Siodmak, Curt – Donovans Gehirn

_Ich ist ein anderer: spannender Bewusstseinskrimi_

Als der Banker Donovan in der Nähe von Dr. Patrick Corys medizinischem Forschungslabor abstürzt, ist sein Körper unrettbar zerstört. Doch der Gehirnspezialist kann das unverletzte Gehirn bergen und am Leben erhalten. Es beginnt im Labor weiterzuwachsen und neuartige Fähigkeiten zu entwickeln, bis es seiner Umwelt seinen Willen aufzwingt und sie bedroht …

_Der Autor_

Curt Siodmak, 1902 in Dresden geborener Bruder von Hollywoodregisseur Robert Siodmak, schrieb neben zahlreichen Novellen und Filmdrehbüchern („F.P.1 antwortet nicht“, 1931) einige SF-Romane, die mittlerweile als Klassiker des Genres gelten. Neben „Das dritte Ohr“ (1971) sind vor allem das verfilmte „Donovans Gehirn“ (1941/42) sowie „Hausers Gedächtnis“ (Buch 1968) berühmt geworden, die sich ebenfalls mit Psi-Phänomenen beschäftigen. Alle drei Bücher sind bei Heyne erschienen.

1937 bekam Siodmak zunehmend Schwierigkeiten mit den Nazis und wanderte in die USA aus. Dort machte er sich als Roman- und Drehbuchautor sowie als Filmregisseur einen Namen, der neben dem seines Bruders Robert genannt wird. Der Film „Donovan’s Brain“ von 1943 wurde sein erster Welterfolg, dem „Hauser’s Memory“ (1953) und „The Third Ear“ (1971) folgten. Siodmak starb anno 2000.

_Handlung_

Dr. Patrick Cory ist ein Spezialist für die Gehirnforschung. In seinem Labor, das er in Arizona mitten in der Wüste errichtet hat, ist es ihm gelungen, Gehirne von Affen über Stunden und sogar Tage in einer Nährlösung am Leben zu erhalten. Sein versoffener Medizinerkollege Schratt kritisierte seinen kalten Materialismus, der nichts auf Begriffe wie Güte und Liebe gebe. Schon klar, aber Schratt kommt dennoch immer wieder, um mit Cory zu plaudern. Er lebt mehr schlecht als recht von einem kleinen Honorar, das ihm eine Fluglinie zahlt.

|Die Meldung|

Mitten in der Nacht klingelt Corys Telefon. Der Luftsicherheitsbeauftragte und Bandverhüter White ruft von seinem Berg an: Ein Flugzeug sei in seiner Nähe abgestürzt, aber bei Dr. Schratt gehe niemand ran. Wahrscheinlich hat sich Schratt sein Hirn wieder in Alkohol eingelegt, denkt Cory und trommelt alle Helfer zusammen, die er kriegen kann. Bevor er aufbricht, verabschiedet er sich von seiner Frau Janice, der es in diesem Wüstenklima wirklich nicht gut geht. Aber sie will ihn um keinen Preis verlassen, um nach Neu-England zurückzukehren. Und er verdankt ihr das Haus und die Laboreinrichtung.

|Der Raub|

Im abgestürzten Flugzeug findet Cory zwei Tote und zwei Überlebende vor. Einer der Überlebenden lässt sich anhand seiner gut bestückten Brieftasche als Warren Horace Donovan identifizieren. Cory seufzt: ausgerechnet ein bekannter Finanzmagnat muss ihm unterkommen. Er amputiert ihm die Beine und lässt ihn schnellstens den Berg hinunter in sein Labor schaffen.

Aber Donovan fällt ins Koma und droht zu sterben. Es gibt keine andere Möglichkeit, die günstige Gelegenheit zu nutzen: Zusammen mit Schratt entnimmt er das Gehirn und legt es in eine Nährlösung. Damit die Polizei keinen Verdacht schöpft, verschließt er den Schädel wieder. Er muss zwar vom Klinikleiter Higgins und von den zwei Kindern des Toten neugierige und dringende Fragen ertragen, aber Cory gibt sich brüsk und zugeknöpft. Blöd nur, dass Schratt als Sündebock dienen muss und seinen Job verliert. Janice nimmt Corys einzigen Kritiker auf.

|Der Kontakt|

Schon immer wollte Cory erforschen, wie sich mit einem Gehirn Kontakt aufnehmen lässt und wie es sich verändert, wenn es aus seinem Knochengefängnis befreit ist. Donovans Gehirn schläft zwar die meiste Zeit, denn es verfügt über keine Sinnesorgane mehr, doch es kann durchaus Tonwellen wahrnehmen. Dies nutzt Cory, um Signale zu übertragen. Mit Hilfe eines Morse-Alphabets gelingt die Kommunikation. Das Gehirn kann eine Glühbirne zum Glühen und den EEG-Schreiber zum Ausschlagen bringen. Aber wie kann es ihm Gedanken mitteilen?

Schratts Vorschlag der Telepathie erscheint Cory zunächst abwegig, und an ein Medium will er sich nicht wenden. Doch beim Einschalten eines Radios hat er eine Erleuchtung: Man muss nur den Sender entsprechend leistungsstark machen, damit ein Empfänger die Signale empfangen kann. Und der Empfänger ist kein anderer als er selbst.

Diesmal klappt es. Die elektrische Leistung, die jedes gesunde Gehirn entwickelt, bewegt sich im Mikrovoltbereich. Doch indem Cory Donovans Gehirn entsprechend ernährt, steigert er dessen Leistung um ganze Größenordnungen. Eines Morgens stellt er fest, dass er Donovans Namen gekritzelt hat. Wenn er Donovans Anweisungen die Bahn ebnet, kann er ganze Listen von Namen aufschreiben. Dazu gehören die engsten Geschäfts- und Familienkontakte des Bankers.

|Das Geheimnis|

Aus den Zeitungen hat Cory erfahren, dass Donovan wenige Tage vor seinem Tod die Führung seiner Geschäftsangelegenheiten seinem Sohn übergeben hat. Aber warum hat er dann kein Testament geschrieben? Beide Fakten ergeben bei einem Mann, der gerade mal 65 Jahre alt ist, keinen Sinn. Nun werden die Kinder das Vermögen erben.

Aber warum hat Donovan sein Vermögen in Bargeld konvertiert? Er wollte von Los Angeles aus zu seinem Haus in Florida fliegen. Hat er sein Geld dort versteckt? Es ist klar, dass sich die beiden Kinder, Howard und Chloe, von Cory Auskunft über die letzten Worte ihres Vaters erhofft haben. Doch er enttäuscht sie. Vorerst, denn er wird sie schon bald wiedersehen …

|Der Anfang vom Ende|

Als Cory eines Nachts von einem Hilfeschrei im Haus erwacht, schaut er nach – und findet Schratt am Boden, mit beiden Händen an seiner Kehle, als wolle er sich selbst erwürgen! Er versucht, die Hände vom Hals zu entfernen, doch Franklin, sein Butler, überrascht ihn von hinten – und hält ihn für einen Mörder. Als Schratt wieder klar denken kann, erscheint er aufgeregt: Er hält Cory für einen Angreifer.

Cory versucht, ihm die Wahrheit begreiflich zu machen, doch da fällt ihm etwas auf. Schratt hat seine Sachen gepackt und wollte abreisen. Und vorher hat er noch die Sicherungen von Haus und Labor herausgerissen – er wollte das Gehirn zerstören! Außer sich vor Wut geht Cory auf Schratt los. Schrat muss bleiben. Das Gehirn ist noch unversehrt, wenn auch sehr unruhig. Doch hinterher erinnert er sich an jenen Hilfeschrei, der ihn weckte – es war nicht Schratts Stimme, sondern die eines anderen …

_Mein Eindruck_

Dies ist nur das erste Drittel einer immer dramatischer werdenden Handlung, die nur eine tödliche Konsequenz haben kann. Aber die Handlung wird auf ungewöhnliche Weise erzählt. Der Autor nutzt die Tagebuchform, um nicht nur die Identität zu wechseln, sondern auch Rückblenden einzubauen.

Je mehr sich die Sendeleistung von Donovans bestens ernährtem Gehirn erhöht, desto besser kann dessen Bewusstsein auch das Bewusstsein, das Gehirn und schließlich sogar den Körper von Patrick Cory steuern. Anfangs sind es nur Eingebungen, dann ganze Sätze, schließlich hat Cory – zu Janices Entsetzen – keine Gewalt mehr über seinen eigenen Körper. Hier kommt das Dybbuk-Thema aus „Hausers Gedächtnis“ (1968, siehe meinen Bericht dazu; Infos über Dybbuk bzw. Dibbuk in der Wikipedia) voll zum Tragen: Ein Körper wird von einem fremden Bewusstsein besessen.

Hat er anfangs die Eingebungen Donovans ausdrücklich begrüßt, so verkehrt sich Corys Einstellungen im Laufe der Monate in Unbehagen, Bedenken und schließlich Furcht. Er gibt Schratt Anweisung, das Gehirn nicht mehr zu ernähren, doch Schratt weiß, dass er dazu keine Chance hat – das Gehirn ist bereits viel zu stark, als dass er so etwas ungestraft tun könnte. Es wirkt auch bereits über große Entfernungen von Hunderten von Meilen hinweg. Es müsste eine Katastrophe eintreten, die es so ablenkt, dass es nicht auf seine unmittelbare Umgebung achtet …

|Donovans Leben|

Doch worin der eigentliche Plan Donovans eigentlich besteht, darüber rätselt Cory lange Zeit. Denn Donovan redet nicht mit ihm – er steuert ihn nur. Und Cory hat keine Möglichkeit, mit Donovan telepathisch reden – ein Aspekt der Handlung, der mir nicht ganz einleuchten will, der aber vom Autor immer wieder angesprochen wird.

So lernt Cory einen gewissen Anton Sternli kennen. Zunächst ist Sternli nur ein Name auf Donovans Liste, doch dann entpuppt er sich als frühere Sekretär des Finanzmagnaten. Er berichtet Details aus Donovans Leben. In diesem und weiteren Gesprächen beginnt Cory, sich ein Bild von der Biografie Donovans zu machen.

1875 in Böhmen geboren, verdingt sich Donovan als einfacher Arbeiter in Kalifornien bei einem gewissen Roger Hinds. Doch er verliebt sich in Hinds‘ Verlobte Catherine. Um sie haben zu können, stürzt er Hinds ins Unglück – und macht sich mit dessen geliehenem Geld sowie mit der unglücklichen Catherine aus dem Staub. Von ihren Kindern überleben nur Howard und Chloe.

|Donovans Plan|

Cory durchschaut allmählich, dass Donovan Wiedergutmachung leisten will. Aber nicht etwa an seinen eigenen Kindern, die er zeit ihres Lebens kontrolliert und schikaniert hat, sondern an den Nachkommen von Roger Hinds. Dazu gehört Cyril Hinds, ein Muttermörder, der im Untersuchungsgefängnis einsitzt. Anwälte sollen ihn freibekommen. Und Donovan, der inzwischen Cory völlig kontrolliert, will sogar eine Zeugin des Muttermordes töten.

Niemand soll sich Donovan in den Weg stellen, natürlich auch nicht Janice Cory, die entdeckt, was mit ihrem Mannh passiert ist, als sie in Los Angeles gelebt hat. Es kommt zu einer dramatischen Krise, als Donovan Janice zu einem einsamen Punkt über Los Angeles fährt, um sie dort zu erwürgen. Wird es Cory gelingen, in höchster Not Donovans Kontrolle zu entschlüpfen, um seine Frau zu retten?

|Ich ist ein anderer|

Die Kritik an der Skrupellosigkeit eines Machtmenschen der Finanzwelt ist offensichtlich – geschenkt. „Wall Street“ war dazu der endgültige Kommentar. Wahrscheinlich lieferten John D. Rockefeller, Pierpont Morgan und Howard Hughes die entsprechenden Vorbilder. Das Schicksal ihrer Kinder stimmt weitgehend mit dem Elend überein, in das Donovan seine eigenen Sprösslinge stürzt. Dazu gibt es eine sehr schön gestaltete, eindringliche Szene mit Chloe Barton, der Tochter, nachdem sie einen Nervenzusammenbruch erlitten hat.

Doch noch eindringlicher ist die Kritik an der Ich-Spaltung. Das Wort „Schizophrenie“ fällt kein einziges Mal, denn darum handelt es sich in Cory Fall nicht. Die Besessenheit, unter der er leidet, entspricht der durch einen Dybbuk, den Geist eines Toten. Sobald die Übernahme vollständig ist und Donovans Wille auch Corys Körper beherrscht, ist Corys Bewusstsein zwar passiv anwesend, doch völlig machtlos.

Deshalb wechselt das Pronomen im Tagebuch vom ICH zu ER. Ich ist jetzt ein anderer. Dies kann man auch als Metapher für die Kontrolle ansehen, die der Machtapparat der Finanzwelt (und auch eines Regierungsapparats) auf den Einzelnen ausübt. Entfremdung ist die unmittelbare Folge, und die Folgen können, wie man sieht, dramatisch sein: Ein Mann scheint seine eigene Frau umbringen zu wollen.

|Schwächen|

Als Siodmak das Buch veröffentlichte, war er erst vier Jahre in den USA. Vielleicht kann man deshalb nicht verlangen, dass seine Geografiekenntnisse fehlerlos waren. Er lässt Dr. Patrick Cory in Washington Junction, Arizona, leben. Doch das Flugzeug Donovans soll in Reno, im nördlichen Nevada, abgestürzt sein. Dazwischen liegen mehrere tausend Meilen Wüste, eine Distanz, die sich keinesfalls in einer Nacht per Auto bewältigen lässt.

Auch mit seiner Zeithandhabung hatte ich ein Problem. Auf Seite 155 wird Donovans Geburtsjahr nicht mit 1875, sondern mit 1895 angegeben. Aber wie konnte er dann 1940 schon 65 Jahre alt sein? Und wie konnte er 1901 Roger Hinds das Geld abluchsen, als Steppke von sechs Jahren? Seltsam, dass der Heyne-Lektor diesen Fehler nicht entdeckt hat.

Natürlich würde ein Neurologe den Kopf schütteln, wenn er der Sendekapazität des Donovan-Gehirns läse. Aber das ist eben die Freiheit des SF-Autors. Er darf sich dies vorstellen. Und der gewitzte Leser kann darin die Metapher erkennen, die alle modernen Kommunikations- und Steuerungstechnologien symbolisiert. Waren die Plünderer in London durch einen fremden Willen gesteuert, als sie sich per BlackBerry verabredeten? Wohl kaum, aber jeder Flashmob erweckt genau diesen Eindruck.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzung muss uralt sein, wahrscheinlich aus den fünfziger Jahren oder noch früher. Das Buch erschien zuerst unter dem Titel „Der Zauberlehrling“. Veraltete Wortformen wie „zu Pferde“, „am Tische“ sowie „freventlich“ (S. 110) sind allenthalben zu finden. Sie erschweren sogar das Verständnis des Textes. „freventlich“ hat heute gar keine Bedeutung mehr. Man sagt nur noch „frevlerisch“.

_Die Illustrationen_

Der Illustrator John Stewart hat zu dieser Ausgabe in der Heyne SF Bibliothek neue Zeichnungen beigetragen. Ich schätze Stewart wegen seiner Zeichnungen, die in vielen Heyne-Ausgabe von Romanen der US-Autorin C. J. Cherryh zu finden sind. Stets versteht er es, das Ungewöhnliche an einem statischen Bild oder die Dynamik an einem Akt hervorzuheben und darzustellen, z. B. durch Perspektive. Das Bild, das Cory zeigt, wie er es auf Janice abgesehen hat, ist besonders eindrücklich gelungen.

_Unterm Strich_

Der Roman ist nicht nur ein spannender Krimi mit einem dramatischen Finale, sondern auch die Metapher für die Fernsteuerung des modernen Menschen, die zu seiner Selbstentfremdung führt: Das Ich ist plötzlich ein Anderer geworden. Die Schwächen des Romans sind zwar für den aufmerksamen Leser unübersehbar, doch die Wucht der Erzählung an sich bleibt. In einer moderneren Übersetzung würde sich die Verwirrung, die die veralteten Ausdrücke erzeugen, in Grenzen halten.

|Diese Ausgabe|

Es ist wirklich schade, dass der Heyne dieser Ausgabe zwar eine Menge guter Zeichnungen spendierte, es aber nicht für nötig befand, die völlig veraltete Übersetzung zu ersetzen oder wenigstens zu modernisieren. Die alten Fehler hinsichtlich Geografie und Zeit sind deshalb immer noch drin, um den Leser zu verwirren. Und die Verfilmung aus dem Jahr 1943 hat ziemlich wenig mit der Buchvorlage zu tun.

|Taschenbuch: 204 Seiten
Originaltitel: Donovan’s Brain (1942)
Aus dem US-Englischen von Mary Brand
ISBN-13: 978-3453310308|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Curt Siodmak |Buchwurm.info|:_
[„Das dritte Ohr“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7174
[„Hausers Gedächtnis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7195

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