Straubs Romane wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1989 und 1993 mit dem World Fantasy Award für „Koko“ als bestem Roman, dem British Fantasy Award und dem Bram Stoker Award. 2010 erhielt er den World Fantasy Award für sein Lebenswerk. Aber auch seine Novellen und Kurzgeschichten können sich sehen (und lesen) lassen. Mit „Haus ohne Türen“ liegt seine erste Storysammlung auf Deutsch vor.
Der Autor
Peter Straub, geboren 1943, zählt neben Stephen King, John Saul und Dean Koontz zu den herausragenden amerikanischen Horror-Autoren. Er wurde in Milwaukee, Wisconsin (wo viele deutsche Auswanderer wohnten), geboren und lebte ein Jahrzehnt lang in England und Irland. Seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden und hatten 1994 eine Weltauflage von 10 Millionen bereits weit überschritten. Er lebte mit seiner Frau auf einer Farm in Connecticut. Er starb am 4.9.2022.
Zusammen mit Stephen King schrieb er „Der Talisman“ und dessen Fortsetzung „Das schwarze Haus“. Seine eigenen Romane sind ebenfalls – meistens – bei Heyne erschienen:
Romane
Der Talisman. („The Talisman“). Hoffmann & Campe 1986, ISBN 3-453-02523-7 (zusammen mit Stephen King).
Julia. Ein unheimlicher Roman. („Julia“). 7. Aufl. Heyne, München 1991, ISBN 3-453-02328-5.
Koko. Roman. („Koko“). 5. Aufl. Heyne, München 1992, ISBN 3-453-00373-X.
Mystery. Roman. („Mystery“). Heyne, München 1992, ISBN 3-453-06105-5.
Die fremde Frau. Roman. („Marriages“). Heyne, München 1992, ISBN 3-453-00292-X.
Wenn Du wüsstest. Psychothriller. („If You Could See Me Now“). 4. Aufl. Dtv, München 1996, ISBN 3-423-12052-5.
Reise in die Nacht. Roman. („The Hellfire Club“). Heyne, München 1997, ISBN 3-453-13649-7.
Schattenbrüder. („Mr. X“). Heyne, München 2001, ISBN 3-453-17754-1 (abweichender Titel „Mr. X“).
Der Hauch des Drachen. Roman. („Floating Dragon“). Heyne, München 2003, ISBN 3-453-87351-3.
Schattenland. Roman. („Shadowland“). Heyne, München 2004, ISBN 3-453-87958-9.
Das schwarze Haus. („Talisman II – Black House“). Heyne, München 2002, ISBN 3-453-87370-X (zusammen mit Stephen King).
Das geheimnisvolle Mädchen. Roman. („Under Venus“). 8. Aufl. Heyne, München 2005, ISBN 3-453-09967-2.
Geisterstunde. Roman. („Ghost Story“). Heyne, München 2005, ISBN 3-453-56501-0.
Der Schlund. („The Throat“). Heyne, München 1993, ISBN 3-453-56503-7.
Magic Terror. Roman. („Magic terror“). Pavillon-Verlag, München 2006, ISBN 978-3-453-77089-8.
Haus der blinden Fenster. Roman. („Lost Boy Lost Girl“). Heyne, München 2008, ISBN 978-3-453-43306-9.
Schattenstimmen. Roman. („In the Night Room“). Heyne, München 2008, ISBN 978-3-453-72181-4.
Okkult. Roman. („A dark matter“). Heyne, München 2012, ISBN 978-3-453-43590-2.
Die Storysammlung „Magic Terror“ ist ebenfalls sehr zu empfehlen.
Sammelbände
5 Stories. Borderlands Press, Baltimore, Md. 2008, ISBN 978-1-880325-03-2.
Haus ohne Türen. Kurzgeschichten. („Houses Without Doors“). Heyne, München 1994, ISBN 3-453-07551-X.
Magic Terror. Stories. („Magic Terror“). Heyne, München 2000, ISBN 3-453-17408-9.
Wild Animals. Three novels. Putnam, New York 1984, ISBN 0-399-13013-6 (Inhalt: „Under Venus“, „If you could see me now“ und „Julia“).
Inhalt
Vier Novellen und neun Kurzgeschichten:
1) „Kleine Tour durch die Stadt““
2) „Mrs God“
3) Die blaue Rose
4) Der Wacholderbaum
Und weitere.
Mein Eindruck
Mit den Erzählungen der Sammlung „Haus ohne Türen“ dringt Straub in neue, beklemmende Dimensionen der Wirklichkeit vor – und das blanke Entsetzen lauert dort, wo es der Leser am wenigsten erwartet. Ich erinnere mich noch sehr deutlich jenes längst vergangenen Tages, als ich die Geschichte „Die blaue Rose“ las. Mit größter Abscheu legte ich das Buch zur Seite und dachte: „Das ist ja die größte Perversion, von der ich je gelesen habe!“ Peter Straub hätte sich über meine Reaktion sicherlich sehr gefreut. Mit dieser Vorstudie zu seinem Roman „Koko“ präsentierte er „das faszinierend realistische Psychogramm einer Bluttat unter Geschwistern“ (Verlagsinfo).
Wer den Vietnam-Roman „Koko“ gelesen hat, wird Tim Underhill wieder als Autor von „Die blaue Rose“, „Der Wacholderbaum“ und „Kleine Tour durch die Stadt“ wiedererkennen und sich auf das Schlimmste gefasst machen. In den vier Novellen und neun mitunter sehr kurzen Stories blickt der Autor hinter die vermeintlich makellose Fassade des Alltäglichen und entdeckt finsterste Abgründe. („Koko„, „Mystery“ und „Der Schlund“ usw. gehören zum sogenannten Zyklus „The Blue Rose“.)
1) Wikipedia: „Der Kurzroman kombiniert zwei unterschiedliche literarische Formen: eine selbstbeglückwünschende Reisebroschüre, die von der Handelskammer einer ungenannten Stadt veröffentlicht wurde, und einen Nachrichtenbericht über die mörderische Tötung eines sogenannten „Viaduktmörders“.
Ein allwissender Erzähler bewegt sich durch eine scheinbar idyllische Stadt im Mittleren Westen, die die oft dunkle und gewalttätige Geschichte verschiedener soziologischer Gruppen erzählt, die die Metropole bevölkern. Er spricht sowohl als Vertreter der Stadt, der die kollektiven Ansichten seiner Bewohner über das Leben endgültig zusammenfasst, als auch als voreingenommener Beobachter, der diese Ansichten subtil kommentiert. In einer Anklageschrift zum Kleinstadtleben weist er auf die arrogante Insularität und die Weigerung der Stadt hin, die dunkleren Elemente ihrer Vergangenheit anzuerkennen. Dabei beschreibt er auch die Details der „Viaduktmörder“ -Morde und das daraus resultierende stadtweite Interesse.
Bei der Untersuchung der Subkulturen des Stadtvolks wird die Identität des Mörders wiederholt angedeutet. Die wohlhabendsten Bewohner sind dekadent, geheimnisvoll und betroffen, indem sie sowohl buchstäblich als auch figurativ inzuchten. Die osteuropäischen Gemeinschaften sind dafür bekannt, sich an rituellen Handlungen häuslicher Gewalt, Selbstverstümmelung und Mord zu beteiligen. Wilde Kinder, die nach dem Verzicht auf soziale Dienste in kriegführenden Stämmen organisiert sind, leben in baufälligen, baumhausähnlichen Strukturen, die aus Müll gebaut wurden, und beute Touristen. Inzwischen ist die Stadt absichtlich unwissend geblieben von denen, die im Ghetto wohnen. Die Beweise, die über jede Gruppe hervorgebracht wurden, könnten auf jeden als den Nährboden für den begehrten „Viadukt-Killer“ hinweisen, aber die kulturelle Identität des Täters bleibt ungelöst. Die Geschichte endet mit einer Beschreibung von „The Broken Span“, einer unfertigen Brücke, die das ikonischste Symbol der Stadt ist.“
2) Kurze Inhaltsangabe zu „Mrs. God“ alias „Esswood House„:
„Die Karriere von William Standish scheint so gleichförmig wie langweilig zu verlaufen. Er hat einen Lehrstuhl an einem unbedeutenden amerikanischen Provinz-College, seine Frau ist nach einer Abtreibung wieder schwanger, und er versucht seinen Doktortitel zu machen. Da bietet sich ihm die Gelegenheit in Esswood House, England, die Nachlasspapiere der Schriftstellerin Isobel Standish, seiner Stiefgroßmutter, zu studieren. Doch seine Forschungen werden in dem merkwürdigen Haus bald von etwas Schrecklichem gestört.“ (Edition Phantasia)
(Wikipedia) „William Standish, der die Gedichte seiner Großmutter Isobel Standish in einem englischen Herrenhaus, Esswood House, Haus und Nachlass der Familie Seneschal, seit weit über hundert Jahren aristokratischen Mäzenen der literarischen Kunst erforscht. D. H. Lawrence, T. S. Eliot, Ford Madox Ford und Henry James gehörten zu den Privilegierten, sich selbst als Gäste und Esswood Fellows zu bezeichnen. Wir erfahren, dass Isobel Standish in Esswood eine Erholung von der Außenwelt fand und in ihrer raffinierten Atmosphäre eine Inspiration für ihre Arbeit war. Es war immer von einem verborgenen Geheimnis in der Vergangenheit von Esswoods die Rede, und die Seneschal-Kinder waren oft blass und kränklich. Für Prof. William Standish, der vor der Untreue seiner Frau und ihrer vorherigen Abtreibung floh, und ihre zweite Schwangerschaft, von der er glaubt, dass sie das Ergebnis einer Affäre ist, die sie mit einem akademischen Rivalen hatte, bietet Esswood ihm die Möglichkeit, Isobels private Manuskripte aus nächster Nähe zu studieren, was ihn über seine wildesten Ambitionen hinaus begeistert.
Gleichzeitig findet er sich in England mit seinen unterschiedlichen Bräuchen auf See wieder, und vor allem in Esswood, einem großen gotischen Haufen, mit seinen Mahlzeiten, die von unsichtbaren Dienern serviert werden, seiner Rokoko-Bibliothek, seinen versteckten Kellern mit Knochen und riesigen Puppenhäusern. In eine alptraumhafte Landschaft hineingezogen, in der er von toten Babys verfolgt wird, oder von Geburten verschiedener Art (eines von Isobels Manuskripten trägt den Titel „B.P.“, das er als „Geburt der Vergangenheit“ interpretiert), hört er schwaches Lachen in den Hallen, das Pitter-Pattering von kleinen Füßen in der Nacht; seltsame Gesichter erscheinen in den Fenstern der Bibliothek. Standish ist zunehmend unfähig, Tatsachen von der Realität zu unterscheiden, da er, gefangen in einem Strudel halluzinatorischer Bilder, der Entfaltung der dunklen Geheimnisse von Esswood unterliegt.“
Kindheits- und Kriegstraumata – der Autor hatte als Kind eine Nahtoderfahrung – nisten wie Krebsgeschwüre in den Seelen der Menschen; die Angst vor dem anderen Geschlecht, der Besuch in einer düsteren alten Bibliothek oder nur die flüchtige Begegnung auf der Straße reichen aus, um die jeweiligen Protagonisten in „Häuser ohne Türen“ zu locken.
Die amerikanische Dichterin Emily Dickinson schrieb die Vorlage für das Zitat: „Unheil wohnt im Haus ohne Türen.“ Niemand entkomme daraus. Mit virtuoser Meisterschaft schildert Straub Situationen, deren Folgen alles grundlegend verändern, unwiderruflich.
Unterm Strich
Die Stories und Novellen in „Haus ohne Türen“ sind mitunter packender und erschreckender als so manches, was Stephen King an Alpträumen niedergeschrieben hat. Und es ist weit besser erzählt. Sehr empfehlenswert für den, der ausreichend starke Nerven hat.
Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel: Houses without doors, 1990;
Aus dem Englischen von J. Körber und A. Brandhorst
ISBN-13: 9783453075511
www.heyne.de
Der Autor vergibt: 




