Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Jeschke, Wolfgang / Aldiss, Brian W. (Hgg.) – Titan-23

_Classic SF: Expeditionen ans Ende der Zeit_

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 23 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Evil Earths“. Dies ist der zweite von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema. Und der letzte TITAN-Band überhaupt!

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der |Heyne|-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im |Lichtenberg|-Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim |Heyne|-Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und zum Teil für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Sein erster Roman [„Der letzte Tag der Schöpfung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1658 (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den |HUGO Award|. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Die Erzählungen_

|Teil 4: Gestern, morgen und die Wüste|

_1) Henry Kuttner: Die Zeitfalle (The time trap, 1938)_

Kent Mason ist ein junger amerikanischer Archäologe, der schon etliche Länder auf der Suche nach Altertümern besucht hat. Im Jahr 1939 befindet er sich in der Nähe der arabischen Wüste Rubh al-Khali, doch die Grabung nach den sagenhaften Stadt Al-Bekr, in der einst Wissenschaft und Handel geblüht haben sollen, verläuft ergebnislos. Während der Expeditionsleiter den Aufbruch vorbereitet, will Mason noch nicht aufgeben und läuft ein letztes Mal hinaus in die Sandwüste. Als er nach Tagen auch dort nichts findet, bricht er vor Wassermangel an einem Pfeiler zusammen.

Ein Pfeiler? Mason untersucht gerade die uralten Schriftzeichen im Metall, als ein Gewittersturm losbricht. Zwischen Masons und einem zweiten Pfeiler entsteht eine elektrische Spannung – ein Blitz – ein blendendes Licht, dann nichts. Mason findet sich in Al-Bekr wieder, wo ein sumerisch sprechender Krieger ihn ins Innere eines unterirdischen Gebäudekomplexes bringt.

Offenbar haben der Blitz und die Pfeiler Mason in der Zeit versetzt, denn hier leben Menschen, wie sie vor 4500 Jahren existiert haben mögen. Doch mit seinen Sumerischkenntnissen kann sich Mason verständlich machen. Der Krieger heißt Erech, und er berichtet, dass hier ein Tyrann namens Greddar Klon mit seinen Robotern über die versklavten Bewohner von Al-Bekr herrsche. Wer nicht gehorche, dem werde ein grausames Schicksal zuteil, und ihre Königin Alasa sei gefangen.

Eine Priesterin namens Nirvor, ganz in Silber gekleidet und von zwei intelligenten Leoparden beschützt, versucht, Mason zu verführen. Doch gerade als es zum Kuss kommen soll, erblickt er in ihren Augen etwas Fremdartiges, Abstoßendes. Er stößt sie angewidert von sich. Die Zurückgewiesene droht ihm Rache an, und ihre beiden Leoparden suchen ihn.

Unterdessen führt ihn der Krieger Erech, der zu seinem Freund geworden ist, zum Richtplatz, wo Greddar Klon persönlich erscheint, um eines seiner Urteile auf grausame Weise an einer jungen Frau und deren Vater zu vollstrecken. Hier sieht Mason aber auch das eiförmige Gefängnis der jungen Königin. Greddar Klon befiehlt Mason zu sich: Er habe ihn mit seiner Zeitfalle eingefangen, nun soll er ihm helfen, seine Schreckensherrschaft über die Epochen der Zeit, über die der Tyrann mit seinem Zeitschiff gebietet, auszubauen. Und die nächste Epoche, die Greddar Klon angreifen und unterwerfen will, soll das 20. Jahrhundert sein!

Wenig später führt ihn Erech zum Anführer der Untergrundbewegung, einem Astrophysiker namens Murdach. Der hat eine Waffe gebaut, um die Roboter auszuschalten, und gemeinsam mit Mason baut er eine Kopie des Zeitschiffs, mit dem die Rebellen dem Tyrannen nachfliegen können. Zuerst aber müssen sie die Königin befreien.

Wie schön sie ist, denkt Mason, als die nur spärlich bekleidete junge Dame endlich befreit ist – und küsst sie. Und schon muss er sie gegen die Intrigen der perfiden Priesterin Nirvor, die sich mit dem Tyrannen verbündet hat, verteidigen. Kaum sind sie dem Angriff eines Zentauren entronnen, können sie mit Erech und Murdach in ihrem Zeitschiff nachfliegen.

Die Odyssee ans Ende der Erde führt die Liebenden durch zahllose Gefahren. Doch werden sie gegen den Zeittyrannen bestehen und Al-Bekr befreien können?

|Mein Eindruck|

Die 150 Seiten dieses Kurzromans sind voller Abenteuer, Sinnlichkeit und Dramatik. Stellenweise erinnern sie an John Carters Abenteuer auf dem Mars und sein Bemühen, die schöne Marsprinzessin Dejah Thoris zu erobern. John Carter heißt hier allerdings Kent Mason und ist eine Art Indiana Jones, der durch die Zeit reist.

Bedenkenlos kombiniert der Autor die grundlegende Abenteurer-Story mit der [„Zeitmaschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3578 von H. G. Wells und sogar mit Motiven aus dessen Roman „Dr. Moreaus Insel“. Nirvor, die silberne Priesterin aus dem 22. Jahrhundert, erscheint unserem Helden völlig zu Recht als etwas Fremdes und Falsches: Sie war einst ein Leopard!

Dieser Clou, der in einem weiteren sinnlichen Rendezvous enthüllt wird, wird nur übertroffen vom Zweikampf Masons mit Greddar Klon, dem Möchtegerntyrannen über alle Zeitalter. Doch auch diesen kann er überlisten. Doch dann erlebt er eine böse Überraschung, als Murdach sein wahres Gesicht zeigt …

Alle möglichen Gefahren wie etwa riesige geflügelte Ameisen sowie Tiermenschen tauchen auf, um die schöne Alasa gefangen zu nehmen. Regelmäßig wird ihr der letzte Fetzen Kleidung vom schlanken Leib gerissen, Kleidung, die sie gerade nach ihrem letzten Abenteuer wiederergattert hat. So wird der Voyeurismus des jungen Lesers, der so um die zwölf Jahre alt sein dürfte, bedient. Wird Alasa, die Königin, am Schluss doch noch Kent Mason gehören und mit ihm gehen? Darauf dürfen wir jede Wette eingehen.

Dieses abenteuerliche Garn strotzt nur so vor Klischees, die uns heute ein Gräuel sind (ganz besonders die verführerischen Mädels). Doch im Jahr 1938 war es (noch) genau diese Art von Pulp Fiction, die reißenden Absatz fand. Noch, denn schon im Folgejahr begann ein gewisser John W. Campbell jr. als Herausgeber von „Astounding Stories“ einen ganz anderen Ton von seinen Autoren zu verlangen. Sie sollten Geschichten über Ingenieure und Forscher schreiben, die nachvollziehbare und plausible Prozesse schildern. Autoren wie Asimov, Heinlein und A.E. van Vogt vollzogen diese Wende nach, andere wie Henry Kuttner schrieben lieber woanders – aber auch nicht schlechter, sondern ebenso einfallsreich.

|Teil 5: Der Nacht entgegen|

_2) Jack Vance: Die Menschen kehren zurück (1957)_

Die Erde passiert vorübergehend eine kosmische Zone, in der die Abfolge von Ursache und Wirkung aufgehoben ist. Alles, was auf dieser Kausalität basiert, also 100 Prozent aller Technik und 90 Prozent aller Verhaltensweisen, funktioniert nicht mehr. Infolgedessen kommen zahllose Menschen um, nur zwei Arten überleben: die Wahnsinnigen, die eh nicht an Kausalität glauben, und die Relikte.

Die Relikte weisen noch Züge von Vernunft auf, können sogar planen, aber weil sich die physische Umwelt so unberechenbar verhält – Obsidian, der hart sein müsste, ist weich -, haben sie denkbar geringe Überlebenschancen. Ein letztes Häuflein von fünf Relikten trifft auf ein Häuflein von „Organismen“, also Tieren. Die beiden Alten gehen schnell drauf, doch dann wollen sich die beiden Frauen auf den letzten Mann, Finn, stürzen: Was für ein Leckerbissen! Und das meinen sie nicht mal sexuell.

Just in diesem Augenblick verlässt die Erde die Chaos-Zone, die Sonne scheint, die gewohnten Naturgesetze aus alter Zeit treten wieder in Kraft – und die letzten drei Menschen können wieder Pläne schmieden. Welche wohl?

|Mein Eindruck|

Diese ironische Geschichte vom Meister des bunten Planetenabenteuers entwirft eine radikal andersartige Zukunftsvariante, nämlich eine, in der alle Kausalität aufgehoben worden ist. Die Idee, dass die Erde eine kosmische Zone durchfliegt, in der andere Naturgesetze gelten, hatte schon Poul Anderson 1954 in „Brain Wave“ aufgebracht.

Vance demonstriert, dass der Mensch nicht auf die neuen Naturgesetze vorbereitet, geschweige denn dafür eingerichtet ist. Außerdem verrät sich in den tödlichen Ereignissen, die er trocken und kommentarlos schildert, ein lakonischer Sarkasmus, wie mir scheint. Am Ende obsiegt amerikanischer Optimismus: „Lasst uns Pläne machen!“ Europäer hätten vielleicht eher darüber nachgedacht, was diese Strafe des Universums zu bedeuten hatte und ob sie nicht vielleicht Buße tun sollten – so wie in der nächsten Geschichte.

_3) Brian W. Aldiss: Die Häresien des riesigen Gottes (1966)_

Harad IV, der Schreiber der Universellen katholischen Opferkirche, bereitet ein Konzil vor und zählt die vier Häresien (Ketzereien) gegen den Riesigen Gott auf. Vor 901 Jahren nämlich landete ein gigantisches Alien auf der Erde. Es war an die 7000 Kilometer lang und dementsprechend schwer. Als es sich zwischen Tunis und Aden im Süden sowie Italien und dem Balkan im Norden niederließ, erschütterten Erdbeben und Flutwellen Südeuropa, von Nordafrika ganz zu schweigen.

Es bewegte sich nicht, was den Verdacht der nicht betroffenen Amerikaner nährte, es könne sich um einen Roboter handeln. Prompt griffen sie es mit Atomraketen an, jedoch ohne sichtbare Wirkung. Die ersten Ketzereien wurden ausgestoßen: Es sei weder lebendig noch heilig, sondern dumm. In den Jahren danach verlagerte es sich, verschwand einmal für 20 Monate, kehrte zurück, verlagerte sich erneut. Die Verwüstungen waren von unvorstellbarem Ausmaß, doch es kam, wie es kommen musste: Zwei Fraktionen der Anbeter des Aliens erklärten ihn zum Riesigen Gott und verlangten seine Anbetung. Unmengen von Jungfrauen wurde in den Vulkanen geopfert, um den Gott zu besänftigen und ihn zur Abreise zu bewegen.

Doch wie sollte die Anbetung korrekt aussehen? Über den Streit, ob der Mensch noch über Technik, Maschinen, ja, sogar Metall und Kleidung verfügen dürfe, entzündeten sich Kreuzzüge und das große Schisma. Erst vor 400 Jahren besiegte die europäische Fraktion die amerikanische, seither herrscht Ruhe in der Kiste. Weiterhin werden Frauen geopfert, die allmählich ausgehen, wie man Harad schreibt. Doch seit zehn Jahren ist das Alien wieder verschwunden. Nun fleht Harad, es möge zurückkehren – die Kirche könne ohne ihren Riesigen Gott nicht existieren.

|Mein Eindruck|

Na, das ist mal ’ne große Küchenschabe! Das dachte ich, als ich die Story las: ein riesiges Insekt (bug) auf dem Erdball, das nichts tut außer Verwüstung anzurichten. Da möchte man doch gleich den kosmischen Kammerjäger rufen.

Aber so einfach macht sich der Autor die Sache nicht, denn er lässt die Nachwelt in Gestalt eines Kirchenschreibers (Vorsicht: parteilich) die Historie von 900 Jahren fremder Besatzung nachzeichnen. Der Unterschied zu gängigen Gottesbeschreibungen à la Bibel: Dieser Gott ist derart konkret, konkreter geht’s gar nicht, und selbstredend will er/sie/es angebetet werden, weiß die neue Kirche.

Aber ist das wirklich so, sollten wir uns fragen. Doch wer so fragt, macht sich per definitionem der ersten Häresie schuldig – der Gott sei gar keiner, sondern bloß eine sehr groß geratene Küchenschabe – und gehört ins Feuer. Mit ein wenig Nachdenken entpuppt sich die Erzählung bzw. das Dokument als Hilferuf einer hilflosen Kirche, der der Gott abhandengekommen ist, der ihre Existenz rechtfertigte. Würde man diese Erkenntnis auf heutige Religionen übertragen, könnte man ganz schön kritische Fragen stellen. Aber am besten nicht in Kabul oder Bagdad …

_4) Arthur C. Clarke: „Wenn ich dich je vergesse, Erde …“ (1951)_

Auf dem Mond ist es meist still, und die Tätigkeiten in der Kolonie finden in aller Regel unter seiner Oberfläche statt. Deshalb findet es der zehnjährige Marvin besonders aufregend, als ihn sein Vater mit hinaus auf die Oberfläche nimmt. Sie rasen im Mondauto übers Plateau, kreuzen den Kraterrand und düsen weiter unterm kalten Licht der Sterne, vorüber an alten Raketen und Kreuzen.

Bis sie zu jener Zone kommen, in die das Licht der Sonne nicht mehr reicht, sondern ein anderer Himmelskörper sein silbernes Licht auf den Mondstaub wirft: die Erde. Marvin schaut bewegt auf die blauen Ozeane und weißen Wolken, die auf der im Halbschatten liegenden Erde zu sehen sind. Doch auf der Nachtseite sind ebenfalls Lichter zu sehen, atomar strahlendes Feuer von glühenden Felsen und toten Städten, die das Armageddon übrigließ. Deren traurige Geschichte erzählt ihm sein Vater.

Nun wird Marvin blitzartig klar, dass er nie selbst auf die alte Heimat des Menschen zurückkehren kann, sondern allenfalls seine Enkel und Urenkel. Und nur diesem Traum kann er sein Leben widmen. Als sie gemeinsam zurückfahren, hat er ein neues Lebensziel.

|Mein Eindruck|

Diese schöne, kurze Geschichte konnte so nur Arthur C. Clarke schreiben. Jeder physikalisch vorgebildete Autor kann eine Fahrt mit dem Mondauto schildern, doch die wehmütige Wendung und die Erkenntnis, dass die Erde nur noch ein Traum sein kann, ist typisch Clarke – oder very British.

Auffällig ist, dass der Vater nur eine kurze Rede zu halten braucht, aber sie wird nie direkt dargestellt. Der Sohnemann kapiert von alleine: die Folgen des Atomkriegs, die auf der Nachtseite glühend und radioaktiv strahlend sichtbar sind; die Unmöglichkeit einer Rückkehr auf Jahrhunderte hinaus; und die Notwendigkeit, die Nachkommen darauf vorzubereiten. All dies erfahren wir ohne eine einzige Dialogzeile. Und es ist dennoch wunderschön.

Wichtig sind zwei Zitate. „Twinkle, twinkle, little star“ ist ein altes englisches Kinderlied. Bemerkenswert ist jedoch Marvins Reaktion auf den Text: „Das Glitzern eines Sterns gibt’s doch gar nicht.“ Kein Wunder, denn auf dem luftlosen Mond kann keine Atmosphäre das Sternenlicht zum „Glitzern“ bringen.

Der Titel ist ein weiteres Zitat, ein jüdisches: „Sollte ich dich je vergessen, o Jerusalem, dann soll meine Zunge an meinem Gaumen festkleben und meine rechte Hand verdorren.“ Diese Bedeutung habe ich jedenfalls im Netz gefunden; es gibt sogar ein YouTube-Video dazu. Und irgendwie passt die Bedeutung genau zur Geschichte.

_5) John W. Campbell, jr.: Nacht (1935)_

Die Erprobung der neuen Antischwerkraftspule scheint schiefgegangen zu sein. Don Talbot rast mit Major Condon zur Absturzstelle. Das Fluggerät, mit dem Bob, der Ingenieur, geflogen ist, ragt zerstört aus dem Boden, und Don und Jeff, der andere Assistent, starren die Trümmer an. Wo ist die Leiche des Piloten?

Erst als sie wieder im Institut sind, erreicht sie die Meldung, dass der Pilot aufgetaucht sei. Sie rasen hin: Bob steckt in einem Stratosphärenanzug, umringt von Bauern. Nur Don hat daran gedacht, eine Sauerstoffflasche mitzunehmen und kann jetzt Bob beatmen. Nach einer Weile erst kommt Bob wieder zu sich und beginnt zu erzählen …

Statt die Schwerkraft aufzuheben, katapultierte er sich mit seinem neuen Gerät geradewegs ans Ende der Zeit. Er landete auf einer kühlen, menschenleere Erde, deren Sonne blutrot am Horizont hing. Selbst die Sterne waren erloschen. Hinter einer Metallmauer entdeckte er eine Stadt, die völlig ohne Menschen, aber voller Maschinen war. Warum aber waren die Maschinen ebenfalls stehengeblieben, fragt er sich, und tippt auf die große Kälte, die den elektrischen Widerstand aufhob. Dieses Ereignis legte alle Stromkreise lahm.

In einem der Gewölbe entdeckt er ein Kommunikationsgerät, mit dem man eine Botschaft zu den anderen acht Planeten des Sonnensystems schicken kann. Er funkt Neptun an – und bekommt tatsächlich eine Antwort. Eine Maschine erscheint, die ihn zum Neptun bringt: Nur dort gibt es noch Wärme und Bewegung. Doch ohne Menschen ist natürlich alles sinnlos. Diese Maschine brachte ihn dann wieder zur Erde und schickte ihn in seine eigene Zeit zurück.

|Mein Eindruck|

Wer, wie ich, John W. Campbell schon immer für einen elenden Zeilenschinder gehalten hat, wird hier vollauf erneut in seiner Ansicht bestätigt. Wer sich die Mühe machen würde zu zählen, wie oft er die Wörter „Tod“ und „Nacht“ bemüht, würde wohl auf jeweils mindestens hundert kommen. Q.e.d. Einen derart repetitiven Stil, um eine spezielle Stimmung zu erzeugen, findet man selten woanders. Die einzige gute Story, die Campbell je geschrieben hat, ist „Who goes there?“, das die Vorlage für den SF-Horror-Klassiker „Das Ding aus einer anderen Welt/Das Ding/The Thing“ lieferte.

Campbell liebt es, düstere Panoramen an die Wand zu malen, in denen die besten Menschen, nämlich Ingenieure, im Bild fehlen. Folglich gibt es nur noch führungslose Maschinen, doch auch denen wird bald der Saft ausgehen. Unter dem Niveau des totalen Untergangs des Universums tut es Campbell nicht. Er wirft mit Begriffen der Atomphysik um sich, lässt auch den fünf Jahre zuvor entdeckten Pluto nicht unerwähnt und bemüht Energie-Masse-Umwandlungen, wie es ihm gerade passt.

Auch Aldiss lässt in seiner Einleitung durchblitzen, dass der berühmte Herausgeber ein Rechthaber war. Campbells Unterstützung des Null-A-Mumpitz eines A. E. van Vogt („nichtaristotelische Logik“, weiß der Geier, was das sein soll) und der Scientology eines L. Ron Hubbard haben Campbell in meinen Augen längst zur Lachnummer werden lassen. Das einzig Gute an ihm ist sein Stall von erstklassigen Autoren, allen voran Heinlein, Asimov und Sturgeon.

_Die Übersetzung _

Wie bei fast allen TITAN-Bänden (ich muss Band 17 erst noch lesen) ist das Quantum an Druckfehlern extrem niedrig. Ich fand nur einen (Seite 160). Aber der Stil, den der Übersetzer Heinz Nagel 1985 noch pflegte, zieht einem schier die Schuhe aus. Er ist viel zu nah dran am Original, so dass manchmal Käse rauskommt. So etwa auf Seite 165, wo von einer „alten kasuellen Dynamik“ die Rede ist. Während völlig nebulös ist, was „kasuell“ sein soll, brauchte man nur „kasuell“ durch „kausal“ zu ersetzen, und schon wird ein Schuh draus: Es geht um den abhanden gekommenen Ablauf aus Ursache und Wirkung.

_Unterm Strich_

Dieser allerletzte Band der TITAN-Reihe hinterlässt bei mir einen gemischten Eindruck. Das Haupt- und Prunkstück des Bandes ist zweifellos Henry Kuttners Roman „Die Zeitfalle“, ein Stück Pulp Fiction der 30er-Jahre, das vor allem junge Leser mit sehr niedrigen Ansprüchen begeistern dürfte. Man merkt der Struktur an, dass sie auf Episoden ausgerichtet ist, und jede Episode bietet mindestens ein gefahrvolles Monster und/oder eine unbekleidete junge Dame. Was könnte also besser sein, wenn Dame und Monster ein und dasselbe sind?! Es kommt eben darauf an, das eine vom anderen unterscheiden zu können.

Kuttner spielt gekonnt mit Urängsten (amerikanischer?) Jungs um die zwölf Jahre, die sich für das andere Geschlecht interessieren und in einen Zwiespalt geraten: Furcht und Anziehungskraft der Schönen wechseln sich ab, und manchmal wird die „gute“ Schöne zur Bestie, bis sich schließlich die „böse“ Schöne als Monster entpuppt. Fall gelöst, Junge kriegt braves Mädchen. Und wenn sie nicht gestorben sind …

Die restlichen vier Erzählungen sind aber auch nicht zu verachten. Während die beiden Amerikaner Vance und vor allem Campbell wenig Eindruck machten, wissen die beiden Briten Clarke und Aldiss mit eigenständigen Ideen zu punkten. Dabei zeigt sich Clarke stimmungsvoll und Aldiss modern-bissig. Diese Geschichten sollte man zumindest einmal gelesen haben – mit Campbell als abschreckendem Gegenbeispiel.

|Originaltitel: Evil Earths (II), 1975
235 Seiten
Aus dem Englischen von Heinz Nagel|
http://www.heyne.de

Ernest Cline – Ready Player One

Die Handlung:

Im Jahr 2044 hat die reale Welt für Wade Watts nicht mehr viel zu bieten. Daher flieht er – wie die meisten Menschen – in das virtuelle Utopia von OASIS. Hier kann man leben, spielen und sich verlieben, ohne von der bedrückenden Realität abgelenkt zu werden. Da entdeckt Wade in einem Online-Game den ersten Hinweis auf einen unsagbar wertvollen Schatz, den der verstorbene Schöpfer von OASIS in seiner Cyber-Welt versteckt hat. Plötzlich ist Wade eine Berühmtheit, aber er gerät auch in das Visier eines Killerkommandos – in OASIS und in der Realität. Wade weiß, dass er diese mörderische Hetzjagd nur überleben kann, wenn er das Spiel bis zu seinem ungewissen Ende spielt! (Verlagsinfo)

Ernest Cline – Ready Player One weiterlesen

Schmidt, Karla (Hg.) – Hinterland

_Ausflug ins Unbekannte_

Das „Hinterland“ – unendliche Weiten, ein unerforschtes Gebiet jenseits alles Bekannten. Nein, das wird keine Rezension eines Reiseführers durch die östlichen Bundesländer. Zumindest Thüringen hat jedoch dem musikalischen Satiriker Rainald Grebe zur Folge immerhin etwas gemeinsam mit der vorliegenden Kollektion der 20 von David Bowies Songs inspirierten Science-Fiction-Erzählungen. So soll Bowie über Thüringen schon einmal hinweggeflogen sein.

In den Geschichten, die Karla Schmidt unter dem Titel „Hinterland“ zusammengetragen hat, wird der Geist Bowies aber nicht nur als Gag heraufbeschworen, sondern die Autoren haben sich eingehend mit den Songs des wohl einflussreichsten Popmusikers des 20. Jahrhunderts beschäftigt und sich zu Erzählungen über fremde und dennoch vertraute Welten inspirieren lassen. Auf Bowies Spuren dringen sie in das Hinterland seines Schaffens vor und entwerfen kritische Visionen unserer Welt, angefangen von der näheren Zukunft bis hin zu zeitlich weit entfernten Roboterwelten („Life on Earth“).

Dabei tummeln sich auf den Seiten kein Ziggy Stardust kein Major Tom und schon gar keine Marsmännchen. Vielmehr setzen sich die Autoren mit den Konsequenzen der sich bereits abzeichnenden Tendenzen unserer Zeit auseinander und verarbeiten Themen wie zunehmende Umweltverschmutzung und in geistlose Abhängigkeit von der Technik geratene Menschen („Jenseits der Mauer“). Sie schreiben über totalitäre Regime, die an Orwell erinnern („Tief blau“) oder eine nicht minder verstörende Gesellschaft, in der Verbrechen an ihrem künstlerischen Wert gemessen werden („Triptychon“); eine Welt, in der der Terror, den man heute überwiegend nur aus dem Orient kennt, auch die westliche Welt beherrscht („Kamera(d) Action!“), oder spekulieren über die menschliche Entwicklung hin zu physisch sowie psychisch degenerierten Wesen („Purgatorium“, „Kleines Mädchen aus China“ u. a.).

Diese Geschichten liest man nicht einfach nur und blättert die nächste Seite um, sondern sie sind selbst Inspiration, an der Stelle weiterzudenken, wo die Protagonisten, wenn sie aus der Masse heraustreten und zu erkennbaren Individuen werden, scheitern. Mit Grausen verfolgt man die Gedanken des Konzernleiters, der zum Erhalt seines eigenen Status quo und der bequemen Unwissenheit der Menschen zum Massenmörder wird („Vierte und Erste Sinfonie oder: Müllerbrot“), oder bedauert Janus, der einem selbstbestimmten Leben bereits sehr nahe kommt, um dann in ein Stadium noch größerer Abhängigkeit zurückgeworfen zu werden („Erlösungsdeadline“).

_Alles in allem_ merkt man dieser gelungenen Sammlung an, dass hier reife Autoren mit Sachkenntnis, Fantasie und Leidenschaft am Werk waren. Ihnen gefallen nicht nur einige seiner Songs, sondern eingestreute Details wie die unterschiedlichen Augenfarben Bowies und biografische Fakten outen sie als Fans oder zumindest als sorgfältige Rechercheure. Sehr gut gelungen sind die kurzen einführenden Texte vor jeder Erzählung, in denen man einige Informationen über die Autoren bekommt und feststellen kann, dass es sich um gestandene Schriftsteller mit reicher Erfahrung handelt, und die einleitenden Worte, in denen die Autoren über die Auswahl des sie inspiriert habenden Songs schreiben. Eine gute Idee war es, gerade diese Betrachtungen über die Songs auszugliedern. So erhält der Leser die Möglichkeit, seine Verbundenheit mit dem Schaffen Bowies zu testen, indem er die einleitenden Texte erst später liest und quasi detektivisch herauszufinden versucht, um welche Songs es sich handeln könnte. Manches liegt auf der Hand („Das ist nicht Amerika“), andere Parallelen erschließen sich ohne Hilfestellung nur wahren Kennern („Hinterland“).

Karla Schmidt und ihre Autoren laden den Leser ein, sie an einen überraschenden und geheimnisvollen Ort zu begleiten, an dem sowohl Songs als auch Geschichten entstehen. Für 14,95 Euro lohnt es sich durchaus, diese Einladung zu einem erfrischend tiefgründigen und inspirierenden Ausflug in die Zukunft anzunehmen.

|Taschenbuch: 383 Seiten
ISBN-13: 978-3938065693|

Classic Shop

Hennen, Bernhard – Drachenelfen (Drachenelfen 1)

_|Drachenelfen|:_

Band 1: _“Drachenelfen“_
Band 2: – nur angekündigt –
Band 3: – nur angekündigt –

_Nach den sehr erfolgreichen Reihen_ „Die Elfen“ und „Elfenritter“ widmet der deutsche Autor Bernhard Hennen den kriegerischen Naturgeistern nun einen weiteren dreibändigen Zyklus, genannt „Drachenelfen“. Darin entführt der Autor den Leser in eine längst vergangene Zeit, in der die Elfen bloße Werkzeuge der unter den mächtigen Devantharen regierenden Drachen waren. Die drei Bücher spielen vor den bisher erschienenen Reihen Hennens „Die Elfen“ und „Elfenritter“ und erzählen, wie einst die Menschen, angesiedelt in der Welt Daia, und die Elfen der Albenmark nach den Geheimnissen der den Göttern vorbehaltenen Welt Nangog strebten und wie schließlich der große Krieg zwischen den Alben und den Unsterblichen ausbrach.

_In die Trilogie einleitend_ werden im ersten Band “Drachenelfen” auf mehr als 1000 Seiten ausführlich die Geschichten der Hauptcharaktere erzählt, die im großen Finale schließlich aufeinander treffen. Da wäre zum Einen die eigensinnige und unbeugsame Elfe Nandalee, die einst einer nomadischen Elfensippe angehörte, auf der Jagd jedoch versehentlich einen Trollprinzen erschießt und daraufhin verstoßen wird. Doch Nandalee ist etwas ganz besonderes und wird deshalb von dem Drachenelfen Gonvalon vorm Erfrieren gerettet und auserkoren, ebenfalls eine Ausbildung bei den Himmelsschlangen zu machen. Von Anfang an knistert es zwischen den beiden, doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern, denn schon bald nimmt der „Dunkle“ Drachen die sture Elfe mit auf die Jagd nach einem unbekannten Mörder, der es auf die Alben abgesehen hat. Unterdessen wird der schüchterne und verträumte Bauer Artax Zeuge des Todes des tyrannischen, grausamen und selbstsüchtigen Unsterblichen Aaron und daraufhin von einem Devanthar gezwungen, dessen Rolle einzunehmen. Urplötzlich findet er sich im Körper Aarons wieder und muss einen Weg finden, mit seiner neu gewonnenen Macht, den Erwartungen seiner Untertanen und vor allem seinem eigenen Gewissen und seinen Moralvorstellungen zu finden. Die unerwartete Begegnung mit seiner großen Liebe Shaya, der Tochter eines anderen Unsterblichen, erschwert ihm diese Aufgabe, an der er ohnehin fast zu zerbrechen droht, sich jedoch immer wieder aufrappelt, zusätzlich. Zu guter Letzt mischen sich schließlich auch noch die Zwerge in die Machtspiele der Völker ein und arbeiten an einer Waffe, die die Herrschaft der Drachen für immer beenden soll.

_Diese verschiedenen Handlungsstränge_ bieten zwar, so meint man, genug Stoff, um über 1000 Seiten zu füllen, doch dem ist leider nicht so. Oder zumindest schöpft Hennen das Potenzial seiner Ideen nicht gänzlich aus und hier liegt auch das größte Problem des Buches „Drachenelfen“. Man wird das Gefühl einfach nicht los, Hennen rede hier und da um den heißen Brei und komme nicht so recht zur Sache, als hätte der Autor die Auflage bekommen, mindestens 1000 Seiten zu füllen. Anders lässt sich die künstlich in die Länge gezogene Erzählweise bei einem solch erfahrenen und professionellen Autor wohl auch nicht erklären. Natürlich gilt es jedoch auch, die zahlreichen Stärken des Werkes zu betonen, die schon die früheren Werke Hennens auszeichneten, z. B. die detailliert und interessant skizzierten Charaktere, deren menschliche Emotionen und Schwächen teilweise so stark herausgearbeitet wurden, dass man sich geradezu mit ihnen identifizieren könnte und die, je nachdem aus wessen Sicht gerade erzählt wird, einen ganz anderen Blickwinkel offenbaren und so Stück für Stück die ganze Geschichte um sie herum entstehen lassen. Vor allem aber das Geschick und die Raffinesse, mit der der Autor die einzelnen Handlungsstränge ineinander verwebt und die Story an verschiedenen Punkten zugleich vorantreibt, ohne dass man mal den Überblick verliert und entnervt zurück blättern und suchen muss, was in diesem Strang gerade geschehen ist.

_Deshalb und ebenso_ wegen der eleganten, bildhaften und dennoch simplen, verständlichen Sprache liest sich „Drachenelfen“ überaus flüssig und leicht, sodass es beispielsweise sehr gut geeignet für lange Zugfahrten ist. Doch auch, wer sich gern in Ruhe in ein Buch vertieft und sich ganz in die Geschichte einfühlen möchte, macht bei „Drachenelfen“ nichts falsch. Abgesehen von der bereits genannten Schwäche für Fantasy-Fans also den Kauf wert!

|Taschenbuch: 1072 Seiten
ISBN 978-3453266582|
http://www.randomhouse.de/heyne

13 weitere Rezensionen zu Titeln von |Bernhard Hennen| findet ihr in [unserer Datenbank]http://buchwurm.info/book

Chandler, David – Grab der Elfen, Das (Ancient Blades 2)

_|Ancient Blades|:_

Band 1: [„Die Metropole der Diebe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7154
Band 2: _“Das Grab der Elfen“_
Band 3: „Der Thron der Barbaren“ (Mai 2012)

Das hat man nun davon, wenn man sich mit einem Ritter wie Croy anfreundet! Man darf nicht nur Zeuge spielen bei einer Verlobung, bei der man viel lieber selbst der Bräutigam wäre, man wird auch noch wider Willen auf eine Queste an den unheilvollsten Ort des gesamten Kontinents geschleppt, um dort einen Dämon zu jagen! Aber was tut man nicht alles, um einem ungewöhnlich fähigen und hartnäckigen Attentäter zu entgehen …?

David Chandler hat seine Geschichte in diesem Band gewaltig erweitert.

Zunächst einmal gibt es neue Charaktere. Der sympathischere ist eindeutig Mörget, ein Barbar aus dem Osten, der wie Croy eine Ancient Blade trägt. Mörget ist laut, direkt und unkompliziert. Zumindest was seine Methoden angeht. Da die Steppenvölker aus dem Osten aber eigentlich nichts lieber täten, als Skrae zu erobern, ist seine Begleitung wohl trotz allem mit Vorsicht zu genießen. Prestwicke dagegen ist ein wahrer Bluthund. Zwar lächelt er stets freundlich, allerdings wäre er weit weniger unheimlich, wenn er einfach die Zähne fletschen würde. Er ist schnell, geschickt und zögert nicht, jede Möglichkeit zu nutzen, die sich bietet, wenn er damit seinem Ziel näher kommt. Dumm nur, dass nicht klar ist, was eigentlich sein Ziel ist! Denn für einen einfachen Auftragsmörder ist er einfach viel zu gefährlich.

Tiefgründig kann man die Charakterzeichnung auch hier nicht nennen, aber beide sind lebendig und treffend skizziert.

Die zweite Erweiterung betrifft die Örtlichkeit. Obwohl das relativ zu sehen ist, denn Malden verlässt zwar zum ersten Mal in seinem Leben die Stadt, in der er geboren wurde, die Reise selbst währt aber nur kurz, und die eigentliche Geschichte spielt sich hauptsächlich im Innern eines Berges ab. Immerhin aber hat der Autor sich für diesen Berg eine Menge einfallen lassen und seine Ideen sehr bildhaft beschrieben. Das hatte allerdings den Nachteil, dass ich persönlich nicht besonders glücklich darüber war, denn gefallen hats mir da nicht gerade. Wenn ich es mir hätte aussuchen können, wäre ich lieber tausend Jahre früher vorbeigekommen.

Und da sind wir auch schon beim dritten Aspekt, der ausgebaut wurde: dem geschichtlichen Hintergrund. Vor achthundert Jahren haben die Menschen Krieg gegen die Elfen geführt und sie vollständig ausgerottet. Nicht, dass Malden viel Ahnung von der Geschichte seines Volkes hätte, aber selbst das wenige, das er darüber weiß, betrachtet er mit einer gewissen Skepsis. Zu Recht, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt. Schade nur, dass diese Entwicklung schon zu Beginn der Handlung so absehbar war.

Natürlich purzeln den Gefährten die Erkenntnisse nicht einfach so in den Schoß. Denn was sie zu ihrer Überraschung an den Wurzeln des Gebirges finden, will eigentlich überhaupt nicht gefunden werden. Und außerdem sind sie nicht die Einzigen, die in den finsteren Tiefen herumstolpern. Offenbar gibt es da noch mehr Leute, die sich für diesen sonst so gemiedenen Ort interessieren, die Frage ist nur, wieso?

Klingt eigentlich recht abwechslungsreich. Ist es auch. Trotzdem war ich mit diesem Band nicht so recht glücklich. Und das lag nicht nur daran, dass ich die Örtlichkeit als ausgesprochen unerquicklich empfand. Eher war es so, dass ich einen ernstzunehmenden Gegner vermisste. Denn der für diese Rolle am meisten geeignete Prestwicke ist die meiste Zeit abwesend, weil er die Truppe erst einmal einholen muss. Als er endlich auf der Matte steht, ist die Geschichte schon fast zu Ende. Die tatsächlich vorhandenen Gegner zeichneten sich einerseits vor allem durch derbe Ausdrucksweise, andererseits durch eine Mischung aus Naivität und geistiger Verwirrung aus. Die einzige wirklich interessante Herausforderung war die Falle in der Schmiede.

So blieb als Gesamteindruck am Ende hauptsächlich der von viel Herumgeirre im Dunkeln übrig. Und einige Details, die ich als unlogisch empfand. Zum Beispiel sollte es nicht möglich sein, einen Dämon, der in der Lage ist, durch eine Ritze zwischen Tunnelwand und Verschlussstein zu schlüpfen, die nicht einmal Wasser durchlässt, dadurch zu fangen, dass man einen Felsblock auf ihn drauffallen lässt! Und wie konnte Balint, die nach eigener Aussage nur kurz vor Malden und seinen Freunden ankam, in der kurzen Zeit gleich zwei heimtückische Fallen bauen? Außerdem kann ein wolkenhoher Berg, selbst wenn er stark ausgehöhlt wurde, kaum derart einstürzen, dass sich danach an derselben Stelle ein Tal befindet. Und selbst wenn das möglich wäre, dann müsste der Berg derart stark ausgehöhlt worden sein, dass ich mich frage, wo in aller Welt die Tunnelgräber den ganzen Abraum hingeschafft haben!

_Letztlich bleibt der zweite Band_ trotz der interessanten Neuzugänge, des exotischen Handlungsortes und der vielen unterschiedlichen Grüppchen, die sich gegenseitig belauern, hinter dem ersten Band zurück. Die größte und geheimnisvollste Bedrohung ist nur eine Randerscheinung und der Rest scheint vor allem ein einziges, großes Missverständnis zu sein. Die vorhersehbare Auflösung des Ganzen und die logischen Stolperer taten ein Übriges. Ich hoffe, im nächsten Band findet David Chandler zu seiner ursprünglichen Form zurück.

_David Chandler lebt in New York_ und arbeitete für die Uno, ehe er mit dem Schreiben begann. „Das Grab der Elfen“ ist der zweite Teil seines Zyklus |Ancient Blades|, der dritte Band der Reihe erscheint im Mai unter dem Titel „Der Thron der Barbaren“.

|Taschenbuch 513 Seiten
Originaltitel: A Thief in the Night
Deutsch von Andreas Decker
ISBN-13: 978-3-492-26755-7|
http://www.piper-verlag.de
http://www.ancientblades.com

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22

Am Ende aller Tage: untote Soldaten und goldene Männer

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 22 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen – Thema sind „Evil Earths“, also kaputte Erden. Dies ist der erste von zwei TITAN-Bänden zu diesem Thema (Teile 1 bis 3 des Originals). Die Originalerzählungen entstammen Magazinen, die heute nur noch schwer zugänglich sind, und zwar aus drei Jahrzehnten.

Wolfgang Jeschke, Brian W. Aldiss (Hg.) – Titan-22 weiterlesen

Watson, Ian – Räume des Paradieses, Die. SF-Erzählungen

_Sarkastische Ironie und andere Spezialeffekte_

Die einfallsreichen SF-Erzählungen machen den Storyband „Die Räume des Paradieses“ zu einem schönen Lesebuch mit unverkennbar religiösem Anflug für Romantiker mit gehobenen Ansprüchen.

_Der Autor_

Der Brite Ian Watson ist wohl der phantasievollste und skurrilste Autor unter vielen ähnlichen Autoren, wie sie die englische Science-Fiction hervorbringt. Watson gleiche H. G. Wells in seinem Erfindungsgeist und in seiner Ungeduld, schrieb die Literaturbeilage der angesehenen „Times“. Bei ihm weiß man nicht so recht, ob das noch New Wave oder schon New Age ist, aber er besitzt eine gehörige Portion Humor. Der Band enthält 16 Stories.

_Die Erzählungen_

Sehr amüsant ist die Jack-London-Hommage „Der Ruf der Wildnis: Die Version des Hundeflohs“, die mit ihrer an „Wolfsblut“ erinnernden Blutrünstigkeit bezaubert.

|SPECIAL: „Die World Science Fiction Convention von 2080″|

Ein feines Gegenbeispiel zu den üblichen Science-Fiction-Con-Bericht ist die in Edgar Pangborns Post-Holocaust-Welt angesiedelter Story „Die World Science Fiction Convention von 2080“. Mit sanfter Ironie beschreibt Watson ein Zeitalter, in dem Science-Fiction aller Schattierungen endlich zu dem geworden ist, was sie in einem Hitech-Zeitalter nicht sein kann: reine Mythologie.

Das Jahr 2080 sieht dem Anfang des 19. Jahrhunderts zum Täuschen ähnlich. Nach mehreren verheerenden Kriegen versucht die Menschheit immer noch, ihre Städte Neu Boston, Neu Chicago und so weiter aufzubauen. Die Land- und Seestrecken sind von Indianern oder Piraten gefährdet, wenn man nicht gleich das Opfer hungriger Wölfe wird.

Diesen traurigen Tatbestand muss auch unser Chronist bezüglich der verhinderten Besucher der World-Science-Fiction-Convention vermelden: Drei der Mitglieder der SF-Vereinigung haben es nicht geschafft, und weitere sind noch nicht eingetroffen. Er selbst ist aus Schottland nach Neu-Boston herübergesegelt und musste sich seine Passage selbst verdienen. Ein Glück, dass die Convention nur alle drei Jahre stattfindet. Sonst gäbe es womöglich noch heftigeren Mitgliederschwund.

Aber nun zur Tagesordnung: der BASAR, das BANKETT, der EHRENGAST, die PREISVERLEIHUNG – lang lebe die Tradition. Und wie sagt doch der Preisträger Ehrenpreises Jerry Meltzer? „Die Sterne gehören uns jetzt wirklich; denn es nicht absehbar, dass noch eine Rakete zu unseren Lebzeiten dorthin fliegen wird und sie uns stiehlt.“ Daher auch der Titel des Gewinnerromans „Wohin jetzt, Sternenfahrer?“

2083, also in drei Jahren, soll die nächste Convention im Fischerdorf Santa Barbara an der Westküste stattfinden. Das dürfte eine „interessante“ Durchquerung des Kontinents erfordern, stellt sich der Chronist vor.

|Mein Eindruck|

Der Autor ist von Haus aus Soziologe, und so kann es nicht verwundern, dass er auch die regelmäßigen Treffen der Autorengemeinschaft auf ihre Rituale und Grundbedingungen untersucht. Er tut dies nicht ohne Sympathie, und wer schon einmal die familiäre Atmosphäre einer solchen Convention geschnuppert hat, der ahnt, dass das Fehlen jedes einzelnen Mitglieds wehtut. Es ist, als würde ein Glied aus der Kette brechen oder ein Puzzleteilchen aus dem Bild fallen. Deshalb ist es nicht kurios, sondern sehr traurig, wenn die Verlustmeldungen am Anfang kommen.

Die Produktionsbedingungen für die Erzeugnisse der AutorInnen sind wieder auf ein mittelalterliches Gutenberg-Niveau herabgesunken. Ach, wie gut hatten es doch die Alten Meister Heinlein, Asimov und Le Guin! Ihre Bücher wurden auf der ganzen Welt verkauft. In unvorstellbaren Mengen, wohingegen heute jedes Buch als Inkunabel zu behandeln ist, die in der Bibliothek einen Ehrenplatz erhält.

Aber einen Vorteil hatte der ganze Prozess unbestreitbar für die Phantasie, findet Jerry Meltzer. Man sei nun wieder auf der Stufe von Jules Verne angekommen, dem großen Phantasten, der mit seinen „außergewöhnlichen Reisen“ (Voyages extraordinaires) die Phantasie wie schon einst Homer und Lukian zu ihrem Recht kommen ließ. Erst seit H. G. Wells musste sich die Science-Fiction ins Joch der Wissenschaft spannen und Utopias der Technik erfinden. Was für ein müßiger Unsinn! Man sieht ja, wohin das geführt hat.

Kurzum: Die Story mag nur wenige Seiten umfassen, bietet aber mehr Gedanken- und Emotionsfülle als so mancher dickleibige Actionwälzer.

|Der Rest vom Fest|

Das beliebte Thema Wirklichkeit, Traum und Tod behandelt Watson recht eingehend mit den Erzählungen „Die Räume des Paradieses“, „Einsicht“ und „Flamme und Heiler“. Durch Räume statt durch tage bewegt sich in der Titelgeschichte der mittels Kernspintomografie wiedergeborene Fitzgerald, bis ihm klar wird, dass möglicherweise das als Realität Erlebte ein Traum und die Träume Realität sind. (Das klappt auch so lange, bis er aufs Klo muss.)

„Einsicht“, vorgeblich eine Zeitreise-Geschichte, könnte man als Traum vom Sterben auffassen, der dem Zeitreisenden die Entscheidung abverlangt, in absolute Finsternis hinauszutreten. „Flamme und Heiler“ behandelt das Uraltthema gemeinschaftliche Träume und vermittelt eine Vorstellung von Hölle und Paradies, eventuell inklusive Fegefeuer.

Dem klassischen Thema der Begegnung mit Aliens widmen sich die Erzählungen „Alptraum“, „Die Knospe“, „Die Milch des Wissens“, Frieden“ und „Die künstlerische Note“. Meist geht es darin um elementare Missverständnisse, teils mit gutem, teils mit bösem Ausgang, und einmal machen wir Menschen das Beste draus, wenn die Welt schon untergeht. „Die tausend Schnitte“ dagegen versteht die Welt als Aufzeichnung, in der die Spielfiguren dem Regisseur einmal klarmachen, was sie davon halten. Das böse Ende (auch des Buches) bleibt leider ungeschnitten.

Die Titelstory des Originals „Sunstroke“ („Sonnenstich“) ist ziemlich schwach dagegen. Es geht um den Zusammenhang von Sonnenlicht und Schizophrenie, wissenschaftlich nicht so abwegig wie es klingt. Auch „Ein Brief von Gott“ ist ein wenig unterdurchschnittlich. Ein ziemlich überflüssiger Gott offenbart sich durch Riesensäulen. Als Sprachübung à la Charles Dickens darf „In den Pumpenraum mit Jane“ verstanden werden, wobei es um die Imaginationen einer prophetisch begabten Geisteskranken geht.

Die Vereinigung von Hardcore und Mystik probiert der Autor mit der Story „Jean Sandwich, der Gönner und ich“: gezielte Virusinfektionen zur Züchtung des Homo Superior machen eine Journalistin zur Walküre und einen Millionär zum Elf, wobei die geheimen Wünsche der Versuchspersonen zu Tage treten. Im Zeitalter von AIDS ein eher schlechter Scherz.

Am besten gefallen hat mir die Story „Heimkehr“. Indem die Amerikaner die Neutronenbombe entwickelten, hatten sie die kapitalistische Waffe schlechthin: Vernichtung des Lebens, Erhalt der Sachwerte. Das ließ die Sowjets (die gab’s damals noch) nicht ruhen, eine typisch kommunistische Bombe zu bauen, mit der den Leuten alles genommen werden kann, was sie besitzen, nur nicht das Leben. Wie sähe es also nach einem Neutronenkrieg aus? Hier 200 Mio. splitternackter Amerikaner, dort eine leere, völlig intakte UdSSR. Und die Folgen? Um das glauben zu können, muss man „Heimkehr“ gelesen haben: Die Amerikaner kehren in das Land ihrer Väter zurück (was zumindest auf die Indianer zutrifft). Ein schönes Beispiel sarkastischer Ironie.

_Unterm Strich_

„Die Räume des Paradieses“ ist ein schönes Lesebuch mit unverkennbar religiösem Anflug für Romantiker mit gehobenen Ansprüchen. Die Storys mögen meist nur wenige Seiten umfassen, bieten aber mehr Gedanken- und Emotionsfülle als so mancher dickleibige Actionwälzer. Es gibt nur wenige Ausfälle.

|Taschenbuch: 269 Seiten
Originaltitel: Sunstroke and Other Stories (1982)
Aus dem Englischen übertragen von Walter Brumm
ISBN-13: 978-3453010048|
http://www.heyne.de

_Ian Watson bei |Buchwurm.info|:_
[„Feuerwurm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=848
[„Quantennetze“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1371

Marmell, Ari – Dämon des Kriegers, Der (Corvis Rebaine 1)

_|Corvis Rebaine|:_

Band 1: _“Der Dämon des Kriegers“_
Band 2: „Die Tochter des Kriegers“

_Obwohl ich ein begeisterter Anhänger_ von Fantsy-Literatur bin, sagte mir der Name Ari Marmell nichts, bevor ich seinen Roman „Der Dämon des Kriegers“, Auftakt einer mehrteiligen Reihe, das erste Mal in den Händen hielt. Als ich begann, das Werk zu lesen, konnte ich mir jedoch auch nicht vorstellen, dass es sich bei dem 1974 geborenen Autor um einen blutigen Anfänger handelt. Doch umso überraschter stellte ich nach einigen Erkundigungen fest, dass dieses Buch tatsächlich das erste vollständig selbst erdachte Werk Marmells handelt, vorher erschienene Werke basierten auf Rollenspielen. Diese Neigung des Autors überrascht im Gegensatz dazu jedoch so gar nicht, denn Marmell bediente sich für „Der Dämon des Kriegers“ recht offen bei klassischen Rollenspiel-Charakteren, -Orten und -Szenarien.

_Doch zunächst zur Geschichte des Buches:_ Corvis Rebaine, „Schrecken des Ostens“ genannt, war einst ein mächtiger Kriegsfürst, der Angst und Schrecken unter den zivilisierten Völkern Imphallions verbreitete und für seine Gräueltaten bekannt war. Quelle seiner Macht und magischen Fähigkeiten war ein heimtückischer, intriganter und verschlagener Dämon, gefangen in einem Edelstein, den er immer bei sich trug. Doch eines Tages verschwand der Herrscher wie vom Erdboden.

„Der Dämon des Kriegers“ setzt um die 20 Jahre nach dieser Vorgeschichte an. Corvis nennt sich jetzt Cerris und hat sich in einem kleinen Dorf zur Ruhe gesetzt, eine Familie gegründet und sich so eine neue Identität erschaffen. Doch seine Vergangenheit holt ihn eines Tages wieder ein, als ein neuer Kriegsfürst, die „Schlange“ Audriss, das Land mit seiner blutrünstigen Armee überzieht und die Macht an sich reißen will. Als eine Gruppe Söldner schließlich Cerris‘ Tochter entführt, entmottet der etwas eingerostete frühere Kriegsherr seine alte Rüstung und zieht erneut los, um ein Heer aus Barbaren, Ogern, Menschenfressern und Hexen um sich zu scharen, seine Tochter zu retten und Audriss zu stoppen.

_Bereits diese Zusammenfassung_ sollte jedem klarmachen, womit er sich bei der Lektüre dieses Werks rechnen kann und was ich eingangs bereits über Marmells Hang zu Rollenspielen sagte, bestätigen. Zwar geht Ari Marmell kreativ zu Werke und spinnt aus seinen zahlreichen Ideen eine spannende und abwechslungsreiche Geschichte, voll von Geheimnissen und auch so einigen Überraschungen, locker und bildhaft erzählt, gespickt mit jeder Menge Witz und Charme. Doch im Grunde hat man doch alles schon einmal irgendwo anders gehört, gelesen oder gespielt, wodurch die über 500 Seiten sich gefühlt auch deutlich länger dahin ziehen, als es notwendig gewesen wäre. Dazu kommt, dass insbesondere die Charaktere nur sehr oberflächlich skizziert werden und die Geschichte so auch insgesamt kaum Tiefgang entwickelt und den Leser so auf keiner Ebene wirklich zu berühren vermag.

Leichte Lektüre also, gut geeignet zum Zeitvertreib zwischendurch, allerdings alles andere als ein potenzieller Genre-Klassiker, an den man sich auch noch nach Jahren erinnert und den man bestens Gewissens weiterempfehlen würde.

|Taschenbuch: 544 Seiten
Originaltitel: The Conqueror’s Shadow (Corvis Rebaine 1)
ISBN-13: 978-3442267835|

_Ari Marmell bei |Buchwurm.info|:_
[„Vampire: Requiem“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1701

NEWS: ANTONIA MICHAELIS: Jenseits der Finsterbachbrücke

 ANTONIA MICHAELIS: Jenseits der Finsterbachbrücke

Antonia Michaelis  zeigt nun auch Taschenbuchkäufern, was „Jenseits der Finsterbachbrücke“ passiert. Neu bei Oetinger.

Das heilige Kloster des Erlöserordens ist ein trostloser Ort, an dem Hoffnung und Freude unbekannt sind. Die jungen Novizen sind dem brutalen Regime der Mönche ausgeliefert. Thomas Cale ist einer von ihnen. Er kann nicht sagen, wie alt er ist und wie er wirklich heißt. An sein früheres Leben kann er sich nicht wirklich erinnern. Er weiß nicht, was ihn noch alles erwarten wird, aber eines weiß er: Niemals werden sie ihn unterkriegen. Seine Zeit wird kommen, und dann wird er sich rächen …
(Verlagsinfo)

Broschiert, 349 Seiten

 

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (8 Stimmen, Durchschnitt: 1,25 von 5)

Gunn, James (Hg.) – Von Malzberg bis Benford. Wege zur Science Fiction 10 (HSFB 99)

_|Wege zur Science Fiction|:_

Band 1: Von Gilgamesch bis Hawthorne. HSFB 90
Band 2. Von Poe bis Wells. HSFB 91
Band 3. Von Wells bis Stapledon. HSFB 92
Band 4. [Von Huxley bis Heinlein. HSFB 93]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4529
Band 5. Von Heinlein bis Farmer. HSFB 94
Band 6. [Von Clement bis Dick. HSFB 95]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2309
Band 7. Von Ellison bis Haldeman. HSFB 96
Band 8. Von Matheson bis Shaw. HSFB 97
Band 9. Von Lem bis Varley. HSFB 98
Band 10. Von Malzberg bis Benford. HSFB 99
Band 11. Von Shelley bis Clarke. HSFB 100
Band 12. Von Ballard bis Stableford. HSFB 101

_Scheues Wild: Auf der Frauenpirsch und andere Verfolgungen_

In seiner Serie „Wege zur Science Fiction“ versucht Herausgeber James Gunn sowohl die Entstehungswege der amerikanischen wie auch der britischen Science-Fiction nachzuzeichnen, die einzelnen Autoren zu charakterisieren und die Bedingungen zu erklären, unter denen die teils recht ausgefallenen Erzählungen entstanden.

In der Heyne Bibliothek der Science-Fiction ist dies Band Nummer 99. Er deckt die Zeit zwischen 1975 und 1981 ab, eine recht experimentierfreudige Zeit, wie der Leser gleich feststellen wird. Jeder Beitrag wird vom Herausgeber eingeleitet, teils um einen Aspekt der SF abzudecken, teils mit einer kurzen Vorstellung des jeweiligen Autors.

_Der Herausgeber _

James Gunn, geboren 1923, hat ein paar interessante SF-Romane geschrieben, darunter „Die Freudenspender“ (1961) und „Die Unsterblichen“, aber besonders hat mich nur „Die Horcher“ beeindruckt, ein realistischer Roman über Astronomen, die nach fremdem Leben im Kosmos suchen und eines Tages fündig werden. Bei uns ist er am bekanntesten für seine Story-Anthologien in der Reihe „Wege zur Science Fiction“, die er in den siebziger Jahren begann und die fast vollständig bei Heyne in der „Science Fiction Bibliothek“ erschienen ist.

_Die Erzählungen _

_1) Barry Malzberg: „Abkopplung“ (1975)_

Der namenlose Ich-Erzähler lebt in einer grausamen Metropole, in die Türme der faschistischen Bürokratie über alles bestimmen. Die Polizisten stehen immer Gewehr bei Fuß, und Roboter besetzen alle subalternen Positionen. Das muss unser Held feststellen, als er sich zu seiner monatlichen Ration Sex begibt, auf die er ein verbrieftes Anrecht hat. Auch die Sexualität ist für alle geregelt, wie ihm der Korridor, durch den ihn der Rezeptionsroboter führt, zeigt: Zimmer für Homos, Nekrophile, Sadomasos und ja, schließlich sogar für „normative Heterosexuelle“, also für solche wie ihn. Muss es ja auch geben.

Mit dem Mädchen redet er französisch, bevor er seine ihm zugestandenen fünf Minuten nutzt. Sie bedankt sich: „Je suis satisfee.“ Umgehend wird er wieder vom Roboter hinausgebracht, und als er zögert, verpasst ihm die Polizei einen Tritt in den Hintern. Die Passanten, vertieft in ihre eigenen Angelegenheiten, betrachten diese Behandlung billigend.

Kaum ist er wieder daheim, im 98. Stock seines Wohnblocks im Blut-Distrikt der Schlachthäuser, entdeckt er das Mädchen in einer Ecke seiner Wohnung. Sie besteht auf Verständigung, ist es zu fassen, und auf Menschlichkeit. Er meldet sie, und Momente später holt der Polizist, der ihm ebenfalls gefolgt ist, ab. Man wird sie entsorgen. Alle verstehen, aber jeder etwas anderes.

|Mein Eindruck|

Soweit der relativ dünne Plot. Doch der Leser mag verwundert sein über das Verhalten des Protagonisten. Die Erklärung des Verhaltens erfolgt natürlich nicht explizit, sondern implizit, denn der Erzähler scheut sich, sich selbst zu erklären. Dazu fehlt ihm einfach die Fähigkeit.

Nein, sein Verhalten ist eher irrational. Schon mit Wut und Stress im Bauch tritt er in den Empfangsraum des Turm und macht prompt durch sein Fehlverhalten Rabatz. Das bringt ihm die intensive Aufmerksamkeit der bis an die Zähne bewaffneten Cops ein. Dass er schauderhaft französisch zu sprechen versucht, macht die Sache nicht besser, und dass er den Empfangsroboter nach sexueller Bereitschaft fragt, dürfte ihm auch keine Pluspunkte einbringen.

Immer wenn er gestresst ist, redet er von sich in der dritten Person. Ihm ist dieses dissoziative Verhalten durchaus bekannt, er kann aber nichts dagegen tun. Es ist, als bestünde er aus zwei Hälften: einer rebellischen, aber gut verborgenen, und einer öffentlichen, speichelleckerischen. Eigentlich steht er ja daheim auf Peitschen und Gewalt, stattdessen muss er sich öffentlich bei den Heteros seine fünf Minuten Sex abholen. Als er die Sexpartnerin bei sich in der Wohnung sieht, weiß er, was er zu tun hat: Er kann Pluspunkte bei der Obrigkeit sammeln und seine Aggressionen walten lassen.

Okay, das Ganze ist nicht schön. Aber darum geht es dem Autor nicht. Er liefert ein Psychogramm, dessen Ansätze er bereits in den sechziger und siebziger Jahren bei seiner Arbeit in der Bürokratie („Amt für geistige Hygiene“, ist es zu fassen!) beobachten konnte. Und dass die Sexualität mittlerweile global industrialisiert worden ist, dürfte sich mittlerweile bis zum hinterletzten Internetnutzer herumgesprochen haben. Warum sie also nicht rationieren, wie alles andere? – Stilistisch ist die Story an Alfred Bester angelehnt, wie der Herausgeber erläutert.

_2) Michael Bishop: „Die Verwandlung“ („Rogue Tomato“, 1975)_

Als Philip K. erwacht, sieht er sich in eine planetengroße Tomate verwandelt. Sehend und atmend, mit einer Atmosphäre und eigenem Wetter versehen, kreist Philip K. um einen Roten Riesen, den er nach einer Weile als „Papa“ bezeichnet. Statt sich frustriert über seine Konversion zu ärgern, erlebt er eine ungeahnte Freude der vitalen Existenz. Er reift binnen weniger Monate zu voller Pracht heran. Zugegeben, er denkt wehmütig an Lydia P. aus Houston an, doch wenn sie ihn jetzt sehen könnte, würde er sich wünschen, dass sie in einer Form der Eucharistie verspeisen würde.

Nach Ablauf eines Jahres freudvoller Existenz hat Philip K. die Ausmaße eines Uranus angenommen. Nur schade, dass ihn die allzu weit entfernte Menschheit nicht kolonisieren wird. Da erscheinen Schwärme von Ameisenmotte von jenseits des Sternensystems und beginnen, liebevoll an Philip K. zu knabbern, zu fressen, doch ihr Speichel versetzt K. geradezu in Ekstase.

Selbst wenn er durch die vollständige Bedeckung blind ist wie der Seher Teiresias, so erlebt er doch eine höhere Ebene seiner Existenz. Man stelle sich sein Erstaunen vor, als weitere Schwärme der Myrmidopteren beginnen, ihn aus seiner angestammten Planetenbahn zu schieben. Au weia, das wird der Papa-Sonne gar nicht gut bekommen, denkt er noch, als auch schon die Nova in Gang gesetzt wird. Doch seine zwölf Erzengel beschützen ihn und nutzen den verstärkten Sonnenwind zur beschleunigten Fortbewegung ihrer kostbaren Fracht.

Doch wohin werden sie bringen, fragt sich unsere glorreiche Tomate. Sicherlich kommen seine Engel von einer anderen Dimension der Existenz und halten sicherlich die Offenbarung seiner Bestimmung bereit … Und so kommt es, dass eine riesige Tomate 500.000 Kilometer über der Erde erscheint und jede Menge Tsunamis verursacht. Doch wie soll Philip K. der Menschheit ihre herrliche Bestimmung verkünden? Doch er ist zuversichtlich: Kommt Zeit, kommt Rat.

|Mein Eindruck|

Diese brillant ausgeführte Satire nimmt sämtliche mystischen Erfahrungen, die die Science-Fiction zu bieten auf die Schippe und führt sie allein durch die Form des Protagonisten ad absurdum. Wer glaubte, allein schon die „Verwandlung“ à la Gregor Samsa würde die Vergöttlichung einleiten, dürfte nun leise Zweifel bekommen. Eine Tomate, die sieht und atmet ihr eigenes Wetter besitzt? Man sieht allmählich die Lächerlichkeit des Vorgangs ein.

Als auch noch wohlmeinende Engel in Gestalt von Ameisenmotten von jenseits der hiesigen Dimension auftauchen, um Philip K. – sein Name ist an Philip K. Dick und Kafkas Herrn K angelehnt – in die Himmel zu entführen, dürfte die Absurdität des Geschehens offensichtlich werden. Womit hätte je eine Tomate diese Ehre verdient? Doch das Clarke’sche Sternentor aus Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ wie auch Kurt Vonneguts „chronoklastisches Infundibulum“ aus „Die Sirenen des Titan“ werden bemüht, um das Geschehen in den Kontext der SF zu stellen. Alles ist möglich, und je mehr es wie eine Himmelfahrt à la Elias aussieht, umso besser.

Dass eines Tages eine riesige Tomate über dem Horizont aufgehen würde, hätten sich die Bewohner von Houston, Texas, wohl nicht träumen lassen. Was wohl der echte Philip K. Dick davon gehalten hätte? Denn auch er hat eine mystische Erfahrung gehabt, und zwar im Februar und März 1974: VALIS nannte er das göttliche Wesen, das ihn heimsuchte: Vast Active Living Intelligence System. Nicht weniger als vier Romane sowie ein gigantisches, 8000 Seiten umfassendes Logbuch („In Pursuit of VALIS“) entsprangen dieser Offenbarung. Auch darüber macht sich Bishop lustig.

Doch Bishop schrieb später mit „Dieser Mann ist leider tot“ eine Hommage an Dick. Alles halb so wild also. Nichtsdestoweniger ist „Rogue Tomato“ eine der bissigsten Satiren auf die Mystik-Auswüchse in der SSF, die gerade Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre bunte Blüten trieben.

_3) George R. R. Martin: „Dieser Turm von Asche“ („This Tower of Ashes“, 1976)_

Auf Jamison’s Welt hat sich der Jäger Johnny Bowen eine Heimstatt in einem alten Turm an der Meeresküste eingerichtet. Begleitet nur von seinem treuen achtbeinigen Kater Eichhorn, begibt er sich nächstens auf die Jagd nach den Traumspinnen, die im nahen Wald ihre Netze aufspannen, um das Wild zu fangen und mit ihrem Gift zu betäuben. Dieses Gift verkauft Johnny an Krobec, den Händler aus der Hauptstadt Port Jamison, der es wiederum auf dem Drogenmarkt verhökert. So bringen die Spinnen den Menschen ferner Welten Visionen und Träume.

Eines Tages aber kommen Johnnys Exfrau Crystal und ihr neuer Lover Gerry zu Besuch. Sofort fühlt er sich angespannt und eifersüchtig, denn Gerry ist nicht zuletzt skeptisch gegenüber dem, was Johnny hier draußen treibt: Er würde am liebsten den ganzen Wald abfackeln, mit allem, was darin kreucht und fleucht. Nur der Kater, den Crystal sofort liebkost, bewahrt Bowen vor einem Wutausbruch. Beim Wein danach kommt er auf die Schnapsidee, den beiden die Spinnen zu zeigen. Und vielleicht finden sie sogar die Erbauer des Turms, wer weiß?

Doch die Expedition steht unter keinem guten Stern. Über der Schlucht, wo, wie Bowen weiß, ein Spinnenpaar haust (das Weibchen jagt, das Männchen mag das Netz klebrig), liegt quer ein Baumstamm, von dem aus sie das Netz und die Beute beobachten können. Johnny hält seinen Bogen schussbereit, denn wer weiß, wo das Weibchen gerade jagt?

Da rutscht Gerry auf dem Baumstamm aus und fällt ins Netz! Sofort beginnt das Männchen, auf ihn zuzukrabbeln. Bowen legt auf es an. Da schreit Crystal auf, und einen Moment später sieht Bowen, wie das Weibchen auf ihn zugekrochen kommt, um ihn zu beißen. Er zögert: Welches Tier soll er zuerst erschießen, wen zuerst retten, sich oder den verhassten Gerry oder die geliebte Crystal, die er zurückgewinnen will? Die rettende Idee kommt ihm wie ein Blitzschlag. Doch sein Zögern wirkt sich fatal für alle aus …

|Mein Eindruck|

Wie schon in „Song for Lya“ und „Wenn die Flamme erlischt“ drehen sich viele von Martins Geschichten um Beziehungen, insbesondere Dreiecksgeschichten. Das ist kein Wunder, findet er (laut Herausgeber), denn erstens ist das eine alte erprobte Konstellation, die jede Außenweltgeschichte auf ein menschliches Maß reduziert, und zweitens, wichtiger noch, bestimmt die Position in solch einer Beziehung das Verhältnis des Protagonisten zur Realität. Und um die Bestimmung der Realität bzw. deren Wahrnehmung geht es Martin vor allen Dingen.

Deshalb ist es nebensächlich, ob tatsächlich Aliens als Turmerbauer auftauchen oder ob Bowen eine oder beide Spinnen erschießt. Es kommt drauf an, wie das Ergebnis der Auseinandersetzung aussieht. Hat er es geschafft, Crystal zurückzugewinnen, gegen jedes bessere Wissen? Es darf verraten werden, dass die Geschichte wieder mal so ausgeht wie viele von Martins frühen Erzählungen, nämlich mit einer bitteren Enttäuschung. Der „Turm aus Asche“, in dem Bowen wohnt, ist ein Symbol für den Zustand seines Herzens.

Bemerkenswert ist jedoch, dass er im Augenblick der Entscheidung die Realität ganz anders wahrgenommen hat als seine beiden Begleiter. Und das sagt vielleicht mehr aus über ihn als der Rest der Geschichte. Ansonsten kommt die Story völlig ohne Technik und Wissenschaft aus. Crystal beispielsweise sammelt und beurteilt Kunstgegenstände von Fremdweltlern. Das ist einer der Gründe, der sie zu ihrem Johnny zurückführt. Wirklich nur einer, wer weiß?

_4) Edward Bryant: „Teilchentheorie“ („Particle Theory“, 1977)_

Nick Richmond ist erfolgreicher Wissenschaftsautor, als seine Frau Lisa bei einem Flugzeugunglück in Colorado ums Leben kommt. Das stürzt ihn in eine tiefe Depression, die elf Jahre andauert. Denn zu dieser Zeit macht Nick zwei Entdeckungen: Die Sterne in der Galaxis explodieren der Reihe nach – und er selbst hat Prostatakrebs und muss sich einer Therapie mit Partikelbeschuss unterziehen.

Am Tag nach seinem Beschuss verwandelt sich auch die Sonne in eine Nova, was bedeutet, dass alle Sorgen um sein weiteres Leben (etwa als Eunuch und ohne Blase) enden. Als das gleißende Licht den Weltraum wie Donner anfüllt, hört er die Stimme von Lisa ein letztes Mal …

|Mein Eindruck|

„Dichtung, die die neue Technologie verherrlicht“ – das ist es, was Ed Bryant schreiben wollte. Er schreibt in einer Liga mit John Varley und Gregory Benford, nur dass Benford ein gestandener Physiker ist, der Fiction zu schreiben gelernt hat, und Bryant den umgekehrten Weg gegangen ist: ein Dichter, der über Wissenschaft schreibt.

Als solcher führt Bryant zusammen, was zunächst gar nicht zusammenzugehören scheint. Auf der einen Seite Prostatakrebs, auf der anderen explodierende Sonnen. Und dazwischen das verbindende Element: eine Anwendung der Quanten- und Teilchenphysik für das „Wegbrennen“ von Krebszellen. Bei diesem Vorgang, den Nick mit einiger sarkastischer Ironie beschreibt, hat Nick eine Erleuchtung. Sie bringt ihn dazu, in seinem Denken und Schreiben alles Mögliche zusammenzuführen, Novae, Krebszellen, Teilchenstrahlen, sogar Götter.

Als die Astronomin Jackie Denton davon hört, ist sie ungläubig – und fährt dann in den Tod. Vielleicht liegt es aber nicht an Nicks verrückten Ideen, sondern an der Nachricht, dass sich unsere Sonne in eine Nova verwandelt und die Tage des Menschen gezählt sind. Das letzte Bild vom lichterfüllten Kosmos ist besonders beeindruckend.

_5) Joan D. Vinge: „Blick aus der Höhe“ („View From a Height“, 1979)_

Emmylou Stewart ist seit 20 Jahren unterwegs im Weltraum, begleitet nur von ihrem Ara-Papagei Ozymandias alias Ozzy. Sie fliegt ihr einsames Sternenobservatorium zum Nordpol des Sonnensystems und darüber hinaus, nur alle zwölf Tage unterbrochen von einer Antwort, die Harry Weems, ihr NASA-Betreuer, ihr schickt. Sechs Lichttage ist sie schon von Zuhause entfernt, und sie hat Heimweh.

Manchmal kriegt Emmylou auch einen Wutanfall. So etwa jetzt, als Harry ihr mitteilt, dass es für ihren Zustand endlich eine Heilmethode gebe. Ihr „Zustand“ ist der des völligen Fehlens einer Immunabwehr. Schon von klein auf musste sie in einer durchsichtigen Blase leben, und nicht mal Daddy und Mami durften sie richtig in den Arm nehmen. Später ging das dann auch nicht mit ihrem Freund Jeffrey, der Astronaut werden wollte. Die Astronauten, ging Emmylou auf, waren genauso wie sie: eingehüllt in eine Blase. Dort draußen im Weltraum konnte sie wie die anderen sein, und alle waren gleich.

Die NASA schmeißt eine Feier zu Ehren der Überquerung der 1000-AE-Linie. 1000 AE oder Astronomische Einheiten entsprechen 150 Milliarden Kilometern – oder eben sechs Lichttagen. Emmylou, der Sturkopf, feiert nicht, sondern bringt ihre fliegende Arche auf Vordermann, repariert das aus Unachtsamkeit geschrottete Teleskop und dergleichen. Auf zur 2000-AE-Marke!

|Mein Eindruck|

SF und Anthropologie treffen hier einander mal wieder, denn schließlich ist die mit vielen Preisen ausgezeichnete Autorin Joan D. Vinge (die offenbar immer noch den Nachnamen ihres ERSTEN Mannes trägt) von Haus aus Anthropologin. Sie zeigt in ihrer vielfach abgedruckten Erzählung mit viel Einfühlungsvermögen, wie auch eine Frau die Grenze des Lebensraums der Menschheit nach draußen verschieben kann – etwas, was bis dato das Vorrecht von rechten Kerlen gewesen war.

Die Autorin muss eine Antwort auf die Frage finden, welche Art von Frau eine solche Reise ohne Wiederkehr antreten könnte. Die Antwort ist einfach: eine Frau, die schon immer abgesondert in einer keimfreien Blase gelebt hat. Sie kann sich von einem Ort lösen, an dem sie immer eine Fremde gewesen wäre, nur um einen Ort zu erkunden, an dem sie die Erste ist. Ihr Blickpunkt wandelt sich vom Individuellen zum Universellen. Sie hat das Privileg, das Sonnensystem, ja, das Universum allgemein aus einer Höhe zu erblicken, die unverstellt von Wolken und Streulichtern ist. Es ist ein Weg zur Erkenntnis und Transzendenz.

_6) George Zebrowski: „Der Wortkehrer“ („The Word Sweep“, 1979)_

Felix ist der Blockwart in seinem Viertel und passt auf, dass die Leute nicht zu viel reden, wenn überhaupt. Wo er hinschaut: zu Boden gefallene Wörter, die sich in der Luft materialisierten und dann wie Blätter zu Boden fielen. Ein Fall für die Kompaktoren und Aufräumkommandos. Aber es gibt ja auch noch unausgesprochene Kommunikationsformen. Von denen scheint Felix‘ Freundin June aber noch nie gehört zu haben: Als er auf ihre E-Mail nicht antwortet, stürmt sie in seine Wohnung, um ihm gefährliche Wörter an den Kopf zu werfen. Als er nicht antwortet, heißt es natürlich: „Es ist aus!“

Aber wo ist Felix‘ Freund Bruno abgeblieben, der schräge Bruno, der verrückte Bruno? Als eine Dienstanweisung Felix zur brennenden Müllkippe der Wörter ruft, findet er Bruno in einem Loch. Bruno buddelt immer noch, und was das Merkwürdige ist: Es kommen jeweils nur drei Wörter aus seinem Mund, wenn er redet. Wie kann das sein?

Bruno hat eine verrückt klingende Theorie, wonach er eine Stelle ohne Wortwirkung gefunden hat. Aber als sie an einer anderen Stelle graben, finden sie erstens noch weniger Wörterabfall und zweitens eine verborgene Maschine, die einem Generator verdächtig ähnlich sieht. Bruno zerstört sie mit seinem Spaten. Die Wirkung ist anders als erwartet: Bruno spricht jetzt in einer unverständlichen Sprache – der Babel-Effekt …

|Mein Eindruck|

Die Grundidee, dass sich Wörter materialisieren und zu Müll werden, ist kafkaesk, doch die Folgerungen sind pure Philosophie und Linguistik. Alles, was Bruno von sich gibt (außer dem Gebabbel), hat Hand und Fuß, wenn man den Linguisten Benjamin Whorf gelesen hat. Dass nämlich die Wirklichkeit nur dann erfasst werden kann, wenn es für sie auch entsprechende Wörter, Phrasen und Sätze gibt. Würde man einem naturnahen Volk bestimmte Wörter verbieten, würde sich sofort sein Erfindungsreichtum an die Arbeit machen, um neue zu kreieren.

Doch nun muss auch die Kehrseite der Medaille erwähnt werden: Die Zivilisation, die der Autor beschreibt, bringt jeden Tag so viel Wortmüll hervor, dass sich das individuelle Ich manchmal nach einem unverstellten Zugang zur Lebenswirklichkeit, zur Realität der Dinge sehnt. Und was würde geschehen, wenn es tatsächlich von Gesetzes wegen dazu käme? Das schildert die Erzählung. Es gibt nur einen Haken bei der Rückkehr aus diesem Zustand: den Babel-Effekt.

_7) Ian Watson: „Die World Science Fiction Convention von 2080“ (1980)_

Das Jahr 2080 sieht dem Anfang des 19. Jahrhunderts zum Täuschen ähnlich. Nach mehreren verheerenden Kriegen versucht die Menschheit immer noch, ihre Städte Neu Boston, Neu Chicago und so weiter aufzubauen. Die Land- und Seestrecken sind von Indianern oder Piraten gefährdet, wenn man nicht gleich das Opfer hungriger Wölfe wird.

Diesen traurigen Tatbestand muss auch unser Chronist bezüglich der verhinderten Besucher der World Science Fiction Convention vermelden: Drei der Mitglieder der SF-Vereinigung haben es nicht geschafft, und weitere sind noch nicht eingetroffen. Er selbst ist aus Schottland nach Neu-Boston herübergesegelt und musste sich seine Passage selbst verdienen. Ein Glück, dass die Convention nur alle drei Jahre stattfindet. Sonst gäbe es womöglich noch heftigeren Mitgliederschwund.

Aber nun zur Tagesordnung: der BASAR, das BANKETT, der EHRENGAST, die PREISVERLEIHUNG – lang lebe die Tradition. Und wie sagt doch der Preisträger Ehrenpreises Jerry Meltzer? „Die Sterne gehören uns jetzt wirklich; denn es nicht absehbar, dass noch eine Rakete zu unseren Lebzeiten dorthin fliegen wird und sie uns stiehlt.“ Daher auch der Titel des Gewinnerromans „Wohin jetzt, Sternenfahrer?“

2083, also in drei Jahren, soll die nächste Convention im Fischerdorf Santa Barbara an der Westküste stattfinden. Das dürfte eine „interessante“ Durchquerung des Kontinents erfordern, stellt sich der Chronist vor.

|Mein Eindruck|

Der Autor ist von Haus aus Soziologe, und so kann es nicht verwundern, dass er auch die regelmäßigen Treffen der Autorengemeinschaft auf ihre Rituale und Grundbedingungen untersucht. Er tut dies nicht ohne Sympathie, und wer schon einmal die familiäre Atmosphäre einer solchen Convention geschnuppert hat, der ahnt, dass das Fehlen jedes einzelnen Mitglieds wehtut. Es ist, als würde ein Glied aus der Kette brechen oder ein Puzzleteilchen aus dem Bild fallen. Deshalb ist es nicht kurios, sondern sehr traurig, wenn die Verlustmeldungen am Anfang kommen.

Die Produktionsbedingungen für die Erzeugnisse der AutorInnen sind wieder auf ein mittelalterliches Gutenberg-Niveau herabgesunken. Ach, wie gut hatten es doch die Alten Meister Heinlein, Asimov und Le Guin! Ihre Bücher wurden auf der ganzen Welt verkauft. In unvorstellbaren Mengen, wohingegen heute jedes Buch als Inkunabel zu behandeln ist, die in der Bibliothek einen Ehrenplatz erhält.

Aber einen Vorteil hatte der ganze Prozess unbestreitbar für die Phantasie, findet Jerry Meltzer. Man sei nun wieder auf der Stufe von Jules Verne angekommen, dem großen Phantasten, der mit seinen „außergewöhnlichen Reisen“ (Voyages extraordinaires) die Phantasie wie schon einst Homer und Lukian zu ihrem Recht kommen ließ. Erst seit H. G. Wells musste sich die Science-Fiction ins Joch der Wissenschaft spannen und Utopias der Technik erfinden. Was für ein müßiger Unsinn! Man sieht ja, wohin das geführt hat.

Kurzum: Die Story mag nur wenige Seiten umfassen, bietet aber mehr Gedanken- und Emotionsfülle als so mancher dickleibige Actionwälzer.

_8) Carol Emshwiller: „Abscheulich“ (1980)_

Eine Expedition von Politikern hat sich ins Hochland begeben, um die mystischen Frauen zu suchen und einzufangen. Sie haben sich als Marinesoldaten verkleidet, denn das soll die gesuchten Weibchen anlocken. Außerdem verfügen sie und besonders ihr forscher Kommandant über Fotos, um die gesuchten Wesen identifizieren zu können, sollten sie doch noch auf sie stoßen – sie sind schon eine Weile unterwegs. Man beachte die Brüste, die ausladenden Hüften und das, äh, Unaussprechliche. Glasperlen und ausgelegte Bananen dienen als Lockmittel, um das flüchtige Wild anzulocken. Mann ja nie wissen, was funktioniert.

Da, auf dem Hügelkamm! Da steht eine auf einem Bein, wie es scheint. Vielleicht ist aber auch nur ein Bär. Im Gegenlicht der grellen Sonne ist das schwer auszumachen. Schon ist sie fort. Wie schade. Die Suche geht weiter. Gerüchteweise haben sich die Frauen ein unterirdisches Reich geschaffen, in dem sie backen, kochen und aus tiefgefrorenen Samen Kinder aufziehen, so dass sie permanent schwanger sind.

Der Psychoanalytiker hat eine Skizze geliefert (im Text abgedruckt), wie sich das scheue Wild möglicherweise anlocken und fangen ließe. Man müsste auf schlaue Weise eine Art Ersatzziel vorgaukeln, indem ihr Id sich mit vom männlichen Superego ablenken und einem neuen Ziel zuweisen lässt. Schlau ausgedacht, doch leider scheint es nicht zu klappen. Die Bananen, die mann in der Nacht auslegte, sind alle weg.

Schließlich wird die Pirsch ergebnislos abgebrochen. Sowohl die zugemessene Zeit als auch das Budget sind erschöpft. Unser Chronist hinterlässt einer gewissen „Grace“ eine Botschaft aus möglichst einfachen Zeichnungen, wie etwa einem Herzen, Frage- und Ausrufezeichen und dergleichen. Wer weiß, auf welchem Intelligenzniveau sich die Weibchen befinden? Zusammen mit dem Psychoanalytiker macht er sich enttäuscht auf den Rückweg in die Zivilisation …

|Mein Eindruck|

Die Autorin stützt sich auf Traditionen der phantastischen Literatur, insbesondere auf die Suche nach dem „abscheulichen Schneemenschen“ (auch Yeti oder Bigfoot genannt). Andererseits gemahnt die Prämisse der Geschichte an Philip Wylies Roman „Das große Verschwinden“ aus dem Jahr 1951, in dem alle Frauen verschwinden.

Die Erzählung lässt sich wie so viele SF-Erzählungen auf zwei Ebenen lesen. Was tatsächlich geschieht, ist die Suche nach jenen legendär-mystischen Wesen. Gerüchte über ihre Existenz, ihre Einstellungen, ihr Aussehen und ihre Lebensweise und Werte kursieren unter den Männern des Suchtrupps wie Geschichten über den sagenhaften Yeti.

Auf der metaphorischen Ebene behandelt die Story die Art und Weise, auf die Männer in ihrer sexuellen Verwirrung (anno 1980), kulturellen Ignoranz und in ihren Identitätskrisen unfähig sind, Frauen und deren Bedürfnisse – etwa Zornesausbrüche und Ärger – zu verstehen. Beide Geschichtsebenen werden in einer einfachen, aber beschwörenden Sprache erzählt. Erkenntnis schleicht sich auf indirektem Wege ein – durch in Klammern gesetzte Einschübe.

_9) Gregory Benford: „Belichtungen“ („Exposures“, 1981)_

Der Ich-Erzähler ist Astrophysiker am California Institute of Technology nahe Los Angeles. Er beschäftigt sich mit der Auswertung von Radioteleskop-Aufnahmen einer Galaxie namens NGC-1097. Ziemlich deutlich ist zu sehen, wie rot- und blauverschobene Partikelströme andere Materieströme in der fernen Milchstraße durchkreuzen. Etwas unheimlich.

Doch nichts im Vergleich zu dem, was er auf dem Zentralrechner vorfindet, auf dem er die Fotos bearbeiten will. Jemand hat in den ihm zugewiesenen Slot an Rechenzeit andere Fotos eingestellt, und zwar von einer Strahlenquelle im Zentrum unserer eigenen Galaxis. Sagittarius-A weist ebenfalls mysteriöse Partikelströme auf. Das Besondere an den Aufnahmen: Es ist nicht einmal von den Betreibern des Rechenzentrums festzustellen, woher sie stammen, wer sie gemacht und auf welche Weise sie in den Speicher gelangt sind. Das ist, gelinde gesagt, unmöglich. Dennoch sind sie da, und zwar in bester Qualität.

Unterdessen beschäftigt sich unser Chronist mit seinem Sohn, der gerade lernt, zu zeichnen und korrekte Sätze zu bauen. Er erfährt von ihm auch, dass seine Lehrerin Krebs hat. In der Zeichenstunde hat unser Astronom eine Erleuchtung: Was, wenn die Ursache für die roten und blauen Partikelströme ein Schwarm von Schwarzen Löchern wäre, und zwar nicht bloß in NGC-1097, sondern auch gleich in der Nachbarschaft, in Sagittarius-A?

Und der Schwarm kommt näher …

|Mein Eindruck|

Bei Ed Bryant hieß es: „Fiction trifft Wissenschaft“, bei Benford ist es umgekehrt: Wissenschaft trifft Fiction. Man merkt, dass sich der Astrophysiker total auf seinem gebiet auskennt, und wer den Jargon nicht draufhat („Dopplerverschiebung“ etc.), wird von der Geschichte nur die Hälfte verstehen. Die andere Hälfte besteht zum Glück aus leicht verständlichen Alltagsszenen: beim Elternabend, in der Episkopalkirche beim Gottesdienst, daheim beim Zubettgehen mit der Ehefrau. Sehr heimelig.

Der Reiz der Erzählung besteht natürlich aus dem Kontrast und den Parallelen. Hier das scheinbar geordnete Leben auf der Erde, dort das Chaos in den Galaxien. Doch dass Krebs ebenso wie harte Strahlung aus Schwarzen Löchern überall zuschlagen können, lässt das Leben auf der Erde ganz besonders verletzlich und kostbar erscheinen.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzungen sind meist von ausgezeichneter Qualität, aber immer wieder finden sich Wörter mit fehlenden Buchstaben, so etwa auf Seite 179, falschen Endungen oder schlichtweg fehlerhaft korrigierten Wendungen, etwa auf Seite 178: “ …was er den >Widerspruch zwischen dem, die ich nominell un[t]errichtete und der Botschaft des umgebenden Milieus< nannte." Statt dem "die ich" muss es allerdings "das ich" heißen, dann wird ein Schuh draus. Auf S. 63 ist sogar der Satz durcheinandergekommen: "Sie fangen und an gehn dann ..." muss heißen "Sie fangen an und gehn dann ...". Manchmal gerät der Übersetzer aber vollends aus der Spur. Auf S. 92 heißt es kryptisch: "Die Vertreter der New Wave [in der SF] überwanden ihre ehrgebietende Furcht vor allen wissenschaftlichen und technischen Dingen ..." Wenn man überhaupt stutzt, so darf man sich doch fragen, was unter einer "ehrgebietenden Furcht" zu verstehen sein soll. Für mich jedenfalls überhaupt keinen. Anscheinend sind hier ein paar Gedanken durcheinandergeraten. Es gibt aber ein probates Mittel, der Wirrwarr zu beseitigen: weglassen! Der Rest ergibt Sinn: "Die New Waver hatten erst (Ehr-?) Furcht vor Wissenschaft und Technik, die sie irgendwie überwanden. Alles paletti. Was ist ein BEM? Was da auf S. 139 so beiläufig erwähnt wird, ist ein zentrales Klischee der Groschenroman-SF: das "Bug-Eyed Monster", kurz BEM, oder "glubschäugiges Ungeheuer". Eine Fußnote wurde offenbar anno 1993 (und erst recht anno 1982) für nicht nötig gehalten, weil der Begriff jedem SF-Fan geläufig war. Das ist heute wohl nicht mehr selbstverständlich. _Unterm Strich_ Die neun Erzählungen haben mir durchweg ausgezeichnet gefallen. Obwohl sie schon 1975 bis 1981 veröffentlicht wurden, wirken sie immer noch modern und relevant. Offenbar hat sich der Stil der veröffentlichten Science-Fiction seitdem nicht viel mehr weiterentwickelt. Die Experimente im Stil wurden alle bis 1980 durchgespielt, nur die Inhalte haben sich seitdem verändert. Wenn man inzwischen eines feststellen kann, dann dies, dass der Stil unglaublich konservativ und einfach geworden ist. Ob dies eine Folge der verminderten Kommunikations- und Verständnisfähigkeit der MTV- und Internet-Generation ist, ist offen. Der konservative Stil von George R. R. Martin hat sich am besten in die Gegenwart gerettet, und das ist sicherlich kein Wunder. Auffällig ist an den ausgewählten Beiträgen, dass die meisten ziemlich witzig sind. Man nehme nur Bishops "Die Verwandlung", Watsons "Convention" oder Emshwillers "Abscheulich" - es sind unverkennbar Satiren. Daneben gibt es noch bissigere Beiträge wie Malzbergs "Abkopplung" und Zebrowskis "Der Wortkehrer", die Misstände oder Fehlentwicklungen aufs Korn nehmen. Schließlich gibt es noch die Gruppe der Warnungen mit hohem Emotions-Faktor. Ed Bryant erzählt von einer Kette von Sternexplosion, die auch die Erde erreicht, Benford von einem sich nähernden Schwarm Schwarzer Löcher. Beides ist emotional verknüpft mit Krebs, Tod und Verfall. Das Endstadium ist praktisch in Martins "Dieser Turm von Asche" erreicht, wo der Held an der Erneuerung einer alten Beziehung scheitert und sich in eremitische Einsamkeit zurückzieht, quasi ein Endprodukt der sozialen Entropie. Diese Erzählungen sind nicht nur unterhaltsam und abwechslungsreich, sondern auch anrührend bis witzig. Gunns Anmerkungen zum SF-Aspekt, der mit jeder Story illustriert wird, sind ebenso erhellend wie seine biografischen Angaben und Kurzinterpretationen. Lediglich die Mängel der Übersetzung minderten mein Vergnügen am Lesen. |Taschenbuch: 236 Seiten Originaltitel: The Road to Science Fiction 4, 3. Teil (1982) Aus dem US-Englischen von diversen Übersetzern ISBN-13: 978-3453062443| http://www.heyne.de

Moers, Walter – 13 1/2 Leben des Käpt\’n Blaubär, Die

_Der Autor_

13 ½ Jahre hat es nun gedauert, bevor der nunmehr 55-jährige Autor, über den man nicht viel sagen kann, weil er doch offenbar in Zamonien zu Hause ist, bei Bedarf hier eine Rezension zu seinen ersten 13 ½ Leben lesen kann, mit denen er den Einstieg ins Romangeschäft wagte und sich gleich in die Top-Tausend-Titel katapultierte. Da die FAZ damals titelte, dass es auf absehbare Zeit schwerlich bessere Unterhaltung geben würde, kann man sich mit Besprechungen Zeit lassen, weil doch auch Zamonien von Wesen bevölkert ist, bei denen die Zeit eine andere Rolle spielt und diese auch durch Zeitschnecken an den Dimensionslöchern zum charakteristischen Gennfgas verdaut wird. Der Autor fühlt sich in der Haut des bekannten Blaubären, nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Beeren am wohlsten und noch wohler vielleicht in den Armen der kornblumenblauen Avriel, einer besonders schönen und gebildeten Buntbärin, die ihn dann einige Zeit von weiteren Abenteuern zurückzuhalten versteht, sodass wir nach einem Show Down auf dem Riesenschiff Moloch dann noch ein Happyend bekommen, von dem wir vorher erfahren haben, dass selbst ein solches der Erfindungsgabe von Blaubär, also Moers, zu verdanken ist.

_Gemütvoller Superman_

Bereits 13 ½ Leben in der erdachten Welt Zamoniens hinter sich gebracht zu haben, bedeutet auch mindestens 13 Mal dem Tode entronnen zu sein und wäre man nicht ein Bär, dem man Gemüt beilegen kann, wäre man ein weniger sympathischer Aufschneider. Damit wird aber gerade gespielt in diesem umfänglichen Roman, der zeichnerisch und typographisch aufgelockert, einen mit Leichtigkeit durch die vielen Abenteuer trägt, die wie auf einem Plan zum Spiel des Jahres in diesem fernen Land angesiedelt sind und so richtig dazu angetan sind, dem Schicksal touristisch und literarisch in den Rachen zu greifen, dem man sein Leben programmatisch nicht überlassen möchte. Und man des langweiligen Menschseins überdrüssig, ins verspielte und gemütsverdächtige Fell eines Meister Petz schlüpft, dessen man sich auch immer erfolgreich erwehren kann, mag die Situation im Konkreten so aussichtslos wie nur denkbar sein.

Das ist der Stoff, aus dem unerträglich erfolgreiche Supermänner gemacht sind, denen aber meistens zwei Dinge abgehen, die eigentlich dasselbe sind und die Moers hat, nämlich den Humor zu bewahren und transportieren zu können und dem Tod mit einfallsreicher Gelassenheit immer wieder entgegenzusehen. Normalsterbliche kommen da seltener hinein als ausgerechnet 13-mal, aber beschäftigen tut es einen doch, und wie sollte man die wenigen Male in einem normalen Leben nicht bewältigen, wenn Blaubär das in Serie schafft. Wenn es einen kritischen Punkt gibt an diesem Buch, dann ist es der des Nichtaufhörenkönnens, nicht seine Phantasie unentwegt blühen zu lassen, nicht an jedes bestandene Abenteuer ein neues reihen, nicht nach einigen hundert Seiten auch mal zum Schluss zu kommen. Und doch bedient gerade das einen tiefen Wunsch in uns: dass es nicht aufhören möge und wir immer wieder dem Tode entrinnen möchten und insgesamt wollen wir dabei auch noch gut unterhalten sein. Schon die Zwergpiraten, mit denen das Buch beginnt, fürchten nichts mehr als Langeweile, so wohl auch die meisten der Zwergleser, die eigentlich Erwachsene sein sollen.

_Leserphantasie aufbohren_

Die Kruste unserer Normalität ist bei fast allen Zweibeinern genug, dass Moers sich schon mal des Bosch-Hammers bedienen muss, um darunter Reste des Urstoffs der Träume freizulegen. Das wird besonders deutlich, wenn er zum Kunstgriff der Lügengeschichte in der Lügengeschichte greift, als Blaubär dann nämlich in Atlantis ein Lügengladiator, natürlich ersten Ranges, wird. Da bleibt dem nach gehabter Erschöpfung seiner gesammelten Phantasie, die wohl als Phantasie in der Phantasie einzuordnen wäre, nichts weiter übrig als beinahe aufzugeben, und das wieder in schöner Übereinstimmung sowohl mit dem Leser als auch dem Autor, denen beiden nun rein gar nichts mehr einfallen wollte und man die ganze Sache auch schon ein bisschen leid war, als es so ungefähr in die 99. Runde des Duells ging. Da erzählt dann der Lügenchampion mit einem Mal die reine Wahrheit, nämlich seine eigene Lebensgeschichte, die uns bei dieser Gelegenheit noch einmal systematisch geordnet nach Unterhaltungswert vor Augen geführt wird und für uns fast schon langweilige Wahrheit, weil Bekanntes ist. Doch uuops – das war doch eigentlich auch eine Lügengeschichte, die wir jetzt als Wahrheit einzustufen nicht mehr anstehen. Dieses Klavier spielt Moers besonders gut.

_Bildungsinhalte_

In diesem Punkt ist der Klau kaum vermeidbar, vielleicht sogar wünschenswert. Zwar sind es nur Splitter der oben abgesprengten Krusten, aber man erkennt recht leicht an einer Stelle das Septalsystem eines Rudolf Steiner oder Bruchstücke dessen verehrten Vorgängers Johann Wolfgang von Goethe mit seiner verzweifelten Newtonreplik bezüglich des Lichtes, dem er die Finsternis zugesellen wollte als einigermaßen gleichwertig. Wenn Physiker mit einem guten Dutzend Dimensiönchen hantieren, sollte man ihnen gleich mal die 2364. entgegenschleudern und sie mit der logischen Konsequenz von gennfgasum-witterten Dimensionslöchern konfrontieren. Ob Moers selbst mehr als den Staub von Bildungsplaque inhaliert hat, bleibt im Ungewissen. Fast jedes nachprüfbare Versatzstück auf diesem Gebiet ist falsch. Wenn zum Beispiel die Chance den Gallertprinzen nach dessen Rückkehr aus besagter Dimension wiederzusehen 1 zu 463 Billiarden ist, so ist das nicht so unwahrscheinlich, wie unzählige Male hintereinander einen Sechser im Lotto zu haben, sondern schon drei Sechser hintereinander zu haben, ist unwahrscheinlicher. Wenn die Formel für die Entfernung einer Fata Morgana aus dem alles wissenden Lexikon in Bärleins Kopf stimmen würde, hätten Personen die Maßeinheit von m^2/s^3, wo man doch eher auf kg reflektieren würde, wenn man schon die freie Auswahl hat. Schließlich würde man beim Sturz in den lautmalerisch verbrämten Mahlstrom, wenn sich die Geschwindigkeit auf den letzten 200 Metern alle fünf Meter verdoppelt, sich nicht der Lichtgeschwindigkeit nähern, sondern diese weit überschreiten.

Bei aller Liebe zur Philophysik – das ist nun mal keine Einbahnstraße.

_Fazit_

Moers leistet da eine wichtige Arbeit, indem er seine Phantasiewelt in unser Hirn lustvoll einzubrennen versteht. Das Paralleluniversum Zamonien weist eine wünschenswerte Vielfalt an mehr oder weniger intelligenten, mehr oder weniger großen und resistenten Wesen auf. Das Wissen spielt dabei eine Schlüsselrolle und sollte daher nicht völlig auf dem Altare des Nonsense verbluten. Man merkt dies leider an einem Hauch von, nicht Gennfgas, aber Provinzialität.

|Taschenbuch: 704 Seiten
ISBN-13: 978-3442453818|
[www.goldmann.de]http://www.randomhouse.de/goldmann/verlag.jsp

_Walter Moers bei |Buchwurm.info|:_:
[„Die Stadt der träumenden Bücher“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2486
[„Adolf: Der Bonker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2668
[„Der Schrecksenmeister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4678
[„Der Schrecksenmeister“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5078
[„Rumo & Die Wunder im Dunkeln“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4731
[„Das Labyrinth der träumenden Bücher“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7432

NEWS: SUSAN KRELLER – Elefanten sieht man nicht

 SUSAN KRELLER: Elefanten sieht man nichtSusan Kreller schildert das Schicksal zweier Teenager bei Carlsen.

„Max atmete ruhig und gleichmäßig, nur manchmal schnarchte er leise. Julia hatte sich zusammengerollt, aber nicht so, als hätte sie Angst, eher, als hätte sie nichts mehr zu befürchten, weil draußen jemand Wache hält.
Und auf einmal kam mir der Gedanke, dass man Menschen beschützen kann. Ich drehte mich um und schlich zur Tür. Ich hörte den Gesang der Amseln und ein Autohupen in der Ferne, und ich hörte mein schlagendes Herz.
Ich schloss die Tür.
Drehte den Schlüssel zweimal herum.
Und dann rannte ich.“

Irgendetwas ist seltsam an Julia und Max, das findet Mascha von der ersten Sekunde an. Und dann sieht sie, dass Julia überall blaue Flecken hat, richtig große. Als Mascha schließlich eines Tages auf der Suche nach den beiden vom Garten aus einen Blick in ihr Haus erhascht, ist ihr klar: Sie muss ihnen irgendwie helfen. Aber wie, wenn keiner der Erwachsenen ihr zuhören will?
Mascha hat eine verhängnisvolle Idee – aber manchmal ist es besser, etwas Falsches zu tun, als gar nichts..

(Verlagsinfo)

Hardcover, 208 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse auch eine Leseprobe an.

Ivo Pala – Die Hüterin Midgards (Elbenthal-Saga 1)

Die Elbenthal Saga

Band 1: _Die Hüterin Midgards_
Band 2: – geplant für 2013 –
Band 3: – geplant –

_In der Nacht vor ihrem 17. Geburtstag_ gerät Svenyas Welt aus den Fugen. Sie wird von einem Wolf durch Dresden gejagt und schließlich von drei unheimlichen, seltsam anmutenden Gestalten in den Untergrund entführt. Was Svenja dort entdeckt, sprengt jede Vorstellungskraft: Mitten in Dresden, unter dem Fundament des Residenzschlosses, liegt die letzte Bastion der Lichtelben und das Tor zur Menschenwelt – Burg Elbenthal. Ihre Bewohner leben in tödlicher Bedrohung, denn der Schwarze Prinz der Dunkelelben rückt unaufhaltsam näher. Svenya ist die letzte Hoffnung – denn sie ist die Auserwählte, die Hüterin Midgards … (Verlagsinfo)

_Kritik_

Ivo Pala – Die Hüterin Midgards (Elbenthal-Saga 1) weiterlesen

Joe Haldeman – Die Denkbrücke

_Spannender Erstkontakt: Nur die Denkbrücke wird uns retten!_

Jacque LeFavre, ein Pionier der interstellaren Kolonisierung, entdeckt auf einem der Planeten ein molluskenartiges Wesen, das als psychisches Bindeglied, als Denkbrücke für telepathie verwendet werden kann. Aber der Preis dafür ist hoch. LeFavre erfährt ihn, als sein Freund und Partner eines unerklärlichen Todes stirbt …

_Der Autor_

Der US-Autor Joe Haldeman, geboren am 9. Juni 1943 in Oklahoma City, studierte Physik, Astronomie, Mathematik und Informatik an der Universität von Maryland. 1967 wurde er zum Militärdienst nach Vietnam eingezogen. Durch seine Erlebnisse in Vietnam wurde er zu seinem wohl bekanntesten Roman „Der Ewige Krieg“ („The Forever War“) inspiriert, für den er den Hugo-Award sowie den Nebula-Award erhielt.

„Der Ewige Krieg“ arbeitete er später zu einer Trilogie aus („Der ewige Friede“, „Am Ende des Krieges“), deren zweiter Band erhielt ebenfalls sowohl den Hugo- als auch den Nebula-Award. Bekannt ist auch seine Worlds Trilogie, die „Kreisende Welten“, „Isolierte Welten“ (beide bei Moewig) und „Worlds Enough and Time“ umfasst.

Zu seinen Romanen kommen zahlreiche Kurzgeschichtensammlungen, darunter „Unendliche Träume“ (dt. bei Heyne). Seit den 1990er Jahren erscheinen seine Romane nicht mehr auf deutsch, obwohl Haldeman in den USA und in Großbritannien nach wie vor hoch im Kurs steht. Beispielsweise erhielt er für den 1993 erschienen Roman „Graves“ den World Fantasy Award, und 2004 für Roman „Camouflage“ den Nebula-Award sowie den James Tiptree, Jr. Award.

Zurzeit lehrt Haldeman am Massachusetts Institute of Technology (MIT) Schriftstellerei und Science-Fiction. Sein 2002 verstorbener älterer Bruder Jack C. Haldeman II war ebenfalls Science-Fiction-Autor. (Quelle: Wikipedia)

Romane (korrigierte Angaben):
* 1972 War Year
* 1975 The Forever War (dt. Der Ewige Krieg 1978)
* 1976 Mindbridge (dt. Die Denkbrücke 1978)
* 1977 Planet of Judgment (dt. Grenze zur Unendlichkeit / Duell der Mächtigen 1980; STAR TREK)
* 1977 All My Sins Remembered (dt. Der befleckte Engel 1978)
* 1979 World Without End (dt. Welt ohne Sterne, 1979 / Welt ohne Ende, 1980, STAR TREK)
* 1981 Worlds (dt. Die kreisenden Welten 1982 / Kreisende Welten 1984, bei Moewig)
* 1983 There Is No Darkness (dt. Und fürchtet keine Finsternis 1985) mit Jack C. Haldeman II
* 1983 Worlds Apart (dt. Isolierte Welten, bei Moewig)
* 1987 Tool of the Trade
* 1989 Buying Time (dt. Gekauftes Leben 1992, bei Heyne)
* 1990 The Hemingway Hoax (dt. Der Schwindel um Hemingway 1992, im Heyne SF-Jahresband 1992)
* 1992 Worlds Enough and Time
* 1994 1968
* 1997 Forever Peace (dt. Der ewige Friede 2000, bei Heyne)
* 1998 Forever Free (dt. Am Ende Des Krieges 2002, bei Heyne)
* 2000 The Coming
* 2002 Guardian
* 2004 Camouflage
* 2005 Old Twentieth
* 2007 The Accidental Time Machine (dt. als „Herr der Zeit“ bei Mantikore, 6/12)
* 2008 Marsbound
* 2010 Starbound
* 2011 Earthbound

_Handlung_

Um das Jahr 2034 wird per Blitzeinschlag die augenblickliche Übertragung von Materie zu fernen Orten entdeckt. Diese Levant-Meyer-Transition, kurz LMT, ermöglicht es dem Amt für außerirdische Erkundung (AAE), Leute zu Lichtjahre entfernten Welten zu schicken, um diese dahingehend zu erforschen, ob sie sich für eine Kolonisierung eignen. Auf der Erde leben immerhin elf Milliarden Menschen, die sich gegenseitig auf die Füße treten – man braucht mehr Platz.

Jacque LeFavre, von Schweizer Herkunft, aber in den USA aufgewachsen, ist einer von diesen Erforschern. Zusammen mit seinem kleinen Team erkundet er die Welt Groombridge 1618. Es steckt in seinem Allzweckanzug, in der er durch das vom LMT geformten Wurmloch geschickt wurde, und kann in praktisch jeder Art von Umgebung überleben. Diese hier lässt sich gut als „Schlammloch“ charakterisieren. Zwar ist die Gravitation erfreulich erdähnlich, aber Sauerstoff gibt es kaum und von Kohlendioxid viel zu viel.

Da findet sein chinesischer Kollege Ch’ing in dem trüben Fluss, der das „Schlammloch“ durchströmt ein molluskenartiges Lebewesen. Als Jacque es ebenfalls berührt, kann er die Gedanken Ch’ings hören. Na so was! Das Ding steht eine Gedankenbrücke her. Wie sich zeigt, hat derjenige, der den ersten Kontakt herstellt, den reinsten telepathischen Empfang, danach nimmt die Qualität kontinuierlich ab. Das Team beschließt, mehr von diesen Mollusken zu suchen und ist schon weiter gegangen, als plötzlich ein Alarm ausgelöst wird: Ch’ing ist tot! Sein Anzug meldet Hirntod und anschließenden Herzstillstand. Wie konnte es nur dazu kommen?

Durch den sogenannten „Katapulteffekt“ – was hochgeschickt wurde, muss auch wieder runterkommen – wird die Gruppe mitsamt Ch’ing wieder zur Erde geholt. Allerdings bleibt Ch’ings Todesursache ein Rätsel: Er war gesund, und ein Defekt des AFK-Anzugs wird ausgeschlossen. Zur Untersuchung des „Denkbrücke“-Lebewesens gehört auch sexuelle Aktivität unter dessen Einfluss. Als er mit Carol aus seinem Team schläft, fühlt sich Jaque jedoch quasi durch sich selbst beobachtet. Uralte Erinnerungen an seinen ersten Sex schleichen sich ein, wovon sich Carol aber nicht stören lässt.

Als das Lebewesen seziert werden soll, kommt es erst zu einem Herzinfarkt, dann zu einem Selbstmordversuch. Weiß es sich zu schützen? Dr. Jameson, das zweite Opfer, ist fest davon überzeugt, dass in dem Wesen viel mehr steckt, als bislang entdeckt worden ist.

Zwei Jahre später stößt das Expeditionsteam von Katherine O’Brien auf eine intelligente Spezies von geklonten Gestaltwandlern mit überlegener Technologie. Die Begegnung verläuft für O’Brien und ihre Kollegen tödlich, doch ihre Videoaufnahme findet durch den Katapulteffekt ihren Weg zurück zur Erde und löst dort eine gelinde Panik in der AAE aus.

Keine Frage, dass ein Freiwilliger den nächsten Vorstoß wagen muss, um eine Kommunikation mit den Aliens zustande zu bringen, und zwar mit Hilfe der Denkbrücke. Auf wen wird das Los für dieses Himmelfahrtskommando fallen?

_Mein Eindruck_

Schon nach kurzer Zeit stoßen die überlegenen Aliens zum Sirius vor, der gar nicht so weit entfernt liegt, nämlich nur wenige Lichtjahre. Zum Glück kann man jetzt schon mit ihnen kommunizieren, und Jacque und seiner Carol bleibt auch gar nichts anderes übrig, als sie in Gefangenschaft geraten.

Ich konnte das Buch am Schluss gar nicht mehr aus der Hand legen, denn das Finale ist ungemein spannend. Was oder wer sind diese gestaltwandelnden L’vrai? Die schwarzhäutigen Rasseangehörigen besitzen ein Schwarmbewusstsein, so dass sie ihre Gedanken mit der Gemeinschaft teilen. Die Idee eines Schwarmbewusstseins ist keineswegs neu, sondern wurde schon von Theodore Sturgeon in „To Marry Medusa“ 1958 ausgiebig untersucht. Auch dass sie Schwerkraft und dergleichen manipulieren, wirkt nicht umwerfend, sondern wird sogar erwartet.

In ihrer Schwarzhäutigkeit wirken die L’vrai so unheimlich wie H.R. Gigers Aliens in Ridley Scotts Film. Doch den entscheidenden Fortschritt erlaubt diesmal die Denkbrücke. Das kleine molluskenartige Biest ist doch nicht so bösartig wie behauptet, sondern erlaubt, mit Vorsicht behandelt, Verständigung mit jeder Art von intelligenter Spezies, insbesondere den L’vrai.

Das Schwarmbewusstsein droht mit der Vernichtung der Erde, denn es verfügt ebenfalls über die LMT-Technologie – dies es bereits wieder als veraltet und beschränkt verworfen hat. Wird es Jacque, der mit dem L’vrai verbunden ist, gelingen, die Vernichtung der Erde zu verhindern? Carol hat da aber noch ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.

|Andere Textsorten|

Eine packende Szene, die in Prosaform erzählt ist, wie es sich gehört. Doch Prosa ist in diesem Roman eher die Ausnahme, so scheint es. Vielmehr sind, ähnlich wie bei John Brunners „Morgenwelt“ und „Schafe blicken auf“, auch ganz andere Textsorten vertreten. Sie stammen aus der Bürokratie, der Wissenschaft, den Medien, und es findet sich sogar Jacques Autobiografie. Da gibt es Statements, Meldungen, Anweisungen, Tabellen, Expeditionsaufträge (komplett mit Finanzierungszuweisung wie beim Militär) und sogar Diagramme.

In der Taschenbuchausgabe sind alle diese Textsorten getreulich nachgebildet, auch in andersartigen Schrifttypen usw., und die simultane Denkbrückenkommunikation ist sogar in Zwei-Spalten-Druck realisiert. Man muss aber aufpassen: Was A sagt, ist das, was B denkt – und umgekehrt!

|Gefühle verboten|

Die Handlung ist trotz dieser Ergänzungen straff und zielstrebig erzählt. Ja, würde man sich dieses Brimborium wegdenken, könnte sogar der Verdacht aufkommen, dass es ein zu wenig an Handlung gibt. Aber dieser Eindruck ist nicht belegbar und liegt wohl nur daran, dass herzlich wenig über Gefühle gesprochen wird, geschweige denn diese demonstriert werden.

Die AAE ist ein Zwitter aus Bürokratie, Wissenschaft und Militär – eine der schlimmsten Kombinationen, die es gibt, um ein Individuum fertigzumachen. Infolgedessen bemühen sich die „Zähmer“, wie die Erforscher genannt werden, um mögliche wenige Gefühlsäußerungen, die gegen sie verwendet werden könnten. Man muss es mitgemacht haben, um diesen Aspekt der Geschichte und des Romans würdigen zu können.

Weibliche Leser könnten deshalb von dieser Art, die Geschichte zu erzählen, abgestoßen sein. Sie sollten jedoch bedenken, dass uns Jacque v.a. durch seine Autobiografie als ein Charakter vorgestellt wird, der über die einzigartige Fähigkeit verfügt, NICHT durch die Denkbrücke wahnsinnig zu werden, wenn der L’vrai mit ihm kommuniziert. Es hat also seinen guten Grund, warum Jacque so häufig im Mittelpunkt der Prosa-Handlung steht, und dementsprechend sollte man ihn würdigen.

_Unterm Strich_

Durch seinen Bestseller „Der ewige Krieg“ hat sich Joe Haldeman als eingefleischter Pazifist geoutet. Er sieht militärische Auseinandersetzungen nicht nur als Gewaltanwendung, sondern auch durch die Art ihrer Begründung und Ausführung als absurde und menschenfeindliche Tätigkeit an. Diesen Pazifismus demonstriert er in „Die Denkbrücke“ anhand der Frage: Wenn Frieden nicht mit Waffen geschaffen werden kann, dann vielleicht mit Verständigung?

Diese Antwort auf diese – zugegeben naheliegende – Frage fällt positiv aus, aber anders als erwartet. Denn nicht die Aliens sind es, die sich Richtung Friedfertigkeit ändern müssen (wie es uns Hollywood gerne suggeriert), sondern die Menschheit. Diese ist nämlich aufgrund ihrer Genetik aggressiv, wegen ihrer Religionen rechthaberisch, Männer mit Territorialinstinkt und Frauen mit einem enormen Beschützerinstinkt (wie Carol eindrucksvoll demonstriert). All dies spricht gegen einen friedlichen Erstkontakt.

Die Vernichtung der Menschen wäre also vielleicht ganz gut für den Rest des Universums. Es sei denn, man stellt sie unter Quarantäne. Irgendwann müssen sie sich ja mal auf eine fortschrittliche und friedliche Stufe weiterentwickeln. In der Tat lässt die Aufhebung der Quarantäne, die die L’vrai verhängt haben, eine ganze Weile auf sich warten. Neue Generationen von Menschen, darunter die Urenkel von Jacque und Carol aus dem Geogestaltungs-Programm der AAE, sind endlich soweit, auf den Rest des Universums losgelassen zu werden.

Insgesamt also eine pessimistische, aber vorsichtig hoffende Aussage, die der Autor in seinem spannenden und zielstrebig inszenierten Erstkontakt-Roman zu äußern wagt. Ich habe den Roman in nur zwei Tagen verschlungen, aber ich bin sicher, es geht auch schneller. Die Lektüre lohnt sich auf jeden Fall, wenn man mehr über Aggression, Erstkontakt und Schwarmbewusstsein erfahren möchte.

Originaltitel: Mindbridge (1976)
Taschenbuch: 188 Seiten
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr
ISBN-13: 978-3442232833
http://www.randomhouse.de/goldmann

Black, Jenna – Rosendorn (Avalon 1)

_|Avalon/Faeriewalker|_

Band 1: _“Rosendorn“_
Band 2: „Shadowspel“ (noch ohne dt. Titel)
Band 3: „Sirensong“ (noch ohne dt. Titel)

_“Ich heiße Dana,_ und bevor ich nach Avalon gekommen bin, wusste ich nicht mehr über diese Stadt, als dass sie der einzige Ort auf der Erde ist, an dem sich die Feen- und die Menschenwelt überschneiden. Na ja, okay, den ganzen langweiligen Kram zur Geschichte habe ich in meinem Reiseführer auch überblättert. Aber inzwischen könnte ich selbst einen Reiseführer mit ein paar verdammt nützlichen Tipps schreiben:

1. Richtet euch darauf ein, dass ihr ein paar besondere Fähigkeiten entwickeln könntet und deshalb plötzlich zur meistgesuchten Person in Avalon werdet.

2. Packt unbedingt fluchttaugliches Schuhwerk ein.

Und besonders wichtig: 3. Verliebt euch ja nicht in einen atemberaubend gut aussehenden Feenjungen! Denn wenn etwas zu gut scheint, um wahr zu sein, dann ist es das auch …“ (Klappentext)

_Kritik_

Mit „Rosendorn“ eröffnet die Autorin Jenna Black ihre Trilogie um Avalon und die Halbfee Dana.

Jenna Black verbindet in ihrem Plot Altbekanntes mit neuen Ideen. Avalon ist nicht der magisch verwunschene, unauffindbare Ort, den wir aus anderen Erzählungen kennen, sondern ein Ort den alle Menschen und auch Feen jederzeit besuchen können. Das mystische Avalon zeigt sich hier als Stadt, die den Übergang von der Menschenwelt zu der Welt der Feen, Faerie, bildet. Wobei die Feen die Welt der Menschen nicht betreten können und andersherum die Menschen nicht Faerie. Einen großen Raum in dem Plot nehmen verschiedenen Intrigen und die dadurch entstehenden Spannungen ein. In eine oftmals düstere Atmosphäre eingebettet macht dies den Reiz der Geschichte mit aus. Dana gerät zwischen die Fronten zweier Königshäuser und verschiedene andere Interessen. Sie reagiert wirklich angemessen und glaubwürdig auf das, was auf sie einwirkt. Wichtig für einen Roman, der auf weibliche und vor allem jüngere Leser zielt, ist selbstverständlich auch eine Romanze, die hier allerdings eher eine kleine Nebenhandlung einnimmt, dadurch aber perfekt in den Handlungsablauf passt.

Authentisch werden die Probleme der jungen Dana übermittelt, die schon in früher Kindheit Verantwortung übernehmen muss, sie mimt die Erwachsenen in der kleinen Familie. Die Krankheit der Mutter, Alkoholismus, begleitet Dana, seit sie denken kann und nicht nur die Scham sorgen schließlich für ihren Ausbruch. Probleme, die ein Kind mit Suchtkranken Eltern hat, wurden sehr glaubwürdig und sensibel geschildert.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig zu lesen und klar verständlich. Passend zu einem Jugendbuch, wird auch dezent eine jugendliche Sprache eingesetzt, ohne jedoch übertrieben oder gar gewollt zu wirken. Wobei der Schreibstil allerdings manches Mal anschaulicher sein könnte. Hier hat die Autorin manches sehr lebendig beschrieben, anderes aber eher blass und flüchtig. Besonders die Stadt Avalon hätte gerne etwas greifbarer gezeichnet werden können. Sonst gibt es keine Kritikpunkte, authentisch und spielend lesbar, fällt es leicht in die Geschichte abzutauchen.

Konstant spannend erlebt der Leser die Geschichte. Dabei sind es kaum actiongeladenen Szenen, auf die im Spannungsbogen gesetzt wird, sondern die Intrigen und Geheimnisse die Dana entschlüsseln muss. Immer wieder stellt sich auch dem Leser die Frage, wem Dana überhaupt vertrauen kann oder wer sie nur für die eigenen Interessen einsetzen will. Aber auch wenn der Spannungsbogen eher auf die Intrigen setzt, kommt es selbstverständlich zu actiongeladenen Sequenzen, die die Leser atemlos zurücklassen. Langweilig wird es hier nie.

Interessant und gekonnt gewählt ist auch die gewählte Perspektive. Aus dem Blickwinkel von Dana erlebt der Leser die Geschichte und auch die Gefühle der Protagonisten mit. Schnell entwickelt sich so eine große Sympathie zu der Darstellerin.

Die unterschiedlichen Darsteller sind abwechslungsreich und bis auf Dana sehr undurchsichtig konzipiert. So passen die Figuren perfekt in die Geschichte und der Leser lernt diese durch und mit Dana kennen. Dana ist eine sehr starke Persönlichkeit, die durch ihre Erfahrungen einerseits sehr reif wirkt sich aber trotzdem altersgemäß verhält. Ihre Handlungen, Gedanken und Gefühle sind nachvollziehbar und angemessen.

Das Cover ist ein wahrer Eyecatcher, der durch die Farbwahl ins Auge fällt. Ein mattes Schwarz stellt die Grundlage, auf der die roten Elemente wie das Kleid der Protagonistin und die Rosenblätter gut zur Geltung kommen. Die Rosenblätter, die einen Bezug zum Inhalt haben, findet der Leser an jedem Kapitelanfang wieder.

_Autorin_

Jenna Black studierte Anthropologie und Französisch an der Duke University in North Carolina. Sie arbeitete in unterschiedlichen Berufen, bevor sie als Autorin erfolgreich wurde. „Rosendorn“ ist ihr erster Jugendroman. Mehr erfahren Sie im Internet unter: www.jennablack.com

_Fazit_

„Rosendorn“ von Jenna Black zieht seine Leser geradezu magisch in seinen Bann. Im ersten Teil der Trilogie um Avalon lernt der Leser die Bewohner Avalons kennen und bekommt einen guten Einblick in das Leben in dieser magisch anmutenden Stadt. Die Mischung passt hier eindeutig, tolle Darsteller, ein Plot, der neue Ideen mit Altbekanntem vermischt und eine Handlung, die spannend erzählt wird, lassen kaum Wünsche offen. Was den Roman zusätzlich zu etwas Besonderem macht, ist die realistische Beschreibung der Suchtprobleme und der daraus resultierenden Probleme bei den Co-Süchtigen, der Familie.

Ich kann „Rosendorn“ Leserinnen der Fantasy empfehlen und bin schon sehr gespannt auf den zweiten Teil, der unter dem englischen Titel „Shadowspell“ bereits erschienen ist.

|Broschiert: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3426283509
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 – 15 Jahre
Originaltitel: Glimmerglass|
http://www.pan-verlag.de

Taylor, Laini – Zwischen den Welten (Daughter of Smoke and Bone 1)

_Daughter of Smoke and Bone_

Band 1: _“Zwischen den Welten“_
Band 2: „Days of Blood and Starlight“ (September 2012)
Band 3: geplant

_Was würdest du dir wünschen,_ wenn du nur eine Perle deiner Kette opfern musst, damit dein Wunsch in Erfüllung geht?
Wo würdest du hinreisen, wenn du bloß durch eine Tür gehen musst, um nahezu alle Orte der Welt zu erreichen?
Wie würdest du dich fühlen, wenn du den falschen Mann liebst, er aber die Antwort auf alle deine Fragen ist? Karou dachte, sie wüsste, wer sie ist. Doch dann kommt es zu einer Begegnung, die alles verändert …

Eine Liebe, die älter ist als die Zeit. Und ein Kampf, bei dem ALLES auf dem Spiel steht. (Verlagsinfo)

_Kritik_

Mit dem ersten Band um die |Daughter of Smoke and Bone|, „Zwischen den Welten“, entführt die Autorin Laini Taylor und Leser in die Welt der Seraphim und Chimären (Mischwesen). Der Einstieg in die Trilogie um Karou ist der Autorin hervorragend gelungen.

Der lebendige und detailreiche Schreibstil der Autorin lässt schnell Bilder vor dem Auge der Leser entstehen. Laini Taylor beschreibt die Schauplätze wie Prag, Marrakesch und auch die Welt der Seraphim und Chimären so bildgewaltig, dass die Leser es leicht haben sich diese bildlich vorzustellen. Dabei sind es aber nicht nur die Bilder, auch die verschiedenen Sinneseindrücke werden deutlich und somit fühlbar übermittelt. Eine düster magische und geheimnisvolle Grundstimmung wird den Lesern überzeugend übermittelt. Wortgewand und mit viel Fantasie erzählt die Autorin die mystische Geschichte und verwebt dabei gekonnt die realistische Welt mit den mystischen Sagen. Klar verständlich und dabei auf einem hohen Niveau zieht die Autorin ihre Leser in den Bann.

Gekonnt entwickelt die Autorin einen Plot, der sich um das Geheimnis um die Protagonistin Karou dreht. Gemeinsam mit Karou wird der Leser nach und nach eine magische Welt entdecken die zu fesseln weiß. Aspekte aus der Mythologie und die Wesen, die hier ihre Rolle spielen werden, in kleinen Häppchen eingeführt und erklären sich innerhalb der Geschichte. Dies macht einen besonderen Reiz aus und unterstützt den Lesefluss, da hier nicht vorab alles erst lang erklärt wird. Zwei verschiedenen Welten werden hier miteinander kombiniert, die reale und auch die, die durch geheime Portale erreicht werden kann. Obwohl Karou bei dem Wunschhändler Brimstone aufwächst, hat sie erst einmal keine Ahnung von der magischen Welt und dem Hintergrund der Seraphim und Chimären. Erst langsam werden diese Mysterien aufgedeckt. Nebenhandlungen und ein geschickt eingebrachter Rückblick vervollständigen den Plot, da so manches erst ans Licht kommt und die Geheimnisse Karous Herkunft sich langsam lüften. Interessant ist hier auch wie die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, eine reine Schwarz-Weiß-Zeichnung erwartet man hier vergebens. Ein klug gesetzter Cliffhanger schürt am Ende die Neugier auf den zweiten Band.

Der Spannungsbogen, der hier aufgebaut wird, wird nicht hauptsächlich durch actiongeladene Szenen erzeugt, sondern vielmehr durch die Neugier, die den Leser durch die Seiten fliegen lässt. Schon zu Beginn schafft es die Autorin, durch eingestreute Andeutungen, den Leser zu fesseln und die Neugier zu schüren, um mit Karou dem Geheimnis um ihre Herkunft zu lüften. Häppchenweise bekommt der Leser immer wieder kleine Informationen serviert, die sich zum Ende hin vervollständigen und so ein rundes Bild abgeben. Neben der Neugier die den Leser an die Geschichte fesseln gibt es auch Sequenzen, die durch Action fesseln, langweilig wird es so nie.

Erzählt wird der unterhaltsame Roman aus dem Blickwinkel einer beobachtenden dritten Person, die ihren Fokus auf Karou richtet. Für diese Geschichte die genau richtige Perspektive, da der Leser gemeinsam mit der sympathischen Darstellerin ihre mysteriöse Herkunft entschlüsseln kann.

Viel Liebe hat die Autorin auch die ihre Charaktere gelegt. Lebendig und mit einer Menge Eigenschaften konzipiert bleiben kaum Wünsche offen. Obwohl einige dieser Figuren magische Wesen sind, wirken diese real und glaubwürdig. Verschiedenen Charaktereigenschaften machen die unterschiedlichen Darsteller aus.

Karou ist eine beeindruckende und komplexe Persönlichkeit. Stärke und Mut sind Eigenschaften, die sie besonders auszeichnen. Schnell gelingt es dieser Persönlichkeit, die Leser in den Bann zu ziehen. Akiva zeigt sich erst einmal geheimnisvoll und von seinen Erlebnissen gezeichnet. Ihn umgibt eine Trauer, die der Leser fast spüren kann. Authentisch wird auch die Beziehung zwischen Karou und Aktiva entwickelt. Hier baut die Autorin keinesfalls auf eine unrealistische Lovestory sondern ermöglicht den Charakteren die nötige Zeit, um überhaupt in die Nähe einer Romanze zu kommen.
Dieses gilt auch für die Beziehungen der weiteren Darsteller. Freundschaft, familiäre Bindungen und andere zwischenmenschliche Band sind nachvollziehbar und authentisch. Die Emotionen der Darsteller sind vielschichtig und logisch. Ein besonderer Pluspunkt in diesem Roman.

Die Aufmachung des Buches ist äußerst gelungen, dies fängt schon beim Cover an. In den verschiedensten blau Tönen gehalten, ist eine junge Frau mit strahlend blauen Augen zu sehen. Verschiedene Ornamente haben Bezug zum Plot. Nimmt der Leser den schön gestalteten Schutzumschlag ab kommt eine Überraschung zum Vorschein, auch der Einband direkt ist mit einer Zeichnung versehen, die das Cover des Schutzumschlages wieder spiegelt. Unterteilt ist der Roman in vier Teile, die sich nochmals in kleinere Kapitel unterteilen lassen. Am Anfang der einzelnen Teile ist ein Spruch zu lesen, der Bezug zu der Geschichte hat.

_Autorin_

Laini Taylor hat bereits drei Romane veröffentlicht. Sie hat Literatur und Kunst studiert und lebt in Portland, Oregon mit Ehemann und Tochter Clementine.

_Fazit_

Laini Taylor ist mit ihrem ersten Band „Zwischen den Welten“ um ihre Trilogie „Daughter of Smoke and Bone“ ein genialer Start gelungen. Hier stimmt wirklich alles, der fesselnde Plot, der rundweg märchenhafte Erzählstil und die glaubwürdigen und sympathischen Protagonisten lassen die Geschichte geradezu lebendig werden.

Ich bin von diesem Roman absolut begeistert und kann den zweiten Teil kaum erwarten.

|Gebundene Ausgabe: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3841421364
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 – 17 Jahre
Originaltitel: Daughter of Smoke and Bone|
http://www.fischerverlage.de

Colin Harvey – Gestrandet

Als er auf dem Eisplaneten Isheimur strandet, muss Raumfahrer Karl Allman sich unter hungrigen Tieren, blutrünstigen Wilden und ungastlichen Kolonisten behaupten; zu allem Überfluss entdeckt er Isheimurs lebensbedrohendes Geheimnis … – Viel Action, eine exotische Kulisse und zwischenmenschliche Klischee-Konflikte verknüpfen sich zu einem SF-Abenteuer mit leichtem Retro-Touch: Lesefutter mit einigen Ballaststoffen.
Colin Harvey – Gestrandet weiterlesen

Jeschke, Wolfgang/Aldiss, Brian W. (Hg.) – Titan-21

_Der Mensch als Erbfolger: Fremde und andere Welten_

In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 21 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der Letzte von vier TITAN-Bänden zu diesem Thema.

Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.

_Die Herausgeber _

1) _Wolfgang Jeschke_, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science-Fiction-Reihe Deutschlands beim Heyne-Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.

2) _Brian W. Aldiss_ (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss’ ironischen Humor.

Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.

_Die Erzählungen im 4. Buch: „Fall und Freier Fall“_

_1) Gardner F. Fox: „Heut nacht erheben sich die Sterne!“ (1952)_

Red Angus ist ein Pirat, der, frisch vom Diktor von Kaar gebrandmarkt, schon wieder aus dem Knast entfliehen kann. Vor den Häschern bringen ihn Helfer der korrupten Wissenschaftler in Sicherheit. Die Wissenschaftler, die in der Zitadelle eingesperrt sind und dem Diktor Technik liefern müssen, wollen den Diktor absetzen. Red Angus soll den Mord ausführen, den sie arrangieren werden.

Doch der Anschlag schlägt fehl und nur die Fürsprache der Priesterin Moana, deren Bruder er einst rettete, bewahrt Angus vor einem allzu frühen Ende. Nur wenn er mit ihr in einen der schwarzen Tümpel des Gottes Stasor steigt, darf er weiterleben. Gesagt getan: Doch dort unten befindet er sich in einer Dimension, in der Stasor wirklich existiert. Moana fragt nach dem Buch von Nard, in dem das Wissen der Alten Rasse niedergelegt sein soll. Stasor zeigt ihnen den Weg.

Kaum zurückgekehrt, schnappen sich die Wissenschaftler Angus erneut. Auch deren Chef, der Hierarch, will das Buch von Nard, um mit dessen Macht den Diktor stürzen und sich an dessen Stelle setzen zu können. Doch Angus hat für das geknechtete Volk von Karr anderes im Sinn, als einen Tyrannen durch einen anderen zu ersetzen. Sobald er das Buch in Händen hat, will er Diktor und Wissenschaftler austricksen …

|Mein Eindruck|

Hin und her wogt das Kampfesglück in dieser wilden Story, die einem A.E. van Vogt alle Ehre gemacht hätte. Bis zum Finale weiß der angespannte Leser nicht, ob der Freiheitskampf, den Angus anzettelt, Erfolg haben wird. Denn Verrat und Information halten sich die Waage. Diese Information ist von alles entscheidender Bedeutung: Wissenschaft, und zwar die Wissenschaft der Alten, also unsere.

Wird diese Wissenschaft dem Wohl des Volkes dienen oder nur die Mächtigen noch tyrannischer machen, lautet die Frage, die der Autor stellen lässt. All das Brimborium darum herum, das jeder Zehnjährige kapieren kann (und soll), dient nur der Unterhaltung, um diese Frage an den Mann zu bringen. Es gelingt durchaus. Aber ist die Frage den ganzen Aufwand wert?

Bemerkenswert ist an dem geschilderten Szenario der Kontrast zwischen Hochtechnologie einerseits und barbarischer Zivilisation andererseits. Letzteres kennen wir von „Conan“-Geschichten her und finden es wieder in den „Gor“-Romanen John Normans. Es dient dazu, Sinnlichkeit zu rechtfertigen: Halbnackte Mädchen tauchen allenthalben auf, zum Vergnügen der muskelbepackten Kämpfer wie geschaffen.

Und wenn mal eine Priesterin wie Moana sich dazwischen verirrt, dann nur als Pfand im Geschacher zwischen Tyrannen und Rebellen. Das ist wohlfeile Ausbeutung – und leider ein Merkmal von Pulp Fiction der frühen fünfziger Jahre. Es gab damals schon wesentlich Besseres, so etwa von Jack Vance oder Philip K. Dick.

_2) Harry Harrison: „Begegnung am Ende“ (1965)_

Ein Expeditionsschiff landet auf einem unwirtlichen Eisplaneten. Der kürzlich verwitwete Schiffsmeister Hautamaki leitet das Trio, das von der Wissenschaftlerin Tjond und ihrem frischgebackenen Gatten Gulyas komplettiert wird. Befindet sich eine Boje von Aliens hier auf dem Gletscher? Die verschiedenartigen Teleskope dieser Sonde erweisen sich als alle auf einen einzigen Stern ausgerichtet. Nachdem sie der Zentrale Bescheid gegeben haben, fliegen sie durch den Hyperraum dorthin.

Dass Hautamaki sämtliche Waffen über Bord geworfen hat, macht das Ehepaar besorgt. Doch der Leiter beruhigt sie. Der fremde Stern erweist sich als eine künstliche Konstruktion, was eine erhebliche technologische Kulturstufe verrät. Leider sind auch Waffen auf sie gerichtet. Ein Kontaktversuch ermöglicht die Übertragung von Bild und Ton, und ein zum Glück humanoides Wesen wird sichtbar. Es hat zwar nur vier Finger und atmet – laut den ausgetauschten Gasproben – erheblich zu viel Schwefel für Hautamakis Standard, doch als er an Bord des Schiffes dieses Wesens geht, lässt sich schnell ein Übersetzungsstandard herstellen.

Das bringt Gulyas auf einen beunruhigenden Gedanken, und er bittet um eine Gewebeprobe des Aliens, der sich „Liem“ nennt. Nichts leichter als das. Als Tjond ihren Gatten anschaut, ist er bleich wie ein Leichentuch, denn er hat eine erschütternde Entdeckung gemacht …

|Mein Eindruck|

(Achtung, hier kommt die Pointe!)

Was Gulyas herausfindet, ist die Identität des genetischen Codes von Hautamakis und Liems. Trotz aller äußerlichen Veränderungen im Verhalten und im Aussehen, ja, sogar im Stoffwechsel, handelt es sich nach all den Jahrtausenden doch immer noch um Menschen, die von einer gemeinsamen Welt stammen: man nannte sie „Erde“. Liems Variante hat sich über viele Sternsysteme ausgebreitet und sich genetisch an die jeweiligen Bedingungen angepasst, statt es andersherum zu machen und sich die Umwelt ihren eigenen Bedingungen anzupassen (Terraformung). Die logische Folgerung aus der Identität: Wir sind allein in der Galaxis. Es bleibt nur eine Hoffnung: andere Galaxien.

Der erzählerische Trick, mit dem der Autor erreicht, dass uns auch Hautamaki (zumindest anno 1965) fremdartig vorkommt, besteht einfach darin, alle Männer mono- bzw. homosexuell zu machen. Das heißt, dass auch Männer exogenetisch „schwanger“ werden und „Kinder bekommen“ können (das Kind wird außerhalb des eigenen Kinders ausgetragen). Deshalb reagiert Hautamaki auf die Frau Tjond, als wäre sie etwas Überflüssiges und Unschönes. Sie fühlt sich entsprechend zurückgesetzt und schmollt erst einmal eine Woche.

Der Autor hätte an dieser Stelle noch viel weiter in seinem Tabubruch gehen können. Dass die Expeditionsmitglieder alle die ganze Zeit nackt herumlaufen, wäre in einem FKK-Camp normal, wirkt aber in einer SF-Story etwas effekthascherisch. Nun ja, die sechziger Jahre übten sich in Tabubrüchen.

_3) Poul Anderson: „Herr über tausend Sonnen“ (1952)_

In einer Bar auf dem Mond lauscht unser Chronist der unglaublichen Geschichte, die sein Trinkkumpan Laird zum Besten gibt. Kann es sein, dass Laird die Erde im Alleingang vor dem Untergang durch die Janyarder gerettet hat? Es ist auf jeden Fall eine wildromantische Geschichte …

Laird fliegt den uralten Planeten Neu-Ägypten an, um ein wenig dessen Pyramiden zu plündern und zu Kohle zu kommen. Doch ein Patrouillenboot der Janyarder hat ihn erspäht und stellt ihn, wie er sich in einer der Pyramiden versteckt. Diese Welt war vor langer Zeit die Hauptwelt des Sternen-Imperiums der Vwyrddaner und bietet immer noch verborgene technologische Schätze. Einen davon stülpt sich Laird verzweifelt wie einen helm auf den Kopf – und wird von der darin gespeicherten Persönlichkeit des Obergenerals der Vwyrddaner, Dalyesh, übernommen. Mit Dalyeshs Kaltblütigkeit gelingt es Laird, der Falle zu entkommen.

Leider wird sein Boot abgeschossen, und er muss sich erneut verstecken. In der Atempause versuchen sich Laird und Dalyesh im gleichen Kopf miteinander zu arrangieren. Die Kapitänin des Janyard-Schiffes, diese rothaarige Joana Rostov, erinnert Dalyesh an seine große Liebe der Vergangenheit: Er wäre entzückt, wenn sie sein werden könnte. Und dazu muss er sie nur überlisten und verführen. Auf diese Weise kann er auch veranlassen, dass die Superwaffen der Vwyrddaner an Bord geschafft werden, um den Janyardanern zu dienen.

Doch kann Laird dem alten General wirklich vertrauen, dass er ihn und die Erde nicht in letzter Sekunde an den Feind verrät? Laird lässt sich einen Trick einfallen, um den Trick Dalyeshs zu parieren. Denn schließlich steht das Schicksal der Erde auf dem Spiel – und das Leben einer schönen Frau …

|Mein Eindruck|

Der Zickzackkurs der Handlung hat durchaus Methode: So soll der Leser am Einschlafen gehindert und bei der Stange gehalten werden. Spannend ist neben der Frage, wer am Ende das Mädchen kriegt, die Frage, ob die Erde gerettet werden kann – und wenn ja, um welchen Preis. Wie es sich gehört, geht die Sache für die Menschen gut aus, aber vielleicht nur, weil die Story in einem Romantik-Magazin erscheinen sollte.

Auffällig ist schon hier die für Anderson typische Beschäftigung mit dem Faktor Zeit. Er schrieb ja später etliche tausend Seiten über die „Zeitpatrouille“ und den „korrekten“ Ablauf der bekannten Geschichte (siehe meine Berichte dazu). In der vorliegenden Novelle kommt noch ein Faktor hinzu: zwei Seelen in einem Kopf – welche wird die Oberhand behalten? Das ist durchaus spannend, vor allem dann, wenn man sich NICHT vorstellt, welche kolossalen Kopfschmerzen man selbst davon bekäme.

_4) F. L. Wallace: „Der große Vorfahr“ (1955)_

Eine irdische Expedition befindet sich in ferner Zukunft auf der Suche nach dem gemeinsamen Vorfahren aller menschlichen Rassen. Wie sich nämlich im Verlauf der jahrtausendelangen Erforschung der Galaxis herausgestellt hat, gibt es jede Menge menschliche und menschenähnliche Lebensformen – wovon sich natürlich einige an Bord befinden, so etwa eine Art Neanderthaler und eine Art Hetäre mit sehr kurzem Röckchen.

Allerdings hat man als Navigator einen Nichtmenschen engagiert, und der stellt ein paar bohrende Fragen. Wieso muss man gerade in diesen Raumsektor fliegen? Die Antwort lautet, weil die Menschen durch Rekonstruktion der Stammbaumevolution herausgefunden haben, dass die Ursprungswelt jenes gemeinsamen Vorfahren all dieser Menschenrassen eigentlich hier liegen müsste. Dieser Vorfahr muss riesig sein (denn er brauchte 12 Meter hohe Türen), exzellent die interstellare Raumfahrt beherrschen (wegen der Streuung) und überhaupt superintelligent sein (alles andere wäre ja ein Affront).

Da meldet der Techniker, der für die Sauerstoff liefernde Hydroponik zuständig ist, dass rattenähnliches Ungeziefer die Grünpflanzen vernichte. Selbst elektronische Fallen würden den gut versteckten Viechern nicht beikommen, und diese verstecken sich unter den neu installierten Geräten für die Vorfahrensuche. Da verfallen die Forscher auf eine ausgefallene Methode, um die Eindringlinge zu stellen und unschädlich zu machen: Sie stellen Doppelgänger her …

|Mein Eindruck|

Galaktische Imperien werden von ihren Vertretern getragen, schon klar. Aber der Große Vorfahr trug seine Nemesis bereits in seinen Raumschiffen, als er fremde Welten eroberte. Es handelt sich um die kleinen intelligenten Viecher aus dem Abwassersystem seiner Heimatwelt: die „Plage“. Aus Quarantänegründen und um die „Plage“ einzudämmen zogen die Riesen einfach weg.

Genau das gleiche Problem starrt den menschlichen Forschern nun wieder ins Gesicht, die zwar Nachfolger jener Riesen geworden sind, aber erkennen müssen: Wir stammen alle von jener „Plage“ ab. Also kein Grund, stolz zu sein. Da wundert sich der nichtmenschliche Pilot aber, als er die betretenen Gesichter seiner Crew sieht.

Die Story hat also eine recht nette, ironische Pointe. Sie hat nur den Schönheitsfehler, dass man sie schon nach zehn Seiten (von 36) vorausahnt. Das macht die mehr oder weniger wohlmotivierten Spiele an Bord und auf der Ursprungswelt etwas überflüssig. Schade eigentlich. Es wäre Aufgabe des Autors gewesen, eine trickreichere Handlung zu ersinnen, um die Pointe zu verschleiern.

_5) Roger Dee: „Die Störenfriede“ („The Interlopers“, 1954)_

Ein großes Raumschiff voller Kolonisten aus dem überfüllten Sonnensystem ist unterwegs zu den Welten um die Sonne Regulus. Da passiert das schier Unvorstellbare: Ein Alien-Raumschiff mit einem T’sai an Bord materialisiert neben ihnen. Die Crew erstarrt in Ehrfurcht, denn die telepathischen T’sai sind die absoluten Herrscher der Galaxis. Was der T’sai von ihnen will, erfahren der Navigator und seine Leute von ihrem Dolmetscher. Er sagt, der T’sai verlange einen Beweis, dass die Menschen sich würdig erweisen, eine neue Welt zu besiedeln. Für die Antwort haben sie zwölf Stunden Zeit. Sprach’s und verwand.

Der Crew steht der Verstand still und sie kommt auf keine sinnvolle Antwort. Sie vermag sich nicht einmal vorzustellen, was es sein könnte, das nach Ablauf des Ultimatum passieren könnte? Die Vernichtung des Schiffes – oder gar der gesamten Rasse? All diese Ratlosigkeit erfüllt Wilcox, den Sprecher der Kolonisten, mit zunehmendem Ärger. Seine Frau Alice erwartet ein Kind, das mal eine Welt erben soll. Und jetzt kommt so ein Alien-Fuzzi mit abstrusen Forderungen!

Für Wilcox und seine rund 150 Mitkolonisten kommt eine Umkehr nicht infrage: Die besiedelten Welten von Sol sind überfüllt und erlauben nur noch ein kurzes, hoffnungsloses Dasein als Sklave. Mit seiner letzten Ressource hat er sich diese Passage erkauft. Der Siedler steht also mit dem Rücken zur Wand. Entsprechend verzweifelt ist das Mittel, zu dem er greift: Er kapert kurzerhand das Schiff. Wenn das Ultimatum in zwölf Stunden abläuft, hat er noch zehn Stunden Zeit, die Welt bei Regulus in Besitz zu nehmen.

Das Ergebnis entspricht nicht ganz seinen Erwartungen …

|Mein Eindruck|

Wilcox wird nämlich nicht nur mit dieser Welt belohnt, sondern darf gleich auch noch die Nachfolge der amtsmüden T’sai antreten. Das hat er nun von seiner jugendlichen Kühnheit. Er muss nicht nur eine Welt urbar machen, sondern auch noch im Universum nach dem Rechten sehen. Was nur zeigt: Dem Tüchtigen gehört die Welt.

Leider ist die Story nicht sonderlich spannend erzählt. Aber weil die Pointe psychologisch begründet ist, muss sich der Autor auch auf die Motive der einzelnen Crewmitglieder konzentrieren, bevor er Wilcox in Aktion treten lässt. Die Geschichte ist daher eher nachdenklich als actionreich.

_Die Übersetzung _

Es gibt mal wieder die üblichen Druckfehler und Fipptehler, so etwa auf S. 65: „Tandor blinzelte und k[n]urrte dann.“ Auf Seite 101 findet sich ein Beispiel für die allzeit beliebten Buchstabendreher: „Kreig“ statt „Krieg“.

Etwas kniffliger ist es hingegen, den falschen Gebrauch von Groß- und Kleinschreibung bei der Anrede „Ihr“ als solchen zu erkennen. Beispiel gefällig? Auf Seite 80 spricht der männliche Redner zu einer Frau: „ihre rudimentären Brüste“. Er meint natürlich „Ihre rudimentären Brüste“. „Jetzt werden Sie beleidigend“, sagte sie.“

Ja, in der Evolution von Imperien geht es häufig ans Eingemachte. So auch in diesem Satz auf S. 166: „Er küßte sie mit plötzlicher Leidenschaft, und wußte er nicht, wie primitiv sie war.“ Warum steht hier Satzstellung einer Frage? Entweder weil die Wörter „wußte er “ verdreht sind oder weil „er“ und das Komma überflüssig sind. Wie auch immer: Meredith ist und bleibt ein „primitives“ Frauenzimmer. Genau, wie Halden es mag (in der Story „Der große Vorfahr“).

_Unterm Strich_

Die fünf Erzählungen bieten einige recht hübsche Ideen, aber nur die zwei Novellen von Pul Anderson und Gardner F. Fox bereiten auch gute Unterhaltung. Sie entsprechen den Vorgaben des wildromantischen Abenteuer-Genres, komplett mit willigen, schönen Mädchen und mutwilligen, starken Kerlen sowie einem guten Schuss Zauberei, die als fortgeschrittene Technik getarnt ist. Man weiß also nie, was als Nächstes kommt.

Das intellektuelle Niveau mag in diesen zwei Novellen nicht besonders hoch sein, aber dafür gibt es jede Menge Abwechslung. Die pointierten Ideen findet man dann doch eher in den restlichen vier Texten. Unter diesen konnte mich besonders der von Harry Harrison überzeugen. Die Geschichte ist zielstrebig und doch keineswegs langweilig auf eine einzige bezwingende Erkenntnis und Aussage ausgerichtet: Wenn eine Rasse die Galaxis schon besiedelt hat (wie kann man diesen Fakt nur vergessen?), dann muss man wohl zur nächsten weiterziehen.

|Hinweis|

Mit diesem Band ist die Reihe der Geschichte über Galaktische Imperien abgeschlossen. Die Fortsetzung folgt in Titan-22 und Titan-23 mit „Evil Earths 1+2“. Dann wurde die TITAN-Serie zu unserem größten Bedauern eingestellt.

|Taschenbuch: 205 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 2/2 (1976)
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel
ISBN-13: 978-3453309777|
http://www.heyne.de

_Die |Titan|-Reihe bei Buchwurm.info:_
[„Titan-1“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4724
[„Titan-2“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7346
[„Titan-3“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7347
[„Titan-4“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7086
[„Titan-5“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7087
[„Titan-6“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4327
[„Titan-7“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4486
[„Titan-8“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3747
[„Titan-9“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4274
[„Titan-10“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3687
[„Titan-11“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4509
[„Titan-12“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4538
[„Titan-13“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7350
[„Titan-14“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7348
[„Titan-15“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7351
[„Titan-16“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7349
[„Titan-18“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7353
[„Titan-19“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7352
[„Titan-20“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7354

Myra Çakan – Dreimal Proxima Centauri und zurück

Nicht zuletzt die ambitionierte Internetseite deutsche-science-fiction.de machte auf Myra Çakan und ihren neuesten Roman aufmerksam, dessen Titel sich etwas eigentümlich liest in unserer Zeit der reißerischen Schlagworttitel. Er lässt eine humorvolle Geschichte erwarten und klingt gleichzeitig nach einer klassischen Oper – zwei Erwartungen, die die Autorin nicht enttäuscht.

Die deutsche Publizistin Myra Çakan wurde – Zufall oder nicht? – an Halloween geboren. Sie absolvierte ein Schauspiel- und Musikstudium und nahm u.a. an einem Workshop über Sit-Com-Writing sowie an Drehbuch- Seminaren bei Don Bohlinger teil. Myra Çakan ist definitiv die erste deutschsprachige Vertreterin des Cyberpunk. Als freie Autorin und Journalistin (schrieb sie u. a. für Die Woche, Konrad, c’t, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung; MAX, Marie Claire und Cinema) lebt sie mit ihren Burmakatzen in der Nähe von Hamburg.
(Presseinfo Argument Verlag)

Mimsi Mimkovsky tritt an Bord der Stern von Beteigeuze die Reise zum Planeten Proxima Centauri Zwei an – so heißt es im Klappentext. So überrascht es den Leser, wenn im ersten Kapitel die Ereignisse aus dem Blickwinkel des Kabinenstewards Hurriberto geschildert werden. Hurriberto bleibt dabei im weiteren Verlauf der Geschichte ein Nebendarsteller, auch wenn er sich über seine Rolle an Bord des Kreuzfahrtschiffes eine andere Meinung bildet. Mimsi wird schließlich doch zu einem der Haupthandlungsträger, Gleiches gilt für ihren Verehrer Schalck von Schnabel und die Diva Banamarama Halcion, deren Stern bereits am verblassen ist. Ihr sogenannter Impresario, Herr von Luna, offenbart Mimsi gegenüber ein zwiespältiges Wesen, und die Kronprinzessin Silber von Sirius, dreizehn Jahre alt und als Blinder Passagier an Bord in einer Herzensangelegenheit, hat mehr Durchblick in der konfusen Ermittlungssituation, als man ihr zutraut.

Ermittlungssituation? Genau, denn auf diesem Luxusliner passieren während der wochenlangen Reise ungehörige Dinge: Während der Probem zur traditionellen Bordrevue „Schieß mich zum Mars, Liebling“, bei der Madame Halcion die Direktion übernimmt, verschwindet das entscheidende Requisit, ein Dolch, der schließlich im Körper eines undercover reisenden Mafiabosses steckend wieder auftaucht. Leider sind Mimsis Fingerabdrücke auf der Waffe (schließlich soll sie die Hauptrolle in der Revue spielen), so dass sich zu ihrem Leidwesen auch die Bordsicherheit für sie interessiert.

Wir sehen, es herrschen undurchsichtige Zustände auf dem Schiff, auf dem sich eine explosive Anhäufung verdeckt reisender Passagiere befindet, die irgendwie miteinander in Verbindung zu stehen scheinen. Herr von Luna wird als unfähiger Impresario geschildert, der immer im passenden Moment verschwunden ist, so dass die Missstimmung der Diva sich allein auf Mimsi konzentriert, die obendrein auch von Luna schikaniert wird. Dabei stellt sich der Eindruck ein, dass er erstens irgendetwas im Schilde führt, zweitens gar kein Impresario ist, sondern sich mit dieser Rolle Zutritt zum engsten Bereich der Diva – und nicht zuletzt ein Ticket nach PC2 – verschaffte, und drittens über Mimsis nebelhafte Vergangenheit mehr weiß, als ihr vorstellbar erscheint.

Die Diva wird in typischer Art völlig egozentrisch dargestellt, so dass in ihrer Weltsicht gar kein Platz für die Probleme des Lebens außer ihrer eigenen ist, und so geht der ganze Trubel um den Mord weitgehend an ihr vorbei. Einzig die häufigen Störungen der Revue-Proben reizen ihr Gemüt.

Mimsi Mimkovsky ist schließlich doch das Zentrum der Geschichte, denn ihre Vergangenheit, durch ein kindheitliches Trauma verschleiert, wird zwischen Proben, Mord und Liebesglück zum zentralen Aufhänger allen Trubels. Dann ist es immer wieder die kleine Silber, die sich einmischt und der Rätsel Lösungen mit Kinderzunge verkündet, ohne beachtet zu werden. Nur Schalck von Schnabel misst ihr eine tiefere Bedeutung bei und kümmert sich …

Die Lektüre ist wie ein Theaterstück. Szenenwechsel, dabei eine eingeschränkte Auswahl an Bühnenbildern, vor denen sich das Schauspiel entfaltet, diverse Blickwinkel und dabei der witzige Ton der Dialoge und Szenen, wie für ein reales Publikum inszeniert. Vor dieser Erkenntnis gewinnt der Roman eine ganz andere, herausragende Qualität, denn im Vergleich mit einer klassischen Space Opera sucht man hier die typischen Elemente vergeblich. Es gibt keine Raumschlachten, keine außergewöhnlichen innovativen Technikbeschreibungen, kein Sense of Wonder – wobei Letzteres erst den Flair einer klassischen Space Opera ausmacht. Çakan nutzt diesen eigentlich typischen klassischen Krimiplot (eine abgeschlossene Gesellschaft ohne die Möglichkeit für den Täter, sich zu verbergen, also weilt er unter den Anwesenden), um eine wortwörtliche Space Opera zu inszenieren. Das ist ein Kunststück, und sie schafft es, ihre Darsteller im Laufe der Aufführung so zu entwickeln, dass jeder seinen eigenen Charakter bekommt, Sympathie oder Antipathie ausstrahlt oder ein Mysterium wird, dessen Geschichte man erfahren will.

Erwartet man einen typischen, handfesten Roman, kann Çakan nicht mit großen neuen Ideen punkten; lässt man sich dagegen auf das Erlebnis eines Romans als Theaterstück ein, erkennt man mit einem großartigen Gefühl, wie dieses literarische Werk funktioniert und wo seine Stärken liegen. Nämlich nicht in Action und kosmischen Rätseln, sondern in den Gefühlen und im menschlichen Leben, das konzentriert in diesem abgeschlossenen System des Raumschiffs stattfindet.

Ach, und Hurriberto Wicknack, der Kabinenstewart, erhält schließlich als großer Schauspieler und Beobachter noch die Möglichkeit, das Drama dieses Fluges in Form eines Theaterstückes zu verarbeiten – einen Titel hat er ja schon …

Klappenbroschur, 208 Seiten
ISBN 978-3937897479
ORIGINALAUSGABE
Leseprobe auf der Autorenseite
http://www.edition-phantasia.de

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,50 von 5)

Erik Kellen – „GezeitenZauber – Die Bestimmung“

Oberflächlich betrachtet scheint Nilah ein ganz normaler Teenager zu sein. Aber als ihre Großmutter stirbt und Nilah mit ihrem Vater nach Irland zur Beerdigung fliegt, geschehen innerhalb weniger Tage eine Menge seltsamer Dinge: Im Kondolenzbuch stehen Sätze, die niemand außer ihr sehen kann; sie wird von fremdartigen Geschöpfen angegriffen, und der Mann, der sie rettet, ist nackt und blau bemalt; während sie in der Wanne untertaucht, gefriert die Wasseroberfläche. Nilah fürchtet, den Verstand zu verlieren, und will Irland so schnell wie möglich verlassen. Doch was immer ihr im Cottage ihrer Großmutter begegnet ist, scheint nicht allein auf die grüne Insel beschränkt zu sein …

Nilah gehört zu den Menschen, die ganz genau wissen, was sie wollen, und auch kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn es um Themen geht, die ihnen wichtig sind. Und doch hat sie auch etwas Unruhiges, Haltloses an sich, als spüre sie ganz unbewusst, dass da mehr unter der Oberfläche schlummert, etwas gänzlich Unvertrautes, mit dem sie nicht recht umgehen kann.

Nilahs Retter, Liran, dürfte eine der einsamsten Figuren der Literatur überhaupt sein. Der keltische Krieger wird, nachdem er bereits seine gesamte Familie verloren hat, aus seiner eigenen Zeit herausgerissen, um eine junge Frau zu beschützen, die mehr als zweitausend Jahre später lebt, und muss dazu auch noch seine Heimat verlassen. Dabei ist er des Kämpfens längst überdrüssig.

A’kir Sunabru heißt der Kerl, der an all dem schuld ist. Ein mächtiger Magier, dem jegliche menschliche Regung völlig abgeht. Aber so muss man wohl sein, wenn man die gesamte Welt beherrschen will.

Im Großen und Ganzen ist die Charakterzeichnung sehr gelungen, zumindest was Nilah und Liran angeht. Beide sind weit über reine Nachvollziehbarkeit hinaus lebendig und eindringlich dargestellt. Vom Antagonisten kann man das leider nicht behaupten. Obwohl seine unmenschliche Grausamkeit ebenso intensiv geschildert ist wie sein Aussehen oder die Kälte, die ihn begleitet, ist er doch nicht mehr als einer von vielen austauschbaren Bösewichtern mit Allmachtsfantasien in den Weiten des Genres, weil der Leser sonst nichts über ihn erfährt. Schade.

Die Handlung lässt sich grob in zwei Teile gliedern. Der erste Teil spielt hauptsächlich in Irland und verläuft nach einem recht dramatischen Einstieg eher ruhig. Während dafür gesorgt wird, dass Nilah und Liran aufeinandertreffen, überwiegt eine teils mystische, teils melancholische Stimmung. Ganz deutlich wird hier die Liebe des Autors zur irischen Seele spürbar. Im zweiten Teil, zurück in Hamburg, zieht das Erzähltempo merklich an. Die Verfolger kommen Nilah und Liran immer näher, und bald sind sie fast ausschließlich mit Kämpfen oder Fliehen beschäftigt.

Das klingt nach einem recht einfachen Aufbau, gegen Ende des Buches stellt sich allerdings heraus, dass es ganz so einfach nicht ist. Denn A’kir Sunabru ist nicht der Einzige, der es auf Nilah und Liran abgesehen hat, erkennbar an der Tatsache, dass der letzte Angreifer im Völkerkundemuseum auch Sunabrus Schergen attackiert.

Leider endet das Buch nach 378 Seiten an einer Stelle, die noch völlig offen ist. Und leider hat der Leser zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viele Antworten auf seine Fragen erhalten. Oma Eddas geheime Nachricht an Nilah ist noch nicht entschlüsselt – wobei ich an Nilahs Stelle die Ogham-Schrift Liran gezeigt hätte, die Wahrscheinlichkeit, daß er sie lesen kann, dürfte ziemlich groß sein, schließlich kann er sogar Latein. Es ist auch noch nicht klar, was Sunabru mit Nilah vorhat, denn offensichtlich will er sie nicht töten. Und was hat es mit der Statuette auf sich, die Nilah in der Höhle gefunden hat?

Das finde ich deshalb schade, weil 378 Seiten nicht allzu viel ist für ein Buch. Statt dessen hätte ich mir gewünscht, der Autor hätte den Schnitt zum nächsten Band ein Stück weiter hinten gesetzt, nachdem der Leser zumindest ein wenig mehr erfahren, die Handlung sich noch ein wenig mehr entwickelt hat.

Eine besondere Erwähnung wert ist Erik Kellens Schreibstil, und zwar deshalb, weil Standardvergleiche hier nahezu völlig fehlen. Erik Kellen hat seine Metaphern selbst gewählt. Manche davon klingen durchaus ungewöhnlich, aber alle sind sie von einer Eindringlichkeit, die nahelegt, daß der Autor das, was er beschreibt, selbst erlebt hat, ganz gleich, ob es sich dabei nun um das Wetter zu Beginn des ersten Kapitels handelt, oder um die irische Landschaft. Ich fand es beeindruckend. Außerdem ist der Text nahezu fehlerfrei. Da hab ich schon lektorierte Texte in schlechterer Qualität gelesen.

Ebenfalls erwähnenswert sind die Illustrationen, die in unregelmäßigen Abständen zwischen den Kapiteln eingestreut sind und die Gesamtstimmung des Buches dezent unterstützen. Obwohl ich sonst in einem Roman Bilder eher als störend empfinde, war das hier überhaupt nicht der Fall. Die schlichte Gestaltung als Schwarz-Weiß-Zeichnung sorgt für Unaufdringlichkeit, und die Motive stehen zwar im Kontext der Erzählung, sind aber klein gehalten und stellen meist Details dar, die nicht allzu ausführlich beschrieben wurden, sodass die eigenen Vorstellungen des Lesers dadurch kaum beeinflusst werden.

Insgesamt hat mir die Geschichte sehr gut gefallen, sowohl der stimmungsvolle erste Teil als auch der lebhaftere zweite. Die Charaktere sind sehr glaubhaft, es fällt leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. Vor allem Nilahs Verwirrung und Lirans Einsamkeit sind sehr gut nachvollziehbar. Allein Sunabru darf noch ein wenig mehr Persönlichkeit entwickeln, zum Beispiel einen Grund, warum er tut, was er tut, damit er ein wenig aus der Standardschiene des 0815-Antagonisten herauskommt. Die Handlung entwickelt sich vielversprechend und zunehmend spannend. Der Cliffhanger am Ende des Buches tut ein übriges, obwohl ich sicherlich auch ohne ihn weiterlesen würde. Ich hoffe, der nächste Band lässt nicht allzu lange auf sich warten.

Erik Kellen lebt in Hamburg und hat schon eine ganze Reihe Jobs hinter sich. „Die Rückkehr des Kriegers“ ist sein erster Roman und der erste Band der Reihe |Dragonsoul|.

Broschiert 378 Seiten
ISBN-13: 978-1481838498

http://www.erik-kellen.de

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)