Michael Kubiak (Hrsg.) – Kontakte. Neue erotische SF-Geschichten

Von liebenden Klonen und erotischen Robotern

Bisher hatten Sex und Science Fiction nur eines gemeinsam – den Anfangsbuchstaben. Nach Lektüre der vorliegenden Sammlung mit Stories von bekannten SF-Autoren wie Wolfgang Hohlbein, Harlan Ellison und J.G. Ballard sowie vielen anderen soll der Leser nach dem Willen des Herausgebers Michael Kubiak feststellen, dass auch in der Zukunft noch etwas geben wird, das schöner ist als Fliegen: „Was heute [1985] gerne als „Thema Eins“ bezeichnet wird, nämlich Sex und Erotik, wurde von der Science Fiction lange geradezu puritanisch stiefmütterlich behandelt.

Wie freizügig und gekonnt moderne SF-Autoren sich mittlerweile auch auf diesem Terrain bewegen, beweist die vorliegende Sammlung neuer erotischer Science-Fiction-Kurzgeschichten von Harlan Ellison, Ulrich Harbecke, Wolfgang Hohlbein, Edward Bryant und Michael Moorcock.“

Mit dem Unterschied, dass a) Michael Moorcocks Beitrag in diesem Band gar nicht enthalten ist und b) dass Autorinnen keinen Zugang zu dieser Anthologie erhalten haben. Das finde ich ziemlich diskriminierend. Schon 1985 hatten Autorinnen zahlreiche Beweise vorgelegt, dass sie etwas von Sex und Erotik verstehen, so etwa Joanna Russ, Tanith Lee und Ursula K. Le Guin.

Der Herausgeber

Michael [Franz] Kubiak (* 7. April 1948 in Herne; † 2024 in Köln) war ein deutscher Verlagslektor, Redakteur und Übersetzer. Er arbeitete viele Jahren für den Bastei-Lübbe Verlag als Übersetzer und Herausgeber von Anthologien.

Die Erzählungen

1) H. W. Springer: Liebe deinen Roboter (1985)

In der nicht allzu fernen Zukunft gibt es in jedem Haushalt, der sie sich leisten kann, gefühlsbegabte Roboter. Im Haushalt von Herrn Schmidt, der gerade von der Hirschjagd zurückkehrt, hat sich dennoch ein tragischer Unfall ereignet: Frau Luise Schmidt ist vom Balkon gestürzt. Paul der Dritte berichtet, dass weisungsgemäß sämtliche ihrer Organe bereits verwertet worden seien. Der Verdienst beeindruckt Herrn Schmidt nicht gerade.

Er bestellt das Abendessen. Anstelle von Paula will Paul der Dritte das Essen zubereiten. Was er da auf den Tisch stellt, sättigt zwar den Magen, doch als sich er Gourmet in Herrn Schmidt meldet, brüllt er angeekelt auf: Das sind ja lauter Surrogatsubstanzen, vom Steak über die Kartoffeln bis zu den Algen. Paul der Dritte ist untröstlich. Kein Wunder, dass er schon der dritte Paul ist: Nummer 1 und 2 mussten dran glauben oder gingen zurück zur ROBOTAG.

Die Glotze zu schauen ist ebenfalls unerträglich: Eine Katastrophenmeldung jagt die nächste. Er will zu Bett. Doch dort fehlt ihm etwas, um richtig einzuschlafen. Und die Musik, die Paul veranstaltet – äußerst frivole Schnadahüpferl, würde ein Bayer sagen. Was der Hauptfigur wirklich fehlt, ist natürlich der Sex mit seiner Verflossenen. Erst als Herr Schmidt eine warme Hand um sein bestes Stück spürt, schläft er ein. Die Hand gehört Paul, dem sein Einfühlungsvermögen den richtigen Einfall eingab.

Mein Eindruck

Alles ist nur noch Ersatz und Surrogat in dieser Zukunft. Die Roboter, einst als Ersatz und Helfer gedacht und entwickelt (siehe Asimov), sind inzwischen menschlicher als ihre Herren. Das gibt der Ironie eine Chance, so dass der Mensch als Unsympath erscheint und der Roboter/Android als freundlicher, bemitleidenswerter Helfer. (Es wird angedeutet, dass Luise Schmidt sich der zwei Vorgänger von Paul dem Dritten zu erotischen zwecken bediente.) So erinnert die Geschichte auf fatale Weise an Georg Büchners Theaterstück „Woyzeck“: Das Verhältnis zwischen Herr und Diener ist klar definiert wie im 18. und frühen 19. Jahrhundert, aber die „Woyzeck“-Figur endet hier nicht tragisch, sondern erscheint hinterlistig. Mit guten Aussichten auf ein langes Robot-Leben. Was allerdings sehr relativ ist, wenn man das Schicksal von Paul I und Paul II bedenkt.

2) Wolfgang Hohlbein: Raubkopie (1985)

Helen weiß, dass sie tot war. Jetzt erwacht sie allerdings auf einem OP -Tisch unter einer grellen und unterm Skalpell eines Ärzteteams. Was ist nur passiert? Sie schläft ein und erwacht erneut, diesmal allerdings in einem Krankenhausbett. Ein Arzt, der sich Dr. Bremer nennt, sitzt an ihrem Bett und befragt sie. Sie hat auch Fragen. Er sagt, sie hatte einen schweren Unfall, der ihren Körper schwer beschädigt. Ach ja: Sie war vier Jahre tot.

27 Tage lang dauert es, bis Helen wieder gehen kann. Aber sie fragt sich, wo ihr Ehemann Jochen Gütscher bleibt. Ist er ebenfalls tot? Doch nein, sagt Dr. Bremer, Jochen lebe und sei in der Vereinigten Staaten mit einer Frau verheiratet und habe zwei Kinder. Kinder! Helen durchfährt ein schrecklicher Schmerz. Sie hatte keine Kinder mehr bekommen können, seit sie 17 Jahre alt war und einen Unfall erlitt.

Wenige Tage später macht sie sich aus dem Staub, hebt alles Geld von ihrem Sparkonto ab und fliegt nach Washington, D.C., wo sie Jochen besuchen will. Es regnet wie aus Kübeln, als das Taxi sie endlich vor der Adresse absetzt, die ihr Dr. Bremer gegeben hat. Auf dem Klingelschild steht „Joe Gutcher“. Das klingt wie Jochen Gütscher. Er lässt sie herein und gibt ihr trockene Sachen zum Umziehen. Doch sie merkt ihm an, dass er Angst vor ihr hat. Wo sind seine Frau, seine zwei Kinder, fragt sie sich.

Als das 14 Monate alte Monate Mädchen auftaucht, folgt alsbald dessen Mutter. Helen erstarrt: Mary trägt ihr eigenes, Helens, Gesicht. Da hat Jochen aber einiges zu erklären. Er behauptet, er habe Helen aus Liebe zu ihr geklont, doch sie weiß, dass das nicht wahr sein kann. Sie nennt ihn ein Monster. Denn Mary ist nicht nur eine viel bessere Mutter als Helen, sondern auch eine viel attraktivere Frau. Dieser Frau gelingt es, die einsame Helen zu verführen. Das geht so weit, dass sich Helen wie Mary anzieht, die gleiche Perücke benutzt und das gleiche Makeup aufträgt.

Als Jochen von der Arbeit als Computerspezialist (er hat ja Helen Gedächtnisinhalte auf Mary am Computer übertragen) zurückkehrt, findet er ein doppeltes Lottchen vor: Wer ist Mary, wer Helen? Eine von beiden wird Dr. Bremer holen, wenn er in Kürze kommt, aber welche?

Mein Eindruck

Eine wunderbar einfallsreiche, sinnliche und sehr lesbare Novelle, die der Bestsellerautor hier beigetragen hat. Noch in der letzten Zeile verleiht er der Story eine witzige Wendung.

Aber die Handlung deutet auf ein paar grundsätzlich auftretende Handicaps in der Produktion und Handhabung von Klonen hin. Erstens sehen sie einander sehr ähnlich, und das führt bei der Verarbeitung ihrer Identität zu etlichen Schwierigkeiten. Auch ihre Physiologie ist fast identisch. Es mag zwar charakterliche Unterschiede geben, doch wie Mary und Helen beweisen, lassen sich auch diese ausgleichen. Weil Mary und Helen sich ineinander verlieben, ist der Weg dafür gebahnt. SPOILER: Helen ist ebenfalls ein Klon.

Das einzige Detail hat mit der lästigen Realität zu tun: Klone sind unfähig, Nachkommen hervorzubringen. So hat es uns zumindest die Wissenschaft weiszumachen versucht. Würden wir dem auch nur eine Sekunde glauben, könnten wir nicht akzeptieren, dass Mary Kinder hat. Und weil Helen ebenfalls ein Klon ist, spricht in dieser Geschichte nichts dagegen, dass auch sie Kinder bekommt. Kinder, die sie sich von Herzen wünscht. Der Autor arbeitet die ethischen wie auch die emotionalen Herausforderungen, die das Cloning verursacht, exakt heraus, ohne sich oder dem Leser Scheuklappen anzulegen.

Wie die Story ausgeht, darf hier nicht verraten werden. Eine des Duos geht mit Dr. Bremer nach Deutschland zurück, aber welche? Und wer weiß, wie viele Klone Jochen wirklich angefertigt hat?

3) Kim Springer Tankus: Widersprüche (1985)

Eine junge Frau von 16 Jahren wird mithilfe verschiedener Methoden abgerichtet, um sexuellen Zwecken zu dienen. Sei es zur Prostitution oder für Pornos oder offiziell für ein „Sex-Experiment“. Am Schluss verfügt sie über drei verschiedene Brüste: eine kindliche, eine frauliche und eine alte. Sie spiegeln die mythischen drei Phasen eines Frauenlebens wider. Ein Vorhang fällt.

Mein Eindruck

Die Story ist durchweg unappetitlich, denn es geht um die Ausbeutung der Frau. Von satirischer Absicht ist wenig zu bemerken. Hinzukommt, dass mehrere Frauen mittleren Alters die Ausbildung und Ausbeutung der jungen Frau billigen, wenn nicht sogar fördern. Der einzige mildernde Umstand: Dies ist ein Theaterstück. Am Schluss fällt der Vorhang. Das „Theater als moralische Anstalt“, wie Schiller sich das wünschte? Dazu fehlt aber noch einiges, beispielsweise das Ziel der Kritik.

4) Ulrich Harbecke: Heimliche Begegnung der Zweiten Art (1985)

In der Versandabteilung der Eros Technologie GmbH schauen die Arbeiter Julius und Preben ab und zu mal aus dem Fenster ihrer Montagehalle, um einen Blick auf die Besucher in der Hauptverwaltung zu werfen. Die fette Frau eines afrikanischen Botschafters interessiert sie nicht, aber die blonde Rosi mit den großen Möpsen ist eine Schau. Beide fragen sich allerdings leicht erschüttert, wozu dieser Engel einen Liebesroboter braucht, noch dazu das dämonische neue Modell „Rasputin“. Rosis Verschleiß an Eros-Androiden ist beachtlich.

Spaßeshalber machen sie einen „Rasputin“ gerade versandfertig und aktivieren das Modell mithilfe des separaten Initiators. Wie ein Aufziehschlüssel ist dieses kleine elektronische Gerät nötig, um den Körper und sein Gehirn zu aktivieren. Preben stoppt Julius, doch der ist inzwischen auf eine nahezu geniale Idee gekommen: Er will sich zu Rosis Adresse anstelle „Rasputins“ schicken lassen und so tun, als wäre er ein Liebesroboter. Preben erklärt ihn für verrückt.

Wie auch immer, Julius lässt sich bei Rosi abliefern und verrichtet dort seinen Dienst. Doch Stunden später versagt sein schwaches Fleisch und er verabschiedet sich, einen Abschiedsgruß schreibt er mit Lippenstift auf den Spiegel. Am nächsten Tag besucht Rosi seinen Chef und Julius wird gefeuert. Kein Grund, den Kopf hängen zu lassen: Rosi wartet mit ihrem weißen Sportwagen schon am Tor auf ihn.

Sechzig Jahre später. Preben besucht Julius in dessen Villa und gedenkt der alten Zeiten. Inzwischen ist der Markt für Liebesandroiden zusammengebrochen. Nur hier und da tauchen noch Exemplare in Museen auf. Doch wie ist eigentlich Julius mit Rosi ergangen, will Preben schließlich wissen. Ächzend und keuchend gesteht ihm Julius die Wahrheit, die alles erklärt. Nämlich wie er am Strand des Luganer Sees liegend an Rosis Hinterkopf einen kleinen Schlitz entdeckte… Da hören sie beide energische Schritte, die vom weißen Sportwagen wie eh und je zum Haus führen, als wären 60 Jahre für Rosi nur wie ein Tag…

Mein Eindruck

Hier wird die Ablösung des Menschen durch die Roboter aus dem Blickwinkel von einfachen Arbeitern dargestellt. Quasi aus der Froschperspektive, denn Bots wie Rosi wandeln einher wie Halbgötter. Später stellt sich heraus, dass sie von der Konkurrenzfirma der Eros Technologie GmbH hergestellt wurde, offenbar mit dem Zweck, die Eros Tech zu ruinieren. Jedenfalls müssen alle von Rosi benutzten Modelle zurück in die Generalüberholung…

Davon weiß Julius zunächst nichts. In hymnischen Phrasen beschreibt der Autor seine erste Vereinigung mit der göttlichen Rosi – die nächsten Vereinigungen sind dann nicht mehr so toll, denn der Wille ist zwar stark, aber das Fleisch schwach. Vielmehr verkehren sich die Machtverhältnisse in ihr Gegenteil: Er ist es, der benutzt wird – sechzig Jahre lang. Aber er hat Glück, sagt Julius zu Preben: Alle anderen Bots stehen inzwischen in Museen, Privatclubs oder dunklen Abstellräumen (wenn sie nicht gleich wiederverwertet worden sind).

Mit hat die Story sehr gut gefallen. Sie ist spannend, erotisch und humorvoll erzählt. Ganz nebenbei erfahren wir vom Niedergang des Bot-Marktes. Denn die Bots waren ihren Erfindern so ähnlich geworden, dass es zu Identitätsproblemen kam und das Ordnungsamt die Bots prophylaktisch ganz aus dem Verkehr zog.

5) Fred Illich: Kaputt in Wiesbaden (1985)

Hundert Jahre nach dem Großen Crash versucht eine hessische Ratsversammlung darüber zu befinden, ob ein Manuskript von „vor dem Großen Crash“ veröffentlicht werden soll oder nicht. Zwei Männer, zwei Frauen und der Vorsteher haben Stimmrecht. Im Folgenden also das Manuskript mit dem Titel „Kaputt in Wiesbaden“.

Anfang oder Mitte der 1980er Jahre muss es wohl angefangen haben, was Fred Illich, der Oberlehrer und Jazzmusiker, da berichtet. Erst ganz am Rande, dann aber mitten in Wiesbaden: Epidemien haben die Bevölkerung dezimiert, und sicherheitshalber ziehen auch die Amis ab – zumal in ihrer Heimat Naturkatastrophen passiert sind. Kolonne um Kolonne rollt donnernd durch die Straßen, wohl Richtung Frankfurt Flughafen oder Ramstein.

Tja, und die GIs, Männlein wie Weiblein, lassen an ihren letzten Tagen in Germany ordentlich die Sau raus. Da Fred ein wirklicher Freund von Frauen mit vielen Rundungen ist, lässt er nichts anbrennen. Aber irgendwann wird auch Wiesbaden von der globalen Katastrophe eingeholt: Die Erde bewegt sich, und die Eifelvulkane brechen aus.

Er ist einer der letzten Bewohner eines Mietshauses, dessen Besitzer schon auf’s Land geflohen ist. Das Haus, in dem Fred gewohnt hat, ist nicht mehr sicher, doch er bekommt ein Domizil im Rathaus, das als eines der letzten Gebäude noch nicht durch Erdbeben zerstört worden ist. Solide Handwerkerarbeit! Hier arbeitet er als Funker und bei der Verteilung von Lebensmittelrationen. Beim Abhören des Funks schlackern ihm die Ohren. Auch die alten Vulkane in der Auvergne sind ausgebrochen, wahrscheinlich überall. Er freundet sich mit der Helferin Monika an, die wirklich Angst hat, denn es sieht aus, als gäbe es keine Zukunft mehr. Sie trösten einander im Bett, das auf dem Boden liegt.

Die Soldaten von der Bundeswehr räumen auf, aber derart gründlich, dass sie mit Fred Streit kriegen. Sein Versuch, die Operationszentrale aufrechtzuerhalten, wird überhaupt nicht anerkannt, und die Soldaten übernehmen das Rathaus. Monika hat heimlich einen Fluchtplan ausgetüftelt und ein Fahrzeug organisiert. Vollgetankt mit rarem Diesel machen sie sich um Mitternacht vom Acker und nehmen Kurs auf Unterfranken, wo es noch unzerstörte Bauernhöfe geben soll…

Das Votum: Soll man dieses Chauvi-Geschreibsel, wie Miriam im hessischen Rat sagt, vergessen und wegsperren oder es veröffentlichen? Gerade, als der Vorsteher zur Abstimmung schreiten will, tritt ein Bote ein: Die Mainzer, bekanntlich die Erfinder des Buchdrucks, hätten ein dünnes Büchlein – welches er hiermit vorlegt – gedruckt und verteilt. Es trägt den Titel „Kaputt in Wiesbaden“. Einer der Räte fängt wiehernd zu lachen an.

Mein Eindruck

Wenn der Autor „Fred Illich“ sein sollte, warum tritt er dann in seiner Geschichte als „Fred Illich“ auf? Autobiografisch, wird man natürlich sagen. Aber warum ähnelt dann sein dokumentarischer Erzählstil so sehr dem von Gerhard Zwerenz? Sexepisode folgt auf Sexepisode, bis dann schließlich Wiesbaden wirklich „kaputt“ ist, und die Freundschaft mit Monika mehr ist als Sex, sondern ein sicherer Hafen fürs Überleben. Natürlich draußen auf dem Land. Aber seit wann ist Unterfranken hessisch? Es liegt um Würzburg herum, zwischen Frankfurt am Main und Bamberg, also vor allem in Bayern.

Der Große Crash läuft im Hintergrund der autobiografischen Szenen ab. Diesem Hintergrund sollte der Leser interessiert folgen, denn der Grad der Katastrophen steigert sich bis zur völligen Zerstörung Wiesbadens – sowie aller anderen Städte entlang des Rheingrabens. Es ist quasi die Apokalypse, doch glücklicherweise ohne radioaktive Verstrahlung. Deshalb ist östlich von Frankfurt am Main noch die Wiedererrichtung der Zivilisation möglich.

Doch welche Zivilisation ist das überhaupt, fragt sich der Leser neugierig. Nach hundert Jahren haben sich immerhin schon etliche Dörfer zusammengetan, bis sie erfolgreich einen Landkreis bilden. Die Räte sind stolz darauf, dass in ihrer Gegend Hessisch gesprochen wird, die Sprache jener Vorfahren, die aus Wiesbaden flüchteten. Gepfiffen auf die Badenser, Schwaben und Baiern! Hauptsache, man wird auf dem Markt von „Fronkfort“ noch gut verstanden. (Dies wird alles auf Hessisch ausgesprochen, setzt also entsprechende Sprachkenntnisse voraus.)

6) Edward Bryant: 2,46593 (dito, 1973)

In dieser innovativ erzählten Erzählung scheint es um Sex, Ehe und zwischenmenschliche Beziehungen zu gehen. Drei Textstränge werden miteinander verwoben bzw. nebeneinander gestellt, Ein Chronist, der schon ein paar Mondlandungen hinter sich hat, erzählt seinem Kumpel Kasper, der über künstliche Augen verfügt, vom Ehepaar Mr. und Mrs. M, das vorbildlich in der Vorstadt lebt. Ein bisschen zumindest: Mrs. M läuft textilfrei herum.

Unser Chronist lebt in der Endzeit in Kalifornien. Das AKW von San Onofre ist explodiert und hat die Umgebung verwüstet. Computer wie die IBM 6040 gibt es aber immer noch, in speziellen Räumen. Der Chronist, der über einen eigenen Stromkreis verfügt, hat sich eine Programmiererin geangelt und stöpselt sich gerade im Computerraum bei ihr ein, als sie lästige Fragen zu stellen beginnt. Und sie will ein Liebesgedicht hören. Kein Problem, denn sein Repertoire ist groß.

Eigentlich arbeitet er ja als Werbetexter für Spielzeug. Das findet sie niedlich. Die Beispiele für seine Kunst befassen sich jedoch mehr mit den erotischen Eigenschaften von Spielzeug à la Barbie und Ken. Im Hintergrund läuft weißes Rauschen im Computerraum. Plötzlich hat sie genug vom Ein- und Ausstöpseln, sie will „auf die alte Tour“ machen. Innerlich stöhnt er. Ist er vielleicht ein lebendes Fossil, wie ein Quastenflosser?

Mein Eindruck

Aus dieser verstörenden und disharmonischen Textkombination ist nur wenig Sinn zu entnehmen, und eine nochmalige Lektüre ist durchaus zu empfehlen. Es geht wohl um die Frage, wie zeitgemäß althergebrachter Sex überhaupt noch ist. Schon der Titel deutet darauf hin: 2,46593 Mal treibt es der durchschnittlicher US-Amerikaner in der Woche. So haben es die Sexualforscher Masters & Johnson ((https://de.wikipedia.org/wiki/Masters_und_Johnson)) ab 1966 veröffentlicht. Allerdings diskriminierten die Forscher sowohl Homosexuelle – die in der Story nicht auftreten – und die Masturbation. Das führte zu Fehlinterpretationen, die heftig kritisiert wurden.

Die Werbetexte unseres Don Juan lassen hoffen: Elektrisches Spielzeug ist inzwischen so intelligent und reizempfindlich, dass es seine Schöpfer ohne weiteres ersetzen könne. Vielleicht gibt es also doch alternative Formen des Sex, hofft der Leser. Doch die Interaktion von Werbetexter und Programmiererin reicht auch nicht über das übliche „Ein- und Ausstöpseln“ hinaus. Die banale Realität konterkariert die Wunschträume, die die Texte des Werbetexters versprechen. Also bleibt alles trostlos.

7) Thomas Brand: Don Slow und sein elektrischer Anmacher (1985)

Don Slow ist ein großer Erfinder vor dem Herrn, bekannt für sein RoboCar. Wie es der Zufall will, hat Don eine Substanz in seinem Strahler erfunden, deren Strahl anscheinend seinem Wellensittich Todesmut und/oder maximale Geilheit eingeflößt hat. Jedenfalls überleben die Falken, Adler und Kondore den Angriff des wildgewordenen Wellensittichs nicht. Um herauszufinden, wie der Strahl genau wirkt, wäre ein Praxistest nötig. Mit seinem sprechenden, denkenden RoboCar begibt sich Don auf die Straßen von Space City, nach Weibern suchend. Seltsamerweise sind keine zu sehen. RoboCar hat die Erklärung: Seinen Daten zufolge findet gerade im Zentrum der Zeitzirkus statt. Nichts wie hin!

Sandra Smith, das knackigste Mädchen von Space City, steht von ihrem nerzbedeckten Lotterbett auf, lässt sich zurechtmachen und begibt sich wie jeden Tag mit ihrem GoldHamsterCar auf die Pirsch. Doch kein Kerl will sich auf der Straße blicken lassen, also fragt sie schließlich eine Standeskollegin, wo all die Kerle wären: Bestimmt im Zentrum beim Zeitzirkus. Los geht’s!

Dort hat sich bereits Don mit seinem RoboCar auf die Lauer gelegt. Die Chicks jubeln dem Triumphzug der Zeitjäger zu, die massenhaft Saurier, Wollhaarmammuts, Säbelzahntiger und Urmenschen vorführen. Als Don nun den GoldHamster von Sandra Smith erspäht, steht sein Ziel fest. Er feuert, doch sein Strahl trifft nur die Windschutzscheibe, die die Energie auf die Parade reflektiert. Mächtiges Chaos wird entfacht, und Don sieht sich gezwungen, Sandra mithilfe eines Greifarms in Sicherheit zu bringen und sich aus dem Staub zu machen.

Sandra ist entzückt: Der RoboCar ist innen mit allen Schikanen ausgestattet, sogar mit einem Bidet im Rücksitz. Sofort verfällt sie in Liebe mit diesem wundervollen Gefährt. Beide sind sich einig, dass Don Slow nur bei ihrer Romanze stört. Bei nächster Gelegenheit, also nach der obligatorischen Verfolgungsjagd durch die Polizei, werden sie Don Slow los, indem Sandra den Luststrahl auf ihn abfeuert…

Mein Eindruck

Diese flotte Story ist im Grunde ein Comic Book in Textform. Ein verrückter Erfinder mit smartem Auto, eine Prostituierte auf Männerjagd – da sind einige Turbulenzen möglich. Fehlt nur noch das Element der Zeitreise und fertig ist das Chaos: inklusive Urweltfauna und Urmenschen. Dagegen haben auch die Cops keine Chance. Wie gesagt, ein turbulenter Text-Snack für zwischendurch.

8) Harlan Ellison: Katzenmann (Catman, 1974)

In ferner Zukunft hat sich London eine eigene Biosphäre errichtet, die jeden Zugang kontrolliert. Doch da gibt es Neil Leipzig, den 28 Jahre jungen Dieb, der teleportieren kann. Sein einziger ebenbürtiger Gegner ist sein eigener Vater Lewis, der Katzenmann, der als freischaffender Polizist über drei Geparden, einen Panther und einen Falken verfügt, die beachtliche Gegner sind: Sie sind kybernetisch aufgerüstet.

Als Lewis seinen Sohn auf frischer Tat ertappt, kommt es zu einem Kampf, der den Panther das kybernetische Leben kostet. Nachdem Neil seine Beute versteckt hat, sehen sie sich zu Hause bei Neils Mutter wieder. Sie ist 165 Jahre alt, sie aber aus wie 20. Natürlich wartet sie auf ihre nächste Verjüngung. Als sie zu nörgeln beginnt, macht sich Neil aus dem Staub. Er hat eine Verabredung.

In einem Luxusrestaurant wartet er auf seine Abnehmerin Lady Effim, die über Australien herrscht. Doch zuvor passt ihn die junge Exgeliebte Joice ab. Der Sex, den sie in einem diskreten Zimmer mit ihm hat, ist ihm nicht genug. Orgasmen reizen ihn nicht mehr. Er kennt etwas Besseres, und Joice hat eh schon einen anderen. Als Lady Effim mit ihren Leibwächtern auftaucht, offeriert er ihr seine Beute: antarischen Sternenglanz „Twinkle“. Sie würde ihm alles geben, was er will, also sagt er es ihr. Gebongt.

Er ist nah dran an einer Übergabe, doch zuerst braucht er das, was er versteckt hat. Als er vor einer Höhle wartet, meint er, etwas zu hören. Doch da kommt auch schon sein Führer, ein halbmetallischer Gnom namens Donnstak. Nach meilenweiter Wanderung durch das Labyrinth aus Gängen und Höhlen erreichen sie schließlich eine riesige bewohnte Kaverne, in der ein 400 m langer Computer steht: Dies ist Neils Ziel.

Doch nun zeigt sich sein Gegner. Es ist Mr. Robert Mossmann, einer von Lady Effims aufgerüsteten Leibwächtern. Der Roboter tötet erst Donnstak, bevor er auf Neil anlegt. Da zerfetzt ein Falke sein Gesicht, und er stürzt in die Tiefe des Grabens. Der Katzenmann ist einfach dem Roboter gefolgt, um seinen Sohn schützen zu können. Er kann seinen Sohn nicht davon abhalten, sich über eine komplizierte Schnittstelle mit dem Computerbewusstsein zu vereinigen.

Als Ergebnis erhält Neil nun einige metallische Komponenten, die ihn offenbar in die Lage versetzen, unter die Erde zu teleportieren. Er erreicht seine Mutter und verschleppt sie in die Höhle seiner Computergeliebten. Dort verschmelzen Mutter, Sohn und Geliebte in einer ekstatischen Triole. Nur der Katzenmann bleibt einsam zurück.

Mein Eindruck

Der gebildete Leser kann leicht erkennen, dass hier Ödipus am Werk ist, aber auch der diebische Hermes, wobei der Katzenmann den Übervater spielen will, aber nicht kann. Lady Venus hat sich verkleidet: als junge Ex (Joice), als Magnatin (Effim) und als Mega-Computer. Die Beute ist da gar nicht mehr so wichtig, sondern dient nur als Macguffin, also als Plotvehikel.

Dennoch funktioniert die Abenteuergeschichte erfreulich gut. Der quasi jugendliche Held, der offenbar noch keine einzige Verjüngung hinter sich hat, erringt einen Preis, den jeder, der ihn sich leisten kann, haben will. Doch was will der Held haben? Das wird sich im weiteren Verlauf herausstellen, wobei einige tückische Fallen auf ihn warten.

Die Sexszene mit Joice ist vom konventionellen Typ, wenn auch in exklusiver Umgebung. Dagegen erscheint die Vereinigung mit der Computergeliebten, die nicht mal einen Namen hat, aber über ihr eigenes Volk verfügt, wie eine glorreiche Steigerung bis zur Apotheose. Kein Wunder, dass Neil, der Dieb, vom Volk der Geliebten gehasst wird. Er muss sich ihrer erwehren, mit ein wenig Hilfe von seinem Vater und seinen aufgerüsteten Tieren. Neil, der Dieb, ist nun ein Halbgott. Mindestens.

9) Michael K. Iwoleit: Die Nächte von Diamond Beach (1985)

Broxon und seine Frau Sara haben sich in einer verlassenen Feriensiedlung im Süden eingefunden, doch nach drei Wochen haben sie sich derart entzweit, dass es genügt, dass eine sinnliche Fremde auftaucht, um sie auseinanderzubringen. Sara hat einen guten Job in der Industrie aufgeben müssen, um ihrem herzkranken Mann beizustehen.

Broxon war Ingenieur bei einem Projekt der Raumfahrtindustrie: Er konstruierte gigantische Hohlspiegel, um die Energie des Lichts von der Sonne zu bündeln und zu einer Auffangstation auf der Erde zu leiten. Doch er musste die Arbeit wegen seiner Herzkrankheit aufgeben, die Endkonstruktion schlug fehl und der gigantische Spiegel verglühte beim Absturz in der Atmosphäre. Die winzigen Aluminiumsplitter fielen ausgerechnet auf die Feriensiedlung, in der er sich erholte.

Nun ist die Feriensiedlung ein unwirkliches Spiegellabyrinth geworden, in dem selbst pflanzen nur so glitzern, wegen des Aluminiumstaubs. Nach einem Streit gesellt sich Sara zu der rothaarigen Fremden, die es liebt, ihr Auto über den Strand zu jagen und abends nackt im Meer zu schwimmen: Lunora. Sara wird von ihr eingenommen und abtrünnig. Es nützt ihm nichts Lunoras Wagen, ins Meer rollen zu lassen. Es nützt ebenso wenig, sie durch sein nacktes Spiegelbild zu erschrecken. Sie lachen ihn bloß aus. Also erschlägt er Lunora.

Eine Woche versteckt er sich in seinem abgeschlossenen Bungalow, zu dem Sara keinen Schlüssel besitzt. Aber sie lauert da wohl da draußen. Doch statt Sara ist es die Rothaarige, die auf der Veranda auftaucht. Er folgt ihr über die Terrasse in die Feriensiedlung, bis er zum Hauptplatz gelangt. Dort hat sie auf ihn gewartet, um ihre Rache zu nehmen und Freiheit zu erlangen…

Mein Eindruck

Die spannende Geschichte liest sich wie früher Ballard (siehe unten): Die Umgebung der verlassenen Feriensiedlung Diamond Beach spiegelt den Gemütszustand der Protagonisten wider und enthält auf diese Weise einen Kommentar: Alles ist Täuschung oder Falle. Und in die tappt am Schluss der Mann, der sich anfangs noch als Opfer aufgeführt hat, doch inzwischen, aus Sicht der beiden Frauen, zum Übeltäter gewandelt hat.

In dieser Konstellation repräsentieren die beiden Frauen, besonders Lunora, die Kräfte der Natur, wohingegen der gescheiterte Ingenieur die vergeblichen Versuche des Technikers darstellt, eben diese Naturkräfte zu überwinden. Welche Seite wird den Sieg davontragen, fragt sich der Leser. Verschiedene fiese Methoden werden angewandt, bis schließlich der Mann Lunora erschlägt.

Aber ist dies wirklich geschehen, fragt sich der Mann, denn auf seiner Veranda steht plötzlich die Erschlagene. Oder hat sie mit Sara die Identität gewechselt? Da nun nichts mehr gewiss ist, wird auch der Existenz des Technikers die Grundlage entzogen. Sein Zusammenbruch ist nur eine Frage der Zeit. –

Die Story ist ein gelungener Beitrag zu dieser Anthologie. Die Liebesszenen der beiden Frauenfiguren erinnern auffällig an die Liebesszenen, die in Hohlbeins Novelle substantiell zur inneren Weiterentwicklung der beiden Frauenfiguren beitragen. Wenn Frauen verbünden (und ihre Abneigung überwinden), haben die männlichen Gegner keine Chance mehr.

10) J.G. Ballard: Crash (1973, Romanauszug)

Der Erzähler, ein verheirateter Regisseur von TV-Werbeclips, gerät in einen Autounfall, bei dem der Fahrer des anderen Wagens ums Leben kommt. Als er selbst wieder im Krankenhaus zu sich kommt, wird er geradezu überwältigt von sexuellen Fantasien über die Krankenschwestern und Ärzte um ihn herum, aber auch über die zerschmetterten Autos und sogar die Gattin des getöteten Fahrers.

Nach seiner Entlassung aus dem Hospital fährt er sofort wieder zurück zur Unfallstelle in West London und inspiziert beim Schrotthändler seinen demolierten Wagen. Doch bemerkt er, dass ihm jemand mit einer Fotokamera gefolgt ist. Dies ist die eigentliche Hauptfigur des Romans: Dr. Robert Vaughan, „ehemals ein Computer-Spezialist, einer der ersten der neuartigen TV-Wissenschaftler“, der „ein mächtiges Image projizierte, beinahe das des Wissenschaftlers als Gangster“.

(Der Romanauszug)

Vaughan ist geradezu manisch besessen von Verkehrsunfällen und verwendet einen Großteil seiner Zeit darauf, sie zu fotografieren. Er formt mit dem Erzähler eine nicht ganz einfache Freundschaft: Sie unternehmen Autofahrten, werden zu voyeuristischen Beobachtern von Unfallorten, teilen die Dienstleistungen der gleichen Flughafennutten. Sie sehen sich im TÜV-Labor simulierte Verkehrsunfälle an, und schließlich gesteht Vaughan seinen geheimen Ehrgeiz, einmal in einem Autounfall neben der Schauspielerin Elizabeth Taylor zu sterben.

Die Ereignisse erreichen einen ersten Höhepunkt, als der Erzähler und Vaughan über die Autobahn düsen, während sie unter dem Einfluss einer halluzinogenen Droge stehen. Diese Episode ist intensiv und vorausblickend und erstreckt sich über viele Seiten: eine Fantasmagorie in der Vorwegnahme einer Erfüllung. Schon bald danach tritt sie ein: Vaughan stirbt in einem absichtlich herbeigeführten Autounfall, bei dem er Elizabeth Taylor verfehlt, was den Erzähler in Trauer zurücklässt. Er erinnert sich an die vielen Erlebnisse mit Vaughan. Es gibt nichts weiter zu tun, als „die Elemente des eigenen nahen Todes zu entwerfen“ und imaginiert unzählige Varianten des eigenen gewaltsamen Ablebens.

Mein Eindruck

Das Automobil als Ikone des 20. Jahrhunderts – das ist das Thema von Ballards zweitbekanntestem Roman „Crash“ (bekannter ist nur „Das Reich der Sonne“). „Crash“ wurde 1996 von David Cronenberg verfilmt und bewegte die Gemüter etlicher Kritiker, genau wie einst das Buch, dessen Manuskript schon vor Veröffentlichung auf heftigste Ablehnung stieß.

Ballard war anlässlich einer eigenen „Kunst“-Ausstellung im London des Jahres 1970 auf die Idee zu „Crash“ gekommen. Er zeigte mehrere ziemlich demolierte Autowracks nach Unfällen und ließ dazu ein halbentblößtes Mädchen Sekt servieren. Die Folgen waren recht bedenklich: Die Serviererin wurde um ein Haar vergewaltigt. Da ahnte der Autor, dass er auf etwas gestoßen war. (Zitiert nach Michael K. Iwoleits erhellendem Ballard-Essay im „Heyne Science Fiction Jahr 2004“, Seite 291 ff.)

Das Auto und was damit passiert, ist jedoch lediglich eine Metapher, vielleicht die extremste Metapher in Ballards umfangreichem Werk. Der Roman beschäftigt sich mit der Beziehung des Menschen zur Technik – einem höchst emotional aufgeladenen Stück Technik -, und damit, was die Technik mit uns angerichtet hat sowie damit, was wir uns durch die Vermittlung der Technik selbst antun.

Ballards beobachtet scharfsichtig die Heraufkunft einer Zeit, in der durch die verschiedenen Medien (TV, Internet, Games, Multimedia) alles vermittelt wird, in der kaum noch etwas un-mittel-bar erlebt wird bzw. werden kann. Doch wo nichts real ist, ist auch alles möglich, denn alles ist denkbar, vorstellbar. In diese Vorstellungen gehen verborgene Wünsche und Fantasien ein: Mit Elizabeth Taylor in einen Unfall zu geraten und darin zu sterben – das hat doch einen gewissen Reiz. Als ob es Elizabeth Taylor im Supermarkt zu kaufen gäbe, um ihren Tod zu konsumieren.

Die Ausstattung, die Ballard seinem Setting angedeihen lässt, auf Autobahnen und Flughäfen, ist nicht vertraute Kulisse, sondern so fremdartig wie die Rückseite des Mondes: „Autobahnüberführungen wie geschwungene Knochen“ scheinen aus einer anderen Zeit gefallen zu sein. Der Blick unter Drogeneinfluss wundert sich nur, er wertet und moralisiert nicht, genauso wenig wie der Autor. Uns bleibt nur das Schaudern angesichts dieses Alptraums.

Die Metapher des durch die Autobahnkreuze jagenden Wagens und aus dem Fenster starrenden Passagiers gleicht dem Zuschauer vor dem Bildschirm, der sich von vermittelten Inhalten berieseln lässt, die keinen Bezug zu seinem seelischen Erleben haben. „Crash“ zeigt uns in einem Spiegel, wie wir uns selbst aus der Realität hinauskatapultieren. Es tut dies auch in einem sexuellen Kontext. Und erst an diesem Kontext haben sich die Kritiker gerieben. Leute dürfen in Romanen massenweise verrecken, doch sobald dabei Sperma und Blut ins Spiel kommen, hört der legitime Spaß offenbar auf.

11) Schlangenzungen. Geschichte und Illustrationen & Erzählung von Helmut Jansen

Unter einer Bilder- oder illustrierten Geschichte versteht man heute meist einen Cartoon oder ein Comicbook. Das hier nicht gemeint, denn der versierte Künstler Helmut Jansen hat sich zu seinen Bildern lediglich ein paar Prosa-Szenen oder -Skizzen einfallen lassen.

Die Prämisse lautet, dass es gelungen ist, mithilfe eines ausgeilten Hirnanalysators aus dem Geist von (männlichen ) Probanden bestimmte Bilder und zugehörige Textassoziationen zu extrahieren und diese niederzuschreiben. So etwas bekommt schon jeder KI-gestützte Bildgenerator zustande, der auch gleich passende Texte mitliefern kann – ohne sich dessen jedoch bewusst zu sein.

Jansens „Schlangenzungen“ beschreibt die „Regenbogenwelt der männlichen Lust“, d.h. die dargestellten Frauenfiguren entspringen der männlichen Phantasie, direkt aus dem „Sexualzentrum des Zwischenhirns“ – wo auch immer das liegen mag.

Die Überschriften lauten wenig überraschend: „Der Blick durchs Schlüsselloch“, „Das große Spiel: der Regenbogen“, „Die Traumfrau“, „Die erste erregende Berührung durch eine Frau“, „Der erste bewusste Orgasmus“, „Ein erotischer Traum“ und „Die geheimnisvolle Unbekannte“.

Die dargestellten Impressionen und Vorstellungen erinnern nicht zufällig an viele einschlägige Romane und Erzählungen, seit es Erotik gibt, also bereits eine ganze Weile.

Die Übersetzung

Die Texte wimmeln vor Druckfehlern. Meine kurze Liste führt nur die wichtigsten Fehler auf.

S. 22: „Dutzende von Nadeln und Kathedern“: Statt der Lesepulte sind aber die Endstücke von med. Schläuchen gemeint, und die werden „Katheter“ geschrieben“.

S. 40: Buchstabendreher gibt es auch etliche, so wie hier: „Er amtete schnell und unregelmäßig.“

S. 169: „Kniest“: mundartlich für „Streit“.

S. 227: „In ihrer Stimme liegt an (!) anschwellender Unterton…“: Statt „an“ sollte es besser „ein“ heißen.

S. 286: Fehlende Wörter sind besonders heimtückisch, denn man muss sie sich dazu denken, so wie hier: „Etwas später saß [er] mit Sara wieder in dem Schlafzimmer…“

S. 299: So auch hier: „…das [er] vom Parkplatz des ‚Oceanic Terminal‘ gestohlen hatte.“ (O ja, Ballards Helden schrecken vor nichts zurück.)

Unterm Strich

Die Zusammenstellung ist von durchwachsener Qualität, denn mittelmäßige Stories wie „Liebe deinen Roboter“ oder „Widersprüche“ stehen neben ausgefeilten und eindrucksvollen Erzählungen wie „Katzenmann“ von Ellison, „Raubkopie“ von Hohlbein, „Crash“ von Ballard und „Kaputt in Wiesbaden“ von Illich (vermutlich ein Pseudonym). Harbeckes Story über Liebesroboter fordert den Leser auch ironisch heraus, denn wie die Hauptfigur muss man hier zweimal nachdenken. Einen Cartoon in Textform hat Thomas Brand beigetragen. Der qualitative Tiefpunkt dürfte mit dem Beitrag von Ed Bryant erreicht sein. Er fordert den Leser allein schon formal heraus.

Für die vierfarbigen Illustrationen auf Hochglanzpapier gibt es einen Ausstattungsbonuspunkt. Die dazugefügten Texte sind eher das übliche Niveau ausgefeilter Erotica. Das unterscheidet diesen Band deutlich von seinem Vorgänger „Höhenflüge“, in dem Beiträge von Moorcock, Aldiss und vielen anderen Genregrößen zu finden sind.

Taschenbuch: 311 Seiten.
Originalausgabe, 1985
Übersetzt von Michael Kubiak, Joachim Körber, Helmut W. Pesch und Thomas Loock,
Illustriert von Helmut Jansen.
ISBN-13: 9783404220793

www.luebbe.de

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