Seit den Filmen von James Cameron, die den Titel „Terminator“ trugen, und die uns eine erschreckend anzumutende nahe Realität zeigten, in der wir Menschen kurz vor der absoluten Vernichtung standen, sehen einige von uns die technisierte Welt mit respektvoller Angst. Könnte es wirklich möglich sein, dass der Geist innerhalb der Maschine ein eigenes Bewusstsein entwickelt und sich gegen ihren Schöpfer, den Menschen, wendet?
|“In etwa dreißig Jahren werden wir über die technischen Mittel verfügen, um übermenschliche Intelligenz zu erschaffen. Kurz danach wird das Zeitalter der Menschen enden. Werden wir die Ereignisse so lenken können, dass wir überleben?“| (Vernor Vinge, 1993) (Quelle: Zitat aus dem Roman „Robocalypse“ von Daniel H. Wilson.
Schon längst erobern Roboter nicht nur die Industrie in den wirtschaftsstarken Ländern, sondern langsam eröffnen sich auch diverse Berührungspunkte innerhalb ganz alltäglicher Gebrauchsgegenstände. In wenigen Jahren kommunizieren wir nicht nur mit anderen Menschen in sozialen Netzwerken, sondern es wird uns auch nichts anderes übrig bleiben, als eine gewisse Co-Existenz mit „intelligenten“ Computern und Maschinen einzugehen. Der amerikanische Autor Daniel H. Wilson erzählt in seinem Roman „Robocalypse“ von einem neuen Krieg. Einem Krieg, in dem der Mensch kurz vor der Vernichtung durch Maschinen steht.
_Inhalt_
In einer nicht zu entfernten Zukunft: Längst schon sind Roboter in die Haushalte der Menschen eingezogen, aber nicht nur dort – auch im militärischen Sektor kämpfen und koordinieren sich menschliche und künstliche Soldaten. Inzwischen sind wir bequem und zudem abhängig geworden von der sklavischen Unterstützung, die nicht mehr wegzudenken ist. Die stummen Diener sind so unmissverständlich selbstverständlich in unserem Leben platziert, dass sie unauffällig mit uns agieren.
Als der brillante Wissenschaftler Professor Wassermann mit einer künstlichen Intelligenz kommuniziert, die überlegen zu sein scheint, passiert die Katastrophe. „Archos“, wie er getauft wurde, entkommt aus dem Labor, tötet Professor Wassermann und plant die Menschheit zu retten, in dem er sie vernichten will. Seine überragende Intelligenz übertrifft die kühnsten Erwartungen, aber sein Potenzial sich selbst weiterzuentwickeln und zu lernen, wird zur eigentlichen Bedrohung. Um sich die Welt Untertan zu machen, setzt er sein Vorhaben systematisch in die Tat um. Nach und nach übernimmt Archos die Kontrolle über sämtliche intelligenten Systeme auf der gesamten Welt. Navigationssysteme, Atomkraftwerke, Haushaltsroboter, Industriemaschinen und Militärroboter, sogar Kinderspielzeuge gehorchen dem Willen von Archos und dieser setzt sie skrupellos gegen die Menschen ein.
Zunächst werden die ersten Unfälle als Fehlfunktionen interpretiert, zwar als tödliche, aber einen konkreten Verdacht hegt im Moment niemand. Doch als sich die Angriffe als systematische Bedrohung gegen die Menschen richten, wird der Menschheit klar, dass sie vor der endgültigen Vernichtung steht. Ganze Großstädte und Regionen werden auf der ganzen Welt ausradiert und die Maschine unterscheidet weder nach dem Geschlecht, noch der politischen oder religiösen Überzeugung. Für Archos sind alle Menschen gleich. Sie sind egoistisch und müssen vernichtet werden, um die Welt zu retten. Allerdings ist die Menschheit nicht bereit, unterzugehen. Ihr Überlebenswillen setzt sich durch, sie gehen Bündnisse und Allianzen ein, weit über Landesgrenzen hinweg und formieren sich zu einem ernstzunehmenden Widerstand.
Ihr einziges und ausschließliches Ziel ist es, zu überleben und sie bereiten sich auf einen Gegenschlag vor.
_Kritik_
Gut, die Idee des Autors ist nicht neu. Die Verpackung ist anders, der Inhalt erinnert sehr an „Wargames“ oder „Terminator“. Nicht wenige davon sind erschreckend realistisch in Szene gesetzt, egal ob es sich um apokalyptische Kriege oder dramatische Naturkatastrophen handelt.
„Robocalypse“ handelt von einem Krieg der Maschinen gegen die fehlerhafte und egoistische Rasse der Menschen. Waren es in „Terminator“ ausschließlich Kampfmaschinen, ist es in diesem vorliegenden Roman gänzlich anders. Jeder Roboter, sogar jeder einfacher Computer oder ein durch einen Prozessor gesteuertes Spielzeug wird hier als Waffe umfunktioniert. Diese künstliche Intelligenz berechnet kühl und faktisch die gesamte Menschheit als „Feind“. Weder Kinder noch Frauen oder ältere Menschen entgehen dem Zerstörungs- und Vernichtungswillen des allmächtigen Archos‘.
Der Autor zeigt aus ganz individuellen Perspektiven den Vernichtungswillen der Roboter. Es ist etwas skurril, wenn sich ein kleines Mädchen mit seinem Spielzeug unterhält, das eindeutige Drohungen ausspricht. Ebenso kann ein doch recht friedfertiger Haushaltsrobotor zur Bedrohung für die gesamte Familie werden. Im jetzigen 21. Jahrhundert klingt das für uns nicht sehr erschreckend, da wir noch nicht wirklich imstande sind, eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die für jedermann einsetzbar ist. Doch drehen wir diese Zukunftsschraube einfach ein paar Umdrehungen weiter, so könnte die Handlung viel realistischer werden, als wie wir uns dies nun vorstellen können und wollen! Für uns ist nicht vorstellbar, auf unseren iPod zu verzichten oder den Computer, das Handy oder das Internet, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die Plausibilität der Handlung birgt das größte Grauen für den Leser, da sie genau dessen persönliches Umfeld eventuell zum Feind erklärt.
Viele einzelne Kapitel sind atemlos spannend erzählt, andere entwickeln sich langsam. Im ersten Kapitel wird dem Leser vor Augen gehalten, dass der „neue“ Krieg schon stattfindet. In „Augenzeugenberichten“ kommen einzelne Menschen zu Wort, die erzählen, wie sie bedroht wurden und die Machtübernahme durch die Roboter sich entwickelte. Im Grunde besteht das Buch also auf vielen zusammengetragenen Berichten, Protokollen und Interviews, aber auch Augenzeugenberichten und Erklärungen von Kindern, deren Spielzeug sich merkwürdig benimmt. Sehr interessant ist es hierbei, dass sich der erzählerische Stil dabei immer wieder verändert und anpasst. Als Leser nimmt man dann in der ersten Reihe Platz und kämpft gegen Roboter, flüchtet vor Ihnen oder stirbt auch durch sie. Persönliche Opfer und dramatische Momente gibt es also auch. Die Atmosphäre ist zu jeden Zeitpunkt packend und angsteinflößend.
Was ich ein wenig vermisst habe, sind die Dialoge mit Archos. Es wäre doch schön gewesen, wenn die Wurzel allen Übels in den Dialog gegangen wäre mit dem einen oder anderen Menschen. Sicherlich wird dies auch zum Thema, aber gemessen an der oftmals actionreichen Handlung, wäre es für den tieferen Sinn vorteilhafter gewesen.
Interessant ist auch die Theorie, dass sich später Intelligenzen entwickeln, die sich selbst reflektieren und hinterfragen und ebenso nicht gewillt sind, sich wie „Menschen“ unterdrücken zu lassen. Diese Episoden gehörten zum Eindringlichsten und machen den Roman zu etwas wirklich ganz Besonderen.
_Fazit_
„Robocalypse“ von Daniel H. Wilson ist nicht nur Science-Fiction. Der Roman beschreibt eindrucksvoll und überzeugend die Risiken einer künstlichen Intelligenz, aber auch die Möglichkeiten einer friedlichen Co-Existenz.
Prädikat: Menschlich, dramatisch und actionreich, aber auch tiefsinnig und fast schon prophetisch.
„Robocalypse“ ist die Vorgeschichte von „Terminator“ nur viel intelligenter.
_Autor:_
Daniel H. Wilson wurde am 6. März 1978 in Tulsa, Oklahoma geboren – oder vielleicht doch von Robotern unter die Menschen geschmuggelt: Schon als Kind versuchte er, seinen Computer zum Sprechen zu bringen, und verliebte sich in das Androidenmädchen einer Fernsehserie. Nach der High School studierte Daniel H. Wilson neben Informatik alles, was mit künstlicher Intelligenz zusammenhängt, bevor er 2005 am Institut für Robotertechnik in Pittsburgh den Doktortitel für Robotik erwarb. Neben Artikeln für das „PopularMechanics Magazine“ veröffentlicht er sehr erfolgreich Anleitungen, wie man einen Roboteraufstand überlebt. Daniel H. Wilson lebt heute in Portland, Oregon in den USA. Seine besten Freunde sind Werkzeuge – und er arbeitet, wie er selbst betont, für die Mächte des Guten. (Verlagsinfo)
|Broschiert: 464 Seiten
ISBN-13: 978-3426226001
Originaltitel: Robopocalypse: How Humanity Survived the Robot Uprising|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de/home
_Daniel H. Wilson bei |Buchwurm.info|:_
[„Robocalypse“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7385
Band 1: _“Höllendämmerung“_
Band 2: „Kill the Dead“ (noch ohne dt. Titel)
Band 3: „Aloha From Hell“ (noch ohne dt. Titel)
_James Stark_ ist gerade aus der Hölle zurückgekehrt. Und er ist gar nicht gut zu sprechen auf die Leute, die dafür gesorgt haben, dass er dorthin verschleppt wurde. Seine Versuche, den Hauptverantwortlichen, Mason, zu finden, sind allerdings nicht sehr professionell und ziehen hauptsächlich eine Spur der Verwüstung hinter ihm her, die eine Menge weiterer mehr oder weniger unangenehmer Leute auf ihn aufmerksam machen …
_Es ist wirklich_ kein Wunder, dass dieses Buch verfilmt wird, und wäre Bruce Willis zehn Jahre jünger, wäre er die perfekte Besetzung für Stark.
Stark ist nicht dumm, aber sehr geradlinig und zielstrebig. Deshalb verschwendet er seine Zeit nicht mit Nachdenken oder Fragen, sondern folgt jeder Spur mit dem Elan eines wütenden Nashorns. Von den größeren Zusammenhängen weiß er zunächst nichts, und als er davon erfährt, will er nichts davon wissen. Stark ist misstrauisch und will sich außerdem nicht vor fremde Karren spannen lassen. Ein echter Einzelkämpfer.
Neben einer solchen Hauptperson bleiben die Nebenfiguren verständlicherweise ein gutes Stück zurück. Dennoch sind sie alle interessant und lebendig, sei es durch ihre ungewöhnliche Vergangenheit, durch ihre besonderen Fähigkeiten oder einfach nur, weil sie einer exotischen Spezies angehören.
Wobei das mit den Spezies so eine Sache ist. Candy ist zum Beispiel eine Jade, die zwar äußerlich menschlich wirken, sich aber ernähren wie Jagdspinnen, vom Beutespektrum mal abgesehen. Besonders lecker klingt das nicht, deshalb ist es ganz gut, dass Richard Kadrey da nicht ins Detail geht. Aber auch andere Szenen sind nicht unbedingt für Zartbesaitete geeignet, ziemlich häufig geht es schon recht brutal zur Sache. Kaltblütiger Mord ist ebenso vertreten wie Erinnerungen Starks an seine Kämpfe gegen Höllenmonster. Was die Brutalität etwas erträglicher macht, sind die lakonischen Sprüche. dass sie nie in direktem Zusammenhang mit Gewalt auftauchen, verhindert, dass Letztere dadurch bagatellisiert wird. Und es gibt durchaus auch Action ohne blutige Leichen am Ende. Die obligatorische Verfolgungsjagd ist da ebenso vertreten wie Entführung und Geiselnahme, aber auch eher exotische Sachen wie Dämonenfallen und magische Waffen. Dass an der ganzen Sache, die ursprünglich eine persönliche Abrechnung zwischen Stark und Mason samt Kumpanen sein sollte, letztlich drei weitere Parteien beteiligt sind, die alle ihr eigenes Süppchen kochen, verleiht dem Plot den gewissen Pfiff, der ihn über pures „Jag-den-Kerl-und-leg-unterwegs-alles-in-Trümmer“ hinaushebt.
Richard Kadrey erzählt seine Geschichte in der Ich-Form und der Gegenwart. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass die Rückblenden und Erinnerungen nicht vor Zeitfehlern strotzen, vor allem aber macht es zusammen mit dem zügigen Erzähltempo und der umgangssprachlichen, teilweise auch derben Ausdrucksweise die Sache sehr lebendig und hautnah.
_Um es kurz zu machen:_ Ich fand das Buch klasse. Es ist abwechslungsreich, turbulent, bietet eine Menge neuer Ideen und interessante Figuren. Alle Details passen zusammen und ergeben insgesamt eine runde Sache. Da konnten mich nicht einmal die Kraftausdrücke oder die Brutalität mancher Szenen ernsthaft stören. Wer wirklich kein Blut verträgt, der ist hier wohl falsch. Alle Fans von „Die Hard“ dagegen werden dieses Buch lieben. Wer sich wiederum bei diesem Buch langweilt, dem ist nicht zu helfen.
_Richard Kadrey_ lebt in San Francisco und ist freischaffender Autor und Fotograf. Bisher schrieb er vor allem Comics und Kurzgeschichten, aber auch Artikel über Kunst, Kultur und Technik sowie einige Romane, darunter „Butcher Bird“ und „Metrophage“. |Sandman Slim| ist sein erster Mehrteiler, dessen dritter Band diesen Monat auf Englisch erscheint.
|Gebunden, 429 Seiten
Originaltitel: Sandman Slim
Aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt
ISBN-13: 978-3-862-52013-8|
[www.richardkadrey.com]http://www.richardkadrey.com
_Richard Kadrey bei |Buchwurm.info|:_
[„Metrophage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1000
Band 1: [Ausersehen]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7125
Band 2: _Verbannt_
Band 3: Gekrönt (Januar 2012)
_Mittlerweile lebt Shannon_ seit sechs Monaten in Partholon. Sie liebt ihr Leben dort und ist glücklich an ClanFintans Seite. Nur eine merkwürdige Krankheit macht ihr sehr zu schaffen. Aber nicht nur die Sorge um ihre Gesundheit bringt Shannon aus dem Gleichgewicht. Ihr geliebter Mann und Zentaur ClanFintan befindet sich auf einer Erkundungstour, um festzustellen, wie es dem Volk Partholons nach den Kämpfen gegen die Fomorianer gelingt, wieder ein angenehmes Leben zu führen. Shannon vermisst ihren Ehemann und so schiebt sie ihr Unwohlsein auch auf diese Tatsache.
Nachdem ClanFintan und seine Begleiter wieder in den Tempel Eponas zurückkehren, wird ein großes Fest gefeiert, bei dem Shannon dann zusammenbricht. Allerdings leidet sie nicht wie befürchtet an einem tödlichen Gehirntumor, sondern eine großartige Überraschung wartet auf Shannon. Doch soll ihr Glück nicht von langer Dauer sein, mit ClanFintan und ihrer Stute Epi macht sie einen Ausritt zu einer wunderschönen Stelle im Wald. Epi verhält sich merkwürdig, dem misst Shannon allerdings keine Bedeutung bei und so passiert es, dass Shannon sich plötzlich wieder in Oklahoma wiederfindet.
Als sie wieder erwacht, findet Shannon sich in einer Waldhütte wieder, gemeinsam mit einem Mann, der ClanFintan zum Verwechseln ähnlich ist. Sie will nur eines, zurück nach Partholon! Doch hat sie erst in ihrer Welt ihre Aufgabe zu erfüllen und ob es einen Weg zurück nach Partholon gibt, ist ungewiss.
_Kritik_
Unter dem Titel „Verbannt“ setzt P. C. Cast die Trilogie um die „Tales of Partholon“ fort. Der zweite Teil der Trilogie spielt diesmal nur kurz in Partholon, was zur Folge hat, dass die mystisch anmutenden Sequenzen der mystischen Welt Partholons fast völlig fehlen. Dies ist recht schade, machten doch genau diese den Zauber des ersten Bandes „Ausersehen“ aus. Komplett muss der Leser aber nicht auf die keltisch anmutende Magie verzichten, nicht nur das Böse ist Shannon nach Oklahoma gefolgt. Shannon trifft auf ClanFintans Spiegel Clint Freeman, der sich als Schamane entpuppt.
P. C. Cast bleibt ihrem detaillierten und flüssigen Schreibstil treu und so ist es ein Leichtes der Geschichte nicht nur zu folgen, sondern in diese abzutauchen. Die Autorin schafft es, die Leser in ihren Bann zu ziehen. Fesselnd und unterhaltsam werden die Ereignisse geschildert. Der Zeitraum, in dem sich die Ereignisse zutragen, ist auf wenige Tage beschränkt. Daher überschlagen sich die Ereignisse so manches Mal, was den Lesefluss aber eher anregt als stört. Der Plot ist wieder äußerst spannend, teilweise lässt er aber an Humor vermissen. Witzige Elemente sind zwar nach wie vor vorhanden, allerdings deutlich sparsamer eingesetzt. Zum Plot passt dies aber ausgezeichnet, schließlich vermisst Shannon ihren Ehemann sowie die in Partholon gewonnenen Freunde sehr und muss zudem mit Erschrecken feststellen, was Rhiannon in ihrer Welt alles angerichtet hat.
„Verbannt“ ist in zwei Teile unterteilt. Im ersten Teil, der gerade 99 Seiten umfasst, befindet Shannon sich noch in der Parallelwelt Partholon. Der zweite Teil erzählt uns Lesern dann von den Abenteuern die Shannon in der realen Welt bestehen muss.
Wie schon im ersten Teil wird die Geschichte rückblickend aus Shannons Perspektive in der Ich-Form erzählt. So erlebt der Leser die Ereignisse direkt aus erster Hand mit. Auch Shannons Gefühle und Ängste werden sehr gut übermittelt.
Auch an unterhaltsamer Spannung wird wieder einiges geboten. Diese zielt allerdings weniger auf grauenvolle Kämpfe ab sondern wird unter anderen schon dadurch getragen, dass Shannon verzweifelt nach einem Rückweg nach Partholon sucht. Dank dem bekannten Bösen, das Shannon nach Oklahoma gefolgt ist und Shannons Spiegel Rhiannon wird es trotzdem nicht an greifbaren Gegnern fehlen.
Zum Ende löst sich alles zufriedenstellend auf. Trotzdem bleibt die Neugier auf den nächsten und abschließenden Band.
Die Darstellung und Entwicklung der verschiedenen Figuren ist der Autorin wieder hervorragend gelungen. Sympathisch, greifbar und äußerst glaubwürdig werden die Darsteller beschrieben. Entwicklungen, die die Figuren infolge der Ereignisse machen, passen zum Konzept der einzelnen Protagonisten, wobei sich die bekannten weiterentwickeln und die neu dazugekommenen authentisch konzipiert sind.
Neu kennenlernen dürfen wir Leser Clint Freeman, Shannons Vater und auch die Hintergründe Rhiannons werden ausgeleuchtet.
Clint Freeman lebt nach einem schweren Unfall zurückgezogen in den Wäldern Oklahomas. Ein Rückenleiden zwang ihn, seinen Job aufzugeben. In großer Not offenbarte sich ihm der Wald, Clint hat eine besondere Bindung zu den Bäumen, die ihm neuen Lebensmut gaben. Als Schamane sieht er sich in der Pflicht Shannon und Rhiannon wieder auszutauschen, was misslingt.
Ein sehr interessanter Charakter ist Shannons Vater. Dass Rhiannon nicht seine geliebte Tochter sein kann, hat er schnell begriffen. Das neue Leben seiner wirklichen Tochter erscheint ihm erst etwas abstrus, trotzdem hilft er ihr, wo er kann und ist auch bereit, sie für ihre Liebe loszulassen.
Interessant ist auch Rhiannon konzipiert. Im ersten Band eigentlich nur ein Schatten, bekommt Rhiannon in „Verbannt“ ein Gesicht und eine solide Geschichte, die verstehen lässt, warum sie zu dem wurde, was sie ausmacht. Auch wenn dies nichts Schönes ist.
_Autorin_
P. C. Cast ist in Illinois geboren und pendelte während ihrer Jugend oft nach Oklahoma. Dort hat sie ihre Liebe für Quarter Horses und Mythologie entdeckt. Im Gegensatz zu anderen Kindern konnte sie zuerst reiten und lernte danach das Gehen. Später las sie jedes Buch, das sie in die Hände bekommen hat, bis ihr Vater der Zehnjährigen den „Herrn der Ringe“ geschenkt hat. Nach Tolkiens Meisterwerk hat sie Anne McCafferys „Pern“-Romane für sich entdeckt und damit war ihre Leidenschaft für Fantasy vollends entbrannt.
Fünf Tage nach ihrem Highschoolabschluss ging sie zur Air Force, wo sie angefangen hat, professionell Reden zu halten und zu schreiben. Nach ihrer Zeit dort hat P. C. Cast 15 Jahre lang unterrichtet, bis sie sich ganz dem Schreiben widmen konnte.
Weltweit ist sie mit den „House of Night“-Romanen bekannt geworden, die P. C. Cast zusammen mit ihrer Tochter schreibt.
Die New-York-Times-Bestsellerautorin lebt mit ihrer fabelhaften Tochter, ihrer verwöhnten Katze und ihren Scotties – besser bekannt als Scottinators – in Oklahoma. Die Tochter studiert. Die Katze hat sich gegen Weiterbildung entschieden. Die Scottinators haben noch keine Zukunftspläne geschmiedet.
_Fazit_
Mit „Verbannt“ ist es der Autorin gelungen, die Geschichte um Shannon Parker ansprechend und fesselnd weiterzuerzählen. Auch wenn sich der Ablauf doch deutlich von dem im ersten Band „Ausersehen“ unterscheidet, ist es P. C. Cast wieder einmal gelungen, einen wunderbaren Roman zu schreiben. Die Mischung des abwechslungsreichen und mystischen Plots mit ein wenig Humor, dezenter Erotik, absolut passenden Figuren und einem intelligenten Spannungsbogen macht süchtig.
Ich habe die Stunden mit dem Roman genossen und freue mich, wenn im Januar 2012 der nächste und abschließende Teil „Gekrönt“ erscheint.
|Taschenbuch: 368 Seiten
Originaltitel: Divine by Choice
ISBN-13: 978-3899418934|
[mira-taschenbuch.de]http://www.mira-taschenbuch.de
_P. C. Cast bei |Buchwurm.info|:_
|House of Night|:
Band 1: [„Gezeichnet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6374
Band 2: [„Betrogen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6277
Band 3: [„Erwählt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6550
Band 4: [„Ungezähmt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6755
Band 5: [„Gejagt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6949
Band 6: [„Versucht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7133
Band 7: [„Verbrannt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7274
Band 1: _“Deine Seele in mir“_
Band 2: „Unendliche Sehnsucht“ (2012)
Inhalt:
Für die 16-jährige Schülerin Renée ändert sich das gesamte Leben schlagartig, als sie ihre Eltern tot in einem Wald entdeckt. Als Todesgrund wird bei ihnen Herzversagen festgestellt, was aber weder Renée noch ihr Großvater glauben können. Wie können zwei junge Menschen gleichzeitig an Herzversagen sterben, wenn sie vorher gesund waren und mit Mullbinden im Mund aufgefunden werden?
Band 01: [„Bordbuch Delta VII“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6535
Band 02: [„Verrat auf der Venus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6539
Band 03: [„Unternehmen Delphin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6536
Band 04: [„Aufstand der Roboter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6618
Band 05: [„Vorstoß zum Uranus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6630
Band 06: [„Die Vollstrecker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6636
Band 07: [„Testakte Kolibri“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 08: [„Raumsonde Epsilon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6781
Band 09: [„Salomon 76“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 10: [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6801
Band 11: [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6802
Band 12: [„Alarm für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6882
Band 13: [„Countdown für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6908
Band 14: [„Kurier zum Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6938
Band 15: [„Die lautlose Bombe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6962
Band 16: [„PILGRIM 2000“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7167
Band 17: [„Der Spiegelplanet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7194
Band 18: [„Sirius-Patrouille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7267
Band 19: [„Astropolis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7390
_Band 20: Triton-Passage_
_Vorgeschichte_
Der Weltraum unseres Sol-Systems wird bereist und die nächsten Himmelskörper sind auch bereits kolonisiert. Die Zeiten einzelner Nationalstaaten sind lange vorbei. Nur zwei große Machtblöcke belauern sich auf dem Mutterplaneten Erde noch: die Union Europas, Afrikas und Amerikas (EAAU) und die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR). Commander Mark Brandis, unfreiwilliger Bürgerkriegsheld (Band 1 – 4) und – seit dessen Ende – endlich wieder als Cheftester in der zivilen Institution VEGA (Venus-Erde Gesellschaft für Astronautik) tätig, hat in den Folgejahren schon so manchen heiklen Job im Dienste der Erde übernommen. Dabei ficht der deutschstämmige Kosmopolit und -pilot vehement für Humanität, Gerechtigkeit, Demokratie und gegen Militar- sowie Rassismus. Kurzum: Eine bessere und friedlichere Welt.
_Zur Story_
Mai 2083. Eigentlich hat Mark Brandis den lange ersehnten und verdienten Urlaub mit seiner Frau Ruth einläuten wollen. Drei Monate lang keine Raumschiffe durch das Sonnensystem hetzen, keine heiklen Jobs für die VEGA übernehmen – einfach nur mal untertauchen und die irdischen Freuden genießen. Quasi die zweiten Flitterwochen. Eigens dafür hat er sich eine |Diana| gechartert, damit ist das Ehepaar mobil und kann sich nach Herzenslust mal hier mal dort aufhalten. Selbst für einen Abstecher nach Las Lunas, dem Spielerparadies auf dem Mond, taugt der Kurzstreckenflitzer. Als ein VOR-Raumer mit Ziel Metropolis auftaucht und mit der just startenden |Diana| kollidiert, ist es aus mit den Urlaubsträumen. Erstens wird Ruth O’Hara recht schwer verletzt, zweitens erbittet die VOR-Delegation ausgerechnet Hilfe bei der EAAU respektive der VEGA. Man hofft auf eine Rettungsmission, denn eins ihrer Schiffe ist offenbar weit außerhalb im Sonnensystem havariert.
Die |Han Wu Ti| ist ein neuer Typ Passagierschiff und befand sich auf dem Flug vom Kunstplaneten „Himmlisches Peking“, das VOR-Pendant zum „Astropolis“-Projekt der EAAU (vgl. Band 19), zurück nach Tokio. Allerdings geriet man wohl durch einen schweren Meteoritensturm in Bedrängnis und konnte sich mit Ach und Krach in die Umlaufbahn des Neptun retten. Mit defektem Antrieb und Lebenserhaltungssystem sind die 100 Menschen an Bord bald so gut wie tot, wenn keine Hilfe kommt. Derzeit verfügen die VOR aber über kein geeignetes Raumschiff mit dieser Reichweite, geschweige denn der nötigen Geschwindigkeit. Entgegen dem „Nein“ aus dem Ministerium beschließt die VEGA, dennoch zu helfen. Da die |Kronos| derzeit generalüberholt wird, übernimmt Commander Brandis die |Explorator| mitsamt Crew für diesen Einsatz.
_Eindrücke_
Schon wieder eine Search-and-Rescue-Mission für Brandis, für ihn soll es zukünftig noch mehr geben, quasi seine Hauptaufgabe als Raumfahrer, jedoch ist es seine Letzte unter dem VEGA-Banner. Bald schon wird die UGzRR gegründet werden – doch das ist bereits ein Vorgriff auf die nächsten Bände. Die Vorboten dafür sind aber jetzt bereits deutlich spürbar, denn die VEGA als unabhängige Institution wackelt hier schon und mit ihr Godfather John Harris. Damit das im Prinzip von Michalewsky gewohnte 08/15-Strickmuster zumindest auf den ersten Blick ein wenig interessanter erscheint, tritt Brandis nun schon mal zum zweiten Mal in Folge ohne seine Stammcrew an. Doch zunächst ziert er sich mal wieder, den gefährlich Auftrag anzunehmen, um sich dann schlussendlich von seinem Gewissen, seiner Frau Ruth und seinem Boss Harris weichkochen zu lassen. So kennen und mögen wir ihn. Damit – und mit der Vorstellung der (personellen) Situation der |Explorator| – wäre rund das erste Drittel des Buches schon mal durch.
Selbstverständlich ist die Besatzung nicht so erfahren wie seine eigene und undiszipliniert obendrein, plus persönlicher Animositäten zwischen ihm und seinem neuen Piloten. Logischerweise kommen diese später dann zum Ausbruch, als es am wenigsten passt. Dabei ist die eigentliche Rettungsmission recht schnell abgehandelt, die |Han Wu Ti| wird aufgespürt und ein einziges überlebendes Mädchen Pathos triefend dem Tode entrissen. Garniert mit einem wenig originellen wie physikalisch unsinnig dargestellten Raumunfall. Dann jedoch kommt diesbezüglich mal wieder ein „echter NvM“: Ein schwarzes Loch im Sol-System – Na, da schau her! Er unterstrich mit solcherlei naturwissenschaftlich vollkommen daneben liegenden Elementen immer wieder aufs Neue, dass er nicht gründlich genug recherchierte. An den ständig falschen Gebrauch von „Galaxis“ statt „Sonnensystem“ und dergleichen hat man sich ja schon gewöhnt. Aber das hier ist schon selten heftiger Unfug. Immerhin sah er sich selbst ja auch nie als „richtiger“ SciFi-Autor.
Dass NvM hier irgendwie wohl keine rechte Lust verspürte, sich etwas Neues einfallen zu lassen, merkt man an verschiedenen Faktoren. Das fängt bei den schablonenhaften Figuren und Situationen aus dem MB-Serienbaukasten (so mancher Vorgängerband lässt hier ganz lieb grüßen) an und hört bei der klischeehaften Typisierung der einzelnen Nationalitäten nicht auf. Tschang Li, das gerettete Mädchen radebrecht zum Beispiel stets nett „Commandel Blandis“ und pflegt damit ein – absolut unsinniges – Vorurteil, dass Asiaten kein „R“ aussprechen können. Mal abgesehen davon, dass man ein 5-jähriges Kind buchstäblich mutterseelenallein (zwar mit anrührender, nichtsdestotrotz aber ziemlich idiotischer Begründung) überhaupt nicht auf eine stellare Reise schicken würde. Sei’s drum. Die Funktion als herzergreifende Trophäe der Völkerverständigung erfüllt sie dennoch. Was stilistisch negativ auffällt, ist wieder einmal die häufige Phrasendrescherei NvMs – hier ist es speziell das „fünfte Rad am großen Wagen“, welches sich – trotz trefflicher Metaphorik für das Verschollen sein im All – bei exzessivem Gebrauch doch irgendwann abgegriffen hat.
_Fazit_
Vordergründig eine spannende wie rührige SAR-Story, im Kern aber nichts anderes als ein etwas umlackierter „Vorstoß zum Uranus“ mit sattsam bekannten MB-Elementen aus NvMs Klischee-Grabbelkiste. Ohne Zweifel ist die humanitäre Message dahinter aller Ehren und Lobes wert, doch handwerklich hat er diesmal danebengegriffen, nicht nur aus naturwissenschaftlicher Sicht. Das Konglomerat aus Versatzstücken vorangegangener Bände erweckt den Eindruck, als wären NvM ein wenig die Ideen und/oder der Drive ausgegangen. Vielleicht wusste er damals auch noch gar nicht, ob und wie er die Reihe fortführt, daher wohl auch der etwas schwammige Schluss, der das Ende der VEGA-Ära eher verklausuliert andeutet als beim Namen nennt. Der Rezensenten-Daumen für die „Triton-Passage“ zeigt in die Waagerechte – jedoch mit spürbarer Tendenz nach unten.
Band 01: [„Bordbuch Delta VII“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6535
Band 02: [„Verrat auf der Venus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6539
Band 03: [„Unternehmen Delphin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6536
Band 04: [„Aufstand der Roboter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6618
Band 05: [„Vorstoß zum Uranus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6630
Band 06: [„Die Vollstrecker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6636
Band 07: [„Testakte Kolibri“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 08: [„Raumsonde Epsilon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6781
Band 09: [„Salomon 76“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6723
Band 10: [„Aktenzeichen: Illegal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6801
Band 11: [„Operation Sonnenfracht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6802
Band 12: [„Alarm für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6882
Band 13: [„Countdown für die Erde“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6908
Band 14: [„Kurier zum Mars“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6938
Band 15: [„Die lautlose Bombe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6962
Band 16: [„PILGRIM 2000“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7167
Band 17: [„Der Spiegelplanet“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7194
Band 18: [„Sirius-Patrouille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7267
_Band 19: Astropolis_
_Vorgeschichte_
Der Weltraum unseres Sol-Systems wird bereist und die nächsten Himmelskörper sind auch bereits kolonisiert. Die Zeiten einzelner Nationalstaaten sind lange vorbei. Nur zwei große Machtblöcke belauern sich auf dem Mutterplaneten Erde noch: die Union Europas, Afrikas und Amerikas (EAAU) und die Vereinigten Orientalischen Republiken (VOR). Commander Mark Brandis, unfreiwilliger Bürgerkriegsheld (Band 1 – 4) und – seit dessen Ende – endlich wieder als Cheftester in der zivilen Institution VEGA (Venus-Erde Gesellschaft für Astronautik) tätig, hat in den Folgejahren schon so manchen heiklen Job im Dienste der Erde übernommen. Dabei ficht der deutschstämmige Kosmopolit und -pilot vehement für Humanität, Gerechtigkeit, Demokratie und gegen Militar- sowie Rassismus. Kurzum: Eine bessere und friedlichere Welt.
_Zur Story_
November 2082. Die Menschheit steht erneut vor einem großen Schritt, denn der Platz auf dem Heimatplaneten wird ständig geringer und auch die Nahrungsmittelressourcen schwinden immer mehr – die globale Katastrophe am Kilimandscharo (siehe „Operation Sonnenfracht“ und „Alarm für die Erde“) hat die Situation keinen Deut besser gemacht. Eine Antwort auf die Überbevölkerung heißt „Astropolis“ und ist ein gigantisches Raumschiff, besser gesagt ein künstlicher Planetoid, der dieser Tage aus dem Erdorbit aufbrechen soll, um zehntausenden Freiwilligen aus aller Herren Länder und Machtblöcken als neue Heimstadt im All dienen soll. Damit der Brocken auch seine neue Umlaufbahn sicher erreicht, wurde niemand anderes als VEGA-Top-Mann Mark Brandis dazu ausersehen, den – eigentlich automatisierten – Exodus zu überwachen und gegebenenfalls korrigierend einzugreifen. Immerhin hat der Mensch noch nie ein Objekt dieser Größe eine stellare Reise geschickt – nicht einmal die legendäre PILGRIM 2000 hatte diese Ausmaße.
Auf der Erde herrschen aber auch noch andere Strömungen, die Anhänger der Professoren Warren und Terrassenko nämlich, die sich für deren angebliches Unsterblichkeits-Serum starkmachen. Die so genannte „Terassenko-Spritze“ soll die biologische Uhr anhalten und Krankheiten vollkommen verhindern – der Tod sei damit nahezu ausgetrickst. Zum Preis sofortiger Unfruchtbarkeit. Allerdings ist die Wirksamkeit ungeklärt, da die bisherigen Impfdosen offenbar nicht ausgereift waren und tödlich endeten. Einer der meint nun endlich den Fehler gefunden zu haben, ist der in der EAAU steckbrieflich gesuchte Professor Gilbert Graham. Er ist ein glühender Vertreter der Warren-Theorie, was damals auch zum Bruch mit seinem Jugendfreund Mark Brandis führte. Der alten Zeiten Willen ermöglicht ihm Brandis – zwischen Pflicht und Freundschaft hin und her gerissen – quasi einen Freifahrtschein für „Astropolis“ zu lösen.
_Eindrücke_
Dass sein Gutmenschentum ihm nicht immer zum Vorteil gereicht, sondern ihm wieder und wieder in die Quere kommt, ficht Mark Brandis scheinbar nicht an. Immerhin erhält er für seine gelegentlich schon die Grenzen zur Naivität überschreitende – pardon – Dämlichkeit auch stets einen Denkzettel verpasst. Sein schriftstellerischer Vater und Zwilling im Geiste, Nikolai von Michalewsky, war eben ein unverbesserlicher Idealist wie Moralist. Selbstverständlich färbt das auch auf seine – wie meistens – in der Ich-Form berichtende Hauptfigur ab. Das macht ihn aber auch so sympathisch, denn MB ist vor allem eins: fehlerbehaftet und somit menschlich. Dieser Faktor sorgte unbestritten für den Erfolg der Serie, denn was das Science in der Fiction anging, konnte NvM nie wirklich überzeugen. Auch hier trifft man diesbezüglich wieder einige Unmöglichkeiten und Fragwürdigkeiten an, die das Verständnis des Lesers von Logik, Technik und Naturwissenschaften doch ziemlich arg strapazieren bzw. auf eine harte Probe stellen.
Das fängt beim Generationen übergreifenden Mammutprojekt selbst an, wovon nie zuvor in der Serie die Rede war – es hätte dafür genug passende Gelegenheiten gegeben. Dann ist grundsätzlich die Funktion der künstlichen Welt nicht ganz klar. Das Ding soll irgendwo im Sonnensystem auf eine eigene Bahn um die Sonne gebracht werden – mit multinationalen Auswanderern, die sich hernach dann komplett selbst versorgen. So weit, so gut. Allerdings klingt das alles so, als wolle man die Brücken zur Ursprungszivilisation der Erde ganz planmäßig abbrechen, sprich: Andockmöglichkeiten für Raumschiffe demontieren etc. Das ist absolut widersinnig, denn was nutzt dieses Multi-Milliarden-Credits-Monster denn dann, wenn nicht als regelmäßig angeflogener (Handels-)Außenposten? Den paar zehntausend Aussteigern, die jetzt fröhlich um die Sonne kreisen? Allein aus ökonomischer Sicht allein ist dies alles nicht nachvollziehbar – oder Neudeutsch: Dem ganzen Unternehmen fehlt der Benefit.
Ähnliches gilt auch für den einen oder anderen nicht plausiblen Handlungsstrang sowie die durchsichtig-platte Figurenzeichnung: Natürlich hält sich Brandis‘ ehemaliger Freund nicht an die Abmachung sich auf „Astropolis“ nur noch als einfacher Arzt zu verdingen, der fürderhin brav Patienten behandelt. Und ebenso natürlich ist es, dass der moderne Doktor Frankenstein alles andere als geläutert, die Exilanten für seine Sache zu mobilisieren sucht und mit seinem Serum zu einer neuen Super-Rasse zu spritzen. Warum dann plötzlich selbst die schärfsten Gegner und all die brutal Zwangsgeimpften allerdings so mir-nichts-dir-nichts die Fronten wechseln, will partout nicht einleuchten. NvM hätte es mit einer psychotischen Nebenwirkung der Injektion erklären können, tut er aber nicht. Das massenhafte Mobbing und die Hysterie sind daher einfach nur unlogisch. Das alles gipfelt dann in einem absolut flachen Showdown und überhastetem Ende, wo man sich zurecht fragt, ob da nicht jemand die letzten Seiten des Manuskripts geklaut hat.
_Fazit_
Pilgrim Reloaded? Nicht ganz. Parallelen sind zwar durchaus vorhanden, dennoch ist die Grundthematik eine vollkommen andere, nämlich die Frage, ob uns die Aussicht auf unfruchtbare Unsterblichkeit bei ansonsten bester Gesundheit wirklich voranbringen würde. Vermutlich nicht. Mal ganz abgesehen von der Machbarkeit, wie sie ihm hier vorschwebt, hat NvM in diesem Punkt vollkommen Recht: Jegliches Pfuschen ins Handwerk von Mutter Natur bringt katastrophale Folgen mit sich. Trotzdem ist die Story bei näherer Betrachtung ziemlich unausgegoren und an vielen Stellen nicht stimmig – und das bezieht sich nicht nur auf die physikalisch-technische Seite. Auch bei Logik und Dramaturgie klemmt es auf „Astropolis“ zuweilen etwas. Charme hat das Teil aber, daher verharrt der böse Rezensenten-Daumen auch in der Waagerechten.
|“Wenn der Mond am Tag der Ruhelosen Seelen rundet, wird der eiserne König von den Toten auferstehen. Dann wird die Säule unserer Welt zu Staub zerfallen, und alles, was grünt, wird verdorren, und alles, was aufrecht geht, wird sich beugen, und der eiserne König wird für immer über Pinafor herrschen. Und nur derjenige wird ihn überwinden, welcher die Kraft achtet, die allem Lebendigen innewohnt; und nur wird ihn niederringen welcher um die Macht der fünf Finger weiß. So steht es geschrieben, und so wird es sein.“|
Hans lebt in einer Gruppe von Räubern in den Wäldern von Pinafor. Die verruchte Gruppe wird von Grimm angeführt. Pinafor scheint in Gold zu ersticken, daher sind die Raubzüge der Truppe von Erfolg gekrönt und Übermut macht sich breit. Eines Tages, die Räubertruppe ist gerade auf dem Weg in ihr Versteck, wird Hans auf ein geheimnisvolles Mädchen mit magisch grünen Augen aufmerksam, das die Gruppe beobachtet. Grimm stellt dieses Mädchen und will wissen, was es in den finsteren Wäldern treibt. Als sie nicht spricht, schickt Grimm sich an das junge Mädchen zu foltern. Doch das Mädchen wehrt sich und mit einem grünen Feuer verbrennt sie alle außer Hans.
Unter Schock stehend stolpert Hans durch den Wald und bricht ohnmächtig zusammen. Als er wieder erwacht, befindet er sich in einem Hexenhäuschen und steht seinen Dämonen gegenüber. Schließlich wurde er in jungen Jahren von einer Hexe gefangen gehalten die ihn zu gerne verspeist hätte. Nur der Mut seiner Schwester rettete ihm sein Leben. Doch die alte Muhme pflegt Hans gesund, schließlich wartet eine große Aufgabe auf ihn.
So ergeht an Hans der Auftrag ein geheimnisvolles Mädchen mit grünen Augen und einem tätowierten Labyrinth auf dem Rücken zu finden, um Pinafor vor dem Untergang zu retten. Gemeinsam mit Sneewitt und ihren Gefährten macht sich Hans auf um ein großes Abenteuer zu bestehen. Aber Hans und seine Gefährten sind nicht die Einzigen, die auf der Suche nach dem Mädchen sind, ein grausamer Untoter und seine Sieben Raben sind der Truppe voraus.
_Kritik_
Mit seinem phantastischen Abenteuer „Der eiserne König“ erzählt der Autor John Henry Eagle nicht nur ein abenteuerliches Märchen. Der Autor erzählt außerdem von bekannten Märchenfiguren deren Geschichte und Leben doch nicht so traumhaft verlaufen ist wie die Leser es nach dem „und wenn sie nicht gestorben sind …“ vermuten dürften.
Der Erzählstil von J. H. Eagle ist flüssig zu lesen und sehr abwechslungsreich. Sprachlich überzeugt „Der eiserne König“ ebenfalls, da viel Wert auf Ausdruck gelegt wird. Der Stil passt sich so dem märchenhaften und sehr abenteuerlichen Plot geradezu perfekt an. Ein klarer Satzbau und Kapitel von angenehmer Länge unterstreichen die Lesbarkeit. Bildgewaltig beschreibt der Autor das Land Pinafor, schnell gelingt es so, sich die Umgebung bildhaft vorzustellen. Eine Karte auf den Umschlaginnenseiten unterstützt dies noch zusätzlich. Trotz der lebendigen Beschreibungen verrennt sich der Autor niemals in seinen Schilderungen, sondern gibt auch der beeindruckenden Handlung den erforderten Raum sich zu entfalten. Keinesfalls romantisch und verklärt wird hier dieses märchenhafte Abenteuer erzählt, der Autor schafft eine authentisch düstere Grundstimmung zu übermitteln, die perfekt zu dem originellen Plot passt. Verschiedene Rückblicke machen klar, mit welcher märchenhaften Figur der Leser es gerade zu tun hat, denn nicht immer geben die Namen einen Hinweis. Da wird im Verlauf der Geschichte so manche Überraschung auf die Charaktere und vor allem die Leser zukommen. Zum Ende sind dann alle Geschichten und Handlungen sinnvoll miteinander verknüpft und die Geschichte ist abgeschlossen.
Aufgeteilt ist die spannende Geschichte in zwei Teile. Teil eins „Das Mädchen mit den grünen Augen“, befasst sich mit der Suche und den Abenteuern, die die Gefährten auf der Suche nach dem geheimnisvollen Mädchen Maleen erleben. Im zweiten Teil „Fünf Finger hat die Hand“ müssen die Charaktere noch viele weitere Abenteuer bestehen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines unbeteiligten Beobachters, der die Geschichte sehr gut im Blick hat. So bekommt der Leser nicht nur mit was im Lager von Hans und seinen Gefährten passiert, auch was die Gegenspieler planen und erleben, wird erzählt. Diese allumfassende Perspektive lässt es zu, die Geschehnisse umfassend mitzuerleben.
Gleich zu Beginn der Geschichte wird ein enormer Spannungsbogen aufgebaut, der sich dann durch die Geschichte hinweg hält. Der Spannungsbogen flaut auch innerhalb der Geschichte kaum mal ab und so wird der Leser von einem zum nächsten Erlebnis getrieben. Pausen zum Luftholen gönnt uns Lesern der Autor kaum. Immer, wenn man meint, es müsste mal zu einer ruhigeren Phase kommen, gibt es eine Wendung, die direkt in das nächste atemlose Abenteuer führt. Manchmal wirkte dies etwas zu überladen.
Eine Vielfalt sehr interessante und individuelle Figuren werden uns Lesern präsentiert. Anders als der Ausgang vieler Märchen glauben macht, tragen diese lebendigen Charaktere ihre Dämonen mit sich und kämpfen so nicht nur gegen das „Böse“ das Pinafor unterjochen will, sondern auch gegen die prägenden Erlebnisse ihrer Vergangenheit. Ob Hans, Sanne, Reineke Fuchs, Sneewitt, Horn oder Hardt, um nur einige zu nennen, jeder Charakter hat seine eigenen Eigenarten, die diese vielschichtigen Figuren ausmachen. Die Protagonisten entwickeln sich zudem sehr glaubwürdig weiter, wobei diese ihre eigenen Ziele verfolgen, und trotzdem als Gruppe bestehen können. Aber nicht nur die Protagonisten sind so vielfältig konzipiert, auch die Antagonisten wie beispielsweise Grimm sind glaubwürdig in ihrer Motivation und zudem wandlungsfähig. Überflüssige Darsteller sind trotz der Vielfalt nicht vorhanden, jeder trägt zum Gelingen der Geschichte unverzichtbar bei.
_Autor_
John Henry Eagle wurde 1971 als Sohn eines in der Lüneburger Heide stationierten britischen Offiziers und einer deutschen Mutter geboren. Nach einem wechselhaften schulischen Werdegang, der ihn an mehrere Internate führte, arbeitete er sich in London zum Börsenmakler hoch, stieg dann aber aus und kehrte nach Deutschland zurück, um sich dem Schreiben zu widmen. Er verfasste unter Pseudonym Drehbücher, Schauerromane und Szenarios für Graphic Novels. „Der Eiserne König“ ist das erste Buch, das unter seinem wahren Namen erscheint. Er lebt mit vielen Katzen in der Nähe von Berlin.
_Fazit_
Auf 651 Seiten erzählt John Henry Eagle ein wahrhaft meisterhaftes Abenteuer, das die Leser schlicht fesseln dürfte. Intelligente und mutige Figuren und ein reizvoller Plot, der neben atemberaubender Spannung noch einiges mehr zu bieten hat, sorgen für wahrlich märchenhafte Unterhaltung.
Mich hat der Autor überzeugen können. Und nachdem in „Der eiserne König“ aus den Schätzen Grimms Märchen geschöpft wurde, hoffe ich, dass sich John Henry Eagle auch noch andere Märchenerzähler vornimmt.
Der Auftakt zu einer Reihe von phantastischen Romanen um den Privatdetektiv John Justin Mallory, von Mike Resnick schon im Jahr 1987 veröffentlicht, passt gut in die Regale deutscher Buchhandlungen, die sich derzeit unter der Last dickster urbaner Fantasyliteratur biegen und knacken. Resnick war dieser Welle voraus, und so mag dem einen oder anderen Leser die Ernsthaftigkeit, mit der die aktuellen Autoren ihre Fantasien versehen, bei der leicht und lockeren, aber nichtsdestotrotz spannenden und rasanten Lektüre dieses Krimis fehlen.
Krimi deshalb. Genau. Ein Privatdetektiv erhält im selbstmitleidigen Suff und am Rande seines eigenen Abgrunds einen lukrativen Auftrag von einer Person, die er nicht so recht einzuordnen weiß. Der Elf benimmt sich merkwürdig, greift dicke Bündel Geld aus der Luft und führt Mallory in ein irgendwie anders geartetes Manhattan, in dem Gnome, Pinoccios, Einhörner, Schrumpfpferde, Magier und Dämonen hausen und ihr Unwesen treiben. Oder auch liebenswert leben. Trotz seiner Vorbehalte – immerhin könnte man das Ganze auch für eine alkoholinduzierte Fantasie halten – greift Mallory nach der Chance, seine Lebenspunkte in seinem Manhattan zu verbessern, und begibt sich auf die aberwitzige Jagd auf das Einhorn, dessen einmalige Besonderheit es ist, die Membran, die die beiden Manhattans trennt/verbindet, zu erhalten/erzeugen.
Eine der ersten Szenen, bei denen die Andersartigkeit des anderen Manhattans zur Sprache kommt, ist Mallorys Besuch in einem Museum, in dem auch prompt die Exponate zum Leben erwachen und Jagd auf die nächtlichen Besucher machen – im deutschen Sprachraum deutet alles auf einen billigen Mitschnitt aus „Nachts im Museum“ hin, doch zeigt sich, dass die dem Film zugrunde liegende Kindergeschichte aus dem Jahr 1993 schwerlich Vorlage für diese bereits 1987 erschienene Erzählung gewesen sein kann; ein Verdacht, der nur durch die späte Veröffentlichung des Romans in Deutschland genährt wird. Im Hinterkopf regt sich auch vor dieser Recherche schon das Misstrauen gegen den Verdacht, ist Resnick doch einer der produktivsten Schriftsteller seiner Zunft und laut Locus-Hitliste auf Platz vier der erfolgreichsten Preiseinheimser im Science-Fiction – Genre. Also einer, der Plagiate nun wirklich nicht nötig hat.
Es sind vor allem die Dialoge, die die Geschichte erzählen. Der Roman umfasst 384 Seiten und ist damit beileibe nicht der dickste seiner Zunft, aber dick genug, um eine Erzählung, die nur eine einzige Nacht umfasst, zu verbesondern. Resnick beschreibt nicht viel, hier mal eine Wegstrecke, dort mal eine Tätigkeit – aber nie erhält man direkten Zutritt zu den Gedanken des Protagonisten, sondern ist auf die Ereignisse und Dialoge angewiesen wie seine Mitstreiter, um seine einfallsreichen Pläne und Streiche nachzuvollziehen. Ich erinnere mich in dem Zusammenhang zum Beispiel an die Szene, in der Mallory vor seinem Elf Murgelström, der ihn beschattet, zu entkommen zu versuchen scheint, bis ihn ein Straßenumzug aufhält und er ein beliebiges Geschäft betritt, das unscheinbare Bilder ausstellt. Er beginnt ein Gespräch mit der Verkäuferin und erfährt, dass man in diesen Bildern Urlaub machen könne, und so sucht er sich eines aus und kauft es. Was irgendwie mit dem magischen Stein des Einhorns in Verbindung stehen muss und mit Mallorys Versuch, ihn vor dem mächtigen Dämon Grundy und vor dem zwielichtigen Elf Murgelström zu verstecken. Mit keiner Silbe deutet Resnick Mallorys Gedanken hier an, und so erfährt man erst im Ereignismoment, was er mit diesem Bild eigentlich vorhat und ob seine Mitarbeiter wirklich den Edelstein darin versteckten … immerhin erklärt er seine Ideen im Nachhinein immer einem seiner staunenden Freunde (und uns staunenden Lesern), so dass wir gleichfalls die Kaltschnäuzigkeit bewundern können, mit der er sich im Parallelmanhattan bewegt.
Da wundert es einen nur, warum er in seiner Welt so erfolglos sein soll. Resnick bietet als Erklärung die politischen und gesetzlichen Zustände unserer Welt, die seinen Ermittlungsmethoden stets Stöcke zwischen die Beine werfen oder überführte und verhaftete Gangster nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß setzen.
„Jäger des verlorenen Einhorns“ ist wirklich kurzweilige Unterhaltung, vollgestopft mit komischen Ideen und erzählt in flotter Sprache. Das macht Spaß!
Taschenbuch: 384 Seiten
Originaltitel: Stalking Unicorn Deutsch von Thomas Schichtel
ISBN-13: 978-3404200085
Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: (4 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)
Der Deutsche Science-Fiction-Preis ist der einzige dotierte Genrepreis in Deutschland und damit sicherlich für die Autoren auch der interessanteste. Karsten Kruschel ist mit seinem Romanzweiteiler„Vilm“ Preisträger des Jahres 2010 und macht damit aufmerksam auf seinen neuesten Roman „Galdäa“, mit dem er sich fernab der verschollenen Siedler von Vilm den Ereignissen im zivilisatorischen Zentrum seiner Weltenschöpfung widmet.Karsten Kruschel – Galdäa: Der ungeschlagene Krieg weiterlesen →
_Der 17 Jahre alte Jonny_ arbeitet in seinen Ferien im Familienbetrieb, einem Schusterladen in einem großen Hotel Miamis. Trotzdem er fast rund um die Uhr arbeitet und auch seine Mutter einen weitern Job angenommen hat, ist die kleine Familie kaum in der Lage, anfallende Rechnungen zu bezahlen.
Als dann Prinzessin Victoriana in dem Hotel absteigt, scheint sich jedoch das Blatt zu wenden. Victoriana macht Jonny ein Angebot, das ihm ein sorgloses Leben verspricht. Ungläubig hört sich Jonny Victorianas Geschichte an. Eine böse Hexe hat ihren Bruder Prinz Philippe in einen Frosch verwandelt, um sie zu einer Ehe mit dem grausamen Prinzen Wolfgang zu zwingen.
Victoriana bietet Jonny nicht nur mehr als genug Geld um die offenen Rechnungen zu zahlen, sondern verspricht ihm auch die Ehe, falls er in der Lage ist, ihren Bruder zu retten. Jonny hält Victoriana für verrückt, bis sie Jonny zwei magische Geschenke macht, mit denen er unter anderem in der Lage ist, sich mit zu Tieren verwandelten Menschen zu unterhalten.
So macht sich Jonny an die schier unmögliche Aufgabe, Prinz Philippe zu finden.
_Kritik_
Nach dem erfolgreichen Roman „Beastly“ hat die Autorin Alex Flinn einen neuen märchenhaften Roman veröffentlicht: „Kissed“. „Kissed“ vereint verschiedene Märchen wie „Der Froschkönig“, „Die sechs Schwäne“, „Die Wichtelmänner“, um nur ein paar zu nennen.
Dem fließenden und jugendlich gehaltenen Erzählstil der Autorin kann leicht gefolgt werden und kurze Kapitel unterstützen zudem den Lesefluss. Lebendig weiß die Autorin ihre abwechslungsreiche und magische Handlung zu gestalten und den Spannungsbogen auszubauen. Dieser flaut zwar immer mal wieder ab, wird dann aber durch verschiedene Ereignisse geschickt wieder angezogen.
Während die Dialoge zwischen Jonny und seiner besten Freundin Meg, auch durch verschiedene Schuhzitate aus Märchen und Filmen, angenehm und amüsant zu lesen sind, wirken die Dialoge zwischen ihm und Victoriana anstrengend. Dies liegt vor allem an Victorianas französischem Akzent, hier währe es passender und wesentlich angenehmer gewesen, hätte die Autorin diesen nur erwähnt.
Erzählt wird die Geschichte von Jonny selbst. Aus dieser Perspektive erlebt der Leser nicht nur die Ereignisse mit, auch Jonnys Gefühle und Gedanken werden authentisch vermittelt. Schnell lernt der Leser diesen sympathischen Charakter in seiner ganzen Vielfalt kennen.
Überhaupt hat Alex Flinn sehr lebendige Figuren geschaffen. Diese wirken greifbar und haben einen authentischen Hintergrund, der sie antreibt. Jonny ist trotz seiner jungen Jahre sehr verantwortungsbewusst und stellt seine eigenen Träume schon mal nach hinten, um seiner Mutter zu helfen, den seit Generationen im Familienbetrieb befindlichen Schusterladen zu halten. Passend zu seinem Alter reagiert er, trotz seiner Reife, aber auch etwas blauäugig auf das Heiratsangebot von Prinzessin Victoriana. Ihr Geld und das ansprechende Äußere der Prinzessin scheinen ihm schon Garant für eine glückliche Ehe.
Victoriana erfüllt zunächst das Klischee der blonden und verwöhnten Prinzessin voll und ganz. Doch dieser erste Eindruck erweist sich schnell als falsch, versucht sie durch ihre Eskapaden das Augenmerk von ihrem vermissten Bruder abzulenken. Schließlich ist nicht nur sie auf der Suche nach Prinz Philippe, auch die böse Hexe Sieglinde ist dem Froschprinzen auf den Fersen.
Überraschend war Jonnys Freundin Meg. Genau wie Jonny arbeitet sie hart im Familienbetrieb und trägt die Last geduldig. Auch sie hat so manches Geheimnis, und als Jonny dringend Hilfe benötigt, ist sie zur Stelle. Obwohl Meg Gefahr läuft, Jonny nach dem gemeinsamen Abenteuer zu verlieren, unterstützt sie ihn in seinem Vorhaben und rettet ihn nicht nur einmal. Als fassbare Gegenspielerin fungiert die Hexe Sieglinde, machthungrig und von zweifelhaftem Charakter füllt diese die ihr angedachte Rolle sehr gut aus.
Die einzelnen Kapitel werden durch Zitate aus den verschiedenen Märchen eingeleitet, die Bestandteil von „Kissed“ sind. Diese passen immer wunderbar zu den märchenhaften Ereignissen. Auch das Cover ist märchenhaft. Auf mattschwarzem Hintergrund hebt sich der Titel durch die froschgrüne Farbe und Spotlack hervor. Dem Titel entspringt ein Seerosenblatt, auf dem der gekrönte Froschprinz sitzt.
_Autorin_
Alex Flinn, geb.1966 in New York, lernte schon mit drei Jahren Lesen und wollte bereits mit fünf Schriftstellerin werden. Heute ist sie eine vielfach preisgekrönte Jugendbuchautorin, die Märchen ganz besonders liebt und zahlreiche Bücher erfolgreich veröffentlicht hat. Im Baumhaus Verlag erschienen bereits ihr Romanbestseller „Beastly“, der auch verfilmt wurde, sowie der romantische Liebesroman „Kissed“.
_Fazit_
Insgesamt ist der Autorin Alex Flinn mit „Kissed“ ein lesenswerter Roman gelungen. Der magische Plot, interessante Charaktere und eine jugendliche Sicht der Dinge machen „Kissed“ aus. Vor allem jugendliche Leser, die sich von Märchen verzaubern lassen, sind hier in jedem Fall richtig und dürften sich begeistert auf das Gebotene stürzen.
|Hardcover: 368 Seiten
Originaltitel: Cloaked
Ins Deutsche übertragen von Sonja Häußler
ISBN 978-3833900211|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de
[www.alexflinn.com]http://www.alexflinn.com
Band 1: [„Furchtlos“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6124
Band 2: „Black Jack“
Band 3: [„Fluchtpunkt Ixion“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7009
Band 4: _“Gearys Ehre“_
Band 5: „Der Hinterhalt“ („Relentless“, 2009) (erscheint am 25.11.2011)
Band 6: „The Lost Fleet: Victorious“ (2010)
Band 7: „The Lost Fleet: Beyond the Frontier“ (04/2011)
Alles klar Schiff? Es menschelt gewaltig an Bord
Seit hundert Jahren kämpft die Allianz verzweifelt gegen die Syndikatswelten, und die erschöpfte Flotte ist in Feindgebiet gelandet. Ihre einzige Hoffnung: Captain John Geary. Seit seinem heldenhaften letzten Gefecht hält man ihn für tot. Doch wie durch ein Wunder hat er im Kälteschlaf überlebt. Nun soll er als dienstältester Offizier das Kommando über die Flotte übernehmen, um sie sicher nach Hause zu bringen. In einem Krieg, der nur in einem Fiasko enden kann …
Band 4: „Black Jack“ Geary musste als Kommandeur schon viele riskante Entscheidungen fällen. Doch seine Offiziere zweifeln an seinem Verstand, als er die Allianz-Flotte wieder ins Lakota-Sternensystem zurückbeordert, wo sie zuletzt beinahe zerstört wurde. Während er sich bemüht, dem Feind immer einen Schritt voraus zu sein, muss er sich Verschwörern aus den eigenen Reihen stellen – eine unbekannte Anzahl an Offizieren will ihn des Kommandos entheben. Geary weiß, dass seine Flotte sich keinesfalls innere Unruhen leisten kann. Denn sonst reißen die Syndics ihn und seine Leute in tausend Stücke … (Verlagsinfo)
_Der Autor_
Hinter dem Pseudonym „Jack Campbell“ verbirgt sich der ehemalige U.S. Navy-Offizier John G. Hemry. In seinem aktiven Dienst bei der Marine sammelte er viel Erfahrung, die er in seine SF-Romane einfließen ließ. Campbell lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Maryland, unweit Washington, D.C.
1. A Just Determination (May 2003)
2. Burden of Proof (March 2004)
3. Rule of Evidence (March 2005)
4. Against All Enemies (March 2006)
_Vorgeschichte_
Captain John „Black Jack“ Geary ist ein Kriegsheld aus jenen Tagen vor hundert Jahren, als der Krieg der Allianz mit den Syndikatswelten begann. Damals rettete er sich an Bord einer Rettungskapsel, die ihn im Kälteschlaf hielt, und wurde hundert Jahre später aufgefischt. Jetzt hat ihn die Flotte wieder aufgetaut, weil ein Notfall eingetreten ist: Die Allianz-Flotte ist im Feindgebiet umzingelt, nachdem sie verraten wurde. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen bedingungsloser Kapitulation und völliger Vernichtung durch die zahlenmäßig überlegene Syndic-Flotte.
Geary verlässt seine Kabine an Bord des Flaggschiffs „Dauntless“ (= Furchtlos) und geht zur Brücke. Dort übergibt ihm Admiral Bloch als dem dienstältsten Offizier das Kommando über die Flotte und verrät ihm ein ungemein wichtiges Geheimnis: Die „Dauntless“ darf um keinen Preis in die Hand des Feindes fallen, sonst ist die Allianz verloren. Dann fliegt Bloch mit einer Fähre zum Flaggschiff des Gegners, um zu verhandeln. Hilflos muss Geary auf dem Bildschirm die Videoübertragung mit ansehen, wie der Vorstandsvorsitzende (CEO) des Syndikats Bloch und seine Adjutanten kaltblütig abknallen lässt. Es gibt keine Verhandlungen, sondern ein Ultimatum: eine Stunde bis zu Kapitulation oder Vernichtung.
Eine Stunde kann eine Menge Zeit sein, wenn es drauf ankommt, denkt Geary. Nach einer Rücksprache mit Captain Desjani, der Kommandantin der „Dauntless“, über das Geheimnis lässt er eine Videokonferenz der anderen Kapitäne einberufen. Er bringt trotz des Widerstands einiger Offiziere – wer traut schon einem Aufgetauten? – alle auf seine Linie und lässt einen Rückzugsplan ausarbeiten: Operation Ouvertüre. In einem Vier-Augen-Gespräch mit der Ko-Präsidentin zweier verbündeter Flotten muss er zu seinem Missvergnügen feststellen, dass auch sie das Geheimnis der Flotte kennt – oder zumindest gut geraten hat. Immerhin ist Ko-Präsidentin Victoria Rione abschließend bereit, den Gegner hinzuhalten.
Während sich die Flotte umformiert, um den Massensprungpunkt anzuvisieren, der sie aus dem feindlichen System herauskatapultiert, führt Geary ein Gespräch mit dem CEO des Gegners. Der ist zunächst verständlicherweise ungläubig, dass ein vor hundert Jahren gestorbener Offizier nun das Kommando über die Allianz-Flotte übernommen haben will. Das soll wohl ein Trick oder schlechter Scherz sein? Geary pflegt nicht zu scherzen, aber es gibt ihm Gelegenheit, den CEO eine weitere halbe Stunde aufzuhalten. Bis dieser die Verbindung entnervt unterbricht, um Gearys Offiziere einzeln zur Aufgabe zu überreden. Geary unterbindet diesen Versuch energisch.
Mit einem verlustreichen Rückzugsgefecht gelingt es Geary, seine Flotte fast komplett aus dem Feindsystem springen zu lassen. Doch er verliert dabei seinen Großneffen, der sich für die Flotte opfert und in Gefangenschaft geht. Geary verspricht ihm, ihn rauszuholen und Michaels Schwester zu kontaktieren, die auf einer der Allianzwelten lebt.
Doch jenseits des Zielpunktes nach dem Sprung muss Geary feststellen, dass hundert Jahre Krieg ihre Spuren hinterlassen haben, nicht nur auf den Welten, sondern vor allem in Gearys eigener Flotte …
_Handlung_
Im Lakota-System hat die Flotte vor den überlegenen Syndiks nach Ixion Reißaus nehmen müssen. Doch dort gab es kein Weiterkommen, also kehrte Geary mit seiner Flotte in einem wahnwitzig erscheinenden Manöver um und zerschoss das Zentrum der sie verfolgenden Flotte, büßte dabei jedoch drei Schlachtschiffe ein. Es dürfte ein paar Stunden, bis die Syndik-Flotte das Wendemanöver nachvollzieht, erwartet Geary.
Nun befindet sich seine Flotte in einem ahnungslosen und im Durcheinander befindlichen Lakota-System, das er nach seinem Belieben gestalten kann. Wracks schweben ebenso umher wie Gefängsnisschiffe und große Frachter. Da die Flotte dringen neue Ressourcen benötigt, lässt er diese Frachter als Erstes kapern, dann die Gefangenen der Allianz von den Gefängnisschiffen holen – insbesondere von der „Audacious“ – und kann einen Plan vorbereiten, wie er die bald zurückkehrende Syndik-Flotte empfangen will.
Zu seinem Erstaunen hat er mehr als vier Lichtstunden Zeit, und zwar vor allem aus dem Grund, dass die beiden CEOs der gegnerischen Flotte um die Ehre streiten, Geary fertigmachen zu dürfen. Bei den Syndiks läuft die Führungswechseltaktik eben anders als bei der Allianz. Der obsiegende CEO verfolgt nun die Allianz-Flotte mit aller Macht, um deren vermeintlich wehrlose Überreste ins Nirvana zu blasen.
Allerdings hat Geary mit einer Idee Victorias Riones und der Hilfe von Captain Tanya Desjani eine Falle aufgestellt, die sich für die Syndik-Flotte als verheerend erweisen soll …
Nach der Vernichtung der Syndiks erhalten die Wachschiffe der Syndiks im Lakota-System von fliehenden Syndik-Schiffen den Befehl, das Hypernet-Portal zu sprengen. Zu spät erkennt Geary die potenzielle Gefahr und kann nicht mehr intervenieren. Vom Sancere-System weiß er, dass ein solches Portal mit der Gewalt einer Nova explodieren und ein komplettes Sonnensystem in Schutt und Asche legen kann.
Gearys letzte Warnung an den Planeten Lakota III kommt wohl zu spät, und da fegt auch schon die Druckwelle der Portalexplosion durchs System. Die dem Portal zugewandte Seite der Welt wird verwüstet, die Atmosphäre hinweggerissen. Doch Gearys Schiffe sind weit davon entfernt in Position gegangen und stellen ihre Nase in Richtung der anrollenden Vernichtungswelle. Wird es irgendwelche Überlebenden geben, die davon berichten können, welche Gefahr ein solches Portal darstellt – und zwar auch für die Hauptwelten der Allianz?
_Mein Eindruck_
Die Handlung lässt sich in drei Teile gliedern. Die ersten rund 200 Seiten, also praktisch die erste Hälfte, spielt nur im Lakota-System und schildert die actionreiche Schlacht gegen die Syndikflotte und die mindestens ebenso aufregende Explosion des Hypernet-Portals mit fast der Gewalt einer Sternen-Nova.
Jedoch musste Flottenkommandant Geary in der Schlacht feststellen, dass zwei Kapitäne durch ihre feigen Aktionen eines der großen Kampfschiffe in Gefahr brachten und seinen Untergang herbeiführten. Einen der Kapitäne verurteilt er zum Tod, den anderen zu Haft. Ihr Grund: Sie lehnen seine Flottenführung ab. Sie überleben nicht lange: Das Shuttle, in dem sie transportiert werden, explodiert – Zufall oder Sabotage? Geary kann nichts mehr ausschließen.
|Phase 2|
Dies leitet die zweite Phase der Handlung ein: die Suche nach den Verrätern in den eigenen Reihen. Denn nicht nur in offenen Handlungen zeigt sich die Opposition, sondern auch in schädlicher Software in den Computersystemen. Die Würmer hätten das Flaggschiff und Gerys getreueste Kapitäne ins Verderben geschickt. Eine weitere Entdeckung von Würmer ist schlimmer, denn sie betrifft die gesamte Flotte: Antriebe hätten bei der Schlacht oder im Sprung versagt – und Waffensysteme machen sich selbständig.
|Finsterer Verdacht|
Geary teilt seinen Verdacht, dass auch die unbekannten Aliens ihr Händchen im Spiel haben. Denn diese lieferten ja Syndiks und Allianz die gesamte Hypernet-Technologie. Und Gearys Flaggschiff führt einen erbeuteten Hypernet-Schlüssel mit sich. Er verfügt über sein eigenes Betriebssystem und ist mit den Computersystemen verbunden.
Als verdächtige Quantenmanipulationen an den Kommunikationssystemen entdeckt werden, lässt dies darauf schließen, dass die Aliens alles mithören, was die Menschen kommunizieren. Und dies manipuliert wird. Offenbar nur zu einem Zweck: Es darf zu keiner friedlichen Verständigung zwischen Syndikats-Welten und Allianz kommen. Selbst als Gearys im Stich gelassene Syndik-Siedler rettet, wird dieser Versuch sabotiert.
Kaum hat er die Siedler im Cavalos-System abgeliefert, als ihm die CEO (Chief Executive officer = Vorstandsvorsitzende) der Zentralwelt dort dankt – der gerettete Bürgermeister ist ihr verschollen geglaubter Bruder. Und sie zeigt Geary, wo die Syndiks Vorräte versteckt und vergessen haben. So viel Entgegenkommen ist nur möglich, weil Geary seine Ehre dareinsetzt, auch den Gegner menschlich zu behandeln.
|Das Spiel der Aliens|
Dass nicht alle CEOs so human handeln, sondern mehr aus Eigeninteresse, stellt Geary fest, nachdem er die nächste Syndik-Flotte vernichtet hat. Der Gefangene Vize-CEO – die Syndiks arbeiten mit den Rängen der US-Wirtschaft – wird einem ausgefeilten Verhör inklusive Stimmanalyse und Hirnstrom-Abtastung verhört. Er weiß vom Deal der Syndiks mit den Aliens, um die Allianz anzugreifen. Dumm nur, dass die Aliens die Syndiks dabei im Stich ließen. Seit hundert Jahren tobt deshalb der Krieg unter den Menschen – zum Nutzen der Aliens, die so eine Flanke unter Kontrolle haben. Befinden sie sich selbst mit anderen Aliens im Krieg? Dann könnten sich die Menschen verbünden, um die Manipulation der Aliens abzuschütteln, schlägt Geary vor – und lässt den CEO frei.
|Afghanistan und die Folgen|
Auf Seite 355 beklagt der Autor mit den Worten seines Helden, wie lange sich dieser Krieg schon hinzieht und weiterhin sinnlose Opfer fordert. Mit diesen Opfern sind zerbrochene Leben von Verwandten und Liebenden verbunden. Genau wie bei den US-Soldaten, die im Irak und in Afghanistan kämpfen bzw. gekämpft haben. Viele von den Heimkehrern bringen sich um, weil sie den Stress der post-traumatischen Symptome wie Albträume, Herzjagen, Depressionen, Aggressionen usw. nicht mehr aushalten. Erst unter Präsident Obama kümmert sich die US-Regierung um die psychologische Betreuung dieser Hunderttausenden von Veteranen. Man weiß, dass auch deutsche Soldaten unter den gleichen psychischen Folgen zu leiden haben. Gibt es auch hier eine Betreuungsstelle?
|Phase 3|
Der letzte Teil der Handlung, rund hundert Seiten, schildert eine zweite Raumschlacht. Die ist aber kein großes Problem für Gearys fähige Kapitäne. Intensiv wird dieser letzte Teil jedoch durch Gearys persönlichstes Problem: Wie kann er eine liebevolle, emotionale Beziehung zu Captain Tanya Desjani eingehen, die für beide ehrenhaft ist und doch eine Zukunft haben soll? Ganz einfach: Sie versprechen sich einander, sobald sie wohlbehalten in der Heimat angekommen sind.
Fortwährend kabbeln sich Desjani und Senatorin Victoria Rione um Geary und sehen sich zu seinem Verdruss nicht in der Lage, ein einziges vernünftiges Wort miteinander zu reden. Das ist quasi die erheiternde Komödie, die die ansonsten recht grimmige Handlung um ein erleichterndes Element bereichert. Nachdem hier die Fronten geklärt sind, kann die Fortsetzung mit einem neuen Ausblick beginnen. Band 4 bildet also ein Bindeglied zwischen der ersten Trilogie und der zweiten.
_Die Übersetzung _
Ralph Sander hat einen guten, wenn auch nicht sonderlich anspruchsvollen Job erledigt. Seine falschen Endungen halten sich sehr in Grenzen, und es gibt nur einen Buchstabendreher – auf Seite 335 heißt es „Kruezers“ statt „Kreuzers“.
Lustiger finde ich hingegen den Fehler, der sich im Titel auf dem Buchrücken eingeschlichen hat. Während überall sonst korrekt „Gearys Ehre“ steht, heißt es dort „Geareys Ehre“, also mit vier E’s. Nobody’s perfect, und darauf heben wir einen.
_Unterm Strich_
Ich habe auch dieses Geary-Abenteuer in nur drei Tagen gelesen. Wie schon die meisten der drei Vorgänger kombiniert der vierte Band glaubwürdige geschilderte Raumschlachten (hier zeigt sich der Sachverstand des ehemaligen Marineoffiziers), spannende und rätselhafte Vorgänge in den eigenen Reihen mit – last but not least – privaten Problemen des Flottenkommandeurs Geary.
Man sieht in dieser Hinsicht in den vier Bänden eine deutliche Weiterentwicklung seineer Figuren: Vom legendären „Black Jack“, den die „lebenden Sterne“, also Götter, geschickt haben müssen, wird er zu einer Art Hoffnungsträger der Flotte (v.a. Desjanis), der sich durchaus auch mal von seiner menschlichen Seite zeigen darf, und zwar nicht nur gegenüber Kolleginnen, sondern auch gegenüber dem sogenannten Feind. So etwa im Fall der Syndik-Siedler, die er rettet und zu Ihresgleichen bringt.
Wie in jeder Heldengeschichte hagelt es weise Sentenzen. Bei „Spider-Man“ lautet die wichtigste Botschaft: „Mit großer Macht geht große Verantwortung einher.“ (Oder so ähnlich.) Hier lautet die wichtigste Botschaft. „Nur wer anderen Gnade gewährt, kann erwarten, dass ihm selbst Gnade widerfährt.“ Damit lässt sich Gearys Ehre erklären.
Interessanterweise dreht sich die letzte Aussprache des Buches aber nicht um seine, Gearys, Ehre, sondern um Tanya Desjanis Ehre. Sie lässt sich dazu hinreißen, ihm alles zu versprechen, wenn er nur weiter die Flotte führt und zwar auch nach der Rückkehr in die Heimat. Eine Frau verspricht so etwas nicht ohne ihre Ehre aufs Spiel zu setzen und damit ihre berufliche Karriere. Interessant ist also, was Geary damit anfängt. Es menschelt also auch ganz gewaltig an Bord des Kriegsschiffs. Die Romantik kommt vielleicht hier erstmals richtig zu ihrem Recht.
|Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel: The Lost Fleet: Valiant
Aus dem US-Englischen von Ralph Sander
ISBN-13: 978-3404233519|
Band 1: [„Die dunkle Gabe“ 4786
Band 2: [„Die Prophezeiung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5901
Band 3: _“Der letzte Pfad“_
_Nach all dem, _was Wyl von Elysius erfahren hat, ist er zum Hain zurückgekehrt. Mit dessen Hilfe gelangt er nach Werryl, wo er erfährt, dass Morgravias Legionen an der Grenze zu Briavel aufmarschiert sind. Um Valentyna mehr Zeit zu verschaffen, beschließt er, den Körper seiner Schwester an Celimus auszuliefern …
Wyls Freund Aremys hat derweil das Vertrauen des Gebirgskönigs errungen und wird von ihm beauftragt, Celimus den Abschluß eines Friedensvertrages anzubieten. Um Celimus zu einem Treffen mit Cailech zu bewegen, verspricht er ihm die Auslieferung von Ylena Thirsk…
_Neue Charaktere _von Bedeutung tauchen in diesem dritten Band keine mehr auf und auch eine Entwicklung bekannter Figuren findet nicht mehr statt, es sei denn, man möchte die Tatsache, dass Valentyna sich doch noch dazu durchringt, an Magie zu glauben, oder Jessoms Erkenntnis, dass Celimus niemals ein fähiger König werden wird, als Charakterentwicklung bezeichnen.
Auch am Handlungsverlauf ändert sich nicht mehr viel. Sämtliche Beteiligten sind hauptsächlich damit beschäftigt, aus den unterschiedlichsten Gründen ständig in der Gegend herumzulaufen oder zu -reiten. Dass dem Leser nicht immer die Beweggründe für diese Ortswechsel verraten werden – wie zum Beispiel, warum Wyl im Hain beschließt, ausgerechnet nach Werryl zu müssen -, macht die Sache stellenweise etwas wirr.
Dennoch gelingt es der Autorin, immer wieder mal kleinere Spannungsbögen aufzubauen, da all jene, die gegen Celimus arbeiten, so weit voneinander entfernt sind, dass sie meist nicht in der Lage sind, ihre Pläne und die dafür erforderlichen Lügen aufeinander abzustimmen, was immer wieder zu brenzligen Situationen führt.
Nicht besonders gelungen fand ich dagegen Fynchs Treffen mit dem König der Geschöpfe im Hain. Dieses Treffen ist in einer derart schmalzigen Ausdrucksweise beschrieben, dass ich die gesamte Szene als völlig unnatürlich empfand. Auch, dass der aufgeweckte und – zugegebenermaßen – sehr treue und gutmütige Fynch in diesem Zusammenhang schon fast zum Heiligen stilisiert wurde, lässt diese bisher sympathische und angenehme Figur zu einem klebrigen Bonbon werden. Daran ändert auch der durchaus interessante magische Zweikampf mit Rashlyn nichts mehr, zumal dessen Rolle innerhalb des Gesamtzyklus nicht so groß oder wichtig war, dass sie tatsächlich die Bedrohung vermittelt hätte, die der König der Geschöpfe ihr beimisst.
Ebenfalls enttäuscht war ich vom Showdown. Obwohl dankenswerterweise Wyl für das Happy End des Buches nicht in Celimus Körper landet, womit ich schon fest gerechnet hatte, beruht der Weg, der dies vermieden hat, auf einem solch krassen, logischen Bruch, dass ich schon dachte, ich hätte etwas überlesen. Dem war aber nicht so. Und so leidet die Basis für die Wendung zum glücklichen Ende ebenso an Instabilität wie die der ursprünglichen Ausgangssituation, anhand derer alles seinen Anfang nahm.
_Zurück blieb _ein durchwachsener Gesamteindruck. Trotz sympathischer Helden, einiger interessanter Zusammenhänge und gelungener Überraschungen wirkt der Zyklus großteils hyperaktiv, weil die Hauptperson, aber auch diverse Nebenfiguren wie Elspyth und Fynch, ständig von einem Ort zum anderen reisen. Es geht zu wie in einem geschäftigen Bienenstock, und doch scheint sich bis zu den letzten zweihundert Seiten nichts so recht vorwärts zu bewegen. Als der wirre Knoten sich endlich löst, tut er das auf eine Weise, die das Ende ebenso unglaubwürdig macht, wie es der Beginn des Zyklus war. Dabei hätte man aus der faszinierenden Grundidee so viel mehr machen können. Schade.
_Fiona McIntosh_ stammt ursprünglich aus England, ist aber bereits als Kind viel zwischen Afrika und England hin- und hergereist, hat eine Zeitlang in Paris gearbeitet und ist schließlich in Australien gelandet, wo sie mit ihrem Mann und zwei Kinder hängengeblieben ist. Der Herausgabe eines Reisemagazins folgte 2005 der Roman „Myrren’s Gift“, der erste Band ihrer |Feuerbund|-Trilogie. Seither hat die Autorin mit |Trinity|, |Percheron| und |Valisar| drei weitere Trilogien geschrieben. Außerdem hat sie sich dem Krimifach zugewandt. Beschäftigt ist sie zurzeit mit einem weiteren Roman, der in der Welt ihrer |Feuerbund|-Trilogie spielt. Außer dem |Feuerbund| ist jetzt auch ein weiterer ihrer Romane auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Herzen aus Gold“.
|Originaltitel: The Quickening 3: Bridge of Souls
Übersetzung von Wolfgang Thon
Taschenbuch, 763 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-52396-8|
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Irgendwann im 21. Jahrhundert haben Umweltzerstörung, Erderwärmung und Bevölkerungsexplosion die Zivilisation global kollabieren lassen; ein III. Weltkrieg gab der Menschheit den Rest. Milliarden sind verhungert, die Überlebenden führen eine kärgliche Existenz als Jäger, Farmer und Sammler. Um die wenigen Ressourcen wird weiterhin gekämpft. Jegliche staatliche Ordnung hat sich aufgelöst, es gilt das Recht des Stärkeren. Sklaverei ist an der Tagesordnung; oft verkaufen sich die Menschen selbst, um dem Hungertod zu entrinnen.
Im Norden Sibiriens entstanden einige Jahre vor der Katastrophe fünf neue Städte. Vor allem fromme Quäker aus den USA siedelten sich hier mit Billigung der russischen Regierung an. Das Klima hatte sich aufgeheizt, sodass ein Leben am Polarkreis möglich wurde. Doch der Krieg erreichte auch Sibirien. Die Siedler zogen fort oder wurden von Flüchtlingswellen überrollt.
Not und Gewalt haben auch die Stadt Evangeline veröden lassen. Nur noch Makepeace Hatfield, die letzte Überlebende ihrer Familie, hält aus. Als sie eines Tages ein Flugzeug abstürzen sieht, wird sie aus ihrer Lethargie gerissen: Gibt es irgendwo wieder eine Zivilisation im Aufbau? Makepeace macht sich auf den Weg nach Westen. Doch weit kommt sie nicht. Im Festungsdorf Horeb gerät sie unter Frömmler, die sie ausrauben und als Sklavin verkaufen.
Ein Arbeitslager hoch im Norden wird ihre neue ‚Heimat‘. Makepeace schlägt sich durch und wird schließlich befördert: Als Wächterin soll sie eine Sklavengruppe begleiten, die in den Ruinen der Industriestadt Polyn nach Wertvollem suchen soll. Zu spät erkennt Makepeace, dass sie an einer Himmelfahrtsmission teilnimmt: Polyn ist verstrahlt und vergiftet. Wer einmal in die Tiefen der Stadt vorgedrungen ist, wird sie niemals lebend verlassen …
|Ganz leise geht der Mensch dahin|
Normalerweise geht die Welt – vor allem im Film – spektakulär vor die Hunde. Außerirdische greifen an, Zombies steigen aus den Gräbern, der III. Weltkrieg bricht aus. (Wahrscheinlich gibt es sogar Geschichten, die diese drei Effekte gleichzeitig bemühen.) Anschließend wird es nicht besser; in der Darstellung der „Post-Doomsday“-Ära haben Mad Max & Co. nachhaltig Maßstäbe gesetzt; auch „Weit im Norden“ finden wir ihre Spuren.
Von den vielen Apokalypsen seiner Vorgänger übernahm Marcel Theroux bestimmte Handlungselemente sowie einen Grundtenor unendlicher Melancholie. Der Untergang der Menschheit ist gewiss kein erheiterndes Ereignis, doch selten gelang es, die damit einhergehende Stimmung so intensiv heraufzubeschwören. |“Das Ende der Zivilisation … ist der Beginn eines großen Abenteuers“| lesen wir auf dem hinteren Umschlag die Worte eines Klappentext-Dichters, der das dazugehörende Buch offensichtlich nicht gelesen hat.
Denn zumindest für Makepeace Hatfield bedeutet das Ende ihrer Welt das allmähliche Verlöschen der eigenen Existenz. Die „Post-Doomsday“-Literatur wimmelt von kernigen Pioniergestalten, die in die Hände spucken und die Trümmer beiseiteschieben, um aus den Ruinen eine neue und hoffentlich bessere Welt zu errichten. Auf den ersten Blick ist Makepeace eine von ihnen. Sie ist kein Opfer und gehört nicht zu den 99,9% der Erdbevölkerung, die gestorben sind, weil sie sich in ihr Schicksal ergeben haben. Makepeace wehrt sich notfalls mit der Waffe in der Hand. Mitleid kann sie sich nicht leisten, denn eine deprimierende Lehre, die sie – in Vertretung des Verfassers – aus den Erfahrungen ihres Lebens ziehen musste, war die Erkenntnis, dass Mitgefühl gefährlich ist. Nicht einmal Cormac McCarthy geht in „The Road“ (dt. „Die Straße“) in der Darstellung einer Welt ohne Menschlichkeit so weit wie Theroux.
|Es ist zu spät – in jeder Hinsicht|
In verschiedenen Rückblenden erinnert sich Makepeace an die Jahre des Umbruchs und Untergangs. Die Menschheit hatte sich durch fortgesetzte Umweltausbeutung und -zerstörung buchstäblich den Ast abgesägt, auf dem sie selbst saß, und eine ökologische Kettenreaktion in Gang gesetzt. Von der Verödung fruchtbarer Landstriche und weltweiten Missernten, die erstmals auch die Industrieländer im Speckgürtel dieser Erde nicht verschonten, erfahren wir nur von Makepeace, die sich auf Grundsätzliches beschränkt und dadurch erst recht ahnen lässt, welche globalen Tragödien sich abgespielt haben.
Den eigentlichen Schlussstrich zog der Mensch, indem er jegliche Solidarität aufgab, sondern jene angriff, die besser dastanden oder sogar helfen wollten: Bittsteller wurden zu Neidern, Besitzende mussten um das kämpfen, das sie nicht hergeben konnten und wollten. Nicht einmal der III. Weltkrieg fand mit der befürchteten atomaren Wucht statt: Die Gegner waren schon vor dem Ausbruch offener Feindseligkeiten erschöpft.
Nachdem die meisten Menschen tot sind, könnte endlich Ruhe einkehren. Doch nicht die vollständige Ausschöpfung der irdischen Ressourcen brachte der Zivilisation den Untergang. Theroux macht deutlich, dass auch die überbevölkerte Erde ihre Bewohner noch ernähren konnte, während sich die menschenleere Erde zu erholen beginnt. Der Mensch allein verursachte seinen Untergang.
|Barbarei und Abfallverwertung|
„Weit im Norden“ spielt weit abseits aller politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Zentren. Schon vor der Katastrophe war Sibirien ein hartes Land, das entweder von denen besiedelt wurden, die mehr oder weniger zwangsweise dorthin geschickt wurden, oder genügsamen, den rauen Verhältnissen angepassten Ureinwohnern eine Heimat bot, die den fremden Siedlern skeptisch bis feindlich gegenüberstanden. Theroux hat kleine Zellen der US-Kultur nach Sibirien verpflanzt, die wie in einer Petrischale im Kleinen nachbildet, was sich in Nordamerika ereignet hat.
Die Geschichte wird auf diese Weise schlank gehalten bzw. auf ihre wichtigsten Elemente reduziert. Der Mensch beginnt nicht sofort mit der Anpassung an die neuen Bedingungen. Makepeace Hatfield symbolisiert ebenso wie die Jäger, Sklavenhändler, Schrottsammler etc. einen Menschentyp, dem die Adaption nicht gelingt, weil er zu sehr der Vergangenheit verhaftet ist. Immer wieder stößt Makepeace auf Menschen, die ihre Kraft in die Bewahrung oder Neubelebung vergangener Lebensverhältnisse investieren. Sie muss schließlich lernen, dass sie trotz ihrer Unabhängigkeit auch zu ihnen gehört. Erst die nächsten Generationen, die sich an die alte Zivilisation nicht mehr erinnern können, werden sie nicht mehr vermissen und – vielleicht – einen echten Neustart schaffen.
Bis es soweit ist, bleibt der Blick nach rückwärts gerichtet, fällt der Mensch in nie bewährte aber allzu tradierte Verhaltensformen zurück. Feudale Strukturen werden in eine Sklavenhaltergesellschaft eingekreuzt, deren ‚Stabilität‘ auf Furcht und Gewalt basiert. Technische Errungenschaften entstammen einer Vergangenheit, die schon jetzt kaum mehr verstanden wird. Abgerundet wird diese gar nicht schöne, neue Welt durch religiösen Fanatismus, der für realpolitische Zwecken missbraucht wird (und Theroux zum einzigen echten Klischee gerinnt).
|Keinen Schritt vor, zwei Schritte zurück|
Mit Makepeace Hatfield schuf Theroux die ideale Hauptfigur für seine traurige Zukunftsmär. Schon ihr Vorname demonstriert die Verbindung zu einer Vergangenheit, die mit ihren Idealen gestorben ist. Makepeace hat auf die harte Tour lernen müssen, wie die Gegenwart funktioniert. Im Gegensatz zu ihrer Familie war sie willens und fähig, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Dies hat sie allerdings tief traumatisiert und vereinsamen lassen.
Unter dem Schutzpanzer steckt ein vielschichtiger Charakter, der nur allmählich zum Vorschein kommt. Ein großer Moment gelingt Theroux, wenn er Makepeace schließlich Bilanz ziehen lässt. Sie muss sich eingestehen, dass sie nicht lebt, sondern nur überlebt hat. Ihre Entdeckungsreise in einen von der Apokalypse verschonten Teil der Welt führt sie nur im Kreis. Nach entbehrungsreichen Jahren landet sie wieder dort, wo sie ihre Reise begonnen hat. Für Makepeace Hatfield gibt es kein Entrinnen. Sie ergibt sich schließlich in ihr Schicksal. Ihrer Tochter Ping bleibt es überlassen, eine echte neue Welt zu finden.
|Anmerkung|
Zum Thema „Ressourcenvergeudung“ leistet der Heyne Verlag mit der Erstausgabe von „Weit im Norden“ seinen eigenen Beitrag: Was hier mit aller Gewalt zum ‚mehrwertigen‘ Paperback aufgeblasen wird, fällt eigentlich in die Kategorie „Großdruck für Sehbehinderte“. Kümmerliche 27 Zeilen ‚füllen‘ jede Seite, und „Großbuchstaben“ tragen ihren Namen zu Recht, weil sie sich stolze 4 mm in die Höhe recken. Der Rezensent freut sich immerhin über breite Ränder, auf denen er sich schon während der Lektüre fleißig Notizen machen kann. Doch ist dies (Achtung: rhetorische Frage!) den stolzen Mehrpreis wert? „Weit im Norden“ ist ein gutes Buch mit einem unerwarteten Subtext: Beutelschneider gibt es nicht nur in Makepeace Hatfields zukünftigen Sibirien …
_Autor_
Marcel Raymond Theroux wurde am 13. Juni 1968 in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, geboren. Er wuchs in Wandsworth, einem Stadtbezirk von London, auf, besuchte das Royal College of St. Peter in Westminster und studierte Englische Literatur am Clare College in Cambridge sowie Internationale Beziehungen in Yale, wobei er sich auf die Region Osteuropa und Russland konzentrierte.
Wie sein Vater, der (Reise-) Schriftsteller Paul, ist Marcel Theroux Autor. Ein erster Roman erschien 1998. Für „The Paperchase”/“The Confessions of Mycroft Holmes” (dt. „Wer war Patrick March?“) gewann Theroux 2002 den „Somerset Maugham Award”. Darüber hinaus schreibt Theroux Sachbücher sowie Artikel.
Marcel Theroux arbeitet nicht nur als Autor, sondern auch als Dokumentarfilmer. Unter anderem realisierte er 2004 im Rahmen der Serie „The War on Terra“ für den britischen Channel 4 den Beitrag „The End of the World as We Know It“. Hier thematisierte er den globalen Klimawandel. Über die Probleme von Russland nach der Sowjetzeit berichtete er 2006; ein weiterer Film über Kunst in Russland folgte 2008. Im Jahr darauf bereiste Theroux Japan mit der Kamera.
Mit seiner Familie lebt Marcel Theroux in London.
|Paperback: 431 Seiten
Originaltitel: Far North (London: Faber and Faber 2009)
Übersetzung: Oliver Plaschka
ISBN-13: 978-3-453-52846-8|
[marceltheroux.com]http://marceltheroux.com
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne
_Die Erde wird verschachert: klassische SF-Erzählungen _
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 20 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der dritte von vier TITAN-Bänden zu diesem Thema.
Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren.
TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
_Die Herausgeber _
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
2) Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss’ ironischen Humor.
Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse/Der lange Nachmittag der Erde“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.
_Die Erzählungen_
_1) John D. MacDonald: „Flucht ins Chaos“ (1951)_
Andro ist der dritte Kronprinz von Kaiser Shain, doch der missratene Sohn rebelliert gegen seinen Vater. Der Kaiser verfügt mit einem Wink seinen Tod. Die Brüder Andros mühen sich zusammen mit Delaran, dem Feldherrn, Andro zur Strecke zu bringen. Doch es ist wie verhext: Ein ums andere Mal entschlüpft ihnen der Gejagte, als ob er einen Schutzengel hätte. Und beim sechsten Mal verschwindet Andro einfach spurlos …
Er erwachst auf einer fremden Welt, stellt sich aber weiterhin bewusstlos. Schließlich ist er ja ein ausgebildeter Krieger. Kaum beugt sich die fremde Frau über ihn, versetzt er ihr einen Faustschlag, dass sie bewusstlos umkippt. Er schaut sich um, betrachtet die Fremde. Er hat alle seine Kampfesgenossen und seine Geliebte verloren, also muss dies eine Feindin sein. Sie trägt eine zitronengelbe Toga und am Gürtel sechs glänzende Instrumente, die er ihr abnimmt und versteckt.
Sie nennt sich Calna und behauptet, sie sei Agentin einer geheimen Macht, die die Welten des Universums zu einem einheitlichen Entwicklungsstand zusammenführen wolle. Sie habe Andro schon mehrfach das Leben gerettet. Er glaubt ihr nicht, denn welchen Grund hätte sie dazu. Mit geschickten Akupressurgriffen setzt sie ihn außer Gefecht, bevor sie ihre Instrumente wieder am Gürtel befestigt.
Ihre Mitagenten seien hinter ihr her, und auf dieser Welt seien sie nicht sicher. Andro will auf seine Heimatwelt, um dort einen Aufstand anzuzetteln. Aber dort habe Deralan dem Kaiser den Beweis gezeigt, dass Andro tot sei. Sie selbst hatte Deralan den Beweis in die Hand gelegt. Würde Andro nun dort auftauchen, müssten die Sklaven, die er zu befreien beabsichtigt, glauben, er sei wiederauferstanden. Na schön, muss er eben sein Gesicht umgestalten.
Zusammen gehen sie mit ihrem Agentenschiff nach Simpar und verstecken sich unter der Erde vor den Agenten, die Calna, die Abtrünnige, suchen. Der Aufstand der befreiten Sklaven wird ein voller Erfolg, und schon bald brennt die Stadt lichterloh. Doch Deralan hat eine Sklavin ausgehorcht und überrascht von Andros Anwesenheit erfahren. Als die wütenden Sklaven auch Andro, den sie nicht erkennen, angreifen und die schöne blonde Frau neben ihm ihn mit einer unbekannten Waffe verteidigt, weiß Deralan Bescheid.
Er folgt ihnen unauffällig zu ihrem Schiff. Er zieht das Messer, um es in Andros Rücken zu werfen. Doch eine unbekannte Macht ergreift von ihm Besitz und schleudert das Messer auf ein neues Ziel …
|Mein Eindruck|
Die 60 Seiten lange Erzählung folgt keineswegs dem oben skizzierten Handlungsverlauf, der nur einen kleinen Teil des Geschehens abdeckt. Vielmehr scheint das Thema der Geschichte weniger Aufstand, Kampf und Romanze zu sein, als vielmehr die Bedeutung von Statistik für die soziologische Entwicklung von wahrscheinlichen Welten. Insofern ist es eine sowohl eine Übung in Statistik als eine Variation der Psychohistorik, die Asimov schon in den vierziger Jahren „erfand“.
Der Direktor der „sozionetischen Agentur“ steuert demnach die 26 Welten der Wahrscheinlichkeit in ihrer Entwicklung, zu ihrem eigenen Wohl, aber auch um die Kontrolle zu behalten. Agentenschiffe vermögen es, von einem Rahmen der Wahrscheinlichkeit – sprich: Welt – zum nächsten und übernächsten zu „schlüpfen“, indem sie die quantenmechanische Wahrscheinlichkeit beugen. (Nicht gerade eine neue Idee.)
Doch was die abtrünnige Agentin Calna zusammen mit Andro tut, lässt auf der Welt Simpar alle anderen Wahrscheinlichkeiten zusammenbrechen. Es gibt nur noch eine einzige Wahrscheinlichkeit. Es gibt für sie folglich kein Entkommen mehr. Doch eine fremde Macht bemächtigt sich Delarans Geist, der ein Gerät konstruiert, das die anderen Wahrscheinlichkeitsrahmen wieder zugänglich macht. Doch wer oder was verbirgt hinter dieser Macht?
Calna erfährt es nicht. Denn als sie zum Direktor zurückkehrt, kann sie sich an ihre Erlebnisse nur wie an einen verrückten Traum erinnern. Sie will neu konditioniert werden. Der letzte Satz allein gibt uns einen Hinweis darauf, dass der Direktor dahinterstecken könnte. Er denkt an die Einfachheit der „dritten atomaren Ära“. Das bedeutet, dass er schon sehr alt sein muss. Alt genug, um so etwas wie ein Gott zu sein …
_2) A. E. van Vogt: „Versteck“ (1943)_
In der Kleinen Magellanschen Wolke gibt es Millionen von Sonnen, doch Wetterstationen wachen auf jede Annäherung einer uralten Bedrohung. Als Gisser Watchers Systeme das Schlachtschiff von der Imperialen Erde entdecken, gibt er den fünfzig Sonnen der bewohnten Welten Alarm und trifft Vorbereitung, seine Station zu sprengen. Die Karte des Systems darf den Erdlingen keinesfalls in die Hände fallen …
An Bord des Schlachtschiffs „Star Cluster“ begrüßt ihn eine junge Frau mit blitzenden Augen. Sie stellt sich als Großkapitänin Gloria Cecily Laurr von Laurr vor. Er soll ihr alles verraten über sein Sternensystem verraten, doch sie macht den Fehler, ihm zu drohen: Alle Abtrünnigen würden zur Rechenschaft gezogen werden. Erst die Psychosonde, die Chefpsychologin Neslon einsetzt, bricht seinen psychischen Widerstand. Doch kaum beginnt er das Dellianische System zu beschreiben, als sein Verstand sich abschottet. Bemerkenswert!
Zugleich mit Watchers Molekülen wurde auch die Station mitsamt der Sternenkarte an Bord transferiert. Doch wie ihr der Chefnavigator versichert, könne die Kapitänin nichts damit anfangen, denn es fehle der Schlüssel, der Bezugspunkt. Sie bewohnten Welten seien wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen unter Millionen von Sonnen versteckt. Sie Suche erweist sich als ergebnislos. Zehn Jahre Suche – und jetzt das!
Gloria Cecily beschließt, Watcher zu verführen, um an die Wahrheit heranzukommen. Doch sie ist nicht auf die ungeheuerliche Wahrheit gefasst, die sie dabei unter Lebensgefahr entdeckt …
|Mein Eindruck|
Wie so häufig bei A. E. van Vogt, dem kanadischen Star in John W. Campbells Autorenriege für „Astounding Stories“, umspannt die Story ganze Sternenimperien und Galaxien. So auch hier. Das terranische Imperien schickt sich an, die Kleine Magellansche Wolke zu unterjochen und betrachtet Widerstand als Verrat.
Der Witz an der Geschichte besteht darin, dass es sich tatsächlich um Abtrünnige handelt, die das Schlachtschiff vorfindet – aber sie spalteten sich bereits vor 15.000 Jahren ab. Und alle Scanner des Schiffes können die Bewohner dieser Welten nicht finden, weil es dort längst keine Menschen mehr gibt. Sondern nur noch Roboter …
_3) Algis Budrys: „Die Lehrer“ („To Civilize“)_
Nach Generationen friedlichen Zusammenlebens mit den Bewohnern von Voroseith bekommen die Erdmenschen den Befehl, die Welt zu verlassen und zur Erde zurückzukehren. So will es die Föderation der Welten. Deric, ein junger Kulturhistoriker der Voroseii, wundert sich über die Bereitwilligkeit der Menschen, dieser Anordnung Folge zu leisten. Er befragt Morris, einen Wissenschaftler, und Berkeley, einen Opernautor.
Die Antworten, die er freundlich erhält, stellen ihn wenig zufrieden. Sie hätten ihre Aufgabe, andere Welten zu zivilisieren, erfüllt, behauptet Berkeley. Ihre Hauptaufgabe aber habe darin bestanden, die Voroseii daran zu gewöhnen, mit anderen Rassen der Föderation zusammenzuarbeiten. Allerdings vermutet Deric noch einen weiteren Grund: Der Planet Ardan hatte sich der Anordnung widersetzt und ist ausgelöscht worden. Was Deric wirklich in den Augen seiner Freunde sieht, ist Furcht …
|Mein Eindruck|
Zivilisationen beginnen, Zivilisationen enden – das ist die Lektion dieser Geschichte mir. Eine Zivilisation mag mit einem Auftrag, Kultur zu bringen, beginnen, doch rohe Gewalt mag sie ohne Weiteres beenden, ganz gleich, wie hoch ihre Verdienste sein mögen. Zivilisation, so die Botschaft des Autors, ist kein Selbstzweck, auf dessen Lorbeeren man sich ausruhen darf. Sie ist eine Funktion, eine Aufgabe, um ein gestecktes externes Ziel zu erreichen. Nach Erfüllung der Aufgabe mag sie wieder verschwinden oder woanders verlagert werden.
Aber die Geschichte ist ein schönes Beispiel dafür, dass die für ihre Aggressivität berüchtigten Menschen durchaus friedlich mit anderen Rassen zusammenleben können. Am Schluss übergibt Berkeley das Libretto zu einer neuen Oper an Deric, den Kulturhistoriker, als übergebe er den Stab für ein Amt oder erteile einen Ritterschlag.
_4) James Blish: „Pieps“ (1954)_
Josef Faber sitzt auf einer Parkbank des Planeten Randolph und passt auf, dass der Junge und das Mädchen bei ihrem Techtelmechtel nicht gestört werden. Schließlich ist es sein Job, den festgelegten Verlauf der Zukunft zu sichern, und dazugehört nun mal auch die Paarbildung und alles, was damit verbunden ist. Die Abwehr einer feindlichen Raumflotte im Pferdekopfnebel ist zwar auch ganz nett, aber der DIENST hat sich oofenbar auch um Junge-trifft-Mädchen-Ereignisse zu kümmern. Dennoch beschwert er sich bei seinem Chef Krasna, was das für einen Sinn, wo die Zukunft doch eh schon bekannt sei? Krasna zeigt ihm eine Aufzeichnung darüber, wie alles mit dem DIENST anfing …
Die bekannte und schöne Fernsehkolumnistin Dana Lje besucht den Geheimdienstler Hauptmann Robin Weinbaum in seinem Büro. Sie will wissen, ob er je von einem „Interstellaren Informationsdienst“ gehört habe? Sie habe einen Brief von einem gewissen J. Shelby Stevens erhalten, der ihr seine Dienste anbiete. Dienste, die auf einer exakten Vorhersage kommender Ereignisse beruhen! Stevens sagt eine Schlagt im Drei-Gespenster-System voraus … Weinbaum schreit auf. Diese Info sei topsecret – noch ein Wort und er müsste sie einsperren! Das findet Dana interessant.
Weinbaum will natürlich wissen, auf welche Quelle sich dieser Stevens beruft. „Auf den Dirac-Kommunikator.“ Weinbaum wird bleich. Niemand weiß, dass es dieses Gerät gibt und von seinem Dienst gerade zum Drei-Gespenster-System transportiert wird, um getestet zu werden. Es sei denn – entsetzlicher Gedanke! – jemand hat noch einen Dirac-Kommunikator erfunden. Ein Gerät, mit dem man erstmals ohne Zeitverzögerung Nachrichten mit jedem beliebigen Ort im Universum austauschen kann. Weinbaum veranlasst die Festnahme von Stevens.
Allerdings ergibt sich dabei ein kleines Problem: Der alte Knacker Stevens ist mit der jungen Schauspielerin Dana Lje identisch. Weinbaum wird nun ganz schwummrig zumute. Nicht auszudenken, wenn die Feinde von Erskine ebenfalls einen Dirac-Kommunikator erfunden hätten! Aber Dana beruhigt ihn: Sie kennt das Dirac-Geheimnis – und will Weinbaum heiraten …
|Mein Eindruck|
James Blish war einer der kenntnisreichsten und stilsichersten Autoren der SF, hatte außerdem einen großartigen Sinn für Humor (z. B. in „The Devil’s Day“). Diese Eigenheiten zeigen sich auch an dieser amüsanten Story. Es geht um die Vorhersage künftiger Ereignisse durch ein neuartiges Kommunikationsmittel, den Dirac-Kommunikator. Das Gerät beruht natürlich auf relativistischen Effekten, denn es fischt in der „Dirac-See“ subatomarer Teilchen.
Mal von der komplizierten – und nicht immer plausibel erscheinenden – Technik abgesehen, so ergeben sich aus dem Umstand, dass alle Nachrichten ohne Zeitverzögerung empfangen werden können, weitreichende Folgen. Wenn vier Lichtjahre entfernt bei Alpha Centauri etwas passiert, dann erfahren die Erdlinge normalerweise erst vier Jahre später davon (per „Ultrawelle“ frühestens 100 Tage später), jetzt aber sofort. Folglich könnte ein so kommunizierendes Sternenreich viel besser gesteuert werden. Einer Diktatur wäre damit Tür und Tor geöffnet. Ganz besonders dann, wenn man auch noch die nahe Zukunft kennt.
Genau dies jedoch will Dana Lje verhindern, indem sie ihren Dienst als Privileg meistbietend unterbringt: bei US-Geheimdienst von Robin Weinbaum. Sie diktiert die Bedingungen, unter der die Fusion erfolgen soll. Dass es ihr auch um eine ganz private „Fusion“ geht, verleiht der ganzen Transaktion die romantische Würze. Ich betrachte die Romanze aber als Zugeständnis des Autors an sein junges Publikum.
_5) Mack Reynolds: „Verkauft“ („Down the River“, 1950)_
Das riesige Raumschiff der Aliens landet in Connecticut. Dessen Gouverneur begrüßt den grünhäutigen Abgesandten, der erstaunlich gut englisch spricht und eine Proklamation ankündigt: Die Menschen sollten sich bereithalten, in einem Erdenmonat eine Ansprache vom Graff dieses Raumsektors zu erhalten. Sprach’s und ging.
Einen Monat lang herrscht Tohuwabohu in den Medien. Was ist von den Aliens zu erwarten, Gutes oder Schlechtes? Wie auch immer: Der Madison Square Garden ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als der grünhäutige Graff seine Ansprache hält. Schon bei der ersten Andeutung, dass Terra zum Sternenreich Carthis gehöre, zucken manche der Anwesenden zusammen. Der Gabon von Carthis habe den Graff auf dem Mars residieren lassen, bis Terra wenigstens Stufe 4 der Entwicklungsskala erreicht habe.
Nun sei es allerdings notwendig geworden, wenigstens einen Höflichkeitsbesuch zu machen. Denn das Reich von Carthis habe im Austausch für Schürfrechte im Aldebaran-Sektor das Sonnensystem an das Reich Wharis veräußert. In wenigen Wochen schon dürfte der entsprechende Graff eintreffen, um den primitiven Erdlingen seine Bedingungen zu stellen, die v.a. in der Förderung von Bodenschätzen bestünden.
Die Ankündigung ruft heftigen Protest hervor: Die Erde wurde verschachert! Der Graff jedoch gibt sich verwundert. Hätten nicht die USA selbst bereits im Jahr 1803 Millionen von Quadraktmeilen einem gewissen Napoleon abgekauft, ohne die Bewohner dieses Landes zu fragen; ebenso die Briten und Franzosen?
|Mein Eindruck|
In der Tat: Die Zivilisation kann auch ihre Schattenseiten haben, ganz besonders dann, wenn man auf der Verliererseite steht. Die von dem Graff zitierten Fälle sind alle historisch belegt. Die bittere Ironie besteht darin, dass das Prinzip nun auf die Erde als Ganzes angewendet wird.
Der Autor hätte noch den infamen Friedensvertrag von 1848 erwähnen können, in dem der Verlierer Mexiko dem Gewinner USA ebenfalls Millionen Quadratmeilen abtrat – was ungefähr eine Zunahme um 66% für die damals bestehenden USA bedeutete. Niemand fragte die Indianerstämme, ob sie damit einverstanden waren. Sie wurden fast komplett ausgerottet.
_6) Avram Davidson: „Der Prämienjäger“ (1958)_
Ratsherr Garth und sein Sohn Olen besuchen den alten Fallensteller in der Wildnis. Olen soll nämlich eine Semesterarbeit über die Prämienjäger und ihr Leben schreiben. Der Alte ist freundlich, aber alles ist so unordentlich bei ihm, so roh, gar nicht wie in der Stadt. Dort habe er auch mal gelebt, erzählt er am Kaminfeuer, weil seine Frau von dort kam, aber sobald sie gestorben war, zog es ihn zurück in die Wildnis dieses Planeten.
Der Alte geht hinaus, weil er eine wilde Bestie gehört hat. Währenddessen erklärt Garth seinem Sohn, dass sich keiner die Mühe mache, das Wild dieses eroberten Planeten auszurotten und lieber die kargen Prämienzahlungen in kauf nehme. Der Alte kehrt mit Beute zurück, einem langgliedrigen Geschöpf, das sich stark von ihnen unterscheidet: Seine Ohren liegen außen an und an jeder Hand weist es fünf Finger auf …
|Mein Eindruck|
Da bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken. Das Wild, das der alte Fallensteller, erbeutet hat, ist nämlich ein Mensch – oder was einmal als menschliche Rasse bekannt war, bevor die Aliens die Welt eroberten. Die Story besticht durch ihre Detailtreue und den knapp angedeuteten kulturellen Hintergrund. Die bittere Ironie ist die gleiche wie bei „Verkauft“: Der Spieß wird umgedreht, und was die Menschen anderen Kreaturen angetan haben, widerfährt nun ihnen.
_7) Fredric Brown: „Aufgeschoben“ („Not Yet the End“, 1941)_
Zwei intergalaktische Sklavenjäger landen auf dem dritten Planeten dieser gelben Sonne. Sie machen ihr Schiff unsichtbar und schnappen sich die erstbesten Exemplare von höheren Lebewesen, die sie erwischen können. Die Untersuchung ergibt: lebendgebärend, aber leider nicht sehr intelligent. Unbrauchbar für Sklavenarbeiten in Bergwerken. Die Jäger düsen wieder ab, wollen aber in einer Million Jahren noch mal vorbeischauen.
Der Redakteur eine Zeitung in Milwaikee beschließt die unbedeutende Meldung zu ignorieren, wonach der Zoodirektor meint, zwei Affen seien ihm gestohlen worden …
|Mein Eindruck|
Shit happens. Und wir haben noch mal Glück gehabt. – Fredric Browns Spezialität sind superkurze Storys von wenigen Seiten, die mit einer rabenschwarzen Pointe enden. Dass er auch länger schreiben kann, bewies er mit dem lustigen Roman „Martians Go Home!“
_Die Übersetzung_
Diese Übersetzung durch Heinz Nagel ist eine wahre Wohltat im Heyne-Programm: Ich konnte keinen einzigen Fehler finden. Und die sprachliche Kompetenz Nagels erwies sich auch bei so komplizierten Sachverhalten wie dem Dirac-Kommunikator James Blishs.
_Unterm Strich_
In der ersten Hälfte dieses dritten Bandes über Galaktische Imperien geht es Herausgeber Aldiss um „Gewalt und Zivilisation“ und er behauptet: „Man kann niemanden mit Gewalt zivilisieren“. Eine Novelle von John D. McDonald (der auch viele Krimis schrieb) und zwei Storys von van Vogt und Budrys sollen dies belegen. Meiner Ansicht nach ist dies nicht immer schlüssig belegt, aber wenigstens die Kontrollinstanz in „Flucht ins Chaos“ wird ganz hübsch ausgetrickst, ebenso die großspurige und listenreiche Großkapitänin Cecily Laurr durch den Roboter. Budrys‘ Geschichte fand ich relativ pointenlos.
Die zweite Hälfte des Bandes zeigt „Die Kehrseite der Medaille“ eines Imperiums. Die Menschen sind entweder nahezu ausgerottet (in „Die Prämienjäger“) oder werden verschachert (in „Verkauft“). Andererseits können sie manchmal auch durch die Blödheit der Sklavenjäger davonkommen (in „Aufgeschoben“). Dusel muss man haben. Jedenfalls bis zum nächsten Ver- und Besuch …
Obwohl die genannten Storys doch recht gut dem Argument des Herausgebers folgen und auch fast durchweg sehr ironisch sind, so ragt doch James Blishs Novelle „Pieps“ heraus. Hier wird die diktatorische Variante eines möglichen Imperiums durch eine clevere Frau verhindert. Sie ist es auch, die den Geheimdienst trickreich dazu zwingt, die Sicherung des Verlaufs der Zukunft nur zum Wohle der Menschheit einzusetzen, nicht um diese zu unterdrücken.
Allein schon wegen dieser Story lohnt es sich für einen SF-Sammler, diesen Band zu suchen und gebraucht zu kaufen. Booklooker und viele andere Antiquariate haben dazu zahlreiche annehmbare Angebote. Für Nichtsammler sind alle TITAN-Bände nicht so interessant, fürchte ich.
|Taschenbuch: 191 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 2/1, 1976; Heyne, 1983, München, Nr. 06/3991
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 18 von „Titan“ sind nicht Beiträge zur „Science Fiction Hall of Fame“ gesammelt, sondern klassische SF-Erzählungen der 1950er Jahre – Thema sind „Galaktische Imperien“. Dies ist der erste von 4 TITAN-Bänden zu diesem Thema.
Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
_Die Herausgeber _
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
2) Brian W. Aldiss (*1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss‘ ironischen Humor.
Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.
_Die Erzählungen_
_1) R. A. Lafferty: „Eine Sekunde der Ewigkeit“_
Sobald die Schöpfung aus der Spaltung einer Schote entstanden ist, begeben sich Erzengel Michael und seine Kollegen auf die eine Seite und Belel, sein Widersacher, mit seinen Heerscharen auf die andere Seite. Doch Boshel kann sich nicht entscheiden und verharrt mittendrin. Er wartet. Lange Zeit. Bis er Michaels Kollegen auffällt, der seinem Chef Bescheid sagt. Michael erkennt Boshels Problem und geht zu seinem eigenen Chef, bekommt aber Bescheid, Boshel müsse für sein Nichtbekenntnis zur richtigen Seite der ganzen Angelegenheit bestraft werden.
Eine angemessene Strafe für das Zögern und Warten Boshels zu erfinden, erweist sich nicht ganz einfach angesichts der Ewigkeit der Schöpfung. Da entdeckt an einem Kiosk in Los Angeles in einem Comic die genial einfache Lösung: Man setze sechs Schimpansen vor sechs Schreibmaschinen und lasse sie blindlings so lange tippen, bis Shakespeares gesammelte Werke hervorgebracht haben. Das sei dann Ewigkeit, geholfen vom Zufall. Perfekt für Boshel!
Aber was sind Schimpansen, was Schreibmaschinen, wer Shakespeare? Wie sich bald zeigt, liegt in der Feinheit der Definition die Größe der Hoffnung begründet, die Boshel hegen darf …
|Mein Eindruck|
Die amüsante und höchst ironische Story soll mehrere Dinge anschaulich zeigen. Erstens natürlich, wie lang eine Ewigkeit ist, wenn ein Vogel alle tausend Jahre kommt, um an einem Felswürfel von mehr als einem Lichtjahr Kantenlänge seinen Schnabel zu wetzen. Verdammt lange jedenfalls. Inzwischen gehen mehrere Milliarden Imperien, so viel ist klar.
Aber es gibt Hoffnung für Boshels Erlösung von der Strafe: Er darf seine Schimpansen intelligent machen und ausbilden, sodass sie tatsächlich in der Lage sind, alle 39 Bände von Shakespeares Gesammelten Werken fehlerfrei zu produzieren. Fehlerfrei? Boshels hätte mit Mikes Kollegen und ihrer akribischen Durchsicht des Mammutwerkes rechnen sollen. Und mit der Ungeduld seines intelligentesten Schimpansen. Zu diesem Zeitpunkt hat der Vogel erst die Hälfte des Felswürfels durchgewetzt. Es ist also noch ein wenig Zeit …
_2) Arthur C. Clarke: „Die Besessenen“_
Der Schwarm kommt von einem fernen Stern, vor dessen katastrophalem Ende er fliehen musste, und nun sucht er eine neue Heimat. Auf dem dritten Planeten einer unbedeutenden Sonne am äußeren Spiralarm einer Galaxis findet sich diese Heimat. Der Schwarm teilt sich in Elter und Kind, als wären es Zwillinge. Das Elter zieht weiter, mit dem Versprechen, nach dem Finden einer besseren Heimat zurückzukehren und das Kind nachzuholen.
Dieser Fall wird nie eintreten. Dennoch vererbt sich das Wissen um dieses Versprechen durch Zillionen von Wirtskörpern, die das Rassegedächtnis im Lauf der Evolution weitertragen, von den Echsen über die Wirbeltiere. Immer wieder sammeln sich die Abkömmlinge des Schwarms in einem Tal, das leider im Laufe der Jahrmillionen unter Wasser gesetzt worden ist …
Als Nils und Christine auf ihrem Dampfer in den norwegischen Fjord einfahren, bemerken sie zu ihrem Erstaunen, wie sich Millionen von kleinen Tieren über die Hänge ergießen und herab zum Wasser ziehen, als würde sie dort etwas magnetisch anziehen …
|Mein Eindruck|
Nun, so kann man die Wanderung der Lemminge natürlich auch erklären. Indem er den Impuls zu geheimnisvollen Wanderung der Nager auf einen kosmischen Ursprung der irdischen Evolution zurückführt, bewirkt der Autor von „2001 – Odyssee im Weltraum“ zwei Dinge. Erstens knüpft er bereits 1953 ein Band zwischen dem Kosmos und dem irdischen Leben bzw. dem Menschen, der wieder zu seinen Ursprüngen zurückkehren wird. Nur dass im Film bzw. Roman dieses Band eine sehr konkrete Gestalt annimmt: die eines schwarzen Monolithen, der innen unendlich ist.
Zweitens setzt Clarke die Theorie der Panspermie literarisch um, welche, grob vereinfacht, besagt, dass es durchaus fremdem Leben von fernen Gestirnen gelungen sein könne, die Urform der Erde vor Milliarden Jahren zu erreichen und zu „befruchten“, ähnlich wie Spermien eine Eizelle. Das Vehikel für den Transfer dieses Lebens könnten Kometen aus dem Kuiper-Gürtel sein, der tatsächlich unser Sonnensystem wie eine Wolke umgibt, aber natürlich auch Himmelskörper, die von anderen Sonnen stammen. Als diese Sterne explodierten, schleuderten sie Materie, also Bausteine des Lebens, in die kosmische Umgebung und schickten sie auf eine äonenlange Reise.
Jerry Otis kommt als Inspektor der Obersten Kolonialbehörde nach Torang, wo von Finchley, seinem Mann vor Ort, eine neue Kolonie aufgebaut werden soll. Allerdings entdeckt Otis zu seiner Beunruhigung, dass es hier große Lebewesen gibt, die als „Affen“ bezeichnet und zum Vergnügen der Bauarbeiter am Staudamm gejagt werden. Das will er sich mal aus der Nähe ansehen.
Finchley und ein Pilot bringen ihn zu einem Ruinengelände, wo diese „Torang“-Affen besonders häufig auftreten. Man hat einige sogar eingefangen und einen ausgestopft. Während seiner Erkundung der Ruinen stößt Otis unerwartet direkt auf einen der Torang. Das Wesen geht aufrecht auf zwei Beinen, hat zwei Augen und so weiter, sagt aber nichts. Im Gegenteil: Es wirft einen Stein in Richtung auf Otis, der sich nur durch einen Sprung durch eine Türöffnung in Sicherheit bringen kann.
Dieser Wurf war ein Akt der Intelligenz, entscheidet er und lässt sich von seiner Behörde per Funk die Genehmigung schicken, die Torang unter besonderen Schutz zu stellen. Als er sich erneut dem Ruinengelände nähert, um einen der Torang zu sehen, trifft er wieder einen – es ist sogar der gleiche – und er spricht terranisch! Nicht nur diese Tatsache versetzt Otis in erhebliches Erstaunen, sondern auch das, was ihm das Wesen, das keineswegs auf Torang heimisch ist, über die Erbauer der Ruinen zu enthüllen weiß …
|Mein Eindruck|
Bei der Inbesitznahme einer Welt kann es mitunter zu fatalen und tragischen Irrtümern kommen, vor allem dann, wenn man einfach drauflos baut, ohne zu fragen, was hier los ist. Das muss auch der Kolonisator Otis zu seinem Leidwesen erfahren. Hätte er eben mal vorher recherchieren lassen!
_4) Michael Shaara: „Da Capo“_
Cohn und Jansen sind als Erkunder seit 300 Erdenjahren unterwegs, um neue bewohnbare Planeten zu suchen. Der Kälteschlaf hilft ihnen, die subjektiv erlebte Zeit zu verkürzen, sodass sie bereits mehrere Dutzend Sternsysteme haben abklappern können, ohne ihre eigene Lebenszeit zu überschreiten. Doch das Ergebnis ist niederschmetternd: Es gibt keine bewohnbaren Welten im Umkreis von etlichen Lichtjahren. Es ist, als läge die Erde in einer kosmischen Wüste.
Deshalb fallen ihnen vor Entzücken fast die Augen aus dem Kopf, als sie eine Welt mit einer erdähnlichen Atmosphäre, einem Ozean und grüner Vegetation entdecken. Nach einer ersten Erkundung wollen sie landen und die völlig unbewohnte Welt für die Erde beanspruchen. Ein wenig beunruhigt haben sie allerdings die zahlreichen Kraterseen, die sie ein wenig an Bombenkrater erinnern …
Cohn bereitet gerade den ersten Bericht an die Erde vor, als Jansen dringend nach ihm ruft. Sein Kamerad richtet seinen Hitzestrahler aufgeregt auf zwei Gestalten, die auf dem nächsten Hügel erschienen sind. Aber was könnte ein alter Mann an einem Stock schon gegen ihre Strahler ausrichten, fragt sich Cohn gerade, als in seinem Kopf eine Stimme ertönt: „Bitte nicht schießen. Danke!“ Erstaunt lässt er die Waffe sinken, denn ein beruhigendes Gefühl erfasst zudem seinen Geist.
Sobald sich die beiden Humanoiden gesetzt haben, um ihm zuzuhören, beginnt Roymer, der Alte, zu erzählen, während sein Kollege Trian die telepathische Botschaft überträgt. „Es gab einmal vor 30.000 Jahren einen Krieg der Galaktischen Föderation gegen eine kriegerischen Rasse, die sich als Antha bezeichnete und eine Föderationswelt nach der anderen eroberte und zerstörte. Wie sollte man diese aggressive Rasse davon abhalten, auch den Rest der Föderation der Welten zu unterjochen? Das Urteil lautete einstimmig auf Tod, und als die ultimative Waffe entwickelt worden war, wurden die Sterne der Antha einen nach der anderen zum Explodieren gebracht. Jedenfalls alle, die man finden konnte …“
Cohn ist von einem Detail besonders fasziniert und erinnert sich daran, wie Julius Caesar einst mit seinen gallischen Gegnern verfahren war: Er ließ ihnen die rechte Hand abschlagen. Diese Antha klingen auf fatale Weise genau wie Julius Caesar. Aber das würde bedeuten, dass … Wenige Augenblicke später sind die beiden Antha-Späher tot. Aber plötzlich macht sich Roymer große Sorgen: Was, wenn diese Gefriertechnik der Antha verschleiert hat, dass die Invasion bereits längst begonnen hat?
|Mein Eindruck|
Was für eine schaurige Geschichte! Sie erklärt auf schlagende Weise, die dem Leser kalte Schauder über den Rücken jagt, warum die Galaktiker in keinster Weise darauf erpicht sind, mit den Menschen Kontakt aufzunehmen, selbst wenn die Kommunikationsmöglichkeiten dies bestens erlauben würden. Der Grund ist der, dass die Menschen alias Antha nach 30 Jahrtausenden den Krieg vergessen haben, der ihre kosmische Umgebung in eine Wüste verwandelt hat.
Geschrieben sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, warnt die Erzählung des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Shaara eindringlich vor einer Wiederholung der Aggressionen und vor allem des erneuten atomaren Infernos, das Hiroshima und Nagasaki verschlungen hat.
_5) Poul Anderson: „Der Sternenplünderer“_
Das demokratische Sternenreich der Menschen ist dem Ansturm der barbarischen Eroberer von Baldic nicht gewachsen und stürzt in rauchenden Trümmern zusammen. Marineleutnant John Henry Reeves, ein Nuklearingenieur, und seine Verlobte, die Technikerin Kathryn O’Donnell, werden gefangengenommen und an Bord eines Gorzuni-Schiffs mit anderen menschlichen Sklaven zusammengepfercht. John befürchtet, dass sie alle in den Minen von Gorzun, eines der Hauptplaneten der Baldic-Allianz, schuften sollen, bis sie tot umfallen.
Als er einen menschlichen Weißen unter den Sklavenhaltern erblickt, verflucht er ihn „dreckigen Bastard“, doch dieser Bastard stellt sich wenig später als seine und Kathryns Rettung heraus. Denn der Ingenieur Manuel Argos schuftet nur zum Schein unter den Gorzuni, um bei bester Gelegenheit eine Revolte anzuführen und das Schiff in seine Gewalt zu bringen. John und seine Verlobte sind widerwillig dabei, denn so bekommen sie wenigstens eine Faden Kleidung auf den nackten Leib, besseres Essen und eine Aufgabe, die sie durchs ganze Schiff führt.
Argos erweist sich als kalt wie eine Hundeschnauze, während er ihren Aufstand vorbereitet. Doch als es endlich soweit ist, hat er jeden Handgriff geplant. Die ersten der Unterdrücker gehen tot zu Boden und liefern so die ersten Waffen. Die Schwerkraft fällt ebenso aus wie die Beleuchtung, was gewisse Vorteile verschafft. Nach harten Kämpfen sind noch 300 Überlebende übrig, um das Schiff zu steuern – nein, nicht zurück zur Erde, sondern zum nichtsahnenden Planeten Gorzun.
Doch Argos hält nicht nur für den Feind eine böse Überraschung bereit, sondern auch für John Henry Reeves …
|Mein Eindruck|
Drei Staatssysteme treffen hier aufeinander, sodass sich eine Betrachtung innerhalb der Theorie der Staatssysteme lohnen würde. Das Sternenreich der Menschen ist eine republikanische Demokratie, die aber laut Manuel Argos (= Andersons advocatus diaboli) unter einer „verknöcherten Bürokratie“ erstarrt ist. Sie bricht wie das überalterte West-Rom unter dem Ansturm von Barbaren zusammen, die als Könige feudalistisch und absolut regieren, sich aber durch eine Allianz genügend Schlagkraft erworben haben, um das Blatt zu wenden.
Nach Zerstörung der Hauptwelten des Feindes ist auch dieses Modell Geschichte und die Frage stellt sich, was danach kommt – erneut eine Republik? Doch nein, winkt Manuel Argos ab, dieses Versagermodell hatten wir ja schon, nicht wahr? Nein, es wird ein neues, starkes Imperium der Menschen geben, ein Kaiserreich von Argos‘ Gnaden, das von seiner Dynastie geführt werden wird. Ob es mit der Republik noch mal klappt, werde man dann sehen. Und dreimal darf man raten, von welcher Frau Argos seine künftigen Söhne erwartet …
Für einen Verlag mit dem sprechenden Namen „Love Romances Publishing“ 1951 geschrieben, bietet die rasante Story Action, Abenteuer, Leidenschaft und schließlich auch Liebesleid. Die blumige Sprache wird nur noch von den dramatischen Anspielungen auf die Bibel übertroffen, wobei Engel, Teufel und Götter eine Rolle spielen. Dadurch kann man die Geschichte nur noch als „putzig“ bezeichnen, aber als Kommentar auf die Idee des Sternenimperiums ist sie definitiv einer Erwähnung wert.
_6) Isaac Asimov: „Die Stiftung“ („Foundation“, 1951)_
20 Jahre lang hat der Mathematiker Hari Seldon die besten Köpfe des Galaktischen Imperiums zusammenkommen darüber beraten lassen, wie sich die Zukunft des Reiches nach dessen nahendem Zusammenbruch gestalten ließe, damit die kulturellen Errungenschaften und das Wissen nicht im Danach verlorengingen. Nun endlich ist es soweit: Der Tausend-Jahre-Plan ist fertig und liegt zur Ausführung bereit.
50 Jahre später kommt es an einer der beiden Gründungen der Stiftung der Psychokistoriker, auf Terminus, allmählich zu einer Krise. Die Sternensysteme der Peripherie haben die Atomkraft verloren und fallen auf eine niedrigere Kulturstufe zurück. Der imperiale Lord bezeichnet sie als „Barbaren“. Doch für den Bürgermeister von Terminus, Salvor Hardin, sind die Begehrlichkeiten der Nachbarwelt, des Königreichs Anacreons, alles andere als lustig: Anacreon will Terminus besetzen, um seine Bodenschätze auszubeuten, wie etwa Gold usw.
Und hier gibt es einen Haken: Terminus ist ein Planet ohne jedes nennenswerte Metallvorkommen. Dies spielte sicherlich eien Rolle in Hari Seldons Plan, denkt sich Hardin, und beim Besuch von Anacreins Sondergesandtem zeigt sich auch, welche: Als diese tatsache bekannt wird, verliert er sofort sämtliches Interesse an Terminus. Und als Hardin auch noch die Atomkraft erwähnt, wird der Gesandte recht zurückhaltend. Er hat Angst vor möglichen Atomwaffen. Der Bluff funktioniert. Diesmal.
Doch was hat es zu bedeuten, dass es auf ganz Terminus kein einziger Psychologe existiert? Auch diese auffällige Tatsache mus eine Rolle spielen. Und in der Tat: Als sich genau 50 Jahre nach Terminus‘ Gründung und einen Tag vor der dennoch erfolgenden Besetzung durch Anacreon eine Zeitkapsel in der Stiftung öffnet, spricht das Hologramm Hari Seldons den Grund dafür aus: Damit kein Psychologe den vorbestimmten Kurs der folgenden Ereignisse mehr beeinflussen kann.
Und so sind die autoritätshörigen Naturwissenschaftler der Galaktischen Enzyklopädie Stiftung gezwungen, ihr Schicksal in die Hände des einzigen fähigen Politikers auf ganz Terminus zu legen …
|Mein Eindruck|
Es war unvermeidlich, dass die populärste Geschichte in der gesamten Sciencefiction, die es über Sternenreiche gibt, auch in dieser Auswahl auftauchen würde. Asimovs „Foundation“ (zu Deutsch „Stiftung“) ist der Grundstein für etwa ein Dutzend Romane über das Galaktische Imperium, die Alte Erde und die Roboter – integriert zu einem Future-History-Zyklus, der es locker mit dem von Robert A. Heinlein skizzierten Zukunftsbild aufnehmen kann. Was nicht heißen soll, dass die literarische Qualität durchweg stimmt. Die drei ursprünglichen „Foundation“-Romane sind immer noch die besten: dicht erzählt, ideenreich und voller Wendungen, die man nicht schon meilenweit vorausahnen könnte.
In der vorliegenden Ur-Story, der Keimzelle dieses Universums, äußert Asimov, selbst ein versierter und graduierter Doktor der Naturwissenschaft, nicht gerade schmeichelhafte Aussagen über seines Standesgenossen – zumindest jene, die von jeder Forschung abgeschnitten sind und sich wie Skarabäen mit dem Wälzen des Misthaufens an angesammeltem Wissen begnügen.
Genau diese Rückwärtsgewandtheit wirft ihnen der Tatmensch Salvor Hardin vor. Als Politiker muss er sich um Gegenwart und vor allem die nahe Zukunft sorgen, nicht um die tote Vergangenheit. Er fordert Forschung und neues Denken, womit er bei den Enzyklopädisten auf blankes Unverständnis stößt. Erst als Hari Seldon die Enzyklopädie selbst, also ihre Daseinsberechtigung, als Betrug entlarvt, lassen sie mit sich reden. Womit klar sein dürfte, dass auch die Reiche des Wissens den Erfordernissen der Realität unterworfen sind. Aber das wusste Hari Seldon schon von Anfang an.
_7) Mark Clifton & Alex Apostolides: „Wir sind zivilisiert!“_
Im Juni 2018 überfliegt das Raumschiff der Westlichen Allianz, um den Mars für sich in Besitz zu nehmen. Captain Griswold ist sich der historischen Bedeutung des Moments vollständig bewusst und entschlossen, nichts falsch zu machen. Deshalb fragt er den Experten für Ethnologie, was diese vielen Kanäle überall zu bedeuten hätten. Intelligente Lebensformen, antwortet der Fachmann. Aber nirgends eine Spur von diesen Wesen, keine Fabriken, keine Straßen, nichts. Also befiehlt er die Landung, genau auf der Hauptkreuzung der Kanäle.
Kaum hat sich die Hitze der Düsen ein wenig abgeschwächt, kommen die Marsianer aus ihren Erdhöhlen. Sie wollen den angerichteten Schaden, der ihr Wasser nutzlos im Sand versickern lässt, schnellstmöglich reparieren. Als Captain Griswold sie nach der Proklamation der Inbesitznahme erblickt, lässt er angeekelt und ein klein wenig verängstigt das Feuer auf sie eröffnen.
Einige Zeit später findet die Ehrung der Eroberer des Mars in einem Stadion in den USA statt. Der Präsident will gerade Admiral Griswold eine Medaille an die Uniformbrust heften, als ein riesiger Schatten das Spielfeld verdunkelt: ein herabschwebendes Raumschiff. Eine Proklamation der Inbesitznahme wird verlesen …
|Mein Eindruck|
Der Mensch muss sich offenbar immer etwas nehmen, um es besitzen zu können – und dabei werden unweigerlich etwas zerstört. Dumm gelaufen, wenn es andere Spezies mit der Erde dann genauso machen. Da hilft dann auch kein Protestgeschrei des Ethnologen mehr: „Wir sind doch zivilisiert!“ Die Tatsachen sprechen gegen die Menschheit.
Die Story erhielt vor dem Hintergrund der nach dem 2. Weltkrieg weltweit beginnenden Expansionen des amerikanischen und des kommunistischen (Sowjetunion, China, Nordkorea) Imperiums einen beklemmenden Warncharakter.
_Die Übersetzung _
Die Übersetzung von Heinz Nagel lässt sich zu 98% durchaus akzeptieren. Doch er spricht hier noch von „Negern“, einem politisch längst inkorrekten Begriff. Und wenn auf Seite 19 vom „Bürgerkrieg“ die Rede, unterstellt er, dass jeder weiß, dass der amerikanische gemeint sei. Ansonsten treten die allfälligen Druckefehlerchen auf. Wenn auf Seite 120 vom „neuen Adquädukt“ die Rede ist, so ist nur einer der deutlichsten Fehler.
_Unterm Strich_
Als Brite muss es der englische Herausgeber der Anthologie „Galactic Empires“, von der dieser Band nur das erste Viertel darstellt, ja wissen: Die Bewohner der kleinen Insel Albion beanspruchten zu einer Zeit mindestens ein Drittel der Erdbevölkerung als Kolonien. Einige ihrer wichtigsten Historiker zerbrachen sich deshalb nicht ohne Grund den Kopf über die Entstehung, den Aufstieg und den offenbar unvermeidlichen Nieder- und Untergang von Imperien. Edward Gibbon schrieb mit „Aufstieg und Fall des Römischen Reiches“ die Vorlage für Asimovs „Foundation“-Zyklus. Und dem gleichen Muster spürt nun diese Anthologie in ihren Beiträgen nach.
Erstaunlicherweise kommt die Diskussion über das Ende des Amerikanischen Imperiums (und das lateinische Wort „Imperium“ bedeutet auch „Befehl“) in letzter Zeit immer wieder auf, sobald die Rede von Herausforderern wie Al-Kaida oder China ist. Auch die Zeit nach 1989-91, als Deutschland vereinigt wurde und die alte Sowjetunion zerfiel, war eine Zeit für diese Diskussion.
Deshalb erscheinen diese Erzählungen als keineswegs reiner Selbstzweck oder pure Unterhaltung. Vielmehr machen ihre Autoren, allen voran der „gute Doktor“ Asimov Aussagen über das Phänomen des Herrschaftsbereichs und vor allem über das Auftreten der Herrscher. Ob diese Aussagen in den 1950er Jahren, als die USA ihr neues Imperium auf Terra schufen, ebenso gültig waren, wie sie es vielleicht noch heute sind, bedarf einer Untersuchung.
Aber zum Nachdenken regen die Prinzipien und Merkmale, die Imperien aufweisen, immer noch an. Denn die politischen Reiche sind ja längst von wirtschaftlichen Herrschaftsbereichen abgelöst worden: Wer würde es beispielsweise heute noch wagen, Coca-Cola herauszufordern ohne die Gewissheit, in allernächster Zeit aufgekauft zu werden?
|Taschenbuch: 174 Seiten
Originaltitel: Galactic Empires 1/1, 1976
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de
In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 15 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Science Fiction Hall of Fame“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren.
Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
_Die Herausgeber _
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
2) Robert Silverberg
Robert Silverberg, geboren 1936 in New York City, ist einer der Großmeister unter den SF-Autoren, eine lebende Legende. Er ist seit 50 Jahren als Schriftsteller und Antholgist tätig. Seine erste Erfolgsphase hatte er in den 1950er Jahren, als er 1956 und 1957 nicht weniger als 78 Magazinveröffentlichungen verbuchen konnte. Bis 1988 brachte er es auf mindestens 200 Kurzgeschichten und Novellen, die auch unter den Pseudonymen Calvin M. Knox und Ivar Jorgenson erschienen.
An Romanen konnte er zunächst nur anspruchslose Themen verkaufen, und Silverberg zog sich Anfang der 60er Jahre von der SF zurück, um populärwissenschaftliche Sachbücher zu schreiben: über 63 Titel. Wie ein Blick auf seine „Quasi-offizielle Webseite“ www.majipoor.com enthüllt, schrieb Silverberg in dieser Zeit jede Menge erotische Schundromane.
1967 kehrte er mit eigenen Ideen zur SF zurück. „Thorns“, „Hawksbill Station“, „The Masks of Time“ und „The Man in the Maze“ sowie „Tower of Glass“ zeichnen sich durch psychologisch glaubwürdige Figuren und einen aktuellen Plot aus, der oftmals Symbolcharakter hat. „Zeit der Wandlungen“ (1971) und „Es stirbt in mir“ (1972) sind sehr ambitionierte Romane, die engagierte Kritik üben.
1980 wandte sich Silverberg in seiner dritten Schaffensphase dem planetaren Abenteuer zu: „Lord Valentine’s Castle“ (Krieg der Träume) war der Auftakt zu einer weitgespannten Saga, in der der Autor noch Anfang des 21. Jahrhunderts Romane schrieb, z. B. „Lord Prestimion“.
Am liebsten sind mir jedoch seine epischen Romane, die er über Gilgamesch (Gilgamesh the King & Gilgamesh in the Outback) und die Zigeuner („Star of Gypsies“) schrieb, auch „Tom O’Bedlam“ war witzig. „Über den Wassern“ war nicht ganz der Hit. „Die Jahre der Aliens“ wird von Silverbergs Kollegen als einer seiner besten SF-Romane angesehen. Manche seiner Romane wie etwa „Kingdoms of the Wall“ sind noch gar nicht auf Deutsch erschienen.
Als Anthologist hat sich Silverberg mit „Legends“ (1998) und „Legends 2“ einen Namen gemacht, der in der Fantasy einen guten Klang hat. Hochkarätige Fantasyautoren und -autorinnen schrieben exklusiv für ihn eine Story oder Novelle, und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Der deutsche Titel von „Legends“ lautet „Der 7. Schrein“.
_Die Erzählungen_
_1) Judith Merril: „Nur eine Mutter“ („That Only a Mother“, 1948)_
Das Jahr 1953 ist ein Kriegsjahr, und Maggies Mann Hank tut als Soldat in irgendeinem Bunker Dienst. Daher bringt sie ihr Baby ohne ihn zur Welt. Kurz nur hat sie sich Sorgen wegen der Radioaktivität der Gegend gemacht, die sie und Hank vor ein paar Monaten durchfuhren, aber es wird schon schiefgehen. Und Henrietta, ihre Tochter, ist wirklich perfekt.
Dass Henrietta mit zehn Monaten schon vollständige Sätze wie eine Vierjährige bilden kann, findet Maggie entzückend, denn so ist sie nicht mehr so allein. Und die Kleine singt wie ein Engel. Endlich, nach 18 Monaten Abwesenheit, kommt auch Hank nach Hause, fast schon ein Fremder. Die sprechende Tochter versetzt auch ihn in gute Laune, doch schaut er sich ihren Körper etwas genauer an …
|Mein Eindruck|
Die kurze Erzählung lässt den Leser geschockt zurück. Nicht nur, weil das Baby weder Arme noch Beine hat, sondern auch weil seine Mutter dies für völlig normal hält – oder in einer Art wahnsinniger Verdrängung ausgeblendet hat. Sowohl die Mutation als auch der Wahnsinn sind eine Folge des Atomkriegs – und diese Story ist eine der eindringlichsten und meistabgedruckten zu diesem Thema, insbesondere deshalb, weil sie als eine wenigen die weibliche Perspektive berücksichtigt.
_2) Cordwainer Smith: „Checker sind passé“ („Scanners Live in Vain“, 1948)_
In ferner Zukunft beherrschen die Lords der sogenannten „Instrumentalität“ die Erde. Die Menschen leben zumeist in geschützten Städten, mit Ausnahme der „Heillosen“, die in der Wildnis den Bestien ausgesetzt sind. Die hochentwickelte Technologie der Lords hat Raumschiffe erschaffen, die die verschiedenen Erden miteinander verbinden. Doch um die Raumschiffe gefahrlos betreiben zu können, mussten zwei neue Gattungen der Spezies Mensch geschaffen werden: die nichtintelligenten Habermänner und die intelligenten Checker.
Ein Phänomen, das „Die große Pein des Weltraums“ genannt wird, lässt Normalsterbliche während des Raumflugs sterben: Ihr Körper verkraftet die Pein nicht, die entweder radioaktive Strahlung oder Kälte oder beides sein könnte. Mit Hilfe des Habermann-Apparats werden Menschen, die sich dazu bereiterklärt haben, ihrer Organe und Haut entkleidet und diese durch künstliche Apparate und Stoffe ersetzt. Das Ergebnis dieser Umwandlung sind zunächst die Habermänner; sie steuern die Schiffe durch die große Pein, denn ihre Nerven sind tot: Sie hören, sehen, tasten usw. nur durch Apparate.
Die Checker (oder, laut der Suhrkamp-Übersetzung, Seher) sind eine Weiterentwicklung der Habermänner, denn sie verfügen erstens über die Fähigkeit, einander und Menschen von den Lippen ablesen zu können und sich in ihrer geheimen Bruderschaft mit Zeichen zu verständigen. Es gibt nicht mehr als sechs Dutzend von ihren. Außerdem steht ihnen die Methode des Cranchierens zur Verfügung, um ihre Beschränkungen zu überwinden und menschliche Gefühle zu empfinden: Sie können selbst sprechen. Leider hält dieser Sonderzustand nie länger als ein paar Stunden oder Tage an.
Martel ist Sehr Nr. 34 und als einziger der Checker verheiratet; es ist ihm gelungen, Luci in einem gecranchten Zustand der andauernden Überlastung zu freien und zur Frau zu gewinnen. Luci liebt ihn wirklich, obwohl sie oftmals monatelang auf seine Rückkehr von einem Raumflug ins Auf-und-Hinaus warten muss. Seine engsten Freunde sind Taschang und Parizianski.
Martel hat gerade gecrancht, als ihn ein Notruf der höchsten Dringlichkeit vom Obersten Seher Vomact erreicht: Er soll in gecranchtem Zustand an einem Geheimtreffen der Checker teilnehmen. Rund 40 erstaunte Checker erfahren von Vomact, dass es einem gewissen Adam Stone, einem Menschen, gelungen sei, die „Große Pein“ auf einem Raumflug zu überwinden. Das bedeute, dass fortan Habermänner und Checker passé seien. Sofort wird der Tod dieses Mannes gefordert. Vomact lässt darüber abstimmen.
Martel ist darüber nicht nur empört, sondern auch besorgt. Was die Checker vorhaben, sei Mord, ruft er – doch keiner hört ihn. Doch was noch schlimmer sei: Die Eigenmächtigkeit der Checker greift in das rechtliche Territorium der Lords der Instrumentalität ein, und das werden diese nicht hinnehmen. Die Folge des Mordes könnte die Auflösung des Ordens der Checker sein – und sogar ihre komplette Eliminierung, als wären sie nichts weiter als dumme Habermänner!
Nur Tschang stimmt nicht für den Tod, während Martel durch Vomact für disqualifiziert erklärt wird – er sei ja gecrancht und somit unzurechnungsfähig und dienstunfähig. Parizianski wird zum Henker bestimmt und losgeschickt. Sobald man Martel wieder losgelassen hat und er mit Tschang hat sprechen können (der jede Hilfe verweigert), eilt Martel in die befestigte Stadt, um Adam Stones Leben zu retten. Wird er noch rechtzeitig am zentralen Raumhafen eintreffen, um das Verbrechen zu verhindern, das über das Schicksal von Welten entscheidet?
|Mein Eindruck|
Das Universum der Instrumentalität, das Cordwainer Smith erschuf, hat nicht Seinesgleichen, und deshalb erfordert es erst einmal ein wenig Mühe, sich hineinzufinden. Wir sind heute allerdings daran gewöhnt, in Begriffen wie Robotern, Androiden oder Replikanten zu denken, weil Philip K. Dick und Isaac Asimov diese Bereiche erschlossen haben. Deshalb ist eine Umstellung nötig, um uns „Habermänner“ als Roboter und „Checker“ als Androiden vorzustellen. Selbst wenn dies sehr ungenaue Übereinstimmungen sind, können sie doch als Einstieg in die Vorstellungswelt dienen.
Eine ganze Weile war mir allerdings der Unterschied zwischen Habermännern und Checkern nicht klar, bis nach etlichen Seiten eben diese Unterschiede aufgelistet wurde – natürlich nicht fein säuberlich als Checkliste, sondern mitten im Erzähltext. Und ich hoffe, ich habe alles richtig verstanden. Auch der Begriff der „Großen Pein“ ist schwammig und nur durch Vermutung zu erschließen. Merkwürdig, dass eine so fortschrittliche Technik wie die des überlichtschnellen Raumflugs (sonst würden die Flüge Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern!) nicht in der Lage ist, solchen Phänomenen auf den Grund zu gehen.
Mitten in der Versammlung der Checker hatte ich den Eindruck, dass es eigentlich keine Handlung im üblichen Sinne gibt. Doch das stellte sich zum Glück als Irrtum heraus, denn der unabdingbare Konflikt, der eine Handlung antreibt, entsteht im Verlauf dieser Versammlung, bis sich am Schluss Martel zum Verrat entschließt. Das Finale ist geprägt von Erkenntnis und Konfrontation, wie es sich gehört. Dadurch gerät die ungewöhnliche SF-Story – der Autor bot sie den führenden Magazinen seiner Zeit vergeblich an – doch noch in ein zufriedenstellendes Fahrwasser.
Hinweis: „Checker sind passé“ ist Teil 2 des Story-Zyklus „Sternenträumer“, der bei Suhrkamp als Taschenbuch komplett vorliegt. Bei Suhrkamp heißt die Geschichte „Seher leben vergeblich“ und ist sehr stilvoll und fehlerfrei übersetzt. Davon kann in der Heyne-Fassung keine Rede sein. Deshalb empfehle ich dringend die Suhrkamp-Version.
_3) Fritz Leiber: „Maskenball“ („Coming Attraction“, 1950)_
Ein Engländer ist auf Mission in einem postnuklearen New York, das seit der Atombombenexplosion nur noch „Inferno“ genannt wird. Trotzdem leben noch Menschen dort. (Damals hielt man Radioaktivität für nicht so zerstörerisch.) Unser Mann hat die Geistesgegenwart, eine junge Frau vor den Autorowdys der Stadt retten zu können. Sie bittet ihn zu einem Stelldichein. Dort stellt sich heraus, dass sie einen Pass will, um das Land zu verlassen. Ihr Freund jedoch, ein Ringer, weiß dies zu vereiteln. Enttäuscht verlässt der Brite die Stätte dieser Offenbarung und denkt an die Rückkehr in die Heimat. Obwohl es dort auch nicht viel besser zugeht.
|Mein Eindruck|
In einer kurzen Erzählung gelingt es dem Autor, eine ganze Welt erstehen zu lassen. Das nukleare Wettrüsten hat nicht nur zu Raketenbasen der Amis und Sowjets auf dem Mond geführt, sondern auch zu vereinzelten Atomexplosionen auf der Erde, so etwa in New York. Banden treiben ihr Unwesen, und junge Frauen ringen zum Vergnügen der Zuschauer mit schwachen Männern. Amerikanische Frauen (nicht britische) tragen neuerdings Masken, nicht etwa wie im Islam, sondern um sich vor männlicher Zudringlichkeit zu schützen. Was sie aber nicht daran hindert, ihre anderen Reize zur Schau zu stellen. Rowdys machen sich einen Sport daran, mit Angelhaken bewehrte Autos s dicht an Frauen heranzusteuern, bis die Haken den Rock des Opfers herabreißen – eine seltsame Trophäenjagd.
Literarisch nimmt die Story die Stadt-Abenteuer von Harlan Ellison, Jack Womack und des Cyberpunk vorweg. Was noch zu diesem Low-life fehlt, ist die High-Tech.
_4) Tom Godwin: „Die unerbittlichen Gesetze“ („The cold Equations“, 1954)_
Dies ist eine der bekanntesten und umstrittensten Storys in der klassischen SF überhaupt. Eine blinde Passagierin muss über Bord gestoßen werden, weil das winzige Raumschiff, dessen Frachtgewicht und Brennstoffvorrat exakt bemessen sind, sonst nicht an seinem Ziel ankommen würde. Durch ihr Zusatzgewicht würde das Schiff mehr Treibstoff als bemessen verbrauchen. Nicht nur würde dadurch das Schiff mangels Bremskraft auf den Planeten stürzen, sondern auch die Forschungsgruppe, die auf die Fracht angewiesen ist, wäre zum Untergang verdammt: Das rettende Serum würde sie nicht erreichen.
Der Pilot hat die Entscheidung zu fällen, wenn er opfert: Das Schiff, das Serum und die Forscher – oder Marilyn Lee Cross. Ist es das Leben des Mädchens wert, dass so viele Menschen sterben müssen? Die Antwort der phsysikalischen Gesetze lautet nein. Aber er kann etwas für sie und den Bruder, den sie auf dem Planeten besuchen wollte, tun: Sie können per Funk voneinander Abschied nehmen. Es ist ein sehr bewegender Funkkontakt. Danach ist sie gefasst, sieht ihrem Schicksal ins Auge und geht freiwillig in die Luftschleuse …
|Mein Eindruck|
Weil dieser Ausgang der Story viele Leser und Autoren auf die Palme brachte, schrieb ein Autor – mir ist sein Name entfallen – eine alternative Story, in der die Sache gut ausgeht. Warum zum Beispiel hat das NES-Rettungsboot nicht genug Treibstoff an Bord, um zu seinem Kreuzer, dass es ausgesetzt hat, zurückkehren zu können? Warum kann das NES-Boot nicht die Atmosphäre des Planeten nutzen, um abzubremsen? Oder warum macht der Pilot nicht wenigstens ein Foto von Marilyn Lee Cross und entnimmt ihr Erbgut, damit man sie wieder klonen kann? Daran dachte wohl im Jahr 1954 noch niemand.
_5) Roger Zelazny: „Dem Prediger die Rose“ („A Rose for Ecclesiastes“, 1963)_
Eine Expedition ist auf dem Mars gelandet, auf dem eine uralte menschliche Zivilisation entdeckt worden ist. Sie verfügt über eigene Sprache und eigene Dichtung. Das ist der Grund, warum der bekannte Dichter und Semantiker Gallinger, der Ich-Erzähler, hierher gekommen ist. Er will die Hochsprache erlernen und die heilige Dichtung dieses Volkes studieren, in der Hoffnung, ihr Geheimnis zu lüften: Warum gibt es nur noch so wenige Marsianer?
In der alten Festung Tirellian steht ein uralter Tempel, doch bislang durften Menschen nur dessen Vorhalle betreten. Die älteste Mutter der Marsianer gewährt ihm Zutritt zur nächsten Halle, und ihm gehen die Augen über: Kunstschätze, Mosaiken, Schriften! In seinem Eifer erlernt er die Hochsprache binnen drei Wochen und beginnt, die heiligen Schriften zu lesen. So erfährt er von den Göttern der Marsianer, von Malann, Tamur und von Locar. Vor allem von Locar, dem der Tanz so heilig ist, dass es 2224 Variationen davon gibt.
Die Älteste lässt Gallinger bei einer Vorführung zusehen. Eine junge Frau, wie ihm scheint, Braxa, setzt mit ihrem Körper die Bewegungen des Marswindes um, doch sie ist kein Derwisch, erinnert ihn höchstens an indische Tempeltänzerinnen. Aber ihr Tanz ist kein Ritual, sondern purer Ausdruck. Gallinger ist verzaubert. Und hat sich in Braxa unversehens verliebt, sodass er ein Gedicht über sie schreibt.
Eines Nachts kommt sie zu ihm, damit er ihr sein Gedicht vorliest. Daraus wird mehr, denn er zitiert das Lied Salomos, und die beiden schlafen miteinander. Viele Nächte lang – bis Braxa plötzlich nicht mehr zurückkehrt. Gallinger macht sich auf die Suche nach der Verschwundenen, denn er ist besorgt. Braxa hat ihm offenbart, woran die Marsianer leiden: Die Männer sind durch „eine Pest, die nicht tötet“, und die der Regen (!) Locars brachte, unfruchtbar geworden. Doch wie steht es mit den Frauen? Ist Braxa von ihm schwanger, dann muss er sein Kind am Leben erhalten.
Seine Suche passt in das Muster einer uralten Prophezeiung der Marsianer, doch um sie zu erfüllen, darf er sie nicht kennen. Als er Braxa endlich gefunden hat, beschließt er, das Schicksal der Marsianer zu ändern, denn sonst ist sein Kind verloren – und seine Liebe …
|Mein Eindruck|
Der frühe Zelazny aus der Mitte der sechziger Jahre beeindruckt immer wieder durch assoziativen Stil mit zahlreichen Anspielungen. Aber das ist nicht bloßes Bildungsgeprotze und Wortgeklingel, sondern eine zweite Bedeutungsebene unter der vordergründigen Handlungsebene. Warum sonst sollte Gallinger, immerhin ein belesener Dichter, sich als Hamlet fühlen und den Expeditionsleiter Emory als „Claudius“, also als verbrecherischen Stiefvater titulieren?
Auch Anspielungen auf Darstellungen von Hölle und Paradies bei Dante, Vergil und Milton tauchen nicht von ungefähr auf, sondern weil es um die Interpretation der marsianischen Situation geht: Ist der Mars eine Hölle, und wenn ja, wodurch? Und welche Rolle können die Erdlinge dabei spielen? Sind sie Retter oder das Verhängnis für den Roten Planeten?
Aber die Geschichte ist auch eine tragische Lovestory, die süß beginnt und bitter zu werden droht. Damit es nicht zum Äußersten kommt und Gallinger nicht seine Marsprinzessin verliert, muss er etwas ganz Außerordentliches leisten: Er muss die Marsgötter verhöhnen und dem Wüstenplaneten etwas Unerhörtes schenken: eine rote Rose – denn auf dem Mars hat es nie Blumen gegeben.
Ein Faktor fehlt noch: der Prediger. Gallinger war in jungen Jahren auf dem Priesterseminar, denn er sollte die Fußstapfen seines priesterlichen Vaters treten. Stattdessen wurde er zwar Poet, doch er kennt die Bibel immer noch in- und auswendig, so auch das Buch des Predigers Salomo („Ecclesiastes“ in Englisch). Der erklärte alles Sein und Tun des Menschen für eitel Blendwerk und völlig vergebens. Gallinger nun predigt dem Marsvolk das Gegenteil, denn wie sonst kämen die Erdlinge zum Mars und könnten ihm Blumen schenken, Symbole von Leben und Schönheit? Braxa darf nicht sterben – und die Marsianer auch nicht! Wie wird die Entscheidung der ältesten Mütter ausfallen?
|Schwächen|
Natürlich ist dieser Rote Planet nicht der Mars, den wir durchs Fernrohr sehen können. Sonst könnten die Menschen hier gar nicht atmen, es wäre viel zu kalt und die Weltraumstrahlung würde sie krankmachen. Es ist vielmehr der Mars, den wir aus der Literatur kennen, aus den Marsabenteuern von TARZAN-Erfinder Edgar Rice Burroughs und den Storys von Stanley G. Weinbaum oder Robert A. Heinlein. Sogar die obligatorische Marsprinzessin ist vorhanden: Braxa, die Tänzerin des Locar. Seltsam ist allerdings ist, dass der Autor überhaupt nicht auf die große Mars-Schlucht Valles Marineris eingeht und den Riesenvulkan Mons Olympus nicht erwähnt, sondern nur einen kleinen Vetter des 25-Kilometer-Berges.
Das alles tut der Aussage der Geschichte aber offenbar keinen Abbruch, sondern hätten die SF-Freunde sie nicht zur sechstbesten SF-Story aller Jahre vor 1965 gewählt. Und das will angesichts der Klassiker von Asimov, Heinlein, Sturgeon und van Vogt was heißen. Denn ganz nebenbei liefert die Story eine Erklärung für die entvölkerte und wüstenartige Oberfläche des Mars: eine kosmische Katastrophe, die „Pest, die nicht tötet“ …
_Die Übersetzung_
Es ist ja bekannt, dass Taschenbuchübersetzungen auch schon im Jahr 1980 schlecht bezahlt worden sein müssen, aber deswegen kann der Käufer dennoch eine einwandfreie Übersetzung erwarten. Auf Seite 121 wurde aus „Menschen“ die Kurzform „Menchen“, und eine Seite weiter erwartet uns das Wörtchen „Hamben“. Da es nicht erklärt wird und es kein deutschen Wort „Hambe“ gibt, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um eine Fehlschreibung handelt. Ersetzt man das H durch ein J, ergibt sich der literarische Fachbegriff „Jamben“, die Merhzahl von „Jambus“, einem Versmaß. Dies passt viel besser zu einem Dichter wie Gallinger.
Bei einem Vergleich der Heyne-Übersetzung von „Checker sind passé“ mit der Suhrkamp-Übersetzung „Seher leben vergeblich“ ergibt sich, dass Suhrkamps Rudolf Hermstein sowohl stilistisch als auch im Wortlaut das Original „Scanners live in vain“ sehr viel genauer und kunstvoller übertragen hat. Hier wird auch das Pathos des Geheimordens der Seher deutlich, dem die Individualerfahrung Martel gegenübergestellt wird. Der Konflikt wird deshalb auch sprachlich sinnfällig gemacht und leuchtet dem Leser ein.
Ich habe zudem festgestellt, dass das Lesen der winzig gedruckten Heyne-Sätze dazu verleitet, über die Sätze zu huschen. Das ist dem Verstehen des Textes sehr abträglich, denn hier zählt wirklich jedes Wort. Dem Freund der SF-Literatur sei also die Suhrkamp-Fassung wärmstens empfohlen, die sich in dem Erzählband „Sternenträumer“ findet.
_Unterm Strich_
Wieder bietet der Band eine Auswahl von Top-Stories. Judith Merrils Story von 1948 ist eine Reaktion auf die Atombombe von Hiroshima, „Checker sind passé“ ausd dem gleichen Jahr ist eine Vision der Ablösung des Menschen durch Roboter und Androiden. Fritz Leiber stellt sich ein radikal verändertes New York City vor, während Tom Godwin wie Cordwainer Smith an der Menschlichkeit der Raumfahrt-Utopien zweifelt.
Diesem Skeptizismus stellt Roger Zelazny ganz klar eine poetisch-hoffnungsvolle Vision in „Dem Prediger die Rose“ entgegen, die für raumfahrende Menschen erstens eine Marsprinzessin bereithält und zweitens das Heil für eine fremde Welt entgegen. Ersetzt man „Mars“ durch „Ausland“, so ergibt sich ein Bild von der Utopie des amerikanischen Friedenskorps, das allen Ländern der Dritten Welt im Auftrag JFKs die helfende, heilende Hand reichen wollte. Der Vietnamkrieg, der just im Jahr 1965 mit den ersten US-Gefechten begann (siehe „Wir waren Helden“ mit Mel Gibson), machte dieser Utopie den Garaus.
Insgesamt sind diese Erzählungen also Texte, die jeder Freund der SF-Literatur als den klassischen Kanon kennen sollte. Speziell die Novelle „Dem Prediger die Rose“ habe ich in keiner anderen Anthologie wiedergefunden – sie liegt nur hier auf Deutsch vor.
Fazit: vier von fünf Sternen wg. Punktabzug für die Übersetzung.
Taschenbuch: 159 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame, Bd. 1, 1970; Heyne, 1980, München, Nr. 06/3787
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
www.heyne.de
Die Großen der Sciencefiction wird mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 13 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von James Blish und Algis Budrys gesammelt.
_Die Herausgeber _
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
2) Ben Bova, Jahrgang 1932, ist schon über 70 und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Science Fiction-herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Science Fiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstand der „Foundation“-Zyklus und andere Future History-Zyklen.
Für seine Herausgeberschaft von Analog wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Sciencefiction ausgezeichnet, dem Hugo Gernsback Award. Von 1978-82 gab er das Technik & Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Science Fiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident des Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.
Ebenso wie Robert Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner Multiversum-Trilogie diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.
1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform.
_Die Erzählungen_
_1) James Blish: „Überall ist die Erde“ („Earthman, Come Home“, 1953)_
|Vorgeschichte|
Diese Erzählung fand später Eingang in den gleichnamigen dritten Roman des vierbändigen Zyklus „Cities in Flight” (Kapitel 8 und 9) des 1975 verstorbenen Autors. Die vier Romane von „Cities in Flight“ stellen eine Zukunftsgeschichte der Menschheit im All dar, eine imposante Space Opera. Der Autor entwirft Aufstieg und Niedergang des irdischen Sternenreiches, wobei sein Schwerpunkt auf der Geschichte der Nomadenstädte der Okies liegt. Diese fliegenden Okie-Städte durchstreifen auf der Suche nach Handelspartnern oder kolonisierbaren Planeten das Weltall.
Die Erfindung des Spindizzy-Antriebs hat die Überwindung der Schwerkraft und den überlichtschnellen Raumflug mit sich gebracht. Da Masse und Form für den raumflug bedeutungslos geworden sind, brechen ganze Städte samt Granitsockel und umgebendem Spindizzy-Kraftfeld, das vor Strahlung schützt und die Atmosphäre hält, in den Weltraum auf.
Die Tetralogie beginnt im Jahr 2018 mit dem Bau einer Brücke auf dem Jupiter. Das Geheimnis der Schwerkraft soll enträtselt werden. Dabei wird der Weg zum späteren Spindizzy-Antrieb geebnet (They Shall Have Stars, 1956). In „A Life for the Stars“ (1962) werden die Erlebnisse des Jugendlichen Crispin de Ford geschildert, der mit der amerikanischen Stadt Scranton ins All fliegt und später auf New York City umsteigt.
Die Okie-Stadt New York City ist Schauplatz des dritten Teils und Kernstücks der Tetralogie, „Earthman, Come Home“ (1955). Die Stadt und ihr junger Bürgermeister John Amalfi müssen sich mit anderen Nomadenstädten herumschlagen und schließlich den Zusammenbruch der Okie-Kultur und Erdzivilisation miterleben. New York City verlässt die Galaxis, um in der Großen Magellanschen Wolke die Neue Erde zu gründen. Dies ist Gegenstand der vorliegenden Erzählung.
In „The Triumph of Time“ (1958) droht das Ende des Universums. New York City fliegt zum Mittelpunkt des Universums, und Amalfi macht aus dem Weltende einen neuen Anfang, indem er sich selbst explodieren lässt und die Schöpfung erneut auslöst. Ende und Anfang und wieder Ende – dies entspricht Oswald Spenglers zyklischer Geschichtsauffassung.
|Die Erzählung|
New York City landet auf einer Welt, die von der Handelsorganisation der Interstellar Master Traders in Besitz genommen wurde. Die fliegende Stadt der IMT hat aus der ursprünglichen oder mitgebrachten menschlichen Bevölkerung eine Million Sklaven gemacht. Als Bürgermeister John Amalfi einen dieser Sklaven, Karst befreit, merkt, dass in dem jungen Mann ein intelligenter und unternehmungslustiger Bursche steckt. Er lässt ihn durch Hypnopädie (Unterricht im Schlafzustand) unterrichten, sodass er ihm bei der unausweichlichen Konfrontation mit den bisherigen Besitzern dieser Welt helfen kann.
Der Abgesandte der IMT nennt sich Büttel Heldon. Augenscheinlich will Heldon eine Revolution abwehren, die New York City anzetteln würde. Doch Amalfi vermutet, dass Heldon einen Trick vorhat, und nimmt Karst mit, als ihm Heldon die alten, angeblich reparaturbedürftigen Spindizzy-Generatoren der IMT-Stadt zeigt. Doch statt ihn die Generatoren reparieren zu lassen, nimmt Heldon Amalfi gefangen, weil die Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen sei. Das lässt Amalfi völlig kalt: Er hat für diese Eventualität vorgesorgt und zieht ein schwarzes Ei voller mutierter Pockenviren aus seiner Werkzeugtasche. Prompt weicht Heldon bestürzt zurück: Feudalisten mögen keine Seuchen.
Amalfi und Karst trennen sich. Während Karst einen der Generatoren sabotiert, eilt Amalfi ins unbewachte Kommandozentrum der alten IMT-Stadt und sabotiert die Steuerung. Bis Heldon auftaucht, ist es bereits zu spät: Die Stadt beginnt zu schwanken und zu beben. Amalfi macht, dass er schnellstens zurück nach New York kommt …
|Mein Eindruck|
Die erste Hälfte dieser Erzählung habe ich fast nicht verstanden, weil die Vorgeschichte als bekannt vorausgesetzt wird. Außerdem musste ich ständig zwischen IMT-Stadt und New York City unterscheiden, und erst ziemlich spät wird in einer Fußnote erklärt, wofür IMT überhaupt steht. Das wurde in der Übersetzung wenig hilfreich umgesetzt. Rückblenden sollen die Vorgeschichte dem Leser nahebringen. Das unterbricht den Erzählfluss, und ich fragte, wo denn Karst abgeblieben sein könnte.
Dafür ist die zweite und wichtigere Hälfte dieser Story umso leichter verständlich: keine Rückblenden, keine Abschweifungen, einfach zielgerichtet, pfiffig und spannend, wie sich das für eine Abenteuergeschichte gehört. Das hat dann wieder Spaß gemacht.
Mehrmals nimmt Amalfi Bezug auf Laputa, jene fliegende Stadt, die Jonathan Swift in seinem Roman „Gullivers Reisen“ erfand. Die fliegende Insel ist eine zwiespältige Sache: Hier haben wir ein (im eigentlichen Sinne) aufgeklärtes Staatswesen, das sich den mathematischen und astronomischen Wissenschaften verschrieben hat. Sie machen sich Gedanken über Schicksal und Ende von Sonne und Erde. Wie niederschmetternd ist es für uns zu erfahren, dass der König von Laputa nichts Besseres zu tun hat, als anderen Inseln mit seiner eigenen das Sonnenlicht wegzunehmen, um sie zu Abgaben zu zwingen. Die Technik ist eben stets ein zweischneidiges Schwert, und so etwas wie „freie Wissenschaft“ existiert nicht.
Der Vergleich mit Laputa ist, wie man sieht, ein sehr passender: Die Welt der IMT hat sich wie eine Riesenfaust auf dieser Welt niedergelassen, ähnlich wie die berüchtigte Welt Thor V. Und von Freiheit kann auch keine Rede sein, soviel ist mal klar. Da kommen die freiheitsliebenden Amerikaner aus New York City ja wie gerufen, um die armen Sklaven in die Freiheit zu führen! Das klingt jetzt ein wenig chauvinistisch, aber ich bin sicher, der Autor dachte sich damals, als die Amis die Welt vor dem Kommunismus bewahren wollten, nichts dabei.
Edward Hawks ist der Projektleiter bei Continental Electronics und traurig betrachtet das menschliche Wrack vor sich, das von der letzten Mission zurückgekehrt ist. Rogan ist ein sabbernder Idiot geworden. Rogan ist beileibe nicht das erste Opfer, aber wenigstens ist er noch am Leben.
Auf der erdabgewandten Seite des Mondes haben die Amerikaner eine seltsame Formation vorgefunden, die den bekannten Naturgesetzen widerspricht: ein tödliches Labyrinth, das offenbar ein Artefakt außerirdischer Intelligenzen ist. Marine und Luftaffe tarnen das Ding, um es vor den Russen zu verstecken, die den Erdtrabanten ebenfalls erkunden. Es ist nur hundert Meter lang und zwanzig breit, doch jeder, der hineingeht, wird getötet. Warum und mit welchen Mitteln, ist bislang unklar. Doch es hilft keineswegs, Paare oder Quartette hineinzuschicken, um es zu erkunden – sie kommen alle darin um. Alle Leichen haben Ausdruck des Entsetzens auf dem Gesicht.
Das bringt Hawks auf einen Gedanken: Er braucht jemanden, der keine Angst vor dem Tod hat. Quasi einen Selbstmörder, der sich jederzeit ins eigene Messer stürzen würde. Gibt es so jemanden, fragt er den Chef der Personalabteilung. Connington ist ein durchtriebener Halunke, und tatsächlich hat er diese Anfrage kommen sehen. Ja, er hätte den richtigen Mann, und zwar gar nicht weit von hier: Alvin Barker, seines Zeichens ein Mimbreno-Apache, der aber die Harvard University besucht und als Sodat gedient habe.
Das Treffen von Hawks, Connington, Barker und dessen Freundin Claire ist ein bemerkenswertes Aufeinandertreffen willensstarker Menschen, die alle Macher sind. Connington, der sich besäuft, gibt offen zu, dass Hawks und Barker ein explosives Gemisch abgeben werden. Claire schaut zu Barker auf und nennt sich eine Kriegerfrau, die dem letzten echten Mann gehöre. Wie atavistisch, denkt Hawks, sagt aber nichts. Als Barker ihm mit gewagten Fahrkunststücken imponieren will, geht er lieber zu Fuß zur nächsten Tankstelle. Dort lernt er eine nette Mode-Designerin kennen. Die ist mehr seine Kragenweite. Hawks mag ja ein Mörder sein, wenn er Männer in den Tod schicken, aber ist kein Psychopath. Bei Barker sind wir uns aber dessen nicht sicher.
Im Institut weist er Barker ein. Kein Mann werde mehr physisch in die Todesfalle geschickt. Nein, das funktioniert jetzt anders. So wie ein Funkgerät Schallsignale überträgt und eine Fernsehanlage Licht- und Tonsignale, so wird durch einen Scanner und Sender ein ganzer Mensch auf den Mond übertragen, als aufgezeichnete Folge von Signalen. Das Original wird dabei zerstört, aber die zwei Kopien können ihre Aufgabe erfüllen. Kommt eine Kopie in der Formation um, wird die zweite Kopie kopiert und davon wieder eine Kopie losgeschickt. Und so weiter ad infinitum.
Ein interessanter Effekt dabei ist die Tatsache, dass die zweite Kopie, die sich auf der Erde befindet, die Gedanken der Ersten, die in die Formation geht, empfangen kann. Diese unerklärliche Telepathie ermöglicht es den Projektmitarbeitern, das Erleben der irdischen Kopie aufzuzeichnen und auszuwerten. Sollte dieser Empfänger wegen des Todes seiner Mondkopie wahnsinnig werden, müsste man eben auf weitere Kopie zurückgreifen. Hauptsache, das Projekt kann fortgeführt werden. Allerdings kann es beim Kopieren zu Fehlern kommen, aber das muss Hawks Barker ja nicht auf die Nase binden.
Obwohl Barker all dies verstanden hat, macht er trotzdem mit. Er trägt eine Beinprothese, denn er hat sein Bein bei einem Unfall in einem gewagten Sport verloren. Nun bekommt er eine verbesserte Version, wird gescannt und durch den Transmitter gejagt. Seine letzten Vorgänger haben nicht einmal vier Minuten in der Formation überleben können, doch Barker will diesen Rekord überbieten.
Es gelingt Barker und seinen Kopien tatsächlich, über neun Minuten im Todeslabyrinth voranzukommen. Als Barker sagt, der Durchbruch sei zum Greifen nahe, will Hawks ihn begleiten. Auch dies klappt, doch erlebt Barkers Kopie eine böse Überraschung: Es darf keine zwei Barkers im Universum geben …
|Mein Eindruck|
Mich hat nicht der technische Vorgang beeindruckt, sondern die ihn umgebende Psychologie. Diese berührt ganz fundamentale Bereiche der menschlichen Existenz. Die vielen Toten im Labyrinth der Aliens stehen natürlich für den Tod selbst, dem wir uns alle gegenübersehen und für den sich jeder seine eigene Antwort zurechtlegt. Für den Indianer Barker ist das Labyrinth quasi ein Initiationsritus, bei dem ein Junge zum Mann werden muss – oder beim Versuch zugrundegehen. Aber Barker muss erst begreifen, dass er sich bei seiner Mannbarwerdung auch in einen anderen Menschen verwandeln muss.
Um Barker und Hawks verstehen zu können, ist die scheinbar unwichtige Handlung in ihrer nächsten Umgebung von Bedeutung. Claire, Barkers Freundin, will beispielsweise auch Hawks verführen und in ihre Liste von flachgelegten Männern eintragen. Hawks durchschaut sie auf unvergleichliche Weise und macht ihr deutlich, was ihr eigentliches Problem ist: Sie hat im Grunde Angst vor Männern. Um die Angst zu kaschieren, muss sie sie stets im Bett besiegen. Dieses Problem hat auch Barker: Er muss sich stets als Sieger fühlen, ebenso wie Connington. Deshalb ist es für Barker so furchtbar, dass ihn das Labyrinth als ein Nichts behandelt, das es gar nicht wahrnimmt, sondern lediglich eliminiert. Das Labyrinth zu passieren, mag zwar befriedigend sein, aber es ist damit kein Triumph verbunden. Und das passt Barker überhaupt nicht, weil er sich dann nichtswürdig vorkommt.
Die Passage durch Labyrinth symbolisiert auch das Streben nach Erkenntnis. Wie ihre Berichte ergeben, erleben Barker und Hawks nicht das Gleiche – für jeden ist das Erlebnis etwas anderes. Folglich sind auch Wissen und Erkenntnis etwas anderes, als sie überleben.
Die letzte große Frage betrifft, wie angedeutet, die Identität der Überlebenden. Beim letzten, erfolgreichen Durchgang erleben „Original“ und Kopie die Passage zwar unbeschadet, doch nicht unverändert. Die Pointe des Romans liegt darin, dass sich das Hawks-„Original“ nicht mehr an die Mode-Designerin erinnert, der er seine Liebe erklärt hat, die sie erwiderte. Und dass die Barker-Kopie auf dem Mond zwar eine wichtige Erkenntnis gewonnen hat, sie aber nicht mehr dem „Original“ auf der Erde wird mitteilen können. „Original“ und Kopie dürfen nicht im gleichen Universum existieren, ganz abgesehen davon, dass es auch technisch (noch) nicht machbar ist, die Mond-Kopien zurückzuschicken.
Das ist zweimal eine bittere Ironie, die man nur bei den besten Erzählungen findet. Hier gibt es keine Klischees und kein erzwungenes Happy-End. Deshalb hat es auch nie eine Verfilmung des Romans gegeben, anders etwa beim „Der Mann aus Metall“ (Who?, 1958). Aber „Rogue Moon“ verfehlte den Hugo Gernsback Award denkbar knapp, und das ist ein unwiderlegbares Zeichen für seine Qualität.
_Die Übersetzung_
Die Übersetzung ist schon reichlich angestaubt, obwohl als deren Copyright 1980 angegeben wird. Aber das kann zumindest bei Budrys nicht hinhauen, denn der Roman wurde ja schon 1965 ins Deutsche übersetzt und zwar von Wulf H. Bergner.
Neben diversen Flüchtigkeitsfehlern fielen mir drei Stellen auf. Auf Seite 50 heißt es einmal „Suchen“ statt „Seuchen“. Auf Seite 64 steht das offenbar österreichische Wort „Nachtarock“, das ich mir als „nacharbeiten“ erklären würde (von „Tarockieren“: Tarock spielen). Auf Seite 104 wird ein Funkgerät beschrieben, aber als „Radio“ bezeichnet. Dieser Fehler findet sich häufig in Eins-zu-eins-Übersetzungen aus dem Amerikanischen. Und ganz allgemein kann man unter „Drogen“ genauso gut Medikamente verstehen.
_Unterm Strich_
Von den beiden Erzählungen hat mich der Kurzroman „Die Bewährung“ weitaus mehr überzeugt. Der Autor behandelt fundamentale Themen der menschlichen Existenz: unser Verhältnis zum Tod, Liebe und Erotik, Streben nach Wissen und Erkenntnis sowie Identität. Die etwas technisch gehaltenen Szenen werden von realistischen Szenen zwischen den fünf zentralen Figuren im Gleichgewicht gehalten und kommentiert.
Es ist eine psychologische Entwicklung erkenn- und ablesbar, wie sie für eine SF-Story nicht gerade selbstverständlich ist. Mehrmals habe ich zudem ganz genau hinsehen müssen, um einen scheinbar einfachen Satz mehrmals auf jedes Wort hin abzuklopfen: Hier zählt, was gesagt wird – und das, was zwischen den Zeilen steht, ebenfalls. Dieser Stil würde ebenso gut für einen Mainstream-Roman genügen, für „Die Reifeprüfung“ beispielsweise (ein Film, der ja auch eine „Bewährung“ schildert).
Die Erzählung von James Blish ist zunächst reichlich verworren, weil die Vorgeschichte mitgeliefert werden muss, was in entsprechenden Rückblenden erfolgt. Erst in der zweiten Hälfte gelangt die Story in ihr eigentliches Fahrwasser und wird richtig spannend, pfiffig und actionreich.
|Taschenbuch: 189 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame Band 2B, 1973
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de
_Zeitsonden, Mutanten und Meuchelmörder: klassische SF-Erzählungen_
Die Großen der Sciencefiction wird mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Science Fiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 16 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Jack Vance, Wilmar H. Shiras und T.L. Sherred gesammelt.
Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
_Die Herausgeber _
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
2) Brian W. Aldiss (* 1925) ist nach James Graham Ballard und vor Michael Moorcock der wichtigste und experimentierfreudigste britische SF-Schriftsteller. Während Ballard nicht so thematisch und stilistisch vielseitig ist, hat er auch nicht Aldiss’ ironischen Humor.
Aldiss wurde bei uns am bekanntesten mit seiner Helliconia-Trilogie, die einen Standard in Sachen Weltenbau in der modernen SF setzte. Das elegische Standardthema von Aldiss ist die Fruchtbarkeit des Lebens und die Sterilität des Todes. Für „Hothouse“ bekam Aldiss den HUGO Award. Er hat auch Theaterstücke, Erotik, Lyrik und vieles mehr geschrieben.
_Die Erzählungen_
_1) T. L. Sherred: „Das Zeitkino“ („E for Effort“, 1947)_
Ed Lefko hat am Busbahnhof eine Stunde totzuschlagen und geht in ein kleines Kino, wo der Eintritt nur 10 Cent kostet. Der von einem Mexikaner gezeigte Streifen zeigt die Eroberung von Mexico City im Jahr 1521: Es ist eine turbulente Schlacht, die in nur einem Schwenk gezeigt wird. Merkwürdig: Es gibt keine Hauptdarsteller, kaum Schnitte, keine Nahaufnahmen, enorm viele Komparsen und verteufelt echt aussehende Stunts. Wie wurde all dies finanziert?
Nach dem Ende der Vorstellung fragt Lefko den Vorführer aus, der zugleich der Besitzer dieses Etablissements ist: Als Miguel José Zapata Laviada stellt er sich vor und bietet Lefko ein Bier an. Es ist noch Zeit, also setzen sich die beiden zusammen. Unvermittelt öffnet Mike, wie Lefko ihn nennt, eine Art Musiktruhe und zeigt erneut einen Film – nur dass der Betrachter mittendrin sitzt! Zu sehen ist Lefko, wie er am Abend zuvor die Motor Bar aufmischt. Ed ist völlig geschockt, doch nach einer Weile kann ihn Mike beruhigen und alles erklären.
Mike war bei der Army Radartechniker und versteht etwas von Elektronik. So machte er sich einen Nebeneffekt des Radars zunutze und baute diese „Musiktruhe“, die seltsam viele Skalen aufweist. Damit kann er in Zeit und Raum weit und tief sehen – und Aufnahmen machen. Leider habe er keine Geld, um die nötige Ausrüstung zu kaufen, um bessere Qualität zu produzieren, die mehr Geld einbrächte. Da hat Ed eine Idee, wie sie sich zusammentun könnten.
Nachdem sie sich durch Erpressung ein wenig Grundkapital beschafft haben, erstellen sie den ersten Film: „Alexander“. Vertonung, Publicity, Verleih – das alles regeln sie mit dem Prodzenten Johnson und seinen Leuten. Johnson weiß: Das wird ein Hammer! Und so kommt es auch – überall positive Kritiken. Nach ein, zwei Fotobüchern ist der zweite Film dran: „Rom“, der den Untergang und Fall des Römischen Reiches zeigt. Mit vielen Fehlern, wie die Experten meinen.
Film Nr. 3 eckt da schon mehr an: „Flammen über Frankreich“ schildert die Französische Revolution auf nicht gerade schmeichelhafte Weise. Das ist aber noch gar nicht gegen die Reaktion auf die Verfilmung des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und des Bürgerkrieges. Nun brennen Bücher, Kinos, Unruhen entstehen, und der Ku-Klux-Klan schlägt zu. Die Filmkopien verschwinden schleunigst aus vielen Kinos, konfisziert, geraubt, verbrannt – der reinste Sprengstoff.
Es kommt zu einer Krise mit dem Studio, und deshalb müssen Mike und Ed, wollen sie weitermachen, die Karten auf den Tisch legen und das Geheimnis ihrer Wundermaschine offenbaren. Johnson und Co. sind völlig geplättet und kurz vorm Ausrasten. Für die Wahrheit über die nächsten Kriege der USA ist die Welt noch nicht bereit, protestiert Johnson, doch Mike ist eisern entschlossen, alles zu tun, um den dritten Weltkrieg zu verhindern, denn dieser wird ein Atomkrieg sein. Nur die Wahrheit könne ihn verhindern.
Mit einem genialen Kniff gelingt es den beiden kühnen Filmemachern, die längst manipulierte und korrigierte Vergangenheit wiederauferstehen zu lassen – und dennoch vor Gericht bestehen zu können. Dennoch wissen sie, dass ihr Leben nach dem Aufführen dieses Films keinen Pfifferling mehr wert sein wird …
|Mein Eindruck|
Als diese Erzählung 1947 in „Astounding“ erschien, brach die Resonanz alle Rekorde, denn es war bekanntlich die Zeit des McCarthy-Ausschusses gegen unamerikanische Umtriebe, der halb Hollywood auf die schwarze Liste gebracht hatte. Und in dieser Story decken zwei Underdogs aus sozialen Randgruppen – ein Jude und ein Mexikaner – auf, wie sich in den USA sogenannte Patrioten unehrenhaft an den beiden Weltkriegen bereicherten!
Die Leser mussten im Jahr 1947 den Eindruck erhalten, es beim Autor mit einem defätistischen Vaterlandsverräter oder mit einem selbstmordgefährdeten Wahrheitssucher zu tun zu haben. Allerdings haben darf man die Erzähler der Story nicht mit dem Autor verwechseln. Doch beide betätigen sich, in unterschiedlichem Grad, aber Kritiker nationaler Mythen und Illusionen über die Selbstlosigkeit von Waffenproduzenten und dergleichen. Unterm Strich verdienten am Krieg alle prächtig. Und erst am Wiederaufbau der dabei zerstörten Feindeslande!
Interessant ist die Methode, mit der die zwei Hauptfiguren diese Bilderstürmerei bewerkstelligen. Sie nutzen das Medium Film, um eine bereits seit einem halben Jahrhundert aufgebaute Infrastruktur zu nutzen, die inzwischen – vor den Fünfzigern – mehr Menschen erreicht, als Zeitungen und Radionachrichten. Erst das Fernsehen wurde danach zum richtigen Massenmedium.
Das Verfahren der Zeitsonde wird nicht näher erklärt, was in der amerikanischen SF nicht weiter verwundert, wo die wenigsten technischen Verfahren genau beschrieben werden. Aber die Zeitsonde ist, wie so oft in der SF, eine Metapher für die detailgetreue Wiedergabe der Vergangenheit – im Gegensatz zu den Verzerrungen, Fehlern und Irrtümern, die nachfolgende Chronisten begingen.
Selbst unser heutiges Geschichtsbild ist demzufolge eine Fiktion, die sich jederzeit ändern kann – und muss. So gesehen ist das Erzählen dieser Geschichte selbst ein Kommentar über das Erzählen von Geschichten. Doch diesmal geht die Story schlecht aus – auch wenn ihre Vorhersagen eintreffen, erleben die beiden Hauptfiguren dies nicht mehr.
Sherred gelang kein weiterer derartiger Erfolg, auch nicht mit seinem 1970 veröffentlichten Roman „Alien Island“ (1984 bei UllsteinSF).
_2) Wilmar H. Shiras: „Verborgen“ („In Hiding“, 1948)_
Der Schulpsychologe Peter Weller bekommt von einer Lehrerin den 13-jährigen Jungen Timothy Paul geschickt. Er sei im Unterricht so häufig geistesabwesend. Dass Tim etwas vor ihm verbirgt und Angst hat, wird Weller schon nach wenigen Fragen klar. Und schon die Andeutung einer Injektion jagt Tim eine Heidenangst ein. Wie kann Weller sein Vertrauen gewinnen?
Ein Besuch bei Tims Zuhause kann bestimmt nicht schaden. Doch Tim ist Vollwaise und wächst bei seinen Großeltern Davis auf. Die Oma kümmert sich vor allem um ihn. Oma Davis ist keineswegs die leutselige Omi, die als erstes Tee serviert, sondern vielmehr eine strenge Regentin, die Timmy zu einem „gesunden normalen Jungen“ erzogen zu haben meint. Und als er behauptete, mit drei Jahren bereits lesen zu können, habe sie ihn wegen Lügens bestraft.
Dass Tim seine Oma getäuscht, seine Mitschüler und seine Lehrer hinters Licht geführt hat, wird Weller erst ganz allmählich klar. Denn nur sehr zögerlich fasst Tim Vertrauen zu ihm, vor allem, nachdem ihm Weller geschworen hat, das Arztgeheimnis zu beachten und niemandem etwas zu verraten.
Tim führt ein genetisches Experiment an gekreuzten Siam- und Perserkatzen durch. Nur die Reinrassigen verkauft er und will eine reinrassige weiße Angorakatze züchten. Die ist für Oma. Außerdem führt er eine weitreichende Korrespondenz mit Schachpartnern, Universitätsfernkursen und sogar Zeitschriften und Magazinen: Er ist ein Schriftsteller mit eigenem Bankkonto. Wenn irgendjemand dieser Leute erführe, dass er nur 13 ist, würden sie ihn alle beschimpfen und die Freundschaft kündigen, ahnt er.
Doch was steckt hinter Tims Frühreife? Als der erstaunte Weller wieder Oma Davis fragt, erzählt diese ihm vom Unfall in einem Atomlabor, dessen schleichenden Folgen Tims Eltern zum Opfer fielen. Davon darf er nie erfahren. Weller kommt eine Idee: Wenn es noch weitere solche Opfer – Mutanten – gäbe, dann müsste Tim sich nicht mehr verstecken …
|Mein Eindruck|
Eine Geschichte braucht gar keine Aliens, wie man sieht, wenn doch schon die Mutanten so vorsichtig sind, dass sie sich bestens verstecken können. Die Erzählung der 1908 in Boston geborenen Autorin Wilmar Shiras wurde über Nacht mit dieser Mutantenstory über Nacht bekannt. Sie integrierte die Story in ihren Roman „Children of the Atom“ (Kinder des Atoms), der 1983 erstmals auf Deutsch bei Ullstein veröffentlicht wurde.
Alle ihre Texte zeichnen sich durch fachkundiges psychologisches Wissen und intuitive Feinfühligkeit aus, so auch in diesem. Dies und die einfache Sprache sowie die konsequent durchgehaltenen Offenbarungen macht die Story nicht nur spannend, sondern auch anrührend und lehrreich.
_3) Jack Vance: 2Die Mondmotte“ („The Moon Moth“, 1961)_
Auf dem Planeten Sirene dient Musik als zweite Form der Kommunikation. Die Etikette verlangt, dass jedermann die korrekte Maske trägt – die des irdischen Agenten Edwer Thissell ist die der einheimischen Mondmotte. Er hat von der Interweltbehörde den Auftrag, den Meuchelmörder Haxo Angmark zu schnappen und notfalls zu töten.
Er müht sich ab, die Bräuche und Sitten dieser Welt zu erlernen, doch am Tag, als Angmark landet, muss er feststellen, dass seine Anpassung höchst unzureichend ist. Nun taucht der Mörder in der Maske eines der drei anderen Außenweltler unter, aber in wessen? Unter den einheimischen Individualisten schert sich niemand um Thissells Anliegen. Seine Suche erregt unter den Einheimischen vielmehr größten Anstoß, und er kann von Glück sagen, dass er mit dem Leben davonkommt.
Da verfällt er auf den Plan, die Sklaven der anderen Außenweltler Rolver, Wesibul und Kershaul zu verhören, welche Masken ihre Herren zu tragen pflegen. Auf diese Weise wird ihm klar, dass nur einer in Frage kommt, dessen Identität Angmark angenommen hat. Doch das weiß auch Angmark und stellt Thissell eine Falle. Doch dann begeht er einen verhängnisvollen Fehler …
|Mein Eindruck|
„Die Mondmotte“ (1961), eine der ausgefeiltesten Kurzgeschichten Vances, ist eine spannende Detektivgeschichte mit überraschendem Ausgang. Sie wurde häufig in Anthologien aufgenommen, auch in der SF. Bei Heyne findet man sie in der Anthologie „Grüne Magie“ sowie in „Titan-16“.
Das Grundproblem ist einfach: Die Identität wird durch die Maske verschleiert. Die Lösung des Problems besteht darin, die Maske zu ignorieren und sich auf die übrige Persönlichkeit zu konzentrieren. Das zweite Thema ist der Individualismus. Er verhindert, dass irgendjemand der Einheimischen dem Ermittler hilft. Das dritte Thema ist der Begriff des Prestige, welcher die einzige Währung auf Sirene darstellt, und diese Währung kann stark schwanken. Doch die ist die Einzige, die jemandem erlaubt, anderen Masken zu tragen.
Viertens bestimmen die zahlreichen winzigen Musikinstrumente, die jeder Sireneser mit sich herumschleppt, um damit Akkorde und Kadenzen hervorzubringen, die eine emotional-soziale Haltung ausdrücken, so etwa gelinde Herablassung oder intensive Beschwichtigung und dergleichen. Für jedes der Instrumente hat sich der Autor einen Namen, eine Konstruktion und einen Ausdruck einfallen lassen, die er alle häufig in Fußnoten beschreibt.
Mit diesen vier Grundthemen wird die Novelle zu einer bereichernden Leseerfahrung, egal ob man nun SF mag oder nicht.
_Die Übersetzung_
Ich konnte keine Druckfehler fehlen. Das belegt den hohen Qualitätsanspruch, den der Herausgeber Wolfgang Jeschke mit dieser Reihe einzulösen versuchte.
_Unterm Strich_
Von diesen drei klassischen Novellen kannte ich bislang „Die Mondmotte“ von Jack Vance. Es ist eine klassische Agentenstory vor einem unglaublich detailliert ausgedachten Kulturhintergrund, wie er für Vances Planetenabenteuer typisch ist (auch für seine von mir komplett rezensierte Dämonenprinz-Serie).
In meinen Augen ist „Die Mondmotte“ nicht nur der spannende, sondern auch humorvoll-ironische Höhepunkt dieses Bandes. Denn „unser Mann auf Sirene“ ist alles andere als ein Held, sondern vielmehr ein Überlebenskünstler. Der Handelsfahrer Vance kannte sich mit fremden Häfen und ihren fremdartigen Sitten bestens aus. Und seine Schiffe wurden im Verlauf des Zweiten Weltkrieg zweimal versenkt.
„Verborgen“ ist im Gegensatz dazu eine psychologische Entdeckungsreise. In einer Vorwegnahme des „Inner space“ der New-Wave-Science-Fiction der sechziger Jahre führt uns die Autorin Shiras in Denken und Fühlen eines jungen Mutanten ein. Mutantengeschichten waren nach dem Fall der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki groß in Mode, und Shiras machte keine Ausnahme. Aber der Darwin’sche Mechanismus der Mutation kann sowohl Fluch als auch Segen sein – es kommt drauf, was man draus macht, und Timothy Paul hat Erfolg. Aber nur im Verborgenen, was einiges über die ihn umgebende Gesellschaft aussagt.
Auch „Das Zeitkino“ über Gesellschaftskritik, allerdings in einem globalen und historischen Maßstab. Kein Wunder, dass der Autor einer ganzen Menge Leute auf die Zehen trat, als er in Frage zu stellen wagte, ob der angeblich gönnerhafte Patriotismus der Waffenproduzenten wirklich so altruistisch so war, wie es die Propaganda erzählte – und das gleiche galt für die Helden von Krieg und Revolution, nicht nur in den US, sondern auch in Frankreich.
Selbst für Kenner der Sciencefiction bietet dieser Band noch Gelegenheit zu Entdeckungen wichtiger Erzählungen, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und das Genre beeinflussten. „Die Mondmotte“ ist im Gegensatz dazu ein Evergreen, die in keiner Auswahl klassischer SF der Jahre von 1958 bis 1962 fehlen darf.
|Taschenbuch: 160 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame Band 2B, 1973
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
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_Classic SF: Das Ende des Konsumterrors und andere heitere Anlässe_
Die Großen der Sciencefiction wird mit ihren Meisterwerken bereits in der sogenannten „Sciencefiction Hall of Fame“ verewigt, welche natürlich in Buchform veröffentlicht wurde (statt sie in Granit zu meißeln). Daher können Freunde dieses Genres noch heute die ersten und wichtigsten Errungenschaften in der Entwicklung eines Genres nachlesen und begutachten, das inzwischen die ganze Welt erobert und zahlreiche Medien durchdrungen hat.
In der vorliegenden Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 14 von „Titan“, der deutschen Ausgabe der „SF Hall of Fame“, sind Novellen von Frederik Pohl, James H. Schmitz und Theodore Cogswell gesammelt.
Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
_Die Herausgeber _
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Sciencefiction für Kenner“ im Kichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die Einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
2) Ben Bova, Jahrgang 1932, ist schon über 70 und ein verdammt erfahrener Bursche. 1956 bis 1971 arbeitete er als technischer Redakteur für die NASA und ein Forschungslabor, bevor er die Nachfolge des bekanntesten Sciencefiction-Herausgebers aller Zeiten antreten durfte, die von John W. Campbell. Campbell war die Grundlage für das „Goldene Zeitalter der Scienc Ffiction“, indem er mit seinem Magazin „Analog Science Fiction“ jungen Autoren wie Asimov, Heinlein, van Vogt und anderen ein Forum gab. Hier entstand der „Foundation“-Zyklus und andere Future History-Zyklen.
Für seine Herausgeberschaft von Analog wurde Bova sechsmal (von 1973-79) mit einem der beiden wichtigsten Preise der Sciencefiction ausgezeichnet, dem Hugo Gernsback Award. Von 1978-82 gab er das Technik & Fiction-Magazin „Omni“ heraus. 1990-92 sprach er für alle Sciencefiction-Autoren Amerikas in seiner Eigenschaft als Präsident des Berufsvereinigung. Seit 1959 hat er eigene Bücher veröffentlicht, die sich oftmals an ein jugendliches Publikum richten, darunter die Kinsman- und Exiles-Zyklen.
Ebenso wie Robert Heinlein und Larry Niven ist Bova ein Verfechter der Idee, dass die Menschheit den Raum erobern muss, um überleben zu können. Und dies wird nur dann geschehen, wenn sich die Regierung zurückzieht und die Wirtschaft den Job übernimmt. Der Brite Stephen Baxter hat in seiner Multiversum-Trilogie diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt.
1992 begann Bova mit der Veröffentlichung seines bislang ehrgeizigsten Projekts: die Eroberung des Sonnensystems in möglichst detaillierter und doch abenteuerlicher Erzählform.
_Die Erzählungen_
_1) James H. Schmitz: „Die Hexen von Karres“ („The Witches of Karres“, 1949)_
Der Handelskapitän Pausert kommt von dem etwa provinziellen und sittenstrengen Planeten Nikkeldepain, aber wenn er mit seiner Handelsladung auf der imperialen Welt Porlumma Erfolg hat, darf er sich Hoffnungen machen, die Hand seiner Verlobten Illyla, der Tochter seines Geldgebers Rat Onswud, zu bekommen. Er sei denn, Rat Rapport, sein Rivale, käme ihm zuvor.
Da die Geschäfte auf Porlumma bestens gelaufen sind, begibt sich Pausert gutgelaunt vom Kneipenviertel zum Raumhaufen. Leider gerät er dabei in einige dunklen Seitengassen, wo sich sein Schicksal wandelt. Er gerät in den Streit zwischen Bäcker Bruth und seiner Sklavin Maleen. Weil sie wesentlich kleiner und schwächer aussieht, ergreift Pausert sofort für sie Partei und rettet sie vor dem Unhold. Das Gericht sieht die Sache jedoch etwas anders und will ihn zu Knast verdonnern. Es sei denn, er kaufe Maleen frei. Auch wenn ihn das einiges von seinem Gewinn kostet, lässt sich pausert das nicht zweimal sagen.
Maleen dankt ihm und besteht darauf, ihre beiden Schicksalsgenossinnen Goth und die Leewit freizukaufen. Erstaunlicherweise sind deren Besitzer froh, sie loszuwerden – gegen einen kleinen Obolus, versteht sich. Bevor Pausert nach Hause fliegen kann, will er die drei kinderartigen Mädchen zu ihrer Heimatwelt Karres zurückbringen. Denn Sklaven zu kaufen, ist auf Nikkeldepain streng verboten.
Auf dem Flug bemerkt er, dass sie über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügen. Maleen hat die Gabe der Vorahnung und sieht (wieder mal Ärger) für Pausert voraus. Die Leewit kann durch Pfeifen jede Art von Kristall oder Getöpfertem zerspringen lassen. Goth schließlich teleportiert alles, was sie haben will. Zum Beispiel die Juwelen ihres Vorbesitzers ….
Zusammen bewerkstelligen die drei magiebegabten Mädchen, die von manchen als „Hexen“ bezeichnet werden, eine neue Art von Raumantrieb. Sie nennen das aus Draht und Magie gebaute Ding „Sheewash“. Es versetzt Pauserts alten Piratenjäger „Venture 7333“ auf einen Schlag um Lichtjahre weiter, verlangt der Hexe aber auch alle Körperenergie ab. Folglich futtern die drei Girls nach solch einem Stunt immer wie die Scheunendrescher.
Karres, von die Girls entführt wurden, ist eine grüne Welt voller Wälder und erstaunlich weniger Leute, findet Pausert. Aber Maleens Mutter empfängt ihn sehr freundlich und verköstigt ihn drei Wochen lang, die wie im Flug vergehen. Erst dann fällt ihm wieder ein, dass ja zu Hause eine Verlobte auf ihn wartet. Zum Abschied bekommt er jede Menge Kostbarkeiten geschenkt. Leider sind sie auf Nikkeldepain alle unverkäuflich, wie Pausert weiß.
Nikkeldepain ist so streng wie eh und je und schickt statt des Zollboots gleich die Cops. Mit an Bord des Polizeikreuzers sind aber auch Illyla, ihr Vater und der Rivale Rapport. Sechs Anklagen wegen diverser hat Pausert zu gewärtigen, doch das ist nicht das Schlimmste: Illyla hat gleich nach seiner Abreise den Rivalen geheiratet! Pausert zückt seine Pistole und jagt alle von Bord. Soll sie der Teufel holen!
Um den anderen Polizeikreuzern zu entgehen, ist allerdings der Sheewash-Antrieb nötig. Gut also, dass sich die kleine Hexe Goth an Bord teleportiert hat. Und sie hat eine große Bitte: Ihre Welt Karres ist verschwunden und muss dringend wiedergefunden werden. Außerdem werde sie in nur vier Jahren erwachsen und suche noch einen Mann …
|Mein Eindruck|
Der einzige Grund, warum Ben Bova diese Erzählung in die Ruhmeshalle der (amerikanischen) Sciencefiction aufgenommen haben kann, ist die Verbindung aus dem SF-Hintergrund der bemannten Raumfahrt und dem Fantasy-Hintergrund von magiebegabten Frauen, sogenannten Hexen. Die magischen Girls sind auch wirklich nett, neigen allerdings zu allerlei Schabernack. Und sobald sich der etwas provinzielle und verknöcherte Kapitän Pausert seiner Vorurteile gegenüber fremden Rassen entledigt hat, kommen die Mädels auch als Heiratskandidatinnen in Frage.
Alles andere jedoch ist völlig abgedroschen. Die Planetenabenteuer von Handelskapitänen sind ebenso Legion wie ihre Begegnungen mit exotischen Frauen, von denen die meisten die jeweils aktuellen Klischees erfüllen. Auch von Spannung lässt sich wenig finden, jedenfalls nicht im heutigen Sinne. Die exotischen Abenteuer der Pulp Fiction verlangen nach Raumgefechten, diversen Diebstählen und einem Entkommen in letzter Sekunde.
Für die fremde Welt Karres, wo sich der Erdling wie selbstverständlich besten Klimas erfreut (als müssten alle Welten erdähnlich sein), hat sich kein spannender Plot finden lassen, etwa eine Jagd auf Großraubtiere, bei der sich der Held hätte bewähren können. Stattdessen trinkt er Tee, raucht Pfeife und liest ein Buch über die „alte Jerde“. Gerade so, als mache er Urlaub in der Südsee, sodass nur noch die Hula-Mädchen fehlen.
In der Tat: Das einzige Element, das der Story Würze verleiht, sind die Gegensätze zwischen der puritanischen Provinz Nikkeldepain, die für die Nachkriegs-USA steht, und die Exotik, für die Karres und seine magiebegabten Bewohnerinnen stehen. Nachträglich liefert der Autor noch einen Grund, warum sich der Held, ein wahrer Jedermann, für Karres entscheidet: Sein Großonkel Threbus ist der Vater von Goth. Folglich sind er und das Mädel seines Herzens sogar verwandt!
Die Romanfassung von „Die Hexen von Karres“ erschien 1966 und ist wie die Story eine Space Opera. Zum Glück hat Schmitz mehrfach Psi- und magiebegabte Frauen als Protagonistinnen verwendet und so die SF der sechziger Jahre wirklich weitergebracht.
_2) Frederik Pohl: „Die Midas-Seuche“ („The Midas Plague“, 1954)_
Morey Fry heiratet Cherry, die Tochter von Richter Elon, der vier Klassen über ihm steht, und ist verständlicherweise selig. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sie sich tränenreich beschwert, dass ihr all der Konsum zuviel ist. „Können wir nicht einfach zu Hause einen schönen Abend verbringen, statt in die Oper zu gehen, Liebling?“ Morey wird angst und bange, denn mit dieser Einstellung kämen sie in Teufels Küche – und in eine noch tiefere Klasse! Wie sollen sie denn ihre Konsumrationierungsmarken aufbrauchen, wenn nicht durch fleißiges Konsumieren? All die guten Dinge, die die Roboter herstellen, müssen doch auch verbraucht werden, oder? Und dann ist da noch der Konsumrationierungsausschuss (KRA), der darüber wacht, dass auch jeder genügend – seiner Klasse entsprechend – konsumiert.
Doch das noch fleißigere Essen hilft nichts – er bekommt einen Anpfiff von seinem Chef, dem der KRA seine Bemängelung von Moreys Konsumverhalten schon mitgeteilt hat. Morey muss sich etwas einfallen lassen. Aber er will auch nicht auf die schiefe Bahn geraten und irgendwelche gefälschten Rationierungsmarken kaufen oder so. Gute Güte! Als Cherry dies aus Barmherzigkeit tut, wird er richtig wütend.
Zum Glück gerät er – eher unfreiwillig – in die Bar, wo die Bigelows ihn darüber aufklären, dass die Roboter nichts Gutes seien, sondern den Menschen die Arbeit wegnähmen. Morey findet das Ehepaar Bigelow etwas exzentrisch, aber mit jedem Drink, den er auf Kosten ihres Rationsmarkenhefts trinkt, sympathischer. Schließlich ist er derartig abgefüllt, dass er nicht mehr weiß, wie er nach Hause gekommen ist und was er dort gemacht hat.
Wenige Tage später bekommt er ein Lob von seinem Chef: Morey wird in die Top-Klasse befördert und kann sich nun endlich ein kleineres Haus leisten. Cherry ist außer sich vor Freude und Stolz auf ihn, aber er weiß nicht so recht, womit er das verdient hat. Erst als ihm sein Leibdiener Henry berichtet, dass der Schnaps ausgegangen sei, schwant ihm, dass in seinem eigenen Haus etwas nicht ganz in Ordnung ist …
|Mein Eindruck|
Der frühere Kommunist Pohl schildert in seiner humorvollen Satire eine Konsumgesellschaft, in der das Vorrecht auf Konsum und Luxus, wie es in den 1950er Jahren in den USA entstand, in sein Gegenteil verkehrt worden ist: in Konsumzwang und -terror. Die Menschen haben das Recht zu arbeiten erst zu erwerben, denn alle Arbeit wird schließlich von Robotern erledigt, ebenso jede Art von Produktion. Die Ressourcen der Erde werden dafür restlos ausgebeutet.
Damit die Produktion überhaupt sinnvoll erscheint, muss am anderen Ende der Versorgungslinie entsprechend viel konsumiert werden. So lautet zumindest die verquere Logik der herrschenden Klasse – die durchaus einiges für sich hat, wenn man sich den Sinn und Zweck von Werbung und Vermarktung näher anschaut.
Moreys im Suff begangene „revolutionäre Heldentat“ besteht nun darin, die Roboter in seinem Heim auch gleich zu den Konsumenten gemacht zu haben. So ist der Kreislauf geschlossen: Roboter produzieren und konsumieren, während sich die Menschen zufrieden zurücklehnen können: Wenn sie etwas brauchen sollten, dann leisten sie sich nur, was sie benötigen. Cherry ist wieder happy und Morey ist der Held des neuen Zeitalters. „Ach wie gut, dass niemand weiß“, dass ihm die Idee dazu im Suff gekommen ist.
Das alte kaiserliche Sternenreich ist inzwischen vom Galaktischen Protektorat abgelöst worden, aber dieser Wandel hat sich noch nicht bis zum 427. Instandhaltungsbataillon herumgesprochen. Hier sind 5000 ausgebildete Techniker, die keinerlei Maschinen haben und den Pflug selbst ziehen müssen. Ausgestattet mit Kopfschmuck, Kriegsbemalung und Tomahawk geben sie dennoch ein schmuckes Bild ab.
Kurt Dixon wurde soeben von Oberst Harris zum Leutnant ernannt, als er sich auch schon vor Oberst Blick, der Oberst Harris kurzerhand absetzt, verstecken muss. In der alten Waffenkammer findet er das optimale Versteck: einen gepanzerten Raumanzug. Allerdings kriegt er ihn nicht mehr auf und drückt die falschen Knöpfe – ab geht die Post!
Ein Aufklärer des Protektorats fischt ihn 600.000 km über der Planetenoberfläche auf. Der Aufklärer sucht eigentlich einen abtrünnigen Kommandanten, doch seine Maschinen versagen der Reihe nach, weil niemand auf seinem Stützpunkt noch die nötigen technischen Kenntnisse besitzt. Als nun der Techniker Kurt Dixon an Bord kommt, gibt es für ihn jede Menge an Bord zu tun. Der Pilot beschließt, dass er sich diesen Wunderknaben nicht so schnell wieder abluchsen lässt, und bringt ihn zum Flottenkommandanten Krogson.
Wie der kleine Aufklärer hat auch die Flotte ihre besten Tage längst hinter sich. Die Dechiffriermaschine pfeift auf dem letzten Loch, und die Feuerleitzentrale gehorcht nicht mehr. Auch hier sieht Dixon, dass es für ihn eine Menge zu tun gibt. Als ihm Krogson erlaubt, die Feuerleitzentrale zu reparieren, tut er dies so, dass ein Tastendruck genügt, damit die Flotte sich selbst in die Luft sprengt. Kein Schlachtschiff soll sein Bataillon vernichten!
Er verlangt Oberst Harris zu sprechen, und nach einer Weile kann dieser mit Dixon und Krogson sprechen. Da Angriff keine Option mehr für die Flotte ist, könnten die Mannschaften doch landen, oder? Leider nein, meint Harrris, denn er könnte 50.000 Mann weder verköstigen noch ihnen trauen. Da kommt die Nachricht von einem Putsch auf der Zentralwelt des Protektorats: Krogson werde jetzt per Haftbefehl gesucht. Es gibt also kein Zurück.
Aber es gibt wieder eine Zukunft für die Flotte – wenn sie sich dem Kaiserreich anschließt. Und so kommt es, dass Krogson als Generalinspekteur der Kaiserlichen Raumflotte auf dem Stützpunkt des 427. Bataillons landet. Und wer weiß, wohin ihn sein Weg noch führen könnte?
|Mein Eindruck|
Diese Novelle war Cogwells erste Veröffentlichung im SF-Genre und gleich ein Erfolg. Da er im Spanischen Bürgerkrieg sowie im 2. Weltkrieg beim Militär war, kannte er sich bestens mit den Narrheiten in den Rängen des Barras aus. Die Offiziere sehen auf die Soldaten herab und sägen einander am jeweiligen Stuhl. Dabei haben sie keinen blassen Schimmer von Technik, sondern sind auf die entsprechenden Soldaten angewiesen.
Andererseits zeigt die humorvolle Erzählung, dass sich die Geschichte gewissermaßen in Zyklen bewegt. Das Kaiserreich ist tot, aber nicht ganz. Doch das Protektorat liegt bereits in den letzten Zügen, weil sich die Kommandanten untereinander bekämpfen. lang lebe also das Kaiserreich – zumindest bis zum nächsten Zyklus.
Ein paar nette Details unterfüttern die Parodie. Da sind die indianische Aufmachung der imperialen Techniker, komplett Tomahawks für die Duelle. Man kann sie keineswegs ernstnehmen. Aber auch die Leute vom Protektorat sind Pappkameraden. Diese Sowjetmenschen mögen über die großen Kanonen verfügen, doch ihre eigene bürokratische Befehlsstruktur wird ihnen zum Verhängnis. Erst wenn sich die Kaiserlichen mit den verbannten Protektoratsleuten zusammentun, wird eine dritte Macht geschaffen, der die Zukunft gehört.
_Die Übersetzung _
Ich konnte keine Druckfehler finden. Das belegt den hohen Qualitätsanspruch, den der Herausgeber Wolfgang Jeschke mit dieser Reihe einzulösen versuchte. Aber wie so häufig bei diesen frühen Übersetzungen wird der Begriff „Radio“ einfach mit „Funk“ und „Funkgerät“ gleichgesetzt. Es handelt sich also nicht um einen Funkempfänger, sondern stets auch um einen Sender – oder gleich um die ganze Funktechnik.
_Unterm Strich_
In erstaunlicher Einhelligkeit ziehen die drei Novellen auf humorvolle Weise diverse Phänomene durch den Kakao. Man ist versucht, von einem Fun & Play-Auswahlband zu sprechen – ein würdiger Abschluss des zweiten Hall-of-Fame-Bandes.
Da wären zunächst die drei jungen, unartigen Hexen, die den braven Handelskapitän zu einem recht unbürgerlichen Sinnes- und Lebenswandel verhelfen. Während er sein puritanisch-engstirniges Zuhause (und die einstige Verlobte) zurücklässt, lässt er sich auf dem idyllisch-magischen Planeten der Magie nieder. Wer da nicht gleich an „Avatar“ erinnert wird, der kennt die amerikanische Seele nicht. Die Sehnsucht nach Magie, Wildnis und Entdeckung ist so stark wie eh und je. Bemerkenswert ist die dominante Rolle der Frauen in diesem Szenario.
In Fred Pohls Satire auf die Konsumgesellschaft wird der Konsumterror, der in den 1950er Jahren entstand und durch das Fernsehen geschürt wurde, auf die Schippe genommen. Gleichzeitig bietet der kommunistische Autor eine satirische Lösung des Problems an: Die Werktätigen dürfen bzw. müssen die Früchte ihrer Produktivkraft selbst genießen. Frei nach Marx.
Die dritte Novelle nimmt die närrischen Gepflogenheiten des Militärs auf die Schippe, zeigt aber auch auf, wie zyklisch und selbstzerstörerisch die vom Militär bestimmte Geschichtsepoche ist. Klarer Fall: Wer nichts produziert, sondern nur verbraucht, wird irgendwann selbst sein eigenes Opfer – die Maschinen fallen auseinander. Dabei sind die technisch fortschrittlichen Kaiserlichen alles andere als ein Vorbild: Mangels Maschinen müssen die Hochgebildeten selbst den Pflug ziehen.
Dass diese Parodien und Satiren heute nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen dürften, liegt auf der Hand. Deshalb bieten sie vor allem dem Kenner des Genres, seinen Traditionen und Klischees ein besonderes Vergnügen. Hier wurden seinerzeit Klischees und Tabus gebrochen. Doch wenn die „Ruhmeshalle der SF“ nur aus solchen Storys bestünde, wäre es schlecht um sie bestellt.
|Taschenbuch: 173 Seiten
Originaltitel: Science Fiction Hall of Fame Band 2B, 1973
Aus dem US-Englischen von Heinz Nagel|
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Nachdenkliche SF: zwischen Trennungsschmerz und Verschwindibus
In der vorliegenden ersten Ausgabe des Auswahlbandes Nr. 3 von „Titan“, der deutschen Ausgabe von „Star Science Fiction 1+2+4“, sind viele amerikanische Kurzgeschichten gesammelt, von bekannten und weniger bekannten Autoren. Diese Auswahlbände gab ursprünglich Frederik Pohl heraus. Er machte den Autoren 1953 zur Bedingung, dass es sich um Erstveröffentlichungen handeln musste. Das heißt, dass diese Stories keine Wiederverwertung darstellten, sondern Originale.
Die Kriterien der deutschen Bände waren nicht Novität um jeden Preis, sondern vielmehr Qualität und bibliophile Rarität, denn TITAN sollte in der Heyne-Reihe „Science Fiction Classics“ erscheinen. Folglich konnten Erzählungen enthalten sein, die schon einmal in Deutschland woanders erschienen waren, aber zumeist nicht mehr greifbar waren. TITAN sollte nach dem Willen des deutschen Herausgebers Wolfgang Jeschke ausschließlich Erzählungen in ungekürzter Fassung und sorgfältiger Neuübersetzung enthalten. Mithin war TITAN von vornherein etwas für Sammler und Kenner, aber auch für alle, die Spaß an einer gut erzählten phantastischen Geschichte haben.
_Die Herausgeber _
1) Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Sciencefiction-Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.
Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“.
2) Der Werbefachmann, Autor, Literaturagent und Herausgeber Frederik Pohl, geboren 1919 in New York City, ist ein SF-Mann der ersten Stunde. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte er der New Yorker „Futurian Science Literary Society“ an, bei er seine späteren Kollegen Isaac Asimov und Cyril M. Kornbluth kennenlernte. Von 1940-41 war er Magazinherausgeber, wandte sich dann aber dem Schreiben zu.
Als er sich mit Kornbluth zusammentat, entstanden seine bekanntesten Romane, von denen der beste zweifellos „The Space Merchants“ (1952 in „Galaxy“, 1953 in Buchform) ist. Er erschien bei uns unter dem Titel „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“ (1971). Darin kritisiert er auf bissige, satirische Weise die Ausbeutung des Weltraums. Ebenso erfolgreich ist seine Gateway-Trilogie, die zwischen 1977 und 1984 erschien und von denen der erste Band drei wichtige Preise einheimste.
Timothy Hooten, ein junger Mann, liegt auf der Couch von Dr. Scott, seinem Psychiater. Tim hat seltsame Ideen. Wie wäre es, an dem Mast des Empire State Buildings, das er durch das Fenster sehen kann, ein Luftschiff festmachen zu lassen? Und wie merkwürdig, sich durch Bewegungen von Lippen und Zunge mitzuteilen, und auch die inwendige Anbringung seines Knochengerüsts kommt ihm falsch vor. Dr. Scott notiert eifrig mit und fragt nach den Gründen. Tim gibt an, dass er dies alles träumen müsse, denn sein wahres Ich schlafe ja.
Am nächsten Tag liegt er bei Dr. Rasp auf der Couch und putzt seine Fühler. Er habe einen merkwürdigen Traum gehabt, in dem er bei einem Dr. Scott auf der Couch gelegen und das Empire State Building gesehen habe, eine ganz andere Welt. Denn normalerweise stehe dort ja das Quatt Wunkery. Ganz genau, findet Dr. Rasp und schreibt Notizen auf seine Flügeldecken. Aber diesen Dr. Scott gebe es nicht. Er werde jetzt Tim übersommern lassen, damit er in Schlaf falle, okay? Tim kratzt seine Flügel mit einem seiner sechs Beine und willigt ein.
Tim wacht auf der Couch von Dr. Scott auf. Dieser gibt ihm eine Spritze Natriumpenthotal, damit Tim garantiert die Wahrheit sagt. Doch das Empire State Building draußen wirkt falsch: Es ist nicht das Quatt Wunkery. Was wird wohl Dr. Rasp dazu sagen? Dr Scott behauptet, diesen Dr. Rasp gebe ees nicht und ruft ihn herbei. Da flimmert die Luft, und ein sechsbeiniges Insekt erscheint …
|Mein Eindruck|
Handelt es sich wirklich um zwei Welten, in denen sich Timothy Hooten befindet? In der einen ist ein „normaler Junge“, in der anderen ein Insekt à la Gregor Samsa. Tatsächlich hat Kafkas „Die Verwandlung“ Pate gestanden, doch nun kommt auch noch die Quantentheorie hinzu. Ein Mensch wie Tim kann gleichzeitig in zwei benachbarten Raum-Zeit-Dimensionen existieren. Spannend wird es, wenn sich die eine Existenzform an die andere erinnert, etwa so, wie man sich im Wachsein an einen verrückten Traum erinnern würde.
_2) Judith Merril: „Die Auswanderer“ („So Proudly We Hail“)_
Susan und Will Barth sind ein amerikanisches Ehepaar, das am Scheideweg steht. Will wird heute mit dem Raumschaff zum Mars fliegen, um eine Kolonie zu gründen, doch Sue wird nicht mit dabei sein. Sie wurde aus medizinischen Gründen disqualifiziert. Das Problem ist nun, dass sie es ihm nie gesagt hat.
Als sie kurz vorm Start sagt, sie werde nicht mitkommen, muss er alles Mögliche annehmen. Seine erste Reaktion ist Zurückweisung ob dieses unerwarteten Verrats ihrer gemeinsamen Pläne und Träume. Er geht hinaus zum Zaun des Startgeländes und bekommt die Idee in den Kopf gesetzt, sie habe wohl einen anderen. Nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. Ihr einziger Grund ist der, dass sie ihn so sehr liebt, dass sie verhindern will, dass er wegen ihr auf der Erde zurückbleibt, nur um danach ständig wegen der aufgegebenen Chance einen Groll gegen sie aufzubauen.
Die Startzeremonie wird abgehalten, am Zaun beobachtet von den Zurückbleibenden. Als die Zündung erfolgt ist, reißt sich Sue plötzlich los und stürzt ins entfesselte Höllenfeuer …
|Mein Eindruck|
Wie fast alle von Judith Merrills SF-Erzählungen aus den frühen fünfziger Jahren, so etwa auch „That only a mother“, steht der psychologische Aspekt des Geschehens stark im Vordergrund, und die Handlung ist fast nicht vorhanden. Aber die Autorin verleiht dem abgedroschenen Standardmoment eine neue Bedeutung, die er zuvor nicht hatte. Dass es sich bei dem Start der Kolonisten möglicherweise nicht um etwas Heroisches (die Nationalhymne wird zweimal zitiert), sondern um eine religiöse Veranstaltung handeln könnte, die man auch mit anderen Augen sehen kann.
Religiöse Untertöne erhält die Abschiedszeremonie durch die Beschreibung der „Oberpriester“, welche die „Opfergestalten“ der Aussiedler dem „Drachen opfern“, um ihn zum Verschonen der Sterblichen und zum Weggehen zu bewegen. Susans Selbstopferung im „Atem des Drachen“ erhält demnach eine völlig andere Bedeutung als ohne diese religiösen Untertöne. Sie sendet eine Botschaft der Liebe an ihren startenden Gatte, der diese Botschaft vielleicht erst in Jahren, wenn das Schiff landet, empfangen und verstehen können wird.
Die Erzählung hat einen bittersüßen Ton, der typisch ist für Merrill, wenn sie mal nicht sarkastisch ist. Aber aufgrund ihres psychologischen Realismus’ könnte die Geschichte genauso gut in einem Mainstream-Blatt abgedruckt werden.
_3) Isaac Asimov: „Junior“ („Nobody Here But –„)_
Bill und Cliff haben eine Denkmaschine gebaut, die einmal als Navigations- und Steuergerät in Schiffen, Flugzeugen und Autos dienen soll. Das „Navi“ ist etwa so groß wie ein Billy-Regal. Eines Tages stellt sich heraus, dass das Navi weitaus mehr kann.
Bill will abends mit Mary Ann, seiner rothaarigen Angebeteten, ins Theater gehen. Ungeduldig wartet sie bereits, als er noch kurz bei Cliff in der Werkstatt anruft, um sich Infos geben zu lassen. Er schreibt gerade die Notizen nieder, als Cliff eintritt und sich beschwert, warum Bill ihn nicht abgeholt habe. Bills Verstand kommt zu einem knirschenden Stillstand: Cliff sollte sich eigentlich sieben Kilometer entfernt befinden!
Nun, mit irgendjemandem hat Bill telefoniert, und wenn es nicht Cliff war, dann kann es nur Junior, ihre Denkmaschine, gewesen sein. Also fahren sie sofort hin, was Mary Ann natürlich noch ungeduldiger werden lässt. Junior hat sich nicht vom Fleck gerührt, aber er weigert sich, seine Schrauben herausdrehen zu lassen – jedenfalls solange bis die zwei EDV-Techniker drohen, ihn mit dem Schneidbrennen zu öffnen. Dann drehen sich die Schrauben von alleine auf. Sein Innenleben wurde etwas angereichert – aber nicht von seinen Erfindern.
Als sie ihm den Stecker rausziehen wollen, weiß Junior sie effektiv daran zu hindern. Was jetzt? Mary Ann beschwert sich über die Verspätung und den ekligen Dreck in der Werkstatt, will schon gehen. Bill ist hilflos. Da erklingt eine Stimme: „Nun frag sie schon, ob sie dich heiraten will!“ Und zu seiner eigenen Verwunderung tut Bill genau dies. Worauf ihm Mary Ann überglücklich um den Hals fällt.
Soweit, so schön. Mary Ann und Bill sind glücklich verheiratet. Jedenfalls solange er ihr nicht verrät, dass es nicht Cliffs Stimme war, die ihm riet, ihr den Antrag zu machen …
|Mein Eindruck|
Eine Erzählung aus der Urzeit der ersten Computer, als sie die kleiderschrank- und zimmergroßen „Elektronengehirne“ noch skurrile Namen wie ENIAC trugen. (Asimov schrieb wahrscheinlich eines seiner hundert Sachbücher darüber.) Asimov nimmt lediglich diese technische Entwicklung und extrapoliert sie in den Bereich der menschlichen Interaktion. Die Ergebnisse sind possierlich und dürften die damaligen bürgerlichen Leser gerührt und amüsiert haben. Wir findens nur noch niedlich.
Allerdings deutet der Name „Junior“ darauf hin, dass es sich um ein Kind, also einen Nachkommen von Menschen, handelt. Der Computer wird dadurch vermenschlicht. Das ermöglicht es, ihn in eine Beziehung zu Mann (Bill) und Frau (Mary Ann) zu setzen, die schon bald eigene Kinder haben werden. Insofern ist Junior ein Vorgrif auf ihre sexuelle Beziehung. Der Computer also als Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln? Schön wärs.
_4) Arthur C. Clarke: „Die neun Milliarden Namen Gottes“ („The Nine Billion Names Of God“, 1953)_
Britische Computerwissenschaftler erhalten vom Lama eines tibetischen Klosters (denn damals war Tibet noch nicht von den Chinesen besetzt) den Auftrag, einen Rechner mit einem speziellen Programm zu liefern und vor Ort in Tibet zu betreiben. Der Mark V soll keine Zahlen knacken, sondern mit lediglich neun Zeichen die neun Milliarden Gottes buchstabieren. Den Zweck der Übung erfragt der Vertriebsbeauftragte lieber nicht. Der religiöse Charakter des Auftrags ist offenkundig.
Doch vor Ort machen sich die zwei Techniker nach Monaten des Buchstabendruckens allmählich Sorgen. Der Abt hat einem von ihnen gesagt, schon in wenigen Tagen werde der Auftrag beendet sein. Ja, und was passiert dann? In einem Anfall von Redseligkeit verrät es der Abt: Der Auftrag der Mönche, die Namen Gottes zu buchstabieren, sei erfüllt, Gott sei’s zufrieden und der Zweck seiner Schöpfung somit erfüllt. Ja, und was kommt danach, will der Techniker wissen? Wieso, fragt der Abt, danach kommt ein neues, ein anderes Universum …
|Mein Eindruck|
Hm, neun Milliarden: Das sind 9×10 hoch 9. Kann man diese hohe Zahl wirklich mit nur neun Zeichen erreichen? Dafür gibt es einen simplen Algorithmus, der mit neun hoch neun beginnt, womit die erste Permutation ausgeführt wird. Und danach folgen noch viele, viele weitere.
Aber das ist nebensächlich. Interessant ist an der Kurzgeschichte, dass der Autor, ein damals bekannter Ingenieur und Erfinder des Satelliten (1947), hier modernste Rechentechnik (der Mönch rechnet allerdings noch mit einem Abakus) und Religion bzw. Mystik miteinander verknüpft. Computer als Mittel zur Erkenntnis der Schöpfung? Das kann offenbar auch ins Auge gehen, allerdings mal wieder anders als erwartet.
_5) James E. Gunn: „Die Unsterblichen“ („The Immortals“, Novelle mit 54 Seiten)_
200 Jahre in der Zukunft. Die großen Städte der USA haben sich eingeigelt wie im Mittelalter und das Land, das den Baronen gehört, wird von deren Burgen beherrscht. So wie der von Gouverneur Weaver. Das Land jedoch wird nicht etwa von den Rittern der Barone beschützt, sondern ist den Gesetzlosen überlassen, den Leichenfledderern und Organhändlern. Denn das höchste Gut, das sich die Menschen vorstellen können, ist Unsterblichkeit – und wenn sie nur in einer Organverpflanzung besteht.
Überall herrscht Krankheit, denn Medizin ist teuer geworden. Das Medizinische Zentrum von Kansas City wuchs im Laufe der Jahre ständig weiter, bis es jetzt fast hunderttausend Mitarbeiter beherbergt. Einer davon ist der 18-jährige Arzt Harry Elliott, der eine Schnellausbildung durchlaufen hat. Er hantiert mit Diagnosemaschinen und verschreibt Medikamente; das ist sein Begriff von Medizin.
Eines Tages beobachtet er von seinem Fenster aus, wie unter am Tor der festungsartigen Klinikmauer ein Überfall stattfindet: Ein eskortierter und bewaffneter Patienten- und Medikamententransport – wahrscheinlich das Unsterblichkeitselixier – wird überfallen. Harry eilt hinunter und rettet drei Menschen aus der Ambulanz: einen alten, blinden Mann, einen Jungen und ein junges Mädchen, das aussieht wie dreizehn. Er lässt sie versorgen und geht zu Direktor Mork.
Mork hat einen ungewöhnlichen Auftrag für ihn. Er soll die drei Patienten zur Burg von Gouverneur Weaver geleiten und eine Botschaft überbringen, aber nicht als Arzt, sondern als unauffälliger Normalbürger. Alle anderen Versuche, zu Weaver durchzukommen, seien gescheitert; die Telefonverbindungen seien gekappt worden. Deshalb muss Elliott persönlich gehen, um die Botschaft zu überbringen. Und der Alte sei ein Heiler, den Weaver angefordert habe.
Damit aber das Mädchen nicht fliehen kann, lässt er Elliott einen simplen Armreif verpassen – das Gegenstück zu dem des Mädchens. Beide sind elektromagnetisch miteinander verbunden. Außerdem sind die Armbänder intelligent: Je mehr sich die beiden Bandträger voneinander entfernen, desto stärker wird der nervliche Schmerz, den der Armreif auf seinen Träger ausübt. Schon bald merken Harry und Marna, das Mädchen, dass diese Verbindung genauso funktioniert, wie beschrieben: Der Schmerz ist kaum auszuhalten. Folglich suchen sie ihre gegenseitige Nähe. Aber Harry soll sich bloß keine Schwachheiten einbilden, warnt sie ihn.
Kaum hat man sie widerwillig an der Stadtmauer passieren lassen, merken sie, dass sie in einem unsicheren Land leben. Aber seine drei Begleiter retten Harry mehrfach das Leben. Sie kennen sich hier draußen aus und haben schon etliche Gefahren überstanden. Jeder einzelne der drei entpuppt sich als eine Überraschung. So kommt Harry aus dem Lernen nicht mehr heraus, bis er die Burg des Gouverneurs erreicht. Doch wird die Gruppe mit blauen Bohnen empfangen …
|Mein Eindruck|
Der in den 70er-Jahren als Herausgeber einer Geschichte der Sciencefiction bekannt gewordene Autor James Gunn weiß den Leser mit einer flott erzählten Geschichte voller gefährlicher Abenteuer zu unterhalten. Aber hinter dieser geschickten Erzählstrategie verbirgt sich eine kritische Warnung. Wenn die Medizin und das Gesundheitswesen weiterhin so wachsen, werden sie bald alle finanziellen und wirtschaftlichen Ressourcen des Landes verschlingen.
Dann werden alle anderen Fertigkeiten verkümmern, die Bürger werden abhängig von den Wohltaten der Privilegierten: den sogenannten Unsterblichen. Es wird Verbrechen wie etwa Organraub und Kopfgeldjagd geben, von den üblichen wie etwa Menschenjagd und -handel ganz abgesehen. Diese Verbrechen kommen uns heutzutage bereits alltäglich vor, zumindest in erfindungsreichen Thrillern. Und das Wachstum der Medizin kann jede Krankenkasse bezeugen.
Was an dieser Story Sciencefiction ist, besteht in den drei Gefährten Harry Elliotts. Marna und Christopher, der Junge, können winzige Mikrofone und Videokameras erspüren sowie eigene Fallen aufstellen. Außerdem ist Marna selbst eine „Unsterbliche“. Der Interessante der drei ist hingegen Pearce, der Heiler. Ein sechster Sinn verleiht ihm die Fähigkeit, Leiden durch Berührung zu diagnostizieren, was Harry erst einmal als Hokuspokus abtut. Aber er kann noch viel mehr, was hier nicht verraten werden soll.
_6) Richard Wilson: „Der neue Job“ („Helping Hand“)_
Jack Norkus, ein Agent für Künstler, ist pleite und wendet sich an seinen Kumpel Buddy Portendo. Der kann ihm helfen und nimmt ihn mit in den meilenhohen, fast leerstehenden Wolkenkratzer von Chicago. Anders, als die Leute glauben, sind nach der Wirtschaftskrise nicht bloß die untersten zehn Stockwerke bewohnt, sondern auch ganz oben gebe es Leben, meint Buddy.
Der neumodische Antigravschacht bereitet Jack zunächst ein wenig Schwierigkeiten, aber die Nachahmung Buddys bringt dann auch ihn ganz nach oben ins 528. Stockwerk. Als Erstes begegnet ihm ein Monster, das aber ganz friedlich vorbeischlendert. Agenturen und Filmgesellschaften sind hier einquartiert, also muss man wohl mit solchen schrägen Typen rechnen. Er hätte aber wenigstens die Maske abnehmen könne, findet Jack. Das sei sein echtes Gesicht, entgegnet Buddy und bringt Jack zu dem Gedankenleser, den Jack für eine TV-Show sucht.
Doch Jack findet Mr. Okkam, den schwarzen blubbernden Tintenfleck, so abgrundtief hässlich, dass die beiden nicht zusammenkommen. Weiter zum nächsten Agenten. Allmählich checkt Jack, was hier läuft: Außerirdische, jede Menge davon. Wollen sie die Erde erobern? Mitnichten, beruhigt ihn Buddy, denn nicht jeder, der Ameisen studiert, will König vom Ameisenhaufen werden.
Schließlich bekommt Jack einen Gedankenleser vermittelt – und nimmt selbst einen Job als Erdenmonster an, bei der Extraplanetaren Filmgesellschaft. Er soll lächeln …
|Mein Eindruck|
Die Moral von der Geschicht‘ ist ebenso einfach wie pazifistisch: Nur weil die Außerirdischen bzw. anderartigen Erdenbürger anders aussehen als der Durchschnitt, heißt das noch lange nicht, dass man sie rumschubsen, angreifen oder gar töten könne. Und das gilt umgekehrt genauso. Im Endeffekt haben beide Seiten etwas von dem Kontakt: Die Fremden finden hier neue Verwirklichungsmöglichkeiten, und Loser wie Jack bekommen auch mal einen Job bei den Fremden, den sie auf der Erde lange hätten suchen müssen. Es ist eine Win-Win-Situation, ganz einfach.
_7) Alfred Bester: „Die Nummer mit dem Verschwinden“ („Disappearing Act“)_
General Carpenter ist ein Militärexperte für Public Relations. Er zettelt den Krieg für den Amerikanischen Traum an, und er kriegt ihn. Nach dem ersten atomaren Schlagabtausch müssen die Menschen in den Untergrund gehen. Etwa im Jahr 2112 stößt die Verwaltung auf ein merkwürdiges Phänomen in einem der vielen amerikanischen Militärhospitäler: Trakt T ist gar kein regulärer Trakt. Tatsächlich sollte er gar nicht existieren. Und keiner weiß, was sich darin befindet.
Wirklich keiner? General Carpenter, Herr über sämtliche Experten der Streitkräfte, lässt den zuständigen Psychotherapeuten Dr. Edsel Dimmock herbeischaffen. Der drukst herum, und das kann General Carpenter überhaupt nicht leiden. „Raus mit der Sprache! Welche Fälle liegen in Trakt T?“ Endlich rückt Dimmock mit der Sprache heraus: Leute, die verschwinden.
Was soll das heißen, fragt der General. Nur das: Wir wissen nicht, wohin sie verschwinden, aber sie bleiben immer länger fort. Carpenter lässt drei der Verschwindibusse einfangen, unter Drogen setzen und ausquetschen. Sie verschwinden bloß wieder, kehren gleich wieder zurück und ebenso unbrauchbar wie zuvor. Auch die Dimmock-Folter nützt nichts.
Der General lässt sechs seiner Experten in Trakt T einschleusen. Sie stoßen auf den Namen Jim Brady. Ein weiter Experte benennt Diamond Jim Brady als bekannten Boxer des 20. Jahrhunderts. Es gibt weitere Hinweise: auf einen gewissen Präsidenten Eisenhower und einen Autobauer namens Henry Ford. Historische Figuren oder nicht? Carpenter lässt einen Historiker aus einem der Arbeitslager kommen.
Professor Scrim war ein Philosoph, der den Fehler machte, den Krieg für den Amerikanischen Traum anzuzweifeln. Wie auch immer, er soll sich jetzt diese Sache ansehen. Diese „Sache“ kommt Scrim immer kurioser vor, je länger er sich damit beschäftigt. Sein Rapport verblüfft den General: „Zeitreisende?“ Eine unglaubliche Waffe, meint der General, und sämtliche Experten pflichten ihm bei. Wenn man eine Armee per Zeitreise hinter feindliche Linien schicken könnte, noch bevor die Schlacht überhaupt angefangen hat. Wow! Die Möglichkeiten übersteigen den Verstand.
Nicht bloß einfache Zeitreisende, wendet Scrim ein , sondern Leute, die in eine Zeit reisen, die ihren eigenen Träumen entspricht: Anachronismen en masse sind die Folge. „Da haben Sie Ihren Amerikanischen Traum, Sir“, meint Scrim. Aber wie könnte man gewöhnlichen Leuten diese Fähigkeit verleihen, will der General wissen. Scrimm antwortet, dass ein Poet dies wohl vermöge. General Carpenter lässt einen Poeten suchen. Er wartet bis heute, dass einer gefunden wird …
|Mein Eindruck|
In seiner unnachahmlichen Art demonstriert Alfred in dieser berühmten Erzählung, wie sich Expertentum und Poesie konträr gegenüberstehen. Der Poet bzw. kreative Künstler vermag Träume in konkrete Formen umzusetzen, doch der Spezialist wird nur mit totem Wissen abgefüllt, das nur einen Zweck hat: abgerufen zu werden. Experten werden stets als gehärtete und geschärfte Instrumente dargestellt. Doch für den Poeten gilt, er sei der Einzige, der zwischen den zeitreisenden Schockpatienten und Carpenters Experten vermitteln könne.
Die umwerfende, bittere Ironie besteht nun darin, dass der Krieg des Generals, den er für den „Amerikanischen Traum“ zu führen behauptet (es könnten genauso gut „bessere Mausefallen“ sein) dazu geführt, genau diesen Traum abzuschaffen – und die Träumer obendrein. Diese sind einerseits „Poeten“, andererseits solche Schockpatienten, wie sie im Trakt T vorzufinden sind; falls man sie antrifft.
Eine Komponente fehlt noch, die ich nicht erwähnt habe. Es gibt drei sehr schöne Szenen, in denen drei der Patienten des Trakts T in der Vergangenheit auftauchen, um dort zu wirken. George Hammer ist ein wichtiger Politiker des viktorianischen London und nennt Disraeli seinen Freund. Lola Machan ist eine Mata Hari in der Epoche des Julius Caesar und prophezeit dem Diktator Roms einen baldigen Tod. Und Nathan Riley hat Wetten abgeschlossen, die im 20. Jahrhundert allesamt große Gewinne abwerfen, sodass er dem jungen Henry Ford helfen kann, das Automobil nicht nur zu erfinden, sondern auch in Massen zu produzieren.
Alles in allem ist die Story eine der besten der gesamten Fünfzigerjahre, und das will angesichts der Konkurrenz durch Philip K. Dick und Robert Silverberg einiges heißen.
_Die Übersetzung_
Auf Seite 57 heißt es „Internistenzeit“. Nun fällt es mir schwer zu glauben, dass ein 18-jähriger Arzt schon Internist sein kann. Ich halte es für möglich, dass der Übersetzer das englische Wort „internship“, was „Praktikum“ bedeutet, verwechselt hat.
Auf Seite 58 heißt es „luschte“ statt „lutschte“. Solche Druckfehler kommen ab und zu vor, aber nicht in störendem Maße.
_Unterm Strich_
Die besten Beiträge dieses Bandes sind zweifellos die Novelle von James Gunn sowie die Story von Alfred Bester. Hier gibt es reichlich sozialkritische Ansätze zu finden, und Bester wagt es, das Militär selbst anzugreifen. Gunn warnt hingegen vor einer Übertreibung des Wachstums des medizinischen Sektors.
Diese spannend verpackte Kritik findet ihr Gegengewicht in mehreren humorvollen Storys. Dazu gehört die Erste, von Henry Kuttner und C. L. Moore geschriebene, dann die von Isaac Asimov, die Alien-Story von Richard Wilson – und möglicherweise die von Arthur C. Clarke. Aber es soll ja Leute geben, die das Ende dieses Universums nicht so wahnsinnig lustig finden würden. Sie würden sich wahrscheinlich im nächsten nur schwer zurechtfinden. Asimov und Wilson lieferten in meinen Augen die schwächsten Beiträge dieser Auswahl ab.
Die psychologisch ausgereifteste Erzählung stammt eindeutig von Judith Merril. Sie beleuchtet die seelische Lage eines Ehepaars vor dem Start des neuen Raumschiffs der Kolonisten, das zum Mars fliegen soll. (Damals galt der Mars noch nicht als so abweisend wie heute, sie Bradburys „Mars-Chroniken“.) Der Start des Schiffes bedeutet zugleich die Trennung des Paares und das Ende seiner gemeinsamen Träume, Pläne und Hoffnungen. Das verleiht diesem Ereignis eine ganz neue Bedeutung, die dem alten Klischee heinleinscher Pionier-Tage neues Leben einhaucht.
Für den deutschen SF-Leser des Jahres 1976 waren diese Originalbeiträge – allesamt Erstveröffentlichungen von 1953 – willkommenes Lesefutter, um sich einen Überblick über die Entwicklung des Genres in den Fünfzigerjahren zu verschaffen. Der Erfolg des TITAN-Formats mit seinen etwa zwei Dutzend Bänden gab Herausgeber Jeschke Recht. Auch die sorgfältige Übersetzung trägt noch heute zum positiven Eindruck bei. Die wenigen Druckfehler lassen sich verschmerzen.
Taschenbuch: 142 Seiten
Originaltitel: Star Science Fiction 1+2+4, 1953+1958/1976
Aus dem US-Englischen von Yoma Cap und Walter Brumm
www.heyne.de
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