_Ein Ereignis verheerenden Ausmaßes_
Die letzten Crossover aus dem Hause |Marvel| schienen inhaltlich revolutionär und die bisherige Krönung aller übergreifender Serien, die der renommierte amerikanische Superhelden-Comic-Verlag in den vergangenen Jahren publiziert hat. Zunächst war es das „House Of M“, dessen anschließende Aufarbeitung jedoch leider etwas dürftig ausgefallen ist, und dann natürlich der alles übertreffende „Civil War“, an dessen Ende es erstmals glaubwürdig bewerkstelligt wurde, einen echten Umschwung in der Superhelden-Branche zu schaffen. Letzteres bleibt vor allem als epochalen Ereignis in Erinnerung, weil eine der populärsten |Marvel|-Figuren dabei das Zeitliche Segnete. Captain America alias Steve Rodgers erlag einem hinterhältigen Anschlag kurz vor einer geplanten Inhaftierung und hinterlässt das Comic-Universum und dessen weltweite Fangemeinde in einem ergreifenden Schockzustand. Selbst die ganz großen Medien berichteten über den Tod des sympathischen, kritischen Patrioten, in dessen Person sich in allen Phasen der Comic-Geschichte der jeweils aktuelle Zeitgeist widerspiegelte, und so manifestierte sich sogar der Glaube – oder vielleicht auch die Hoffnung –, der Verlag sei konsequent und würde diesen einerseits traurigen Event auch nicht wieder in irgendeiner Form, sprich in einer späteren Wiederauferstehung, relativieren.
„Fallen Son“, die inoffizielle Laudatio auf das Leben des berühmten Charakters, soll hierüber bereits erste Aufschlüsse geben. Niemand Geringerer als Jeph Loeb, der lange erprobte |Marvel|-Schreiber, der kürzlich selber den Tod seines verunglückten Sohnes verkraften musste, stellte sich der schweren Aufgabe, sein Vermächtnis adäquat am Leben zu erhalten und mittels einer würdigen Verabschiedung zu krönen.
_Story_
Amerika trauert um den treuesten Sohn der Staaten, den Verfechter von Gerechtigkeit und Ehre, der infolge der Wirren um das Registrierungsgesetz hinterrücks ermordet wurde. Doch die Gefühle sind gespalten, Iron Man Tony Stark bemüht sich um nüchterne Souveränität, Wolverine stürzt sich alsbald in eine rachsüchtige, blutige Mission und Spiderman wiederum ist am Boden zerstört, da seine persönliche Ikone sich nun völlig unerwartet aus dem Leben verabschieden musste. Während die Misere ganze Landstriche befleckt, klammert sich Stark an seinen verbliebenen Zweckoptimismus. Als schließlich der ebenfalls tot geglaubte Hawkeye plötzlich wieder auftaucht, bietet Iron Man ihm das Kostüm des gefallenen Sohnes an, wohl wissend, dass Hawkeye seit jeher nach seiner wahren Identität gesucht hat. Doch kann es unter moralischen Aspekten überhaupt einen Nachfolger geben?
_Persönlicher Eindruck_
Man muss Jeph Loeb zugute halten, dass die sich bietende Herausforderung in „Fallen Son“ einiges an Mut vom betroffenen Autor abverlangte, da bei dieser Story wirklich eine ganze Menge auf dem Spiel stand. Nach den vielen abgeschwächten bzw. begrenzten Verabschiedungen, die man bei den beiden Comic-Größen |DC| und |Marvel| innerhalb der letzten Jahre hat miterleben dürfen, stellte sich nämlich auch im Falle des Captains die Frage, ob sich der Verlag tatsächlich einen Radikalschlag zutrauen würde. Und wie „Fallen Son“, quasi die direkte Fortsetzung an die Ermordung des Superhelden, schon ziemlich klar andeutet, scheint auch dieser Abschied nur zeitweilig zu sein.
Loeb hat bereits einen potenziellen Ersatzkandidaten gefunden, der in diesem Sonderband auch gleich einmal kurz in das Kostüm des Verstorbenen schlüpft, dort aber zu diesem Zeitpunkt einfach keine Akzeptanz erwarten kann. Insofern scheidet Hawkeye prinzipiell schon einmal als tatsächlicher Nachfolger aus, da dies schlichtweg zu vorhersehbar wäre und ein solcher Schritt den Lesern definitiv nicht entgegenkäme – zumindest erwecken die ersten Erfahrungen an dieser Stelle einen solchen Eindruck.
Davon abgesehen ist die Story ein sprichwörtliches Trauerspiel. Mit teils weniger glaubhaftem Pathos verarbeiten die Beteiligten den Todesfall und gleichen in ihrer Darstellung einem Schatten ihrer selbst, besonders Spiderman, der in „Fallen Son“ ein regelrechtes Häufchen Elend abgibt. Inhaltlich sieht es leider auch kaum besser aus; die Geschichten mögen zwar interessant sein, als Ruhmesrede auf den Verstorbenen jedoch selten wirklich würdig. In diesem Sinne ist lediglich der schleichende Wandel des undurchdringlichen Tony Stark erwähnenswert, der in der nahen Zukunft wahrscheinlich die Schlüsselrolle im |Marvel|-Universum einnehmen wird. Ansonsten ist das meiste vorhersehbar; überproportionierte Emotionen zieren die letzten Seiten, und auch wenn die Zeichnungen um die Grabfeier kurzzeitig für Gänsehaut sorgen, vermag die Story kaum zu begeistern, nicht einmal mehr in der klischeebesetzten Abschiedsrede von Falcon, der in Kurzform die inspirative Wirkung des Lebenslauf des Captains aufarbeitet und dabei nicht vor aufdringlichem Pathos haltmacht. Dies war zwar zu erwarten, allerdings hätte man sich insgeheim doch gewünscht, Loeb würde sich diesbezüglich nicht ganz so emotional-getrieben zeigen, sondern den Mythos in stillem Gedenken lebendig halten.
Dementsprechend zwiespältig ist auch das Resümee zu „Fallen Son“; es fehlt der Mut zum radikalen Einschnitt genauso wie die Vision, die mitunter härtere Gangart der letzten Monate auch in derartigen Phasen konsequent in die Handlung zu transferieren. Somit ist dieser Sonderband lediglich ein Aufguss all dessen, was grundsätzlich schon ausgesprochen war, nur eben mit dem Unterschied, dass der gestorbene Held nun einen anderen Namen trägt wie seine zahlreichen, mittlerweile wieder auferstandenen Kollegen. Trotz der Einbeziehung der gesamten Superhelden-Riege, der treuen Ergebenheit zu den Ereignissen im „Civil War“ und reihenweise interessanter Ideen ist „Fallen Son“ schließlich eine eher durchschnittliche Ehrerbietung an den Cap und garantiert nicht von dem Wert, wie es dieser tragischen Figur gerecht würde. Am Kaufargument, dies sei dennoch die Dokumentation eines entscheidenden Wendepunkts in der |Marvel|-History, lässt sich deswegen zwar immer noch nicht rütteln, doch bleibt zweifellos festzuhalten, dass diese Laudatio auch mit ihren bravourösen Zeichnungen hinter den großen Erwartungen beträchtlich zurückbleibt. Leider!
http://www.paninicomics.de/marvel-exklusiv-s10357.html


















