Archiv der Kategorie: Comics / Graphic Novels

Azzarello, Brian (Autor) / Risso, Eduardo (Zeichner) – 100 Bullets: Bd. 7 – Samurai

_Story_

Louis ‚Loop‘ Hughes wird nach einem Zwischenfall mit dem berüchtigten Nine Train sowohl von den Vorstehern als auch von seinen Mithäftlingen in die Ecke gedrängt. Seine Tage scheinen gezählt, auch wenn sich die meisten Gefangenen solidarisch zeigen und Loop sich mit einigen krummen Deals für die nächste Konfrontation mit Nine Train rüstet. Als dann jedoch der neue Häftling Lono in den Trakt verlegt wird und ebenfalls die indirekte Konfrontation mit Loop und seinen Genossen sucht, droht die Situation zu eskalieren. In einem Sumpf aus Korruption und Unmenschlichkeiten sucht er eigene Wege, sich seiner Probleme zu entledigen.

Mikey und Jack befinden sich auf dem Weg zu Mikeys Cousin Garvey, als sie von einer Polizeistreife gestoppt werden. Obwohl sie schwer mit Drogen beladen sind und Jack zudem auch noch einen Koffer mit 100 Schuss mit sich führt, lässt der Cop sie gewähren, schließlich steckt er mit dem Wilderer Garvey unter einer Decke. Dann jedoch rückt die Mafia im Hause des Tierhändlers an und zerstört die vorübergehende Familienidylle. Für Jack ist dies genau der richtige Zeitpunkt, seiner wahren Bestimmung zu folgen …

_Persönlicher Eindruck_

Nachdem gerade der [vorangegangene Band, 3283 seinerzeit gleichzeitig der |Panini|-Einstand von Brian Azzraellos hochgelobter Serie, mit einigen komplexen Gedankengängen aufwartete und die Story um Agent Graves und die geschlossene Organisation der Minutemen nicht sonderlich konsumentenfreundlich (wenn auch nicht weniger brillant) ausgestattet war, setzt der Autor den Plot in Episode sieben mit zwei vergleichsweise sehr geradlinigen Geschichten fort und demonstriert unterdessen auch noch einmal den ganzen Grad der physischen und psychischen Brutalität, der diese Reihe ausmacht.

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich geht es vor allem in der ersten illustrierten Erzählung durchweg ungemäßigt zur Sache, wobei Azzraello allerdings auch ein sehr authentisches Bild des knallharten Gefängnislebens zeichnet. Hier werden hinterhältige Intrigen gesponnen, unter der Hand Pakte geschlossen und völlig unverblümt und kompromisslos das aggressive Treiben unter den teils auch rassistischen Häftlingen geschildert. Im Mittelpunkt steht dabei der gewiefte Loop, ein ehemaliger Minuteman, der sich von Graves hereingelegt fühlt. Sein 100-Bullet-Deal ist geplatzt, so dass er sich unverhofft zu Seinesgleichen gesellen muss, um die Konsequenzen für das unmoralische Vorgehen zu tragen. Doch Loop weiß sich zwischen den Knackis und der Reihe der gefährlichsten Mörder zu behaupten und knüpft die entscheidenden Kontakte, um vorerst unverletzt zu überleben. Nach seiner Konfrontation mit dem geächteten Nine Train wendet sich jedoch das Blatt; er muss um sein Leben fürchten und weitere krumme Dinger drehen, um seine Haut zu retten. Ausgerechnet in dieser Bredouille taucht ein weiterer von Graves‘ Schützlingen auf und mischt das Geschehen auf – Zeit für eine spannende und bärenstarke Story!

Im zweiten Plot wird das intrigante Dämmerspiel schließlich fortgesetzt; dieses Mal steht ein aktueller ‚Kunde‘ Graves‘ im Mittelpunkt, während er sich von einem entfernten Kumpel gerade in die Provinz transportieren lässt, um den Wilderer und Tierhändler Garvey zu besuchen. Jack verspürt ein großes Verlangen, in der Nähe dessen Tigerkäfigs die Grenzen der Natur auszutesten und lässt sich auf ein gefährliches Spiel mit den ungezähmten Tieren ein. Aber seine Neugierde wird strikt beendet, als die Mafia anrückt und die Szenerie auflöst. Eine brutale Schießerei später ist die Situation bereinigt – nicht jedoch ohne eine Vielzahl von Leichen, die nun beseitigt werden müssen – und auch hier ist Spannung angesagt!

Teil sieben dieser Serie wartet schlussendlich mit zwei völlig verschiedenen, unabhängigen Geschichten auf, die insgesamt zwar ein kleiner Part des Gesamtgeschehens sind, sich jedoch zunächst einmal nicht zusammenführen lassen. Gemeinsam ist ihnen die mehr oder weniger direkte Verbindung zu Graves und den Minutemen, doch inwiefern die einzelnen Hintergründe miteinander harmonieren, kann zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesagt werden – hierzu gilt es nämlich, das bislang noch nicht komplett veröffentlichte Konstrukt zu betrachten. Allerdings verschaffen |Panini| dem großen Rätselraten zumindest im Auftakt ein wenig Abhilfe und erklären in einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse zumindest schon einmal im Groben, worauf „100 Bullets“ grundsätzlich aufbaut. Doch wie auch schon Band sechs, so ist auch die aktuelle Veröffentlichung nur ein Baustein in einem nicht transparenten Comic-Universum, welches sich – und dafür steht „Samurai“ von allen bis dato herausgegebenen Bänden am ehesten – aufgrund der richtig starken Einzelteile auf jeden Fall zu erforschen lohnt. Nicht zuletzt, weil die abgeschlossenen Geschichten auch losgelöst vom Konzept überzeugen können, scheint eine Verpflichtung von klassischem Stoff der Marke „Pulp Fiction“ selbstverständlich!

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Tsuzuki, Setsuri – Calling You – Nur du kannst mich hören

_Inhalt_

|“Calling You – Nur du kannst mich hören“|

Ryo ist an ihrer Highschool eine absolute Außenseiterin; bereits in ihrer Kindheit fand sie aufgrund ihrer mangelnden kommunikativen Fähigkeiten nie Anschluss und fristet mittlerweile ein Leben in steter Einsamkeit. Da sie fest davon überzeugt ist, dass dieser Missstand damit zusammenhängt, dass sie kein Handy besitzt, beschließt sie, über ein imaginäres Handy Kontakt zur Außenwelt zu knüpfen. Tatsächlich meldet sich am anderen Ende der Gedankenleitung jemand. Auf diese Art lernt Ryo den jungen, nachdenklichen Shinya kennen, der in den nächsten Tagen nicht nur ihre Seele erheitert, sondern generell ihre einzige Anlaufstelle bleibt. Je intensiver sich die beiden kennenlernen, desto fester reift der Entschluss, dass sie sich treffen wollen. Doch just an dem Tag, als Ryo den Besuch abstatten möchte, erfährt sie die grausame Wahrheit …

|“Kiz/Kids“|

Keigo und Asato lernen sich in der Sonderschule kennen und knüpfen trotz anfänglicher Ablehnung schnell einen näheren Kontakt zueinander. Beiden ist eine grausame Kindheit gemein, die sich in Hass und Herzschmerz äußert und den gemeinsamen Wunsch, endlich die Schatten der Vergangenheit zurückzulassen, noch einmal bestärkt. Als Keigo mit ansieht, wie Asato die Schmerzen und Wunden anderer Personen an sich zieht und weiter überträgt, möchte er dies nutzen, um die Narben seiner Umwelt auf den eigenen, im Sterben liegenden Vater zu transferieren. Asato lässt sich darauf ein, kann überdies jedoch nicht mit den Gedanken an den ermordeten Vater und die mordende Mutter leben. Er beschließt, die Wunden aller auf sich zu ziehen und endgültig einen Schlussstrich zu ziehen. Doch sein mittlerweile engster Anvertrauter ist damit nicht einverstanden …

_Persönlicher Eindruck_

„Calling You“ ist eine weitere Episode aus der wachsenden Liste der Single-Mangas aus dem Hause |Panini| und beschäftigt sich vorwiegend mit der verträumten, melancholischen Seite junger Menschen, deren Kindheit von einigen harten Schicksalen geprägt wurde. Der Doppelband stammt im Original von Otsuichi, wurde später dann jedoch in Text und Bild von Setsuri Tsuzuki übernommen und mit sphärisch dichten Zeichnungen und träumerischen Zitaten weitestgehend bewegend ausgemalt.

Inhaltlich jedoch sieht sich der Leser mit einer enormen Härte konfrontiert, die sich jedoch erst bei der Auflösung der Einzelschicksale in den Vordergrund stellt. Tsuzuki überschüttet vor allem die erste Geschichte mit Emotionen, forciert die Handlung jedoch zunächst durch aufeinander folgende Oberflächlichkeiten, deren wahre Dramaturgie sich erst mit dem Ende der Erzählung offenbart. Exakt dies darf man aber auch betont kritisch sehen, weil die beiden tragenden Charaktere Shinya und Ryo ohne wirklichen Tiefgang vorgestellt und weiter in Szene gesetzt werden, schließlich aber eine folgenschwere Last auf sich laden, die nicht so ganz mit dem Aufbau der Story harmonieren möchte. Zumindest ist das traurige Schicksal bzw. das nicht unerwartete bittere Ende insofern dennoch überraschend, dass es wegen seiner plötzlichen Rasanz nicht mit dem elegischen Voranschreiten des Plots Schritt hält. Allerdings bleibt nicht zu verhehlen, dass die Geschichte gute Ansätze verfolgt, die eben nur leider zu Beginn ein wenig lieblos gestaltet wurden.

Die zweite Erzählung ist demzufolge auch das bessere, wenngleich auch etwas komplexere Stück. Es handelt von zwei gepeinigten Jugendlichen, denen ständig ihre furchtbare Herkunft bewusst wird, und die nicht länger bereit sind, mit diesen Schmerzen zu leben. Ihre unkonventionellen Lösungsstrategien sind dabei das belebende Element der Geschichte, da sie offenlegen, wie Grausamkeit mit Hass bekämpft und Trauer mit aufopferungsvoller Hingabe bestritten wird. Wenn auch hier nicht alle Charaktere wirklich glänzen, so ist „Kiz/Kids“ doch eine richtig schöne, vor Melancholie nur so strotzende Erzählung, die man sich als Fan derartiger One-Shots keinesfalls entgehen lassen sollte.

Insgesamt kann man dieses Resümee mit leichten Abstrichen auch für die Gesamtausgabe festlegen, wobei mich das Titelstück nach wie vor nicht ganz überzeugt hat. Dennoch denke ich, dass gerade hierbei der persönliche Geschmack auch eine nicht ungewichtige Rolle spielt und jeder seine eigenen Erfahrungen mit „Calling You“ machen sollte. Lohnenswert erscheint diese Sonderausgabe allemal!

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Hegen, Hannes (Hrsg.) / Dräger, Lothar (Text) / Hegenbarth, Edith (Zeichnungen) – Digedags bei den Piraten, Die (Amerikaserie, Band 3)

Band 1: [„Die Digedags in Amerika“ 4169
Band 2: [„Die Digedags am Mississippi“ 4188

Unter der Schirmherrschaft von Hannes Hegen erschienen im „Mosaik“ Monat für Monat die Abenteuer des zwergenhaften Trios, bestehend aus den mutmaßlichen Brüdern Dig, Dag und Digedag – kurz: „Die Digedags“. Allerdings nur im Osten der Republik, denn im Westen waren (und sind) die drei umtriebigen Wichte – und Vorväter der etwas bekannteren „Abrafaxe“ – weitgehend unbekannt. Nach der Wiedervereinigung wurde es still um die Digedags, bis 2005 alle bisher erschienenen Geschichten vom wiederauferstandenen Verlag |Junge Welt| noch einmal als Sammelbände zu je vier Heften komplett neu aufgelegt wurden.

_Die Digedags_

Die drei tauchen in verschiedenen Menschheitsepochen auf und erleben dort ihre Abenteuer bzw. begleiten Persönlichkeiten dieser Ära mit Fleiß, Wissen und Witz. Die stets jugendlich wirkenden Digedags altern nicht und ihr markantes Äußeres bleibt weitgehend unverändert – sämtliche leichten Variationen in ihrem Aussehen sind wohl eher der Weiterentwicklung Edith Hegenbarths als Zeichnerin zuzuschreiben. Die Texte legte ihnen Lothar Dräger in den Mund, das heißt: nein, nicht direkt. Bei den Digedags herrscht nämlich weitgehend Sprechblasenfreiheit. An die Untertitelung der Panels hat man sich aber schnell gewöhnt und sie schätzen gelernt.

_Die Amerikaserie_

Die Amerikaserie, welche 1979 erstveröffentlicht wurde, ist eine der größten und umfasst 60 Einzelhefte (von 152 bis 211). Diese schafften es, ursprünglich zusammengefasst in insgesamt zehn Sammelbänden, bis zur stolzen achten Auflage. Diese erschien noch 1989, kurz vor dem Mauerfall. Die Geschichte der Amerikaserie beginnt in New Orleans 1860, bevor der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach, und sie endet in New York vier Jahre später. Bis dahin haben sich die Digedags quer durch den nordamerikanischen Kontinent gewuselt und im Kampf gegen die Sklaverei allerhand erlebt.

_Band 3 – Die Digedags bei den Piraten (Mosaik 160 bis 163)_

Nach dem durch sie erst losgetretenen Schiffsrennen und dem knappen Sieg genießt das Trio zunächst die Annehmlichkeiten und die nette Atmosphäre auf der Farm von Jeremias Joker. Doch dieser wird ihnen immer suspekter, eine gewisse Heimlichtuerei der gesamten Familie lässt die Reporterherzen der Digedags schon wieder etwas schneller schlagen und ihre Fantasie anlaufen. Sind die Jokers etwa die gefürchteten Mississippi-Piraten und die geheimnisvolle Reiher-Insel ist ihr Schlupfwinkel? Es scheint so. Bei ihren Recherchen erhärtet sich der Verdacht. Ben, dem entlaufenen Sklavenjunge mit dem Banjo, wollen die Digedags jedoch die Flucht mittels der Geheimorganisation „Sklaven-Express“ ermöglichen. Dieser bringt ausgebüxte Schwarze in die Nordstaaten, wo die Sklaverei abgeschafft ist. Allerdings geht das erst einmal schief und sie geraten stattdessen in Gefangenschaft der Piratenbande.

Die Schmach der Niederlage gegen die alte „Queen“ sitzt derweil Mrs. Jefferson tief in den Knochen, doch es soll noch schlimmer kommen. Das besagte Banjo, welches in der Nacht auf der Sandbank (vgl. „Die Digedags am Mississippi“) über Bord der „Louisiana“ ging und sich seither in Bens Besitz befindet, ist mehr als nur ein simples Musikinstrument. Es enthält die Karte eines alten Goldgräbers, welche zu einer Goldmine in den Rocky Mountains führt. So die Worte des Notars, welcher ihr das Testament des Trappers Abe Gunstick eröffnet. Dieser ist von Joshua Jefferson – ihrem Verblichenen – damals massiv hintergangen und bestohlen worden und setzt diesen nun als Alleinerben ein. Was seltsam anmutet, nach allem, was Jefferson Gunstick angetan hat. Während ihrer Flucht vor den Mississippi-Piraten kriegen die Digedags zufällig Wind von der Sache und beschließen, die Goldmine zu suchen und den Erlös dem Sklaven-Express zu vermachen.

_Eindrücke_

In der Neuauflage markiert dieser dritte Band das Ende des Mississippi-Abschnitts und den Beginn des eigentlichen Abenteuers der Digedags in Amerika: die Schatzsuche. Zu den bisherigen Gegenspielern – Mrs. Jefferson und Colonel Springfield – gesellen sich nun auch noch die künftigen Erzgegner der Digedags. Die Mississippi-Piraten in Gestalt von „Prediger“ Coffins, „Doktor“ Tombstone (allein die Namen sind schon sehr geschickt gewählt) und („Piraten“-)Jack. Diese drei Halunken bilden fürderhin die Achse des Bösen als Gegengewicht zu unseren drei Helden. Und diese neuen Erzfeinde sind nicht zimperlich. Mrs. Jefferson und der Colonel mögen charakterlich einfach nicht auf der Höhe sein, doch Verbrecher sind sie nicht. Die drei Piraten schon.

Sie werden den Digedags im Laufe der Reihe oft in die Quere kommen und in die Suppe spucken. Wobei trotz aller Action und so manch gezogenem Colt alles selbstverständlich im unblutigem und meist lustigem Rahmen bleibt. Das ist man seinen (früher mehr jugendlichen) Lesern schuldig. Wiewohl im Comic ja fast alles möglich ist, wird in diesem Band das Realitätsverständnis zuweilen etwas mehr strapaziert. Bei der Ausbruchsszene hat man ein bisschen dick aufgetragen, und zwar Schweineschmalz. Nette Idee und knuffig gemacht und inszeniert, aber in der Summe sind die weiteren „glücklichen Zufälle“ doch arg an den Haaren herbeigezogen und überhäufig anzutreffen. Dass sich am Schluss alles halbwegs einrenkt, ist ebenfalls Ehrensache. Am Ende sind die Fronten und der Weg klar. Doch der wird steinig. Das Gebirge heißt nicht umsonst Rocky Mountains.

_Fazit_

Das rasante Ende des ersten Teilabschnitts der Gesamtstory schürt den Appetit auf den folgenden Rest. Separat machen die Bände ohnehin kaum Sinn, wenngleich man an dieser Stelle der Serie wenigstens sogar halbwegs quer einsteigen könnte. Der nächste Band ist eine neue Etappe, an deren Start sich neue und alte Auflage überschneiden, da nun zwölf Kapitel erledigt sind. In der Neufassung ist es jetzt eben ein Buch mehr geworden. Über die geänderte und ziemlich misslungene Aufteilung sowie die gewagte Preisgestaltung der Sammelband-Neuauflage ist schon genug gemeckert worden. Und das auch vollkommen zu Recht. Der Story und der handwerklichen Ausführung hingegen kann man bis auf Kleinigkeiten auch hier nichts anlasten.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
„Die Digedags bei den Piraten“ – Amerikaserie, Band 3
Enthält die Mosaik-Hefte 160 bis 163
© 1979 und (Neuauflage) 2005 – Buchverlag Junge Welt, Berlin
Herausgeber: Hannes Hegen
Text: Lothar Dräger
Figurinen: Edith Hegenbarth
ISBN: 3-7302-1875-1 (neu)

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Carey, Mike / Frusin, Marcelo / Dillon, Steve / Palmiotti, Jimmy – John Constantine: Hellblazer 2 – Der Rote Tod

Band 1: [„Hölle auf Erden“ 3621

_Story_

John Constantine kehrt aus dem Reich der Toten in seine frühere Heimat England zurück, um die Bruchstücke seiner Vergangenheit wieder neu zusammenzusetzen. Bei seiner Schwester Cheryl angekommen, fällt er jedoch sofort in Ungnade. Der Totgeglaubte wird mit heftigsten Vorwürfen konfrontiert und auch dafür verantwortlich gemacht, dass seine Nichte Gemma sich vorzeitig abgesetzt hat. Unterdessen wird Constantine, der sich unter Decknamen in England aufhält, auf eine rätselhafte Mordserie aufmerksam, die unmittelbar mit dem Miethaus, in dem auch Cheryl lebt, in Zusammenhang zu stehen scheint. Als seine Kollegin Angie Spatchcock selber zum Opfer der Serientäter wird, erkennt John, dass auch okkulte Hintergründe und Magie in die Angelegenheit hineinspielen.

Um die Sache näher zu ergründen, reist John nach London, wo er auch Gemma aufspürt. Er begibt sich auf die Spur eines gewissen Mr. Fredericks, der seit geraumer Zeit nach dem sagenumwobenen Roten Tod sucht, einer nicht näher beschriebenen okkulten Waffe, die ihm in mystischen Kreisen Macht verschaffen soll. Fredericks verspricht sich durch die Gefangennahme Gemmas einen klaren Vorteil bei der Suche, schließlich fließt auch in ihr das Blut Constantines. Doch als John selbst in diesen Kreisen auftaucht, eilt den Ganoven die Zeit davon. Aus Furcht vor dem mächtigen Auferstandenen wird Gemma als Druckmittel eingesetzt, um Constantine zu zwingen, in Fredericks Dienste zu treten. Allerdings scheint Constantine im entscheidenden Moment eine Spur gewiefter …

_Persönlicher Eindruck_

Mit dem zweiten Teil der prestigereichen Comic-Adaption des Hellblazers wird die Welt des Übersinnlichen und damit auch das Umfeld John Constantine ein weiteres Mal mit einem äußerst viel versprechenden Plot eröffnet, der jedoch im Gegensatz zu „Hölle auf Erden“ nicht ganz so stimmig konstruiert wurde. Mike Carey hat in diesem Fall zwei miteinander verwobene Geschichten kombiniert, die jedoch in Sachen Tempo, Atmosphäre und Inhalt wieder sehr weit voneinander abweichen. So startet der Star-Autor mehr oder weniger mit einer Kriminalstory, die bisweilen den Bereich des Okkulten streift, insgesamt für ein Constantine-Event jedoch eher gewöhnlich scheint. Zwar ist der raue Ton ebenso präsent wie die siedende Spannung, jedoch traut sich Carey zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu weit in das Fachgebiet des zurückgekehrten Protagonisten hinein, was schließlich in einem noch nicht ganz so rasanten Auftakt resultiert.

Die darauf folgende Titelstory hingegen gerät konträr zur vorangegangenen Episode ziemlich komplex und basiert auf ständigen Szenensprüngen, in denen Carey versucht, all das aufzuholen, was er zunächst noch versäumt hat. Die übersinnliche Thematik rückt schneller als gedacht wieder in den Vordergrund, der Fundus an zwielichtigen, teuflischen Figuren und Kreaturen wächst mit einem Mal zu einem fast schon unüberschaubaren Konglomerat, welches die allgemeine Szenerie insgesamt auch sehr stark verändert. Die Übergänge sind bisweilen ein wenig unstimmig, die gesamte Story nicht vollends homogen, wenngleich Carey als wahrer Könner dennoch immer rechtzeitig die Kurve bekommt und seine kleinen Versäumnisse alsbald aufzuarbeiten weiß. Als es am Ende dann aber Schlag auf Schlag geht und prinzipiell ein großer Teil der Einleitung fast schon irreführend scheint, da die Geschichte eh in einem actionreichen, offenen Schlagabtausch endet, wird dann aber dennoch der Wunsch nach etwas präziser ausgefeilter Homogenität laut, letztendlich aber nicht gänzlich befriedigt.

Indes ist die Atmosphäre des Images des Comics jederzeit würdig. Während die offensichtliche Kriminalgeschichte zu Beginn noch mit finsteren Thriller-Elementen arbeitet und dank der flotten Wendungen auch das Spannungsmoment in jeder Skizze etabliert bleibt, geht Carey im zweiten Teil den Weg der illustrierten Film-Noir-Adaption, die er dank der formidablen Zeichnungen auch hervorragend in Szene setzen kann.

Dennoch ist „Der Rote Tod“ nicht ganz das geworden, was man sich von dieser zweiten Episode erhofft hatte. Constantine umgibt sich vermehrt mit der intriganten Historie seiner Familie, statt dass er den Konflikt mit den Mächten des Teufels sucht. Und genau dies ist sicher nicht in jedermanns Sinne, weil der Titelheld schließlich einen Ruf bzw. ein Image zu verteidigen hat, welches sich in diesem Fall nicht mit allen Teilaspekten der Handlung decken möchte. Von einer Enttäuschung zu sprechen, wäre allerdings vermessen und fast schon anmaßend, da die Story immer noch richtig stark ist und der Autor besonders in Sachen Atmosphäre echte Akzente setzen kann. Wer also schon den ersten Teil mochte, kann mit der Anschaffung von „Der Rote Tod“ grundsätzlich nichts falsch machen.

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[Verlagsseite zur Reihe]http://www.paninicomics.de/?s=gruppen&gs__gruppe=10457

Gabella, Matthieu (Autor) / Jean, Anthony (Zeichner) – Einhorn, Das – Band 1: Der letzte Tempel des Asklepios

_Story_

1565, das Zeitalter der Renaissance: Während in ganz Europa die Religionskriege schwelen, steht die Medizin vor einem revolutionären Umbruch. Die Wissenschaft entdeckt völlig neue Facetten des menschlichen Körpers und steht vor der Aufklärung einiger brisanter Geheimnisse. Als jedoch in Paris gleich mehrere Mediziner tot aufgefunden werden, unterliegen die neuen Resultate einer Verschwörung monströsen Ausmaßes. Ambrosius Paré, königlicher Chirurg und Freidenker, verpflichtet sich der Ermittlungsarbeit und entdeckt ein viel weiter reichendes Phänomen.

Gemeinsam mit den Asklepiaden, einer sektenähnlichen Organisation, stellt er sich den unbekannten Gegnern und begibt sich auf die Spuren verschollener Persönlichkeiten. Dann jedoch wird ihm bewusst, dass auch er auf der Liste derjenigen steht, die zum Abschuss freigegeben sind. Aber just in dem Moment, als er die Gefahr richtig einzuschätzen lernt, nehmen die Dinge eine ungeahnte Wendung. Paré stößt auf Wesen, die nicht nur die Medizin, sondern die gesamte Welt in Frage stellen werden. Alles, woran er je geglaubt hat, scheint plötzlich nur noch ein Mythos zu sein …

_Persönlicher Eindruck_

Auch in diesem Monat beehrt uns der |Splitter|-Verlag wieder mit dem Auftakt einer neuen Serie und desgleichen mit einer phänomenalen Geschichte, die sich wie bislang kein zweiter Comic mit den nach wie vor beliebten Verschwörungstheorien auseinandersetzt, dieses Mal jedoch nicht auf den Klerus bezogen, sondern einzig (und zumindest bis jetzt) allein auf das Wesen des menschlichen Körpers. Matthieu Gabella führt seine Leser zurück ins 16. Jahrhundert und damit in ein Zeitalter, als die Pest noch eine Bedrohung war und die Medizin mitsamt ihrer Glaubensgrundsätze an ihre Grenzen stößt. Ganz Frankreich wird von der Bedrohung des schwarzen Todes überschattet, und lediglich einige Idealisten sehen sich imstande, die Forschung dahingehend zu betreiben, die Gefahr zu beseitigen. Doch Frei- und Querdenkern wird im Paris des Jahres 1565 kein Platz eingeräumt, wie auch Ambrosius Paré schmerzlich erfahren muss. Infolge einer ganzen Reihe aufeinanderfolgender Mysterien stößt er auf das wahre Geheimnis der Asklepiaden und erfährt schließlich von niemand Geringerem als Nostradamus (1503 – 1566) von der tatsächlichen Motivation dieser Organisation.

Jene grobe Rahmengeschichte erlaubt dem Autor die Verwendung eines recht breit gefächerten inhaltlichen Fundus, begonnen mit der improvisierten Einbeziehung der Zeitgeschichte über die Kreation von neuen Mythen und Legenden bis hin zur Integration der Glaubenskriege, die auch vor der Entwicklung in der Medizin keinen Halt machen. Protagonist Paré erfährt von der Existenz sechs zusammengehöriger Tapisserien und ihrer stummen Botschaft und entdeckt bei seiner Aufklärungs- und Ermittlungsarbeit immer mehr gravierende Täuschungen, die seine letzten Jahre als Forscher völlig über den Haufen werfen. Totgeglaubte melden sich zurück, die Asklepiaden gewinnen in ihrer wahren Existenz an neuer Bedeutung, und nicht zuletzt diese seltsamen Kreaturen, deren Fähigkeiten sein anatomisches Denken fast wertlos erscheinen lassen, zerstören selbst seine revolutionären Grundsätze, die ihn bis an den Hof gebracht haben.

Im Zuge dessen entwickelt sich Stück für Stück ein recht komplexes Handlungskonstrukt voller Intrigen und mystischer Begebenheiten, gipfelnd in ständigen Konfrontationen der ebenfalls geheimniskrämerischen Bünde, die sich hier mehr oder minder lose zusammengeschlossen haben, um für Ideale zu kämpfen, deren tatsächliches Leitbild wiederum nur vage zu erkennen ist. Daraus ergibt sich für den Leser ein recht schwieriger Einstieg, weil auf gleich allen Ebenen Ungereimtheiten entstehen, die in diesem Fall jedoch für den gesamten Verlauf förderlich sind, da sie den von der ersten Seite an kreierten Mythos aufrechterhalten, jegliche Überraschungseffekte gewährleisten und der Geschichte unheimlich viel Spielraum ermöglichen, so dass ein Höchstmaß an Spannung schon nach wenigen Skizzen selbstverständlich erscheint.

Bis zuletzt entsteht so ein geradezu fantastisches Epos voller fesselnder Eindrücke, rasendem Tempo und wagemutigen Inhalten. Dank Gabellas Partner Anthony Jean ist es zudem gelungen, die brillante Story auch mit den perfekten Rahmenbedingungen auszustatten. Dazu gehört neben beeindrucken Illustrationen auch die packende Erzählatmosphäre, die sich in wirklich allen Nuancen der Handlung widerspiegelt, sei es nun bei der Einführung der tragenden Persönlichkeiten oder aber in der Gestaltung des Settings. Letzten Endes kann man über dieses Erstwerk aus Gambellas neuer Serie daher auch nur staunen; „Der letzte Tempel des Asklepios“ ist ein zeitgenössisches Comic-Monument, in dem historische Schwerpunkte auf fabelhafte Art und Weise mit einem fiktiven Mythos verschmelzen. Selbst nach all dem, was der Verlag mittlerweile vertrieben bzw. publiziert hat, schleicht sich bei „Das Einhorn“ erneut der Eindruck ein, man habe |das| Comic-Event des Jahres unter seine Fittiche genommen. Wer nämlich mitreden möchte, |muss| hier zugreifen!

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Kobayashi, Yasuko (Autorin) / Sumita, Kazasa (Zeichnerin) – Witchblade 1

_Story_

Die junge Highschool-Schülerin Ibaraki Takeru gerät Nacht für Nacht wieder mit denselben fürchterlichen Visionen aneinander. In einem anliegenden Lagerhaus stößt sie während ihres Alptraums auf Bilder und Erscheinungen von Dämonen und grausamen Wesen. Als sie eines Tages ins Haus ihrer Großmutter zurückkehrt, erfährt Takeru die ganze Wahrheit hinter diesen Nachtmahren.

Tatsächlich hält Seishu in der Lagerhalle ein mythisches Geheimnis verborgen, eine Waffe, deren Missbrauch verheerende Ausmaße annehmen kann. Während ihrer ersten Konfrontation wird Takeru bereits von der Witchblade übermannt und sieht einem Schicksal als Dämonin entgegen. Lediglich ihr Schulfreund Minamoto Kou steht ihr in diesen schweren Zeiten zur Seite. Doch ausgerechnet er ist der Nachfahre einer Familie von Dämonenjägern und dazu gezwungen, die Traditionen seines Ursprungs pflichtbewusst aufrechtzuerhalten.

_Persönlicher Eindruck_

Comic-Liebhabern wird der Titel „Witchblade“ längst ein Begriff sein, wurde doch die gleichnamige US-Serie mit wachsendem Erfolg auch hierzulande schon seit Jahren als Hochglanz-Werk über den |Infinity|-Verlag herausgegeben. Allerdings sollte man sich von den dadurch geschürten Erwartungen nicht blenden lassen, denn inhaltlich liegt die nun aufgelegte Manga-Reihe bei weitem nicht so nahe am etablierten Originalstamm wie zunächst vielleicht sogar erhofft. Zwar ist Yasuko Kobayashi erotischen Elementen ebenso wenig abgeneigt wie der zügellosen Darstellung von Gewalt und blutigen Kämpfen, jedoch behält die Autorin sich das Recht vor, vollkommen typische Nuancen der asiatischen Comic-Kultur in die Handlung einfließen zu lassen, und erzielt dabei eine recht große Distanz zur Vorlage. Trotz entscheidender Parallelen – und das sollte als wohl wesentlicher Standpunkt festgehalten werden – funktioniert die nun via |Panini| herausgebrachte neue Serie also völlig unabhängig.

In der Debüt-Ausgabe hat Kobayashi jedoch noch einige Schwierigkeiten bei der Kreation eines flüssigen Plots. Vor allem die Übergänge von zwischenmenschlichen, vermehrt emotionalen Abschnitten zu den kampfbetonten Auseinandersetzungen mit den Dämonen sind nur mäßig gelungen, während die Schöpfung einprägsamer Charaktere ebenfalls einigen Problemen unterliegt. Es mag zwar legitim sein, einen Mythos um die Protagonistin zu erschaffen, allerdings wäre gerade in den wechselseitigen letzten Episoden ein bisschen mehr Transparenz dringend vonnöten, um wenigstens die elementarsten Hintergründe zu durchschauen.

Indes ist „Witchblade“ definitiv kein komplexer, im weitesten Sinne anspruchsvoller Manga. Die Geschichte schreitet bereits im ersten Teil stringent voran und verschwendet auch keine Zeit mit übermäßig langen Einführungen. Dies erschwert aber andererseits auch den Einstieg, denn bereits mit dem Beginn des ersten Kapitels wird man direkt allen wichtigen Personen anvertraut, erhält jedoch kaum die Gelegenheit dazu, sich individuell ein genaueres Bild zu verschaffen. Gerade im Bezug auf Takeru erschiene dies jedoch sinnvoll, da diese bereits früh einer massiven Anzahl von Actionszenarien ausgeliefert wird, der Leser unterdessen aber kaum etwas zur Person erfährt. Es ist sicher möglich, dass der diesbezügliche Nachholbedarf noch in den nächsten Ausgaben gedeckt wird, doch zum jetzigen Zeitpunkt ist die Bestückung von entscheidenden Background-Informationen zu Charakteren und Handlung noch ein wenig dürftig.

Action-Liebhaber sollten sich dementgegen recht zügig in der ersten Folge zurechtfinden. Zeichnerin Kazasa Sumita nutzt jede Vorlage der Autorin, um den Mythos namens „Witchblade“ effektreich in Szene zu setzen, sei es nun in der ständigen Konfrontation mit den dämonischen Gegnern oder doch in der Wahl ihrer offensiven Grundgesinnung. Dies in Kombination betrachtet, macht Band eins der Manga-Reihe alles in allem sicherlich zu einem kurzweiligen Vergnügen, dem aber bis dato der erforderliche Anspruch fehlt. Mal sehen, wie sich die ebenfalls gerade herausgegebene Anime-Serie im direkten Vergleich schlägt – in der Hoffnung, dass ein Stück des verlorenen Bodens wieder gutgemacht werden kann. Auch wenn der Gesamteindruck weitestgehend zufriedenstellend ist, so konnten die berechtigt hohen Erwartungen an den Manga nicht ganz erfüllt werden.

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Hegen, Hannes (Hrsg.) / Dräger, Lothar (Text) / Hegenbarth, Edith (Zeichnungen) – Digedags am Mississippi, Die (Amerikaserie, Band 2)

Band 1: [„Die Digedags in Amerika“ 4169

Sie sind einer der wenigen Exportartikel, welche den Sprung aus der DDR nach Gesamtdeutschland geschafft haben. Die Digedags. Die Dige-Wer? Schon seit den Fünfzigerjahren bereicherten die drei Kleinwüchsigen aus den |Mosaik|-Comics unter der Schirmherrschaft von Hannes Hegen Monat für Monat die deutsche Comiclandschaft. Zumindest die östliche. Hier im Westen waren die umtriebigen Kerlchen Dig, Dag und Digedag weitgehend unbekannt und auch die Hefte bzw. später Sammelbände kaum bis gar nicht zu bekommen – selbst wenn man als einer der wenigen Wessis um ihre Existenz wusste. Höchstens mit viel Vitamin B und oftmals noch mehr harter West-Mark.

Nach der Wiedervereinigung wurde es still um sie, bis die Digedags 2005 ein kleines Comeback feierten. Alle bisher Serien wurden vom wiederauferstandenen Verlag |Junge Welt| noch einmal komplett neu aufgelegt. Von der Römerserie über Ritter Runkel, Erfinder-, Amerika-, Orient- bis hin zur Weltraumserie kann man nun endlich alle Abenteuer der drei sympathischen Zeitwanderer wieder als Frischware erwerben. Bis dato war man auf private Sammlungsauflösungen, Trödelmärkte u. ä. angewiesen, um fehlende Exemplare in (hoffentlich) akzeptablen Zustand abzugreifen.

Die drei mutmaßlichen Brüder tauchen in verschiedenen Menschheitsepochen auf und erleben dort ihre Abenteuer bzw. begleiten Persönlichkeiten dieser Ära mit Fleiß, Wissen und Witz. Die stets jugendlich wirkenden Digedags altern nicht und ihr markantes Äußeres bleibt weitgehend unverändert – sämtliche leichten Variationen in ihrem Aussehen sind wohl eher der Weiterentwicklung Edith Hegenbarths als Zeichnerin zuzuschreiben. Die Texte legte ihnen Lothar Dräger in den Mund, das heißt: Nein, nicht direkt in den Mund. Bei den Digedags herrscht nämlich weitgehend Sprechblasenfreiheit. An die Untertitelung der Panels hat man sich aber schnell gewöhnt und sie schätzen gelernt.

Wenn ihre „Mission“ erfüllt ist, ziehen sie weiter zur nächsten Baustelle. Dabei sind die entsprechenden Serien unterschiedlich lang. Die Amerikaserie, welche 1979 erstveröffentlicht wurde, ist eine der größten und umfasst 60 Einzelhefte (von 152 bis 211). Diese schafften es, ursprünglich zusammengefasst in insgesamt zehn Sammelbände, bis zur stolzen achten Auflage. Diese erschien noch 1989, kurz vor dem Mauerfall. Die Geschichte der Amerikaserie beginnt in New Orleans 1860, bevor der amerikanische Bürgerkrieg ausbrach, und sie endet in New York vier Jahre später. Bis dahin haben sich die Digedags quer durch den nordamerikanischen Kontinent gewuselt und im Kampf gegen die Sklaverei allerhand erlebt.

_Band 2 – Die Digedags am Mississippi (Mosaik 156 bis 159)_

Das von den Digedags leichtfertig provozierte Schiffsrennen (vgl.: „Die Digedags in Amerika“) zwischen dem Renommierschiff für die Schönen und Reichen „Louisiana“ und der scheinbar unterlegenen, klapprigen „Mississippi Queen“ geht in die zweite Etappe. Tatsächlich hat es Kapitän Joker geschafft, die buchstäblich dicke Konkurrentin hinter sich zu lassen – eine Sandbank wurde dem großen Raddampfer zum Verhängnis, auf welche sie der mit allen Mississippiwassern gewaschene Skipper der „Queen“ gelockt hat. Auf dieser verbringen Kapitän Baxter nebst Crew, Reederin Mrs. Jefferson und ihr Busenfreund Colonel Springfield eine angestrengte und ereignisreiche Nacht. Es gilt, die „Louisiana“ zu leichtern, damit sie freikommt.

Ein Unterfangen, welches nicht unbeobachtet und ohne schicksalshafte Folgen bleibt. Unter den Gegenständen, welche über Bord gehen, befindet sich ein Banjo, das für den Rest der Geschichte bestimmend sein wird. Sklavenjunge Ben fischt es aus den Fluten und kann mit dem grade wieder flottwerdenden Dampfer dem Plantagenaufseher und dessen Hunden mit knapper Not als blinder Passagier entkommen, nicht ahnend, dass das heiß begehrte Instrument mehr ist, als es äußerlich erscheint. Das weiß auch Mrs. Jefferson (noch) nicht; für sie war es im Prinzip nur ein Erbstück ihres verstorbenen Gatten. Doch die geheimnisvolle Klampfe ist zunächst einmal Schnee von morgen. Heute Nacht nutzt man die letzte Chance, den verhassten Proleten-Kahn der Jokers doch noch wieder einzuholen.

Dort hat man sich derweil nicht auf den Lorbeeren ausgeruht, sondern tüchtig Dampf gemacht. Mit dem Effekt, dass auf dem Schiff unserer Working-Class-Heroes der Brennstoff zur Neige geht. Gar nicht dumm, wie die Digedags nun mal sind, wird kurzerhand sämtliche brennbare Einrichtung im Kessel verfeuert. Als man den letzten Holzladepunkt vor dem Zieleinlauf vor Baton Rouge erreicht, geht der „Queen“ doch noch allmählich die Puste aus. Schlimmer noch: An der letzten nicht mal einen Kilometer zurückliegenden Flussbiegung rauscht die nächtens wiederauferstandene „Louisiana“ mit Volldampf ums Eck. Ein Kopf-an-Kopf Rennen der ungleichen Rivalinnen mit anschließendem Fotofinish entwickelt sich. Wer wird im letzten Moment die Nase vorn haben und das Zielband zerteilen? Arbeiterklasse oder Bonzen?

_Eindrücke_

Nachdem bereits im ersten Band die Grundsteine für den 15 Bände dauernden Plot gelegt wurden – u. a. die Vorstellung der Figuren Mrs. Jefferson und Colonel Springfield -, kommt nun weiter Fahrt in die Sache und weitere wichtige Personen betreten die Bühne: der Rest der Joker-Familie, speziell Onkel Jeremias und seine Tochter Jenny. Beide werden während der folgenden Episoden immer wieder wichtige Rollen spielen. Jonathan, seine Frau Jesse, Ted und Grandpa kennt der Leser ja hoffentlich bereits aus dem ersten Band. Zumindest sollte er diesen gelesen haben, denn ohne Kenntnis der Vorgeschichte ist Band 2 nämlich ziemlich witzlos. Das gilt allerdings nur für die 2005er Neuauflage. Diese ist entgegen der ursprünglichen DDR-Originalausgabe anders aufgeteilt; sehr zu ihrem Leidwesen. Und ganz besonders dem der Fans.

Die letzte „alte“ Version von Band 1 enthielt einen sehr großen und wichtigen Teil der Geschichte – nämlich den Ausgang des Rennens – bereits, und (um die Verwirrung zumindest bei den Fans und Sammlern komplett zu machen, bekam er gleich noch ein anderes Cover) der gleichnamige Band 2 von Anno Dunnemals setzte dafür etwas später – auf Onkel Jeremias Farm – auf. Somit wird die Geschichte, welche vorher in den ersten beiden Büchern schlüssig erzählt und plausibel zu einer Zwischenbilanz geführt wurde, nunmehr sogar auf deren drei getreckt. Zu diesem, nennen wir ihn mal: „Mississippi-Komplex“, gehört der seit 2005 eingeschobene Band 3 („Die Digedags bei den Piraten“) ebenfalls. Das rührt daher, weil der reanimierte Verlag |Junge Welt| die enthaltenen |Mosaik|-Heftausgaben in den Sammelbänden von früher sechs (insgesamt 150 Seiten/Band) auf heute vier (je 100 Seiten) reduziert hat.

_Fazit_

Die ganze Neuauflage wirkt ein wenig zerrissen und hat den Beigeschmack der versuchten Gewinnmaximierung, schließlich sind 12,95 € pro Band ja nicht grade ein Discountangebot. Dabei darf man nicht vergessen, dass eingedenk der Reduzierung der Seitenzahl nun nicht mehr zehn, sondern fünfzehn Bände allein der Amerikaserie gekauft werden wollen. Denn eines ist klar: Nur die komplette Serie in Regal und/oder Hirn macht wirklich Sinn. Auch Band 2 ist natürlich wieder liebevoll gezeichnet, knackig getextet und voll mit tugendhaften Lehren, sodass es zumindest von dieser Seite aus wieder nichts bei den Digedags zu bekritteln gibt. Klare Leseempfehlung, allerdings sollte man versuchen, an die Originalausgaben heranzukommen, wann immer es geht.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

„Die Digedags am Mississippi“ – Amerikaserie, Band 2
Enthält die Mosaik-Hefte 156 bis 159
© 1979 und (Neuauflage) 2005 – Buchverlag Junge Welt, Berlin
Herausgeber: Hannes Hegen
Text: Lothar Dräger
Figurinen: Edith Hegenbarth
ISBN: 3-7302-1874-3 (neu)

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Ennis, Garth / Robertson, Darick – The Boys 1 – Spielverderber

_Story_

Wee Hughie ist für einen kurzen Moment der glücklichste Mann der Welt. Endlich hat er seine große Liebe gefunden, als plötzlich ein Superheld mit überdimensionaler Geschwindigkeit vorbeischwirrt und Hughies Herzdame versehentlich in Stücke reißt. Dieses Ereignis ruft Leute wie Billy Butcher auf den Plan, einen hinterhältigen CIA-Agenten, der mit seiner Stammtruppe |The Boys| des Öfteren dafür sorgt, dass derlei Kollateralschäden entsprechend gesühnt werden.

Butcher verpflichtet den jüngst betroffenen Hughie und nutzt dessen mangelndes Selbstbewusstsein, um ihn für seinen neuen Job zu manipulieren. Dieses Mal soll ein Team von rotznäsigen, jugendlichen Superhelden namens Teenage Kix dran glauben und mit einem Attentat bestraft werden. Hughie ist sich mit einem Mal unschlüssig, ob er sich weiter an dieser Verschwörung beteiligen möchte, sieht aber keine andere Perspektive. Zu spät wird ihm bewusst, dass er besser auf seine innere Stimme gehört hätte …

_Persönlicher Eindruck_

Tarantino-Fans aufgepasst, hier kommt der Comic-Stoff, dessen derbe Marschrichtung euer Lieblingsregisseur wohl maßgeblich beeinflusst haben dürfte. Zwar ist „The Boys“-Autor Garth Ennis kein Greenhorn mehr im illustrierten Business, allerdings verweist er in Sachen Atmosphäre, Aufbau und schonungsloser Gewalt sicherlich nicht unbewusst auf die kultige Hollywood-Ikone. Die Aufschrift ‚Nur für harte Jungs‘ gilt daher auch völlig zu Recht, da Ennis bewusst Tabus bricht und gegen die herkömmliche Moral des Action-Genres quasi auf jeder Seite verstößt. Doch dies ist lediglich ein Aspekt, der „The Boys“ zu einer recht interessanten Angelegenheit macht.

Inhaltlich ist das Ganze indes eine Art brutale Persiflage auf den Superhelden-Kosmos. Ennis wählt die Arroganz in Spandex als sein erklärtes Feindbild und entscheidet sich in der Darstellung der vermeintlichen Gesetzeshüter für ein eher anrüchiges Gesamtbild. Diejenigen, die in „The Boys“ mit den altbekannten Superkräften ausgestattet sind, avancieren nach und nach zu lächerlichen Figuren, deren Scheinmoral lediglich im Rahmen ihres glänzenden Äußeren verdeckt bleibt. In Wahrheit jedoch nutzen sie ihre Stellung, um sich zu bereichern, sei es durch Merchandise oder im Extremfall auch an neuen Anwärtern ihres Standes, deren Aufnahmeprüfung in oraler Befriedigung der etablierten ‚Helden‘ besteht.

Unterdessen ist das Team, das unter dem Namen ‚The Boys‘ firmiert, keinen Deut besser, kämpft aber dennoch für das, was vom Gesetz übrig geblieben ist – wenn auch mit unlauteren Mitteln. Attacken auf die Spandex-Gattung sind an der Tagesordnung und offensichtlich legitim, Morde an Machos, Rassisten und eben jenen maskierten Superhelden erlaubt, und wenn es sein muss, fliegen hierbei auch einige Körperteile und Innereien durchs Bild. Tarantino lässt grüßen.

Allerdings wird die Geschichte in keinerlei Hinsicht geschmacklos oder platt. Die teils oberflächlichen Dialoge mögen zwar derartiges verheißen, runden jedoch letzten Endes lediglich das Gesamtbild dieses stimmigen, düsteren und definitiv unmoralischen Kleinods ab. Der Autor liefert dabei jedoch nicht bloß Bilder von Gewalt und Schrecken, sondern bearbeitet innerhalb dieser aggressiven Inszenierung auch emotionale Inhalte. So müssen sich Hughie und Starlight mit persönlichen Schicksalen herumschlagen und ihr rosarotes Weltbild den Erwartungen ihrer neuen Teams anpassen. Während Hughie nicht einmal eine Chance hat, sich großartig zu widersetzen, lässt Starlight alles über sich ergehen, um zum legendären Kreis der Seven zu hören. Und so schließt sich der Kreis der ersten Episode mit einem nicht zu verachtenden Teil psychischer Gewalt, dies jedoch gekonnt und mitunter auf hohem Niveau.

Ein einheitliches Resümee fällt mir abschließend gar nicht mal so leicht, da der Kontrast zwischen Atmosphäre, Brutalität und geschickter Inszenierung teilweise sehr krass ist. Zweifelsohne ist „The Boys“ nicht gerade Kost für jedermann, speziell wenn man Gewalt in Comics grundsätzlich ablehnt. Persönlich kann ich jedoch bestätigen, dass sich die Erforschung dieses recht unkonventionellen Neulings lohnt, zumal die angesprochene Härte nicht die Basis der Storyline ist, wenn auch ein bedeutendes Element. Was aber nun mal Fakt ist und auch festgehalten werden soll, ist die Tatsache, dass Tarantino-Fans hier echte Feinkost aufspüren können. Und mal ehrlich: Wer mag Großmeister Quentin nicht?

http://www.paninicomics.de/?s=Wildstorm

Vaughan, Brian K. / Harris, Tony – Ex Machina 2: Zeichen

_Story_

Mitchell Hundred ist eine außergewöhnliche Person. Infolge eines radioaktiven Unfalls hat er Kräfte erlangt, die ihm eine direkte Kommunikation mit Maschinen erlauben, was ihm am 11. September 2001 ermöglichte, die zweite Maschine vor dem Einschlag in den Südturm des World Trade Centers aufzuhalten. Seitdem ist Hundred in New York eine Ikone, ein Superheld, der für den Posten einer Führungspersönlichkeit prädestiniert scheint.

Gesagt, getan: Hundred wird bei den Wahlen zum Bürgermeister ernannt und sieht sich daraufhin mit einem innenpolitischen Scherbenhaufen konfrontiert. Doch während die akuten Probleme wie die Reformierung des Schulsystems sich geradezu aufdrängen, beschäftigt sich Mitchell mit einem nach wie vor umstrittenen Gesetzesentwurf. Er möchte in seiner Stadt die Ehe zwischen homosexuellen Partnern ermöglichen und gilt infolge dessen wiederum als umstritten und planlos.

Allerdings plagen den Bürgermeister derzeit noch andere Sorgen: Eine übernatürliche Erscheinung hat die U-Bahn-Stationen in eine Leichenhalle umfunktioniert, zu deren Opfer auch Verbündete aus Mitchells NSA-Vergangenheit als Superheld gehören. Während der führende Politiker New Yorks im Vordergrund Imagepflege betreibt und dennoch für die Homo-Ehe plädiert, entwickelt sich im Verborgenen eine neue Bedrohung, die unmittelbar mit Hundreds Person in Verbindung steht. Doch was genau verbirgt sich in New Yorks Untergrund?

_Persönlicher Eindruck_

Brian K. Vaughan ist dieser Tage ein Garant für erstklassige und intelligente Comic-Kunst. Bereits mit seiner Glanzserie [„Y: The Last Man“ 4179 konnte sich der aufstrebende Autor in die erste Liga hocharbeiten und wurde folgerichtig für dieses Werk auch mit dem prestigeträchtigen |Eisner Award| ausgezeichnet. Nun legt Vaughan mit einem weiteren Soon-to-be-classic nach, der Geschichte um einen ungewöhnlichen Superhelden, für dessen geniale Darstellung und Präsentation der Ideengeber sogleich einen weiteren Award überreicht bekam. Keine Frage also: Das hier ist Stoff, den man sich nicht entgehen lassen sollte!

Während der erste Band von „Ex Machina“ Mitchell Hundreds Aufstieg zum Superhelden und den darauf folgenden Weg in die Innenpolitik dokumentierte, bewegt sich Vaughan nun ein wenig vom bloßen Action-Abenteuer fort und fügt zunehmend politische und mystische Themen in die Handlung ein. „Zeichen“ beinhaltet zwei parallel verlaufende Stränge, die beide ziemlich direkt mit der Hauptperson verknüpft sind, zunächst aber gar nicht aufeinander zulaufen wollen. In einzelnen Zeitsprüngen wird Mitchells Superhelden-Vergangenheit noch einmal aufgearbeitet und in diesem Sinne die speziellen Verbindungen zu seinem ehemaligen Kollegen Jackson, der ihm bereits nach den Terroranschlägen des 11. September kritisch gegenüberstand.

Inzwischen wurden die zerstückelten Leichen von dessen Ehefrau und Tochter in den U-Bahn-Stationen aufgefunden, ebenso die Innereien ihres Hundes, an deren Fundort die Ermittler ein merkwürdiges Zeichen entdecken. Jedoch scheint sich der Protagonist zunächst nicht für diese seltsamen Ereignisse zu interessieren. Er ist bestrebt, seiner Rolle als liberaler Bürgermeister und Mittelsmann zwischen Staat und Bürgern gerecht zu werden, geht indes jedoch ungeachtet seiner Wege. Dementsprechend mutet es seltsam an, dass er sich an scheinbaren Belanglosigkeiten wie der Homo-Ehe aufhält, während seine Stadt von einem neuen Akt des Terrors heimgesucht wird. Dabei steht die Mordserie unzweifelhaft mit der Person Hundreds in Zusammenhang, was die Lage noch verschärft.

Aber erstaunlicherweise lässt sich Vaughan nicht von den Erwartungen, die der Plot immer vehementer hervorruft, beunruhigen. Souverän trennt er die beiden Stränge und fügt sie mit einem kaum erwarteten Knall plötzlich doch noch zusammen. Dies ermöglicht ihm, bei den einzelnen Handlungsabschnitten noch deutlicher in die Tiefe zu gehen und die Detailfülle und Hintergründe ganzheitlich in die Story einzubringen. Die konträren Stimmungen, ausgelöst durch die widersprüchlichen Bilder des harmoniebedürftigen Bürgermeisters und der krassen Leichendarstellungen in den U-Bahn-Schächten, bekommen somit noch mehr Spielraum und sind schließlich das wichtigste belebende Element der gesamten Handlung. Darüber hinaus erweist sich der Autor im zweiten Teil von „Ex Machina“ ein weiteres Mal als außerordentlicher Profi der illustrierten Inszenierung.

Vaughan hat eine wirklich perfekte Geschichte mit unkonventionellen Inhalten gefüllt, anhand von Kontrasten den Spannungslevel hochgekurbelt und letztendlich einen regelrechten Mythos erschaffen, der im Prinzip lediglich auf einer ganz normalen, wenn auch intelligent kombinierten Action-Story fußt. Meine Hochachtung für diese unheimlich dichte Verknüpfung von Mystery, Action und unterschwelliger, provokanter Gesellschaftskritik. Spätestens mit dieser hierzulande frisch eröffneten Reihe hat sich Brian K. Vaughan international zu einer echten Hausnummer entwickelt!

http://www.paninicomics.de/ex-machina-s10447.html

Vaughan, Brian K. / Guerra, Pierra / Marzán jr., José – Y: The Last Man 5 – Ring der Wahrheit

Band 1: [„Entmannt“ 3282
Band 2: [„Tage wie diese“ 3586
Band 3: [„Ein kleiner Schritt“ 3774
Band 4: [„Offenbarungen“ 3775

_Story_

Zwei Jahre nachdem die furchtbare Seuche alle mit einem Y-Chromosom ausgestatteten Lebewesen dahingerafft hat, sind Yorick Brown, der letzte überlebende Mann der Erde, Agentin 355 und die Kloning-Spezialistin Allison Mann endlich im Labor der Forscherin angekommen. Alsbald beginnt die Wissenschaftlerin, nach den Ursachen für Yoricks Ausnahmeerscheinung zu forschen, doch für eine konzentrierte Analyse scheint ihr Labor in San Francisco kein geeigneter Ort mehr. Der Setauket-Ring unter der Führung der rebellischen Anna Strong ist dem Trio dicht auf den Fersen und hat es dabei vor allem auf ein Amulett abgesehen, das Agentin 355 seit einiger Zeit mit sich trägt. Bei einer Konfrontation mit Yorick und Nr. 355 entreißen die fanatischen Damen dem einzig verbliebenen Mann ein persönliches Schmuckstück, einen Ring, den Yorick einst für die Verlobung mit seiner Freundin Beth eingeplant hatte. Doch mit dem Verlust des Ringes geht es Yorick plötzlich immer schlechter. Seine Begleiterinnen vermuten bereits, dass in ihm die Ursache für das Überleben des Entfesslungskünstlers begründet ist. Als Dr. Mann jedoch die DNA Yoricks mit den Genen seines Äffchens Ampersand vergleicht, stößt sie auf eine unglaubliche Wahrheit. Anscheinend wurde sein Weiterbestehen doch durch mehrere Zufälle ermöglicht. Aber Zufälle können ihn nun nicht mehr beschützen. Als nämlich eine weitere radikale Untergrundkämpferin aufkreuzt und auch Yoricks Schwester Hero plötzlich auftaucht, hängt das Leben des letzten Mannes sowie der gesamten Menschheit erneut am seidenen Faden …

_Persönlicher Eindruck_

Im fünften Band von „Y: The Last Man“ macht sich Autor Brian K. Vaughan mit wachsender Vehemenz daran, endlich Ursachenforschung für den merkwürdigen Verbleib des letzten Erdenmannes Yorick Brown zu betreiben. Doch dies bedeutet bei weitem nicht, das nun bereits das Ende der Story naht, denn schon mit der Analyse der Hintergründe eröffnen sich neue brisante Stränge, die der Autor intelligent, mit dezenter Action, aber auch wieder auf einem gewissen Mysterium aufbauend, langsam aber sicher wachsen lässt. Darüber hinaus gelingt es Vaughan, verschiedene Puzzlesteine geschickt zusammenzusetzen, ohne dabei schon eine zu detaillierte Perspektive für den Fortschritt der Handlung zu prognostizieren. Inhaltlich wird „Y: The Last Man“ von Ausgabe zu Ausgabe noch geheimnisvoller und unberechenbarer, und dies, obwohl mittlerweile eine Begründung für die Entstehung der Seuche bzw. das Überleben eines einzigen Mannes und seines Äffchens im Raume steht.

Unterdessen ist der Rahmen der Erzählung zunehmend verschachtelter. In „Ring der Wahrheit“ werden einige überraschende Zeitsprünge in die Vergangenheit des Protagonisten gewagt, um Aufschluss über unterschiedliche aktuelle Entwicklungen innerhalb der Handlung zu gewähren. Die Story um den merkwürdigen Ring wird aufgegriffen, das unstete Zusammenleben der Familie Brown beleuchtet und in diesem Sinne das besondere Verhältnis zwischen Yorick und seiner Schwester Hero vertieft. Allerdings fällt es weiterhin schwer, infolge des zunehmenden Verständnisses der Hintergründe auf die Zukunft zu schließen. Yorick und Co. geraten in eine gänzlich neue Bedrängnis, stehen dabei allesamt auf der Schwelle zwischen Leben und Tod und verletzten zur Durchsetzung ihrer Ziele im Rahmen ihres natürlichen Überlebensinstinkts auch einige unmoralische Handlungen durch, um letztendlich die Menschheit langfristig wieder zu bemannen und zu retten. Möglicherweise hat der Hauptdarsteller dazu sogar ungewollt selbst beigetragen, während er seinen Trieben kurzfristig erlag und zum ersten Mal überhaupt seit der Katastrophe mit einer Frau verkehrte. Diesbezüglich bestehen zwar noch keine konkreten Hinweise, aber zumindest hat Vaughan sich hier wieder weiteren Nährboden verschafft, um auch künftig neue Wege zu beschreiten.

Bei all der Action und Komplexität kommt der Humor im fünften Teil der Serie aber trotzdem nicht zu kurz. Die Dialoge sind teilweise wirklich köstlich, gerade wenn es etwas erhitzter zugeht und man sich mitunter auch der Vulgärsprache bedient. Das Niveau bzw. der Anspruch leidet darunter keinesfalls, denn angesichts der permanent andauernden Extremsituation, in der sich die Darsteller befinden, sind einzelne verbale Eskapaden nur natürlich und legitim – und darüber hinaus auch häufig ziemlich komisch!

Mit dem „Ring der Wahrheit“ hat der Autor seiner Reihe schließlich ein weiteres Meisterwerk hinzugefügt und sich im Rahmen von „Y: The Last Man“ bereits zum fünften Mal selbst übertroffen. Derzeit handelt Vaughan dem Hörensagen nach auch Bedingungen für eine cineastische Adaption des Stoffes aus, was nicht zuletzt aufgrund der neuesten, richtig starken Episode völlig willkommen wäre. Derart gutes, literarisches Material sollte nämlich nicht bloß der Comic-Welt vorbehalten bleiben!

[Verlagsseite zur Serie]http://www.paninicomics.de/?s=gruppen&gs__gruppe=10452

Veitch, Tom / Baikie, Jim / Kennedy, Cam – Star Wars Essentials – Das dunkle Imperium II

[Band 1 3531

Essenzielle Momente in der Geschichte der legendärsten aller Sternensagen: 30 Jahre sind mittlerweile vergangen, seit George Lucas den ersten respektive vierten Teil seiner „Star Wars“-Reihe ins Kino brachte. Dementsprechend ist das Thema „Krieg der Sterne“ in den derzeitigen Medien auch wieder präsent, nicht zuletzt von der erneuten TV-Ausstrahlung der beiden Trilogien begleitet. Doch auch im Comic-Bereich ist diesbezüglich alles andere als Stillstand angesagt. Die reguläre Serie wird in raschem Tempo fortgeführt, Sonderausgaben gehören ebenfalls schon zum täglich‘ Brot, und anlässlich des Jubiläums hat man auch noch die Spezialserie „Star Wars Essentials“ ins Leben gerufen, in der einige alte Klassiker aus dem „Star Wars“-Universum neu belebt werden. Mit „Das dunkle Imperium II“ hat man nun ein kleines Schätzchen ausgegraben und erstmals in einem Sammelband zusammengefügt. Dazu gibt es noch das großartige Finale „Empire’s End“, das nahtlos an diese Serie anknüpft und den Klassiker-Status am deutlichsten prägt. Tolle Zeiten für den finanzkräftigen Fan, doch wie bereits die ersten Eindrücke vermitteln, ist der Comic jeden Cent wert.

_Story_

Der Imperator scheint vernichtet, doch Luke Skywalker fühlt sich nach wie vor heimlich von der dunklen Seite der Macht angezogen. Dennoch ist er bestrebt, den weitestgehend zerstörten Jedi-Orden wiederzubeleben und die Allianz an der Spitze dieser Ritterschaft endgültig zum Sieg gegen das Imperium zu führen. Doch vom unabhängigen Planeten Balmorra hört man Gerüchte über die Rückkehr des geklonten Imperators Palpatine. Ein imperialer Kreuzer greift die für seine Waffenschmiede bekannte Welt an, muss sich jedoch den technisch versierten Streitkräften von Lord Baltane beugen. Doch das Imperium hinterlässt eine deutliche Botschaft: Palpatine ist wieder da!

Dies ruft auch Skywalker, Leia und Han auf den Plan, die schließlich die Jagd auf Sedriss, den Führer der imperialen Streitkraft, machen und ihn vernichten. Während sich Luke anschließend aufmacht, gemeinsam mit seinem neuen Jedi-Verbündeten auf dem Planeten Ossus die letzten Verbliebenen des Ordens zu unterrichten und die Jedi zu stärken, versuchen Leia und Han mit aller Macht, ihre beiden Kinder sowie den ungeborenen Nachwuchs zu beschützen. Ihnen wird nachgesagt, dass sie eines Tages Lukes Erbe antreten und das Imperium zugrunde richten werden. Doch der wiedergekehrte Imperator weiß um die Gefahr durch die Sprösslinge und entsendet seine Agenten und den Kopfgeldjägr Boba Fett, um die Kinder auszulöschen. Um seine Rückkehr zu demonstrieren und die endgültige Unterwerfung der Allianz zu forcieren, kreiert Palpatine schließlich eine intelligent Impulswaffe, gegen die selbst die Jedi machtlos scheinen. Doch schon einmal konnte der Imperator kurz vorm Ziel aufgehalten werden …

_Persönlicher Eindruck_

Es ist schon eine mächtige Story, die der riesigen Fangemeinde zum 30-jährigen Jubiläum der Saga beschert wird. Nicht nur, dass die Protagonisten der zweiten, älteren Trilogie allesamt in die Handlung eingeflochten werden und sich darin ähnlich elegant bewegen wie in den drei Ursprungsstreifen, sondern auch die Handlung weiß nach einer etwas längeren Anlaufphase durchaus zu begeistern und geht als legitime Fortsetzung der cineastischen Erlebnisse zu großen Teilen durch.

Doch wie gerade schon angedeutet, bedarf es umfassender Geduld, bis man sich in die Handlung eingefunden hat. Autor Tom Veitch lässt sich enorm viel Zeit zur Konstruktion des Rahmenszenarios und wählt hierzu ein vergleichsweise langsames Erzähltempo. Selbst die actionreicheren Szenen, die zumeist von einzelnen Kämpfchen der Besatzung des Millennium-Falken ausgehen, vermögen nicht, das Tempo zu forcieren.

Schließlich jedoch kristallisieren sich immer mehr Parallelen zur bekannten Kinogeschichte heraus, die zwar anfangs ebenfalls ein wenig mühselig erscheinen, weil die meisten Ideen nicht gerade innovativ sind, doch schlussendlich wird die Story hier im Rückblick ziemlich konsequent fortgesetzt und steigert sich schließlich zu einem recht famosen Science-Fiction-Spektakel, in dem sich die Helden auch sehr gut zurechtfinden. Selbst wenn Veitch einen etwas radikaleren Skywalker zeigt und einige bislang unbekannte, teils auch merkwürdige Charaktere in die Geschichte eingegliedert werden, bekommt man den Eindruck, hier eine treffliche alternative Fortsetzung der Filmreihe vorgestellt zu bekommen, zu der eventuell auch Master Lucas sein Jawort gegeben hätte.

Indes enthält „Das dunkle Imperium II“ zugleich Stoff für gleich mehrere Solobände. Der Comic ist von unheimlich vielen Einschnitten und Wendungen geprägt und spielt sich zudem auch auf zahlreichen, zeitgleich ablaufenden Handlungsebenen ab. Differenziert werden die Wege von Luke, Han und dessen alten Verbündeten nachgezeichnet, dies allerdings vermehrt in Form eines Logbuchs. Dies hat ungünstigerweise zur Folge, dass keine echte Spannung aufgebaut werden kann, weil die Inhalte einfach zu deutlich vorgezeichnet sind. Dennoch gelingt es dem Autor, dieses kleine Defizit durch einige überraschende Kursänderungen wieder zu kaschieren und das Potenzial des Plots niemals zu gefährden. In „Empire’s End“, dem letzten Kapitel des Comics, zieht er schließlich noch einmal die Spannungsschraube für ein richtig starkes, wenngleich nicht übermäßig bombastisches Finale an und bringt eine überzeugende Story mit angemessenen Mitteln zu Ende.

Mit 204 Seiten wird dem „Star Wars“-Fan ein recht reichhaltig bestückter Schinken angeboten, dessen quantitativer Output bisweilen ein wenig langwierig erscheint, der aber dennoch inhaltlich sehr gute Ansätze verfolgt und diese auch gekonnt umsetzt. Der etwas veraltet anmutende Stil der Illustrationen – „Das dunkle Imperium II“ ist zeichnerisch deutlich an die Achtziger angelehnt – mag zwar in diesem Sinne etwas befremdlich anmuten, raubt dem Plot aber dennoch nicht die Stimmung. Aber so ist das eben mit einer vielseitigen, wendungsreichen Geschichte. Kleine Schwächen sind erlaubt, solange die Ideen leidenschaftlich und gekonnt transferiert werden – und das ist hier ganz klar der Fall. Eine essenzielle Ausgabe? Nach einigem Grübeln würde ich dies bejahen.

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Groening, Matt (Herausgeber) – Lisa-Buch, Das

Intelligent, pfiffig und neunmalklug – das ist Lisa Simpson, eine der wenigen Figuren der berüchtigten TV-Serie, der man begründeten Vorbildcharakter nachsagen kann. Während ihr unverbesserlicher Bruder dazu verdammt ist, das Erbe seines beschränkten Erzeugers Homer anzutreten, hat Lisa den Geist ihrer Muter Marge geerbt und steht in allen Lebenslagen für das Gute im Mensch. Im Rahmen der neuen Buchserie „Die Simpsons-Bibliothek der Weisheiten“ hat man der achtjährigen, aufgeweckten Protagonisten unlängst auch ein eigenes Album gegönnt, in dem ihr Leben nicht nur aus der analytischen Perspektive betrachtet wird, sondern welches auch die schrille Realität in ihrem Umfeld umfassend beleuchtet.

„Das Lisa-Buch“ ist unterdessen in vierzig grundverschiedene Kapitel unterteilt, in denen einige mehr oder minder aussagekräftige respektive ernsthafte Artikel über das junge Mädchen verfasst wurden. Man erfährt mehr über Lisas cineastische Vorlieben (zum Beispiel ‚Die Telly-Savalas-Babys‘), erhält Aufschluss über die Funktionalität ihres Gehirns, bekommt mehrere Beweise für ihr übersteigertes Verantwortungsgefühl und erkennt im Laufe dessen all die wesentlichen und markanten Unterschiede, die Lisa zum wohl außergewöhnlichsten Charakter der gesamten Familie machen.

Des Weiteren liefert das Album einen repräsentativen Überblick über die wichtigsten persönlichen Verbindungen und Beziehungen, die Lisa im Laufe von nunmehr fast 20 Staffeln durchlaufen hat. Darin inbegriffen sind natürlich ihr gespaltenes Verhältnis zu ihrem Bruder Bart, die zweckmäßige Freundschaft zwischen ihr und Milhouse und natürlich die Zugehörigkeit zur Intelligenzia in Schule und Stadt. Überdies kommen auch ganz besondere Figuren aus Lisas Leben wieder zum Vorschein, wie zum Beispiel der Saxophonist Zahnfleischbluter Murphy, Mr. Hollis Hurlbut, der Kurator der Springfielder Historiengesellschaft, oder aber Stacy Lowell, die im Herzen aller Mädchen Springfields einen Stein im Brett hat, nachdem sie einst die Spielzeugpuppe Malibu Stacy erfunden hatte. In einzelnen Steckbriefen erfährt man Näheres über Vorlieben und Besonderheiten dieser Persönlichkeiten, wird dabei aber teilweise überrascht. Dass zum Beispiel der unsanfte Tunichtgut Nelson Muntz ebenfalls in den erlesenen Favoritenkreis in Lisas etwas anderem Tagebuch gewählt wurde, war jedenfalls nicht zu vermuten.

Insgesamt wird dem Fan der gelben Familie in diesem kleinformatigen Büchlein also eine ganze Menge geboten, dies aber natürlich nicht, ohne dabei den Witz und Humor der schrägen TV-Reihe aufkommen zu lassen. So nimmt man den familieneigenen Moralapostel immer mal wieder gerne auf den Arm und kreiert im Laufe der einzelnen Episode ein herrlich selbstironisches Sammelwerk über die durch und durch vernünftige Namensgeberin. Natürlich wird in diesem Sinne auch auf sämtlichen Klischees herumgeritten, was sich bei einer Figur wie Lisa ja auch in allen Belangen anbietet. Sei es nun im Hinblick auf ihr uneigennütziges, meist auch übertriebenes Handeln im Namen der Gerechtigkeit oder bezogen auf ihr unermüdliches Pflichtbewusstsein zur Wahrung moralischer Grundsätze: Diese Comic-Figur bietet eine ganze Menge Angriffsfläche, auf deren Basis sich eine entsprechende humorvolle Analyse geradezu anbietet.

Die Umsetzung dessen in „Das Lisa-Buch“ ist zwar bisweilen fast schon albern, zumeist jedoch recht gut und zufriedenstellend gelungen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass sich dieses kleine Album wohl eher an das jüngere Publikum richtet. Zwar beherbergen die 100 Seiten so manches Mal einen versteckten, hintergründig recht anspruchsvollen Witz, doch alles in allem überwiegen hier die Anteile, die vermehrt die Teenie-Sparte unter den Simpsons-Fans ansprechen. Doch eben jene, ganz speziell unter der Voraussetzung, dass sie Lisa in ihr Herz geschlossen hat, sollte sich dieses kleine Schmankerl als Beitrag zur kaum abreißenden Simpsons-Manie nicht entgehen lassen.

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Meddour, Fabrice – Ganarah 1: Die Tränen von Armon Surath

_Story_

In der berüchtigten Kampfkuppel von Armon Surath sind die glorreichsten Tage längst gezählt. Seit einiger Zeit werden die Kämpfe von den korrupten Machthabern der Stadt manipuliert. Der unbeliebte Riese Dzeroff gewinnt Kampf für Kampf, erntet von Seiten des Publikums nur Hass und Verachtung, weil er einige Zuschauerlieblinge bereits ins Jenseits befördert hat. Als die Bewohner schließlich in immer größeren Zahlen das Weite suchen, weil sie die Manipulationen nicht länger akzeptieren wollen, wird der Ruf nach der berühmtesten Kämpferin im Lande wieder laut: Ganarah soll zurück in die Stadt kommen, aus der sie wegen eines außerordentlichen Vorfalls in der Arena einst verbannt wurde. Doch Ganarah lehnt das Angebot des Barons und seiner hinterlistigen Schergen eiskalt ab. Stattdessen kümmert sie sich um die merkwürdige Herumtreiberin Tchenee, die seit einiger Zeit durch den Wald streunt und sich unter anderem auch von menschlichem Fleisch ernährt. Doch mit der Zeit wird der Elitekämpferin bewusst, dass ihr Schicksal sie unaufhaltsam nach Armon Surath zurückführen muss. Wenn nämlich jemand die Lage in der Stadt beruhigen kann, dann Ganarah.

_Persönlicher Eindruck_

Während derzeit die ersten Serien beim |Splitter|-Verlag aufs Finale zusteuern, bereitet man insgeheim schon die nächsten Erfolgstitel für den deutschen Release vor und sorgt so dafür, dass der Fangemeinde der franko-belgischen Comic-Kunst so schnell nicht langweilig wird. Unlängst wurde mit „Ganarah“ eine weitere neue Serie ins Programm aufgenommen, die zu den ersten bedeutenden Werken des noch relativ unbekannten Autors Fabrice Meddour gehört.

Mit dem Auftakt „Die Tränen von Armon Surath“ kann Meddour jedoch nur den ersten Heißhunger auf derartige Fantasy-Kost stillen. Die Geschichte zieht den Leser sofort in ihren Bann und beschwört einen Mythos, der in erster Linie in der faszinierenden Protagonistin Form annimmt. Ganarah ist eine undurchschaubare Akteurin, abweisend und warmherzig, bestimmt und dennoch bisweilen unsicher, jedoch stark und immerzu entschlossen, für ihre Werte und Normen einzutreten. Einst hat sie jedoch einen folgenschweren Fehler begangen. In der Kampfkuppel ihrer Heimatstadt wurde sie zum unaufhaltsamen Berserker und tötete die gesamte Konkurrenz. Dieses nonkonforme Verhalten führte zu ihrem vorübergehenden Bann, den man in Armon Surath jedoch bereut. Der Glanz der Arenakämpfe ist verblasst, die Korruption hingegen nimmt immer unschönere Formen an. Sowohl dem schwächelnden Baron als auch dem flüchtigen Publikum ist eines klar: Die legendäre, mittlerweile verschollene Kämpferin muss zurückkehren, um das Schicksal der Stadt zum Guten zu wenden. Doch Ganarah hat es satt, nach der Pfeife ihrer einstigen Vorgesetzten zu tanzen.

Im Debütband wird die Geschichte von hinten aufgearbeitet. Meddour führt die beiden wichtigsten Charaktere Ganarah und Tchenee ein und erklärt ihre indirekte Verbindung. Nach und nach schildert er die prekäre Lage in Armon Surath und reflektiert Stück für Stück den Vorfall, aufgrund dessen Ganarah aus der Stadt verbannt wurde. Lange Zeit sind dem Leser die Hintergründe nicht bewusst, bis der Autor schließlich mit einem Paukenschlag auf die entsetzlichen Taten der so sympathischen Kriegerin verweist und das zunächst sehr klare Bild der Titelfigur mit einem Mal deutlich verzerrt.

Vom Aufbau her betrachtet, hat der Zeichner und Autor in Personalunion ein sehr geschicktes Format gewählt. Er lässt die Geschichte zügig voranschreiten, wählt über die Interaktion zwischen den verschiedensten Charakteren schließlich jedoch genau den konträren Weg, um den Lebenswandel der eigentlichen Heldin nachzuvollziehen. Diese ungewöhnliche Verquickung funktioniert allerdings in der Tat prächtig. Man findet einen sehr leichten Einstieg in die Story, wird aber auch sehr schnell von den Ereignissen überwältigt und entdeckt Seite für Seite die wachsende Faszination, die vom starken Inhalt ausgeht.

Bereits mit dem ersten Album zu „Ganarah“ ist dem Autor somit ein kleines Meisterwerk gelungen, welches jedoch erst den Auftakt zu einer langfristigen Erfolgsstory bilden sollte. Schließlich ist „Die Tränen von Armon Surath“ genau das, was der Fantasy-Fan vom etablierten |Splitter|-Verlag erwartet, nämlich eine stimmungsvolle, spannende und darüber hinaus meisterlich konzipierte Erzählung mit unheimlich großen Potenzial. Ich freue mich schon riesig auf die Fortsetzung!

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Hegen, Hannes (Hrsg.) / Hegenbarth, Edith (Figurinen) / Dräger, Lothar (Text) – Digedags in Amerika, Die (Amerikaserie, Band 1)

Bereits zu DDR-Zeiten wurden die ursprünglich als Einzelexemplare erscheinenden, meist 25-seitigen |Mosaik|-Heftchen als Reprint-Sammelbände mit jeweils sechs „Digedags“-Ausgaben im Hardcover in recht überschaubarer Zahl herausgegeben. Nach dem Mauerfall stand zu befürchten, dass die Ost-Comic-Kultur sang- und klanglos von den westlichen Cartoons in die Vergessenheit gedrängt würde. Glücklicherweise hatte sich Herausgeber Hannes Hegen aber frühzeitig die Rechte an den Geschichten (Texte: Lothar Dräger) und Figuren (Edith Hegenbarth) gesichert, sodass der Verlag |Junge Welt| wiederbelebt werden konnte und 2005 eine Neuauflage der Digedag-Abenteuer unter dem neuen/alten Berliner Label herausbrachte.

_Die Digedags_

Ihre genaue Herkunft und Verbindung zueinander liegt etwas im Dunklen, es darf jedoch angenommen werden, dass es sich um Brüder handelt. Die drei kleinwüchsigen, offensichtlich männlichen Gestalten (Dig, Dag und Digedag) werden gelegentlich als Zwerge, Gnome oder Kobolde bezeichnet. Zumindest scheinen sie weder zu wachsen noch zu altern. Wobei Digedag eine Zeit lang in den Geschichten gar nicht auftaucht und erst später das Trio wieder komplettiert. Die Digedags begleiten die Menschheit mit Rat, Tat und Witz vom Römer- übers Mittelalter („Ritter Runkel“-Serie) bis ins Raketenzeitalter („Weltraumserie“). Dazwischen machen sie noch Station bei den großen Erfindern, in Amerika und besuchen nicht zuletzt auch kurz den Orient.

|Mosaik| geht bei fast allen Digedag-Serien einen deutschen Sonderweg bei der Vertextung, da sie nicht dem klassischen Stilmittel der Sprechblase, sondern der Bildunterschrift folgen. Das lässt unter anderem mehr Platz für die zeichnerische Gestaltung der Panel. Das ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig – allerdings nicht allzu lange und wird heute gern unter den Begriff „Graphic Novel“ vermarktet. Die Figuren selbst sind stark cartooniert – sprich: überzeichnet – dargestellt, das gilt insbesondere für die Hauptcharaktere. Dig ist klein, dunkelhaarig und insgesamt knubbelig, Dag etwas größer, blond und untersetzt, während der spitznasige Digedag eher hager und rothaarig daherkommt. Gewieft und pfiffig sind alle drei.

_Die Amerikaserie_

Die Amerikaserie startete schon 1979 und liest sich heute noch genauso flott wie damals. In der letzten (7.) Edition von 1989 bestand der gesammelte Amerika-Zyklus (Mosaik-Hefte Nr. 152 bis 211) aus zehn Bänden zu je etwa 150 Seiten, die Neuauflage von 2005 streckt die Serie auf deren fünfzehn, da man hier ganz stringent eine Seitenzahl von ziemlich genau 100 pro Band im Auge hat, was konkret vier Hefte/Kapitel pro Band bedeutet. Die Amerikaserie spielt zeitlich im Rahmen des amerikanischen Bürgerkriegs (1860 – kurz vor Ausbruch bis fast zu seinem Ende 1865) und greift dabei explizit die Sklaverei-Problematik auf, nimmt aber auch andere gesellschaftliche Klischees der noch jungen USA ironisch aufs Korn. Die Amerikaserie gehört noch zu jenen, die ohne Sprechblasen auskommen und quasi untertitelt sind.

_Band 1 – Die Digedags in Amerika (Mosaik 152 – 155)_

Auf ihrer Zeitreise machen die Digedags Station inmNew Orleans des Jahres 1860. Hier finden sie Anstellung als Reporter beim „New Orleans Magazine“, einer der beiden großen Tageszeitungen der Mississippi-Metropole. Ihr Chef Mr. Potter ermutigt sie ganz gern dazu – wie zu dieser Zeit üblich -, jede Meldung etwas aufzubauschen, damit man der Konkurrenz vom „Courier“ etwas voraus hat – aber genau das wird eine Kette von Ereignissen auslösen, die erst fünf Jahre später endet und die Digedags quer über den (nord- sowie süd-)amerikanischen Kontinent reisen und dabei allerlei haarsträubende Abenteuer erleben lässt.

Doch noch ahnen die drei von alledem nichts, als sie die unbedachte Erwiderung des verärgerten Flussschiff-Kapitäns Jonathan Joker über den Zustand seiner alten „Mississippi Queen“ zur Herausforderung zum Schiffsrennen hochspielen. Das wäre an sich nicht der Rede wert, handelte es sich bei der unfreiwilligen Herausgeforderten nicht um das moderne Luxusschiff „Louisiana“. Einmal die (falsche) Meldung über die beiden Tageszeitungen ins Rollen gebracht und hochgejubelt, können beide Kapitäne nun nicht mehr zurückrudern, will jeder von ihnen das Gesicht wahren. Somit kommt es tatsächlich zu einem offiziellen Rennen von New Orleans stromaufwärts nach Baton Rouge. Preisgeld: 10.000 Dollar. Ein kleines Vermögen – zumindest für die Jokers.

Die Digedags haben ein schlechtes Gewissen und entschließen sich dazu, der sympathischen Familie bei ihrem Kampf David gegen Goliath tatkräftig an Bord beizustehen. Immerhin haben sie Käpt’n Joker erst in diese missliche Lage gebracht, sich mit seinem vergleichsweise alten Eimer gegen den technisch sicher haushoch überlegenen Raddampfer zu messen. Zweifelsfrei ist er jedoch einer der besten Lotsen, welche den Mississippi je befahren haben. Die Fachwelt räumt Joker durchaus einige Chancen ein, denn niemand kennt den launischen Fluss besser als er. Sollte die betagte „Queen“ nicht in die Luft fliegen, da ihr Kessel genauso alt und überholungsbedürftig ist wie der ganze Rest des Schiffes, scheint ein Sieg zwar immer noch höchst unwahrscheinlich, aber nichtsdestoweniger möglich.

_Eindrücke_

Wie bereits erwähnt, mutet das Lesen eines Comics ohne Sprechblasen zunächst einmal etwas seltsam an. Haben sich Auge und Hirn einmal damit angefreundet, findet man den Stil sogar höchst angenehm, gewährt er doch auf jeden Fall einen freien, unverstellten Blick auf das liebevoll gestaltete Artwork. Zwar sind insbesondere die Figuren klar als Karikaturen ausgelegt, dennoch sind die Zeichnungen – speziell die der Backgrounds – detailliert und spiegeln die Welt des Mississippi aus der Zeit eines Mark Twain schön und stimmungsvoll wider – inklusive gelegentlich rauchender Colts, allerdings sind auch solche Szenen stets unblutig und haben etwas Komisches an sich. Die Bildersprache ist verspielt, durchaus für Kinder geeignet, wirkt aber alles andere als kindisch oder gar kitschig. Jedes Lesealter kann aus Bild und Text unterschiedliche Stufen an Witz und Ironie herauslesen.

Apropos Ironie. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass es sich hierbei um einen Ost-Comic handelt, der sich mit der Geschichte des intimsten aller Klassenfeinde auseinandersetzt: den USA. Umso erfreulicher, dass trotz aller kleinen Seitenhiebe gegen den American Way of Life der Ton der Geschichte stets politisch ungefärbt und neutral bleibt. Versteckte Indoktrination und verbrämte Sozialismuslehren findet man in der Amerikaserie überhaupt nicht. Lediglich Generaltugenden wie Wissen, Fleiß, Mitleid und Gerechtigkeit werden groß geschrieben. Das ist ein weiterer Punkt auf der Liste, warum die Digedags auch heute noch pädagogisch durchaus gehaltvoll daherkommen. Zeitlos sind sie eh – nicht nur als Charaktere, welche durch die Menschheitsgeschichte reisen, sondern auch ihre Geschichte(n) selbst.

Manche (erfundenen) Personen- und Ortsnamen lassen erkennen, dass Texter Lothar Dräger offensichtlich einen sehr feinen Sinn für Wort- und Sinnspiele besitzt und sich zudem recht gut mit dem amerikanischen Bürgerkrieg bzw. dem Drumherum auskennt. Denn wenngleich die Story natürlich fiktiv ist, so halten sämtliche historischen Eckdaten und Orte prinzipiell auch einem zweiten kritischen Blick stand. Leider hat die 2005er Neuauflage gerade die Auftakt-Geschichte besonders gebeutelt. Durch die Einführung der 100-Seiten-Grenze erfährt der (neue) Leser leider nicht den Ausgang des spannenden Schiffsrennens. Die Ausrichtung auf vier Einzelhefte schneidet das Rennen entzwei. Das Finale und der Auftakt zum eigentlichen Abenteuer findet erst in Band 2 statt: „Die Digedags am Mississippi“.

Was uns unweigerlich zur neuen Aufteilung bringt. Diese ist mit insgesamt 15 Bänden ebenso unglücklich wie die Preisgestaltung von 12,95 €uro pro Band. Es handelt sich zwar um ein kleines Independent-Label, und Kleinauflagen sind sicher teuer, doch neue Publikumsgebiete (grade vielleicht auch im Westen) wird man so nicht ohne weiteres erschließen können. Die bisherige Altersstruktur bei den Digedags-Fans gibt beredt Zeugnis davon: fast ausschließlich (N)Ostalgiker, welche die Serie(n) noch von früher kennen. Was schade ist, denn die Comic-Geschichten sind unterhaltsam, schön gestaltet, pointiert getextet und transportieren stets eine tugendhafte sowie zeitlich unbegrenzt gültige Message mit sich. Dabei kommen sie – um es mit „Kraftwerk“ auszudrücken – ohne „Boing“, „Peng“, „Bumm“ und „Tschak“ aus.

_Fazit_

Die Digedags hätten es verdient, mehr gelesen zu werden. Der neue Band eins der Amerikaserie ist da sicherlich nur ein Appetizer – leider, ohne die zweite Hälfte der Anfangsgeschichte, aber eben ein unvollständiger. Wer die komplette Serie kompakter und besser aufgeteilt haben möchte, sollte zur alten DDR-Ausgabe greifen, welche allerdings nur noch im Antiquariat bzw. von Privat erhältlich ist. Mit etwas Glück bekommt man die alten zehn Bände zusammen und das wahrscheinlich sogar günstiger als die fünfzehn neu aufgelegten für insgesamt rund 195 Euro. Für die Fast-Raritäten muss man aber auf jeden Fall längere Suchzeiten einplanen, scheinbar trennen sich Kenner nur sehr ungern von ihnen. Verständlich.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

„Die Digedags in Amerika“ – Amerikaserie, Band 1
Enthält die Mosaik-Hefte 152 bis 155
© 1979 und (Neuauflage) 2005 – Buchverlag Junge Welt, Berlin
Herausgeber: Hannes Hegen
Text: Lothar Dräger
Figurinen: Edith Hegenbarth
ISBN: 3-7302-1873-5 (neu)
ISBN: 3-7302-0686-9 (alte DDR-Ausgabe, Fast-Rarität)

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Boothby, Ian – Simpsons Comics 129

_Inhalt_

|“1001 gelbe Nacht“|

Einst lebte König Momar als einsamer Herrscher in seinem erhabenen Königreich, unfähig, eine Beziehung zum anderen Geschlecht aufzubauen. Zahlreiche Versuche scheiterten und zwangen den Monarchen dazu, seine kurzweiligen Bekanntschaften hinzurichten. Dann jedoch widerfährt ihm bei einem weiteren Blind Date etwas Merkwürdiges: Anders als bisher wurden seiner Besucherin nicht schon vorab die Augen ausgestochen, so dass sie als erste Haremsdame den König mit eigenen Augen erblicken darf. Und mehr noch: Sein Date kennt die Geschichten von Apu Baba und den vierzig Räubern, Ala-Diddli-Addin und der Wunderlampe sowie die Legende von Sindbart dem Seefahrer. Doch statt den König mit ihren Erzählungen zu unterhalten, bezweckt die kurzzeitige Herzdame etwas anderes: Rache für ihre beiden hingerichteten Schwestern …

_Persönlicher Eindruck_

In der 129. Ausgabe der deutschsprachigen „Simpsons Comics“ begibt sich Stammschreiber Ian Boothby in die Welt der orientalischen Märchen und somit in den reichen Fundus der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, die wiederum von allerhand bekannten Figuren aus der gelben Metropole Springfield gesäumt werden. Zunächst einmal mimt Moe der Barkeeper den rücksichtslosen Monarchen Momar, der auf der Suche nach der Frau an seiner Seite bislang nicht fündig geworden ist. Aus Enttäuschung über seine bisherigen Dates hat er alle weiblichen Bekanntschaften hinrichten lassen. Dann jedoch kommt eine listige Dame (alias Marge) in seine Gemächer und erzählt ihm die berüchtigten Geschichten aus „1001 gelbe Nacht“.

Im ersten Kapitel darf sich der Leser dabei mit dem ständigen Zwist zwischen Flanders und Homer vergnügen. Der arme Ned in der Rolle des Aladin findet per Zufall eine Lampe, durch die der homerische Flaschengeist erscheint. Drei Wünsche gewährt er seinem Besitzer, jedoch nutzt Homer die Wünsche seines reellen Nachbarn dazu, seine eigenen Bedürfnisse abzudecken. Lediglich der Wunsch, die verstorbene Gattin zurückzuholen, wird Aladin erfüllt. Jedoch erscheint diese als Skelett …

Weiter geht es mit dem verwegenen Händler Apu Baba, der von Nelsons Bande bestohlen wird. Einst gehörten ihr 40 Räuber an, doch da der Anführer nicht bereit war, die Krankenversicherung zu bezahlen, sind lediglich vier junge Männer übrig geblieben. Die jedoch täuschen den Geschäftsmann und verschleppen sein ganzes Gut in ihre Höhle. Apu Baba kommt ihnen jedoch auf die Schliche und entdeckt in Sesam, dem Höhlenwächter, alsbald einen treuen Verbündeten …

Schließlich kommt auch noch Bart alias Sindbart an die Reihe; auf seinen zahlreichen Reisen trifft er sowohl auf Aladin als auch auf Nelsons verscheuchte Bande, heiratet derweil eine hübsche Inseldame und durchlebt mit seinen Freunden Martin und Milhouse die spektakulärsten Abenteuer. Und auch für die Gefahr ist er gerüstet, schließlich befinden sich an seiner Seite genügend Mitstreiter, die zu opfern er jederzeit bereit ist. Martin erwischt es als Ersten …

Der neue Comic ist es definitiv wert, mit einer TV-Adaption belohnt zu werden. So viele offenkundige Gags, richtig tolle Persiflagen der legendären Märchen und mal wieder völlig geniale, diesmal jedoch inhaltlich leicht verdrehte Charaktere – das zeichnet den Plot der 129. Ausgabe aus. Boothby erweist sich erneut als Meister seines Fachs und managt den Balanceakt zwischen völliger Alberei und bissigem Humor einmal mehr mit Bravour. Darüber hinaus greift er zentrale Themen der Jetztzeit-Simpsons auf und vermengt sie mit den ‚tatsächlichen‘ Ereignissen aus Tausendundeiner Nacht. Das Ergebnis: eine ziemlich überdrehte, enorm witzige und mit den besten Versatzstücken der Serie geschmückte Story, die kein echter Fan der gelben Familie verpassen sollte.

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Rubio, Kevin – Star Wars: Tag & Bink – Krawall im All (Sonderband 39)

_Story_

Tag Greenley und Bink Otauna sind wahrlich keine Glückspilze; kürzlich erst auf dem Konsulatsschiff von Prinzessin Leia eingestellt, werden sie zu Opfern eines Überfalls des Imperiums. Mit ein wenig Raffinesse gelingt es jedoch, die imperialen Truppen zu überlisten und sich still und heimlich auf Darth Vaders Schiff zum Todesstern zu schleichen. Doch ihnen liegt nicht viel daran, die Maskerade hinter den Uniformen der Sturmtruppen lange mitzumachen, so dass sie kurzerhand das Weite suchen und fast den sicheren Tod erleiden, als sie bei der Flucht vom explodierenden Todesstern auf den Millennium-Falken treffen. Schließlich landen sie auf einer Rebellenbasis in Alderaan, auf der jedoch nur noch die Spuren der letzten Siegesfeier zurückgeblieben sind – und ein penetranter Kopfgeldjäger, der um jeden Preis die Herren Skywalker und Solo in die Finger bekommen möchte. Erneut treten Tag und Bink die Flucht an und siedeln zum Imperium über, wo sie als Wachtposten mit eigenen Augen sehen, wie der Imperator in den Tod stürzt und Vader und Luke ihren letzten Kampf austragen.

In einer anderen Geschichte erzählt Kanzler Palpatine seinem Schützling Anakin von den beiden mutigen Jedi-Anwärtern Tag und Bink, die der künftige Lord Vader während seiner Ausbildung auch selber schon angetroffen hat. Die beiden Schüler haben in der Akademie versehentlich eine wichtige Datei gelöscht und befürchten nun, wegen ihres Ungeschicks erneut durch die Prüfung zu rasseln. Aus Furcht, sie könnten verraten werden, vertrauen sie sich Anakin an und versprechen, ihm bei der Beziehung zu seiner neuen Liebschaft ein wenig unter die Arme zu greifen. Doch Anakin verrät sie, und beim späteren Aufeinandertreffen steht er ihnen mit dem Lichtschwert gegenüber.

_Persönlicher Eindruck_

So manchem mag aufgefallen sein, dass der aktuelle Sonderband der „Star Wars“-Comics einige wichtige Eckdaten der beiden Trilogien beinhaltet, was im Übrigen auch keinem Zufall unterliegt. Kevin Rubios vierteilige Mini-Serie ist nämlich im Grunde genommen eine kurze Zusammenfassung aller sechs Episoden, jedoch auf eine überraschend humorvolle Art und Weise. Der Autor hat sich nämlich das Ziel auferlegt, eine illustrierte Parodie auf die Science-Fiction-Saga zu entwerfen und im Stile von cineastischen Persiflagen wie „Spaceballs“ das gesamte bekannte Drama mal mächtig durch den Kakao zu ziehen – mit dem Unterschied jedoch, dass er sich erstaunlich nahe an die Originalgeschichte hält.

Die wesentlichen Veränderungen sind indes an den tragenden Figuren auszumachen. Neben den beiden Taugenichtsen Tag und Bink ragen diesbezüglich vor allem Lando Calrissian und der schießwütige Boba Fett, hier auch Bubu genannt, hervor. Ersterer schlüpft in die gar nicht mal so unpassende Rolle eines prahlenden Frauenhelds, der sich im ganzen Universum mit seinen parallel geführten Liebschaften Schwierigkeiten bereitet hat und zur Kittung der nachfolgenden Dramen entfernte Freunde herbeirufen musste, denen er nun einen Gefallen schuldig ist. So sind auch Bink und Tag auf der Liste der Schuldner, als sie plötzlich mit einem imperialen Raumer in Cloud City auftauchen und Lando gehörig in Schwierigkeiten bringen. Doch der angeberische Ehrenmann kann ihnen sein Versprechen nicht vorenthalten, wohl wissend, dass die beiden auch schon wieder die nächste weibliche Top-Adresse parat haben. Boba Fett hingegen entwickelt sich im Laufe der Story zum Erzfeind des Duos. Ungerechterweise haben die beiden ihn auf Alderaan verspottet und hilflos zurückgelassen, was der Kopfgeldjäger nicht auf sich beruhen lassen kann und mit einem Akt der Gewalt rächt.

Davon abgesehen, rufen auch die üblichen Bekannten einige gekonnte Lacher hervor; Skywalker zum Beispiel kämpft mit brutalsten Samurai-Techniken, Chewie verliert seine Medaille zu Ehren des Sieges über den Todesstern während einer durchzechten Nacht, Anakin versucht sich bei der Intimität mit seiner Angetrauten in philosophischen Floskeln, Vader lässt sich von den Hauptakteuren nach Strich und Faden vergackeiern, tja, und eben jene Titelhelden sind in jeglicher Aktion und Handlung ein echter Hingucker und darüber hinaus auch ständig für einen lockeren Spruch und erstklassige Situationskomik gut.

Ich kann die Bedenken aller verstehen, die sich ihr geliebtes „Star Wars“-Universum nicht verulken lassen wollen, zumal hier einige Fakten der Kinofilme mit Blödeleien und fast schon naivem Humor mächtig verdreht werden. Doch da Kevin Rubio ein echter Kenner der Materie ist, das Ganze unterdessen nicht wirklich ins Lächerliche zieht und schlicht und einfach einen sehr guten Humor hat, wird man früher oder später erkennen, dass „Krawall im All“ eine definitive Bereicherung für die Welt der „Star Wars“-Comics ist. Außerdem greift der Autor zu keiner Zeit auf Plattitüden zurück und pflegt einen herrlich zweideutigen Wortwitz, der situativ selbst den konservativsten Verfechter des Originals laut prustend aus der Reserve locken sollte. „Tag & Bink – Krawall im All“ ist dementsprechend Pflichtlektüre für all diejenigen, die zwischen den derzeit nicht gerade herausragenden Romanen um die beliebten Helden noch Innovation und Wandel in der Sternensaga erleben wollen. Kevin Rubio öffnet zwar keine neuen Welten, verändert das Bestehende aber um ein Element, das man fortan nicht mehr missen möchte. Aus diesem Grund würde es mich freuen, wenn die hier zusammengefasste Aufarbeitung der beiden Trilogien kein One Shot bliebe. Man wird nämlich das Gefühl nicht los, dass dieser witzige Kerl der Serie noch weitere entscheidende Impulse verpassen könnte.

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Kouno, Fumiyo – Town of Evening Calm, Country of Cherry Blossoms

Die Manganovelle „Town of Evening Calm, Country of Cherry Blossoms“ (jap.: „Yûnagi no Machi, Sakura no Kuni“) von Fumiyo Kouno beschäftigt sich mit den Spätfolgen des Abwurfs der Atombombe ‚Little Boy‘ auf die japanische Stadt Hiroshima, genauer gesagt mit ihren Auswirkung auf das Leben einer von dort stammenden Familie in den Jahren 1955, 1987 und 2004. Fumiyo Kouno nähert sich diesem schwierigen Thema auf zartbittere Weise. Anstatt sich im dokumentarischen Stil auf dessen Beschwerlichkeiten zu konzentrieren, erzählt ihr Comic in leichtfüßiger Weise vom Alltagsleben und lädt so die Leser ein, sich in seine Figuren einzufühlen. Er bietet allerdings keine sensationelle Geschichte des ‚Durchmachens‘, sondern vielmehr eine des Lebens mit dem Unabänderlichen. Was diese Erzählung, abgesehen von ihrer Geschichte als solcher, so gut macht, ist, dass sie nicht predigt: Da gibt es keine symbolischen Rollen und auch keine psychologischen Erklärungen, der Leser bleibt also gefordert, selbst zu denken. Fumiyo Kuono maßt sich nicht an, für alle ‚Hibakusha‘ zu sprechen, sondern verlässt sich ganz auf die Kraft ihrer Erzählung und die Glaubwürdigkeit ihrer Charaktere. Und gerade das macht die Tragweite der Folgen der Katastrophe einer davon selbst nicht betroffenen Leserschaft verständlich.

Wie alle Mangas wird auch „Town of Evening Calm, Country of Cherry Blossoms“ von rechts nach links gelesen. Dies ist das erste Buch, das ich so gelesen habe, und doch hatte ich mich bereits nach wenigen Seiten daran gewöhnt. Die relativ offen angelegte, aber dennoch intuitiv eindeutige Panelstruktur, eigentlich gar keine allzu besondere, trägt zum einfachen Lesefluss ebenso bei wie die schönen, klaren und eindeutigen Zeichnungen: leicht wirkende, scharfe Linien mit klaren Kontrasten, dazu einige Panel mit Details voller Schönheit. Mit wenigen dynamischen Strichen fordern die Charakterzeichnungen die eigene Fantasie heraus, wohingegen üppige, aber niemals überladene Hintergründe Stimmungen erschaffen. So wird die Lektüre unterhaltsam und fesselnd.

Einige Themen ziehen sich, mit den einzelnen Handlungsverläufen clever verwoben, im Hintergrund durch das gesamte Buch. Beiläufig stellen sie Sinnzusammenhänge her: die Baseballversessenheit des Nachkriegsjapan, seine Entschlossenheit zum Frieden als Folge des Krieges, Familienerinnerungen, Überraschungsbesuche und natürlich die Langzeitfolgen des Bombenabwurfes über Hiroshima auf die Hauptfiguren. Davon abgesehen haben wir verschiedene Erzählstränge, die lose miteinander verbunden sind, sich aber erst zum Ende hin als überzeugendes Gesamtbild zusammenfügen. Die grafische Novelle besteht aus drei Teilen, deren erster scheinbar für sich allein oder allenfalls als Vorgeschichte da steht, bis er vom Ende des dritten Teils (welcher einen Handlungsverlauf des zweiten weiterführt) thematisch umschlossen wird.

Das erste Buch, „Town of Evening Calm“, berichtet uns von Minami Hirano, einer jungen Schneiderin, die mit ihrer Mutter Fujimi im Jahre 1955 in einem Bretterbudenslum des Nachkriegshiroshima wohnt. Schilder an allen Straßenecken protestieren gegen Räumungsversuche und fordern zum Widerstand auf. Dem zarten Beginn einer Romanze zwischen Minami und einem Arbeitskollegen namens Uchikoshi stehen ihre Schuldgefühle entgegen, die Explosion, die so viele Leben gekostet hat, überlebt zu haben. Auch wie sie damals damit umgegangen ist, belastet sie. Regelmäßig erinnert sie sich an ihre Geschwister, die durch die Katastrophe umkamen oder danach zu Verwandten fortgingen. Und dennoch verliert sie nicht die Hoffnung, als sie schließlich von der Strahlenkrankheit heimgesucht erblindet … Diese Geschichte wird im Prinzip unmittelbar aus der Perspektive von Minami erzählt, die auf der letzten Seite – nach der durch das Abflauen der Küstenwinde einsetzenden Abendruhe – den Wind von der Stadt her zurückblasen spürt; das symbolische Echo der Bombendruckwelle, die ihre Familie so schwer getroffen hat, nimmt ihren bevorstehenden Tod vorweg.

„Country of Cherry Blossoms, Part 1“ ist im Tokyo des Jahres 1987 angesiedelt. Die bildliche Erzählung behandelt das Geschehen geringfügig distanzierter, allerdings erneut aus der Perspektive ihrer Hauptfigur – welche dieses Mal auf die eigene Kindheit zurückblickt: Nanami Ishikawa, Spitzname Goemon, ist eine junge Schülerin und ein kleiner Wildfang. Sie scheint sich ein wenig zu sorgen, dass sie nicht richtig dazugehört, jedenfalls scheint sie nicht viele Schulfreunde zu haben – abgesehen von ihrer engen Freundin Toko, einem Mädchen aus der Parallelklasse. Beim Baseballtraining bekommt Nanami einen Ball auf die Nase und muss sich unter einem Baum eine Auszeit nehmen (wobei sie ein bisschen wie Charlie Brown aussieht). Wo sie aus dem Spiel ohnehin raus ist, nutzt sie die Gelegenheit, um abzuhauen und ihrem etwas älteren Bruder Nagio im Krankenhaus einen Besuch abzustatten – und stößt dabei unterwegs auf ihre Freundin Toko. Bei der beklagt sie sich noch, dass sie von einer Fremden als Junge wahrgenommen wurde. Im Krankenhaus springt sie bei ihrem Bruder aufs Bett und bestreut ihn und seinen Bettnachbarn mit Kirschblüten vom Schulgelände, wofür sie von ihrer Großmutter (Fujimi Hirano aus dem ersten Teil) gescholten wird, die auch gerade auf Besuch kommt. Am Ende der Geschichte hat sich Nanami mit ihrer Außenseiterrolle abgefunden, aber auch einen Teil ihrer kindlichen Unschuld eingebüßt.

Im dritten Teil des Mangas wird diese Erzählung wieder aufgegriffen, auch wird sie weiterhin aus Nanamis Perspektive erzählt. Allerdings fließt erstmals auch das Erleben ihres Vaters Asahi mit ein, in dessen Geschichte und Wahrnehmung man als Leser kurze Einblicke erhält. „Country of Cherry Blossoms, Part 2“ spielt siebzehn Jahre später und überwiegend wieder in Hiroshima. Dorthin verfolgt Nanami heimlich ihren Vater Asahi, der sich in letzter Zeit angewöhnt hat, ‚lange Spaziergänge‘ zu machen und für eine außergewöhnlich hohe Telefonrechnung sorgte. Seine Kinder fragen sich, ob er vielleicht langsam senil wird. Aber Asahi besucht nur seine alte Heimatstadt, von der er sich entfremdet hatte, als er damals Hiroshima verließ, um mit Tante und Onkel Ishikawa zu leben, die ihn an Kindes statt aufnahmen. Zurück in Hiroshima, besucht er das Familiengrab, desweiteren alte Bekannte. Aber das muss Nanami noch herausfinden. Selber schon in ihren späten Zwanzigern, beginnt für sie eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie. Dabei nimmt sie Toko mit, die sie nach Jahren getrennt verbrachter Zeit, in der sie nichts voneinander gehört hatten, wiedertrifft. Auf ihrer gemeinsamen Reise von Tokyo nach Hiroshima erfährt Nanami, dass Toko und Nanamis Bruder Nagio sich ziemlich gut kennen, und bekommt auch die Schwierigkeiten mit, die ihrer Liebe im Weg stehen – weil Nagio nämlich nicht nur asthmakrank, sondern auch der Sohn eines Hibakusha ist, was ihn in den Augen von Tokos abergläubischen Eltern mit dem Stigma eines bösen Schicksals belegt. Es besteht Angst vor ‚Ansteckung‘. Toko und Nanami müssen sich nun also beide der Vergangenheit stellen. Toko tut einen ersten Schritt, indem sie das [Hiroshima Peace Memorial Museum]http://www.pcf.city.hiroshima.jp besucht, und Nanami, indem sie weiterhin ihrem Vater folgt und ihm schließlich vorsichtige Fragen nach Hiroshima stellt. Am Ende ist die Stille gebrochen, und die Kirschen blühen wieder. Aber wie Minami gesagt hat: Egal, wie oft die Abendstille vergeht, diese Geschichte wird nie zu Ende sein …

Die englischsprachige Übersetzung von Naoko Amemiya & Andy Nakatani kommt im DIN-A5-Format (148 × 210 mm) als Softcoverausgabe mit Einbandklappen vorne und hinten, die sich als Lesezeichen verwenden lassen. Der Druck ist schwarzweiß, abgesehen von den sanften Farben auf dem Einband und den ersten vier Seiten. Die Zeichnungen sind allerdings so nuanciert, klar und lebendig, dass ich Farben beim Lesen überhaupt nicht vermisst habe. Ein schöner Bonus sind die fünf Seiten im Anhang, auf denen einige Quellen und Literaturhinweise gegeben werden, zudem eine einfache Karte von der Bucht von Hiroshima und dem sich daran anschließenden Stadtzentrum mit darin eingetragenen Markierungen der im Buch vorkommenden Orte des Geschehens plus einigen Anmerkungen zu einzelnen Seiten der Geschichte sowie einem zweiseitigen Nachwort der Autorin. Während Rückblenden ist der Sprechblasentext grau gedruckt, sodass sich verschiedene Zeitebenen in der Regel klar trennen lassen. Dennoch ist „Town of Evening Calm, Country of Cherry Blossoms“ kein Buch zum Schnelllesen, da die Erzählung sehr dicht ist.

_Fazit:_ Fumiyo Kounos „Town of Evening Calm, Country of Cherry Blossoms“ ist ein wirklich schöner Manga, der sehr präzise Momente zeichnet, Stimmungen und Erinnerungen vermittelt, dies mit einer verwickelten, über beinahe sechzig Jahre hinweg erzählten Geschichte verbindet, und der darüberhinaus das Andenken der Atombombenopfer Hiroshimas ehrt, ohne jemals ins Predigen zu verfallen. Trotz einiger Gemeinsamkeiten mit klassischen Bildungsromanen ist es in erster Linie eine Geschichte des Überdauerns und der Hoffnung. Die englische Übersetzung im Softcovereinband ist eine hochwertige Luxusausgabe.

Ange (Autor) / Briones (Zeichner) – Legende der Drachenritter, Die – Band 4: Brisken

[Band 1: Jaina 3349
[Band 2: Akanah 3585
[Band 3: Das leblose Land 3826

_Story_

Als in Messara erneut die Kunde vom Auftauchen der Drachen durchdringt, ruft der Kaiser den Notstand aus. Zum Schutze der Stadt ruft er die Vorsteherin des Ordens der Drachenritter zu sich und bittet um Unterstützung bei der Bekämpfung der fürchterlichen Bedrohung. Alsbald reisen Alia und ihre Kolleginnen auf einem geschichtsträchtigen Marsch in die Ödnis, um sich den Drachen zu stellen und sie von Messara fernzuhalten.

Doch schon im ersten Zwischenlager werden die Drachenritter von einer Horde Bestien angegriffen, die sie in einen wochenlangen Kampf verwickeln. Die Opfer auf Seiten des Ordens sind gewaltig, und als die Drachenritter kurz vor der Kapitulation stehen, begreifen Alia, Tora und ihre wenigen, überlebenden Gefährtinnen, dass sie lediglich das Opfer eines riskanten Machtspiels des Kaisers sind, der sich ihrer zum Schutz seiner Machtansprüche entledigen wollte. Verzweifelt, aber aggressiver denn je ziehen die Verbliebenen dennoch in die letzte Schlacht zur Ehre des Ordens und zur Wahrung ihres Standes.

_Persönlicher Eindruck_

Die vierte Episode in Anges mittlerweile auch hierzulande etablierter Serie um die weiblichen Drachenritter war für das Autorengespann sicherlich die bislang schwierigste Ausgabe. Diverse Zeichner wurden vorab verschlissen, sei es nun, weil sie an der Sprachbarriere scheiterten oder eben nicht den gehörigen Zeitaufwand gewährleisten konnten. Traurigerweise begann Jean Florian Tello, der inzwischen fest verpflichtet war, während seiner Arbeit an „Brisken“ Selbstmord und gestaltete das Gesamtunterfangen zu einem mehr als tragischen Ereignis. Nachdem Ange diesen Zwischenfall überwunden hatten, wurde schließlich Philippe Briones verpflichtet, ein äußerst begabter Zeichner, der bereits an unzähligen Disney-Filmproduktionen beteiligt war und nun die Ehre hat, den inhaltlich bis dato mit Abstand besten Band mit seinen Illustrationen zu bereichern.

Die Autoren bleiben indes ihrem Prinzip treu, die Reihe mit Oneshots fortzusetzen. Auch „Brisken“ ist eine losgelöste Story, die zwar auf den gleichen Grundfesten wie die bisherigen drei Alben basiert, jedoch wieder völlig neue Charaktere und Schauplätze in die Welt der Drachenritter einführt. Darüber hinaus ist es sicherlich auch die traurigste und spannendste Geschichte, was sich trotz der Tatsache sagen lässt, dass quasi das Endszenario schon auf den ersten Seiten dargestellt wird, bevor die eigentliche Handlung erst startet.

Ange und Briones starten dieses Mal mit einem wahren Overkill an Eindrücken; bereits die erste Seite, auf der ein brillant illustriertes Massengrab der Titelgeberinnen gezeigt wird, lässt einen nicht kalt, ebenso wenig die majestätisch entworfenen Kampfhandlungen, die sich beinahe durch den gesamten Comic-Roman ziehen und nicht nur Fans unablässiger Action begeistern werden. Auch was den Tiefgang der Story betrifft, muss man beim vierten Band ganz klar vom bisherigen Highlight der Reihe sprechen. Nicht nur, dass ein wahres Wechselbad an Emotionen die Szenerie bestimmt, auch die Verflechtung der Nebenstränge mit der eigentlichen Hauptgeschichte beruht auf bewegenden Wendungen, die weit über das erhoffte Maß an Spannung hinausgehen. Letzten Endes profitieren auch die Charaktere von diesem Setting; Alia und Tora sind allzu menschliche, zudem charismatische Personen, die sofort die Sympathien des Lesers wecken und ein gehöriges Identifikationspotenzial aufweisen. Hinzu kommt, dass ihr gesamtes Handeln nicht bloß glaubhaft wirkt, sondern auch jederzeit den ritterlichen Ursprüngen, die nun einmal einen Teil der Geschichte bestimmen, gerecht wird.

Alles in allem sind es schließlich all diese kleinen Feinheiten, vermengt mit den stimmigen, überwiegend fantastischen Bildern, die „Brisken“ zum bisherigen Höhepunkt der Serie aufsteigen lassen. Galt „Die Legende der Drachenreiter“ trotz durchweg guter Beiträge irgendwie dennoch als Stiefkind der franko-belgischen Comics aus dem |Splitter|-Verlag, erreicht die Reihe spätestens jetzt das hohe Niveau solcher Werke wie „Das verlorene Paradies“ (ebenfalls Ange) und „Die Schiffbrüchigen von Ythaq“. Dementsprechend wird auch hier eine ganz klare, diesmal auch völlig uneingeschränkte Empfehlung ausgesprochen.

http://www.splitter-verlag.de/

Hino, Hideshi – Bug Boy (Hino Horror 2)

Band 1: [„Red Snake“ 4094

_Story_

Sanpei Hinomoto ist ein klassischer Verlierertyp, ein Sonderling, der weder von seiner Familie noch von seinem schulischen Umfeld akzeptiert wird. Schlechte Noten entfremden ihn im Elternhaus, seine Vorliebe für Würmer und Ungeziefer jeglicher Art machen ihn zum abstoßenden Beispiel in der Schule. Doch Sanpei erträgt die Schmähungen tagtäglich, denn er hat sich damit abgefunden, dass er anders ist. Und dennoch ist er insgeheim traurig, dass ihm nur Hass und Verachtung entgegenschlagen.

Eines Nachts folgt dann eine entscheidenden Wende in Sanpeis Leben; ein seltsamer roter Wurm beißt ihn und verwandelt Sanpei über Wochen und Monate in ein anderes Geschöpf: Plötzlich ist auch Sanpei ein Wurm, ganz zum Schrecken seiner Eltern, die ihn versteckt halten und ihn und sich für diese neuerliche Entwicklung hassen. Als er schließlich aus seinem Kokon schlüpft und zum Riesenwurm mutiert, setzt ihn seine Familie aus, um sich endgültig von der Last zu befreien. Doch Sanpei geht seinen Weg, durch die Kanalisation über die Berge bis hin zum Meer. Dann jedoch folgt ein weiterer entscheidender Moment in seinem Leben: Er entdeckt seinen tödlichen Stachel und kehrt an den Ort zurück, an dem er einst so grausam gepeinigt wurde.

_Persönlicher Eindruck_

Auch die zweite Episode aus der neuen Reihe „Hino Horror“ ist ein recht extremes, wiederum verstörtes Beispiel aus dem Gesamtwerk des asiatischen Künstlers Hideshi Hino. Der Autor erzählt in diesem Fall die Geschichte eines stets geprügelten Knaben, der von keiner Seite her Anerkennung erfährt und in seiner Rolle als Sonderling nicht toleriert und geduldet wird. Jeden Tag muss er von Neuem heftig einstecken, sei es nun physisch oder mental, und so entwickelt sich ein immer teuflischerer Kreislauf, aus dem Sanpei nicht mehr ausbrechen kann. So sucht er Zuflucht auf einem abgelegenen Schrottplatz, wo er gemeinsam mit einigen verstoßenen Tieren ein zweites Zuhause findet. Sein gesamter Alltag ist mittlerweile darauf ausgelegt, sich hier zu isolieren und zumindest für einige Momente zur Ruhe zu kommen. Seine Passion für die Tierwelt soll ihm eines Tages jedoch zum Verhängnis werden. Er wird von einem giftigen Wurm gebissen und mutiert infolge dessen immer mehr zu einem schleimigen Etwas. Schließlich nimmt er die Gestalt eines Wurms an und kann sich nach einiger Zeit von seiner Familie absondern. Doch sein Leben verbessert sich auch in seiner neuen Ausprägung nicht; selbst am Schrottplatz erfährt er fortan Ablehnung, doch er findet keine Möglichkeit, den immer deutlicher aufsteigenden Hass in irgendeiner Form zu kanalisieren – bis er dann seine tödliche Waffe entdeckt, die in ihm einen Rachedurst weckt, den er selber nicht für möglich gehalten hätte.

Rein strukturell betrachtet ist „Bug Boy“ sicherlich kein außergewöhnlicher Comic: Ein verstoßener Sonderling wird allerorts mit Füßen getreten, isoliert sich schließlich und entdeckt eines Tages ein Mittel, es seinen einstigen Peinigern heimzuzahlen. Allerdings ist das Setting, das Hino hierzu entworfen hat, einzigartig und ebenso sonderbar wie die Gestalt des Sanpei. Wieder einmal richtet sich seine Story an die extremeren Geschmäcker, die hier mit wahrlich abstoßenden Bildern und Inhalten konfrontiert werden und selbst als hartgesottene Vertreter ihrer Zunft ob der krassen Darstellungen ein ums andere Mal werden schlucken müssen. Hino hat jedoch auch ausschließlich unerfreuliche Schauplätze ausgewählt, um die Atmosphäre entsprechend beklemmend zu halten. Sanpei vegetiert in seinem einsamen Zimmer vor sich hin, gerät später in die Kanalisation, fühlt sich an einem Schrottplatz heimisch und treibt sich in den widerwärtigsten Gegenden der Unterwelt herum. Hinzu kommt seine widerliche Art, sich zu ernähren. Der „Bug Boy“ frisst Kadaver von Hunden und Katzen, zwischenzeitlich entdeckt er auch die Leiche eines jungen Babys und entdeckt später seine Vorliebe für Menschenfleisch. Nun mag man konstatieren, dass diese Aspekte für einen derart abschreckenden Horror-Plot ganz gewöhnlich sind, jedoch verdichtet sich dieses ekelerregende Bild von Seite zu Seite mehr und lässt Hino einmal mehr als Meister der extremen Inszenierung zurück.

Zu extreme Form gilt zweifelsohne auch die nüchterne Erzählstruktur; Hino lässt bewusst keine Spannung aufkommen und führt in „Bug Boy“ eine Art Tagebuch aus der Sicht des Protagonisten, der immer mehr ins Verderben gerät. Dabei arbeitet er auch kontinuierlich mit Kontrasten und lässt den Jungen bzw. den Wurm nie über seine Situation jammern – obwohl dies die menschlichste Reaktion wäre. Aber wie auch schon im vorangegangenen Band des „Hino Horror“ sind Gefühlsregungen und echte Emotionen hier fehl am Platze, wodurch diese dichte, beängstigende Atmosphäre jedoch weiter verstärkt und der Inhalt letztendlich intensiviert wird. Alles in allem hat der berüchtigte Autor mit „Bug Boy“ ein kleine Meisterwerk des asiatischen Horrors geschaffen und dadurch auch einen weiteren Grundstein für seine Anerkennung auf dem deutschen Markt gesetzt. „Hino Horror“ etabliert sich nicht zuletzt dank dieser zweiten Ausgabe sehr schnell zu einem echten Trademark, das wirklich keinen Fan des Genres kaltlassen sollte.

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Balent, Jim – Tarot – Witch of the Black Rose 4

_Story_

Die Hexen der Schwarzen Rose werden von einem vampirischen Elfenkönig heimgesucht, der alsbald versucht, sich Ravens zu bemächtigen, und ihr Visionen von einer menschenlosen Welt aufzeigt, an deren Spitze sie als Königin regieren soll. Raven ist begeistert und lässt sich von Azure in den Bann ziehen, und auch Tarot gerät unwiderruflich unter den Einfluss des Elfenvampirs, als dieser Jon und Boo entführt. Nach und nach durchschauen Raven und ihre Schwestern das verführerische Spiel des dunklen Fürsten jedoch und setzen sich massiv zur Wehr. Doch für die Hexen der Schwarzen Rose sieht es finsterer als je zuvor aus; Azure kennt keine Gnade mit seinen Opfern, und seine dämonische Armee wartet bereits darauf, die fleischgewordenen Hexen endgültig zu verzehren.

_Persönlicher Eindruck_

Die vierte Ausgabe von „Tarot – Witch of the Black Rose“ ist mal wieder ein äußerst zwiespältiges Comic-Spektakel, was in erster Linie daran festzumachen ist, dass Autor Jim Balent erneut eine eher lahme Handlung durch die üppige Fleischbeschau seiner Hauptcharaktere zu überspielen versucht. Erotik pur soll es sein, was im hier versammelten Vierteiler „Die Nebel der Dunkelheit“ geboten wird, und tatsächlich wird sich der Brustfetischist an den Zeichnungen der überdimensionalen Oberweite des Hexenbunds nicht sattsehen können. Allerdings ist derlei Effekthascherei auf die Dauer dann doch ziemlich penetrant, weil man einerseits ganz schnell den Blick fürs Wesentliche, nämlich die eigentliche Story verliert und andererseits der monoton aufgebaute Kampf zwischen den Hexen und dem dämonischen Elfen keinen aus der Reserve locken wird, der auch nur ein kleines bisschen Anspruch an eine Fantasy-Handlung solchen Formats stellt.

So beginnt der vierte Sammelband zunächst mit einer losgelösten Story um ein Tagebuch, in dem die Gelüste einiger Hexen offengelegt werden, das aber außer Riesenbrüsten, plumpen Dialogen und einem gekünstelt philosophischen Ansatz nichts zu bieten hat, was wirklich nennenswert wäre. Dass dann auch noch über eben jene Oberweite diskutiert wird und man sich Sorgen um die Größe des Büstenhalters macht, treibt die Geschichte zielsicher in die Belanglosigkeit und verleitet gleich mehrfach zu einem unfreiwilligen Schmunzeln.

Weiter geht es mit der Hauptstory um den Kampf des zurückgekehrten Azure und der Hexengilde, die dem Fluch des dunklen Elfen völlig zu verfallen droht. Gemeinsam mit einer Armee Untoter und Zombies verschafft er sich Macht und Ansehen in der Unterwelt und nutzt die misanthropische Gesinnung seiner neuen Gespielinnen, um sie sich gefügig zu machen und damit auch den stärksten Gegner bei seinem Herrschaftsanspruch aus dem Weg zu räumen. Leicht bis gar nicht bekleidet widersetzen sich die Damen der Schwarzen Rose und steigern das Gefecht in ein allzu blutigen Szenario, an dessen Ende noch mehr Dämonen, noch mehr nackte Haut und noch mehr Gewalt stehen. Na ja, ob das nun wirklich erotisch oder gar tiefgründig ist – ich will’s mal ernsthaft bezweifeln.

Meiner Meinung nach geht Balents Konzept jedenfalls in „Die Nebel der Dunkelheit“ ganz und gar nicht auf; den Leser mit der Darstellung barbusig illustrierter Hexen auf seine Seite zu ziehen, mag ihm ja mit dem aufreizenden Cover noch sehr eindrucksvoll gelingen. Taucht man jedoch in den weitestgehend sinnentleerten Plot ein und wird sich der gähnenden inhaltlichen Leere bewusst, weicht die Begeisterung der ersten Eindrücke ganz schnell. Keine Frage, Balent versteht es, seine Damen zeichnerisch in Szene zu setzen und die eine oder andere Illustration ist auch wirklich bildgewaltig. Aber der Comic-Ästhetiker benötigt zu seinem Glück dann doch eine ansprechende Story, und die bekommt man im vierten Sammelband von „Tarot – Witch of the Black Rose“ nur sehr, sehr bedingt geboten.

http://www.paninicomics.de/tarot-s10288.html