Lena Raubaum und Verena Pavoni – Schlich ein Puma in den Tag

Ein nahezu A4-großes Buch mit einem edel wirkenden, pumafellschwarzen Einband, aus dem lediglich das kleine Auge eines schemenhaft angedeuteten Raubtiers hervorsticht und den Betrachter eindringlich fixiert, ist für ein Bilderbuch schon sehr auffällig und macht neugierig darauf, was den Leser zwischen seinen Deckeln erwartet. Der Titel und die Namen der Autorinnen Lena Raubaum (Text) und Verena Pavoni (Bilder) sind an den rechten unteren Rand gerückt und verdeutlichen schon hier das buchgestalterische Programm der Grafikerin Franziska Walther: Text und Bild wollen gesondert voneinander betrachtet werden. Im Buch wird dieses Prinzip dadurch deutlich, dass sich Text und Bild sauber voneinander getrennt auf der linken bzw. rechten Doppelseite befinden.

Außerdem wird beim Durchblättern des seitenstarken Buchs auch sofort klar, dass es um mehr als eine schnelle Bildergeschichte geht. Denn jedes der fünf Tierbilder entsteht auf zwölf Doppelseiten in der Sgraffito-Technik, die auf den letzten Seiten des Buches noch kurz erklärt wird: bunt zeichnen, weiß übermalen, schwarz übermalen, Bild freikratzen. Während sich die Tierbilder ständig bis zur finalen Version verändern, wächst auf der linken Doppelseite parallel dazu Zeile für Zeile ein Gedicht – solange das Bild rechts nur rudimentär vorhanden ist, bleibt die linke Seite sogar noch ganz leer. So wie der Puma in den Tag schleicht, kurz auftaucht, sich wieder verbirgt und sich schließlich Schicht um Schicht aus einem schwarzen Quadrat herausschält, entwickeln sich auf 144 Seiten in 12 Schritten 5 Bilder und 5 Texte synchron vor den Augen der Lesenden. Deshalb ist „Schlich ein Puma in den Tag“ alles andere als ein Bilderbuch im klassischen Sinne. Es handelt sich weder um eine Geschichte, noch um einen klassischen Gedichtband, am ehesten passt die Bezeichnung „Prozess-Buch“, denn es macht künstlerisches Werden selbst zum Thema.

Dabei verweigert sich das Buch bewusst der gestalterischen Verdichtung, bei der Bild und Text auf der gleichen Seite zusammengeführt würden. Für mich funktioniert das Zuschauen beim Entstehungsprozess der Bilder sehr gut als Entschleunigung beim neugierigen Entdecken. Die vielen Wiederholungen des Textes wirken dagegen zunächst, als würde der Text selbst nicht tragen – möglicherweise gehören sie jedoch ebenso konsequent zum ästhetischen Programm des Buches.

Doch besonders das Gedicht zur Eule zeigt, dass diese Einschätzung falsch wäre. Es beschreibt nicht einfach eine Eule, sondern das Sehen des Verdeckten: „was das Dunkle mit Sorgfalt zugedeckt“, „was ein Schatten scheinbar rätselhafter macht“. Das lässt sich zugleich wörtlich als Beschreibung der Sgraffito-Technik selbst verstehen: Die schwarze Ölkreide deckt die bunte Schicht zu, und erst das Kratzen legt sie wieder frei. Dabei wird die Eule, die in der Dunkelheit sieht, zur Verkörperung dessen, was das ganze Buch mit seiner Technik vollzieht: Das Sichtbarmachen von Verdecktem. Die einfachen Paarreime geben dem Gedicht dabei einen beinahe wiegenliedhaften Klang, was eine interessante Spannung zum Inhalt erzeugt. Dieser ist alles andere als beruhigend, denn die Eule vollzieht in der Nacht einen Wechsel vom Sehen von Dingen hin zum Hören der Hilfeschreie von Personen, die sonst nicht gehört werden, weil sie den Wunsch nach Hilfe verschweigen.

Für ein Kinderbuch ist diese Beobachtung bemerkenswert tiefgreifend. Es handelt sich nicht mehr um eine naturkundliche Eulenbeschreibung, sondern um eine Metapher für Empathie mit verborgenem Leid – fast ein soziales, nicht nur ein ästhetisches Motiv. Der Schluss liest sich demzufolge wie eine Handlungsanweisung für solche Momente: „Da zu sein zu jeder Zeit / Ohren offen / Augen weit“ – die letzten beiden Zeilen lassen sich sogar als knappe, elliptische Imperative lesen, auch wenn im Original keine Ausrufezeichen stehen. So lehrt uns das wachsame Tier auch Achtsamkeit gegenüber anderen.

Obwohl die Eule für das Sichtbarmachen von Verdecktem steht, verdeckt ausgerechnet ihr Kapitel in meinem Exemplar (Zweite Auflage 2025) durch einen Bindefehler das Leguan-Ende, denn acht Seiten (vier Blätter) mit Bildern und Text der Schleiereule sind versehentlich doppelt eingebunden – und zwar im Leguan-Kapitel, direkt vor dessen letztem Bild. Dadurch steht das vollständige Leguan-Gedicht nicht mehr, wie im Buch angelegt, unmittelbar am Ende des Gesamtprozesses, sondern zusammenhanglos nach der Eule. Gerade weil dieses gleichzeitige Wachsen von Text und Bild das eigentliche gestalterische Prinzip des Buches ist, unterläuft dieser Bindefehler die Kernidee – auch wenn er nichts über die Qualität von Text oder Illustration selbst aussagt. Um gestalterische Absicht dürfte es sich eher nicht handeln, da es dem Gesamtkonzept des Buchs zuwiderläuft, aber ob ein Einzelfall in meinem Exemplar oder ein Bindefehler in der gesamten Auflage vorliegt, kann ich nicht beurteilen.

Unabhängig von diesem Einzelfall stellt sich die grundsätzlichere Frage, für wen dieses Buch eigentlich gemacht ist. Möglicherweise funktioniert der sich wiederholende Text in Verbindung mit den Bildern gerade für kleinere Kinder gut, auch wenn dies eigentlich Teil des ästhetischen Programms des Buches ist, aber man darf sicher fragen, ob Kinder ab 5 Jahren Zugang zu diesen Texten haben oder sich für Entstehungsprozesse sowie Metaebenen interessieren. Ich halte es persönlich weniger für ein klassisches Kinderbuch als vielmehr für ein Buch für Erwachsene, für Kunstinteressierte und für alle, die besonders aufwendig gestaltete Bücher mit hochwertigem Papier in Sonderformaten und sogar klimaneutral produziert lieben – Vergleichbares ist mir bislang nicht begegnet. Wenn man es als Kinderbuch sehen möchte, könnte es am ehesten kreativen Kindern, die von einem Erwachsenen in der Kratztechnik und im Schreiben der dazugehörigen Texte angeleitet werden, als Beispiel dienen.

Ob das Buch damit genial ist oder inhaltlich eigentlich zu dünn für den Aufwand, mit dem es sich präsentiert, kann ich am Ende nicht entscheiden – und vielleicht ist genau das die konsequenteste Reaktion auf ein Buch, das sich der Verdichtung so bewusst verweigert. Dieselbe zeilenweise Wiederholung, die es zu Beginn so erscheinen ließ, als würde der Text selbst nicht tragen, ist es auch, die am Ende jede eindeutige Bewertung unterläuft: Man kann sich, wie die Bilder selbst, nur langsam an eine Einschätzung heranarbeiten, ohne je ganz bei ihr anzukommen. Wer sich darauf einlässt, kann innehalten, den Prozess des Entstehens genießen und sich die Gedichte auf der Zunge zergehen lassen.

Hardcover: 144 Seiten
ISBN 13: 978-3948743505
kunstanstifter

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