Alle Beiträge von Michael Matzer

Lebt in der Nähe von Stuttgart. Journalist und Buchautor.

Philip Ardagh – Furcht erregende Darbietungen. Eddie Dickens 2 (Lesung)

Eddie auf kriminellen Abwegen

Diese Geschichte ist der zweite Teil der Trilogie, die in „Schlimmes Ende“ ihren schlimmen Anfang nahm. Er überlebt um Haaresbreite eine Explosion, einen Heißluftballon-Ausflug, trifft ein Mädchen mit einem Kamelgesicht und wird von einer Schurkenbande zu einem „kleinen Auftrag“ überredet. In Eddies Hof landet ein Sarg, dem ein Entfesselungskünstler entsteigt, und später gerät Eddie in die Hände von Sträflingen. Alles dreht sich um einen Schatz, doch wer zuletzt lacht, lacht am besten.

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Megan Miranda – Der Pfad. Thriller

Der Pfad der Verschwundenen

Ein gefährlicher Pfad in den Bergen. Sieben verschwundene Menschen. Ein Dorf, das sich in Schweigen hüllt.

Ein abgeschiedenes Dorf im Schatten mächtiger Berggipfel: Seit zehn Jahren lebt Abby in Cutter’s Pass, North Carolina. Längst fühlt sie sich heimisch, obwohl der eigentlich so idyllische Ort ein düsteres Geheimnis hütet – seit Jahren verschwinden hier Wanderer spurlos im Gebirge. Als wäre der Ort verflucht. Dann taucht in einer stürmischen Gewitternacht plötzlich ein Fremder in Cutter’s Pass auf: Trey West ist gekommen, um herauszufinden, was damals mit seinem Bruder geschah. Denn auch er kehrte von jenem berüchtigten Pfad in die Wildnis niemals zurück. Je tiefer sich Abby in Treys Recherchen hineinziehen lässt, desto deutlicher merkt sie, wie die Dorfbewohner zusammenrücken und eine Mauer des Schweigens um sich errichten. Und bald muss sich Abby fragen, wie gut sie ihre Nachbarn tatsächlich kennt – und ob die Gefahr wirklich in den Bergen lauert. Oder nicht vielleicht dort, wo man sich eigentlich in Sicherheit wähnt … (Verlagsinfo)

Die Autorin
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Ian McDonald – Narrenopfer. Zukunftskrimi

Engagierter Alien-Detektivthriller

Eine Mischung aus Detektivroman und Asylantendrama, erinnert „Narrenopfer“ mitunter an den Hollywoodstreifen „Spacecop L.A. 1999“. Da ermittelte ein Polizist gegen Alienmörder. „Narrenopfer“ ist ebenfalls spannend, aber das macht nicht seine Stärke aus. Die liegt in der bewegenden Darstellung der fremdartigen Lebensweise der Aliens auf der Erde, genauer gesagt: in einem Nordirland, das von verschiedensten politischen Gruppierungen zerrissen wird. Würde der Serienmord an fünf Shian bekannt werden, würde sie allesamt über die Aliens herfallen. Ein Vermittler schickt sich an, den Mord aufzuklären, aber wem kann er trauen?

Der Autor
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Philip Ardagh – Unliebsame Überraschungen (Eddie Dickens 4)

Schauriger Showdown im Schottenkaro

Schwere Zeiten für Eddie Dickens: Er soll den schottischen Familiensitz der Noch Wahnsinnigeren Tante Maud veräußern. Doch das herrschaftliche Anwesen wird inzwischen von einem bislang unbekannten, antibritischen Zweig der Familie besetzt gehalten. Und die denken gar nicht daran, es wieder rauszurücken.

Die erste Eddie-Dickens-Trilogie ist vollständig. Nun geht es weiter mit Eddies „Weiteren Abenteuer“ (noch eine Trilogie?). Seine jüngste Expedition führt ihn nach Schottland, zum Familiensitz der Noch Wahnsinnigeren Tante Maud – dort ehemals bekannt als Manisch Mürbe Maud McMuckle. Eddie soll Großgut Gut Großengut veräußern, damit die Familie das abgebrannte Gut Schlimmes Ende wiederherstellen kann.

Diesem Vorhaben stehen allerdings nicht nur die schottischen Ureinwohner entgegen, sondern auch ein bislang unbekannter, antienglischer Zweig der Familie (schließlich haben die Engländer einst Schottland erobert). Als sich zu allem Überfluss auch noch Königin Victoria zur Treibjagd anmeldet, verhärten sich die Fronten zwischen den beiden Familienzweigen und es kommt zu einem Wahrhaft Wahnsinnigen Showdown. (aus der Verlagsinfo)

Der Autor
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Meyer, Kai – Wasserweber, Die (Wellenläufer-Trilogie 3)

_Sehr vorhersehbar: krönender Abschluss_

„Die Wasserweber“ ist der dritte und abschließende Teil der „Wellenläufer“-Trilogie Kai Meyers.

Ein magisches Beben erschüttert die Küsten der Karibik. Und in finsteren Piratenhäfen werden Kinder geboren, die über Wasser gehen können. Jahre später glaubt Jolly, dass außer ihr keine anderen Wellenläufer mehr am Leben sind. Bis sie Munk begegnet. Auch er versinkt nicht im Wasser – und kann aus Muscheln einen uralten Zauber beschwören. Ein rätselhafter Fremder, der Geisterhändler, schickt die beiden auf eine fantastische Reise. Gejagt von Klabautern, Ungeheuern und allen Seeräubern der karibischen See, stellen sie sich einer tückischen Gefahr: dem Mahlstrom, einem dunklen Strudel, der die Barriere zwischen den Welten niederreißt.

_Der Autor_

Kai Meyer, Jahrgang 1969, studierte Film, Philosophie und Germanistik und arbeitete als Redakteur. Er schrieb schon in jungen Jahren und lieferte u. a. ein paar Jerry-Cotton-Abenteuer. Sein erster großer Erfolg war „Die Geisterseher“, eine historische „Akte X“. Seit 1996 ist er freier Schriftsteller und Drehbuchautor. Bisher sind rund 40 Romane von ihm erschienen. Selbst Kritiker waren von seinem historischen Mystery-Thriller „Die Alchimistin“ begeistert, später folgten „Die fließende Königin“ und „Göttin der Wüste“. Bei |Loewe| erschien mit den „Wellenläufern“ ein Jugend-Fantasyzyklus. [„Frostfeuer“ 2111 aus dem Jahr 2005 ist eigenständiger Jugendroman. Das Buch wurde mit dem internationalen Buchpreis CORINE ausgezeichnet.

Die Wellenläufer-Trilogie:

1) Die Wellenläufer
2) Die Muschelmagier
3) Die Wasserweber

|Kai Meyer bei Buchwurm.info:|

[Interview mit Kai Meyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=11
[„Die Alchimistin“ 73
[„Das Haus des Daedalus“ 373
[„Der Schattenesser“ 2187
[„Die Fließende Königin“ 409
[„Das Buch von Eden“ 890 (Hörbuch)
[„Das Buch von Eden“ 3145
[„Der Rattenzauber“ 894
[„Frostfeuer“ 2111 (Hörbuch)

_Vorgeschichte der Trilogie_

Die Romantrilogie spielt Anfang des 18. Jahrhunderts unter den Piraten der Karibik. Ein magisches Beben erschüttert die Küsten der Karibik. Und in finsteren Piratenhäfen werden Kinder geboren, die über Wasser gehen können. Die Heldin Jolly, ein 14-jähriges Seeräubermädchen, verfügt von Geburt an über das besondere Talent des Wellenlaufens. Nach dem Untergang ihres Schiffes und dem Verlust ihrer Mannschaft glaubt Jolly, dass außer ihr keine anderen Wellenläufer mehr am Leben sind. Bis sie Munk begegnet. Auch er versinkt nicht im Wasser – und kann aus Muscheln einen uralten Zauber beschwören. Er ist ein Muschelmagier.

Ein rätselhafter Fremder, der Geisterhändler, der die Geister ertrunkener Seeleute als Sklaven verkauft, schickt die beiden auf eine fantastische Reise. Gejagt von Klabautern, Ungeheuern und allen Seeräubern der karibischen See, stellen sie sich einer tückischen Gefahr: dem Mahlstrom, einem meilenbreiten dunklen Strudel, der von einer teuflischen Intelligenz beseelt ist und die Barriere zwischen den Welten niederreißt.

|Handlung von Band 2, „Die Muschelmagier“|

Eine Nebelwand schützt die Seesternstadt Aelenium vor den Blicken der Welt. Die schwimmende Stadt ist Wächter des gefährlichen Mahlstroms, der in den Tiefen der Karibik lauert. Aber Aelenium hat versagt. Während hinter dem Horizont der Mahlstrom die See verschlingt, ruht die letzte Hoffnung auf den Wellenläufern. In ihren Händen liegt das Schicksal der Karibikbewohner und Aeleniums, die es vor dem Mahlstrom zu bewahren gilt.

Jolly und Munk werden in den Korallenpalästen der Stadt auf den Kampf gegen den Mahlstrom vorbereitet. Doch Jolly sehnt sich zurück nach ihrem Leben als Piratin. Als Klabauterheere vor Aelenium aufmarschieren, beginnt eine abenteuerliche Flucht. (zitiert nach Klappentexten und Verlagsangaben)

_Handlung von „Die Wasserweber“_

Nur noch zwei bis drei Tage bis zum Angriff auf die karibische Seesternstadt Aelenium. Der Verteidigungsplan ist bereits beschlossen. Während die beiden Muschelmagier Munk und Jolly den Mahlstrom in der Gegend namens Sorfenschrund schließen sollen, verteidigt sich die Stadt gegen die Angriffe der Klabauterarmeen. Doch auch der Kannibalenkönig Tyrone wird angreifen. Jolly hofft, dass die anderen Piratenkapitäne, die sich von ihm verraten sehen, seine Flotte angreifen und ihn von einem Angriff auf Aelenium abbringen. Die Chance ist jedoch nur gering. Klar ist jedenfalls, dass jede Verteidigungsmaßnahme nur dazu dienen kann, den beiden Quappen Zeit zu erkaufen, um das eigentliche Übel zu bekämpfen. (Man denke an Frodo und Sam auf dem Weg zum Schicksalsberg.)

Doch zu den Verteidigern gesellt sich ein unerhoffter Kämpfer: der Riesenwal Jasconius mit seinen beiden Insassen, Griffin und Ebenezer Arkwright. Der Wal, der die Bedrohung erkannt hat, soll sich noch als große Hilfe im Kampf erweisen. Und Griffin tut sich als Reiter eines Flugrochens hervor, der mit seinem jeweiligen Schützen die Klabauter aus der Luft bekämpft.

|In die Tiefe|

Begleitet von Soledad, Hauptmann D’Artoire und dem Geisterhändler, begeben sich Munk und Jolly hinaus in das Seegebiet, unter dem sich der Mahlstrom befindet. Jolly bittet den Oberbefehlshaber, ihre Grüße an Griffin auszurichten, den sie seit einer Weile nicht mehr gesehen hat (er war ja im Wal verschwunden). Sie weiß nun, für wen und was sie kämpft: für Griffin, ihre Zukunft – und für ihr Leben als magiebegabte Quappe. Im letzten Moment taucht Griffin auf, so dass sie ihm einen Abschiedskuss geben kann. Das freut Munk überhaupt nicht, denn er ist eifersüchtig.

Der Weg zum Mahlstrom ist lang und tückisch. Munk und Jolly müssen zuerst 30.000 Fuß tief tauchen und dann noch 20 bis 30 Meilen gehen oder schwimmen. Die Warnungen des Geisterhändlers, eines alten Gottes, begleiten sie. Denn vor Tausenden von Jahren soll es schon einmal einen Kampf gegen den Mahlstrom gegeben haben. Damals wurde der Mahlstrom im Schorfenschrund eingesperrt, doch offenbar hat er sich befreien können. Waren die Wachen müde geworden?

Beim Schwimmen stoßen die beiden Quappen auf eine versunkene Seesternstadt – der Vorgänger Aeleniums. Immer wieder müssen sie sich vor Klabautern verstecken: käseweißen und klapperdürren Krallenmännern, die auch unter Wasser riechen und sehen können. Mit ihren breiten Füßen können sie sich auf dem Meeresgrund gut fortbewegen. Jolly und Munk wurden auch vor Suchströmen gewarnt, die als Flutwellen das Meer durchziehen und jeden Wehrlosen in die Tiefe ziehen können.

|Aina|

Nahe der versunkenen Stadt stoßen die beiden Quappen auf ein nacktes Mädchen von etwa 15 Jahren. Sie nennt sich Aina und betört den verblüfften Munk mit ihrer Schönheit und ihrer einschmeichelnden Stimme. Jolly ist gleich von Anfang an misstrauisch. Aina muss eine der früheren Quappen sein, aber dann wäre sie ja Tausende von Jahren alt – und sähe bestimmt nicht wie 15 aus. Außerdem ist sie nichtstofflich wie ein Geist: Als Munk Aina berührt, dringt seine Hand durch sie hindurch. Als Aina ihm eine ihrer großen Muscheln zeigt, ist er in der Lage, mit dieser Magie einen Angriff von Klabautern zurückzuschlagen.

All dies kommt Jolly sehr seltsam vor. Aber die schmeichlerische Stimme Ainas lullt sie ein und Munk ist von Ainas Hilfsbereitschaft überzeugt, und so lassen Munk und Jolly sich von dem Mädchen zum Klabauterberg führen, der sich am Rande des Schorfenschrunds erhebt. Angeblich soll hier die Mutter der Klabauter, Kangusta, leben, doch Aina sagt, sie habe sich selbst eingeschlossen. Das ist jedoch gelogen, wie Jolly zu spät herausfindet. Und Munk ist weit weg und kann ihre Hilferufe nicht hören …

_Mein Eindruck_

Der Abschluss der Wellenläufer-Trilogie erinnert mich stark an das Finale von Tolkiens „Herr der Ringe“ (und vielleicht war die Ähnlichkeit auch dem Autor bewusst, so dass er ein bewährtes Rezept verwendete). Während die Entscheidungsschlacht um Aelenium in mehreren Phasen tobt, versuchen zwei junge Menschen – bei Tolkien sind es Frodo und Sam – den Verursacher all diesen Übels auszuschalten: den Mahlstrom. Dabei müssen Jolly und Munk mehrere Grenzen überschreiten und neue Wesen kennenlernen, die ihnen mehr über den Widersacher verraten. Munk lernt von Aina und täuscht sie, doch Jolly verschlägt es zu der Mutter der Klabauter, Kangusta, sowie zu den Wasserweberinnen. In diesen Begegnungen geraten die beiden jungen Quappen an die Grenze zum Numinosen, den anderen Gottwesen: den „Meistern“ des Mare Tenebrosum.

|Götterdämmerung|

Wie auch immer: Ende gut, alles gut. Oder doch nicht? Viele Helden mussten ihr Leben lassen, andere jedoch – wundersamerweise – nicht. Mit vereinten Kräften wird man auch Tyrones Herr, und schließlich kann man ans Reparieren und Genesen gehen. Doch einer ist für immer gegangen: Urvater, der Schöpfer dieser Welt. Er hat sein negativ gepoltes Gegenstück, den Mahlstrom, nicht überlebt. Das heißt: nur körperlich. Denn seine Geschichte, also seine Idee, lebt weiter fort, ermöglicht durch die Magie des Geisterhändlers, des einäugigen Gottes (eine Gandalf-Figur). Die Ära der alten Götter ist vorüber, die Herrschaft der Menschen endgültig angebrochen. Doch einen neuen König gibt es dennoch nicht: Die alten Streitigkeiten bleiben bestehen. Aber alle schmieden Pläne.

|Metamorphose |

Ein Handlungselement hat mich an einen alten Fantasytrick erinnert: Wenn eine alte Figur ausgedient hat, wird sie entweder ausgewechselt – oder sie verwandelt sich. So verwandelt sich der alte Zauberer in A. R. R. R. Roberts Hobbit-Parodie [„Der kleine Hobbnix“ 477 kurz vor der entscheidenden Begegnung mit dem Drachen (alias Smaug) in ein Wesen, das wesentlich nützlicher ist als der vergessliche Tatterich, der er zuvor war (ich verrate nicht, in was). Aber er entscheidet natürlich die Begegnung mit dem Gegner. Dieses Element könnte man wohl als „Ass im Ärmel“ bezeichnen.

Der hexhermetische Holzwurm, der als Orakel und Dichter gleichermaßen genervt hat, macht eine Verpuppung durch, die den Leser gespannt darauf warten lässt, was aus dem Kokon schlüpfen mag. Als die geflügelte Schlange mit viel Licht und Wunder erscheint, ist auch dies eine Begegnung mit dem Numinosen. Merkwürdig, dass keiner der Anwesenden sonderlich Angst verspürt. Und da sich die grantige Mentalität des Ex-Holzwurms nicht geändert hat, gibt es dazu auch wenig Anlass. Die Feinde haben sich dafür umso mehr zu fürchten.

|Terminator-Wyvern|

Auch der Gestaltwandler ist ein Gegner, dem sich jemand entgegenstellen muss, und diesmal ist die Reihe an Griffin, Jollys Freund. Der Gestaltwandler oder „Wyvern“ (was in den meisten Bestiarien einen Flugdrachen bezeichnet, aber das trifft hier nicht zu) ist ein Schwarmwesen, das – wie ein feindlicher Terminator à la TX – die Gestalt jedes Wesens annehmen kann, das es berührt hat. Es ist folglich äußerst schwierig, so eine proteische Gestalt zu töten. Griffin schafft es wunderbarerweise trotzdem.

|Vorgeschichten|

Doch wer hat das Wyvern geschickt: der Mahlstrom, die Meister, das Mare Tenebrosum oder sonst jemand? Die Erklärung ist recht kompliziert, denn sie fordert ständiges Umdenken. Ebenso kompliziert ist die Erklärung, wie der Mahlstrom überhaupt entstand – und warum er nach mehreren tausend Jahren Ruhe erneut auftauchte. Mich haben diese Erklärungen kaum zufrieden gestellt. Das ist das Problem mit den nachträglich gelieferten Vorgeschichten: Sie lassen sich nur selten auf erzählerisch befriedigende Weise in die gegenwärtige Erzählung integrieren. Tolkien beispielsweise brauchte dafür einen umfangreichen Anhang, um die Vorgeschichten für „Der Herr der Ringe“ zu beleuchten. Hätte er [„Das Silmarillion“ 408 zuerst veröffentlichen dürfen, wäre das unnötig gewesen.

Das Ende des Widersachers, sei es nun Sauron oder der Mahlstrom, hat entsprechend spektakulär auszusehen und das Ende einer Ära zu bezeichnen. Sowohl Tolkien als auch Peter Jackson und Kai Meyer lösen diese leichte Aufgabe zur größten Zufriedenheit des jeweiligen Publikums, ohne jetzt mehr verraten zu wollen.

_Unterm Strich_

Wie oben schon erwähnt, greift der Autor in diesem Teil auf bewährte Muster der Fantasyliteratur zurück. Da ich diese Muster zur Genüge kenne, habe ich mich ziemlich gelangweilt, denn ich wusste ja schon, was kommen würde. Die diversen Showdowns, die für ein Finale obligatorisch sind, konnten mich ebenfalls nicht besonders begeistern, denn es war ja klar, dass die Guten gewinnen würden.

Keiner von Jollys Gefährten gerät wirklich in Lebensgefahr, und wenn auch Jolly zeitweilig für tot gehalten wird, so ist doch für jeden Kenner klar, dass der Autor die Hauptfigur nicht einfach sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden lassen kann. Aber wenigstens tauchen keine Adler auf – obwohl der Flugrochen Griffins damit eine starke Ähnlichkeit aufweist. Alles in allem wird in diesem Teil mehr gehandelt als gequasselt, doch der hohe „bodycount“ unter den feindlichen Angreifern auf Aelenium dürfte keinen Leser schmerzen.

http://www.loewe-verlag.de/

Gustav Meyrink – Der Golem

Meyrinks „Golem“ gehört zu den besten Werken seines Genres. Wie sein Vorbilder E.T.A. Hoffmann und E.A. Poe lässt Meyrink das Traumhafte schon in der Alltagswelt beginnen, Realität und Überwirklichkeit fließend ineinander übergehen. Hier werden Erfahrungen im Grenzbereich der Seele zwingend in eine spannende Handlung umgesetzt. Die kongenialen Illustrationen von Hugo Steiner-Prag, einem Zeitgenossen Meyrinks, erhöhen den Reiz dieser Ausgabe. (Amazon.de)

„Der Golem“ ist ein spannender, unheimlicher Schauerroman, der aber in einer modernen, einfachen Sprache geschrieben wurde. Wer E. A. Poe und Kafka mag, ist hier richtig.

Wer je in der Altstadt von Prag den alten jüdischen Friedhof besucht hat (so wie ich 1979), wird erstens auf das Grab des Rabbi Löw hingewiesen und zweitens seinen Augen kaum trauen: Da stehen Grabsteine dicht an dicht, manche halb umgestürzt, fast von Grün überwuchert und ungepflegt, auf jedem Stein eine verwitterte Inschrift in hebräischer Schrift. So viele Tote, Legenden, so viel Vergangenheit. Dort unten, auf diesem kleinen Grundstück, lebt er noch, der Geist des Golems.
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Pierre du Bourdel – Mademoiselle und ihre Freundinnen. Erotischer Roman

Spiele im Schloss

Die frühreife Lucette wartet nur darauf, in die Fußstapfen ihrer lebenslustigen Mama treten zu können. Ihre englische Gouvernante weiht sie in die Freuden der sapphischen Liebe ein, aber erst Sir Archibald, dem das kleine Luder in den Ferien auf einem herrlichen Schloss begegnet, zeigt ihr den richtigen Weg in das erotische Vergnügen. (Verlagsinfo)

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David Ambrose – Level X. Thriller

Gekonnter Psychothriller in der Welt nebenan

Wenn du deinen Namen nicht mehr kennst, wenn du denkst, deine Frau sei tot, wenn dein Sohn nie existiert hat und dein bester Freund dich skrupellos hintergeht… (Verlagsinfo)

Diesmal schickt Ambrose seinen Helden durch mehrere Parallelwelten, bis ein Drama um Liebe, Tod und Eifersucht seinen guten Ausgang gefunden hat. – Wieder einmal nutzt Ambrose moderne wissenschaftliche Theorien als Grundlage für eine verzwickte Thrillerhandlung, die mit etlichen Überraschungen aufwartet.

Der Autor
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Arthur C. Clarke – Rendezvous mit Rama (RAMA-Zyklus 01)

Spannende Erforschung einer unbekannten Welt

Das rätselhafte Objekt, das die Astronomen auf den Namen Rama taufen, gibt allen Rätsel auf. Es ist noch sehr weit entfernt, deutlich außerhalb der Jupiter-Umlaufbahn. Etwas, das auf eine solche Entfernung auf dem Radar erscheint, muss riesig sein. Seltsamerweise ist es jedoch weder ein Asteroid noch ein Planetoid. Es ist nicht einmal ein natürlicher Himmelskörper. Während es auf seinem kometenartigen Weg zur Sonne rast, zeigt sich, dass es wie ein perfekter Zylinder geformt ist – ein Artefakt.

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Philip Ardagh – Schlechte Nachrichten (Eddie Dickens 3)

Diese Geschichte ist der dritte und damit leider schon letzte Teil der Eddie-Dickens-Trilogie, die in „Schlimmes Ende“ ihren schlimmen Anfang nahm und in „Furcht erregende Darbietungen“ so grässlich fortgesetzt wurde. Klarer Fall: Wir sollten uns auf das Schlimmste gefasst machen!

Das drei CDs umfassende Hörbuch dauert 215 Minuten, also etwa dreieinhalb Stunden. Altersempfehlung des Verlags: ab 10 Jahren.

Der Autor
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Harley Jane Kozak – Meine erste Leiche

Frauenkrimi zwischen Hollywood und Santa Monica

Mary Wollstonecraft Shelley, kurz Wollie genannt, hat ein überzogenes Konto, tolle Beine und den aufreibendsten Nebenjob aller Zeiten: Als Versuchskaninchen muss sie 40 Männer in 60 Tagen daten. Doch dann stolpert Wollie über ihre erste Leiche. Und Minuten später über den Mann ihres Lebens. Der der Mörder ist. Oder doch nicht? Wollie beschließt, den Fall selbst zu lösen. Schon bald fühlt sie sich verfolgt … Kurz gesagt: Frauenkrimi meets Screwball-Comedy.

Die Autorin

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Peter Aughton – Dem Wind ausgeliefert. James Cook und die abenteuerliche Suche nach Australien

Die Weltumsegelung des Captain James Cook von 1768 bis 1771 war ein Mega-Event des 18. Jahrhunderts: Die Suche nach dem sagenhaften Südkontinent (den „Antipoden“) führt zur Entdeckung Australiens, zu seiner Inbesitznahme durch die Briten und seiner Kolonisierung nur 50 Jahre später. Außerdem wurde die spätere britische Kolonie Neuseeland umsegelt und genau kartiert. Bei einem Besuch auf Tahiti entstand der Mythos vom Südseeparadies. Cook verlor auf der Reise mehr als 30 Mann Besatzung.

Peter Aughtons lebendige Schilderung dieser legendären Schiffsreise durch bis dato unbekannte Gewässer wartet mit zahlreichen (geheimen wie offiziellen) Tagebucheinträgen Cooks, seiner Wissenschaftler und Crewmitglieder auf. Jedes Kapitel zeigt auf einer Landkarte genau die Reiseroute. Der Autor nimmt den Leser quasi mit auf die Reise, zu einer Neuentdeckung der Weltkugel.
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Edwards, Blake / Rohrbeck, Oliver – Richard Diamond, Privatdetektiv: Fall 1 & 2

_L. A. Confidential lässt grüßen_

Die amerikanische Radio-Krimiserie der 1950er Jahre aus der Feder von Blake Edwards („Der rosarote Panther“) wird von der |Lauscherlounge| wieder zum Leben erweckt und mit bekannten Stimmen als Hörspiel vertont – den Stimmen von George Clooney, Ben Stiller und Reese Witherspoon.

Der smarte New Yorker Privatdetektiv Richard Diamond gerät in seinen abenteuerlichen Fällen an fiese Verbrecher, mysteriöse Mörder und verführerische Frauen. Aber er kehrt immer wieder zu seiner geliebten Helen zurück.

1. Staffel (Dezember 2007):
Fall 1: Die schwarze Puppe
Fall 2: Der braune Umschlag
Fall 3: Der Fall Ed Lloyd
Fall 4: Der Mordauftrag
Fall 5: Der Mord am Barbier
Fall 6: Der Gibson-Fall

2. Staffel (Juli 2008):
Fall 7: Die rote Rose
Fall 8: Der Karussell-Fall
Fall 9: Der graue Mann
Fall 10: Gute Nacht, Nocturen
Fall 11: Der Nachtclub-Fall
Fall 12: Mr. Walkers Problem

_Die Inszenierung_

|Die Rollen und ihre Sprecher|

Richard Diamond: Tobias Kluckert (dt. Stimme von Tyrese Gibson, Adam Baldwin in „Firefly“)
Helen Asher: Ranja Bonalana (dt. Stimme von Julia Stiles, Renée Zellweger, Reese Witherspoon)
Lt. Walt Levinson: Detlef Bierstedt (dt. Stimme von George Clooney, Bill Pullman, Robert ‚Freddy Krueger‘ Englund)
Sgt. Frazer: Oliver Rohrbeck (dt. Stimme von Ben Stiller, Michael Rapaport)
Sowie Thomas-Nero Wolff (Hugh Jackman, Jason Statham), Rainer Fritzsche, Melanie Pukaß (Helena Bonham Carter, Halle Berry), Andreas Müller und Andreas Hosang.

Regie führte Oliver Rohrbeck, die Musik komponierte Dirk Wilhelm, für Sounds/Mischung/Mastering war Tommi Schneefuß zuständig, die Geräusche trug Jörg Klinkenberg bei, die Aufnahme erfolgte im Hörspielstudio |Xberg|.

Mehr Info: http://www.lauscherlounge.de.

_Der Fall 1: Die schwarze Puppe_

Rick hat gerade ein telefonisches Techtelmechtel mit seiner Freundin Helen Asher, als ein verängstigter Mann eintritt, der behauptet, er sei in Gefahr. Rick legt auf, der Mann stellt sich als Ed Wilkens vor. Er hat bis vor kurzem in einer Schießbude des Vergnügungsparks Coney Island gearbeitet. Doch weil er einem Polizisten in Zivil, der am Stand gewann, eine bestimmte schwarze Puppe als Preis gab, habe ihn sein Boss Bart gefeuert. Die Puppe stellt bloß einen schwarzafrikanischen Krieger mit Schwert dar. Vielleicht war da etwas drin. Als Wilkens allerdings kein Geld anbieten kann, lehnt Rick den Auftrag, ihn zu beschützen, ab.

Als Rick zu seinem alten Arbeitsplatz, der Polizeiwache des fünften New Yorker Bezirks, geht, um seinen früheren Kollegen Lt. Walt Levinson davon zu informieren, wird der Tod eines Mannes gemeldet, der als Ed Wilkens angesehen wird. Bevor er mit Levinson die Wache verlässt, schnappt sich Rick ein Beweisstück: den Teil einer Eintrittskarte für Coney Island, die bei der Leiche des Polizisten Jimmy Madigan gefunden wurde, dessen Leiche man an der Uferpromenade fand. Madigan war genau jener Cop, dem Wilkens die schwarze Puppe gab.

Als man bei der Leiche von Wilkens die Visitenkarte von Rick findet, merkt Lt. Levinson erst, dass eine Verbindung zwischen dem Toten zu Rick Diamond besteht. Rick aber bezweifelt, dass es sich bei der Leiche mit dem unkenntlich gemachten Gesicht wirklich um Wilkens handelt. Doch Aufklärung kann nur ein Besuch auf Coney Island bringen. Dort stößt er auf die Spur einer Schieberbande …

|Mein Eindruck|

Die Episode, die diese Staffel eröffnet, ist voller Leichen, Action und Überraschungen. Sie bietet einen feinen Showdown auf Coney Island, bei dem Rick seinen alten Kollegen Walt vor einer Verletzung oder Schlimmerem bewahrt. Außerdem liebt es Rick, Walt und dessen Kollegen Frazer auf den Arm zu nehmen. Mit dringenden Informationen rückt er erst dann heraus, wenn es unbedingt nötig oder unvermeidbar ist. Auf diese Weise macht er sich zu einem geduldeten, wenn nicht sogar erwünschten Mitarbeiter der Kollegen in blauer Uniform. Allerdings erfahren wir nicht, warum er überhaupt das Fach gewechselt hat, obwohl es ihm doch nun als Privatdetektiv finanziell viel schlechter geht.

Wie so oft eröffnet ein auditives Techtelmechtel mit seiner Freundin Helen Asher das Hörspiel, und wenn Rick heimkehrt, erwartet sie ihn oder er sie mit einer Überraschung. Diesmal tritt er selbst als Schaubudenbesitzer auf. Weil sie daraufhin schmollt, muss er durch ein Lied ihre Gunst wiedererlangen. Klingt nach einem Ritter und seiner holden Minne.

_Der Fall 2: Der braune Umschlag_

Wieder mal stören die sich geräuschvoll liebenden Nachbarn die Konzentration von Rick Diamond, und als auch noch Helen mit ihm am Telefon Süßholz zu raspeln beginnt, ist es mit der Konzentration ganz aus. Obendrein ist er in einen Unfall geraten und musste sein Auto in die Werkstatt geben. Als er dort anruft, stutzt er: Er soll jemanden geschickt haben, etwas abzuholen?

Da tritt ein bewaffneter Kerl in Ricks Büro und erschießt ohne Umschweife Ricks verlässlichen Papierkorb. Ist das vielleicht ein ziviler Auftritt? „Wo ist es?“, fragt der Kerl bloß. Er will „den braunen Umschlag“. Doch Rick wehrt sich tapfer und lässt Lt. Walt Levinson die Leiche abholen. Der identifiziert die Leiche als Paul Scanell, mehrfach vorbestraft, schwerer Junge. Wie konnte Rick an den geraten?

Da erinnert sich Rick an den Unfall. In dem anderen Wagen saßen ein Mann und eine Frau, die sich als Dora Markham vorstellte – garantiert ein falscher Name – und am Steuer sitzend den Unfall verursacht hatte. Die Passanten wollten ihnen helfen und warfen die verstreuten Gegenstände, die auf die Straße gefallen waren, einfach wieder in die Wagen. Dabei könnte der braune Umschlag an ihn gelangt sein. Vielleicht steckt er nun in seiner Aktentasche? Doch darin findet sich nichts, was einem braunen Umschlag auch nur ähnlich sähe.

Sgt. Frazer ruft an, es ist für Levinson. Er meldet, dass eine Spedition ausgeraubt und um 600.000 Dollar erleichtert worden sei. Das Fluchtauto sei gefunden worden. Als Levinson weg ist, klingelt Ricks Telefon, aber es meldet sich niemand. Kein gutes Zeichen. Er findet in einem Seitenfach seiner Aktentasche den braunen Umschlag. Darin ist ein Gepäckschein, und auf der Rückseite steht „Blaue Ente“. Klingt wie der Name eines Nachtklubs.

Da tritt eine Frau in Ricks Büro, die ihm eine Knarre unter die Nase hält und ebenfalls den braunen Umschlag fordert – und ihn nun findet. Dora Markham, vermutet Rick. Er soll Mantel und Hose ausziehen, befiehlt sie. Protestierend gehorcht er, dann demoliert sie sein Telefon und geht. Nun hockt er da, ohne Hosen, und kann weder sein Büro verlassen noch jemanden anrufen, der ihm seine Hose bringt.

Er muss lange warten, bis sich jemand seiner erbarmt. Es ist Levinson. Nachdem dieser seinen Lachanfall überwunden und Frazer die Hose wiederbeschafft hat, folgen sie der Spur der blauen Ente …

|Mein Eindruck|

Diesmal gerät Rick schwer in die Bredouille, allerdings nur in eine der Etikette. Würde man ihn festnehmen, wenn er in blauen Seidenunterhosen auf der Straße einen Marathon liefe? Wahrscheinlich schon, lautet die niederschmetternde Antwort seines Gewissens. Er hat Glück, dass „Dora Markham“ sich Mühe gegeben hat, die Kleider bei der nächsten Wäscherei zu entsorgen. So viel Rücksichtnahme würde man heute auch von den Verbrechern wünschen, aber ich fürchte, das wird ein frommer Wunsch bleiben.

Zurück zur Sache: Das Finale besteht aus einem handfesten Shootout in der „Blauen Ente“, der an Härte nichts zu wünschen übrig lässt. Und als sich auch noch die fette Beute einfindet, ist alles in Butter. Allerdings muss Rick wieder eine von Helens zärtlichen Nötigungen über sich ergehen lassen. Er schmettert Caruso, aber ob er sie dann auch heiratet, bleibt ein Geheimnis, das nur die ständig miauende Katze kennt. Und die verrät nichts.

_Die Inszenierung_

Es ist schon unterhaltsam, wenn man in einem Serienhörspiel all jene Schauspieler sprechen hört, die man sonst mit bildschirmfüllenden Actionkrachern oder großartigen Romanzen in Verbindung bringt: Reese Witherspoon, Ben Stiller und George Clooney. Das hebt die Handlung, die ansonsten leicht etwas trivial hätte wirken können, doch gleich eine Stufe höher, verleiht ihr den Glanz von Hollywood.

Tobias Kluckert, 1972 geboren, ist Schauspieler und Synchronsprecher. Er lieh u. a. Joaquin Phoenix als Johnny Cash in dem Film „Walk the Line“ seine Stimme, ist aber auch die deutsche Synchronstimme von Colin Farrell in „The New World“, von 50 Cent in „Get rich or die tryin'“ und Brian Krause als Leo in „Charmed“.

Kluckert trägt mit seiner Darstellung der Hauptfigur das ganze Hörspiel und macht Diamond zu einem sympathischen Burschen, der tagsüber für Recht und Ordnung sorgt und – meistens, nicht immer – abends zu seiner Herzensdame zurückkehrt. Er will immer cool erscheinen, doch seine Aktionen sprechen eher dafür, dass er seinem Herzen gehorcht, so etwa, als er den Mord an seinem Lieblingsfriseur aufklärt.

Ranja Bonalana, die deutsche Stimme von Reese Witherspoon, spricht Helen Asher und somit zwar eine Nebenfigur, aber eine feste Konstante in der Besetzung. Die Wortgeplänkel, die sich Helen mit Diamond liefert, gehören zum Feinsten, das Blake Edwards je geschrieben hat. Leider sind sie allzu kurz, denn sie gehören nicht zum jeweiligen Fall. Ich habe nie herausbekommen, was Helen Asher tagsüber macht. Wahrscheinlich füttert sie die Katze.

|Geräusche|

Alle Geräusche sind natürlich aus der Realität entnommen und verleihen der Handlung den Anstrich von Filmqualität. Aber sie kommen nie den Dialogen in die Quere, sondern sind in dieser Hinsicht zurückhaltend. Wir hören also sowohl Straßenverkehr und Hintergrundstimmen als auch altmodisches Telefonklingeln und Nebelhörner usw. In den diversen Wohnungen sind Standuhren, miauende Katzen (bei Helen) und natürlich Türen zu hören.

|Musik|

Die Musik von Dirk Wilhelm fungiert meist als Pausenfüller, um so die Szenen voneinander zu trennen, aber auch um die Stimmung der nächsten Szene einzuleiten. Der Musikstil erinnert an nichts so sehr wie an die Filmmusik von [„L.A. Confidential“. 1187 Zu hören sind also gedämpfte Trompeten oder Posaunen, eine gedämpftes Klavier und sehr dezente Streicher. Von Jazz kann also keine Rede sein, vielleicht sollte man einfach nur von „Cool“ sprechen.

Die Ausnahme von dieser Regel sind Ricks selbst vorgetragene Stücke, die er am Klavier für seine Helen spielt.

_Unterm Strich_

Nach dem Erfolg von „L.A. Confidential“ und [„Die schwarze Dahlie“ 3353 feiern Nostalgie-Krimis wieder Erfolge. Andere Hörverlage haben dies mit diversen Serien – Lester Powells Damen-Krimis, Stahlnetz, Tatort, Derrick, Dr. Mabuse, Francis Durbridge u. v. a. – vorexerziert. Höchste Zeit also, dass auch |Lübbe Audio| so etwas Entsprechendes in sein Angebot aufnimmt.

Der erste Fall ist auf Action ausgelegt und wartet mit einem typischen Opfer-ist-der-Täter-Szenario auf, das für die Philip-Marlowe-Fälle so typisch war. (Und wenn eine hilflose Lady ins Detektivbüro kam, musste sich der Schnüffler ganz besonders in Acht nehmen.) Auch der zweite Fall endet in einem klasse Showdown, in dem die blauen Bohnen nur so um die Ohren fliegen.

Das Hörspiel ist von Rohrbecks |Lauscherlounge| sorgfältig produziert worden und ich habe an der Technik nichts auszusetzen. Die Stimmen der Hollywoodschauspieler verleihen der abwechslungsreichen Handlung etwas Filmglamour. Da „L.A. Confidential“ einer meiner Lieblingsfilme ist, konnte ich mich im Ambiente von Rick Diamond sofort zurechtfinden und die Produzenten brauchten keinerlei Erklärungen zum kulturellen Hintergrund mehr liefern.

Mag sein, dass die Figuren in ihren männlichen und weiblichen Geschlechterrollen recht überholt sind, aber herrje, das sind die Karl-May-Geschichten schließlich auch, und doch werden sie weiterhin von Millionen Lesern und Zuschauern verschlungen. Helen Asher ist keineswegs das häusliche Heimchen am Herd, sondern sie weiß ihren Rick durchaus zu nötigen, ihr zu Gefallen zu sein. Die Katze im Hintergrund ist nicht umsonst ihr Haustier, denn es heißt, Katzen seien unabhängig. Diese Rollenbilder sind also weit entfernt von der moralischen Korruption, die in den Noir-Filmen der dreißiger und vierziger Jahre gespiegelt wurde.

Fazit: Volltreffer.

|60 Minuten auf 1 CD
Aus dem Englischen übersetzt von Andrea Wilhelm|

lauscher news


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Bruce Sterling – Schwere Wetter. Öko-Zukunftsroman

Sturmjäger in Texas: Action und Humor

Die Atmosphäre der Erde ist ruiniert. Und wenn die verheerenden Stürme über den ausgedörrten Kontinent hinwegrasen, sind sie zur Stelle: die Storm Troupers – Meteorologen und Computerfreaks, die die Spur der Vernichtung vermessen und sich den ausgeflipptesten Nervenkitzel verschaffen… (bearbeitete Verlagsinfo)

Der Autor

Bruce Sterling, der Mitbegründer der Cyberpunk-Bewegung der achtziger Jahre, ist der Autor von neun Romanen, wovon er einen, „Die Differenz-Maschine“, zusammen mit William Gibson schrieb. Er veröffentlichte drei Story-Sammlungen (darunter „A Good Old-fashioned Future“) und zwei Sachbücher, darunter 1992 das bekannte „The Hacker Crackdown“ über die Verfolgung von Hackern und Crackern.

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Smit, Eric – Supercode, Der

_Die Superposse der Computerindustrie_

In seiner Dachstube entwickelt der niederländische Fernsehreparaturtechniker und Computeramateur Jan Sloot ein revolutionäres Verfahren, das die Elektronikindustrie völlig auf den Kopf stellen würde. Einen ganzen Videofilm im Speicher von 1 Kilobyte unterbringen – unmöglich, oder?

Fachleute sind überzeugt, dass Sloots Erfindung Milliarden wert ist. Doch zwei Tage, bevor das große Geschäft abgeschlossen werden soll, fällt der Erfinder auf seiner Terrasse tot um: Herzinfarkt. Fieberhaft sucht man nach seinem Supercode, doch das Bankschließfach mit den Unterlagen – ist leer! Ein Riesenschwindel?

_Der Autor_

Der Niederländer Eric Smit, geboren 1967, bereiste einige Jahre lang als professioneller Squash-Spieler die Welt. Danach machte er seinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und begann ein neues Leben als Journalist, zuletzt als stellvertretender Chefredakteur von „Quote“, einem Trendmagazin für Geschäftsleute. Vier Jahre hat er für dieses Buch recherchiert. (Verlagsinfo)

_Inhalte_

Die Story mutet an wie ein Spannungsroman und sollte vielleicht wie ein solcher erzählt werden. Wie konnte ein völlig unbekannter holländischer Fernseh- und Computerspezialist Silicon Valley in Aufregung versetzen und einen Top-Manager vom Weltkonzern Philips abwerben?

Jan Sloot wuchs auf dem platten Land in Groningen auf. Durch verschiedene Umstände wurde er ein Eigenbrötler, der am liebsten mit Elektronik hantierte und schon mit seinem selbstgebauten Radiosender die Nachbarn belästigte. Die Polizei nahm ihm das Gerät sofort wieder weg. Fortan passte er auf, dass ihm niemand jemals wieder etwas, was er geschaffen hatte, wegnahm. Das sollte verhängnisvolle Folgen haben.

Da er als Fernsehraparateur viel zu tun hatte, verfiel er auf die Idee, eine Datenbank – eine Knowledge Base – mit allen Lösungen zur Reparatur von Fernsehgeräten zu schreiben. Diese könnte er dann an Fernsehhändler usw. vertreiben, ja, sogar ein Netzwerk aufbauen, um die neuesten Lösungen zu verbreiten. RepaBase, wie das Produkt heißen sollte, stieß jedoch auf diverse Probleme und wurde nie fertig. Aber etwas Gutes entstand daraus: das Sloot Digital Coding System (SDCS), mit dem die Datenübertragung möglichst wirtschaftlich erfolgen sollte.

Das SDCS wird in einem Anhang ziemlich genau beschrieben. Es handelt sich nicht, wie der Name schon sagt, um eines der üblichen Datenkomprimierungsverfahren, sondern um eine Verschlüsselungsmethode für digitale Inhalte: Video, Audio, Text. Das klingt paradox, denn wie soll eine Kodierung Inhalte kleiner machen? Um es kurz zu sagen: Es geht. Wer Details wissen will, sollte das Buch lesen.

Ausschlaggebend ist jedoch folgendes Leistungsmerkmal: Eines oder mehrere Videos lassen sich auf einer Chipkarte unterbringen. Eine Festplatte ist nicht im Spiel – das ist der entscheidende Unterschied. Die Größenunterschiede zu herkömmlichen Verfahren sind astronomisch. Sloot achtete penibel darauf, dass absolut niemand dahinter kam, wie genau die Sache vonstatten ging. Er beteuerte aber seinem Vertrauten und Investor Mierop, dass die Technik funktioniere und er sie in einem Papier beschrieben habe, das im Safe eines Notars oder einer Bank liege.

|Die Investoren|

Statt nun aber misstrauisch zu werden oder Sloot für verrückt zu erklären, glauben verschiedene Investoren, der Sache, die Sloot ihnen anbot, trauen zu können. Nicht wenige Selfmade-Millionäre sind darunter, denn von 1997 bis 1999, als Sloot starb, ging es auch der niederländischen Wirtschaft nicht schlecht. Die New Economy war in aller Munde. Ein paar Hunderttausend oder ein Milliönchen ließ sich da schon mal reinstecken, in die Wunderkiste des Jan Sloot. Und wegen seiner Gläubiger ist Sloot seinerseits um jede Million froh. Schon macht sich seine Frau Annie Sorgen um sein Herz, um das es offenbar nicht allzu gut steht.

Der Erste, der mit dem SDCS das große Ding drehen will, ist ein zwielichtiger Abenteurer namens Leon Sterk. Wenn Mierop an diesen Weltverbesserer denkt, wird ihm schlecht und er schüttelt bloß den Kopf. Doch Sterk versteht es, mit ausgefallenem und großspurigem Marketing weitere Investoren anzulocken, um Sloots Erfindung zur Industriereife entwickeln zu können. Aber als ihm die Schulden über den Kopf wachsen und das SDCS noch nicht fertig ist, taucht Sterk unter.

|Der neue CEO|

Über Umwege lassen die wichtigsten Investoren ihre Beziehungen spielen. Zu einer die Beziehungen gehört Roel Pieper, um die vierzig Jahre alt und „Kronprinz“ beim niederländischen Weltkonzern Philips Electronics. Pieper ist in Kreisen der Informationstechnologie kein unbeschriebenes Blatt, war er doch mal der Vorstandsvorsitzende (CEO) von Tandem Computers, bevor er das Unternehmen an Compaq verkaufte. Bill Gates und Charles Wang (von Computer Associates) zählen zu seinen guten Bekannten. Pieper ist der eigentliche Held dieser Geschichte.

Aber seine Tage bei Philips sind gezählt, agiert er doch offenbar etwas zu selbstherrlich für die Unterfürsten im Königreiche Philips, und dass er den König vom Thron stoßen will, ist diesem sicherlich nicht willkommen. Nach nur einem Jahr verlässt Pieper den Konzern, um sein eigenes Unternehmen zu steuern: Dipro. Dipro entwickelt Sloots Erfindung. Sobald er sich von den phänomenalen Fähigkeiten des SDCS hat überzeugen lassen, steigt Pieper mit großen Plänen ein: aber nur als CEO. Die Anteilseigner sind einverstanden.

|Widerstand und Falltüren|

Er benennt Dipro in Fifth Force um und nimmt sich vor, die Niederlande – so viel Patriot steckt schon in ihm – auf die Landkarte der IT-Industrie zu setzen. So groß wie Cisco oder Sun Microsystems soll Fifth Force werden. 30 Mio. Gulden gibt ihm die ABN Amro Bank als Starthilfe. Nur zwei stehen ihm stets kritisch gegenüber: der stets von seiner Paranoia beherrschte Jan Sloot und sein bodenständiger Vertrauter Mierop. Pieper gedenkt beide auszubooten und Alleinherrscher des Unternehmens zu werden.

Es gibt nur einen Haken: Für das SDCS gibt es bislang weder ein angemeldetes Patent noch den Quellcode. Sollte Sloot den Löffel abgeben, wird es bald lange Gesichter geben – auch in Silicon Valley, wo man auf Pieper große Stücke hält. Am 11. Juli 1999 ist der Tag X gekommen …

_Mein Eindruck_

Dass er sich die Story und alle ihre zahlreichen Verästelungen nicht aus den Fingern gesogen, sondern vielmehr aus dem „prallen Leben“ geschöpft hat, belegt der Autor mit zahlreichen Zitaten. Vielfach sind die Zitate grau unterlegt und entsprechend hervorgehoben. Alle Textstellen, sogar die Motti, sind in den Endnoten des Anhangs belegt.

Sollte es also zu einer Verleumdungsklage kommen, so legt hier der Autor schon mal seine Karten auf den Tisch. Eine Zeittafel erleichtert dem Leser die zeitliche Orientierung. Die Beschreibung des SDCS habe ich bereits erwähnt. Sie ist leicht zu verstehen, zumindest für Leute, die schon mal einen Computer angefasst haben.

|Comédie humaine|

Dies ist keine der üblichen Entdecker- und Erfindergeschichten, die als Abenteuer inszeniert werden und in Glanz und Gloria enden oder mit einer Tragödie. Die Art und Weise, wie sie erzählt wird, hat mehr mit der gewöhnlichen comédie humaine zu tun. Es ist eine Farce, eine Posse, jedoch ohne dass sich die Mitspieler dessen bewusst sind, dass sie eine derartige Rolle spielen. Vielmehr scheint es den meisten ziemlich ernst mit dem zu sein, was sie da tun. Aber sie tun es nach Regeln, die nicht sie aufgestellt haben, sondern die Industrie, in der sie agieren.

|Die Regeln der Posse|

Allein schon der Auftritt des „Kronprinzen“ Roel Pieper ist ein Paradebeispiel für das Geschäftsgebaren, dessen sich die Techno-Könige befleißigen – oder denken, dies tun zu müssen. Die üblichen Präsentationen und Demos sind ja Usus, aber dass Pieper auch mit Risikokapitalgebern ebenso umspringt wie mit seinen Anteilseignern, mit Bankern ebenso wie mit Wirtschaftsministern, geht schon etwas weiter. Er macht jedem klar, dass er weiß, wovon er redet. Dabei ist dies gar nicht der Fall. Es ist das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, nur dass diesmal keiner die Wahrheit sagt. Und Jan Sloot schweigt zu all den Possen. Er fürchtet lediglich eines: dass ihm die großen Konzerne und deren Forscher seine Entwicklung wegnehmen könnten.

|Der hohle Kern|

So wie in Fifth Force der Kern hohl war, so traf dies auch auf die New Economy zu. Als die Blase nach dem Ende der Goldgräberzeit platzte, war der Katzenjammer groß. Sloot erlebte dies nicht mehr mit, aber der Autor weist an seiner Stelle kritisch darauf hin, welche irrealen Marktwerte und Börsennotierungen damals der Fall waren. Mit Fifth Force wollte Roel Pieper sich ein ordentliches Stück abschneiden – und fiel auf die Nase, weil er das Pferd am Schwanz aufzäumte. Er hätte als Erstes das Patent sichern sollen, bevor er die Investoren köderte. Doch „Time-to-market“ drängte ihn, als Erster durchs Ziel zu gehen, wenn der Run auf die hohen Bandbreitenkapazitäten losging. Mit SDCS wollte er den Trumpf ausspielen, der seinem Pokerblatt zum Sieg verhelfen würde.

|Sicherheitslücken wie Scheunentore|

Daraus wurde nichts, und hinterher ist das Rätselraten groß, wie das passieren konnte. Warum wurde der Quellcode für das SDCS nie gefunden? Mierop hat so seine Theorien, und eine davon stützt sich auf seine Beobachtungen. Als er merkte, dass Pieper von Datensicherheit nicht die Bohne verstand, stellte er einen Sicherheitsdienst an, um die Familie Sloot zu überwachen. Tatsächlich wurde beobachtet, wie die Tochter, die nicht gut auf ihren Vater zu sprechen gewesen war, mehrere Kartons wegschaffte und sie ihrem Bruder übergab.

Was machten sie damit? War dies der Quellcode, von dem ihm Sloot erzählt hatte? Keiner weiß es. Ja, Pieper verbietet Mierop sogar mehrmals, der Familien nachzuschnüffeln. Als er schließlich einen anderen Sicherheitsdienst auf die Sache ansetzt, ist schon alles zwecklos. Daten weg, Patent weg, Quellcode futsch.

Bis heute ist die Firma Fifth Force keineswegs liquidiert, sondern lediglich in „Winterschlaf versetzt“. Denn es gibt noch einen Banksafe, in dem einer von Sloots Teilhabern Dokumente hütet. Ist dies der heilige Gral des SDCS? Wie bei den Kreuzfahrern heißt es schließlich: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

_Unterm Strich_

Aus niederländischer Perspektive gesehen, ist dies die Geschichte eines verpassten Eintritts in die oberste Liga der New Economy. Doch ebenso wie diese Superblase des Silicon Valley musste auch die Erfolgsgeschichte von Fifth Force an ihren inneren Widersprüchen scheitern. Statt es nach alter Väter Sitte Schritt für Schritt anzugehen, machten Glücksritter und arrogante Global Player erst Schritt B nach Schritt A. Das Patent lag noch nicht vor, als es schon Kredite hagelte und Investoren mit Millionen Dollars auf der Matte standen.

Jeder wollte die Erfindung, doch den Menschen Sloot, den wollte keiner: Er war nicht kompatibel. Und als er merkte, dass der Tag der Offenbarung kommen und es entweder Millionen regnen oder ihm die Handschellen angelegt würden, da hielt es sein Herz nicht mehr aus. Oder lief es anders? War Sloot kein Betrüger, sondern Opfer der Konzerne, die um ihre Pfründe bangten und ihn daher beseitigen ließen? Man durfte ihn nicht einmal obduzieren.

Die Story, die der Autor penibel zusammengetragen hat, liest sich für einen Insider wie mich spannend, aber ich merkte auch, dass das Geschäftsgebaren und die Persönlichkeiten Kenntnisse voraussetzen, um sie als charakteristisch für die IT-Branchen erkennen und verstehen zu können. Ein Glossar fehlt; man muss wohl voraussetzen, dass der Leser den Jargon der Branche halbwegs kennt.

Sehr positiv finde ich, dass der Autor sich nie über die Figuren, die er beschreibt, lustig macht, nicht einmal über den zwielichtigen Abenteurer Leon Sterk. Das tun die Zeugen in ihren Zitaten für ihn. Diese neutrale Haltung bedeutet aber auch, dass der Leser häufig selbst werten muss, was denn nun normal und was völlig hirnrissig ist. Vielleicht ist es aber schon so weit gekommen, dass wir das eine vom anderen nicht mehr unterscheiden können, weil die Welt der Computer mittlerweile zur Luft gehört, die wir atmen. Der Wahnsinn hat Methode, und wir merken es kaum noch.

|Originaltitel: De Broncode, 2004
352 Seiten
Aus dem Niederländischen von Andrea Kalbe und Jan F. Wielpütz|

Silverberg, Robert – Jahre der Aliens, Die

_Mit langem Atem erzählt: die Jahre der Alien-Besatzung_

Es ist wie in Roland Emmerichs Film „Independence Day“: Plötzlich landen gigantische Raumschiffe überall auf der Erde. Es erfolgt keine Kommunikation, keine Friedensbotschaft, nicht mal eine kriegerische Auseinandersetzung: Die Aliens ziehen bloß den Stecker raus: Sie schalten sämtliche Elektrizität auf dem Planeten ab. Dann bauen sie ein Netz von Informanten auf. Niemand ist mehr vor Überwachung und Verfolgung sicher.

Doch einige Menschen gehen in den Untergrund, organisieren den Widerstand und nehmen den Kampf gegen die schier übermächtigen Gegner auf – ein Kampf, der sich über mehrere Generationen erstreckt. (ergänzte Verlagsinfo)

Dieser Roman erschien rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag von H.G. Wells‘ epochalem Invasionsroman |“Krieg der Welten“. 1475
Dass es sich außerdem um eine Hommage an den zehn Jahre zuvor – also 1988 – verstorbenen SF-Maestro Robert ANSON Heinlein handelt, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass die meisten Männer der Carmichael-Sippe den Vornamen ANSON tragen. Heinlein schrieb 1951 den klassischen Invasionsroman [„Die Marionettenspieler“. 2625

_Der Autor_

Robert Silverberg, geboren 1936 in New York City, ist einer der Großmeister unter den SF-Autoren, eine lebende Legende. Er ist seit 50 Jahren als Schriftsteller und Anthologist tätig. Seine erste Erfolgsphase hatte er in den 1950er Jahren, als er 1956 und 1957 nicht weniger als 78 Magazinveröffentlichungen verbuchen konnte. Bis 1988 brachte er es auf mindestens 200 Kurzgeschichten und Novellen, die auch unter den Pseudonymen Calvin M. Knox und Ivar Jorgenson erschienen.

An Romanen konnte er zunächst nur anspruchslose Themen verkaufen, und Silverberg zog sich Anfang der 60er Jahre von der SF zurück, um populärwissenschaftliche Sachbücher zu schreiben: über 63 Titel. Wie ein Blick auf seine „Quasi-offizielle Webseite“ www.majipoor.com enthüllt, schrieb Silverberg in dieser Zeit jede Menge erotische Schundromane.

1967 kehrte er mit eigenen Ideen zur SF zurück. „Thorns“, „Hawksbill Station“, „The Masks of Time“ und „The Man in the Maze“ sowie „Tower of Glass“ zeichnen sich durch psychologisch glaubwürdige Figuren und einen aktuellen Plot aus, der oftmals Symbolcharakter hat. „Zeit der Wandlungen“ (1971) und „Es stirbt in mir“ (1972) sind sehr ambitionierte Romane, die engagierte Kritik üben.

1980 wandte sich Silverberg in seiner dritten Schaffensphase dem planetaren Abenteuer zu: „Lord Valentine’s Castle“ (Krieg der Träume) war der Auftakt zu einer weit gespannten Saga, in welcher der Autor noch Anfang des 21. Jahrhunderts Romane schrieb, z. B. „Lord Prestimion“.

Am liebsten sind mir jedoch seine epischen Romane, die er über Gilgamesch (Gilgamesh the King & Gilgamesh in the Outback) und die Zigeuner („Star of Gypsies“) schrieb, auch „Tom O’Bedlam“ war witzig. „Über den Wassern“ war nicht ganz der Hit. „Die Jahre der Aliens“ wird von Silverbergs Kollegen als einer seiner besten SF-Romane angesehen. Manche seiner Romane wie etwa „Kingdoms of the Wall“ sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen.

Als Anthologist hat sich Silverberg mit „Legends“ (1998) und „Legends 2“ einen Namen gemacht, der in der Fantasy einen guten Klang hat. Hochkarätige Fantasyautoren und –autorinnen schrieben exklusiv für ihn eine Story oder Novelle, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Der deutsche Titel von „Legends“ lautet „Der 7. Schrein“.

[„Legenden: Lord John, der magische Pakt“ 2581
[„Legenden: Das Geheimnis von Otherland“ 2580

_Handlung_

Die Hügel um Los Angeles stehen in Flammen. Die Aliens sind gelandet und haben mit ihren Schiffsdüsen das knochentrockene Gras und Buschwerk in Brand gesetzt. Was die Außenweltler hier eigentlich wollen, ist den Behörden und Soldaten lange nicht klar, denn es gibt zunächst keine Kommunikationsmöglichkeit. Die Aliens in L.A. sind fünf Meter große, tintenfischähnliche Wesen, die sich mit langen Fangarmen aus den gaffenden Zuschauern ein paar Exemplare herausfischen, um sie ins Innere ihres Schiffes zu bringen. Cindy Carmichael ist ebenfalls darunter und total happy darüber. Endlich kann sie die Botschafter von den Sternen willkommen heißen …

Ihr Mann Mike Carmichael, der gerade von einem Meditationsurlaub in New Mexico zurückkommt, ist von der Nachricht, dass Cindy entführt worden sei, wenig begeistert. Nachdem der Vietnamveteran seiner Pflicht als Pilot eines Löschflugzeugs Genüge getan hat, spricht er mit ihr über eine militärische Videofonanlage. Sie sagt, sie wolle mit dem Fremden zu den Sternen fliegen. Das bricht ihm verständlicherweise das Herz, denn er liebt dieses verrückte Frauenzimmer wirklich. Er fliegt in die Berge, bis die Maschine kein Benzin mehr hat und abstürzt.

Mikes Bruder, der Oberst a.D. Anson Carmichael III., ist von diesen beiden Nachrichten schwer betroffen. Als sich alte Kollegen in Washington sich seiner erinnern und ihn als Sonderberater holen, verschweigt er jedoch die Tatsache, dass die „verrückte Frau an Bord des Alienschiffs“ seine Schwägerin ist. Die Vorschläge, die im Beratungsgremium gemacht werden, um die weltweite Invasion der unterschiedlichen Fremdwesen abzuwehren, sind nicht wesentlich vernünftiger als Cindys enthusiastisches Gefasel. Der Oberst rät dringend, von Waffengebrauch abzusehen und sich zurückzuhalten, denn offensichtlich sind die Außenweltler auf einem höheren Entwicklungsstand als die Erde. Wer weiß, wozu sie in der Lage sind.

Dies zeigt sich schon auf dem Rückflug nach Kalifornien. Überall auf der Welt fällt der Strom aus. Erst nur zwei Minuten lang, nach sieben Minuten dann für eine lange Zeit. Offenbar haben Angriffe die Aliens zu Vergeltungsmaßnahmen greifen lassen. Nachdem sich die Elektronik an Bord des Flugzeugs, in dem der Oberst und mehrere andere Sonderberater sitzen, wieder eingeschaltet hat, bringt der Pilot die Kiste schleunigst auf den Boden – gerade noch in letzter Sekunde, bevor die Lichter vollends ausgehen. Auf der ganzen Welt.

Neun Jahre später ist die menschliche Zivilisation auf den Stand des 19. Jahrhunderts, maximal aber auf den Stand des Jahres 1937 zurückgefallen. Die Barbarei ist allumfassend, und nur in Inseln der Technik, wo sich wieder funktionierende Elektrizität eingestellt hat, gibt es halbwegs geregelte Lebensumstände und Computernutzung. Die ersten Hacker wagen sich wieder aus ihren Löchern, und einer von ihnen setzt es sich in den Kopf, den Kontakt zum Netzwerk der Aliens herzustellen. Den einzigen, den es geben wird. Sein Name ist Karl-Heinrich Borgmann. Er könnte genauso Judas lauten …

Oberst Carmichael ruft an Weihnachten alle seine Kinder, Neffen und Enkel zusammen: Sie sollen alle bei ihm auf seiner Ranch wohnen, denn schon bald werde alles noch viel schlimmer werden. Der mittlerweile 64 Jahre alte Militär offenbart sich als General des nationalen Widerstands gegen die Invasoren. Doch nun sei er in seinem Organisationskomitee überstimmt worden, und der Widerstand werde an Neujahr einen Angriff auf das Alien-Hauptquartier in Denver starten. Die Folgen sind noch nicht absehbar. Aber er befürchtet das Schlimmste.

Wie Recht der Oberst mit seinen Befürchtungen hat, zeigt sich schon binnen zwei Tagen. Wieder fällt der Strom aus – 39 Tage lang, und das mitten im Winter. Zudem setzen die Außerirdischen eine biologische Waffe ein, der binnen eines halben Jahres drei Milliarden Menschen zum Opfer fallen, also die Hälfte der Weltbevölkerung.

Der Oberst und seine Familie harren in seiner Hügelfestung aus, doch wie lange können sie sich noch halten? Und wie kann irgendein Mensch jemals so nahe an ein „Wesen“ herankommen, um es zu töten, wenn doch die telepathischen Kräfte des Wesens die feindlichen Gedanken des Angreifers wahrnehmen können und so das Wesen rechtzeitig vor einem Angriff warnen? Es sieht nach einer Weile so aus, als seien unantastbare Götter auf die Erde herabgestiegen, um sie sich vollständig untertan zu machen.

Doch da wird im englischen Salisbury ein Junge geboren, der zur Nemesis für die Wesen werden wird. Allerdings werden lange Jahre vergehen, bis der Widerstand ihn entdeckt und zu nutzen versteht. Denn Khalid Burke ist ein ganz besonderer Mensch. Er selbst sagt natürlich, er sei nichts Besonderes. Doch im Schoße der Familie Carmichael erweist sich seine Besonderheit als wertvoller als Gold: Er ist der einzige Mensch, dem es gelungen ist, eines der Wesen zu töten …

_Mein Eindruck_

Der Roman beginnt wie mit einem dieser apokalyptischen Tage, die in der amerikanischen Science-Fiction so beliebt sind: Die Aliens landen, ein Asteroid nähert sich der Erde, eine Epidemie, ein Erdbeben oder eine Riesenwelle, die Eiszeit oder tropische Glut – wieder einmal ist der Weltuntergang angesagt. Nun ist es offensichtlich an der Zeit, dass der Mensch zeigt, aus welchem Stoff er gemacht ist – auch ein Stephen King hat dieses Spiel durchexerziert, so etwa in „Puls“ und davor schon in „The Stand – Das letzte Gefecht“.

|Armageddon A-Z|

Das Spiel dient dazu, die aktuelle Zeit auf den Prüfstand zu stellen und herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Wie sich zeigt, funktionieren nur Liebe und Sex wie eh und je, aber wehe, irgendjemand zeigt, dass Liebe und Sex auch zwischen zwei Männern oder zwei Frauen funktionieren können. Das würde eindeutig den Fortbestand der Menschheit bedrohen. Folglich zeichnen sich die meisten Endzeitszenarien nicht gerade durch progressives Gedankengut aus. Was nicht heißen soll, dass es in den USA keine progressiven SF-Autoren gäbe – man denke nur an Octavia Butler und Samuel Delany (zufällig beides Schwarze).

|Macht euch die Erde untertan!|

Silverbergs Roman ist keine Ausnahme von dieser Regel, und so überleben die Carmichaels in ihrer Bergfestung, indem sie jede Menge Kinder in die Welt setzen – es ist ja auf der halb leer gefegten Erde wieder genügend Platz dafür. Aber sich zu mehren und die Welt zu bevölkern, wie es das AT vorschreibt, ist noch lange keine Methode, die Außerirdischen zu besiegen. Vielmehr erweist es sich als Möglichkeit, auf lange Sicht zu überleben und in alle möglichen Positionen hineinzukommen.

Außerdem stellen sich in der dritten und vierten Generation nach dem Oberst beachtliche Abweichungen heraus: Andy Gannett, der Held des letzten Romandrittels, ist zwar der beste Hacker der Welt, aber mit den Interessen der Carmichaels und ihrer Widerstandsorganisation hat er nichts am Hut. Sein Onkel nennt ihn sogar einen „Mutanten“. Zu etwas muss die Genetik ja gut sein.

|Werft das Joch ab!|

An Andy Gannett lässt sich die Hauptthese des Autors ziemlich genau ablesen. Ob die Menschheit unter der Besatzung der Außerirdischen überlebt, ist zwar schon eine Frage der Fortpflanzung. Aber ob sich die Menschheit jemals wieder von diesem Joch befreien kann, ist von einer ganz anderen Fähigkeit abhängig. Wie der Oberst nie müde wird zu betonen, ist es dem Menschen bestimmt, sich selbst zu bestimmen, in Freiheit, Würde und Gerechtigkeit. Das sind keine ideologischen Worthülsen, sondern sind vom Oberst und seiner Familie immer wieder mit Inhalt gefüllt worden, weil diese Werte gelebt wurden. Die Carmichaels sind keine Ideologen und gehören keiner Partei oder Sekte an. Sie sind einfach nur so, wie man sich den idealen Amerikaner vorstellt.

|Die Kehrseite der Medaille|

Aber Ideale zu erkämpfen, ist eine schwere Bürde, und es ist sogar noch schwerer, sie zu befolgen und ihren Verlust zu verkraften. Das ist die dunkle Seite in der Familiengeschichte der Carmichaels, der wir durch mehrere Generationen folgen. Sie ist der Preis, den die eifrigsten Verfechter dieser Ideale zahlen müssen. Der erste, der bezahlte, ist der mutige Feuerbekämpfer Mike: Als seine Frau Cindy zu den Aliens überlief, sah er sich verraten und flog sein Flugzeug in den Freitod.

In den nachfolgenden Patriarchen nagt ebenfalls das Gefühl der Unzulänglichkeit: Anse wird zum Trinker und säuft sich in ein frühes Grab. Seinen Posten übernimmt sein Bruder Ron, danach dessen Sohn Anson (dieser Vorname ist ein Erbteil des Obersts). Anson schließlich gelingt es, mit Khalid Burke und Andy Gannett die entscheidenden Mitglieder des Widerstandes für sich einzuspannen. Anson hat bereits seinen Bruder Tony auf ein Himmelfahrtskommando geschickt und ihn an die Aliens verloren. Daher nagt die Schuld ständig an ihm, ebenso wie die Angst, noch ein Familienmitglied auf eine sinnlose Mission zu schicken.

Doch in Khalid hat Anson einen Mann gefunden, der keine Fehler duldet, denn das Leben seines Sohnes Raschid sei ihm heilig. Der Autor legt hier große Sympathie für Anhänger des Islam an den Tag, eine Sympathie, die heute, nach den Ereignissen des 11. September, verwundern würde. Es ist der Glaube an einen unerkennbaren Gott (unergründlich außer durch seine Offenbarung im „Koran“) und nicht etwa der Existentialismus à la Camus, der die Widerständler durchhalten lässt. Ich verrate nicht, ob der Anschlag im 52. Jahr nach der Landung der Wesen gelingt oder nicht.

|Die „Wesen“ und ihre Helfer|

Ebenso wichtig für die Geschichte wie die Angehörigen des Widerstands sind die Wesen und die Diktatur, die sie auf der Erde errichten. Die Aliens sind nicht hässlich, keine insektenäugigen Ungeheuer (bug-eyed monsters) wie in der Pulp Fiction der 1930er und 1940er SF. Für Khalid sind sie sogar schön, zumindest die 5 m große Rasse, die offenbar den Ton angibt. Die anderen Spezies – die „Nilpferde“ und die „Gespenster“ – sind ihnen untergeordnet.

Wie schon eingangs erwähnt, erzwingen die Wesen die Mitarbeit der Menschen. Ganz konkret erfolgt dies durch eine telepathische Übernahme, die „der Stoß“ genannt wird, und durch „den Druck“ ergänzt wird, der das Opfer veranlasst, etwas Bestimmtes zu tun. Die Kohorten an Helfern werden ebenso organisiert, wie dies in einem totalitären Staatssystem der Fall wäre, etwa in marxistischen (Stalin) oder nationalistischen Sozialismen (das 3. Reich). Die Carmichaels nennen diese Menschen Quislinge und Borgmanns (s. o.), also Verräter und Kollaborateure.

In der Abhängigkeit von den Aliens liegt eine große Gefahr, wie die Carmichaels nach 50 Jahren erkennen müssen. Nun leben kaum noch Menschen, die das System davor – also unseres – kennen, aber jede Menge Menschen, die nur die Herrschaft der Aliens kennen. Sie sind unselbständig und völlig abhängig davon, dass ihnen die Aliens und ihre weltweite Organisation sagen, was sie als nächstes zu tun haben. Es gibt weder Privatbesitz noch Bewegungsfreiheit, aber auch keinen Hunger, keine Armut, keinen Krieg. Wären die Aliens von einem Tag auf den nächsten fort, so wüssten diese Menschen nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen könnten: Als hätte man den Marionetten die Fäden durchschnitten. Unter diesen Massen nehmen sich die Carmichaels wie die große Ausnahme aus. Kein Wunder, dass es zur Konfrontation kommt.

|Die Grauzone der Hacker|

Der interessanteste Teil des Romans spielt 30-50 Jahre in der Zukunft, also Mitte des 21. Jahrhunderts. Zwischen Widerstand und Kollaboration gibt es einen grauen Bereich, den Untergrund. Hier tummeln sich die Hacker. Und Andy Gannett ist der beste unter ihnen. Leider aber nicht der klügste, denn sonst wäre er den Häschern der LACON-Organisation nicht in die Falle gegangen. Die LACON-Bürokratie vertritt in Los Angeles die Interessen der Außerirdischen. Andy arbeitet illegal als „Begnadiger“. Durch seine Manipulation der Alien-Computer macht er negative Beurteilungen und Versetzungen rückgängig, lässt sich das aber auch gut bezahlen.

Hacker und andere „moderne“ Menschen besitzen ein Bioimplantat, das einen kleinen Computer darstellt, mit dem sie sich per Funk (WLAN und ähnliches) untereinander und mit Rechnern austauschen können. Auch Spracheingabe ist an manchen Computern möglich, so etwa im Auto. Was 1998 noch Utopie schien, ist heute schon Realität: WLAN und Wifi sowie Spracheingabe und implantierte Chips. Es gibt eine schöne Szene, in welcher der verhaftete Andy es schafft, sich in den Zentralrechner der Aliens einzuloggen und darin allerlei Unfug zu treiben. Ich fühlte mich an den ersten Virtual-Reality-Film namens „Tron“ erinnert – und in der Cyberpunk-SF Anfang/Mitte der 1980er Jahre waren solche Szenen gang und gäbe.

|Entwicklungen|

Man sieht also, dass nicht nur die Entwicklung der Sippe der Carmichaels und ihrer Gesellschaft voranschreitet, sondern auch die Technik, die es sowohl Aliens als auch Hackern und Widerständlern (Hacker sind nicht automatisch Rebellen) erlaubt, sich gegenseitig zu unterdrücken oder zu sabotieren, je nach Standpunkt. Ideologie spielt dabei keine Rolle, nicht einmal Religion.

Die Aliens wollen – ja, was wollen sie eigentlich? Auch am Schluss fragen sich die Menschen immer noch, was die Besucher von den Sternen hier eigentlich wollen bzw. wollten. Ein neues Siedlungsgebiet vielleicht, ohne die Einheimischen als Lebensform völlig auszulöschen. Es ist nicht gesagt, dass sich menschliche Kolonisatoren auf einer fremden Welt besser benehmen würden. Wahrscheinlich wäre das Gegenteil der Fall: die Ausrottung der Eingeborenen. Es wäre nicht das erste Mal.

|Die Übersetzung|

… erfolgte diesmal nicht durch Silverbergs Standardübersetzer Roland Fleissner, sondern durch Walter Brumm. Er ist einer der langjährigen |Heyne|-Übersetzer im Bereich SF. Zum überwiegenden Teil macht Brumm seine Sache sehr gut und bleibt durchweg verständlich. Fremdwörter und Jargon sind seine Sache nicht, aber auch mit neuer Technik hat er keine Probleme.

Nur drei Fehler konnte ich finden. Auf Seite 176 (und nochmals kurz vorher) ist die Rede von „Highwayen“ statt des normalen „Highways“. Das ist eine sehr sonderbare Fügung und sieht aus, als wäre das Wort „Autobahn“ per Knopfdruck durch „Highway“ ersetzt worden, ohne auch den Plural zu ersetzen. Sieht jedenfalls total schief aus.

Auf Seite 289 ist einer der typischen Buchstabendreher zu finden, der aber diesmal besonders lustig aussieht: statt „Art und Weise“ lautet es diesmal „Art und Wiese“ … Auf Seite 540 sollte es statt „ihn“ nur „in“ heißen, dann ergibt der Satz einen Sinn.

_Unterm Strich_

Einen epischen Roman von Robert Silverberg zu lesen, ist wie in einen dicken großen Rolls-Royce zu steigen und sich dem zuverlässigsten Chauffeur der Welt anzuvertrauen. Man weiß genau, dass nichts schief gehen wird, dass man am gewünschten Ort ankommen wird und dass die Fahrt in diesem ruhig dahinrollenden Gefährt auf jeden Fall eine angenehm verbrachte Zeit bedeutet.

Hierfür braucht man keine Versicherung abzuschließen: Man bekommt hundert Prozent Unterhaltung auf hohem Niveau, höchstwahrscheinlich auch eine Menge Spannung, der Stil ist stets verständlich und nicht von oben herab – und nicht zuletzt lernt man eine paar sehr interessante und recht menschlich geschilderte Leute kennen, von denen man am Schluss nur ungern wieder Abschied nimmt.

So ist es auch mit „Die Jahre der Aliens“. Von einem Katastrophenroman kann keine Rede sein, noch nicht mal von einem Cyberpunkroman, obwohl beide Elemente enthalten sind. Auch eine Familiengeschichte ist darin eingeflochten, und das ist natürlich der menschlichste Teil daran. Als ich die neuen Erzählstränge um Khalid Burke und Karl-Heinrich Borgmann las, fragte ich mich, was die hier zu suchen hatten.

Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen. Beide spielen im letzten Drittel des Buches eine wichtige Rolle, und sogar Cindy Carmichael, Mikes Frau, taucht wieder auf. Die Fäden dieser Nebenhandlungen verschwinden nahtlos im großen Gewebe und tragen eine neue Farbe dazu bei. Das ist die Kunst eines großen Meisters. Silverberg schreibt nicht umsonst schon fünfzig Jahre lang Sachbücher und erfundene Geschichten.

Es fällt mir schwer, an dem Buch herumzumäkeln, weil es einfach so perfekt ist. Dennoch scheint mir die Alien-Invasion insgesamt etwas zu glimpflich zu verlaufen und der Autor den Leser vor den schlimmsten Gräueln abzuschirmen. Wer jedoch Phantasie und Vorstellungskraft besitzt, kann sich bereits aus dem, was am Rande erwähnt wird – etwa die gigantische Pornosammlung Borgmanns, die er sich durch die Überwachung Prager Frauen zusammengestohlen hat – zusammenreimen, was an Leid und Unrecht in dieser Welt geschieht. Auch das Leben Khalids ist keineswegs ein Zuckerschlecken, schon gar nicht, nachdem er ein Wesen getötet hat.

Ein paar wenige Szenen müssen also genügen, dem Leser eine Ahnung von den Schrecken zu geben. Wer eine härtere Gangart bevorzugt, kommt bei Autoren wie Delany, Butler (s. o.) oder auch Jack Womack und den Cyberpunks auf seine Kosten. Silverberg ist zu sehr Gentleman, um das vorhandene Sensationspotenzial auf Kosten des Feingefühls auszuschlachten. Und nur mit Gentlemen fährt man gerne im epischen Rolls-Royce.

|Originaltitel: The Alien Years, 1998
590 Seiten
Aus dem US-Englischen von Walter Brumm|

Koike, Kazuo / Kamimura, Kazuo – Lady Snowblood vol. 2 – Karma

_Das Kind der Rache erfüllt sein Karma_

Der Geschichte zweiter Teil: Eine junge Frau kennt in ihrem bislang recht kurzen Leben nur ein Ziel: die Rachemission zu erfüllen, auf die ihre Mutter sie geschickt hat. Sie muss 20 Jahre nach dem Mord nur ein paar Übeltäter erledigen, die ihre Mutter vergewaltigten. Aber das stellt sich als nicht so einfach heraus. Daher setzt sie nicht nur ihre verborgene Klinge ein, sondern auch die Waffen einer Frau …

„Lady Snowblood“ hat unübersehbar Quentin Tarantino in seiner Arbeit an „Kill Bill“ beeinflusst. Die Parallelen sind unbestreitbar, obwohl Tarantino in diesen zwei Filmen stets nur „The Bride“ von Q&U angibt. Für Filmkenner bietet dieser Manga Gelegenheit zur Wiederentdeckung einer wichtigen Quelle des Meisters. Der Manga wurde im Jahr 1973 erstmals von Toshiya Fujita verfilmt.

_Der Autor_

Kazuo Koike, geboren 1936, unterrichtet seit 2000 als Professor für bildende Kunst an der Universität Osaka. Neben seiner Arbeit als Manga-Autor schreibt er Drehbücher, Libretti und Lyrik. Koike hatte seinen großen Durchbruch mit dem Aufkommen des Gegika-Stils, der in realistischen Zeichnungen nicht auf die Darstellung von Sex und Gewalt verzichtete. Anfang der 70er Jahre schuf er den Manga „Lone Wolf & Cub“, der als sein bekanntestes Werk gilt. Sein Manga „Cry Freeman“ wurde ebenso wie „Lady Snowblood“ (1973 durch Toshiya Fujita) verfilmt. 2004 erhielt Koike den amerikanischen „Hall of Fame Eisner Award“. (Verlagsinfo)

_Der Illustrator_

Kazuo Kamimura (1940-1986) debütierte 1967 mit einem eigenen Manga. Schnell erlangte er für seine extravaganten, erotischen und melancholischen Zeichnungen Anerkennung. Seine Illustrationen zierten zahlreiche Bücher und Plattencover. Gern brach er bestehende Tabus und löste 1972 einen Skandal aus, als er in „Dousei Jidai“ freizügig vom Zusammenleben eines unverheirateten Paares erzählte. In den 70er und 80er Jahren etablierte er sich als Zeichner anspruchsvoller Erwachsenen-Manga und war sehr produktiv: Er zeichnete durchschnittlich 400 Seiten im Monat. Im November 1985 stellte man bei ihm Krebs fest, er starb an den Folgen der Operation. (Verlagsinfo)

_Die Vorgeschichte_

(Ich gebe die Handlung chronologisch wieder, aber sie wird im Buch keineswegs auf diese Weise erzählt, sondern zum Teil in Rückblenden.)

Japan, Ende des 19. Jahrhunderts: In einem Tokioter Frauengefängnis kommt das Mädchen Yuki zur Welt. Ihr Leben hat nach dem Willen ihrer Mutter nur ein Ziel: sich blutig an denen zu rächen, die einst ihre Mutter Sayo schändeten und ihren Mann ermordeten. (Damals führte die Meiji-Regierung die allgemeine Wehrpflicht und diverse Steuern ein. Die Staatsbeamten waren weiß gekleidet, und da Sayos Mann ebenfalls weiße Kleidung trug, war es leicht, ihn für einen der verhassten Beamten zu halten und in der Folge zu töten, ohne Einwände von der Bevölkerung fürchten zu müssen.)

Schon als kleines Mädchen wird Yuki von ihrer Ziehmutter, die aus dem Gefängnis entlassen worden ist, in die Lehre zu einem „sensei“ gegeben, der keine Gnade kennt noch Erbarmen für sie hat. Damit sie Standvermögen entwickelt, steckt er sie beispielsweise in ein Holzfass und rollt dieses den Hügel hinab. Oder er stellt sie auf einen Haufen Steine und greift sie mit einem Holzschwert an, damit sie lernt, ihm, dem Angreifer, stets in die Augen zu sehen statt auf die Waffe.

Der Meister bildet sie zur Kriegerin und Schwertkämpferin aus: „Du hast eine Bestimmung. Vergiss Freude, vergiss Kummer, vergiss Liebe und Hass, vergiss alles außer der Vergeltung!“ Yukis Ziehmutter weiß ganz genau, was sie dem kleinen Mädchen damit antut: Sie beraubt sie ihrer Jugend und jeglichem Vergnügen. Kein Wunder, dass man Yuki praktisch niemals lächeln sieht.

|Zwanzig Jahre später|

Nach zwanzig Jahren ist sie endlich soweit, als Racheengel den drei (im Film vier) Peinigern ihrer Mutter gegenüberzutreten. Sie ist eine schöne junge Frau geworden, mit großen verführerischen Augen, einem schlanken Leib, den sie häufig auch entkleidet zeigt – ganz besonders dann, wenn es das Letzte sein wird, was ihre Gegner je in ihrem Leben sehen werden.

Apropos Fechten: Im Griff ihres Sonnenschirms, den sie überallhin mitnimmt, steckt eine lange dünne Klinge, die superscharf sein muss, denn sie schneidet mühelos. Yuki bewegt sich derartig schnell, dass sie es ohne Weiteres mit mehreren Angreifern gleichzeitig aufnehmen kann. Karate oder ähnliche Kampfsportarten setzt sie seltsamerweise nie ein.

Die gesuchten Racheopfer haben in 20 Jahren ganz verschiedene Lebenssituationen entwickelt. Yuki stellt sich in ihrer Angriffsmethode genau darauf ein. Dieser Angriff ist manchmal als solcher zunächst gar nicht zu erkennen, und der Leser fragt sich, was Yuki da eigentlich treibt. So bittet sie den Betreiber einer Rikschavermietung darum, seine zweisitzigen Rikschas bemalen zu dürfen. Der Erfolg ihrer Illustrationen beim Publikum ist groß, doch es gibt ein Bild, das verboten ist und das an einer ungehörigen Stelle platziert ist. Als dies von einem Kunden entdeckt und angezeigt wird, hat der Rikschastallbetreiber ausgespielt.

|Der indirekte Angriff|

Eine ihrer Zielpersonen gehört nur sehr indirekt zu Yukis Rache. Um die Opfer zu finden, wendet sich Yuki an die Bettler, Armen und Ausgestoßenen (wie im Film), die ihr nur dann helfen wollen, wenn sie ihnen ein Ahnenbuch beschafft. So ein Ahnenbuch bedeutet für sie nämlich bares Geld. Aber wie an so etwas Privates herankommen? Da hat Yuki eine Idee.

Der alte Mann lebt zurückgezogen mit seiner Tochter Aya, die leider an Tuberkulose erkrankt ist. Yuki verkleidet sich als buddhistische Nonne (wenn es so etwas gibt) und nennt sich Setsugetsuni. Sie pflegt Aya, die ungefähr in ihrem Alter ist, aber die Pflege geht viel weiter: sie verführt Aya und feiert mit ihr heimlich heiße Liebesnächte. Erst durch den Arzt erfahren wir, dass dies genau die falsche „Behandlung“ ist: kein Geschlechtsverkehr bei TBC! Ayas Vater ist konsterniert: Kein Mann durfte je in Ayas Nähe – außer ihm selbst, versteht sich. Bis zu Ayas Tod ahnt er daher nicht, wer schuld ist am Tod seiner Tochter. Ayas Name wird in das Ahnenbuch eingetragen. Da dessen geheime Position ihr nun bekannt, kann sie es leicht entwenden und den Bettlern übergeben. Liebe und Sex als Waffe – Yuki schreckt wirklich vor nichts zurück.

Das dritte Opfer ist eine Frau. Die rücksichtslose und unverheiratete Okono, die sich an Pornozeichnungen befriedigt, hat eine Investment-Firma. Dieser macht Yuki mit einer Lebensversicherung den Markt, also das Geld ihrer Kundschaft streitig. Die erboste Okono konfrontiert Yuki in deren eigener Hauptstelle und ist sehr verwundert, als Yuki ihr den Posten der Geschäftsführerin anbietet. Yuki verschwindet, bevor Okonos Buchhalter herausfindet, was an der ganzen Sache oberfaul ist. Wenig später bricht die Lebensversicherung zusammen.

|Politik|

Im Film zeigt das prächtige Finale, wie Yuki in ein sehr westlich gestaltetes Gebäude eindringt, in dem die oberen Zehntausend einen Ball feiern. Im Manga erfahren wir, warum Yuki hier eindringt und dabei einen Revolver ebenso einsetzt wie ihr Schwert. Das Haus heißt Rokumeikan, wurde von den Meiji-Politikern errichtet, um die westlichen, vor allem amerikanischen Machthaber zu bewirten und zu unterhalten. Das macht es zu einem Schandfleck in den Augen der Traditionalisten, die Japans Eigenart verraten und in Gefahr sehen. Deren Anführer beauftragt Yuki, das Rokumeikan anzugreifen und dem Untergang zuzuführen. Auf welche Weise ihr dies gelingt, ist erstaunlich zu verfolgen – ein Wunderwerk an erzählerischem Einfallsreichtum und optischer Kunstfertigkeit des Zeichners.

|In der Falle|

Durch die Bettler hat Yuki einen weiteren Namen lokalisiert, doch sie kennt das Gesicht des Mannes nicht. Er ist ein Erpresser und trifft seine Opfer heimlich an einer bestimmten Stelle. Yuki gelingt es ohne weiteres, den Mann, der als Erpresser in Frage kommt, zu stellen – doch es ist ein so unwahrscheinlicher Kandidat, dass sie wohl nicht ganz auf der Hut ist. Er nimmt sie gefangen und versteckt sie in einer Ruine. Yuki sieht sich wieder einmal der Gefahr ausgesetzt, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren – an einen Riesen …

_Handlung_

Nachdem sich Yuki auf die übliche Weise – mit einem Schwerthieb – aus der Patsche geholfen hat, erhält sie einen politisch motivierten Auftrag, der ziemlich knifflig ist. Ein Unternehmer, der westlich orientiert ist und sich nicht dem lokalen Yakuza-Clan unterwerfen will, hat vor, ein Schlachtenpanorama aus dem amerikanischen Bürgerkrieg in einem Haus aufzubauen und dafür Eintritt zu verlangen. Weil er aber kein Schutzgeld an die Yakuza entrichtet, wird ihm die Vollendung seines Traums verwehrt. Yuki braucht 120 Seiten, um das Problem für ihn zu lösen. Die Ausstellung des Schlachtendioramas wird ein großer Erfolg.

Doch das Kind der Rache kann nicht ewig den guten Samariter spielen und für andere die Kastanien aus dem Feuer holen. Es gilt, ein Karma zu erfüllen und noch zwei der Übeltäter zur Strecke zu bringen, die sich an ihrer Mutter vergangen haben. Doch wie soll sie sie aufspüren? Nicht einmal Yukis Freunde, die Bettler, die ihr zu ewigem Dank verpflichtet sind, wissen den Aufenthaltsort der Gesuchten.

Aber sie haben einen Tipp: Wie wäre es, wenn Yuki ihre unglaubliche Lebensgeschichte von einem Meistererzähler niederschreiben lassen und in den Zeitungen des Landes verbreiten würde? Dann würden die Gesuchten schon aus ihren Löchern gekrochen kommen, allein schon aus Angst vor der nahenden Nemesis. Gesagt, getan!

In einer wunderbar komischen wie spannenden Doppelepisode gelingt es Yuki auf listige Weise, sich der Freundschaft und der Hilfe von „Meister Miyamara, dem Wanderer“ zu versichern. Kaum ist der Roman in der Gazette, rühren sich auch schon die Gesuchten, und und sie finden es überhaupt nicht lustig, dass ihre Namen in der Zeitung stehen. Aber auch die Yakuza, die Yuki dezimiert hat, gibt noch keine Ruhe. Das Kind der Rache hat alle Hände voll zu tun.

Die letzte Episode, der 15. Akt, trägt den Titel „Die Blüten des Lotus“. Sofort ist dem Japankenner klar, dass es um Frauen geht und um Karma. Es ist die traurigste Episode, die man sich vorstellen kann, und schon etwas herzergreifend. Sie findet sich auch in der Verfilmung wieder und ist dort sehr schön in Szene gesetzt. Ein würdiger Abschluss ohne Schnörkel.

_Mein Eindruck_

Das Erste, was einem Betrachter der Bilderfolgen auffällt, ist ein verblüffender Widerspruch: Ihr Detailreichtum bei Äußerlichkeiten kontrastiert mit der Abstraktion, wenn es um die Darstellung von Yukis oftmals nacktem Körper geht. So realistisch also Häuser, Wellen, Bäume gezeichnet sind, so zurückhaltend ist die Darstellung des nackten weiblichen Körpers. Der Schoß Yukis oder anderer Frauen ist nie zu sehen. Das ist wohl zweifellos eine Folge der strengen japanischen Zensur, die 1972 herrschte und Verstöße durchaus mit Gefängnis bestrafte.

Ein weitaus schönerer Aspekt sind hingegen die unglaublichen Winkel und Perspektiven, die sich der Zeichner einfallen ließ, um ein bestimmtes Objekt ins Bild zu setzen. Es kann durchaus vorkommen, dass das Auge des Betrachters mit einer vertikalen Draufsicht aus der Vogelperspektive konfrontiert wird. Dann rätselt man eine Weile, um was es sich wohl beim Dargestellten handeln mag. Das geübte Auge benötigt nur wenige Zehntelsekunden, um das Rätsel zu lösen, das ungeübte sicherlich länger. Diese optischen Rätsel tragen dazu bei, die Lektüre niemals langweilig werden zu lassen.

Aus dem Text geht mitunter hervor, dass dem Auge ein Detail entgangen ist. Dann muss man nochmal zurückblättern und ein Bild prüfen. Tatsächlich: Einer der Japaner kniet nicht mitten auf einer Tatamimatte, wie es jeder Yakuza täte, sondern auf deren Kante. Und die Säbel liegen nicht wie beim Militär friedlich rechts neben dem Knienden, sondern links, bereit, sofort gezogen zu werden – ein Alarmsignal! Eines, das Yuki natürlich nicht entgeht.

Ein weiteres wiederkehrendes Motiv ist Yukis Schirm. Dieser dürfte jedem Zuschauer des Films auffallen. Er lässt sich als Regen- wie auch als Sonnenschirm verwenden und hat dadurch eine ständige Existenzberechtigung. Dumm jedoch ist derjenige Schurke, der Yuki ihren Schirm behalten lässt, wenn er sie ins Haus lässt. Denn im Griff ihres Schirm steckt ihre schmale Klinge, die praktisch alles, von Holz bis Fleisch, durchdringt, wenn sie einmal gezückt wird. Und sie wird recht oft gezückt. Es ist nur folgerichtig, dass Yuki diesen Schirm im letzten Bild ins Meer wirft. Das Kind der Rache hat seine Aufgabe vollbracht, der Schirm und die Klinge werden nicht mehr benötigt. Hoffentlich.

|Humor und Täuschung|

Wie oben schon angedeutet, gibt es neben den zwei Kriminal- und den zwei Rache-Episoden auch eine Doppelepisode, die sich um Meister Miyamara, den Wanderer dreht. Dies ist ein Lehrstück in Täuschung und Entlarvung, ein wahres Schauspiel mit allen Tricks. Und sehr komisch.

Zunächst sehen wir den alten Miyamara auf den Bahnschienen liegen: ein Selbstmörder? Nein. Vielleicht ein Bettler auf Wanderschaft? Nein, er sagt, er sei ausgeraubt worden. Doch ganz beiläufig wendet Yuki ihre zweite Fähigkeit als Taschendiebin an, und siehe da: ein prall gefülltes Portemonnaie steckt in Miyamaras Kimono! Doch er bemerkt den Diebstahl nicht – Yuki kann sehr subtil sein – und so gibt Yuki einen aus. Das Essen bezahlt sie von seinem Geld.

Als ein paar Arbeiter eintreten, entdecken sie Miyamara und machen Rabatz: Er habe sie betrogen, als er sich als Ausgeraubter ausgab und sie ihm aus Mitleid ihr Essensgeld gaben! Aha, der Bettler ist ein Betrüger. Es fällt Yuki nicht schwer, die Ansprüche der erbosten Arbeiter zufrieden zu stellen – mit dem Geld des Alten, der sich ja nicht verraten darf. Als sie sich nicht zufrieden geben und Yuki an die Wäsche wollen, zeigt sie ihnen, wo der Hammer hängt. Beeindruckt ziehen sie von dannen und Miyamara fragt sich endlich, wer diese erstaunliche junge Dame in Wirklichkeit ist. Er erhält das Privileg, ihre Geschichte niederschreiben zu dürfen – auch dies Teil eines Schauspiels, das dazu dient, ihre Zielobjekte hervorzulocken.

Stets heißt es also aufpassen und zu vergleichen, ob die aktuell gelieferten Fakten auch zum allgemeinen Hintergrund passen. Sie widersprechen diesem in vielen Fällen, und dadurch entstehen sowohl Spannung als auch Komik. (Merke: Komik ist oft mit Schrecken gepaart.) Stets aber stehen Schein und Sein im Konflikt. Einmal gibt sich Yikis Freundin als Yuki aus und wird von Yukis Gegnern um ein Haar getötet. Ein anderes Mal verkleidet sich Yuki als eine ältliche Haushälterin und kann so Miyamara befreien. Beim dritten Mal tritt sie als reiche Dame auf und kann so einen verbrecherischen Aktfotografen der gerechten Strafe zuführen.

|Achtung: Blutspritzer en masse!|

Im Gegensatz zu offenherzigen anatomischen Darstellungen haben die japanischen Zeichner noch nie Probleme mit der Darstellung von spritzendem Blut gehabt. Man denke beispielsweise an die Anime-Szene in Tarantinos „Kill Bill Vol. 1“, in der nacheinander drei Figuren Fontänen von Blut verspritzen, die es in Wirklichkeit gar nicht so geben könnte.

Auch in „Lady Snowblood“ – im Manga wie im Film – blubbert das Blut in zischenden Fontänen, begleitet von entsetzten Mienen der Besitzer eben dieses Blutes. (Diese Mienen erinnern immer wieder an die verzerrten Fratzen des japanischen Kabuki-Theaters.) Diese Blutrünstigkeit der Darstellung gehört zur Ästhetik des Mangas für Männer ab 16 Jahren leider dazu, und der europäische Leser muss sich damit abfinden. Es ist wohl mit ein Grund dafür, dass dieser Manga erst so spät seinen Weg nach Deutschland gefunden hat. Und dies war wohl nur durch den Erfolg von „Kill Bill“ möglich. Für das Publikum des Manga gilt also: erst ab 16 Jahren.

_Unterm Strich_

Während der Handlungsverlauf oftmals einem vorhersehbaren Schema folgt – Yuki wird obsiegen -, so verblüfft den westlichen Leser doch immer wieder der reizvolle und mit Rätseln gespickte optische Stil des Snowblood-Manga. Ein Manga-Kenner und -Sammler sollte sich diesen ästhetischen Leckerbissen nicht entgehen lassen. Ich jedenfalls habe die Lektüre genossen und den Manga in nur zwei Tagen gelesen.

Im ersten Band „Kind der Rache“ ist ein Essay von Filmkritiker Rolf Seeßlen enthalten, der den Zusammenhang zwischen Manga und Film sowie Tarantino beleuchtet. Dieser Essay ist im vorliegenden zweiten Band nicht mehr enthalten, dafür ist die Story umso länger (514 statt 508 Seiten), sozusagen ein kostenloser Bonus. Die vierfarbigen Reproduktionen von Yuki-Darstellungen sind wieder enthalten, und mir scheint, es sind die gleichen wie im ersten Band.

Wer das Manga-Lesen in umgekehrter Richtung anhand der Anweisung auf den ersten bzw. letzten Seiten erlernt und schließlich aus dem Effeff beherrscht, wird an „Lady Snowblood 1 + 2“ sicherlich seine Freude haben. Der happige Preis von 16,90 Euronen ist meines Erachtens durchaus gerechtfertigt. Es handelt sich hier um kein Billigprodukt für den Massenmarkt, sondern der Manga wurde relativ sorgfältig für Kenner – auch Filmkenner – editiert.

|Originaltitel: Shura Yuki Hime, 1972
514 Seiten in schwarzweiß inklusive zwei Farbtafeln
Aus dem Japanischen von Dorothea Überall und Satomi Kudo|
http://www.carlsencomics.de

Philip Ardagh – Furcht erregende Darbietungen (Eddie Dickens 2)

Keine Fisimatenten!

In der Fortsetzung von „Schlimmes Ende“ erlebt Eddie Dickens noch wildere Abenteuer: Er überlebt um Haaresbreite eine Explosion, einen Heißluftballon-Ausflug, trifft ein Mädchen mit einem Kamelgesicht und wird von einer Schurkenbande zu einem „kleinen Auftrag“ überredet. Alles in allem würdige Abenteuer für ein Buch, das zwischen Charles Dickens und Monty Python ganz neue Maßstäbe gesetzt hat – schon allein, weil Harry Rowohlt für die Übersetzung verantwortlich zeichnet. (Verlagsinfo)
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John Brunner – Zeiten ohne Zahl. SF-Roman

Zeitabenteuer der Hl. Inquisition in Königin Elisabeths I. Reich

Dass der englische SF-Autor John Brunner (gestorben 1995) nicht nur auf dem Gebiet sozialkritischer Science Fiction Großes zu leisten vermochte, sondern auch mit klassischen Science-Fiction-Themen Beachtliches leistete, beweist er mit diesem Parallelweltroman, der aus drei Anfang der 60er Jahre verfassten Storys besteht, die für die Buchfassung gründlich überarbeitet wurden.
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Philip Ardagh – Schlimmes Ende (Eddie Dickens 01)

Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ trifft Monty Python – eine potenziell witzige Mischung, die aber ein Feeling für äußerst skurrilen Humor erfordert. Ein schön gestaltetes Kinderbuch, auf dem jedoch nirgendwo steht, ab welchem Kindesalter es geeignete Lektüre darstellt – für Eltern ein deutliches Manko.

Der Autor

Philip Ardagh ist über zwei Meter groß und trägt einen buschigen Bart – wie sein Foto belegt. Außerdem hat er mehr als 60 Kinderbücher geschrieben für Kinder jedes Alters. „Allerdings keines, das nur annähernd so wäre wie ‚Schlimmes Ende'“, verrät der Verlag. Ardagh lebt mit seiner Frau und zwei Katzen in einem Küstenort in England. Er arbeitete als Werbetexter, als Krankenhausputzkraft, als Bibliothekar und als Vorleser für Blinde, bevor er aus dem Schreiben einen Fulltime-Job machte.
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