Alle Beiträge von Maike Pfalz

Buchwurm, seit ich lesen kann :-)

Iain McDowall – Reich und tot

Für den Briefträger begann der Tag ganz friedlich. Doch ein Einschreiben ändert dies. Denn als er bei den Mortimers ein solches abgeben will, findet er die Leiche der schwer misshandelten Jenny Mortimer. Die Autopsie fördert Spuren eines Elektroschockers zutage, doch solche Waffen sind in Großbritannien verboten. Wie also ist der Mörder an einen solchen gelangt? Jennys Ehemann Gus Mortimer ist sofort der Tatverdächtige Nummer eins, da er noch am Abend zuvor seine Ehefrau an den Haaren von einer Party weggeschleift hat, weil sie ihm dort eine Affäre mit dem Gärtner gestanden hat. Dieser trauert nun um seine Geliebte und macht sich Vorwürfe, weil er nicht vor Ort war, als Jenny ihrem Mann gestanden hat, dass sie ihn verlassen will.

Chief Inspector Jacobson und Detective Sergeant Kerr plagt nicht nur dieser eine Fall, denn ein gewalttätiger Sexualstraftäter ist entlassen worden und auf Wunsch nach Crowby gezogen, wo ehemalige Opfer von ihm wohnen. Als die Einwohner der Stadt dies herauskriegen, muss die Polizei einen wilden Mob bändigen, doch der Straftäter zieht es vor, seinen Bewachern zu entkommen und sein Glück auf eigene Faust zu probieren.

Da sind Probleme vorprogrammiert, die auch nicht lange auf sich warten lassen. Als dann auch noch die zweite Leiche aufgefunden wird, ermitteln Jacobson und Kerr auf Hochtouren …

_Tödlicher Ehestreit?_

Bevor uns Iain McDowall mit den Mortimers bekannt macht und den ersten Mordfall geschehen lässt, präsentiert er uns zunächst Jacobson und seine Kollegen, die sich um den entlassenen Sexualstraftäter Robert Johnson sorgen müssen, der auf eigenen Wunsch nach Crowby – sozusagen seine alte Wirkungsstätte – zurück kehrt. 12 Stunden am Tag soll er auf Schritt und Tritt bewacht werden, damit er nicht rückfällig wird, doch kann die Polizei in Crowby dies überhaupt leisten? Schon bald lernen wir auch Jenny Mortimer kennen, die ihrem Ehemann endlich reinen Wein einschenken und ihm von ihrer Affäre berichten will. Dazu hat sie die Party bei Bekannten ausersehen, weil sie hofft, dass ihr Mann dort die Fassung bewahrt und sie in Ruhe lässt. Doch weit gefehlt – er zerrt sie an den Haaren von der Party, und am nächsten Morgen fährt Gus Mortimer zur Arbeit, während seine Frau tot in der Einfahrt liegt. Was ist geschehen?

Das scheint auf den ersten Blick klar: Gus Mortimer, der ohnehin zu Gewaltausbrüchen neigt, hat seine Frau erst sexuell misshandelt und dann ermordet. Davon ist die Polizei überzeugt und versucht daher mit gesammelten Kräften, Mortimer den Mord nachzuweisen. Auch alle Indizien sprechen gegen den gehörnten Ehemann. Als der zweite Mord geschieht, liegt die Sache ebenso klar. Genauso schnell wie beim ersten Mord ist ein Tatverdächtiger gefunden. Geht das nicht alles viel zu einfach? Das mag der Leser zwar denken, doch der Polizei fällt das nicht ein. Und leider fällt auch dem Autor Iain McDowall das nicht ein, denn obwohl sich die Ermittlungen ständig im Kreise drehen und er sie in aller Ausführlichkeit schildert, kommen kaum neue Erkenntnisse hinzu, die dem Fall neue Würze geben oder dem Buch eine gewisse Spannung verleihen.

Spannung scheint hier ohnehin ein Fremdwort. Denn Iain McDowall macht einen zweiten Schauplatz auf, indem er Robert Johnson ins Feld führt. Auch die Geschichte um den entlassenen Straftäter beschreibt McDowall in nervenzehrender Ausführlichkeit, die dem Leser alle Geduld abverlangt, die dieser bereit ist aufzubringen. Der Leser erfährt, was Johnson plant und wie er seine Tage verbringt, wie die Beschattung vonstatten geht und wie die Einwohner der Kleinstadt herausfinden, wer neuerdings in ihrem Kreise haust. Wir lernen eine unsympathische Journalistin kennen, die auf Teufel komm raus herausfinden will, wo sich Johnson genau versteckt. Und dann kommt es natürlich schlussendlich zum Eklat, als einige Männer Selbstjustiz verüben wollen. Doch was hat das mit dem eigentlichen Mordfall zu tun? Gute Frage. Leider lautet die Antwort: „Rein gar nichts!“ Und das ist neben der fehlenden Spannung das zweite Manko des Buches. In epischer Breite führt Iain McDowall diese Geschichte aus, die vom eigentlichen Thema nur ablenkt und am Ende rein gar nichts mit den Mordfällen zu tun hat. Da wundert es nicht weiter, dass Spannung in diesem Buch Fehlanzeige ist.

Das nächste Manko sind die beiden Hauptfiguren des Buches, nämlich die Ermittler Kerr und Jacobson. Mag sein, dass McDowall diese im ersten Roman aus dieser Ermittlerreihe vorgestellt hat. In diesem Buch jedoch erfahren wir gerade einmal, dass Kerr eine außereheliche Beziehung pflegt und dass Jacobson in jeder nur erdenklichen Situation eine Schachtel B+H öffnet, um mal wieder eine Zigarette zu rauchen. Als er zur gefühlt 27. Zigarette eines Kapitels greift, hat auch der desinteressierteste Leser verstanden, dass Jacobson starker Raucher ist und will es eigentlich nicht genauer wissen.

Der Mordfall an sich birgt leider rein gar keine Faszination oder Spannung. McDowall stellt uns sofort einen Tatverdächtigen vor, und was soll ich sagen? Wir lernen nie einen anderen kennen, und am Ende gibt es auch keinen anderen. Ja wie langweilig ist das denn, wenn völlig geradlinig das gesamte Buch darauf hinausläuft, dass der erste Tatverdächtige am Ende der Schuldige ist? Nichtmal ansatzweise versucht Iain McDowall, seine Leser oder auch seine Ermittler auf eine falsche Spur zu bringen. Ganz im Gegenteil, ab und an gibt es neue Hinweise, die wieder nur auf den einen Tatverdächtigen führen, aber leider bringt all dies die Geschichte kein bisschen voran. So ziehen sich die 350 Seiten zäh wie Kaugummi dahin und man wünscht sich als Leser nichts anderes, als möglichst bald von dieser Qual erlöst zu werden.

Um es kurz zu machen: „Reich und tot“ gehört zu den langweiligsten Krimis, die ich je gelesen habe. Weder schafft Iain McDowall es, auch nur ein Fünkchen Spannung zu erzeugen, noch stellt er uns sympathische Charaktere vor. Dieses Buch birgt keine Überraschungen, sodass man am Ende nur völlig emotionslos registriert, dass der gehörnte Ehemann nun tatsächlich der Täter war. Dass der zweite Tatverdächtige schlussendlich unschuldig ist und jemand anderes für den zweiten Mord verantwortlich war, nimmt man zwar noch wahr, aber interessieren tut es einen eigentlich nicht mehr. Mit diesem Buch macht McDowall leider gar keine Werbung für seine Bücher …

|Taschenbuch: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3423212267
Originaltitel: |Making a Killing|
Deutsch von Werner Löcher-Lawrence|

_McDowall beim Buchwurm:_
[Der perfekte Tod]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5292 (Hörbuch)

Ildikó von Kürthy – Endlich!

An einem ganz normalen Dienstag im Februar um genau zehn nach acht am Morgen verändert sich Vera Hagedorns Leben für immer. Sie ist schlappe 40 Jahre alt und glücklich mit ihrem Mann Marcus verheiratet. Zumindest glaubt sie das. Doch wie der Zufall es will, findet sie dank einer Nachlässigkeit ihres Ehegatten und dank Facebook heraus, dass er schon seit längerem eine Geliebte hat. Wie gut, dass sie zu dieser Zeit bereits in Berlin bei ihrer Freundin Johanna weilt, um sie nach einer Brustvergrößerung zu unterstützen. Dort beginnt Vera, ihr Leben gründlich umzukrempeln, um Marcus zurück zu gewinnen. Das Seminar „Nackt besser aussehen“ ist es schließlich, dass ihr endlich wieder eine Portion Selbstbewusstsein schenkt und sie erkennen lässt, dass sich durchaus auch andere Männer für sie interessieren. Daheim in Stade beginnt Marcus derweil, mit seiner Geliebten zu hadern …

_Wendepunkte_

Vera Hagedorn ist die typische Vertreterin des Frauenromans – eine Frau mittleren Alters, die mit Figur und Selbstbewusstsein hadert, verheiratet ist – aber natürlich nicht überaus glücklich – und die beginnt, ihr Leben auf den Kopf zu stellen. Bei Vera ist es ein Anruf ihrer Freundin Johanna – eine „Künstlerin“, mit der Marcus nie warm geworden ist -, der die Dinge ins Rollen bringt. Eigentlich wollte Johanna ihre Freundin Vera nur zu einer Ayurveda-Kur mitnehmen und sie bitten, nach Berlin zu kommen, um ihr nach einer OP unter die Arme zu greifen. Doch als Vera in Berlin Marcus‘ Laptop aufklappt, stellt sie fest, dass er sich bei Facebook nicht ausgeloggt hat. Mit einem nur winzig schlechten Gewissen beginnt sie, seine Nachrichten zu durchstöbern und wird auch sofort fündig. Vera fällt aus allen Wolken, denn mit diesem Betrug hatte sie nie gerechnet!

Glücklicherweise haben Johanna und Vera auf ihrer Ayurveda-Kur Bekanntschaft mit Erdal gemacht – den aufmerksame Ildikó von Kürthy-Leserinnen bereits gut kennen. Dieser schleust Vera kostenlos beim Seminar „Nackt besser aussehen“ ein, da er den Personal Trainer und die Ernährungsberaterin sehr gut kennt. Erdal und Johanna sind es, die Vera in allen Lebenslagen gut zureden und ihr hilfreiche Tipps geben, um Marcus zurück zu gewinnen. Die beiden übernehmen dabei die Rolle der besten Freundinnen, was natürlich hervorragend zum sympathischen Erdal passt, der mit seinem Lebensgefährten, einer guten Freundin und deren Kind (dessen Vater unbekannt ist) zusammen lebt.

Ildikó von Kürthys Romanfiguren entsprechen durchweg dem Klischee des guten Frauenromans. Wir haben die weibliche Hauptfigur, die gerade mitten in einer Lebenskrise steckt, ihre gute Freundin, die mit deutlich mehr Selbstbewusstsein ausgestattet ist und ihr daher gut zureden kann, und den Schwulen Halbtürken Erdal, der bereits in zwei anderen Büchern der Hamburger Journalistin aufgetreten ist. Von Kürthy bedient geschickt sämtliche Klischees, weiß aber dank ihres Wortwitzes dennoch gut zu unterhalten. Wie immer beherrscht sie das Stilmittel der Übertreibung ausgesprochen überzeugend und bringt dadurch ihre Leserinnen mindestens einmal zum Schmunzeln. Zudem stellt sie ihren Kapiteln jedes Mal das Zitat einer bekannten Persönlichkeit voran, die oftmals ebenfalls hervorragend gewählt sind, wie z.B. der Ausspruch Liz Taylors: |“Abschminken heißt, das Alter auf den neuesten Stand zu bringen.“| Woraufhin Ildikó von Kürthy sogleich passend anschließt: |“Johannas Freundin Sabine, Maskenbildnerin an der Volksbühne, hat mir in der vergangenen Stunde ein Gesicht zurechtgeschminkt, das ich nach dem Abschminken mein Leben lang schmerzlich vermissen werde.“|

Auch in diesem Roman schafft es Ildikó von Kürthy, ihren Leserinnen aus der Seele zu sprechen. So grübelt Vera Hagedorn beispielsweise darüber nach, wie frustrierend es ist, Hosen einkaufen zu gehen, wenn die Verkäuferin im Laden das gleiche Hosenmodell trägt wie man selbst – allerdings zwei Nummern kleiner und mit Gürtel. Ja, das sind Gedanken und Sorgen, die die meisten Frauen durchaus nachvollziehen können, sodass man sich von diesem Buch wieder einmal persönlich angesprochen fühlt.

_Verwirrend_

Ein Manko hat das vorliegende Buch allerdings doch, und zwar den Aufbau der Geschichte. Zunächst erzählt Ildikó von Kürthy uns, dass sich an besagtem Dienstag Vera Hagedorns Leben ändern wird. Dann aber ergeht sich die Autorin zunächst in vielen Rückblenden, um ihre Protagonisten vorzustellen. Und an einem späteren Zeitpunkt fällt plötzlich die Information vom Himmel, dass Marcus seine Frau betrügt und erst in den darauf folgenden Kapiteln erfahren wir, wie Vera diesen Betrug aufgedeckt hat. Die Geschichte wirkt dadurch mitunter ein wenig chaotisch, da man manchmal gar nicht genau weiß, ob man sich gerade in der Gegenwart befindet oder doch in einer Rückblende. Natürlich muss ein Buch nicht strikt chronologisch aufgebaut sein, doch von Kürthy springt mir zu häufig hin und her, sodass ich ihren Erzählstil dieses Mal ziemlich verwirrend fand. Zudem ist die Geschichte an sich – die betrogene Ehefrau, die ihren Ehemann zurück gewinnen möchte – leider keine sonderlich innovative. Schon häufig hat man derartige Storys gelesen, sodass die Autorin auch hier nicht punkten kann.

Unter dem Strich werden von Kürthys Fans sicherlich gut unterhalten, doch neue Anhängerinnen dürfte die Autorin dieses Mal nicht hinzu gewonnen haben. Dafür ist die Story etwas zu platt, die Charaktere ein wenig zu klischeebesetzt und die Geschichte etwas zu chaotisch erzählt. Dem gegenüber steht allerdings von Kürthys Wortwitz, der mir auch dieses Mal das eine oder andere Lächeln ins Gesicht gezaubert und dafür gesorgt hat, dass ich das vorliegende Buch gerne und schnell durchgelesen habe.

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3805208987|

_von Kürthy beim Buchwurm:_
[Schwerelos]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5321
[Freizeichen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=838
[Höhenrausch]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2672

Mankell, Henning – Chinese, Der

_Eine winterliche Mordnacht_

In einer Winternacht im Jahr 2006 geschieht im kleinen Dorf Hesjövallen das grausamste Verbrechen, das es in Schweden je gegeben hat. Nahezu alle Dorfbewohner werden am nächsten Morgen brutal abgeschlachtet aufgefunden – ganze Familien ausgelöscht. Nur ein Ehepaar und eine verwirrte Frau haben diese Mordnacht überlebt. Die Polizei ist geschockt, findet aber schnell den vermeintlich Schuldigen. Der gesteht die bestialische Tat, erhängt sich aber im Gefängnis, bevor die Polizei sein angebliches Tatmotiv aufgedeckt hat.

Auch die Richterin Birgitta Roslin aus Helsingborg wird auf dieses unglaubliche Verbrechen aufmerksam. Sie entdeckt, dass vermutlich auch die Pflegeeltern ihrer Mutter unter den Getöteten sind. Da Birgitta ohnehin krank geschrieben ist und über ungewohnte Freizeit verfügt, macht sie sich auf eigene Faust an die Nachforschungen und pfuscht der Polizei in Hesjövallen mitunter kräftig ins Handwerk, indem sie beispielsweise des Nachts Tagebücher aus dem Elternhaus ihrer Mutter entwendet. Durch Zufall führt ein rotes Band, das nach der Mordnacht im Dorf gefunden wird, sie zu einem geheimnisvollen Chinesen, der eines Abends in Hesjövallen aufgetaucht ist, in einem Chinarestaurant gespeist und in einem kleinen Hotel übernachtet hat und anschließend wieder vom Erdboden verschwunden ist. Obwohl die Polizei inzwischen ihren Verdächtigen dingfest gemacht hat, gibt Birgitta Roslin nicht auf, da sie nicht an die Schuld dieses Mannes glauben kann. Ihre Nachforschungen führen sie schließlich gar bis nach Peking, wo sie im Vorfeld der Olympischen Spiele eine unglaubliche Entdeckung macht und dabei langsam dem Motiv für das grausame Verbrechen in Hesjövallen auf die Spur kommt …

_Eine Geschichte der Rache_

Ein hungriger Wolf führt uns zu Beginn dieser Geschichte in das verwaiste Dorf, in dem fast alle Bewohner auf grausamste Weise ums Leben gekommen sind. Kurz darauf werden diese Verbrechen entdeckt und wir befinden uns praktisch mitten im Geschehen. Mit hohem Tempo entwickelt Henning Mankell zunächst seine Erzählung und präsentiert uns insbesondere die Hauptfigur des Romans – Birgitta Roslin. Diese eigensinnige Richterin ist der Polizei von Anfang an ein Dorn im Auge, da sie auf eigene Faust Ermittlungen anstellt und den ermittelnden Beamten immer mindestens einen Schritt voraus ist. Doch dann präsentiert die Polizei der Öffentlichkeit einen Verdächtigen, an dessen Schuld Birgitta Roslin von Anfang an nicht glauben kann. Das spornt sie immer mehr an, dem Geheimnis dieser grausamen Tat auf die Spur zu kommen. Da kommt es ihr gerade Recht, dass ihr Arzt sie krank schreibt und sie zudem etwas Abstand von ihrem Ehemann braucht, da ihre Ehe deutlich abgekühlt ist. Die Tagebücher, die Birgitta Roslin im Elternhaus ihrer Mutter entwendet, führen sie auf eine wichtige Spur, nämlich den Eisenbahnbau in den USA im 19. Jahrhundert, wo viele Chinesen unter widrigsten Bedingungen ihre Arbeit verrichtet haben. Wie allerdings diese Geschichte mit den Morden in Hesjövallen zusammen hängt, begreift Birgitta Roslin erst, als sie eine Freundin nach Peking begleitet und sich dort auf die Suche nach dem Chinesen macht, der in der besagten Mordnacht in der Nähe von Hesjövallen in einem Hotel abgestiegen ist.

Nach rasantem und spannendem Beginn schaltet Mankell schon nach 140 Seiten mindestens zwei Gänge zurück. Nun erzählt er in epischer Breite die Geschichte drei chinesischer Brüder, die nach dem Tod ihrer Eltern ihr Glück im chinesischen Kanton versuchen. Doch statt einer gut bezahlten Arbeit finden sie dort nur Armut und Verzweiflung, bis der eine Bruder ihren vermeintlichen Retter trifft, der ihnen Arbeit verspricht. Eines Abends holt dieser die drei Brüder ab. Als er jedoch merkt, dass der eine von ihnen krank ist, lässt er ihn umgehend ermorden – die anderen beiden Brüder entführt er auf ein Schiff, das sie in die USA bringt, wo sie beim Eisenbahnbau helfen müssen. Nur einer der Brüder überlebt dies und kann eines Tages nach China zurück kehren. Doch auch dort widerfährt ihm großes Unglück, sodass er Rache schwört und seine Erlebnisse für seine Nachkommen in einem Tagebuch festhält …

Henning Mankells Geschichte zieht weite Kreise. Wie die Geschichte dreier chinesischer Brüder mit den Morden in einem kleinen schwedischen Dorf zusammen hängt, bleibt über weite Strecken des Buches im Dunkeln, was den Spannungsbogen deutlich abflachen lässt. Die Motivation, die Geschichte der drei unglücklichen Brüder zu lesen, ist über weite Strecken ausgesprochen gering, da Mankell uns in diesem Moment keinerlei Anhaltspunkte gibt, was dies mit den Morden von Hesjövallen zu tun hat. Wie beides zusammen hängt, erfahren wir zwar zu einem späten Zeitpunkt, doch auch da scheint es ziemlich weit hergeholt, die Geschichte aus dem 19. Jahrhundert als Motiv für die Morde heran zu ziehen. Birgitta Roslin findet in Peking nicht nur den Zusammenhang zwischen dem Chinesen und den schwedischen Morden heraus, sondern deckt zudem wahnwitzige politische Machenschaften auf. Mir persönlich hat Henning Mankell in diesem Roman zu viele Baustellen aufgemacht, denn in Peking wird Birgitta Roslin offenbar die ganze Zeit beschattet, eines Tages wird ihr die Handtasche gestohlen und dann macht sie ausgerechnet die Bekanntschaft mit der Schwester desjenigen, der für die Gräueltaten in Hesjövallen verantwortlich ist. Ein bisschen viel des Zufalls?

Mich konnte das Konstrukt des vorliegenden Romans nicht wirklich überzeugen, auch wenn Henning Mankell zumindest in dem Handlungsstrang rund um die sympathische und engagierte Richterin Birgitta Roslin eine gewisse Portion Spannung aufbauen kann. Andere Passagen lesen sich allerdings fast schon zäh wie Kaugummi und zu jedem Zeitpunkt hätte ich das Buch locker an die Seite legen können, auch wenn Mankell wie üblich immer wieder Cliffhanger einstreut, die einen zumindest für eine gewisse Zeit wieder ein wenig an das Buch fesseln. Ich hätte mir gewünscht, dass man etwas eher hinter die Zusammenhänge blicken kann und dass diese nicht ganz so arg weit hergeholt erscheinen. Natürlich hat Henning Mankell wieder einmal ein heißes politisches Eisen herausgefischt, doch diese Thematik mit einem Massenmord in Schweden zu verknüpfen, erscheint mir arg konstruiert. Insgesamt unterhält „Der Chinese“ zwar ganz ordentlich, aber verglichen mit Mankells anderen Büchern ist das vorliegende Buch eher eines der schwächeren.

|Taschenbuch: 608 Seiten
ISBN-13: 978-3423212038
Originaltitel: |Kinesen|
Deutsch von Wolfgang Butt|

_Henning Mankell beim Buchwurm:_

[Der Feind im Schatten]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6316
[Mörder ohne Gesicht 143
[Hunde von Riga 95
[Die Pyramide (Hörbuch) 567
[Die Brandmauer 704
[Die Rückkehr des Tanzlehrers 1058
[Mittsommermord (Hörbuch) 1196
[Tea-Bag 1360
[Vor dem Frost 1714
[Wallanders erster Fall (Hörbuch) 1905
[Die fünfte Frau 2162
[Der Mann mit der Maske (Hörbuch) 2437
[Der Mann, der lächelte (Hörbuch) 2610
[Der Tod des Fotografen 2761
[Mörder ohne Gesicht (Hörbuch) 2791
[Hunde von Riga (Hörbuch) 3191
[Begegnung am Nachmittag (Hörbuch) 5437

James, Peter – Und morgen bist du tot

_Die „Roy Grace“-Serie:_

01 [„Stirb ewig“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3268
02 [„Stirb schön“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3154
03 [„Nicht tot genug“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5969
04 [„So gut wie tot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6003
05 _“Und morgen bist du tot“_
06 „Dead like you“ – noch ohne dt. Titel –

Ein Mann, der zum letzten Mal sein Motorrad besteigt. Seine Frau, die im sechsten Monat schwanger ist. Ein junges Mädchen, das dringend eine Spenderleber braucht. Ihre Mutter, die alles dafür tun würde, ihrer Tochter eine solche zu beschaffen. Ihr Vater, der auf einem Baggerschiff arbeitet, das eine Leiche aus einem Abbaugebiet fischt. Ein Unfall, der zu einem endlosen Stau im morgendlichen Berufsverkehr führt. Ein junges rumänisches Mädchen, das auf der Straße lebt und nachts an einem Heizungsrohr schläft. Und Detective Superintendent Roy Grace, der einen gewaltigen Kater hat und fürchten muss, dass seine Freundin Cleo ihm eine Hiobsbotschaft zu überbringen hat. Dies sind die einzelnen Zutaten für den fünften „Roy Grace“-Fall, den ich bereits mit Spannung erwartet hatte.

_Im Mittelpunkt der_ Geschichte steht die schwerkranke Caitlin, die dringend eine neue Leber braucht. Sie ist ein rebellischer Teenager, der seine Mutter oftmals zur Verzweiflung bringt, dennoch würde Lynn Beckett alles für ihre todkranke Tochter tun. Als sie erfahren muss, dass Caitlin dringend eine Leber braucht, um das diesjährige Weihnachtsfest, das bereits kurz bevorsteht, noch zu erleben, bricht für Lynn eine Welt zusammen. Doch dann erhält sie schnell die frohe Botschaft, dass Caitlin einen Teil einer Spenderleber bekommen kann. Sie begleitet ihre Tochter ins Krankenhaus, nur um dort zu erfahren, dass die Leber leider nicht für zwei Spenden reicht und Caitlin das Nachsehen hat. Die Zeit rennt, denn Caitlin geht es immer schlechter und schlechter. Da kommt ihr Freund Luke auf die Idee, sich im Internet nach Transplantationsfirmen umzusehen, über die man ein Organ kaufen kann.

Zur gleichen Zeit arbeitet Caitlins Vater Malcolm auf einem Baggerschiff, das die Leiche eines jungen Mannes zu Tage fördert. Roy Grace wird mit dem Fall beauftragt und erfährt bald, dass dem jungen Mann lebenswichtige Organe entnommen wurden. Handelt es sich um eine Seebestattung, bei der der Leichnam abgetrieben ist? Mysteriös erscheint aber, dass der junge Mann nur wenige Stunden vor seinem Tod noch eine Mahlzeit zu sich genommen hat. Das spricht gegen eine Organspende, da oftmals viele Stunden vergehen, bis die Transplantationsteams vor Ort sind, um die Organe zu entnehmen. Was also ist dem jungen Mann passiert? Als an derselben Stelle kurz darauf zwei weitere Leichen gefunden werden, denen lebenswichtige Organe fehlen, deutet alles auf Organhandel hin. Und da führt die Spur nach Rumänien. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn dort haben die Menschenhändler bereits ihre nächsten Opfer im Visier …

_Wertlose Menschen?_

Wieder einmal schlägt Peter James von Beginn an ein hohes Erzähltempo an. Jedes Kapitel widmet er einem anderen Handlungsstrang und meistens endet ein Kapitel mit einem Cliffhanger, der es in sich hat. Somit fliegt man anfangs über die Seiten, zumal erst spät klar wird, worauf Peter James hinaus will – nämlich auf den Menschenhandel und die Organspende. Er macht klar, wie viele Menschen in Großbritannien sterben müssen, weil nicht rechtzeitig ein passendes Spenderorgan für sie gefunden wurde. In anderen Ländern wie Spanien dagegen muss man der Organspende aktiv widersprechen. Da aber in Großbritannien ein steter Mangel an Spenderorganen besteht, blüht dort der Organhandel. Für zig tausend Pfund können sich verzweifelte Menschen das passende Organ kaufen, das sich die illegalen Transplantationsfirmen von jungen Menschen holen, die sie in Rumänien auf der Straße aufgesammelt und nach England geschleust haben. Liest man über derlei Praktiken, läuft es einem kalt den Rücken hinunter. Ganz neu ist dieses Thema natürlich nicht, doch Peter James schafft eine neue Sicht darauf, indem er uns auf der einen Seite die kranke Caitlin und ihre völlig verzweifelte Mutter vorstellt und auf der anderen Seite die junge Simona, die auf den Straßen Bukarests lebt und nicht mehr viel Hoffnung hat – bis sie eine gut gekleidete deutsche Frau kennen lernt, die ihr eine Zukunft in England verspricht und sie außer Landes bringt. Beide jungen Frauen stellt uns Peter James so vor, dass wir sie beide ins Herz schließen und dadurch in den Zwiespalt kommen, dass wir beiden eine gesunde Zukunft wünschen.

Peter James macht daraus einen Wettlauf mit der Zeit: Caitlin geht es immer schlechter, eine mögliche Transplantation scheitert, weil das Organ doch nicht gut genug ist, um es zu teilen. Stattdessen beschließt Caitlins Mutter Lynn, Kontakt mit einer Transplantationszentrale in Deutschland aufzunehmen und eine Leber zu kaufen – in dem Glauben, dass sie von einem Unfallopfer stamme. Der Leser weiß es aber besser, da er ja bereits Bekanntschaft mit Simona gemacht hat. Diese beginnt von einer Zukunft in England zu träumen – vielleicht als Barkeeperin in einer Cocktailbar? Sie malt sich ihre Zukunft mit ihrem Freund Romeo in England aus und vertraut der deutschen Frau vollkommen, ohne zu ahnen, dass diese nur an Simonas Organen interessiert ist.

Etwas schade fand ich, dass der Spannungsbogen trotz des wichtigen Themas und der dramatischen Geschichte etwas abflacht, da man als Leser ohnehin nicht weiß, ob man mit Caitlin oder mit Simona mitfiebern soll. Beide Mädchen sind einem sympathisch. So versucht die Polizei zwar verzweifelt, Simona zu retten, aber als Leser fiebert man nicht mehr so recht mit, da einem bewusst ist, dass damit Caitlins Hoffnung sterben würde.

_Eine neue Zukunft_

Auch für Detective Superintendent Roy Grace geht es um seine Zukunft: Hat er in den anderen Bänden immer noch intensiv nach seiner Frau Sandy gesucht, die vor etlichen Jahren spurlos verschwunden ist, so beginnt er in diesem Buch, sich von seiner Frau zu lösen. Cleo eröffnet ihm, dass sie ein Kind von ihm erwartet und Grace beschließt, seine Frau nun endlich für tot erklären zu lassen. Doch dann kommt es in München zu einer unerwarteten Begegnung …

Mir gefiel, dass Roy Grace jetzt endlich beginnt, in die Zukunft zu schauen und mit der Vergangenheit abzuschließen. Das Kind, das Cleo und er erwarten, ist endlich der Anstoß, sich von Sandy zu lösen. Dennoch hoffe ich nach wie vor, dass Roy Grace eines Tages erfährt, was mit Sandy geschehen ist, nachdem der Leser nun bereits einen kleinen Einblick in Sandys neues Leben erhalten hat. Doch nach wie vor tappt man weitestgehend im Dunkeln, da Peter James uns bislang nicht verraten hat, aus welchem Grund Sandy damals spurlos verschwunden ist.

In diesem Buch gewinnt auch der unbeliebte Kollege Norman Potting eine sympathische Seite, indem er ehrlich mit Roy Grace über seine unglückliche Ehe spricht und sich tatkräftig in die Ermittlungen stürzt und sehr wichtige Beiträge dazu liefert. Nur Glenn Branson ist nach wie vor der unglückliche Mann, der noch nicht mit seiner gescheiterten Ehe abgeschlossen hat – auch wenn seine Frau nun offensichtlich einen neuen Freund hat.

_Und morgen kommt ein neuer Fall_

Unter dem Strich konnte mich das vorliegende Buch leider nicht ganz überzeugen. Peter James lese ich ausgesprochen gerne, weil er unglaublich packende Bücher schreibt, die oftmals ein ganz neues Licht auf ein Thema werfen bzw. etwas völlig Neues im Thriller-Genre darstellen. Mit dem fünften Fall rund um Detective Superintendent Roy Grace hat James allerdings erstmals nicht viel Innovatives zu bieten. Das Thema Menschenhandel ist zwar sehr brisant, dennoch hat Peter James hier nicht so viel Ideenreichtum bewiesen wie in seinen anderen Roy-Grace-Romanen. Interessant fand ich, dass man in diesem Buch mit beiden Seiten mitfiebert, nur leider führte das auch dazu, dass der Spannungsbogen abflachte, weil man Caitlin durchaus die (illegale) Spenderleber gönnen würde. Ein weiteres Manko des Buches ist, dass man recht schnell die Zusammenhänge ahnt und somit nur noch die Frage im Raum steht, ob Simona und/oder Caitlin gerettet werden können. Große Überraschungen erwarten einen am Ende also nicht mehr. Ich hoffe, dass Peter James in seinem nächsten „Roy Grace“-Fall wieder eine Schippe mehr auflegt, denn, obwohl „Und morgen bist du tot“ durchaus spannend und unterhaltsam war, bin ich doch von Peter James Besseres gewöhnt.

|Hardcover: 528 Seiten
Originaltitel: |Dead Tomorrow|
ISBN-13: 978-3502101970|
http://www.fischerverlage.de/page/scherz

_Peter James bei |Buchwurm.info|:_
[„Mein bis in den Tod“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2493
[„Stirb schön“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=3680
[„So gut wie tot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5711

Adler-Olsen, Jussi – Schändung

Einst abgestraft und in den Keller versetzt, ermittelt Vizekommissar Carl Mørck nun mit dem Sonderdezernat Q in seinem zweiten Fall. Diesen hat Mørck eher dem Zufall zu verdanken, denn eines Tages liegt die Akte eines vermeintlich gelösten Kriminalfalls auf seinem Schreibtisch, und niemand weiß, wie sie dorthin gekommen ist. Dennoch macht sich Mørck mit seinem Assistenten Assad sogleich an die Arbeit und vertieft sich in den Fall des ermordeten Geschwisterpaars aus Rørvig. 20 Jahre zuvor sind die beiden in einer kleinen Waldhütte brutal ermordet worden, in Verdacht stand damals eine Clique von Jugendlichen aus reichem Hause. Doch nachgewiesen werden konnte ihnen die Tat nicht – bis einer der sechs die Tat gesteht und seitdem im Gefängnis seine Strafe absitzt. Schon nach kurzer Recherche glaubt Mørck nicht an die Schuld des einen allein, immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass auch die anderen fünf ihren Teil der Schuld tragen.

Dieser Mord bleibt nicht die einzige Tat, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto der reichen Jugendlichen geht. Vielmehr scheinen diese Schuld an einer Reihe von Überfällen und Misshandlungen zu sein. Nur konnte ihnen keine der Taten angelastet werden. Während Kristian Wolf nicht mehr am Leben ist und Bjarne Thøgersen im Gefängnis sitzt, sind die verbleibenden drei Männer – Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin – an die Spitze der Karriereleiter aufgestiegen. Daher erscheint es in der Gegenwart umso schwieriger, diese angesehenen Mitglieder der Gesellschaft mit den damaligen Taten in Verbindung zu bringen. Doch nun müssen sich die drei nicht nur vor dem Sonderdezernat Q in acht nehmen, sondern auch vor Kimmie Lassen, die als einzige Frau damals zu der gefährlichen Clique gezählt hat, die aber nach einem Schicksalsschlag auf der Straße lebt. Doch Kimmie hat nicht vergessen, was die Männer der einstigen Clique ihr angetan haben und so verfolgt sie die drei auf Schritt und Tritt, während sie sich gleichzeitig vor den Häschern ihrer früheren Freunde geschickt versteckt hält.

Carl Mørck ahnt noch nicht, was Jensen, Pram und Florin alles auf dem Kerbholz haben und dass Kimmie Lassen bereits Jagd auf die drei macht. Stattdessen schlägt sich Mørck mit seiner neuen Sekretärin Rose herum, die ihm anfangs gehörig auf die Nerven geht, die dann aber genau wie Assad ihren Teil dazu beiträgt, die Jugendclique von einst auffliegen zu lassen …

_Dänenpower_

Nach „Erbarmen“ handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um den zweiten Fall des Sonderdezernats Q, an dessen Spitze Carl Mørck agiert. Und der steht als geschiedener Mann ganz in der Tradition anderer Kriminalkommissare. Zudem war er nach einem missglückten Polizeieinsatz, bei dem einer seiner Kollegen ums Leben gekommen und der zweite schwer verletzt worden ist, in psychologischer Behandlung. Allerdings ging Mørck nicht nur zu den Sitzungen, um sich seine Probleme von der Seele zu reden, sondern weil er der Psychologin zu gerne an die Wäsche gehen würde. Doch leider hat diese noch nicht angebissen, und seine eher unbeholfenen Annäherungsversuche, die er in „Schändung“ wagt, dienen auch nicht gerade dazu, dass Mørck endlich einmal wieder bei einer Frau zum Zuge kommt. Zwar scheint er nicht ganz so depressiv zu sein wie sein schwedischer Kollege Kurt Wallander, aber viel fehlt auch nicht daran, denn auch zu Hause ärgert er sich mit seinem Sohn und seinem merkwürdigen Untermieter herum, zudem überlegt er, seinen querschnittsgelähmten Kollegen zu Hause zu pflegen. Viele Probleme sind es also, mit denen Mørck zu kämpfen hat und die ihn von seinem Fall ablenken.

Zudem weht ihm beruflich ein kräftiger Wind entgegen: Sein Vorgesetzter wirft ihm immer mehr Stöcke zwischen die Beine, um die Ermittlungen zu behindern, bis Mørck gar suspendiert wird. Doch den Kopf steckt er deswegen nicht in den Sand, stattdessen legt er sogar noch eine Schippe drauf. Dies zeigt die starke Seite des Vizekommissars, die mir persönlich deutlich besser gefallen hat als die verzweifelte Seite Mørcks, bei der er im Selbstmitleid versinkt, weil er seit Urzeiten mit keiner Frau mehr im Bett gewesen ist.

Sehr gut gefallen haben mir Assad und Rose als fleißige, aber manchmal auch recht aufmüpfige und eigensinnige Assistenten im Sonderdezernat Q. So überrascht Assad bei so manch einer Vernehmung mit seinen teils eher unqualifizierten Bemerkungen und Fragen, die aber manchmal dann doch genau ins Schwarze treffen. Und auch Rose sorgt für einigen Wirbel, wenn sie neue Tische für die Kellerräume bestellt, damit sie auf ihnen ihre Akten sortieren kann. Doch die nur halb aufgebauten Tische machen das Chaos im Keller schließlich perfekt. Dennoch lässt sich Rose von nichts aus der Ruhe bringen und überhört so manche (nicht allzu freundlich gemeinte) Ermahnung ihres Chefs.

Neben Mørck ist Kimmie Lassen die zweite Hauptfigur des Kriminalromans. Sie lebt auf der Straße, obwohl sie aus reichem Hause stammt und ein großes Haus besitzt. Geldsorgen hat sie demnach nicht, doch muss sie sich vor ihren früheren Freunden versteckt halten. Doch was hat sie damals erleben müssen, das ihr Leben dermaßen auf den Kopf gestellt hat? Nur langsam nähern wir uns der Lösung dieses Rätsels. Kimmie Lassen ist in diesem Buch am schwierigsten zu durchschauen, da Jussi Adler-Olsen uns zunächst nur wenige Informationen über Kimmie und ihre Vergangenheit Preis gibt. Genau dies macht Kimmie umso interessanter, auch wenn anfangs noch gar nicht klar ist, dass sie eine dermaßen zentrale Rolle in diesem Roman spielt. Ihre ehemaligen Weggefährten dagegen blieben für meine Begriffe etwas zu blass. Jensen, Pram und Florin sind ziemlich stereotyp gezeichnet, sie sind die Jungs aus reichem Hause, die auf Kosten anderer ihre Gewaltfantasien ausleben und auch heutzutage ihre Macht immer wieder aufs Neue ausnutzen – sei es bei der Jagd auf Mensch und Tier oder gegenüber ihren Angestellten.

Insgesamt hat mich die Charakterzeichnung somit nicht vollkommen überzeugt. Hinzu kommt die Schwierigkeit, Mørck zu durchschauen, wenn man den ersten Teil „Erbarmen“ nicht gelesen hat. Seine privaten Probleme werden hier nur am Rande erwähnt, sodass man sich zusammen reimen muss, dass er geschieden ist und sein Sohn noch bei ihm im Hause wohnt. Welche Probleme es aber in der Ehe und mit seinem Kind gegeben hat bzw. noch gibt, konnte ich mir nicht erklären. Schade fand ich auch, dass nur angedeutet wurde, was bei dem Polizeieinsatz passiert ist, bei dem Mørcks einer Kollege gestorben und der andere schwer verletzt worden ist. Ganz aufgeklärt ist dies wohl noch nicht, eventuell gibt das Stoff für das nächste Buch, im vorliegenden bleibt diese Tat jedenfalls ziemlich in der Luft hängen.

_Jagd auf die Jäger_

Was dagegen nahezu perfekt gelungen ist, ist der Spannungsbogen. Zunächst sind Ulrik Dybbøl Jensen, Ditlev Pram und Torsten Florin diejenigen, die Jagd machen – auf wehrlose Tiere und auch auf Kimmie. Die aber dreht irgendwann den Spieß um, was der Handlung deutlich mehr Tempo verleiht. Zu Beginn ahnt man noch nicht, welche Rolle Kimmie im gesamten Gefüge spielt, doch je mehr Puzzleteile an den richtigen Platz rücken, umso mehr möchte man wissen, was sich hinter den verbleibenden Lücken verbirgt, was damals wirklich geschehen ist und wieso Kimmie auf der Straße gelandet ist. Was Jussi Adler-Olsen uns hier schließlich eröffnet, hat es in sich. Hier hat der Autor aus dem Vollen geschöpft, um seine Leser zu schockieren. Beim Finale übertreibt Adler-Olsen es zwar ein klein wenig, doch immerhin gerät die Auflösung wirklich schlüssig.

Carl Mørck mit seinen eigenwilligen Assistenten Assad und Rose hat im Krimigenre sicherlich eine blendende Zukunft vor sich, wenn Jussi Adler-Olsen es weiterhin so gut versteht, seine Leser so sehr zu packen und sie mit zu reißen. Allerdings würde ich mir für das nächste Buch wünschen, dass endlich aufgeklärt wird, was bei dem missglückten Polizeieinsatz damals schief gegangen ist, noch länger sollte Adler-Olsen seine Leser nicht mit Andeutungen hinhalten. Auch in puncto Nebencharaktere könnte er beim nächsten Mal ein klein wenig einfallsreicher sein, dann dürfte der dritte Fall des Sonderdezernats Q sicherlich zu einem äußerst lesenswerten Krimi werden!

|Taschenbuch: 460 Seiten
ISBN-13: 978-3423247870
Originaltitel: |Fasandræberne|
Deutsch von Hannes Thiess|
http://www.dtv.de/

Swann, Leonie – Garou

Die Schafe von Glennkill grasen wieder – dieses Mal auf einer französischen Weide. Denn nach dem Tod ihres Schäfers George sind sie mit ihrer neuen Schäferin Rebecca endlich ins ersehnte Europa gereist, von dem die neugierigen Schafe schon so viel gehört hatten. Am Fuße eines alten Schlosses versuchen sie, sich trotz des bevorstehenden Winters und des zu erwartenden Schnees in Frankreich einzuleben, wo die Menschen so komisch europäisch reden. Doch leider ist die Freude der Schafe über ihr neues Quartier nicht ganz ungetrübt: Auf der nachbarlichen Wiese hausen stinkende Ziegen und wilde Gerüchte über einen Werwolf machen die Runde. Tote Rehe liegen in den Wäldern und als dort auch noch ein Mensch erschossen aufgefunden wird, kommen die Männer mit den merkwürdigen Mützen – Polizisten nämlich -, um den Vorgängen im Wald auf die Spur zu kommen.

Die Schafe rund um die Chef-Ermittlerin Miss Maple entwickeln ihre eigenen Theorien über den sogenannten Garou, vor dem sich alle fürchten. Sie ermitteln auf eigene Faust, gehen dabei auf große Wanderschaft und setzen sich der Gefahr durch den Garou und seine Jäger aus. Denn auch der Garou hat Feinde, wie sich bald herausstellt. Und so fürchten sich die Schafe bald nicht nur vor dem Garou, sondern auch vor dessen Jägern, die offensichtlich einen Menschen auf dem Gewissen haben, der ihnen bei der Jagd in die Quere gekommen ist.

Merkwürdige Dinge gehen vor rund um die Schafswiese. Nur langsam kommt Miss Maple dem Garou und seinen Jägern auf die Spur, denn auch die mysteriösen Karten von Rebeccas Mutter, mit denen sie angeblich sehen kann, helfen den Schafen nicht weiter. Selbst dann nicht, als Mopple sich treuherzig daran macht, die Karten nach und nach zu verspeisen, um sehen zu können …

_Wollige Helden_

Schon im Vorgängerband „Glennkill“ habe ich die Schafherde rund um Miss Maple ins Herz geschlossen. Und auch im vorliegenden Roman „Garou“, den der Verlag etwas voreilig als Schaf-Thriller ausgewiesen hat, zeichnet die junge Autorin Leonie Swann herrlich wollige Charaktere. Jedes Schaf der Herde hat charakteristische Eigenschaften, so kann sich Mopple the Whale beispielsweise alles merken, Miss Maple zeichnet sich durch ihren messerscharfen Verstand aus, das Winterlamm ist immer noch auf der Suche nach seinem Namen und Lane ist das schnellste Schaf der Herde. Jedes Schaf hat seine Eigenarten, die bei den Ermittlungen natürlich eine wichtige Rolle spielen. Besonders liebenswert sind die Missverständnisse, die im täglichen Umgang mit den Schafen auftauchen, denn sie verstehen gerne Worte oder Bedeutungen ein wenig falsch, so glauben sie beispielsweise, der Schäferwagen würde von Ungeziefer wimmeln, als sie hören, dass er verwanzt sei – oder sie beweisen „Wollensstärke“, wenn sie etwas wollen. Und so ist Cloud das „wollensstärkste“ Schaf der Herde, weil sie am wolligsten ist. Diese wolligen Helden sind einfach nur genial gelungen. In der Umschreibung der Schafe beweist Leonie Swann erneut ihr großes Talent, Worte fehl zu deuten und in herrliche Sätze zu verpacken. Ihre Schreibe ist zwar einfach, aber herzerfrischend und mitunter auch recht komisch.

Dieses Mal kommen noch einige Ziegen und ein ungeschorenes Tier, das vermutlich eventuell ein Schaf sein könnte, hinzu. Und auch diese Tiere haben ihre besonderen Charakteristika, doch leider verblassen sie abgesehen von der kleinen schwarzen Ziege Madouc neben den Schafen, da sie eben doch nur eine Nebenrolle spielen. Madouc aber ist immer in der Nähe der Schafe, hilft ihnen bei ihren Ermittlungen und hat oft hilfreiche Tipps auf Lager.

Natürlich tauchen auch verschiedene Menschen auf, wie zum Beispiel Rebecca, die sich ständig mit ihrer Mutter in die Wolle kriegt, beispielsweise weil diese unachtsam ihre Zigarettenstummel in den Schnee wirft, wo die Schafe sie aufessen könnten (als ob die Schafe so etwas essen würden!) oder weil sie die Dorfbewohner in den Schäferwagen einlädt, um ihnen dort die Karten zu legen (was Rebecca für Humbug hält). Doch die Menschen sind gerade mal schmückendes Beiwerk in diesem Buch. Von den verschiedenen Dorfbewohnern erfahren wir meist nicht viel mehr als den Namen und ihren Beruf. Nur wenige Personen wie der durchgeknallte Zach oder der Häher, der das Schloss im Dorf bewohnt, lernen wir etwas besser kennen. Mich störte das allerdings nicht sonderlich, da die Schafe viel liebenswerter und für die Geschichte ja auch viel bedeutender sind. Doch fällt das Mitraten schwerer, weil wir von den handelnden Personen nicht so viel erfahren.

_Thriller oder nicht? Das ist hier die Frage_

Auf dem Buchcover prangt offensiv die Bezeichnung „Schaf-Thriller“, was mich von Anfang an etwas gewundert hat. Im Nachhinein kann ich auch keinen Thriller erkennen, denn zwar ermitteln die Schafe in einem mysteriösen Mordfall und es fließt auch durchaus einiges Blut, doch einen wirklichen Spannungsbogen konnte ich nicht ausmachen. So ist „Garou“ zwar eine liebenswerte Schaflektüre, allerdings bei Weitem kein Thriller. Das störte mich jedoch nicht weiter, denn mit einem Thriller hatte ich wie gesagt von Anfang an nicht gerechnet. Was mir aber negativ aufgefallen ist, ist die teilweise chaotische Handlung. Denn die Schafe teilen sich bei ihren Ermittlungen häufig auf. So entkommen einige Schafe mit dem großen Auto, mit dem sie auch nach Europa gereist sind, andere stromern durch den Wald oder suchen das Schloss auf, und die restlichen Schafe bevölkern weiterhin die Weide und machen sich dort breit, damit Rebecca nicht bemerkt, dass sich ihre Herde reduziert hat. An den meisten Schauplätzen taucht immer mal wieder die eine oder andere Ziege auf, sodass oftmals ziemliches Chaos herrscht. Manchmal konnte ich den verschiedenen Handlungssträngen nicht so recht folgen, zumal die Schafe ja meist auch ziemlich abstruse Ziele verfolgen. Und da Leonie Swann all diese schafigen Ideen parallel verfolgt, zerfasert dadurch die Handlung sehr stark, sodass man häufig den Überblick verliert. Das mag eventuell beabsichtigt sein, weil ja auch die Schafe nicht immer planvoll vorgehen, aus meiner Sicht störte das aber den Lesefluss erheblich.

_Mäh!_

Unter dem Strich gefiel mir „Garou“ zwar wieder recht gut, weil Leonie Swann ihre wolligen Romanhelden so liebenswürdig präsentiert und mit ihrem ganz eigenen und sympathischen Schreibstil punkten kann. Zwar konnte ich nicht wirklich einen Spannungsbogen ausmachen, doch fehlte dieser mir nicht sonderlich. Wer zu einem Schafkrimi greift, weiß sicherlich vorher, dass er keine packende Spannung oder Gesellschaftskritik à la Mankell erwarten kann. Negativ fällt allerdings die teils chaotische Handlung auf, die das Miträtseln erschwert. So reicht „Garou“ leider nicht an Swanns Erstlingsroman „Glennkill“ heran, macht aber dennoch neugierig auf den hoffentlich bald folgenden dritten Schaf-Krimi.

|Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3442312245|

_Schafe Bücher beim Buchwurm:_
[Glennkill]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1583

Henning Mankell – Der Feind im Schatten

Eine Ära geht zu Ende. Vermutlich ist kein Kriminalkommissar in der gesamten Literatur so bekannt wie Kurt Wallander – der alternde, teils zynische und manchmal schlecht gelaunte und grüblerische Kommissar aus dem schwedischen Ystad, den Henning Mankell vor zig Jahren ins Leben gerufen hat. Mit dem vorliegenden Buch nun endet die Ära Kurt Wallanders …

_Vermisst_

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Kate DiCamillo – Der Elefant des Magiers

„Die Welt ist entzwei, dachte Peter, und sie kann nicht heil gemacht werden.“

Die Welt des kleinen Peter ist tatsächlich entzwei: Seine Mutter ist bei der Geburt seiner Schwester gestorben, sein Vater – ein tapferer Soldat – ist gefallen. Seitdem lebt Peter bei einem alten, mürrischen Offizier namens Vilna Lutz, der einst an der Seite von Peters Vater gekämpft hat. Vilna Lutz hat Peter immer erzählt, dass seine Schwester Adele noch bei der Geburt gestorben ist. Als aber eine Wahrsagerin eines Tages auf dem Markt in Balta auftaucht, beschließt Peter, sein ganzes Geld, für das er eigentlich Fisch und Brot kaufen sollte, zu investieren, um der Wahrsagerin eine Frage zu stellen – nämlich die, ob seine Schwester noch lebt. Und tatsächlich behauptet die Wahrsagerin, dass Adele noch lebt und dass ein Elefant Peter den Weg zu seiner Schwester weisen würde.

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Heitz, Markus – Judassohn

|_Judas| beim Buchwurm:_

Band 1: [Kinder des Judas 4306
Band 2: _Judassohn_
Band 3: Judastöchter

In „Kinder des Judas“ hat Bestsellerautor Markus Heitz sein Vampiruniversum eröffnet. Dort stand eine Tochter des Judas im Mittelpunkt des Geschehens, nämlich Theresia Sarkowitz, die bereits vor Jahrhunderten von ihrem Vater gelernt hat, mit ihren übermenschlichen Kräften umzugehen. Da sie aber weiß, was es bedeutet, seine Seele einem Dämon zu verkaufen, hat sie nach und nach ihre gesamte Nachkommenschaft ausgelöscht. Nur zwei sind übrig geblieben, und zwar Emma und Elena Karkow, über die Theresia seitdem wacht.

Im vorliegenden zweiten Band der Vampirsaga macht Theresia nun eine schreckliche Entdeckung: Am Silvesterabend will sie Emma Karkows Wohnung betreten, riecht aber bereits aus dem Treppenhaus das Gemisch vom Blut unzähliger Menschen. Die gesamte Wohnung ist geflutet mit dem roten Lebenssaft und ein Wesen, das sich als Theresias Tochter vorstellt, will Rache an ihrer Mutter nehmen und ihr das Liebste rauben, was diese noch hat: Emma und Elena.

Ob es zu diesem Racheakt kommt, erfahren wir erst rund 600 Seiten später, denn zunächst entführt uns Markus Heitz in die Vergangenheit: Wir lernen Tanguy Guivarch kennen, der Ende des 18. Jahrhunderts in der Süd-Bretagne lebt und unsterblich in Gwenn verliebt ist. Als die beiden zu einem Schäferstündchen im Dickicht verschwinden, werden sie von einer Gruppe ungehobelter Kerle aufgescheucht. Einer davon will mit Gwenn seinen Spaß haben. Tanguy kann dies zwar verhindern, zahlt die Rettung seiner Geliebten jedoch mit seinem Leben. Auf seiner eigenen Beerdigung kehrt er ins „Leben“ zurück und sorgt in seinem Heimatdorf für ein Massaker, das niemand überlebt. Tanguy allerdings kann sich nicht mehr an sein vorheriges Leben erinnern. Erst nach und nach erkennt er, dass er zu einem Vampir geworden ist.

In einer anderen Geschichte begegnen wir Sandrine, die ebenfalls über die Kräfte eines Vampirs verfügt. Doch ihr Körper ist nicht gezeichnet durch das Mal eines bestimmten Dämons, daher weiß sie nicht, welche Art Vampir sie eigentlich ist. Sie verliebt sich unsterblich in die Tenjac Anjanka, mit der sie fortan auf Blutfang geht. Dabei gelangen sie schließlich auch in die Gegend, in der Theresia Sarkowitz als Scylla aufgewachsen ist. Die beiden lernen Scyllas einstige Vertraute, die Baronin Metunova, kennen, die seitdem sichtlich gealtert ist und eine Affäre mit ihrem Nachbarn Octavius unterhält. Bei diesem kommen die beiden Vampirinnen unter und erhalten sogleich einen mysteriösen Auftrag.

Den Weg ins serbische Gebiet zu den Ursprüngen der Cognatio unternimmt auch Dominic de Marat, der bei Scyllas Halbbruder Marek in die Lehre geht. Auch Dominic hat seinen Weg noch nicht gefunden und entdeckt erst nach und nach seine besonderen Kräfte.

Wie all diese Figuren zusammen hängen und wie Theresia eine Tochter übersehen konnte, verrät uns Markus Heitz erst auf den allerletzten Seiten …

_Langer Atem_

Die Welt der verschiedenen Vampirwesen, die Markus Heitz in seinem ersten Band eröffnet hat, ist komplex und hat viele Berührungspunkte mit der Welt der Dämonen und Werwölfe. Wer wie ich die entsprechenden Bücher nicht kennt, kann hier durchaus manchmal ein wenig den Überblick verlieren. Denn schon die Welt der Vampire ist Heitz-typisch komplex, so begegnet uns eine Vielzahl unterschiedlicher Vampire, die durch verschiedene Stärken und Schwächen gekennzeichnet sind. Glücklicherweise erläutert Heitz im Einstieg zum vorliegenden Buch die unterschiedlichen Vampirarten, sodass man hier eine Art Vampirlexikon an die Hand bekommt, das im weiteren Verlauf des Buches mehr als hilfreich wird.

Er knüpft nahtlos an die Ereignisse aus „Kinder des Judas“ an und führt die Ereignisse in der Gegenwart fort, die sich in Theresia Sarkowitz‘ Dunstkreis in Leipzig abspielen. Und schon nach rund 50 Seiten erwartet uns das erste Blutbad, das eine rachsüchtige Vampirin am Silvesterabend in Emma Karkows Wohnung anrichtet. Sie ist wegen Theresia da und behauptet, ihre Tochter zu sein. Doch wie kann das sein, wenn diese doch gewissenhaft ihre Nachkommenschaft bis auf zwei Ausnahmen ausgelöscht hat? Diese Frage beschäftigt einen nahezu das gesamte weitere Buch über, denn Markus Heitz verlangt eine gehörige Portion Geduld von seinen Lesern: Statt einer Auflösung stellt er uns zunächst in gewohnt epischer Breite zahlreiche andere Figuren vor, die natürlich alle Vampire sind, teilweise auch Kinder des Judas, doch wie ihre Verbindung zu Scylla bzw. Theresia ist, bleibt bis kurz vor Schluss im Dunkeln.

Keine der Geschichten wird dabei langweilig, obwohl Heitz sich teilweise viel Zeit lässt, um seine Charaktere vorzustellen und sie in den historischen Kontext zu betten. Dadurch erlangt sein Buch eine atmosphärische Tiefe, die ihresgleichen sucht. Den langen Atem hält man bei Heitz gerne bereit, zumal er mit seinem Cliffhanger zu Beginn gekonnt dafür gesorgt hat, dass man als Leser bei der Stange bleibt und sich so schnell wie möglich durch die historischen Geschichten liest, um endlich wieder in die Gegenwart zu gelangen. Und am Ende präsentiert Heitz uns schließlich einen Showdown, der es in sich hat und der bereits mehr als neugierig auf den folgenden Band „Judastöchter“ macht, der Ende dieses Jahres erscheinen soll.

_Figurenvielfalt_

In diesem Buch ist nicht länger Theresia die Hauptfigur, auch wenn sie weiterhin Dreh- und Angelpunkt der gesamten Handlung bleibt. Denn wie wir am Schluss erkennen müssen, haben alle anderen Hauptcharaktere auch eine Verbindung zu Scylla. Auch dieses Mal dreht sich alles um die Kinder des Judas. Wir dringen weiter in die Geschichte dieser besonderen Sorte Vampir ein und erfahren, dass es einen Weg zu geben scheint, um die Verbindung zu seinem Dämon zu lösen. Doch diese Geschichte wird wohl erst im nächsten Buch ihre Auflösung finden.

Wir begegnen in diesem Buch einer wahren Flut von Charakteren, die zu zahlreichen unterschiedlichen Arten von Wesen gehören. Über allem aber steht stets Theresia Sarkowitz, die mit ihrem Ausbruch aus der Cognatio die gesamte Vampirwelt durcheinander gewirbelt hat und die dadurch zu einer Legende geworden ist. Nach wie vor trachtet Marek danach, die Formel für die Unsterblichkeit zu erlangen. Diese Gier ist so groß, dass die Cognatio auch in diesem Buch ein falsches Spiel treibt, um die entscheidende Formel in die Hände zu bekommen.

Etwas schade fand ich, dass einige interessante Charaktere, die uns Markus Heitz im Laufe des Buches präsentiert, ein mehr oder weniger schnelles Ende finden und wir uns wieder von ihnen verabschieden müssen. Zwar ist dies unerlässlich für die weitere Handlung, doch fällt es nicht immer leicht, sich von manch einer Hauptfigur zu trennen. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass Heitz ganz unterschiedliche Charaktere – männliche wie weibliche – ins Feld führt, die alle ihre Reize haben, sodass jeder Leser einen Favoriten bzw. eine Identifikationsfigur finden dürfte.

_Rache einer Tochter_

Unter dem Strich gefällt das vorliegende Buch ausgesprochen gut. Der Spannungsbogen ist nahezu perfekt gelungen, da Markus Heitz bereits früh einen Cliffhanger setzt, der einen bis zum Schluss bei der Stange hält. Darüber hinaus bergen sämtliche Geschichten ihre ganz eigenen Reize und ihre ganz eigenen Hauptfiguren, die durch die Bank zu überzeugen wissen. Heitz setzt jedoch einige Kenntnisse aus der Welt der Vampire, Werwölfe und Dämonen voraus, was manchmal etwas verwirren kann, wenn man diese Informationen nicht präsent hat. Allerdings hat dies den Vorteil, dass er nicht mehr in epischer Breite ausholen muss, um den Lesern sein Fantasy-Universum zu erklären. So ist das Buch trotz des großen Umfangs von knapp 700 Seiten sehr kurzweilig geraten.

Zum Schluss fügt Heitz all seine Handlungsstränge geschickt zusammen und klärt einige offene Fragen auf. Aber natürlich lässt er auch welche offen, die sich hoffentlich im Dezember klären werden, wenn mit „Judastöchter“ das dritte Vampirbuch auf den Markt kommt.

|Taschenbuch: 686 Seiten
ISBN-13: 978-3426652251|

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http://www.droemer.de

_Markus Heitz auf |Buchwurm.info|:_

[Interview mit Markus Heitz]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=56
[„Gerechter Zorn“ 5983 (Die Legenden der Albae 1)
[„Ritus“ 2351 (Buch)
[„Ritus“ 3245 (Hörbuch)
[„Sanctum“ 2875 (Buch)
[„Sanctum“ 4143 (Hörbuch)
[„Blutportale“ 6091 (Hörbuch)
[„Blutportale“ 5528
[„Die Mächte des Feuers“ 2997
[„Die Mächte des Feuers“ 4655 (Hörbuch)
[„Kinder des Judas“ 4306
[„Blutportale“ 5528
[„Die Zwerge“ 2823
[„Die Zwerge“ 2941 (Hörbuch)
[„Die Rache der Zwerge“ 1958
[„Der Krieg der Zwerge“ 3074
[„Schatten über Ulldart“ 381 (Die Dunkle Zeit 1)
[„Trügerischer Friede“ 1732 (Ulldart – Zeit des Neuen 1)
[„Vampire! Vampire!“ 5866
[„05:58“ 1056 (Shadowrun)
[„Die dritte Expedition“ 2098

Marklund, Liza – Lebenslänglich

Mitten in der Nacht wird Polizistin Nina Hoffman zu einer Adresse gerufen, die ihr unangenehm bekannt vorkommt – ihre ehemals beste Freundin Julia Lindholm wohnt dort mit ihrem Mann David und ihrem Sohn Alexander. Genau in diesem Haus hat ein Mitbewohner einen Schusswechsel gemeldet. Nina und ihr Kollege Andersson sind die ersten Polizisten am Tatort. Als sie die Wohnung der Lindholms betreten, finden sie zunächst David, der erschossen in seinem Bett liegt. Julia hockt apathisch und kaum ansprechbar, aber unverletzt im Badezimmer, vom vierjährigen Alexander fehlt jede Spur. Doch Julia faselt etwas von einer fremden Frau, die ihn mitgenommen habe. Nina muss am Verstand ihrer Freundin zweifeln.

Nur mit knapper Not kann Annika Bengtzon ihre beiden Kinder aus dem brennenden Haus retten. Ihr gesamtes Hab und Gut ist abgebrannt und Annika hat weder Geld noch Papiere bei sich und weiß nicht, wohin sie sich wenden soll. Mitten in der Nacht klingelt sie bei ihrer Freundin Anne, um dort Unterschlupf zu finden, doch diese schmeißt Annika und die Kinder kurzerhand raus. Annika ist völlig verzweifelt, auch ihren Noch-Mann kann sie nicht erreichen, da er bei seiner Geliebten übernachtet. Eine Kollegin von ihr besorgt ihr die nötigsten Klamotten und ein bisschen Geld. Als Annika schließlich selbst der Brandstiftung bezichtigt wird, bricht für sie eine Welt zusammen.

Derweil trauert die Polizei um David Lindholm, der sich bei vielen Fällen als hervorragender Ermittler und Vermittler erwiesen hat. Julia dagegen wird schnell als Tatverdächtige abgestempelt. Trotz ihres desolaten psychischen Zustands kommt sie in Untersuchungshaft und muss fürchten, für den Mord an David und Alexander verurteilt zu werden. Dabei ist Alexander nach wie vor spurlos verschwunden.

Nina Hoffman zweifelt an ihrem Verstand. Was hat ihre Freundin Julia zu dieser Tat getrieben? Und wieso will die Polizei sie unter allen Umständen als Mörderin verurteilen? Auch Annika Bengtzon, eine bekannte Journalistin, bekommt Wind von dem Fall. Da sie selbst unschuldig der Brandstiftung verdächtigt wird, beginnt sie auf eigene Faust Ermittlungen, um Julias Unschuld zu beweisen. Doch die Beweise sind erdrückend. Was ist in der Familie Lindholm bloß vorgefallen?

_Vorschnell verurteilt_

Beim vorliegenden Buch handelt es sich bereits um den siebten Teil in der Annika-Bengtzon-Reihe. Auch wenn Annika als Journalistin arbeitet, ermittelt sie gerne auf eigene Faust. So auch in diesem Fall. Eigentlich hat sie privat genug um die Ohren, wo ihr untreuer Mann Thomas sie gerade verlassen hat und ihr Haus bis auf die Grundmauern nieder gebrannt ist. Zudem ist Annika die Tatverdächtige Nummer 1 und bekommt daher von der Versicherung keine Entschädigung ausgezahlt. Um sich abzulenken, übernimmt sie bei der Zeitung einige Artikel, für die sie im Fall Lindholm recherchieren muss. Schnell ist sie angefixt von Julias Fall und will die Unschuld der armen Frau beweisen. Zunächst muss Annika auf ihre Intuition vertrauen, denn alles spricht gegen Julia, doch nach und nach tauchen Hinweise auf, die nicht ins Bild passen und die vor allem David Lindholm in einem sehr viel schlechteren Licht dastehen lassen, als es der Polizei recht ist.

Ihre einzige Unterstützerin ist zunächst Nina, die einst gut mit Julia befreundet war, die aber nun einsehen muss, dass sie ihre Freundin gar nicht richtig gekannt hat. Nina zieht sich daraufhin zurück, sodass Annika nicht mehr auf ihre Hilfe zählen kann. Dennoch gibt sie nicht auf und findet immer mehr Leichen in David Lindholms Keller. So hatte er bereits zwei Ermittlungsverfahren gegen sich am Hut und war in mehreren Firmen in der Geschäftsleitung tätig. Auch als Vertrauensperson für Straftäter trat David Lindholm auf. Und immer wieder deckt Annika Bengtzon Verbindungen zu Mördern und anderen dubiosen Gestalten auf. Sie dringt immer weiter in Davids Geheimnisse ein, bis ihr spätabends zwei gefährliche Gestalten auflauern und ihr den halben Finger abtrennen – eine Warnung, sich nicht mehr einzumischen. Doch das stachelt Annika Bengtzons Neugierde noch mehr an.

Ihr Noch-Mann Thomas genießt derweil sein neues Leben mit der reichen Geliebten. Er will Annika die Kinder wegnehmen, bemerkt aber bald, dass er doch etwas überfordert von den beiden Kleinen ist. Im Job läuft es hervorragend für Thomas. Er bekommt eine langfristige Anstellung, muss dafür aber einen äußerst heiklen Vorgang abwickeln.

Häppchenweise deckt Annika Bengtzon die Geheimnisse aus Davids Vergangenheit auf. Und so ist der Leser immer animiert, selbst mitzuraten und sich zusammen zu reimen, was David Lindholm wohl auf dem Kerbholz gehabt haben könnte. Doch seine vielschichtigen Verbindungen mag man nicht durchschauen, und auch wenn Liza Marklund sie uns endlich präsentiert, muss man erst einmal genau über alles nachdenken und die Puzzleteile im Kopf selbst nochmal zusammen setzen. Das Buch ist dabei so fesselnd geschrieben, dass ich die knapp 500 Seiten innerhalb von zwei Tagen verschlungen habe, denn ich musste unbedingt wissen, ob Julia wirklich unschuldig ist und was tatsächlich hinter dem Mord an David steckt. Viel besser kann man einen Spannungsbogen kaum zeichnen, als Liza Marklund das hier getan hat.

_Tragische Heldin_

Im Mittelpunkt des Buches steht nicht etwa Nina Hoffman, wie man auf den ersten Seiten noch vermuten könnte, sondern Annika Bengtzon. Nina ist zwar Julias beste Freundin gewesen und auch die erste am Tatort, so dass sie zu Beginn des Buches viel Raum einnimmt, doch dann richtet Liza Marklund ihren Fokus immer mehr auf Annika Bengtzon und ihr Umfeld. Umfeld bedeutet in dem Fall, dass wir vieles über das Verlagsleben und über Thomas erfahren. Annika ist die tragische Heldin in diesem Buch. Sie ist die verlassene Frau, die vor den Scherben ihres Lebens steht. Ihr Mann hat sie betrogen und verlassen und will ihr nun auch noch die Kinder wegnehmen. Darüber hinaus verweigert die Versicherung die Zahlung einer Entschädigung für das abgebrannte Haus, und ihre gute Freundin Anne hat sie sträflich im Stich gelassen.

Am Ende ist Annika die einzige, die an Julias Unschuld glaubt und die intensiv in dem Fall ermittelt. So überführt sie schließlich den wahren Schuldigen und ist zur Stelle, als derjenige sich ins Ausland absetzen will. Hier wird Annika aktiv und verhindert die Flucht des wahren Täters.

Mir gefiel Annika Bengtzon als taffe Journalistin und Mutter im Grunde genommen sehr gut. Sie lässt sich nicht unterkriegen und versteht es, ihre Interessen durchzusetzen. Allerdings trägt Liza Marklund manchmal arg dick auf, denn ganz so dramatisch hätte sie die Ereignisse in Annikas Leben nicht zeichnen müssen, und auch der Showdown im Wald ist schon ziemlich abwegig. Schade fand ich es auch, dass Marklund Nina Hoffman zunächst viel Raum eingesteht, die junge Polizistin zum Ende hin aber nur noch selten erwähnt.

_Zu viele Köche verderben den Brei_

Liza Marklund arbeitet auf vielen Schauplätzen. Die ersten beiden sind die wichtigsten – nämlich der Mord an David Lindholm und der Brand von Annika Bengtzons Haus. Doch dann macht Marklund immer neue Fässer auf, z. B. beschreibt sie in aller Ausführlichkeit Thomas Bengtzons neues Leben bei seiner Geliebten und in seinem neuen Job und sie kommt immer wieder auf Annikas Freundin Anne zurück, die sie in der fraglichen Nacht so rüde abgewiesen hat. Zu allem Überfluss erfahren wir auch noch detailgenau, welch finanzielle Schwierigkeiten es im Verlag gibt, die dazu führen, dass bei der Zeitung zahlreiche Stellen abgebaut werden sollen. Diese Nebenhandlung hat rein gar nichts mit dem eigentlichen Kriminalfall zu tun und lenkt einzig und allein vom Geschehen ab. Annika ist nicht von den Einsparmaßnahmen bedroht und hat damit nichts zu tun. Ich hätte mir daher gewünscht, dass sich Liza Marklund auf das Wesentliche konzentriert. Diese Nebenschauplätze hätte sie deutlich reduzieren müssen.

Leider gibt es ein weiteres Manko: Liza Marklund vermischt ihre eigenen Bücher, so präsentiert sie in großer Ausführlichkeit Details aus vergangenen Büchern. Die Nobel-Morde, um die es im vorausgehenden Buch ging, sind immer noch Thema. Das fand ich arg verwirrend, da ich die anderen Bücher aus dieser Reihe leider nicht kenne. Und da Liza Marklund bereits so viel daraus verrät, lohnt es sich kaum noch, die Bücher im Nachhinein zu lesen. Besser wäre es gewesen, die vergangenen Fälle höchstens am Rande zu erwähnen, um treue Leser der Annika-Bengtzon-Reihe daran zu erinnern und um andere Leser neugierig auf die früheren Fälle zu machen. So verspielt Marklund viel Potenzial, denn ich habe einiges aus dem aktuellen Fall nicht verstanden, bin aber wenig motiviert, die alten Bücher zu lesen, da ich die Auflösung nun bereits kenne.

_Mitreißend_

Nichtsdestotrotz hat mich das Buch einfach mitgerissen. Von Beginn an war ich gefesselt von der Geschichte. Natürlich ahnt man schnell, dass Julia unschuldig ist. Doch was wirklich hinter der Tat steckt, ist so komplex, dass Liza Marklund uns an die Hand nehmen muss, um uns zur Auflösung des Falles zu lotsen. Der Spannungsbogen ist trotz der überflüssigen Nebenschauplätze hervorragend gelungen und auch das Ende des Buches hat es in sich, sodass ich bereits jetzt dem nächsten Fall in der Annika-Bengtzon-Reihe entgegen fiebere.

|Taschenbuch: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3499239014
Originaltitel:| Livstid|
Deutsch von Dagmar Lendt und Anne Bubenzer|

Grangé, Jean-Christophe – Choral des Todes

|“Der Schrei war in der Orgel eingesperrt. Er sirrte in den Orgelpfeifen und hallte in der ganzen Kirche wider. Gedämpft. Dumpf. Entrückt.“|

Mit diesen unheimlichen Sätzen beginnt Jean-Christophe Grangés neuester Thriller. In der armenischen Gemeinde wird der Organist in der Kirche ermordet und der Polizist Lionel Kasdan ist zufällig in der Nähe und daher als erster am Tatort. Auch wenn er eigentlich im Ruhestand ist, lässt ihn dieser Mord in der eigenen Gemeinde nicht los. Nur ein kleiner Blutfleck zeugt von Gewaltanwendung, sonst hätte man glauben mögen, der Organist hätte einen Herzinfarkt erlitten – und tatsächlich hat er das auch, wie die Obduktion zeigt. Seine Trommelfelle wurden völlig zerstört, und der daraus resultierende Schmerz hat den Organisten Wilhelm Götz getötet. Seine Schmerzensschreie waren es, die noch in der Kirche hallten, als Kasdan am Tatort ankam.

Die Spurensuche fördert einen interessanten Fußabdruck zutage – einen kleinen Abdruck von einem Basketballschuh in Größe 36. Einer der Chorjungen muss den Mord demnach beobachtet haben. Doch merkwürdigerweise kann Kasdan bei seiner Befragung bei keinem der Jungen ein auffälliges Verhalten fest stellen. Kasdans Neugierde ist geweckt, und so stellt er auf eigene Faust Untersuchungen an.

Cédric Volokine befindet sich zur Zeit des Mordes in einer Entzugsklinik. Seine Heroinsucht hat den Polizisten vom Jugendschutzdezernat in diese missliche Lage gebracht. Dann aber erfährt er von dem Mord an Götz und verlässt die Klinik, um auf eigene Faust zu ermitteln. So dauert es nicht lange, bis die offiziellen Ermittler, Kasdan und Volokine sich gegenseitig auf die Füße treten. Kasdan glaubt an einen politischen Hintergrund, da Wilhelm Götz einst aus Chile geflohen ist, Volokine aber ist überzeugt, dass der homosexuelle Organist sich an den Chorjungen vergangen hat und ein sexuelles Motiv im Vordergrund steht. Zunächst aber verlaufen beide Spuren im Sande.

Bald geschehen weitere Morde – wieder finden sich Schuhabdrücke in Größe 36 am Tatort. Handelt es sich dabei vielleicht um die Spuren des Täters statt des Zeugen? Volokine ist davon überzeugt, und je weiter er zusammen mit Kasdan in den Hintergründen der Morde herum gräbt, desto mehr scheint es, als habe er Recht. Kasdan und Volokine, die sich schnell zu einem Ermittlerduo zusammen schließen, müssen bald einsehen, dass die Chorjungen keine Engel sind, sondern den Tod bringen. Doch was hat sie dazu gebracht, diese Morde zu begehen? Die Spuren führen zu einer kleinen Kolonie in Südamerika, in der grausame Dinge vor sich gegangen sind, die ihre Fühler bis nach Frankreich ausgestreckt haben …

_Tödliche Melodien_

Schon mit seinen einleitenden Sätzen schafft Jean-Christophe Grangé eine düstere Atmosphäre, die mich von der ersten Seite an mitgerissen hat. Lionel Kasdan ist so früh am Tatort, dass er die Todesschreie des Organisten noch hören kann. Eine wahrlich grausige Vorstellung. Kurz darauf verrät Grangé uns, wie Götz gestorben ist und jagt uns damit den nächsten kalten Schauer über den Rücken. Kaum vorstellbar, dass jemand einen solch starken Schmerz erleiden kann, dass er daran stirbt. Aber genau das ist hier passiert. Dann plätschern die Ermittlungen zunächst vor sich hin, die Zuständigkeiten müssen geklärt und alte Feindschaften aus dem Weg geräumt werden, bis wir erfahren, dass die Chorjungen womöglich keine Zeugen, sondern Täter waren. Ein weiterer Paukenschlag, den man erstmal verdauen muss. Jean-Christophe Grangé scheut sich wieder einmal nicht, auch die schlimmsten Verbrechen zu beschreiben. Dieses Mal entführt er uns gedanklich nach Südamerika. Die Spur führt nach Chile. Kasdan glaubt, dass Götz vor seinen Folterern aus Chile geflohen ist. Doch dann erfährt er, dass Götz selbst zu den Folterern gezählt hat.

Gemeinsam kommen Kasdan und Volokine einer geheimnisvollen Gemeinschaft auf die Spur, die in einer kleinen Enklave in Chile gelebt hat. Ihre Spuren ziehen sich aber bis nach Frankreich – hat sich dort womöglich eine ähnliche Kolonie etabliert? Das geniale Ermittlerduo entdeckt, dass in verschiedenen Gemeinden immer wieder Chorjungen verschwunden sind – immer die mit den besten Stimmen. Dann macht Volokine einen ehemaligen Chorjungen ausfindig, der einst eine Engelsstimme hatte und der von einem „Menschenfresser“ berichtet, der die talentierten Chorjungen zu sich geholt hat. Doch was hat dieser ominöse Menschenfresser mit den Engelsstimmen im Sinne? Kasdan und Volokine kommen diesem Geheimnis nur sehr, sehr langsam auf die Spur.

Genau diese ausführlichen, intensiven und aufreibenden Ermittlungen sind es, die mich beim Lesen wieder einmal fasziniert haben. Nur ganz allmählich decken die beiden Schicht um Schicht auf, bis sie das gesamte Geheimnis vor Augen haben. Und was beide nicht ahnen: Einer von ihnen hängt tiefer in der gesamten Geschichte drin als er sich vorstellen kann …

_Todesengel_

Jean-Christophe Grangé schafft es in seinen Büchern immer wieder, gut konstruierte Kriminalfälle zu präsentieren, die sich in den allermeisten Fällen deutlich von der Masse abheben. Seine Stärke ist es dabei, immer nur so viele Informationen preis zu geben, dass man an das Buch gefesselt wird. Zudem schafft er es, diese Informationen am Ende schlüssig zu einem Ganzen zusammen zu setzen. Auch im vorliegenden Buch gelingt Grangé das ausgesprochen überzeugend. Für den deutschen Leser mag es allerdings etwas befremdlich sein, dass er einen alten Nazi-Schergen ausgräbt, der sich seine eigene Kolonie aufgebaut hat, in der die Einwohner in traditionellen bayerischen Trachten herumlaufen. Ich denke, die Geschichte hätte ebenso gut funktioniert, wenn kein alter Nazi die Fäden gezogen hätte. Dies ist aus meiner Sicht allerdings auch der einzige inhaltliche Kritikpunkt.

_Aufreibende Vitae_

Mit Lionel Kasdan und Cédric Volokine haben sich zwei Ermittler gefunden, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch ein Blick hinter die Fassade offenbart, dass sie auch einiges gemeinsam haben. Kasdan befindet sich bereits im Ruhestand, sein Sohn hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, seine Frau ist tot. Aber noch etwas anderes aus seiner Vergangenheit treibt ihn herum, das wir erst sehr spät erfahren. Volokine dagegen ist ein junger Draufgänger. Er hängt an der Nadel und kennt sich im Drogenmilieu bestens aus. Dennoch hat er eine Mission: Er kämpft mit allen Mitteln gegen Pädophile. Genau das hat ihn im Fall Götz auf den Plan gerufen. Aber auch Volokines Vergangenheit ist nicht minder bewegt. Auch hier müssen wir lange warten, bis wir einen Blick in diese bewegte Vergangenheit werfen können.

Beide Figuren gefielen mir unglaublich gut, auch wenn sie auf den ersten Blick alles andere als Sympathieträger sind. Sie haben Ecken und Kanten, kämpfen mit ihren Eigenarten und gegen ihre inneren Dämonen. Beide haben ihr Säcklein zu tragen und ahnen, dass es dem jeweils anderen genauso geht. Aus dieser Ahnung entsteht zunächst eine Partnerschaft, später sogar eine richtige Freundschaft. Lange können wir nur ahnen, welche Dämonen die beiden herumtreiben und was sie in der Vergangenheit miterleben mussten. Was uns Grangé schlussendlich präsentiert, wäre mir natürlich im Leben nie eingefallen, doch passen diese Offenbarungen stimmig ins Gesamtbild. Kasdan und Volokine als ermittelndes Duo haben mich auf ganzer Linie überzeugt, denn immer ist man als Leser bemüht, sie zu durchschauen und ihre Motive zu verstehen. Endlich zu erfahren, was die beiden umtreibt, fesselt einen über weite Strecken ans Buch.

_Ärgerliches_

Leider trüben viele Tipp- und Grammatikfehler den Lesefluss. Dutzende von Fehlern sind mir beim Lesen regelrecht in die Augen gesprungen, manchmal fehlte ein Wort, manchmal war eines doppelt. Dann wiederum fehlten die Kommata beim erweiterten Infinitiv, während ein Komma beim einfachen Infinitiv gesetzt wurde. Einmal fand ich ein Komma mitten in einem Wort und einmal zierten gleich zwei Fehler einen „Satz“, der nur aus zwei Wörtern bestand: „Kein Anwort“. Auch die Übersetzung wurde offensichtlich nicht gründlich Korrektur gelesen, denn dann hätte einem Lektor auffallen müssen, dass es nicht „Irländer“ heißt, sondern „Ire“. So viele Fehler dürfen definitiv nicht passieren, schon gar nicht in einem großen Verlag wie Ehrenwirth.

_Unter dem Strich_

Auch mit seinem neuesten Werk hat Jean-Christophe Grangé mich hervorragend unterhalten. Seine Bücher muss man sich meistens erst erarbeiten, da sie sehr umfangreich sind, zahlreiche verschiedene Figuren auftauchen und da die Kriminalfälle meist hochkomplex gestrickt sind. Und so ist es auch hier. Zudem benennt Grangé wirklich jede Straße in Paris, durch die Kasdan und Volokine auf ihren Streifzügen fahren, meiner Ansicht nach ist das etwas zu viel Lokalkolorit bzw. ein zu detaillierter, denn selbst wenn man Paris kennt, dürften einem die einzelnen Straßennamen und Gebäude dennoch unbekannt sein. Einen Informationsgewinn durch diese genauen Beschreibungen kann ich daher nicht erkennen.

Dafür punktet Grangé dieses Mal mit seinen beiden Hauptfiguren Kasdan und Volokine, die beide mit einer mehr als bewegten Vergangenheit aufwarten können und die sich hervorragend ergänzen. Beide haben ihre Eigenarten, die sie für uns greifbar und interessant machen. Von den beiden würde man wirklich gerne mehr lesen.

Bleibt demnach nur zu hoffen, dass Grangés nächstes Buch besser lektoriert wird, dann dürfte einem ungetrübten Lesevergnügen nichts mehr im Wege stehen!

|Gebundene Ausgabe: 571 Seiten
ISBN-13: 978-3431037937
Originaltitel: |Miserere|
Deutsch von Thorsten Schmidt|

_Grangé beim Buchwurm:_
[Das Herz der Hölle 4569
[Der steinerne Kreis 1349
[Das schwarze Blut 2286
[Das Imperium der Wölfe 1348
[Die purpurnen Flüsse 936

Kinsella, Sophie – Charleston Girl

Seit ihren Romanen rund um die Schnäppchenjägerin Rebecca Bloomwood hat sich Sophie Kinsella in die Herzen der Frauenroman-Fans geschrieben – so auch in meines. Entsprechend gespannt war ich auf ihr neuestes Werk, denn jede Figur, die Kinsella ins Leben ruft, misst man doch unweigerlich an der sympathischen und völlig chaotischen Becky Bloomwood.

In „Charleston Girl“ steht Lara Lington im Mittelpunkt des Geschehens. Sie ist Anfang 30 und stolpert gerade von einem Unglück ins nächste. Erst hat ihr Freund Josh aus unerfindlichen Gründen mit ihr Schluss gemacht und reagiert nun nicht einmal auf ihre immer verzweifelter werdenden SMS und dann ist auch noch ihre Freundin Natalie nach Goa entschwunden, mit der sie kürzlich eine Headhunting-Agentur aufgemacht hat. Nur leider ist Natalie die Expertin auf diesem Gebiet, nicht aber Lara. So klingeln immer mehr erboste Kunden an, die Lara kaum noch besänftigen kann. Schließlich muss Lara zum Begräbnis ihrer Großtante Sadie, die im gesegneten Alter von 105 gestorben ist. Die Beerdigung wird zum Wendepunkt in Laras Leben, erscheint ihr dort doch plötzlich der Geist ihrer verstorbenen Großtante – und zwar nicht im Greisenalter, sondern als putzmuntere und sehr aufsässige 23-Jährige, die Hände ringend eine Perlenkette mit einem Libellenanhänger sucht, die ihr vor Jahrzehnten abhanden gekommen ist.

Zunächst zweifelt Lara an ihrem Verstand – handelt es sich bei Sadies Geist um eine Halluzination? Doch dafür ist die Erscheinung zu lebendig und allzu präsent, denn lautstark fordert Sadie ihr Recht ein und kommandiert Lara fortan herum. Ohne diese spezielle Kette kann Sadie keine Ruhe finden, und so macht sich Lara auf die Suche nach der verschollenen Kette und verhindert dafür zunächst einmal unter einem sehr abstrusen Vorwand Sadies Einäscherung. Und wo Sadie schon einmal in Laras Leben getreten ist, verändert sie dieses gehörig: Sie sagt Lara ihre ehrliche Meinung über Josh und sorgt dafür, dass Lara einen wildfremden Mann – Ed – um ein Date bittet – nur damit Sadie mit ihm zum Tanzen gehen kann. Und da es ja Sadies Verabredung ist, stylt sie Lara ganz nach ihren Wünschen – mit wasserfestem 20er-Jahre Make-up, Brennscheren-gewellten Haaren und einem Flapper-Kleid. Auch die Kommunikation bei dem Date mit dem spießigen Typen mit der dicken Sorgenfalte auf der Stirn übernimmt Sadie und bringt Lara damit manchmal ziemlich in Verlegenheit. Als Sadie dafür sorgt, dass Ed Lara zu einer zweiten Verabredung einlädt, ahnt sie nicht, wie sie damit Laras Leben auf den Kopf stellt …

_Dein ständiger Begleiter_

Zunächst war ich völlig irritiert von Sophie Kinsellas Idee, ihrer Hauptfigur Lara einen Geist an die Seite zu stellen, der permanent dabei ist und sich in jede Unterhaltung lautstark einmischt. Manchmal ging mir Sadie im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geist mit ihrer Penetranz, ihrem mangelnden Einfühlungsvermögen und ihren ständigen Einmischungen. Und auch Lara hat sie mit diesem Verhalten häufig auf die Palme gebracht. Irgendwann aber gewinnt man Sadie lieb, wenn sie beginnt, auch an andere zu denken, sich um Lara zu kümmern und ihr Leben in die richtige Bahn zu lenken. Doch die Gratwanderung, die Sophie Kinsella hier unternimmt, ist aus meiner Sicht nicht immer gelungen. Bis man an den Punkt kommt, an dem man Sadie ins Herz schließt, hat man vor Ärger bereits einige graue Haare bekommen.

Lara Lington trägt die gleichen Züge wie die meisten Heldinnen in Frauenromanen: Sie ist Anfang 30, unglücklich verliebt, unzufrieden mit ihrem Job und ziemlich naiv, wenn es darum geht zu akzeptieren, dass der Ex einen vielleicht doch nicht zurück haben möchte und es auch nichts bringt, ihm nach der Trennung alle fünf Minuten eine verzweifelte SMS zu schicken, bis der Ex gezwungen ist, sich eine neue Handynummer zu besorgen. Diese Phase macht auch Lara durch, glücklicherweise aber übertreibt es Kinsella nicht. Diese nervigen und naiven Charakterzüge, die einer über 30-jährigen Frau im übrigen nicht sonderlich gut anstehen, treten relativ selten in den Vordergrund. Daher dauert es nicht lange, bis Lara beim Leser (bzw. bei der Leserin) Sympathiepunkte sammelt, denn sie muss dank Sadie zunächst einiges ertragen und auch im Job läuft es alles andere als rund, da ihre Partnerin Natalie sie unverhofft im Stich gelassen hat und Lara keine geeigneten Marketing-Direktoren auftreiben kann.

Im Laufe des Buches emanzipiert Lara sich sichtbar: Sie schickt Josh endgültig in die Wüste, kümmert sich herzensgut um Sadie und hängt ihren Job an den Nagel, obwohl sie all ihre Ersparnisse in die Firma gesteckt hat. Diese Wendung kommt zwar nicht völlig überraschend, passt aber wunderbar zu der Geschichte, die Sophie Kinsella erzählt.

_Erfrischend anders_

Auch wenn Lara Lington sich kaum von anderen Figuren in der Frauenliteratur unterscheidet, so schafft es doch die Geschichte, sich vom Durchschnitt deutlich abzuheben. Natürlich geht es auch hier um Männer, Liebe und Karriere, aber gewürzt hat Sophie Kinsella diese alltägliche Geschichte mit dem Geist Sadie, der für allerlei Trubel in Laras Leben sorgt und auch die ganze Handlung belebt. So befremdlich ich es zunächst fand, hier einen Geist präsentiert zu bekommen, so erfrischend anders fand ich diese Wendung im Laufe der Zeit. Zudem sorgt Sadie für allerlei komische, merkwürdige und abstruse Situationen, die mir immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert haben. Allein die Vorstellung, dass Lara zu ihrem Date in voller 20er-Jahre-Montur erscheint und sich dafür in Grund und Boden schämen muss, war schon ziemlich komisch. Aber auch die vermeintlichen Selbstgespräche, die Lara mit Sadie führt, machen die Geschichte lebendig, da natürlich in Laras Umfeld niemand ahnen kann, dass sie mit einem Geist kommuniziert.

_Unter dem Strich_ gefiel mir „Charleston Girl“ mit kleinen Abstrichen sehr gut. Als ich mich an Sadie und ihre Eigenarten gewöhnt hatte und Sadie vor allem nicht mehr ganz so egoistisch in alle Gespräche und Verabredungen hinein geplatzt ist, wurde das Buch zu einer echten Wohlfühllektüre, die mich wunderbar unterhalten und mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Es bleibt dabei: Sophie Kinsella ist in ihrem Genre eine sichere Bank!

|Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3442546473
Originaltitel: |Twenties Girl|
Deutsch von Jörn Ingwersen|

Griffiths-Karger, Marion – Tod am Maschteich

In der Nähe von Hannover wird eine stark entstellte Frauenleiche gefunden. Das Gesicht ist so zertrümmert, dass eine Identifikation nicht möglich ist, zudem fehlt von den Händen der Toten jede Spur. Hauptkommissarin Charlotte Wiegand übernimmt die Ermittlungen, ist anfangs aber ratlos angesichts der schrecklichen Tat. Kurz darauf taucht die nächste Frauenleiche auf – dieses Mal direkt in Hannover. Wie hat der Mörder die Leiche am Maschteich ungesehen abladen können? Und wie konnte er es wagen, die Postkartenidylle des schönen Parks am Neuen Rathaus zu zerstören?

Doch das sind nicht Charlotte Wiegands einzige Sorgen, denn nach und nach werden immer mehr vermisste Frauen gemeldet. Wie hängen die Vermisstenfälle mit den aufgefundenen Leichen zusammen? Handelt es sich um die gleichen Frauen? Spuren gibt es wenige, erst als die Obduktion der beiden Leichen ergibt, dass die Frauen durch Insulin gestorben sind, erhält die Polizei den ersten wichtigen Anhaltspunkt. Denn Insulin gibt es nur auf Rezept. Folglich klappern die ermittelnden Beamten Apotheken und Arztpraxen ab, um zu prüfen, ob jemand außergewöhnlich viel Insulin verlangt hat. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn der Mörder ruht nicht.

Derweil zweifelt Charlotte Wiegand an sich selbst: In ihrer Wohnung gehen merkwürdige Dinge vor sich. Mal ist die Balkontür nicht richtig geschlossen, dann wiederum liegt ein Buch aufgeschlagen auf dem Regal, das sie seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt hat. Eines Tages findet sie ihren Fön völlig verkokelt im Badezimmer. Hat sie tatsächlich vergessen, ihren eigenen Fön auszustellen? Oder stimmt mit der Elektrik in der Wohnung etwas nicht?

Die Polizei tappt im Dunkeln und merkt nicht, dass ihre Hauptkommissarin ins Visier des Mörders geraten ist, denn eines Tages ist Charlotte Wiegand spurlos verschwunden …

_Zerstörte Postkartenidylle_

Die Autorin Marion Griffiths-Karger lebt selbst mit ihrer Familie seit fast zwanzig Jahren in der Nähe von Hannover. So fällt es ihr nicht schwer, ihren Kriminalroman mit allerlei Lokalkolorit rund um die niedersächsische Hauptstadt zu spicken. So lebt Hauptkommissarin Charlotte Wiegand beispielsweise in Laatzen, im Süden Hannovers. Und dort laufen auch alle Spuren zusammen, die auf den Täter hinweisen. Des Mittags zieht es Charlotte Wiegand gern zum Essen in die stimmungsvolle Markthalle, aber auch wenn sie ihre Freundin trifft, so klappern die beiden Frauen die Hannoveraner Innenstadt ab. Allerdings fand ich es schon etwas merkwürdig, welch weite Wege die beiden Frauen an einem typischen Samstagnachmittag und -abend zurücklegen, wenn sie in der Ernst-August-Galerie am Hauptbahnhof shoppen gehen, sie in der Ständigen Vertretung direkt am Aegidientorplatz zu Mittag essen, sie anschließend im Ernst-August-Brauhaus in der Nähe des Steintors ein Hannöversch trinken und schlussendlich sogar noch die Bierbörse aufsuchen wollen, die hinter dem Bahnhof liegt. Die erwähnten Lokalitäten sind zwar alle stadtbekannt, aber doch verhältnismäßig weit auseinander, sodass man sie nicht unbedingt an einem Tag abklappern würde. Nichtsdestotrotz hätte ich mir gewünscht, dass Griffiths-Karger noch etwas mehr Lokalkolorit direkt aus Hannover einstreut, denn die meisten Szenen spielen sich leider nur im Messe-Vorort Laatzen ab.

Der Kriminalfall, den die Autorin aufrollt, reißt dagegen von Beginn an mit. Wenn die Autorin die misshandelten Leichen schildert und immer mehr Frauen verschwinden lässt, läuft es einem beim Lesen eiskalt den Rücken runter – kein Wunder, wenn Charlottes Kollege Bergheim der Appetit dabei vergeht. Die Autorin zieht das Tempo immer weiter an, lässt aber ihre Leser und auch die Polizei lange Zeit im Dunkeln tappen. Bis zum Schluss habe ich nicht geahnt, wer die Frauen entführt und ermordet. Marion Griffiths-Karger führt allerdings einige Verdächtige vor, die durchaus in Kontakt zur einen und/oder anderen der entführten Frauen gestanden haben. Doch niemanden davon kann die Polizei mit allen Frauen in Verbindung bringen. So schafft es die Autorin geschickt, ihre Leser bei der Stange zu halten, weil man einfach wissen möchte, wie alle Fälle miteinander zusammen hängen.

Im Mittelpunkt des Buches steht Charlotte Wiegand, die die Ermittlungen leitet. Anfangs gefiel sie mir als taffe Polizistin sehr gut, doch je länger sie die Vorgänge in ihrer Wohnung ignoriert, umso naiver erschien sie mir. Gerade als Polizistin hätten bei ihr alle Warnlampen aufblinken müssen, wenn sie ständig neue Kuriositäten in ihrer Wohnung entdeckt. Dennoch ahnt sie lange Zeit nicht, dass der Mörder bereits ihre Spur aufgenommen hat. Mir erschien die Charakterzeichnung an dieser Stelle leider nicht stimmig. Auch ihr Kollege Bergheim, der durchaus in seiner Beschreibung viele Sympathiepunkte einheimst, kann nicht auf ganzer Linie überzeugen. Während ihm anfangs nach dem Leichenfund noch der Appetit vergeht, knabbert er im weiteren Verlauf des Buches bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit seine Sonnenblumenkerne. Dies erwähnt die Autorin schließlich so häufig, bis es mich ziemlich genervt hat.

_Mörderisches aus Laatzen_

Unter dem Strich hat mich „Tod am Maschteich“ durchaus gut unterhalten. Das Buch hat nur 220 Seiten, die man gut in einem Rutsch durchlesen kann. Den Spannungsbogen hat Marion Griffiths-Karger ausgesprochen geschickt inszeniert, indem sie immer wieder neue Spuren ausgelegt hat, ohne den wahren Täter zu entlarven. Mich hat sie jedenfalls an der Nase herum geführt. Leider mindern einige logische Brüche den Lesegenuss ein wenig, und auch in puncto Charakterzeichnung könnte die Autorin noch eine Schippe mehr Realitätsnähe auflegen. Insgesamt hebt sich das Buch daher leider nicht vom Durchschnitt ab, doch im Ansatz ist „Tod am Maschteich“ durchaus so gelungen, dass ich bereits gespannt bin auf den nächsten Hannover-Krimi aus der Feder von Marion Griffiths-Karger!

|Broschiert: 223 Seiten
ISBN-13: 978-3897057111|

David Safier – Plötzlich Shakespeare

Rosa macht ihrem Namen nicht gerade alle Ehre, denn in ihrem Leben läuft es alles andere als rosarot. Statt dessen ist sie seit Jahren Single, immer noch unglücklich in ihren Exfreund verliebt und ihre biologische Uhr tickt immer lauter. Als sie dann auch noch zur Hochzeit ihrer großen Liebe Jan eingeladen wird, ist Rosa der Verzweiflung nahe. Selbst ihr schwuler bester Freund Holgi kann sie nicht mehr trösten, denn wo kein Selbstbewusstsein vorhanden ist, kann man auch keins aufbauen. Daher rät er ihr zu einem One-Night-Stand. Doch der gemeinsame Abend mit ihrem Kollegen Axel endet nicht im Bett, sondern bereits nach dem Besuch einer Zirkusvorstellung, in der Hypnotiseur Prospero einen Zuschauer in ein früheres Leben versetzt hat. Diesen Ausweg will nun auch Rosa gehen und begibt sich mutig zu Prospero. Tatsächlich versetzt der Hypnotiseur Rosa in ein früheres Leben – nicht ohne ihr mit auf den Weg zu geben, dass sie erst dann zurückkehren kann, wenn sie heraus gefunden hat, was die wahre Liebe ist.

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Kristof Magnusson – Das war ich nicht

|Paartherapeuten betonen oft, wie wichtig ein gemeinsames Hobby für die Beziehung sei. Eine Sportart, ein Garten oder Kinder; ein Hobby, das bleibt, wenn die Liebe gegangen ist. Auch Arthur und ich hatten etwas, das wir gern gemeinsam taten: Wir rauchten.|

So bitter lautet Meikes Resümee ihrer Beziehung zu Arthur. Zeit für sie also, ihre Zelte in Hamburg abzubrechen, sang- und klanglos aus der gemeinsamen Wohnung zu verschwinden und sich auf dem Land ein neues Leben aufzubauen. Als Übersetzerin ist sie räumlich nicht gebunden, und ihre so genannten Freunde gehen ihr längst gehörig auf den Keks. Allerdings ist das neue Leben auf dem Dorf auch nicht Friede, Freude, Eierkuchen, denn im neuen Haus funktioniert die Heizung nicht und das Manuskript ihres Lieblingsautors Henry LaMarck lässt komischerweise auf sich warten. Und da Meike nichts zu übersetzen hat, bleibt ihr genügend Zeit, über sich und ihr Leben zu philosophieren.

Jasper ist jung und erfolgreich. In der Bank ist er vom Back Office aufgestiegen zu den Futures und Optionen. Nur leider handelt er kleine Aufträge, die Karriereleiter hält also noch einige Stufen für ihn bereit. Als sein Kollege eines Tages gefeuert wird, wittert Jasper seine Chance. Er spekuliert auf eigene Faust und – gewinnt. Jedenfalls zunächst. Anschließend drehen sich die Kurse und Jaspers Verluste wachsen schneller, als er gucken kann.

Bestsellerautor Henry LaMarck plagen derweil andere Sorgen: Unvorsichtiger Weise hat er in einer Talkshow angedeutet, einen Roman über den 11. September schreiben zu wollen. Und nun erwartet jedermann einen Jahrhundertroman von ihm. Der Abgabetermin für sein Manuskript ist längst überfällig – sonst würde Meike im entfernten Norddeutschland schließlich nicht auf den zu übersetzenden Roman warten -, doch was niemand ahnt: Henry hat noch keine einzige Zeile geschrieben … Dann aber sieht Henry ein Bild in der Zeitung, von einem jungen Investmentbanker – Jasper – das ihn so sehr inspiriert und fasziniert, dass er den jungen Mann unbedingt treffen muss. So lauert er Jasper vor dessen Bank in Chicago auf.

_Drei Schicksale_

Kristof Magnusson erzählt die Geschichte dreier Menschen, die zunächst nichts bzw. nur wenig miteinander zu tun haben. Doch im Laufe der Zeit verstricken sich ihre einzelnen Schicksale immer mehr ineinander. Meike macht sich in Chicago auf die Suche nach Henry LaMarck, um ihn zur Abgabe seines Manuskripts zu bewegen und trifft dort zufälliger Weise auf Jasper. Den wiederum sucht Henry LaMarck Hände ringend, da Jasper zu seiner Inspiration, seiner Muse, werden soll. Und schon verändert sich das Leben aller drei Menschen auf eine Art und Weise, wie niemand das hätte vorausahnen können.

Dabei beginnt Kristof Magnusson zunächst mit einer recht nüchternen Vorstellung seiner Protagonisten, sodass man in den ersten Kapiteln noch keinerlei Zusammenhang erkennen kann. Aber das ändert sich bald, wenn die Ereignisse erst einmal ins Rollen gekommen sind. Dann wiederum kann man das Buch praktisch nicht mehr aus der Hand legen, da die Handlung immer abstruser wird, die Ereignisse sich praktisch überschlagen und man einfach wissen muss, wie Magnusson dieses Wirrwarrr bloß auflösen will.

Das Buch entwickelt einen regelrechten Sog, das Erzähltempo steigt immer mehr an, sodass ich das vorliegende Buch tatsächlich an einem Abend verschlingen musste, sonst hätte ich nicht ruhig schlafen können.

_Verrückt, verrückter, Magnusson_

Was Kristof Magnusson wie schon in seinem Roman „Zuhause“ auszeichnet, sind sein unglaubliches Sprachgefühl, seine lebhafte Fantasie und seine schrägen Charaktere. Der Autor kann sich darauf verlassen, dass er stets den richtigen Ton trifft, stets den richtigen Gag bringt und stets Wortwitz einstreut, wo er sich denn anbietet. Seine Schreibe ist einfach nur wunderbar, erfrischend, herrlich und genial. Was in Magnussons Erstling schon anklang, perfektioniert er hier, denn sein neuer Roman ist dermaßen abgefahren, lebendig und herzerfrischend komisch, dass er für mich schon jetzt zu den Entdeckungen des Jahres zählt.

Magnussons lebhafte Fantasie zeigt sich in erster Linie darin, dass er aus einer zunächst alltäglich erscheinenden Geschichte etwas so Abstruses zaubert, dass einem fast die Nackenhaare zu Berge stehen könnten, wären die Geschichten nicht gleichzeitig auch so komisch. Aus einer kleinen Fehlspekulation bei Jasper entwickelt sich nahezu eine weltweite Finanzkrise, und aus der Schreibkrise eines erfolgreichen Autors erwächst eine Dreierkonstellation, wie sie komplizierter kaum sein könnte. Denn Henry verliebt sich in Jasper, der wiederum wirft ein Auge auf Meike, die ihn wiederum aber überhaupt nicht ausstehen kann und nur darauf bedacht ist, Henry zur Abgabe seines Manuskripts zu bewegen. Hier spielen Eifersüchteleien eine Rolle, Fehlspekulationen und Missverständnisse, die schlussendlich dafür sorgen, dass drei Menschen an einem Scheideweg in ihrem Leben angekommen sind und sich völlig neu orientieren müssen.

So ist auch „Das war ich nicht“ wieder ein Roman über Menschen, die ihr Leben neu ordnen müssen, die ein neues Ziel brauchen, neue Freunde und eine neue Aufgabe. Am Ende des Buches ist für alle drei nichts mehr, wie es zu Beginn noch war. Und auch wenn für den einen oder anderen eine Welt zusammen brechen mag und er alles aufgeben muss, so lässt Kristof Magnusson seinen Roman doch positiv und hoffnungsvoll ausklingen, sodass man zufrieden und mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zurück bleibt.

_Unbedingt lesen!_

Kristof Magnussons zweiten Roman |muss| man einfach lesen. Seine Charaktere sind so liebenswert chaotisch, so herrlich komisch und verzweifelt, dass man sie sofort ins Herz schließen muss – auch wenn sie so kauzig sind wie Henry LaMarck. Magnussons Schreibe muss man einfach lieben, beim Lesen fliegt man nur so über die Seiten, lacht lauthals los oder schmunzelt doch zumindest in sich hinein und amüsiert sich köstlich über Magnussons gute Beobachtungsgabe und seinen genialen Humor. An diesem Buch gibt es nichts auszusetzen – höchstens, dass es gefühlt viel zu kurz ist. Dafür verlockt es aber zum sofortigen nochmal Lesen. Dieses Buch macht einfach süchtig!

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3888975820|
http://www.kunstmann.de

_Kristof Magnusson beim Buchwurm:_
[Zuhause 1699

See, Lisa – Töchter aus Shanghai

In ihren Büchern „Der Seidenfächer“ und „Eine himmlische Liebe“ hat die Autorin Lisa See uns bereits mit chinesischer Geschichte und Gewohnheiten vertraut gemacht. In ihrem neuesten Roman „Töchter aus Shanghai“ entführt sie ihre Leserinnen in die 1930er-Jahre. Im weiteren Verlauf verlagert sich die Handlung von Shanghai nach Los Angeles, wo die Protagonisten in Chinatown leben. Lisa See weiß genau, wovon sie schreibt, da sie selbst einer chinesisch-amerikanischen Familie entstammt und dort aufgewachsen ist. So entwickelt sich der vorliegende Roman in Teilen zu einem Geschichtsbuch.

_Zwei ungleiche Schwestern_

Die Schwestern Pearl und May wachsen wohlbehütet auf. Sie lieben sich innig, obwohl sie doch auch Konkurrentinnen sind. Denn May ist die Hübschere von beiden und zieht sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Dennoch verdienen die beiden Mädchen sind ihr Geld gemeinsam – nämlich, indem sie Modell für Kalenderblätter stehen. So erlangen sie eine gewisse Berühmtheit und Unabhängigkeit. Von ihrem Geld vergnügen sie sich abends, kaufen sich schöne Kleidung und geben einen Teil ihrem Vater, der das Geld (vermeintlich) für sie anlegt.

An einem Tag jedoch bricht die heile Welt der Schwestern in sich zusammen: Ihr Vater eröffnet ihnen, dass er alles Geld verspielt hat und mittellos ist. Er entlässt die Dienstleute, unterteilt das Haus, sodass weitere Menschen zur Miete einziehen können und vermittelt seine beiden Töchter an zwei Brüder, die chinesischer Abstammung sind, aber in Los Angeles leben. Pearl und May sind geschockt, fügen sich jedoch in ihr Schicksal. Die beiden heiraten die jungen Männer und verleben noch ihre Hochzeitsnacht, bevor die beiden Ehemänner zurück in die Vereinigten Staaten reisen. Pearl hat mit ihrem Ehemann das getan, was Eheleute tun, doch May konnte dies nicht. Zudem scheint mit ihrem Mann, der noch sehr jung ist, irgendetwas nicht zu stimmen.

Die beiden Mädchen sollen ihren Ehemännern auf einem späteren Schiff folgen, doch haben sie dies nicht vor. Sie bleiben in Shanghai, müssen dann allerdings erkennen, dass ihr Vater nicht ihrem neuen Schwiegervater Geld schuldet, sondern einer gefährlichen Gangsterbande, die sogleich in ihr Haus eindringt und die Mädchen auffordert, sich unverzüglich auf den Weg zu ihren Ehemännern zu begeben. Kurz darauf fallen die Japaner in Shanghai ein und ihr Vater verschwindet spurlos. Gemeinsam mit ihrer Mutter machen die beiden Schwestern sich auf den Weg nach Hongkong, wo sie ein Schiff nach Amerika besteigen wollen. Unterwegs werden sie allerdings von den Japanern überfallen, was die Mutter mit ihrem Leben zahlen muss. Auf sich allein gestellt sehen Pearl und May keine andere Möglichkeit, als zu ihren Ehemännern zu reisen. Und so machen sie sich auf die gefährliche Reise nach Amerika. Dort angekommen, lüftet May ein großes Geheimnis, das das Leben beider Schwestern nochmals auf den Kopf stellen wird …

_Flucht aus Shanghai_

Zunächst lernen wir die beiden Schwestern Pearl und May in ihrem gewohnten Leben kennen. Die Eifersucht nagt deutlich an der Ich-Erzählerin Pearl, denn May ist die hübschere von beiden und wird von den Eltern bevorzugt. Auch auf den Kalenderblättern steht sie stets im Vordergrund und zieht sämtliche Blicke auf sich. Doch auch Pearl ist hübsch, zudem spricht sie mehr Sprachen als ihre Schwester und scheint die stärkere von beiden zu sein. Als ältere Schwester behütet sie die jüngere und versucht, sie vor Schaden zu bewahren. Das zeigt sich insbesondere in der Szene, in der die Mutter sich alleine den Japanern stellt und ihr Pearl schließlich zur Seite steht und einen schrecklichen Preis dafür bezahlen muss.

Viel Zeit lässt sich Lisa See nicht, bevor sie die heile Welt der jungen Frauen einstürzen lässt, und so fesselt einen das Buch bereits sehr früh. Ab dem Moment, in dem die beiden Schwestern an zwei Brüder verkauft und mit ihrem neuen Schicksal konfrontiert werden, kann man das Buch schwerlich zur Seite legen. Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse, als die Japaner die Stadt bedrohen, der Vater verschwindet und die Mutter stirbt.

Lisa See beschreibt zwei starke und sehr unterschiedliche Frauencharaktere. Beide stellt sie aus Pearls Sicht dar, sodass das Bild der jungen Frauen durchaus manchmal verzerrt erscheint. Kurz vor dem Ende stellt May einiges klar, das Pearl falsch interpretiert hatte und rückt so auch für die Leser das Bild der Schwestern gerade. Dadurch, dass Pearl uns ihre Geschichte als Ich-Erzählerin präsentiert, fallen ihr sämtliche Lesersympathien zu, zudem scheint May scheinbar alles zu bekommen, was sie sich wünscht. Als aber Pearl den netteren Ehemann bekommt, wirkt dies wie ausgleichende Gerechtigkeit. Die beiden Frauen halten zusammen wie Pech und Schwefel, auch wenn Konkurrenz und Neid im weiteren Verlauf des Buches immer mehr dominieren und das Band zwischen den Schwestern deutliche Risse bekommt. Dadurch wiederum steigert Lisa See aber die Spannung, denn es wäre bei all den Differenzen zwischen den Schwestern unrealistisch, würden sie sich immer gut verstehen.

_Schicksalsjahre_

Die Geschichte zieht sich über viele Jahre hinweg. Wir erleben mit, wie Pearl und May ihr in Trümmern liegendes Leben zu retten versuchen, indem sie sich in ihre neue Familie einleben. Doch auch in Los Angeles ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, denn ihr Schwiegervater hütet ein Geheimnis, das das Leben der gesamten Familie bedroht. Die jungen Frauen müssen hart arbeiten, sie erleben mit, wie ihr Schwiegervater bei einem Brand all sein Geld verliert, sie erfahren, welche Krankheit Mays Ehemann hat, weitere Menschen sterben und schließlich müssen die Chinesen auch in Amerika um ihr Leben fürchten.

Als Hintergrund für ihre Familiengeschichte hat Lisa See sich einen dramatischen Zeitraum heraus gesucht und ihre Geschichte zudem an exotische und turbulente Schauplätze verlegt. Sie entwirft ein lebendiges Bild vom farbenprächtigen Shanghai und vom Chinatown in Los Angeles, das sich noch im Aufbau befindet. In Shanghai werden Pearl und May von Japanern bedroht, doch auch in Los Angeles sind sie nicht integriert. Dennoch versuchen sie, sich unter erschwerten Bedingungen eine neue Heimat aufzubauen. Lisa See verwebt geschickt die Geschichte der beiden Frauen mit den geschichtlichen Ereignissen. Denn was als Rahmenhandlung passiert, entspricht den Tatsachen, so lernt man ganz nebenbei noch etwas über die chinesische Geschichte. Allerdings ist das Buch dadurch nicht immer ganz leichte Kost, denn Lisa See erzählt eine sehr komplexe Geschichte.

Auch der Schreibstil der Autorin passt zu der sehr dichten Geschichte, denn sie schmückt sämtliche Szenen plastisch aus, sodass wir uns in die Situationen hinein versetzen können, auch gibt es vergleichsweise wenig direkte Rede, die den Schreibfluss auflockert. Daher fesselt einen das Buch zwar, lässt sich aber durchaus nicht an einem Stück lesen. Spätestens nach ein oder zwei Stunden braucht man eine Pause von den eindringlichen Worten der Autorin, die mitunter furchtbare Dinge beschreiben.

_Geschichtsstunde_

Im Gegensatz zu Lisa Sees Buch „Der Seidenfächer“, das ich tatsächlich am Stück verschlungen habe, musste ich mir das vorliegende Buch erarbeiten. Phasenweise konnte ich es nicht aus der Hand legen, dann aber gab es recht langatmige Passagen, die mich nicht so fesseln konnten. Unter dem Strich jedoch erzählt Lisa See eine faszinierende und mitreißende Geschichte vor einem spannenden und dramatischen Hintergrund. Ganz nebenbei erfährt man viel über die Lebensweise der Chinesen im Shanghai der 30er-Jahre, vor allem aber über ihr neues Leben in Amerika. Schade nur, dass das Buch praktisch mittendrin endet und sich nicht alle Fragen klären, denn so blieb ich ein klein wenig enttäuscht zurück.

|Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3570010570
Originaltitel: |Shanghai Girls|
Übersetzt von Elke Link|

Veloso, Ana – Mädchen am Rio Paraíso, Das

Im Jahr 1826 findet Gaucho Raúl Almeida am Ufer des Rio Paraíso ein junges blondes Mädchen. Er rettet das bewusstlose und verletzte Mädchen, nimmt es mit zu sich nach Hause und lässt es von seiner Sklavin Teresa liebevoll pflegen und versorgen. Als das Mädchen erwacht, kann es sich an nichts erinnern. Die junge Frau weiß nicht, wer sie ist, woher sie kommt und was passiert ist. Zu all dem Unglück versteht sie kein Wort von dem, was die Menschen um sie herum sagen. Erst nach und nach kehren Erinnerungsfetzen zurück, das Mädchen kann sich an seinen eigenen Namen erinnern – Klara. Doch bis zuletzt erinnert sie sich nicht daran, was am Tage ihres Unfalls passiert ist.

Raúl Almeida und Teresa denken derweil, dass das Mädchen schwachsinnig ist, weil es zunächst gar nicht spricht und danach nur wirres Zeug von sich gibt. Sie ahnen noch nicht, dass es sich bei dem Mädchen um eine deutsche Auswanderin aus dem Hunsrück handelt, die einst mit ihrem Mann Hannes nach Südbrasilien ausgewandert ist, um dort ihr Glück zu suchen. Die beiden richten sich ein kleines und bescheidenes Häuschen ein und bekommen zu ihrem großen Glück eine kleine Tochter. Doch dann geschieht etwas, das das Leben der beiden auf den Kopf stellt und alles verändert.

Während Klaras Erinnerungen langsam zurückkehren, notiert sie sich fleißig alle Worte, die Teresa oder Raúl aussprechen, sie lernt immer besser portugiesisch und kann sich schon bald notdürftig verständigen. Dass sie sich nach und nach an ihre Vergangenheit erinnert, verschweigt sie den beiden aber zunächst. Raúl fühlt sich immer mehr zu dem geheimnisvollen und exotischen Mädchen hingezogen. Als er aber auf eigene Faust Nachforschungen anstellt, erfährt er, dass Klaras Mann ermordet wurde und Klara seitdem als vermisst gilt. Handelt es sich bei Klara womöglich um eine Mörderin?

_Erinnerungsfetzen_

Das Buch beginnt damit, dass Klara aus ihrer Ohnmacht erwacht und sich an wirklich nichts erinnert. Sie kommt bei fremden Menschen zu sich und kann sich nicht einmal ihres Namen entsinnen. Im steten Wechsel lernen wir Klara in der Gegenwart bzw. in ihrer Vergangenheit genauer kennen. So springen wir im zweiten Kapitel in die Vergangenheit und erfahren mehr über ihre Kindheit in Deutschland, über ihre Familie und die Streitereien mit ihrem älteren Bruder. Ganz langsam setzt sich ein Bild von Klara Wagner zusammen, die Raúl Almeida 1826 am Rio Paraíso rettet. Doch springt Ana Veloso zunächst so weit in die Vergangenheit, dass wir uns lange gedulden müssen, um zu erfahren, wie Klara überhaupt nach Brasilien gelangt ist, wie sie dort gelebt hat und wie es ihr in Brasilien ergangen ist.

Das stete Wechselspiel aus Kapiteln, die in der Gegenwart bzw. in der Vergangenheit geschrieben sind, treibt immer mehr die Spannung in die Höhe. Zunächst gilt es zu durchschauen, um wen es sich bei dem unbekannten blonden Mädchen handelt, und später brennt es einem unter den Fingern zu erfahren, was zwischen Hannes und Klara vorgefallen ist und wie es zu dem Unfall kommen konnte, bei dem Klara am Rio Paraíso ihr Bewusstsein verlor. Und natürlich beginnt es zwischen Raúl und Klara immer mehr zu knistern, nur leider erfährt der gut aussehende Gaucho dann, dass Klaras Mann ermordet wurde und plagt sich fortan mit Zweifeln, ob er nicht doch einer gelungenen Täuschung aufgesessen ist und es sich bei Klara um eine Mörderin handelt. Die Spannung steigt immer mehr, vor allem die Geschichte in Klaras Vergangenheit nimmt Fahrt auf, nachdem ein Ereignis ihres und Hannes‘ Leben auf den Kopf stellt und plötzlich nichts mehr ist wie zuvor.

Bei allen Geheimnissen, die sich um Klara ranken und die die Spannung voran treiben, gibt es doch eines, das man nie in Frage stellt, und zwar das erwartete Happyend zwischen Raúl und Klara. Auch wenn es lange dauert, bis die beiden Gefühle für einander entwickeln, und noch viel länger, bis sie diesen nachgeben, so steht doch von der ersten Buchseite an fest, dass die beiden ein Paar werden – das sollte man sich gleich klar machen.

_Eine Deutsche in Brasilien_

Ana Veloso erzählt die packende Geschichte eines deutschen Auswandererpaares, das in Brasilien sein Glück sucht. Doch während die Schilderungen der Werber in Deutschland noch so farbenfroh und erfolgversprechend klangen, merken Klara und Hannes in Brasilien schnell, wie hart die Wirklichkeit ist. Sie leben in einfachsten Verhältnissen und arbeiten von früh bis spät – selbst als Klara hochschwanger mit ihrer gemeinsamen Tochter ist. Nichts ist so, wie sie sich das vorgestellt hatten, sodass Klara doch mitunter von Heimweh befallen wird. Diese Geschichte fand ich unglaublich interessant, zumal in diesem Handlungsstrang eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.

Charakterlich überzeugt vor allem Klara, die uns in Deutschland zunächst wie ein ziemlich verwöhntes Gör erscheint. Allerdings wächst sie mit einem Haufen älterer Geschwister auf und muss lernen, sich gegen sie durchzusetzen, und auch die Zeiten in Deutschland sind nicht immer einfach. Als sie von Hannes‘ Plänen auszuwandern erfährt, wirkt es, als würde sie beschließen, sich in ihn zu verlieben, um mit ihm aus Deutschland herauszukommen. An Format gewinnt sie in Brasilien, wo sie harte Arbeit, ein Baby und einen schwierigen Ehemann gleichzeitig meistert und dennoch nicht verzweifelt.

Raúl Almeida ist ihr faszinierender Gegenpart. Zunächst ist Raúl ihr schrecklich unsympathisch, da er immer eine finstere Miene zieht, doch je länger Klara bei ihm im Hause wohnt, umso mehr entdeckt sie seine liebenswerten und interessanten Seiten. Seine Gefühle ihr gegenüber kamen für mich etwas unvermittelt. Hat er erst noch mit einer Brasilianerin herum geschäkert, so braucht es nur einen Blick auf Klara in einem schöneren Kleid, um ihn davon zu überzeugen, dass Klara eine attraktive Frau ist. Dieser Wandel kam leider etwas plötzlich.

_Exotisch mit Happyend_

Das vorliegende Buch erzählt eine sehr reizvolle und interessante Geschichte, die insbesondere durch den Wechsel zwischen den Zeitebenen an Spannung gewinnt. Ana Veloso schildert Klaras Geschichte detailreich und in farbenfrohen Worten; so entführt sie uns beim Lesen ins exotische Brasilien. Leider ist das Happyend bereits absehbar und auch die Charakterentwicklung nicht immer nachvollziehbar, sodass das Buch nicht an den [„Duft der Kaffeeblüte“ 3872 heranreicht. Aber immerhin: Gute Unterhaltung bekommt man dennoch geboten.

|543 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-426-66340-0|
http://www.knaur.de

James, Peter – So gut wie tot

|“Wenn Ronnie Wilson beim Aufwachen geahnt hätte, dass er in wenigen Stunden tot sein würde, wäre seine Tagesplanung wohl etwas anders ausgefallen.“| So beginnt Peter James seinen vierten Krimi um Detective Superintendent Roy Grace. Wilson nämlich hat am 11. September 2001 vormittags einen Termin in einem der Türme des World Trade Center. Er verspätet sich und wird Zeuge, wie ein Flugzeug in den ersten Turm rast. Doch Wilson hat nur seinen Termin im Kopf, denn sein alter Freund Donald Hatcook soll ihm helfen, da Wilsons Geschäfte nicht gut laufen. Bevor er aber zu seinem Geschäftstermin gehen kann, trifft ein weiteres Flugzeug auf den zweiten Turm. Schlagartig ändert sich Ronnie Wilsons Leben …

Sechs Jahre später flüchtet Abby Dawson vor einer unbekannten Angst. Sie verschanzt sich in ihrer Wohnung und beobachtet die Straße vor dem Haus stets genau, bevor sie es wagt, die Wohnung zu verlassen. Doch an einem Tag im Oktober 2007 ist die Treppe durch Bauarbeiten versperrt und Abby muss den alternden Fahrstuhl nehmen – ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Denn mittendrin stürzt er ab, fängt sich, hängt aber nur noch schief in den Seilen. Abby ist in Panik, zudem hat ihr Handy keinen Empfang und der Notruf funktioniert nicht. Als dann von oben ein Poltern zu hören ist, muss sie fürchten, dass jemand auf dem Fahrstuhl steht und zu ihr in die Kabine steigen will.

Ebenfalls im Oktober 2007 will Roy Grace gerade in sein verdientes Wochenende starten, als ein Telefonanruf all seine Pläne zunichte macht. In einem Abwasserkanal wurde eine Leiche entdeckt. Also begibt er sich bei strömendem Regen zum Fundort und steigt in den Kanal hinab. Dort erwartet ihn ein ziemlich verwestes Skelett, an dem noch einige lange blonde Haare haften . genau die Haarfarbe von Graces Ehefrau Sandy, die vor Jahren spurlos verschwunden ist. Weitere Hinweise deuten darauf hin, dass es sich um Sandy handeln könnte . Alter und Geschlecht stimmen überein. Hat Roy Grace nach jahrelanger Suche nun seine Ehefrau wieder gefunden?

Kurz darauf wird in Australien in einem schlammigen Fluss eine weitere Leiche entdeckt – eingesperrt im Kofferraum eines Autos, das am Boden des Flusses liegt. Hängen diese Dinge miteinander zusammen? Und wenn ja, wie?

_Verwirrspiel_

In „So gut wie tot“ führt uns Peter James so lange an der Nase herum wie in keinem anderen Roy-Grace-Krimi. Er präsentiert uns mehrere Charaktere, zwei Frauenleichen auf zwei verschiedenen Kontinenten und Handlungsstränge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Doch natürlich geschieht hier nichts zufällig und alles hängt eng miteinander zusammen. Lange dauert es allerdings, bis wir beginnen zu ahnen, wie die Figuren und Handlungen in Zusammenhang stehen, und auch dann wirft uns Peter James nur einzelne Puzzleteile hin, die wir mühsam zu einem Gesamtbild zusammen setzen müssen. Aber wie schon in seinen anderen Romanen reißt er uns von der ersten Seite an mit. Denn zunächst gilt es natürlich zu klären, wie Ronnie Wilson zu Tode kommt. Als wir ihn am 11. September 2001 vormittags zu den Zwillingstürmen des World Trade Center begleiten, ahnen wir, was geschehen dürfte. Doch dann betritt er die Türme gar nicht. Was also geschieht mit Ronnie Wilson? Wir werden es erfahren, allerdings erst im weiteren Laufe des Buches.

Von Kapitel zu Kapitel wechselt Peter James die Schauplätze und erzeugt dadurch ein rasantes Erzähltempo, besonders bedrohlich wirkt die Fahrstuhlszene mit Abby Dawson, die definitiv große Angst hat, und zwar nicht nur vor dem Absturz des Lifts, sondern auch vor einem anderen Menschen. Denn zwischendurch empfängt sie eine beängstigende SMS, die ihr mitteilt, dass jemand weiß, wo sie sich auffhält – doch wer? Es dauert lange, bis wir erfahren, vor wem und vor was Abby davon läuft, und als wir es erfahren, ist es für Abby fast schon zu spät, denn ihr Widersacher steht bereits vor ihrer Wohnungstür und bald schon mitten in ihrer Wohnung …

Die toten Frauen dagegen bergen zunächst wenig Spannungspotenzial, da sie bereits seit Jahren tot sind und wir sie vermutlich auch gar nicht kennen. Je mehr Informationen wir allerdings über die toten Frauen erhalten, umso vollständiger wird das Bild, das wir uns von den Geschehnissen machen können. Sie spielen natürlich eine ganz wichtige Rolle für den zu klärenden Fall.

_So spannend wie selten_

Peter James hat einfach ein glückliches Händchen für einen (fast) perfekten Spannungsbogen. Langeweile ist bei seinen Büchern ein Fremdwort, und auch bei dem vorliegenden Krimi konnte ich nur eine Durststrecke entdecken, und zwar als Abby Dawson auf ihren Widersacher trifft, um das Leben ihrer Mutter fürchten muss und vor ihrem Widersacher flüchtet. Hier zieht sich die Geschichte ein wenig, aber glücklicherweise zieht Peter James dann irgendwann das Tempo auch wieder an. Faszinierend an seinen Büchern ist, dass James immer etwas Neues einfällt. Meist sind es nicht die klassischen Mordserien, die es aufzuklären gilt, sondern viel komplexere Zusammenhänge bzw. es sind überhaupt keine Morde aufzuklären, wie in James‘ „Stirb ewig“, wo Menschen lediglich durch einen Unfall zu Tode kommen. So hebt sich Peter James immer wieder deutlich vom Durchschnitt ab.

Hinzu kommt die Figur des Detective Superintendent Roy Grace, den wir nun schon zum vierten Mal begleiten dürfen. Dieses Mal jedoch steht er eher im Hintergrund, die anderen handelnden Figuren – allen voran Abby Dawson – erhalten deutlich mehr Gewicht. Doch das schadet Grace überhaupt nicht, allerdings wünsche ich mir schon, im nächsten Buch wieder mehr über den Ermittler zu erfahren. Dieses Mal steht die Suche nach seiner Frau Sandy sehr im Hintergrund. Zwar spukt sie deutlich in seinem Kopf herum, als der Verdacht besteht, dass er sie nun tot im Abwasserkanal gefunden haben könnte, doch natürlich ist es so einfach nicht. Ganz am Ende hält Peter James jedoch noch eine Überraschung für uns parat, die sich gewaschen hat. Das Buch endet mit einem Paukenschlag, der es mir schwer macht, auf den fünften Band zu warten.

_Mehr davon_

Zum vierten Mal hat Peter James mich erfolgreich in seine Roy-Grace-Welt entführt, die ich nur schwer wieder verlassen konnte. Hat man mit einem Buch erstmal begonnen, mag man es nicht mehr zur Seite legen. „So gut wie tot“ reiht sich perfekt in die Roy-Grace-Reihe ein und macht jetzt schon Lust auf den fünften Fall, den der Detective Superintendent hoffentlich bald zu lösen hat!

|Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3502100713
Originaltitel: |Dead Man’s Footsters

_Peter James auf |Buchwurm.info|:_

[„Stirb ewig“ 3268
[„Stirb schön“ 3154
[„Stirb schön“ 3680 (Lesung)
[„Nicht tot genug“ 4844 (Lesung)
[„Mein bis in den Tod“ 2493
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391

Filz, Sylvia – Überraschung, mein Schatz!

Für Hanna Windt heißt es Abschied nehmen – Abschied von ihrem geliebten Rheinland und ihrem bisherigen Leben. Doch dafür wartet ein ganz neuer Lebensabschnitt auf sie: Ein gemeinsames Leben mit ihrem Traummann Nils Hansen in der Nähe von Hamburg. Nach dem romantischen Heiratsantrag an Heilig Abend und Hannas Plänen für einen Onlineversand steht einer glücklichen und erfolgreichen Zukunft in Norddeutschland nichts mehr im Wege – oder doch? Denn sie hat die Rechnung ohne ihren Exfreund Reinhold gemacht. Der will seine Ex mit einem ziemlich unverschämten Brief nämlich zurück gewinnen. Aber zu seinem Unglück ruft dies Hanna und ihre Freunde auf den Plan, die dem unsympathischen Unhold einen Denkzettel verpassen, den er nicht mehr vergessen dürfte …

Hanna und Nils stehen dagegen aufregende Zeiten ins Haus, gilt es doch, eine romantische Hochzeit vorzubereiten. Als Hannas beste Freundin Regine verkündet, dass sie ebenfalls heiraten will, steht schnell fest, dass die beiden Freundinnen eine Doppelhochzeit feiern wollen. Und so begeben sie sich gemeinsam auf die Suche nach dem perfekten Brautkleid – und werden schnell fündig. Auch wenn Regine vorher gezögert hatte, so verliebt sie sich nun doch in ein elegantes und aufwändiges weißes Brautkleid, das darüber hinaus perfekt zu Hannas Kleid passt. Perfekt sind allerdings nicht nur die Kleider, sondern auch die Feier und vor allem Nils Hochzeitsgeschenk für seine geliebte Frau. Denn mit dieser Überraschung hatte sie wahrlich nicht gerechnet! Aber mit der Hochzeit allein ist es nicht genug, wartet doch noch eine viel größere Überraschung auf Hanna und Nils …

_Schönes Landleben_

Aus der Stadtfrau Hanna wird dank Nils schnell eine perfekte Landfrau. Er nimmt Hanna mit zu seinen Einsätzen als Tierarzt und hilft ihr, kleine Fettnäpfe zu umschiffen, sodass sie schnell die Sympathien ihrer Mitmenschen gewinnt. Auch für Nils‘ Job und seine eigenwilligen Arbeitszeiten hat sie Verständnis, erobern die Tiere doch sehr schnell ihr Herz. Ihre Liebe zu den Tieren geht so weit, dass sie die Kastration eines Hengstes nicht so gut übersteht, wie sie das vorher gedacht hatte … Die Tiere haben es ihr einfach angetan – nicht nur die Hunde und Katzen, sondern auch ein Wildschweinfrischling, den Nils im Wald gefunden hat. Mit viel Liebe und unter Aufopferung ihres nächtlichen Schlafes pflegt und füttert Hanna den Frischling, der sich bei den Hansens so wohl fühlt, dass er sie gar nicht mehr verlassen will. Auch in diesem zweiten Roman rund um Hanna und Nils nehmen die Tiere wieder einmal viel Raum ein.

Auch Omi Spitzer kommt nicht zu kurz, selbst wenn sie nicht mehr im Mittelpunkt steht wie noch in Sylvia Filz‘ Erstlingsroman „Kirschklößchen“. Einige Geschichten aus Omi Spitzers Leben blieben bislang unerzählt, und so erfahren wir auch in dieser Fortsetzung noch einiges aus Omis Vergangenheit. Leider ist Omi nach ihrem Schlaganfall nicht mehr so fit wie noch im Rheinland, ihre große Lebenserfahrung sorgt aber dafür, dass sie immer ein deutlich besseres Gespür für die zwischenmenschlichen Dinge hat als alle anderen. Und auch im hohen Norden besucht Hanna ihre Omi regelmäßig, um mit der alten Dame zu klönen und ein oder auch zwei Gläschen Stonsdorfer mit ihr zu trinken. Diese Treffen haben nicht nur für Hanna eine große Bedeutung, sondern auch für den Leser, der Omi Spitzer ins Herz geschlossen hat.

Im Mittelpunkt stehen aber ganz klar Hanna und Nils, die sich ihr eigenes Leben aufbauen und sich ihr Glück auch von ihren verflossenen Liebschaften nicht madig machen lassen. Diese tauchen nämlich immer genau im falschen Moment auf. So haben Hanna und Nils einige turbulente Ereignisse zu überstehen, und auch in den Flitterwochen geht nicht alles glatt, als auf einmal ihre Zimmerbuchung nicht mehr auffindbar ist. Doch die Liebe hält die beiden zusammen und lenkt ihr Leben in die richtigen Bahnen. Auf dem platten Land lernen wir Hanna nun von einer ganz neuen Seite kennen, so kann sie nicht nur ihre Tierliebe ausleben, sondern gewinnt sukzessive Selbstbewusstsein hinzu, das ihr Reinhold komplett geraubt hatte. Sie wird zu einer immer stärkeren und ausgeglicheneren Frau – eine Entwicklung, die mir sehr gut gefallen hat.

Sylvia Filz erzählt eine Geschichte, die aus dem Leben gegriffen ist. Ihre Charaktere sind absolut authentisch und werden bei der Lektüre zu guten Freunden. Ich hatte mich schon lange vorher auf ein Wiedersehen mit Hanna, Nils und Konsorten gefreut. Glücklicherweise hat uns die Autorin nicht lange warten lassen. Die Geschichte in „Überraschung, mein Schatz!“ knüpft genau dort an, wo „Kirschklößchen“ aufgehört hat. Und um ihren Lesern den Einstieg zu erleichtern, fasst Sylvia Filz zu Beginn nochmal die wichtigsten Ereignisse aus ihrem Debütroman zusammen, sodass man sogar direkt in den zweiten Teil einsteigen könnte.

Im vorliegenden Buch bauen sich Hanna und Nils nun endlich ihr eigenes Leben auf, sie heiraten und leben glücklich mit all ihren Tieren zusammen. Herzerfrischend und detailreich beschreibt Sylvia Filz all die schönen Ereignisse aus ihrem Leben – sei es der Kauf des perfekten Brautkleides oder auch die Traumhochzeit selbst. Stets schildert sie alles so genau, dass man sich mitten im Geschehen wiederfindet und sich alles perfekt vorstellen kann. Ich hatte Hanna und Regine als Bräute direkt vor Augen und konnte ihre Aufregung bei der Brautkleidsuche ganz genau nachempfinden. Sylvia Filz‘ lebendiger Schreibstil ist es, der dem Buch Tempo verleiht und die Charaktere zu guten Freunden werden lässt. So sind die nur 160 Seiten leider viel zu schnell durchgelesen. Doch trotz des geringen Umfangs überschlagen sich mitunter die Ereignisse. Auch am Buchende hält Sylvia Filz nochmal eine Überraschung für uns bereit, die sogleich den Wunsch nach einer Fortsetzung aufkommen lässt.

„Überraschung, mein Schatz“ setzt wunderbar die Geschichte aus [„Kirschklößchen“ 5708 fort und erfüllt alle Erwartungen. Wer schon Sylvia Filz‘ Erstlingsroman verschlungen hat, sollte unbedingt auch zur Fortsetzung greifen und sich von der Autorin aufs platte Land entführen lassen.

|Taschenbuch: 160 Seiten
ISBN-13: 978-3837085938|

James, Peter – Nicht tot genug

Peter James steht für Nervenkitzel, Spannung von der ersten bis zur letzten Seite und Mordmethoden, die ihresgleichen suchen. Mit den beiden Büchern „Stirb ewig“ und „Stirb schön“ hat er sich in die Herzen der Thrillerfreunde geschrieben. So ist der Griff zum dritten Roy-Grace-Band „Nicht tot genug“ praktisch eine Pflichtübung.

_Mord oder unübliche Sexpraktiken?_

An einer Tankstelle steigt Katie Bishops Mörder in ihren Wagen. Er zwingt sie, zu sich nach Hause zu fahren, wo er die gutaussehende Katie vergewaltigt und ermordet. Die Putzfrau findet Katie schließlich mit einer Gasmaske vor dem Gesicht tot im Bett auf und verständigt die Polizei. Doch die muss zunächst die Frage klären, ob es sich um einen Mord handelt oder um ein Sexspiel, das außer Kontrolle geraten ist. Am Tatort findet sich nur die DNA von einem Mann, nämlich von Katies Ehemann Brian. Der jedoch war zur Tatzeit an einem ganz anderen Ort. Das behauptet zumindest Sophie Harrington, die Brian davon zu überzeugen versucht, dass er die Nacht mit ihr verbracht hat. Doch daran kann er sich gar nicht erinnern …

Kurz darauf wird auch Sophie ermordet, wieder finden sich Brians Spuren am Tatort, woraufhin er ins Visier der Ermittler gerät. Brian Bishop bestreitet jedoch auch dieses Mal, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein, doch ein Video beweist das Gegenteil. Spielt Brian Bishop ein doppeltes Spiel? Oder kann er sich wirklich nicht mehr an die Morde und seine Affäre mit Sophie Harrington erinnern?

Mit viel Intuition und kriminalistischem Gespür versucht Roy Grace, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Doch auf einer Pressekonferenz begeht er einen verhängnisvollen Fehler, der eine geliebte Person in Lebensgefahr bringt …

_War der Ehemann der Mörder?_

Von Beginn an zieht Peter James seine Leser in den Bann. Gleich im ersten kurzen Kapitel lernen wir den Mörder kennen, der gerade sein erstes Opfer ins Visier genommen hat. Und dann schleicht er sich auch schon ins Auto von Katie Bishop, während die ihre Tankrechnung begleicht. Nicht lange dauert es, bis Peter James uns zudem einen Verdächtigen par excellence präsentiert, nämlich den Ehemann, der am Tag nach dem Mord seelenruhig ein Golfturnier absolviert – und zwar mit überraschendem Erfolg – und sich von der Polizei eigentlich nicht vom Grün locken lassen will. Alles spricht gegen ihn, seine DNA wurde am Tatort gefunden, Zeugen haben ihn gesehen, eine Videoaufnahme widerlegt sein Alibi. Doch obwohl alles gegen ihn spricht, glaubt Roy Grace dennoch lange an Brians Unschuld. Seine Aussagen scheinen die Wahrheit zu sein, zumindest kann Grace keine Lügen identifizieren, auch wenn er diffizile Methoden anwendet, um Brian Bishop zu überführen. Und auch als Leser fragt man sich natürlich, wie diese beiden losen Enden, die einfach nicht zusammen passen wollen, am Ende zusammen gefügt werden können.

Bis zum Schluss hält Peter James die Spannung, auch wenn die Lösung des Falls zugegebener Maßen doch recht offensichtlich ist. Einen winzigen „Schlenker“, der den Leser (und auch Roy Grace) gen Ende noch einmal an der Nase herum führt, baut Peter James noch ein, bevor er schließlich die einzig sinnvolle Lösung präsentiert. Immerhin: Dadurch, dass man die richtige Lösung vorausahnen kann, ist sie definitiv schlüssig und fällt nicht vom Himmel. Für meine Begriffe tat es der Spannung keinen Abbruch, dass man schon ahnte, was geschehen würde.

_Eine Liebe in München?_

Detective Superintendent Roy Grace hat vor Jahren seine Frau verloren. Sie ist von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden. Seitdem sucht er sie und kann sie nicht aus seinen Gedanken und Erinnerungen tilgen, obwohl Grace inzwischen erneut glücklich liiert ist. Doch dann erreicht ihn ein Anruf aus München von einem guten Freund, der Graces Frau Sandy in einem Biergarten im Englischen Garten gesehen haben will. Roy Grace kommen Zweifel, ob seine neue Liebe Cleo wirklich die alte ersetzen kann. Er muss einfach wissen, ob seine Frau tatsächlich in München lebt, er muss herausfinden, warum sie damals spurlos verschwunden ist. Also fliegt er kurzerhand mitten in den laufenden Ermittlungen nach München, um Sandy zu suchen. Dafür riskiert er sogar einen deftigen Beziehungsstreit, der die neue Liebe fast im Keim erstickt hätte.

Die Geschichte von Roy Graces verschwundener Frau zieht sich durch alle bisherigen Bände, doch noch ist keine Lösung in Sicht, denn der Besuch in München trägt keine Früchte. So erleben wir Roy Grace in diesem Band im Strudel seiner Gefühle. Obwohl er Cleo liebt, muss er einfach wissen, ob seine Frau Sandy noch lebt und was mit ihr geschehen ist. Ungeschickt versucht er, seinen Besuch in München zu vertuschen, doch Cleo durchschaut ihn sofort und ist entsprechend verletzt. Und obwohl man sie verstehen kann, fühlt man auch mit Roy Grace, da sein Gefühlschaos nur zu nachvollziehbar ist. Mir gefiel diese menschliche Seite, in der er nicht der taffe Ermittler ist, der jede Augenbewegung seines Gegenübers minutiös verfolgt, ausgesprochen gut, zeigt sie doch, dass hinter dem erfolgreichen Ermittler ein verletzbarer und unsicherer Mensch steckt. Außerdem führt diese Nebengeschichte dazu, dass man definitiv zum nächsten Band um Roy Grace greifen wird – nicht nur, weil Peter James meisterlich Spannung aufbauen kann, sondern auch, weil man wissen will, ob es Neuigkeiten aus München gibt.

_Meister der Spannung_

Auch den dritten Band um Roy Grace habe ich regelrecht verschlungen. Wieder einmal schaffte es Peter James von Anfang an, mich in einen Sog hinein zu ziehen, dem ich nicht entkommen konnte. Dieses Buch |muss| man einfach schnell durchlesen, weil man es sonst vor Spannung kaum aushält.

|Broschiert: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3596175642|
Originaltitel: |Not Dead Enough |(Bd.3)

_Peter James auf |Buchwurm.info|:_

[„Stirb ewig“ 3268
[„Stirb schön“ 3154
[„Stirb schön“ 3680 (Lesung)
[„Nicht tot genug“ 4844 (Lesung)
[„So gut wie tot“ 5711 (Lesung)
[„Mein bis in den Tod“ 2493
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391