
Durch das Terraformen des Mars hat sich die Menschheit eine zweite Heimat geschaffen. Aber zu Beginn des 22. Jahrhunderts tun sich zwischen seinen Bewohnern und den Erdenmenschen bereits schier unüberwindliche Abgründe auf. (Verlagsinfo)
Einer der vielen unglaublich voluminösen Romane zum Roten Planeten stammt von Greg Bear, der als einer der ideenreichsten SF-Autoren der letzten 20 Jahre gilt. Dennoch: „Heimat Mars“ ist nur für Leute mit viel Zeit und Geduld zu empfehlen.
Der Autor
Greg Bear wurde 1951 in San Diego, einer wichtigen US-Marinebasis, geboren* und studierte dort englische Literatur. Gregory Dale Bear (* 20. August 1951 in San Diego, Kalifornien; † 19. November 2022[1]) war ein US-amerikanischer Science-Fiction-Autor. Er veröffentlichte unter dem Autorennamen Greg Bear und war der Schwiegersohn von Poul Anderson.
Unter den Top-Hard-SF-Autoren ist er der einzige, der keine naturwissenschaftliche Ausbildung hat. Seit 1975 als freier Schriftsteller tätig, gilt er heute dennoch als einer der ideenreichsten wissenschaftlich orientierten Autoren. Sein Roman „Das Darwin-Virus“, der hierzulande in einem Wissenschaftsverlag erschien, wurde zu einem preisgekrönten Bestseller. Erst damit konnte sich Bear aus dem Science-Fiction-Ghetto herausschreiben, so dass man ihn heute ohne weiteres mit Michael Crichton vergleichen kann. Nur, dass Bear da anfängt, wo Crichton aufhört. 2004 erschien bei uns „Die Darwin-Kinder“, die Fortsetzung von „Darwin-Virus“, danach wurde der Roman „Stimmen“ bei Heyne veröffentlicht.
* Einer der Hauptakteure in „Jäger“ ist Weltkriegsveteran und Marinehistoriker in der Nähe von San Diego.
Bear hat eine ganze Reihe von Science-Fiction- und Fantasyzyklen verfasst. Die wichtigsten davon sind (HSF = Heyne Science-Fiction):
– Die Thistledown-Trilogie: „Äon“ (HSF 06/4433), „Ewigkeit“ (HSF 06/4916); „Legacy“ (bislang unübersetzt).
– Der Amboss-Zyklus: „Die Schmiede Gottes“ (HSF 06/4617); „Der Amboss der Sterne“ (HSF 06/5510).
– Der Sidhe-Zyklus: „Das Lied der Macht“ (06/4382); „Der Schlangenmagier“ (06/4569).
Weitere wichtige Werke: „Blutmusik“ (06/4480), „Königin der Engel“ (06/4954), „Slant“ (06/6357) und „Heimat Mars“ (06/5922). Er hat zudem Beiträge für die Buchreihen des Foundation-, Star-Trek- und Star-Wars-Universums geschrieben.
Greg Bear bei Buchwurm.org:
Tangenten
Das Darwin-Virus
Jäger
Stimmen
Der Schlangenmagier
Dinosaur Summer
Quantico
Mariposa
Die Macht der Steine
Die Schmiede Gottes
Äon
Blutmusik
Der Fall der FOUNDATION
Beyond Heaven’s River
Handlung
Man schreibt das 22. Jahrhundert. Unser roter Nachbarplanet ist besiedelt, und nach den ersten fünf schwierigen Anfangsjahrzehnten fangen die Marsbewohner langsam an, sich vom Gängelband der Mutter Erde zu lösen. Welche Richtung und welche Geschwindigkeit sie dabei einschlagen sollen, ist allerdings nicht nur zwischen Erde und Mars, sondern auch bei den unterschiedlichsten Fraktionen auf dem Mars selbst heiß umstritten. Zentralregierung oder lockerer föderaler Bund, verfassunggebende Versammlung, wirtschaftliche Eigenständigkeit – über all das wird hitzig debattiert.
Jeder „Familienverbund“ – die „Bindenden Gruppen“ – wacht eifersüchtig über seine bisherigen Privilegien, nur wenige sind bereit, für eine einheitliche Lösung einen Teil ihrer Unabhängigkeit aufzugeben. Und über allem hockt mehr oder minder offen drohend der große Bruder Erde, der um seine wirtschaftliche Vormachtstellung im Sonnensystem fürchtet und lieber mit einer zentralen Regierung als mit zwanzig Provinzfürsten verhandeln will.
Casseia
Erlebt und geschildert wird das alles über Jahre hinweg aus der Sicht von Casseia Majumdar, einer jungen Marsianerin, die anfangs unbedarft und naiv als Studentin in die erste bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Marsbewohnern gerät und tastend ihren Weg zwischen den Sprengfallen der Politik wie der Liebe finden muss, um im Laufe der Jahre und der Handlung ihren Platz in der Geschichte der Freiheitsbewegung ihres Heimatplaneten einzunehmen.
Eine spannende, aber auch ernüchternde diplomatische Mission zur Erde prägt sie ebenso wie die Mitarbeit in der ersten funktionierenden gemeinsamen Mars-Regierung. Nur allmählich wird ihr und dem Leser klar, dass die beinahe krankhafte Paranoia der Erde nicht mehr mit ihrer Angst vor einem wirtschaftlichen Machtverlust zu erklären ist. Vielmehr steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung der Wettlauf von Wissenschaftlern hüben wie drüben zur Erforschung und Nutzbarmachung eines speziellen Konzeptes der Quantenphysik, des sogenannten „Bell-Paradoxons„. Casseia kommt durch einen Quantenphysiker, den sie geheiratert hat, damit in Berührung und erkennt endlich ihre Chance, der Erde zu entkommen.
Die krude Logik des aus dem Kalten Krieg bestens bekannten Dilemmas führt schließlich zu einer folgenschweren Entscheidung der erst pro forma im Amt befindlichen Marsregierung mit Casseia an der Spitze. Der Blick in den Himmel über dem Mars wird nie mehr der alte sein: Mars bewegt sich…
Mein Eindruck
In einem Dilemma der weniger bedrohlichen Art befindet sich auch der Leser, denn der Lesefluss will sich lange Zeit nicht einstellen. Gut die Hälfte des Romans quält man sich durch den zähen Aufbau des Handlungsgerüsts und der handelnden Personen, bevor dann die Ereignisse – nun ja, sich nicht gerade überstürzen, aber doch ins Rollen kommen. Nur bis dahin war ich mehr als einmal versucht, frustriert das Handtuch zu werfen.
Psychologisch stimmige Charaktere zu entwerfen, ist nicht unbedingt die Paradedisziplin des Autors, und vielleicht ist es wirklich naiv, den Menschen in 150 Jahren mehr politische Intelligenz zuzutrauen als heute, aber warum soll Fortschritt und Entwicklung, auch geistige, auf jedem anderen Gebiet stattgefunden haben, nur gerade da nicht?
Eher überzeugen kann da schon das psychologische Profil der Marsianer, die geprägt von einer tendenziell lebensfeindlichen Umwelt naturgemäß eine andere Art zu denken, zu fühlen und zu handeln entwickelt haben. Die Idee von den „Ureinwohnern“ des roten Planeten ist fasziniernd und hätte eine bessere Verknüpfung mit der Handlung verdient gehabt.
Eine echte Herausforderung für den Leser ist das quantenpysikalische Herz des Romans, und alle, die davor kapitulieren, mögen Trost aus einem Bonmot des Physik-Nobelpreisträgers Richard Feynman ziehen: „Niemand versteht die Quantentheorie“. Nur, dass man damit heutzutage schon sehr schnell rechnen kann.
Eine Straffung hätte dem Roman sehr gut getan (die Seiten 80 bis 500 kann man sich getrost sparen), und nur das Faszinosum Mars, das Greg Bear trotz allem recht gelungen ausbreitet, rettet ihn und den Roman vor einem Verriss. So reiht sich sein Mars-Schmöker in die Reihe weiterer Mars-Schmöker ein, zu denen auch Andreas Eschbachs Jugendbücher gehören. Eschbachs Romane sind im Vergleich zu Bears Versuch eminent spannend, besonders für junge Leser und Hörer.
Taschenbuch: 782 Seiten,
O-Titel: Moving Mars, 1993
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Usch Kiausch.
ISBN 9783453133099
Der Autor vergibt: 



