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Montanari, Richard – Mefisto (Lesung)

_Hitchcock reloaded: der Badezimmermörder_

Sommer in Philadelphia. Doch die Ruhe trügt. Kevin Byrne, Detective der Mordkommission, und seine Partnerin Jessica Balzano werden zu einem bizarren Fall gerufen. Eine Frau ist ermordet worden, und ihr Todeskampf wurde von dem Mörder auf Video aufgenommen, hineingeschnitten in die berühmte Badezimmer-Szene aus Alfred Hitchcocks „Psycho“. Doch diesmal ist das Blut rot und das Messer real.

Bald tauchen weitere Filmklassiker auf, in denen Mordszenen nachgestellt und nachträglich eingefügt wurden. Ist ein Verrückter am Werk, der die Filmgeschichte zum Hintergrund seiner perversen Phantasien macht?

_Der Autor_

Richard Montanari, geboren in Cleveland, Ohio, wuchs in einer traditionellen italienisch-amerikanischen Familie auf. Er ist als Autor, Drehbuchschreiber und Essayist tätig. Seine Werke erscheinen nach Verlagsangaben in über zwanzig Ländern.

_Der Sprecher_

Matthias Koeberlin, geboren 1974, absolvierte die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Im Jahr 2000 erhielt er den Günter-Strack-Fernsehpreis. Er spielte den Stephen Foxx in der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers „Das Jesus-Video“. Für seine Interpretation der [Hörbuchfassung 267 von Eschbachs Bestseller wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis des WDR (2003) nominiert.

Koeberlin liest eine von Guido Huß gekürzte Textfassung. Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme in den dc-Studios, NRW-Berlin, verantworteten Fabian Frischkorn und Christian Päschk, die Musik lieferten Dennis Kassel und Horst-Günther Hank.

_Handlung_

Kommissar Kevin Byrne hat schon bessere Tage gesehen. Es ist Sommer in der Stadt der brüderlichen Liebe, doch er hat Schmerzen. Von der Konfrontation mit dem Rosenkranzkiller an Ostern (vgl. [„Crucifix“) 2818 hat er einer Verletzung am Ischiasnerv zurückbehalten. Wenigstens konnten ihm die Ärzte die Kugel des Killers aus dem Schädel operieren, sonst wär’s aus gewesen. Die Schatten der Vergangenheit sollen Detective Sergeant Byrne jedoch weiterhin plagen.

Als er von seinem Kommissariat benachrichtigt wird, dass Julian Matisse wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weiß er, dass es bald Ärger geben wird. Diesen Gewaltverbrecher und Sadisten hat er vor zwei Jahren hinter Gitter gebracht, doch nun wurde ein wichtiger Zeuge, sein Kollege Jimmy Purify, belastet. Bevor es zur Berufungsverhandlung kommt, ist Matisse auf freiem Fuß. Sofort wendet sich Byrne an eines von Matisses Opfern, Vikki Lindström. Zusammen machen sie nicht nur Liebe, sondern setzen sich auch auf die Fährte des Mannes, der ihr das Gesicht zerschnitt …

|Unterdessen …|

… bekommt die Mordkommission ein merkwürdiges Videoband zugestellt, dessen sich Kommissarin Jessica Bolzano, seit acht Jahren bei der Kripo, anzunehmen hat. Sie lässt es von der Audio-/Video-Abteilung fachmännisch untersuchen. Kollege Mateo Fuentes ist ein Schlaufuchs und arbeitet mit seinem Computer äußerst trickreich. Es gibt praktisch nichts, was er nicht findet. Und auf diesem Video gibt es jede Menge zu entdecken. Jessica schaut es sich mit Byrne und ihrem Chef Ike Buchanan an.

Vordergründig handelt es sich um ein Kopie von Alfred Hitchcocks Thrillerklassiker „Psycho“ aus dem Jahr 1960. Die berühmteste Szene daraus ist bekanntlich die Duschszene, in der Janet Leigh alias Marion von einer Gestalt in Frauenkleider mit einem Schlachtermesser attackiert und getötet wird. Das Original ist ein Meisterwerk der, ähem, Schnitttechnik. Doch diese Version ist anders: Als die Duschszene beginnt, tritt eine Störung ein und das Bild wechselt nach einer kurzen Schwarzblende zur körnigen Schwarzweißaufnahme eines Duschvorhangs, hinter dem eine weibliche Stimme ein Lied von Norah Jones trällert. Jedoch nicht lange, denn ein Mann betritt das Badezimmer, reißt den Vorhang beiseite und beginnt auf die nackte junge Frau dahinter einzustechen …

Jessica würgt und wendet sich ab. Sie hat ja schon viel Grauenvolles gesehen, war aber noch nie „live“ bei einem Mord dabei. Nach dieser nachgestellten Mordszene, an deren Echtheit ob des Blutes kein Zweifel bestehen kann, kehrt der Film wieder zu Hitchcocks „Psycho“ zurück. Norman Bates ruft nach seiner Mutter. Aber wer ist die reale Ermordete?

Weil die Spur des Videobands zu nichts führt, muss Mateo Fuentes seine Kunst zeigen: Auf der Duschstange befindet sich ein Fleck. Der Fleck entpuppt sich durch seine Magie als Herstelleretikett. Diesen Hersteller machen Jessica und Byrne ausfindig, und er nennt ihnen die belieferten Hotels. Unter diesen befindet sich das Rivercrest-Hotel, eine schäbige Absteige unweit des Flusses, der Philadelphia durchströmt. Hier stoßen sie auf ein Zimmer, das als Tatort in Frage kommt. Die Spurensicherung macht die Vergangenheit sichtbar: Blutspuren überall! Aber von einer Leiche keine Spur. Erst Tage später kommt Jessica die rettende Idee: Vielleicht hat der „Filmemacher“ es ja genau wie Norman Bates gemacht und die Leiche in den Kofferraum eines Autos gelegt, welches er dann versenkte.

Jessicas Eingebung stellt sich als Durchbruch heraus. Das gefundene Auto mit der Leiche der Frau ist der Beginn einer Aufholjagd. Der Killer – Julian Matisse? – hat eine Woche Vorsprung. Und er hat ihnen bereits sein zweites „Meisterwerk“ zukommen lassen. Diesmal eine Szene aus dem Michael-Douglas-Film „Eine verhängnisvolle Affäre“. Darin spielen wieder Schlachtermesser und Badezimmer eine Hauptrolle. Nur ist diesmal alles in Farbe. In Blutrot …

_Mein Eindruck_

Diesmal präsentiert der Autor Montanari, der uns schon mit [„Crucifix“ 2818 aufs Hinterhältigste unterhielt, ein ganzes Trio von Hauptverdächtigen. Es ist wie ein Hütchenspiel: Finden Sie den wahren Täter! Welcher von den dreien mag es wohl sein: Ist es Julian Matisse, Seth Goldman oder gar ein Mister X, den Sie gar nicht auf Ihrer Rechnung haben? Man kann sich also darauf verlassen, dass es mindestens zwei falsche Fährten gibt, und es ist nicht einmal sicher, dass es Mister X ist.

Der Showdown am sechsten „Drehort“ des „Filmemachers“ ist nicht nur äußerst fies eingefädelt und hergerichtet, sondern hinterlässt bei Leser bzw. Hörer eine gute Portion Verwirrung. Nanu, wo kam denn nun Mister Y her? Und wie kommt es, dass er und Seth Goldman die gleichen Filme angesehen haben? Wie auch immer: Für Byrne führt nicht nur die Spur in seine Vergangenheit, wo er ständig mit Mordopfern oder Drogentoten, die sich den Goldenen Schuss gesetzt hatten, zu tun hatte. Mag sein, dass er dabei nicht immer das gebotene Mitgefühl an den Tag gelegt hat, aber herrje – welcher Cop kann das schon in einer Stadt, die eine der höchsten Kriminalitätsraten in den USA hat?

Auch Jessica ist wie Byrne stets nach einem langen Arbeitstag wie ausgepumpt. Und weil der „Filmemacher“ (den nur der Autor selbst als „Mefisto“ bezeichnet) sie mächtig auf Trab hält, muss sie einmal sogar einen 26-Stunden-Tag einlegen. Das würde sogar ein Pferd umbringen. Geschweige denn einen normalen Menschen, der nur versucht, seine Pflicht zu tun und seine Mitbürger vor dem nächsten Anschlag zu schützen.

Weder Jessica Bolzano noch Kevin Byrne sind Übermenschen oder gar Superhelden wie Spider-Man und Konsorten. Sie haben Familie, jeweils eine Tochter, um die sie sich sorgen. Es ist diese Eigenschaft als Eltern, die sie in die Lage versetzt, mit den jungen Frauen zu fühlen, die in den Badezimmerszenen des „Filmemachers“ unversehens zu dessen Opfern werden. Was erhofften sich die jungen Frauen? Wurden sie mit Chancen auf eine größere Filmrolle gelockt? Manche von ihnen haben schon in Sadomasopornos mitgespielt, findet Jessica heraus, und diese Erfahrung hat sie so fertiggemacht, dass sie Heroin nahmen, um darüber hinwegzukommen.

Vikki Lindström, die junge Frau mit dem von Matisse zerschnittenen Gesicht, kam mit 17 voller Hoffnungen vom platten Land in die große Stadt, um hier ihre Chance zu suchen. Natürlich als Model oder Schauspielerin. Stattdessen landete sie im Rotlichtbezierk in einem Massagesalon. Ihren Schicksalsgenossinnen erging es wesentlich schlechter, wenn sich Jessica die Werke des „Filmemachers“ oder einige Pornostreifen ansieht. Manchen flohen aber nicht vor der Armut, sondern wurden von ihren Eltern, die hohe Erwartungen hatten, dazu getrieben. In beiden Fällen wurden die Frauen um alles betrogen, was ihnen irgendetwas bedeutete. Und manchmal auch um ihr Leben.

Der mitunter tödliche Missbrauch für das Filmgeschäft, den der Autor in seinem Thriller auf verschiedenen Ebenen anprangert, ist für die Cops Anlass, ihrer Pflicht des Bürgerschutzes nachzukommen. Film als genehmigte und sogar glamouröse Form der Ausbeutung, aber wo ist die Grenze zur Realität? Der „Filmemacher“-Killer überschreitet sie vorsätzlich und immer brutaler. Das prangert den Zuschauer solcher Filme selbst an. Warum genießen wir Horrorfilme wie „Psycho“? Wo hat diese Lust am Horror-Sehen ihre legitime Grenze? Ist es die gleiche Grenze wie bei Killerspielen?

Der O-Titel lautet „The skin gods“ – die Könige der Haut, und gemeint sind Regisseure, die nackte Haut zeigen. „The skin trade“ heißt von jeher die Prostituition, und offenbar gehören für Amerikaner diese beiden Gewerbe ganz eng zusammen. Die Schnittmenge beider Gewerbe ist als Pornoindustrie bekannt, und sie setzte im Jahr 2006 weltweit rund 55 Milliarden Dollar um. Wo kommt das Geld her, wenn nicht von den Konsumenten? Gemeint sind damit nicht nur erwachsene Männer, die erwachsenen Frauen zusehen, sondern Personen jeden Alters, Berufs und Geschlechts, die sich bereits Bilder von missbrauchten Babys ansehen. (In einer Szene wird tatsächlich ein Baby entführt – und in einem Sarg vor laufender Kamera begraben.) Das ist der wahre Horror des „skin trade“.

Dass aus dem Filmgeschäft ganz schnell bitterer Ernst werden kann, muss Kevin Byrne am eigenen Leib erfahren. Seine geliebte Tochter Colleen wurde entführt, und er sieht sie erst in einem improvisierten Filmstudio wieder. Was wird Byrne tun, wozu ist er fähig?

|Der Sprecher|

Als ausgebildeter Schauspieler weiß Koeberlin seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Ihm gelingen ausgezeichnete Charakterisierungen, allerdings vor allem in den eher unwichtigen Nebenrollen. Während Byrne und Jessica ganz normal klingen und den Maßstab für Normalität setzen, dürfen Nebenfiguren schon mal ziemlich schräg und zwielichtig klingen. Da ist der Junkie, der sich als Grunge-Jünger aufführt und total heiser und geistesabwesend klingt. Da ist der Videothekenbesitzer, der einen auf harten Macho macht, aber damit bei den Cops gar nicht gut ankommt. Und schließlich ist da noch Detective Mateo Fuentes, dessen spanischen Akzent Koeberlin wundervoll charmant nachahmt, ohne es dabei mit der Machotour zu übertreiben.

Die Damen kommen allesamt sehr gut weg. Ihre Stimmen klingen durchweg weicher, sanfter, manchmal sogar verführerisch. Nur die Chefin eines weiblichen Opfers wird ein wenig übertrieben. Der Sprecher wird sehr emotional, und „ihre“ Stimme zittert tränenerstickt. Ansonsten wird dem Hörer jede Lautstärke zwischen Flüstern, Keuchen und Rufen bzw. Brüllen geboten. Eine der stärksten Szenen ist zweifellos Byrnes Folterung von Julian Matisse (merke: Byrne ist einer der ganz Harten). Hier darf Koeberlin seine ganze Schauspielkunst aufbieten.

_Unterm Strich_

„Mefisto“ dürfte in gleichem Maße wie schon „Crucifix“ die Freunde von blutigen und bizarren Thrillern wie „Sieben“ und [„Das Schweigen der Lämmer“ 354 ansprechen. Trotz der etwas aufgesetzt wirkenden Tötungsszenen und der verwirrenden Vielfalt an Hauptverdächtigen ist das Buch ein gut funktionierender und straff erzählter Copthriller, der allerdings einige falsche Fährten bereithält. Also nicht zu früh freuen!

Die Story zeichnet sich durch zwei plausibel und mit Tiefe gezeichnete Hauptfiguren aus, denen man gerne eine gemeinsame Zukunft wünschen würde, wenn, ja, wenn da nicht der böse Schurke wäre, den es in einem packenden Showdown zu bezwingen gilt. So kommt es zwar zu einem – mühsam erkämpften – Happyend, aber nicht zwischen Jessica und Byrne.

Das Hauptthema dieses Thrillers scheint mir Grenzübereitung, Transgression zu sein. Der „Filmemacher“ überschreitet die feine Linie zwischen Fiktion und Realität, wobei er blutige Szenen dreht. Und Kevin Byrne schreitet selbst zur Tat, um Julian Matisse das Handwerk zu legen. Dabei überschreitet er eindeutig die ihm als Polizisten auferlegten Beschränkungen, und am Schluss steht er dicht davor, den Haupttäter eigenhändig hinzurichten. Damit will der Autor belegen, wie wichtig Regeln und Grenzziehungen sind. Ohne sie brechen Amoral und Anarchie aus. Das wäre seiner Meinung nach das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen.

Der Sprecher gestaltet den Text zu einer spannenden, abwechslungsreichen und unterhaltsamen Lesung, indem er die vielfältigen darin auftretenden Figuren einigermaßen gut mit seinen stimmlichen Mitteln zu charakterisieren versteht.

|Originaltitel: The skin gods, 2006
Aus dem US-Englischen übersetzt von Karin Meddekis
390 Minuten auf 6 CDs|
http://www.luebbe-audio.de

Indriðason, Arnaldur – Menschensöhne (Lesung)

_Erlendurs erster Fall: „Alien 4“ lässt grüßen_

Island, eine friedliche Insel im Nordatlantik? Mitnichten. Ein pensionierter Lehrer wird in der Innenstadt der Hauptstadt Reykjavik brutal ermordet. Zur gleichen Zeit begeht einer seiner ehemaligen Schüler in der psychiatrischen Klinik Selbstmord. Dass ein Zusammenhang zwischen den beiden Fällen besteht, findet als Erster der jüngere Bruder des Selbstmörders heraus. Erlendur Sveinsson und seine Kollegen von der Kripo Reykjavik schalten sich in den Fall ein. Das Ermittlungsergebnis ist haarsträubend: Von der Klasse des Selbstmörders leben nur noch zwei Schüler.

_Der Autor_

Arnaldur Indriðason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung |Morgunblaðið|. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavik und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman [„Nordermoor“ 402 hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Håkan Nesser und Henning Mankell! Trotz seines Erfolgs sollte man nicht meinen, dass Island von einer Verbrechenswelle heimgesucht wird. Laut Verlag gibt es dort nur drei Morde pro Jahr.

Bisher ins Deutsche übersetzte Romane (alle bei |Lübbe|):

[Nordermoor 402
[Engelsstimme 721
Gletschergrab
[Todeshauch 856
Menschensöhne

_Der Sprecher_

Frank Glaubrecht ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht beispielsweise so bekannten Filmstars wie Al Pacino, Pierce Brosnan, Jeremy Irons und Richard Gere seine markante Stimme. Er hat u. a. Indriðasons Hörbücher „Nordermoor“ und „Engelsstimme“ gelesen.

Die Bearbeitung der gekürzten Textfassung erfolgte durch Sabine Bode, Regie führte Marc Sieper. Die akustischen Motive (= Musik etc.) steuerte Michael Marianetti bei.

_Handlung_

Als Palmi diesmal seinen älteren Bruder Daniel in der psychiatrischen Klinik, einem kalten grauen Gebäude an der Küste, besucht, stutzt er: keine Raucher auf dem Korridor, und Daniels Zimmer ist verwüstet. Ein Aufseher sagt ihm, dass Daniel sich oben im fünften Stock umbringen wolle. Palmi ist schockiert, aber nicht verwundert. Schon zweimal hat Daniel in seiner Jugend versucht, sich umzubringen, und zweimal hatte er Palmi und seine Mutter angegriffen. Aber das war vor 25 Jahren, und die Mutter starb vor sieben Jahren. Der Vater, ein Matrose, ist auf See geblieben, die Brüder haben ihn kaum gekannt.

Daniel steht auf dem Fenstersims im fünften Stock und droht, sich in die Tiefe zu stürzen. „Sie haben mir Gift eingetrichtert!“ schreit er. „Wo sind die Anderen?“ Als Palmi darauf keine Antwort weiß, stürzt sich Daniel, gerade erst 40 geworden, in die Tiefe. Er ist sofort tot. Wer war Daniels letzter Besucher, von dem die Krankenschwester Palmi berichtet? Was hat er Daniel erzählt?

Unterdessen in der Innenstadt von Reykjavik. In dem über hundert Jahre alten Holzhaus, das völlig verwahrlost ist, stinkt es nach Benzin, alles ist davon durchtränkt. Selbst die Kleidung des alten Mannes, der gefesselt auf einem Stuhl am Schreibtisch sitzt und sich nicht wehrt. Jemand zündet ein Streichholz an und steckt es dem Alten in die Finger. Als es herunterbrennt und das Benzin erreicht, steht sofort das ganze Haus in Flammen. An den Wänden hängen zahlreiche Fotos von Schülern und Lehrern, die aus mehreren Jahrzehnten stammen müssen, denn die Kleidung der Schüler hat sich ebenso verändert wie ihre Haltung gegenüber der Kamera. Der abgebildete Lehrer ist immer der gleiche: das Mordopfer.

Als Kommissar Erlendur Sveinsson mit seinem Kollegen Sigurdur Oli den Tatort in Augenschein nimmt, ist der Tote bereits anhand von Zahnarztunterlagen identifiziert: Halldór Svavarsson, ein ehemaliger Lehrer einer Volksschule. Als sie Halldórs Schwester befragen, erzählt sie, man habe sich einmal an ihrem Bruder vergangen, damals in seiner Kindheit. Doch er habe sie tags zuvor angerufen: Er sagte, es sei vollbracht. Was hat er bloß gemeint?

Am Tag nach den beiden Toden erhält Palmi drei Microcassetten mit den Aufnahmen der Gespräche zwischen seinem Bruder Daniel und Halldór Svavarsson, seinem ehemaligen Lehrer an der Volksschule. Halldór bedauert zutiefst, was er Daniel und den anderen Jungs seiner Klasse im Winter 1967/68 angetan habe. Weil er erpresst wurde, hat er ihnen im Rahmen eines medizinischen Experiments „Lebertranpillen“ verabreicht, in denen sich offenbar kein Lebertran befand. Aber was war es dann?

Die Leistungsfähigkeit der Jungs steigerte sich in auffälligem Maße, und zwei Krankenschwestern nahmen ihnen Blutproben ab, um die Veränderungen zu protokollieren. Doch als Halldór die Pillen absetzen musste, traten sehr hässliche Entzugserscheinungen auf. Viele der Jungs wurden drogenabhängig (auch Daniel), manche begingen Selbstmord, andere fielen Unfällen zum Opfer, Daniel wurde schizophren.

Palmi erkennt verbittert, dass von all den Jungs jener Klasse nur noch ein einziger am Leben sein könnte, jener, den sie den Pechvogel „Kiddi Kolk“ nannten, Christian Einarssson. Er sieht keine Chance, Kiddi zu finden, denn die Hintermänner jenes teuflischen Experiments dürften immer noch hinter Kiddi her sein.

Er ahnt nicht, wie Recht er hat. In der Nacht hat Palmi schwere Albträume von Daniel und Halldór, und die Hand eines Unbekannten würgt ihn, der ihn anschreit: „Wo sind die Cassetten? Wo sind die Cassetten?“ Der Traum ist gar keiner, erkennt Palmi. Dies ist grausame Realität …

_Mein Eindruck_

In seinem ersten Roman über Kommissar Erlendur Sveinsson greift der Autor wie später in dem eindrucksvollen „Nordermoor“ einen alarmierenden Misstand in der isländischen Gesellschaft auf. Zunächst sieht es nach einem Einzelfall aus, was die Pharmaindustrie an unschuldigen Schülern verbrochen hat: ein skrupelloses medizinisches Experiment.

|Die Verstrickung der Politik|

Doch als Erlendur mit seinem Vorgesetzten spricht, erfährt er, dass sich der Premierminister über diesen Fall auf dem Laufenden halten lässt. Und so wundert es Erlendur nur wenig, dass es nach der Lösung des Falls die Behörden mühelos schaffen, alle Angaben über den Hauptverantwortlichen zu unterdrücken. Nur der Handlanger und eine jener Krankenschwestern werden belangt. Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen. Der Autor klagt keine Einzelschuld ein, sondern eine Gesamtschuld.

~ SPOILER! ~

Dieser Drahtzieher ist Chef des größten isländischen Pharmakonzerns, das zufällig auch das größte ansässige Unternehmen ist – und somit ein wichtiger und mächtiger Steuerzahler. Allerdings lebt der Drahtzieher mehr in Deutschland, woher seine Familie stammt. Und für die dortige Entwicklung von Amphetamin-Präparaten testete er einen Stoff an isländischen Schülern. Das Aufputschmittel wird auch ‚Speed‘ genannt, und es macht definitiv süchtig. Was die ahnungslosen Testpersonen schon bald nach Absetzen der Droge bitter zu spüren bekamen.

Doch dies war nicht das einzige Verbrechen des Pharmabesitzers. Das abgezapfte Blut diente als Grundlage für genetische Versuche, um den heiligen Gral der Genetik zu erlangen: das Klonen von Menschen. Als Palmi und sein Freund in das unterirdische Genlabor eindringen, stoßen sie auf Gespenster der Vergangenheit …

~ ENDE des SPOILERS ~

|Doppelt hält besser|

In klassischer Weise führen die Ermittlungsergebnisse der beiden Teams Erlendur/Sigurdur und Palmi/Freund X zu den Drahtziehern der Verbrechen an den Schülern und ihrem Lehrer. Dabei müssen beide Teams weit in die Vergangenheit zurück, bis zum Zweiten Weltkrieg und davor. Die Methoden sind natürlich völlig unterschiedlich, doch das Erfreuliche dabei ist, dass, trotz der Kooperation Palmis mit den Behörden, die Privatpersonen in ihrem Bemühen, das letzte und größte Geheimnis zu lüften, wesentlich weiter kommen als die beiden Polizisten. Die Teams lassen sich also als gleichberechtigt betrachten, und es ist spannend zu beobachten, wie sie sich allmählich vorarbeiten und dem Kern des Geheimnis immer näher kommen. Doch dies ist keine Ermittlung um ihrer selbst willen – sie wollen den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber auch den Schuldigen.

|Die Rolle des Schurken|

Natürlich ist es von wesentlicher Bedeutung, die Figur des obersten Schurken richtig zu besetzen und zu zeichnen. Willkommen in der strahlend weißen Welt der global agierenden Genetikwirtschaft! Als Palmi und sein Freund – es dürfte klar sein, um wen es sich handelt – in die Villa des Pharmachefs eindringen, landen sie in einem Wunderland der Biomedizin, das gerade durch seinen klinisch reinen Charakter so bizarr wirkt (wie schön, dass es nicht von Isländern gebaut wurde!).

Der Herrschers dieses Wunderlands, ein Mann mit einem deutschen Namen, hält sich nur zu bedeutsamen Anlässen hier auf, beispielsweise für eine wichtige Transaktion. Er ist ein Mann mit ebenso viel Kunstverstand (hier hängt Islands einziger Cézanne) wie Geschäftssinn (er lässt einen der Top-50-Männer der Welt anreisen, um zu investieren), doch mit seiner Moral scheint etwas nicht zu stimmen. Was er herstellt und womit er handelt, das sind menschliche Wesen. Doch kann man diese titelgebenden „Menschensöhne“ wirklich so nennen? Palmi und Co. werden es herausfinden. Ein klassischer „Alien 4“-Moment wartet auf sie.

|Gefallene Engel?|

Eine Bedeutungsebene fehlt noch, die dem Unternehmen Kloning eine bittere ironische Note verleiht. Folgendes Bibelzitat ist dem Roman als Motto vorangestellt: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren ist, sondern das ewige Leben hat.“ Der Klonhersteller nimmt diesen Spruch ein wenig zu wörtlich. Wenn er den reichen Koreaner klont, um ihm so das „ewige Leben“ zu verschaffen, so bezieht sich seine Errungenschaft auf den rein körperlichen Aspekt. Der Geist des Klons ist davon nicht betroffen – dieser wird sowieso nur als Produkt der Umwelt betrachtet.

Als wäre dieses Verbrechen nicht genug, missbraucht der Klonhersteller auch noch die auf natürliche Weise entstandenen Menschen-Söhne, um seine künstlichen Menschen zu erzeugen. Eine zynischere Haltung gegenüber dem menschlichen Leben ist kaum vorstellbar. Es ist die totale Umkehrung des Sinnes, der mit dem Bibelspruch ausgedrückt werden soll.

Und die Opfer selbst? Ganz konkret wird die Auswirkung dieses Verhaltens an Daniels geistigem Zustand. Nach dem Motto seines Lehrers Halldór wollte er „ad astra“, zu den Sternen streben. Und tatsächlich schien die Wunderdroge sozusagen eine Abkürzung dorthin bereitzustellen: einen geistigen Höhenflug sondergleichen. Doch der Absturz dieses Ikarus folgt unausweichlich, als die Droge entzogen wird: Daniel phantasiert von einer „Vertreibung aus dem Paradies“, vom Sturz eines Meteors, der auf die Erde fiel. Er fesselt in seiner Wut seinen Bruder Palmi ans Bett und zündet dieses an – ein deutlicher Vorgriff auf die Art und Weise, wie Halldór umkommt. Das Unglück der Opfer hat eine tragische Dimension. Das kann man für pathetisch halten oder auch nicht; hieran scheiden sich die Geister.

|Hello, Dolly!|

Natürlich nimmt der Autor den Kloning-Erfolg am Schaf „Dolly“ zum Aufhänger für seine horrible Kriminalstory, und mittlerweile weiß man, wie enorm schwierig dieses Unterfangen ist – von der Fragwürdigkeit mal ganz abgesehen. Doch auch ohne den Klonaspekt bleibt das Thema des verbotenen medizinischen Experiments an ahnungslosen Opfern brisant. Die einzelnen Mitglieder von Daniels Clique erwachen in der Rückblende zu erstaunlich deutlichem Leben, als der Autor eine blutige Szene schildert, die in einem Kellerversteck der Bande stattfindet. Die folgenden Ereignisse erklären, warum Kiddi Kolk nur noch ein Auge hat … Die Szene ist so anschaulich erzählt, dass man meinen könnte, der Autor hätte dies oder Ähnliches selbst erlebt. Er kennt sich in den „sozial unterprivilegierten“ Gegenden der Hauptstadt offensichtlich bestens aus. Und er scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen.

|Ein Erstling? Kaum zu glauben|

Es ist wenig davon zu spüren, dass dies Indriðasons erster Krimi war. Ein Hinweis darauf, dass wir es nicht mit der Urfassung zu tun haben, liefert eine winzig gedruckte Zeile im Impressum des Buches, das mir ebenfalls zur Besprechung vorlag. (Gut, dass wir verglichen haben, nicht?) „Die Übersetzung wurde von einer überarbeiteten Fassung des isländischen Originals vorgenommen.“

|Der Sprecher|

Thrillerkenner wissen, dass Frank Glaubrecht die deutsche Stimmbandvertretung von Al Pacino ist. Wer jemals Pacino in Michael Manns „Heat“ gesehen und vor allem gehört hat, ahnt schon, mit welcher Autorität Glaubrecht die Geschichte von Halldor, Palmi, Daniel und Erlendur vortragen kann. Dies habe ich schon bei den anderen Indriðason-Hörbüchern festgestellt: Die Geschichte, wenn Glaubrecht sie vorträgt, kann niemanden kalt lassen.

Das ist ganz besonders wichtig in jenen Szenen und Sätzen, die über die normale Alltagserfahrung und -ausdrucksweise hinausgehen. Wenn Erlendur und Palmi von Abscheu angesichts bestimmter Phänomene wie Kloning erfasst werden, so muss man ihnen das abnehmen. Ganz besonders kritisch wird es, wenn der Moment des Grauens so bizarr wird, dass die Vorstellungskraft kaum noch ausreicht, ihn zu visualisieren. Das ist im Zentrum des Genlabors, dem Herz der Finsternis, der Fall.

Die Hörbuchdramaturgie ist löblicherweise darauf ausgerichtet gewesen, Spannung zu erzeugen. Daher verwundert es nicht, dass viele Szenen mit einer neuen Erkenntnis enden, die zugleich wie ein Cliffhanger funktioniert. Der Zuhörer ist begierig darauf zu erfahren, wie es weitergeht. Natürlich wird die gleiche Szene selten fortgesetzt, sondern die Story wechselt zum parallelen Handlungsstrang B. Umso größer ist dann die Spannung, wenn die Sprache wieder auf Handlung A kommt.

Nach klassischem Krimimuster steigert sich die Spannung wie auch die Ebene, auf der Erkenntis und Täter zu finden sind, mit jedem weiteren Ermittlungsergebnis. Das Finale sieht dann den Showdown vor. Doch der verläuft bei Indriðason niemals in der Weise, wie ihn sich ein Drehbuchautor aus Hollywood vorstellen würde. Und doch, so viel lässt sich verraten, gibt es ein so genanntes Happyend.

Musikalische Motive bilden ein Intro für die Geschichte und begleiten quasi den Abspann. Sie beschwören eine Stimmung aus Spannung und Drama. Ich fand sie recht passend.

_Unterm Strich_

Man merkt zwar, dass Indriðasons Erstling noch stark an klassischen Mustern für Krimis orientiert ist, aber das Thema ist bereits ebenso brisant wie das seiner späteren Romane. Ich fand die Geschichte sowohl spannend erzählt als auch sehr bewegend in ihrer Aussage und Darstellung.

Und je mehr die Welt jene Visionen, die die Science-Fiction noch vor 30 Jahren zeichnete, in die Realität umsetzt, umso dringender müssen wir uns als Zeitgenossen fragen, ob der Mensch schon bereit ist, sein Ebenbild – ob als Klon, Roboter oder KI – zu erschaffen und wie eine Ware zu verschachern. Von den Opfern, die auf diesem Weg zu bringen sind, und ihrer moralischen Rechtfertigung ganz zu schweigen.

|Originaltitel: Synir Duftsins, 1997
265 Minuten auf 4 CDs|

Craig Russell – Wolfsfährte (Lesung)

Der böse Wolf holt Hänsel und Gretel

Können die berühmtesten Märchen der Gebrüder Grimm zur Vorlage schrecklicher Bluttaten dienen? Mit dieser Frage wird der Hamburger Hauptkommissar Jan Fabel konfrontiert, als man das erste Opfer eines Serienmörders entdeckt. Die Ermittlungen führen Fabel und sein Team bald auf die Spur eines Täters, dem die Grimmschen Märchen offenbar mehr bedeuten als Gutenachtgeschichten für Kinder – und der vor allem unter Beweis stellen will, dass viele Märchen blutig enden …

Der Autor

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Grangé, Jean-Christophe – Schwarze Blut, Das

_Nervenkitzel pur, exzellent vorgetragen_

Jacques Reverdi, Serienmörder, wartet im Gefängnis von Malaysia auf sein Urteil. Wie eine Blutspur ziehen sich seine grausamen Ritualmorde an Frauen durch Südostasien.

Mark Dupeyrat, Pariser Journalist, plant einen Bestseller über diesen Mann. Er erfindet „Elisabeth“, die mit Reverdi schriftlich Kontakt aufnimmt, um sich sein makabres Universum zu erschließen. Als der Mörder Feuer fängt, sich sogar in die unbekannte Briefeschreiberin verliebt, schickt Mark ein Foto seiner Freundin Khadidscha. Doch dann entkommt Reverdi aus dem Gefängnis – und für Mark und Khadidscha beginnt ein Alptraum … (Verlagsinfo, nicht ganz zutreffend)

_Der Autor_

Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, ist als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris-Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Päis, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen, und er begleitete wochenlang die Tuareg. „Der Flug der Störche“ war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. (Verlagsinfo)

1994: „Der Flug der Störche“ (Le vol des cigognes)
1997: „Die purpurnen Flüsse“ (Les Rivières pourpres)
2000: „Der steinerne Kreis“ (Le Concile de Pierre)
2000: Drehbuch zum Film „Die purpurnen Flüsse“
2001: Drehbuch zum Film „Vidocq“
2003: „Das Imperium der Wölfe“ (L’empire des loups)
2004: „Das schwarze Blut“ (La Ligne Noire)
2005: Drehbuch zum Film „Das Imperium der Wölfe“

Die Verfilmung von „Der steinerne Kreis“ befindet sich derzeit in der Nachproduktion.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine charismatische Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören.

_Handlung_

Jacques Reverdi, ein ehemaliger Weltmeister im Freitauchen, wäre um ein Haar gelyncht worden. Die aufgebrachten malaiischen Dorfleute wollten ihn aufknüpfen, als sie herausfanden, dass die Frau, die bei ihm war – Pernilla – schon seit Tagen nicht mehr gesehen worden war. Als sie die Tür von Jacques’ Hütte aufbrachen, standen sie sofort in einem See aus Blut. Er hatte der jungen Schwedin methodisch die Venen – nicht die Arterien – aufgeschnitten, um sie ausbluten zu lassen.

Als eine Psychologin ihn vernahm, behauptete er, es nicht gewesen zu sein, sondern ein anderer. Erst steckten die Malaiien ihn in die Psychiatrie, dann kam er in den Knast. Und hier in die Vorhölle, wo ein sadistischer Aufseher regiert: Der Tod durch den Strang ist ihm sicher. Aber dennoch gibt er nicht auf.

|Mark …|

… Dupeyrat ist schon 44 Jahre alt, als er auf die Zeitungsmeldung über Jacques’ Festnahme stößt. Mark hat als Journalist schon alle Tiefen des Berufs als Paparazzo und Gerichtsreporter durchlebt. Nach zwei schweren privaten Tragödien – erst verlor er seinen Freund d’Amico, dann seine Verlobte Sophie – hat er sich hinter einen Panzer zurückgezogen. Doch Jaques’ Geschichte berührt ihn. Vielleicht gelingt es ihm über diese Inkarnation des Bösen, zu einem Begreifen des Mordes an Sophie zu gelangen. Mark war mehrere Tage bewusstlos und danach monatelang in einer Spezialklinik, bis er von diesem Schicksalsschlag genesen konnte.

Er versucht, einen Kontakt zu Reverdi herzustellen, doch dieser gibt grundsätzlich keine Interviews. Aber wie jeder Mörder, der mehr als einmal in der Zeitung stand – die Schwedin war nicht sein erstes öffentlich bekanntes Opfer – bekommt Reverdi Fanpost: meist von Frauen, die vom „Schwarzen Mann“ fasziniert sind. Jacques’ lehnt diese ahnungslosen Schnepfen alle achselzuckend ab.

Doch eines Tages bekommt er einen Brief von einer gewissen Elisabeth Bremen, der ihn erst ob seiner selbstgerechten Dreistigkeit erbost, dann aber aufhorchen lässt: Elisabeth ist bereit, ihm auf dem Weg zum Herz des Bösen zu folgen, koste es, was es wolle. Jacques grinst …

|Bingo!|

Endlich bekommt Mark, der sich als Elisabeth Bremen ausgibt, eine Antwort von Reverdi. Der Briefaustausch dauert erst lange und ist umständlich, aber wenigstens bleibt Marks Anonymität gewahrt. Doch als Reverdi ein Foto von Elisabeth verlangt, gerät Mark in die Bredouille – woher nehmen und nicht stehlen? Genau das macht er und zwar bei seinem besten Freund und Kollegen, dem Modelfotografen Vincent.

Der macht gerade Bilder von einer nordafrikanisch aussehenden Frau. Ihr Name ist Khadidscha – ausgesprochen „chá-di-dscha“ – und sie hat ebenfalls eine Tragödie hinter sich. Ihre heroinsüchtigen Eltern verbrannten in ihrer Wohnung, als sie noch ein Teenager war und sich um ihre Geschwister kümmerte. Ihr Blick ist umflort und geheimnisvoll. Mark greift sofort zu und schickt Reverdi ihr Polaroidfoto.

Jacques ist hingerissen, wider sein eigenes Erwarten. Sofort antwortet er, dass Elisabeth, wenn sie ihr Anliegen ernst meine, ihm auf der „schwarzen Linie“ folgen solle. Dort würden er, Jacques, und ein anderer ER sie erwarten. Doch sie werde sich würdig erweisen müssen und Aufgaben gestellt bekommen. Jacques leitet in die Wege, dass diese vielversprechende Verehrerin mit ihm E-Mails austauschen kann.

|Ins Herz der Finsternis|

Mark leiht sich von Vincent Geld, kauft Tickets nach Malaysia, ein anderes Notebook und legt ein anonymes E-Mail-Konto an, denn schließlich muss er seine Identität verbergen. Schon bei seiner Ankunft wartet eine Aufgabe auf ihn, die ihn ins Herz der Finsternis führen wird. Denn Jacques Reverdi ist kein durchgeknallter Triebtäter, dem beim Morden die Nerven durchgehen, sondern ein Mann mit einer Methode – und einem Ziel, das er noch nicht erreicht hat. Aber mit „Elisabeths“ Zutun könnte er es erreichen. Dann würde man endlich verstehen, was er tut.

_Mein Eindruck_

Der Roman ist klar in drei Teile aufgeteilt: Marks Zeit in Paris, dann seine Reise in Südostasien, dann deren Folgen, als er wieder in Frankreich ist. Parallel dazu erleben wir Reverdis Zeit im Knast von Malaysia. Es ist also für jede Menge Abwechslung gesorgt. Eigentlich hätte ich erwartet, dass auch Khadidscha eine tragende Rolle spielt, aber in dieser Erwartung wurde ich enttäuscht. Obwohl er alle seine drei Hauptfiguren gut eingeführt und mit einer interessanten Vergangenheit versehen hat, weist er Khadidscha nicht mehr als eine passive Rolle zu. Schade. Also machen es Mark und Jacques praktisch unter sich aus.

|Die Methode |

Jeder Leser wird schon im ersten Kapitel mit der Nase darauf gestoßen, dass der Serienmörder Reverdi eine spezielle „Methode“ hat und dass diese Methode offenbar im Zusammenhang mit dem Buchtitel steht. Wer nun aber erwartet, ich würde diese Vorgehensweise und ihre Wirkung haarklein beschreiben und erklären, irrt. Das haben andere schon für mich erledigt, und ich muss sagen, dass ich als Leser ziemlich enttäuscht davon wäre, wenn mir jemand schon vor dem Finale den Clou verraten würde. Also tue ich das mit Rücksicht auf meine Leser auch nicht. Aber wer daran zweifelt, dass es schwarzes Blut geben kann, den kann ich beruhigen: Es geht. Und ein Taucher wie Reverdi weiß genau, wie es herzustellen ist.

Mark nähert sich diesem schrecklichen Geheimnis mit jeder Aufgabe, die er erfolgreich bewältigt. Er muss dafür nach Kambodscha, an die thailändische Grenze zu Birma und in die Berge Malaysias fahren. Mehrmals muss ihm Reverdi hilfreiche Tipps geben, denn schließlich ist Mark nicht Einstein, sondern nur ein gewöhnlicher Reporter. Er erscheint uns also nie als Klugscheißer.

Und als er endlich kapiert, worin Reverdis Methode besteht, ist er zwar angemessen entsetzt, aber auch nicht dermaßen aus dem Häuschen, dass er überschnappen und Gott anrufen würde. Dafür ist er viel zu sehr Zyniker. Nein: Jetzt hat er das Material für seinen Bestseller, also ab nach Hause. Und dass er dafür einen Preis bezahlen müsste, braucht er nicht zu befürchten, denn garantiert wird Reverdi ja schon bald zum Tode verurteilt. Oder?

|Die Rache|

Natürlich wäre das keine anständige Geschichte, wenn nicht der vermeintlich tote Serienmörder aus dem Reich der Toten zurückkehren und sich an Mark und Co. für den Verrat rächen würde. Aber das war ja zu erwarten – Mark hat jede Menge Vorahnungen, und als er nach Paris zurückkehrt, wird ihm in Gestalt von riesigen Plakatwänden mit Khadidschas Gesicht deutlich vor Augen geführt, wie fassbar die Gefahr ist. Falls Reverdi überlebt.

An dieser Stelle sieht man ziemlich deutlich den mahnend erhobenen Zeigefinger des Autors, der vor den Folgen der journalistischen Ausbeutung des Leids anderer Leute (Stichwort: Paparazzi bei Prinzessin Dianas Autounfall in Paris) warnt. Aber der Autor sollte sich mal an die eigene Nase fassen und sein eigenes Werk begutachten. Schließlich fand er in „Die purpurnen Flüsse“ den Gedanken auch total aufregend, dass eine Uni als faschistische Zuchtanstalt missbraucht werden könnte. Oder schlägt ihm jetzt das Gewissen und er sich büßend an die wohlhabende Autorenbrust? Das kommt mir dann doch recht heuchlerisch vor.

|Schwächen|

Der ganze Ablauf der zweiten Romanhälfte ist sehr vorhersehbar. Noch in „Die purpurnen Flüsse“ und vor allem in „Das Imperium der Wölfe“ gelang es Grangé durch eine ausgetüftelte Erzählstruktur, eine unheimliche und hohe Spannung aufzubauen. Das alles ist Vergangenheit. „Das schwarze Blut“ hat mich in der Buchfassung durch seine Geradlinigkeit und Vorhersehbarkeit immer wieder enttäuscht, bis das Lesen bis zum Schluss nur noch zur Pflichtübung wurde. Immer noch eine recht unterhaltsamen Pflichtübung, aber dennoch.

Doch auch der Schluss selbst hat einen Fehler. Der Autor steht, um den finalen Schocker im Epilog verabreichen zu können, vor der kniffligen Aufgabe, seinen Serienmörder Nummer 1, Monsieur Reverdi, verschwinden lassen zu müssen. Er tut dies auf denkbar unelegante Weise und quasi nur im Nebensatz.

Das hat der großartige Reverdi wirklich nicht verdient, zumal wir nun endlich verstehen, woher seine Methode stammt: Es ist sein Urerlebnis, das er mit seiner verhassten Mutter hatte. Jeder Mord zelebriert den Sieg des Jungen über die Über-Frau, die ihn verraten hat. Damit dieser perfekt gelingt, muss jede Phase genauestens beachtet werden. Diesen Phasen muss auch Mark folgen. Und er wird dadurch nicht unbeeinflusst bleiben …

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel bietet hier eine herausragende Leistung, von der ich an vielen Stellen beeindruckt war. Es gelingt ihm, fast alle Hauptfiguren des Buches und sogar viele Nebenfiguren unterscheidbar zu charakterisieren. Jimmy Wong-Fat, Reverdis Verteidiger, macht zum Beispiel einen raschen Wandel vom empörten Verbecher zum zerknirschten Diener des großen Serienmörders Reverdis durch. Ist er zunächst begeistert und enthusiastisch, von diesem großen Meister des Mordes lernen zu können, so wirkt er alsbald verunsichert und drückt sich stockend und ausweichend aus. Diese Entwicklung ist leicht anhand Kerzels Vortrag nachzuvollziehen.

Wie wichtig die Charakterisierung mit Hilfe der Stimme ist, zeigt sich spätestens, als der Hörer via Marc mit den verschiedenen Persönlichkeiten Reverdis konfrontiert wird. Wie soll er damit zurechtkommen? Marc schaut sich das Video des ersten Verhörs an, und Reverdis antwortet mit apathischer Stimme: „Das war ich nicht.“ Dann aber ertönt eine hohe Kinderstimme: „Versteck dich schnell, Papa kommt!“ Ich war verblüfft, wie hoch Kerzels Stimme sein kann.

Im normalen, d.h. aggressiven Tonfalls Reverdis benutzt Kerzel dann wieder sein Markenzeichen: die tiefe männliche Stimme. Doch auch dieser Reverdi-Tonfall ist wandelbar, wie die bemerkenswerte Konfrontation mit Jimmy Wong-Fat belegt: vom drohend-fordernden Tonfall geht Reverdi über in den befehlenden Modus, um dann dem besiegten Jimmy freundschaftlich die Hand zu reichen und ihm in feierlichem Tonfall einen Auftrag zu erteilen.

Marc Dupeyrat durchläuft eine erstaunliche Entwicklung: vom besessenen Reporter zum einem Liebenden, der sich in der Persona der fiktiven „Elisabeth Bremen“ einem Serienmörder so weit annähert, dass er von dessen Wahn infiziert wird. Wenn Kerzel den ersten Brief „Elisabeths“ vorliest, so hören wir eine höhere Stimmlage, die sowohl verfeinert als auch beflissen klingt, wie eine Novizin, die beim Meister in den Unterricht gehen möchte. Reverdis Antworten sind ebenfalls gefühlvoll wie die eines Liebenden, doch als er sich von seiner „Auserwählten“ verraten fühlt, wird seine Tonfall bitter und drohend.

Der zweite Showdown in Catania auf Sizilien wird von Kerzel mit vielen Aspirationslauten unterstützt, die zu der Aufregung der beiden Kämpfenden passen – er haucht mehrmals, ohne jedoch in Keuchen zu verfallen. Die Stimmung ist beklommen und angespannt, nach Dupeyrats Ende ist Chadidscha erleichtert zumute. Die letzten Worte des Erzählers klingen getragen und feierlich.

Dass Kerzel keinerlei Probleme mit der Aussprache des Französischen, Arabischen und Englischen hat, belegen zahlreiche Stellen, in denen seine Sprachkenntnisse gefordert werden. So wird etwa der arabische Name Khadidscha Kacem korrekt „chadidscha katschem“ ausgesprochen. Ihre Stimme ist charmant und überschwänglich, später besorgt, schließlich kämpferisch. Dem Imker in Angkor verleiht Kerzel einen höhere männliche Stimmlage, einen französelnden Akzent und eine nicht ganz korrekte deutsche Grammatik.

|Der Plot des Hörbuchs|

Da es sich um eine gekürzte Textfassung handelt, legt die Handlung auch andere Akzente als die Buchfassung. Dies hat zwei Konsequenzen. Erstens ist natürlich die zentrale Handlung deutlicher, da sie auf Aktion und Dialog ausgerichtet ist. So ist mir dadurch klar geworden, dass es sich bei Marcs Reise in Südostasien, auf der er Reverdis Anweisungen wie ein Novize folgt, um einen Initiationsritus handelt.

„Ritus“ ist das richtige Wort, denn sein Erkenntnisweg entlang der „Wegmarken der Ewigkeit“ ist von starken religiösen Untertönen geprägt. Reverdis Mordhütten werden als „Kirchen“ bezeichnet, ebenso wie die Körper seiner Opfer. Angeblich geht es um „Reinheit“ und Eintauchen in ein Mysterium. Es wird überdeutlich, dass der Meister einen neuen Jünger bekommen hat, und dass die Morde nach Reverdis Verschwinden eigentlich nur von einem begangen worden sein können.

Aber die Verdichtung hat einen Preis. Die Liebe Khadidschas zu Marc wird nicht leicht verständlich. Die entsprechenden Passagen wurden alle gestrichen, und so liefern nur Andeutungen eine Begründung für ihr Verhalten. Das kann einige Fragen aufwerfen, wenn man sich für ihre Motive interessiert.

_Unterm Strich_

„Das schwarze Blut“ ist in seiner Vorhersehbarkeit und einfachen Erzählstruktur der schwächste Grangé seit Jahren. Aber da es sich um einen echten Grangé handelt, ragt selbst dieser schwache Roman immer noch über die Masse der meisten Thriller dieses Jahres hinaus.

Der Sprecher Joachim Kerzel, der schon „Die purpurnen Flüsse“ vertonte, bietet hier eine herausragende Leistung. Ihm gelingt es, viele Haupt- und Nebenfiguren angemessen zu charakterisieren und die dramatischen Stellen gefühlvoll, aber keinesfalls übertrieben vorzutragen. Besonders haben mir mehrere Dialoge gefallen und der Briefwechsel zwischen „Elisabeth Bremen“ und Reverdi.

Die Kürzung des Textes verhalf mir zu einem einfacheren Verständnis des Erkenntniswegs und der Initiation von Marc Dupeyrat. Doch das Verhalten von Khadidscha Kacem wird dadurch nicht erleichtert, so dass sich der Hörer auf Andeutungen stützen muss, um sie zu verstehen.

Letzten Endes hat mir das Hörbuch besser gefallen als das Buch selbst.

|Originaltitel: Le ligne noir, 2004
Aus dem Französischen von Barbara Schaden
446 Minuten auf 6 CDs|

Borsch, Frank / Ellmer, Arndt / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Tau Carama (Perry Rhodan – Sternenozean 9)

Sternenoper: unter dem Tsunami

|Lübbe Audio| vertont die Abenteuer des Kadetten Kantiran und des Sternenadminstrators Perry Rhodan, die in der Unterserie „Sternenozean“ im Perry-Rhodan-Universum spielen. Bislang sind zwölf Hörspiele veröffentlicht, doch will |Lübbe| offenbar vierzig Hörspiele produzieren. Dies ist die zweite Staffel.

Folge 9, Fortsetzung von Folge 7: In letzter Sekunde fliehen Perry Rhodan und Atlan vor den Kybb-Cranar auf die Vulkaninsel Ore. Dort droht eine riesige Flutwelle alles zu vernichten: die Tau Carama. (Verlagsinfo)

Die Reihe

„Perry Rhodan“ ist die größte SF-Heftchen- und Roman-Reihe der Welt. Eine Vielzahl von Autoren schreibt seit Jahrzehnten für die Reihe, und koordiniert wird dieser Aufwand vom |Pabel|-Verlag in Rastatt. Auch Andreas Eschbach fühlte sich geehrt, einen oder zwei Bände beitragen zu dürfen.

Es gab vor der aktuellen |Lübbe Audio|-Reihe schon Vertonungen der PR-Silberbände, doch nicht in der stilvollen Inszenierung des |STIL|-Tonstudios. Die Romanvorlage für das vorliegende Abenteuerhörspiel stammt von Frank Borsch („Der letzte Gesang“) und Arndt Ellmer („Tau Carama“).

Die ersten Staffel:

1) [Der Sternenbastard
2) [Die Mascantin
3) [Der Hyperschock
4) [Planet der Mythen
5) [Havarie auf Hayok
6) Das Blut der Veronis

Die 2. Staffel:

7. [Der Gesang der Motana
8. [Sonderkommando Kantiran
9. [Tau Carama
10. [Überfahrt nach Curhafe
11. [Entscheidung in Vhalaum
12. [Die Femesängerin

Die 3. Staffel:

13. [Der Flug der Epha-Motana
14. [Terraner als Faustpfand
15. [Die Sekte erwacht
16. [Der Todbringer
17. [Kampf um den Speicher
18. [Die mediale Schildwache

Die 4. Staffel:

19. [Operation Kristallsturm
20. [Das Land unter dem Teich
21. [Attentat auf Hayok
22. [Kybb-Jäger
23. Auf dem Weg nach Magellan
24. Jenseits der Hoffnung

Die Sprecher / Die Inszenierung

Erzähler: Joachim Höppner (Stimme von Sir Ian „Gandalf“ McKellen und Jon Voight)
Perry Rhodan: Volker Lechtenbrink (Schauspieler, Sänger, Synchronsprecher)
Atlan: Volker Brandt (Stimme von Michael Douglas)
Zephyda: Claudia Urbschat-Mingues (Stimme von Angelina Jolie, Maria Bello)
Rorkhete: Charles Rettinghaus (Stimme von Jean-Claude van Damme und Robert Downey jr.)
Halgorate: Ulrike Stürzbecher (Patricia Arquette, Kate Winslet, Jennifer Aniston)
Phylatoke: Mara Kim Bäumlein (Musikerin)
Intake: Gisela Fritsch (Stimme von Dame Judi Dench)
Und weitere.

Volker Lechtenbrink wurde 1944 in Cranz/Ostpreußen geboren. Bereits als Achtjähriger sprach er im Kinderfunk und stand zwei Jahre später auch schon auf der Bühne. 1959 wurde er durch den Antikriegsfilm „Die Brücke“ (Regie: Bernhard Wicki) bundesweit bekannt. Er besuchte die Schauspielschule in Hamburg und ist heute in zahlreichen TV-Serien zu sehen. Darüber hinaus ist er am Theater tätig, geht auf Tourneen oder wirkt als Intendant. (Verlagsinfo)

Die Hörspieladaption stammt von S. A. Effenberger. Regie, Musik, Ton und Programmierung lagen in den Händen von Christian Hagitte und Simon Bertling vom Ton-Studio |STIL|. „Die Musik wurde exklusiv für die Perry-Rhodan-Hörspiele komponiert und vom Berliner Filmorchester unter der Leitung von Christian Hagitte live eingespielt. Die elektronischen Klänge und Effekte wurden speziell für die Hörspiele vom |STIL|-Team durch den Einsatz von Computertechnik generiert“, heißt es im Booklet. Executive Producer der Reihe ist Marc Sieper.

Am Schluss erklingt der Song „How do you feel? Perry Rhodan Mix“ von der Band |Camouflage|. Der Originaltitel stammt von der LP „Relocated“ (SPV 2006).

Vorgeschichte

Perry Rhodan und sein arkonidischer Freund Atlan sind auf einem Minenplaneten der bösartigen Kybb Cranar in deren Gefangenschaft geraten. Die igelförmigen Aliens verpassten ihnen metallene Halsringe, die mit einem Giftstachel bewehrt sind: die Krynn Varid. Bei Widerstand kann das Gift per Fernsteuerung injiziert werden. Nur aufgrund ihrer persönlichen Zellaktivatoren können die beiden Gefährten das Gift neutralisieren, doch jedes Mal kostet es sie mehr Kraft.

Sie schaffen es zu den einheimischen Motana, wo sich Atlan in die adlige Wegweiserin Zephyda verliebt. Sie führt sie zur Planetaren Majestät, die sie willkommen heißt. Doch als die Kybb Cranar auch die Residenz der Majestät angreifen, gelingt Rhodan, Atlan und Zephyda nur mit knapper Not die Flucht, als ein Nomade namens Rorkhete sie in seinem Schweber mitnimmt.

Handlung

Das Quartett flieht in Rorkhets Schweber, bis sie schließlich vor acht Wesen stoppen müssen, die vor ihnen über dem Boden schweben. Rorkhet bezeichnet die seekuhförmigen Wesen als „Orakel“, und sie wollen helfen. Die Wesen teleportieren mit den vieren auf eine andere Welt, wo sie erst einmal mitten im Ozean landen. Es dauert eine ganze Weile, die riesigen Wellen zu verlassen und zum Strand der Vulkaninsel Ore zu finden. Perry und Rorkhete sind zwar verletzt und erschöpft, können aber das unbekannte Land erkunden.

Unterdessen gelangen Atlan und seine Freundin Zephyda woanders an den Strand. Eine Gruppe Motanakrieger, angeführt von der Amazone Halkorate, nimmt sie in ihre Mitte und teilt Atlan mit, sie seien auf der Insel Ore der Welt Ash-ir-tumo gelandet, und sie werde sie nun nach Oreshme bringen, wo die Lokale Majestät über sie richten werde. Atlan bittet um schnelle Behandlung der Wunden, die Zephyda erlitten hat. Die Heilerin Phylatoke nimmt sich Zephydas an und bringt sie in ihre Hütte, die auf einem 20 Meter hoch über die Grasebene emporragenden Plateau liegt.

Nachdem Atlan auch Perry und Rorkhete gefunden hat, beschließen die Gefährten, mit einem Schiff über den Ozean zu dem Kontinent Curhafe segeln zu wollen. Vom dort gelegenen Raumhafen aus wollen sie zurück in den Weltraum, um die anstehenden Angelegenheiten zu regeln. Perry weiß, dass die Zeit drängt, denn im Raumsektor Yamondi stehen die Dinge nicht zum Besten. Er überredet die Motana, mit ihm zusammen ein zehn Meter langes Boot zu bauen, das in einer gut geschützten Montagehalle entstehen soll.

Zehn Tage später ist Zephyda wieder auf den Beinen, wenn auch noch etwas wackelig. Da spürt sie in ihrem Geist, dass eine Riesenwelle auf die Insel zurollt, noch bevor sie sie sehen kann. Sie warnt die Motana, die sich sehr über diese Frau wundern. Denn um die anrollende Tau Carama spüren zu können, muss man eine Irtumo-Lauscherin sein, eine wie Intake, die Lokale Majestät. Doch der Alarm, den Zephyda ausgelöst hat, rettet eine Menge Leben. Dennoch donnert der Tsunami über das Land und droht sogar die Inselstadt Oreshme unter sich zu begraben. Ob von ihrem Boot noch etwas übrig bleibt?

_Mein Eindruck_

Wieder einmal ist Szenenwechsel für unsere beiden Abenteurer Atlan und Rhodan angesagt: raus aus dem Wald und rein ins Wasser. Viel Wasser! Es scheint, als hätte der Buchautor dieser Episode, Arndt Ellmer, bereits die Weihnachtskatastrophe von 2005 vorausgeahnt, als ein Riesentsunami à la Tau Carama rund 235.000 Menschen in den Tod riss. Wie hilfreich wäre doch ein Frühwarnsystem für die betroffenen Regionen gewesen, insbesondere eines in menschlicher, glaubwürdiger Gestalt wie so eine „Irtumo-Lauscherin“.

Natürlich bieten die beiden Gutmenschen Atlan und Rhodan ihre Hilfe an – das ist bereits ein Standardspruch in diesen Hörspielen und so vorhersehbar wie Feuerwerk an Silvester. Aber es gibt noch einen zweiten Standardspruch Rhodans, und der besteht darin, Rorkhete, der sich zu einem verlässlichen Gefährten entwickelt, in allen seinen Vorschlägen kritiklos und ohne zu zögern zuzustimmen. Dadurch erscheint der Sternenadministrator eher wie ein rückgratloses Weichei statt als Herrscher mit eigenem Willen. Ich würde mir von ihm mehr Eigenständigkeit wünschen.

Im Rahmen einer guten Radiostunde erlebt der Hörer hier ein mal mehr, mal weniger actiongeladenes Drama, das es in puncto Produktionsqualität mit einer Star-Wars-Episode aufnehmen kann. Die SF-Handlung, kombiniert mit Fantasyelementen – immer wieder sind Psikräfte am Werk -, weiß für flotte Unterhaltung zu sorgen. Die Guten kämpfen gegen die eindeutig als böse und fremdartig gekennzeichneten Bösen, die igelförmigen Kybb Cranar. Ob sie den Sieg erringen, bleibt abzuwarten. Vorerst wirken Perry und Atlan wie Aragorn und Legolas und müssen die kostbare Zephyda in Sicherheit bringen. Sie wird noch eine wichtige Rolle spielen. Aber warum sollte sie? Leider kommt ihre Liebe zu Atlan überhaupt nicht zum Ausdruck.

Was hier an Zutaten noch fehlt, ist zudem der größere Zusammenhang. Die Planetare Majestät gewährt zwar einen Blick in die Vergangenheit, doch welchen Stellenwert die Motana einnehmen, bleibt verborgen. (Das erweist sich erst in Episode 12.) Ob Perry und Atlan eine Rolle bei der Vertreibung der Kybb Cranar spielen können, erscheint noch zweifelhaft, denn ihre Mittel sind sehr begrenzt. Sie besitzen nicht einmal ein Ansible-Funkgerät, das andere Welten erreichen könnte, geschweige denn einen Materietransmitter. Das macht ihre Abenteuer in ihrer Begrenztheit aber sehr menschlich. Ein Supermensch, wie ihn der SF-Autor A. E. van Vogt im Dutzend billiger ersonnen hat, würde hier relativ deplatziert wirken – eine märchenhafte Lösung in einem SF-Ambiente.

Nur ein Pedant würde daran herummäkeln, dass Perry und Atlan auf allen Welten, auf die sie geraten, keine Probleme mit dem Sauerstoffgehalt der Luft, den Mikroben oder gar der Schwerkraft der Welt haben. Daran ist zu merken, dass alle Planeten im Grunde nur alternative Versionen der Erde sind. Und wenn die Motana mitten im Wald in Baumhäusern leben, so erinnert uns dies entweder an Robin Hood oder an die gute alte Mittelerde. So gesehen, wirken die fremden Welten der Motana, sei es Baikalkejn oder Ashirtumo, fast schon wieder heimelig.

|Die Inszenierung|

So fangen Sternenopern an: mit einer schmissigen Titelmelodie und raunenden Stimmen, die Schicksalhaftes verkünden. Ein Erzähler wie Achim Höppner hat eine recht hohe Autorität und wir glauben ihm seine Geschichte nur allzu gern, wenn er von der Flucht Perrys und Atlans erzählt. Atlan klingt wie Michael Douglas. Ihm und Volker Lechtenbrink als Perry Rhodan nehme ich die Actionhelden ab – mit den oben genannten Einschränkungen seitens der Figurenzeichnung.

Ihnen stehen zwei gleichwertige Frauengestalten gegenüber: Zephyda, die kämpferische Amazone, und die weise Alte, die Stimme der Vergangenheit. Zwischen ihnen steht der zwielichtige Nomade Rorkhete, von dem ich mir einige Überraschungen erwarte. Charles Rettinghaus, die deutsche Stimmbandvertretung von Jean-Claude van Damme, spielt ihn energisch und zupackend.

|Musik und Geräusche|

Insgesamt ist die Musik und die Geräuschkulisse (s. u.) eine ganze Menge Aufwand für eine simple Sternenoper, aber es lohnt sich: Das Hörspiel klingt höchst professionell produziert. Ich könnte Gegenbeispiele nennen, in denen die Musikbegleitung in die Hose ging, aber sie stammen alle nicht von |STIL|.

Die Geräusche können in Sachen Professionalität absolut mit Kinoproduktionen mithalten. Eine große Bandbreite an Sounds charakterisiert die verschiedenen fremdartigen Wesen und Maschinen, welche die Helden auf seinen Streifzügen antreffen. Da sausen die Gleiter, da zischen die Strahler. Vielerlei Viehzeugs zwitschert, knurrt und fiept in Wald und Steppe rings um Perry und Atlan. Wenn die Tau Carama herandonnert, dann hat dies wahrhaft dramatische, beinahe schon bedrohliche Ausmaße. Hier man sich wirklich nicht über fehlendes professionelles Sounddesign beklagen.

Die größte akustische Leinwand bemalen jedoch die tausend elektronisch erzeugten Sounds, die der ganzen Handlung erst das kosmische Science-Fiction-Feeling verleihen. Ohne sie könnte es sich ebenso gut um Fantasy auf einem fernen Planeten handeln, wie sie z. B. Jack Vance fabriziert hätte.

Der Abschlusssong von |Camouflage| klingt nach solider deutscher Wertarbeit: mit einem fetzigen Bassriff und einem Sänger, der sich die Feinheiten der englischen Aussprache noch antrainieren muss („head“ klingt wie „hat“). Der Song dauert vier Minuten und ist wenig bemerkenswert. PR-Fans werden ihn sicherlich begrüßen. Mehrere Zitate aus der aktuellen Episode wurden eingeflochten.

_Unterm Strich_

Insgesamt bildet „Tau Carama“ eine vielversprechende Fortsetzung zum Auftakt der zweiten Staffel der Hörspielserie „Perry Rhodan: Sternenozean“. Sie wird offenkundig von Profis produziert, von mancher bekannten Hollywoodstimme gesprochen und liefert einen soliden Gegenwert für den Preis von rund zehn Euronen.

Jugendliche beiderlei Geschlechts zwischen 14 und 17 Jahren dürften sich rasch mit den Helden identifizieren, und das ist eine der besten Voraussetzungen, ein treues Publikum aufzubauen. Auch Zephyda ist eine solche Identifikationsfigur, und ich hoffe, dass sie möglichst lange Teil des Serienpersonals bleibt.

Was die Qualität des Inhalts angeht, so darf man wohl kaum tiefschürfende und daher langweilige Monologe erwarten. Vielmehr sind kämpferische Action und romantische Exotik angesagt – das ist genau die Mischung, die auch „Star Wars“ so erfolgreich gemacht hat. In der Abwechslung liegt zwar das Geheimnis des Erfolgs für solche Unterhaltung, doch in der folgenden Episode „Überfahrt nach Curhafe“ bleibt das Personal das gleiche, wenn auch die Szene wieder mal wechselt.

|65 Minuten auf 1 CD|
http://www.perryrhodan.org
http://www.luebbe-audio.de
http://www.stil.name/
[Ausführlicher Überblick über diesen Zyklus der Heftromanserie]http://www.perrypedia.proc.org/Der__Sternenozean__%28Zyklus%29

Perry-Rhodan-Team / Lukas, Leo / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Sonderkommando Kantiran (Perry Rhodan – Sternenozean 8)

Geräuschvoll: Luftschlacht über Valhaum

|Lübbe Audio| vertont die Abenteuer des Kadetten Kantiran und des Sternenadminstrators Perry Rhodan, die in der Unterserie „Sternenozean“ im Perry-Rhodan-Universum spielen. Bislang sind zwölf Hörspiele veröffentlicht, doch will |Lübbe| offenbar vierzig Hörspiele produzieren. Dies ist die zweite Staffel.

Folge 8: Kadett Kantiran und Mal Deltair sind in Shallowains Gefangenschaft Opfer des Ganberaanischen Folterbetts. Die Freunde ahnen nicht, dass der Terranische Liga-Dienst bereits einen Befreiungsversuch startet – mit Unterstützung von Mausbiber Gucky und Icho Tolot. (Verlagsinfo)

Die Reihe

„Perry Rhodan“ ist die größte SF-Heftchen- und Roman-Reihe der Welt. Eine Vielzahl von Autoren schreibt seit Jahrzehnten für die Reihe, und koordiniert wird dieser Aufwand vom |Pabel|-Verlag in Rastatt. Auch Andreas Eschbach fühlte sich geehrt, einen oder zwei Bände beitragen zu dürfen.

Es gab vor der aktuellen |Lübbe Audio|-Reihe schon Vertonungen der PR-Silberbände, doch nicht in der stilvollen Inszenierung des |STIL|-Tonstudios. Die Romanvorlage für das vorliegende Abenteuerhörspiel stammt von Leo Lukas („Der Ilt und der Maulwurf“).

Die ersten Staffel:

1) [Der Sternenbastard
2) [Die Mascantin
3) [Der Hyperschock
4) [Planet der Mythen
5) [Havarie auf Hayok
6) Das Blut der Veronis

Die 2. Staffel:

7. [Der Gesang der Motana
8. [Sonderkommando Kantiran
9. [Tau Carama
10. [Überfahrt nach Curhafe
11. [Entscheidung in Vhalaum
12. [Die Femesängerin

Die 3. Staffel:

13. [Der Flug der Epha-Motana
14. [Terraner als Faustpfand
15. [Die Sekte erwacht
16. [Der Todbringer
17. [Kampf um den Speicher
18. [Die mediale Schildwache

Die 4. Staffel:

19. [Operation Kristallsturm
20. [Das Land unter dem Teich
21. [Attentat auf Hayok
22. [Kybb-Jäger
23. Auf dem Weg nach Magellan
24. Jenseits der Hoffnung

Die Sprecher/Die Inszenierung

Erzähler: Joachim Höppner (Stimme von „Gandalf“)
Kantiran: Christian Stark
Maykie Molinas: Oliver Rohrbeck (Stimme von Ben Stiller und Michael Rappaport)
Dario da Eshmale: Kaspar Eichel (Stimme von Richard Dreyfuss)
Shallowain: Manfred Lehmann (Stimme von Bruce Willis, Gérard Depardieu, Kurt Russell …)
Ascari da Vivo: Daniela Hoffmann (Julia Roberts)
Icho Tolot: Tilo Schmitz (Ving Rhames, Michael Clarke Duncan)
Gucky: Stefan Krause (Billy „Pippin“ Boyd)
Mal Deltair: Jürgen Kluckert (Morgan Freeman, Chuck Norris)
Und weitere.

Volker Lechtenbrink wurde 1944 in Cranz/Ostpreußen geboren. Bereits als Achtjähriger sprach er im Kinderfunk und stand zwei Jahre später auch schon auf der Bühne. 1959 wurde er durch den Antikriegsfilm „Die Brücke“ (Regie: Bernhard Wicki) bundesweit bekannt. Er besuchte die Schauspielschule in Hamburg und ist heute in zahlreichen TV-Serien zu sehen. Darüber hinaus ist er am Theater tätig, geht auf Tourneen oder wirkt als Intendant. (Verlagsinfo)

Die Hörspieladaption stammt von S. A. Effenberger. Regie, Musik, Ton und Programmierung lagen in den Händen von Christian Hagitte und Simon Bertling vom Ton-Studio |STIL|. „Die Musik wurde exklusiv für die Perry-Rhodan-Hörspiele komponiert und vom Berliner Filmorchester unter der Leitung von Christian Hagitte live eingespielt. Die elektronischen Klänge und Effekte wurden speziell für die Hörspiele vom |STIL|-Team durch den Einsatz von Computertechnik generiert“, heißt es im Booklet. Executive Producer der Reihe ist Marc Sieper.

Am Schluss erklingt der Song „How do you feel? Perry Rhodan Mix“ von der Band |Camouflage|. Der Originaltitel stammt von der LP „Relocated“ (SPV 2006).

Vorgeschichte

Der 14-jährige Junge Kantiran lebt als Sohn eines Terraners und einer Arkonidin als Untertan des Kristallimperiums auf einem friedlichen Agrarplaneten. Nach dem Verlust seiner Eltern, die auf einer Schürfexpedition verschollen, wächst er bei seinen Pflegeeltern Weigel und Arachya auf. Er lernt, dass er die Gabe besitzt, Tiere telepathisch zu lenken und mit ihnen zu kommunizieren.

Ein Sternenkreuzer landet. Der riesigen Kugel entsteigen ein Riese und eine Frau. Es sind die Flottenführerin Ascari da Vivo und ihr Leibwächter Shallowain. Die Admiralin nimmt Kant auf einen kurzen Flug mit, um ihm etwas zu geben: ein Erbstück von seinem Vater. Es sieht zwar aus wie eine terranische Uhr, ist aber ein intelligenter persönlicher Assistent. Er tauft ihn Tonto. Außerdem lädt sie ihn zur imperialen Kadettenschule ein, der Parageta.

Nach drei Jahren ist seine Ausbildung zum Flottenoffizier fast beendet. In vielen Kämpfen hat er sich zum besten Dagorista der Parageta emporgearbeitet. Seit einem Jahr liebt er eine schöne Schneiderin mit dem klangvollen Namen Thereme. Sie arbeitet im Haushalt des Geheimdienstchefs Kilor. Eine Woche vor der Prüfung beehrt ihn sogar der feindliche terranische Resident Perry Rhodan höchstpersönlich mit einem Besuch der Kadettenschule, denn Kantiran bewundert ihn sehr. Er ahnt nicht, dass Rhodan sein Vater ist!

Eines Tages findet Kantiran die Geliebte tot auf. Ein heimtückischer Anschlag mit dem Gift der Trivipern, vermutet Kantirans Freund, der Tierheiler Mal Detair. Da der Geheimdienst, in dessen Haus Thereme wohnte, die Ermittlungen übernimmt, macht Mal Detair seinem neuen Freund Kant keine Hoffnung, dass der Täter je gefunden wird. Also müssen sie ihn auf eigene Faust aufspüren. In der Tierarztpraxis Mals entdeckt er seine telepathische Gabe wieder, die er schon gegenüber den Tieren seiner Heimatwelt angewandt hat.

Die Mascantin Ascari da Vivo, die ihn von seiner abgeschiedenen Heimaltwelt im Hayok-Sektor geholt hat, ist ein wenig besorgt um die geistige Gesundheit ihres Schützlings, als er sich der Abschlussprüfung auf der Welt Iprasa unterzieht. Und tatsächlich muss dort etwas Furchtbares mit ihm geschehen sein, denn er erwacht erst drei Monate nach der Prüfung wieder aus dem Koma.

Bei Mal Detair findet er ein neues Schoßtier, mit dem er telepathisch kommunizieren kann. Kemi ist ein aggressiver Tarox-Marder und hört nur auf seinen Befehl. Er trägt das Tier, das Mal ihm schenkt, wie einen Pelz um den Hals. Und ein Besuch bei der Mascantin eröffnet ihm auch den Weg, wie er an Ascaris vertrauliche Daten über sich selbst herankommt. Und wer weiß, was er dabei auch über den Mord an Thereme entdecken könnte. Der Verdacht, den er schon vor seinem Koma gegen die Admiralin, die direkt dem Imperator unterstellt ist, hegte, muss überprüft werden.

Doch Kantiran findet mehr über seine Identität heraus, als ihm lieb ist: Er ist der Sohn der Mascantin und Perry Rhodans! Sofort bereitet er sich darauf vor, sich an der Mascantin für den Mord an Thereme zu rächen. Leider geht alles schief, und Kantiran und Mal Detair werden gefangen genommen …

Handlung

Eine Abteilung von terranischen Agenten auf Hayok hat von Terra den Befehl erhalten, nach dem Sohn von Großadministrator Perry Rhodan (welcher ebenfalls verschollen ist) zu suchen. Man vermutet ihn auf einer Welt des Kristallimperiums der Arkoniden. Es gab einen Anschlag auf die Flottenführerin da Vivo und seitdem hat man nichts mehr von Kantiran gehört oder gesehen. Agent Dario da Eshmale setzt seinen besten Hacker an diese Aufgabe: Maykie Molinas, genannt Mole, der Maulwurf.

Mole jammert ihm zwar die Ohren voll, er müsse seine kostbaren „Projekte“ dafür liegen lassen, will sich aber bloß wichtig machen. Mole entdeckt, dass Kantiran und Mal Detair, der Mitverschwörer, offiziell tot sind und alle ihre Daten wurden von höchster Stelle gelöscht. Aber es gibt immer Datenechos, und in diesen stößt er wenigstens auf Mal Detair. Ein Tierheiler? Was soll das?

Ein Lufttaxi holt die beiden Agenten ab und bringt sie zum Stützpunkt der Terraner. Dort übernimmt Mole den Befehl über Kampfroboter, Kazugos. Einem soeben eingetroffenen Transporter entsteigen zwei bekannte Freunde der Teraner: der drei Meter große, vierarmige, dreiäugige Halut Icho Tolot und sein wesentlich kleinerer Gefährte, der mit Psi-Kräften ausgestattete Mausbiber Gucky. Merke: Das Sonderkommando Kantiran ist einsatzbereit. Von Gucky erfahren die Agenten endlich, warum diese Kadett Kantiran so wichtig ist: Er ist der Sohn von Perry Rhodan.

|Unterdessen …|

Kantiran und sein Freund Mal Detair sind in Shallowains Gefangenschaft auf dem Planeten Valhaum die Opfer des Ganberaanischen Folterbetts. Das bedeutet fortwährende Schmerzen. Erst als Ascari da Vivo eintritt, wird Kantirans Folterung kurz ausgesetzt. Ascaris Gesicht sieht furchtbar aus: Der Tarox-Marder hat ihr das Gesicht zerfleischt, das nun voller Narben ist. Die Flottenführerin ist alles andere als gut auf Kantiran, der ihr den Marder schickte, zu sprechen. Sie befiehlt seinen Abtransport auf eine andere Welt. Dort sollen die Würmer ihn fressen. Als Shallowain einwendet, ein Hypersturm wäre im Anzug, wischt sie den Einwand beiseite. Nichts kann eine Mascantin aufhalten!

Wirklich nichts? Wenig später befindet sich das Sonderkommando Kantiran auf Abfangkurs zu Shallowains riesiger Kampfgleiterflotte …

_Mein Eindruck_

Das Ambiente des Kristallimperiums hat mich mehr als einmal an das böse Imperium in „Krieg der Sterne“ erinnert: Alles ist auf Unterdrückung, Hass und Zerstörung ausgerichtet. Die Zerstörung ihres Gesichts, die die Mascantin erlitten hat – wunderbar gehässig: Daniela Hoffmann – will sie à la Darth Vader heimzahlen. Ihr fehlt nur noch das berühmte Röcheln des imperialen Kommandanten. Diese Rolle hat aber momentan „Shallowain der Hund“ inne, und er zeigt sich als bissiger, aber treuer Kettenhund seines Frauchens.

Auf Seiten der Guten scheint Mole – er hat die deutsche Stimme von Ben Stiller – der Inbegriff der Inkompetenz zu sein, aber dieser erste Eindruck täuscht, denn er führt die Wende herbei, als schon alles verloren zu sein scheint – natürlich mit einem wahnwitzigen Plan. Gucky hat die erstaunliche Fähigkeit der Teleportation und versetzt sich per Willenskraft an jeden beliebigen Ort. Icho Tolot, der riesige Halut, verbirgt in seinem Riesenkörper ein zweites Gehirn, das Plangehirn. Damit verwandelt er sich in einen Mentaten wie in „Dune“ und gelangt zu Berechnungen wie ein Computer.

Die Handlung dieser Episode ist sehr einfach gestrickt, denn sie soll eigentlich nur die furiose Luftschlacht herbeiführen, die das letzte Drittel füllt. Die Geräuschkulisse ist entsprechend grandios. Das dürfte jeden jugendlichen Gamer eigentlich zu Begeisterungsstürmen hinreißen, doch leider gibt es kein Happyend wie in Episode 7. Was der Episode fehlt, ist eine kurze Rekapitulation der Vorgeschichte, so wie ich sie oben ausgeführt habe. So aber wird der Hörer unvorbereitet in die zweite Staffel geworfen. Ich werde jedenfalls meine Vorgeschichten weiterhin liefern.

|Die Inszenierung|

So fangen Sternenopern an: mit einer schmissigen Titelmelodie und raunenden Stimmen, die Schicksalhaftes verkünden. Ein Erzähler wie Achim Höppner hat eine recht hohe Autorität und wir glauben ihm seine Geschichte nur allzu gern, wenn er von den beiden Gefährten Kantiran und Mal Detair sowie ihren Möchtegernbefreiern, dem Sonderkommando Kantiran, erzählt.

Die anderen Figuren habe ich bereits charakterisiert. Besonders gefiel mir die tiefe Stimme von Tilo Schmitz als Icho Tolot. Man kennt ihn als deutsche Stimme von Ving Rhames und anderen Afroamerikanern. Auch in der Hörspielserie „Offenbarung 23“ ist er als solcher aufgetreten. Sein rauer Bass ist unverkennbar und verleiht dem Riesen Icho Tolot auch akustisch eine beeindruckende Statur.

|Musik und Geräusche|

Insgesamt ist die Musik und die Geräuschkulisse (s. u.) eine ganze Menge Aufwand für eine simple Sternenoper, aber es lohnt sich: Das Hörspiel klingt höchst professionell produziert. Ich könnte Gegenbeispiele nennen, in denen die Musikbegleitung in die Hose ging, aber sie stammen alle nicht von |STIL|.

Die Geräusche können in Sachen Professionalität absolut mit Kinoproduktionen mithalten. Eine große Bandbreite an Sounds charakterisiert die verschiedenen fremdartigen Wesen und Maschinen, die die Helden auf seinen Streifzügen antreffen. Da sausen die Gleiter, da zischen die Strahler.

Die größte akustische Leinwand bemalen jedoch die tausend elektronisch erzeugten Sounds, die der ganzen Handlung erst das kosmische Science-Fiction-Feeling verleihen. Ohne sie könnte es sich ebenso gut um Fantasy auf einem fernen Planeten handeln, wie sie z. B. Jack Vance fabriziert hätte.

Der Abschlusssong von |Camouflage| klingt nach solider deutscher Wertarbeit: mit einem fetzigen Bassriff und einem Sänger, der sich die Feinheiten der englischen Aussprache noch antrainieren muss („head“ klingt wie „hat“). Der Song dauert vier Minuten und ist wenig bemerkenswert. PR-Fans werden ihn sicherlich begrüßen. Mehrere Zitate aus der aktuellen Episode wurden eingeflochten.

_Unterm Strich_

Insgesamt bildet „Sonderkommando Kantiran“ eine vielversprechende Fortsetzung der ersten Staffel der Hörspielserie „Perry Rhodan: Sternenozean“. Die gefangenen zwei Hauptfiguren des Kantiran-Erzählstrangs sollen befreit werden, und dazu ist offenbar eine Luftschlacht über der Welt Valhaum nötig. Die Geräuschkulisse ist eindrucksvoll, die Einfachheit des Plots weniger. Ein wenig Probleme hatte ich mit den Örtlichkeiten: Hayok, Valhaum, dann die Luftschlacht mit Hyperraumeinwirkung – wo hat man sich das alles vorzustellen?

Die Hörspielserie wird wieder von den |STIL|-Profis produziert, von mancher bekannten Hollywoodstimme – Julia Roberts, Ving Rhames, Ian McKellen – gesprochen und liefert einen soliden Gegenwert für den Preis von rund acht Euronen.

Jugendliche beiderlei Geschlechts zwischen 14 und 17 Jahren dürften sich rasch mit den Helden identifizieren, und das ist eine der besten Voraussetzungen, ein treues Publikum aufzubauen. Was die Qualität des Inhalts angeht, so darf man wohl kaum tiefschürfende und daher langweilige Monologe erwarten. Vielmehr ist kämpferische Action angesagt, die vor allem Jungs ansprechen dürfte. In der Abwechslung liegt das Geheimnis des Erfolgs für solche Unterhaltung, und deshalb wechselt in der folgenden Episode „Tau Carama“ die Szene schon wieder völlig, zurück zu den Helden der Episode 7, Perry Rhodan, Atlan und Zephyda.

|60 Minuten auf 1 CD|
http://www.perryrhodan.org
http://www.luebbe-audio.de
http://www.stil.name/
[Ausführlicher Überblick über diesen Zyklus der Heftromanserie]http://www.perrypedia.proc.org/Der__Sternenozean__%28Zyklus%29

Indriðason, Arnaldur – Todeshauch

_Spannend und rätselhaft: Skelettfunde auf Island_

In einer Baugrube am Stadtrand von Reykjavik werden menschliche Knochen gefunden. Wer ist der Tote, der hier verscharrt wurde? Wurde er gar lebendig begraben? Erlendur Sveinsson und seine Kollegen von der Kripo Reykjavik werden mit grausamen Details konfrontiert. Stück für Stück rollen sie Ereignisse aus der Vergangenheit auf und bringen Licht in eine menschliche Tragödie, die bis in die Gegenwart hineinreicht. Während Erlendur mit Schrecknissen früherer Zeiten beschäftigt ist, kämpft seine Tochter Eva Lind auf der Intensivstation um ihr Leben, nachdem sie ihr Baby verloren hat. (abgewandelte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Arnaldur Indridason, Jahrgang 1961, war Journalist und Filmkritiker bei Islands größter Tageszeitung. Heute lebt er als freier Autor bei Reykjavik und veröffentlicht mit großem Erfolg seine Romane. Sein Kriminalroman [„Nordermoor“ 402 hat den „Nordic Crime Novel’s Award 2002“ erhalten, wurde also zum besten nordeuropäischen Kriminalroman gewählt, und das bei Konkurrenz durch Hakan Nesser und Henning Mankell!

_Der Sprecher_

Frank Glaubrecht ist einer der erfolgreichsten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht beispielsweise so bekannten Filmstars wie Al Pacino, Pierce Brosnan, Jeremy Irons und Richard Gere seine markante Stimme. Er hat u. a. Indridasons Hörbücher „Nordermoor“ und „Engelsstimme“ gelesen.

Der Romantext wurde von Sabine Bode gekürzt. Für Regie und Produktion zeichnete Marc Sieper verantwortlich. Die akustischen Motive an Anfang und Schluss des Hörbuchs stammen von Michael Marianetti.

_Handlung_

Schon die Entdeckung des Skelettes geht recht makaber und symbolisch vonstatten. Ein kleiner Junge, der an diesem Tag Geburtstag feiert, hat den „schönen Stein“ in einer der vielen Baugruben gefunden, die nun in der „Millenniums-Siedlung“ ausgehoben werden, die am Stadtrand der Hauptstadt Reykjavik entsteht. Die kleine Schwester des Jungen spielt gerade damit, als der Besucher der Mutter, ein 25 Jahre alter Medizinstudent, etwas an dem „Stein“ sonderbar vorkommt.

Kaum hat er das Ding in der Hand, um es zu untersuchen, plärrt die Kleine los. Die Mutter nimmt sie gleich auf den Arm und fragt den Mann, was los sei. „Es ist eine Rippe“, sagt er zu ihrem Erstaunen. Toti, ihr Sohn, habe ihn gefunden. Er ruft die Polizei und findet noch mehr Knochen. Die Vergangenheit hat das Millennium eingeholt.

Inspektor Sigurdur Oli hat gerade heißen Sex mit seiner Freundin Bergthora, als sein Piepser klingelt. Er ruft Kommissar Erlendur Sveinsson hinzu, um gemeinsam den Fundort der seltsamen Knochen in Augenschein zu nehmen. Die Rede ist schon vom „Millenniumsmann“. Die Spurensicherung ist bereits bei der Arbeit, als ein Archäologe namens Skarpeddin dazu mahnt, feinere Methoden als das CSI-Team anzuwenden – dauert zwar länger, berücksichtigt aber mehr Spuren und vor allem: Es werden keine Spuren zerstört. Weil sich Erlendur dafür entscheidet, gelingt den Archäologen zwei Tage später eine kleine Sensation …

Weil Erlendur vier Johannisbeersträucher aufgefallen sind, die in einer Reihe stehen, fragt er sich, ob hier wohl mal ein Haus gestanden hat. Dies ist tatsächlich der Fall. Das Sommerhaus, das in den dreißiger Jahren gebaut, aber nie ganz fertig gestellt wurde, hatte man ca. 1980 abgerissen. Es gehörte einem Kaufmann namens Benjamin Knudson. Weil seine geliebte Verlobte Solveig eines Tages verschwand, brach er die Fertigstellung ab, ein gebrochener Mann. Aber wer zog dann hier ein?

Während er Sigurdur Oli zum Ermitteln zu den Verwandten Knudsons schickt, geht Erlendur selbst dem Hilferuf seiner Tochter Eva Lind nach. Er hörte sie auf dem Handy nur „Hilf mir“ sagen, mehr nicht. Da weiß er, dass es ernst ist. Über mehrere unangenehme Stationen findet er den Weg zu ihr. Fünfzig Meter vor der Entbindungsstation des Krankenhauses liegt sie in ihrem Blut, irgendwo zwischen den Bäumen am Straßenrand. Sie ist drogensüchtig und schwanger. Die Ärzte können das Leben des Kindes nicht mehr retten, und das von Eva Lind, die auf der Intensivstation liegt, scheint ebenfalls vorüber zu sein. Erlendur verständigt über seinen Sohn auch Evas Mutter Halldora, von der er sich schon vor Jahren im Streit getrennt hatte.

Sigurdur Oli hat eine Rechnung gefunden, die Benjamin Knudson den Mietern seines Sommerhauses ausgestellt hatte, einer Familie Thoralindson. Sie lebte 1943 und 1944 im Haus am Grafaholt, doch ihre Vormieter kannte er nur flüchtig. Es scheint, der Mann habe seine Frau ebenso geprügelt wie seine drei Kinder, besonders die verkrüppelte Mikelina. Gut möglich, dass der Mann für die Engländer und die Amerikaner gearbeitet hat. Von der britischen Botschaft bekommt er Kontakt zu einem ehemaligen amerikanischen Oberst, der fast ganz zum Isländer geworden ist: Colonel Edward Hunter von der Militärpolizei.

Von Hunter erfährt Erlendur erstmals von den schrecklichen Zuständen, die in der Familie geherrscht haben mussten, die das Haus am Grafaholt bewohnte. Der Mann arbeitete im Depot der Amerikaner, war aber Mitglied eines Hehlerrings. Als dieser aufflog, betrat Hunter mit vier MPs das Haus, um die gestohlenen Waren sicherzustellen und den Dieb zu verhaften. Das war der Moment, als ihm, Hunter, das erste und einzige Mal die Hand ausgerutscht sei und er einen Mann ohne Nachzudenken geohrfeigt habe. Der Anblick, wie dessen Ehefrau zugerichtet war, habe ausgereicht.

Erlendur überlegt, ob das Skelett, das der Medizinstudent gefunden hat, dieser Frau gehört. Doch als ihn Skarpeddin, der Archäologe, zur Grabungsstelle bittet, wartet auf ihn eine Überraschung: Es sind zwei Skelette.

_Mein Eindruck_

Dieser Handlungsabriss gibt lediglich eine Hälfte des Buches wieder. Der andere Handlungsstrang beginnt in den dreißiger Jahren, als ein Dienstmädchen, das bei den Knudsons arbeitete, einen Arbeiter kennen lernte und seinen Heiratsantrag annahm. Damit begann ihr Martyrium, das bis zum Jahr 1943 dauern sollte. Colonel Edward Hunter gibt Erlendur lediglich einen Vorgeschmack dessen, was dieser später von Mikelina, der überlebenden Tochter der Frau, erfahren soll. Diese Erzählung ist es, die schließlich erklären wird, um wen es sich bei den beiden Skeletten in der Baugrube handelt. Da aber beide Handlungsstränge nur stückweise vorangetrieben werden, bleibt die Geschichte für den Leser bzw. Hörer stets und bis zum Schluss spannend. Der Autor verrät nur so viel wie nötig ist, um das Interesse aufrecht zu erhalten.

Wir haben es also quasi mit zwei Kriminalerzählungen zu tun. Das war ja schon in [„Kältezone“ 2258 so. Erlendur betrachtet das Verbrechen von 1943 im Nachhinein und von außen. Mikelina schildert die Ereignisse, die dazu führten, von innen, als Beteiligte oder doch als unmittelbare Zeugin. Es sind zwei völlig verschiedene Sichtweisen: die eine kühl und um Objektivität bemüht, die andere äußerst intensiv und voller Grauen. Die resultierende emotionale Belastung des Lesers bzw. Hörers findet durch die Erlendur & Sigurdur-Episoden jedoch eine Entspannung, die umso willkommener ist, je grausamer sich die Ereignisse in der Familie Mikelinas entwickeln.

|Abwechslung|

Diese abwechselnde An- und Entspannung ist kennzeichnend für viele Romane des Autors. Aber damit verfolgt er einen bestimmten Zweck. Denn Erlendur wird durch die Erzählung Mikelinas dazu gebracht, intensiver über seine eigene väterliche Schuld gegenüber seinen Kindern nachzudenken, insbesondere gegenüber der im Sterben liegenden Eva Lind. Entsetzt muss er feststellen, dass sie von ihrer Mutter ideologisch gegen ihn, den Rabenvater, „geimpft“ worden ist. Dass er sich mit bestimmten Argumenten dagegen verwahren werde, hat die Mutter bereits perfiderweise vorweggeahnt und ihre Tochter darauf vorbereitet. Wie sich herausstellt, muss Erlendur von sich selbst, seinem eigenen Werdegang erzählen, um wieder glaubwürdig zu werden.

|Solveigs Rätsel|

Es gibt ein weiteres kriminalistisches Rätsel, das es zu lösen gilt. Erlendur stößt zwischendurch in der Familie des Kaufmanns Knudson auf eine weitere verschwundene Frau und vermutet wie jeder Kriminalist einen Zusammenhang mit dem Skelett in der Baugrube. Wohin könnte Knudsons Verlobte Solveig verschwunden sein? Sie war, wie sich herausstellt, ungewollt schwanger geworden, wollte das Kind aber austragen. In jener Zeit um 1938 muss das ein Riesenskandal gewesen sein, und deshalb löste sie am Tag ihres Verschwindens die Verlobung. Knudson wollte sie weiterhin als seine Frau, weil er sie liebte. Dennoch verschwand sie – und „ward nie mehr geseh’n“. Angeblich ging sie ins Meer, andere meinen, Knudson habe sie auf dem Gewissen. Doch warum brachte sich Solveigs Vater erst sechs Monate später um? War er etwa der Vater ihres Kindes?

|Generalthema|

Das Generalthema des Krimis ist diesmal also die Beziehung zwischen Vätern, Müttern und ihren Kindern. Erlendur, der davongelaufene Vater, muss seine Verantwortung ebenso einsehen wie Sigurdur Oli, der noch gar nicht Vater ist, aber seine Freundin heiraten soll, um endlich Kinder haben zu können. Knudson, der nicht Vater des Kindes seiner geliebten Solveig sein durfte, scheiterte im Leben.

Doch am schlimmsten ist Grímur, der prügelnde Tyrann in Mikelinas Familie. Mikelina, sein Stiefkind und ein Krüppel, lehnte er zeitlebens ab, ebenso den nächsten Sohn, Simon. Nur Tomas fand Gnade in seinen Augen, und ihn zog er auf seine Seite, um ihn gegen seine Geschwister aufzuhetzen. Grímur missbraucht seine Autorität als Vater, macht seine Verantwortung zu einer Perversion. Colonel Hunter ist davon ebenso abgestoßen wie der Soldat David Ash, den Mikelinas Mutter kennen lernt, während Grímur für seinen Diebstahl im Knast sitzt.

|Krieg in den Familien|

Die verschiedenen Kämpfe zwischen Vätern und Müttern, die die Kinder ausbaden müssen, fordern eine Menge Opfer in diesem Krimi. Unter „Opfer“ sind nicht nur körperliche Opfer zu verstehen, also Gestorbene oder Verkrüppelte, sondern auch seelisch Getötete, wie Simon, Grímurs Sohn. Oder wie Eva Lind, die sowohl Mutter wie auch Vater abzulehnen gelernt hat.

Man könnte sich nun leicht fragen, ob der Autor den traditionellen Rollenverteilungen eine Lanze bricht: dominanter Mann, dienende Frau, versorgtes Kind. Das würde allerdings völlig verkennen, dass er ein ganzes Spektrum solcher Familien aufzeigt. Das Beispiel Grímurs stellt er besonders abschreckend hin, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass ein dominanter Mann keineswegs die Lösung des Problems darstellt.

|Die Stellung der Frau|

Aber deutlich ist zu erkennen, dass in der alten Zeit, vor und während des Krieges, die Ehefrau oder Verlobte stets die Schwächere war, und zwar wegen der geschriebenen wie auch ungeschriebenen Gesetze. Solveig löste mit ihrer ungewollten Schwangerschaft, die Folge einer Vergewaltigung, einen Skandal aus. Mikelinas Mutter konnte sich nicht scheiden lassen, weil ihr Mann seine Einwilligung verweigerte.

Ganz anders die heutige Zeit. Halldora Sveinsson hat ihrem davongelaufenen Mann den Zugang zu ihren Kindern verboten, und Bergthora, Sigurdurs Freundin, besteht auf einer Heirat. „Oder willst du etwa werden wie dein Freund Erlendur, dieser Trottel?“ Nein, das will Sigurdur ganz bestimmt nicht. Es sind jetzt die Frauen, die die Oberhand haben. Vielleicht kann nun das Millennium endlich anbrechen. Ob es besser wird, ist jedoch nicht unbedingt gesagt.

_Der Sprecher_

Frank Glaubrechts sonore Stimme – man stelle sich den Klang von Al Pacino in „The Insider“ vor – trägt die Geschichte, die Indridason spinnt, ausgezeichnet und ohne je die für die Geschichte und den Ermittler notwendige Autorität und Ruhe zu verlieren. Dennoch entwickelt sein Vortrag zusammen mit der Handlung eine tiefere psychologische Dimension, die sich in der zunehmenden Emotionalität in Glaubrechts Stimme äußert – ein gewisses zusätzliches Vibrato, das ich vernommen zu haben glaube.

Glaubrechts Vortrag ist abwechslungsreicher geworden, will mir scheinen. Einen jungen Drogendealer lässt er langsam und „tranig“ sprechen, als sei er zugedröhnt. Mikelina, als sie klein ist und ihr erstes Wort hervorzwingt, spricht stotternd und stockend. Grímur klingt zwiegespalten: Meistens ist er wütend und brüllt umher, aber manchmal, wenn er etwas herausfinden will, klingt er süß und einschmeichelnd wie eine falsche Schlange. Als er merkt, dass er vergiftet worden ist, flüstert er erstaunt. Die nachfolgende Szene ist dramatisch.

|Lesefehler?|

Simon, Mikelinas Bruder, hat die Geisteskrankheit der Hebephrenie, die Ähnlichkeit mit Schizophrenie hat. Simon, obwohl schon 70 Jahre alt, klingt wie ein kleiner Junge von acht oder neun Jahren, ist aber keineswegs „verblödet“. Doch Mikelina, die von ihrem Vater immer als „Schwachsinnige“ abqualifiziert worden war, klingt ironischerweise völlig vernünftig. Sie ging auf die Uni und ist Psychologin geworden. Sie ist sogar Erlendur, der nie zur Uni ging, überlegen und lässt es ihn spüren. Aber auf eine sehr freundliche Art.

Der einzige Fehler, der dem Sprecher unterläuft, ist die Aussprache des Begriffs „Hebephrenie“. Er sagt „Hebrephrenie“, mit einem zusätzlichen R. Der Grund ist unklar. Vielleicht wurde das Wort in seinem Textmanuskript falsch getippt und er prägte es sich so ein. Dann kann er nichts dafür.

_Unterm Strich_

Der Leser bzw. Hörer bangt mit zwei Familien: mit der, in der Grímur als Tyrann herrscht, und mit der zerbrochenen Familie Erlendur Sveinssons, die sich am Krankenbett seiner Tochter einfindet. Die Art und Weise, wie diese parallelen Schicksale verknüpft werden, ist kunstvoll ausgeführt. Der Autor verrät immer nur so viel von der Vorgeschichte bzw. dem Fortgang des Dramas, dass das Interesse wach bleibt und das gespannte Warten auf die – gute oder schlechte – Lösung des Dramas anhalten muss. Erst am Schluss, nach einem dramatischen Höhepunkt in Grímurs Familie, klären sich die Geheimnisse auf.

Auf dem Weg dorthin erfahren wir mehr über Jugend und Werdegang des Kommissars Erlendur Sveinsson. Allerdings war die Episode, wie er seinen achtjährigen Bruder im Schneesturm verlor, schon in einem früheren Roman zu lesen gewesen (ich habe vergessen, in welchem). Deshalb war diese Stelle nicht so interessant. Aber innerhalb von Sveinssons Bekenntnis gegenüber Eva Lind ist es eine sehr wichtige Stelle. Denn es erklärt, warum Erlendur schuldbewusst und ein gebrochener Mann ist, ähnlich wie Benjamin Knudson wegen seiner Solveig. Deren Verschwinden versucht Erlendur aufzuklären und hegt den Verdacht, dass es sich bei Solveig und Grímurs Frau – deren Namen wir erst ganz am Schluss erfahren – um ein und dieselbe Person handelt.

Zeitlich gehen Indridasons Romane immer weiter zurück in der Geschichte Islands. „Kältezone“ begann mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Isländer in die neu gegründeten DDR zum Studieren gingen. „Todeshauch“ behandelt eine Generation, die im Jahr des Kometen, 1910, gezeugt wurde und im Jahr 1943 während der „Besetzung“ durch die Engländer und Amerikaner ihre folgenreichste Phase erlebte. Ich gehe davon aus, dass künftige Romane diese Erforschung der isländischen Geschichte weiter vorantreiben und schließlich unweigerlich bei den Wikingern landen. Deren Ruhm als Entdecker Amerikas hat sich ja inzwischen herumgesprochen.

Der Sprecher Frank Glaubrecht gestaltet seinen Vortrag abwechslungsreich und weiß die Dramatik bestimmter Szenen glaubwürdig herauszuarbeiten. Seine Aussprache der isländischen und englischen Namen ist ebenfalls korrekt. Im gesamten Text unterläuft ihm nur ein einziger Fehler, als er das Wort „Hebephrenie“ anders ausspricht, als es geschrieben wird.

|Originaltitel: Grafarpögn, 2001
Aus dem Isländischen übersetzt von Coletta Bürling
244 Minuten auf 4 CDs|
[Unsere Rezensionen zur Buchfassung 856

Perry-Rhodan-Team / Borsch, F. / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Der Gesang der Motana (Perry Rhodan – Sternenozean 7)

Bei Robin Hood im Wald der Gesetzlosen

|Lübbe Audio| vertont die Abenteuer des Kadetten Kantiran und des Sternenadminstrators Perry Rhodan, die in der Unterserie „Sternenozean“ im Perry-Rhodan-Universum spielen. Bislang sind zwölf Hörspiele veröffentlicht, doch will |Lübbe| offenbar vierzig Hörspiele produzieren. Dies ist die zweite Staffel.

Folge 7: Perry Rhodan und Atlan geraten mitten in einen mörderischen Kampf gegen die Kybb-Cranar. Können sie dem Volk der Motana tatsächlich helfen? Und welche Rolle spielt der Nomade Rorkhete? (Verlagsinfo)

Die Reihe

„Perry Rhodan“ ist die größte SF-Heftchen- und Roman-Reihe der Welt. Eine Vielzahl von Autoren schreiben seit Jahrzehnten für die Reihe, und koordiniert wird dieser Aufwand vom |Pabel|-Verlag in Rastatt. Auch Andreas Eschbach fühlte sich geehrt, einen oder zwei Bände beitragen zu dürfen.

Es gab vor der aktuellen |LübbeAudio|-Reihe schon Vertonungen der PR-Silberbände, doch nicht in der stilvollen Inszenierung des |STIL|-Tonstudios. Die Romanvorlage für das vorliegende Abenteuerhörspiel stammt von Frank Borsch („Der letzte Gesang“ und „Gesang der Hoffnung“).

Die ersten Staffel:

1) [Der Sternenbastard
2) [Die Mascantin
3) [Der Hyperschock
4) [Planet der Mythen
5) [Havarie auf Hayok
6) Das Blut der Veronis

Die 2. Staffel:

7. [Der Gesang der Motana
8. [Sonderkommando Kantiran
9. [Tau Carama
10. [Überfahrt nach Curhafe
11. [Entscheidung in Vhalaum
12. [Die Femesängerin

Die 3. Staffel:

13. [Der Flug der Epha-Motana
14. [Terraner als Faustpfand
15. [Die Sekte erwacht
16. [Der Todbringer
17. [Kampf um den Speicher
18. [Die mediale Schildwache

Die 4. Staffel:

19. [Operation Kristallsturm
20. [Das Land unter dem Teich
21. [Attentat auf Hayok
22. [Kybb-Jäger
23. Auf dem Weg nach Magellan
24. Jenseits der Hoffnung

Die Sprecher / Die Inszenierung

Erzähler: Joachim Höppner (Stimme von „Gandalf“) – dem letztes Jahr überraschend Verstorbenen ist die ganze 2. Staffel gewidmet.
Perry Rhodan: Volker Lechtenbrink (Schauspieler, Sänger, Synchronsprecher)
Atlan: Volker Brandt (Stimme von Michael Douglas)
Zephyda: Claudia Urbschat-Mingues (Stimme von Angelina Jolie, Maria Bello)
Rorkhete: Charles Rettinghaus (Stimme von Jean-Claude van Damme, Robert Downey jr.)
Planetare Majestät: Kerstin Sanders-Dornseif (Stimme von Susan Sarandon, Glenn Close)
Kybb-Cranar: Markus Krane & Thomas Schmuckert
Und weitere.

Volker Lechtenbrink wurde 1944 in Cranz/Ostpreußen geboren. Bereits als Achtjähriger sprach er im Kinderfunk und stand zwei Jahre später auch schon auf der Bühne. 1959 wurde er durch den Antikriegsfilm „Die Brücke“ (Regie: Bernhard Wicki) bundesweit bekannt. Er besuchte die Schauspielschule in Hamburg und ist heute in zahlreichen TV-Serien zu sehen. Darüber hinaus ist er am Theater tätig, geht auf Tourneen oder wirkt als Intendant. (Verlagsinfo)

Die Hörspieladaption stammt von S. A. Effenberger. Regie, Musik, Ton und Programmierung lagen in den Händen von Christian Hagitte und Simon Bertling vom Ton-Studio STIL. „Die Musik wurde exklusiv für die Perry-Rhodan-Hörspiele komponiert und vom Berliner Filmorchester unter der Leitung von Christian Hagitte live eingespielt. Die elektronischen Klänge und Effekte wurden speziell für die Hörspiele vom |STIL|-Team durch den Einsatz von Computertechnik generiert“, heißt es im Booklet. Executive Producer der Reihe ist Marc Sieper.

Am Schluss erklingt der Song „How do you feel? Perry Rhodan Mix“ von der Band |Camouflage|. Der Originaltitel stammt von der LP „Relocated“ (SPV 2006).

Vorgeschichte

Perry Rhodan und sein arkonidischer Freund Atlan sind auf einem Minenplaneten der bösartigen Kybb Cranar in deren Gefangenschaft geraten. Die igelförmigen Aliens verpassten ihnen metallene Halsringe, die mit einem Giftstachel bewehrt sind: die Krynn Varid. Bei Widerstand kann das Gift per Fernsteuerung injiziert werden. Nur aufgrund ihrer persönlichen Zellaktivatoren können die beiden Gefährten das Gift neutralisieren, doch jedes Mal kostet es sie mehr Kraft.

Im Heiligen Berg mussten sie mühselige Bergarbeiterjobs verrichten, zusammengepfercht mit anderen Sklaven vom Planeten der einheimischen Motana. Deren Anführer Yadüel opferte sich für sie auf, damit sie fliehen konnten, und gab ihnen dabei ein kleines Säckchen mit einem Geschenk auf den Weg …

Handlung

Perry und Atlan eilen durch die Steppe, um den nahen Wald von Pardan zu erreichen. Dort hoffen sie bessere Deckung vor den Gleitern der Kybb Cranar zu finden, die bestimmt bereits nach den Entflohenen suchen. Vorerst sichten die Gefährten nur die Transportgleiter der Mine, die beladen mit Schaumopal zu den Raumhäfen unterwegs sind.

Im Wald stoßen sie auf ein leeres Camp der Motana, leihen sich die Reittiere aus und dringen weiter in den Dschungel vor. Bis sie plötzlich von Motana-Kriegern umzingelt sind. Deren Anführerin stellt sich als „Wegweiserin“ Zephyda vor. Ihre grünäugige und rothaarige Schönheit steht in krassem Gegensatz zu ihrem Misstrauen gegen die beiden Eindringlinge. Erst als Perry den Gesang der Motana, den er in den Minen gehört hat, anstimmt und ihr den Inhalt des Säckchens Yadüels gezeigt hat, glaubt ihm Zephyda. Sie ist Yadüels Schwester und trauert um ihn. Die Geschwister sind die Enkel der Planetaren Majestät. Zu dieser bringt Zephyda die Flüchtlinge, damit sie über sie richte.

Um die Halsringe loszuwerden, braucht Perry Werkzeug der Kybb Cranar. Dieses findet sich in einem der Wachtürme, den die Motana und die beiden Gefährten im Sturm erobern. Dass sie dabei auf sich aufmerksam machen, ist ihre geringste Sorge. Das Aufbrechen der Halsringe gelingt, doch nur unter einem hohen Risiko.

In der zentralen Waldstadt der Motana lernen sie die Planetare Majestät kennen, eine uralte Frau, die mit ihren zwölf Wegweiserinnen die verborgen lebenden Motana anführt. Einst waren auch die Motana zwischen den Sternen unterwegs, doch unterwarfen die Kybb Cranar den ganzen Sektor, um die Menschen als Sklaven in ihren Minen auszubeuten.

Bei der Willkommensfeier zu Ehren der Gäste tritt ein Nomade namens Rorkhete auf, der sie einer schmerzhaften psychischen Wahrheitsprüfung unterzieht. Leider stellen sie sich nicht als die prophezeiten Schutzherren der Welt heraus, obwohl sie natürlich ihren Beistand anbieten. Aus Zephyda und Atlan scheint ein Liebespaar geworden zu sein, stellt Perry verwundert fest.

Niemand ahnt, dass sich die würfelförmigen Raumschiffe der Kybb Cranar lautlos der Residenz angenähert haben, bis es zu spät ist. Die Sklavenjäger eröffnen auf die überraschten Feiernden das Feuer. Perry, Atlan und Zephyda können mit knapper Not fliehen. Da stoppt vor ihnen Rorkhetes Vehikel. Will er sie töten?

_Mein Eindruck_

Im Rahmen einer guten Radiostunde erlebt der Hörer hier ein actiongeladenes Drama, das es in puncto Produktionsqualität mit einer Star-Wars-Episode aufnehmen kann. Die SF-Handlung, kombiniert mit Fantasyelementen – die Rede ist von Prophezeiungen, und eine magisch-psychische Prüfung wird vollzogen -, weiß für flotte Unterhaltung zu sorgen. Die Guten kämpfen gegen die eindeutig als finster und fremdartig gekennzeichneten Bösen, die igelförmigen Kybb Cranar. Ob sie den Sieg erringen, bleibt abzuwarten. Vorerst wirken Perry und Atlan wie Aragorn und Legolas und müssen sich und Zephyda in Sicherheit bringen.

Was hier an Zutaten noch fehlt, ist der größere Zusammenhang. Die Planetare Majestät gewährt zwar einen Blick in die Vergangenheit, doch welchen Stellenwert der Planet der Motana einnimmt, bleibt verborgen. Ob Perry und Atlan eine Rolle bei der Vertreibung der Kybb Cranar spielen können, erscheint eher unwahrscheinlich, denn ihre Mittel sind sehr begrenzt. Sie besitzen nicht einmal ein Ansible-Funkgerät, das andere Welten erreichen könnte, geschweige denn einen Materietransmitter. Das macht ihre Abenteuer in ihrer Begrenztheit aber sehr menschlich. Ein Supermensch, wie ihn der SF-Autor [A. E. van Vogt 3579 im Dutzend billiger ersonnen hat, würde hier relativ deplatziert wirken – eine märchenhafte Lösung in einem SF-Ambiente.

Nur ein Pedant würde daran herummäkeln, dass Perry und Atlan auf allen Welten, auf die sie geraten, keine Probleme mit dem Sauerstoffgehalt der Luft, den Mikroben oder gar der Schwerkraft der Welt haben. Daran ist zu merken, dass alle Planeten im Grunde nur alternative Versionen der Erde sind. Und wenn die Motana mitten im Wald in Baumhäusern leben, so erinnert uns dies entweder an Robin Hood oder an die gute alte Mittelerde. So gesehen, wirkt die fremde Welt der Motana fast schon wieder heimelig.

|Die Inszenierung|

So fangen Sternenopern an: mit einer schmissigen Titelmelodie und raunenden Stimmen, die Schicksalhaftes verkünden. Ein Erzähler wie Achim Höppner hat eine recht hohe Autorität und wir glauben ihm seine Geschichte nur allzu gern, wenn er von der Flucht Perrys und Atlans erzählt. Atlan klingt wie Michael Douglas. Ihm und Volker Lechtenbrink als Perry Rhodan nehme ich die Actionhelden ab.

Ihnen stehen zwei gleichwertige Frauengestalten gegenüber: Zephyda, die kämpferische Amazone, und die weise Alte, die Stimme der Vergangenheit. Zwischen ihnen steht der zwielichtige Nomade Rorkhete, von dem ich mir einige Überraschungen erwarte. Charles Rettinghaus, die deutsche Stimmbandvertretung von Jean-Claude van Damme, spielt ihn energisch und zupackend.

Insgesamt sind die Musik und die Geräuschkulisse (s.u.) eine ganze Menge Aufwand für eine simple Sternenoper, aber es lohnt sich: Das Hörspiel klingt höchst professionell produziert. Ich könnte Gegenbeispiele nennen, in denen die Musikbegleitung in die Hose ging, aber sie stammen alle nicht von |STIL|.

Die Geräusche können in Sachen Professionalität absolut mit Kinoproduktionen mithalten. Eine große Bandbreite an Sounds charakterisiert die verschiedenen fremdartigen Wesen und Maschinen, welche die Helden auf seinen Streifzügen antreffen. Da sausen die Gleiter, da zischen die Strahler. Vielerlei Viehzeugs zwitschert, knurrt und fiept in Wald und Steppe rings um Perry und Atlan. Wenn sie sich in die Büsche schlagen, so knistert und prasselt es aus den Boxen.

Die größte akustische Leinwand bemalen jedoch die tausend elektronisch erzeugten Sounds, die der ganzen Handlung erst das kosmische Science-Fiction-Feeling verleihen. Ohne sie könnte es sich ebenso gut um Fantasy auf einem fernen Planeten handeln, wie sie z. B. Jack Vance fabriziert hätte.

Der Abschlusssong von |Camouflage| klingt nach solider deutscher Wertarbeit: mit einem fetzigen Bassriff und einem Sänger, der sich die Feinheiten der englischen Aussprache noch antrainieren muss („head“ klingt wie „hat“). Der Song dauert vier Minuten und ist wenig bemerkenswert. PR-Fans werden ihn sicherlich begrüßen. Mehrere Zitate aus der aktuellen Episode wurden eingeflochten.

_Unterm Strich_

Insgesamt bildet „Der Gesang der Motana“ einen vielversprechenden Auftakt zur zweiten Staffel der Hörspielserie „Perry Rhodan: Sternenozean“. Sie wird offenkundig von Profis produziert, von mancher bekannten Hollywoodstimme gesprochen und liefert einen soliden Gegenwert für den Preis von rund acht Euronen.

Jugendliche beiderlei Geschlechts zwischen 14 und 17 Jahren dürften sich rasch mit den Helden identifizieren, und das ist eine der besten Voraussetzungen, ein treues Publikum aufzubauen. Auch Zephyda ist eine solche Identifikationsfigur, und ich hoffe, dass sie möglichst lange Teil des Serienpersonals bleibt.

Was die Qualität des Inhalts angeht, so darf man wohl kaum tiefschürfende und daher langweilige Monologe erwarten. Vielmehr sind kämpferische Action und romantische Exotik angesagt – das ist genau die Mischung, die auch „Star Wars“ so erfolgreich gemacht hat. In der Abwechslung liegt das Geheimnis des Erfolgs für solche Unterhaltung, und deshalb wechselt in der folgenden Episode „Sonderkommando Kantiran“ die Szene schon wieder völlig.

|58 Minuten auf 1 CD|
http://www.perryrhodan.org
http://www.luebbe-audio.de
http://www.stil.name/
[Ausführlicher Überblick über diesen Zyklus der Heftromanserie]http://www.perrypedia.proc.org/Der__Sternenozean__%28Zyklus%29

John Sinclair – 160 – Die Unheimliche vom Schandturm

Die Handlung:

Köln im Jahre 1357. Als die Stadt von der Pest heimgesucht wird, fällt ihr auch die Frau des Bürgermeisters, Richmodis von der Aducht, zum Opfer. Doch Stunden nach ihrer Beerdigung kehrt Richmodis in ihr Turmzimmer zurück und tötet ihren Gatten … Nur ein Schauermärchen, eine Legende? Unser Freund Will Mallmann bittet uns, nach Köln zu kommen, denn 666 Jahre später hat die unheimliche Richmodis aus dem Schandturm ihr nächstes Opfer gefunden! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Heftromans mit der Nummer 394 gemacht, das erstmalig am 20. Januar 1986 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

Als Basis hat sich der Autor recht frei der Richmodis-Sage angenommen und blutiger als das Original umgedichtet.

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Ellmer, Arndt / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Überfahrt nach Curhafe (Perry Rhodan – Sternenozean 10)

Sternenoper: zwischen Matrix und Mordor

Lübbe Audio vertont die Abenteuer des Kadetten Kantiran und des Sternenadministrators Perry Rhodan, die in der Unterserie „Sternenozean“ im Perry Rhodan-Universum spielen. Bislang sind sechs Hörspiele veröffentlicht, doch will Lübbe offenbar vierzig Hörspiele produzieren. Dies ist die zweite Staffel.

Folge 10, Fortsetzung von Folge 9: Die „Terra Incognita“ sticht mit Perry Rhodan und Atlan in See. Ihr Ziel ist der Kontinent Curhafe. Was hat es mit der grausamen Quote auf sich, die den Frauen dort abverlangt wird? Und wohin führt deren geheimnisvoller Zug? (Verlagsinfo)

Die Reihe
Ellmer, Arndt / Effenberger, S. A. / Hagitte, Chr. / Bertling, S. / Sieper, M. – Überfahrt nach Curhafe (Perry Rhodan – Sternenozean 10) weiterlesen

Brown, Dan – Diabolus

Die kryptografische Abteilung des US-Geheimdienstes NSA verfügt über einen geheimen Super-Computer, der in der Lage ist, binnen kürzester Zeit jeden Code zu knacken, besonders den von E-Mails. Jedenfalls bis zu dem Tag, als „Diabolus“ zum Einsatz kommt, ein mysteriöses Programm, das den Rechner offenbar überfordert: Die drei Millionen Prozessoren des zwei Milliarden teuren Ungetüms rechnen bereits achtzehn Stunden lang vergeblich an der Diabolus-Datei – und das ist richtig teuer.

Der Entwickler des Programms droht, Diabolus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Existenz des Super-Computers zu enthüllen. Die Mitarbeiter des Geheimdienstes müssen alle Hebel in Bewegung setzen, das drohende Desaster zu verhindern. Sie haben weniger Zeit, als sie ahnen.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

_Der Sprecher_

Detlef Bierstedt ist ein gefragter Synchronsprecher, der u. a. George Clooney und Jonathan Frakes („Star Trek“) seine Stimme leiht und mit viel Begeisterung Hörbücher interpretiert – das kann ich voll unterstreichen. Bierstedt lebt in Berlin.

Die gekürzte Romanfassung hat Dr. Arno Hoven bearbeitet, Regie führte Kerstin Kaiser.

_Handlung_

Es ist in Sevilla um elf Uhr, als auf einem Platz in einem Park der japanische Computerprogrammierer und Verschlüsselungsexperte Ensei Tankado plötzlich zusammenbricht und in den letzten Momenten seines Lebens den drei herbeieilenden Passanten seine Hand entgegenstreckt. Sie hat nur drei Finger. An einem davon steckt ein goldfarbener Ring, in den eine Inschrift eingraviert ist.

Dr. Susan Fletcher träumt gerade davon, ihren Verlobten David Becker zu heiraten, als David in aller Herrgottsfrühe anruft, um ihr geplantes Wochenend-Rendezvous abzusagen. Er müsse in Commander Strathmores Auftrag dringend weg. Er rufe sie aus dem Flieger wieder an. Flieger??

Während sie von Strathmore, dem Stellvertretenden Direktor des US-Geheimdienstes NSA (National Security Agency, auch „No such agency“ genannt) wegen eines „Notfalls“ in die Kryptografieabteilung der NSA, die sie leitet, gerufen wird, düst Becker nach Sevilla. Strathmore will sämtliche Habseligkeiten, die Ensei Tankado bei sich hatte. Als David die Leiche untersucht, bemerkt er einen hellen Streifen an einem von Tankados Finger: Ein Ring fehlt.

Zum Glück ist David als Professor für Linguistik ein Sprachgenie, das sechs Sprachen fließend beherrscht. Schnell stöbert er den alten französischen Reisekorrespondenten auf, der bei Tankado anlangte. Doch nicht er nahm den Ring an sich, sondern ein fettleibiger Deutscher in Begleitung einer rothaarigen Spanierin namens „Dewdrop“. Schon wieder ein Rätsel? Wer heißt denn in Spanien schon „Tautropfen“, und dann noch in Englisch? Beim Abklappern der Escort-Agenturen stößt David aber auf den Namen einer gewissen Rocío, was in Spanisch „Tautropfen“ bedeutet.

Durch allerlei Tricks und großen Einfallsreichtum findet er heraus, dass die Lady keine Lady ist, sondern eine abergläubische Prostituierte, die das Schmuckstück schnellstens verschenkt hat, weil es von einem Toten stammt. Die neue Empfängerin sei eine Punkerin. Zum Abschied sagt der Deutsche „Fock off and die“ – na toll, jetzt wird David auch noch beschimpft. Womit hat er das nur verdient? Und was soll an dem Ring so besonders sein?

Zu diesem Zeitpunkt hat David noch nicht bemerkt, dass hinter ihm alle seine Informanten wie die Fliegen sterben …

Unterdessen hat Dr. Susan Fletcher, 35, ganz andere Sorgen. Das Prunk- und Herzstück ihrer Kryptografischen Abteilung, der TRANSLTR, der zwei Milliarden Dollar gekostet hat, versucht seit rund achtzehn Stunden ein und dieselbe Datei zu knacken. Und das mit allen drei Millionen Prozessoren. Das kostet pro Minute nicht nur astronomisch viel Geld, sondern ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Die längste Zeit, die der TRANSLTR für eine normale Datei braucht, sind etwa sechs Minuten, bei Diagnoseprogrammen maximal drei Stunden. Etwas sehr Ungewöhnliches geht hier vor: ein Notfall?

Strathmore ist für Susan wie ein Vater und Mentor zugleich. Sie zieht sein Handeln keine Sekunde lang in Zweifel. Er hat die Datei, an der TRANSLTR arbeitet, von Ensei Tankados Webseite heruntergeladen. Laut Tankado enthält die Datei einen neuartigen Verschlüsselungscode, der sich nicht brechen lässt. Dieser Code trägt den Namen DIABOLUS. Das Einzige, was ihn öffnen könne, sei ein Private Key, ein privater Schlüssel. Strathmore vermutet insgeheim, dass Tankados Ring diesen Schlüssel enthält, vielmehr dessen Inschrift. Deshalb hat er Becker losgeschickt, den Ring zu beschaffen.

Was aber Strathmore nicht wahrhaben, sondern vielmehr vertuschen will, ist eine Tatsache, die einem der Systemsicherheitstechniker auffällt. In dieser Datei steckt nicht nur der Teufel, sondern offenbar auch ein Virus. Das ist ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit, denn zahlreiche ausgetüftelte Sicherheitsfilter, genannt GAUNTLET (Spießrutenlauf), sollen ein solches Eindringen verhindern. Als der Techniker erkennt, dass Strathmore GAUNTLET manuell umgangen haben muss, spitzt sich die Entwicklung dramatisch zu.

Denn für das, was Strathmore vorhat, darf es keine Zeugen geben.

Leider hat Strathmore für das, was wirklich im Innern von TRANSLTR passiert, erst Augen, als es bereits zu spät ist. Der Angriff auf die zentrale Datenbank der NSA läuft bereits …

_Mein Eindruck_

|Erfolgsrezepte|

Schon in seinem ersten Roman praktiziert Dan Brown das gleiche Erfolgsrezept wie in seinen Bestsellern „Illuminati“ und „Sakrileg“. Es ist das Prinzip der Schnitzeljagd, das von einem Rätsel durch dessen Lösung zum nächsten führt und so weiter. Das ist am besten an dem abzulesen, was David Becker unternimmt und was ihm dabei widerfährt. Zum Glück ist er ein Sprachgenie und – wie das Leben so spielt – durch das Zusammenleben mit Dr. Susan Fletcher ein wahrer Experte in Ver- und Entschlüsselung. Warum hat er nicht schon längst bei der NSA angeheuert?

Das zweite Prinzip, das Brown stets umsetzt, ist die Steigerung im Ausmaß der nur sehr allmählich sichtbar gemachten Katastrophe, auf die das Geschehen hinausläuft. Dadurch hat der Thriller nicht nur einen Showdown – den von Becker vs. Killer -, sondern auch ein richtiges Finale, mit allen Licht-, Sound- und Showeffekten, die dazugehören, um dem Leser / Hörer richtig Angst einzujagen. Folglich kann er das (Hör-)Buch gar nicht mehr weglegen, aus Angst, er könnte etwas Wichtiges verpassen. Dass er durch falsche Fährten etc. selbst ebenso getäuscht wird wie die Figuren, ist natürlich ein listiges Prinzip, dem viele Thriller folgen, um durch unerwartete Wendungen Spannung zu erzeugen.

|Rotkäppchen und der böse Wolf|

Dass stets auch ein Pärchen im Mittelpunkt steht, versteht sich fast von selbst. So haben auch die weiblichen Leser / Hörer etwas davon. Die Beziehung des Paares Becker-Fletcher steht vor einer Bewährungsprobe, als Strathmore seine quasi-väterlichen Rechte geltend macht und Susan für sich reklamiert. Da hat er sich aber geschnitten, denn er hat einen winzigen Kommunikationsfehler gemacht, der Susan die Wahrheit über ihren tollen Ersatzvater enthüllt. Der Vater ist ein Monster. In dieser Themenanordnung kommen Assoziationen an gewisse Märchen hoch, so etwa an „Rotkäppchen und der böse Wolf“, in dem sich der Wolf ja auch verkleidet, um die junge Unschuld zu erwischen.

|Die Botschaft|

Trotz dieser trivialen Erzählstrukturen bringt der Autor natürlich ein ernstes Thema zur Sprache: Wer überwacht die NSA, während sie das Volk (die Welt) überwacht? In dieser Behörde sitzen ja keine Engel an den Kontrollbildschirmen, sondern Angestellte. Diese wiederum gehorchen gewählten Vertretern des Volkes, die Interessensgruppen, genannt „Parteien“, angehören. Und wenn die Regierung wechselt, gelten dann immer noch die gleichen Grundsätze? Wohl nicht, wie die Verabschiedung des „Patriot Act“ nach dem 11. September 2001 gezeigt hat.

Doch die NSA hat nicht nur Lobredner und Präsidenten, die sie für unentbehrlich halten. Sie hat auch Kritiker, und nicht zu wenige. Im Buch wird die real existierende Electronic Frontier Foundation, kurz: EFF, genannt. Sie ist eine der letzten Verfechterinnen der Bürgerrechte in der digitalen Welt, sozusagen der David gegen den Big-Brother-Goliath. Ob die EFF wirklich aufgedeckt hat, wie sich die NSA ein Hintertürchen in einen neuen „Private Key Encryption (PKI)“-Standard verschaffen wollte, vermag ich ohne längere Recherche nicht zu sagen. Aber dass es solche Bemühungen seitens der NSA und Regierung gibt, steht außer Frage.

Als Folge wiegt sich der E-Mails versendende Bürger in Sicherheit, weil er Verschlüsselung einsetzt, während die Überwacher seinen Code mühelos durchs Hintertürchen knacken können. Und je schneller die normalen PCs werden, desto schneller geht das. (Wer will, kann auf bestimmten Webseiten selbst prüfen, wie schnell sich seine Passwörter knacken lassen – nämlich binnen Sekunden!)

Der Autor stellt lediglich zur Diskussion, was schon der alte Römer Juvenal in seinen „Satiren“ fragte: „Quis custodiet ipsos custodes?“ Wer überwacht die Wächter? Dass die Wächter – aus Eigennutz oder Vaterlandsliebe, ist im Effekt egal – über die Stränge schlagen können, demonstriert der Autor in „Diabolus“. Dass Hacker wie etwa Ensei Tankado genau diese menschliche Schwäche einkalkulieren, führt jedoch zur Katastrophe. Die NSA muss sozusagen die Hosen runterlassen, als Diabolus zuschlägt. Denn, wie die Bibel und Tankado sagen: Nur die Wahrheit macht euch frei und kann euch retten.

|“Wie war das in der Mitte?“| (Otto, der Killer in „Ein Fisch namens Wanda“)

An einer Stelle habe ich mich gefragt, ob dem Autor vielleicht doch ein blöder Fehler unterlaufen ist. Der Killer, der David in Sevilla mehr oder weniger unauffällig folgt (eher weniger, denn so viele Tote dürften schon auffallen), ist nämlich taub. Trotzdem „befragt“ er in einer Szene einen Informanten und erhält auch eine mündliche Antwort. Wie kann er sie verstehen, wenn er taub ist, fragt man sich erst einmal. Doch dann denkt man zurück an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum, in der in einer Schlüsselszene der Bord-Computer HAL 9000 die Astronauten „belauscht“, obwohl sie in einem schalldichten, aber einsehbaren Gefährt sitzen. Des Rätsels Lösung: Sowohl HAL 9000 als auch der Killer können von den Lippen ablesen, was gesprochen wird. q.e.d.

_Der Sprecher_

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber Detlef Bierstedt gelingt es, mit seiner tiefen Stimme eine ganze Palette verschiedener Figuren so zu charakterisieren, dass man sie auseinanderhalten kann. Dass er angesichts der Vielzahl der Figuren nicht durcheinanderkommt, ist schon erstaunlich. Die beiden „jungen Leute“ David Becker und Susan Fletcher klingen ganz anders als etwa der knorrige Commander Strathmore oder der nörgelige Proll Jabba (wegen seiner Körperfülle benannt nach Jabba the Hutt aus „Star Wars“). Heiser und atemlos klingt der krank darniederliegende Franzose Pierre Clouchard in Sevilla, und wenn der Killer einmal leise spricht, läuft einem ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

Nicht nur die Figuren erwachen zum Leben, sondern auch jede einzelne Szene erhält eine eigene Charakteristik. Da sind natürlich die vielen Szenen, in denen Rätsel auftauchen und schnellstens gelöst werden müssen – bis hin zum Finale, in dem das allergrößte Rätsel geknackt werden muss, um die Existenz der NSA zu retten. Die atemlose Hektik, die in der NSA-Zentrale jeden Augenblick in nackte Panik umzuschlagen droht – das erleben wir quasi hautnah, so wie es die Kunst des Sprechers erlaubt. Ich habe diese Szene mit dem Original verglichen und festgestellt, dass kaum eine Zeile weggelassen wurde.

Es gibt jedoch einen Bereich, auf dem Bierstedt nicht gerade glänzt: die Aussprache der Namen. Ich kenne zwar die Namen in der gedruckten Übersetzung nicht, aber welcher Übersetzer würde es wagen, Namen zu verstümmeln? Angenommen, dass die Namen in Original und Übersetzung übereinstimmen, tauchen in Bierstedts Text mehrere Unstimmigkeiten auf, die sich durch den gesamten Vortrag ziehen. Statt den Killer, der in Sevilla hinter David Becker her ist, wie im Buch „Hulohot“ zu nennen, hörte ich immer „Huhot“. Und den Systemsicherheitstechniker Phil Chatrukian nennt Bierstedt durchgehend „Tschatörkin“ – sehr seltsam. Das kann ich mir nur dadurch erklären, dass sich die Bierstedt’sche Version besser, also schneller aussprechen lässt.

Auch die Aussprache des Spanischen ist Bierstedt nicht geläufig. Der Club der Punker, in dem David strandet, heißt nicht „El brujo“ (mit Jott), sondern „Embrujo“ (mit ch statt j). Dort wird ein gewisser „Sid Vicious“ erwähnt. Damit ist natürlich der verstorbene Sänger der „Sex Pistols“ gemeint, der berühmtesten Punk-Band überhaupt. Bierstedt kennt das englische Wort „vicious“ (= bösartig) offensichtlich nicht und spricht es aus, wie man es schreibt (schauder!).

Musik gibt es auch: Spanische Gitarren stimmen anfangs auf das Geschehen in Sevilla ein, und am Schluss geleiten sie den Hörer wieder in den Alltag zurück. Hier spielt offensichtlich ein Meister des Saitenwerks.

_Unterm Strich_

Dem Buch selbst gebe ich nur eine mittlere Wertung. Für den lebhaften, spannenden Vortrag von Detlef Bierstedt aber gibt es einen Bonus. Der Thriller funktioniert so wirkungsvoll und im Grunde einfach wie alle Thriller von Dan Brown. Für Spannung, Action und unzählige unterhaltsame und zum Teil witzige Rätsel ist gesorgt, aber auch für Drama und Tragik.

Dennoch bleibt eine bedeutende Frage im Mittelpunkt, und darum ging es vielleicht – hoffentlich – dem Autor: Wer überwacht die Wächter? Wer schaut der NSA auf die Finger, während sie die Welt überwacht? Wer sagt auch mal „nein“, wenn sie ihre Kompetenzen überschreitet? Bekämen wir das überhaupt mit? Ich bezweifle, dass die NSA je in die Lage geraten wird, wie im Buch mal die Hosen runterlassen zu müssen.

|445 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Digital Fortress, 1998
Übersetzt von Peter A. Schmidt|

Weitere Besprechungen der Dan-Brown-Werke bei |Buchwurm.info|:

[Diabolus 1064 (Buch)
[Meteor 155 (Buch)
[Illuminati 110 (Buch)
[Illuminati 687 (Hörbuch)
[Sakrileg 184 (Buch)

Arto Paasilinna – Der wunderbare Massenselbstmord

Die fröhlichen Lemminge: Wer früher stirbt …

Niemals hätte der finnische Unternehmer Olli Rellonen mit so vielen Antworten auf seine Zeitungsanzeige gerechnet: „Du denkst an Selbstmord? Du bist nicht nicht allein …“ Olli entwickelt einen konkreten Plan und chartert zunächst einen Bus, um mit den unternehmungslustigen Selbstmordkandidaten gemeinschaftlich das Leben zu beenden. Sie besteigen guten Mutes, dass das Unternehmen gelingen möge, das gemietete Gefährt. Doch sie treten ihre einzigartige Reise, die ohne Hoffnung auf Wiederkehr beginnt, an, ohne zu ahnen, dass sie ganz anders enden wird als erwartet.

Der Autor

Arto Paasilinna – Der wunderbare Massenselbstmord weiterlesen

Ken Follett – Liebe in Kingsbridge (Lesung)

Romantisch: Qual der Liebeswahl

Die Liebe ist nicht immer da, wo man sie sucht. Als die Architektin Diana ein ehrgeiziges Stadtplanungsprojekt für Kingsbridge entwirft, findet sie sich zwischen drei Männern wieder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der attraktive und erfolgreiche Nick Lopez hat ihr den Auftrag verschafft, doch ihr alter Freund John sitzt im Stadtrat und muss es genehmigen. Wer es aber finanzieren muss, ist die Kirche, der der Grund und Boden gehört. Dekan Charles Boyd ist jedoch ein lediger Idealist. Auf wen wird ihre Wahl fallen? (Verlagsinfo)

Der Autor

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Zuletzt bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg. In den USA und GB ist sein neuester Roman „Whiteout“ erschienen. Inzwischen liegt auch die Übersetzung „Eisfieber“ vor. Folletts Frau Barbara gehört dem britischen Unterhaus an. Vielleicht hilft das bei Recherchen.

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Lumley, Brian – Necroscope 3 – Kreaturen der Nacht (Lesung)

_Lückenbüßer mit ironisch-erotischen Seitenhieben_

Zu glauben, der Kampf gegen die Untoten sei entschieden, war ein tragischer Irrtum. Yulian Bodescu wurde schon vor seiner Geburt mit den Fähigkeiten der Vampire ausgestattet. Und langsam fängt das verdorbene Erbgut an zu brodeln und zu arbeiten. Der Schrecken kennt kein Ende.

Die Russen beseitigen noch die Schäden, die Harry Keogh in seiner Endschlacht verursacht hat. Harry erscheint währenddessen in der britischen Zentrale des geheimsten aller Geheimdienste. Er erzählt dort die Geschichte des vernichteten Vampirs Thibor Ferenczy. Doch in England selbst lebt der neue König der Vampire und schmiedet finstere Pläne. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Brian Lumley wurde 1937 in England geboren. 1981 beendete er seine Militär-Karriere. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller. Seine ersten Veröffentlichungen standen ganz unter dem Einfluss von H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos. 1986 schuf Brian Lumley mit seiner Vampir-Saga »Necroscope« eine der erfolgreichsten Horror-Serien der Welt.

Alleine in den USA haben sich seine Bücher weit über 2 Millionen Mal verkauft. So wie Brian Lumley den Vampir darstellt, hat es noch kein Autor zuvor gewagt. Mittlerweile hat Brian Lumley mehr als 50 Bücher veröffentlicht und schreibt fleißig weiter. Er und seine Frau Barbara Ann leben in Devon, England. (Verlagsinfo)

Buch 1: [„Das Erwachen“ 779
Buch 2: [„Vampirblut“ 843

_Der Sprecher_

Lutz Riedel ist ein hochkarätiger Synchron-Regisseur und die deutsche Stimme von Timothy Dalton. Er zeigt hier seine herausragenden Sprecher-Qualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern. Er war auch »Jan Tenner« in der gleichnamigen Hörspiel-Serie.

Der Berliner Schauspieler hat u. a. Timothy Dalton (James Bond) und Richard Hatch (Kampfstern Galactica) synchronisiert. Auch Richard Gere, Samuel L. Jackson und Christopher Walken hat er schon gesprochen.

Lutz Riedel ist mit seiner Kollegin Marianne Groß verheiratet.

Der Text wurde bearbeitet und gekürzt von Frank Festa. Regie, Produktion und Grafik lagen in den Händen von Lars Peter Lueg. Die Musik und Tontechnik steuerte Andy Matern bei.

_Der Regisseur Lars Peter Lueg_

In den Worten des Verlags: „Nach zehn erfolgreichen Jahren in der Musik- und Medienbranche als Musikproduzent, Künstlermanager, Leiter von Multimediaprojekten und Tontechniker in verschiedenen Tonstudios war es an der Zeit, die vorhandenen Kontakte und Erfahrungen zu nutzen, um eine vollkommen neue und andersartige Firma zu gründen.

Ein kompetentes Netzwerk von ca. 20 spezialisierten Unternehmen lässt LPL sehr effektiv und unabhängig arbeiten. Durch eine Passion für Filme, (Hör)Bücher und (Hör)Spiele, die sich dem Thema Horror verschrieben haben, sind Lars Peter Lueg und seine Partner mit viel Herzblut dabei. LPL stellt ausschließlich Produkte her, hinter denen der Verlagsleiter auch zu 100 % steht.“

http://www.lpl.de/

_Der Komponist_

Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.

Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde „Der Cthulhu-Mythos“ zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)

_Handlung_

Nach der Schlacht ist vor der Schlacht … Im Januar 1977 finden die Aufräumarbeiten auf Schloss Bronitzi in der Nähe von Moskau statt. Hier hat die Schlacht der von Harry Keogh geführten Tatarenzombies gegen die Zentrale der Psitruppen der Partei stattgefunden, die von Dragosani, dem Nekromanten, unterstützt und von Boronitz geleitet worden waren. Borowitz ist tot und bei Dragosani sieht es auch nicht gut aus. Keogh ist definitiv hinüber. Oder?

Felix Krakowitsch hat jetzt das Kommando. Als Parteichef Leonid Breschnew anruft, nimmt er Habachtstellung ein. Breschnew gibt klare Anweisungen, was zu geschehen hat – mit den Zombies (verbrennen!) und mit Dragosani (sehr sorgfältig verbrennen!). Wie sich herausstellt, erweist sich die Entsorgung des Nekromanten als höchst kompliziert und gefährlich. In seinem Innern lebt etwas – ein Ding wie ein großer Wurm, ein Parasit … Auch damit macht Krakowitsch kurzen Prozess. Dass er aber mit Keoghs Vorgesetzten in England Kontakt aufnehmen soll, bereitet ihm weitaus mehr Kopfzerbrechen. Schließlich herrscht Kalter Krieg.

Ende August 1977, London, unweit Whitehall, in einem Hotel mit einem Geheimtrakt. Hier ist die Zenrale des englischen Psi-Geheimdienstes untergebracht, geleitet von Alec Kyle, einem Telepathen. Plötzlich wird es in Kyles Büro dunkel und kalt, eine neonblaue Aura formt sich: Es ist die von Harry Keogh, dem Nekroskopen! Kyle erstarrt: In der Mitte der Aura schwebt der Umriss eines Fötus – Keoghs Sohn, gerade mal einen Monat alt.

Keogh hat Neuigkeiten für Kyle. Es gibt noch weitere Wesen wie den Wamphyr Dragosani. Denn Tibor Ferenczy, der Dragosani zu einem Wamphyr gemacht hat, wurde selbst vor rund tausend Jahren zu einer solchen Kreatur der Nacht gemacht. Damals herrschte in Transsylvanien auf einer hohen Burg ein Mann namens Fetor Ferenzig, den die Zigeuner der Gegend Ferengi oder Ferenczy nannten. Dieses 200 Jahre alte Wesen pflanzte Tibor, einem zuvor rechtschaffenen Soldaten des Fürsten Vlad von Kiew, sein einziges Ei ein, um ihn zu seinem Nachfolger zu machen.

Nun, Tibor wurde bekanntlich (siehe Bände 1 und 2) in den kreuzförmigen Hügeln in einem Mausoleum begraben, das mittlerweile eingestürzt ist. Doch um 1960 herum geriet ein Ehepaar, die Bodescus, beim Skifahren in diese Falle. Der Mann starb, nachdem er sich das Bein gebrochen und Tibors Protoplasmatentakel ihm das Blut ausgesaugt hatte. Der jungen, vor Schreck ohnmächtigen Frau, Georgina, fügte Tibors Essenz irreparablen, aber unsichtbaren Schaden zu. Denn sie war schwanger …

Ihr Kind Julian treibe bereits sein Unwesen in Südengland und wenn man ihn nicht stoppe, könne er ganz England mit dem Wamphyri-Unwesen überziehen, warnt Keogh. Doch um ihn aufzuhalten, müsse Kyle unbedingt Erfahrungen mit dem Russen Krakowitsch austauschen. Das bereitet nun seinerseits Kyle Kopfschmerzen. Eine heikle Operation beginnt …

_Mein Eindruck_

Dies ist ein Band in der Nekroskopen-Saga, der vor allem dem Aufräumen dient. Das hat Vor- und Nachteile. Zum einen muss der Leser bzw. Hörer natürlich Bescheid wissen, was in den Bänden 1 und 2 passiert ist. Sonst weiß er mit den Figuren und dem Anfang der Haupthandlung wenig anzufangen. Doch wenn sich der eifrige Leser bisher gefragt hat, wie es denn nun mit Harry Keogh und seinen Widersachern weitergehen soll, so findet er hier Aufklärung: Keogh lebt als eine Art Geist in seinem Kind weiter, reist dabei durch den „Möbius-Raum“ und bereitet seinen vormaligen Boss auf das Auftreten weiterer Vampire und Halbvampire wie Julian Bodescu vor. Dragosani hingegen hat offenbar für immer von der Bühne abzutreten.

|Zwei Binnenhandlungen|

So weit die ziemlich magere Rahmenhandlung. Viel interessanter sind hingegen die zwei Binnenhandlungen. Würde man eine Zeitlinie zwischen beiden eingebetteten Storys, die Keogh zum Besten gibt, ziehen, so würde sie sich über eintausend Jahre erstrecken: vom Ende des 10. Jahrhunderts über das Jahr 1960, als Tibor Ferencz dem Ehepaar Bodescu erheblich Schaden zufügt, bis zum Jahr 1977, als Julian Bodescus großer Auftritt vier Opfer fordert – in welcher Form auch immer.

1) |Tibor der Abenteurer|

Wenn Tibor, der ziemlich selbstbewusste Walache, am Dnjestr die Petschenegen bekriegt und dafür von seinem hinterhältigen Fürsten zum Vampir auf dem Berg geschickt wird, so wird aus dem historischen Abenteuerroman plötzlich eine Horror-Fantasy, die sich gewaschen hat. In den Vorgängebänden war des Öfteren von einem gewissen Fetor Ferenczy die Rede, doch nun steht diese halbmythische Figur plötzlich im Mittelpunkt.

Fetor ist ein Gestaltwandler, Telepath und womöglich sogar Telekinet – ein wahrer Übermensch also. Dass er schon 200 Jahre alt ist, überrascht uns nicht mehr, wissen wir doch bereits, wie lange Tibor in seinem Mausoleum überdauert hat: mehrere hundert Jahre. Die Frage, die (vorerst) unbeantwortet bleibt: Wenn die Wamphyri-Parasiten ihren Wirt mit solchen tollen Fähigkeiten ausstatten, woher stammen sie dann? Als Arbeitshypothese können wir annehmen, dass sie nicht von unserer Welt stammen.

2) |Julian, der Charmeur|

Julian Bodescu weist einige Merkmale eines Teufelssprösslings à la „Damien“ auf: Er ist verschlossen, neugierig, respektiert weder Regeln noch Tabus und muss zu Hause von seiner alleinstehenden Mutter aufgezogen und ausgebildet werden. Als Julian 17 ist, hat er bereits den gesamten Haushalt unter Kontrolle und in „Vlad“ einen schwarzen Schäferhund, der ihm aufs Wort gehorcht, genau wie seinerzeit die Wölfe dem unausgesprochenen Befehl Fetor Ferenczys. Dass er bereits jede Menge Experimente im Keller anstellt, versteht sich von selbst.

Die völlig ahnungslose Familie von Georginas spießiger Schwester Anne gerät in Julians Falle, was natürlich verhängnisvolle Folgen hat. Nur Annes Mann George hat eine instinktive Abneigung gegen den Jungen gefasst. Er starrt fassungslos durch sein Fernglas, als er Julian dabei ertappt, wie er es mit – je, mit wem nun eigentlich?- treibt: mit Georges 16-jähriger Tochter Helen, Julians Jugendfreundin, oder mit Anne selbst?!

Wie auch immer: Man kann sich leicht Georges heftig auflodernden Hass gegen den unheimlichen Jungen vorstellen, der über eine so große erotische Macht verfügt, dass er alle drei Frauen in seine psychische Gewalt gebracht hat. George geht auf Julian los, hat aber gegen ihn und den Hund Vlad keine Chance. Vielmehr sieht er sich alsbald jenem tentakelbewehrten Wesen gegenüber, das sich in Julians Badewanne um Anne und Helen kümmert …

Wie man sieht, kann Lumley in mehreren Tonarten spielen. Sei es die erotische Fantasy oder das historische Abenteuer, der psychologische Horror oder krasse Horrorfantasy – Lumley ist in allen Genres zu Hause. Übrigens entbehrt auch die Begegnung zwischen Fetor und Tibor nicht einer erotischen Komponente. Der Wamphyr-Parasit – Fetors einziges Ei – wird auf einem besonders dafür reservierten Weg übertragen: durch einen Kuss …

_Der Sprecher_

Doch diese Vielfalt im erzählerischen Tonfall fordert auch vom Sprecher entsprechende Fähigkeiten hinsichtlich der Flexibilität seiner Stimme und seines Vortrags. Wenn Leonid Breschnew anruft, so hören wir seine unheimlich tiefe Stimme. Und dass Felix Krakowitsch vor dem KP-Chef katzbuckelt, hören wir in seiner devoten Antwort.

Eher schwierig wird es für Lutz Riedel, wenn der selbstbewusste Tibor Ferencz auf den ebenso großmächtigen Vlad von Kiew trifft. Sie sind dementsprechend schwer zu unterscheiden. Deshalb ist es hilfreich, jeder der beiden Figuren deutlich ihre Sätze zuzuweisen. Der Erzähler bedient sich dazu einer neutralen, zurückhaltenden Ausdrucksweise.

Fetor Ferenczy zu erkennen, ist hingegen ein Kinderspiel. Der uralte Wamphyr bedient sich einer hohen, krächzenden Stimme, die gut zu einem solchen Nosferatu passt. Doch wenn Fetor lacht, beispielsweise über Tibors ungebrochene Impertinenz ihm gegenüber, so läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken.

Die einzige Stimmlage, die höher ist als die für Fetor, ist jene, die Lutz Riedel für Georgina aufbringen kann. Als die arme, frischgebackene Witwe den ausgesaugten Leichnam ihres Gatten daliegen sieht, bricht sie verständlicherweise in ein hohes Wimmern aus. Es ist schon erstaunlich, zu welchen Tiefen und Höhen Riedels Stimme in der Lage ist. Dass er sich aber wie ein begeisterter Schauspieler für diese körperliche Leistung auch mental derartig ins Zeug legt, ist seinem besonderen Engagement für diese Geschichte zu verdanken.

_Die Musik_

Geräusche gibt es keine, aber dafür eine Menge Musik. Diese ist nicht in den Hintergrund verbannt, sondern dient (außer als Intro und Extro) der Abgrenzung der einzelnen Kapitel wie auch deren Unterabschnitte. Diese Abschnitte sind aufgrund der nichtlinearen Erzählstruktur oftmals mit Rückblenden durchsetzen. Man kann ja auch die beiden Binnenhandlungen als sehr umfangreiche Rückblenden auffassen.

In meinen Notizen habe ich überall das Auftreten von Pausenmusik eingetragen, und dabei stellt sich ein deutliches Muster heraus. Sobald eine Szene ihren Höhepunkt erreicht hat, wird sie oftmals abgebrochen, damit sie sich in der Vorstellung des Lesers bzw. Hörers fortspinnen lässt. Sofort setzt Musik ein, die diesen Vorgang auf emotionaler Ebene steuert und stützt. Auf einer geistigen Ebene tritt hier allerdings eine kleine Verschnaufpause ein …

Man sollte auch bedenken, dass wir es diesmal mit einer stark gekürzten Fassung zu tun haben. Statt der vorherigen sechs CDs sind es diesmal nur noch vier. Abgebrochene Szenen sind zwar mitunter sehr wirkungsvoll, aber wer weiß, was dabei alles verschwiegen wird.

_Unterm Strich_

Weder Harry Keogh noch Dragosani spielen mehr mit, jedenfalls nur noch als Randfiguren der Rahmenhandlung. Das ist eigentlich recht schade, denn dadurch wird das Buch bzw. Hörbuch zu einem Lückenbüßer. Immerhin: Handlungsfäden werden zu Ende geführt und die Entstehungsgeschichte des Wamphyrs Tibor Ferenczy nachgeliefert. Am interessantesten – und erotischsten – ist daher die kleine Binnenhandlung um die Entstehung des Halbwamphyrs Julian Bodescu.

Die Art und Weise, wie der Spießbürger George und Julians „normale“ Tante Anne auf diesen unheimlichen Sprößling Tibors stoßen, entbehrt nicht vieler ironischer Seitenhiebe auf die Wohlanständigkeit und Engstirnigkeit der englischen Mittelklasse. Erst als sich Julian an Anne und Helen sexuell vergeht, streift George den Lack der Zivilisation ab und wird zu einem reißenden Tier, von unverhohlenem Hass auf Julian erfüllt. Leider hat er gegen den Halbvampir keine Chance. Diese kleine Story könnte man als feines Stück Gesellschaftskritik auffassen.

Der Sprecher Lutz Riedel stellt wieder einmal seine Engagiertheit für die Horrorliteratur unter Beweis, ebenso wie die Flexibilität seines Sprechorgans und seiner Darstellungskraft. Dies trägt dem Hörbuch einen dicken Pluspunkt ein.

|Hinweis:|

„Necroscope 4 – Untot“ erscheint im August 2006. Den Programmhinweis spricht David Nathan. „Necroscope 5 – Totenwache“ soll im Oktober 2006 erscheinen.

|1988; zuerst auf Deutsch bei Festa, 2001
Aus dem Englischen übersetzt von Hans Gerwien
310 Minuten auf 4 CDs|

John Sinclair – Skylla, die Menschenschlange (Folge 159)

Die Handlung:

Natürlich gönnten wir Glenda ihren Urlaub! Bei ihrem ersten Anruf nach der Ankunft am Golf von Neapel äußerte sie sich dann auch geradezu euphorisch: So hatte die liebenswürdige italienische Gräfin Eleonora Frascetti Glenda auf ihrem Schloss aufgenommen und umsorgte sie fürsorglich. Nur kurze Zeit später erreichte uns die Nachricht von einem Seeungeheuer, das fünf Frauen verschlungen haben sollte – und zwar im Golf von Neapel! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des Heftromans mit der Nummer 384 gemacht, das erstmalig am 11. November 1985 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war.

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Hodgson, William Hope / Newman, Kim / Busson, Paul / Lovecraft, H. P. / Somtow, S. P. / Lueg, Lars P – Necrophobia 2

Symphonie des Grauens: Scherzo und Finale furioso

Wieder mal hat Lars Peter Lueg als Regisseur, Produzent und Dramaturg ein Fest für Horrorfans vorbereitet. Sein Adlatus Andy Matern steuerte die Musik, den Schnitt und die Tontechnik bei. Zu den Autoren der neuen Storys gehören die bekanntesten Vertreter des Genres, darunter der unsterbliche Magier aus Providence, H. P. Lovecraft, dann aber auch einige Neutöner wie etwa S. P. Somtow, dessen Story „Summertime“ den Hörer einfach umhaut.

Erzählung #1: William Hope Hodgson: Die Stimme aus dem Nichts

Der Autor

William Hope Hodgson (1877-1918) war ein englischer Autor, der von 1891-99 bei der Handelsmarine arbeitete. Viele seiner Storiys stützen sich daher auf seine Seefahrer-Erlebnisse, beziehen das Unheimliche oder Übernatürliche ein, seine Romane „Das Haus an der Grenze“ (1908) und „Das Nachtland“ (1912) sind herausragende Beispiele für unheimliche Visionen in eine erschreckende Zukunft der Erde. „Die Stimme aus dem Nichts“ erschien zuerst 1907 unter dem Titel „The Voice in the Night“.

Der Sprecher

Der Synchronsprecher Helmut Krauss schenkt seine sonore und imposante Stimme u. a. Marlon Brando und Samuel L. Jackson. Krauss wurde am 11. Juni 1941 in Augsburg geboren. Nach seiner Schauspielausbildung machte er an diversen Theatern erste Bühnenschritte, studierte nebenher Pädagogik. 1963 übersiedelte er nach Berlin und arbeitete beim Rundfunk. Es folgten Engagements bei Fernsehen, Theater, Musical, Kabarett, Film und Synchron. Seit 1980 hört und sieht man Krauss als Nachbar Paschulke in Peter Lustigs ZDF-Kinderserie „Löwenzahn“.

Handlung

Ein Segler ist im Pazifik in eine Flaute geraten. Die Langeweile an Bord wird durch penetranten Nebel noch verstärkt. Während sein Freund Will schläft, hört der Ich-Erzähler eine Stimme aus der Nacht erschallen: „Schiff ahoi!“ Doch der Besitzer der Stimme, offenbar ein alter Mann, will sich nicht zeigen, schon gar nicht im Lampenlicht, sondern bittet lediglich für sich und seine kranke Frau um Proviant.

Der wird ihm selbstverständlich gewährt, und so kehrt er in der nächsten Nacht zurück, um seine Geschichte zu erzählen. Und um diese geht es im Grunde. John erlitt mit dem Passagiersegler „Albatros“, der von Newcastle nach San Francisco unterwegs war, Schiffbruch. Nach vielen Strapazen und Fährnissen strandeten er und seine Verlobte an einer seltsamen Insel unweit der südamerikanischen Küste.

Deren Boden ist von einem merkwürdigen, grauweißen Pilz bedeckt: Dieser Pilz kann sich bewegen und menschlichen Formen wie etwa Arme bilden. Nach vier Monaten der Bekämpfung zeigt sich der erste Übergriff des Pilzes auf menschliches Gewebe. John ertappt seine Frau dabei, wie sie von dem Pilz isst, als ob er ihr wirklich schmecken würde. Nicht lange, und ihm geht es genauso. Eine Umwandlung beginnt …

Mein Eindruck

Die Atmosphäre ist von Anfang an etwas unheimlich, doch als der Unbekannte aus der Nacht mit seiner Geschichte auftaucht, nimmt die Stimmung eine eindeutig bedrohliche Note an. Pilze, die wie Menschen aussehen und sie übernehmen? Klingt nicht sehr lustig, und die allerletzte Zeile – die „punch-line“ – verpasst dem Leser denn auch einen ordentlichen Tiefschlag, eben einen „punch“.

Der Sprecher

Helmut Krauss bringt mit seiner tiefen Stimme das Grauen dieser Begebenheit zur vollen Wirkung. Es fängt ganz langsam an, wird aber dann immer bedrohlicher, bis der Schrecken mit der letzten Zeile unvermittelt zuschlägt.

Erzählung #2: Kim Newman: Der Mann, der Clive Barker sammelte

Der Autor

Kim Newman, geboren 1959, ist ein britischer Schriftsteller, Kritiker und Radiosprecher, der früher mal im Kabarett auftrat. Zum einen verfügt Newman über ein umfassendes Wissen über phantastische (Horror etc.) Filme, zum anderen über einen bissigen Humor. Und selbstverständlich kennt er alle wichtigen Genre-Autoren in seinem Land, von Clive Barker über Neil Gaiman bis hin zu Paul McAuley. „The Man Who Collected Clive Barker“ erschien 1990.

Die Sprecherin

Bekannt wurde Marianne Groß als die deutsche Stimme von Anjelica Huston und Cher. Außerdem ist sie laut Verlag eine herausragende Synchronregisseurin und Dialogbuch-Autorin. 2004 wurde sie zweifach mit dem Deutschen Synchronpreis ausgezeichnet.

Handlung

Salley Rhodes, eine von den Serienhelden des Autors, ist eine Privatdetektivin, die sich gerne mit unheimlichen und okkulten Dingen befasst. Im Auftrag des „Australiers“ besucht sie den Buchsammler David Ringham in seinen Geschäftsräumen. Diese sind hypermodern eingerichtet, was Sally reichlich verblüfft: Dave sammelt nämlich die alten Schwarten und Hefte, die man als „Pulp“ bezeichnet, also wirklich unterste Schublade. Wie kann er sich diese moderne Einrichtung bloß leisten?

Dave ist Sammler mit Leib und Seele, er kennt alle seine Autoren und behandelt selbst Pulphefte wie Heiligtümer. Das Herzstück seiner Sammlung bildet Clive Barker. Er hat einfach alles von ihm. Aber nicht nur die normalen Ausgaben, die Hinz und Kunz im Laden kaufen können, sondern die wirklich wertvollen Sonder-Sonderausgaben, Sie wissen schon: mit Widmung, Spezialausstattung und so. Da wäre beispielsweise jene Ausgabe der „Bücher des Blutes“, die ganz in Menschenhaut gebunden ist und – nebst einer Widmung des Autors – mit dessen Blut gekennzeichnet ist. Doch es ist nicht die Haut irgendeines x-beliebigen Menschen, nein, meine Lady, sondern die mexikanischen Spender der Haut haben sich vor ihrem Ableben die Titelseite in ihren Rücken eintätowieren lassen – das nennt man Hingabe, was! Leider ist die Buchbinderin seitdem spurlos verschwunden …

Sally Rhodes interveniert und zückt ihren Ausweis als Detektivin: „Wissen Sie, wo Clive Barker ist?“ fragt sie streng. Dave lässt sich jedoch nicht beirren. „Schauen Sie mal, was ich hier als Krönung meiner Sammlung habe …“

Mein Eindruck

David Ringham, der Sammler, ist der lebende Beweis dafür, dass Passion, also Leidenschaft, in Obsession, in Besessenheit, umschlagen kann, ohne dass es der Betroffene überhaupt merkt. Das Fiese an der Story ist ja, dass der Leser / Hörer schon eine Weile vor dem Ende merkt, wie der Hase läuft, aber einfach nicht glauben kann, dass es wirklich so ist: Wo ist Clive Barker? Mit Daves stolzem Blick schauen wir genau darauf … Die Story ist ein schlagendes Beispiel dafür, dass auch das Makabre bestens funktioniert, wenn nämlich der wider besseres Wissen ungläubige Leser / Hörer gnadenlos über die Kante des Abgrunds gezerrt wird.

Die Sprecherin

Marianne Groß vermittelt in gleichem Maße die wachsende Begeisterung des Sammlers für das Herz-Stück (sic?) seiner Sammlung, die einhergeht mit einer wachsenden Ungläubigkeit seitens Sally Rhodes‘, die schließlich in Entsetzen umschlägt. Genau so muss die Story gelesen werden. Da hilft es nicht, zimperlich zu sein und ins Stocken zu geraten, sondern der Hörer müssen volle Kanne mit auf die Fahrt in den Abgrund des Grauens mitgenommen werden. Bravourös!

Erzählung #3: Paul Busson: Rettungslos

Der Autor

Paul Busson (* 9. Juli 1873 in Innsbruck; † 5. Juli 1924 in Wien) war ein österreichischer Journalist und Schriftsteller. Diese Geschichte erschien zuerst im Jahr 1903.

Der Sprecher

Lutz Riedel ist die deutsche Stimme von Timothy Dalton (James Bond u.a.). Er zeigt auf diesem Hörbuch seine „herausragenden Sprecherqualitäten, die den Hörer mit schauriger Gänsehaut verzaubern“. Er war auch „Jan Tenner“ in der gleichnamigen Hörspielserie.

Handlung

Schon zwei Tage liegt der Scheintote bei vollem Bewusstsein in diesem Sarg, kann sich aber weder rühren noch verständlich machen, wenn seine Gattin um ihn weint oder der Priester die letzte Ölung vornimmt. Dann wird der Sarg ins kühle, dunkle, stille Grab hinabgelassen und Erde daraufgeworfen. Endlich gelingt es dem Bestatteten, zwei Finger seiner rechten Hand zu bewegen. Ein ganz klein wenig zu spät.

Mein Eindruck

Tja, was würde ich tun, wenn ich scheintot, aber bei vollem Bewusstsein im Sarg läge? Ich würde wahrscheinlich (vergeblich) versuchen, mich in den Hintern zu treten, dass ich so blöd war, mich überhaupt in diese Lage zu bringen. Als ob das irgendwie helfen würde! Die Story hat mich nicht beeindruckt, vielleicht auch deswegen, weil sie so kurz ist. Sie passt genau an den Schluss der ersten CD, weswegen sie wohl ausgewählt wurde: als Füllsel.

Der Sprecher

Dennoch legt der Sprecher Lutz Riedel all seine beträchtliche Ausdruckskraft in den Vortrag der Geschichte. Wider Willen ist der Hörer fasziniert von der absonderlichen Situation des Lebendigbegrabenseins des Ich-Erzählers und ein leises Grauen beschleicht ihn. Über die Schlusspointe kann man entweder zusammenzucken oder laut auflachen, je nach Mentalität des Hörers.

Erzählung #4: H. P. Lovecraft: Der Außenseiter

Der Autor

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin. „The Outsider“ wurde 1926 veröffentlicht.

Der Sprecher

David Nathan gilt als einer der besten Synchronsprecher hierzulande. Seine Erzählkunst erweckt den Horror zum Leben. Im Kino erlebt man ihn als Stimmbandvertretung von Johnny Depp und Christian Bale.

Handlung

Der Story ist ein Motto von John Keats, einem englischen Dichter der Romantik, vorangestellt. – Ein unbekannter Ich-Erzähler berichtet uns, dass er sein bisheriges Leben tief unter der Erde in den Gewölben eines uralten Schlosses, ohne Kontakt mit der Außenwelt, verbracht hat.

„Ich weiß nicht, wo ich geboren wurde, außer dass das Schloss unendlich alt und unendlich grauenvoll war, voller dunkler Gänge und mit hohen Decken, an denen das Auge nur Spinnweben und Schatten wahrnehmen konnte. Die Steine in den verfallenden Korridoren schienen immer schrecklich feucht, und überall war ein widerwärtiger Geruch wie von den übereinander gestapelten Leichen toter Generationen. Nie war es hell, so dass ich manchmal Kerzen anzündete und sie still betrachtete, um mich zu trösten; auch schien draußen niemals die Sonne, denn die schrecklichen Bäume wuchsen weit über den höchsten zugänglichen Turm hinaus. Es gab einen einzigen schwarzen Turm, der über die Bäume hinaus in den unbekannten äußeren Himmel ragte, aber dieser war teilweise eine Ruine, und man konnte ihn nicht ersteigen, es sei denn, man hätte das schier Unmögliche vollbracht, Stein für Stein die senkrechten Wände emporzuklimmen.“

Letztlich beschließt der Außenseiter doch, seine Behausung zu verlassen und den finsteren Turm zu ersteigen. Er gelangt auf den festen Erdboden und befindet sich auf einem verlassenen Friedhof. Nach einer nächtlichen Wanderung erreicht er ein anderes Schloss, das ihm irgendwie bekannt vorkommt. Aus den offenen, erleuchteten Fenstern dringt ihm der fröhliche Lärm eines Festes entgegen.

Die plötzliche Erscheinung des Fremden versetzt die Festgesellschaft in panischen Schrecken, und sie ergreift in wilder Hast die Flucht. In einem Rahmen erblickt der Fremde ein dunkles Ungeheuer, das wie ein Kadaver aussieht, und erschrickt. Er taumelt und berührt das Monster an seiner Klaue, denn er hat noch nie in seinem Leben einen Spiegel gesehen …

Mein Eindruck

Bei keinem Zuhörer wird diese grausige Story ihre Wirkung verfehlen. Allein schon der Moment der Erkenntnis für den Fremden ist einfach purer Horror. Anfang und Stil der Geschichte erinnern an Edgar Allan Poe, bei dem ebenfalls Figuren und Erzähler vorkommen, die aus einem „uralten und dekadenten Geschlechte“ stammen. Sehr wirkungsvoll ist natürlich der Kunstgriff, die Geschichte aus der Perspektive des Phantoms – anscheinend ein auferstandener Leichnam oder ein Ghoul – zu erzählen.

Das Erscheinen des unheimlichen Gastes auf dem Fest ruft Assoziationen zu Poes klassischer Erzählung „Die Maske des roten Todes“ hervor. Bekanntlich bewunderte HPL Poe als Meister des Unheimlichen ohne Ende und eiferte ihm anfangs fleißig nach. Diese Story stammt aus dem Jahr 1926, also vom Ende der ersten zehnjährigen Schaffenszeit HPLs (die zweite dauerte von 1927 bis zu seinem Tod 1937).

Die albtraumhafte Erzählung lässt sich psychoanalytisch interpretieren, und Prof. Dirk Mosig hat dies im Sinne C. G. Jungs erfolgreich unternommen („The Four Faces of the Outsider“, in „Nyctalops“, Vol. II, 1974, S. 3-10); unter anderem regt er eine autobiografische Deutung an.

Wie auch immer man die Story auffasst: Sie gehört zu den wirkungsvollsten und am häufigsten abgedruckten Geschichten des Meisters aus Providence.

Der Sprecher

Zum Glück liegt der Lesung nicht die alte Übersetzung von H. C. Artmann zugrunde, sondern die moderne von Andreas Diesel und Frank Festa. So kann es gelingen, dass die unzähligen Adjektive wie unheilvoll, grausig, finster, düster, modrig usw. usf. nicht völlig veraltet daherkommen, sondern halbwegs modern. (Zudem hat Artmann nicht immer hundertprozentig werkgetreu übersetzt.)

Wie auch immer, jedenfalls klingt David Nathan an keiner Stelle wie Johnny Depp. Statt dessen relativ heller und sanfter Synchronstimme hat Nathan eine recht dunkle, tiefe Stimmlage gewählt, die besser zur der albtraumartigen Geschichte passt. Aufgrund der Struktur der Story dauert es aber eine ganze Weile, bis das Grauen ordentlich zuschlägt.

Erzählung #5: S. P. Somtow: Summertime

Der Autor

S. P. Somtow ist das Pseudonym des 1952 geborenen Thai-Schriftstellers, Komponisten und Filmemachers Somtow Papinian Sucharitkul. Unter diesem Namen schrieb er zunächst in den 1980ern Science-Fiction, danach schwenkte er zu Fantasy um, die von der „Encyclopedia of Fantasy“ als „originell“ bezeichnet wird. 1984 veröffentlichte er seinen ersten Horrorroman: „Vampire Junction“, der angeblich die Splatterpunk-Bewegung vorweggenommen hat. (Fortgesetzt in „Valentine“, 1992, und „Vanitas“, 1995.) Die Story erschien unter dem Titel „Fish are Jumping, and the Cotton is High“ (vgl. George Gershwin) erstmals 1996. Andreas Diesel hat sie in Deutsche übertragen.

Der Sprecher

Torsten Michaelis ist der Synchronsprecher von Wesley Snipes. Durch sein Spektrum an verschiedenen Klangfarben wird er für die unterschiedlichsten Rollen eingesetzt. Er kann auf über 400 synchronisierte Filme zurückblicken.

Handlung

Der zwölfjährige Jody und sein Dad sind wie jeden Sommer unterwegs, um Fische zu fangen. Diese besondere Spezies der Fische jedoch ist weiblich und geht auf zwei Beinen, trägt meist einen Minirock und ein winziges Handtäschchen. Man kann diese Fischart ziemlich leicht erspähen, und so ist die Jagd meist erfolgreich. Jody und Dad sind Menschenfischer, zwei moderne Apostel. Im Kofferraum begleitet sie Großmutter. Ihre Gebeine liegen in einem Koffer, so dass sie es stets schön warm hat.

In dem Städtchen Sweetwater werfen Jody und Dad den Köder aus, denn die Fische sind manchmal misstrauisch und hüpfen nicht gleich an den Haken. Sobald sich der Fisch über den scheinbar verwundeten Jody beugt, braust Dad mit seinem Wagen heran und fängt die Frau mit einem Lasso ein. Sie wird verschnürt und geknebelt, in der Scheune eines verlassenen Bauernhofes findet dann das Gericht statt.

Dabei liest Jody zunächst passende Stellen aus der heiligen Schrift vor, um der Sünderin klarzumachen, worum es überhaupt geht. Durch verschiedene handgreifliche Maßnahmen bringt sein Dad dann die Sünderin dazu, Gott um Vergebung anzuflehen. Dann erlöst er sie von ihrem Dasein und führt ihren Körper seiner natürlichen Bestimmung zu. Und wieder einmal erzählt er seinem Sohn, warum sie das Menschenfischen jeden Sommer unternehmen müssten und wie alles damit anfing, dass Dad seine Mutter beim Sündigen ertappte.

Leider klappt ihre Jagdmethode immer weniger gut, je weiter Jody und Dad ihr Jagdrevier durchstreifen und je mehr Aufsehen ihr Treiben erregt. Und so stoßen sie eines Tages auf einen sehr hübschen Fisch, der leider selbst ein Köder ist …

Mein Eindruck

Dass das Grauen auch furchtbar viel Spaß machen kann, beweist diese herrlich makabre Geschichte, bei der einem glatt das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn man nicht die richtige Art von schwarzem Humor mitbringt. Außerdem sollte man ordentlich abgebrüht sein, was die Darstellung sinnlicher Details anbelangt, und wissen, was wohl mit der „Milch der Gnade“ gemeint ist, wenn zwei Männer davon reden …

Natürlich ist „Summertime“ – der Titel verweist auf Gershwins Idylle vom amerikanischen Süden – eine waschechte Satire. Ihr Ziel ist die frömmelnde Bigotterie, mit der fundamentalistische Christen gegen die Vertreter der Sünder, hier als „Hure von Babel“ bezeichnet, zu Felde ziehen. Der Autor spielt lediglich durch, wie es wäre, wenn es nicht mehr bei Hetzreden bliebe, sondern sich einer dieser Männer nach einem einschneidenden Erlebnis (à la Ödipus mit seiner Mutter) dazu berufen fühlte, selbst zur Tat zu schreiten.

Besonders makaber: Nur wenn das Opfer um Vergebung seiner Sünden fleht, kann ihm Erlösung gewährt werden. Alles andere ist hingegen Mord. So hat es Dad seinem Sohn beigebracht. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, als Jody quasi vom Glauben abfällt. Aber erst, nachdem Dad selbst den seinen schon verloren hat. Man sollte nun hoffen, dass Jody später geheilt werden kann. Aber alles, was weiblich ist und nach Fisch riecht, so beharrt seine Erinnerung, muss eine verkappte „Hure von Babel“ sein. Dieses Detail liefert denn auch noch einmal eine Pointe, die den Leser umhaut.

Wäre eigentlich nur noch die Frage zu klären, wie es kommt, dass Jody Dads leiblicher Sohn ist, wenn Dad doch alle Frauen als des Teufels betrachtet hat. Ob wohl die Gebeine von Großmutter in ihrem „Koffer“ die Antwort kennen? Ein Grund, den „Summertime Blues“ zu kriegen.

Der Sprecher

Torsten Michaelis vermag es ausgezeichnet, die enervierend makabre Geschichte mit völliger Aufrichtigkeit vorzutragen. Denn es ist der gläubige Jody, der sie uns erzählt. Dessen naive Einstellung spiegelt sich in seiner hellen Kinderstimme wider.

Dagegen nimmt sich die Stimme seines Dads, der schon lange auf der Fischjagd ist, viel dunkler, schleppender, unheilvoller aus. Wenn einmal ein „Fisch“ angebissen hat, so klingt auch die reichlich aus dem Häuschen geratene Lady entsprechend hoch und kreischend. (Nicht so jedoch der weibliche Köder.) Will heißen, dass der Hörer jederzeit klar unterscheiden kann, wer gerade spricht.

Unterm Strich

Eine „Symphonie des Grauens“ könnte man mit F. W. Murnau diese Sammlung von Horrorstorys nennen. Sie fängt ganz leise, verhalten und vielfältig (Scherzo inklusive) an, um dann auf der zweiten CD mit zwei Glanzstücken zu prunken, die in einem höchst makabren und actionreichen Finale enden. Man kann dem Hörer nur einen robusten Magen wünschen!

Besonders die zweite CD macht deshalb richtig Laune, und man möchte gleich wieder von vorne anfangen, um sich die Schmuckstückchen noch einmal in allen Details zu Gemüte zu führen. Wer jetzt noch kein Freund von Horror gewesen ist, wird es spätestens mit dieser schönen, vielseitigen Kollektion werden.

146 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13: 9783785714836

www.lpl-records.de

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Dark, Jason – John Sinclair – Die Rückkehr des schwarzen Tods

_Des Geisterjägers Höllenfahrt_

Diesmal kann Geisterjäger John Sinclair der Rückkehr des Bösen in seine Welt keinen Einhalt gebieten. Vielmehr wird er in dessen „Welt der verlorenen Engel“ gesaugt und begegnet dort seinem Schicksal. Gibt es noch Hoffnung für ihn?

_Der Autor_

Der unter dem Pseudonym „Jason Dark“ arbeitende deutsche Autor Helmut Rellergerd ist der Schöpfer des Geisterjägers John Sinclair. Am 13. Juli 1973 – also vor rund 34 Jahren – eröffnete der Roman [„Die Nacht des Hexers“ 1818 die neue Romanheft-Gruselserie „Gespenster-Krimi“ aus dem Hause |Bastei|.

250 Millionen! So viele Hefte hat Jason Dark von den Geschichten seines „Geisterjägers Jason Dark“ in 25 Jahren verkauft (bzw. den |Bastei-Lübbe|-Verlag verkaufen lassen). Das sind laut Autor 1300 Heftromane plus mehr als 260 Taschenbuchausgaben: 4 Hefte und ein Taschenbuch pro Monat, behauptet der Autor in seinem Vorwort. Es ist schwer, ihn zu widerlegen.

_Die Hauptfiguren_

John Sinclair: Oberinspektor bei einer kleinen „Spezialabteilung“ von Scotland Yard, heimlich aber der reinkarnierte „Sohn des Lichts“ alias König Salomo, Richard Löwenherz und Tempelritter Hector de Valois. Trotzdem eine Vollwaise. Sinclair wird von einem Kreuz als Waffe des Guten beschützt und gewarnt, das vom Propheten Hesekiel selbst stammt (ca. 500 v. Chr.). Zur doppelten Sicherheit trägt er auch eine Beretta-Pistole mit sich, die mit Silberkugeln geladen ist. Hat einen silbernen Bumerang gegen den Schwarzen Tod eingesetzt.

Suko: Inspektor ebenda, Freund und Partner Sinclairs. Kungfumeister mit zwei tollen Waffen: eine Dämonenpeitsche und ein Zeitstopp-Zauberspruch. Partnerin: Shao.

Sir James Powell: der Chef der beiden. Loyal, hat aber „Magenprobleme“.

Glenda Perkins: Powells Sekretärin, kocht den besten Kaffee der Welt und hat eine spitze Zunge.

Jane Collins: Hexe, Privatdetektivin, Ex-Geliebte Johns. Steht auf der Seite Johns.

Lady Sarah Goldwyn: „Horror-Oma“ genannt, Mutterersatz für John, Mentorin.

Dracula II: Will Mallmann, Ex-Kommissar beim Bundeskriminalamt, Exfreund von John, jetzt aber Herrscher der Vampire. Böse, leider.

Justine Cavallo: „Blonde Bestie“ in schwarzem Leder, will John zum Vampir konvertieren, Partnerin von Dracula II und dem Menschdämon Vincent van Akkeren

Der Spuk: Nr. 2 im Dämonenreich, hat mit John Waffenstillstand geschlossen.

Der Schwarze Tod: Sehr alter Oberdämon, der den Untergang von Atlantis herbeiführte. Gestalt des Sensenmanns. Wurde von John besiegt.

_Handlung_

Einer von Sinclairs früheren Widersachern namens „Dracula II“, bürgerlich Will Mallmann (s. o.), warnt Sinclair vor der nahenden Rückkehr eines finsteren Oberdämonen. Sinclair hatte den Schwarzen Tod vor Jahren besiegt und vernichtet. Doch demnächst werde der Höllenfürst aus dem Zwischenreich zurückkehren, um grausame Rache zu nehmen.

Ein Vorläufer werde ihm den Weg bereiten: der Todesdämon Namtar (ein sumerischer Name). Damit Namtar seine Aufgabe erledigen und den Oberdämon herbeirufen kann, muss er zunächst vier Engel töten. Und wie es scheint, müssen sie die Namen der vier Evangelisten Matthäus, Lukas, Markus und Johannes tragen. Diesen sind vier Symbole und Eigenschaften zugeordnet:

Matthäus – Engel – gut
Markus – Löwe – stark
Lukas – Stier – stur
Johannes – Adler – frei

Mit Matthew Wilde, dem „Engel der Straße“, der sich der Obdachlosen annimmt, macht Namtar einen vielversprechenden Anfang. Nur Matthews Freundin Rose entkommt seinem erfolgreichen Anschlag und berichtet als Erste Sinclair und seinem Kollegen Suko von der ersten Tat Namtars.

Namtar besitzt in einer Gruft einen magischen Spiegel, in dem nun bereits das erste Viertel des Körpers des Schwarzen Tods sichtbar wird. Nach drei weiteren Morden wird dieser Körper vollständig sichtbar sein und Namtar sagen können: „Der Weg ist frei!“

Schon bald folgen Matthew ein gewisser Marcus Fleming und ein Lucas Taylor in die Ewigen Jagdgründe. Anders als erwartet kann Sinclair mit seinem Freund Suko dem Dämon nicht Einhalt gebieten, und sie können John Preston nicht in erwartetem Maße schützen.

Schließlich ist selbst die Allianz mit Dracula II und dessen Verbündeter, der erotischen Vampirin Justine Cavallo, der Blonden Bestie, nicht stark genug, das Eindringen des Schwarzen Tods aufzuhalten. Allmählich wird es eng für die Guten.

Vielmehr wird John Sinclair selbst in die „Welt der verlorenen Engel“ gesaugt und muss in dieser kalten Parallelwelt dem Todesdämon gegenübertreten. Doch Menschen sind bekanntlich schwach und Sinclairs Waffen haben bereits einmal versagt, wie der Schwarze Tod weiß. Gibt es noch Hoffnung für ihn und die Welt der Menschen?

_Mein Eindruck_

Zunächst folgt die Handlung den bekannten Mustern mystischer Horror-Thriller: Die Ankunft Satans auf Erden muss vorbereitet werden, meist durch Menschenopfer. Sobald er selbst, gerufen von seinem Wegbereiter, eintritt, wird’s ernst. Die Entscheidung fällt, ob er seine Herrschaft über die Menschenwelt antreten kann oder nicht.

Auch John Sinclairs neuestes Abenteuer folgt diesem Muster. Es gibt aber einige Überraschungen. So muss sich der Held mit seinen früheren Widersachern in einem zeitweiligen Burgfrieden verbünden, um stark genug sein zu können.

Aber auch dies reicht nicht, um Sinclair selbst davor zu bewahren, in die Welt des Bösen gesaugt zu werden. Dort muss er der Wahrheit über seine eigene Schwäche ins Gesicht sehen. Hilfe erhält er nicht aus sich selbst heraus, sondern von völlig unerwarteter Seite.

Dieser Plot kann es durchaus mit den schockierendsten Hollywood-Mystic-Thriller aufnehmen, geht im Finale sogar noch weiter. Hollywood, vertreten durch Sam Raimi und Clive Barker, werden erst in Jahren dort ankommen. [„Hellraiser“ 2433 kam schon verdächtig nahe in diese Dimension, schuf aber seine eigene Hölle mit den Zönobiten, statt sich auf althergebrachte biblische Vorgaben über Engel und Dämonen zu stützen. Barker ist eben etwas origineller als die Bibel.

Es gibt auch Humor in dieser Story. Dieser ist allerdings mehr von der grimmigen Sorte. Als Sinclair der Vampirin Justine Cavallo begegnet, registriert er zwar deren sexuelle Anziehungskraft, meint aber: „Ich wette, du würdest mich am liebsten ganz aussaugen.“ Was sie unumwunden sofort bestätigt. Sinclair wäre eine tolle Trophäe in ihrer Sammlung von Opfern.

_Unterm Strich_

Horrorfreunde kommen hier voll auf ihre Kosten: Spannung, Mystik, Action. Fans von John Sinclair erwartet ein außergewöhnlich gut konstruiertes Abenteuer, das den Helden über die Grenzen seiner Möglichkeiten hinausführt. Es kombiniert Erotik und Humor, um den Bierernst der Zwangslagen, in die Sinclair gerät, wenigstens etwas zu kompensieren.

Das Einzige, was ich mir noch wünschen könnte, wären mehr Rollen für Frauen. Miss Cavallo als pars pro toto ist doch etwas wenig. Aber das Problem mit Frauenrollen im Horrorgenre war bis zum Aufstieg von Anne Rice zur Vampirkönigin, dass so wenige Rollen davon „politisch korrekt“ waren. Bei „Jason Dark“ merkt man die alte Haltung immer noch deutlich. Powells Sekretärin Glenda Perkins (s. o.) beispielsweise wird vor allem deshalb so hoch gelobt, weil sie „den besten Kaffee der Welt kocht“. Ansonsten muss Mann sich vor ihrer spitzen Zunge in Acht nehmen. Das ist offenbar schon alles, was Mann über sie wissen muss, und das ist nicht allzu viel. Aber so sind viele der Charakterisierungen von Nebenfiguren in den Geisterjäger-Romanen: bloß nicht vom Wesentlichen ablenken!

Das Buch liest sich ähnlich flott und mühelos wie die Hefte, ist aber wesentlich besser aufgebaut. Statt ständig nur die notwendigen kurzen Spannungsbögen aufzubauen, kommt noch ein langer, sorgfältig herbeigeführter Spannungsbogen hinzu, der durch die Versetzung des Helden in die Parallelwelt der Hölle eine unerwartete Wendung erfährt. Mehr darf nicht verraten werden.

|317 Seiten|
http://www.bastei-luebbe.de

_|Geisterjäger John Sinclair| auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Anfang“ 1818 (Die Nacht des Hexers: SE01)
[„Der Pfähler“ 2019 (SE02)
[„John Sinclair – Die Comedy“ 3564
[„Im Nachtclub der Vampire“ 2078 (Folge 1)
[„Die Totenkopf-Insel“ 2048 (Folge 2)
[„Achterbahn ins Jenseits“ 2155 (Folge 3)
[„Damona, Dienerin des Satans“ 2460 (Folge 4)
[„Der Mörder mit dem Januskopf“ 2471 (Folge 5)
[„Schach mit dem Dämon“ 2534 (Folge 6)
[„Die Eisvampire“ 2108 (Folge 33)
[„Mr. Mondos Monster“ 2154 (Folge 34, Teil 1)
[„Königin der Wölfe“ 2953 (Folge 35, Teil 2)
[„Der Todesnebel“ 2858 (Folge 36)
[„Dr. Tods Horror-Insel“ 4000 (Folge 37)
[„Im Land des Vampirs“ 4021 (Folge 38)
[„Schreie in der Horror-Gruft“ 4435 (Folge 39)
[„Mein Todesurteil“ 4455 (Folge 40)
[„Die Schöne aus dem Totenreich“ 4516 (Folge 41)
[„Blutiger Halloween“ 4478 (Folge 42)
[„Ich flog in die Todeswolke“ 5008 (Folge 43)
[„Das Elixier des Teufels“ 5092 (Folge 44)
[„Die Teufelsuhr“ 5187 (Folge 45)
[„Myxins Entführung“ 5234 (Folge 46)

John Sinclair Classics – Die Rache des Kreuzritters (Folge 49)

Die Handlung:

Einst war der Kreuzritter Alexander von Rochas aus Jerusalem zurückgekehrt und hatte seine untreue Frau Elisabeth mit dem Tod bestraft. Seitdem verschwanden immer wieder Frauen in der Umgebung von Burg Rochas. Will Mallmann und ich begaben uns auf die Spur des Kreuzritters – und erlebten das pure Grauen! (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Diesmal hat sich der Verlag an die Hörspielumsetzung des GESPENSTER-KRIMI-Heftromans mit der Nummer 215 gemacht, der erstmalig am 25. Oktober 1977 am gut sortierten Bahnhofskiosk oder manchmal auch in einer Buchhandlung zu bekommen war. Das Roman-Cover wurde hier nicht verwendet. Das Titelbild des Hörspielcovers ist nicht vom Romanheft übernommen worden, auch wenn der Ritter selbst hier recht ähnlich aussieht.

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Arnaldur Indriðason – Gletschergrab (Lesung)

Ein Isländer in Dan Browns Fußstapfen

Die Eiskappe des Vatnajökull-Gletschers auf Island schmilzt. Die Streitkräfte der US-Basis Keflavík sind in Alarmbereitschaft, denn der Gletscher hütet ein Geheimnis: Ein abgestürztes Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg mit brisanter Fracht. Vor der grandiosen Kulisse des ewigen Eises gerät eine junge Isländerin in Lebensgefahr. Sie weiß nur wenig, aber das ist schon zu viel für die Drahtzieher der »Operation Napoleon« … Der Thriller ist 2023 verfilmt worden.

Der Autor
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David Baldacci – Im Bruchteil der Sekunde . Ein King & Maxwell-Thriller (Lesung)

„Sean King ist Agent des Secret Service und soll einen Präsidentschaftskandidaten schützen. Doch im entscheidenden Moment versagt er. Sein Schützling wird vor seinen Augen erschossen. – Acht Jahre später: Die junge Agentin Michelle Maxwell in ihrem ersten großen Einsatz. Auch ihr Auftrag ist der Schutz eines Kandidaten. Auch sie lässt sich täuschen. Doch sie sieht noch eine Chance – Sean King. Denn solche Dinge geschehen nicht zweimal. Nicht aus Zufall!“ (Verlagsinfo)

Der Autor
David Baldacci – Im Bruchteil der Sekunde . Ein King & Maxwell-Thriller (Lesung) weiterlesen