Alle Beiträge von Maike Pfalz

Buchwurm, seit ich lesen kann :-)

Adler-Olsen, Jussi – Erlösung

_Carl Mørck:_

Band 1: „Erbarmen“
Band 2: [„Schändung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6561
Band 3: _“Erlösung“_
Band 4: „Journal 64“ (noch ohne dt. Titel)

„Erlösung“ – so heißt dieser dritte Krimi aus dem Sonderdezernat Q, und eine Erlösung war es wohl für alle Fans, die sehnsüchtig auf Nachschub aus Jussi Adler-Olsens Feder gewartet haben. Auch der dritte Fall, den Carl Mørck und seine Kollegen zu lösen haben, ist ziemlich knifflig und bereits einige Jahre alt: Eine verwitterte Flaschenpost, die offensichtlich mit Blut geschrieben war und nun kaum noch zu entziffern ist, erreicht das Sonderdezernat Q aus Schottland, wo sie einige Jahre unbemerkt im Fenster gestanden hatte. Mørck und vor allem seine Kollegen Assad und Rose machen sich die Flaschenpost zu ihrer Herzensangelegenheit – mannshoch wird sie in Kopieform an die Wände geklebt, um immer wieder Buchstaben zu ergänzen. So entziffern die drei nach und nach den Hilferuf eines kleinen Jungen, der gemeinsam mit seinem Bruder bereits vor Jahren entführt worden ist.

Mit etwas Glück und viel Geduld bekommen die Mitarbeiter des Sonderdezernats dem Entführungsfall auf die Spur und erfahren, dass der Flaschenpostschreiber von seinem Entführer ermordet worden ist. Doch seine Eltern haben diesen Mord nie zur Anzeige gebracht, weil der Mörder ihnen gedroht hat, dann noch weitere Kinder von ihnen zu entführen und zu ermorden. Was Mørck und seine Kollegen allerdings nicht ahnen: Der Mörder von damals hat bereits das nächste Geschwisterpaar in seiner Gewalt. Wieder will er eine große Geldsumme von den Eltern erpressen, doch dieses Mal hat er einen fatalen Fehler begangen: Er hat Unterschlupf bei einer Frau gesucht und ihren Computer angezapft, die IT-Expertin ist und seine Spuren auf ihrem Rechner sofort entdeckt hat. Durch Zufall steht sie kurz darauf vor den Türen der Familie, deren zwei Kinder entführt worden sind. Gemeinsam mit den verzweifelten Eltern versucht sie, dem Entführer ein Schnippchen zu schlagen.

Die Frau des Entführers muss derweil um ihr Leben bangen. Oft allein gelassen und von ihrem Mann und wie eine Gefangene gehalten, beschließt sie eines Tages, in die fast schon vergessenen Umzugskisten zu schauen, die ihr Mann in einem unbenutzten Zimmer ihres Hauses abgestellt hat. Dort allerdings findet sie Dinge über ihren Mann heraus, die sie ihm nie zugetraut hätte und die ihr zum Verhängnis werden, als ihr Mann entdeckt, dass seine Frau sich an den Umzugskisten zu schaffen gemacht hat.

Doch die Geschwister und die verzweifelte Ehefrau sind nicht die einzigen Personen, die in diesem Buch um ihr Leben fürchten müssen, Jussi Adler-Olsen lässt noch weitere Menschen in Lebensgefahr geraten …

_Aller guten Dinge sind drei_

Mit großen Erwartungen habe ich diesen dritten Fall aus dem Sonderdezernat Q aufgeschlagen, da ich die beiden vorigen Fälle bereits mit großer Begeisterung gelesen habe. Auch der dritte Band beginnt rasant: Ein kleiner Junge schwebt gemeinsam mit seinem Bruder in Lebensgefahr, nur knapp kann er eine verzweifelte Flaschenpost loswerden, in der er um Hilfe bittet – nicht ahnend, dass diese erst Jahre später geöffnet und entziffert wird. Das Schicksal des Jungen ist besiegelt, doch in dem Moment, in dem Adler-Olsen in die eigentliche Romanhandlung einsteigt, hat der Entführer bereits die nächsten Geschwister im Visier. Und so erleben wir mit, wie er sich mit der Familie anfreundet, sich in deren Glaubensgemeinschaft einschleicht, das Vertrauen der Eltern und Kinder gewinnt und schließlich die beiden liebsten Kinder entführt. Der Junge und das Mädchen sind in Todesangst, die Eltern verzweifelt, denn sie haben das Geld nicht, das der Entführer als Lösegeldsumme verlangt. So entschließen sie sich zu einer verzweifelten Rettungsaktion, bei der mehr als eine Person ihr Leben lassen wird…

Zeitgleich sind Mørck und die Mitarbeiter des Sonderdezernats Q damit beschäftigt, die verwitterte Flaschenpost zu entziffern. Nur Buchstabe für Buchstabe können sie den Text zusammensetzen. Und mit jedem Buchstaben, der dem Lückentext hinzugefügt wird, kann Jussi Adler-Olsen die Spannung steigern. Schließlich finden Mørck, Assad und Rose bzw. ihre „Zwillingsschwester“ Yrsa, die für Rose einspringt, die Familie der entführten Jungs und erfahren, dass der Schreiber damals ermordet worden ist.

Sukzessive durchschauen die Ermittler die Taten und den Entführer, erfahren, in welchem Klientel er seine Opfer sucht und mit welchen perfiden Methoden er sich das Schweigen der Opfer erkauft. Durch die vielen Szenenwechsel und die Tatsache, dass wir nur ganz allmählich die Hintergründe erfahren und den Täter kennen lernen und da es immer mehr Menschen gibt, um deren Leben wir fürchten müssen, steigert Adler-Olsen die Spannung immer weiter. Ich konnte das Buch wirklich kaum noch aus der Hand legen, weil ich unbedingt wissen wollte, wer denn nun das Buch überleben würde.

Zu bemängeln ist allerdings, dass Jussi Adler-Olsen sich häufig in Nebenschauplätzen verliert, die mit der eigentlichen Handlung rein gar nichts zu tun haben und absolut fehl am Platze sind. Immer wieder beispielsweise erwähnt er den Vorfall aus der Vergangenheit, bei der Mørck und zwei seiner Kollegen in einen Hinterhalt geraten sind. Ein Kollege ist gestorben, einer schwer verletzt worden und Mørck als Dritter wurde ins Sonderdezernat versetzt, um ihn aus dem Wege zu haben. Was aber damals vorgefallen ist und wer die drei verraten hat, ist bis heute nicht klar und langsam mag man darüber auch nichts mehr hören, weil Adler-Olsen nichts weiter als Andeutungen zu bieten hat und diesen auch nie etwas Neues hinzufügt.

Auch die Geschichte mit den Brandstiftungen, an denen die Polizei arbeitet und für die auch das Sonderdezernat Q einige Aufgaben erledigt, ist nur Nebenhandlung, die mit den Entführungsfällen nichts zu tun hat und die am Ende im Sande verläuft. Zwar erfährt der Leser, worum es bei den Brandstiftungen gegangen ist, doch interessiert das einen nicht die Bohne, weil man ja eigentlich nur wissen will, was mit den Entführungen los ist. Hätte man das Buch um diese bestimmt 100 oder 150 Seiten gekürzt, wäre der Spannungsbogen perfekt gelungen, so hängt er zwischenzeitlich immer wieder durch – das hätte nicht sein müssen!

_Personelle Schwächen_

Leider schwächelt Jussi Adler-Olsen ganz klar in der Zeichnung seiner Charaktere. Allen voran ist Carl Mørck zu nennen, der eigentlich immer nur „Unsympathiepunkte“ sammelt. Statt zu arbeiten, möchte er eigentlich lieber die Füße hochlegen und die Augen schließen. Ständig ist er genervt von seinen Mitarbeitern und Vorgesetzten, die es doch tatsächlich wagen, ihm Arbeit auf den Schreibtisch zu legen oder die tatsächlich ihre Arbeit erledigen! Privat möchte er seine Noch-Frau mit allen Mitteln loswerden und bietet seinem Sohn daher sogar Geld, damit er einen anderen Mann für eine Noch-Frau findet. Seine Liebelei mit Mona nervt nur und man würde ihm das Liebesglück auch eigentlich gar nicht gönnen.

Assad hat irgendwas zu verbergen. Er wohnt nicht dort, wo er gemeldet ist und hat irgendwelche Querelen mit einem anderen Polizisten, der sich daraufhin versetzen lassen möchte. Doch wer Assad eigentlich ist, wo er wohnt und was er mit dem anderen Polizisten abzumachen hat, verrät uns Adler-Olsen nicht – warum also diese ganzen Andeutungen? Mich nervt es langsam unendlich, dass Jussi Adler-Olsen immer nur Andeutungen macht, denen aber nie neue Informationen hinzufügt. Irgendwann sollte er all diese Baustellen einfach mal dichtmachen und seinen geduldigen Lesern verraten, was es mit all den Andeutungen auf sich hat.

Auch Rose nervt in diesem Buch von Seite zu Seite mehr. Da sie keine Kritik verträgt, meldet sie sich eines Tages krank und schickt ihre angebliche Zwillingsschwester Yrsa, um ihre Arbeit zu erledigen, da sie auf das Geld angewiesen ist. Yrsa läuft in schrägen Klamotten rum und legt noch einige andere merkwürdige Eigenarten an den Tag, die sie nicht sonderlich authentisch erscheinen lassen. Und schlussendlich merkt Mørck, dass es sich bei Yrsa um Rose handelt – was für ein Schwachsinn!

Mit derlei Abstrusitäten lenkt Jussi Adler-Olsen nur vom eigentlichen Fall ab, nervt seine Leser zunehmend und bremst den Spannungsbogen aus. Leider steht er sich oftmals selbst im Wege. Würde ein fähiger Lektor diese Geschichtchen heraus kürzen, würde das den Büchern wirklich gut tun!

_Erlöst_

Nach fast 600 Seiten erlöst uns Jussi Adler-Olsen und verrät uns, wer die Geschichte überlebt und wer hinter den Entführungen steckt. Bis zum finalen Showdown dreht er noch mal das Tempo auf und kreist seinen Entführer immer mehr ein – das ist wiederum ganz gut gelungen. Bis auf die erwähnten Abstriche gefiel mir der Spannungsbogen gut. Abzüge gibt es aber ganz klar in puncto Charakterzeichnung, denn hier weiß ich gar nicht, welcher der Charaktere mir am allerwenigsten gefällt, da alle so merkwürdige Eigenarten haben, dass ich eigentlich nicht sonderlich viel von ihnen erfahren möchte. Schade, dass Adler-Olsen hier dermaßen in die „Trickkiste“ greift, authentische Charaktere würden seinen Büchern besser anstehen. So reicht es leider nicht zu einer Höchstnote, auch wenn mir das Buch unter dem Strich durchaus gut gefallen hat.

|Taschenbuch: 592 Seiten
Originaltitel: Flaskepost fra P
ISBN-13: 978-3423248525|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de

_Jussi Adler-Olsen bei |Buchwurm.info|:_
[„Erlösung“ (Hörbuch) 7215

Kliesch, Vincent – Todeszauberer, Der (Lesung)

_|Julius Kern|:_

01 [„Die Reinheit des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6359
02 _“Der Todeszauberer“_

Eine zerteilte Frauenleiche in Berlin bringt Hauptkommissar Julius Kern auf die Spur des Schläfenmörders, der in den letzten sieben Jahren in allen Teilen Deutschlands mindestens 17 Frauen ermordet hat. Immer wieder ändert er seine Vorgehensweise, nie hinterlässt er wichtige Spuren, sodass die Polizei immer noch im Dunkeln tappt. Und auch der einfühlsame Ermittler Julius Kern, dessen Ziel es stets ist, sich in die gesuchten Mörder hineinzuversetzen, weiß zunächst nicht weiter.

Und dann kreuzt auch noch ein alter Bekannter Julius Kerns Weg – nämlich Tassilo Michaelis, ein Mörder, den Kern zwar vor Gericht gebracht hat, der damals aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. Immer noch hat Kern eine Rechnung mit Tassilo Michaelis offen, auch wenn dieser ihm während der Ermittlungen im Fall des Putzteufel-Mörders (in Vincent Klieschs genialem Debüt „Die Reinheit des Todes“) das Leben gerettet hat. Als Michaelis sich auch noch an Kerns Tochter heranschleicht, sieht seine Frau rot und setzt ihren Mann vor die Tür.

Kern aber hat schnell einen Zufluchtsort gefunden, denn die sympathische bayrische Ermittlerin, die sich schon seit dem ersten Mord mit dem Schläfenmörder mit diesem Fall befasst, hat längst ein Auge auf Kern geworfen und bietet ihm nun ohne zu zögern Unterschlupf.

Parallel lernen wir den Schläfenmörder kennen – den Zauberer Rufus, der in einem Berliner Varieté auftritt und uns nach und nach Einblicke in seine Vergangenheit gewährt. Als Kind wurde Rufus wegen seines enormen Körperumfangs gehänselt. Inzwischen hat er zwar die überflüssigen Pfunde abgeschüttelt, nicht aber die Dämonen, die ihn seit der Kindheit begleiten und die ihn immer wieder morden lassen …

_Katz- und Maus-Spiel_

Wie schon in seinem grandiosen Debütroman „Die Reinheit des Todes“, erzählt Vincent Kliesch auch in seinem zweiten Fall, der sich rund um den Ermittler Julius Kern dreht, zwei Handlungsstränge parallel. Während wir im ersten Buch neben der eigentlichen Mordserie erfahren haben, was Tassilo Michaelis verbrochen hat, ist es hier neben der Geschichte um den Schläfenmörder wieder einmal die Geschichte von Tassilo Michaelis. Dieser ist zwar weiterhin auf freiem Fuß, da man ihm die Taten nicht nachweisen konnte, zudem hat er viel Geld mit seinem Buch gemacht, doch da ihn jeder kennt, wird er auch häufig angefeindet. So ist er auf einen Deal mit der Polizei aus – Informationen über den Schläfenmörder gegen eine neue Identität.

Der Schläfenmörder nämlich hat Tassilo zahlreiche Briefe geschrieben, von seinen eigenen Taten berichtet und sogar Videos von seinen Taten geschickt. Tassilo ist fasziniert, zumal Rufus deutlich mehr Menschen auf dem Gewissen hat als er selbst und fröhlich weiter vor sich hin morden kann, während Tassilo die Hände gebunden sind. Jeder kennt ihn und jeder beobachtet ihn, sodass er nun brav sein Leben leben muss. Sein einziges Vergnügen besteht darin, seinen Widersacher Julius Kern immer wieder vorzuführen, und so bringt er Rufus schließlich auf eine ausgesprochen perfide Idee, als der Deal mit der Polizei platzt …

Immer wieder wechselt die Erzählperspektive, Vincent Kliesch beleuchtet den Fall des Schläfenmörders von vielen verschiedenen Seiten und stellt uns die handelnden Personen sehr genau vor. Um Rufus kennen zu lernen, springt er in dessen Vergangenheit zurück und verrät uns ganz allmählich, wie aus einem kleinen Jungen schließlich ein Massenmörder werden konnte. Da Kliesch immer an den passenden Stellen die Erzählperspektive wechselt, kurbelt er das Erzähltempo immer weiter an und sorgt für einen extrem gelungenen Spannungsbogen. Besonders packend ist die Szene, in der es einem Opfer des Schläfenmörders gelingt, diesen zu überwältigen und zu fliehen. Schon früh droht der Mörder also sein Spiel zu verlieren, bis ihm das Schicksal in die Hand spielt. Doch die Minuten, in denen uns Erzähler Uve Teschner diese Szene präsentiert, sind absolut packend und lassen einem eine Gänsehaut über den Rücken laufen.

Für Spannung sorgt Vincent Kliesch demnach ausgesprochen gut, auch wenn ihm der Spannungsbogen in seinem ersten Thriller zugegebenermaßen _noch_ besser gelungen war.

_Des Pudels Kern_

Im Zentrum der Geschichte steht zum zweiten Mal Ermittler Julius Kern, der die Jagd nach einem Mörder immer zu seiner persönlichen Mission macht und sich stets in die Mörder hineinversetzen will. Doch dieses Mal schafft er es nicht, sich dem Mörder gedanklich zu nähern und ist darauf angewiesen, auf ein Angebot seines Erzfeindes Tassilo Michaelis einzugehen. Das nagt selbstverständlich an Kern, der immer noch das Ziel verfolgt, Tassilo hinter Schloss und Riegel zu bringen. Lassen wir uns überraschen, wann ihm dies gelingt …

Julius Kern ist verheiratet und hat eine kleine Tochter, doch wie der Stereotyp des erfolgreichen Hauptkommissars es erfordert, hat er natürlich Eheprobleme, weil er ständig nur für den Job lebt, nichts mehr mit seiner Tochter unternimmt und alles stehen und liegen lässt, sobald er zu einem Tatort gerufen wird. Auch seine Tochter ist enttäuscht von ihm, da er nicht wie versprochen mit ihr in den Zoo geht und als es endlich soweit ist, dort auch noch jemanden trifft und sie ihn folglich mit einem fremden Mann teilen muss. Was Vincent Kliesch uns hier präsentiert, ist zwar ganz nett, allerdings nicht sonderlich innovativ, das muss bei aller Begeisterung über den spannenden Fall doch gesagt werden.

Tassilo Michaelis ist da von ganz anderem Format. Schon in der „Reinheit des Todes“ hat er den eigentlichen Mörder in den Schatten gestellt, da er immer noch in den Köpfen der Ermittler herumgespukt ist und ihnen die Arbeit erschweren wollte. Michaelis begeht keine Fehler, was er anpackt, endet tödlich und auch hier schafft er es, Rufus für seine Zwecke einzusetzen, das ist schon sehr gut gelungen.

Rufus als zaubernder Mörder ist ganz nett, die Idee gefiel mir gut, auch wenn am Ende klar wird, dass Rufus doch aus ziemlich hanebüchenen Gründen handelt. Das war leider nicht ganz schlüssig.

_Sprachgewaltig_

Uve Teschner spricht diesen spannenden Roman und macht seine Sache recht gut. Etwas einfacher ist die Sache für ihn dadurch, dass er meist männliche Protagonisten zu sprechen hat, was ihm aus offensichtlichen Gründen natürlich leichtfallen dürfte. Wie er den einzelnen Figuren eine eigene Stimme verleiht, ist schon gut, wenn auch nicht überragend.

Für meinen Geschmack macht er manchmal zwischen den einzelnen Kapiteln eine zu kurze Pause, so purzelt man mitunter ziemlich unsanft von einer Situation in die andere, ohne gemerkt zu haben, dass Vincent Kliesch die Perspektive gewechselt hat und wir uns jetzt an einem anderen Schauplatz befinden. Etwas mehr Ruhe und Geduld hätte Teschner hier gut angestanden.

Eins hat mir leider gar nicht gefallen und das war sein Gesang. Der Mörder neigt dazu, seine Taten mit Musik zu untermalen und stellt dabei den Titelsong aus „Cabaret“ an, was Teschner ziemlich schräg nachsingt. Er versucht dabei irgendwie klarzumachen, dass Rufus total durchgeknallt ist, aber dadurch klingt dieser Gesang so verschroben, dass man als Zuhörer geneigt ist, sich etwas für den Sprecher (hier Sänger) fremdzuschämen …

Insgesamt macht Teschner seine Sache aber trotzdem recht gut.

_Spannung pur_

Schon mit seinem Debüt „Die Reinheit des Todes“ hat Vincent Kliesch mich in Atem gehalten. So war klar, dass ich auf jeden Fall wieder reinhören würde, sobald es den zweiten Teil auch als Hörbuch gibt. Auch das zweite Hörbuch habe ich praktisch verschlungen und konnte es kaum noch ausschalten, als ich einmal damit begonnen hatte. Kliesch baut nahezu perfekt Spannung auf, baut Cliffhanger ein und wechselt immer dann die Szenerie, wenn es gerade am spannendsten ist. Nur Tassilo Michaelis hat in diesem Fall keinen so starken Auftritt mehr wie in Klieschs Debüt. Der Ermittler Julius Kern fällt dagegen deutlich ab, zu sehr orientiert er sich am Klischee eines Hauptkommissars, aber vielleicht überrascht uns Kliesch ja in seinem dritten Roman damit, dass er Kern neue Facetten angedeihen lässt. Der Fall des Schläfenmörders ist absolut spannend, gruselig und reißt den Zuhörer von Anfang an mit. Die Auflösung enttäuscht ein wenig, zu profan fand ich den Grund, den Rufus dafür angibt, warum er all diese Frauen ermordet hat, aber darüber kann ich dennoch hinwegsehen und das Hörbuch uneingeschränkt weiterempfehlen – allerdings erst dann, wenn man zuvor Klieschs (noch besseres) Debüt gelesen oder gehört hat. Sonst entgeht einem etwas!

|Ungekürzte Downloadversion
Spieldauer: 8:18 Std.
Gelesen von Uve Teschner|
[www.audible.de]http://www.audible.de

Diamond, Lucy – Diät-Pralinen

Passend zur bevorstehenden warmen Jahreszeit haben Diäten wie jedes Jahr Hochkonjunktur, und so kommt Lucy Diamonds „Diät-Pralinen“ natürlich genau zur richtigen Zeit.

Maddie arbeitet beim Radio und träumt von einer Karriere als Moderatorin, obwohl ihr das Herz in die Hose rutscht, wenn sie nur daran denkt, im Radio etwas sagen zu müssen. So arbeitet sie der unsympathischen Collette zu, und die beschließt eines Tages, die Aktion „Birmingham soll schön werden“ zu starten, und das beinhaltet auch eine Verschönerung ihres Teams, sodass Maddie sich unversehens in der Abspeckgruppe „FatBusters“ wiederfindet. Maddie bringt gut und gerne 40 kg zu viel auf die Waage und dennoch ist es ihr peinlich, dass nicht nur Collette sie zum Abspecken zwingt, sondern dass ihre übereifrige Mutter ihr auch noch eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio aufzwingt. Doch bei den FatBusters trifft sie schnell zwei neue Freundinnen – Jess und Lauren, die mit dem gleichen gewichtigen Problem kämpfen wie Maddie.

Jess verwöhnt nur andere Menschen, und zwar mit Massagen, Gesichtsbehandlungen oder Maniküre, doch sie selbst kommt ganz zuletzt. Dabei träumt Jess doch nur von ihrem ganz persönlichen Glück. Ihr Verlobter Charlie hat schon wieder die Hochzeit verschoben, weil er der Meinung ist, dass Jess vorher noch viel abnehmen müsse. Und auch sonst trampelt er ständig auf ihren Gefühlen herum und behandelt sie wie eine Abtretmatte. Doch Jess kann den Gedanken nicht ertragen, alleine zu sein und so schluckt sie allen Kummer herunter bzw. erstickt ihn in Schokolade.

Auch Lauren ist in Liebesdingen unglücklich, obwohl sie selbst eine Partnervermittlung betreibt. Dort trifft sie bald auf ihren Traummann, doch leider gibt der wie eigentlich jeder im Wunschprofil seiner Traumfrau eine schlanke und sportliche Figur an. Nur leider kann Lauren damit rein gar nicht dienen, und so findet auch sie den Weg zu den FatBusters.

Zu dritt treten Maddie, Jess und Lauren den Kampf gegen die überflüssigen Pfunde an und erleben dabei so manch eine Überraschung …

_Leichte Lektüre_

Trotz der gewichtigen Hauptcharaktere ist „Diät-Pralinen“ eine locker-leichte Lektüre, die einen gut an einem lauschigen Sommerabend unterhält. Maddie, Jess und Lauren sind Frauen, die ganz aus dem Leben gegriffen sind. Maddie ist verheiratet und hat zwei Kinder, doch läuft es in ihrer Ehe nicht mehr ganz so rund. Die großen Gefühle kommen nicht mehr auf und Paul ist in letzter Zeit alles andere als verständnisvoll und scheint sie lieber weiterhin fett haben zu wollen. Denn in ihrem Abnehmbemühen unterstützt er Maddie nicht mehr. Doch ist sie mit Paul immer noch glücklicher als Jess mit ihrem Charlie, den sie zwar nach wie vor heiraten möchte, der aber alles andere als liebevoll mit ihr umgeht. In ihrem Freundeskreis kann niemand Charlie leiden, doch Jess hält aus Angst vor Einsamkeit krampfhaft an ihrer Beziehung fest. Auch bei der Arbeit ist sie alles andere als glücklich, da ihre Chefin eine blöde Zicke ist, mit der sie überhaupt nicht auskommt. Und dabei ist es Jess, die den Großteil der Kunden bedient. So stehen Jess beruflich große Veränderungen bevor, denn eines Tages kündigt sie kurzerhand. Lauren hat schon viele glückliche Paare zusammen geführt, doch sie selbst ist geschieden und glaubt nicht mehr an ihr Glück. Sie tröstet sich stattdessen mit Süßigkeiten und Wein, was ihr gut auf die Hüften geschlagen ist.

Lucy Diamond beschreibt Frauenprobleme, wie sie die meisten ihrer Leserinnen kennen dürften. Wer hat noch nicht eine Diät gemacht? Und sie schon nach kurzer Zeit mit einer Tafel Schokolade wieder beendet? Und auch den Liebeskummer kennt man nur zu gut, und so kann man sich wunderbar in die Hauptfiguren hineinversetzen und fühlt sich ihnen dadurch sehr nah.

Ein bisschen habe ich den Wortwitz vermisst, wie frau ihn z. B. von Helen Fielding, Marian Keyes oder Sophie Kinsella gewöhnt ist. So unterhält Lucy Diamonds Geschichte zwar gut, doch kann sie sich nicht durch eine besonders gute Schreibe von anderen Autorinnen abheben. „Diät-Pralinen“ ist nett, aber mehr auch nicht. Ein bisschen hat mich Jess‘ Verhalten genervt, denn sie hat sich von ihrem Freund wirklich alles gefallen lassen, sodass man sie gerne zwischendurch geschüttelt hätte.

_Insgesamt gefiel mir_ das Buch schon recht gut, da Lucy Diamond wirklich sympathische Charaktere zeichnet, mit denen man gerne einige Stunden verbringt und denen man wünscht, dass sie nicht nur ihre Traumfigur bekommen, sondern auch den Traummann finden. Doch leider hebt sich das Buch nicht vom Einheitsbrei der zahlreichen Frauenbücher ab, sodass es mir wohl eher nicht im Gedächtnis bleiben wird – schade.

|Taschenbuch, 382 Seiten
Originaltitel: Sweet Temptations
ISBN-13: 978-3499256073|
[www.rororo.de]http://www.rororo.de

Donnelly, Jennifer – Blut der Lilie, Das

Vor zwei Jahren hat Andi auf tragische Weise ihren kleinen Bruder Truman verloren. Seitdem ist nichts mehr so, wie es mal war. Ihre Mutter hat schwere Depressionen und malt den ganzen Tag Portraits ihres toten Sohnes. Ihr Vater hat sich von der Familie abgewendet und lebt sein eigenes Leben, in dem für Andi und erst recht für seine Frau kein Platz mehr ist. Er ist erfolgreicher Wissenschaftler – mit dem Nobelpreis ausgezeichnet – und hat bereits eine neue Freundin, die von ihm schwanger ist. Andi dagegen ist völlig allein und hat nur ihre Musik. Auch in der Schule bringt sie nicht mehr die Leistungen wie zuvor, stattdessen wirft sie in einer Tour Medikamente ein. Nur einen guten Freund hat sie, der immer für sie da ist und sie versteht. Doch niemandem außer ihren Eltern hat sie erzählt, was damals bei Trumans Tod vorgefallen ist, für den sie sich immer noch die Schuld gibt.

Eines Tages stellt ihr Vater ihr ein Ultimatum: Er bringt seine Frau in eine Klinik, in der ihre Depressionen behandelt werden sollen. Und Andi nimmt er mit nach Paris, wo sie das Konzept für ihre Abschlussarbeit schreiben soll, denn Andi hat sich bereits aufgegeben und beschlossen, die Abschlussprüfung nicht mehr zu machen. Nur widerwillig fliegt Andi mit ihrem Vater nach Paris.

Dort arbeitet ihr Vater an einem wissenschaftlichen Projekt, das den Ursprung eines kleinen mumifizierten Herzens klären soll. Ein Freund von Andis Vater glaubt, dass es sich dabei um das Herz des kleinen Louis Charles handelt, dem verlorenen König Frankreichs, der in den Wirren der Französischen Revolution von den Gegnern des Königs eingesperrt worden ist und im Gefängnis vereinsamt und unter Qualen gestorben ist.

Durch Zufall findet Andi in einem Gitarrenkoffer ein kleines Tagebuch von Alex, die im 18. Jahrhundert die Gesellschafterin des kleinen Prinzen Louis Charles gewesen ist und für ihn ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat. In dem Tagebuch schildert sie die Ereignisse nach dem Sturz des Königs – in einer Zeit, in der sie sich selbst in Gefahr gebracht hat, um vielleicht doch noch Louis Charles zu retten. Andi versinkt völlig in der Geschichte und identifiziert sich immer mehr mit Alex, die sich ebenfalls für das Leben eines kleinen Jungen verantwortlich fühlt …

_Pariser Geschichten_

Zunächst lernen wir Andi kennen, die auch zwei Jahre später noch jede Minute um ihren kleinen Bruder trauert. Andi ist ein gebrochenes junges Mädchen, das sich für den Tod ihres kleinen Bruders verantwortlich fühlt. Sie will die Schule abbrechen und findet nur in der Musik Erlösung. Stundenlang kann sie Gitarre spielen und ihre Gedanken schweifen lassen. Doch in Paris wird sie gezwungen, sich mit dem Schicksal eines Komponisten und mit dem eines ebenfalls jungen Mädchens auseinanderzusetzen. Das Lesen in dem Tagebuch wird für Andi eine Sucht, immer wieder greift sie zu dem kleinen Büchlein und vergisst um sich herum die ganze Welt. Das Tagebuch wird für sie zu einem Rettungsanker, da sie in Alex eine Seelenverwandte entdeckt, mit der sie sehr viel gemeinsam hat. Und so wird Alex‘ Mission, den kleinen Prinzen zu retten, ihre eigene – so könnte sie vielleicht einen Teil ihrer eigenen Schuld loswerden, wenn Alex es nur schaffen würde, Louis Charles zu befreien. Doch schafft Alex dies?

Jennifer Donnelly schildert in vielen Details die dramatischen Ereignisse in der Französischen Revolution. Dabei legt sie den Schwerpunkt auf den Thronfolger Louis Charles, der nicht wie seine Eltern getötet, sondern in den Kerker geworfen wurde. Dort vereinsamt er allerdings völlig und geht daran schlussendlich zugrunde. Nur ein mutiges junges Mädchen versucht, mit bunten Feuerwerken dem kleinen Prinzen ein Zeichen zu geben, dass sie an ihn denkt und dass noch nicht alles verloren ist.

Donnelly erzählt zwei Geschichten parallel – einmal die von Andi in der Neuzeit und dann die im 18. Jahrhundert. Beide sind eng miteinander verwoben und entwickeln sich gleichzeitig weiter. In beiden jungen Mädchen entdecken wir viele Parallelen, beide scheinen Seelenverwandte zu sein, die nur an das Wohl eines kleinen Jungen denken und ihr eigenes dafür zurückstellen.

Je mehr Andi in dem Tagebuch liest und je mehr sie sich in den Wirren der Französischen Revolution verliert, umso mehr nimmt Donnelly auch uns gefangen. Ebenso wie Andi hofft man selbst auf das Wunder, dass Alex doch irgendwie den kleinen Prinzen retten kann. Als sie zu scheitern scheint und ihr letzter Tagebucheintrag blutbefleckt ist, bekommt Andi selbst die Chance – denn plötzlich findet sie sich im 18. Jahrhundert wieder und wird überall mit Alex verwechselt. Schafft Andi das, was ihrer Seelenverwandten nicht gelungen ist?

Geschickt verbindet Jennifer Donnelly beide Geschichten und lässt in ihrer Erzählung den Spannungsbogen immer weiter ansteigen. Nur ein Manko hat die Geschichte aus meiner Sicht, und zwar Andis Ausflug ins 18. Jahrhundert. Im einen Moment flüchtet sie noch durch die Pariser Katakomben, um im nächsten Moment schon den bekannten Komponisten zu treffen, über den sie ihre Abschlussarbeit schreiben möchte. Und er rettet sie aus den Katakomben und nimmt sie bei sich auf. Andi schlüpft in Alex‘ Rolle, zündet weiter Feuerwerke und riskiert nun auch ihr Leben für den kleinen Prinzen. Diese kleine Zeitreise (die ja vielleicht auch doch nur in Andis Kopf stattgefunden hat?!) hat mich etwas befremdet und ging mir einen Schritt zu weit.

_Starke Frauen_

Super gelungen sind Jennifer Donnelly ihre Protagonistinnen. Andi und Alex sind beides starke Persönlichkeiten mit einem schweren Schicksal, das sie immer wieder verzweifeln und manchmal auch aufgeben lässt. In ihrer Trauer kommt man Andi recht nahe, auch wenn ihre Handlungen oftmals nicht nachvollziehbar sind, doch wünscht man ihr umso mehr, dass sie doch ihr Glück finden möge – und zwar nicht nur in der Flucht in die Musik, sondern im wirklichen Leben. Sowohl mit Andi als auch mit Alex fiebert man mit, drückt ihnen die Daumen und hofft, dass ihre jeweiligen Geschichten ein positives Ende finden werden. Beide jungen Frauen sind die Stützpfeiler der gesamten Geschichte und tragen sie ganz hervorragend!

_Genial mit wenigen Abstrichen_

Insgesamt hat mich Jennifer Donnellys neuester Roman fast vollkommen überzeugt – nur diese kleine Zeitreise (wenn es denn eine war) ins 18. Jahrhundert hätte nicht sein müssen, das war mir doch zu abgefahren. Die beiden Geschichten, die Donnelly parallel erzählt, sind aber beide so spannend, dass man beim Lesen genau wie Andi vollkommen die Zeit vergisst und in der Erzählung versinkt. Ein kleiner Kritikpunkt geht jedoch an den Verlag, denn in dem Buch häufen sich leider die Rechtschreibfehler. Oftmals sind Buchstaben zu viel oder zu wenig, dann gibt es Buchstabendreher oder ein überflüssiges Wort. Das sollte in dieser Häufung definitiv nicht passieren, denn die hohe Anzahl der Fehler trübt den Gesamteindruck des ansonsten sehr schönen Buches doch ein wenig.

|Hardcover: 448 Seiten
Originaltitel: Revolution
ISBN-13: 978-3866122888|
[www.piper-verlag.de/pendo]http://www.piper-verlag.de/pendo

Krämer, Manfred H. – Raben vom Mathaisemarkt, Die

Tatort Bergstraße! Der Schriesheimer Mathaisemarkt wird überschattet von einem mysteriösen Mord: Eines Morgens findet der Betreiber des größten transportablen Riesenrades der Welt einen Mann auf ebendiesem Riesenrad. Raben umschwirren den dort aufgehängten Mann, der offensichtlich bereits seinen letzten Atemzug getan hat. Die resolute Elke Lukassow von der Heidelberger Polizei wird gemeinsam mit ihrem Kollegen Frank Furtwängler, kurz Frankfurt, zum Tatort gerufen. Schnell veranlasst sie, dass der am Riesenrad aufgehängte Mann hinab gelassen wird, um zu überprüfen, ob dieser tatsächlich tot ist. Als die Polizisten den toten Mann vor sich haben, bemerken sie, dass es sich bei dem Opfer um den bekannten Lokalpolitiker Ludwig Helland handelt, dem man die Taschen voll mit Geldscheinen gestopft hat. Über 13000 Euro finden sich an der Leiche. Was hat dieser bizarre Mord zu bedeuten?

Lothar Zahn, kurz Tarzan, plagen derweil ganz andere Sorgen: Ein Besuch im Casino hat die Spielleidenschaft in ihm geweckt. Zudem hat er dort einen alten Bekannten getroffen – nämlich Magic, der behauptet, ein todsicheres System fürs Roulette entwickelt zu haben. Mit Tarzans Hilfe sahnt er in einem illegalen Casino, in dem zu der Zeit die Einsatzlimits ausgesetzt waren, kräftig ab. Auch Tarzan macht Gewinne und versucht kurz darauf auf eigene Faust sein Glück – doch ohne Erfolg. Er verspielt sein ganzes Geld, trifft vor der Tür des Casinos aber auf einen Mann, der ihm ebenfalls das perfekte System verspricht, wenn er ihm denn 500 Euro dafür gibt. Da er gleichzeitig seine Kreditkarte als Sicherheit bietet, geht Tarzan auf den Deal ein, hebt 500 Euro für den Mann und weiteres Geld zum Spielen ab, doch wieder verliert er und der dubiose Kerl vor dem Casino ist natürlich längst über alle Berge. Tarzan ist verzweifelt! Als seiner Freundin Solo beim Geldabheben die Karte eingezogen wird, entdeckt sie das Debakel auf den gemeinsamen Konten und schmeißt Tarzan kurzerhand raus. Der wiederum sucht Zuflucht bei Magic, der ihm einen Job in einem „Gästehaus“ anbietet, das illegales Casino und Puff gleichermaßen ist.

Wie der Zufall es will, hängen natürlich beide Handlungsstränge zusammen, und so entdeckt Tarzan in seinem neuen Job wichtige Informationen über Ludwig Helland und diejenigen, die hinter dessen Ermordung stecken. Als er Lukassow, den alle nur wenig liebevoll den „Rottweiler“ nennen, darüber informiert, beschließt sie, einen verdeckten Ermittler in das Gästehaus einzuschleusen. Doch als dieser enttarnt wird, schwebt nicht nur er in Lebensgefahr, sondern natürlich auch Tarzan, der geholfen hat, ihn einzuschleusen. Die Zeit rennt der Polizei davon, denn der Rottweiler hat bei einem kleinen Stelldichein mit ihrer neuen Liebschaft eine wichtige SMS von Tarzan übersehen …

_Tatort Bergstraße_

Im vorliegenden Buch ermitteln Tarzan und Solo in ihrem dritten Fall. Bekannt wurden sie durch die Ereignisse in „Tod im Saukopftunnel“. Seitdem betreiben sie ein eigenes Ermittlerunternehmen, das dubiose Geschäfte in Transportunternehmen aufdeckt. Die beiden leben in einem kleinen Boot, das im Altrhein von Lampertheim an Land liegt und dringend reparaturbedürftig ist. Umso nötiger haben sie ein bisschen Kleingeld, das Tarzan versucht, mit seiner Zockerei zu beschaffen. Auf den ersten Blick passen die beiden überhaupt nicht zusammen: Die schlanke Solo mit ihren kurzen roten Haaren passt so gar nicht zu dem beleibten Tarzan, der zwar schon an mehreren Marathons teilgenommen hat, es aber immer noch nicht geschafft hat, seine überflüssigen Pfunde loszuwerden. Die beiden sind unglaublich sympathisch und stehen mitten im Leben. Beide zeichnen sich durch Eigenarten und liebevolle Fehler aus, sodass man gerne mehr von ihnen liest.

Auch das kuriose Ermittlerduo bestehend aus dem Rottweiler und Frankfurt ist dem treuen Bergstraßenkrimi-Leser bereits ans Herz gewachsen. Lukassow mit ihren Haaren auf den Zähnen entdeckt nun endlich zarte Gefühle für ihren neuen Bekannten und denkt wehmütig bei ihren Einsätzen daran, dass sie gerade die anvisierte Veranstaltung im Hemsbacher Programmkino „Brennnessel“ verpasst. Und als Tarzan ihr eine wichtige SMS schickt, vergnügt sie sich lieber mit ihrem Hubert im Bett anstatt die SMS zu lesen und die Fahndung nach Tarzan und dem enttarnten Ermittler einzuleiten. Endlich zeigt die Lukassow menschliche Schwächen, die sie dem Leser noch näher bringen. Der baumlange Frankfurt an ihrer Seite kann einem dennoch Leid tun, denn all ihre schlechten Launen lässt sie grundsätzlich an ihm aus – die beiden sind wirklich ein großartiges Duo!

In seinem dritten Bergstraßenkrimi bietet Manfred H. Krämer zudem einen interessanten Fall auf: Ein bekannter Lokalpolitiker wird ermordet am Riesenrad aufgefunden. Die Ermittlungen führen seine dunkle Seite zutage, sodass recht schnell klar wird, dass Helland einiges zu verbergen hatte und sich nicht nur Freunde gemacht hat. Der ominöse „Zar“, der ein gigantisches Kulturprojekt für Mannheim finanziert, hat ebenfalls seine Finger im Spiel. In einem zweiten Handlungsstrang kämpft Tarzan gegen seine Spielleidenschaft und darum, seine große Liebe wiederzugewinnen. Auch wenn natürlich von Beginn an klar ist, dass Magic und die Casinos mit dem Mord an Helland zusammen hängen – schließlich würde Krämer diese Geschichte sonst nicht dermaßen ausbreiten – bleibt dennoch lange unklar, wo die Verbindung zwischen beidem liegt. Erst nach und nach offenbart uns Krämer diese Zusammenhänge und vor allem die Rollen von Magic und Zar in diesem Spiel. Der Spannungsbogen ist dadurch sehr gut gelungen und hält den Leser stets bei Laune.

Gespickt wird die Geschichte von allerlei Lokalkolorit, der dem Bergsträßer Leser sehr positiv ins Auge fällt. Der Mord ist in Schriesheim geschehen, was an der Bergstraße zwischen Weinheim und Heidelberg liegt. Mit Tarzan und Solo begeben wir uns immer mal wieder nach Lampertheim, dann werden die Weinheimer Kollegen hinzugerufen und am Ende ermitteln die Beamten rund um den Mannheimer Hafen. Wer sich in dieser Gegend auskennt, wird immer wieder nette Anspielungen aus der Gegend, lokale Sprechweisen und Begebenheiten entdecken, die zum besonderen Lesegenuss beitragen. Wer allerdings mit dieser Gegend rein gar nichts zu tun hat, dürfte sich aus diesem Grund nicht so sehr von diesem Kriminalfall angesprochen fühlen.

_Rabenschwarz_

Auch der dritte Fall rund um Solo, Tarzan und den Rottweiler ist ausgesprochen kurzweilig gelungen und mit einigem Wortwitz geschrieben. Zwar bietet Manfred Krämer nicht den ausgefeiltesten Kriminalfall auf (wie auch auf nur 250 Seiten?), doch ist der Spannungsbogen solide und die Charaktere gefallen ebenfalls gut. Wer zudem die Gegend rund um Schriesheim gut kennt, wird sicherlich Gefallen an den Bergstraßenkrimis von Manfred Krämer finden. Allerdings schränkt der verwendete Lokalkolorit die Zielgruppe doch auch auf diejenigen Krimifans ein, die die Bergstraße ein wenig kennen …

|Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN-13: 978-3453433915|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Craig Russell – Tiefenangst (Lesung)

In Hamburg wird ein weiblicher Torso angespült. Ist es ein weiteres Opfer des so genannten Network-Killers, der seine weiblichen Opfer im Internet aufspürt, sie vergewaltigt, tötet und dann ins Wasser wirft? In diesem Fall ermitteln bereits Hauptkommissar Jan Fabel und seine Kollegen. So werden sie auch zum Fundort des Torsos gerufen. Kurz darauf meldet sich der Hamburger Senator Müller Voigt bei Fabel, da er zu wissen glaubt, dass es sich bei der noch nicht identifizierten Leiche um seine Geliebte – Meliha – handelt, die seit Tagen spurlos verschwunden ist. Müller-Voigt erzählt Fabel seine Geschichte und gesteht, schon seit einiger Zeit ein Verhältnis mit Meliha zu haben. Meliha war angeblich Journalistin, die die Umweltorganisation Pharos im Visier gehabt hat. Müller-Voigt vermutet, dass Meliha bei ihren Nachforschungen zu viel herausgefunden hat und nun ausgeschaltet worden ist.

Doch als Fabel beginnt, Melihas Geschichte zu überprüfen, stellt er fest, dass sie ihrem Geliebten nicht nur einen falschen Namen genannt hat, sondern auch eine falsche Adresse. Als kurz darauf auch der Senator ermordet aufgefunden wird, verdichten sich die Hinweise, die zu der Umweltorganisation Pharos führen. Doch diese schottet sich mit aller Macht von der Öffentlichkeit ab. Den obersten Boss der Organisation, Dominik Korn, kennt man praktisch nur dem Namen nach und auch seine rechte Hand, Peter Wiegand, lässt niemanden hinter die Kulissen von Pharos blicken.

Auch wenn bei den Todesopfern zuhause kurioserweise nie Handys oder Computer gefunden werden, kommt die Polizei ihrem Network-Killer immer näher. Sie überprüfen diejenigen Menschen, die in einem Internetforum zuletzt Kontakt mit den Opfern aufgenommen haben. Unklar ist aber weiterhin, ob der Network-Killer-Fall mit Pharos zusammen hängt. Hier tappt die Polizei weiter im Dunkeln, zumal sie der mysteriösen Umweltorganisation nicht das Geringste nachweisen kann …

_Der Tod kommt per Internet_

In „Tiefenangst“, dem bereits sechsten Fall von Jan Fabel und seinen Kollegen von der Hamburger Polizei, hat sich Craig Russell zwei Themen herausgepickt, um die herum er seinen Kriminalfall aufzieht: Zum einen geht es um das Internet, die Kommunikation im Internet und darum, dass sich in Chatforen Menschen kennen lernen, die sich mitunter auch im wahren Leben treffen und dort eventuell auch auf ihren Mörder stoßen können. Denn im Internet kann man sein wahres Gesicht noch viel besser verschleiern als in der Wirklichkeit, und so prangert Craig Russell diese Form der Kommunikation an und macht deutlich, welche Gefahren sich dahinter verbergen können. Doch ganz ehrlich: Wem ist das in der heutigen Zeit noch neu? Muss da ein Craig Russell herkommen, um mit dem Zaunpfahl zu wedeln und seinen Lesern bzw. Hörern davon berichten, wie gefährlich das Internet sein kann? Spätestens seit Stephanie zu Guttenbergs Fernsehauftritten dürften die Gefahren des Internets nun hinlänglich bekannt sein.

Bleibt Craig Russells zweites Thema, der Ökoterrorismus. Die Organisation Pharos ist undurchsichtig und stinkt gen Himmel. Wer dort Mitglied werden möchte, muss sich ganz dem Projekt verschreiben und all sein Vermögen der Organisation übergeben. Grundidee des Ganzen ist, dass der Mensch mit seinem Tun immer wieder in die Umwelt eingreift und sie verändert, und das prangert Pharos an und möchte verhindern, dass der Mensch weiterhin die Umwelt mit seinem Wirken zerstört. Doch gleichzeitig befinden sich im Hauptgebäude von Pharos die modernsten Computer, die Jan Fabel bislang gesehen hat. Ist das nicht ein Widerspruch? Sehr merkwürdig auch, dass die Journalistin Meliha, die Pharos ins Visier genommen hat, spurlos verschwunden ist und es scheint, als habe es sie nie gegeben. Jemand hat gründlich hinter ihr aufgeräumt und versucht, ihre Identität auszulöschen. Doch mit viel Glück stehen Fabel und seine Kollegen doch irgendwann in Melihas Wohnung und können dort nach Spuren suchen.

Die Spurensuche ist recht spannend gelungen. Auch dass die Polizei praktisch gleichzeitig in zwei Fällen ermittelt – nämlich dem Network-Killer-Fall und dem Fall der verschwundenen Meliha – ist durchaus gelungen, auch wenn man natürlich früh ahnt, dass beides zusammen hängt und am Ende die Organisation hinter den Morden steht (zu denen sich im Laufe der Geschichte natürlich noch einige hinzugesellen).

Der Spannungsbogen ist daher ganz nett gelungen, auch wenn mir die Grundidee des Buches nicht so zugesagt hat, da ich sie bereits zu abgegriffen finde. Unterstützt wird die Spannung durch David Nathans gelungenen Vortrag, der mit seiner tiefen Stimme und den stets passenden Nuancen immer wieder zu der düsteren Atmosphäre beiträgt. Besonders gelungen fand ich auch die dramatische Musik, die am Ende einiger Kapitel eingespielt wurde und mir dabei immer wieder einen Schauer über den Rücken hat laufen lassen. Die Atmosphäre in diesem Hörbuch ist wirklich hervorragend gelungen, was in erster Linie natürlich David Nathan – der nicht nur als Hörbuchsprecher hinlänglich bekannt ist, sondern vor allem als Synchronsprecher von Johnny Depp oder Christian Bale – zu verdanken ist, der wie immer eine mehr als solide Sprecherleistung abliefert.

Aber zurück zum Inhalt: Durch die parallele Ermittlung in zwei Fällen ist die Geschichte mitunter leider recht verwirrend, da man nicht so recht weiß, worauf alles hinaus laufen soll. Am Ende präsentiert uns Craig Russell eine Auflösung, mit der ich zugegebenermaßen nicht gerechnet habe, die mich allerdings auch nicht vollauf überzeugen konnte. Zwar war alles in sich stimmig, doch empfand ich die Auflösung als etwas zu „platt“.

_Was am Ende übrig bleibt_

Unter dem Strich ist „Tiefenangst“ ein recht solider Thriller, der sich rund um das Internet und eine mysteriöse Umweltorganisation dreht. Spannend wird es, als die Polizei beginnt, der verschwundenen Freundin eines Hamburger Senators nachzuforschen, denn ab dem Moment gibt Craig Russell wohldosiert immer mal wieder neue Hinweise, die zur Aufklärung des Falles beitragen. Dadurch baut sich immer mehr Spannung auf und man wird zum Mitraten animiert. Nichtsdestotrotz konnte mich der Fall nicht wirklich überzeugen, denn als die Polizei beginnt, die verschiedenen Männer zu treffen, mit denen die Opfer des Network-Killers zuletzt Kontakt hatten, franst der Fall etwas aus und wird unübersichtlich. Da verliert man schnell den Faden, gerade bei einem Hörbuch. Auch die Auflösung fand ich nicht vollauf überzeugend. Diesem zwar soliden, aber doch eher mittelmäßigen Fall steht der gelungene Vortrag David Nathans gegenüber, der zusammen mit der leider etwas spärlich eingesetzten dramatischen Musik für eine düstere Atmosphäre sorgt und das Zuhören doch wieder zu einem Genuss macht.

Download-Version mit 7:34 h Spieldauer
Originaltitel: A Fear of Dark Water
www.audible.de

auch erschienen als:

6 Audio-CDs mit 454 Minuten Spieldauer
Sprecher: David Nathan
ISBN-13: 978-3-7857-4464-2
www.luebbe.de

Koglin, Michael – Bluttaufe (Lesung)

In der Nähe Lüneburgs wird eine zerstückelte Leiche gefunden – die Körperteile sind abgetrennt und zu einem morbiden Gesamtkunstwerk drapiert. Wegen eines Kassenbons wird der Hamburger Kommissar Peer Mangold zu dem Fall hinzugerufen. Unterstützung erhält die Polizei darüber hinaus von einem ehemaligen Kriegsberichterstatter und von der Profilerin Kaja Winterstein. Mysteriös sind die frischen Samenspuren auf der Leiche, die einem Wachmann zugeordnet werden können, der bereits seit mehreren Monaten tot ist. Schnell wird der Polizei klar, dass der Täter einen berühmten Massenmörder nachgeahmt hat, nämlich Ted Bundy.

Bei der einen Leiche bleibt es nicht lange, schon bald darauf wird eine weitere grausam zugerichtete Leiche gefunden. Auch dieser Mann wurde noch zu Lebzeiten brutal misshandelt – und wieder hat der Täter nach einem berühmten Vorbild gehandelt.

Kurz darauf meldet er sich bei der Polizei und gibt ihr einige Hinweise, um sein perfides Katz-und-Maus-Spiel voranzutreiben. Alles deutet darauf hin, dass es sich bei dem Täter um einen so genannten Savant handelt, einen Inselbegabten mit außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten. Zur Unterstützung holt sich die Polizei einen anderen Savant, der innerhalb kürzester Zeit auf alle Rechner der Polizei einen Trojaner einschleust und der offensichtlich auch mit dem Täter Kontakt aufgenommen hat.

Immer wieder kann die Polizei kleine Hinweise entschlüsseln, die sie zum nächsten Opfer führen und auch dem Täter näher bringen. Doch offensichtlich verfolgt der Täter nur ein Ziel und hatte von Anfang an nur eine Person im Visier und der kommt er immer näher …

_Katz-und-Maus-Spiel_

„Bluttaufe“ beginnt fulminant – eine grausam zugerichtete Leiche wird aufgefunden – eine Tat, die dem Vorbild Ted Bundys entspricht. Schnell bringt Michael Koglin nicht nur sein gesamtes Ermittlerteam ins Spiel, sondern auch die nächste Leiche. Und früh nimmt der Täter Kontakt mit Mangold auf und schließlich auch mit den anderen Ermittlern. Mit diesen kleinen Hinweisen treibt er ein Katz-und-Maus-Spiel voran, wie es zunächst kaum spannender sein könnte. Man weiß nicht, worauf das alles hinauslaufen soll, welche Ziele der Täter verfolgt und um wen es sich eigentlich handelt.

Doch je länger das Hörbuch andauert, umso ermüdender wird der ganze Fall. Alles läuft nach dem immer wieder gleichen Muster ab: Der Täter gibt einen kryptischen Hinweis, die Polizei entschlüsselt ihn und findet die nächste Leiche oder eine Spur, die zum Täter führen könnte. Ziemlich abstrus wird es dann, als klar wird, dass es sich bei dem Täter um einen Savant handeln muss und die Polizisten die kuriose Idee haben, einen anderen Savant einzuschleusen, um dem Täter näher zu kommen. Doch mit einem Savant kommuniziert es sich nicht gut, und so kommt die Polizei nicht so recht voran.

Im weiteren Verlauf der Geschichte bewegen wir uns aus Norddeutschland fort, einige Hinweise führen nach Griechenland, andere nach Südspanien. So spaltet sich das Ermittlerteam auf und jeder verfolgt andere Spuren. Doch einige davon gelten natürlich nur der Ablenkung, und so verschwindet schließlich ein Mitglied des Ermittlerteams auf dem Weg nach Spanien …

Aus meiner Sicht zerfasert der Fall immer mehr, wird immer unübersichtlicher und abstruser. Ganz hanebüchen wird es, als die Theorie aufkommt, bei dem Savant handele es sich um einen ehemaligen Siamesischen Zwilling, der nun seinen anderen Zwilling wiedererwecken möchte – also bitteschön, wie weit hergeholt ist das denn? Mit dieser Auflösung konnte mich Michael Koglin beim besten Willen nicht überzeugen. Während der Fall zunächst vielversprechend beginnt, übertreibt es Koglin im weiteren Verlauf des Falles immer mehr, sodass ich am Ende ziemlich enttäuscht war, zumal in den letzten 10 bis 15 Minuten des Hörbuchs alles holterdiepolter geht, der Täter identifiziert, aufgefunden und ausgeschaltet wird, um sein letztes Opfer noch rechtzeitig zu retten. Ich war zwar auf der einen Seite ganz froh, dass wir hier zu einem Ende gekommen sind, aber bei all dem Vorgeplänkel vorweg, kam das Ende dann doch zu fix.

_Auf die Ohren_

Martin Kessler war mir bislang als Hörbuchsprecher völlig unbekannt, aber seitdem ich gelesen habe, dass er die Synchronstimme von Vin Diesel und Nicolas Cage ist, weiß ich auch, warum mir sein Vortrag nicht sonderlich zugesagt hat, denn ich mag beide Schauspieler nicht. Auf der einen Seite leiert Kessler seinen Text recht eintönig runter, aber wenn es darum geht, in den Dialogen in verschiedene Rollen zu schlüpfen, finde ich seine Stimminterpretation etwas zu übertrieben. Und wenn er in die Täterperspektive wechselt, ist dieser Wechsel schwierig nachzuvollziehen.

_Norddeutsche Morde_

„Blutaufe“ lässt sich zu Beginn sehr vielversprechend an, der Fall beginnt spannend und fulminant. Zwar bringt Koglin meiner Ansicht nach zu viele Personen ins Spiel – mehrere Ermittler, den Kriegsberichterstatter, die Profilerin und dann noch eine Nachbarin Mangolds, die immer wieder auftaucht, aber nie eine wirkliche Rolle spielt. Doch im weiteren Verlauf verpufft die Spannung immer mehr, weil Koglin es einfach übertreibt, noch mehr Personen ins Spiel bringt und seinem Fall eine sehr abstruse Wendung gibt. Die Auflösung ist dann auch gänzlich hanebüchen, sodass ich keine große Lust auf einen weiteren Fall von Peer Mangold habe. Auch der Vortrag von Martin Kessler konnte mich nicht überzeugen – schade!

|Download-Version mit 8:05 h Spieldauer|
[www.audible.de]http://www.audible.de

Preston, Douglas & Child, Lincoln – Mission – Spiel auf Zeit

So faszinierend wie Special Agent Pendergast soll er sein – der neue Held vom Erfolgsduo Preston & Child! Gideon Crew heißt er und wird als tickende Zeitbombe beschrieben, denn in seinem Gehirn hat er ein Aneurysma, das ihn jederzeit töten könnte. Also verspürt er keinerlei Angst und übernimmt selbst die gefährlichsten Aufträge.

Wollen wir uns anschauen, ob Douglas Preston und Lincoln Child mit ihrem neuesten Werk an die erfolgreiche „Pendergast“-Reihe anknüpfen können und ob Gideon Crew tatsächlich die gleiche Faszination entwickeln kann wie der eigenwillige Pendergast!

_Auftragsagent_

Als Kind musste Gideon Crew miterleben, wie sein Vater erschossen wurde, nachdem er aus noch unerfindlichen Gründen Geiseln genommen, diese aber frei gelassen hatte. Seine Mutter ist es, die Gideon das Versprechen abnimmt, seinen Vater zu rächen, denn er ist Opfer einer Intrige geworden. Und diese möchte Gideon nun aufdecken. Erst mit Anfang 30 kann er schließlich in einem fulminanten Showdown den einstigen Widersacher seines Vaters töten.

Doch damit nicht genug erhält er kurz darauf einen brisanten Auftrag: Ein Chinese, der in einem Flugzeug gen USA sitzt, trägt angeblich den Plan für eine Geheimwaffe am Leib und Gideon soll diesen Plan wiederbeschaffen. Doch schon die Taxifahrt vom Flughafen aus endet für den Chinesen fatal: Er wird in einen fürchterlichen Unfall verwickelt und schwer verletzt. Gideon eilt ihm zu Hilfe und erfährt vom Chinesen eine mysteriöse Zahlenreihe. Im Krankenhaus stirbt der Chinese. Gideon gibt sich als sein Lebensgefährte aus, um die persönlichen Sachen genau durchsuchen zu können, doch nirgends steckt dieser Plan und aus der Zahlenreihe wird Gideon einfach nicht schlau. Wo hat der Chinese den Plan versteckt? Hat er ihn etwa nicht am, sondern IM Leib getragen?

Allerdings ist Gideon nicht der Einzige, der Jagd auf den Chinesen und den Plan für die Geheimwaffe macht. Ein chinesischer Auftragskiller ist ihm stets auf den Fersen, aber auch eine Frau, die vorgibt, für die CIA zu arbeiten, möchte von Gideon alles ganz genau wissen. Mit ihr schließt Gideon einen gefährlichen Pakt, denn er weiß nun, wo der Chinese das Gesuchte versteckt hat und ist überzeugt, dass nur einer die Bergung dessen überleben kann – er selbst oder der chinesische Killer Nodding Crane.

_Hirnlos_

Als spannender Agententhriller wird „Mission – Spiel auf Zeit“ beworben, aber vor allem locken die Versprechungen eines faszinierenden Ermittlers, der genau in die gleiche Kerbe schlägt wie Special Agent Pendergast. Die Messlatte haben Preston & Child bzw. die Verlagswerbung demnach hoch gelegt – und mussten entsprechend scheitern. Schon im ersten Teil des Buches, in dem Gideon seinen Vater rächt, offenbart die Schwächen des vorliegenden Thrillers: Denn Preston & Child bedienen sich der simpelsten Elemente für ihren Roman: Stereotype Charaktere und eine Sprache, wie sie einfacher nicht sein könnte. Die Sätze sind kurz, die Dialoge stets einfach gehalten, und auch als die beiden Autoren schließlich offenbaren, um was für eine Geheimwaffe es sich handelt und sie sich eigentlich ins Gebiet der Physik begeben müssten, um diese näher zu erläutern, ersparen sie sich jegliche weiterführenden Erklärungen, um auch bloß keinen der intellektuell womöglich etwas minderbemittelten Leser zu verlieren.

Die Handlung rast von einem Actionschauplatz zum nächsten. Ein Widersacher nach dem anderen taucht auf, verbündet sich mitunter mit Gideon, um ihn dann schließlich aber doch zu hintergehen. Es gibt Verfolgungsjagden, Schusswechsel, schlimme Verletzungen, die am besten bis ins letzte Detail beschrieben werden, und natürlich einen groß angelegten Showdown, der nur ein minimales Spannungsmoment enthält, das aber sofort verpufft.

Schon die „Pendergast“-Romane dienten natürlich einzig der lockeren Unterhaltung, doch mit ihrem Special Agent haben Preston & Child eine kauzige Figur geschaffen, die Ecken und Kanten hat, dem Leser sympathisch ist, aber dennoch stets undurchschaubar bleibt und deswegen auch eine Faszination entwickelt. Gideon Crew dagegen ist das Stereotyp eines Mannes, der praktisch alles kann. Auch wenn er nicht als Agent ausgebildet ist, merkt er instinktiv, wenn er verfolgt wird, kann seine Verfolger natürlich abschütteln und sie schließlich auch besiegen. Erklärt wird diese Allmacht mit dem Aneurysma, das wie eine tickende Zeitbombe in Gideons Kopf herumschwirrt und ihn unweigerlich töten wird, sodass er vor nichts Angst zu haben braucht. Doch mir reicht das nicht als Erklärung, denn wenn mir jemand unterbreiten würde, dass ich höchstens noch ein Jahr zu leben hätte und gut und gerne auch morgen schon tot umfallen könnte, würde ich sicherlich die letzten Tage, Wochen oder Monate meines Lebens genießen und nicht irgendwelche undurchsichtigen und gefährlichen Aufträge erledigen.

Spannung baut sich auch gar nicht auf, da schon klar ist, wer am Ende die Oberhand behalten wird, denn man würde seinen neu aufgebauten Superhelden ja nicht gleich im ersten Buch opfern, oder? Gideons Gegenspieler Nodding Crane ist mir bis zum Ende ein Rätsel geblieben. Von ihm erfährt man nicht viel mehr, als dass er eine rücksichtslose Tötungsmaschine ist, die gar nicht so sehr den Plan für die Geheimwaffe haben möchte, sondern vielmehr dazu eingesetzt ist, alle Mitwisser auszuschalten. Doch wieso um Himmels Willen lässt Nodding Crane (was für ein dämlicher Name überhaupt?) dann eine gute Gelegenheit nach der anderen aus, in der er Gideon locker hätte ausschalten können? Nein, natürlich wartet er brav bis zum finalen Showdown, lässt sich von seinem Gegner genau dorthin locken, wo er ihn haben möchte und tritt dann schließlich auch noch in die bescheuertste Falle, die man sich vorstellen kann. Die Story ist absolut hanebüchen und entbehrt jeglicher Logik!

_Enttäuscht_

Für mich scheitert das Projekt Gideon Crew auf ganzer Linie – weder schaffen Preston und Child es, einen charismatischen neuen Helden einzuführen, noch entwickeln sie in ihrer absolut vorhersehbaren Story auch nur ein Fünkchen an Spannung oder überzeugen womöglich sprachlich. Wer Matthew Reilly liest (oder liebt) – und das war so mit das Schlechteste, was ich in meinem ganzen Leben gelesen habe – der dürfte vermutlich Gefallen am vorliegenden Roman finden, doch wer auf gute Agentenstorys steht, der sollte tunlichst zu Daniel Silva greifen und bloß die Finger von diesem Erguss lassen. Bleibt nur zu hoffen, dass Douglas Preston und Lincoln Child sich ganz schnell auf ihre Erfolgsfigur Pendergast besinnen und Crew einen Ehrentod sterben lassen, auch wenn sie auf den letzten Seiten bereits zu Crews zweitem Fall überleiten …

|Hardcover: 432 Seiten
Originaltitel: Gideon’s Sword
ISBN-13: 978-3426199039|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

_Douglas Preston und Lincoln Child bei |Buchwurm.info|:_
[„Riptide – Mörderische Flut“ 71
[„Formula – Tunnel des Grauens“ 192
[„Ritual – Höhle des Schreckens“ 656
[„Burncase – Geruch des Teufels“ 1725
[„Burncase – Geruch des Teufels (Hörbuch)“ 2193
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 2809
[„Maniac – Fluch der Vergangenheit“ 4249
[„Canyon“ 4243
[„Das Patent“ 701
[„Darkness. Wettlauf mit der Zeit“ 5681
[„Fever. Schatten der Vergangenheit“ 6942

Barceló, Elia – Töchter des Schweigens

Im Sommer 1974 ist etwas passiert, das das Leben von sieben jungen Mädchen für immer verändert hat. Mit 18 haben sie auf ihrer Klassenfahrt etwas erlebt, das ihr Leben seitdem bestimmt und in ganz andere Bahnen gelenkt hat. Keine der sieben Frauen kann vergessen, was geschehen ist, und 33 Jahre später holt die Vergangenheit sie wieder ein. Zwei von ihnen haben kurz danach das Land verlassen und sich ein neues Leben aufgebaut, 2007 treffen sie sich erstmals alle wieder. Eine der sieben Frauen ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen – zunächst sieht es aus, als habe Lena sich die Pulsadern aufgeschnitten, doch wie konnte dann die Rasierklinge verschwinden? Wer profitiert von Lenas Tod? Und wieso hat jemand Spuren ausgelegt, die Rita als Schuldige dastehen lassen?

Rita, Lena, Teresa, Sole, Candela, Carmen und Ana waren einst unzertrennlich, sie haben den Rest ihrer Schulzeit gemeinsam verlebt und hatten große Pläne für die Zeit nach dem Abitur. In Valencia wollten sie studieren und dort ihre Freiheit genießen, doch dann kommt die Klassenfahrt nach Mallorca dazwischen, die alles über den Haufen wirft. Doch was ist auf dieser Fahrt geschehen, das sich dermaßen ins Gedächtnis der Frauen eingebrannt hat? Manch eine der Freundinnen hat daraufhin einen ganz anderen Weg eingeschlagen, etwas anderes studiert oder sich in die Ehe geflüchtet. Bei ihrem Wiedersehen 2007 versuchen sie, das Erlebte aufzuarbeiten. Erstmals gestehen sie sich, welche Wendungen ihr Leben genommen hat und welche Probleme sie schon damals 1974 gehabt haben, von denen manchmal nicht einmal ihre besten Freundinnen etwas geahnt hatten.

_Wendepunkt_

Das Buch beginnt im Juni 2007, wo die berühmte Filmregisseurin Rita Montero ihre Freundin Lena besuchen will, die Wohnungstür aber offen vorfindet. Als sie die Wohnung betritt, kommt ihr schon alles sehr merkwürdig vor. Langsam tastet sie sich von Zimmer zu Zimmer vor – bis sie Lena im Badezimmer findet. Sie liegt tot in der Badewanne, die Pulsadern aufgeschnitten. Rita erinnert sich zurück, denn schon einmal hat sie Lena mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden – nur winzige Narben an den Handgelenken zeugten noch von dieser Tat. Doch dieses Mal ist Lena wirklich tot, und dabei hatte sie Rita doch zu einem Abendessen eingeladen, um ihr etwas Wichtiges zu sagen. Die fertige Suppe steht noch auf dem Tisch. Was ist in Lenas Wohnung geschehen? Die Polizei ahnt schnell, dass Lena ermordet wurde, schließlich fehlt von der Rasierklinge jede Spur. Und Rita Montero hat eindeutig etwas zu verbergen – nur was?

Doch nicht nur Rita hat einiges auf dem Herzen. Zu dem Wiedersehen mit ihren ehemaligen Freundinnen, die sie seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen hat, hat sie als seelisch-moralische Unterstützung ihre persönliche Assistentin und Lebensgefährtin Ingrid mitgebracht, doch Ingrid ahnt nichts von den Erlebnissen des Sommers 1974, denn keine der Freundinnen hat je über das Erlebte gesprochen. Lena war die Erste, die zu dem stehen wollte, was sie damals gesehen und erlebt hat.

Aber alle anderen Freundinnen haben auch ihr Päcklein zu tragen: Sole ist in eine Diplomatenehe geflüchtet, die sie nach Kuba geführt hat. Glücklich ist sie nicht, weiß sie doch von der Affäre ihres Mannes. Zudem hat ihr eigener Onkel ihr einst die Unschuld geraubt. Carmen hat immer noch nicht verwunden, dass sie damals nicht studieren konnte, weil sie ungewollt schwanger geworden ist. Ihre erste Ehe ist gescheitert, die zweite auch, und nun hat sie eine eher unglückliche Affäre mit einem verheirateten Mann. Candela hat nie geheiratet, hatte aber die eine oder andere Beziehung, doch keine der Freundinnen hat jemals geahnt, dass Candela gar nicht auf Männer steht. Und nur eine von ihnen weiß, dass Candela schwer krank ist und nicht mehr lange zu leben hat. Doch vorher möchte sie noch ihre einzig wahre Liebe zurückerobern, die 1974 ein so plötzliches und schmerzhaftes Ende gefunden hat.

_Fragezeichen_

Elia Barceló schafft das nahezu Unmögliche: Von der ersten Seite an hatte sie mich gepackt. Schon im ersten Kapitel legt sie Spuren aus, die unweigerlich ins Jahr 1974 führen, in dem etwas schier Unglaubliches passiert sein muss. Doch nur nach und nach erzählt sie vom Sommer 1974, in dem die sieben Mädchen Abitur gemacht haben. Parallel erzählt uns Barceló die Lebensgeschichte der sieben Frauen, berichtet wie sich das Leben jeder einzelnen unweigerlich verändert hat, welche Sorgen und Nöte die jungen Mädchen hatten und worüber sie sich jetzt im Jahr 2007 sorgen. Keine der sieben hatte ein leichtes Leben, jede hat nicht nur die Last der Schuld zu tragen, sondern jede Einzelne hat unglückliche Beziehungen hinter sich, gescheiterte Ehen, Familientragödien oder Ähnliches. Auf leider nur 422 Seiten eröffnet sich uns ein ganzes Universum von Lebensgeschichten bzw. -tragödien. Elia Barceló beweist dabei auf jeder einzelnen Seite, dass sie eine wunderbare und sehr geschickte Erzählerin ist. In farbenfrohen Worten schildert sie uns, was jede der sieben Frauen erlebt hat und macht uns dabei zu einer achten Freundin, die alles hautnah miterlebt und zu jeder der Frauen eine innige Beziehung aufbaut, weil man mit jeder Einzelnen mitleidet.

Die erzählte Geschichte baut dabei immer Faszination auf, man wird beim Lesen immer weiter in die Geschehnisse verstrickt und fiebert auf die Auflösung, die selbstverständlich erst wenige Seiten vor Schluss kommt. Elia Barceló spitzt ihre Erzählung dabei immer weiter zu, springt von der Gegenwart in die Vergangenheit und an einer besonders spannenden Stelle wieder zurück, um ihre Leser immer mehr gefangen zu nehmen und nicht wieder los zu lassen. Der Spannungsbogen setzt bereits im ersten Kapitel ein, in dem wir von Lenas Tod erfahren, und auch schnell klar wird, dass in dem Leben der sieben Freundinnen etwas ganz Entscheidendes geschehen sein muss. Langsam aber sicher steigt die Spannung immer weiter an, je mehr man sich den entscheidenden Ereignissen des Sommers 1974 nähert.

Auch sprachlich braucht Barceló sich nicht zu verstecken, sie ist eine großartige Erzählerin, nicht nur wegen der gelungenen und authentischen Charaktere oder wegen der Faszination, die die Geschichte entwickelt, sondern auch wegen der wunderbaren Worte, die Barceló wählt, um ihre Geschichte zu erzählen. Es ist zwar eine leicht verständliche Sprache, doch schmückt Barceló wunderbar aus und lässt damit farbenfrohe Bilder von dem inneren Auge ihrer Leser entstehen. Stets ist man ganz nah dabei, hat alles vor Augen und versinkt förmlich in der Welt der sieben Freundinnen.

Nur eins könnte man Elia Barceló ankreiden und zwar, dass sie es ihren Leserinnen nicht ganz leicht macht. Zwar verrät uns jedes Kapitel, in welchem Jahr und in welchem Monat es spielt, doch da die Ereignisse sehr nah beieinanderliegen und Barceló immer wieder hin und her springt, ist es nicht ganz leicht nachzuvollziehen, an welcher Stelle genau wir uns wiederfinden. Mal ist Lena beispielsweise schon tot, dann wiederum springen wir zu einem kleinen Fest zurück, an dem sie noch gelebt hat. All dies geschah im Mai 2007, sodass man sich erst neu einlesen muss, um herauszufinden, ob wir uns vor den bisherigen Ereignissen befinden oder ob wir wirklich in der Gegenwart gelandet sind. Hätte Elia Barceló den genauen Tag dazugeschrieben, wäre es deutlich leichter gewesen, sich zurechtzufinden.

_Faszination_

Was Elia Barceló mit „Töchter des Schweigens“ abgeliefert hat, ist ganz großes Kino! Von der ersten Seite an schafft sie es, ihre Leser mitzureißen, in dem sie früh ihren Spannungsbogen ansetzt und von da an kontinuierlich ansteigen lässt, bis die Nerven jedes einzelnen Lesers bis zum Zerreißen gespannt sein dürften. Ihre Geschichte birgt eine unglaubliche Faszination – wegen der authentischen und sympathischen Charaktere und vor allem auch, weil man einfach wissen _muss_, was 1974 geschehen ist, das das Leben von sieben jungen Frauen derart durcheinandergewirbelt hat. Und so viel sei verraten: Es ist wirklich etwas Schreckliches, das vorgefallen ist, etwas mit dem der Leser nicht gerechnet hätte und das einen trifft wie ein Faustschlag direkt in den Magen. „Töchter des Schweigens“ überzeugt erzählerisch auf ganzer Linie und wird einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherregal einnehmen, denn dieses Buch habe ich mit Sicherheit nicht zum letzten Mal gelesen. Selten hat mich ein Buch so sehr mitgerissen und mich beeindruckt wie dieses, daher kann ich es uneingeschränkt weiterempfehlen!

|Hardcover: 432 Seiten
Originaltitel: Las largas sombras
ISBN-13: 978-3866122666|
[www.piper-verlag.de/pendo]http://www.piper-verlag.de/pendo

Feldkirchner, Jennifer – Flunkerclub, Der

Lügen darf man nicht – so bringt man es schon kleinen Kindern bei. Und was bei Menschen gilt, zählt auch im Tierreich so, beispielsweise bei den Ratten. Doch manchmal würde man sich ja gerne mal stärker machen, als man ist, man würde gerne Abenteuer erleben, und sei es nur in einer erfundenen Geschichte, oder man würde gerne einen Riesenkäse verputzen können. So geht es auch den vier Rattenfreunden Rita, Rodney, Rüdiger und Ralf. Eines Tages entsteht aus diesem Wunsch heraus der Flunkerclub, so treffen die vier Freunde sich fortan an einem Abend der Woche, um sich gegenseitig etwas vorzuflunkern.

Nach fünf Treffen ist daraus dieses herrliche Buch entstanden, in dem wir von den Abenteuern der vier Ratten hören. Dabei erfahren wir unter anderem, dass Rita eigentlich eine Prinzessin ist, die eines Tages aus ihrem Palast fliehen konnte, allerdings musste sie sich dafür von einem Stück ihres Schwanzes trennen. In Freiheit hat Rita nun schon einige Abenteuer erlebt, so hat sie Erfahrungen beim Bungee Springen gesammelt oder musste sich vor einer großen Überschwemmung retten. In anderen Geschichten treffen wir auf einen Zauberlehrling, der auf der Suche nach dem richtigen Zaubertrick ist, um seine Zauberprüfung zu bestehen, am Ende schließt er mit einem sensationellen bunten Bonbonregen als bester die Prüfung ab. Wir lernen eine stinkende Ratte kennen, die in der Kanalisation lebt, und auch eine Farbratte, die sich bei dem Friseur ihres Vertrauens ihr Fell in ganz exklusiven Farben gestalten lässt. In einer anderen Geschichte wird ein schlecht gelaunter Igel gerettet, in einer anderen entwickelt Ralf als Laborratte Superkräfte.

_Erstunken und erlogen_

Abenteuer wie diese erzählen sich die vier Ratten bei ihren Treffen, auf die sie sich natürlich immer gut vorbereiten und auch riesig freuen. Die Vorfreude ist so groß, dass jeder zuerst seine Geschichte erzählen möchte und deswegen die Reihenfolge der Erzählenden ausgelost werden muss. Manchmal sind es schier unglaubliche Abenteuer, die die Ratten erleben, manchmal sind es aber auch eher lustige Geschichten bzw. merkwürdige Begegnungen. Die Bandbreite an erzählten Geschichten ist riesig, sodass für jeden etwas dabei ist. Die vier Ratten beweisen eine wahnsinnige Kreativität, denn keine der Geschichten ist langweilig, sondern man freut sich auf jede einzelne Anekdote.

Da es sich bei dem „Flunkerclub“ um ein Kinderbuch handelt, können die Kinder beim Lesen oder Zuhören natürlich auch wieder etwas lernen, und zwar nicht nur, dass man eigentlich nicht lügen darf, sondern Kinder lernen hier z. B., was Freundschaft ist, denn in vielen der Geschichten geht es um Hilfsbereitschaft und darum, dass die Ratten sich gegenseitig oder jemand anderem helfen, so retten sie beispielsweise einen Igel, obwohl dieser sie zuvor noch schrecklich beleidigt hat (was man natürlich nicht tun darf!). Aber sofort bringen die Ratten dem Igel besseres Benehmen bei, sodass er lernt, dass man „bitte“ und „danke“ zu sagen hat. Auch dieses können Kinder in diesem Buch mitnehmen. Aber keine Angst: Auch wenn Kinder ganz nebenbei etwas lernen können, steht doch die Unterhaltung im Vordergrund. Alle Geschichten sind absolut lesenswert, sie sind lustig, spannend, abenteuerlich und auf jeden Fall unterhaltsam.

Besonders gelungen ist die Illustration sämtlicher Geschichten, so hat die Autorin Jennifer Feldkirchner alle Abenteuer in Wort und Bild festgehalten, laut Verlagsinfo finden sich 73 Abbildungen in dem Buch. Zudem beginnt jede einzelne Geschichte mit einem kleinen „Rattenlogo“, sodass man schnell den Beginn einer jeden Geschichte findet. Die Zeichnungen untermalen das Erzählte ganz hervorragend, oftmals sind es Schwarz-Weiß-Zeichnungen, sehr häufig aber auch farbenfroh gestaltete Bilder, die dem Leser sofort ins Auge springen. Mit ihrem unvergleichlichen Zeichenstil hat Jennifer Feldkirchner alle Emotionen und Erlebnisse eingefangen. Jede Ratte zeichnet sich durch eine bestimmte Eigenart aus, sei es der gekürzte Schwanz, die kleine Glatze oder die besonders sorgfältig gekämmten Haare. In ihren Gesichtern spiegeln sich in jedem Bild die Emotionen der putzigen Gefährten wider, sei es Freude, Überraschung oder auch mal Angst und Schrecken. Die Zeichnungen sind auf der einen Seite ausdrucksstark, auf der anderen aber auch kindgerecht einfach gehalten, sodass man auch schon jüngeren Kindern die Geschichten vorlesen und ihnen die Bilder zeigen kann. Gerade weil es sich um recht kurze Geschichten handelt – insgesamt erzählen sich die Ratten an fünf Abenden 20 Geschichten – eignen sie sich gut zum Vorlesen.

_Rattenscharf_

Das Buch überzeugt in Wort und Bild auf ganzer Linie. Die Lügenmärchen der Ratten sind einfach nur süß und unterhaltsam, untermalt werden sie von herrlichen Zeichnungen, die oftmals auch farbig gestaltet sind und entsprechend ins Auge fallen. Auch wenn sich „Der Flunkerclub“ zunächst an Kinder wendet, wird auch der erwachsene Leser großartig unterhalten! Schließlich sollte jeder ein wenig das Kind in sich bewahren und sich an solcherlei Lügenmärchen erfreuen können!

|Taschenbuch: 139 Seiten
ISBN-13: 978-3940951724|
[www.verlagpb.de]http://www.verlagpb.de

_Jennifer Feldkirchner bei |Buchwurm.info|:_
[„Paule das kleine Stinktier“ 4931
[„Neue Abenteuer vom kleinen Stinktier Paule“ 5628

Veloso, Ana – indigoblaue Schleier, Der

Seit ihrem Erfolgsdebüt „Der Duft der Kaffeeblüte“ ist Ana Veloso den Freundinnen eines guten Romantikschmökers ein Begriff. Veloso entführt ihre Leserinnen – ihr Zielpublikum ist nun einmal eindeutig weiblich – in exotische Länder und erzählt in mitunter epischer Breite eine immer wieder romantische und herzzerreißende Geschichte. So auch bei ihrem neuesten Roman „Der indigoblaue Schleier“.

_Verschleierte Lebensgeschichte_

Im Jahr 1616 spielt ein kleines Mädchen im Garten ihres Elternhauses, als ihr drei Frangipani-Blüten vor die Füße fallen. Sie spielt mit den Blüten, steckt sich eine ins Haar und schmückt mit einer weiteren den Zopf ihrer Puppe. Kurz darauf ruft die strenge Stimme ihrer Kinderfrau sie ins Haus zurück. Ihr Vater will Bhavani sehen. Doch dieses Mal ist er nicht in Spiellaune und sehr kurz angebunden. Er erklärt seiner Tochter, dass sie auf ihren jüngeren Bruder aufpassen solle, wenn fremde Männer ihn abholen kommen. Nur knapp schafft er es, Bhavani ein kleines Bündel in die Hand zu drücken, als ihn ein lautes Klirren aufschreckt und tatsächlich fremde Männer das Haus stürmen und Bhavanis Vater gefangen nehmen. Bhavani muss um ihr Leben rennen …

12 Jahre später treffen wir Miguel Ribeiro Cruz, einen jungen Portugiesen, der auf Drängen seiner Eltern ins ferne Goa reist, um ein Auge auf das erfolgreiche Geschäft seines Vaters zu haben. Nicht ganz freiwillig hat Miguel diese Reise angetreten, doch in Portugal hat ihn ein Mädchen bezichtigt, ihm ein Kind angehängt und dann im Stich gelassen zu haben. Miguel ist zwar ein Schwerenöter, doch ausgerechnet in diesem Falle ist er unschuldig. Zähneknirschend macht er sich auf nach Goa und trifft schon an Bord des Schiffes einen Reisegefährten – Carlos Alberto -, der noch eine wichtige Rolle in Miguels Leben spielen wird.

Angekommen in Goa lernt Miguel zunächst Fernando Furtado kennen, den Prokuristen, der in Goa die Geschäfte von Miguels Vater leitet. Gegenseitiges Misstrauen überschattet das Kennenlernen der beiden, denn Miguel soll ein Auge auf das Geschäft seines Vaters haben, da auf dem Weg nach Lissabon unzählige Säcke Pfeffer und anderer Waren verloren gehen. Gleichzeitig möchte Miguel auch selbst Handel treiben, um seinem Vater zu beweisen, dass er ebenfalls den richtigen Riecher für ein erfolgreiches Geschäft hat.

Kurz nach seiner Ankunft in Goa erblickt er in der Stadt eine verschleierte Frau – die geheimnisvolle Dona Amba, die nur selten in die Stadt kommt und ihr Gesicht stets hinter einem Schleier verbirgt. Miguel ist sofort fasziniert von der Frau und ahnt, dass sich hinter dem Schleier eine Schönheit verbergen muss. Amba allerdings hat Angst, dass der junge Portugiese in seiner Hartnäckigkeit hinter ihr Geheimnis kommt und ihre Tarnung auffliegen lässt. Doch nach und nach fühlt auch sie sich zu dem jungen gutaussehenden Portugiesen hingezogen.

_Schicksale_

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Miguel Ribeiro Cruz und Dona Amba, die sich nur auf Umwegen näher kommen. Miguel wird von zuhause fortgeschickt, da niemand an seine Unschuld glaubt und er als jüngerer Sohn ohnehin nicht die Geschäfte seines Vaters übernehmen wird. So sucht Miguel zwangsläufig in Goa sein Glück. Allerdings macht er sich dort früh Feinde: Sein Reisegefährte Carlos Alberto plant zwielichtigen Handel mit gefälschten Reliquien und benötigt Miguels Geld und seinen guten Namen als Startkapital. Als Miguel ihm beides verweigert, macht er sich damit einen Feind fürs Leben, der zu Miguels Leidwesen bald als rechte Hand des Inquisitors in Goa sein Unwesen treibt und Rache an dem ehemaligen Freund üben möchte.

Doch Miguels erste Sorge gilt immer wieder Dona Amba, die ihn fasziniert, obwohl er nie ihr Gesicht gesehen hat und er befürchten muss, dass sie bereits verheiratet ist. Als Miguel eines Tages durch Zufall hinter Ambas Schleier blicken kann, ist er ihr endgültig verfallen. In Portugal haben seine Eltern allerdings bereits eine Verlobte für ihren jüngeren Sohn auserkoren und sie kurzerhand auf ein Schiff nach Goa gesetzt. Dort kommt sie für Miguel zu einem ausgesprochen heiklen Zeitpunkt an und bringt den jungen Mann in höchste Erklärungsnot.

Die zweite Hauptfigur ist die geheimnisvolle Dona Amba, die offensichtlich etwas zu verbergen hat. Der Leser vermutet in ihr natürlich bereits die keine Bhavani aus dem Vorspann, doch wie aus dem jungen Mädchen mit der Frangipani-Blüte im Haar die verschleierte Dame werden konnte, verrät uns Ana Veloso nur scheibchenweise, sodass wir uns lange gedulden müssen, bis wir Ambas Geheimnis erfahren. Amba muss immer um ihr Leben fürchten, da zwei Männer sie jagen und ein hohes Kopfgeld auf sie ausgesetzt haben. Wer trachtet ihr bloß nach dem Leben? Und kann Amba ihren Widersachern entkommen?

Auf rund 700 Seiten lesen wir Ambas Lebensgeschichte, erleben, wie Miguel und sie sich allmählich näher kommen, nur um sich immer weiter voneinander zu entfernen. Wir erleben, wie Miguel aufdeckt, wohin die Pfeffersäcke seines Vaters verschwinden, wie er mit seiner Verlobten gemeinsame Sache macht und sich mit der Inquisition herumschlägt.

_Buntes Treiben_

Ana Veloso hat ihre Geschichte in ein exotisches Land verfrachtet und lässt sie zu einer Zeit spielen, als Inquisition und Cholera gleichermaßen durch Goa wüten und das Leben dort gehörig durcheinanderwirbeln. Recht ausschweifend entführt sie uns an diesen exotischen Ort und beschreibt sehr detailreich, wie Portugiesen und Inder dort nebeneinander gelebt haben, wie sich ihre Kulturen unterschieden, welche Kleidung sie bevorzugten, welche schmackhaften Tees man zu der Zeit getrunken hat und welche leckeren Speisen zu der Zeit auf den Tisch gekommen sind. Durch Velosos blumigen und ausschmückenden Schreibstil bekommt man als Leser alles bildhaft vor Augen geführt und kann sich dadurch alles wunderbar vorstellen und sich in alle Situationen hineinversetzen.

Geschickt fesselt Ana Veloso dabei ihre Leserinnen, indem sie sich lange Zeit damit lässt, Dona Ambas Geheimnis preiszugeben und indem sie die Passagen aus Ambas Vergangenheit nur sehr rar in ihre Geschichte einbaut. Die Fragen, ob Miguel und Amba zueinanderfinden, die Cholera überleben und sich vor der Inquisition retten können, sind es, die einen 700 Seiten lang an das Buch fesseln. Ana Veloso steht für gute Unterhaltung und diesem Anspruch wird sie auch mit ihrem neuesten Buch vollauf gerecht. Wer allerdings „echten Anspruch“ sucht, ist hier natürlich an der falschen Stelle, denn „Der indigoblaue Schleier“ ist ein romantischer Historienschmöker, bei dem man gut abschalten und die Welt um sich herum vergessen kann – nicht mehr und nicht weniger.

|Gebundene Ausgabe: 704 Seiten
ISBN-13: 9783426663332|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de
[www.ana-veloso.de]http://www.ana-veloso.de

_Ana Veloso bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Duft der Kaffeeblüte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3872
[„Das Mädchen am Rio Paraiso“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6057

Jahn, Ryan David – Ein Akt der Gewalt (Lesung)

Ein Akt der Gewalt war es, als Catherine Genovese 1964 niedergestochen und vergewaltigt wurde, während etliche Menschen ihre Schreie gehört haben, ohne einzugreifen oder auch nur Hilfe zu rufen. Diesen Mord hat Drehbuchautor Ryan David Jahn als Vorlage für seinen ersten Thriller genommen.

_Wenn es Nacht wird_

Um vier Uhr morgens macht sich Katrina Marino auf den Heimweg. Ihr Auto hat einen Platten und so muss sie trotz der späten Stunde das Ersatzrad aufziehen. Auf der Fahrt nach Hause nimmt sie eine Abzweigung – wäre sie geradeaus weitergefahren, wäre sie Zeugin eines Unfalls geworden. So parkt sie ihren Wagen in der Nähe ihres Apartments und trifft auf dem Weg zu ihrer Haustür einen Nachbarn – Frank heißt er, meint sie sich zu erinnern. Noch bevor sie ihre Haustür erreichen kann, hört sie ein Geräusch. Ein Mann folgt ihr. Sie beeilt sich, kann die Haustür aufschließen. Aber noch bevor sie sicher in ihre Wohnung schlüpfen kann, ist der Mann bei ihr, sticht auf sie ein und überwältigt sie.

Zur gleichen Zeit kämpfen ihre Nachbarn mit ihrem eigenen Schicksal: Frank macht sich auf den Weg, weil seine Frau Erin der Meinung ist, einen Kinderwagen überfahren zu haben. Also will er kontrollieren, ob seine Frau tatsächlich ein Kind auf dem Gewissen hat. Der 19-jährige Patrick hat einen Einberufungsbefehl erhalten, dabei kümmert er sich doch immer um seine todkranke Mutter, die den Wunsch hegt, ihr unwürdiges Leben zu beenden. Diane streitet sich mit ihrem Ehemann, da sie herausgefunden hat, dass er sie betrügt. Ein Ehepaar liegt im Clinch, weil ein möglicher Paartausch zur Sprache gekommen ist. Ein Mann entdeckt seine Gefühle für einen anderen Mann.

Sie alle kämpfen mit ihren Problemen, hören aber auch Katrinas Schreie. Sollen sie die Polizei rufen? Oder lieber doch nicht die Leitung blockieren? Dann lässt der Mann von Katrina ab und sie versucht schwer verletzt, sich ins Haus zu retten. Zentimeterweise schiebt sie sich vorwärts, sie kämpft, will überleben, die rettende Wohnung erreichen, aber dann hört sie wieder Schritte hinter sich …

_Anfängliches Verwirrspiel_

Eine schreckliche Gewalttat hat Ryan David Jahn dazu veranlasst, seinen packenden Thriller über die mangelnde Hilfsbereitschaft der Menschen zu schreiben. Zunächst begleiten wir Katrina auf ihrem Heimweg. Doch schon auf den ersten Blick merken wir, dass die Nacht für sie nicht gut enden wird. Denn zunächst wird sie von ihrem platten Reifen aufgehalten, dann hört sie bereits beim Reifenwechsel merkwürdige Geräusche, unterwegs wäre sie fast Zeugin eines Unfalls geworden und zuhause schließlich greift ein Mann sie mit einem Messer an. In schrecklichen Einzelheiten schildert Ryan David Jahn die nächtlichen Vorkommnisse, beschreibt Katrinas Gefühle, ihre Ängste, ihr Aussehen und ihre Gedanken. Wir sind ganz nah dran und merken selbst den Luftzug, als der fremde Mann sie von der Wohnungstür zurückreißt und mit dem Messer verletzt. Schonungslos beschreibt Jahn die nackten, bösen Fakten und sorgt damit bereits für Gänsehaut.

Doch dann wechselt plötzlich die Perspektive. Wir lernen neue Menschen kennen – Nachbarn von Katrina, die ebenfalls nicht schlafend im Bett liegen, sondern eigene Sorgen haben, mit ihrem Partner streiten, trauern, über Betrug oder Homosexualität nachdenken. All diese Menschen haben eigene Schicksale, eigene Nöte, andere Gedanken, anderes im Sinn als Hilfe zu leisten. Zu einem Zeitpunkt aber stehen sie alle am Fenster und schauen in den Hof, von dem sie Katrinas Hilferufe hören. Sie alle bemerken, was der jungen Frau Schreckliches widerfahren ist. Sie alle überlegen, ob sie Hilfe rufen sollen. Doch nach und nach beschließen sie alle, den Notruf nicht zu betätigen – um nicht in die Sache hineingezogen zu werden, um die Leitung nicht zu blockieren oder in der Gewissheit, dass sicher schon jemand anderes Hilfe geholt hat. Und so setzt sich Katrinas Martyrium, ihr Kampf um das nackte Überleben, weiter fort.

Viele einzelne Episoden sind es, die Ryan David Jahn zu erzählen hat. Oft wechselt die Perspektive, viele verschiedene Charaktere bringt Jahn ins Spiel, stellt sie uns vor und gibt uns einen kurzen Einblick in ihr Leben. David Nathan, der sich nicht nur als Synchronsprecher – z. B. für Johnny Depp oder Christian Bale -, sondern auch als Hörbuchsprecher bereits einen Namen gemacht hat, muss hier eine Meisterleistung vollbringen. Denn durch die häufigen Perspektivwechsel muss er in seinem Vortrag immer wieder deutlich machen, dass nun etwas Neues kommt, wir neue Menschen kennen lernen, die alte Szene verlassen und uns auf etwas Neues einlassen müssen. Leider schafft Nathan es nicht immer, diesen Wechsel deutlich genug zu machen. Zwar legt er deutliche Pausen ein zwischen den einzelnen Abschnitten, doch vergehen diese beim Hören mitunter recht schnell, sodass man manchmal recht unvermittelt in eine neue Szene geworfen wird. Beim Zuhören verliert man gerade zu Anfang leicht den Faden, da zu viele verschiedene Personen auftauchen, die man ja erstmal einordnen muss. Ein Personenregister, das man zur Hand hätte nehmen können, wäre hilfreich, wird bei einem Online-Download allerdings nicht mitgeliefert. Mir ist das Einhören zu Beginn recht schwergefallen, doch möchte ich das nicht David Nathan ankreiden, der sicherlich sein Bestes getan hat, sämtliche Perspektivwechsel hervorzuheben, doch durch die zahlreichen Charaktere erfordern gerade die ersten ein, zwei Stunden des Hörbuchs eine hohe Konzentration.

Hat man sich aber erst eingehört, die einzelnen Personen eingeordnet und sich in die Geschichte eingefunden, verliert man sich ganz in Nathans Erzählung. Mit seiner tiefen, sonoren Stimme schafft er genau die richtige düstere Atmosphäre, die dieser schrecklichen Geschichte würdig ist. Wörtliche Rede gibt es nicht allzu häufig zu bewältigen, sodass Nathan meist als Erzähler fungiert, und genau in dieser Rolle mag ich ihn am liebsten, denn das Spiel mit verschiedenen Stimmlagen finde ich bei ihm nicht allzu überzeugend, gerade wenn er in Frauenrollen schlüpfen möchte. Aber da das hier nur selten nötig ist, gefällt mir Nathan als Sprecher dieses Hörbuchs sehr gut.

_Düster_

Die Geschichte, die Ryan David Jahn zu erzählen hat, geht unter die Haut. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass sie auf einer wahren Begebenheit beruht. Etliche Menschen hören Hilferufe, sehen eine schwer verletzte Frau im Innenhof liegen (die sie zum Teil sogar als Nachbarin kennen!) und betätigen nicht einmal den Notruf. Wie kann das sein? Sind wir so abgebrüht? Geht uns das Schicksal eines anderen nichts an? Denken wir nur an uns? Sind wir zu faul, um zu helfen? Oder möchten wir einfach nicht in etwas hineingezogen werden, das uns ja (vermeintlich) nichts angeht? Diese Fragen stellt man sich, doch natürlich kann Jahn sie nicht beantworten. Will er auch gar nicht. Stattdessen will er von menschlichen Schicksalen erzählen und zum Nachdenken anregen. Und das schafft er auch. Und zwar überzeugend!

„Ein Akt der Gewalt“ trifft den Hörer ins Mark, bewegt ihn und stimmt nachdenklich. Wie hätte man selbst gehandelt? Was wäre, wenn man selbst an Katrinas Stelle gewesen und die hell erleuchteten Fenster mit den Menschen dahinter gesehen hätte? Auf Hilfe gehofft, aber nicht bekommen hätte? Dieser Debütroman ist großes Kino und wird sicherlich dieses auch noch erobern. Als Hörbuch hat mich die Geschichte zwar überzeugt. David Nathan liest sehr routiniert vor und tut sein Bestes, um den Zuhörer durch die Geschichte zu führen. Doch leider funktioniert „Ein Akt der Gewalt“ vermutlich als Buch besser, wo man schnell nochmal zurückblättern kann, um sich einen Namen wieder ins Gedächtnis zu holen, eine Geschichte nachzulesen und um vor allem immer sofort zu wissen, wenn ein Szenenwechsel ansteht. Für die Geschichte gibt es eine klare Empfehlung, für das Hörbuch nur eine bedingte, und zwar für eingefleischte Hörbuchfans, die sehr konzentriert zuhören können.

|Download-Version mit 5:03 h Spieldauer|
[www.audible.de]http://www.audible.de

auch erschienen als:

|4 Audio-CDs mit 280 Minuten Spieldauer
Sprecher: David Nathan
ISBN-13: 978-3-8371-0832-3|
[www.randomhouse.de]http://www.randomhouse.de

Kepler, Lars – Hypnotiseur, Der (Lesung)

Eigentlich hatte er sich geschworen, niemanden mehr zu hypnotisieren. Doch als ein Junge schwer verletzt ein Gewaltverbrechen überlebt, muss Erik Maria Bark diesen Vorsatz nach zehn Jahren wieder aufgeben. Ein unbekannter Täter hat die Eltern und die kleine Schwester des Jungen bestialisch ermordet und den Jungen schwer verletzt. Allerdings gibt es noch eine ältere Schwester, die nicht ahnt, dass nahezu der gesamte Rest ihrer Familie ausgelöscht wurde. Da die Polizei vermuten muss, dass der Täter es nun auch auf die Schwester abgesehen hat, soll der Junge – Josef – in seinem kritischen Zustand hypnotisiert werden, um der Polizei wichtige Hinweise über den Täter und den Aufenthaltsort seiner Schwester zu geben.

Die Hypnose verläuft jedoch anders als erwartet. Als der Junge von der Bluttat berichtet, erfahren Erik Maria Bark und Kriminalkommissar Joona Linna Überraschendes, das alles über den Haufen wirft, was sie zunächst geglaubt hatten. Schnell machen sie die Schwester des Überlebenden ausfindig, die ihnen wichtige Details über ihre Familie verrät. Damit kann sich die Polizei ein schreckliches Bild von der Familie machen.

Zeitgleich kämpft Erik mit familiären Problemen. Als er eines Nachts aus dem Bett geklingelt wird und seiner Frau Simone weismacht, dass die Polizei ihn braucht, betätigt sie den Rückruf und erfährt so, dass Erik zu einer Frau gefahren ist. Schon einmal hat Erik seine Frau betrogen, nun ist es wohl wieder soweit. Simone ist am Boden zerstört. Zudem passieren in ihrer Wohnung merkwürdige Dinge: Eines Nachts erwacht sie von einem Geräusch, riecht Zigarettenqualm in der Wohnung und findet die Kühlschranktür geöffnet vor. Wer hat in der Wohnung geraucht und die Tür geöffnet? Einige Nächte später erwacht sie von einem Stich in den Oberarm. Sie kann noch einen Schatten wahrnehmen, der aus dem Schlafzimmer schleicht. Benommen schleppt Simone sich in den Flur und wird Zeugin davon, wie jemand ihren kranken Sohn Benjamin entführt. Benjamin ist Bluter und muss einmal die Woche ein wichtiges Medikament nehmen, sonst gerät er in akute Lebensgefahr. Der Wettlauf mit der Zeit hat also begonnen.

Wer hat Benjamin entführt? War es der schwer verletzte Junge, den Erik hypnotisiert hat und der aus dem Krankenhaus geflüchtet ist? Oder hat jemand aus Eriks ehemaliger Hypnosegruppe noch eine Rechnung mit ihm offen?

_Verwunschene Schlösser_

Die Geschichte beginnt rasant: Ein Junge kommt schwer verletzt ins Krankenhaus und offenbart bei der Hypnose Unglaubliches. Kurz darauf wird der kranke Sohn des Hypnotiseurs entführt. Diese zwei Handlungsstränge ziehen sich fortan parallel durch die Erzählung. Zunächst sieht es so aus, als habe Josef Benjamin entführt. Doch diese Theorie zerplatzt schnell, als Simone Bark sich daran erinnert, dass sie schon merkwürdige Dinge in ihrer Wohnung bemerkt hat, als Josef noch schwer verletzt im Krankenhaus lag. Dennoch will auch dieser mit Erik abrechnen, da er ihm in der Hypnose etwas entlockt hat, das Josef eigentlich hatte verbergen wollen.

Aber die Spur zu Benjamin führt über Eriks ehemalige Hypnosegruppe. Schon einmal ist nämlich jemand aus dieser Gruppe in die Wohnung des Hypnotiseurs eingedrungen. Hat diese Patientin ihre Tat wiederholt? Welche schlafenden Hunde hat Erik geweckt, als er sein Versprechen gebrochen hat, niemals wieder jemanden zu hypnotisieren? Er durchwühlt seine alten Aufzeichnungen, schaut sich Bänder an und erinnert sich an Erlebnisse aus der Hypnosegruppe, wo er die einzelnen Mitglieder in einer Gruppenhypnose zu ihren verwunschenen Schlössern geführt hat – also an den Ort, vor dem sie sich fürchten. Eine Patientin nimmt er sofort ins Visier, doch als die Polizei ihren Aufenthaltsort ausfindig machen kann und sie dort sucht, findet sie nur noch ihre Leiche. Wer ist stattdessen in Eriks Wohnung eingedrungen?

Nach und nach fügt Erik die einzelnen Puzzleteilchen zusammen. Und so entsteht ganz sukzessive ein Bild der Tat. Mit jedem kleinen Hinweis kommt nicht nur Erik der Lösung des Falles auf die Spur, sondern der Hörer grübelt immer mit, stellt eigene Theorien auf und ist natürlich begierig auf jedes neue Informationshäppchen, das einem der Lösung näher bringt. Lars Kepler – ein Pseudonym für das schwedische Autorenehepaar Alexandra und Alexander Ahndoril, das beim „Hypnotiseur“ erstmals gemeinsam geschrieben hat – baut hier eine unglaubliche Spannung auf. Besonders gut gefallen hat mir, dass Kepler seine Geschichte zunächst in zwei verschiedene Richtungen lenkt. Auf der einen Seite haben wir das schreckliche Blutbad, bei dem nahezu eine ganze Familie ausgelöscht worden ist und auf der anderen Seite begleiten wir Erik in seine eigene Vergangenheit und erfahren so nach und nach, was damals geschehen ist, das ihn zu seinem Versprechen gebracht hat, niemals wieder einen Menschen zu hypnotisieren. Und obwohl die beiden Handlungsstränge sich bald auseinander entwickeln, da klar ist, dass Josef Benjamin nicht entführt haben kann, berühren sich die beiden Handlungsstränge dann doch wieder in einer Szene, die nicht nur für neuen Grusel sorgt, sondern die auch eine wichtige Rolle bei der Suche nach Benjamin spielt – doch warum das so ist, erfahren wir erst ganz spät.

Mir persönlich hat der Spannungsbogen sehr gut gefallen. Nur die letzte halbe Stunde lässt die Spannung – leider noch mitten im Showdown – nach, da Lars Kepler sich hier in Klischees verliert und der Zuhörer schnell ahnt, wie alles ausgehen wird. Und der Nachklapp zum Finale ist mir persönlich auch etwas zu lang geraten, hier hätte Kepler ruhig etwas schneller zum Ende kommen können. Aber im Großen und Ganzen ist die Geschichte überaus spannend geraten. Zu Beginn muss man allerdings ein Detail schlucken, und zwar dass ausgerechnet Erik Maria Bark die Hypnose durchführen soll. Wie bitteschön ist die Polizei aber an einen Hypnotiseur geraten, der bereits seit zehn Jahren nicht mehr praktiziert und der in keinerlei Verbindung zur Tat oder den Opfern steht? Da hätte sich eigentlich auch jemand anderes anbieten müssen. Das muss man also hinnehmen, damit die Geschichte überhaupt funktioniert. Und auch später, als Erik beginnt, in seiner Vergangenheit zu kramen, wundert man sich doch ein wenig, warum er erst als Zweites auf die nahe liegendste Person kommt, die für den Einbruch und die Entführung infrage kommt. Zwar erfährt man irgendwann, dass Erik die Erlebnisse rund um die Hypnosegruppe verdrängt habe, doch war dieses eine Erlebnis aus seiner Vergangenheit derart einschneidend, dass ich daran nicht glaube, dass er diese eine Person vergessen haben kann, wegen der er niemals wieder jemanden hypnotisieren wollte.

_Familienbande_

Personell führt Lars Kepler zahlreiche Charaktere ins Feld. Da wäre zum einen die Familie Ek, die bereits in der Eingangsszene einem Mörder zum Opfer fällt. Was sich in dieser Familie abgespielt hat, ist schier unglaublich und lässt einem beim Zuhören das Blut in den Adern gefrieren, denn auch wenn die ältere Tochter überlebt hat, so ist sie doch aus anderen Gründen längst innerlich gestorben. Die andere Familie, die bald in den Mittelpunkt der Geschichte gerät, ist die Familie Bark. Und auch in deren Haus verbergen sich einige Leichen im Keller. Der Vater Erik Maria hat seinen Job an den Nagel gehängt, nachdem etwas Einschneidendes in seinem Leben geschehen ist. Von seiner Frau Simone erfahren wir nicht viel mehr, als dass sie ziemlich eifersüchtig ist und ihren kranken Sohn wie ihren Augapfel hütet. Benjamin muss aufgrund seiner Krankheit jede Woche zur gleichen Zeit ein lebenswichtiges Medikament nehmen, doch da seine Entführung immer länger andauert, gerät er alleine schon aufgrund des Zeitfaktors in Lebensgefahr. Umso wichtiger ist es, dass Erik Maria schnell den Schuldigen aus seiner alten Hypnosegruppe findet, der für die Entführung infrage kommt. In der Rolle des sorgenden Vaters und gescheiterten Hypnotiseurs gefällt er sehr gut. Daneben verblasst Kriminalkommissar Joona Linna ein wenig, da er irgendwie immer nur „mitläuft“. Möglicherweise sind seine starken Szenen allerdings auch der für das Hörbuch erfolgten Kürzungen zum Opfer gefallen?!

_Beim Hören hypnotisiert_

Als Hörbuch funktioniert „Der Hypnotiseur“ sehr gut. Wolfram Koch agiert souverän als Sprecher und schlüpft gekonnt in männliche wie weibliche Rollen. Durch Atempausen und verschiedene Tonlagen bemerkt man eigentlich immer den Wechsel der einzelnen Figuren und weiß, wer gerade etwas zu sagen hat. Zwar beherrscht Koch nicht wie beispielsweise Harry Rowohlt oder Rufus Beck zig verschiedene Stimmen, dennoch überzeugte er mich mit seinem Vortrag. Zu spannenden und düsteren Geschichten gehören meiner Ansicht nach tiefe Männerstimmen, und da passt Wolfram Koch mit seiner dunklen Stimme natürlich gut ins „Beuteschema“. An einzelnen Stellen sorgen zudem softe Klavierklänge für eine düstere Atmosphäre, mit der Musik hätte man ruhig noch mehr spielen können.

Insgesamt gefiel mir das Hörbuch zum „Hypnotiseur“ sehr gut. Die Geschichte birgt zwar den einen oder anderen kleinen Logikfehler, dennoch baut sich kontinuierlich immer mehr Spannung auf, bis man schließlich völlig in der Erzählung versunken ist und die Welt um sich herum vergessen hat. Zum Ende hin schwächelt der Spannungsbogen etwas, doch kann man angesichts des ansonsten überzeugenden Debüts ganz gut darüber hinweg sehen. Von dem schwedischen Autorenehepaar wird man hoffentlich bald mal wieder etwas lesen bzw. hören.

|Download-Version mit 7:35 h Spieldauer|
[www.audible.de]http://www.audible.de

auch erschienen als:

|6 Audio-CDs mit 454 Minuten Spieldauer
Sprecher: Wolfram Koch
Originaltitel: Hypnotisören
ISBN-13: 978-3-7857-4373-7|
[www.luebbe.de/Hoerbuecher]http://www.luebbe.de/Hoerbuecher

_Unsere Rezension zur Buchfassung:_
[„Der Hypnotiseur“ 6797

Mo Hayder – Ritualmord (Lesung)

_|Jack Caffrey|:_

Band 1: [„Der Vogelmann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1632
Band 2: [„Die Behandlung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1635
Band 3: [„Ritualmord“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5800
Band 4: „Haut“
Band 5: „Verderbnis“

Mit der Figur des Detective Inspector Jack Caffery hat sich Schriftstellerin Mo Hayder einen Namen gemacht. Ihre ersten beiden packenden Thriller rund um diese Figur fesselten rund um den Globus etliche Thrillerfans – was neben dem innerlich zerrissenen Jack Caffery vor allem Mo Hayders Talent für spannende und grausige Plots zu verdanken ist. Lange hat sie sich Zeit gelassen, bis sie mit „Ritualmord“ diese erfolgreiche Reihe fortgesetzt hat.

Noch immer hat Jack Caffery nicht mit einem dunklen Kapitel aus seiner Vergangenheit abgeschlossen. Obwohl Kinderschänder Ivan Penderecki im zweiten Band der „Caffery“-Reihe sein Leben lassen musste, macht Jack sich nach wie vor Vorwürfe, dass er einst vor 30 Jahren seinen Bruder nicht vor dem Kinderschänder hat retten können. Gleichzeitig beschäftigt ihn ein neuer Fall: Im Hafenbecken in Bristol wurde eine Hand entdeckt. Doch Polizeitaucherin Flea Marley kann keine zugehörige Leiche entdecken. Nach intensiver Suche wird allerdings eine zweite abgetrennte Hand gefunden – unter der Eingangstür eines Restaurants am Hafen.

Während ein Junkie in eine prekäre Lage gerät und um sein Leben fürchten muss, finden Caffery und Marley heraus, aus welchem Grund jemand eine abgetrennte Hand unter der Eingangstür zu seinem Restaurant vergräbt: Nach dem afrikanischen Muti-Zauber soll diese nämlich Gäste in das Restaurant hinein locken. Die Spur führt in die afrikanische Gemeinde, in der die Angst vor einem Dämon umgeht – der ideale Nährboden für jemanden, der Schutzzauber unters Volk bringen möchte, auch wenn andere Menschen dafür ihr Leben lassen müssen …

_Caffery zum Dritten_

Lange haben wir auf die Fortsetzung der „Caffery“-Reihe warten müssen. Doch hing die Messlatte nach den zwei nahezu perfekten Thrillern „Der Vogelmann“ und „Die Behandlung“ sehr hoch. Und leider schafft Mo Hayder es in keinster Weise, an dem Erfolg der beiden Vorgänger anzuknüpfen. Ihr „Ritualmord“ scheitert in nahezu jeder Hinsicht: Dass Jack Caffery nun immer noch nicht damit abgeschlossen hat, dass sein Bruder Ewan vor 30 Jahren spurlos verschwunden und einem Kinderschänder zum Opfer gefallen ist, wärmt Mo Hayder nun erneut auf, obwohl sie in ihrem Vorgängerband eigentlich einen halbwegs zufrieden stellenden Abschluss dieser Episode gefunden hatte. Doch Caffery leidet immer noch unter Schuldgefühlen, sucht wöchentlich den Straßenstrich auf, ohne dort aber die gewünschte Erlösung zu finden. Stattdessen trifft er sich mit dem sogenannten Walking Man, der ihm bei dieser Vergangenheitsbewältigung helfen soll. In diesem Handlungsstrang taucht Jack Caffery fast häufiger auf als in der eigentlichen Ermittlung. Doch so langsam mag man doch nichts mehr über den verschwundenen Ewan hören, sondern hofft darauf, dass Jack Caffery anfängt, nach vorne zu blicken und neu anzufangen.

Aber auch sein weiblicher Gegenpart ist mehr mit ihrem eigenen verkorksten Leben beschäftigt als mit der abgetrennten Hand. Vor zwei Jahren nämlich hat Flea ihre Eltern bei einem Tauchunfall verloren. Im sagenumwobenen Bushman’s Hole sind ihre Eltern versunken, und Fleas Bruder konnte nur hilflos zusehen, wie seine Eltern in den Tod gegangen sind. Kurioserweise konnten die Leichen ihrer Eltern allerdings nie geborgen werden. Aus diesem Grund schluckt Flea Marley nun auf Rat des besten Freundes ihres Vaters ein Mittelchen, um dadurch mit ihrer toten Mutter zu kommunizieren. Und tatsächlich trifft Flea auf ihrem Trip ihre Mutter, die ihr die Botschaft zukommen lässt, dass ihre Leichen bald gefunden würden, dass Flea aber verhindern soll, dass diese geborgen werden. Flea ist verstört, versteht sie doch den Wunsch ihrer Mutter nicht. Kurz darauf liest sie in einem Taucherforum von einem Ereignis in Bushman’s Hole, das genau zu der Vision aus ihrem Trip passt.

Eine gestörte Existenz als Hauptfigur in einem Spannungsroman ist der Thrillerfreund ja aus diversen Krimireihen bereits bestens gewöhnt, doch zwei nebeneinander gehen einem doch irgendwann gehörig auf die Nerven. Zudem haben beide Vergangenheitsbewältigungstraumata rein gar nichts mit dem eigentlichen Fall zu tun. Und leider entwickeln beide Handlungsstränge Null Spannung, sondern lenken nur von den eigentlichen Ermittlungen ab.

Apropos Ermittlungen: Da waren ja schließlich noch die beiden abgetrennten Hände, die Teil eines afrikanischen Muti-Zaubers sind. Und dieser Zauber ist besonders mächtig, wenn die Körperteile von einem lebenden Menschen stammen. Also muss irgendwo noch jemand sein, dem zwei Hände fehlen. Und der Hörer weiß auch bereits, um wen es sich dabei handelt. Denn wir haben bereits den Junkie begleitet, dem erst ein wenig Blut abgezapft wurde und der schließlich vor der Wahl steht, jemand anderes ans Messer zu liefern oder selbst beide Hände zu verlieren. Eigentlich doch der perfekte Ausgangspunkt für einen packenden Plot, oder? Doch schafft Mo Hayder es leider überhaupt nicht, ihre eigentliche Geschichte so zu konstruieren, dass sie den Zuhörer fesseln könnte. Stattdessen verirrt sich Hayder in Nebenplots und führt nur lieblos den eigentlichen Handlungsstrang rund um die abgetrennten Hände zu Ende.

Man sollte eigentlich meinen, Jack Caffery und Flea Marley müssten sich ein wenig beeilen, da ihnen klar sein dürfte, dass sie den Handlosen eventuell noch retten können, doch sind beide mit ihrem eigenen Leben und ihren zahlreichen Problemen genügend beschäftigt. Immerhin kreisen sie dann schließlich doch den Schuldigen immer weiter ein. Leider nur nebenbei kommen sie irgendwann auf die richtige Spur und wissen dann, wo sie den Handlosen finden können. Hier kommt es immerhin noch zu einer Art Showdown, der für einige Minuten ein wenig Spannung produziert. Spannung, die bis einige Minuten vor Ende des Hörbuchs leider Fehlanzeige war.

Zwar versucht Mo Hayder krampfhaft, Gruseleffekte einzustreuen, indem sie einem lebenden Jungen beide Hände abschneiden lässt, doch ist dies kein Vergleich zu der Spannung, die sie in den ersten beiden „Caffery“-Thrillern erzeugt hat. Auch die Tatsache, dass der Hörer den Junkie in sein düsteres Verlies begleitet und weiß, dass er noch lebt, als Caffery seine Ermittlungen beginnt, sorgt nicht dafür, dass man mit dem Junkie mitfiebert und auf eine Art „Happy End“ hofft. Stattdessen verfolgt man relativ gleichgültig die Ermittlungen und lässt sich am Ende einfach überraschen, ob Caffery denn noch rechtzeitig im Verlies ankommen wird.

_Schade_

Dietmar Bär versucht mit seiner tiefen, brummigen Stimme ein wenig Atmosphäre in dieses dünne Kriminalstück zu bringen. Doch steht er dabei natürlich auf verlorenem Posten. Immerhin spricht er die männlichen Rollen recht überzeugend, nur bei Flea Marley gefiel er mir nicht ganz so gut, aber er hat eben auch nicht die richtige Stimmlage, um eine Frau zu sprechen.

Eigentlich hatte ich mich auf ein paar Stunden Hochspannung mit Jack Caffery gefreut, doch wurde ich bereits nach kurzer Zeit bitter enttäuscht. Der präsentierte Fall hat mich an keiner Stelle gepackt und auch Caffery als Hauptfigur entwickelt längst nicht mehr die gleiche Faszination wie noch in den ersten beiden Bänden. Da bleibt nur zu hoffen, dass Mo Hayder im vierten „Caffery“-Thriller die Kurve wieder bekommen hat …

|Download-Version mit 7:02 h Spieldauer|
[www.audible.de]http://www.audible.de

auch erschienen als:

6 Audio-CDs mit 426 Minuten Spieldauer
Sprecher: Dietmar Bär
Originaltitel: Ritual
ISBN-13: 978-3-86604-913-0
www.randomhouse.de/randomhouseaudio

Grebe, Camilla & Träff, Åsa – Therapeutin, Die

„Nr. 1-Bestseller aus Schweden“ klebt sichtbar auf dem Buchcover des Debütromans „Die Therapeutin“ der beiden Schwestern Camilla Grebe und Åsa Träff. Mit neuen Spannungsromanen aus Skandinavien wird man ja seit Henning Mankell praktisch überversorgt, doch nicht jedes Mal versteckt sich hinter diesem Label tatsächlich der versprochene packende Bestseller. Aus diesem Grund lese ich derart titulierte Bücher inzwischen mit einer gewissen Portion Skepsis – so auch bei der „Therapeutin“ – dem Auftakt zur neuen spektakulären Krimiserie aus Schweden, wie es auf dem Buchrücken versprochen wird. Doch so viel kann ich vorweg verraten: In diesem Fall war die Skepsis absolut nicht angebracht, denn dieses Debüt hebt sich ausgesprochen positiv vom Einheitsbrei ab und verdient es, in sämtliche Bücherregale eines jeden Thriller-Fans aufgenommen zu werden.

_Therapeutin im Visier_

Siri Bergman lebt seit dem Tod ihres Mannes Stefan zurückgezogen in einer kleinen Hütte. Freunde hat sie eigentlich keine. Nur ihre Kollegin Aina besucht sie ab und an und steht für Frauengespräche zur Verfügung. So bekämpft Siri ihre Einsamkeit allzu oft mit einem Gläschen Wein oder vielmehr einem Gläschen Wein zu viel … Siri hat schreckliche Angst vor der Dunkelheit. Aus diesem Grund schläft sie grundsätzlich in einem hell erleuchteten Haus. Doch eines Nachts erwacht sie und alles ist dunkel. Erschrocken greift sie nach der Taschenlampe unter ihrem Bett – doch kann sie diese dort nicht finden. So geht Siri zum Sicherungskasten und stolpert dabei über ihre Taschenlampe, die nicht angehen will. Wie ist die Lampe dorthin gekommen und wieso funktioniert sie nicht? Und ist da tatsächlich eine Fußspur unter dem Sicherungskasten? Eigentlich hätte Siri dies spanisch vorkommen müssen, doch verdrängt sie dieses Vorkommnis.

Bald darauf erhält sie einen mysteriösen Brief. Außerdem fühlt sie sich in ihrem Haus beobachtet. Eines Tages verschwindet ihr Kater spurlos. Erst als sich die mysteriösen Ereignisse weiter häufen, vertraut Siri sich ihrer Kollegin Aina an, die sprachlos ist, dass Siri dies bislang verschwiegen hat. Auch die Polizei geht von einer echten Bedrohung aus. Kurz darauf findet Siri auf ihrer täglichen Schwimmrunde die Leiche einer ihrer Patientinnen. Schnell wird klar, dass jemand es nicht auf Siris Patienten abgesehen hat, sondern auf die Therapeutin selbst. Doch wer könnte das sein?

Ein Freund Siris analysiert das Verhalten des Täters und ist sich sicher, dass jemand sich von Siri ungerecht behandelt fühlt. So geht Siri in sich und überlegt fieberhaft, wen sie eventuell dermaßen verletzt haben könnte, dass er nun ihr Leben zerstören will. Doch niemand fällt ihr ein. Der Mörder jedoch kommt ihr immer näher, die Bedrohung wird immer akuter, sodass Siri eines Tages schließlich in eine kleine Wohnung fliehen muss, weil sie in ihrem Haus nicht mehr sicher ist. Aber ihr Widersacher hat noch ein Ass im Ärmel, mit dem er sie schlussendlich doch wieder in die Einsamkeit ihres Hauses locken will …

_Einbildung oder echte Bedrohung?_

Zunächst beginnt die Geschichte ganz gemächlich: Camilla Grebe und Åsa Träff stellen uns ihre Protagonistin Siri Bergman vor, die mit zwei Kollegen eine kleine Praxis führt und sich regelmäßig mit ihren Patienten trifft. Nach und nach geschehen immer mehr mysteriöse Dinge in Siris Leben. Sie fühlt sich beobachtet und bemerkt kleine Veränderungen in ihrem Haus. Doch nie kommt sie auf die Idee, dass tatsächlich jemand in ihr beschauliches Heim eingedrungen sein könnte. Erst als es fast zu spät ist, nimmt sie die Bedrohung ernst und informiert Aina und die Polizei. Die beiden schwedischen Autorinnen bauen die Spannung nach und nach auf – erst ist sie nur als kleines Kribbeln zu spüren, doch bald wird die Geschichte so packend, dass es einem beim Lesen kalt den Rücken runter läuft und man abends das Licht am liebsten auch nicht mehr ausschalten möchte. Die Spannung schleicht sich beim Lesen von hinten an, bis sie einen gepackt hat und nicht mehr loslässt.

Besonders gut gelungen ist auch der Perspektivwechsel, der der Geschichte noch mehr Tempo gibt. So sind die meisten Kapitel aus Siris Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben, doch immer wieder streuen die beiden Autorinnen kleine Exkurse ein, in denen wir in das Gehirn des Mörders eintauchen und mehr über seine Pläne erfahren können. So wissen wir manchmal schon, was er mit Siri und ihren Patienten vorhat und dass er auch ganz am Ende noch ein wichtiges Ass im Ärmel hat – und das zu einem Zeitpunkt, an dem Siri sich bereits in Sicherheit wiegt. Dieser stete Wechsel macht die Geschichte noch bedeutend spannender als sie ohnehin schon ist.

Weitere Spannung bauen Camilla Grebe und Åsa Träff dadurch auf, dass sie uns nur häppchenweise Informationen aus Siris Vergangenheit präsentieren. So dauert es lange, bis wir erfahren, was mit ihrem Mann geschehen ist und wie er ums Leben gekommen ist.

Als schließlich klar ist, dass jemand Siris Leben zerstören möchte, geht die Suche nach dem Motiv und dem Täter (oder der Täterin?) los. Plötzlich wird praktisch jeder verdächtig, auch wenn es noch so unwahrscheinlich klingt, dass ausgerechnet dieser jemand zu einem Mord fähig wäre. Nicht nur Siri überlegt fieberhaft, wer ihr etwas Böses antun möchte, natürlich gehen auch dem Leser diese Gedanken durch den Kopf. Man selbst denkt genauso intensiv darüber nach, wer denn als Täter infrage kommt. All dies zusammen sorgt für einen absolut perfekten Spannungsbogen!

_Therapeutin mit Leichen im Keller_

Siri Bergman als Hauptfigur einer neuen Krimiserie überzeugt auf ganzer Linie. Siri arbeitet als Therapeutin, und doch hat man als Leser mehr als einmal das Gefühl, als täte ihr selbst eine Therapie auch ganz gut. Denn sie hat schreckliche Angst vor der Dunkelheit, verkriecht sich in einem einsamen Häuschen und lässt niemanden an sich heran. Sie hat den Tod ihres Mannes noch nicht wirklich verkraftet und greift daher zu häufig zur Flasche Wein. Siri ist alles andere als perfekt und genau das macht sie glaubhaft. Sie kennt die Abgründe der menschlichen Seele und doch verschließt sie oftmals den Blick vor ihren eigenen Problemen. Sie ist verletzlich und einsam und wünscht sich doch nichts sehnlicher als jemanden an ihrer Seite. Der Polizist Markus möchte diesen Platz gerne einnehmen und doch stößt Siri ihn immer wieder von sich. Sie bietet mit all ihren Eigenarten, Fehlern und ihrer Vergangenheit genügend Angriffsfläche, um auch noch in weiteren Romanen für Spannung zu sorgen. Und im Übrigen ist Siri dabei auch noch ausgesprochen sympathisch, sodass man gerne mehr von ihr lesen möchte.

Alle anderen Figuren verblassen etwas. Über sie erfahren wir oftmals nur Kleinigkeiten, sei es zum Beispiel das ausschweifende Liebesleben ihrer Kollegin Aina oder die Tatsache, dass Siris Kollege Sven mit einer Feministin verheiratet ist. Möglicherweise lernen wir sie in weiteren Büchern besser kennen, da werde ich mich überraschen lassen.

_Gelungener Auftakt_

Wie immer bin ich mit einer gewissen Portion Skepsis an die Lektüre dieses als neuer „Krimi-Hit“ angepriesenen Buches herangegangen. Doch glücklicherweise wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Schnell hatten die beiden Autorinnen mich gefesselt, sodass ich völlig in der Geschichte versunken bin. Selten habe ich so schnell weiterlesen wollen, wie es hier der Fall war. Dazu die sympathische Hauptfigur, die hier ins Kreuzfeuer eines wahnsinnigen Mörders geraten ist, das sind die Komponenten eines wahrlich spannenden und gelungenen Auftakts zu einer neuen Krimiserie. Zwar bin ich mir unsicher, wie Grebe und Träff ihre Serie fortsetzen wollen, aber selbstverständlich werde ich auch zu ihrem zweiten Werk greifen, auf das ich bereits jetzt sehr gespannt bin. Hut ab – „Die Therapeutin“ ist endlich wieder einmal ein gelungener Thriller aus Skandinavien, der sich deutlich vom Einheitsbrei abhebt!

|Taschenbuch: 432 Seiten
Originaltitel: Någon sorts frid
ISBN-13: 978-3442741830|
[www.randomhouse.de/btb]http://www.randomhouse.de/btb/index.jsp

Beckett, Simon – Verwesung

_|David Hunter|:_

01 [„Die Chemie des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2355
02 [„Kalte Asche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4205
03 [„Leichenblässe“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5625
04 _“Verwesung“_

Der forensische Anthropologe Dr. David Hunter ist Thrillerfreunden längst ein Begriff. In Simon Becketts packenden Romanen „Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“ und „Leichenblässe“ hat er seinen Hauptprotagonisten bereits mehrfach in spannende Fälle verwickelt und ihn mehr als einmal in echte Lebensgefahr geraten lassen. Sein vierter Fall „Verwesung“ führt ihn zunächst in die Sümpfe von Dartmoor, wo eine Frauenleiche gefunden worden ist. Der Serienmörder Jerome Monk hat einst gestanden, vier junge Frauen ermordet zu haben, doch von dreien fehlt bislang jede Spur. David Hunter wird von seinem Bekannten Terry Connors zu dem Fall hinzugerufen. Ein kleines Team, zu dem auch die psychologische Beraterin Sophie Keller zählt, soll die bislang unentdeckten Gräber aufspüren. Überraschenderweise hat der inhaftierte Mörder Monk angeboten, den Polizisten die versteckten Gräber zu zeigen. Doch die Suche nach den Gräbern endet fast in einer Katastrophe – nur um Haaresbreite kann Connors verhindern, dass Monk ins Moor flüchtet. Kurz nach dem Ausflug ins Dartmoor zerbricht David Hunters bisheriges Leben bei einem schrecklichen Unfall.

Acht Jahre später erfährt Hunter, dass Jerome Monk aus dem Hochsicherheitsgefängnis fliehen konnte. Terry Connors warnt ihn, dass Monk es eventuell auf all diejenigen abgesehen haben könnte, die damals im Dartmoor bei seinem Fluchtversuch dabei gewesen sind. Zu diesem Zeitpunkt meldet sich auch Sophie bei David, die ihren alten Job bei der Polizei aufgegeben und sich in ein kleines Dörfchen ins Dartmoor zurückgezogen hat, um dort zu töpfern. Was ist in ihrem Leben vorgefallen, dass sie diese Richtung eingeschlagen hat? Als David Hunter zu dem Treffen mit Sophie fährt, erscheint diese nicht, denn ein Unbekannter hat sie überfallen und ihr Haus auf den Kopf gestellt. War es Monk? Kurz darauf kommt jemand ums Leben, der acht Jahre zuvor Jerome Monk beleidigt hat. Monks Rachefeldzug scheint begonnen zu haben.

Sophie liegt mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus, entlässt sich aber selbst auf eigene Gefahr, um in ihr kleines Häuschen im beschaulichen Padbury zurückzukehren. Obwohl ihr Gefahr droht, lehnt sie es strikt ab, sich vor Monk zu verkriechen. David Hunter zieht daraufhin zu ihr, damit Sophie nicht allein ist. Doch geheuer ist ihm ihr Verhalten nicht. Was ist mit Sophie geschehen, dass sie sich so verändert hat? Was verbirgt sie vor David? Als die beiden im Dartmoor erneut versuchen wollen, die versteckten Gräber zu finden, werden sie beinahe von Monk überrumpelt. Nur knapp können sie vor dem gefährlichen Mörder fliehen. Sophie wird unter Polizeischutz gestellt, doch eines Nachts kommt Monk, um sich Sophie zu schnappen …

_Gar nicht verwest_

Nach langer Wartezeit beglückt uns Simon Beckett nun endlich mit David Hunters viertem Fall. Zunächst entführt uns Beckett dazu in die Vergangenheit, in der Hunter noch glücklich verheiratet ist und eine süße Tochter hat. Er wird zu einem Fall hinzugezogen, bei dem es darum geht, eine gefundene Frauenleiche zu obduzieren und die Gräber dreier junger Mädchen zu finden, die einst Jerome Monk zum Opfer gefallen sind. Damit beginnt „Verwesung“ zunächst recht ungewöhnlich, denn es geht nicht um eine aktuelle Mordserie. So kommt es, dass die ersten Kapitel noch recht gemächlich vor sich hin plätschern. Zwar ahnt der Leser, dass Jerome Monk die Polizisten nicht aus reiner Nächstenliebe zu den Gräbern führen will, doch gerade dadurch überrascht sein Fluchtversuch nicht sonderlich. Erst als Beckett acht Jahre weiter springt, wo Monk aus dem Gefängnis geflüchtet ist, Sophie Keller aus unerfindlichen Gründen Kontakt zu David Hunter aufnimmt und Terry Connors eine entscheidende Kleinigkeit vor Hunter verbirgt, zieht der Spannungsbogen deutlich an. An dieser Stelle geschehen so viele Dinge auf einmal, dass man unweigerlich mitgerissen wird. Simon Beckett erhöht hier immer weiter das Erzähltempo, denn seine Hauptprotagonisten geraten immer mehr in akute Gefahr, da Monk ihnen immer näher kommt. Zudem bleibt es völlig unklar, was Monk im Schilde führt und was die anderen Charaktere zu verbergen haben. David Hunter durchschaut genauso wenig, was Sophie Keller in die Einöde des Dartmoors getrieben hat, wie der Leser es versteht. Auch Terry Connors ist einem nicht geheuer, denn er verschweigt Hunter, dass er vom Dienst suspendiert wurde. Simon Beckett macht immer nur winzige Andeutungen, sodass der Leser zwar kapiert, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, aber man tappt völlig im Dunkeln und weiß nicht, welche Ziele die einzelnen Personen verfolgen und was hier überhaupt gespielt wird.

Irgendwann wird klar, dass im Dartmoor ungeheuerliche Dinge geschehen sind und nichts so ist, wie es scheint. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine bestimmte Person längst in Verdacht. Dieser Verdacht bestätigte sich zum Ende hin zwar, dennoch hatte ich nicht mit dieser Auflösung gerechnet, die uns Beckett schließlich präsentiert. Er klärt alles schlüssig auf und überzeugt dadurch auf ganzer Linie. Besonders die letzten Zeilen im Buch machen wieder neugierig auf den hoffentlich bald folgenden fünften Band der David-Hunter-Reihe, denn Beckett endet mit einem kleinen Cliffhanger, der direkt zum nächsten Fall überleiten dürfte.

_Vergangenes_

In „Verwesung“ lernen wir nun David Hunters Familie kennen, die bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kommt. Bislang waren wir ihm nur in seiner Trauerphase begegnet, doch hier treffen wir ihn noch zu glücklichen Zeiten. Diese Vorgeschichte kennen zu lernen, fand ich ausgesprochen interessant, auch wenn das Buch gerade in diesem Rückblick noch nicht sonderlich spannend geraten ist. Doch fügt diese Rückblende ein weiteres Puzzleteil zu David Hunters Leben hinzu. Wir lernen ihn dadurch von einer ganz anderen – nicht minder interessanten – Seite kennen, außerdem ist gerade dieser Schicksalsschlag ja wesentlich, um die Persönlichkeit Hunters durchschauen zu können. Insofern auf jeden Fall eine interessante Idee von Simon Beckett, uns in die Vergangenheit zu schicken.

Die anderen Figuren neben David Hunter verblassen zwar etwas, doch gerade Sophie birgt einiges Spannungspotenzial, da wir ihre Handlungen nicht nachvollziehen können und man sich immer wieder fragen muss, was sie wohl zu verbergen hat, dass sie nun so zurückgezogen lebt und in vielerlei Hinsicht so eigen ist. So undurchschaubar Sophie ist, so verwaschen sind auch die Grenzen ihrer Beziehung zu David. Die beiden kennen sich kaum, dennoch wird David Hunter zu Sophies Rettungsanker, und immer wieder taucht diese Spannung zwischen beiden auf, sodass man sich fragen muss, ob sich wohl mehr zwischen den beiden entwickeln wird.

Ganz wesentlich für die erzählte Geschichte ist natürlich auch die Figur des Jerome Monk. Der Koloss hat schier unmenschliche Kräfte und vier Menschenleben auf dem Gewissen. Doch drei seiner Opfer sind nie wieder aufgetaucht, sodass diese Vermisstenfälle nie ganz ad acta gelegt werden konnten, auch wenn Monk die Morde gestanden hat. Simon Beckett schildert Jerome Monk immer wieder als unberechenbares Monster. Auf seinem Fluchtversuch bricht er mit nur einem kleinen Handgriff einem Hund das Genick, und vor allem sein Äußeres lässt einem das Blut in den Adern gefrieren, denn seine Stirn ist dermaßen eingedellt, als hätte jemand seinen Daumen hineingedrückt. Monk ist sicherlich niemand, dem man alleine im Dunkeln begegnen möchte, doch verbirgt sich hinter dieser Persönlichkeit noch mehr, als auf den ersten Blick anzunehmen wäre. Simon Beckett überrascht uns gegen Ende mit ziemlich überraschenden Fakten über Jerome Monk, die nochmal alles auf den Kopf stellen.

Insgesamt gefielen mir die handelnden Charaktere ausgesprochen gut, von David Hunter möchte man ja ohnehin immer mehr lesen, aber dieses Mal hat er auch einige sehr interessante Partner an seiner Seite.

_Zum Vierten_

„Verwesung“ setzt zwar genau dort an, wo „Leichenblässe“ geendet hat, zudem schließt der vorliegende Band über David Hunter eine wichtige Lücke aus dessen Vergangenheit. Alleine schon aus diesem Grund ist „Verwesung“ wieder einmal ausgesprochen lesenswert. Besonders gelungen ist der Spannungsbogen, der etwa ab der Hälfte des Buches einsetzt und einen nicht mehr loslässt. „Verwesung“ fügt sich gut in die Reihe um den sympathischen forensischen Anthropologen ein, ist allerdings aufgrund des eher gemächlichen Beginns nicht das stärkste Buch. Nichtsdestotrotz erfüllt Simon Beckett wieder einmal alle Erwartungen, die die David-Hunter-Fans in ihn gesetzt haben und wieder einmal macht er mehr als neugierig auf das hoffentlich bald folgende Buch über David Hunter!

|Hardcover: 448 Seiten
Originaltitel: The Calling of the Grave
ISBN-13: 978-3805208673|
[Verlagshomepage]http://www.rowohlt.de/sixcms/list.php?page=ro_fl_verlagsseiten&sv[title]=Wunderlich

_Simon Beckett bei |Buchwurm.info|:_
[„Obsession“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5853

Ralf Husmann – Vorsicht vor Leuten

Lorenz Brahmkamp wurde gerade von seiner Frau Katrin verlassen, und auch im Job läuft es nicht rund. Zu einem wichtigen dienstlichen Termin bei Neumillionär Alexander Schönleben kommt er mit riesiger Verspätung und vergeht sich dann auch noch vor dessen Haustür an den Blumen – ohne zu ahnen, dass Schönleben das live an den Überwachungskameras verfolgt hat. Doch Schönleben überspielt diesen Fauxpas Brahmkamps und empfängt den Gast mit offenen Armen. Im beschaulichen Osthofen möchte er einen Megapark eröffnen, und Brahmkamp, der bei der Stadt arbeitet, soll sich nun beim Joggen – Brahmkamp und Sport? Nie im Leben! – Schönlebens Pläne anhören und sich anschließend um die Baugenehmigung kümmern.

Wieder zurück in Schönlebens Villa will Lorenz Brahmkamp sich im Badezimmer frisch machen, wird dort aber von der attraktiven Frau Schönlebens in seiner uralten Schlangenunterhose erwischt. Wie peinlich. Doch Brahmkamp hat bereits anderes im Sinn: Von Haus aus selbst ein notorischer Lügner, wittert er hinter Schönlebens perfekter Fassade ebenfalls eine Täuschung. Da ist es Wasser auf seine Mühlen, als er in der Zeitung lesen muss, dass einer von Schönlebens angeblichen Investoren für den Megapark in Wahrheit pleite ist. Mithilfe des Internets deckt er weitere Lügen Schönlebens auf.

Was steckt hinter Schönlebens Millionen? Brahmkamp will es herausfinden und erkennt dabei die Chance, sein eigenes Leben wieder in erfolgreichere Bahnen zu lenken, indem er auf Schönlebens (überaus erfolgreichen) Zug aufspringt.

_Das kenn ich doch schon?!_

Lorenz Brahmkamp ist der geborene Verlierer. Er lügt sich durchs Leben, was schließlich auch Ehefrau Katrin dazu bewegt hat, ihren verlogenen Gatten eines Tages sitzen zu lassen. Im Job ist er unbeliebt und nicht gerade eine sehr zuverlässige Größe. Alle Menschen stößt er mit seinen Lügen vor den Kopf. Und das Einzige, das er seit der Trennung von Katrin hinzugewonnen hat, sind zehn überflüssige Kilos. Nicht gerade etwas, mit dem er Katrin zurückgewinnen kann. Diesen Typ Mann kennt man doch irgendwie, oder? Genau, nämlich aus sämtlichen Romanen von Tommy Jaud. Denn auch der greift sich grundsätzlich die eigentlich ganz sympathischen Verlierertypen heraus, die versuchen, sich irgendwie durch ihr chaotisches Leben hindurch zu wurschteln und nie um eine Notlüge verlegen sind. Brahmkamp ist ein Chaot, wie er im Buche steht, und durch seine ewige Lügerei und seine stete Unzuverlässigkeit müsste er einem auch total unsympathisch sein, dennoch wächst er einem irgendwie ans Herz. Man wünscht ihm, dass er endlich sein Leben in den Griff bekommen und Katrin zurückgewinnen möge.

Auch die Geschichte könnte durchaus aus Tommy Jauds Feder stammen, da sie absolut kurios und abgefahren ist. Brahmkamp wird nur durch einen Zufall – sein Chef ist an einer schweren Grippe erkrankt – zum neureichen Alexander Brahmkamp geschickt. Und genau in diesem erkennt Brahmkamp einen Seelenverwandten, denn schnell hat er durchschaut, dass auch Schönleben es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt. Schönleben wird aber zu Brahmkamps Chance, sein Leben wieder in die rechten Bahnen zu lenken. Doch natürlich ist auch dieser Weg gespickt von allerlei Stolpersteinen – sei es beispielsweise die zu eng gewordene Hose, an der dringend ein Knopf versetzt werden muss, sei es der Golfball, der Lorenz‘ Weg kreuzt, oder sei es ein gefährliches Wettschwimmen auf Mallorca, das Lorenz fast das Leben kostet. Die Geschichte ist alles andere als geradlinig, und das ist auch gut so, denn geradlinig wäre ja schließlich auch langweilig.

Die Witzdichte nimmt allerdings im Verlauf des Hörbuchs immer mehr ab. Zwischendurch streut Husmann zwar immer mal wieder ein paar witzige Anekdötchen ein, doch flacht die Geschichte immer mehr ab, bis man am Ende auf Mallorca eigentlich nicht mehr so recht mit Lorenz Brahmkamp mitfühlen mag. Das Ende plätschert dann schließlich ohne eine wirklich zündende Schlusspointe aus – schade, denn anfangs hat „Vorsicht vor Leuten“ sehr viel Potenzial und mit Lorenz Brahmkamp auch eine hervorragende zentrale Figur.

_Vortrag gelungen_

Dass Ralf Husmann immer wieder mit Tommy Jaud verglichen wird, liegt sicher auch daran, dass Christoph Maria Herbst beiden Autoren für deren Hörbücher seine Stimme leiht (mal abgesehen von Jauds neuestem Werk, das dieser selbst vorgelesen hat). Herbst ist für die chaotischen Charaktere beider Autoren genau der richtige Vortragende. Überzeugend und absolut authentisch liest er alle noch so abstrusen Szenen vor und erlaubt es uns, mit den Charakteren mitzufühlen, auch wenn deren Gedanken noch so abgefahren sind. Christoph Maria Herbst hat mich schon auf ganzer Linie überzeugt als Sprecher der Jaudschen Geschichten, und nun macht er auch bei Ralf Husmann einen perfekten Job. Weitere Effekte als Herbsts Stimme gibt es nicht, was aber auch nicht erforderlich ist, da der Sprecher mit seiner Stimme und Akzentuierung alleine vollkommen überzeugt.

_Vorsicht vor diesem Hörbuch?_

Insgesamt gefiel mir „Vorsicht vor Leuten“ durchaus gut. Der Beginn der Geschichte ist sehr viel versprechend, und insbesondere mit der Figur des Lorenz Brahmkamp kann Ralf Husmann punkten und einige abstruse Szenen abliefern. Doch leider plätschert die Geschichte im weiteren Verlauf des Hörbuchs ein wenig vor sich hin und endet dann recht unspektakulär. Christoph Maria Herbst weiß dagegen wie üblich durchweg zu überzeugen und verleiht Lorenz Brahmkamp seine angenehme Stimme, die einen gekonnt durch das gesamte Hörbuch trägt. Das vorliegende Hörbuch dürfte insbesondere etwas für Fans von Tommy Jaud sein, die die Wartezeit bis zu Jauds nächstem Werk überbrücken möchten, denn genau in diese Richtung schlägt auch Ralf Husmann, der mir bislang lediglich als Kolumnist für KulturSPIEGEL bekannt war. Sicherlich werde ich mir aber in nicht allzu ferner Zeit auch noch sein Debüt „Nicht mein Tag“, vorgelesen von Christoph Maria Herbst, zu Gemüte führen.

4 Audio-CDs mit 309 Minuten Spieldauer
Gelesen von Christoph Maria Herbst
ISBN-13: 978-3839810347
www.argon-verlag.de

Heitz, Markus – Judastöchter

_Die |Judas|-Bücher:_

Band 1: [„Kinder des Judas“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4306
Band 2: [„Judassohn“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4306
Band 3: _“Judastöchter“_

Theresia Sarkowitz (kurz Sia) ist eine Unsterbliche. Seit mehreren Jahrhunderten lebt sie schon als Judastochter und hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Nachkommen auszuschalten, um den Fluch des Judas auszurotten. Nur zwei Nachkommen gibt es noch, über die sie mit Argusaugen wacht, da sie nach ihrem Tod ebenfalls zu Judastöchtern werden könnten – Emma und Elena Karkov. Bei einem Blutbad am Silvesterabend wurde Emma Karkov so schwer verletzt, dass sie nun im Koma liegt und ihr Leben am seidenen Faden hängt. Doch der kleinen Elena ist nichts geschehen. Aber dann wird Elena beim Eislaufen entführt. Dunkle Gestalten und der Butler von Sias ehemaligem Widersacher Harm Byrne kämpfen um das Mädchen, und der Butler gewinnt. Er flieht mit ihr und bringt sie zunächst nach Berlin – stets verfolgt von dubiosen Gestalten, die es ebenfalls auf Elena abgesehen haben. Während die Gestalten bei Elena keinen Erfolg haben, schaffen sie es, Emma aus dem Krankenhaus zu entführen und nach Irland zu verschleppen.

Sia muss fortan um Emmas und Elenas Leben bangen. Kurz darauf überbringt ein Bote ihr eine Nachricht: Mit einem U-Boot soll sie Emma nach Irland folgen und dort zahlreiche Gestaltwandler ermorden, um damit ihre beiden Nachkommen zu retten. Sia geht zum Schein auf die Erpressung ein und begibt sich mit Eric von Kastell, dessen Bekanntschaft sie im vorangegangenen Band bereits gemacht hat, auf die grüne Insel. Eric und sie werden Verbündete und fast auch Liebende, gäbe es da nicht dieses kleine Problem, dass Eric Sia zum Fressen gern hat. Denn er ist zwar ihr wichtigster Verbündeter im Kampf gegen die irischen Vampire, doch schleppt er ein dunkles Geheimnis mit sich herum. Gemeinsam mischen sie die Vampire und Gestaltwandler in Irland gehörig auf – immer im Kampf gegen die Zeit und mit der Angst, Emma und Elena nicht retten zu können …

_Auf ein Drittes_

Mit seinen fulminanten Büchern „Kinder des Judas“ und „Judassohn“ hat uns Markus Heitz bereits mit Sia und den anderen Judaskindern bekannt gemacht. Über die Jahrhunderte hinweg haben wir sie begleitet und ihre Geschichte erfahren, doch nun bleiben wir in der Gegenwart und erfahren, was aus Sias letzten beiden Nachkommen wird. Wieder einmal nutzt Heitz früh die Gelegenheit, seine Leser an das Buch zu fesseln, denn im vorliegenden Band werden Emma und Elena Karkov entführt – ohne dass wir zunächst ahnen, wer hinter den Taten steckt und was diese Gestalten damit bezwecken. Auch welches Spiel der Butler Harm Byrnes spielt, bleibt völlig unklar, und so fiebern wir schnell mit Sia mit, die sich um ihre beiden Nachkommen sorgen muss.

Ganz Heitz-typisch machen wir im weiteren Verlauf des Buches Bekanntschaft mit zahlreichen Wesen, deren Rolle in der Geschichte wir zunächst überhaupt nicht durchschauen können. Wir lernen die geheimnisvollen Sidhe in Irland kennen, eine Schlangenwandlerin, die aus einer anderen Zeit kommt und nun mit ihrer fast unbezwingbaren Kraft als Scharfrichterin ihr Unwesen treibt. Wir machen Bekanntschaft mit IRA-Kämpfern, einem Senator und einem dubiosen Lobbyisten, dem Premierminister Irlands, verschiedenen Gestaltwandlern und natürlich dem Butler Wilson. Lange Zeit lässt uns Markus Heitz darüber im Unklaren, welche Rolle die einzelnen Charaktere spielen, welche Ziele sie verfolgen und auf welcher Seite sie stehen. So muss man sich zeitweise durch einen Wust von Figuren kämpfen, die man nicht einordnen kann – wie gut, dass sich vorne im Buch zumindest ein ausführliches Personenregister findet, damit man beim Lesen nicht den Überblick verliert. Nichtsdestotrotz leidet der Spannungsbogen darunter, dass man bis etwa zur Hälfte des Buches nicht weiß, worauf die Geschichte hinauslaufen soll. Wir lernen so viele Charaktere kennen, die zum Teil auch nicht sonderlich lange am Leben bleiben, dass man geneigt ist, das Buch stellenweise quer zu lesen, um endlich zum Wesentlichen zu kommen.

Der Punkt, an dem ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte, war dann aber schließlich erreicht, als Sia erfährt, dass Emma und Elena entführt worden sind und sie nun erpresst wird und nach Irland reisen muss. Alleine schon die Fahrt mit dem U-Boot auf die grüne Insel birgt so viel Gefahrenpotenzial, dass man atemlos weiter liest, um endlich zu erfahren, wie sich Sia aus einer schier unmöglichen Situation retten kann. Dort schließlich überschlagen sich die Ereignisse: Eric und sie kämpfen gegen Gestaltwandler, eine mächtige Scharfrichterin, der Silber nichts ausmacht, der aber schließlich ein Tortenheber zum Verhängnis wird, und versuchen, den Hochkönig auszuschalten. Nicht aus jedem Kampf gehen die beiden siegreich hervor, und auch die Seiten müssen sie zwischendurch wechseln. Als Unterstützung lässt Eric schließlich seine ungeliebte Halbschwester anreisen, die als hochnäsige Französin immer wieder aneckt, aber gerade dadurch großen Unterhaltungswert hat.

Ab der Mitte des Buches war ich von der Geschichte so sehr gefesselt, dass ich jede freie Minute abgezweigt habe, um weiterzulesen. Markus Heitz braucht zwar manchmal etwas länger, um Fahrt aufzunehmen, aber wenn er seine Leser erst einmal gepackt hat, lässt er sie nicht mehr los. Und so habe auch ich das Buch in rasendem Tempo zu Ende gelesen und wurde dabei noch von einem großartigen Finale mit einer ziemlichen Überraschung am Ende belohnt. So ist „Judastöchter“ zwar als letzter Band rund um Theresia Sarkowitz gedacht, doch lässt sich Heitz mit dem Buchende alle Optionen offen, um an die bisherige Geschichte anzuknüpfen. Und ich muss gestehen, dass ich garantiert weiterlesen würde, sollte Markus Heitz beschließen, die offenen Fragen noch in einem weiteren Buch zu klären.

_Unsterblich gut_

Die große Stärke des vorliegenden Buches ist eindeutig die Zusammenarbeit von Sia und Eric, die wunderbar zusammenpassen, sich hervorragend ergänzen und auch gerne näher kommen würden. Doch immer wieder werden sie daran gehindert, bis Eric bemerkt, dass er Sia zum Fressen gern hat und ihr besser nicht näher kommen sollte. Eric gefiel mir als Partner an Sias Seite ausgesprochen gut, denn er hat seinen eigenen Kopf, birgt ein großes Geheimnis, erweist sich aber als treue Hilfe im Kampf gegen die Gestaltwandler. Obwohl Sia als Unsterbliche in der Hierachie sehr weit oben steht, kann Eric ihr mehr als das Wasser reichen. In allen Situationen ist er ihr ebenbürtig. Dieses „rächende Duo“ ist einfach genial gelungen!

Unter dem Strich ist „Judastöchter“ ein sehr würdiger Abschluss der Geschichte um Theresia Sarkowitz. Das Buch erfordert anfangs zwar einen langen Atem und das häufige Zurückblättern zum Personenregister, belohnt den treuen Leser aber spätestens ab der Mitte mit einem packenden Kampf zwischen Untoten, Wandelwesen und Vampiren. Es ist zwar nicht immer klar, welche Ziele die einzelnen Wesen verfolgen, doch die Kämpfe, die sie sich liefern, sind dermaßen spannend, dass man dies gar nicht weiter hinterfragt. Heitz versteht es wieder einmal, seine Leser bestens zu unterhalten!

|Broschiert: 608 Seiten
ISBN-13: 978-342665230|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de
[www.mahet.de]http://www.mahet.de
[www.pakt-der-dunkelheit.de]http://www.pakt-der-dunkelheit.de

_Markus Heitz bei |Buchwurm.info|:_
[Interview mit Markus Heitz]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=56
[„Gerechter Zorn“ 5983 (Die Legenden der Albae 1)
[„Ritus“ 2351 (Buch)
[„Ritus“ 3245 (Hörbuch)
[„Sanctum“ 2875 (Buch)
[„Sanctum“ 4143 (Hörbuch)
[„Blutportale“ 6091 (Hörbuch)
[„Blutportale“ 5528
[„Die Mächte des Feuers“ 2997
[„Die Mächte des Feuers“ 4655 (Hörbuch)
[„Blutportale“ 5528
[„Die Zwerge“ 2823
[„Die Zwerge“ 2941 (Hörbuch)
[„Die Rache der Zwerge“ 1958
[„Der Krieg der Zwerge“ 3074
[„Schatten über Ulldart“ 381 (Die Dunkle Zeit 1)
[„Trügerischer Friede“ 1732 (Ulldart – Zeit des Neuen 1)
[„Vampire! Vampire!“ 5866
[„05:58“ 1056 (Shadowrun)
[„Die dritte Expedition“ 2098
[„Collector“ (gekürzte Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6317

Filz, Sylvia & Konopatzki, Sigrid – Ohne (m)ein Eis sage ich nix!

Felicitas führt ein scheinbar perfektes Leben: Sie sieht gut aus, die Jahre sind nahezu spurlos an ihr vorüber gegangen, ihre Figur ist noch perfekt, sie stammt aus reichem Hause und hat einen noch reicheren Mann geheiratet, mit dem sie scheinbar eine tolle Ehe führt. Doch dann ruft sie eines Tages bei ihrer Freundin Claudia an, die gelangweilt durchs Fernsehprogramm zappt und mit ihrer Entscheidung hadert, ihren Mann Harald verlassen zu haben. Felicitas lädt ihre Freundin zu einem Wellnesswochenende in ein Nobelhotel ein, da sie unbedingt Abstand braucht und das Wochenende nicht alleine zu Hause verbringen mag. Ihre scheinbar so perfekte Ehe war eine Farce, da ihr Mann bereits seit Längerem ein Verhältnis mit einer viel jüngeren Frau pflegt!

Claudia kann es nicht glauben, dass ein Mann es wagen kann, ihre gutaussehende und sympathische Freundin zu betrügen. Auch sie freut sich, einmal aus ihrem langweiligen Alltagstrott heraus zu kommen, denn ihre Ehe mit Harald ist zwar harmonisch, war aber doch recht vorhersehbar und alltäglich geworden. Besonders der kleine Kaffeefleck, den Harald jeden Morgen auf dem Küchentisch hinterlässt, wenn er ihr den Kaffee zubereitet, lässt ihr die Haare zu Berge stehen. Und auch von den vielen schwarzen und gleich aussehenden Socken, die ihr Mann und ihre beiden Söhne Tag für Tag in die Wäsche werfen und die Claudia dann in mühseliger Kleinstarbeit auseinander sortieren muss, hat sie einfach genug. Harald war der bisher einzige Mann in ihrem Leben, und nun fragt Claudia sich, ob sie nicht etwas verpasst hat.

Bei wohltuenden Massagen, einem leckeren Eis und einem gemütlichen Abendessen besprechen die beiden Freundinnen ihre Probleme und flirten bereits am ersten Abend im Hotel mit einigen Männern, die dort geschäftlich abgestiegen sind. Während Felicitas den Flirt jedoch harmlos hält, übertreibt es Claudia und fällt beinahe auf einen windigen Hund herein, der nur eine schnelle Nummer mit ihr schieben will. Enttäuscht und verletzt lässt sie sich von Felicitas trösten, die wiederum gar nicht verstehen kann, warum Claudia nur wegen eines Kaffeeflecks und schwarzer Socken ihre Ehe abgeschrieben hat.

Bei ihren langen Gesprächen schwelgen sie bald in Erinnerungen an die gemeinsame Zeit in ihrer Fünfer-WG. Sie fragen sich, was aus den anderen Freunden – Birgit, Nele und Stefan geworden ist, mit denen sie sich damals so gut verstanden haben. Schnell erwächst der Plan, ein WG-Treffen zu organisieren. Gemeinsam formulieren sie ein Einladungsschreiben, das sie alsbald in die Post werfen.

Nele, Birgit und Stefan freuen sich über die Einladung und können das Treffen gar nicht mehr erwarten. Nur Birgit hat leichte Bedenken, hat sie doch seit der damaligen WG-Zeit etliche Konfektionsgrößen aufgespeckt. Bei Nele dagegen meldet sich sofort das Kribbeln im Bauch, hatte sie doch schon immer ein Auge auf ihren Mitbewohner Stefan geworfen, bei dem sie aber leider nie eine Chance gehabt hat, denn Stefan steht nur auf Männer. Doch auch der freut sich auf das Wiedersehen mit der kleinen, zarten Nele, die er nie ganz vergessen hat.

_Aber bitte mit Sahne_

Dies sind die Zutaten für einen erfrischenden Roman, der von der ersten Seite an Spaß macht zu lesen. Schon nach den ersten Zeilen bin ich in die Geschichte eingetaucht und hatte Claudia und Felicitas direkt vor Augen, wie sie um ihre Ehen trauern und bei einem gemeinsamen Wellness-Wochenende Entspannung finden wollen. Beides sind gestandene Frauen, die schon viel erlebt und eine Familie gegründet haben. Sie stehen mitten im Leben und plagen sich mit ganz normalen Problemen rum, wie sie in vielen Ehen vorkommen. Gerade weil diese beiden Frauen mitten aus dem Leben gegriffen sind, fühlt man sich ihnen sofort verbunden und hat das Gefühl, zwei neue Freundinnen hinzugewonnen zu haben – und das trotz der Tatsache, dass Felicitas mit ihrem Reichtum und ihrem nahezu perfekten Äußeren eigentlich viel zu abgehoben scheint. Doch ihre Ehrlichkeit, ihr sympathischer Charakter und ihre Liebenswürdigkeit ihren Freundinnen gegenüber haben mich schnell für diese betrogene Ehefrau eingenommen. Und auch Claudia ist ausgesprochen authentisch: Die meisten Frauen dürften sich in ihrem Leben schon einmal über die Socken ihres Mannes geärgert haben – sei es, weil sie statt in der Wäschetruhe auf dem Fußboden landen oder weil sie alle gleich aussehen und nach der Wäsche fein säuberlich sortiert werden müssen …

Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki zeichnen keine weichgespülten Figuren mit perfekten Lebensläufen, denn jeder ihrer Charaktere hat sein Päcklein zu tragen, bei Birgit sind es zum Beispiel die zahlreichen überflüssigen Kilos, bei Felicitas der untreue Ehemann oder bei Nele ihr kranker Sohn, dessen Lebenserwartung nicht sehr hoch ist.

Als die fünf ehemaligen WGler aufeinander treffen, scheint es zunächst, als wären alle glücklich und zufrieden mit ihrem Leben. Erst ein Geständnis Birgits lässt die Fassaden plötzlich bröckeln, woraufhin sich die fünf ihre Sorgen und Nöte gestehen und erzählen. Besonders Stefan weiß mit einem sehr überraschenden Geständnis aufzuwarten, mit dem keine der Freundinnen gerechnet hätte. Doch Stefans Geheimnis offenbaren uns die beiden Autorinnen erst recht spät und animieren uns dadurch noch mehr zum schnellen Weiterlesen, da man natürlich wissen möchte, was Stefan seinen Mitbewohnerinnen nie hatte sagen können.

_Aus dem Leben gegriffen_

Mich hat die Geschichte dermaßen gut unterhalten, dass es mir beim Lesen richtig warm ums Herz wurde und ich mich ähnlich entspannt gefühlt habe wie nach einer Wellnessanwendung. Und das will schon etwas heißen in Anbetracht der Tatsache, dass die beiden Autorinnen sicherlich keine heile Welt in ihrem Buch geschaffen haben. So muss Felicitas beispielsweise die Untreue ihres geliebten Ehemannes wegstecken und Nele verkraften, dass ihr Sohn unheilbar krank ist. Beim Lesen fühlt man sich einfach wohl und geborgen und vergisst dabei alle eigenen Sorgen und Nöte um sich herum. Ich hatte sämtliche Figuren dermaßen ins Herz geschlossen, dass mir in einer Situation die Tränen in die Augen geschossen sind, weil ich den seelischen Schmerz der Protagonisten selbst mitgefühlt habe.

Das vorliegende Buch weiß von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln, eben weil die erzählte Geschichte aus dem Leben gegriffen ist und man in den authentischen Figuren oftmals eigene Charakterzüge oder Sorgen wiederfindet. Sylvia Filz und Sigrid Konopatzki sprechen einem mit vielen ihrer Ideen aus der Seele und entführen uns in eine spannende Welt, in der wir fünf sympathische Menschen kennen lernen dürfen.

„Ohne (m)ein Eis sage ich nix!“ ist ein herrlich erfrischend geschriebenes Buch, das mich für einige Stunden in eine andere Welt entführt und mich dabei wunderbar unterhalten hat. Daher kann ich das Buch nur wärmstens weiterempfehlen und hoffe auch auf ein baldiges Wiedersehen mit Felicitas, Claudia und ihren WG-Freunden!

|Taschenbuch: 178 Seiten
ISBN-13: 978-3842327245 |

Sophie Kinsella – Mini Shopaholic

Becky ist zurück, und das schon zum sechsten Mal! Viele turbulente Abenteuer haben wir mit ihr bereits durchgestanden, doch in diesem Buch trifft es sie besonders hart: Da die Wirtschaft in einer dicken Krise steckt und Banken pleite machen, ist Sparen angesagt. Beckys Mutter bekommt Einkaufsverbot von ihrem Mann auferlegt und auch Becky gibt ihrem Mann Luke in einer schwachen Minute das Versprechen, jedes Teil aus ihrem Kleiderschrank dreimal anzuziehen, bevor sie sich etwas Neues gönnt. Doch hätte sie natürlich nie damit gerechnet, dass sie somit ein Dreivierteljahr lang Shoppingpause einhalten muss. Da hilft nur eins: Mehr für ihre zweijährige Tochter Minnie einkaufen, gerne auch auf Vorrat, beispielsweise ein schickes Abendkleid, das Minnie zu ihrem 21. Geburtstag anziehen und bis dahin ihrer Mutter leihen könnte.

Becky Brandon, ehemals Bloomwood, ist also trotz Finanzkrise ganz die Alte geblieben. Shopping geht ihr über alles und das zeigt sich auch an Minnie, die leicht verwöhnt scheint, da ihr jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird. Es ist nicht alles rosig in diesem Shopaholic-Roman, denn der Hauskauf zieht sich immer länger hin, sodass Becky, Luke und Minnie immer länger bei Beckys Eltern wohnen müssen. Denen geht es allerdings langsam auf den Keks, dass überall Zeugs herumsteht und Becky sogar die Garage mit ihrem Kram voll gestellt hat.

Im Job dagegen läuft es für Becky bestens, da sie die Wirtschaftskrise voll für sich nutzen kann: Viele ihrer Kundinnen haben von ihren reichen Ehemännern ein Einkaufsverbot erteilt bekommen, doch Becky hat die rettende Idee: Die neu geshoppten Klamotten werden unauffällig in einem Karton mit dem Aufdruck „Druckerzubehör“ geliefert oder in einem Altkleidersack von einer spendablen „Nachbarin“ gebracht, die in diesem Fall natürlich Beckys Kollegin Jasmine ist. So geht der Umsatz in Beckys Abteilung rapide bergauf, bis ihr Chef zu fragen beginnt, was ihr Erfolgsgeheimnis ist und Becky aufzufliegen droht …

Langeweile kommt auch in diesem Buch nicht auf, denn Becky hat sich vorgenommen, Luke zu seinem Geburtstag mit einer großen Party zu überraschen, da er seinen Geburtstag sonst nie feiert. Großspurig hat Becky erklärt, dass sie dafür keinerlei Hilfe benötigen würde. Doch schnell muss sie erkennen, dass es tausend Dinge gibt, an die sie denken muss und dass man nichtmal eben schnell ein großes Festzelt gegen zwei Handtaschen tauschen kann. Probleme sind also wieder einmal vorprogrammiert, damit aber auch Beckys oft unkonventionelle und umso witzigere Lösungswege!

_Einkaufssüchtig_

Auch in diesen Buch treffen wir auf Becky Brandon, wie wir sie kennen und lieben. All ihre Gedanken kreisen nur ums Shoppen. Und auch als sie eigentlich Shoppingverbot hat, erfindet sie Ausreden, wie sie schließlich doch etwas kaufen kann. Beispielsweise indem Tochter Minnie als Ausrede herhalten muss für ein feines Abendkleid, das dieser noch etwa 19 Jahre lang nicht passen dürfte. Als auch Beckys Mutter immer schlechtere Laune in Anbetracht des Einkaufsverbots bekommt, überfallen die beiden gemeinsam mit Nachbarin Janice und Beckys Schwester Jess einen Pound-Shop, wo alles – wie der Name schon sagt – nur ein Pfund kostet. Doch ein halbes Dutzend vollgepackte Einkaufstüten voller Artikel gelten natürlich eigentlich auch als Einkauf …

Und so kommt es wie es kommen muss: Eine Nanny, die eigentlich herausfinden soll, wie man Minnies Aufmüpfigkeit kurieren kann, stellt fest, dass Becky nicht nur gerne einkauft, sondern süchtig ist nach Shoppen und daher in Therapie gehört. Das gefällt dieser selbstverständlich überhaupt nicht, doch Luke ist beunruhigt, da die Nanny befürchtet, dass Beckys Verhalten ohne Therapie auf die kleine Minnie abfärben könnte.

Dieses sechste Buch der Shopaholic-Reihe ist dennoch ein ziemlich Ungewöhnliches, da Becky tatsächlich größtenteils shoppingabstinent lebt und schweren Herzens nichts für sich zum Anziehen kauft. In dieser Konsequenz erlebe ich das zum ersten Mal. Als Becky in die konkreten Planungen für Lukes Überraschungsparty einsteigt und merkt, dass ihr diese finanziell komplett über den Kopf hinaus wächst, gibt Schwester Jess ihr den Tipp, gewisse Dienstleistungen und Dinge für die Party einzutauschen. Und so versucht Becky, Handtaschen, Sandalen und Mäntel gegen ein Festzelt, einen Feuerschlucker, einen Jongleur und einen Catering-Service zu tauschen. Aber natürlich geht auch dieses wie gewöhnlich bei Becky nicht ohne Katastrophen ab und sorgt dadurch für jede Menge Unterhaltung.

Wieder einmal ist Becky Brandon herrlich chaotisch, manchmal aber auch eigensinnig, dafür aber auch kreativ und liebenswürdig. Trotz der Finanzkrise schafft sie es, mit einer ungewöhnlichen Idee die Gewinne ihrer Abteilung noch zu steigern. Nur bei den Partyvorbereitungen macht sie sich nicht immer Freunde. Denn als ihre beste Freundin Suze ihre Hilfe anbietet, weist Becky sie brüsk zurück und muss dies hinterher bitter bereuen. Dabei tut sie dies alles nur, um ihren geliebten Ehemann zu überraschen, der sonst nie seinen Geburtstag feiert. Auf dem Weg zu dieser Party geschieht noch das eine und andere Missgeschick, doch Becky findet für alles eine Lösung.

Die ganze Buchreihe wäre natürlich nichts ohne Becky und all ihre Macken. Meist ist sie sehr liebenswürdig dabei und auch sympathisch, doch zugegebenermaßen geht sie einem manchmal auch etwas auf den Keks. Manche Situationen sind einfach zu sehr überzogen, sodass man sich fragen muss, ob Becky wirklich schon erwachsen ist. Denn sie manövriert sich immer wieder in unmögliche Situationen, tritt in das eine oder andere Fettnäpfchen und kann ihren Kopf oft genug bloß im letzten Moment aus der Schlinge retten. Glücklicherweise kriegt Sophie Kinsella in diesem Buch immer schnell die Kurve, sodass Beckys Marotten nie so sehr stören, dass man das Buch entnervt zur Seite legt. Zugegebenermaßen ist es aber auch eine Gratwanderung für Kinsella, ihre herrlich chaotische Figur nicht zu sehr über die Stränge schlagen zu lassen. Denn manchmal sind es auch genau diese Eigenarten, die mich über eine Szene haben lachen lassen, z. B. als Becky sich auf der Kunstausstellung an der Schule ihres Patenkindes Ernie als Kunstprofessorin vom Guggenheim Museum ausgibt und der Rektorin versichert, dass Ernie über ein ganz besonderes künstlerisches Talent verfügt.

_Überraschung gelungen_

Auch wenn das sechste Buch rund um Becky Brandon den Titel „Mini Shopaholic“ trägt, so tritt Minnie Brandon doch eher in den Hintergrund. Im Mittelpunkt des Buches stehen vielmehr der turbulente Weg zu Lukes Überraschungsparty, Beckys Planungen und all die Katastrophen, die auf dem Weg zur perfekten Party geschehen. Ehrlich gesagt ist die Story an sich dadurch recht dünn. Zwar geschehen nebenbei immer irgendwelche Dinge, sodass beim Lesen nie Langeweile aufkommt, aber im Nachhinein fand ich die Geschichte an sich recht mager.

Nichtsdestotrotz fügt sich dieses Buch – trotz Finanzkrise und damit einhergehender Shoppingabstinenz – wunderbar in die ganze Shopaholic-Reihe ein, die mich schon seit geraumer Zeit hervorragend unterhält. Sophie Kinsella schafft es einfach ein ums andere Mal, ihre Leserinnen mit viel Wortwitz, abstrusen Szenen und einer sympathischen und etwas chaotischen Figur zu unterhalten. Und da in diesem Buch noch einige Fragen offen geblieben sind, fiebere ich schon jetzt dem nächsten Abenteuer von Becky Brandon entgegen.

|Broschiert: 464 Seiten
ISBN-13: 978-3442546466
Originaltitel: |Mini Shopaholic|
Deutsch von Jörn Ingwersen|

_Sophie Kinsella beim Buchwurm:_
[Charleston Girl]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6241