Mikael Steine in den Weg gelegt. Doch Mikael setzt alles daran, die Sache restlos aufzuklären …
Nachdem Stieg Larsson schon mit den beiden Vorgängerbänden „Verblendung“ und „Verdammnis“ zwei äußerst spannende Romane abgeliefert hat, sind die Erwartungen an das Finale logischerweise groß. Nachdem er am Ende des zweiten Teils ein wenig über das Ziel hinaus geschossen ist und Lisbeth im Licht der Ereignisse plötzlich wie ein mutierter Superheld erschien, wird die Handlung mit Beginn des dritten Teils wieder etwas bodenständiger.
Für Spannung ist dennoch von Beginn an reichlich gesorgt. Zunächst einmal müssen die Ärzte Lisbeths Leben retten, und kaum, dass es ihr dann etwas besser geht, muss sie auch schon anfangen, um ihre Sicherheit zu fürchten. Währenddessen sammelt Mikael Material, um die letzten Lücken in seiner Story abzudichten. Auch hier ist für Spannung stets gesorgt, denn die Gegenspieler vom Geheimdienst sind über die zu erwartende Bedrohung im Bilde und man erwartet jederzeit Aktionen, die eine Veröffentlichung des Materials vereiteln sollen.
Man weiß inzwischen, dass die Bösewichte skrupellos genug sind, um sich und ihre Machenschaften auch mit drastischen und endgültigen Maßnahmen zu schützen, und so hält Larsson den Spannungsbogen über Hunderte von Seiten auf konstant hohem Niveau. Selbst wenn er einen Nebenplot eröffnet, bleibt die Geschichte temporeich und durchgängig fesselnd. Der hauptsächliche Nebenplot dreht sich um die „Millennium“-Chefredakteurin Erika Berger, die ihren neuen Posten bei einer großen Tageszeitung antritt.
Larsson baut immer wieder Sprünge ein, so dass man ständig auf dem Laufenden darüber ist, was in anderen Erzählsträngen passiert. Auf diese Weise hält er den Leser dicht am Geschehen und lässt „Vergebung“ damit zu einem echten „Page-Turner“ werden. Man kommt einfach nicht los von dem Buch, und ich muss sagen, dass ich schon lange nicht mehr so schnell durch knapp 850 Seiten gekommen bin, wie bei diesem Buch. Man kann einfach nicht die Finger davon lassen, und die Versuchung ist groß, alles andere um sich herum umgehend zu vergessen.
Der konsequent aufstrebende Spannungsbogen ist damit schon mal die wichtigste Qualität von „Vergebung“. Eine weitere liegt, wie schon in den Vorgängerbänden, in der Figurenskizzierung. Lisbeth Salander hat vor allem mit „Verdammnis“ an Profil gewonnen, und obwohl sie dabei am Ende wie ein mutierter Superheld wirkt, bleibt sie als Figur interessant. Sie ist eine äußerst ambivalente Figur – unglaublich scharfsinnig und klug, wenngleich sie in Sachen soziale Kompetenz so ihre Defizite hat. Sie hat etwas eigenwillige moralische Ansichten, aber ist im Grunde ein ehrlicher Mensch. Es ist gerade auch die Figur der Lisbeth Salander, die den Reiz der Geschichte ausmacht. In „Vergebung“ zu sehen, welche Maßnahmen sie ergreift, um sich selbst den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, trägt sehr zum Lesegenuss bei.
Die gesamte Spannung der Buches läuft im Grunde auf einen Punkt hinaus: den Prozess gegen Lisbeth. Als der dann vorbei ist, fällt damit die Spannung logischerweise erst einmal ab. Aber dennoch setzt Larsson noch einen weiteren Finalpunkt, der auf den letzten Metern erneut an der Spannungsschraube dreht.
Und so kann man das Buch am Ende im Grunde sehr zufrieden zuschlagen und den Puls langsam wieder runterfahren. „Vergebung“ ist das durch und durch spannende Finalspektakel der „Millennium-Trilogie“. So wirklich nennenswerte Kritikpunkte mögen mir da nicht einfallen, außer vielleicht, dass ich an den Tagen, an denen ich mit dem Buch beschäftigt war, etwas wenig geschlafen habe.
„Vergebung“ ist ein stimmiger und sehr lesenswerter Schlussakkord einer größtenteils wirklich gut durchkomponierten Trilogie, die gerade auch durch ihre ausgefeilte Figurenzeichnung überzeugt. Wer es spannend mag, für den führt vor allem nach diesem fulminanten Finale eigentlich kein Weg daran vorbei, alle drei Bände der Reihe zu lesen. Sie bauen ohnehin aufeinander auf, so dass von einem Quereinstieg dringend abzuraten ist.
Stieg Larsson (* 15. August 1954 als Karl Stig-Erland Larsson in Umeå, Schweden; † 9. November 2004 in Stockholm) war ein schwedischer Journalist, Schriftsteller und Herausgeber des antifaschistischen Magazins „EXPO“. Er galt weltweit als einer der führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus. Noch vor seinem Tod konnte er drei Kriminalromane fertigstellen, die jedoch erst posthum veröffentlicht wurden. Stieg Larsson starb 2004 an den Folgen eines Herzinfarktes. 2006 erhielt er posthum den skandinavischen Krimipreis |Glasnyckeln| für „Verblendung“, welches ein Jahr zuvor bereits vom schwedischen Buchhandel zum besten Buch des Jahres gewählt worden war.
Im März 2008 sollen die Dreharbeiten für die Verfilmungen der Millennium-Trilogie beginnen. Für den ersten Teil „Verblendung“ sind ein Kinofilm (Premiere wahrscheinlich 2009) und zwei je 90 Minuten lange Teile für das Fernsehen geplant. Die Bände „Verdammnis“ und „Vergebung“ werden nur fürs Fernsehen verfilmt. In den Hauptrollen werden Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist und Noomi Rapace-Norén als Lisbeth Salander zu sehen sein.
Stieg Larssons Millennium-Trilogie:
„Verblendung“ (Män Som Hatar Kvinnor, 2005; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2006)
„Verdammnis“ (Flickan som lekte med elden, 2006; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2007)
„Vergebung“ (Luftslottet som sprängdes, 2007; dt. von Wibke Kuhn; Heyne 2008)
In Camp Bucca wird Adil al-Moteiri qualvoll gefoltert. Doch er übersteht die Erniedrigungen und Qualen schwer verletzt. Anschließend ist er allerdings nicht nur körperlich gekennzeichnet, sondern er will dieses Unrecht wieder gutmachen …
Eeva Hallamaa, ehemals drogenabhängig, hat dagegen einigermaßen ins Leben zurückgefunden. Nach dem Sorgerechtsstreit um ihre Tochter Kirsi und der gescheiterten Beziehung zu Adil al-Moteiri ist sie glücklich in ihrer Partnerschaft mit Mikko, der allerdings nur unter der Bedingung mit ihr zusammen ist, dass Eeva keine Drogen mehr nimmt. Als sie eines Tages im Dezember in ihre Wohnung zurückkehrt, stimmt etwas nicht, sie spürt sofort, dass etwas anders ist. Und richtig: Ein Mann, der sich als „der Türke“ vorstellt, bedroht sie und setzt vor ihren Augen einem bekannten Drogendealer den goldenen Schuss. Der Türke trägt Eeva auf, der Polizei eine Botschaft zu übermitteln, und zwar soll sie ihnen sagen, dass Wassili Arbamov den europäischen Drogenmarkt erobern möchte. Noch ahnt Eeva allerdings nicht, dass ihr Alptraum erst begonnen hat.
Sie flüchtet sich zu Arto Ratamo, den sie in der Vergangenheit kennen und schätzen gelernt hat, weil Kirsi mit Ratamos Tochter Nelli gut befreundet ist. Arto Ratamo glaubt Eevas Schilderung, doch als sich in ihrer Wohnung außer Spuren von Amphetamin nichts findet, beginnt auch Ratamo, skeptisch zu werden. Der tote Drogendealer wird später gefunden – mit Spuren aus Eevas Wohnung direkt an der Leiche, und erschossen wurde er mit der Waffe von Eevas Vater. Eeva rutscht ungewollt in eine schier ausweglose Situation. Bald wird sie wieder vom Türken bedroht, der weitere Pläne mit ihr hat. Doch noch weiß sie nicht, dass hinter allem ihr Exfreund al-Moteiri steckt, der einen wahrlich teuflischen Plan ausgeheckt hat, bei dem Eeva eine entscheidende Rolle spielen soll …
_Rasant_
Der finnische Erfolgsautor Taavi Soininvaara spinnt erneut seine spannende Reihe um Arto Ratamo weiter. Ratamo, der früher als Wissenschaftler gearbeitet hat, ist nun schon seit geraumer Zeit bei der SUPO, der finnischen Sicherheitspolizei. Seine ehemalige Liebe Riitta Kuurma kehrt nach ihrem Dienst bei Europol in die finnische Hauptstadt zurück, und Ratamo merkt, dass Riitta die Trennung noch nicht vollkommen verkraftet hat. Arto Ratamo jedoch steckt bereits in einer neuen Beziehung, in der er zwar glücklich ist, doch Ilona möchte gerne eine Familie gründen und mit Ratamo zusammenziehen; das allerdings ist Ratamo zu viel der Nähe, sodass er ins Zweifeln gerät, ob diese Beziehung wirklich das Richtige ist oder ob er womöglich einfach beziehungsunfähig ist. Gleichzeitig hadert er mit seiner Freundschaft zu Eeva Hallamaa, die schwer belastet wird durch all die Indizien, die gegen sie sprechen und auch Ratamo an ihrer Glaubwürdigkeit zweifeln lassen.
Schon im Prolog nimmt die Geschichte Fahrt auf, denn wir lernen Adil al-Moteiri kennen, der schwerste Folterungen zu erdulden hat, diesen aber standhält und neue Pläne schmiedet, wir erfahren, dass er nun einen Weg einschlagen will, von dem es kein Zurück mehr gibt. Doch was genau al-Moteiri plant und welche Rolle Eeva Hallamaa, seine Exfreundin, dabei spielt, das bleibt sehr lange Zeit im Dunkeln. Nur häppchenweise erfahren wir von Taavi Soininvaara, welche Figuren in den Plan verwickelt und welche teuflischen Anschläge auf die Menschheit geplant sind.
Erst kurz vor Ende erfahren wir dann aber, was genau das oberste Ziel al-Moteiris ist, und sind genauso schockiert wie die Polizisten, die kurz vor knapp ebenfalls herausbekommen, was al-Moteiri vorhat. Der Spannungsbogen setzt von Beginn an ein, steigert sich dann immer mehr, um schließlich im großen Finale seinen Höhepunkt zu erreichen. Soininvaara schafft es daher wieder einmal, seine Leser völlig zu fesseln und in seine Geschichte eintauchen zu lassen. So musste ich das Buch auch in wenigen Tagen verschlingen, um endlich zu erfahren, was al-Moteiris Plan ist.
_Gut gegen Böse_
Insbesondere Eevas Rolle in al-Moteiris Plänen verleiht der Geschichte ihren besonderen Reiz. Wir wissen, dass Adil al-Moteiri Eeva immer noch liebt, gleichzeitig bringt er sie aber in eine ausweglose Lage; er lässt Reste von Amphetaminen in ihrer Wohnung verteilen, obwohl er weiß, dass Eeva dadurch höchstwahrscheinlich ihren Job an der Uni sowie das Sorgerecht für ihre Tochter verliert. Er hetzt den Türken auf Eeva und versetzt sie dadurch in Angst und Schrecken, er legt falsche Fährten, die Eeva stets als Schuldige dastehen lassen, und versteckt schlussendlich kiloweise Drogen in Eevas Wohnung und im Atelier ihres Lebensgefährten. Wieso al-Moteiri das seiner Geliebten antut, bleibt lange im Dunkeln. Eeva Hallamaa wird dadurch zur Sympathieträgerin, da der Leser ja weiß, dass sie unschuldig und ohne ihr Zutun in diese Situation geraten ist. Wieso Eeva der Schlüssel zum Gelingen von al-Moteiris Plan ist, fand ich zwar arg unlogisch, doch über diesen kleinen Schönheitsfehler mag man hinwegsehen.
Der zweite Sympathieträger ist wieder einmal Arto Ratamo, der vom Unglück verfolgt zu sein scheint. Seine Beziehungen scheitern der Reihe nach, seine Tochter Nelli war wochenlang krank, sodass Ratamo sich große Sorgen um sie macht und den Ergebnissen ihrer Blutuntersuchung ängstlich entgegenblickt, und dann macht er sich auch noch wiederholter Dienstvergehen schuldig, um seine Freundin Eeva Hallamaa zu decken. Ratamo hat wirklich das Potenzial, einen Wallander abzulösen, zumal in der Tat einige Parallelen zu entdecken sind. Und mir scheint, ein Krimi- oder Thrillerheld muss einfach eine tragische Figur sein, die nie zum Happy-End gelangen wird. Und da passt Arto Ratamo hervorragend ins Profil, obwohl er am Ende natürlich stets als mehr oder weniger gefeierter Held dasteht. Mit Ratamo hat Taavi Soininvaara eine Figur geschaffen, die durchaus eine längere Thrillerreihe trägt, weil sie Ecken und Kanten besitzt, stets glaubwürdig bleibt und uns so nahe gebracht wird, dass wir immer mitfiebern und mitleiden. Das ist mal wieder ganz großes Kino.
Neben den Sympathieträgern baut Soininvaara auch die unliebsamen Gestalten zum Teil weiter aus und stellt Ratamo bei der SUPO zwei ungeliebte Gegenparts gegenüber, mit denen Ratamo immer wieder in Clinch geraten kann und die nach und nach immer sympathischer werden – herrlich!
_Wenn Frisuren zu Hauptdarstellern werden_
Auch sprachlich überzeugt Taavi Soininvaara. Obwohl seine Bücher ausgesprochen spannend geschrieben sind, nimmt Soininvaara sich dennoch ab und an die Zeit, um seine Situationen durch nette Metaphern oder Ironie aufzulockern. Insbesondere in der Figurenbeschreibung macht sich das bemerkbar, ein Beispiel:
|“Sie machte einen ganz ruhigen Eindruck und klopfte mehrmals leicht auf ihre massive Frisur, die heute gewissermaßen haargenauso aussah wie ein Hexenbesen am Ast einer Birke.“|
Doch die misslungene Frisur von Arto Ratamos Chefin ist Hauptdarstellerin in einer weiteren Situation:
|“[…] und Arto Ratamo beobachtete interessiert, wie sich ihre massive Haartracht in der Waagerechten verhalten würde. Die Stützkonstruktion hielt, stelle er enttäuscht fest, das imposante tütenförmige Gebilde wackelte kaum, während die Chefin der SUPO vorsichtig Kaffee schlürfte.“|
So gerät das vorliegende Buch nicht nur zu einem spannenden Pageturner, sondern auch noch zu einem vergnüglichen Leseerlebnis, denn Soininvaara trifft stets den schmalen Grat zwischen locker-flockiger Figurenzeichnung und den spannenden Passagen, die natürlich von derlei Schnickschnack verschont bleiben.
_Ein teuflischer Plan_
Auch die Hauptstory überzeugt über weite Teile. Taavi Soininvaara greift verschiedene Probleme auf; so thematisiert er unter anderem den europäischen Drogenhandel. Er beschreibt, auf welchen Wegen die Drogen nach Europa geschmuggelt und dort weiterverbreitet werden, um immer mehr Menschen drgenabhängig zu machen – und das offensichtlich sehr erfolgreich, denn die Strippenzieher schwimmen im Geld, sodass Arbamov eine Erpressung um 25 Millionen Euro eigentlich ganz gut verkraften kann.
Die Drogen sind aber nur ein Schauplatz, denn auch der Konflikt zwischen den islamischen Staaten und den westlichen Mächten ist ein weiterer Themenschwerpunkt. Adil al-Moteiri kämpft als Vertreter des Islams für das Recht seines Volkes, außerdem möchte er vergelten, was seiner Familie widerfahren ist. Dabei bewegt er andere Menschen wie Bauern auf einem Schachbrett und opfert das Leben seiner Mitmenschen, ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Nach und nach wird einem immer klarer, dass al-Moteiri vor nichts zurückschreckt, was am Ende die islamischen Staaten allerdings auch wieder als die einzig Bösen hinstellt. Taavi Soininvaara baut jedoch ein Feindbild auf, das durchaus glaubwürdig ist; er macht sehr deutlich, welch schreckliches Elend einzelne Terroristen erzeugen können, wenn sie zu viel Macht und Geld erlangen …
_Darf ich bitten?!_
Unter dem Strich ist Taavi Soininvaara erneut ein erstklassiger Thriller gelungen, der von der ersten Seite an fesselt und mit überzeugenden und authentischen Charakteren aufwarten kann. Nicht nur sprachlich, sondern auch thematisch unterhält Soininvaara seine Leser gut, auch wenn seine Geschichte an manchen Stellen ein wenig hakt (mir erschien Eevas Rolle und Mithilfe dann doch etwas zu konstruiert). Vielleicht nicht allerbeste Sahne, aber insgesamt dennoch verdammt lesenswert!
Eigentlich wollte Kripochef Andreas Gerlach zwei Sommerwochen mit seinen beiden Töchtern in Portugal verbringen, um dort seine Eltern zu besuchen. Doch ein Wasserrohrbruch im Haus seiner Eltern macht dem geplanten Urlaub einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen leidet die Familie Gerlach unter dem erneuten Jahrhundertsommer in Heidelberg. Während Andreas Gerlach versucht, sich trotz tropischer Temperaturen zu sportlichen Aktivitäten aufzuraffen, und seine Töchter sich derweil um ein Pferd kümmern, liest Gerlach in der Zeitung von einer verunglückten Motorradfahrerin, die mit schweren Verletzungen auf dem Weg zum Heidelberger Aussichtsberg, dem Königstuhl, gefunden wurde. Dass es sich bei der Verunglückten gar nicht um eine Motorradfahrerin handelt, erfährt Gerlach erst nach seinem Urlaub.
Die schwer verletzte Frau liegt im Krankenhaus, spricht jedoch kein Wort. Ihre Identität bleibt daher genauso im Dunkeln wie ihre Herkunft und die Frage, wie sie schwer verletzt im Graben neben der Straße landen konnte.
Kurz darauf entdeckt ein Ehepaar auf seinem Grundstück in Heidelberg die stark verweste Leiche eines Farbigen. In dessen Hosentasche findet sich das erste wichtige Beweisstück, nämlich ein Streichholzbriefchen aus einer Kneipe, in der die Kneipenwirtin sich tatsächlich an den Farbigen erinnern kann. Ihre Mithilfe ist es schließlich, die die Polizei auf die erste heiße Spur bringt. Dank der Kneipenwirtin kann die Polizei die Wohngemeinschaft ausfindig machen, in welcher der Schwarze vor seinem Tod gewohnt hat. So ist zumindest dieser Tote identifiziert, und die Spur führt die Polizei nach Angola, das Heimatland des Toten.
Derweil schwebt die verunglückte Unbekannte in Lebensgefahr, denn mehrfach schleicht sich ein Typ im Anzug an ihr Krankenbett, kann jedoch glücklicherweise immer rechtzeitig aufgescheucht und vertrieben werden. Doch wer ist der Anzugtyp, der offensichtlich das zu Ende bringen möchte, was er am Königstuhl begonnen hat? Als eine Faser, die bei der Toten gefunden wurde, als Haar einer Perücke identifiziert werden kann, ist die Polizei endlich in der Lage, ein besseres Foto der Unbekannten zu veröffentlichen, und tatsächlich bringt dies den Durchbruch und ihre Identifikation. Auch sie stammt aus Angola – was hat die Unbekannte mit dem Toten zu tun und wer trachtet ihr weiterhin nach dem Leben?
Wolfgang Burger hat das Verbrechen ins beschauliche und weltberühmte Heidelberg gebracht. Die wunderschöne Stadt am Neckar ist Schauplatz seiner Krimireihe rund um Alexander Gerlach, der nach dem Tod seiner Frau zusammen mit seinen zwei Töchtern im Nordbadischen wohnt und bei der Polizei arbeitet. Dieses Mal hat er wieder einen sehr vertrackten Fall zu lösen, denn zwei vermeintlich unzusammenhängende Kriminalfälle kann er langsam aber sicher miteinander in Verbindung bringen.
Wie gewohnt tappt die Polizei zunächst lange im Dunkeln, wodurch Burger einiges an Spannung aufbaut, zumal die Unbekannte im Krankenhaus weiterhin bedroht wird. Welches Geheimnis verbirgt sie, das der Mann im Anzug gerne auslöschen möchte? Es ist eine mühsame Schnitzeljagd, auf die Gerlach und seine Kollegen sich begeben müssen.
Umrahmt wird dieser Kriminalfall von Gerlachs Sorgen um seine beiden Töchter, die sich in den Ferien um ein Pferd kümmern und dabei ihre Liebe zu diesen Tieren entdecken. Die beiden umsorgen liebevoll jeden Tag ihr Pflegepferd und wollen nun all ihr Taschengeld sparen, um sich selbst ein eigenes Pferd anschaffen zu können. Und so löchern sie ihren Vater unentwegt und fragen ihn so lange nach Geld, bis er sich schließlich mit seinen beiden hartnäckigen Töchtern aufmacht in die Zweiburgenstadt Weinheim an der Bergstraße, um dort ein Pferd zu begucken, in das die beharrlichen Töchter sich auch sogleich verlieben. Das eigene Pferd ist dann schnell gekauft, obwohl es ein großes Loch in Gerlachs Brieftasche reißt, doch sieht er auch die positive Entwicklung seiner Töchter, die sich verantwortungsbewusst zeigen und dank des Pferdes auch einiges an Bewegung bekommen.
So entwickelt Wolfgang Burger ganz nebenbei seinen Hauptcharakter weiter und beschreibt Alexander Gerlachs Privatleben ausgesprochen detailreich. Leider ist das auch die einzige Geschichte, welche die Ermittlungen umrahmt, sodass Gerlach der einzige Polizist ist, der uns näher gebracht und der uns daher sympathisch wird. In Gerlachs Charakterzeichnung investiert Burger zwar viel, dennoch hätte ich mir gewünscht, dass er sich nicht alleine auf seinen Krimihelden beschränkt.
Im Mittelpunkt stehen allerdings weiterhin der Mord an dem Schwarzen und der Fall um die afrikanische Unbekannte. Mithilfe des Botschafters in Angola kommt die Polizei Schritt für Schritt weiter, denn der Botschafter erweist sich als ein echter Dr. Watson, der die Polizei mit wichtigen Informationen füttern kann. Mit seiner Hilfe erfährt die Polizei bald den Grund für die Einreise der Unbekannten. Ein schlimmes Schicksal hat sie in Angola ereilt, das sie nun in Deutschland rächen möchte, doch nun ist ein Killer ihr auf der Spur, wodurch die Jägerin zur Gejagten wird.
Nebenbei erfährt der Leser von einer mysteriösen Einbruchserie im Odenwald, bei der in Häuser eingebrochen wird, deren Bewohner zurzeit im Urlaub sind. Und obwohl die Bewohner an alles gedacht haben, ihren Briefkasten regelmäßig leeren lassen und dafür sorgen, dass immer wieder Licht im Hause angemacht wird, werden sie ausgeraubt. Diese Einbruchserie gibt der Polizei viele Rätsel auf, und Gerlachs gute Seele von Sekretärin ist es schließlich, die den Fall lösen kann. Leider hat dieser rein gar nichts mit dem eigentlichen Kriminalfall zu tun, was ich ausgesprochen schade fand, denn so ist die Einbruchserie nur schmückendes Beiwerk.
All die Ermittlungen spielen sich im schönen Nordbaden ab, das wieder einmal von einem Jahrhundertsommer heimgesucht wird. So kann sich Gerlach auch kaum zum Radfahren aufraffen, weil es einfach viel zu heiß ist, um sich sportlich zu betätigen. In diese sommerliche Idylle platzt die spannende Ermittlung, die Wolfgang Burger durch geschickt platzierte Hinweise immer am Laufen hält. Dadurch erhöht sich nach und nach die Spannung, die schließlich in einem Cliffhanger auf Seite 193 gipfelt, auf der Gerlach ankündigt, den entscheidenden Fehler begangen zu haben, der zu weiteren Todesfällen führen wird. Leider löst sich nicht wirklich auf, welcher entscheidende Fehler Gerlach unterlaufen ist; man kann sich zwar einiges zusammenreimen, aber mir ist nicht klar geworden, wie er die weiteren Taten hätte verhindern können.
Zum Showdown begibt Gerlach sich schließlich nach Sardinien, wo der Fall aufgeklärt und zum Abschluss gebracht wird. Für seine Schauplätze hat sich Burger wirklich schöne Orte ausgesucht, die den Fall gut umrahmen. Wir begleiten Gerlach gerne auf seinen Touren rund um Heidelberg, entlang der Bergstraße und schließlich bis nach Sardinien. Zu viel des Lokalkolorits ist es allerdings nicht; Burger verwendet lokalspezifische Informationen recht wohldosiert, sodass auch Ortsfremde sich gut zurechtfinden werden.
Auf den ersten Blick gefällt der vorliegende Kriminalroman recht gut, doch bei genauerer Betrachtung finden sich auch einige Punkte, die störend wirken. Zum ersten ist das die spärliche Charakterzeichnung, die sich auf Gerlach beschränkt. Zum zweiten ist es die überflüssige Einbruchserie, und zum dritten sind es viele Zufälle, die schließlich zur Lösung des Falles führen. So kann sich die Kneipenwirtin nicht nur fünf Wochen nach dem Kneipenbesuch des Schwarzen an ihn erinnern, auch der beherzte Einsatz des Botschafters in Angola, ohne den die Heidelberger Polizei ganz schön alt ausgesehen hätte, ist schon durchaus beachtlich. Und schlussendlich ist es die privat aufgestellte Radarfalle eines Fanatikers, die zur Identifikation des Mörders führt. Hier kommen zu viele unwahrscheinliche Ereignisse zusammen, worunter die Spannung ein wenig leidet. Auch die Vorgeschichte in Angola wirkt ein wenig aufgesetzt, obwohl sie ein durchaus heikles Thema aufgreift, das den Leser nachdenklich stimmt.
So bleibt unter dem Strich ein positiver Eindruck zurück, der durch einige Kleinigkeiten zwar getrübt wird, dennoch würde ich immer wieder zu einem Heidelbergkrimi aus der Feder Wolfgang Burgers greifen.
Die City Shinjuku gilt als das Herz Tokios. Shinjuku ist auch das kommerzielle Zentrum der Stadt. Das größte Vergnügungsviertel und ein gewaltiger Rotlichtbezirk finden sich hier. Das lockt neben Geschäftsleuten und Touristen aus aller Welt das organisierte Verbrechen magisch an. Viele große und noch mehr kleinere Yakuza-Banden haben Shinjuku unter sich aufgeteilt, schöpfen Schutzgelder ab, waschen Schwarzgeld und führen eigene Restaurants, Bordelle und Spielhöllen.
Dies ist das Revier, in dem Oberkommissar Samejima von der Eingreiftruppe der Direktion Shinjuku sich heimisch fühlt. Der unbestechliche Polizist wurde karrieremäßig aufs Abstellgleis geschoben, nachdem er mehrfach gegen den internen Ehrenkodex verstoßen und gegen korrupte Kameraden ermittelt hat. Statt sich in sein Schicksal zu fügen, setzt Samejima seinen Kampf gegen das Verbrechen entschlossen fort. Man nennt ihn, der sich nicht um die angemaßten Privilegien der Yakuza schert, den „Hai von Shinjuku“. Arimasa Osawa – Der Hai von Shinjuku: Rache auf chinesisch weiterlesen →
Rob Palmer ist Juraprofessor und Anwalt. Anders als man es vielleicht erwartet, spielt sein erster Roman „Gejagt“ aber nicht in einem stickigen Gerichtssaal, sondern in einem ganz anderen Milieu.
Ben Tennant arbeitet für ein Zeugenschutzprogramm, wo er die Antragsteller auf Zeugenschutz auf Herz und Nieren auf ihre Eignung überprüft. Nebenbei besorgt er bedrohten Leuten aber auch privat eine neue Existenz, doch diese kleine Nebentätigkeit wird ihm eines Tages zum Verhängnis. Er organisiert der gerissenen Betrügerin Patrice Callan, deren Äußeres ihn nicht unbeeindruckt lässt, ein neues Leben. Wenig später steht die CIA bei ihm vor der Tür und verlangt, dass er den Aufenthaltsort von Patrice bekannt gibt. Man glaubt, dass ihr Leben in Gefahr ist, aber Ben stellt das in Frage. Die angeblichen Sonderermittler gehen in seinen Augen dafür zu brutal vor.
Nachdem er diesen Leuten entkommen ist, macht er sich selbst auf die Suche nach der schönen Betrügerin. Doch er ist nicht alleine. Als er sie gefunden hat, merkt er, dass man Patrice bereits auf die Schliche gekommen ist, und gemeinsam mit Patrices Tochter Cherry gelingt es ihnen zu fliehen. Doch sie haben mehr als nur einen Feind, wie sie schließlich feststellen, denn Patrice besitzt etwas von unschätzbarem Wert: Ein ehemaliger Lover hat ihr den Schlüssel für ein Bankschließfach vermacht, in dem sich etwas befindet, das für die einen einen monetären und für die anderen einen ideellen Wert hat – und es kann großen Schaden anrichten. Es versteht sich von selbst, dass die beiden, die sich immer näher kommen, den Schlüssel nicht herausrücken wollen, doch dann wird Cherry entführt und es scheint, dass sie keine andere Wahl mehr haben …
Rob Palmers Debütroman wirkt auf weiten Strecken sehr bemüht und kann trotz des Einfallsreichtums des Autors kaum Spannung aufbauen. Dazu fehlt es an einer fesselnden Atmosphäre. Außerdem sind die Verwicklungen, in welche die beiden Protagonisten geraten, an einigen Stellen zu unübersichtlich. Das Ende des Romans ist zwar nicht vorhersehbar, aber es fehlt eine geschickte Spannungskurve, die die Erwartungen des Lesers ankurbelt. Die wüste Hetzjagd auf Patrice und Ben wirkt zu sehr in die Länge gezogen und bietet wenig Abwechslung. Das ist schade, denn an und für sich hat man das Gefühl, dass der Autor sich bemüht hat.
Das zeigt sich vor allem an den Personen. Ben hat eine Gabe, die ihn für seine Arbeit beim Zeugenschutzprogramm geradezu prädestiniert. Er erkennt an Benehmen, Kleidung und Auftreten einer Person, was ihre Absichten sind und häufig auch noch Dinge, welche die Person lieber verbergen würde. Er besitzt eine starke Intuition, und Palmer gelingt es, diese Besonderheit authentisch herüberzubringen und sie im ganzen Buch immer wieder auftauchen zu lassen. Ansonsten wirkt der Protagonist etwas blass und alltäglich. Seine Vergangenheit wird nur selten thematisiert und seine Gedanken und Gefühle gehen innerhalb der Handlung ein wenig unter.
Die anderen Charaktere haben ein ähnliches Problem. Auch sie wirken schablonenhaft, nicht besonders gut ausgearbeitet. Das trägt zusätzlich dazu bei, dass die Spannung flach bleibt. Es passiert einfach zu selten etwas, das wirklich originell ist und hängenbleibt. Der Schreibstil kann über dieses Manko nicht hinweghelfen. Er ist darauf bedacht, möglichst detailliert zu berichten, und besitzt nur einen geringen Wiedererkennungswert. Palmer verfügt über einen guten Wortschatz und formuliert sauber und abwechslungsreich, doch er wirkt dabei streckenweise zu bemüht.
Rob Palmers Debütroman „Gejagt“ zeigt vielversprechende Ansätze. Die Handlung ist gut ausgedacht, doch leider ist die Umsetzung nicht besonders spannend. Die Charaktere wirken – trotz guter Ansätze – blass, genau wie der Schreibstil. Beides ist nicht unbedingt schlecht, aber definitiv noch ausbaufähig. „Gejagt“ ist ein durchschnittlicher Thriller, der sich kaum aus der Masse heraushebt.
Spionagethriller haben es so an sich, dass sie zumeist an diversen Orten in der ganzen Welt und vielleicht auch zu unterschiedlichen Zeiten spielen. „Spymaster“ von der Amerikanerin Gayle Lynds bildet da keine Ausnahme. In dem Buch spielt nicht nur der Kalte Krieg eine Rolle, sondern auch der moderne Terrorismus sowie eine Handvoll verschiedener Länder.
Charles Tice ist eine lebende Legende bei der CIA, fristet sein Leben aber momentan in einer Gefängniszelle. Der geschickte Spion hatte seine eigenen Auftraggeber verraten und ein gefährliches Doppelspiel gespielt. Doch eines Tages gelingt ihm die Flucht, und der CIA ist sehr daran gelegen, Tice wieder zu verhaften. Zu diesem Zweck soll Elaine Cunningham, eine neunundzwanzigjährige Jägerin, ihn aufspüren. Sie ist bekannt dafür, in ihrem Metier sehr gut zu sein, doch sie hat nicht mit der Schläue von Tice gerechnet. Ihm gelingt es, sämtliche Fallen zu umgehen, und schließlich nimmt er Elaine als Geisel und ‚zwingt‘ sie zur Zusammenarbeit. Für die junge Frau ist die Kollaboration die einzige Möglichkeit, denn mittlerweile hat sich ihr Auftraggeber gegen sie gestellt. Es scheint, als ob die CIA – oder jedenfalls Teile davon – ebenfalls Dreck am Stecken hat.
Elaine steckt in einem Gewissenskonflikt: Soll sie Tice helfen oder brav ihrem Chef gehorchen, obwohl sie bei beiden nicht sicher sein kann, was sie jeweils für ein Spiel spielen? Und wer sind die anderen Männer, die ebenfalls an Tice und später auch an ihr interessiert sind? Mit Tice auf dem Beifahrersitz begibt sie sich mit ihrem roten Jaguar auf eine Jagd durch Amerika, ohne zu ahnen, was für weite Kreise dieses Abenteuer noch ziehen wird …
Gayle Lynds‘ Thriller erinnert auf weiten Strecken stark an die Bücher und Filme um Jason Bourne: schnelle Schnitte, Action und eine blonde Frau, die sich ihrer Position nicht so sicher ist (in dem Filmen verkörpert von Julia Stiles). Das ist nicht unbedingt negativ, denn die häufigen Wechsel der Perspektiven sorgen für Abwechslung und fügen sich trotzdem zu einer flüssigen Gesamtgeschichte zusammen. Es kommt dabei immer wieder zu überraschenden Wendungen, und Tice und Cunningham gelingt es auf über 530 Seiten, aus jeder brenzligen Situation zu entkommen. Nicht selten schrammt Lynds dabei nur haarscharf am Verlust ihrer Glaubwürdigkeit vorbei. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie selbst haarsträubend wirkende Situationen recht gut meistert.
Doch solche Situationen sind nicht alles in einem spannenden Buch. Die Spannung geht bei „Spymaster“ nämlich ein wenig verloren, da die Handlung zu umfassend und zu wendungsreich ist. Manchmal verliert der Leser den Überblick, weil sich so viel, teils auch sehr Unterschiedliches ereignet. Wie die Fäden am Ende verknüpft werden, ist zwar überraschend, wirkt aber ein wenig konventionell, vielleicht sogar zu weit hergeholt. Islamistische Terrorgruppen sind eine Tatsache, wie man mittlerweile nicht mehr abstreiten kann, aber deswegen müssen sie noch lange nicht in jedem Thriller die Schuldigen sein. An dieser Stelle beweist Lynds keinen Mut, um etwas Neues zu schaffen, was dem Buch aber gutgetan hätte.
Ganz in der Tradition der Spionagethriller gehalten, wirkt die Geschichte recht kühl und bietet nur wenig Gefühl. Die Charaktere sind trotzdem gut ausgearbeitet und wirken authentisch, bieten aber kaum die Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren. Dafür wirken sie zu steril, teilweise auch zu intelligent und zu weit vom realen Leben entfernt. Möglicherweise lernen CIA-Beamte tatsächlich all diese Überlebenstricks, die Lynds in ihrem Buch beschreibt, aber für den ’normalen‘ Leser wirkt die Welt der Spione manchmal ein wenig zu durchkonstruiert. Es fällt schwer, sich in diese andere Welt der Geheimdienste entführen zu lassen.
Der Schreibstil ist, ähnlich wie der Grundton der Geschichte, kühl und sehr präzise. Alles wird detailliert und abwechslungsreich beschrieben, wobei immer wieder auffällt, dass Lynds gerne Produktmarken benutzt. Sowohl bei den Waffen als auch bei den einzelnen Autos weiß sie stets mit den technischen Eigenschaften aufzuwarten. Sie übertreibt es allerdings nicht, so dass auch ein Laie, der sich mit diesen Dingen nicht auskennt, die Geschichte ohne Stirnrunzeln lesen kann. Denn flüssig und homogen kann die Autorin schreiben. Trotz des Umfangs des Buches schwächelt sie nicht und greift auf einen großen Wortschatz und eine verständliche, durchaus gehobene Schreibweise zurück.
In der Summe ist „Spymaster“ von Gayle Lynds ein netter Spionagethriller, der die Grenzen seines Genres aber nicht sprengt. Alles ist gut erzählt und ausgearbeitet, überrascht aber nicht wirklich. Gerade die Tatsache, dass einmal mehr islamistische Terroristen im Vordergrund stehen, wird dem einen oder anderen Leser sicherlich sauer aufstoßen. Dieses Motiv ist mittlerweile einfach zu abgenutzt.
Im Jahre 1903 offenbart ein dem Tode geweihter Priester auf dem Sterbebett ein grausiges Geheimnis: Er weiß um die Identität des geheimnisumwitterten Frauenmörders Jack the Ripper.
Zur selben Zeit verfolgt der Künstler Walter Sickert zwei Männer von einem Schiff, welches gerade aus Burma eingelaufen ist. Sickert beobachtet, wie einer der Männer, augenscheinlich ein Priester, eine Tasche über eine Mauer wirft und vor dem zweiten Mann flieht. Sickert nimmt die Tasche an sich und findet darin zwei Bücher: eine Bibel und – das Tagebuch von Jack the Ripper …
_Meine Meinung:_
Newcomer Martin Clauß, Autor der Falkengrund-Geschichten von der |Romantruhe|, präsentiert mit diesem außergewöhnlichen Horror-Thriller eine weitere, originelle Interpretation des Ripper-Mythos. Dabei stützt er sich penibel auf die historischen Fakten, soweit diese bekannt sind. Daten, die Namen der Opfer und die Todesarten wurden detailgetreu in den Roman übernommen, und es ist wirklich erstaunlich, welche neuen Aspekte Clauß der Mordserie aus dem Jahre 1888 abgewinnen konnte.
Der religiöse Wahn, dem Clauß‘ Ripper unterliegt, wurde nicht nur hervorragend recherchiert, sondern auch schlüssig und authentisch in die Handlung integriert. Obwohl der dünne Band gerade mal 108 Seiten zählt, gelingt es dem Verfasser, eine düstere und unheimliche Atmosphäre aufzubauen, die sich von der ersten Zeile an bis zum Ende hin durch die Handlung zieht. Die Geschichte besitzt dadurch auch keinerlei Längen und ist spannend von Anfang bis zum Ende, unterhält dabei auf einem anspruchsvollen Niveau. Martin Clauß beweist mit „Der Atem des Rippers“, dass er zu den talentiertesten und vielversprechendsten neuen Phantastikautoren Deutschlands gehört.
_Zur Aufmachung:_
Satz und Lektorat sind für einen kleinen Verlag wie |Atlantis| wirklich hervorragend und brauchen sich nicht hinter den großen Verlagshäusern zu verstecken. Das Papier ist so hochwertig wie das Titelbild, ein surreales Zerrbild der inneren Zerrissenheit des Rippers. Lediglich am Format könnte noch gefeilt werden. Der Roman käme im Taschenbuch-Format viel besser zur Geltung. Als großformatiges Paperback erinnert er doch zu sehr an einen Heftroman – ein Eindruck, der dieser Story nicht gerecht wird.
_Fazit:_
„Der Atem des Rippers“ ist ein unheimlicher und atmosphärisch sehr dichter Historik-Thriller aus der Feder von Martin Clauß – eine der originellsten und am besten recherchierten Ripper-Storys der letzten Jahre.