SF-Klassiker: Völlig überarbeitete Texte? Leider nicht ganz
Die Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“ präsentiert einen der bedeutendsten Autoren unserer Zeit: „Stimmen der Zeit“ ist der erste Band der gesammelten Erzählungen von J. G. Ballard, mit denen er nicht nur in der Science Fiction, sondern in der Literatur überhaupt eine Revolution auslöste. Seine Texte spiegeln wie keine anderen den Wandel unserer Zivilisation in den letzten Jahrzehnten wider. (Verlagsinfo) Dies ist der erste Band von J.G. Ballards gesammelten Erzählungen, die im Original 2001 erschienen. Ballard starb ja erst 2009 und veröffentlichte wohl weitere Stories. Band 1 deckt die Jahre 1956 bis 1963 ab, der Band 2 die Zeit von 1964 bis 1990.
Die Erzählungen
1) Prima Belladonna (1956)
Steve hat in Vermilion Sands einen ganz besonderen Musikladen: Bei ihm singen Pflanzen die Musik. Die sind natürlich speziell gezüchtet. Die Promadonna unter seinen Pflanzen ist eine Khan-Arachnid Orchidee, die eigentlich von der gleichnamigen Spinnen befruchtet wird. Steves Freunde Harry und Tony halten die Orchidee für brünstig, weil sie so kapriziös ist.
Eines Tages taucht die Sängerin Jane Ciracylides in der Künstlerkolonie auf. Jane hat hat eine goldene Haut, die sie gerne freizügig zeigt. Sie trägt nur einen Metallhut und hat nicht mal ihr Radio an: Sie singt ja selbst – und wie! Ihr Gesang ruft – zumindest in den männlichen – Zuhörern Halluzinationen hervor. Harry und Tony glauben, Steve vor einem Kaiserskorpion retten zu müssen. Das Merkwürdigste an Jane ist nicht die Tatsache, dass sie beim i-Go-Spiel mogelt, sondern dass ihre Augen aus Insekten bestehen.
Kaum bemerkt sie in Steves Laden die Arachnid-Orchidee, verliebt sie sich auf der Stelle in sie. Die fatalen Folgen bleiben nicht aus…
Mein Eindruck
Der Autor bedient sich des Konzepts der Synästhesie, um mehrere Phänomene innovativ zu verknüpfen. Janes Gesang etwa ruft optische Erscheinungen hervor. Pflanzen erzeugen akustische Klänge für Musik. Er geht noch weiter: Frauen wie Jane sind in Wahrheit Insekten, und ihre natürliche Bestimmung ist die Vereinigung mit einer Orchidee. Das ist eine sehr erotische Vorstellung. Das wiederum ist für Ballard nicht ungewöhnlich, wenn man an seinen Roman „Crash“ denkt. Die Ironie in der Story – Janes Gesang verursacht Steve hohe Pflanzenverluste – macht sie jedoch nicht nur sinnlich, sondern auch amüsant.
2) Hemmung (1956)
Es ist neun Uhr abends, als Harry merkt, dass mit den neun Fernsehprogrammen des britischen Fernsehens etwas nicht stimmen kann. Immer wieder werden Szenen gezeigt, die vorher schon liefen. Wiederholungen, aber in einer Schleife. Helen sitzt neben seinem Sofa und nährt einen Unterrock um. Sie bekommt von dem Phänomen nichts mit und ist keine Hilfe: „Sei nicht albern, Harry.“ Als er den Mieter über ihnen sowie seinen Arbeitskollegen Tom fragt, können diese auch nicht helfen. Harry scheint der einzige zu sein, der etwas merkt. Liegt es an den Sonnenflecken, die der Professor auf Channel 1 erwähnt hat?
Dann bemerkt er zu seiner Verwunderung, dass die zeitschleife, in der er hängengeblieben ist, enger wird. Hatte sie sich anfangs nur alle 15 Minuten wiederholt, so werden daraus nun 13 Minuten, dann elf, dann neun und so weiter. Als der Intervall eins beträgt, verliert er das Bewusstsein. Er erwacht um 9:45. Um Punkt 10:05 Uhr beschwert sich Helen. „Das haben die doch schon mal gebracht, immer beim gleichen Patzer.“ Nun steckt auch Helen in einer Zeitspirale…
Mein Eindruck
Der Text beginnt ganz realistisch in einer kleinbürgerlichen Idylle, beginnt sich dann jedoch allmählich zu einem modernen Albtraum zu entwickeln. Bald fragt sich der Leser, was wohl passiert, wenn die Zeitspirale ihren Nullpunkt erreicht. Wird Harry körperlich oder psychisch irgendwie enden oder gibt es einen Neuanfang? Nein, diesmal geht die Zeitspirale bei Helen los. Statt beruhigend zu wirken, führt dieser Wechsel nur zu einem weiteren Anstieg des Adrenalinpegels des Lesers. Es bedeutet nämlich, dass das Phänomen übertragbar ist – und er vielleicht der nächste in der Reihe sein wird.
Kurios mutet es heute an, dass der Fernseher nun neun Kanäle besitzt und das Bild grieselig ist, weil der Empfang über eine Außenantenne statt über Kabel erfolgt. Das alles erinnerte mich an meine Kindheit, als das deutsche Fernsehen exakt so aussah: grau, bescheiden und grobkörnig. Zum Glück blieb ich nicht in einer Zeitspirale stecken. Glaube ich zumindest.
3) Die Konzentrationsstadt (1957)
Franz Matheson muss verrückt sein. Davon sind zumindest die Polizei und deren Arzt überzeugt. Wie sonst wäre es zu erklären, dass er nach zwei Dingen sucht, die es in der STADT nicht geben kann: freier Raum und Fortbewegung durch Fliegen? Da die Stadt die ganze Welt bedeckt und somit weder Anfang noch Ende hat, sollte man meinen, dass auch ein Typ wie Franz M. sich überzeugen ließe, dass seine zwei Ideen völlig sinnlos sind.
Doch nein. Er hat, ganz legal, den Schlafzug genommen und ist zehn Tage nach Westen gefahren – um dann festzustellen, dass sich der Zug auf einmal nach Osten bewegt. Sehr merkwürdig. Seine Aufregung führte denn auch zu seiner Festnahme. Nur dass er nichts weiter verbrochen hat, als von unmöglichen Dingen zu träumen.
Doch Franz M. weiß, dass es möglich ist, an nur einem Tag die halbe Stadt zu durchqueren und am selben Tag und am selben Ort wieder anzulangen. Mit anderen Worten: Es gibt kein Entkommen aus der Hölle, und so etwas wie freien Raum wie es allenfalls in den toten Zonen unten am Fuß der Stadt…
Mein Eindruck
Der Autor hat scheinbar eine Idee von Isaac Asimov aufgegriffen, die dieser in seinen drei FOUNDATION-Romanen (1950ff) verarbeitete: die planetenweite Stadt Trantor. Die Weiterentwicklung ist typischer Ballard, denn er hat Kafka darauf angewendet: Franz M., der auch K. heißen könnte, tut etwas Absurdes, indem er „freien Raum“ sucht, um dort zu „fliegen“.
Ballards Beschreibung der STADT erinnert an Terry Gilliams Film „Brazil“ oder an „Blade Runner“: Die Wohnebenen – so etwas wie Straßen gibt es schon längst nicht mehr – rangen ewig hinauf, und die Qualität einer Umgebung wird nach dem Preis des Kubikfußes bemessen, nicht etwa nach Quadratmetern. Wie in „Brazil“ gibt es Polizeiaktionen gegen Verbrecher. Hier werden sie „Pyros“, also Pyromanen, genannt. Die Aktionen demolieren Häuser so gründlich, dass sie abgerissen und ersetzt werden müssen. Das ist kostengünstige Stadtentwicklung unter dem Deckmantel der Verbrechensbekämpfung. Klar, dass dabei auch die Preise steigen.
4) Die Venus lächelt (1957)
Der Kunstausschuss von Vermilion Sands hat zwischen verschiedenen Skulpturen zu wählen. Da gibt es eine Stufenpyramide, einen Pylon und eine verdrehte musikalische Skulptur. Hamilton und Mayo, die Vorsitzenden, entscheiden sich für die Skulptur von Lorraine Drexel. Eine verhängnisvolle Wahl, wie sich herausstellen soll. Denn kaum ist die Skulptur aufgestellt und gibt ihre klagenden Töne von sich, als es von den Anwohnern auch schon Proteste hagelt. Doch Drexel will ihr Kunstwerk nicht zurück und reist wutschnaubend ab.
Hamilton sieht keinen anderen Ausweg, als die Skulptur in seinem Garten aufzustellen. Wird schon nichts passieren, hofft er. Doch er hätte sich nicht mehr irren können: Die Skulptur beginnt aus unerfindlichen Gründen in die Höhe zu wachsen und bildet immer weitere Schalltrichter aus. Das wäre nicht so schlimm, aber sie spielt mehrere Stücke der Spätromantik gleichzeitig, so dass eine Kakophonie die Anwohner aus dem Schlaf reißt. Sie zurückzustutzen, erweist sich als kontraproduktiv: Wie bei einer Hydra wachsen die Schalltrichter umso stärker nach. Eine Radikalkur ist nötig. Am Ende wird das musikalische Monstrum beim Schrotthändler eingeschmolzen.
Doch das dicke Ende lässt nicht auf sich warten. Hamilton und Mayo werden von Drexel auf Entschädigung wegen Vandalismus‘ verklagt. Vor Gericht verlieren sie, weil der Richter meint, sie wollten ihn verkohlen. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten: Das eingeschmolzene Skulpturmetall wird gerade im Gerichtsgebäude verbaut und wächst dort prächtig. Seine Bruchstücke gedeihen in zahllosen anderen Gebäuden, Autos, Flugzeugen usw. Schon bald wird die ganze Welt singen…
Mein Eindruck
Die schräge Story ist eine herrliche Satire auf den Kunstbetrieb einerseits und auf das Eigenleben, das die Musik entwickelt, andererseits. Wieder wird die Frau in ihrer Liebe in einem externen Phänomen personifiziert, diesmal in der misstönenden Musik eines alles verschlingenden Kunstwerks. Wehe dem Liebhaber, der die Künstlerin verschmäht! Und wieder tritt der Mann als der kontrollierende Faktor auf – allerdings vergeblich: Die Liebe der Frau durchdringt wie die göttliche Venus die ganze Welt. Sie ist schlichtweg uneindämmbar.
5) Einstieg 69
Die Patienten der Klinik Avery, Gorrell und Lang sind am Gehirn operiert und drei Wochen lang einer Hypnose unterzogen worden. Sie sind die ersten Menschen, die keinen Schlaf mehr benötigen – der nächste Schritt in der Evolution, wie die Mediziner hoffen. Dr. Neill ist mächtig stolz und zuversichtlich, doch sein junger Assistent Morley ist sich des Erfolgs nicht so sicher.
In der zweiten Nacht begeht Morley einen verhängnisvollen Fehler: Er lässt die drei Patienten über zehn Minuten lang unbeaufsichtigt. Als er in die Turnhalle, wo sich die Patienten aufhalten, zurückkehrt, sind alle drei katatonisch und unansprechbar. Was kann nur passiert sein?
Mein Eindruck
Wer dachte, diese Erzählung könnte die Vorlage oder Inspiration für Nancy Kress‘ BETTLER-Romantrilogie über die Schlaflosen gewesen sein, irrt gewaltig. Denn die niederschmetternde Aussage des Autors lautet, dass das Gehirn sehr negative Gegenmaßnahmen ergreift, wenn es von seiner Quelle der Todessimulation, der Medulla, abgeschnitten wird, wenn es eigentlich schlafen möchte.
Tatsächlich glaubten die drei Patienten, dass sich die Wände und die Decke der Turnhalle um sie herum zusammenzogen, so dass sie sich schließlich in einem Einstiegsloch (manhole, s. Titel) befanden – aber nur in ihrem Verstand. Nix war’s mit der nächsten Stufe der Evolution. Vielmehr fand ein Rückfall statt, mit drastischen Auswirkungen. Wir werden wohl weiterhin schlafen müssen.
6) Spur 12 (1958)
Prof. Sheringham, ein Biochemiker, hat Maxted, Beauftragter eines Herstellers von Elektronenmikroskopen, zu sich eingeladen. Der Gastgeber experimentiert in seinem voll ausgestatteten Labor mit Mikrogeräuschen, so etwa von Zellteilung oder Nadeln, die in einem Bleirohr fallen. Maxted scheitert mit der Identifizierung der Töne. Er vermisst Susan Sheringham, mit der er ein Verhältnis hat.
Als Maxted im Gartenmöbel bei seinem Whisky sitzenbleibt, steht der Prof auf, um ein weiteres Geräusch erschallen zu lassen. Es ist höchst merkwürdig und erklingt direkt über Maxteds Kopf. Plötzlich ist seine Denkfähigkeit wie weggeblasen, und eine üble Vorahnung beschleicht ihn. Der Professor weiß über ihn und Susan Bescheid! Tatsächlich hat er Maxted gerade mit einem Glas Whisky vergiftet. Aber bevor er vollends das Bewusstsein verliert, soll Maxted erraten, welches tausendfach verstärkt Geräusch dies ist – ein Kuss…
Mein Eindruck
Dies ist wahrscheinlich die schrägste Schilderung eines Mordes, die man je lesen wird. Geschrieben im typischen New-Wave-Stil mit viel Inner-Space-Sicht ergibt sich der Mord aus der üblichen Dreiecksbeziehung, wird aber gekleidet in bizarre Begleitumstände – Mikrofongeräusche! Wer hätte gedacht, dass der Geist eines Mordopfers je in einem Kuss-Geräusch ertrinken könnte? E.A. Poe hätte seine helle Freude daran gehabt!
7) Die Warte-Gründe (The Waiting Grounds, 1959)
Der Astronom Quaine tritt einen zweijährigen Aufenthalt auf dem Planeten Murak an, um das Radio-Observatorium von Henry Tallis zu übernehmen, der es 15 Jahre lang bedient und beaufsichtigt hat. Dass ein Mann hier draußen in der Einsamkeit seinen Aufenthalt von zwei auf 15 Jahre verlängert, findet Quaine bemerkenswert und versucht, dieses Rätsel zu lösen. Ständig starrt Tallis in seiner letzten Woche auf den Vulkandschungel, ein Gewirr vieler Vulkankegel, das sich am Rande des Bergbaureviers erstreckt. Das Farbenspiel ist zwar überaus prächtig, aber reicht das aus, um so lange zu warten? Tallis ist überaus verschlossen.
In der letzten Woche vor Tallis‘ Abreise entdeckt Quaine in einem Schuppen die komplette Ausrüstung eines Geologenexpedition, die vor einem Jahr spurlos im Vulkandschungel verschwand. Bei einem automatisch ausgelösten Tonbandgerät wurde die Tonbandspule gewaltsam herausgerissen, so dass das Gerät beschädigt wurde. Der Sensor ist immer noch eingeschaltet. Welcher Vandale außer Tallis kann sich das Tonband gekrallt haben? Tallis spielt den Unschuldigen. Nur seine kryptischen Andeutungen bleiben Quaine im Gedächtnis. .
Als der Wissenschaftler Pickford erwähnt, er habe bei sich im Lager eine Kiste mit Bibeln entdeckt, stellt sich die Frage, was zwei „Geologen“ mit 1350 Exemplaren der heiligen Schriften des Christentums, des Judentums, der Muslime, der Buddhisten und Hinduisten wollten. Nachdem er das Suchgebiet der „Geologen“ erneut durchforscht hat, stößt Quaine auf einen verborgenen Vulkankegel, aus dessen Mittelgrund fünf Monolithen ragen, die ein Fünfeck bilden.
Indem er die wachsende Gefahr durch die ansteigende Sonnenhitze, die 160°C erreichen wird, ignoriert, entziffert er die Inschriften. Die Einträge in lateinischer Schrift erwähnen verschiedene andere Sterne, zählen Dynastien auf und reichen bis zum Jahr 2218 – die Gegenwart. 2217 trug sich hier einer der vermissten Geologe ein. Doch wohin verschwand er?
Als er dem Bergbauingenieur Mayer seinen Fund meldet, erblickt dieser in den fünf gigantischen Monolithen lediglich eine Quelle unermesslichen Reichtum: Tantaloxid! Quaine erklärt ihn für wahnsinnig, eine derartiges Dokument zerstören zu wollen. Es kommt zu einem tödlichen Kampf…
Mein Eindruck
Diese Novelle von 40 Seiten ist eine für den frühen Ballard typische, aber dennoch sehr gelungene Detektiv- und Abenteuergeschichte. Aus dieser Fundgrube hatte Arthur C. Clarke wohl die Idee für den Mond-Monolithen in „2001 – Odyssee im Weltraum“ und Jack McDevitt seine Inspiration für seine Weltraumarchäologen ab „Die Maschinen Gottes“.
Allerdings setzt Ballard noch einen drauf, indem er Quaine eine Epiphanie verschafft, die ihm die Monolithen eingeben. Derzufolge haben die Erbauer der Monolithen, die das ganzes Universum beobachten und steuern, ihre Lebensgeschwindigkeit derart verlangsamt, dass für sie Jahrmillionen wie Wimpernschläge vergehen. Die Zeitspanne, die sich nun à la Stapledons „Sternenschöpfer“ eröffnet, reicht bis zu 100 Mrd. Megajahren – und bis zum nächsten Urknall. Hier können wir also Ballards reichlich esoterische „Big Bang Theory“ nachlesen (die er wahrscheinlich irgendwo geklaut hat). Natürlich erwacht sein Held Quaine nicht in seiner Startzeit…
Was mich aber etwas wunderte, war der Geozentrismus der Beschreibungen. Alle Namen von Sternbilder und Sternen beruhen auf Latein, die Jahreszahlen auf der christlichen Zeitrechnung und die Entfernungsangaben auf dem Sol-Standardjahr. Hat es eine Superrasse nötig, sich der Kennzahlen der Menschen anzupassen? Eigentlich nicht, es sei denn, sie will sich irdischen Lesern entsprechend verständlich machen…
8) Jetzt: Null
Der Ich-Erzähler hat eine mysteriöse Macht über Leben und Tod entdeckt – und das ohne einen Teufelspakt eingehen zu müssen. Er selbst hat eine ganze Weile dafür gebraucht herauszufinden, worin sie besteht, wie sie wirkt und welche Grenzen ist gesetzt sind. Das Beste daran: Sie ist kinderleicht auszuüben.
Er hatte genug davon, ständig von seinem Chef gedemütigt zu werden, also schrieb er eines Tages im Tagebuch seinen Frust von der Seele und setzte in einem Anfall von Wunschdenken ein Todesdatum für seinen Chef fest. Zu seiner eigenen Verwunderung starb dieser zur bezeichneten Stunde auf die bezeichnete Weise. Doch statt nachrücken zu dürfen, wird er übergangen – zweimal. Beide Nachfolger finden ein vorzeitiges Ende. Allmählich wird die Polizei auf ihn aufmerksam und beginn herumzuschnüffeln, nachdem auch seine Vermieterin, die hässliche alte Schachtel, den Löffel abgegeben hat.
Statt ins Direktorium usw. aufzusteigen, macht seine Firma dicht. Na, sowas! Das war nicht geplant, doch in seiner neuen Firma stehen die Chancen für den Aufstieg nicht schlecht – wenn er ein klein wenig nachhilft. Auch sonst – in der Einflugschneise, in der Heimatstadt – sieht unser Mann noch viele Betätigungsfelder durch gewisse Notizen. Das Beste hat er sich aber für diese GESCHICHTE aufgehoben…
Mein Eindruck
„Die Feder ist mächtiger als das Schwert“ – dieser alte Wunschgedanke wird in dieser Erzählung wahr, und zwar auf eine sowohl schwarzhumorige als auch gruselige Weise. Die Briten, das ist bekannt, frönen dem schwarzen Humor, und je mehr Leichen sich in einer Geschichte stapeln, umso besser finden sie sie. Doch unser Autor und sein Erzähler drehen de Spieß um: Diesmal wird die Geschichte selbst zur Tatwaffe – und wer möchte Motiv und modus operandi nachweisen? Eine Story mit einer sehr treffenden Pointe.
9) Der Klangsauger (1960)
Zwei Erfindungen haben die Welt der Musikindustrie revolutioniert: die Ultraschallmusik und Kurzplatte (KP). Während die Kurzplatte mit 900 U/min und so eine Drei-Stunden-Oper auf zwei Minuten verkürzt, ist der Effekt der Ultraschallmusik nachhaltiger: Nicht das zählt, was das Publikum hört, sondern die Stille, die durch Musik jenseits des menschlichen Hörvermögens herrscht. Überall zieht die Stille ein, wenn auch „melodisch“.
Eines der prominentesten Opfer dieser Entwicklung ist die Operndiva Madame Gioconda. Die mittlerweile arbeitslose Sängerin haust in dem Gebäude eines Radiosenders, der unter einer Autobahn vor sich hin rostet. Sie hat die Manie eines Hypochonders entwickelt, die sie gehässige Buhrufe hören lässt, wo nur Stille herrscht, und Klangreste im Orchestergraben. Diesen wirkt seit einem Jahr ihr privater Klangsauger entgegen. Der nach einer Verstümmelung stumme Mangon übt seinen Beruf als eine Art Müllabfuhr des Lärms aus und nimmt alle Launen der Diva auf sich, ohne allerdings dafür entlohnt zu werden.
Als sie sich in den Kopf setzt, eine Reihe von TV-Konzerten nur für 1 Million $ pro Auftritt zu veranstalten, weiß er, dass sie dringend Hilfe braucht. Denn der Impresario für diese Konzerte ist ihr Ex und Intimfeind Henri LeGrande. Diesem gehören die Studios von Video City, für die inzwischen auch der Erfinder der Ultraschallmusik, Ray Alto, arbeitet. Als Mangon und Gioconda auf dem Geräuschabladeplatz, wo Mangon haust, die Geräuschabfälle aus LeGrandes Chefbüro entdecken, kann Gioconda den Manager noch viel besser erpressen.
Doch der Sendeplatz, an dem sie singen darf, ist bereits für die Uraufführung von Ray Alto Sinfonie „Opus Zero“ reserviert. Alto zwingt Mangon, an einer verhängnisvollen Intrige teilzunehmen. Der Auftritt am bezeichneten Tag sorgt für Aufruhr. Denn die Diva hat es unterlassen, auch nur im geringsten für diesen denkwürdigen Moment zu proben…
Mein Eindruck
Die befremdliche Neuerung ist hier die Ultraschallmusik, auch Neurophonie genannt. Offenbar ist sie in der Lage, Empfindungen zu vermitteln und die Emotionen des „Zuhörers“ zu beeinflussen. Vielleicht greift der Autor hier auf entsprechende Experimente der Psychologie zurück, für die er sich sehr interessierte.
Die zweite Neuerung ist das Absaugen von Klang- und Geräuschrückständen mit Hilfe des gleichen Prinzips wie beim Staubsauger. Natürlich wird das im Einzelnen nicht erklärt. Aber die Sauggeräte müssen auf einem Abladeplatz entleert werden, und dieser erweist sich für Mangon und Gioconda als wahre Fundgrube von LeGrandes schmutzigen Firmengeheimnissen. Der sich daraus ergebende Rest führt zu einer tragisch endenden Romanze.
Das Thema Kunst rückt die 40-Seiten-Novelle in die Nähe der Erzählungen über die Künstlerkolonie Vermilion Sands (siehe dazu meinen Bericht über „Die 1000 Träume von Stellavista„).
10) Zone des Schreckens (1960)
Larsen und sein Psychologe Bayliss haben sich in zwei benachbarten Chalets in der Wüste einquartiert, um Larsens Problem zu behandeln. Sein Problem besteht darin, dass er einen Doppelgänger sieht, der ihm im Abstand von fünf Minuten folgt. Das Gesicht dieses Mannes ist sein eigenes!
Kein Wunder, dass Larsen ständig auf Droge und Alkohol ist. Das macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer: Auf einmal sind es zwei Doppelgänger- und sie verfolgen ihn. Larsen bringt es nicht über sich, einen der Doppelgänger zu konfrontieren, wie Bayliss ihm geraten hat.
Larsen versteckt sich nahe Bayliss‘ Chalet und sagt ihm, er solle doch mal den Revolver aus dem Briefkasten holen, den er, Larsen, dort gegen diese Männer deponiert hat. Als Bayliss mit der Waffe zurückkehrt und auf einmal DREI Exemplare von Larsen vor sich sieht, trifft er eine tödliche Fehlentscheidung…
Mein Eindruck
Der Autor beschäftigt sich hier auf innovative Weise mit dem Phänomen des Doppelgängers. Es bleibt unklar, ob nur Larsen diese zeitlich versetzten Kopien seiner selbst sieht oder auch Bayliss – der Psychologe will seinen Patienten, der ihn fürstlich bezahlt, nicht verunsichern.
Folgerichtig gerät Larsen immer tiefer in seine Paranoia. Er ist der Konstrukteur eines künstlichen Gehirns, das aus einem Cluster zusammengeschalteter Computer besteht, die jeweils einen Teilberich von Hirnaktivitäten ausführen. Man braucht also nur die Parallele von dieser KI zu Larsens Doppelgängern ziehen, schon hat man des Rätsels Lösung: Das Kopieren des menschlichen Hirns in einer KI kann nur zur Paranoia und zur Vernichtung der Kopie führen.
11) Chronopolis (1960)
Conrad Newman sitzt seit einem Jahr in U-Haft, heute soll das Urteil über ihn fallen: wegen Mordes an einem Zeitpolizisten. Da es im Knast keine Uhr außer seiner Sonnenuhr gibt, dauert es noch eine Weile, bis man ihn endlich holt. Er erinnert sich…
Es fing damit an, dass sich der Junge darüber wunderte, dass hier und da merkwürdige Geräte mit zwölf Ziffern darauf zu finden und zu sehen waren. Weder seine Mutter noch seine Vater geben ihm Auskunft darüber, ganz im Gegenteil: Sie geben Conrad den Eindruck, als handle es sich dabei um etwas Verbotenes: Uhren. Doch durch seinen Einfallsreichtum und die positive Rückkopplung durch Zeiteinteilung gelingt es ihm, eigene Zeitmesser zu konstruieren: Je genauer er sich die Zeit einteilen, desto schneller hat er seine Hausaufgaben erledigt.
Das ist natürlich noch nicht das Wahre, weiß er. Eine echte Armbanduhr, wie man sie früher trug, entdeckt er erst bei einem Kinozuschauer, der einen Herzanfall erlitten hat. Dieses kostbare Stück trägt er nun ständig mit sich und verblüfft Schüler wie Lehrer durch seine hellseherische Fähigkeit, den Alarm der Schule vorauszusehen, die das Ende der Schulstunde anzeigt.
Bis ihm der Lehrer Stacey auf die Schliche kommt und ihn mit in die Stadt nimmt. Diese ist seit der Revolte von 37 Jahren verlassen: 500 Quadratkilometer Steinwüste, oder? Mitnichten, findet Conrad heraus: Alles ist noch so wie damals, inklusive der Uhren – es müssen Millionen davon vorhanden sein. In Chronopolis, so der Lehrer, lebten alle Menschen nach einem genau ausgetüftelten Stundenplan, der jede Aktivität regelte, egal ob es Telefonieren, Einkaufen oder Arbeiten war.
Gesteuert wurden alle Uhren von der großen Zentraluhr auf dem 60 Meter hohen Glockenturm des Parlaments. Sie ist bei 12:01 stehengeblieben. Da entdeckt Conrad eine Uhr, die noch geht: Sie zeigt die Zeit seiner Armbanduhr an. Er büchst aus und sucht denjenigen, der die Uhr aufgezogen hat. Es ist ein alter Uhrenmacher und er hat es geschafft, 278 Uhren wieder zum Laufen zu bringen. Wenig später ereignet sich der Mord an Stacey…
Mein Eindruck
Eine feine Satire: Uhren sind überall verboten, weil jeder sich seine Zeit selbst einteilen will. Das kann man heute, da sich das Leben ungeheuer beschleunigt hat, sehr gut verstehen kann. Natürlich erfolgt auf diese Revolution eine Konterrevolution, ausgeführt von Conrad und seinem alten Helfer. Aber auch Conrad wird am Schluss erfahren, was unter dem Terror der Uhr zu verstehen ist.
Es ist auffällig, dass in dieser Geschichte keine Zeitreise vorkommt. Vielmehr liegt das Augenmerk darauf, die Erfahrung der Zeit zu relativieren. Der Verdienst der Story liegt in dem warnenden Ausmalen einer Epoche, in der jede Handlung eines Menschen gemäß dem Diktat der Verfügbarkeit von Zeit diktiert wird – ein schauerlicher Gedanke. Aber vielleicht gar nicht so weit entfernt…
12) Die Stimmen der Zeit
Nach den oberirdischen Atomversuchen auf dem Eniwetok-Atoll breitet sich in der Welt eine seltsame Krankheit aus, der immer mehr Menschen zum Opfer fallen. Es handelt sich um eine schlafähnliche Betäubung. Die Dauerschläfer müssen in Regierungseinrichtungen untergebracht und von Neurochirurgen untersucht werden. Einer von diesen Ärzten ist Dr. Powers in Oak Ridge, dessen Tagebuch wir lesen und dessen Werdegang wir verfolgen.
Er trauert ein wenig seinem Kollegen Whitby nach, der Selbstmord beging. Whitby schrieb über Eniwetok und ritzte in den Boden eines Schwimmbecken ein vierstrahlige Sonne wie eine Mandala. In genau diesem Schwimmbecken findet Powers einen mutierten Frosch: Er hat zum Schutz vor den radioaktiven Strahlen einen bleihaltigen Panzer entwickelt.
Powers wird von drei Menschen mit Sorge beobachtet. Dr. Anderson rät ihm kürzerzutreten, was Powers schwerfällt, obwohl er zunehmend mehr Schlaf benötigt – seine Tage werden kürzer. Die anderen beiden sind ein ehemaliger Powers-Patient namens Kaldren und dessen Freundin, die er Coma nennt. Der von Powers am Gehirn operierte, völlig schlaflose Kaldren sammelt Endzeitphänomene, darunter auch die Countdown-ähnliche Botschaften, die Observatorien von bestimmten Sternen aufgefangen haben: die „Stimmen der Zeit“. Nähert sich das Universum seinem Ende?
Whitby hat einen ausgefeilter Apparat, das Maxitron, gebaut, um das im Erbgut gesperrte Genpaar verschiedener Lebewesen zu „befreien“. Powers setzt das Maxitron u.a. an einem Schimpansen ein, der so klug wird wie ein fünfjähriges Kind – und an sich selbst. Mit einem bemerkenswerten Ergebnis: In einer Art Apotheose nimmt er parapsychologischen Kontakt mit den Sternen auf und hört ihre Stimmen ganz direkt. Klar, dass das nicht gut geht.-
Mein Eindruck
Diese Story habe ich mir zum Schluss aufgehoben, aus gutem Grund: Sie erweist sich als ziemlich lang, sehr komplex und recht sperrig. Wer zum ersten Mal Ballard liest, wird an ihr verzweifeln. In sie hat der Autor alles Mögliche hineingepackt, und alles aufzuführen, würde zu weit führen. (Gut möglich, dass auch die uralte Übersetzung von anno 1973 das Ihre dazu beiträgt.) Aber das optimistische Ende verleiht der ansonsten reichlich resignativen Endzeitstimmung eine positive Wendung, die auch all die Rätsel beantwortet, die der Autor dem Leser stellt.
13) Mr. Goddards letzte Welt
Mr Goddard, der Leiter des Erdgeschosses in dem einzigen Kaufhaus der Stadt, ist von dem Donner irritiert, der über seinen Kopf hinwegrollt. Es klingt wie das Zusammenschlagen gigantischer Flügel, und das kommt ihm ordnungswidrig vor.
Denn nachts geht Mr Goddard durch sein abgedunkeltes Heim und beendet seinen Kontrollgang stets vor dem großen Tresor, in dem er ein exaktes Modell der Innenstadt und seines Kaufhauses verstaut hat. Nur die Nachbarskatze, die ihn stets begleitet, schaut zu, wie diesmal eine Motte aus dem Tresor hervorflattert. Das war also die Ursache des Donners…
Das maßstabsgetreue Modell erlaubt ihm den vollen Überblick. Bislang dachte er, er habe alles unter Kontrolle, aber er ertappt zwei andere Abteilungsleiter dabei, wie sie versuchen, den Rand des Modellkastens mit einer Leiter zu überwinden. Erbost klappt er den Deckel zu. Am nächsten Morgen beklagt die Belegschaft die beiden Toten. Ein gewisser Verdacht kommt auf.
Dieser Vorfall löst eine stillschweigende Revolte der Innenstadt aus, eine Verschwörung. Zuerst schneidet man Mr Goddard nur, doch dann folgt der Rauswurf. Dabei ist er doch erst 65 Jahre alt und noch längst nicht reif für den Ruhestand. Bei seinem nächsten Versuch, die Lage zu kontrollieren, entgleitet ihm der schwere Modellkasten, der aufklappt, und er wird ohnmächtig. Endlich schlägt die Stunde der Katze. Sie macht sich über die Bewohner her, die dem Kasten zu entkommen suchen…
Mein Eindruck
Der modellhafte Aufbau der Geschichte erinnerte mich an Kafkas parabelhafte Erzählungen, hat aber auch eine reale Aussage. Mr Goddard stellt eine Regierung dar, die eine Art fürsorgliche Tyrannei ausübt: Keiner darf aus der Reihe tanzen oder gar den vorgegebenen Rahmen verlassen. Das würde schwer bestraft werden.
Die Pointe besteht natürlich darin, dass sich diese tyrannische Regierung als keineswegs unfehlbar erweist. So kommt es, dass die angeblich so fürsorglich betreuten Untertanen bei ihrem Ausbruch zu Tode kommen – durch nicht kontrollierbare Kräfte wie etwa Naturgewalten. Angeprangert wird also nicht nur die Anmaßung in dieser Form der Herrschaft, sondern auch die Idee, Untertanen wie Spielfiguren zu behandeln, die man nach Belieben herumschubsen kann. Mr Goddard wird ironischerweise selbst zur Spielfigur degradiert.
Siehe auch die Story Nr. 26 „Die Wachttürme“.
14) Studio 5 (1961)
Ransom ist Chefredakteur und Herausgeber der Lyrikzeitschrift „Wave IX“. Als Fachmann erkennt er sofort die Gedichtzitate, die auf Papierfetzen zu Dutzenden auf sein Grundstück an der „Stars“-Straße herabregnen. Er beschwert sich vergeblich bei der neu eingezogenen Nachbarin, einer gewissen Aurora Day. Doch irgendeine Art von Magie, die sie oder ihr klumpfüßiger Chauffeur ausüben, vertreibt ihn.
Tatsächlich scheint die Lady nicht ganz richtig zu ticken. Um Mitternacht ertappt er sie beim Schlafwandeln auf einer Klippe und will sie vor dem Absturz rette. Doch sie scheint lediglich aus einem Traum aufzuwachen. Ihr weißstrahlendes Gewand verstreut Edelsteine, die sich in kalten Tau verwandeln…
Als er ihr offenbart, er gebe eine Lyrikzeitschrift heraus, ist sein Schicksal besiegelt. Er müsse unbedingt ihr eigenen Gedichte veröffentlichen! Da er weiß, dass es sich vor allem um schlechte Plagiate handelt, die womöglich auf einem der üblichen Versautomaten erzeugt wurden, lehnt er natürlich. Doch die Dame akzeptiert kein Nein als Antwort. Sie okkupiert kurzerhand seine nächste Ausgabe. Schon bald winselt er um Gnade.
Seine Aufgabe als Knecht dieser Göttin ist einfach: einen einzigen Band mit original von MENSCHEN erstellten Gedichten. Doch wenn er meinte, er könne sie austricksen, hat er sich geschnitten: Sämtliche Versautomaten in Vermilion Sands wurden von ihrem klumpfüßigen buckligen Diener zerstört. Und die 23 Dichter der Stadt lehnen es rundweg, ihre eigenen Hirnwindungen anzustrengen, um Ransom aus der Patsche zu helfen.
Was tun? Da meldet sich ein allerletzter Dichterling. Er hört auf den schönen Namen tristram Caldwell und behauptet, er könne ein Gedicht selbständig und von Hand schreiben. Unglaublich! Die Rettung! Doch die gestrenge Muse scheint an die alte Sage von Melander, der Muse der Lyrik, und dem Poeten Corydon zu denken, der für ihre Gabe sein Leben opferte. Es kommt zu einer schrecklichen Tragödie – zumindest scheint es auf den ersten Blick so…
Mein Eindruck
Nach der ernsten Tonart des vorhergehenden Textes nun etwas von der leichten Muse. Diesem Stichwort folgend präsentiert der Autor ein satirisches Lehrstück über den Verfall der Jahrtausende alten Kunst der Lyrik unter dem Einfluss der Computertechnik (er nennt ausdrücklich IBM als Hersteller der Versautomaten).
Am Schluss steht ein Happy-end. Die Muse war so freundlich bzw. gnädig, jedem der 23 Dichter von Vermilion Sands die Gabe der musischen Inspiration zu gewähren, genau wie in der Sage von Melander und Corydon. Ihr buckliger Diener war natürlich der Gott Pan, erkennbar an seiner magischen Flöte.
Die Metaphorik ist nicht besonders ausgeprägt, so dass der Text einen nahezu realistischen Eindruck macht. Aber das ist in Ordnung, denn es ist von vornherein klar, dass es Ransom mit einer Göttin vom Kaliber einer Astarte zu tun hat. (Ausdrücklich wird sie Die Weiße Göttin genannt.) Daher ist dies auch die einzige Erzählung in diesem Band, in der eindeutig Magie gewirkt wird. Auch dies passt zu dem leichten, ironischen Ton einer Satire.
Wenn es so etwas gäbe wie eine Ballard’sche Ästhetik, so könnte man sie vielleicht in dieser schönen Novelle findet – wenn man angestrengt sucht.
15) Aus und vorbei
In dem Bemühen, Sauerstoff per Elektrolyse aus dem Meer zu gewinnen, um ihn an die neu entdeckten Siedlerwelten zu liefern, haben die Menschen die Ozeane ausgetrocknet. Dadurch ist wiederum der Planet unbewohnbar gewohnt, weil es unerträglich heiß ist. Nur bei den Bermuda-Inseln ist noch ein kleiner Rest übrig, der Lake Atlantic.
Hier findet der 22-jährige Holliday, der sich bis zuletzt weigert, die Erde zu verlassen, den allerletzten Fisch. Es ist ein Hundshai, wie es ihn einst zu Millionen gab. Sofort legt er einen Teich an und will ihm optimalen Lebensraum geben, direkt unter einer der abgestürzten Startplattformen für die Raumschiffe.
Doch ein paar Jungs, deren Abflug kurz bevorsteht, machen Hollidays idealistischem Überlebensprojekt einen dicken Strich durch die Rechnung…
Mein Eindruck
Dies ist das Szenario, in dem der Film „Oblivion“ spielt: Riesige Kraftwerke entziehen der Erdoberfläche alles Wasser, und Agenten rasen auf Motorrädern über den einstigen Meeresgrund. Allerdings leben hier keine Rebellen à la DUNE, sondern nur dahinvegetierende Senioren in vor Hitze ächzenden Bungalows. Es herrscht genau jene Endzeitstimmung, die Ballard in „Die Dürre/Welt in Flammen“ 1964 viel besser eingefangen hat (siehe dazu meinen Bericht).
16) Der überlastete Mann (The Overloaded Man)
Harry Faulkner lebt in einer neuartigen Modellsiedlung, deren Bauteile alle L-förmig sind. Die Architekten waren innovativ, aber die Bewohner werden langsam wahnsinnig. Genau wie Harry. Um all diesen Plastikscheiß in seiner Umgebung, seinem Haus, seinen Zimmern ertragen zu können, hat er ein neues Talent entdeckt und bis zum Perfektion entwickelt: Er degradiert alle Konturen und Objekte zu reinen Flächen und Farben, so dass sie alle Funktionalität verlieren. Zurückgelehnt in seinem Liegestuhl auf der Veranda, die Welt um ihn herum nach und nach auszublenden.
Aber die Welt hat ihn nicht vergessen. Seine Frau Julia, ein wahrer Ausbund an Effizienz und Produktivität, entdeckt, dass er nicht etwa einen kurzen Krankenurlaub macht, sondern an der Berufsschule schon vor zwei Monaten gekündigt hat. Als sie ihm jetzt die Leviten liest, blendet er sie Stück für Stück aus; zuerst natürlich ihre grässliche Stime, dann die Gliedmaßen, schließlich den Kopf; schließlich muss sie nur noch die richtige Form erhalten – da, sie ist verstummt. Wunderbar.
Um das Endziel seiner Entwicklung erreichen zu können, nämlich reine Existenz als psychische Idee, begibt er sich in den Gartenteich und legt sich hinein. Nur noch wenige Momente und er ist endlich frei…
Mein Eindruck
Das klingt wie ein Film à la Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ auf Überdosis. Tatsächlich aber thematisiert der Autor eine Krankheit der sechziger Jahre, die bis heute überall zu finden ist, wo ehrgeizige Architekten zuschlagen dürfen: Killer-Design trifft ennui, also existentielle Langeweile und Überdruss, verursacht durch totale Entmenschlichung und Automatisierung der Umgebung.
In Harrys Umgebung werden die Menschen selbst zu Ratten im Labyrinth, und das wichtigste Beobachtungs- und Versuchsobjekt sind sie selbst. Eine versteckte Fotokamera knipst Harry auf der Veranda, die hübsche Nachbarin nimmt allzu gerne eine Peepshow-Dusche, und der Nachbarsjunge, dem die Kamera gehört, scheint auf dem gleichen Weg unterwegs zu sein wie Harry. Um der Verdinglichung zu entgehen, begibt sich Harry auf den Trip in die Entkörperlichung; er wird zur reinen Idee – und lässt folglich seinen lästigen Körper zurück.
17) Mr F ist Mr F
Mr Charles Freeman schrumpft. Er merkt es, als ihm die Kleider nicht mehr passen. Auch Elizabeth, seine schwangere Frau, merkt es, sagt aber kein Wort darüber, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Oder weil sie einen Plan hat, von dem er nichts wissen soll. Für ihr Baby kauft sie einen Laufstall, Söckchen und Spielzeug, ist ja klar. Aber als Charles ausbüxt, um ihrer Fürsorglichkeit zu entkommen, ist er es, der zurückgebracht wird und im Laufstall landet.
Hilflos muss er verfolgen, wie der nette Nachbar Hanson mit Elizabeth anbandelt. Er schrumpft soweit, dass er in Elizabeths Bauch verschwindet. Als Hanson ein Schäferstündchen mit ihr verbringt, erfährt Charles, wie eine Zeugung vor sich geht…
Mein Eindruck
Natürlich wehrt sich Mr F ständig gegen die Bevormundung und behauptet, ein Mann zu sein. Doch die Fakten sprechen gegen ihn: Er wird kleiner und verliert an Gewicht. Er macht sich Gedanken, welcher Zusammenhang zwischen dem schwellenden Bauch seiner Frau und seiner eigenen Schrumpfung bestehen könnte.
Anders als im Fall des Benjamin Button, den F. Scott Fitzgerald so schön erzählt, ist Freemans Schrumpfung nicht nur metaphorisch gemeint, sondern wörtlich. Eine Liebesgeschichte fehlt ebenfalls. Und im Unterschied zum Abenteuer des Mr. C in Mathesons Roman fehlen hier die Horrormomente und die Action. Trotzdem amüsieren die die bittere Ironie des Vorgangs und die Pointe.
18) Billennium (dito, 1960)
John Ward und Peter Rossiter machen in der Welt, auf der sich 20 Milliarden Menschen maximal vier Quadratmeter pro Nase teilen, eine umwerfende Entdeckung: ein völlig leeres Zimmer mit den ungeheuren Dimensionen von 4,5 x 4,5 qm! Es liegt hinter einer Art Tapetentür, vor der sie sich ihre Wohnnische geteilt haben. Das ist natürlich jetzt nicht mehr nötig: Das Paradies liegt sozusagen direkt vor ihrer Nase.
Doch ihre zwei Bekannten, Judith und Helen, sitzen – mal wieder auf der Straße. Der Maximalwohnraum ist von der Regierung auf 3 qm herabgesetzt worden, und die Vermieter schlagen Kapital daraus. John und Peter laden die beiden ein, bei ihnen einzuziehen. Aber Judiths will, dass auch ihre Tante… null problemo! Und dann kommt auch noch Helens Vater hinzu, und im Handumdrehen fühlt sich alles wieder richtig „normal“ an…
Mein Eindruck
Auf ihre dezent satirische Weise verarbeitet die bekannte, vielfach abgedruckte Erzählung die Vorhersage des Club of Rome, wonach bei einer jährlichen Wachstumsrate von 3% das Bevölkerungswachstum beängstigende Ausmaße annehmen werde. Genau diese Ausmaße schildert die Geschichte auf ganz konkrete, unaufgeregte Weise. Merke: So schockierend es auch erscheinen mag, so kann sich der Mensch doch daran gewöhnen, auch in einem Besenschrank zu wohnen.
19) Der freundliche Attentäter (1961)
Dr. Jamieson quartiert sich in ein Londoner Hotel ein, das direkt an der Route liegt, die die Prozession zur Feier des zehnjährigen Thronjubiläums von Jakob III nehmen soll. Er packt sein mitgebrachtes Scharfschützengewehr aus: alles in Ordnung. Die Schussbahn ist ebenfalls frei. Es bleibt noch Zeit für einen Drink.
Im Café sitzt er neben einem jungen Paar, das sich an diesem schönen Sommertag ebenfalls die Prozession anschauen will. Der junge Mann hat gerade 300 Pfund Preisgeld für seine Erfindung der Zeitreise gewonnen, wie die etwa 20 Jahre junge Frau sagt. Was er jetzt wohl damit – und mit seiner Erfindung – anfangen werde? Seine Antwort ist viel zu angehoben, um ihr zu gefallen. Ob er wohl seinen Großvater ermorden werden, wie alle Zeitreisegeschichten phantasieren, neckt sie ihn. Natürlich nicht. Dr. Jamieson kann sich gar nicht am Anblick des Mädchens sattsehen. Aber sie bleibt nicht, um mit ihm zu sprechen. Der Umzug beginnt.
Vom Fenster seines Hotelzimmers, das Gewehr im Anschlag, entdeckt Jamieson endlich den Mann, wegen dem er gekommen ist: Anton Remmers. Remmers hat eine Thermosflasche dabei, die er offenbar zu einer Bombe umgebaut hat. Als er sie gerade auf die Kutsche des Königs schleudern will, streckt ihn Jamiesons Schuss nieder. Die Bombe explodiert in der Menge und tötet 27 Menschen darunter die junge Frau. Ihr Freund überlebt – natürlich.
Doch wo ist der Komplize von Remmers, von dem in den Zeitungsbericht die Rede ist. Als die Polizei durch seine Zimmertür bricht, ahnt Jamieson, um wen es sich handelt…
Mein Eindruck
Als eine der tragischsten Zeitreisegeschichten, die ich kenne, steckt auch „Der freundliche Attentäter“ voller Ironie. Die Planung der Vereitelung des Anschlags auf den König eines alternativen Englands erweist sich als unzulänglich. Der blinde Fleck ist, mal wieder, der Planer selbst. Er hat vergessen, sich selbst in die Gleichung einzufügen.
Tragisch, aber auch wehmütig. Der Schlüsselmoment ist die Szene im Café, als der alte Jamison sein 35 Jahre jüngeres Ich um die Liebe jener bezaubernden jungen Frau beneidet: weißes Kleid, strohblondes Haar, Sommersprossen, Duft nach Sommer und Jugend – welcher Mann könnte dieser Mischung widerstehen? Ganz besonders dann, wenn man sie vor 35 Jahren bereits schon einmal geliebt hat…
20) Die Wahnsinnigen (1962)
Charles Gregory rast in seinem Jaguar von Kairo nach Casablanca, wo der Transatlantiktunnel anfängt. Bei El-Alamein nimmt er eine Anhalterin mit, doch Carol hat nach dem Verband an ihrem linken Handgelenk zu urteilen einen Selbstmordversuch hinter sich. Indem sie eine „gute Freundin“ vorschützt, bittet sie um Gregorys Hilfe, doch der muss ihr aufgrund der neuen Gesetze jede Hilfe verweigern. In Tobruk hat sie mit ihrem Selbstmord endlich Erfolg. Gregory ist rasend vor Selbsthass.
Aber ihm bleibt keine Wahl, hat er doch wegen der Gesetze Bortmans, die jede psychiatrische Hilfeleistung untersagen, gerade erst drei Jahre in einem Marseiller Gefängnis verbüßt. Zuvor betrieb er fünf Jahre lang eine geheime Klinik in Paris, aber die flog auf, als die Tochter des Vereinte-Welt-Generalsekretärs davon erzählte. Nun versucht Gregory seine Freiheit zu genießen, doch in Algier lernt er einen Kollegen kennen, der wiederum einen anhänglichen Patienten hat.
Christian, ein Jurist mit Abschluss, erzählt, er wolle Bortman umbringen, denn Bortman will nun auch die Rechtsanwaltschaft verbieten lassen. Als er Gregory überlistet, ihn von einem vermeintlichen Suizid abzuhalten, kann er ihn nötigen, ihn zu behandeln, sonst würde er ihn verpfeifen. Nach Monaten der Analyse bricht Christian endlich auf – um Bortman trotzdem zu töten. Gregory erklärt ihn für wahnsinnig.
Mein Eindruck
Wer hier wahnsinnig ist, das ist noch die Frage. Wenn man aber den Fall von Carol betrachtet, so hätte ihr ein Psychiater sicherlich gutgetan. Und im Fall Christian hat Gregory immerhin erreicht, dass er von seiner Drogensucht herunterkam und nun wie ein normaler Vereinte-Welt-Beamter wirkt – eine feine Ironie. Unter dieser Tarnung hat Christian viel bessere Chancen, an Bortman heranzukommen und ihn zu töten
Der Autor zeichnet das Bild einer erschreckend plausiblen Welt, in der jede psychische Behandlung bzw. Heilung unterlassen werden muss. Die Folgen sind verheerend. „Die eine Hälfte der Bevölkerung delektiert sich an der hilflosen, dem Wahnsinn überlassenen Hälfte“, sagt Christian – und fühlt sich dann berechtigt, die zu hilflosen Dementen Verkommenen zu liquidieren. Das ist eine echte Horrorvision, wie sie vielleicht nur noch Thomas M. Disch in „Camp Concentration“ (ca. 1968) wirkungsvoller ausgemalt hat.
21) Der Garten der Zeit (The Garden of Time)
Graf Axel lebt mit seiner klavierspielenden Frau in einer prächtigen Villa, zu der ein See und ein bemerkenswerter Garten gehören: In diesem Garten wachsen die Zeitblumen. Eine Zeitblume speichert in ihrer kristallinen Struktur Zeit und wenn Graf Axel eine Blüte bricht, so dreht er die Zeit ein wenig zurück, mal eine Stunde, mal nur wenige Minuten, je nach der Größe und Reife der Blume.
Diesmal bricht er wieder eine, denn über die Anhöhe des Horizonts drängt eine Lumpenarmee auf die Villa zu, die alles in ihrem Weg zu zertrampeln und zu zerstören droht. Schwupps, ist die Armee wieder auf den Horizont zurückgeschlagen. Aber das nicht ewig so weitergehen. Leider sind nur noch ein halbes Dutzend Zeitblumen im Garten der Zeit verblieben. Seine Frau bittet ihn, die letzte Blüte für sie übrigzulassen…
Als die Lumpenarmee den Garten erobert und die Villa plündert, findet sie nur noch eine Ruine vor, der Garten ist verlassen und verwildert. Nur mit größter Vorsicht umgehen die namenlosen Plünderer ein Dornendickicht, das zwei Steinstatuen umschließt: einen Mann und eine edel gekleidete Frau, die eine Rose in der Hand hält…
Mein Eindruck
Das Szenario des Grafen und seiner Gräfin in ihrem Garten aus konservierter Zeit sind eine elegische Metapher auf die gesellschaftliche Überholtheit der adeligen Klasse. Sie huldigt Idealen von Schönheit, die dem „Lumpenproletariat“ – ein Begriff von Marx & Engels – völlig fremd sind. Dieses sucht lediglich materielle Werte, zerstört Bilder und Musikinstrumente ebenso wie Bücher, um Heizmaterial zu erhalten. Der Gegensatz ist klar: Bei den Adeligen bestimmt das Bewusstsein das Sein, bei den Proleten ist es umgekehrt: der Materialismus triumphiert. Die davongespülte Klasse existiert nur noch als Statuen, genau wie heutzutage.
Ein SF-Autor also, der der Revolution das Wort redet? Wohl kaum, denn sonst würde er den zerbrechlichen Zeitblumen solche schönen Worte widmen, die an Poesie nichts zu wünschen übriglassen. Er trauert den vergangenen Idealen nach, doch der Garten macht seine eigene Aussage: Sobald die letzte Blume vergangen ist, bricht die aufgeschobene Zeit mit aller Macht über die Adeligen herein und lässt sie zu Stein erstarren. Wie immer bei Ballard ist dieser abrupte Übergang überhaupt nicht kommentiert oder gar einer Erwähnung wert. Der Leser muss ihn sich hinzudenken.
22) Die Tausend Träume von Stellavista (1962)
Howard und Fay Talbot sind seit fünf Jahren ein halbwegs glücklich verheiratetes Ehepaar, als sie sich in Vermilion Sands in der Siedlung Stellavista ein Häuschen suchen. Er ist Anwalt und sucht ergiebige Klienten. Die vormals lebhafte kleine Kolonie von Stellavista weist noch ein paar betuchte Bewohner auf, die die Rezession übriggelassen hat. Nach mehreren abgelehnten Kandidaten fällt ihre Wahl auf Haus Nr. 99.
Das Haus soll eine Frau namens Emma Slack als letzte bewohnt haben, sagt der Makler. Es ist geformt wie eine Orchidee, unverkennbar weiblich. Dass es wie alle Häuser in Stellavista psychotropisch ist, spielt keine Rolle, bis der Makler erwähnt, dass Emma Slacks Pseudonym Gloria Tremayne lautete. Da schrillen bei Howard die Alarmglocken. Denn vor zehn Jahren war er Assistent der Verteidigung der Tremayne und verliebte sich in jene Diva, die angeblich ihren Mann ermordet haben sollte. Dieser Mann, Miles Vaden Starr, hatte das Haus in einem recht exzentrischen Stil erbaut.
Psychotropische Häuser geben, wie der Name schon sagt, die Stimmung und Erinnerungen ihrer Bewohner wieder. Sie passen sich an, wiederholen aber auch Erlebtes. Und da sich hier tatsächlich mal ein Ehedrama und ein Mord ereignet haben, sehen sich Fay und Howard schon bald in einem düsteren, unheimlichen Haus wieder, das offenbar darauf aus ist, jene Tragödie an ihnen zu wiederholen…
Mein Eindruck
Ballards bekannte New-Wave-Erzählung aus dem Stellavista-Zyklus vereint seine beiden Lieblingsthemen: die Vereinigung bzw. Auseinandersetzung von Mensch und Technik (vgl. „Crash“) einerseits sowie die Variation bekannter Motive und Themen. Diesmal sind dies die Motive des Gespensterhauses und des Gattenmordes. Ballard kannte sich bestens in der griechischen Mythologie aus, und darin ist allenthalben von Gattenmord die Rede (z.B. bei Medea).
Das Gespensterhaus verselbständigt sich. Es verformt sein „Plastex“, bis seine Komponenten zu einem Mordwerkzeug werden. Dieses Haus ist kein Heim, sondern eine Tatwaffe. Das merkt Fay schnell und zieht fluchtartig aus. Ihr Glück, denn kurz darauf richten sich die Aggressionen des Hauses auf den verbliebenen Bewohner – wenn das Haus Gloria entspricht, so ist Howard das natürliche Opfer der Wiederholung ihrer Tat. Die Ironie: Seinerzeit paukte Howard sie raus, so dass sie nicht schuldig gesprochen wurde. Nun sieht ihre Dankbarkeit jedoch lebensbedrohlich aus.
Es kommt zu einem fulminanten Showdown, bei dem Howard seine ganze Entschlossenheit und seinen Einfallsreichtum aufbieten muss, um der – geradezu mütterlichen – Falle zu entrinnen. Es ist wie eine Wiedergeburt. Doch noch ist das abgeschaltete Haus nicht völlig tot. Es ist nur statisch. Howard ist in Versuchung, es nochmals mit der Persönlichkeit seiner Exgeliebten aufzunehmen. Ganz so, als sei er nun vollends vom Geist eines gewissen Miles Vander Starr.
23) Dreizehn unterwegs zum Planeten Alpha Centauri
Abel Granger ist ein aufgeweckter Junge. Mit seinen 16 Jahren fällt ihm einiges an dieser Raumstation auf, das nicht ganz stimmen kann, so etwa die Anzeige „METEORSCHWARM“. Leider verhindert seine hypnotische Konditionierung, dass er dieses Wort ganz lesen kann. Die Buchstaben verschwimmen vor seinen Augen. Als er Dr. Francis, seinen Lehrer, danach fragt, eröffnet ihm dieser, dass er, Abel, nicht auf einer Raumstation lebe, sondern in einem Raumschiff, das zum Planeten der Sonne Alpha Centauri unterwegs sei. Zusammen mit einem Dutzend anderen Menschen.
Aber auch diese Auskunft stellt Abel nicht zufrieden, denn sie wirft noch mehr Fragen auf. Wenn nämlich alle 14 Besatzungsmitglieder soundsoviel Nahrung pro Tag erhalten, dann müssen die Vorräte für die 50 Jahre, die sie bereits geflogen sind und die 50 Jahre, die sie noch zu fliegen haben (von der Rückkehr ganz zu schweigen), ein Gewicht haben, das viel zu groß ist für ein Raumschiff dieser Größe. Was stimmt hier also nicht?
Dr. Francis verlässt das „Raumschiff“ und begibt sich in den Hangar, in dem die Konstruktion steht, seit tatsächlich 50 Jahren. Als Psychologe bespricht er sich mit seinem Vorgesetzten Chalmers, und der teilt ihm mit, dass General Stark, der das Projekt mittlerweile übernommen habe, es zu einem Ende bringen möchte. Die öffentliche Meinung unterstütze die Irreführung der „Besatzung“ nicht mehr.
Doch als Dr. Francis an „Bord“ zurückkehrt, macht er eine merkwürdige Entdeckung: ein gut verborgenes Guckloch, durch das man nach draußen in den Hangar sehen kann…
Mein Eindruck
„Centaurus“ ist eine der längsten Geschichten in diesem Band und auch eine der stärksten. Denn sie führt alle jene technikverliebten US-Erzeugnisse ad absurdum, in denen heldenhafte Raumfahrer zu fernen Siedlerwelten aufbrechen. Man denke besonders an Heinleins Novellen „Universe“ und „Gulf“ in seiner Future-History-Reihe. Ballard zeigt, dass der Inner Space mindestens genauso wichtig ist wie der Outer Space, der Weltraum. Und dass die Besatzungsmitglieder manchmal schlauer sein können als ihre Manipulateure.
24) Schlüssel zur Ewigkeit (Passport to Eternity, 1967)
Die Galaxis ist vollständig von Menschen besiedelt – da fällt die Wahl schwer: Clifford und Margot Gorrell streiten sich immer wieder, was sie mit ihrem Urlaub anfangen sollen. Er ist Richter am Obersten Gerichtshof. Da kann er nicht einfach so im Basar einen verrückten Traum buchen – was würden die Leute sagen?
Also einigen sie sich darauf, seinen Stellvertreter Tony Harcourt zu bitten, sich nach Alternativen umzuschauen – bei allen Event-Agenturen. Nach drei Tagen kehrt Tony von seiner Rundreise durch 40 Agenturen zurück. Er sieht übernächtigt und mitgenommen aus, aber das ist noch nichts gegen den Aufruhr, der plötzlich vor dem Haus stattfindet: „Manche Agenturen akzeptieren kein Nein als Antwort“, entschuldigt sich Tony. Panzer beschießen Ü-Wagen, und Explosionen verwüsten das Haus. Die nervenschwache Margot zieht sich in ihren Schlummersessel zurück.
Die hastige Flucht durch den Keller führt Cliff und Tony nicht weit. Ein Gas lässt sich ohnmächtig werden. Als Cliff neben Margot erwacht, spricht ein Außerirdischer zu ihm, der sich als Prof. Burlington vorstellt, Spezialist für Traum-Reisen. Margot ist entzückt: Das hatte sie sich von Anfang an gewünscht. Dann spaziert ein distinguiert aussehender Schiffskapitän zur Tür herein, nur um zu verkünden, das sich Cliff und Margot endlich auf der gebuchten Ewigen Reise zu den Sternen befinden…
Mein Eindruck
Die Erzählung ist eine schwarzhumorige Satire auf den (anno 1962) neuen Luxus der Oberen Zehntausend, überall reisen zu können, wohin sie wollen. Sogar ein paar kleine Kriege und Kreuzzüge sind im Angebot, nur so zum Zeitvertreib – obwohl sich eine gewisse politische oder religiöse „Glaubensrichtung“ sowie ein Vorwand gut in der Publicity machen würden, wie der Reise-Agent anmerkt. Das ist eine grimmige Anspielung auf die fortwährenden Stellvertreterkriege, die die beiden Supermächte USA und UdSSR damals gegeneinander führten – auf dem Rücken ihrer Blockstaaten, versteht sich.
Dass Tonys Recherche am Schluss nach hinten losgeht und die beiden Urlaubsuchenden selbst von den Agenturen gekidnappt werden, dreht auf typisch Ballard’sche Weise den Spieß um.
25) Der Sandkäfig (The Cage of Sand)
Ende des 21. Jahrhunderts ist das Raumfahrtzeitalter längst traurige Vergangenheit. Vielmehr hat sich ganz Florida aufgrund von eingeschleppten Mars-Viren und Tonnen von Marssand in eine Wüste verwandelt, die vom vorrückenden Atlantik zurückerobert wird. Auf einem schmalen Streifen Land zwischen dem Meer und dem Golf überleben drei Menschen in einem von der Seuchenbekämpfungsbehörde der UNO abgesperrten Areal, dem Sandkäfig.
Paul Bridgman ist der frühere Chefarchitekt für die erste Marssiedlung – die von der Konkurrenz gebaut wurde. Travis ist ein Astronaut, der beim Start die Nerven verlor und aus dem Satellitengeschäft ausstieg. Louise Woodward ist die Witwe eines Astronauten, der seit Jahren in seiner Kapsel die Erde umrundet und wahrscheinlich schon längst tot ist. Er und die anderen toten Kosmonauten sind die letzten Satelliten der vom Marssand und den Viren verwüsteten Erde.
Das Trio wohnt in einem der letzten Hotels von Cape Canaveral, das noch nicht gänzlich von roten Marssand begraben worden ist. Es ist stets auf der Hut vor den Menschenfängern der Seuchenbekämpfungsbehörde, die mit ihren Wächtern in dieses letzte Reservat von Infizierten vordringt. Doch wie lange wird das noch gutgehen? Schon wächst der Zaun um das Reservat immer höher; schon bald gibt es kein Entkommen mehr.
Als einer der fliegenden Särge just in der verbotenen Zone auf die Erde kracht, spitzen sich die Ereignisse zu…
Mein Eindruck
Diese klassische Raumfahrtstory bildet zugleich den kritisch-melancholischen Abgesang auf diese gewaltige Unternehmung des Menschen. Ja, wir haben den Mars erreicht – aber er auch uns: Die Invasion vom Mars, von H.G. Wells 1897 in Bilder gefasst, hat tatsächlich stattgefunden und die Erde zu einer roten Wüstenei verunstaltet. Die Mikroben, die einst die Marsianer besiegten, sie haben die Menschen besiegt. Was für eine makabre Ironie.
Die Frage ist, warum Bridgman im Reservat geblieben ist. Bei Louise Woodward ist das Motiv klar: Sie wartet auf die Wiederkehr ihres toten Mannes auf die Erde. Travis liebt sie und verbündet sich gegen Bridgman mit ihr. Doch der Architekt findet endlich heraus, warum er hier auf dem Abstellgleis der Geschichte geblieben ist: Der Mars war der Ort seiner Wünsche. Und als einer Astronauten mit seinem fliegenden Sarg in die Erde kracht, als brächte er diese Wünsche zurück, sieht Bridgman seine Träume erfüllt: „Wir haben es geschafft!“ triumphiert er, als ihn die Menschenfänger einsacken.
Im Anschluss sollte man „Der tote Astronaut“ lesen.
26) Die Wachttürme
In Charles Renthalls Stadt hängen die Beobachtungskanzeln von Wachttürmen aus dem dunstigen Himmel. Schon bald hat der intelligente Lehrer wie seine Mitmenschen einen Verfolgungswahn entwickelt, doch mit einem Unterschied: Er sieht einen Weg, auf dem er nicht wie seine Freundin Julia Osmond das Duckmäusertum zu einer Tugend erheben muss.
Da der Stadtrat angeblich die Anweisung der Wächter umsetzt und das Verbot erlassen hat, eine Versammlung von Menschen abzuhalten, besteht die logische Maßnahme darin, zu verkünden, er wolle ein Gartenfest veranstalten. Schon die bloße Ankündigung reicht wie vorausgesehen aus, die Abgesandten des Rates auf den Plan zu rufen. Sie drohen mit „Maßnahmen“ und „Konsequenzen“, doch in Wahrheit geschieht das Gegenteil: Die Bürger begeben sich auf ihre Dächer, um ein Sonnenbad zu nehmen.
Da beschleicht Renthall ein schrecklicher Verdacht: Könnte es sein, dass eine Art Massenhypnose die anderen daran hindert, die nur 15 Meter über ihnen hängenden Türme wahrzunehmen? Er eilt zu Julia, doch er kommt nicht weit…
Mein Eindruck
Wie in einer typischen Geschichte von Franz Kafka – etwa „Das Urteil“, „Das Schloss“ oder „Der Prozess“ – lehnt sich der Protagonist gegen eine sich in Schweigen hüllende Instanz auf, die durch Vermittlung eines Rates zu herrschen scheint. Tatsächlich gibt es keinerlei Beweise für eine Kommunikation zwischen Wächtern und Räten. Renthalls Provokation von Big Brother scheint ins Leere zu laufen.
Doch dann kommt es zu einer perfiden Umkehrung. Big Brother wird „unsichtbar“, jedenfalls für alle anderen außer Renthall. Die bitterböse Pointe besteht in der Falle, in die jeder Paranoiker zwangsläufig geraten muss: Aller Augen sind auf ihn gerichtet…
Die Novelle lässt sich auch als Variation auf John Christophers Jugend-SF-Trilogie über die Tripods – „Die Wächter“ – lesen. Die außerirdischen Dreibeinigen haben sich die Erde untertan gemacht, wachen über alles und fordern immer wieder ein Opfer – bis ein paar Jungs rebellieren, sich dem Untergrund anschließen und die Herrschaft der Tyrannen beenden. Die Serie wurden fürs Fernsehen verfilmt und fürs Hörbuch vertont.
27) Die singenden Skulpturen (1962)
Milton ist ein Gestalter sonischer Plastiken in Stellavista. Als seine Plastik „Zero Orbit“ durch seine Tricks an die reiche Mäzenin Lunora Goalen zu einem Spitzenpreis verkauft wird, ist er happy. Doch der Trick fliegt auf und die Kundin bzw. ihre gestrenge Sekretärin Madame Charcot beschwert sich. Milton fährt zu der modernistischen Villa Lunoras.
Er muss die Scharte auswetzen und bestückt seine Plastik mit weiteren romantischen Arien der klassischen Musik. Diese betören Lunora zwar, doch was er sich wirklich wünscht, ist ein Schäferstündchen mit der blonden Schönheit. Wenn nur Madame Charcot, dieser Zerberus, nicht wäre, dann könnte er direkt mit Lunora sprechen. So muss die Musik zu ihr sprechen.
Der entscheidende Moment kommt: Er will seine Plastik, in die sich die weltbekannte Mäzenin offenbar sterblich verliebt hat, mit einer zuvor aufgenommenen Bitte, sein Modell zu sein, bestücken. Doch eine Bemerkung der Charcot lässt ihn aufgeben: Lunora sei gar nicht in die Plastik, sondern IN SICH SELBST verliebt. Später findet er die Trümmer seiner zerschlagenen Plastik im Uferwasser wieder, wo sie verstümmelt weiterwächst – und Bruchstücke seiner Bitte wiedergibt…
Mein Eindruck
Ja, die Plastiken von Vermilion Sands sind etwas Besonderes: Sie wachsen organisch und lassen sich kybernetisch aufrüsten. Daher können sie auf induzierte Klänge wie etwa aus einem Mikrofon ebenso reagieren wie auf ein eingelegtes Tonband, das in die Steuereinheit eingelegt wird. (Die Musikcassette wurde zwar erst Jahre später erfunden, aber hier kommt sie bereits im Jahr 1962 zum Einsatz.)
Die Frage, die diese romantische Komödie stellt, lautet: Lassen sich Skulptur und Musik dazu verwenden, um Liebesgrüße zu vermitteln? Die Antwort lautet: Das hängt davon, ob Künstler und Kunstgenießer gleichermaßen extrovertiert sind. Leider ist Lunora offenbar nur in sich selbst verliebt, nicht aber in das Dingsymbol von Miltons Liebe.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie nur Mäzenin ist und nicht selbst Kreative. Sie benutzt andere Künstler und deren Kreationen als Surrogat für echte Liebe, als eine Art Tranquilizer für ihr Gewissen. Sie lässt Milton einen winzigen Blick in ihr Inneres werfen: Als Mädchen trieb sie die Dienstboten gerne mit ihrem lauten Rufen in den Wahnsinn…
28) Der Mann im 99. Stock
Forbis steht unter der posthypnotischen Suggestion, den 100. Stock eines Wolkenkratzers ersteigen zu müssen. Seitdem er sich deswegen in der Behandlung von Dr. Vansittart befindet, schafft er es regelmäßig nur bis zum 99. Stock. Sein Körper weigert sich, den Befehl des Gehirns auszuführen. Ist er ein verhinderter Selbstmörder?
Wochen vergehen. Es ist Vansittart selbst, der Forbis offenbart, dass der fremde posthypnotische Befehl schwächer wird und dass er selbst seinen eigenen posthypnotischen Befehl aufgehoben hat. Also gehen sie hinauf aufs Dach eines Wolkenkratzers, das den 100. Stock bildet, um herauszufinden, worin der Rest des fremden Befehls besteht.
Forbis wendet sich um und versetzt Vansittart einen Handkantenschlag an den Hals, bevor er ihn übers Geländer in die Tiefe wirft. Da öffnet sich die Tür zum Treppenschacht. Es ist Fowler, Vansittarts Rivale um den Lehrstuhl für Psychologie. Nun wird Forbis endlich herausfinden, worin der Rest des Befehls besteht. Er geht zum Geländer…
Mein Eindruck
Die sehr ironische Komplott-Story wirft ein Schlaglicht auf zwei Voraussetzungen. Erstens auf die Vorhersage, dass es in Zukunft zahllose Wolkenkratzer in den Metropolen geben werde, die mindestens 100 Stockwerke hoch sind. Flugzeuge fliegen nur 100 Meter höher über deren Dächer hinweg.
Die zweite Voraussetzung ist der fremde posthypnotische Befehl, unter dem Forbis steht. Dass er ihn ausführt, bedeutet, dass sein Unterbewusstes sich nicht dagegen wehrt, selbst wenn die Ausführung ihn in Gefahr brächte. Nur Vansittarts zweite Suggestion verhindert die Ausführung. Dieses bekannte Problem bei der Hypnose wird genau erörtert, wenn auch nicht fachlich. Psychologie spielt also ein große Rolle für das Funktionieren des kriminellen Plots – ein Kennzeichen Ballards.
29) Der unterbewusste Mensch (The Subliminal Man)
Der Konsumterror hat seinen Höhepunkt erreicht, als der Psychiater Dr. Franklin alle drei Monate ein neues Auto kauft. Dass er unterschwelligen Kaufbefehlen gehorcht, merkt er erst durch seinen Patienten Hathaway. Der ist den Geräten auf die Spur gekommen, die diese Botschaften verbreiten: riesige elektrisch betriebene Schilder. Er selbst will sie zerstören.
Als Franklin eines Tages die zwölfspurige Schnellstraße entlangschleicht, gerät er in einen Stau, der sich vor einem der neuen Schilder gebildet hat. Autofahrer gaffen einen Mann an, der an einem Seil von einem der Riesenschilder herabhängt. Es ist Hathaway, erkennt Franklin, als er aussteigt und nähertritt. Das Schild zeigt jetzt einen eindeutigen Kaufbefehl. Als die Polizei eintrifft, fällt ein Schuss und Hathaway stürzt in die Tiefe…
Mein Eindruck
Die Story verbindet eine konkrete, dramatisch aufgebaute Handlung mit einer durchdachten Argumentation gegen die Mechanismen des in den sechziger Jahren aufkommenden Konsumterrors. Die Werbung übernimmt das Fernsehen und beginnt, ihre unterschwelligen Tricks anzuwenden (z.B. mehr oder weniger nackte Frauen zu zeigen, um Seife zu verkaufen). Später arbeitete Ballard solche Kritik breiter aus, etwa in seinem Roman „Die Betoninsel“ (1974), in dem ein Autofahrer auf einer Grüninsel auf einem Autobahnkreuz strandet und nicht mehr entkommt.
30) Das Schlangengehege (1963)
Roger Pelham ist Physiologe am Institut, aber heute hat ihn seine Frau Mildred hinaus an den Strand geschleift, damit er sich mal entspannt. Es ist ein sonniger Tag, und der acht Kilometer lange Strand muss mit mindestens 50.000 halbnackten Sonnenanbetern gefüllt sein. „Sie sehen aus wie Schweine“, schnaubt Mildred verächtlich. Dass sie in Wahrheit Lemminge sind, wird sie zu spät erkennen.
Heute fliegt um 15:30 Uhr der letzte Satellit in die Erdumlaufbahn, der das globale Überwachungsnetz komplettiert. Jeder ist ausgestattet mit Infrarotstrahlern. Als Roger an das denkt, was sein Kollege Sherrington, den er hier auch auf dem Strand erspäht hat, gesagt hat, überkommt ihn ein Schaudern: die Auslösung eines angeborenen Auslösereflexes.
Unruhe überkommt die Menge, die im Transistorradio den Satellitenstart verfolgt hat, und sie drängt zur Wasserkante. Dort rollt eine Nebelwand auf den Strand zu. Alle starren schweigend auf die Wand, bereit. Um Punkt halb vier setzen sie sich in Bewegung. Für Roger und Mildred kommt jeder Versuch der Gegenwehr zu spät. Geblendet von einem Laserstrahl folgt er den anderen Lemmingen und geht ins Meer.
Mein Eindruck
Raumfahrt und Psychologie gehen in dieser kurzen Story eine unheimliche Verbindung ein. Nicht alles, was da in die Erdumlaufbahn geschossen wird, so suggeriert die Geschichte, dient dem Wohl der Menschen, sondern mehr dem Wohl der Regierenden. Wenn diese Psychologiekenntnisse auf Menschenmassen (vgl. Canettis „Macht und Masse“) anwenden, so könnten sich daraus unheilvolle Folgen ergeben.
31) Eine Frage des Wiedereintritts (1963)
Im Jahr 1978 macht sich Leutnant Connolly als Abgesandter der Vereinten Nationen auf den mühseligen Weg ins hinterste Südamerika, um eine vor fünf Jahren verschollene Raumkapsel zu orten und wenn möglich zu bergen. In ihr saß der Held Oberst Spender, doch die automatischen Signale seiner Kapsel sind längst verstummt – und falls nicht, dann nur noch aus der Nähe zu orten. Also lässt er sich von Kapitän Pereiras alter Barkasse den Fluss hinaufschippern.
Im Hüttendorf der Nambikwaras herrscht ein einziger Weißer wie ein Großfürst: Ryker, ein ehemaliger Journalist, ist der Zivilisation entflohen, um hier sein kleines Königreich zu errichten. Wie er das geschafft hat, soll Connolly noch herausfinden. Zunächst wundert er sich, warum Rykers alter Wecker immer noch genau geht – genau wie die nagelneue Tischuhr, die Pereira für Ryker mitbringt. Ryker tut ahnungslos und weigert sich, nach dem verschollenen Astronauten zu suchen.
Erst als sich Connolly mit dem kranken Sohn des alten Medizinmanns, den Ryker absetzte, anfreundet, bekommt er einen Hinweis auf die gesuchte Raumkapsel. Als er in Rykers Habseligkeiten einen literarischen Fund macht, ahnt er, dass hinter Rykers Herrschaft über die Eingeborenen ein fieses und grausames Geheimnis steckt…
Mein Eindruck
In der fesselnden Erzählung lernt der Leser den sogenannten Kargo-Kult kennen, dem die Indios anhängen. Er ist laut Autor auch im Südpazifik weitverbreitet und besagt im Wesentlichen, dass die Gläubigen von den Göttern Geschenke erhalten werden, die ihn Glück und Wohlstand bringen. Ryker hat eine Methode gefunden, das allnächtliche Auftauchen des Satelliten Echo III auf die Minute genau – daher die zwei genau gehenden Uhren – vorherzusagen und sich auf diese Weise über den Medizinmann und dessen altes Wissen zu erheben.
Wie auch in „Die Kristallwelt“, „Karneval der Alligatoren“ und besonders „Day of Creation“ begibt sich die Hauptfigur mit ihrer Reise ins „Herz der Finsternis“ (Joseph Conrad) zur Grenzlinie, an der sich eine vormoderne Kultur mit der technokratisch-aufgeklärten Moderne trifft. Ryker, der Vertreter der Moderne, hat die Indios betrogen und setzt den Betrug weiter fort, als falscher Gott.
Hat er den verschollenen Astronauten beseitigen lassen oder ihn einfach den Indios überlassen, damit diese ihn verspeisen, um dessen besondere Eigenschaften aufzunehmen? Diese Frage stellt sich Connolly, als ihm aufgeht, dass ihn die Indios aufgrund seiner weißen Hautfarbe – Ryker ist längst nussbraun gebrannt – für einen attraktiven Gott und somit für einen sehr knusprigen Appetithappen halten…
32) Die Zeitgräber (1963)
Zehntausend Jahre in der Zukunft. Ganze Herrscherdynastien sind wie Pharaonen gekommen und gegangen haben sich aber in den Zeitgräbern verewigt. Darin haben sie ihre Identitäten auf Bändern aufgezeichnet, in der Hoffnung, eines Tages, wenn die entsprechende Technik vorhanden ist, zu neuem Leben erweckt zu werden. Inzwischen wachen Zeitwächter über die Gräber auf dem Planeten Vergil, doch es gelingt ihnen nur selten, die Grabräuber zu erwischen, die aus den geraubten Bändern Kapital schlagen wollen.
Der Chef der Grabräuber ist Traxel, ein Ex-Professor, und Bridges ist sein Mann fürs Grobe. Der „alte Mann“, ein ehemaliger Doktor, gehorcht den beiden, hat aber seit drei Monaten den Neuankömmling Shepley unter seine Fittiche genommen. Shepley, ein ehemaliger Prof der Philosophie, hat einen Mann getötet und hasst sich selbst. Vor allem hasst er Autorität und somit auch Traxel. Als der „alte Mann“ Shepley eine Reihe ungeplünderter Gräber zeigt und Traxel herausfindet, dass Shepley ihm deren Bänder vorenthält, kommt es zum Streit.
Denn Shepley hat sich in eine schöne Bewohnerin der Gräber verliebt. Sie mag nur ein virtuelles Abbild ihrer einstigen Schönheit sein, doch so majestätisch, erotisch und geheimnisvoll wie eine Göttin ist sie einfach unwiderstehlich. Doch sie ist anders als alle anderen Toten…
Mein Eindruck
Obwohl die Handlung angeblich in ferner Zukunft spielt, fühlt sich der Leser doch sofort an die Königsgräber westlich von Theben und Luxor erinnert, die fast ohne Ausnahme von professionellen Grabräubern geplündert wurden. Diese Ausnahme war das Grab des jungen Tutanchamun, das 1922 von Howard Carter entdeckt und geöffnet wurde.
Zugleich erinnert die Geschichte an jene fabelhafte Story, Lovecraft einst für Harry Houdine, den Entfesselungskünstler verfasst hatte. In „Gefangen bei den Pharaonen“ (1924) gerät der Held mitten unter die altägyptischen Götter und in den Bann der Königin Nitokris, der Gattin des Pharaos Cheops.
Für Shepley, den Neuankömmling auf Vergil, verleiht die Göttin, die sich da verewigt hat, seiner Existenz einen neuen Sinn. Doch es gibt eine bitter-ironische Pointe: Die da verewigt wurde, kann gar nicht mehr zu neuem Leben auferstehen, denn sie war bereits tot, als sie aufgezeichnet wurde…
Dies ist eine zur Abwechslung sehr konkret geschilderte und actionreiche Geschichte. Dennoch gelingt es dem Autor, ein paar interessante Ideen über die Begegnung mit Gräbern und Toten, über die Wiederauferstehung und die kommerzielle Wiederverwertung anstelle des Totenkults unterzubringen. Shepley ist neben dem „alten Mann“ der einzige, noch Sinn für die Toten und ihre Würde aufbringen kann.
33) Das Meer erwacht (1963)
Richard Mason hat sechs Monate Krankheit hinter, als die Träume beginnen. Sie sind jedoch beeindruckend realistisch. Das Meer, das eigentlich tausend Meilen entfernt ist, wie seine Frau Miriam pikiert erwähnt, beginnt die Häuser des Städtchens zu verschlingen, in dem Mason lebt. Schon droht es, den Vorgarten seines Häuschens zu überspülen. Es ist kein friedliches, südliches Meer, das hier hereinbricht, sondern die räuberische Nordsee. Er kann sie in der uralten Muschel rauschen hören.
Eines Tages erblickt er die weißhaarige Frau auf der Klippe nach jenem Schacht, in dem Paläontologen nach Fossilien zu graben begonnen haben. Sie ist die Herrscherin der See, und Mason spürt ein Verlangen, mit ihr sprechen. In der letzten Nacht seines Lebens erblickt er sie, doch als sie sich in die Lüfte erhebt, stürzt er hinterrücks über den Rand des Schachts in die Tiefe…
Mein Eindruck
Was zunächst wie das Remake einer ähnlichen Ballard-Erzählung klingt, entpuppt sich als eine Art Zeitreisegeschichte. Denn das Meer, das der Schlafwandler Mason zu erblicken meint, ist keineswegs jenes, das aufgrund der Klimaerwärmung über uns hereinbrechen wird, sondern jenes triassische Urmeer, das vor 200 Mio. Jahren die Welt bedeckt. Erst die Eiszeiten haben es weit zurückweichen lassen, denn das Eis band ja das Wasser in den Gletschern. Dieses Urmeer symbolisiert das kollektive Unterbewusste der Menschheit, ja, der Welt.
Allerdings findet der Professor auch zwei neuere Skelette aus der Altsteinzeit in dem Schacht: ein Fischerpaar von Cro-Magnon-Menschen. Wie die da reinkamen, ist ihm ein Rätsel. Und dem Polizisten, der ihn befragt, ist es ein Rätsel, wie Masons Jacke so von Meerwasser durchtränkt sein kann, wo doch das Meer sehr weit weg ist. Die Story ist also eine Schilderung von ungleichzeitigen Ereignissen, die durch einen rätselhaften Mechanismus zusammengeführt werden – einen Mechanismus des Bewusstseins eines Träumers, wie es scheint
34) Die Venusjäger (The Venus Hunters)
Dr. Andrew Ward kommt in die Wüste von Arizona, um Mount Vernon Observatorium Erfahrungen zu sammeln und einem Astrophysiker-Kongress beizuwohnen. In Vernon Gardens wimmelt es von Astrophysikern, ihren Frauen und hübschen Mädchen. Prof. Cameron erzählt ihm von einem Mann, der einem echten Venusier begegnet sei, ist das zu fassen? Dieser Charles Kandinski ist ein einfacher Kellner in einem drittklassigen Café, aber seit drei Jahren verbreitet er die warnende Botschaft, die ihm der Venusier aufgetragen habe: Dass das Raumfahrtprogramm der Erde nicht ausgedehnt werden dürfe.
Das erinnert schon etwas an das Damaskus-Erlebnis eines gewissen Steuereintreibers namens Saulus, der sich danach Paulus nannte und Gottes Botschaft verbreitete. Aber kann man ihm deswegen glauben, fragt Cameron. Nach einer Weile des Kennenlernens und der Untersuchung der „Beweisfotos“ ist Ward klar, dass Kandinski völlig glaubwürdig ist – seine Botschaft ist es indes nicht.
Das ändert sich schlagartig, als die Venusier erneut landen, just am gleichen Abend, an dem der Kongress stattfindet. Ward kann es kaum glauben, was er erblickt, nachdem ihn Kandinski aufgeregt herbeigerufen hat: Mitten in der nahen Wüste, verborgen von hohen Dünen, schwebt ein 30 Meter breites Raumschiff. Aber was führt seine Besatzung im Schilde?
Mein Eindruck
Dies ist keine Alien-Invasion-Story, sondern sie beschäftigt vielmehr mit dem Grad der Glaubwürdigkeit jener Propheten, die die nächste UFO-Landung oder Alien-Invasion vorhersagen. Science Fiction ist auch nicht besser, urteilen Ward und Caeron. Die Lösung des Problems: Den Propheten ernstnehmen, solange er ungefährlich ist, aber seine Botschaft ignorieren.
Dieser bequeme Ausweg erweist sich als Trugschluss, als die Venusier wirklich landen. Aber selbst dann, als Ward die Wahrheit kennt und bezeugt, bringt es ihm nichts außer Ärger: Er fährt zurück nach Princeton, um dort seine Brötchen zu verdienen. Die Welt kann ruhig untergehen, Hauptsache, er verdient seinen Lebensunterhalt – und hat noch eine Reputation, die ihm dies erlaubt. Kandinski – und der Leser – ist natürlich schwer enttäuscht von Ward.
35) Endspiel
Nach der Revolution sind die Zeiten bekanntlich schwierig und voller Gefahren. Das muss auch der gewiefte Parteiintrigant Constantin am eigenen Leib erfahren. In einem kafkaesken Verfahren wird er von den Parteibonzen nicht etwa offiziell eines Verbrechens beschuldigt und verurteilt, sondern muss selbst seine Unschuld und sein Wohlverhalten unter Beweis stellen. Er wird kaltgestellt und in eine gut bewachte Villa verbannt. Ein Aufseher, eine Ordonnanz und ein Henker leisten ihm Gesellschaft.
Constantin weiß, dass er praktisch zum Tode verurteilt wurde – der Henker beweist. Die wichtigste Frage lautet: wann passiert es? Die zweite Frage lautet: Wie passiert es? Malek, der Henker, ist ein bulliger Slawe und undurchschaubar. Beim Schachspiel will Constantin ihn entsprechend aushorchen und besiegen. Doch der Henker erweist sich als ebenbürtiger Gegner…
Mein Eindruck
Veranschaulicht in dem Paradigma des Schachspiels geht es hier um das Verhältnis zwischen Unschuld und Schuld. Erst als Constantin überzeugt ist, dass er unschuldig ist, wird sein Henker aktiv: Offenbar ist dies das eigentliche Verbrechen, dessen er schuldig sein kann. Das bedeutet, dass alle an Schuld teilhaben, dass alle, wie im Schachspiel, Mitspieler im Schuldspiel sind. Wenn einer durch Beteuerung seiner Unschuld „aussteigt“, bricht er die implizite Regel und muss exekutiert werden. Es ist, wie der Autor selbst im Text andeutet, eine kafkaeske Erzählung.
36) Minus Eins
Dr. Mellinger ist verzweifelt: Einer der Patienten der Anstalt Green Hill ist verschwunden, ein gewisser James Hinton. Er soll vor 48 Stunden aus seiner Zelle entkommen sein, doch weder inner- noch außerhalb der Anstalt ist er aufzufinden. Die Doktores Redpath, Booth und Normand sind sich der prekären Lage ebenfalls bewusst. Man muss sich verantworten, sowohl vor der Polizei, die noch nicht informiert worden ist, aber auch vor den Sponsoren der Anstalt. Es kann höchstens ein Frage von Tagen sein, bis von dieser Seite eine Anfrage kommt.
Doch Dr. Mellinger macht aus der Not eine Tugend. Da sich keiner der Doktores an das Aussehen von Hinton erinnern kann, verbrennt er einfach die dünne Akte und erklärt den Patienten für ein kollektives Hirngespinst. Dieser Plan geht prächtig auf, denn damit ist allen gedient. Doch dann möchte Mrs. Hinton ihren Mann sehen. Höchste Zeit, ihr zur „richtigen Sicht auf die wahre Natur der Dinge“ zu verhelfen…
Mein Eindruck
Diese bitterböse Story, die wie „Die Wachttürme“ an Kafka erinnert, ist eine Parabel über die Interpretation der Wirklichkeit und den Mechanismus, wie diese Auffassung auch anderen aufgezwungen wird – einfach um die peinliche Wahrheit zu kaschieren, dass jemand ganz oben versagt hat. Die Anstalt wurde für Irre gebaut, aber auch die Ärzte müssen irre genug sein, um sie leiten zu können. Der Wahnsinn hat seine eigene perfide Methode gefunden.
In einem repressiven System gehören – zumal im England des Jahres 1963 – die Parameter Moral, Wahrnehmung, Urteilsvermögen, „Regeln“ und dergleichen zu den Hebeln, um weniger mächtige Menschen zum Einlenken, zu Gehorsam, ja, zur Verinnerlichung der „Regeln“ zu bringen. Auch Mrs. Hinton wird früher oder später mit Hilfe der Anstalt zur „richtigen“ Sicht auf „die wahre Natur der Dinge“ gebracht werden…
37) Ein unerwarteter Nachmittag (1963)
Elliotts Frau ist mit dem Kind ans Meer gefahren, doch als Krebsforscher am Institut kann er nicht mitkommen. Kurz bevor er auf Hampstead Heath einen Spaziergang machen will, erwischt ihn ein schwerer Migräneanfall. Im Bett liegend überkommt ihn die Erinnerung an Kalkutta und den Ganges. Doch er war sein Lebtag noch nie in Indien. In einer zweiten Erinnerung sieht er sich in der Harley Street, wo die teuersten Ärzte Londons ihre Praxis haben. Noch eine falsche Vision! Vor seinem Fenster sitzt ein Mann reglos auf einer Parkbank – in heftigem Regen.
Die Meldung der Zeitung über einen Dr. Krishnamurti Singh aus der Londoner Ärztestraße Harley Street, der wegen des Todes seiner Frau Ramadya von der Polizei gesucht werden, erklärt alles. Er hat die Meldung zu seiner Erinnerung gemacht, ganz klar. Doch die Telefonnummern, die er bei der Vermittlung angibt, sind die eines Fremden, nicht die von Judith, seiner Frau. Dann merkt er, dass er sich nicht mehr an Namen und Nummern erinnern kann, sondern nur noch an Ramadya denkt, die einen Gehirntumor hatte. Der Mann sitzt trotz des Regens immer noch da.
Er ruft einen anderen indischen Arzt, um sich zu rechtfertigen. Ramadya habe sterben müssen, um wiedergeboren zu werden…
Mein Eindruck
Die Story ist die zunehmend spannender werdende Geschichte einer feindlichen Übernahme. Übernommen wird der Geist von Elliott, dem Krebsforscher. Singh ist es offenbar gelungen, die Theorie bzw. Legende der Seelenwanderung – er nennt sie Metempsychose – in die Tat umzusetzen und zu steuern.
Dass es sich um ein Verbrechen handelt, dem der Leser beiwohnt, wird erst nach und nach klar. Schließlich kommt die Polizei schnappt sich Dr. Krishnamurti. Die Frage ist aber, ob in diesem Körper noch Singh wohnt, oder schon Elliott. Und dass Judith auf einmal ein indisches Mädchen Ramadya gekannt haben will, ist ebenfalls sehr beunruhigend.
Der sehr realistische Erzählstil steht in deutlichem Gegensatz zu den rein psychischen Vorgängen, die weit entfernt sind von Realismus. Seelenwanderung gibt es nicht – wirklich?
38) Das Kulissenspiel (The Screen Game, 1963)
Neben der Autobahn nach Vermilion Sands liegt das Sommerhaus des Millionärs Charles van Stratten. Hier spielt sich eine bizarre Tragödie ab. Van Stratten hat die Filmproduktionsfirma „Orpheus Productions“ gegründet und will im Wüstenambiente um seine Villa den New-Wave-Film „Aphrodite 70“ drehen. Sagt er zunächst. Nachdem er den Maler Paul Golding, der diese Geschichte erzählt, engagiert hat, um Kulissen zu bemalen, verrät er ihm: „Eigentlich geht es um Orpheus und Eurydike, nicht um Aphrodite.“ Doch wer soll die im Hades gefangene Eurydike spielen, fragt sich Paul. Lange herrscht Rätselraten unter seinen Künstlerkollegen Ray und Tony.
Den Auftritt dieser Diva kündigen seltsame, mit Juwelen besetzte Insekten an: Gottesanbeterinnen, Skorpione und sogar tödliche Spinne. Sie blitzen vor Edelsteinen auf ihren Häuptern und Zangen. All diese Wesen umringen die Diva: Emerelda Garland ist in weiße Seide gewandet, hat eine Haut wie Porzellan und ist ganz offensichtlich geistesgestört.
Sie hat immer irgendwo ihr schwarzgewandeten Psychiater Dr. Gruber in der Nähe, der wie ein Zerberus über sie wacht. Ray will erfahren haben, dass Emerelda anwesend war, als sich Charles‘ Mutter, eine strenge Glucke, sich über die Brüstung der Villa gestürzt habe. Seitdem gebe sich Emerelda die Schuld an ihrem Tod. Sofort rührt sich in Pauls Herz der Beschützerinstinkt. Er malt die zwölf Tierkreiszeichen auf die Kulissenschirme, als sollten sie das Böse bannen, das sich in und um Emerelda sammelt – ein heraldisches Labyrinth mit der Königin im Zentrum.
Die Filmarbeiten verlaufen ohne Drehbuch, aber immerhin mit einem Konzept: dem von Van Stratten. Immer wenn er sich Emerelda zu nähern versucht, gehen die blitzenden Insekten auf ihn los, als versuchten sie, ihn zu verjagen, um ihre Königin zu schützen. Das Unglück geschieht, als seine Verzweiflung keine Grenzen mehr kennt… Die singenden Statuen von Vermilion Sands singen seinen Todesschrei, den er unter den zustechenden Skorpionen ausstößt…
Mein Eindruck
Psychodrama und Orpheus-Mythos findet in der Wüstenlandschaft der exklusiven Künstlerkolonie zueinander und bilden eine machtvolle Kombination, die den Leser sowohl emotional als auch intellektuell beansprucht. Kein Wunder, dass auch „Das Cabinett des Dr. Caligari“ zitiert wird: Denn der Somnambule in diesem expressionistischen Klassiker ist ein Wanderer in die Unterwelt.
Die Kunstform, die hier dominiert, ist das Mediums des Films. Filmorte werden von Bühne und Kulisse dominiert. Kulissen sind häufig als Wandschirme realisiert und lassen daher vielfältig gestalten. Paul Golding unternimmt es, die Wandschirme wie heraldische Schilde zu bemalen, um die im Labyrinth der Kulissen waltende Diva zu beschützen. Wird der Schutzbann gebrochen, muss das Aufeinandertreffen in einem Unglück enden. So geschieht es.
Die Geschichte ist geschieht mit einem Pro- und einem Epilog versehen, um sie in einen distanzierenden Zeitpuffer einzubetten. Somit bildet sie einen von Ballards „komprimierten Romanen“, für die er bekannt geworden ist.
Die Übersetzungen
Die Übersetzungen, die mitunter aus den siebziger Jahren stammen, wurden angeblich von Hannes Riffel und Angela Herrmann überarbeitet. Das kann ich nur eingeschränkt bestätigen. Leider musste ich beim Vergleich der neuen mit den alten Übersetzungen feststellen, dass die alte mitunter durchaus ihre Verdienste hat. So ist „eine kombinierte Radio-Plattenspieler-Anlage“ (vulgo „Hifi-Anlage“) verständlicher als der seltsame Begriff „Radiogram“, der sich in der Heyne-Übersetzung auf S. 143 findet, oder „das Stereogramm“ auf S. 256.
Ich erwähne nur die wichtigsten Fehler, also keine Komma- oder Rechtschreibfehler, von Buchstabendrehern und falschen Endungen ganz zu schweigen.
S. 145: „…den[n] nachts fiel die Temperatur auf -30°C“: Das N fehlt.
S. 163: „Ideationsmantel/Ideationsfeld“: dessen Bedeutung hat sich mir nicht erschlossen. Leider wurde der Begriff unreflektiert in die Heyne-Übersetzung übernommen.
358: „Ich habe große Lust, eine Beschwerde gegen sie/Sie einzureichen, Goddard.“ Das S bei „sie“ muss großgeschrieben werden, denn Goddard wird direkt angesprochen.
521: „Tahiti, Schanghai oder Archangel[sk]“: gemeint ist offenbar die russische Hafenstadt Archangelsk.
576: „Vielleicht sollten wir den Termin ihrer Heirat vor[zu]ziehen.“ Das „zu“ ist überflüssig.
757: „…kleine Wellen leckten an den ausgestreckten Füße[n] der … Leute.“ Das N fehlt.
766: „Das Klicken des Scheggs“: Was ist ein Schegg, fragte ich mich. Ich nutzte DUDEN, Google, Bing usw., aber außer dem Hinweis auf den – naheliegenden Hinweis – auf einen nautischen Begriff fand ich nur zahlreiche Namen mit „Schegg“.
775: „Kantonnement aus Hütten“ sowie „Kampong“:
„Kantonnement“ ist ein veralteter Schweizer Begriff für „Truppenunterkunft“, und ein „Kampong“ ist, wie jeder Thailandtourist weiß, eine Dorfsiedlung am Wasser, die per Boot zu erreichen ist.
817: „Ma[r]morplatten“. Das R fehlt.
921: „ein großes met[h]aphysisches Rätsel“: Das H ist überflüssig.
Unterm Strich
Schon in diesen frühen Erzählungen aus der Dekade von 1956 bis 1964 zeigt sich Ballards Entwicklung zum ideenreichen, kritischen und geschickt erzählenden Autor. Das Hauptstück der frühen Periode vor 1960 ist zweifellos die spannende Novelle „Die Warte-Gründe“, die Arthur C. Clarke vorwegnimmt und die kosmische Perspektive Olaf Stapledons um 1930 weiterentwickelt. Hier tritt der Astronom als Detektiv und Visionär auf, eine ziemlich optimistische Auffassung, die Welten von Ballards kritischer Sichtweise der Raumfahrt Ende der sechziger Jahre entfernt ist.
Weitere Texte zeigen den Ballard der New Wave, der sich vor allem für fortgeschrittene Psychologie interessiert. Dazu gehören posthypnotische Befehle, Seelenübertragung, ein Verbot der Psychiatrie und vieles mehr. Besonders „Ein unerwarteter Nachmittag“ ist ein Meisterstück der psychologisierenden Erzählweise: der Übergang von Elliotts Psyche hin zu Singhs Seele ist fließend. Wie so häufig spielt auch hier Ironie eine wichtige Rolle, aber der Vorgang an sich ist tragisch.
So tragisch wie die Geschichte des „freundlichen Attentäters“, der eigentlich durch seine Zeitreise in die Vergangenheit nur verhindern will, dass ein Bombenattentat gelingt. Natürlich geht alles schief, vor allem für den Täter selbst. „Spur 12“ ist eine Rachegeschichte, wie man sie nie wieder lesen wird. „Die Zeitgräber“ fand ich sowohl packend als auch romantisch. Hingegen hat mich „Die Venusjäger“ schwer enttäuscht: Es geht hier weder um Venus noch um Jäger, sondern einfach nur um unterdrückte, verdrängte Begegnungen mit Aliens.
Die Vermilion-Sands-Stories
Zahlreiche dieser Erzählungen gehören dem losen Zyklus der Vermilion-Sands-Stories an, gesammelt in dem deutschen Band „Die tausend Träume von Stellavista“ (vgl. meinen Bericht dazu). In den Vermilion-Sands-Geschichten nimmt der Autor die Haute volée und Jeunesse dorée der Cote d’Azur und anderer modischer Winkel der siebziger Jahre aufs Korn. Auch die Hippies, hier als „Strandgammler“ abqualifiziert, bekommen als kindhafte Erwachsene ihr Fett weg. Aus diesen Missverhältnissen können aufgrund der allzu menschlichen Grundkonstitution nur Tragödien entstehen, insbesondere dann, wenn es um die Würdigung von Kunst als Mittlerin zwischen Menschen geht.
Einzige Ausnahme bildet hierbei nur die letzte Story „Studio 5“. Hier insistiert die große Dame, die sonst so mysteriös und verhängnisvoll auftritt, auf guter, richtiger, menschengerechter Kunst statt auf nachäffender Pseudo-Kunst. Dies ist Ballards Bekenntnis zu dem, was wahre Kunst ausmacht, selbst wenn sie um den Preis eines schlauen Tricks erkauft wird. Denn wo bliebe sonst die Rolle, der freie Wille des Künstlers, wenn wir alle nur Knechte der Muse wären?
Es ist ebenso schade wie sonderbar, dass selbst in dieser „definitiven“ Ausgabe noch so viele Fehler zu finden sind. Dass Fachausdrücke wie „Schegg“ oder „Kantonnement“ ersetzt worden wären, konnte ich ebenfalls nicht feststellen. Dadurch sind manche Texte nur begrenzt verständlich. Das gibt Punktabzug.
Fazit: vier von fünf Sternen.
Der Autor
James Graham Ballard wurde 1930 als Sohn eines englischen Geschäftsmannes in Schanghai geboren. Während des Zweites Weltkrieges, nach der japanischen Invasion, war seine Familie drei Jahre in japanischen Lagern interniert, ehe sie 1946 nach England zurückkehren konnte. Diese Erlebnisse hat Ballard in seinem von Spielberg verfilmten Roman „Das Reich der Sonne“ verarbeitet, einem höchst lesenwerten Buch.
In England ging Ballard zur Schule und begann in Cambridge Medizin zu studieren, was er aber nach zwei Jahren aufgab, um sich dem Schreiben zu widmen. Bevor er dies hauptberuflich tat, war er Pilot bei der Royal Air Force, Skriptschreiber für eine wissenschaftliche Filmgesellschaft und Texter an der Londoner Oper Covent Garden.
Erst als er Science Fiction schrieb, konne er seine Stories verkaufen. Ab 1956 wurde er zu einem der wichtigsten beiträger für das Science Fiction-Magazin „New Worlds“. Unter der Herausgeberschaft von Autor Michael Moorcock wurde es zum Sprachrohr für die Avantgarde der „New Wave“, die nicht nur in GB, sondern auch in USA Anhänger fand.
Ballard und die New Wave propagierten im Gegensatz zu den traditionellen amerikanischen Science Fiction-Autoren wie heinlein oder Asimov, dass sich die Science Fiction der modernen Stilmittel bedienen sollte, die die Hochliteratur des 20. Jahrhunderts inzwischen entwickelt hatte – zu Recht, sollte man meinen. Warum sollte ausgerechnet diejenige Literatur, die sich mit der Zukunft beschäftigt, den neuesten literarischen Entwicklungen verweigern?
Doch was Ballard ablieferte und was Moorcock dann drucken ließ, rief die Politiker auf den Plan. Seine Story „The assassination of John Fitzgerald Kennedy considered as a downhill motor race“ (1966) rief den amerikanischen Botschafter in England auf den Plan. Ein weiterer Skandal bahnte sich an, als er Herausgeber von „Ambit“ wurde und seine Autoren aufrief, Texte einzureichen, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen verfasst worden waren. Seine härtesten Texte, sogenannte „condensed novels“, sind in dem Band „The atrocity exhibition“ (1970, dt. „Liebe und Napalm„) zusammengefasst, dessen diverse Ausgaben in den seltensten Fällen sämtliche Texte enthalten…
Seither hat Ballard über 150 Kurzgeschichten und etwa zwei Dutzend Romane geschrieben. Die ersten Romane waren Katastrophen gewidmet, aber derartig bizarr und andersartig, dass sie mit TV-Klischees nicht zu erfassen sind. Bestes Beispiel dafür ist „Kristallwelt“ von 1966, das ich hier aber nicht darlegen möchte, sondern ich verweise auf meine entsprechende Rezension. Äußere Katastrophen (wie die Kristallisierung des Dschungels) wirken sich auf die Psyche von Ballards jeweiligem Helden aus und verändern sie.
J. G. Ballard war der Ansicht, dass das wichtigste Gebiet, das es zu erforschen gelte, nicht die Weiten des Weltalls seien, sondern Inner Space: die Erde und die Seelen der Menschen, die sich auf ihrem sich wandelnden Antlitz bewegen. So hat er unter anderem das Kriegsgebiet Beirut, die überwachte Vorstadt, Cape Canaveral nach dem Ende des Raumfahrtzeitalters beschrieben. Amerikaner würden ihm darob Pessimismus, wenn nicht sogar Ketzerei vorwerfen, aber das stimmt nicht: Sein Anliegen gilt nicht äußerlichem Erfolg, um Zufriedenheit zu erlangen; sein Streben gilt der Untersuchung der künftigen Bedingungen für die Existenz des Menschen – und diese Bedingungen liegen allzu oft in dessen Seele, im Inner Space. Ballard starb 2009.
Heyne, 2007, München;
Taschenbuch: 987 Seiten,
O-Titel: The Complete Stories of J.G. Ballard, 2001;
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern;
ISBN 978-3-453-52229-9
Der Autor vergibt: 




