Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Dan Wells – Sarg niemals nie

„Sarg niemals nie“ wirbt im Klappentext mit dem Spruch: „Ein Sarg. Ein Pflock. Ein Bestseller“, und teilt dem potenziellen Leser damit auf nicht gerade subtile Art und Weise mit, dass es um Vampire geht und sich das Buch wie geschnitten Brot verkauft. Was wohl eine Aussage zur Qualität des Romans sein soll. Allerdings trifft dies auf fast jedes Druckerzeugnis zu diesem Thema zu und so bleibt es dem Leser überlassen, auf den recht schnell weggelesenen 300 Seiten festzustellen, dass er mit diesem neuen Roman von Dan Wells ein echt überflüssiges Produkt in den Händen hält.

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Banks, Iain – Krieg der Seelen

_Das geschieht:_

Im Jahre 2970 droht dem dicht besiedelten Universum Krieg aus dem Jenseits. Seit vielen Jahrtausenden ist es üblich, das Bewusstsein – die „Seele“ – aufzuzeichnen und auf diese Weise vor dem Tod zu bewahren. Jene Zivilisationen, die über die entsprechenden technischen Mittel verfügen, richteten virtuelle Jenseits-Sphären ein, die den Seelen als neue Heimat dienen. Längst wurden diese Sphären miteinander vernetzt, sodass die Seelen die „Himmel“ anderer Intelligenzen besuchen können.

Viele Zivilisationen bestanden auf die parallele Erschaffung von „Höllen“, in denen straffällig gewordene Zeitgenossen für im Leben begangene Verbrechen buchstäblich büßen müssen. Den „Anti-Höllisten“ erscheint dieses Konzept grausam und antiquiert, weshalb sie mit den „Pro-Höllisten“ im Streit liegen. Dieser soll durch einen virtuell und deshalb unblutig geführten Krieg entschieden werden. Dabei geraten die „Anti-Höllisten“ ins Hintertreffen. Im Dienst ihrer guten Sache wollen sie deshalb mogeln. Doch die Gegenseite schläft nicht und trifft Gegenmaßnahmen. Plötzlich droht der „Krieg der Seelen“ auf den realen Kosmos überzugreifen.

Im Territorium der „Kultur“, einem Zivilisations-Bund von Völkern, dem sich auch die Menschheit angeschlossen hat, bemüht sich die „Quietus“-Organisation um Eindämmung. Eine mögliche Bruchstelle des Krieges wurde im Quyu-System geortet, wo sich die „Anti-Höllisten“ der Unterstützung des skrupellosen Industrie-Magnaten Joiler Vepper vom Planeten Sichult versichern. Die „Quietus“-Agentin Yumi Nsaki macht sich auf den Weg in die Krisenzone.

Auf dem Weg nach Sichult ist Lededje Y’breq, eine ehemalige Sklavin, die von ihrem Herrn – Vepper – umgebracht wurde, als „Seele“ einen eigens geschaffenen Real-Körper übernahm und nun auf Rache sinnt. Weitere Parteien mischen sich ein, bis es im Sichultianischen Enablement zum Kampf auf & zwischen Leben und Tod kommt …

_Neue Welt/en mit alten Ansichten_

Bevor man sich vor allem als alter Lese-Hase auf einen Unterhaltungsroman einlässt, der stolze 800 Seiten umfasst (die zugegeben für die im Verkauf einträglichere Paperback-Erstausgabe recht locker und in augenfreundlicher Schriftgröße bedruckt wurden), überlegt man sich das damit verbundene Risiko, mit ewig & elend ausgewalzter Action-Makulatur plus Seifenoper-Schaum dort malträtiert zu werden, wo früher selbst ein kosmisches Science-Fiction-Spektakel nach 200 Seiten endete.

Hinzu kommt, dass „Krieg der Seelen“ bereits der achte Band einer Serie ist, die darüber hinaus durch diverse Kurzgeschichten flankiert wird. Es ist deshalb ohne Vorab-Informationen nicht gerade einfach, sich in das „Kultur“-Universum des Iain Banks einzufinden, zumal der Autor offenbar davon ausgeht, dass sich dort vor allem Leser einfinden, die mit der Vorgeschichte bestens vertraut sind. Jedenfalls springt er umgehend in eine Handlung, die der „Kultur“-Neuling bis etwa Seite 150 interessiert aber verwirrt verfolgt, bevor es ihm gelingt, allmählich zu erfassen, was eigentlich vorgeht und wie Banks‘ Kosmos funktioniert.

Erleichtert wird diese Phase durch eine Weltsicht, die mit dem Begriff „schräg“ sicher gut beschrieben ist. Banks bemüht sich nicht um eine Zukunft, deren Bewohner sich evolutionär auf eine Stufe emporgeschwungen haben, die sich höchstens andeuten lässt. Damit ist nicht die technische Entwicklung gemeint, deren Wunder Banks mit enormem Einfallsreichtum präsentiert. Doch unter dem Fortschritt werden sehr bekannte Charakterzüge deutlich, was sich nicht nur auf eine Menschheit beschränkt, die – so ein bekanntes Topos von Kultur-Pessimisten – nie wirklich aus begangenen Fehlern oder überhaupt dazulernen wird.

|Verstand fördert vor allem Hinterlist|

Banks geht sogar einen Schritt weiter: Er schließt die übrigen Zivilisationen, die das All mit der „Kultur“ teilen, ausdrücklich ein. Der evolutionäre Status ist gleichgültig. Selbst völlig vergeistigte Entitäten haben das Wissen um die Tatsache, dass (Macht-) Gier das Universum regiert, keineswegs vergessen. Sie mischen sogar kräftig auf diesem Niveau mit.

Das Ergebnis ist ein durchweg sarkastischer (sowie auch in einer ohnehin gelungenen Übersetzung fein dosierter) Unterton, den feinfühlige Kritiker blanken Zynismus nennen könnten. (Ein Vorwurf, der Banks seit seinem Erstlings-Roman „Die Wespenfabrik“ folgt.) Der Realist fühlt sich in diesem geradezu anarchistischen Kosmos dagegen überaus heimisch. Wann hat technischer Fortschritt jemals die ausgeprägte Selbstsucht des Menschen eindämmen können? Sie ebnet den Wölfen stattdessen den Weg zu neuen Möglichkeiten, die Schafe zu scheren. Also reihen sich fremde, künstliche und virtuelle Intelligenzen in die bekannten, nun galaxisweiten Ränkespiele ein. Glücklicherweise sind diverse Kontrolleinrichtungen sowie die Tücke des Objekts als Alltagsfaktoren präsent geblieben. Das Universum schlingert deshalb auf seinem Kurs durch Zeit und Raum voran, auch wenn die Kollateralschäden beachtlich sein mögen.

Banks‘ Einfallsreichtum sowie sein Talent, unglaubliche Errungenschaften seiner Zukunft absolut selbstverständlich wirken zu lassen, geben einer ansonsten simplen Handlung wahrlich kosmische Dimensionen. Hilfreich ist außerdem der irre Plot: „Himmel“ und „Hölle“ sind virtuell verwirklichte Sphären geworden, die einerseits sehr real geworden und andererseits vorstellungsfern geblieben sind.

Mit einer Diskussion über die Konsequenzen, die es mit sich bringt, wenn kein postulierter „Gott“, sondern sehr diesseitige Zivilisationen die Entscheidung fällen, ob, wann und weshalb ein Pechvogel in eine der (durchweg sehr archaisch bzw. analog strafenden) „Höllen“ geworfen wird, hält sich Banks klug nicht weiter auf. Seine durchaus vertretenen Meinungen zu politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Aspekten fließen in die Handlung ein, statt diese zu ersetzen.

|Wo waren wir gerade?|

Wie es sich für einen Roman eindrucksvoller Seitenstärke gehört, ist die Handlung nicht nur mehrzügig, sondern nimmt auch manche unerwartete Wendung. Dabei stört es keineswegs, dass einige Stränge nie zusammenfinden. Banks entwickelt ein Ereignis-Panorama, und seine Bühne ist so gewaltig, dass man „Krieg der Seelen“ wahrlich als moderne Space Opera bezeichnen kann. Freilich hat dies zur Folge, dass die Figuren nie wirklich Persönlichkeiten entwickeln. Sympathien oder Antipathien spürt der Leser nicht, das oft detailfroh geschilderte Leiden lässt ihn kalt: Banks hält seine Figuren durchweg auf Abstand. Das Individuum hat es nicht leicht in einem Kosmos, in dem selbst Super-Zivilisationen spurlos verschwinden können.

Banks Prämisse eines zwar gewaltigen aber nicht unbedingt unendlichen und deshalb dicht besiedelten Universums ist ungewöhnlich. So eng ist es dort, dass virtuelle ‚Sub-Kosmen‘ eingerichtet werden müssen, um für Ausweichquartiere zu sorgen. Das Ergebnis ist ein künstliches Multiversum, das noch durch die Möglichkeit kompliziert wird, die Sub-Kosmen ihrerseits virtuell zu erweitern. Da wundert es nicht, dass selbst die geistig und körperlich zusätzlich aufgerüsteten, vernetzten und anderweitig omnipräsenten Intelligenzen die Übersicht verlieren: Was ist hier noch „Realität“? (Übrigens postuliert Banks zusätzlich ’natürliche‘ Parallel-Universen; in „Krieg der Seelen“ geht er darauf dankenswerterweise nicht ein, was den Leser vor dem endgültigen Wahnsinn rettet.)

Die daraus resultierende Unsicherheit fördert paradoxerweise die Illusion dieser möglichen Zukunft. Wie in der realen Gegenwart ist das Leben ein kontrolliertes Chaos geblieben, das nichtsdestotrotz funktioniert. Banks‘ Kosmos wird von Realisten bevölkert, die zwar unter den Sternen leben aber nicht zwangsläufig nach ihnen greifen. Diese Umkehr des recht naiven „Star-Trek“-Glaubens an eine Evolution, die sich mit dem Vorstoß dorthin, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist, quasi automatisch einstellt, kommt den Lesern einer globalisierten und schon jetzt kompliziert gewordenen Gegenwart entgegen. „Krieg der Seelen“ mag keine ‚literarische‘ SF sein, doch ideenreich, spannend und unterhaltsam ist dieser Roman auf jeden Fall! Durch den deutschen Allerwelt-Titel oder das langweilige Cover sollte man sich nicht täuschen lassen.

_Verfasser_

Iain Menzies Banks wurde am 16. Februar 1954 in Dunfermline in der schottischen Region Fife geboren. Er studierte an der nördlich von Edinburgh gelegenen Universität von Stirling Philosophie, Englisch und Psychologie. Nach seinem Abschluss 1974 durchlief Banks die übliche berufliche Odyssee eines späteren erfolgreichen Schriftstellers und verdiente sein Geld u. a. als Gärtner oder Portier eines Krankenhauses. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre reiste Banks durch Europa. Ein ausgedehnter USA-Trip schloss sich an. 1978 kehrte Banks nach England zurück.

Schon in den 1970er Jahren wurde Banks schriftstellerisch aktiv. Mit „The Wasp Factory“ (dt. „Die Wespenfabrik“) erschien 1984 ein erster Roman, der Banks auf einen Schlag bekanntmachte. 1989 startete er den Zyklus um die „Culture“ (dt. „Kultur“), ein lockeres Bündnis intelligenter Zivilisationen, zu denen auch die Menschheit gehört. Die Serie wird kontinuierlich fortgesetzt und bildet eine „future history“, deren Teile indes nicht in chronologischer Reihenfolge erscheinen.

Außer seinen ‚reinen‘ Science-Fiction-Romanen (für die er im Original als „Iain M. Banks“ zeichnet) schreibt Banks (dann ohne „M“) belletristische Werke und Thriller. Aktuell lebt und arbeitet er in Kent.

|Paperback: 799 Seiten
Originaltitel: Surface Detail (London : Orbit Books 2010)
Übersetzung: Andreas Brandhorst
ISBN-13: 978-3-453-52871-0
eBook: 1037 KB
ISBN-13: 978-3-641-07284-1|
http://www.iain-banks.net
http://www.randomhouse.de/heyne

_Iain Banks beim Buchwurm:_
[„Der Algebraist“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3460
[„Die Sphären“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5407
[„Träume vom Kanal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1275
[„Vor einem dunklen Hintergrund“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1282
[„Exzession“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1283

Clifford D. Simak – Die unsichtbare Barriere

simak-unsichtbare-barriere-1964-kleinNur im Geiste vermag der Mensch zu den Sternen zu reisen, doch den Mutanten, die dazu in der Lage sind, schlagen auf der Erde Unverständnis, Angst und Hass entgegen, der eines Tages eskaliert … – Wie üblich schildert Simak dies nicht als blutiges Kampfgetümmel, sondern als Konflikt, der ohne naives Gutmenschentum einfallsreich und friedlich gelöst werden kann: ein Klassiker der Science Fiction.
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Mer, Lilach – Winterkind

Blanka von Rapp ist schön, wohlhabend, hat einen liebenden Mann und eine bezaubernde Tochter. Sie ist eine glückliche Frau, zumindest sollte man das meinen. Doch als ihre Mutter stirbt, wird Blanka von ihrer Vergangenheit eingeholt. Dann verreist ihr Mann kurzfristig, und schon bald sieht Blanka sich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert: es ist Zahltag und kein Geld für die Löhne da!

Schon „Der siebte Schwan“ hat mir ganz gut gefallen. „Winterkind“ ist noch besser. Wie in ihrem ersten Buch hat Lilach Mer auch hier auf Motive aus einem Märchen zurückgegriffen. Ihre Geschichte geht jedoch weit über das Märchen hinaus, oder besser gesagt, es geht in eine völlig andere Richtung. Tatsächlich ist es so, dass das Phantastische hier – im Gegensatz zu ihrem ersten Buch – eine ganz natürliche Erklärung findet. Doch das macht es nicht weniger phantastisch.

Ort der Handlung ist ein Herrenhaus irgendwo in Norddeutschland, in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Das nächste Dorf kann man zu Fuß erreichen, dort leben ein Teil des Personals und die Arbeiter der Glashütte, die Blankas Ehemann gehört, mit ihren Familien. In die Stadt kommt man nur mit einer Kutsche oder zu Pferd. Ziemlich abgelegen. Und es ist Winter. Kein romantischer, freundlicher Winter mit Sonne auf einer glitzernden Schneedecke, sondern ein düsterer, feindlicher Winter. Kälte, trübes, diffuses Licht, Scharen von unheimlich krächzenden Krähen. Der Schnee fällt still und sanft, doch unverrückbar und erdrückend in seinen endlosen Massen, die das Herrenhaus vom Rest der Welt abschneiden und die Bewohner in der Unsicherheit der Situation einsperren.

Wobei es nicht nur eine Unsicherheit ist, sondern eigentlich drei. Zum einen ist Blankas Tochter Johanna ernsthaft krank geworden, und wegen des Wetters ist kein Arzt erreichbar. Zum anderen warten die Arbeiter der Glasfabrik auf ihren Lohn. Jeder Einzelne von ihnen ist darauf angewiesen, dass er regelmäßig sein Geld bekommt, wenn seine Familie nicht hungern soll. Sie können es sich nicht leisten, geduldig zu sein. Die dritte Sache ist subtiler, weniger fassbar, und sie ist an Blanka geknüpft.

Blanka ist unsicher und ängstlich. Sie traut sich nicht nach draußen, nicht mal einen einzigen Schritt. Ständig trägt sie ein Stärkungsmittel mit sich herum, ohne das sie sich den Anforderungen an ihre Person nicht gewachsen fühlt. Warum das alles so ist, erfährt der Leser nur ganz allmählich, durch Rückblenden, Erinnerungen. Dabei sind nicht alle dieser Erinnerungen Blankas. Die Auswirkungen sind dennoch beträchtlich, vor allem, als Blanka unter Druck gerät.

Sophie, Johannas Gouvernante, fallen diese Auswirkungen auf, obwohl sie zunächst nicht weiß, was dahintersteckt. Sophie ist intelligent, gebildet, tüchtig und mutig, und sie hat nicht nur ihren kleinen Schützling gern, sie mag auch Blanka. Als Angestellte steht ihr allerdings keine eigene Meinung zu. Doch die Situation spitzt sich immer mehr zu, und irgendwann muss Sophie sich entscheiden.

Lilach Mer hat all das dicht und nahtlos miteinander verwoben: die Erinnerungen, wachgerufen durch den Spiegel, den Blanka geerbt hat, ihre Ängste und Unsicherheiten, das Tonikum, das mich fast sofort an Sucht denken ließ, letztlich aber noch etwas viel Schlimmeres war; Sophies Beobachtungen, Johannas Fieberträume, die Ereignisse an der Glashütte. Eins bedingt das andere, und so treibt die Situation allmählich auf eine immer bedrohlichere Eskalation zu, noch verstärkt durch die klaustrophobische Abgeschlossenheit hinter den Schneemassen. Schon lange hab ich kein Buch mehr gelesen, das einen solchen Sog entwickelt hätte.

Das ist teilweise auch dem Schreibstil der Autorin zu verdanken. In federleichten, poetischen, fast schon verspielten Worten fängt sie die Stimmung ihrer Geschichte ein, und das mit Wucht, genau wie die Schneeflocken, die so locker und sacht vom Himmel rieseln und doch eine unnachgiebige, unverrückbare Mauer bedeuten. Sehr gelungen.

Bleibt zu sagen, dass das Buch mich wirklich gefesselt hat. Faszinierend, wie viele Facetten, wie viel Entwicklung zwischen so wenigen Seiten Platz hatten. Manche Bücher sind doppelt so dick, und es steht nicht mal halb so viel drin. Setting, Handlung, Figuren, alles kam wie aus einem einzigen Guß daher. „Der siebte Schwan“ mag damals beim Schreibwettbewerb unter den Finalisten gewesen sein. „Winterkind“ hätte ihn womöglich gewonnen.

Lilach Mer ist Juristin und Fachjournalistin und hauptsächlich im akademischen Bereich tätig. Tagsüber arbeitet sie an der Universität, nachts schreibt sie Bücher. „Winterkind“ ist ihr zweiter Roman.

Taschenbuch 280 Seiten
ISBN-13: 978-3-940-85536-7

http://www.dryas.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (5 Stimmen, Durchschnitt: 2,20 von 5)

Akers, Tim – Herz von Veridon, Das

_Jacob Burn hat_ eine Menge Kontakte, sie sind quasi sein Arbeitskapital. Aber das Treffen mit dem bärtigen Hünen in der schäbigen Kleidung stand eigentlich nicht in seinem Terminkalender. Und wenn Jacob geahnt hätte, in welche Verwicklungen ihn dieses Treffen hineinziehen würde, wäre er dem Kerl wahrscheinlich in weitem Bogen aus dem Weg gegangen. Statt dessen muss er feststellen, dass ihm auf einmal eine ganze Menge Leute ans Leder wollen …

_Tim Akers legt_ in seinem Romandebut das Gewicht nahezu ausschließlich auf die Handlung. Insofern ist es kein Wunder, dass die Charakterzeichnung nicht besonders tiefschürfend ausgefallen ist.

Jacob wollte schon als kleiner Junge Pilot werden. Nachdem er jedoch bei seinem Jungfernflug sein Luftschiff zum Absturz gebracht hat, hat die Akademie ihn rausgeworfen, das hat ihn ziemlich verbittert und zum Bruch mit seiner Familie geführt. Seither arbeitet er für Valentine, die Unterweltgröße der Stadt, seine Aufträge erhält er von einer Vermittlerin namens Emily, in die er verliebt ist.

Emily scheint Jacob auch zu mögen, behält das aus beruflichen Gründen aber für sich. Sie ist vor allem pragmatisch veranlagt und tut, was für ihr Überleben notwendig ist.

Mehr gibt es zu den Charakteren eigentlich nicht zu sagen. Obwohl an der Jagd auf Jacob ziemlich viele Personen beteiligt sind, bleiben sie alle auf ihre Funktion innerhalb des Plots beschränkt und entwickeln keine echte eigene Persönlichkeit.

Was die Handlung betrifft, fühlte ich mich teilweise an die „Bourne-Identity“ erinnert. Alle wissen, worum es geht, nur der Held weiß es nicht. Um zu überleben, muss er das schleunigst herausfinden, was bedeutet, dass er abwechselnd damit beschäftigt ist, seine diversen Kontakte aufzusuchen, um an Informationen zu kommen, und damit, sich mit seinen Verfolgern zu prügeln, um ihnen zu entwischen.

Tim Akers erzählt diese Mischung aus Puzzle und Verfolgungsjagd geradlinig und temporeich. Ausschmückungen fehlen fast völlig, die Umgebung wird größtenteils lediglich skizziert. Es geht nicht darum, wo oder wie etwas passiert, wichtig ist nur das Geschehen selbst.

Trotzdem kann man nicht sagen, dass das Setting zu kurz gekommen wäre. Der Autor hat seine Geschichte in einer Welt angesiedelt, die ziemlich … sagen wir mal, beschränkt ist. Im Zentrum steht die Stadt Veridon, sie ist Schauplatz der Ereignisse, hineingebaut in einen Steilhang und von allen möglichen Richtungen umspült von Flüssen. Drumherum gibt es noch ein paar Dörfer und ansonsten Wildnis. Zumindest innerhalb des Radius, der den Stadtbewohnern bekannt ist und der ist offenbar nicht allzu groß.

Dafür hat Veridon in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung erlebt. Seit dem Aufstieg der Kirche des Algorithmus verfügt die Stadt über eine Vielzahl neuer, technischer Errungenschaften, zu denen auch die Luftschiffe gehören. Einen Großteil dieser Technik fand ich allerdings ausgesprochen unangenehm. Die Art und Weise, wie die Piloten ihre Flugschiffe lenken, ist gruselig, der Auftritt des Engramms vor allem eklig. Tatsächlich sind die Praktiken der Kirche insgesamt schlicht menschenverachtend. Erstaunlich, dass die Stadtbewohner sich all dem so bereitwillig unterwerfen, es so selbstverständlich hinnehmen. Schließlich ist die neue Religion noch so jung, dass nahezu jeder Einwohner sich noch daran erinnern kann, wie das Leben davor aussah. Unwillkürlich fragt man sich, wie mies dieses Leben wohl gewesen sein muss …

Natürlich betreibt die Kirche Propaganda. Mir persönlich kam die aber äußerst widersprüchlich vor. Der Mythos von der Entstehung der Kirche besagt, dass die Kirchengründer eine kranke Göttin heilten und dafür mit technischem Wissen beschenkt wurden. Die Darstellung einer Bühnenaufführung dieses Mythos‘ klingt allerdings nicht nach einer Heilung, sondern vielmehr wie die Beschreibung einer allmählichen Demontage. Den Theaterbesuchern scheint diese Diskrepanz erstaunlicherweise nicht aufzufallen.

Und auch das Gerangel um das geheimnisvolle Artefakt, um das es eigentlich geht, erschien mir gegen Ende zunehmend unglaubwürdig. Nachdem Jacob herausgefunden hat, worum es sich handelt, und beschlossen hat, es keiner der darum streitenden Parteien zu überlassen, es aber auch nicht selbst zu benutzen, warum hat er es da nicht einfach platt gemacht? Sämtliche Probleme hätten sich mit einem einzigen Hammerschlag erledigen können. Eine Antwort auf die Frage, was am Ende mit dem Artefakt wirklich geschah, gibt es leider erst im nächsten Band.

_Unterm Strich_ blieb ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Der Plot war ganz gut ausgedacht, sauber aufgebaut und zügig und spannend erzählt. Das Setting dagegen war mehr als gewöhnungsbedürftig. Wer diesbezüglich unempfindlich ist und bei seiner Lektüre vor allem Wert auf Action legt, der ist hier mit Sicherheit richtig. Freunden von Detailreichtum, epischen Geschichten und/oder eindringlicher Charakterzeichnung würde ich von der Lektüre eher abraten. Allen anderen empfehle ich, das erste Kapitel zu lesen, ehe sie das Buch kaufen. Wer mit den Ereignissen in der Steuerzentrale des Luftschiffs keine Probleme hat, dürfte auch mit dem Rest keine haben.

_Tim Akers_ wurde als einziger Sohn eines Theologen in North Carolina geboren. Später zog er nach Chicago, wo er das College besuchte und noch heute mit seiner Frau und seinem deutschen Schäferhund lebt. Er widmet seine Zeit zu gleichen Teilen der Pflege von Datenbanken und dem Führen von Füllfederhaltern. „Das Herz von Veridon“ war sein erster Roman, die Fortsetzung erscheint im Dezember unter dem Titel „Die Untoten von Veridon“.

|Taschenbuch 350 Seiten
Originaltitel „The Heart of Veridon“
aus dem Amerikanischen von Michael Krug
ISBN-13: 978-3-404-20666-7|
http://www.luebbe.de

Gentle, Mary – blaue Löwe, Der (Die Legende von Ash 1)

_|Die Legende von Ash|:_

Band 1: [„Der blaue Löwe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=303
Band 2: [„Der Aufstieg Karthagos“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=333
Band 3: [„Der steinerne Golem“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=377
Band 4: [„Der Untergang Burgunds“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=420

_Söldner auf Abwegen: zwischen Golems, Klonen, Kampfmaschinen_

Der Historiker Pierce Ratcliff entdeckt im Jahr 2000 verschollene Dokumente, die ihn erkennen lassen, dass die Geschichte Europas im 15. Jahrhundert nicht so verlaufen ist, wie es die Lehrmeinung vertritt. Fasziniert liest er die Lebensgeschichte der jungen Frau Ash, die als Waise in einem der zahlreichen Söldnerhaufen des Spätmittelalters heranwächst.

Mit vierzehn gründet sie ihre eigene Kompanie, welche sich unter dem Banner des Azurblauen Löwen rasch Ruhm auf den in ganz Europa verstreuten Schlachtfeldern erwirbt. Schließlich werden Ash und ihre Männer in Ereignisse verstrickt, die ihr Schicksal nachhaltig verändern. Europa sieht sich einer unheimlichen Bedrohung aus dem Morgenland gegenüber, einer Armee, in der sich steinerne Riesen bewegen und die die Sonne verlöschen lässt …

_Die Autorin_

Mary (Rosalyn) Gentle wurde in England im Jahr 1956 geboren. Ihr erster Roman war ein durchschnittliches Jugendabenteuer mit dem Titel „A hawk in silver“ (1977, überarbeitet 1985). Bekannt wurde sie mit der Science-Fiction-Dilogie „Goldenes Hexenvolk“ (1983) und „Altes Licht“ (1987), in der eine Forscherin die Welt Orthe erkundet und auf die verborgene Superwaffe einer uralten, verschwundenen Alien-Rasse stößt.

Wesentlich interessanter sind ihre Fantasy-Romane aus dem „White-Crow“-Zyklus, in dem eine durch die Zeiten reisende Abenteurerin in alternative Versionen unserer Welt reist: „Rats and Gargoyles“ (1990), „The Architecture of Desire“ (1991) und die Haupterzählung in der Sammlung „Left to his own devices“ (1994), plus zwei der Erzählungen in der Sammlung „Scholars and soldiers“ (1989): „Beggars in Satin“ und „The Knot Garden“.

„Die letzte Schlacht der Orks“ (Grunts!, 1992) ist eine Parodie auf alle Fantasy-Epen, in denen die finale Schlacht zur Rettung der Welt ausgefochten wird, nur dass diesmal die Helden auf der falschen Seite stehen: die Orks. Vor ihrem Megaroman „Ash“ (1999) veröffentlichte sie drei Sammlungen von Erzählungen, die auf einer Shared World namens „The Weerde“ spielen. Diese Spielwiese durften auch andere Autoren benutzen.

_Hintergrund_

Im Spätmittelalter, das hier die Kulisse abgibt, bestanden andere Königreiche als heute: das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte einen Kaiser, Frankreich hatte in Ludwig XI einen intriganten „Spinnenkönig“, und im Herzogtum Burgund, das sich von Brügge bis nach Savoyen erstreckte, herrschte der höchste damals bekannte Stand der Kultiviertheit, von der stärksten und bestausgebildetsten Armee mal ganz abgesehen. Viele Feinde gab es stets im Inneren – die Engländer führten einen Bürgerkrieg -, doch an äußeren Feinden gab es im Grunde nur einen: die Türken, die 1453 Konstantinopel, das heutige Istanbul, erobert hatten. Ihr Ansturm führte sie zweimal bis vor die Tore von Wien.

Der Aufhänger für Ashs alternative Weltgeschichte ist die Frage: Wie kam es dazu, dass dieses großmächtige Herzogtum Burgund mit dem Tode Herzog Karls im Jahr 1477 vollständig von der Landkarte verschwand? Könnte es sein, dass noch andere Mächte gewirkt haben, als die aus anerkannten Dokumenten bekannten?

_Handlung_

Mit acht Jahren wird Ash wegen ihres silbernen Haars von zwei Söldnern vergewaltigt, wobei sie Narben im Gesicht davonträgt. Sie tötet beide auf der Stelle. Der Hauptmann der Truppe lässt sie auspeitschen, aber das macht ihr nichts aus. Sie hat bereits mit ihrer eigenen Kriegerausbildung begonnen. Vielmehr schleicht sie ihm in den winterlichen Wald zu einer verfallenen Kapelle nach. Dort wird sie Zeugin eines Wunders. Ein echter Löwe erscheint, herbeigerufen von den Beschwörungen – und dem Fleisch auf dem alten Altar. Der Löwe entdeckt die versteckte Ash im Stechpalmengestrüpp und leckt ihr die Tränen vom Gesicht. Dann verschwindet er im Wald.

Als sie neun ist und bereits ein Kurzschwert tragen darf, bringt der Söldner Guillaume mit ihr eine alte Kuh zum Abdecker ins nahe Dorf. Aber der Zweck dieser Übung wird ihr erst klar, als er sie, nachdem er sie mit Innereien beworfen hat, auffordert, die mittlerweile aufgehängte Kuh zu töten. Das Tier zu töten, sei nämlich etwas ganz anderes als einen Menschen zu töten, der einen selbst angreift und dabei schreit und brüllt. Ash schafft es dennoch unter wildem Schluchzen und unter äußerster Kraftaufbietung, die wehrlose Kreatur ins Jenseits zu befördern.

Als sie zehn Jahre alt ist, kommt sie um ein Haar ums Leben. Sie steht mit ihrem Freund Richard auf der obersten Brüstung des Glockenturmw eines Dorfes, als sie die Truppen des Feindes nahen sieht: das Heer der Durchlauchtigsten Meerjungfrau. Ein Begreifen erfasst sie angesichts dieses Anblicks und der bevorstehenden Schlacht, dass ihre periode einsetzt und sie die Stimme hört. Es ist eine Stimme, die sie selbst unbewusst wiedergibt. Das versetzt Richard in echte Panik. Ist sie von Dämonen besessen? Die Stimme redet von einem taktischen Nachteil in der Schlachtformation. Und als die ersten Mörsergranaten der Geschichte auf ihrem Glockenturm einschlagen, machen sich Ash und Richard erst in die Hose und dann aus dem Staub.

Nach der verlorenen Schlacht werden auch die Gefangenen als Teil der Beute des Siegers verteilt. Eine Nonne, die sich für Ash interessiert, weil sie Stimmen hören soll, wird von dem schmächtigen Mädchen angefleht, sie hier wegzuholen, bevor die Soldaten ihr wehtun. – Damit endet die Schilderung des Winchester Codex aus dem Jahr 1495, also 28 Jahre nach der geschilderten Schlacht (vermutlich bei Mailand 1467).

|ASHS LEBEN, Buch 1|

Das nächste Buch schildert DAS LEBEN ASH, veröffentlicht von F. del Guiz im Jahr 1516, kombiniert mit einem Buch aus dem Jahr 1890 und eigenen Recherchen, die Pierce Ratcliff für sein Buch „Fraxinus“ dargestellt hat. Das 1. Buch von LEBEN trägt den Titel „Fortuna Imperatrix Mundi“ (Göttin Fortuna ist die Herrscherin der Welt).

Ein Jahr lang musste es das Mädchen mit dem silbernen Haar dem Narbengesicht bei den Nonnen aushalten, bevor Godfrey, ein junger Priester, sie herausholte und sie nach Genua brachte, wo sie sich der Kompanie des Greifen auf Gold anschloss. Nun, acht Jahre später, im Juni 1476, verfügt die Neunzehnjährige über ihre eigene Kompanie, immerhin 800 Mann aus ganz Westeuropa. Sie kämpft für den deutschen Kaiser Friedrich III, der seit rund 30 Jahren auf dem Thron sitzt. Sein Stadt Neuss wird von den Burgundern belagert, und die Belagerten essen nach all den Monaten bereits Katzen und Ratten.

Als Ash einen Trupp Reiter von rund 80 Mann ausmacht, lässt sie ohne Zögern zum Angriff reiten. Der blaue Löwe, der ihr Wappen schmückt, flattert im Wind. Die Attacke wird ein voller Erfolg, und erst kurz vorm Lager der Burgunder muss sich Ash zurückziehen, weil sie gegen Feuerwaffen keinen Schutz besitzt. Wird der Kaiser die unautorisierte Eigenmächtigkeit bestrafen? Wird er nicht: Er belohnt Ash weder mit Geld, Gold, Land noch einem Titel. Stattdessen tut er etwas viel Schlimmeres. Sie soll heiraten.

Ihr kaiserlich zugewiesener (und somit unabweisbarer) künftiger Ehemann ist ausgerechnet Fernando del Guiz (ihr späterer Biograph), den sie kurz zuvor beleidigt hat. Schlimmer noch: Als sie in Genua noch ein zwölfjähriger Backfisch war, hat er sie extrem gedemütigt. Und den soll sie jetzt heiraten? Auch seine Tante Constanza ist von diesem Mannweib Ash nicht gerade erbaut. Und jetzt stellt sich Ashs Arzt als eine Ärztin heraus – und als Fernandos Halbschwester Floria. Trotz all dieser Umstellungen gelingt es Ash, den Kopf nicht zu verlieren und das Beste draus zu machen. Und den Kaiser zu beleidigen – das ginge nun wirklich nicht.

Weil sie stets als Mann denkt, kommt sie selbst nicht drauf, was die Heirat für ihre Stellung bedeutet: Als Ehefrau geht all ihr weltlicher Besitz in die hand ihres Gatten über. Das bedeutet unter anderem, dass auch alle ihre Verträge mit den 800 Angehörigen ihrer Kompanie ihm gehören werden. Und damit unterstehen einen Angehörigen des Kaiserhauses, was wiederum den Kaiser besonders freuen dürfte – ein Truppenzuwachs mit einem Federstrich und einem Ja-Wort. Ash fällt ums Verrecken kein Mittel ein, um diese Katastrophe zu vereiteln. Ihr Ja-Wort ist mehr dem Zufall und ihrer Unachtsamkeit zu verdanken.

Im Dom zu Köln, wo sie soeben ruckzuck vermählt worden ist, hat sie jedoch eine folgenreiche Begegnung. Der Mann, der Ash unverhohlen den Hof macht, heißt Asturio Lebraja und ist der Gesandte der Westgoten, die in Karthago ein nordafrikanisches Reich aufgebaut haben, das gegen die mohammedanischen Türken kämpft. Seit die Muselmanen 1453 Konstantinopel erobert haben (also vor gerade mal 23 Jahren), lebt Westeuropa in permanenter Furcht vor Eroberung. Die Westgoten, so scheint es, haben nicht nur sehr fortschrittliche Technologie wie etwa einen lebenden Roboter, einen Golem, sondern sind auch führend in der Mathematik.

Deshalb verwundert es Ash, dass Kaiser Friedrich III noch in der Kathedrale einen Zornesausbruch laut werden lässt, dessen Opfer Lebraja und sein Kollege sind. Ein politisches Manöver, lassen Ashs Berater sie wissen. Die Westgoten haben den Kaiser um Truppenhilfe gebeten, die er nicht rundweg ablehnen will. Daher die gespielte Entrüstung. Das Ergebnis: Fernando del Guiz soll einen Teil seiner „neu erworbenen Truppen“ nach Karthago schicken, um die Südfront zu verstärken. Damit ist Ashs Kompanie gemeint. Sie soll mit Fernando und 200 Mann nach Genua reisen und von dort nach Nordafrika segeln.

|Die Invasion|

In der Hochzeitsnacht kommt Fernando seiner ehelichen Pflicht nach, aber die nächsten 15 Tage nicht mehr. Sorglos lässt er seine – ihre ehemalige Truppe – bis kurz vor Genua traben, so dass selbst Söldnerkollegen keine Mühe haben, sich einzuschleichen und Ash mal kurz hallo zu sagen. Es wäre aber völlig sinnlos, durch Widerspruch die Truppe zu spalten und so ins Chaos zu stürzen. Also hält Ash die Klappe.

Bis sie auf einem Hügel über den Nebel hinwegsehen kann: Genua steht in Flammen! Und was da im Hafenbecken liegt, sind keine Kauffahrer, sondern Kriegsschiffe der Westgoten. Es müssen mindestens 30.000 Mann sein, die sie an Bord haben. Truppentransporter schiffen Soldaten und Golems aus. Letztere sind dabei zu beobachten, wie sie Botschaften zu anderen Orten tragen – zu anderen eroberten Städten? Mit ihren Offizieren ist sich Ash einig, dass die Westgoten eine Invasion gestartet haben, aber nicht bloß eine in Italien, sondern eine in ganz Westeuropa.

Da sie Fernando überreden kann, dem Kaiser eiligst Nachricht zu bringen, zieht sich Ashs Truppe zurück – und gerät dabei mitten in einen Hinterhalt in einem engen Bergtal. Die Westgoten wollen verhindern, dass auch nur ein einziger Söldner oder Ritter entkommt, um den Kaiser zu warnen. Ash gedenkt, ihnen einen Strich durch diese finstere Rechnung zu machen …

_Mein Eindruck_

Roboterhafte Golems, Taktikcomputer in Karthago (!), die ihre Feldherren per Telepathie informieren – all das klingt nicht sehr nach Fantasy. Geschweige denn nach dem Mittelalter, dessen Bild man uns in der Schule überliefert hat. Unsere wachsenden Zweifel gegenüber den Schilderungen, die Ratcliffs präsentiert, werden Anna Longman, der Lektorin seines Verlags, geäußert: Will Ratcliff uns für dumm verkaufen? Sitzt er selbst einem aufgelegten Schwindel auf? Doch was ist mit dem Robotergolem, den er selbst mit einer Archäologin in den Ruinen nahe Tunis ausgräbt?

|Das 15. Jahrhundert|

Die Autorin nimmt uns mit auf einen wilden Ritt, der im ersten Band erst so richtig anfängt. Sie führt uns mitten hinein in ein Mittelalter, das sich an der Schwelle zur Neuzeit befindet, denn die Reformation ist nur noch fünfzig Jahre entfernt. Es ist die zeit der Umbrüche: Die Osmanen haben Konstantinopel, den letzten Rest des antiken Roms, erobert, und zwischen England und Frankreich wütet seit hundert Jahren ein Erbfolgekrieg – ebenso wie der Rosenkrieg zwischen den Häusern York und Lancaster. Burgund scheint inmitten dieser Auseinandersetzungen ein Hort der Ruhe, des Friedens und des Wohlstands zu sein.

|Religion|

In all diesen Kriegen gibt es jede Menge Arbeit für Söldner wie Ash. Die junge Frau hat von Jeanne d’Arc gehört, die etliche Jährchen vor ihr die Engländer besiegte und dafür von ihnen verbrannt wurde. Mit Religion hat Ash, die Silberhaarige, nichts am Hut. Ganz im Gegenteil: Religion verstellt den klaren Blick auf die militärischen und politischen Realitäten. Und es bedarf aller Informationen, um in diesen veränderlichen Bedingungen den Überblick zu bewahren. Liebe gibt es eigentlich nur pro forma, und sie ist ein kurzer Beischlaf, um der Ehepflicht des Zwangsgatten Genüge zu tun.

|Lesben|

Deshalb spielen für Ash die Loyalität und Treue ihrer Untergebenen, für die sie sich verantwortlich fühlt, eine so große Rolle. Mögen andere Frauen herumhuren, für sie kommt das nicht infrage, wenn sie ihren Ruf und den Gehorsam ihrer Offiziere bewahren will. Dennoch entsteht der eindeutige Eindruck, dass Ash auch dem eigenen Geschlecht zärtlich zugetan ist. Floria, die als Mann verkleidete Ärztin, legt sich gern in Ashs Bett, und sie ist nicht die letzte als Mann verkleidete Frau. Sie helfen ihr, sich als Frau unter lauter Männern zu behaupten.

|Westgoten|

Und nun diese Invasion der Westgoten. „Westgoten!?!“, fragt Anna Longman ungläubig, und auch wir fassen usn an den Kopf. Die Westgoten gab es doch nur in Spanien, als Ergebnis einer Völkerwanderung nach dem Untergang Westroms. OK, auch die Wandalen setzten sich in Ex-Karthago fest, um den Byzantinern das Leben schwer zu machen. Aber Roboter und Taktikmaschinen, noch dazu Klone? Das alles ist für Anna Longman schwer zu verdauen.

Es kommt aber noch härter für Ash. Die Westgoten haben eine ägyptische Finsternis über Südeuropa gelegt, der Himmel ist pechschwarz – und das ist keine vorübergehende Sonnenfinsternis, sondern der Beginn einer tödlichen Eiszeit. Vögel fallen vom Himmel, Ernten fallen aus, Gebrechliche stürzen in den Schnee. In dieser Endzeitstimmung lässt die Feldherrin der Westgoten Ash zu sich bitten.

|Geklont?|

Ash blickt überrascht und beunruhigt in ihr eigenes Gesicht. Sie und die „Faris“ teilen sich das gleiche Gesicht. Sie sind Ergebnisse des gleichen Zuchtprogramms der Westgoten, das nur ein Ziel hat: Denn als wäre die Existenz als Klon nicht schon schlimm genug, muss Ash auch mit der Erkenntnis leben, dass die Faris ebenso wie sie selbst per Gedankenübertragung die Informationen eines Taktikcomputers empfangen kann. Doch diese Fähigkeit gedenkt Ash, nur im alleräußersten Notfall preiszugeben. Sie trägt ja jetzt schon den Ruf, eine Heilige zu sein, die wie Jeanne d’Arc „Stimmen“ hört. Sie hat keine Lust, ebenso wie Jeanne auf dem Scheiterhaufen zu enden. Oder als Versuchskaninchen in den Kerkern der Westgoten.

|Ausblick|

Ash ist aus dem Kerker der Faris befreit worden, wenn auch unter schweren Verwundungen. Nun gelangt ihr Tross nach Burgund und – o Wunder aller Wunder! – dort scheint die Sonne wie im Juli. Dankbar lobpreisen die geretteten Subalternen die im Kloster genesende Feldherrin. Die denkt, dass sie dafür eigentlich überhaupt nichts getan hat. Aber Floria belehrt sie eines Besseren.

Die Pflicht wartet auf Feldherrinnen wie Ash. Zum einen will der herzog von Burgund, Karl der Kühne, sie in seiner Residenz zu Dijon sehen. Um zu anderen wollen ein paar Lancaster-Lords sie anheuern, um gegen die Westgoten – und das Haus York, versteht sich – zu kämpfen. Ash entscheidet sich für beides. Herzöge soll man nicht lange warten lassen, sonst bereut man es. Aber die Westgoten verdienen eine Lektion, findet sie. Und so entschließt sie sich, deren Taktikrechner zu zerstören – und dazu muss sie natürlich erst einmal nach Nordafrika.

_Die Übersetzung _

Der deutsche Leser kann froh sein, dass dieser voluminöse Roman in vier Teile von jeweils 550 bis 700 Seiten aufgeteilt wurde. Auf diese Weise kann er nämlich jeden Band in halbwegs vertretbarer Zeit bewältigen. Die Schrift ist groß, so dass die Augen nicht ermüden.

Die E-Mails sind in jeweils eigenen Abschnitten zusammengefasst und in einer anderen, serifenlosen, modernen Schrifttype gedruckt. Sie heben sich so auf den ersten Blick von der „Fiktion“ ab, obwohl sie ja selbst Teil der Fiktion der Autorin sind – eine Metaebene, die so manchen Anlass zum Schmunzeln, aber auch Neuigkeiten bereithält. So etwa stößt der Herausgeber von Ashs Lebensgeschichte in Karthago auf einen begrabenen Golem-Roboter …

|Fehler und Zweifelsfälle|

S. 150: „ihr ward“ statt „ihr wart“.
S. 294: „Es wir[d] ein Chaos.“ Das D fehlt.
S. 322: „Ich habe noch nie gegen Westgoten gekämpft? Wie ist es so?“ Das erste Fragezeichen müsste ein Punkt sein.
S. 366: „Westogenemire“ sollte „Westgotenemire“ heißen.
S. 382: „Das ist mein Gesicht; so sehe ich auch …“ „Auch“ sollte „aus“ heißen.
S. 409: „Das hier ist keine Romanze wie die von Artus oder Peredur.“ „Romanze“ sollte besser „Abenteuergeschichte“ heißen.
S. 463: „Früher ward Ihr Maler.“ Siehe S. 150!
S. 524: „Die Debatte war in Geschrei ausgeastet.“ „Gemeint ist „ausgeartet“.
S. 534: „als hätte[n] wir Ihren akademischen Ruf nicht überprüft.“ Das N fehlt.

_Unterm Strich_

Ein abenteuerliches Mittelalter, das man so nie bei Umberto Eco oder Dan Brown finden wird! Ash ist eine Feldherrin in männlicher Rüstung, die sich ihrer Haut zu wehren weiß (merke: eine Rüstung dient auch als Waffe) und sich die Treue ihrer Offiziere versichern kann. Ihr „Arzt“ wird zu ihrer lesbischen Geliebten, und die fremde Feldherrin aus Nordafrika zu ihrer geklonten Schwester. Als wäre dies nicht genug, machen Kampfmaschinen und telepathische Taktikcomputer Südeuropa unsicher.

Wer weiß, was noch alles an Zumutungen folgt, fragt die Lektorin Anna Longman verunsichert ihren Autor Prof. Pierce Ratcliff, der ihr ein Werk namens „Ash: Die verlorene Geschichte von Burgund“ auftischt. Sind seine Quellen wirklich zuverlässig, ist nur eine ihrer vielen Fragen, die uns aus der Seele sprechen. Auf dieser Metaebene entspinnt sich der häufig ironische Diskurs über die Art und Weise, wie überlieferte Geschichte zustandekommt. „Historische Wahrheit“ entwickelt sich zu einem Begriff, der zunehmend hohler und fragwürdiger wird, je unsicherer und seltsamer die Quellen, die Racliff präsentiert, dem Leser erscheinen.

Das Rätsel um Ash und Burgund zu lüften, erfordert indes drei weitere Bände. Diese dürften noch für etliche erotische und militärische Abenteuer sorgen. Ich jedenfalls fand schon den Auftaktband sehr interessant und unterhaltsam.

|Taschenbuch: 540 Seiten
Originaltitel: A Secret History – The Book of Ash Part 1
Aus dem Englischen übersetzt von Rainer Schumacher
ISBN-13: 978-3404205660|
http://www.luebbe.de

_Mary Gentle bei |Buchwurm.info|:_
[„1610: Der letzte Alchemist“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2360
[„1610: Kinder des Hermes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2662
[„1610: Söhne der Zeit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2681

George, David R. III. – Star Trek Crucible 1: Feuertaufe: McCoy – Die Herkunft der Schatten

_Das geschieht:_

Im Jahre 2267 wird ein Forschungsteam des Föderations-Raumschiffs „Enterprise“ unter dem Kommando von James T. Kirk auf einem namenlosen Planeten aktiv. Dort stieß man auf den „Hüter der Ewigkeit“, ein Wesen oder eine Maschine, die als Portal in die Zeit funktioniert.

An Bord der „Enterprise“ kommt es derweil zu einem folgenschweren ‚Arbeitsunfall‘: Schiffsarzt Leonard McCoy injiziert sich während einer Routinebehandlung versehentlich ein Medikament, das überdosiert paranoide Wahnvorstellungen hervorruft. In diesem verwirrten Zustand flüchtet er auf den Planeten und gerät durch das Zeitportal in das irdische New York des Jahres 1931. Kirk und sein Wissenschaftsoffizier Spock folgen McCoy. Sie können ihn finden und an Bord der „Enterprise“ zurückbringen. Der bald geheilte McCoy er- und überlebt in den nächsten Jahrzehnten viele abenteuerliche Missionen.

Mehr als 300 Jahre in der Vergangenheit versucht sich ein ‚alternativer‘ McCoy damit abzufinden, dass er nach einem versehentlich verursachten Zeitparadoxon für immer im 20. Jahrhundert gestrandet ist. Zu allem Überfluss hat er den Ablauf dieses Zeitstrangs beeinflusst, sodass die Ereignisse ab 1931 einen neuen Verlauf nehmen. McCoy gelingt es, sich in dieser Welt eine neue Existenz aufzubauen. Im Gegensatz zu seinem Leben in der Zukunft ist er auch privat glücklicher, bis er ein Opfer des hier auch im Jahre 1955 noch tobenden II. Weltkriegs wird.

In der Zukunft suchen den ‚originalen‘ McCoy verstärkt Albträume heim, die ihm mit beunruhigender Klarheit ein völlig anderes Leben suggerieren, das er in einer Vergangenheit geführt hat, die niemals Realität wurde. Unterstützt durch Spock bemüht sich McCoy, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen …

|Remake als Relaunch?|

Mehr als vier Jahrzehnte „Star Trek“ fordern ihren Tribut. In fünf mehr oder weniger langlebigen TV-Serien (plus eine Zeichentrick-Version), nach vielen hundert Episoden sowie zehn Kinofilmen, zu denen sich ebenso zahlenstark Romane und Comics gesellen, ist jene Zukunft, die Gene Roddenberry einst schuf, bis auf den Grund ausgelotet. Um dem dennoch weiterhin lukrativen Franchise neues Leben einzuhauchen, wurde „Star Trek“ 2009 erfolgreich „rebootet“, d. h. die Geschichte von Kirk, Spock & Co. mit jungen Darstellern und in einer ‚frischen‘ Zukunft neu gestartet.

David R. George III. schrieb die „Crucible“-Trilogie 2006/07. Sie entstand, um das damals anstehende 40-jährige Jubiläum der ‚klassischen‘ Serie zu zelebrieren, die 1966 erstmals auf Sendung gegangen war, was das Franchise wie üblich als Aufgabe verstand, für ein Produkt zu sorgen, das möglichst viele Käufer finden würde. Falls „würdig“ auch mit „umfangreich“ übersetzt werden kann, hat George die ihm gestellte Aufgabe glänzend gelöst: Einen Buch-Brocken wie diesen gab es zuvor nur in Gestalt von „Star-Trek“-Sammelbänden.

Normalerweise werden „Star-Trek“-Serien auf mehrere Bände verteilt. Auch „Crucible“ ist ein Dreiteiler. Nichtsdestotrotz ist „Feuertaufe: McCoy“ ein abgeschlossener Roman. In einem Vorwort beschreibt der Verfasser sein Problem, in jener dicht geknüpften Chronologie, die den offiziellen „Star-Trek“-Kanon markiert, noch eine Ereignislücke zu finden, die ein ’neues‘ Abenteuer ermöglichte. George wollte bereits aufgeben, als er eine Möglichkeit fand: Mit „Feuertaufe: McCoy“ schlug er einen Parallelkurs zum Kanon ein.

|Bekanntes wird garniert|

In der Tat bietet der in der Zukunft spielende Handlungsstrang über viele hundert Seiten eine Nacherzählung von Ereignissen, die der „Star-Trek“-Fan kennt. Sie werden zur Grundlage einer Geschichte, die sich ansonsten vor allem der Psyche der Hauptfigur widmet: Wer ist Leonard McCoy wirklich, der zwar mit Kirk und Spock zu den „großen Drei“ der klassischen „Star-Trek“-Saga gehört, ohne sich bei seinen zahlreichen Auftritten wirklich in die Karten bzw. hinter die sorgfältig gepflegte Maske der knurrigen ‚Landarztes‘ blicken zu lassen?

Dies führt zu einer ersten Folgefrage: Müssen oder wollen wir den ‚privaten‘ McCoy überhaupt in wahrhaft epischer Breite kennenlernen? Die Antwort ist einfach und für George bitter: eigentlich nicht – und sicher nicht so, wie der Autor es sich und uns McCoy vorstellt. Er tappt dabei in eine für „Star Trek“ typisch gewordene Falle: Die wohl bekannten Helden werden zumindest in ihrer literarischen Version allzu heftig von einem weihevollen Hauch quasi historischer Bedeutsamkeit umweht; schon die Untertitel der drei „Feuertaufe“-Romane sind in ihrem hohlen Pathos nur lächerlich. Dabei ist vor allem die Crew der ersten „Enterprise“ durch ihre Entschlussfreudigkeit und den Hang zum riskanten Abenteuer bekannt und beliebt geworden. Dass George sie nunmehr pompöse Gedanken durch die Köpfe wälzen lässt, bekommt ihnen nicht. Sie sollten weniger denken und mehr handeln, sonst werden sie langweilig.

Aus dem Kanon bekannte Ereignisse werden aufgegriffen, dramatisch vertieft und erläutert. Dabei fügt George ihnen erneut unnötig Schaden zu. Nimmt man vor allem die „Star-Trek“-Abenteuer der ersten Fünfjahresmission unter die Lupe, enthüllen sie einen überaus trivialen Kern. McCoys kurze aber heftige Liebesbeziehung mit der Hohepriesterin Natira („For the World Is Hollow, and I Have Touched the Sky“, dt. „Der verirrte Planet“, Staffel 3, Folge 8) ist ein gutes Beispiel. Sie ist nicht tragisch sondern gefühlsduselig und eine Kette reiner Klischees, die sich als 45-minütiges TV-Spektakel goutieren aber beim besten Willen nicht ‚aufwerten‘ lassen.

|Durch die Pforte, durch den Spiegel|

Alternative Leben sind im „Star-Trek“-Universum keine Seltenheit. Vor allem Jean-Luc Picard würde dies unterschreiben, der in „Inner Light“ (dt. „Das zweite Leben“, ST: The Next Generation, Staffel 5, Folge 25) eine entsprechende Erfahrung machte. Allerdings war dieser Spuk nach 30 TV-Minuten vorüber. McCoys Leben im 20. Jahrhundert zieht sich dagegen nicht nur über viele, viele Seiten, sondern generell in die Länge.

McCoy lernt sogar auf zwei Zeitebenen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Ist dies ein Prozess, der besonderes Interesse weckt? Erneut muss man antworten: nicht so, wie George die Sache angeht. Bis ins Detail dürfen oder müssen wir miterleben, wie McCoy eine Suppenküche renoviert, in einer Getreidemühle schuftet, Rassisten verprügelt sowie als (dieses Mal echter) Landarzt praktiziert. Dabei hält er sich tunlichst abseits der ‚großen‘ Geschichte, um nicht noch größeren Schaden anzurichten; die „Enterprise“ und ihre Besatzung hat er ohnehin aus der Geschichte radiert und Adolf Hitler den Weg zur Weltherrschaft geebnet.

Stattdessen lernt McCoy, sich den Menschen und hier besonders den Frauen zu öffnen, mit denen er stets Schwierigkeiten hatte. Schön für ihn, dass es gelingt, aber ‚gutes‘ = unterhaltsames „Star Trek“ ist das nicht, sondern langweilige Soap-Opera. Wie man die Strandung in der Vergangenheit nicht zur Geschichte macht, sondern in eine (spannende) Geschichte einbettet, zeigt u. a. Barbara Hambley in ihrem 1990 entstandenen „Star-Trek“-Roman „Ishmael“.

Nicht einmal vorgeblich gibt es in „Feuertaufe: McCoy“ eine vergleichbare Hintergrundgeschichte. George arbeitet ausschließlich an seinem doppelten McCoy-Psychogramm. Irgendwann merkt der Leser, dass die Fülle von Details nicht auf kommende Ereignisse vorbereitet, sondern Selbstzweck ist. Spätestens nach diesem Moment der Erkenntnis beginnt er auf der Suche und in der Hoffnung auf ein großes, spannendes Finale den Text zu überfliegen und zu überblättern.

|Moral statt Finale|

Ihm steht eine Enttäuschung bevor, denn in dieser Hinsicht kommt nichts. Der „originale“ und der „alternative“ McCoy begegnen sich nie, der alternde McCoy aus der Zukunft beginnt irgendwann, von seinem ‚anderen‘ Leben zu träumen. Das war’s dann schon. Statt die beiden Handlungsstränge definitiv getrennt zu lassen, konstruiert George diese feigenblattartige Verbindung, die weder logisch noch sinnvoll im Rahmen der erzählten Geschichte ist.

Unendlich viele Seiten widmet George der Vita des ‚alternativen‘ McCoy. Urplötzlich sticht ihm ein notgelandeter Nazi-Pilot ins Herz, woraufhin er tot umfällt. Ende dieser Geschichte, der auf diese Weise jeder Sinn genommen wird. Der Leser fühlt sich nicht grundlos betrogen, wenn ihn der Autor ausschließlich mit der frohen Kunde entlässt, dass McCoy seine chronische Bindungsangst zuvor überwunden hatte.

In der Zukunft geht es ähnlich gänseblümchenhaft weiter. Obwohl George angeblich außerhalb des Kanons schreibt, klebt er dennoch an dessen Vorgaben. Was ihm selbst einfällt, ist belanglos. Das eigentliche Mirakel ist die damit verbundene Entstehung eines Romans, der in seiner deutschen Übersetzung mehr als 800 Seiten umfasst. Es wird noch seltsamer: In zwei (allerdings deutlich seitenreduzierten) Bänden geht das „Feuertaufe“-Epos weiter – freilich definitiv ohne diesen Rezensenten!

_Autor_

David R. George III. gehört zu jenen „tie-in“-Autoren, die sich (bisher) gänzlich der Lohnarbeit für das Star-Trek-Franchise widmeten. In dessen Ereignishorizont geriet er erstmals 1995, als es ihm gelang, ein Skript für die ST-Serie „Voyager“ zu schreiben, das unter dem Titel „Prime Factors“ (dt. „Das oberste Gesetz“) als Episode 10 der ersten Staffel verfilmt wurde.

Während dies Georges einziges (umgesetztes) Drehbuch blieb, begann er ab 1998 Romane und Storys zu schreiben, die im „Star-Trek“-Universum spielten. 1998 stellte man ihn zunächst dem „Deep-Space-Nine“-Darsteller Armin Shimerman an die Seite, der seine Rolle als Ferengi Quark so verinnerlicht hatte, dass er sie in Buchform wieder aufleben lassen wollte.

Nachdem George abermals seine Tauglichkeit als zuverlässig und pünktlich liefernder, sich an die Franchise-Vorgaben haltender Autor, unter Beweis gestellt hatte, wurde er ab 2000 verstärkt mit Aufträgen bedacht. Er arbeitete sich hoch, nahm sich keine Freiheiten heraus oder wurde gar originell und wurde deshalb 2006 für würdig befunden, zum 40. Jahrestag der „klassischen“ ST-Serie „Raumschiff Enterprise“ die Jubiläums-Trilogie „Crucible“ zu realisieren. Da die Leser zufrieden waren bzw. fleißig kauften, rekrutierte das Franchise George 2010 für die neue ST-Buchreihe „Typhon Pact“.

|Taschenbuch: 813 Seiten
Originaltitel: Star Trek Crucible: McCoy – Provenance of Shadows (New York : Pocket Books/Simon & Schuster 2006)
Übersetzung: Anita Klüver
ISBN-13: 978-3-942649-51-3|

|eBook: Dezember 2011 (Cross-Cult-Verlag)
1576 KB
ISBN-13: 978-3-942649-97-1|
http://www.cross-cult.de
http://www.startrekromane.de

_“Star Trek“ bei |Buchwurm.info|:_
[„Sternendämmerung“ (Star Trek) 673
[„Sternennacht“ (Star Trek) 688
[„Star Trek Voyager – Das offizielle Logbuch“ 826
[„Star Trek V – Am Rande des Universums“ 1169
[„Jenseits von Star Trek“ 1643
[„40 Jahre STAR TREK – Dies sind die Abenteuer …“ 3025
[„Star Trek Deep Space Nine: Neuer Ärger mit den Tribbles“ 4171
[„Star Trek Voyager: Endspiel 4441
[„Star Trek – Vanguard 1: Der Vorbote“ 4867
[„Star Trek – Titan 1: Eine neue Ära“ 5483
[„Star Trek – Next Generation: Tod im Winter“ 6051
[„Star Trek – Next Generation: Widerstand“ 6141
[„Star Trek – Next Generation: Quintessenz“ 6199
[„Star Trek: Deep Space Nine – Sektion 31 – Der Abgrund“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6378
[„Star Trek – Destiny 1: Götter der Nacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6622

Thiemeyer, Thomas – Logan und Gwen (Das verbotene Eden 2)

Das verbotene Eden:

Band 1: David und Juna“
Band 2: „Logan und Gwen“
Band 3: „Magda und Ben“

Gwens Leben ist völlig aus der Bahn geraten. Juna hat sie verlassen … für einen Mann! Um sich von ihren Schuldgefühlen abzulenken, meldet Gwen sich freiwillig für ein Himmelfahrtskommando. Und gerät prompt in Gefangenschaft!

Wie sich in dieser Fortsetzung zu |Das verbotene Eden| herausstellt, ist die Frage, wie es mit David und Juna weitergeht, gar nicht relevant. Letztlich geht es darum, wie es mit den Zurückgebliebenen weitergeht. Dabei tauchen natürlich auch ein paar neue Charaktere auf.

Gwen war schon immer eher der häusliche, sorgende Typ. Nicht umsonst will sie unbedingt Heilerin werden. Das bedeutet aber nicht, dass sie völlig harmlos ist. Gwen weiß sich durchaus durchzusetzen, und wenn es drauf ankommt, beweist sie auch Mut und Kampfgeist.

Auch Logan sieht man den Kämpfer nicht unbedingt an. Er ist weder besonders groß noch besonders muskelbepackt. Dafür benutzt er im Gegensatz zu vielen anderen auch seinen Kopf. Außerdem ist er ziemlich gut darin, andere einzuschätzen. Und wie David hat er ein ausgeprägtes Gespür für richtig und falsch.

Cedric, dem Sohn von Logans Warlord, geht dieses Gespür vollkommen ab. Er ist ein hinterhältiger, eitler, ehrgeiziger Egomane, der Begriffe wie Verantwortung, Fairness oder Diplomatie unter P wie Papierkorb ablegt. Unnötig zu erwähnen, dass ein solcher Mensch ausgesprochen rachsüchtig reagiert, wenn jemand ihm einen Strich durch die Rechnung macht.

Schon bei der Charakterzeichnung des ersten Bandes fiel mir auf, dass Thiemeyers Charaktere nur mäßig Schattierungen aufweisen. Von Anfang an ist klar, wer die Guten und wer die Bösen sind, Grauzonen fehlen. Obwohl die Figuren ansonsten gut und nachvollziehbar angelegt sind, empfand ich diesen Punkt zunehmend als störend, vielleicht auch deshalb, weil die Personenkonstellation sich in beiden Büchern so sehr ähnelt: Für Juna und David kamen Gwen und Logan, für den Abt der Benediktiner kam Logans Vater Gunnar, für Amon kam Cedric. Eine Weiterentwicklung einzelner Charaktere wäre da womöglich hilfreich, getan hat sich diesbezüglich leider nichts. Selbst Edana, die nach den Vorfällen an der Raffinerie so überraschend mild reagierte, ist wieder genau dieselbe erbarmungslose Männerhasserin wie zuvor.

Auch die Handlung weist spürbare Parallelen auf. David wurde von den Frauen gefangen genommen, diesmal ist es Gwen, die in die Hand der Männer gerät; Amon war auf Juna eifersüchtig, Cedric ist eifersüchtig auf Logan. Das zieht sich durch nahezu die gesamte Grundhandlung. Die beiden Teile unterscheiden sich kaum darin, was geschieht, höchstens darin, wie es geschieht.

Dazu kommt, dass das Hauptaugenmerk natürlich auf Logan und Gwen liegt. Und auch diesmal hat sich der Autor viel Zeit damit gelassen, zunächst einmal die jeweilige Situation der beiden zu zeigen, ehe er sie zusammentreffen lässt. Bis es so weit ist, ist das halbe Buch gelesen. Richtig ernst wird es für die beiden erst auf den letzten hundert Seiten.

Da sich die Handlung so eingehend mit Logan und Gwen beschäftigt, bleibt für das Geschehen im Hintergrund, die Entwicklung hin zu einem erneuten Krieg, nicht mehr viel Raum, sodass die eigentliche Weiterentwicklung der Geschichte nahezu untergeht.

Einziger wirklich neuer und daher interessanter Aspekt waren die Zusammenhänge mit der Figur des Wanderers. Mit ihm ist allerdings ein Punkt ins Licht gerückt, den ich schon im ersten Band als unlogisch empfunden habe. Bereits dort fragte ich mich, warum die Stadt und ihre Umgebung keinen Kontakt zum Rest der Welt haben. Jetzt werden erstmals Wanderer erwähnt, Männer, die man in ihrer Funktion mit mittelalterlichen Barden und reisenden Geschichtenerzählern vergleichen könnte. Und doch erscheint mir das zu wenig. Gut, reisen ist gefährlich, aber das hat die Menschen noch nie davon abgehalten herauszufinden, was hinter dem Horizont liegt. Gibt es denn niemanden, der wissen will, wie das Leben in anderen Gegenden der Welt aussieht? Warum hat weder der Inquisitor noch der Rat der Frauen je versucht, dort vielleicht Verbündete zu finden? Neue Ressourcen zu erschließen? Verlorengegangenes Wissen aufzustöbern? Diese extreme Isolation erscheint mir höchst unwahrscheinlich.

Alles in allem bleibt zu sagen, dass das Buch nicht wirklich schlecht war. Auch der erste Band war ja nicht schlecht. Aber so richtig gefangennehmen konnte es mich auch nicht. Was im ersten Band noch einen erheblichen Teil der Faszination ausmachte, nämlich das Setting, ist jetzt bereits bekannt. Die neuen Figuren weisen starke Ähnlichkeit zu denjenigen auf, die nicht mehr dabei sind, gebliebene Figuren haben sich zu wenig entwickelt. Und die Handlung ist in ihren Grundzügen ebenfalls nahezu dieselbe. So las die Geschichte sich großteils wie ein riesiges Déjà-vu.

Ich hoffe deshalb sehr, dass der dritte Band etwas frischen Wind mitbringt. Der Titel „Magda und Ben“ klingt schon mal vielversprechend, und sei es nur, weil da offenbar Personen im Mittelpunkt stehen werden, die alt sind und bereits eine gemeinsame Vergangenheit haben. Wenn dazu noch etwas Bewegung in das Denken und Fühlen des einen oder anderen Charakters kommt, etwas mehr von der großen weiten Welt und etwas mehr Dynamik in die Ereignisse – immerhin droht da ein Krieg! – dann könnte der Abschluss der Trilogie durchaus noch einmal interessant werden.

Thomas Thiemeyer stammt aus Köln und arbeitete nach einem Geologie- und Kunststudium zunächst als Grafiker und Illustrator, eher er sich vermehrt dem Schreiben zuwandte. Sein Debutroman „Medusa“ erschien im Jahr 2004, seither hat er eine ganze Anzahl weiterer Romane geschrieben, nicht nur Thriller, sondern auch den Jugendbuchzyklus Die Chroniken der Weltensucher, der inzwischen aus vier Bänden besteht. Wann der letzte Teil von Das verbotene Eden erscheint, steht noch nicht fest.

Gebundene Ausgabe: 463 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-65325-8

http://www.droemer-knaur.de/home
http://www.thiemeyer.de/

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Howard, Jonathan L. – Institut für Angst und Schrecken, Das (Johannes Cabal 3)

_Die |Johannes-Cabal|-Trilogie_

Band 1: [„Seelenfänger“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6176
Band 2: [„Totenbeschwörer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6719
Band 3: _“Das Institut für Angst und Schrecken“_

_Johannes Cabal ist_ bekannterweise nicht gerade ein Menschenfreund. Damit er sich bereit erklärt, einen Anwalt, einen Kunsthändler und einen Leichenbestatter bei ihrer Mission zu unterstützen, ist also ein sehr starker Anreiz notwendig. Der Silberschlüssel, der seinem Träger Zugang zu den Traumlanden gewährt, ist für Cabal durchaus Anreiz genug. Allerdings hat er keine Ahnung, worauf er sich da tatsächlich einlässt …

_Wie in den_ vorigen Bänden auch steht Johannes Cabal im Mittelpunkt der Geschichte. Aber anders als bisher muss er die Handlung diesmal fast allein tragen. Denn die diversen Bewohner der Traumwelt sind nur etappenweise Mitglieder der Truppe, und die drei Auftraggeber Cabals sind im Vergleich zu Horst oder Leonie Barrow ziemlich blass und farblos geraten. Der Leser erfährt im Grunde gar nichts über sie und sie tun kaum etwas, außer sich zu beschweren. Nicht sehr ergiebig.

Auch im Hinblick auf Handlung und Hintergrund fehlte es mir diesmal ein wenig an Würze. Vielleicht liegt das – zumindest zum Teil – daran, dass ich Lovecraft nicht gelesen habe. Denn auf dessen Cthulhu-Mythos hat Howard in diesem Band regelmäßig zurückgegriffen. So ist die Traumwelt, in der nahezu die gesamte Handlung spielt, offenbar ein fester Bestandteil davon, den Howard lediglich für seine Zwecke etwas modifiziert hat, was ich erst beim Lesen des Anhangs erfuhr.

Einzelne, kurze Abschnitte zwischen den Kapiteln befassen sich mit Cthulhu, Nyarlathotep und Konsorten, klingen allerdings ziemlich schräg. Möglich, dass sie eine Menge Anspielungen enthalten, wenn ja, sind diese leider wegen Unkenntnis des Originals völlig an mir vorübergegangen.

Das allein kann es aber auch nicht gewesen sein. Mehr oder weniger unabhängig von der eigentlichen Thematik hat Howard im „Seelenfänger“ alle möglichen Arten menschlicher Schwäche durch den Kakao gezogen, im „Totenbeschwörer“ den Kriminalroman. Gleichzeitig hat er in beiden Bänden nicht mit Seitenhieben gegen alle möglichen Institutionen wie Bürokratie oder Militär gespart.

All das fehlt hier. Selbst, wenn mir ein Großteil der möglicherweise im Zusammenhang mit Lovecrafts Werk vorhandenen Satire entgangen sein sollte, wo ist der Rest? Gut, es finden sich ein paar bissige Kommentare in Bezug auf Dichter/Schriftsteller und ihre übertriebenen Vorstellungen, und auch von Zauberern hat Cabal keine allzu gute Meinung. Im Vergleich zu dem verbalen Feuerwerk aus den beiden Vorgängerbänden wirkt das aber eher wie ein zu spät gezündeter Knallfrosch.

Das ist deshalb fatal, weil das Buch dadurch das verliert, was Howards Romane bisher aus der Masse der Fantasy herausgehoben hat. Ohne den sprühenden Witz, wie er zum Beispiel die Wortgefechte zwischen Leonie Barrow und Johannes Cabal auszeichnete, ohne den entlarvenden schwarzen Humor ist die Suche nach der materialisierten Angst zum Zwecke ihrer Zerstörung vielleicht eine Queste mit etwas schrägem Ziel. Trotzdem ist es nicht mehr als eine Queste, die nach dem üblichen Schema abläuft: Die Gruppe muss ein paar Gefahren überwinden, womöglich auch ein paar Verluste hinnehmen, erreicht aber letztlich den Gegenstand ihrer Suche. Vielleicht sind die Gefahren ein wenig schräger als in anderen Büchern, und vielleicht ist das Endergebnis nicht unbedingt das geplante. Um den Leser mitzureißen, wie es die beiden anderen Bände taten, reicht das aber nicht.

Zu guter Letzt fand ich auch das Ende etwas enttäuschend. Nicht, weil es quasi vollkommen offen ist, sondern weil das gesamte Unternehmen rückblickend betrachtet keinerlei Sinn ergibt. Schon beim Showdown, der in diesem Fall gänzlich verbal ausgefochten wird, hatte ich so meine Schwierigkeiten. Irgendwie schien mir die Unterhaltung etwas zusammenhanglos. Ein wenig kam ich mir vor wie im Interview mit einem Politiker: die Antworten waren teilweise wortreich, hatten aber nicht unbedingt etwas mit der Frage zu tun.

Nun will ich die Möglichkeit nicht ausschließen, dass die eigentliche Antwort zwischen den Zeilen stand, und ich schlicht zu doof war, sie zu verstehen. Das ändert leider nichts an der Tatsache, dass ich mit einem Gefühl der Unzufriedenheit zurückblieb. Dass Cabals Gegenspieler sich bei einigen entscheidenden Fragen schlicht geweigert hat, überhaupt zu antworten, macht es nicht besser. Und wie gesagt: Im Grunde ist noch immer alles völlig offen.

_Unterm Strich_ ist dieser Band nach meinem Dafürhalten ein gutes Stück hinter seinen Vorgängern zurückgeblieben. Wer bereits vom zweiten Band enttäuscht war, weil die Thematik eine völlig andere war als im Ersten, der dürfte diesen dritten Band noch weniger begrüßen, denn das, was die Geschichten um Johannes Cabal weit mehr ausmachte als sein Beruf, nämlich ihre schonungslose und doch augenzwinkernde Abrechnung mit Auswüchsen aller Art, fehlt hier nahezu völlig. Trotz der aberwitzigen Grundidee verläuft die Handlung spannungsarm und trocken, alle Figuren, die neben Cabal noch etwas Interesse wecken könnten, spielen lediglich winzige Nebenrollen. Vielleicht können Kenner des Cthulhu-Mythos der Sache noch etwas mehr abgewinnen, alle anderen können sich höchstens mit der Hoffnung trösten, dass – obwohl der Verlag den Zyklus als „Trilogie“ bezeichnet – auf das so offene Ende vielleicht doch noch ein vierter Band folgen wird, der wieder denselben lebhaften Esprit atmet wie der „Seelenfänger“ und der „Totenbeschwörer“.

_Jonathan L. Howard_ lebt in Bristol, ist seit 1990 ein fester Bestandteil in der Branche Computerspiele, außerdem schreibt er Drehbücher. 2005 erschien seine erste Kurzgeschichte „Johannes Cabal and the Blustery Day“, und nach einer weiteren Kurzgeschichte folgte der erste Band der Romanreihe über seinen ungewöhnlichen Helden.

|Taschenbuch 347 Seiten
Originaltitel: The Fear Institute
Deutsch von Jean-Paul Ziller
ISBN-13: 978-3-442-47035-8|
http://www.johannescabal.com
http://www.randomhouse.de/goldmann

von Michalewski, Nikolai (als Mark Brandis) – Mark Brandis: Vargo-Faktor (Band 23)

_Mark Brandis bei |Buchwurm.info|:_

Band 01: [„Bordbuch Delta VII“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6535
Band 02: [„Verrat auf der Venus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6539
Band 03: [„Unternehmen Delphin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6536
Band 04: [„Aufstand der Roboter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6618
Band 05: [„Vorstoß zum Uranus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6630
Band 06: [„Die Vollstrecker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6636
Band 07: [„Testakte Kolibri“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 08: [„Raumsonde Epsilon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6781
Band 09: [„Salomon 76“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 10: [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6801
Band 11: [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6802
Band 12: [„Alarm für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6882
Band 13: [„Countdown für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6908
Band 14: [„Kurier zum Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6938
Band 15: [„Die lautlose Bombe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6962
Band 16: [„PILGRIM 2000“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7167
Band 17: [„Der Spiegelplanet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7194
Band 18: [„Sirius-Patrouille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7267
Band 19: [„Astropolis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7390
Band 20: [Triton-Passage]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7391
Band 21: [Blindflug zur Schlange]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7618
Band 22: [Raumposition Oberon]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7654

_Band 23: Vargo-Faktor – Zur Story_

Nach den Querelen, denen sich die „Unabhängige Gesellschaft zur Rettung Raumschiffbrüchiger“ – kurz: UGzRR – in jüngster Vergangenheit gegenüber sah (vgl. Band 22 – „Raumposition Oberon“) sitzt sie, und damit auch ihr erster Vormann Commander Mark Brandis, fester im Sattel denn je. Dennoch kann die Organisation natürlich immer gute Publicity gebrauchen. Daher ist Star-Reporter Martin Seebeck (siehe auch: „Aktenzeichen: Illegal“, „Sirius-Patroullie“) herzlich eingeladen, mal wieder mit zu fliegen, wenn die multinationale Rettungstruppe im Namen der guten Tat unterwegs ist. Selbstverständlich kommt er auf der ‚Henry Dunant‘ unter, dem Rettungskreuzer und Flaggschiff seines langjährigen Freundes Brandis und seiner Crew. Eigentlich nur um die Bordroutine bei ihren „ganz normalen“ Hilfs-Einsätzen mal hautnah kennen zu lernen und zu dokumentieren.

Schon länger ist in einem bestimmten Raumsektor eine Zone mit „Zusätzlicher Gravitation“ (ZG) ausgemacht worden. Ein Hinweis auf ein Schwarzes Loch, welches alle Materie und sogar das Licht an sich zu reißen vermag. Hat ein Schiff einen bestimmten Grenzbereich dazu überschritten, gibt es keine Wiederkehr. Die Antriebskraft reicht nicht mehr aus, der Falle zu entkommen – schon so mancher Raumer verschwand auf Nimmerwiedersehen. Nun geriet ein Hospitalschiff in den Sog und Brandis entschließt sich, obwohl bereits ein anderer UGzRR-Kreuzer kurz zuvor wegen des Risikos, das Handtuch warf, herbeizueilen und die Besatzung des waidwunden Lazarettschiffes zu retten. Fast hätte man es geschafft, doch die ‚Henry Dunant‘ stürzt nach erfolgter Bergung auf das Zentrum der ZG zu, während der gefürchtete „Vargo-Faktor“ einsetzt, der Schiff und Besatzung zu verändern beginnt: Alle Materie wird immer mehr zusammengestaucht.

_Eindrücke_

Es gibt nicht viele MB-Romane, die es mit dem „Vargo-Faktor“ in Sachen krude Story aufnehmen können. Zuallererst ist die physikalische Grundlage schon einmal vollkommener Nonsens. Sollte sich ein Schwarzes Loch im Sol-System befinden, wäre Sabbat mit allem, was da kreucht und fleucht – inklusive unserer Sonne. Insofern scheidet ein solches als Quelle für diese, nennen wir es mal elegant „Gravitations-Anomalie“ schon einmal aus. Auch ein Wurmloch oder ein Paralleluniversum hätte man dem Leser auch noch halbwegs plausibel verkaufen können, aber ein Schwarzes Loch? Mit einem hochverdichteten Planeten in seinem Zentrum und Resten einer unbekannten Zivilisation sowie fiesen Riesenspinnen darauf? Und dann gelingt es auch noch mit dessen hanebüchen herbei gedichteten – Pardon: gebrauten – „Treibstoff“ der Falle zu entkommen. Selbstverständlich hat der vielbelesene Brandis die wahrhaft zündende Idee und findet nebenbei eine lange verschollene Expedition wieder. Ach?!

Das hatten wir doch schon mal bei „Countdown für die Erde“. Mal abgesehen davon erinnert die Lilliput-Story sehr stark an Jack Arnolds Filmklassiker „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“. Doch nicht nur dort wildert der Autor, sondern klaut auch noch schamlos bei sich selbst. So ist der Kampf gegen die Riesenspinnen beinahe 1:1 austauschbar mit dem Katz-und-Maus-Spiel gegen die Riesenratten in „Pilgrim 2000“, der auch ein ähnliches Ruinen-Flair aufzuweisen hat, wo manche technischen Anlagen noch durchaus funktionieren, obwohl der Verfall eingesetzt hat. Auch Parallelen zu „Der Spiegelplanet“ sind unübersehbar, wobei wieder einmal bemerkenswert ist, dass NvMs Fantasie scheinbar nicht dafür ausreichte, tatsächlich fremde Spezies zu schaffen – stets sind diese bis dato unentdeckten Völker fast 100% menschenähnlich und teilen streckenweise gar die gleichen Wertevorstellungen.

Das sind hier aber nur Marginalien. Die Vergewaltigung von Physik und Logik sind viel schlimmer. So ist nicht nachvollziehbar, warum lebende und tote Materie unterschiedlich stark schrumpft, zumal dies die Frage aufwirft, ob die Protagonisten z. B. nicht allesamt nackt auf dem Planeten agieren müssten, doch ihre Kleidung schrumpft kurioserweise in gleichem Maße zum Körper mit. Häh, wie jetzt?! Nicht mal, wenn man annimmt, dass die Uniformen allesamt aus organischer Materie (vermutlich sogar zertifizierte BIO-Baumwolle) hergestellt seien, will das irgendwie nicht einleuchten. Auch so ein Raumschiff besteht bestimmt aus einem guten Teil organischer Materie (diverse Kunststoffe oder andere Kohlen-Wasserstoffverbindungen etwa), doch der Kahn funktioniert offenbar tadellos. Im Gegensatz zu seiner wesentlich stärker eingelaufenen Crew, die buchstäblich allerhand Klimmzüge veranstalten muss, den Raumer auch nur halbwegs zu bedienen.

Nun könnte man argumentieren, dass NvM sich selbst auch gar nicht als Sience-Fiction-Autor betrachtete. Wohl wahr. Tatsache ist aber, dass er – allein die MB-Serie bringt es auf über 30 Bände – nun mal häufig in diesen Gefilden schrieb, was eigentlich voraussetzt, dass man sich auch physikalisch-technisch ein wenig einliest – immerhin lebt das Genre davon zu einem Gutteil. Auch die Entschuldigung, dass man in den Achtzigern wissenstechnisch noch nicht so weit war wie heute, greift nicht. Schwarze Löcher sind in ihrer Natur und Wirkung auch schon länger bekannt. Wie man das Thema halbwegs glaubhaft auf die Kette bekommt, konnte man beispielsweise Disneys „The Black Hole“ von 1977 spielend entnehmen. Auch der war naiv, doch die grobe Richtung stimmte. Apropos naiv: Über die flache Figurenzeichnung und die üblichen Klischees aus dem MB-Baukasten schweigt des Rezensenten Höflichkeit diesmal – allein aus Platzgründen.

_Fazit_

Auhauerhauerha! Hier hat NvM sicherlich den Vogel abgeschossen und ein ganz einzigartiges schwarzes Loch geschaffen, nämlich eins, welches nicht nur Raum und Zeit krümmt, Materie und Licht aufsaugt, sondern auch die Logik zu verschlucken vermag. Aus dem Handgelenk schludert er einen der dümmlichsten, unglaubwürdigsten und zusammengeklauten MB-Romane hin, bei dem wirklich fast nichts stimmt, außer der moralisch (wie immer) einwandfreien Message, die jedem „Brandis“ innewohnt. Na wenigstens etwas Positives auf der Haben-Seite. Amüsant ist er auch – allerdings höchst unfreiwillig. Fans werden sich, allein der Vollständigkeit (und der Nostalgie) halber, auch diesen Mumpitz ins Regal stellen. Potenziellen Neueinsteigern sei jedoch glaubhaft versichert, dass der „Vargo-Faktor“ gottlob nicht repräsentativ für die Serie ist, schon der Nachfolgeband ist wieder Klassen besser. Der Raum-Zeit-gekrümmte Rezensentendaumen wird nicht nur von der zusätzlichen Gravitation gnadenlos nach unten gezogen.

|Taschenbuch, 178 Seiten
Ersterscheinung: 1982 – Herder Verlag, Freiburg i.Br.
Neuauflage: 2012 – Wurdack-Verlag, Nittendorf
ISBN: 978-3-938065-81-5|
http://www.wurdack-verlag.de

_|Mark Brandis| als Hörspiel bei |Buchwurm.info|:_

01 [„Bordbuch Delta VII“ 4995
02 [„Verrat auf der Venus“ 5013
03 [„Unternehmen Delphin“ 5524
04 [„Aufstand der Roboter“ 5986
05 [„Testakte Kolibri 1“ 5984
06 [„Testakte Kolibri 2“ 5985
07 [„Vorstoß zum Uranus 1“ 6245
08 [„Vorstoß zum Uranus 2“ 6246
09 [„Raumsonde Epsilon 1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6467
10 [„Raumsonde Epsilon 2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6468
11 „Die Vollstrecker 1“
12 „Die Vollstrecker 2“
13 [„Pilgrim 2000 1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7059
14 [„Pilgrim 2000 2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7060
15 [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7128
16 [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7129
17 [„Alarm für die Erde“ (Teil 1)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7479
18 [„Alarm für die Erde“ (Teil 2)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7480
19 [„Sirius Patrouille (Teil 1)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7760
20 [„Sirius Patrouille (Teil 2)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7763
21 [„Die lautlose Bombe“ (Teil 1)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7996
22 [„Die lautlose Bombe“ (Teil 2)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7997

Ari Marmell – Die Tochter des Kriegers (Corvis Rebaine 2)

Corvis Rebaine:

Band 1: Der Dämon des Kriegers“
Band 2: „Die Tochter des Kriegers“

_Obwohl mich „Der Dämon des Kriegers“,_ der erste Teil von Ari Marmells Buchreihe um den blutrünstigen Krieger Corvis Rebaine, nur mäßig begeistern konnte, war ich doch interessiert, wie Marmell die Geschichte im zweiten Band „Die Tocher des Kriegers“ weiterspinnt. Darin berichtet der Autor, was aus dem früheren Kriegsherrn, seiner Familie und dem Land Imphallion, die er im ersten Band vor den bösen Mächten beschützen wollte, geworden ist.

Ari Marmell – Die Tochter des Kriegers (Corvis Rebaine 2) weiterlesen

Stephen Deas – Der König der Felsen (Drachenthron 2)

Der Drachenthron:

Band 1:Der Adamantpalast“
Band 2: „Der König der Felsen“
Band 3: „Das goldene Feuer“ (Februar 2013)

Jehal scheint sein Etappenziel erreicht zu haben: seine Geliebte Zafir ist zur neuen Sprecherin ernannt worden. Und doch entwickelt sich sein Plan nicht wie vorgesehen! Zafir ist entschlossen, Shezira hinrichten zu lassen, was einen Krieg zur Folge hätte, den Jehal unbedingt vermeiden will. Außerdem scheint er zu seiner eigenen Überraschung allmählich Gefühle für seine junge Frau zu entwickeln …

Stephen Deas – Der König der Felsen (Drachenthron 2) weiterlesen

Brooks, Terry – Hüter des schwarzen Stabes, Der (Die Legende von Shannara 1)

_Fast 35 Jahre ist es her,_ dass Terry Brooks mit dem ersten Band seines „Shannara“-Zyklus internationale Erfolge erzielen konnte und daraufhin seinen Beruf als Rechtsanwalt aufgab. Seither schüttelt sich der Autor geradezu stetig neue Werke aus dem Ärmel, die den Zyklus erweitern und mit „Die Legende von Shannara“ erscheint nun eine weitere Buchreihe. Eröffnet wird diese durch das Werk „Der Hüter des schwarzen Stabes“.

_Nachdem Dämonen die Welt_ bekriegt und Menschen, Elfen und andere Geschöpfe nahezu ausgerottet hatten, konnten sich einige wenige Überlebende mit letzter Kraft in ein verstecktes Tal retten. Geschützt von einem Nebelzauber und dem schwarzen Stab, dem große magische Kräfte innewohnen, konnten sie dort über Jahrhunderte überleben, doch eines Tages stoßen die jungen Fährtenleser Panterra und Prue auf Eindringlinge und müssen vom Hüter des schwarzen Stabes, dem etwas kauzigen Sider, erfahren, dass der Zauber seine Wirkung verloren hat und die Grenzen des Tales nun ungeschützt sind. Als sie dies jedoch dem Rat berichten, will niemand auf den Jungen und das Mädchen hören, schnell verstricken sich die Ratsmitglieder in Diskussionen und treffen keine Entscheidung, was nun geschehen soll. Also machen sich Panterra und Prue selbst auf die Reise, um die Elfen vor der Bedrohung zu warnen. Dabei fallen sie jedoch den feindlichen Trollen in die Hände. Eine der Kreaturen gibt zwar vor, auf der Seite der jungen Fährtenleser zu sein, doch können sie ihm wirklich trauen?

_Fantasy-Bücher sind Rudeltiere,_ das ist nichts Neues. Man trifft sie stets in Reihen oder ganzen Zyklen an, einzelne Exemplare sind in freier Wildbahn eine Rarität geworden. Und zumeist hat das auch überwiegend Vorteile: Der Autor kann sich, hat er Figuren, Orte usw. einmal entwickelt, bei diesen bedienen, und kann bei nachfolgenden Werken weiter in die Tiefe und ins Detail gehen. Ist die Story gut, kann der Leser von einem Buch meist auch nicht genug bekommen und ist mit weiteren Teilen ebenfalls beglückt. Doch leider ist es nicht selten der Fall, dass Storys, um aus ihnen eine Reihe machen zu können, künstlich ausgedehnt und in die Länge gezogen werden. Und das hat, wenn wir mal ehrlich sind, überwiegend finanzielle Gründe und ist für den Leser besonders ärgerlich, wenn er sich ein Buch kauft, auf die Lektüre freut und leider nicht so viel geboten bekommt, wie er sich erhofft hat.

So dürfte es zumindest denjenigen gehen, die sich zum Kauf von „Der Hüter des schwarzen Stabes“, dem ersten Band der „Die Legende von Shannara“-Reihe entschlossen hat. Denn obwohl Terry Brooks nicht grundlos ein so erfolgreicher Schriftsteller ist und sein Handwerk natürlich beherrscht, so ist dieses Werk doch ein Paradebeispiel dafür, wie eine Story künstlich in die Länge gezogen und die Idee regelrecht ausgeschlachtet wurde. Auf mehr als 500 Seiten wird in aller Ausführlichkeit beschrieben, was ebenso gut in einem Prolog gepasst hätte. Die Personen, Orte und Vorgeschichte werden oberflächlich vorgestellt, die Handlung lässt sich in Kürze zusammenfassen: Der Schutzzauber wurde gebrochen, dies wurde entdeckt und allen berichtet. Dabei sind die Kinder in die Hände der Feinde gefallen und haben diesen wertvolle Informationen geliefert, die die Trolle zu den Menschen und Elfen führen können. Ende. Zwar ist die grundlegende Idee hinter „Der Hüter des schwarzen Stabes“ wirklich gut und bietet großes Potenzial für die kommenden Bände, doch diese Eröffnung ringt mir leider nur wenig Lob ab.

Dennoch muss man diesen Teil natürlich gelesen haben, möchte man erfahren, wie die Geschichte weiter geht, doch sollte man eben einfach in Sachen Spannung und Komplexität der Handlung (noch?) nicht zu viel erwarten. Trotzdem bin ich gespannt darauf, was Terry Brooks in den kommenden Teilen noch aus dieser Idee macht!

|Taschenbuch, 544 Seiten
Originaltitel: Bearers Of The Black Staff
Ins Deutsche übersetzt von Wolfgang Thon
ISBN-13: 978-3442268689|
http://www.randomhouse.de/blanvalet

_Terry Brooks bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Außgestoßene von Shannara“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=851
[„Das Schwert von Shannarah“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1335
[„Hexenzauber“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1315
[„die Elfen von Cintra“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5302

Williams, Tad – Nornenkönigin, Die (Das Geheimnis der großen Schwerter 3)

_|Das Geheimnis der großen Schwerter:|_

1 [„Der Drachenbeinthron“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8092
2 [„Der Abschiedsstern“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8093
3 _“Die Nornenkönigin“_
4 „Der Engelssturm“
5 [„Der brennende Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2734

_Nachdem ich über_ die ersten beiden Teile von Tad Williams‘ „Das Geheimnis der großen Schwerter“-Reihe nur Gutes zu berichten hatte, geht meine Lobeshymne nun weiter, denn auch der dritte Band des Epos „Die Nornenkönigin“ bietet keinen Grund zur Kritik.

_Simon ist inzwischen_ beim Abschiedsstein angekommen und trifft dort nicht nur seinen Freund Binabik, sondern auch Josua und sein Gefolge sowie bald auch die junge Prinzessin Miriamel wieder, die gemeinsam mit dem Mönch Cadrach dem bösen Adligen Aspitis entkommen konnte. Auf dem Rückweg vertraute er der jungen Frau seine traurige Lebensgeschichte an und erzählte ihr, wie er einst von Pyrates und seinen Schergen gefangen genommen und gefoltert wurde und sein Leben danach nur noch als Dieb und Bettler fristen konnte. Unterdessen entbricht am Abschiedsstein die Schlacht zwischen Josuas Gefolge und Elias‘ Heer. Josuas Kämpfer schlagen sich zunächst gut, doch durch eine List will Herzog Fengbald, die rechte Hand Elias‘, Josua in den Rücken fallen und ihm so bezwingen …

Doch langsam beginnen die Kämpfe, sich auch auf die anderen Völker von Osten Ard auszuweiten. Die Nornen, Untergebene des Sturmkönigs und der finsteren Nornenkönigin Utuk’ku, die den Plan verfolgen, die Menschheit auszulöschen, scheinen im Bunde mit Elias zu stehen und ihn als Werkzeug für ihre Machenschaften zu benutzen, währenddessen die friedvollen Sithi, die sich zunächst aus dem Krieg heraushalten wollten, nun auch in die Schlacht ziehen, um sich gegen ihre einstigen Brüder, die Nornen, zu stellen.

_Der dritte Band_ von Tad Williams‘ erster Buchreihe knüpft unmittelbar an seine Vorgänger an und wartet mit den gleichen Stärken wie diese auf. Im Vergleich zu „Der Abschiedsstein“ wird die Haupthandlung außerdem wieder kräftig vorangetrieben, um den Leser auf das große Finale in „Der Engelsturm“ einzustimmen. Interessant ist an diesem Buch vor allem, dass man zahlreiche Details aus der Zeit, bevor die Handlung dieser Reihe einsetzt, erfährt, so z.B. die Vorgeschichte des Mönches Cadrach, über den Bund der Schriftrolle und seine Mitglieder oder über die Sage der drei großen Schwerter. Im Übrigen besticht natürlich auch dieses Werk durch die fantasievolle Ausgestaltung der Geschichte, der Figuren und der Orte sowie die kreative und bildhafte Sprache, für die Tad Williams bekannt ist. Auch wird das Werk langsam aber sicher von der nahezu unerträglichen Spannung beherrscht, die bei guten Büchern stets dann einsetzt, wenn das Finale in Sicht kommt und man sich ihm langsam nähert.

_Wem die ersten Bände_ dieser Reihe gefielen, der wird zweifelsohne auch „Die Nornenkönigin“ mögen. Und natürlich kommen diejenigen ohnehin nicht um dieses Werk herum, denn haben einen die großen Schwerter einmal gepackt, muss man natürlich wissen, wie es weitergeht!

|Gebunden mit Schutzumschlag, 860 Seiten
Originaltitel: Memory
Ins Deutsche übersetzt von Verena C. Harksen
ISBN-13: 978-3608938685|
http://www.klett-cotta.de

_Tad Williams bei |Buchwurm.info|:_
Otherland: [„Fantasy als Flucht und Fluch – Der ultimative Logout“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20
[„Otherland 1: Stadt der goldenen Schatten“ 603 (Hörspiel)
[„Otherland 2: Fluß aus blauem Feuer“ 1208 (Hörspiel)
[„Otherland 3: Berg aus schwarzem Glas“ 1739 (Hörspiel)
[„Otherland 4: Meer des silbernen Lichts“ 1988 (Hörspiel)
[„Otherland 5: Der glücklichste tote Junge der Welt“ 4196 (Hörbuch)
[„Shadowmarch: Die Grenze“ 2076
[„Der Blumenkrieg“ 539
[„Die Insel des Magiers“ 1541
[„Die Stimme der Finsternis“ 1400
[„Der brennende Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2341 (Lesung)
[„Die Drachen der Tinkerfarm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7821
[„Die Geheimnisse der Tinkerfarm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7922

Williams, Tad – Abschiedsstein, Der (Das Geheimnis der großen Schwerter 2)

_|Das Geheimnis der großen Schwerter:|_

1 [„Der Drachenbeinthron“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8092
2 _“Der Abschiedsstern“_
3 „Die Nornenkönigin“
4 „Der Engelssturm“
5 [„Der brennende Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2734

_Nachdem Kult-Autor Tad Williams_ mit „Der Drachenbeinthron“ einen fulminanten Einstieg in seine Buchreihe „Das Geheimnis der großen Schwerter“ lieferte, geht es im zweiten Band „Der Abschiedsstein“ ebenso aufregend und packend weiter.

_Nachdem Simon und seine Freunde_ das geheimnisvolle Schwert Dorn in den Bergen gefunden haben und der junge Held damit sogleich seinen ersten Kampf mit einem Drachen auszufechten hatte, werden die Gefährten nun vom Volk Binabiks gefangen genommen. Der junge Troll wird beschuldigt, seinen Stamm im Stich gelassen und die Verlobung mit der Stammestochter Sisqi gelöst zu haben, und zum Tode verurteilt. Doch Simon gelingt es, seinen treuen Freund zu befreien und gemeinsam machen sie sich auf zum Stein des Abschieds, dem heiligen Ort, an dem sich Sithi und Nornen einst voneinander trennten, der dem Jungen in einer Vision erschienen ist. Auch Josua und sein Gefolge machen sich auf Geheiß der Waldfrau Geloe in der Zwischenzeit auf die Reise dorthin.

Beide Gruppen erleben auf ihrer Reise die gefährlichsten und aufregendsten Abenteuer. Josua trifft auf das Volk der Thritingbewohner, aus deren Reihen auch seine Frau Vara stammt. Ihr Vater allerdings ist keineswegs erfreut über den Verlust seiner Tochter und fordert Josua zum Duell heraus. Simon und Binabik finden sich in einem alten Kloster wieder und werden dort in ein mysteriöses Ritual verwickelt, das sie dem Sturmkönig ausliefern soll. Daraufhin muss Simon fliehen und wird von seinen Freunden getrennt. Einsam und allein irrt er durch die Wälder und kann erst kurz vorm Verhungern, von der Schwester seines Freundes Jiriki, einem Sithi-Prinzen, gerettet und in die Festung der Sithi verbracht werden. Miriamel reist unterdessen durchs Land, weiterhin auf der Suche nach Hilfe für Josua, wird dann aber von einem Grafen, der auf Elias‘ Seite steht, verschleppt, kann aber fliehen und findet sich schließlich auf dem Schiff des Adligen Aspitis wieder, der sich schnell zu der jungen Prinzessin hingezogen fühlt, bis die beiden schließlich die Nacht miteinander verbringen. Als Aspitis jedoch erfährt, wer Miriamel in Wirklichkeit ist, nimmt er sie gefangen und will sie zwingen, seine Frau zu werden und ihn zum König zu machen. Ob die Gefährten den Abschiedsstein noch erreichen können?

_Wie der erste Teil_ ist auch „Der Abschiedsstein“ vom ersten bis zum letzten Wort spannend und mitreißend. Zwar steigert sich die Spannung in diesem Buch nicht wie im ersten Band und gipfelt auch nicht in einem ähnlich spektakulären Finale, dafür bleibt der Spannungsbogen durchgehend gleich straff und hängt nicht einen Moment durch. Die Charaktere werden von einem Abenteuer ins nächste geworfen und durch die detaillierte Beschreibung findet man sich schnell mitten im Geschehen wieder und sieht die Handlung wie einen Film um sich herum ablaufen. Auch sieht man im Besonderen, wie die Personen mit ihren neuen Aufgaben und Herausforderungen wachsen, sich weiter entwickeln und gerade bei den jüngeren Figuren auch ihre Persönlichkeiten schärfere Umrisse bekommen und sich ihre Stärken und Schwächen in verschiedenen Situationen zeigen.

Zwar könnte man kritisieren, dass die eigentliche Kernhandlung in „Der Abschiedsstein“ im Vergleich zu den anderen Teilen der Reihe am wenigsten vorangetrieben wird und stattdessen eher kleinere Nebengeschichten und Unterwegs-Erlebnisse im Vordergrund stehen, doch das macht dieses Werk keinesfalls schlechter als die anderen. Denn auch die Nebenstränge der Handlung sind überaus spannend gestaltet und unterhaltsam. Außerdem sorgt es meiner Meinung nach für ein stimmigeres Gesamtbild, wenn ein Autor es auch mal wagt, nach rechts und links zu schauen und nicht stets nur geradeaus.

_Alles in allem_ also ein würdiger Nachfolger für den Auftakt. Zugreifen!

|Gebunden mit Schutzumschlag, 890 Seiten
Originaltitel: Stone of Farewell
Ins Deutsche übersetzt von Verena C. Harksen
ISBN-13: 978-3608938678|
http://www.klett-cotta.de

_Tad Williams bei |Buchwurm.info|:_
Otherland: [„Fantasy als Flucht und Fluch – Der ultimative Logout“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20
[„Otherland 1: Stadt der goldenen Schatten“ 603 (Hörspiel)
[„Otherland 2: Fluß aus blauem Feuer“ 1208 (Hörspiel)
[„Otherland 3: Berg aus schwarzem Glas“ 1739 (Hörspiel)
[„Otherland 4: Meer des silbernen Lichts“ 1988 (Hörspiel)
[„Otherland 5: Der glücklichste tote Junge der Welt“ 4196 (Hörbuch)
[„Shadowmarch: Die Grenze“ 2076
[„Der Blumenkrieg“ 539
[„Die Insel des Magiers“ 1541
[„Die Stimme der Finsternis“ 1400
[„Der brennende Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2341 (Lesung)
[„Die Drachen der Tinkerfarm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7821
[„Die Geheimnisse der Tinkerfarm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7922

Williams, Tad – Drachenbeinthron, Der (Das Geheimnis der großen Schwerter 1)

_|Das Geheimnis der großen Schwerter|:_

1 [„Der Drachenbeinthron“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4672
2 „Der Abschiedsstern“
3 „Die Nornenkönigin“
4 „Der Engelssturm“
5 [„Der brennende Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2734

_Was Fantasy-Literatur angeht,_ gehört der Amerikaner Tad Williams ohne Zweifel zu den ganz Großen. Und mit ihm selbstverständlich seine erste aus vier Bänden bestehende Buchreihe „Das Geheimnis der großen Schwerter“, erschienen Anfang der 90er, die die Geschichte des jungen Simon und seinen Abenteuern in der Welt Osten Ard erzählt. Schon bald war dieses Werk zum Klassiker der Fantasy-Literatur avanciert und wurde mehrere Male neu aufgelegt. Zuletzt zu Beginn dieses Jahres von Klett-Cotta im schicken Hardcover mit Schutzumschlag.

_Im ersten Teil „Der Drachenbeinthron“_ berichtet Tad Williams darüber, wie Simons Geschichte begann. Als Küchenjunge lebt er auf dem Hochhorst, einer gewaltigen Burg, die einst dem alten Volk der Sithi gehörte, nun jedoch seit Jahrhunderten in Menschenhand liegt und von Johan, Hochkönig aller Länder und Menschen, regiert wird. Simon hat seine Eltern verloren und seine einzige Familie sind die Kammerfrauen der Burg sowie der zerstreute und mysteriöse Gelehrte Doktor Morgenes, bei dem der Junge bald in die Lehre geht. Eines Tages stirbt König Johan und sein ältester Sohn Elias besteigt den Thron. An seiner Seite taucht jedoch plötzlich der dunkle und böse Priester Pyrates auf und Elias scheint sich zu verändern. Im Land bricht bald Chaos aus, die Untertanen verlieren den Glauben in ihren König. Und als Simon in einem unterirdischen Gewölbe den gefangenen und gefolterten Bruder des Königs, Josua, findet, bleibt als Ausweg nur die Flucht von der Burg. Josua flieht nach Naglimund, einer alten Burg im Norden des Landes, um dort den Widerstand zu organisieren, Simon folgt ihm schließlich, nachdem er Zeuge eines geheimnisvollen Rituals wurde, bei dem Elias das sagenumwobene Schwert Leid überreicht wurde.

Auf seiner abenteuerlichen und gefährlichen Reise macht Simon zahlreiche Bekanntschaften, schließt Freundschaften und findest sogar einige Gefährten für seine Reise, so z.B. den hilfsbereiten Troll Binabik und seine Wölfin und Marya, eine ebenfalls von der Burg geflohene Dienstmagd, zu der sich Simon bald hingezogen fühlt. Seine Gefühle werden jedoch enttäuscht, als sich nach Ankunft auf Naglimuns heraus stellt, dass es sich bei Marya um Miriamel, die entflohene Tocher Elias‘ handelt. Auch kommt dort heraus, dass nicht Elias der wahre Feind der Flüchtlinge ist, sondern dieser Unterstützung von Ineluki, dem Sturmkönig, Herrscher über das düstere Volk der Nornen, bekommt. Gemäß einer Prophezeiung können einzig die drei großen Schwerter, Leid, Minneyar und Dorn, den Zauber des Sturmkönigs brechen. Simon und seinen Freunden bleibt also nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach den geheimnisvollen Schwertern zu begeben, um Osten Ard zu retten. Als Erstes begeben sie sich auf die Suche nach Dorn, das in einer Höhle in den Bergen versteckt sein soll und auch Miriamel zieht in Begleitung des zwielichtigen Mönches Cadrach aus, um Hilfe für Josua zu holen. Doch unterdessen beziehen Elias Truppen Stellung vor Naglimung. Die erste Schlacht um Osten Ard steht bevor.

_Den ersten Band einer Reihe_ nutzen die meisten Autoren, um die Figuren ausführlich vorzustellen und sanft in die Geschichte einzuleiten. Und leider wird es dann erst im zweiten Band richtig spannend, wenn der Leser vorbereitet ist und die Geschichte ihren Lauf nimmt. Aber nicht so Tad Williams! Ihm gelingt es ganz fantastisch, den Leser bereits in der Einführungsphase zu packen und zu fesseln. Die Geschichte der nicht nur oberflächlich skizzierten, sondern wirklich tiefgründigen und emotionalen Charaktere, in die sich der Leser sehr gut hineinversetzen und mit ihnen mitfiebern kann, wird geschickt in die Handlung eingewoben, die bereits voll im Gange ist. Zwar könnte man meinen, dies sei auf knapp 1000 Seiten auch weniger schwer als bei einem kürzeren Werk, doch lässt man dann Tad Williams‘ eigenen Stil außer Acht, schließlich ist der Autor dafür bekannt, sehr detailliert, bildhaft und ausschmückend zu schreiben und zu formulieren. Und gerade das macht die Schönheit seiner fantasievollen und liebevoll erdachten Geschichten aus. Man muss ihm sogar zweifelsohne ein Kompliment dafür machen, wie er es schafft, dass man trotz der ausufernden Sprache nie das Gefühl hat, er rede um den heißen Brei herum und komme nicht auf den Punkt.

Stattdessen ist „Der Drachenbeinthron“ vom ersten bis zum letzten Wort spannend und mitreißend, man wird regelrecht in die Geschichte hinein gesogen und möchte das Buch am liebsten im Ganzen verschlingen. Nicht grundlos gehört es also zu den Klassikern des Genres und wer es noch nicht kennt, dem sei dringend geraten, bei dieser Auflage zuzugreifen.

|Gebunden mit Schutzumschlag, 975 Seiten
Originaltitel: The Dragonbone Chair
Ins Deutsche übersetzt von Verena C. Harksen
ISBN-13: 978-3608938661|
http://www.klett-cotta.de

_Tad Williams bei |Buchwurm.info|:_
Otherland: [„Fantasy als Flucht und Fluch – Der ultimative Logout“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20
[„Otherland 1: Stadt der goldenen Schatten“ 603 (Hörspiel)
[„Otherland 2: Fluß aus blauem Feuer“ 1208 (Hörspiel)
[„Otherland 3: Berg aus schwarzem Glas“ 1739 (Hörspiel)
[„Otherland 4: Meer des silbernen Lichts“ 1988 (Hörspiel)
[„Otherland 5: Der glücklichste tote Junge der Welt“ 4196 (Hörbuch)
[„Shadowmarch: Die Grenze“ 2076
[„Der Blumenkrieg“ 539
[„Die Insel des Magiers“ 1541
[„Die Stimme der Finsternis“ 1400
[„Der brennende Mann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2341 (Lesung)
[„Die Drachen der Tinkerfarm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7821
[„Die Geheimnisse der Tinkerfarm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7922

Haubold, Frank W. – Götterdämmerung: Die Gänse des Kapitols (Band 1)

_Zur Story_

25 Jahre ist es her, seit die denkwürdige Weltraum-Schlacht gegen die geheimnisvollen Burgons bei Joyous Gard durch einen einzelnen Kampfpiloten entschieden wurde. Die unsichtbaren und nahezu unverwundbaren Alien-Schiffe streiften schon lange durch die äußeren Territorien der irdischen Föderation und griffen immer wieder Planeten oder die durchs All reisenden Nomadenstädte an – für die Streitkräfte, trotz großangelegter Mobilmachung, ein kaum zu lösendes Problem. Bis zu jenem Tag, als Christoph Rilke, ein junger Falken-Pilot, die Wendung herbeiführte – sie jedoch mit dem Leben bezahlte. Lucky Blow oder ESP-Befähigung? Zunächst unerheblich. Immerhin hatten die Menschen dank ihm nun endlich eine Idee davon, wie man den offenbar künstlich gezüchteten, lebenden Raumschiffen beikommen kann. Die dezimierte Burgon-Flotte flüchtete daraufhin jedenfalls und verschwand einstweilen spurlos.

Doch einer traut dem nunmehr einem Vierteljahrhundert dauernden Frieden nicht und harrt, quasi seit er ein junger Offizier bei der Schlacht damals dabei war, auf die Wiederkehr der Aliens: Raymond Farr. Der Colonel ist inzwischen Kommandant der Pendragon Base, einem vorgeschobenen, militärischen Außenposten der Menschheit. Er ist überzeugt davon, dass die Ruhe trügerisch ist und dass die Burgons, im Falle einer neuen Angriffswelle, genau hier als Erstes zuschlagen werden. Er hat auch längst eine Theorie entwickelt, wer die wahren Herren hinter den Invasoren sind. Doch all diese langjährig akribisch zusammengesammelten Erkenntnisse behielt er bislang lieber für sich. Als er seiner wissenschaftlichen Leiterin Captain Miriam Katana auf der Basis näher kommt, plaudert er ihr gegenüber dennoch aus dem Nähkästchen – zunächst nicht wissend, dass seine Geliebte drastische Rachegelüste gegen die Aliens hegt. Und sie ist im Besitz einer potenten Waffe, diese durchzusetzen.

_Eindrücke_

„Die Gänse des Kapitols“ klingt als Titel nicht nur für SciFi-Roman zumindest höchst ungewöhnlich und Autor Frank W. Haubold lässt den Leser auch erst mal ein wenig zappeln, bevor er geschickt den inhaltlichen Bezug dazu herstellt. Der Zugang zum Roman ist jedoch leicht und gelingt vom Start weg. Der etwas prosaisch gehaltene „Drachentöter“-Prolog führt uns über seine kurze Heldengeschichte in eine Zukunft mit interstellarem Raumflug und kolonialisierten Planeten bzw. nomadisierenden Habitaten. Technik ist natürlich ein Thema, tritt jedoch nicht so überkandidelt in den Vordergrund wie bei anderen Storys oder Serien. Sie ist da und wird ganz selbstverständlich benutzt. Dabei ist sie von der Heutigen gar nicht so weit entfernt, was das Verständnis des Lesers nicht strapaziert. Mit Begriffen wie beispielsweise „ComPad“ oder „ALLnet“ dürfte jeder – auch ohne große Erklärungen – auf Anhieb etwas anfangen können.

Neben den Menschen der Föderation gibt es als hauptsächliche galaktische Mitspieler noch die Splittergruppe der Goleaner – den mutmaßlichen Schöpfer der Burgons – und die ominösen Gestaltwandler, „Angels“ genannt. Die sind in ihren Motiven eher undurchsichtig und nur selten mischen sie sich in die Geschicke der Menschen ein. Ebenfalls zu den Major-Playern gehört noch ein religiöser Orden, der auf einem autonomen Planeten beheimatet ist und ebenfalls offenbar gern sein eigenes Süppchen kocht. Speziell die Burgons erinnern TV-Kenner bestimmt rudimentär an selige Zeiten von „Babylon 5“, wo die „Schatten“ ganz ähnlich ausgelegt waren. Es gibt durchaus noch weitere Parallelen zu dieser und diversen anderen Serien. Von „Starship Troopers“ bis „Star Trek“ sind eine Menge Elemente dabei, von denen insbesondere der Genre-Fan die gelungene Mischung sicherlich attraktiv finden dürfte. Ohne, dass das Ganze aufgesetzt oder gar schlicht kopiert wirkt.

Es ist in der inzwischen so dichten und reichhaltigen literarischen Welt schließlich gar nicht so einfach, sich mit eigenen Ideen zu positionieren. Nicht nur im SciFi-Genre. Die Story ist von vorneherein als Mehrteiler ausgelegt, da nimmt es kaum Wunder, dass vordergründig kräftig Character-Buildup betrieben wird. Ja, betrieben werden muss. Peu á peu lernt man die Figuren näher kennen und freut sich über so die zumeist interessante Gestaltung derselben. Ob Farrs schräger Kumpel Johnny mit seinem nörgeligen KI-Computer, als eine Art Marlowe-für-Arme, Batista der orakelnde „Angel“oder der schwer einzuschätzende Pater des Marien-Ordens und nicht zuletzt die mysteriöse Miriam Katana mit ihrer nebulösen Vergangenheit – alles deutet darauf hin, dass sich da zukünftig noch mächtig was zusammenbraut.

_Fazit_

„Die Gänse des Kapitols“ mag einen recht seltsamen Titel haben, drin steckt allerdings eine flott wie spannend erzählte SciFi-Geschichte, bei der auch Federvieh zwar vorkommt, sich die Handlung aber vielmehr auf ganz andere Sachen konzentriert. Liebe etwa. Überraschend für einen Roman, dessen Covertext eher auf das Military-Subgenre hinweist? Nun ja, wie gesagt: Die Mixtur ist äußerst interessant. Man darf gespannt sein, wie die im Auftaktband gesponnen Fäden zusammenlaufen. Bis zum Ende des Buches haben sich immerhin drei unterschiedliche Erzählstränge ausgebildet und Raymond Farr, nebst seiner bunten Crew, werden wohl auch weiterhin, von ihrem Erfinder Frank W. Haubold, ordentlich auf Trab gehalten – und wenn schon, dann gewiss nicht an Langeweile sterben. Genug Action wird geboten. Einstweilen weist der wurmlochgroße Rezensentendaumen klar in Richtung Weltall.

|Taschenbuch, 244 Seiten
Covergestaltung: Timo Kümmel
Lektorat und Satz: André Piotrowski
Atlantis-Verlag, April 2012
ISBN 978-3-86402-030-8|
http://www.atlantis-verlag.de

_Frank W. Haubold bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Legende von Eden (und andere Visionen)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1990
[„Rattenfänger (Magic Edition, Band 8)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2249
[„Das schwerste Gewicht (EDFC Jahresanthologie 2005)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2352
[„Die Jenseitsapotheke (EDFC Jahresanthologie 2006)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3256
[„Das Mirakel (EDFC Jahresanthologie 2007)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4577
[„Wolfszeichen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4716
[„Die Schatten des Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4726
[„Fenster der Seele“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4788
[„Die Sternentänzerin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6578
[„Der Traum vom Meer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6933

Susan Price – Die Elfling-Saga

Der Elfling-Zyklus:

Band 1: „Der Erbe der Krone“
Band 2: „Das Heer der Toten“

Beide Romane in einem Band: „Die Elfling-Saga“

Nordische Action-Fantasy aus England

Er ist das Kind einer Frau aus dem Elfenreich. Aber er ist auch der Sohn eines Königs, und er fordert die Krone, die ihm nach altem Recht zusteht. Doch er hat nicht mit der Tücke der Priester gerechnet, die ihn „Teufelsbrut“ nennen. Denn sie behaupten, dass er keine Seele besitzt. (Verlagsinfo)

Die Autorin

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Frederik Pohl & Cyril M. Kornbluth – Eine Handvoll Venus

Das Narrenschiff Erde

In einer übervölkerten Welt soll ein Raumschiff Kolonisten zur Venus bringen. Die Fowler Schocken Werbeagentur hat dafür die Exklusivrechte und will das Unternehmen möglich profitabel einfädeln. Mitch Courtenay wird Leiter des Programms. Doch gemäß der Devise „Geschäft ist Krieg“ sieht er sich im Handumdrehen als Zielscheibe für mehrere Anschläge, denen er glücklich entgeht. Erst in der Antarktis erwischt ihn der Gegner – er landet ganz unten: unter den verachteten Konsumenten. Doch wer ist sein ominöser Gegner?

Die Autoren

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Lake, Jay – Räder der Welt, Die

_|Die „Clockwork-Earth“-Trilogie:|_

(2007) _“Die Räder der Welt“_ |(Mainspring)| – Bastei Lübbe 20656
(2008) „Die Räder des Lebens“ |(Escapement)| – Bastei Lübbe 20664
(2010) „Die Räder der Zeit“ |(Pinion)| – Bastei Lübbe 20685

_Das geschieht:_

Ausgerechnet dem Uhrmacherlehrling Hethor Jacques aus New Haven in Neuengland erscheint eines Nachts der Erzengel Gabriel, um ihn mit einer brisanten Mission zu betrauen: Die Antriebsfeder des Räderwerks, mit dessen Hilfe Gott dieses Universum in Gang hält, hat ihren Schwung verloren. Man muss es mit dem „Schlüssel der Ewigen Bedrohung“ wieder aufziehen. Dieser gilt allerdings als Mythos; niemand hat ihn je gesehen.

Ohnehin hat sich Gabriel einen denkbar ungeeigneten Weltenretter ausgesucht. Hethor ist ein Waisenkind ohne Geld und Einfluss. Als er seinen Auftrag tatsächlich akzeptiert, ist er auch seinen Job los, denn sein Meister wirft ihn vor die Tür. Am Hof des Vize-Königs in Boston wird Hethor ausgelacht und eingesperrt. Zu seinem Glück hat er das Interesse einer geheimen Gesellschaft erregt, die Hethor Glauben schenkt. Dies tut allerdings auch William of Ghent, ein mächtiger Hexenmeister, der einer anderen Organisation vorsteht, die das Räderwerk auslaufen lassen will.

Um Hethor aus der Schusslinie zu bringen, schaffen ihn seine Verbündeten an Bord des Militär-Luftschiffs „Bassett“, das eine Erkundungsfahrt zur großen Äquator-Mauer unternimmt. Als einfacher Matrose reist Hethor dorthin, wo er hoffentlich die Fäden seiner Mission wieder aufnehmen kann. Steuermann Simeon Malgus outet sich als Hethors Kontaktmann, doch er wird schon bald nach dem Erreichen des Ziels von geflügelten Kreaturen entführt.

Die Expedition durch die Wildnis der Äquator-Mauer gipfelt in einer Serie von Desastern. Das Schiff wird mehrfach attackiert, und schließlich schnappen sich die Kreaturen auch Hethor. Sie verschleppen ihn in einen Tempel, der sich als Stützpunkt jener Macht entpuppt, die Hethor ihre Hilfe zukommen lässt. Er muss erfahren, dass er Auskunft über den Schlüssel nur auf der Südhalbkugel der Erde erhalten kann, aber um dorthin zu gelangen, muss er die Mauerkrone überwinden …

|Der Mechanismus des Universums|

Der menschlichen Fantasie waren und sind in der Schöpfung alternativer Welten keine Grenzen gesetzt. Wieso also kein Kosmos, in dem nicht die Schwerkraft die Bewegungen von Planeten, Monden etc. bestimmt, sondern diese über gigantische Zahnradbahnen geregelt werden, über die genannte Himmelskörper laufen? Damit dies funktioniert, erheben sich über und um ihre äquatorialen Gürtel jeweils gewaltige Felsmassive. Sie werden die von funkelnden Messingzacken gekrönt, die in die entsprechenden Aussparungen der titanischen Bahn um die Sonne greifen. Auch die Erde wird durch einen 150 Kilometer in die Höhe ragenden, 40.000 km um den Globus reichenden Kranz in ein monumentales Zahnrad verwandelt.

Auf der Erde bildet die äquatoriale Mauer eine ’natürliche‘ Grenze. Lückenlos umschließt sie den Globus und teilt ihn in eine nördliche und eine südliche Halbkugel. Wäre diese Welt der ’normalen‘ Physik unterworfen, blieben die Bewohner der beiden Sphären unter sich, ohne je miteinander Kontakt aufnehmen zu können. Jay Lake hebelt dieses Hindernis aus und verschafft der Mauer eine eigene Schwerkraftzone, die so viel Atmosphärenluft bindet, dass der Zahnradbogen in voller Höhe er- und überstiegen werden kann. Gleichzeitig haben sich auf den Flanken der keineswegs lotrechten Mauern fremde Völker und seltsame Kreaturen angesiedelt, die neugierigen Besuchern meist unfreundlich begegnen.

Für Abenteuer ist also gesorgt. Noch mehr Exotik impft Autor Lake der Handlung ein, indem er sie in einer Parallelwelt spielen lässt, die der unseren stark ähnelt. Der Reiz liegt im Spiel mit den Faktoren Politik, Geografie und Geschichte. Lake verfremdet sie so, dass sie besonders bizarr wirken: Also herrscht auch auf der „Clockwork Earth“ im Jahre 1900 Queen Viktoria. Allerdings ist ihr Empire deutlich gewaltiger als in der zeitgenössischen Realität: Es umfasst beinahe die gesamte Nordhalbkugel, und gern würde Viktoria sich auch die Reiche jenseits der Mauer einverleiben. Nur die Chinesen bieten ihr Paroli, was einen ständigen Krieg toben lässt.

|Mission und Reife|

In diese Welt setzt Lake den Uhrmacher-Gesellen Hethor Jacques. Wie es sich für einen zukünftigen Helden gehört, muss er in jeder Beziehung ganz unten anfangen. Hethor ist ein armes Waisenkind, das von den Söhnen seines Lehrherrn ordentlich herumgestoßen wird und trotzdem wissbegierig, offenherzig und mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet ist. Diese Trias wird ihn zuverlässig in Schwierigkeiten bringen, zumal Hethor zu allem Überfluss recht naiv ist.

Schon die simple Zeichnung der Hauptfigur belegt, dass „Die Räder der Welt“ kein tiefschürfendes Werk ist. Das Spektakel steht im Vordergrund, und da Jay Lake ein sehr beschäftigter Autor ist, greift er gern auf zeitsparende Klischees zurück. Im Grunde bleiben sämtliche Figuren flach und kraftlos. Man kann sich zudem des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Buch eines dieser „All-Age“-Abenteuer ist, mit denen die Buchläden dieser Welt seit einigen Jahren förmlich gepflastert werden. Dafür sprechen zudem die hier und da eingestreuten pubertären Wallungen des Helden, die vor allen Dingen unter die Kategorie „Klischee“ fallen.

Auch mit der Konstruktion seiner Geschichte hat sich Lake deutlich weniger Mühe gegeben als mit dem (literarischen) Bau eines uhrwerkgetriebenen Universums. Man sollte meinen, dass eine buchstäblich weltbewegende Mission wie die Suche nach dem „Schlüssel der Ewigen Bedrohung“ deutlich zielorientierter vonstattenginge. Zwar legt sich Hethor anfänglich mächtig ins Zeug, doch später scheint er mit der Rolle des Navigators und Entdeckers zufrieden zu sein. Die Fortsetzung der Mission erfolgt eher zufällig. Seltsamerweise erscheint Gabriel kein zweites Mal, um Hethor endlich Feuer unter dem faulen Hintern zu machen.

|Schritt für Schritt voran und doch nicht zielstrebig|

Überhaupt zerfällt „Die Räder der Welt“ recht deutlich in drei flüchtig verknüpfte Teile. Sehr langsam beginnt die Geschichte mit Hethors Lehr- und Wanderjahren, die gleichzeitig Einführung in Lakes Uhrwerk-Universum ist. Des Lesers Ungeduld ob eines Verfassers, der allzu eng an Details klebt, mag sich in dem Wissen mildern, dass Lake hier außerdem Grundlagenarbeit für den Gesamt-Zyklus leistet: Vielen der nun eingeführten Figuren werden wir in den nächsten beiden Teilen dieser Trilogie wieder begegnen.

Der Mittelteil liest sich am besten. Hier findet Lake das Gleichgewicht zwischen Idee und Umsetzung. Die Irrfahrt der Bassett zur und an der äquatorialen Mauer ist spannend, mysteriös und verspricht viel: Wenn dieser Abschnitt schon so gelungen ist – wie toll muss dann das Finale werden!

Leider ist dies ein Trugschluss. Sobald die Mauer überwunden ist, gingen Lake offenbar die Ideen aus. Die Handlung wird fahrig, sentimentale „Paradise-Lost“-Romantik um das „kleine Volk“ soll den Leser in den Bann ziehen. Statt zum Höhepunkt zu werden, an dem der Verfasser alle Fäden rafft, verpufft das Finale zum beliebigen, hastig abgespulten, inhaltlich wie formal unbefriedigenden Ende. Für den gewaltigen Aufwand, mit dem Lake sein Epos einleitete, fehlt hier jedes Gegengewicht.

So laufen „Die Räder der Welt“ letztlich nicht nur in Hethors Welt recht unrund. Der Leser bleibt unschlüssig: Soll er wieder einsteigen, wenn es weitergeht? Lake hat die Faustregel für moderne Fortsetzungsgeschichten beherzigt: Verlängere jeden folgenden Teil um mindestens 200 Seiten! Die Rückkehr ins „Clockwork“-Universum bedeutet für den Leser folglich echte Lektürearbeit – ein Aufwand, den er sich aufgrund dieses buchstäblich mittelprächtigen Auftakt-Bandes überlegen wird und sollte!

_Autor _

Joseph E. Lake, Jr. wurde am 6. Juni 1964 als Sohn eines US-Diplomaten in Taiwan geboren. Weil man den Vater oft versetzte, wuchs Joseph Jr. u. a. in Asien und Afrika auf. Es folgte ein Studium an der University of Texas. Nach seinem Abschluss 1986 arbeitete Lake in der Werbung sowie für diverse Dotcom-Unternehmen. Aktuell ist er in der Marketing-Abteilung eines Konzerns für Telekommunikation tätig.

Als Schriftsteller konzentrierte sich Lake ab 2001 auf Storys, von denen er inzwischen mehr als 300 veröffentlicht hat. Für „Into the Gardens of Sweet Night“ wurde er 2004 mit einem John W. Campbell Award ausgezeichnet. Ein erster Roman erschien 2005. Dem Debüt folgten rasch weitere Romane, von denen die Fantasy-Trilogie „Clockwork Earth“ (2007-2010) für Lakes Durchbruch sorgte.

Lake lebt heute mit seiner zweiten Ehefrau und einer Tochter in Portland, Oregon. Seine Aktivitäten im Phantastik-Genre beschränken sich nicht auf die Schriftstellerei. Lake ist oft gesehener Gast auf den Conventions der US-Westküste. Im Rahmen von Workshops gibt er sein Wissen über das Schreiben weiter. Sehr bekannt ist sein Science-Fiction-Blog. Eine besondere Abteilung bildet der detaillierte Sub-Blog über seine schwere Krebs-Erkrankung, mit der Lake seit April 2008 kämpft.

|Paperback: 365 Seiten
Originaltitel: Mainspring (New York: Tor Books 2007)
Übersetzung: Marcel Bülles
ISBN-13: 978-3-404-20656-8

Als eBook: April 2012 (Lübbe Digital)
602 KB
ISBN-13: 978-3-8387-1114-0|
http://www.jlake.com
http://www.luebbe.de