Interview mit Norbert Sternmut zu seinem neuen Gedichtband „Schattensprung“

Buchwurm.org: Herr Sternmut, letztes Jahr ist Ihr neuer Gedichtband “Schattensprung” im Geest-Verlag veröffentlicht worden.
Was ist mit dem Titel “Schattensprung” gemeint?

Sternmut: Der Titel ist sowohl psychologisch als auch philosophisch zu deuten. Die Redewendung „über seinen eigenen Schatten springen“ ist weithin bekannt. In der Bedeutung im übertragenen Sinne beschreibt er einen Akt der Selbstüberwindung, um etwas zu tun, das einem im Grunde schwerfällt oder widerstrebt. Es bedeutet, etwas Mutiges zu tun, das man sich zuvor nicht zugetraut hat, bedeutet, eine tief verwurzelte Gewohnheit zu überwinden, durch eine Angst zu gehen und einen neuen Weg zu beschreiten. Da es im Grunde allerdings unmöglich ist, über seinen eigenen Schatten zu springen, fordert der Begriff die besondere Anstrengung oder die besondere Tat – im grundsätzlichen Wissen um die Absurdität dieser Anstrengung oder Tat, wie jeder Tat oder Anstrengung darüber hinaus.

Der Gedichtband ist in zwei Teile aufgeteilt, nämlich in “Nahaufnahme” und “Lichteinfall”. Das sind Begriffe aus der Fotografie, aus den optischen Medien, besonders “Nahaufnahme”. Spiegelt sich diese Grundthematik in den Texten wider?

Diese Begriffe hätten sicherlich auch gut in meinen Lyrikband „Photofinish“ von 1997 gepasst. Dort gab es ebenfalls eine „Momentaufnahme“ mit den Zeilen:

„Versorgt /mit der Grundsatzidylle, / sekundenreich entspannt, / ausdrücklich mit der Hand / am Auslöser“ oder „Sonnenblende“ mit den Zeilen: „Sonne ist wichtig, zählt/ im Herzen, überhaupt/ als Maßgabe / für den Planeten“ oder auch „Aktphoto“ mit den Zeilen: „Aufgenommen / während Uranus und Neptun…/ existiert das Auge, schaut / in eine Linse…/ vollbracht ist es / im Blitzlichtgewitter / wurde jeder einmal aufgenommen,/ geht / wie er geboren wurde.“/

Also blitzt das Thema der „Camera Obscura“, des „Abbildes“, oder der „Dunkelkammer“ auch hier immer mal wieder auf, allerdings stellt es sich hier nicht als die „Grundthematik“ in der Art und Weise wie in „Photofinish“ vor.

Norbert Sternmut

So lautet der Klappentext:

>>Sternmuts Gedichte springen in eine grundsätzliche Neuausrichtung tradierter Denkmuster, über Grenzen und Zäune hinweg, über Krieg und Gewalt und gegeneinander gerichteten menschlichen Wettbewerb hinaus. Sie stellen die bisherigen Gesellschaftsmodelle des Gegeneinanders in Frage und denken an eine menschliche Art des Miteinanders im Oberbegriff und Denkansatz einer „Solidarität der Kreaturen“. Sternmuts Gedichte sollen uns zur individuellen Einsicht der Notwendigkeit führen, uns in natürliche Abläufe einzufügen und sich nicht über sie zu erheben.<<

Was meint der Verleger des Geest-Verlags, wenn er Ihnen einen Denkansatz einer “Solidarität der Kreaturen” zuschreibt? Treten Sie nun für die Rechte von Tieren und Pflanzen ein?

Selbstverständlich, wenn auch nicht aus einem theologischen, sondern einem existenzphilosophischen Verständnis heraus. Ich plädiere für eine menschliche Art des Miteinanders, die alle fühlenden Kreaturen einschließt. Und ich plädiere nicht „nun“ dafür, sondern ich trete schon immer dafür ein, seit ich denken kann. Selbstverständlich sitzen wir alle „in einem Boot“, ob wir nun wollen oder nicht. Selbstverständlich werden wir uns und unserer Lage im Grunde nur dadurch gerecht, indem wir diesen Umstand erkennen und also danach leben und denken.

Dass inzwischen in den vorangetriebenen Modellen das bloße Gegeneinander als Grundlage umgesetzt wird, widerspricht meines Erachtens jeder Logik und Ethik. Und selbstverständlich trete ich für ein menschliches Miteinander ein, das alle anderen Wesen einschließt. Daher schließt mein Denken also auch die Wertschätzung von Tieren ein. Sie bewegen sich auf demselben philosophischen Grund und Boden wie alle Kreaturen.

Wir alle wachsen nicht über Raum und Zeit hinaus, ob wir dies nun wollen oder nicht. Und wie sagte einst Beckett: „rittlings über dem Grabe werden wir geboren.“ Und dieser Umstand müsste bei vollem Bewusstsein und reinem Verstand jeden zu einer „Solidarität der Kreaturen“, einer Haltung der gegenseitigen Fürsorge und des Wohlwollens anleiten.

Wie gewohnt, haben Sie wieder lange Texte geschrieben. Diese habe ich in Ihren frühen Publikationen als “Fuge”-Formen bezeichnet. Als auffällige Änderung haben Sie nun diese längeren Texte aufgeteilt. “Auszeit” besteht beispielsweise aus drei Teilen, ebenso “Textwuchs”. Was war Ihre Intention dabei?

Wie gewohnt komme ich in diesen Formen zu meiner eher metaphorischen, sprachpoetischen Schreibweise zurück, während es mir in den anderen Gedichten aus „Schattensprung“ wie auch schon im Vorgängerband „Abschied vom Feuer“ eher um eine inhaltliche Darstellung meiner Standpunkte zu aktuellen Themen ging, und dies in einer möglichst unmissverständlichen Sprache. Während in vielen meiner bisherigen Gedichtbände die zyklischen Langgedichte hauptsächlich am Ende der Bücher stehen, so ziehen sie sich mit „Textwuchs“
(Textwuchs 1-4 Seite 22-31/Textwuchs 5-8 Seite 49-57/ Textwuchs 9-12 Seite 68-73) sowie „Auszeit“ (Auszeit 1-4 Seite 85-92/ Auszeit 5-7 Seite 101-107/Auszeit 8-12 Seite 135-144) praktisch durch das gesamte Buch und bilden zudem den Abschluss des Buches. Im Grunde handelt es sich um zwei verschiedene Schreibweisen in einem Buch, die sich allerdings gegenseitig ergänzen und sich gewissermaßen ineinander verzahnen.

Das Titelbild des Gedichtbandes wird von einem Ihrer Gemälde bestritten (obwohl dies in den Credits nicht vermerkt wird) und zeigt eine Figur, die springt. Das passt zum Buchtitel. Ist Ihnen die Malerei inzwischen ebenso wichtig wie das Verfassen von Texten?

Es ist zumeist so, dass die Malerei hinter meiner Schriftstellerei anstehen und warten muss. Es war nie so, dass ich gleichzeitig sowohl geschrieben als auch gemalt habe. Immer wieder gab es Phasen der Malerei, die für eine gewisse Zeit das Verfassen von Texten ablösten, das aber immer an erster Stelle stand. Allerdings würde ich gerne öfter malen, zumal es eine vollständig andere Art der Kommunikation mit sich selbst oder mit anderen darstellt.

Wenn ich mich allerdings ins Malen vertiefe, so erfordert es meine ganze Aufmerksamkeit, mein ganzes Bewusstsein, meine gesamte Konzentration, wie es eben auch ist, wenn ich an einem neuen Buch arbeite. Also geht für mich hier nur das eine oder das andere. Zudem habe ich mich vor einiger Zeit auch an Skulpturen gewagt, wozu mir momentan ebenso der Raum wie die Zeit fehlt.


Planen Sie mal wieder einen Roman? Was könnte das Thema sein? Ist Ihr Romanzyklus über Traumata beendet?

Tatsächlich habe ich gerade einen Roman abgeschlossen, der momentan bei meinem Verleger liegt. Mehr möchte ich darüber allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Insgesamt plane ich auch weiterhin mit der Romanform, darüber hinaus würde ich auch gerne mal wieder ein Stück für die Theaterbühne schreiben.

(c) Das Interview führte Michael Matzer im Januar 2026.

Taschenbuch: 148 Seiten
ISBN-13: 9783690645317

Geest-Verlag