Dieser Storyband enthält folgende Geschichten:
Die Story vom letzten Mann auf der Erde…
Die Story von den neuen Mietern…
Die Story von der Befreiung der Menschheit…
Die Story vom Soldatenersatz…
Die Story des Mars-Archäologen…
Die Story des Mannes mit dem gewissen Etwas.. (Verlagsinfo)
Der Autor
William Tenn ist das Pseudonym des Londoners Philip Klass, der im Jahr 1945 seine erste SF-Story schrieb, die im Jahr darauf erstmals veröffentlicht wurde. Seit diesem Zeitpunkt fanden die Arbeiten des Autors weltweite Beachtung und wurden oftmals anthologisiert. William Tenn hatte 1972 einen Lehrstuhl für Anglistik an der Universität von Pennsylvania, USA.
Die Erzählungen
1) Der Bewahrer (The Custodian, 1953)
Man schreibt das Jahr 2190, und der letzte Mann auf der Erde, Fiyatil der Bewahrer, fragt sich, warum sein Alarmsystem losgeht. Die Menschheit hat die Erde ja verlassen, weil die Sonne sich in einem Jahr in eine Supernova verwandeln wird. Deshalb hat er ein Anthropometer konstruiert, das jeden Menschen, der sich innerhalb eines Radius‘ von einem halben Lichtjahr aufhält, anzeigt und Alarm schlägt. Wenn das Gerät richtig funktioniert, müsste also ein Mensch zurückgekehrt sein. Aber wo?
Das Messgerät zeigt ihm den Weg zu einer Höhle in den Appalachen an der Ostküste Nordamerikas. Drei Verweigerer, die sich dem Exodus zu den Sternen nicht anschließen wollten, hatten sich hier versteckt. Doch es muss zu einem technischen Unfall mit dem Schutzschild gekommen sein, denn zwei Männer sind bereits und die Frau liegt im Sterben, denn ihr Unterleib ist zerschmettert. Sie schützt einen Jungen von vielleicht zwölf Monaten – mit Kindern kennt sich Fiyatil nicht aus. Er liebt nur die Kunst, den Rest erledigen seine Roboter. Er verspricht der Frau, sich um das Kind zu kümmern, und gleich darauf lässt sie den Lebensfaden los.
Er nennt das Kind Leo, nach seinem Lieblingskünstler Leonardo da Vinci, und bringt es in das Museum für moderne Astronautik. Seltsamerweise lehnt das Kind alle Roboter ab und er muss es persönlich füttern, auch wenn das lästig ist. Die Zeit drängt, denn es sind nur noch wenige Monate bis zum Weltuntergang. Die Vorzeichen mehren sich. Glücklicherweise beherbergt das Museum auch ein Raumschiff, dass über ein Upgrade seines Antriebs verfügt. Der Abreise steht nichts mehr im Wege, doch die Fracht fehlt noch – Kunst natürlich, was sonst?
Mein Eindruck
Die Satire wird im Ansatz erstickt. Der Konflikt zwischen dem Bewahrer und den sogenannten Bestätigern ist nämlich schon längst vorbei. Dieser Konflikt hat jedoch große Nachwirkungen bis hin zur Rettungsaktion für die Kunstschätze der Erde. Nur der Bewahrer kümmert sich um diese, um sie in Sicherheit zu bringen, doch den utilitaristischen Bestätigern wäre solches Handeln ein Gräuel gewesen: Für sie musste alles einem zwingend notwendigen Zweck dienen.
Dies führt direkt zur Grundaussage des Textes: Welchen Wert haben die Kunstwerke der Menschheit angesichts des sicheren Untergangs? Was stellen sie dar, das es wert sein könnte, bewahrt zu werden? Fiyatil wird sehr beredt, wenn es darum geht, diese Gründe aufzulisten. Schließlich schaffen er und der Junge den Abflug zum Alpha Centauri doch noch. Mir fehlte der zentrale, aktuelle Konflikt, der Drama erzeugt und in Tragödie oder Komödie münden kann. So aber hat die Story einen mehr sentimentalen Reiz.
2) Die neuen Mieter (The Tenants, 1954)
Sydney Blake ist seit zwei Tagen glücklicher Agent einer Immobilienfirma in New York City, deren Stockwerke im McGowan-Gebäude er nun verkaufen soll. An diesem Tag lässt seine Sekretärin Miss Kerstenberg zwei Herren zu ihm vor. Verblüfft schaut er sie an: weiße Hemden, der Rest ganz in Schwarz. Der eine ein Riese, der andere ein Zwerg. Sie nennen sich Tohu und Bohu – was Blake nichts sagt – und es sieht so aus, als würde der Große den Kleinen in die Hosentasche stecken können.
Das ist nichts das Problem. Nein, sie wollen das 13. Stockwerk mieten, ein Stockwerk, das es im McGowan Building nicht gibt. Wirklich nicht? Sein Boss Jimm hustet ihm was: Wenn die Mieter das 13. Stockwerk haben wollen, dann kriegen sie das auch, klar? Oder Blakes Tage bei Jimms Immobilienfirma seien gezählt. Also bekommen Tohu und Bohu den 13. Stockwerk. Blake bemüht sich, den 13. Stock zu finden, aber wie sich durch mehrere frustrierende Tests erweist: Er ist der einzige im Haus, der den 13. Stock nicht betreten kann, denn der geht ihn nichts an. Der Liftführer und andere Angestellte zweifeln bereits an seinem Verstand.
Blake registriert am Rande, welche Unmengen von Material Tohu und Bohu geliefert bekommen. Aber sie bieten doch „Services für Unfassbares“ an. Buchmacher und andere zwielichtige Gestalten finden den Weg in den 13. Stock. Dann kündigen die Herrschaften. Am letzten Tag hat der Vermieter das Recht zu prüfen, ob die Immobilie in ordnungsgemäßem Zustand übergeben wird.
Alles sieht piccobello aus, und auch draußen zählt Blake die korrekte Anzahl von Stockwerken. Dies ist definitiv der 13. Stock. Die Herrschaften dürfen gehen. Kaum sind sie weg, lässt sich das Fenster nicht mehr öffnen, und auch die Tür verweigert den Dienst. Blake ist gefangen, aber sich nicht im 13. Stock, denn bekanntlich existiert der nicht im McGowan Building…
Mein Eindruck
Diese kurze, aber wirkungsvolle Story wirkt zunächst etwas absurd, weil ihre spezielle Form der Logik nicht in der Schule gelehrt wird. Der Autor hat jedoch ein paar hilfreiche Hinweise eingeschmuggelt, die man sich genauer ansehen sollte. Das ist zunächst die Firmenbezeichnung der Mieter: „Unfassbares“ (engl. „intangibles“). Das trifft genau auf Stock Nr. 13 zu, aber auch auf Wetten – daher die Buchmacher im 13. Stock.
Miss Kerstenberg ist eine bibelfeste Sekretärin und kann Blake darüber aufklären, was „tohu oo bohu“ genau bedeutet: Chaos. Jedenfalls das, was vor dem Wort Gottes, dem „logos“, existierte. Mehr oder weniger nichts. Der Begriff hat sich ja bis heute als „Tohuwabohu“ erhalten, muss also etwas Wichtiges bezeichnen.
Vor soviel Unsinn und Irrationalität streckt Blake die Waffen, kein Wunder also, wenn er sich im 1. Stock, wo er nichts zu suchen hat, eingesperrt findet: Das Gebäude seines Verstandes kann damit nicht umgehen.
3) Die Befreiung der Erde (The Liberation of Earth, 1953)
Eines Tages landen die Aliens über der Erde mit ihrem meilenlangen Raumschiff. Der Raumfähre entsteigt ein Tripod, als käme er geradewegs vom Mars. Er hält eine stundenlange Rede, die keiner versteht, daher sucht man verzweifelt nach einem Dolmetscher. Es gibt einen indischen Linguisten, der herausfindet, dass es sich bei der Sprache wohl um Altbengalisch handelt – die Aliens waren schon einmal hier. Sie nennen sich Dendi und bezeichnen sich als die Schutzmacht, die die Galaktische Föderation gegen die bevorstehende Ankunft der schrecklichen, warmähnlichen Troxxt entsandt habe. Welcher aufrechte Erdling würde diese noble Sache nicht unterstützen? Na bitte.
Die Dendi errichten Stützpunkte, denen sich keiner bis auf zwei Meilen nähern darf. Gewisse Regionen müssen evakuiert werde, so etwa Washington, D.C. Technische Materialien wie „Lendi“, die die Dendi als Müll wegwerfen, sind sehr begehrt. Dann kommen die Troxxt. Im Unterschied zu den insektenartigen Dendi sind sie Protoplasmahaufen. Es kommt zu einer verlustreichen Schlacht zwischen Aliens, d.h. verlustreich für die Menschheit.
Die Dendi werden vertrieben und die Troxxt klären die überlebenden Menschen darüber auf, dass die Dendi gar keine Schutzmacht sind, sondern die Tyrannen der Galaktischen Föderation. Nun aber würden die Menschen zum zweiten Mal befreit. Allerdings müsse man auf die Rückkehr der Dendi gefasst sein, weshalb die Menschen viel tiefer als je zuvor nach Rohstoffen graben müssten, um die nötigen Festungen zu bauen.
Als die Dendi zurückkehren, kommt es zur nächsten Schlacht und immer so weiter. Nach der dritten, vierten oder fünften Befreiung erzählt ein Lehrer, der sich zwischen Sandbergen von Pfütze zu Pfütze schleppt, seinen Schülern, was passiert ist und welche Lehre er daraus gezogen hat…
Mein Eindruck
Der Autor hat hier eine seiner beißenden Satiren während des Korea-Kriegs geschrieben. Sehr deutlich wird das Schicksal der wehrlosen Menschen, die zwischen zwei Machtblöcken aufgerieben werden. Da die Menschen über unzureichende Informationen über die Gesamtlage des Konflikts zwischen Dendi und Troxxt verfügen, glauben sie, es sei das Beste, sich dem jeweils Herrschenden zu unterwerfen und ihn zu unterstützen. Das erweist sich beim Machtwechsel als fatal, denn viele Unterstützer werden nun als Vergeltungs- oder Strafaktion getötet.
Hinzukommt, dass Menschen für die Bauprogramme der jeweiligen Alienmacht ihr Leben geben müssen. Zudem wird die Umwelt zerstört, so dass am Schluss, als der Lehrer seine Geschichte erzählt, nur noch verstrahlte Sandwüsten übrigbleiben, von der weggesprengten Nordhälfte des Planeten ganz zu schweigen. Der Planet sieht aus wie eine deformierte Birne. Es wäre zum Heulen, wenn es nicht so grausig wäre. So funktioniert aber eine Satiren: immer übertreiben, bis es wehtut.
Die Story gehört zu denjenigen Geschichten des Autors, die am meisten in Anthologien abgedruckt wurden.
4) Unter Toten (Down Among the Dead Men, 1954)
Schon ein Vierteljahrhundert dauert der verlustreiche Krieg der Menschen gegen die insektenartigen Eoti. Draußen bei den Saturnringen oder sogar beim Jupiter verlieren zahlreiche Kämpfer ihr Leben. Sie müssen ersetzt werden, das ist klar, doch wie? Zunehmend wird den Frauen der Erde ein stärkerer Schwangerschafts- und Gebärzwang auferlegt. Die steigende Geburtenrate kann aber die hohen Verluste nicht ausgleichen. Deshalb ist Recycling das Gebot der Stunde.
Die Leichen bilden einen wertvollen Vorrat an kohlenstoffreichem Protoplasma, das in den Wiederaufbereitungsanlagen der Erde wieder zur Produktion von Ersatzsoldaten verwendet wird. Die ersten dieser „Zombies“ waren noch unselbständige, blaugesichtige Gestalten. Doch die Garnitur von „Klöpsen“, die man unserem Chronisten nun vorstellt, ist vom Original nicht mehr zu unterscheiden. Das Quartett, das er nun zu seiner neuen Frontkämpfer-Crew ausbilden soll, besteht aus bekannten und hochdekorierten Kriegshelden. Er freut sich auf den Kampf an ihrer Seite.
Es gibt nur einen Haken. SIE haben ein Problem mit IHM! Sie wollen wissen, wie er sie nennt, welche Vorurteile er hegt. Er beweist ihnen, dass sie ebenfalls Vorurteile hegen, und alle laufen auf den einen Unterschied hinaus: Sie mögen zwar als vollwertige Männer gelten, doch in einem wichtigen Punkt dürfen sie es nicht sein: Sie sind alle unfruchtbar. Er beweist ihnen, dass auch dieser Aspekt keine Rolle spielt – denn er ist es längst ebenfalls..
Mein Eindruck
Diese berühmt-berüchtigte Story wurde nur kurz nach dem Koreakrieg veröffentlicht, in den USA, aber sehr viel später in England, wie der Herausgeber Brian W. Aldiss berichtet. Und man kann sich auch leicht den Grund für die Zurückhaltung englischer Verlage denken: Erstens der Gebärzwang für Frauen und zweitens das Recycling toter Soldaten. Beide Vorstellungen sind nicht gerade pietätvoll. Das macht die Story umso provokanter.
Die Übertreibung bestimmter Aspekte der Realität oder Entwicklungen dient jedoch SF-Autoren in der Regel als Methode für eine Satire, und „Drunten bei den Toten“ ist wohl eine der grimmigsten Satiren, die man sich vorstellen kann. Aber Satiren dienen der Warnung. Der Autor sagt durch die Blume: Wenn ihr nicht aufpasst mit euren ewigen Kriegen (die Aliens treten im Text bezeichnenderweise nie selbst auf), dann könnte es zu solchen menschenverachtenden Zuständen kommen.
Und im nächsten Krieg, den die USA führten, in Vietnam, hörten die jungen Leute auf diese Warnung und verweigerten in Scharen die Einberufung (wie man beispielsweise auf dem Woodstock-Festival vom August 1969 ganz genau hören kann, als die Folksängerin Joan Baez von ihrem Mann erzählt, der im Knast gerade einen Hungerstreik als Protest gegen die Einberufung und Einbuchtung führe).
5) Der Flirgelflipper (Flirgleflip, 1950)
Turton ist ein wissenschaftlicher Altertumsforscher, der auf dem terraformierten Mars aufwuchs. Leider ist sein Blickwinkel auf die Welt des Jahres 2949 so eng, das ihm entgeht, was sein Assistenzforscher Banderling gerade mit ihm im Labor anstellt. Thomas Alva Banderling ist ein rebellischer Geist, etliche Jahre jünger als der 60-jährige Turton, und es wurmt ihn, dass die irdischen Forscher keine Lizenz erhalten haben, eine Zeitgesandschaft in die Vergangenheit schicken zu dürfen, um gewisse Unebenheiten zu korrigieren. Als Banderling mit ihm fertig, schickt er Turton durch die Zeit.
Als er etwa 1960 auf der Madison Avenue in New York City materialisiert, trägt er lediglich zwei Halsbänder am Leib: seinen treuen Flirgelflipper und seinen Dodik. Sofort fällt ihm auf, dass die Menschen hier alle in Lumpen aus Pflanzenfasern oder Tierhäuten gehüllt sind. Diese Wilden werden sofort auf ihn aufmerksam und rufen einen Mann in Mann herbei, der den Fremdling festnehmen will. Es gelingt Turton, sich in einer Mülltonne zu verstecken. Aber nicht für lange. Joe Burns ist Reporter für eines der Sensationsblätter, wie sie an der Madison Avenue zu Hause sind.
Turton braucht einen Zeitgesandten, der ihn wieder in seine Ursprungszeit zurückschickt, und was wäre besser geeignet, so einen Gesandten herbeizulocken, als ein Sensationsbericht über einen Verrückten aus der Zukunft! Joes Chefredakteur Fergusson kennt das Business aus dem Effeff und hat sofort einen Plan, wie so ein Coup zu deichseln ist. Und so kommt es, dass Turton nach dem obligatorischen Interview auf eine Horde Wissenschaftler stößt. Es gibt eine Menge Zoff, doch Turton hat keinerlei Erfahrung mit PR in eigener Sache. Am Schluss sind alle verwirrt, und er wird rausgeworfen.
Burns versucht ihm schonend beizubringen, dass a) er selbst einer der gesuchten Zeitgesandten sei. Dass b) Banderling ein gefeierter Erfinder sein werde – das ist niederschmetternd. Und dass c) er, Turton, zunächst als Tellerwäscher tätig sein werde…
Mein Eindruck
Der Autor war selbst ein Professor und konnte die Kräfte, die an einem College wirken, ganz genau benennen. So kommt es, dass seine Satire auf den Wissenschaftsbetrieb einige glaubhaft wirkende Details enthält, die dem durchschnittlichen Leser wohl gar nicht auffallen. Diese traurigen Umstände wendet er auf das alte Thema der Zeitreise zwecks Zweitkorrektur an. Wie schon vorauszuahnen, endet Banderlings hinterlistige „Entsorgung“ seines Rivalen Turton (der ihm höhergestellt ist), in einem Desaster.
In New York City schließt sich die zweite Satire an, in der sich der Autor den zeitgenössischen Journalismus vorknöpft. Er legt die rein wirtschaftlichen Interessen offen, in denen „ein Verrückter aus der Zukunft“ nur eine Art Kanonenfutter im Informationskrieg darstellt. Ein Manko der Geschichte ist allerdings, dass die Zeitgesandten offenbar weder über eine Organisation, noch eine Gewerkschaft verfügen. Gäbe es sie, bräuchte Burns nicht für einen Hungerlohn als Reporter die Straßen abklappern, sondern könnte sich seine Dollars auf eine andere Weise verdienen. Allerdings ist „Reporter“ die ideale Tarnung für einen Zeitwächter.
6) Alle Welt liebt Irving Bommer (Everybody Loves Irving Bommer, 1951)
Irving Bommer ist ein junger Messerverkäufer im Kaufhaus von Mr. Humphries. Da er nicht sonderlich hübsch ist, sehnt er sich vergeblich nach einer weiblichen Eroberung. Allzu oft macht er Bekanntschaft mit seiner Vermieterin Mrs. Nagensack in der Pension, wo er ein möbliertes Zimmer gemietet hat, einer wahren Furie Wie willkommen ist ihm daher der Gruß der Zigeunerin, die vor ihrem Kuriositätenladen sitzt und ihn mit „Hübschär Mann!“ anspricht.
Es muss der Hunger sein, der ihm die Sinne derart vernebelt, dass er sich dazu überreden lässt, für „lumpige zähn Dollarr“ einen Liebestrank zu kaufen. Den müsse er mit seinem Blut vermischen, in angemessener Dosis, versteht sich. Durch ein Missgeschick schneidet er sich in die Hand, als Mrs. Nagensack eintritt, um die geklaute Salami zu suchen. Doch die Mischung aus Liebessaft und Männerblut hat einen durchschlagenden Erfolg. Sie küsst und umarmt ihn und würde ihn am liebsten auf Händen tragen.
Am nächsten Morgen kommt er zu spät zur seiner Arbeitsstelle in der Schneidwarenabteilung von Mr. Humphries. Zuerst hält sein Chef Irvings Körpergeruch für Schweiß, doch als alle Frauenköpfe sich zu Bommer umdrehen, kommt ihm der verrückte Gedanke, dass Bommer eine besondere Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht haben könnte. Und Attraktivität ist gut fürs Geschäft. Jedenfalls ist Bommers Vorrat an Schneidwerkzeugen binnen drei Stunden ausverkauft. Er schreit vergeblich um Nachschub und Hilfe. Also lässt Humphries ihn lieber nach Hause gehen, bevor die Damen seinen laden zerlegen.
Doch es gibt kein Entrinnen. Im Versuch, den restlichen Liebestrank in einem Zerstäuber in den Heizungskeller zu bringen und dort zu verbrennen (eine wahrhaft hirnverbrannte Idee), stürzt Bommer auf der mit Frauen verstopften Treppe. Der Rest ist Chaos…
Mein Eindruck
Tja, Anbetung ist wirklich ein zweischneidiges Schwert. Zwar hat sich Bommer die Anbetung süßer weiblicher Wesen gewünscht, doch als sie endlich mit voller Kraft eintrifft, lernt er die Bedeutung des Begriffs „maßvoll“ kennen. Anbetung muss ebenfalls im rechten Maß erfolgen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass er als Gott angebetet werden würde. Und dass sich liebevolle Verehrung in etwas Schmerzhaftes, allzu Physisches verwandeln könnte: in einen „Uppercut“ nämlich, also einen Kinnhaken.
Das Thema des wundersamen Liebestranks wird bis heute von AutorInnen umgesetzt, meist als Pheromon-Attacke und nicht etwa als Abklatsch von Süskinds Roman „Das Parfüm“. Zumindest aber kommen die Frauen dabei bestens weg: Sie alle wollen einen Liebesgott – bis dieser nicht mehr kann. So endet dieser Band auf einer mal heiteren, mal ernsten Note.
Hinweis
Die Story „Me, Myself and I” (1947) fehlt, ebenso das Vorwort.
Die Übersetzung
Heinz Nagel verwendet einen einwandfreien Stil, doch er hat Probleme mit der Kommasetzung und Rechtschreibung Da kann aus einem „Taxi“ schon mal ein „Tari“ (S. 138) werden. Die Fehler aufzulisten, wäre langweilig für den Leser.
Unterm Strich
Dieser Storyband belegt die stilistischen Fähigkeiten des leider unterschätzten Autors, doch in jeder Story zeigen sich seine satirischen Absichten. Seien es die Tücken des 13. Stocks oder die eines Liebestranks, stets weiß der Autor mit seinen Einfällen zu unterhalten. Den ernsten Kontrapunkt liefert er mit den beiden zentralen Stories „Unter den Toten“ und „Die Befreiung der Erde“. Er zeigt, wie sich „Befreiung“ als tödlich erweisen kann, wohl geschult am Beispiel des Koreakriegs. Und dass sich die Lösung für einen Mangel an Soldaten bis zum Irrwitz auswirken kann, zeigt „Down Among the Dead Men“, eine Story, die Brian W. Aldiss in der Anthologie „Titan-22“ (Heyne) als Beispiel für „Evil Earths“ angeführt hat.
Dass der Verlag eine Story aus dem Original ebenso wie das Vorwort gestrichen hat, gibt Punktabzug. Auch die vielen Druckfehler sind negativ zu vermerken.
Taschenbuch: 141 Seiten.
O-Titel: Of All Possible Worlds, 1955
Aus dem Englischen von Heinz Nagel
ASIN: B0027TQN9O
www.heyne.de
Der Autor vergibt: 




