„Visionär und rasend schnell erzählt: Das zentrale Werk des Cyberpunks jetzt in neuer Übersetzung.
Hiro Protagonist war mal Programmierer, aber seit auch hier die Konzerne alles gleichgeschaltet haben, zieht er jeden Bullshit-Job vor: Pizza-Auslieferer für die Mafia. Oder Information Broker für die ehemalige CIA.
Wichtiger als die echte Welt ist für ihn ohnehin das Metaverse, ein virtueller Ort, an dem sich die Menschen mit ihren selbst gestalteten Avataren treffen. Dort begegnet er auch zum ersten Mal der Droge »Snow Crash«. Das Besondere: Snow Crash ist ein Computervirus, der auch Menschen befallen kann. Zusammen mit seiner Partnerin Y. T. ermittelt Hiro – und kommt einer Verschwörung auf die Spur, die bis in die menschliche Vorgeschichte zurückreicht.“ (Verlagsinfo)
Der Autor
Neal Stephenson (* 31. Oktober 1959 in Fort Meade, Maryland, USA) ist ein in Seattle lebender Schriftsteller. In seinen Science-Fiction-Romanen spiegeln sich seine Experimente mit neuen Medien wie virtueller Realität und dem World Wide Web wider. Er gilt deshalb als einer der Hauptvertreter des Cyberpunk. In seinem Werk „Snow Crash“ prägte er den Begriff des Metaversums.
Romane
The Big U, Vintage Books 1984, ISBN 0-394-72362-7
Big U, Bellheim : Ed. Phantasia 2004, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-924959-69-2
Zodiac: The Eco-Thriller, Atlantic Monthly Press 1988, ISBN 0-87113-181-1
Volles Rohr, Goldmann 1989, Übersetzer Götz Pommer, ISBN 3-442-30359-1
Snow Crash, Bantam Spectra 1992, ISBN 0-553-35192-3
Snow Crash, Goldmann 1994, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-442-42450-X
Interface, Bantam Books 1994, ISBN 0-553-37230-0 (als Stephen Bury, mit J. Frederick George)
The Diamond Age, Bantam Spectra 1995, ISBN 0-553-09609-5
Diamond Age. Die Grenzwelt, Goldmann 1996, Übersetzer Joachim Körber, ISBN 3-442-41585-3 (Übertr. des Gedichts „Der Rabe“ von Samuel Taylor Coleridge (1798) von Jochen Stremmel)
The Cobweb, Bantam Books 1996, ISBN 0-553-37828-7 (als Stephen Bury, mit J. Frederick George)
Cryptonomicon, Avon Books 1999, ISBN 0-380-97346-4
Cryptonomicon, Goldmann 2001, Übersetzer Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl, ISBN 3-442-54529-3
The Baroque Cycle/Barock-Zyklus
Quicksilver, William Morrow / HarperCollins 2003, ISBN 0-380-97742-7
Quicksilver, Übersetzer Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl, Goldmann 2004, ISBN 3-442-54568-4
The Confusion, William Morrow / HarperCollins 2004, ISBN 0-06-052386-7
Confusion, Goldmann 2006, Übersetzer Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl, ISBN 3-442-54604-4
The System of the World, William Morrow / HarperCollins 2004, ISBN 0-06-052387-5
Principia, Manhattan 2008, Übersetzer Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl, ISBN 978-3-442-54607-7
Anathem, William Morrow / HarperCollins 2008, ISBN 978-0-06-147409-5
Anathem, Manhattan 2010, Übersetzer Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl, ISBN 978-3-442-54660-2
Reamde, William Morrow / HarperCollins 2011, ISBN 978-0-06-210642-1
Error, Manhattan 2012, Übersetzer Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl, ISBN 978-3-442-54692-3
Seveneves, William Morrow / HarperCollins 2015, ISBN 978-0-06-219037-6
Amalthea, Manhattan 2015, Übersetzer Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl, ISBN 978-3-442-54762-3
The Rise and Fall of D.O.D.O., William Morrow 2017, ISBN 978-0-06-240916-4 (mit Nicole Galland)
Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O., Goldmann 2018, Übersetzerin Juliane Gräbener-Müller, ISBN 978-3-442-31490-4
Fall or, Dodge in Hell, HarperLuxe 2019, ISBN 978-0-06-288746-7
Corvus, Goldmann 2021, Übersetzerin Juliane Gräbener-Müller, ISBN 978-3-442-31542-0
Termination Shock: A Novel, William Morrow 2021, ISBN 978-0-06-302805-0
Termination Shock, Goldmann 2023, Übersetzerin Juliane Gräbener-Müller und Tobias Schnettler, ISBN 978-3-442-31681-6
Bomb Light
Polostan, William Morrow / HarperCollins 2024, ISBN 978-0-062-33449-7
The Foreworld Saga
Gemeinsam mit Erik Bear, Greg Bear, Joseph Brassey, Nicole Galland, Cooper Moo und Mark Teppo
The Mongoliad: Book One, 47North 2012, ISBN 978-1-61218-236-0
Die Mongoliade – Band 1, AmazonCrossing 2013, Übersetzer Jonas M. Jarr, ISBN 978-1-4778-0877-1
The Mongoliad: Book Two, 47North 2012, ISBN 978-1-61218-237-7
The Mongoliad: Book Three, 47North 2013, ISBN 978-1-61218-238-4
Kurzgeschichten
Spew (1994)
The Great Simoleon Caper (1995)
Jipi and the Paranoid Chip (1997)
Crunch (1998)
Atmosphæra Incognita (2013) – (englische Einzelausgabe 2019 bei Subterranean Press, ISBN 978-1-59606-919-0)[7]
Handlung
Hiro Protagonist (übrigens ein tautologischer Name wie von James Joyce) ist im bürgerlichen Beruf ein sogenannter Pizza-Auslieferator für Onkel Enzo Cosa Nostra Pizza, einem Mafia-Unternehmen, das jedem Anrufer garantiert, seine Bestellung innerhalb von genau 30 Minuten zu liefern. Der Job hat nur einen Haken: Wer auch nur eine Sekunde zu spät liefert, wird eliminiert. Genau das Richtige für Hiros Sinn für Abenteuer, und tatsächlich trennen ihn am ersten Höhepunkt des Romans wegen eines bedauerlichen Unfalls nur noch wenige Sekunden vom Nirwana, als ihn eine Kurierin, die er kurz zuvor zufällig überholt hatte, rettet – einfach so. Y.T., so heißt seine gute Fee, wird ihm noch des öfteren begegnen. Sie ist ein ebenso unverwüstlicher Typ wie Chevette in William Gibsons Roman »Virtuelles Licht« – genauso punkig, clever und verletzlich.
Nachdem er seinen Job also los ist – niemand spaßt mit der Mafia – richtet Hiro seinen Sinn wieder auf die Dinge, die das Leben im 21. Jahrhundert bewegen: In den zerfallenen Staaten, die einst Amerika waren, in Los Angeles, das einst eine Metropole war, jetzt aber in Myriaden kleiner Fürstentümer aus Franchise-Unternehmen zerfallen ist – hier hat er sein wahres Domizil im Cyberspace des Metaversums, das er mitgegründet hat, aufgeschlagen.
Hier programmiert er als Hacker die Spielregeln, hier tritt er als schwertschwingender Ninja auf. Und verliert hier seinen besten Freund: Ein feindlicher Software-Virus bringt dessen Cyberspace-Simulacrum zu einem Systemabsturz, einem sogenannten Snow Crash. Der Mensch, der ja nicht einfach so an Software stirbt, jedoch stürzt ins Koma. Der betroffene Hiro kommt allmählich à la Philip Marlowe einer gigantischen Verschwörung gegen das Metaversum auf die Spur. Wie schon in Gibsons »Neuromancer«-Trilogie wird das Buch ab hier eine abenteuerliche, aber ebenso spannende wie rasante Detektivgeschichte: mit Schurken und Helden, einem Oberbösewicht und einigen wenigen Aufrechten.
Mitzuverfolgen, wie Hiro die Spur aufnimmt und in den Kampf zieht, ist sicherlich ganz nett, aber die wahre Freude ergibt sich doch mehr aus den herrlichen Innovationen, die Stephenson in seine Romanwelt eingebracht hat: die Franchise-Fürstentümer, das Metaversum, High-Tech-Skateboards, Wunderwaffen namens »Vernunft« (à la Iain Banks), halbintelligente CyberWachhunde und dergleichen mehr. Anders jedoch als Gibson weiß Stephenson, was ein Computer ist, was so eine Maschine leisten kann und was dazu im einzelnen notwendig ist. Man spürt in jeder Zeile, dass er weiß, wovon er schreibt.
Strukturelle Probleme
Doch auch er scheitert ein wenig an dem Problem jedes Schriftstellers: Wie vermittle ich meinem Leser eine Menge Hintergrundwissen, ohne dass er dabei einschläft? Dieser tote Punkt kommt etwa auf Seite 250. Da muss der Leser verstehen, wofür ein Germanistikstudent ein ganzes Semester Zeit hat: dass es nämlich sprachliche Muster geben kann, die in entsprechender Form die bewusste Ebene des Sprachverständnisses umgehen und direkt auf die tiefere Ebene des Unterbewusstseins einwirken können, wo die (von modernen Linguisten wie Chomsky angenommenen) Tiefenstrukturen der Sprache festgelegt sind.
Ein solches subversives Sprachelement – nennen wir es mal »Bannfluch« – wirkt auf den menschlichen Geist dann wie ein Virus auf ein Stück Software, das als Betriebssystem eingesetzt wird: Dabei kommt es zum Stillstand, wenn nicht sogar zum »Systemabsturz«. Diesen schwierigen Sachverhalt setzt Stephenson nicht besonders gekonnt in lebendige Prosa um, und jeder Leser hat etwas Mühe, die babylonischen Quellen (»Turm von Babel« usw.) des Snow-Crash-Virus zu verstehen. Doch sobald man die Quintessenz einmal kapiert hat, kann man die restlichen Seiten genießen – denn hier geht die Post ab.
SPOILER: Finale
Es stellt sich nämlich heraus, dass ein religiös angehauchter Medienpapst (Ted Turner von CNN lässt grüßen) ein zweifache Invasion von Rest-Amerika vorhat: In der realen Welt bringt eine riesige, zunächst friedlich erscheinende Invasionsflotte aus Flüchtlingsbooten ein Heer von asiatischen Boat-People an die Westküste, im Metaversum hingegen droht der erwähnte Sprachvirus die komplette Hackerpopulation auf einen Schlag psychisch zu exekutieren. Natürlich gelingt es Hiro Protagonist und seiner Freundin Y.T. in allerletzter Sekunde, den Oberbösewicht zu stellen wie auch den Anschlag zu vereiteln.
Unterm Strich
Also, die Aussage, die Moral von der Geschicht‘: Trau den bösen Medienzaren nicht – oder: Besser ein Hacker als ein ahnungsloses Computerkarnickel. Denn genauso, wie in den USA bereits heute die Massenmedien das Verhalten der breiten Masse – z.B. bei Präsidentschaftswahlen oder beim Einkaufen – steuern, genauso besteht die akute Gefahr, in den sich explosionsartig ausweitenden Online-Netzen der großen Anbieter (Internet, Onlinedienste) durch Monopole beherrscht und manipuliert zu werden.
Die einzige Lösung, die Stephenson anbietet: Die jungen Rebellen, die sich nicht kaufen lassen, werden als Hacker usw. den Rest der Welt vor den Multis retten. Das ist seine Rock’n‘ Roll-Philosophie, und sie macht dieses Buch so attraktiv, so amüsant, so amerikanisch. Denn dies ist natürlich die alte Unabhängigkeitserklärung in neuem Gewande, und der zu befreiende bzw. zu erobernde Kontinent heißt nicht Nordamerika, sondern Metaversum.
Der Spaß an der Lektüre von »Snow Crash« ist der gleiche, den z.B. Indiana Jones als abenteuerlicher Archäologe, Case in »Neuromancer« oder Chevette in »Virtuelles Licht« vermitteln. In diesem Licht hat »Snow Crash« vielleicht eine fragwürdige (»Wir sollten alle Hacker werden«) oder naive (»Wir könnten alle den Multis Paroli bieten, wenn wir nur wollten«) Botschaft, aber er macht einfach eine Menge Spaß beim Lesen. Und das ist nicht zu wenig.
Apropos Cyberspace: Dies ist der Ort, wo sich die wichtigsten Sequenzen von »Snow Crash« abspielen. Und da sich Stephenson seine Helden nicht gerade in den Penthäusern der Gesellschaft gesucht hat, könnte man hier von astreinem Cyberpunk sprechen – wenn der nicht schon längst totgesagt wäre. Wie auch immer man den Roman einordnen will – er ist vollkommen auf die abgefahrene Computerelite zugeschnitten, auf Hacker und Möchtegernrevoluzzer und auf Leute, die Rock’n’Roll lieben
Taschenbuch: 576Seiten.
O-Titel: Snow Crash, 1994
Aus dem Englischen neu übersetzt von Alexander Weber.
ISBN-13: 978-3596705597
Der Autor vergibt: 




