Erwin, Birgit – Lichtscheu

Es ist ein kalter Novembertag und, wie sollte es auch anders sein, es regnet, wie es so ziemlich das ganze Jahr über in London der Fall ist. Dies ist der junge Priester genauso wenig gewohnt wie die Hektik, die auf den Straßen herrscht. Zu Hause im Vatikan hat es selten jemand eilig. Hinzu kommt, dass Matteo den Sinn seiner Reise nicht versteht. Wieso schickt man ihn nur für eine Taufe nach London? Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen macht er sich auf den Weg, diesen Auftrag schnellstmöglich zu erfüllen. Am Zielort angekommen, beginnt er zu begreifen, dass mehr an der Sache dran ist, als man im sagte. Der zu taufende Wissenschaftler Victor Westcamp lebt eingesperrt in einem völlig dunklen Keller im Tower. Die bloße Angst lässt Matteo das Blut in den Adern gefrieren, als er allein durch die Dunkelheit der Gewölbe zu dem mysteriösen Wissenschaftler wandeln muss. Als endlich der Lichtstrahl einer Kerze die Ungewissheit durchbricht, erblickt Matteo ein Wesen an Ketten, dessen Haut vom Weihwasser der Taufe sofort verätzt wird. Womit hat er es hier eigentlich zu tun? Mit einem, wie Victor selbst behauptet, im Sterben liegenden Vampir, oder einfach nur mit einem durchgeknallten Wissenschaftler? Aber unabhängig davon, wer es ist, geht es diesem wirklich schlecht, und er hat einen letzten Wunsch. Der verwirrte Priester kann ihm dies unmöglich abschlagen. Doch mit diesem einfachen Wunsch hat es auch weitaus mehr auf sich als vermutet, und es führt Matteo wesentlich tiefer in die Dunkelheit, als im lieb ist.

Für die junge Autorin Birgit Erwin ist „Lichtscheu“ der erste Roman. Die Gelegenheit dazu, einen Roman zu veröffentlichen, bekam sie als Preis für die Belegung des zweiten Platzes beim Jahreswettbewerb der Story-Olympiade 2003. Da sie auch 2004 den zweiten Platz belegte, können wir uns schon auf einen weiteren Roman von ihr freuen. Dieser ist bereits in Arbeit und wird den Namen „Neun Leben“ tragen.
Birgit Erwin wurde am 4. November 1974 in Aachen geboren. Nach ihrem theoretischen Studium der Anglistik und Germanistik arbeitete sie zunächst als PR-Assistentin in Frankfurt am Main. Seit dem September 2003 schließt sie den praktischen Teil ihres Studiums als Referendarin an einem Heidelberger Gymnasium ab.
Schon vor ihrem Roman hat Birgit Erwin zahlreiche Kurzgeschichten und Anthologien verschiedener Verlage veröffentlicht. Weitere Infos hierzu findet man unter http://www.wurdackverlag.de.

Mit „Lichtscheu“ ist Birgit Erwin ein sehr spannender Thriller gelungen. Es war zwar der erste Roman, doch der Leser erkennt keinen Unterschied zu den Arbeiten erfahrenerer Autoren. Der Roman ist nicht nur wegen der Story, sondern auch durch einen besonders angenehm lesbaren und fesselnden Schreibstil sehr unterhaltsam und mitreißend. Der Leser wird von Beginn an in die Welt des jungen Priesters Matteo entführt. Mit ihm reist man durch die Geschichte, stellt sich die gleichen Fragen wie er und denkt unentwegt darüber nach. Dies bewirkt, dass man das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Der Roman lässt nicht nur Mattoes Blut in den Adern gefrieren.
Sehr authentisch sind für den Leser auch die Konflikte, in denen sich die Hauptperson befindet. Man ist hin- und hergerissen, ähnlich wie der Priester sich selbst fühlen muss. Vermutungen werden aufgestellt und wieder über den Haufen geschmissen und bis zu den letzten Seiten ist der Ausgang des Buches völlig ungewiss. Packend bis zum Schluss wurde hier eine gute Idee umgesetzt.

Viele Fragen, die während der Lektüre aufkommen, werden nicht unbedingt wie erhofft am Ende des Romans einfach beantwortet. Man wird nicht nur während des Lesens dazu angeregt, über die Zusammenhänge nachzudenken, sondern gelangt auch danach noch etwas ins Grübeln. Selbst nach längeren Überlegungen konnte ich mir jedoch nicht alles erklären. Wer also Bücher mit offenen Fragen nicht mag, sollte von diesem Buch eventuell Abstand nehmen.
Für alle anderen ist der Roman ein großer Lesespaß, der nicht nur Spannung und Mystik, sondern auch besonders prickelnde Romantik enthält. Die sprichwörtliche weiße Weste mancher Kirchenmitglieder wird in Frage gestellt, jedoch nicht nur in Bezug auf die Abstinenz …