Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Biermeyer, Thomas – Namenlose Wächter, Der

_Frisches Blut im deutschen Fantasy-Underground._

Die Fantasy-Szene wird überrannt von Tolkien-Nacheiferern, das ist nichts Neues, ebenso wenig wie der moderne |chique|, den einzelnen Völkern des Fantasy-Genres ein besonderes Augenmerk zu gönnen. Thomas Biermeyer gehört nicht zu ihnen, den „Me-Toos“, die auf ein aktuelles Konzept aufspringen, um einen Verlag auf sich aufmerksam zu machen. Der 22-jährige Wolfenbüttler hat kein „Die Zentauren“, „Die Balrogs“, oder „Die Waldnymphen“ geschrieben, er hat sich ein eigenes Konzept ausgedacht, hat Fantasy mit Science-Ficton und „Realwelt-Roman“ verknüpft und konnte damit den |Arrival|-Verlag für sich gewinnen:

_Geheimnisvolle Parallelwelt-Fantasy._

Charlie Auwalder ist 20 Jahre alt, seine Mutter ist gestorben und sein Vater daran zerbrochen. Auf diese Weise um seine Lebensfreude gebracht, sinniert Charlie trübsinnig in den Tag hinein und streift einsam durch die Wälder. Als ihn aber eines Tages die Müdigkeit überkommt, findet er nach seinem Erwachen seine Umwelt verändert vor. Halb neugierig und halb ängstlich macht sich Charlie daran, seine Umgebung zu untersuchen und findet ein militärisches Kampffahrzeug, dessen Besitzer aus nicht erkennbarem Grund erstarrt sind. Charlie beschäftigt sich mit dem Fahrzeug und erkundet bald das seltsame Land, in dem er sich befindet. Es scheint menschenleer zu sein, bis er eines Tages auf eine Festung stößt, vor der ein alter Mann von fremdartigen Kriegern angegriffen wird. Mithilfe seiner modernen Waffen schlägt Charlie die Feinde in die Flucht und hat sich so das Vertrauen des alten Mannes gesichert, der ein wichtiger Machthaber ist.

Weil sich auch mit Magie nichts über Charlies Vergangenheit herausfinden lässt (und Charlie ihnen Amnesie vorgaukelt, um nichts von seinem „normalen Leben“ berichten zu müssen), bekommt er den Beinamen „Namenloser Wächter“ und darf am Unterricht in der Festung teilnehmen. So erfährt er, dass er sich im Land Chomah befindet und erlernt den Umgang mit Ly’um, jener Kraftquelle, die die Bewohner von Chomah verwenden, um Magie zu erzeugen. Eines Tages jedoch, als sein Kumpel Jonathan im Wettkampf schwer verletzt wird, erleidet Charlie einen Blackout, träumt von der „realen Welt“, und als er wieder in Chomah erwacht, sieht ihn jeder verängstigt an, weil er sich in einen tobenden Berserker verwandelt hat, der nicht nur Jonathans Gegner vernichtete, sondern Jonathan beinahe gleich mit.

Das ruft einen düsteren Burschen namens Noctus auf den Plan. Er kämpfe auf dem Terrain der Dunkelheit, behauptet er, um die Kreaturen des Dunklen zu bekämpfen. Sein Wunsch sei es, dass Charlie seiner Vereinigung beitrete, um an diesem Kampf teilzuhaben. Charlie willigt ein und wird daraufhin zum Assassinen ausgebildet. Das ist auch bitter nötig, denn eines Tages fallen unbekannte Schattenwesen über Chomah her und lassen nur wenige am Leben. Charlie sieht seine Aufgabe darin, die wenig verbliebenen Menschen und Völker zu vereinen, um einen vernichtenden Schlag gegen die Schattenwesen auszuführen und um deren Geheimnis zu ergründen. Aber sein Weg ist mit Aufgaben und Prüfungen gespickt, wird von Misstrauen und Vorurteilen erschwert. Darüber hinaus erwacht er immer öfter in der „realen Welt“, aber auch dort scheint nicht alles so geblieben zu sein, wie es sollte …

_Gehversuch eines jungen Fantasten._

Thomas Biermeyer hat sich Mühe gegeben: Er hat sein Land Chomah mit unterschiedlichen Völkern besiedelt und Gilden ersonnen, die sich durch unterschiedliche Fähigkeiten auszeichnen. Es gibt Sympathien und Antipathien, Charlie muss sich durch eine Reihe von Widrigkeiten kämpfen, die Schattenwesen sind furchteinflößende Gegner; die Gründe für Charlies Erwachen in Chomah sind mysteriös, die Story entwickelt durch das Wachstum von Charlies Fähigkeiten einen gewissen Rollenspiel-Charme und die Idee mit der Zwischendimension Zél ist einfach nur klasse.

Auch hat Biermeyer meistens einen angenehmen Schreibstil, der Bilder erzeugt und Empfindungen auslöst, der außerdem versucht, moderne Sprache mit dem typischen Fantasy-Pathos zu verknüpfen. Letzteres gelingt manchmal, aber beileibe nicht immer. So trifft Charlie auf die geheimnisvolle Schönheit Luv, die „Jägerin“, und bandelt mir ihr an. Nur klingt das eher nach Single-Party-Dialog als nach Fantasy, und als Charlie dann später bei ihr landen kann, bricht der Autor nach einer angenehm sinnlichen Schilderung mit einem „Ihre Nippel waren steif“ so brutal aus aller Ästhetik heraus, dass es einem (zumindest mir) die Fußnägel hochrollt.

Die Figuren zeichnen sich zwar nicht wirklich durch Tiefe aus, sind aber sauber gezeichnet, und da stört es auch nicht weiter, dass man den Bösen an der schwarzen Kleidung und den Guten an der weißen erkennen kann, den Unsympathen an verfaulten Zähnen, an fettigen Haaren, aufgedunsenem Gesicht und kleinen Äuglein. Wichtig ist, dass die Figuren ihre Charaktereigenschaften durchhalten, dass sie einen eigenen Kopf haben und sich nicht vom Autor herumschubsen lassen, wie es ihm beliebt. Wenn man auch einräumen muss, dass manche Konflikte zwischen den Figuren schlicht Seifenoper-Charakter haben, besonders wenn es um Herzensangelegenheiten geht.

Ein deutlicher Schwachpunkt betrifft die Spannung. Thomas Biermeyer lässt den Entwicklungen ihre Zeit und das ist durchaus in Ordnung, nur bei den Schlachten, Kämpfen und Gefechten funktioniert es nicht. Kämpfe erscheinen lang und zähflüssig, weil sie der Autor ausgiebig schildert. Dagegen spricht prinzipiell überhaupt nichts, aber die Bilder, die Biermeyer verwendet, sind manchmal zu schwach, manchmal viel zu bemüht („Ein unglaublicher Schmerz durchfuhr mich. Dieses Mal war es mehr wie eine rostige Säge, mit der man versuchte, mir Organe zu entnehmen. Ich kam nicht umhin aufzuschreien.“ Und manchmal zu „erzählt“: („Sie […] waren so abartig entstellt, dass es mir grauste“).

Minuspunkte muss ich leider auch dafür verteilen, dass Thomas Biermeyer hin und wieder versucht, Humor in die Story einfließen zu lassen. Nichts gegen gelegentliche Augenzwinkereien, schelmische Bemerkungen oder schlagfertige Dialoge, solange sie organisch sind und zur Situation passen. Nicht zur Situation passt es jedenfalls, wenn eine ernsthafte Story bei einem lebensgefährlichen Kampf gegen ein bisher unbesiegtes Ungeheuer, plötzlich in skurrile Blödelei abrutscht.

Denn ernsthaft ist die Story schon, sie fußt auf einer Grundidee, die überaus solide ist, auch wenn man nicht unbedingt jede Auflösung unter „glaubwürdig“ verbuchen kann. Vor allem die „Realwelt-Auflösung“. Biermeyer hat während seines Romans sehr viele Zitate und Anspielungen auf Bücher und Filme eingebracht, was dem „Namenlosen Wächter“ durchaus einen zusätzlichen Charme verleiht, aber beim „Realwelt“-Schluss hat sich der Autor doch etwas arg von einem aktuellen Metzel-Blockbuster inspirieren lassen …

_Semi-Empfehlung mit Altersbonus._

So. Genug des Tadels. Diese obige Fazit-Passage liest sich hart, aber man muss die Begleitumstände beachten. Biermeyer hat Potenzial und Ambitionen, das zeigen nicht nur die vielen Illustrationen, die im Buch zu finden sind, sondern auch das liebevoll erdachte Universum. Seinen „namenlosen Wächter“ kann ich trotzdem nicht reinen Gewissens empfehlen, zu viele Schwächen sind darin, zu viele offene Fragen, zu viele stilistische und sprachliche Holprigkeiten und zu viele Längen. Das sind aber alles Dinge, an denen man arbeiten kann. Biermeyers Schreibe ist (noch) ungeschliffen und wird kaum anspruchsvolle Leser begeistern können, aber wer ein Herz für unverfälschten Underground hat, könnte an Biermeyers Ideen durchaus seine Freude haben. Eines darf man dabei ohnehin nicht vergessen: Der Autor hat es mit 22 Jahren geschafft, einen Roman zur Druckreife zu bringen, und mit diesem Altersbonus im Hintergrund, ist „Der Namenlose Wächter“ eine mehr als solide Leistung, die neugierig macht, was man von Thomas Biermeyer noch erwarten darf, wenn er sich erst mal freigeschwommen hat!

http://www.AnderweltVerlag.de

Feiler, Marion – Faron – König von Callador (Band 1)

_Ambitioniertes Projekt mit Multimedia-Unterstützung._

Jeder Tropfen Herzblut ist spürbar, wenn man auf Marion Feilers Homepage pilgert, um sich weitere Informationen zu verschaffen, über ihren aktuellen Fantasy-Zyklus „Faron“. So wird dort der interessierte Neuling ebenso wie der „alte Hase“ über die Welt Soramenis aufgeklärt: Der Stadtschreiber Xandos führt durch die einzelnen Seiten, gewährt dem Neugierigen einen genauen Blick auf die virtuelle Landkarte und zeigt ihm sehr ansprechende Grafik-Designs, die so gut wie alle Handlungsschauplätze zeigen (!!!), Szenen aus „König von Callador“ und auch Faron selbst, zusammen mit seinem Wolf Bargo und seinem Pferd Charr.

Die Autorin selbst beschreibt ihren Zyklus um den Antihelden Faron als „mittelalterliches Kriegsepos mit Fantasyelementen“, darüber hinaus als „(hobby-)psychologische[n] Versuch, den Leser mit Herz und Seele an einen Charakter zu binden, der vom üblichen Heldentyp dahingehend abweicht, dass er im Grunde abgrundtief böse, unberechenbar und grausam ist.“ Der Zyklus wird vier Doppelbände umfassen, von denen bisher dieser erste erschienen ist:

_Der Kriegsgott ruft zur Schlacht._

Trauer herrscht im Reiche Callador, hat es doch seinen König verloren und seinen rechtmäßigen Thronfolger ebenfalls, wie es scheint. Der nächste in der Thronfolge ist Faron, aber das Volk ist voller Zweifel, da er dem Kriegsgott Ashtor huldigt und das auch von seinen Untergebenen verlangt. Faron allerdings verdampft alle Zauderei mit seinem Charme, und bald weiß er ganz Callador in seinem Rücken, obwohl er grausame Opfer darbringt, um Gott Ashtor zu huldigen.

Es lassen sich jedoch nicht alle von Faron blenden: Andos, der beste Feldherr von Callador, legt sein Schwert nieder, Farons Mutter Sanida gibt nicht auf, den vermissten, rechtmäßigen Thronfolger finden zu wollen, und Farons Berater Hanár schließt sich dem an, weil er der Friedensgöttin Jishta huldigt und die Verehrung des Kriegsgottes für schändlich hält.

Faron lässt sich nicht aufhalten, er erobert andere Länder von Soramenis, mit Ashtors Hilfe, mit Hilfe des magischen Schwertes Naxan, dem Wolf Bargo und Charr, einem König unter den Rössern. Damit weitet er seine Macht aus und sichert sich die Loyalität seiner Bürger, die das Ränkespiel hinter seinem Charisma nicht erkennen. Dann allerdings wird Faron mit etwas konfrontiert, das er noch nicht kannte: Freundschaft. Zu seinem Knappen Flin und sogar zu seinem einstigen Gegner, dem Feldherren Andos, entwickelt er eine Bindung, die Kriegsgott Ashtor ganz und gar missfallen dürfte. Als dann auch noch die quirlige Naira in sein Leben tritt, ist es beinahe völlig um Farons kühle, egoistische Distanz geschehen …

Gerade in diesem Augenblick taucht der vermisste Garwin auf, meldet seinen Anspruch auf den Thron an und möchte, dass die Tempel von Ashtor verschwinden, auf dass die Friedensgöttin Jishta wieder über Callador wachen kann. Das ist aber nur ein Konflikt, der sich anbahnt; das Reich Sul lässt sich nicht so einfach einnehmen, wie Faron das gedacht hat, und gerade, als er die Hilfe seines Gottes am nötigsten hat, verscherzt er es sich vollends mit ihm und findet die Hauptstadt seines eigenen Landes als Schauplatz für einen Krieg zwischen den Göttern vor …

_Von Schlaglöchern und Autorendiktatur._

Ich bin ehrlich, ich habe diese Rezension lange vor mich hergeschoben. Wie gesagt, man spürt das Herzblut, das darin steckt, und die Grundvoraussetzungen, auf denen die Handlung fußt, sind gut ausgearbeitet: der Antiheld Faron zum Beispiel, ein manipulativer, charismatischer Volksverhetzer mit einem überaus grausamen Herzen. Aus seinem Plan, das Land Soramenis zu unterwandern, hätte man eine wirklich großartige Geschichte zaubern können! Die leidet aber leider an ein paar gewaltigen Schwächen.

Anfangs hat Faron einfach keinen würdigen Gegner; nicht nur, dass er mit seinem Charisma jeden um den Finger wickeln kann (und das in Lichtgeschwindigkeit), er hat noch sein magisches Schwert und den Gott, der ihm Wichtiges einflüstert. Zu all dieser Macht kommt noch des Fantasyromans schlimmster Dämon: die „kostenlose Magie“. Immer wenn sich dann doch echte Gefahr für Faron ankündigt – ein ebenbürtiger Gegner, ein kitzliger Konflikt –, wendet Faron das Blatt zu seinen Gunsten, indem er einen Zauberspruch aus dem Ärmel schüttelt, der allem eben einen Schritt voraus ist.

Leider ist auch das Universum nicht besonders tief gezeichnet: Es gibt einige wenige Reiche in Soramenis und jedes zeichnet sich durch ein recht begrenztes Spektrum aus: Thargonath etwa ist ein „armes Reich“: In dessen Hauptstadt gibt es keinen Schmuck und alles sieht trostlos aus. In Callador ist alles prunkvoll, jeder ist wohlhabend, so scheint es – Nuancen finden sich kaum. Das gilt auch für die Figuren. Manchmal sind sie einfach furchtbar naiv, Konflikte entwickeln sich oft dergestalt, als ob jede Partei nur um einen Zug voraus denken würde (König Chintos kommt Faron besuchen, lässt sich von ihm den unsicheren König vorspielen und entscheidet aufgrund dieses knappen Besuches, dass man Callador angreifen und unterwerfen kann, obwohl man sich vorher jahrelang vor der Macht dieses Reiches gefürchtet hat). Die Götter nicht zu vergessen. Es gibt eine Göttin des Friedens und einen Gott des Krieges. Punkt.

Dabei hat Marion Feiler gute Ideen, was ihre Figuren angeht, hält sie aber nicht durch! Faron ist ein Antiheld, der Sympathie und Grausamkeit vereinigt, aber er ist nicht glaubwürdig. Das liegt einfach daran, dass die Autorin manchmal unter der Brutalität ihrer Schöpfung zusammenzubrechen scheint, den Radiergummi herausholt und dem Fast-Sohn eines blutdürstigen Rachegottes plötzlich alle Fangzähne wegretouchiert – superscharfe Konflikte verlieren so ihren Biss, weil sie von der Autorin in zahmere Regionen geschubst werden. Das ist aber verdammt schade, denn Spannung aufbauen kann Marion Feiler vorzüglich! |[Vorsicht Spoiler]| Das nutzt aber nichts, wenn man sich denkt: Ach was. XY passiert doch eh wieder nix, ist viel zu sympathisch/wichtig, um zu sterben. So zeigt Faron seine Grausamkeit eben nur an (weitgehend) unwichtigen Nebenfiguren, und brutaler kann man Spannung und Glaubwürdigkeit einer Geschichte nicht meucheln. |[Spoiler Ende]|

Noch einmal: Die Geschichte um den zwiespältigen Faron hat Potenzial und Marion Feiler einen flüssigen, bildhaften Stil, der sich schön liest. Auch die Eckpunkte der Geschichte sind sorgfältig überlegt, aber der Weg dorthin leidet eben unter melodramatischen und naiven Schlaglöchern, folgt dabei häufig sehr deutlich dem Willen der Autorin und nicht dem der Figuren. Freunde figurenorientierter Fantasy sollten also die Finger von „Faron“ lassen. Das Experiment, Leser an eine zwiespältige und grausame Figur zu binden, ist George R. R. Martin mit Jaime Lannister um Welten besser geglückt, auch wenn ein Vergleich mit DEM Fantasy-Referenzwerk der aktuellen Stunde zugegebenermaßen etwas unfair ist.

Wer sich daran aber nicht stört oder Gefallen an der Gewissheit findet, dass superharte Konflikte nicht eskalieren, der wird von Farons rauem Charme sicherlich unterhalten, kann sich vor seinen Grausamkeiten gruseln, aber gleichzeitig in gefälligen Wendungen dahinschmelzen und in den Konventionen historisch angehauchter Fantasy schwelgen, die Marion Feiler tadellos umgesetzt und angewendet hat. Unter dem Strich bleibt also ein junges Werk einer jungen Autorin, über dessen Schwächen der beinharte Genre-Leser sicher hinwegsehen kann. Auch Zweifelnde brauchen sich nicht auf mein Wort zu verlassen und können sich einen eigenen Eindruck verschaffen, dank der zahlreichen Leseproben, die man auf der Homepage der Autorin abrufen kann.

_Ein Leben neben Callador._

Neben den drei Folgebänden des „Faron“-Zyklus arbeitet die Autorin übrigens an einem Gemeinschaftsprojekt mit vier Co-Autoren, das im „Ambra-Gem“-Universum spielen wird, jenem Universum, in dem Marion Feiler mit „Der Fluch der Zoderkas“ ihr Roman-Debüt gegeben hat. „Säule des Bösen“ wird das Werk heißen und laut der Autorin Folgendes enthalten: „Fünf Protagonisten, fünf Abenteuer und ein Ziel, nämlich die Säule des Bösen im düsteren Land der Tenebras.“ Ansonsten dürfen sich alle Faron-Verfallenen auf den nächsten Doppelband freuen: „Faron – König und Gott“ müsste laut Vorschau demnächst zu erstehen sein.

http://www.marion-feiler.de/

Wolfgang Hohlbein – Von Hexen und Drachen. Das große Wolfgang-Hohlbein-Buch

Bei dem Buch „Von Hexen und Drachen“ von Wolfgang Hohlbein handelt es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in den meisten Fällen nicht sehr kurz sind und nur sehr selten von Hexen oder Drachen handeln. Abgesehen davon, dass man bei einem solchen Titel tendenziell eher Fantasygeschichten erwarten würde, ist „Von Hexen und Drachen“ eine bunte Sammlung von überwiegend gelungenen Science-Fiction-Erzählungen. Die persönlichen Kommentare des Autors zu einzelnen Geschichten bilden eine gute Ergänzung und der Bericht seines Verlegers und Freundes Michael Schönenbröcher gibt einen interessanten Einblick in den privaten Alltag von Wolfgang Hohlbein.

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Blazon, Nina – Reise nach Yndalamor, Die (Die Taverne am Rande der Welten 1)

Mit der Woransaga hat sich Nina Blazon in die Herzen ihrer Leser geschrieben. Jetzt veröffentlicht |Ravensburger| den neuen Streich der erfolgreichen Autorin, „Die Reise nach Yndalamor“.

Der fast dreizehnjährige Tobbs wohnt bei Zieheltern in der Taverne am Rande der Welten und fragt sich jeden Tag aufs Neue, wer seine Eltern sind und wieso sie ihn in dem Gasthaus vergessen haben. Denn dieses Gasthaus ist kein normales. Viele Türe gehen in den Gängen der kleinen Kneipe ab und hinter jeder wartet ein anderes fantastisches Land, dessen Gäste gerne an die Tür von Dopoulos und Wanja klopfen.

Eines Tages wird in der Taverne eine Dämonenhochzeit ausgerichtet und Tobbs bekommt die Aufgabe, auf das vorwitzige Dämonenkind Sid aufzupassen. Sid schafft es, ihm zu entwischen, und als er hört, dass die Göttin Kali gerade auf einen Tee vorbeigekommen ist, wird er geradezu magisch von der Tür nach Yndalamor, wo Kali lebt, angezogen. Tobbs kann nicht verhindern, dass Sid den Streitwagen der Göttin, die auch die Zerstörerin genannt wird, klaut, und gemeinsam begeben sie sich auf eine kurze, aber erlebnisreiche Reise durch Yndalamor. Für Tobbs endet sie in der Stadt der Spiegel, wo er aus der Kutsche, die von einem fliegenden Monsterlöwen gezogen wird, fällt.

Er wird eingesperrt und soll als Menschenopfer dargebracht werden, aber Mamsie Matata, eine junge Frau, die in einen Spiegel gesperrt wurde, hilft ihm bei der Flucht. Doch nur, weil er frei ist, bedeutet das noch lange nicht, dass alles wieder gut wird. Kali wird gewiss böse sein, wenn ihr Gefährt nicht an Ort und Stelle steht, wenn sie von ihrem Tee zurückkommt …

„Kali? Moment, die kenne ich doch!“, wird der eine oder andere jetzt rufen, und tatsächlich: Die Göttin ist stark an die Gottheit aus dem Hinduismus angelehnt, die sowohl für Zerstörung als auch für Erneuerung steht.

Kali ist aber nicht das einzige bekannte Wesen in diesem Buch. Während Blazon in der Woransaga zumeist selbsterfundene Fantasiewesen ins Rennen schickte, verlässt sie sich dieses Mal lieber auf bereits Erfundene wie Banshees, Anguana oder auch Alastor, auch wenn nicht alle Wesen so bekannt sein dürften wie Kali. Im Anhang werden Wissenslücken geschlossen, was gerade für jüngere Leser sehr sinnvoll ist.

Allerdings schadet das dem Buch in keiner Weise. Blazons Fantasie entfaltet sich ungebremst, und so strickt sie, wie man es von ihr gewohnt ist, eine bunte, detailverliebte Welt, in der alles seinen Platz hat. Yndalamor und die Taverne, die beiden Hauptschauplätze des Buches, platzen vor lauter fantastischer und origineller Elemente aus allen Nähten, und es erstaunt immer wieder, wie lebendig und bunt Blazon ihre Bücher zu gestalten weiß.

Sie verzichtet dabei zumeist auf seitenlange Beschreibungen der fremden Wesen und lässt lieber die Geschichte für sich sprechen, was sehr geschickt ist und die temporeiche und spritzige Handlung vor unnötigen Längen bewahrt. Trotzdem wirkt gerade das Ende ein wenig aufgesetzt bzw. das zweite Ende. Denn nachdem Tobbs und Sid, die genauso schön ausgearbeitet sind wie die Welt und durch Bodenständigkeit glänzen, die Taverne erreicht haben, werden sie aufgrund eines Ereignisses wieder zurück nach Yndalamor gerissen. Was folgt, wirkt eher etwas belanglos und zu sehr auf actionreichen Abschluss getrimmt.

Das bedeutet aber nicht, dass die Geschichte vorher nicht spannend wäre, denn das ist sie. Gerade die vielen Details in Blazons Welten machen unglaublich neugierig auf den weiteren Verlauf der Geschichte, und das hohe Erzähltempo, das sie an den Tag legt, sorgt dafür, dass dem Leser überhaupt nicht langweilig werden kann.

Das Tempo manifestiert sich in Blazons Schreibstil, der sich, wie bereits erwähnt, nicht mit langen Beschreibungen aufhält und wenn doch, diese mit knapper, aber eindeutiger Wortwahl absteckt. Blazons Arbeit als freie Journalistin lässt sich gut erkennen in ihren klaren, strukturierten Sätzen, die manchmal humorvoll, manchmal sogar beinahe poetisch klingen. Eines sind sie aber immer: schön atmosphärisch. Blazon gehört tatsächlich zu den wenigen Autoren, die mit Worten Welten in den Köpfen der Lesern schaffen können, und das sei ihr hoch angerechnet.

„Die Reise nach Yndalamor“ ist in der Summe also ein sehr vergnügliches, buntes Fantasybuch für Leser ab elf Jahren, das aber auch dem einen oder anderen Erwachsenen Spaß bereiten wird. Blazons niveauvoller Schreibstil und die straffe Handlung werden dafür sorgen.

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Iain Banks – Der Algebraist

In einer Welt, in der die Menschheit in hauptsächlich zwei Wellen in die Galaxis vorgestoßen ist, steht das System Ulubis kurz vor einer Invasion. Man reist entweder dicht unterhalb der Lichtgeschwindigkeit und braucht Jahrzehnte für eine intergalaktische Reise, oder man benutzt die aufwändig installierten Wurmlöcher der Merkatoria, dem politischen Zusammenschluss der meisten Völker. Im Ulubis-System haben Angriffe von Merkatoria-Feinden das Systemwurmloch in einer spektakulären Aktion zerstört. Uralte Hinweise auf ein geheimes Wurmlochnetzwerk, dem die meisten Sonnensysteme angehören, gewinnen bei verschiedenen galaktischen Interessengruppen plötzlich an Bedeutung. Eine algebraische Formel, eine Transformation auf diese uralten Hinweise, soll den Zugang zu diesem Netzwerk ermöglichen – und diese Formel wird im Ulubis-System vermutet. Nicht nur die Invasoren schicken eine gigantische Flotte, auch die Merkatoria bringt ihre Streitkräfte auf den Weg. Ulubis bereitet sich auf schwere Zeiten vor …

Der »Langsamen«-Seher Fassin Taahk bekommt den Auftrag von höchster Priorität, auf dem Gasriesen Nasqueron nach der Transformation zu suchen. Fast alle Gasriesen der Galaxis werden von einem äußerst langlebigen Volk bewohnt, das bereits seit Milliarden Jahren existiert und den Aktionen der von ihnen sogenannten »Schnellen« – aller Völker mit Existenzerwartung von wenigen tausend bis Millionen Jahren – gelassen gegenübersteht. Selbst die Individuen dieses Volkes, der Dweller, leben oft mehrere Millionen Jahre. In ihren Forschungen verlangsamen sie ihre Denkgeschwindigkeit um ein Vielfaches, und »Langsamen«-Seher beherrschen diese Fähigkeit ebenfalls. Sie forschen in den unendlichen Bibliotheken der Dweller, um Wissenswertes für die Merkatoria zu entdecken.

Fassin Taahk ist einer der begabtesten Seher und entdeckte auf einem seiner Trips eben jene Hinweise auf die Transformation. Nun ist er derjenige, der mit Hilfe der Dweller oder auch gegen ihren Willen die algebraische Formel sicherstellen soll. Während dieses Einsatzes muss er sich mit vielen Problemen herumschlagen. Die Dweller führen ihn an der Nase herum, die Merkatoria attackiert ihn versehentlich und setzt ihn unter Druck, selbst unter den Dwellern gibt es Saboteure und nebenbei wird das System von einer Invasion heimgesucht …

Was sofort auffällt, ist die Komplexität dieses Romans und des Universums, in dem er spielt. Hier entwickelt Iain Banks eine Welt, die es sicher mit seiner »Kultur« aufnehmen kann. Vergleiche zwischen beiden mögen noch unangebracht sein, da sich das Kultur-Universum aus vielen Romanen zusammensetzt, allerdings kommt man aus eben diesem Grund nicht daran vorbei und ist beinahe genötigt, Banks an seinem umfang- und erfolgreichen Werk zu messen. Erleben wir hier den Beginn einer neuen großen Reihe, oder bleibt »Der Algebraist« ein eigenständiger Roman? Anfang und Ende packen die Geschichte ein und schließen sie ab, doch ist es wie bei so vielen guten Romanen, aus denen eine Serie gemacht wurde: Die Geschichte ist eingebettet in ein hochkomplexes, vielschichtiges, wundervolles und rätselhaftes Universum, dass es fast zu schade ist, nicht mehr hierüber zu erfahren.

Es gibt Aspekte, die unangebracht und wie Beiwerk wirken; zum Beispiel tritt schon auf den ersten 50 Seiten ein grausamer Diktator auf, dessen Grausamkeit Banks sehr deutlich beschreibt, wie es für ihn typisch ist. Im Zusammenhang mit der Geschichte wirkt diese Grausamkeit deplaciert. Es erweist sich aber als nötiges Element, um die Handlungen des Diktators bei seiner Invasion zu erklären und ebenso die Gelassenheit der Dweller und ihre Überlegenheit in Höchstform darzustellen.

Dagegen sind die Erlebnisse von Taince, Saluus und Fassin auf dem verbotenen Raumschiffswrack wirklich nur Beiwerk, was sich erst am Ende erschließt. Daraus entwickelt sich zwar eine schöne Geschichte über verschiedene Charaktere und ihren Weg, bis hin zur Rache (die Banks übrigens in ausnehmend gelungenem Stil schildert), trägt aber nicht ausschlaggebend zum Geschehen bei. Als Erklärung könnte man anführen, über diese Charaktere hätte man Einblick in die verschiedenen Bereiche wie Merkatoriaflotte, Ulubissystem kurz vor der Invasion und Dwellerwelt mit der Suche nach der Transformation. Die Beziehung zwischen diesen Charakteren ist interessantes Beiwerk, aber letztlich »ist es halt nur da, was das Gleiche ist, als wäre es nicht da«, um einen guten Freund zu zitieren. Vielleicht das i-Tüpfel. Aber: Während seiner Suche trifft Fassin mehrfach auf den Hinweis auf das »zweite Schiff«, auf dem die Transformation gefunden werden könnte. Dem Leser drängt sich der Verdacht auf, jenes Wrack, das Taince, Saluus und Fassin verbindet, könnte mit dem zweiten Schiff identisch sein, und man erwartet dadurch eine höhere Bedeutung für diese Episode. Vorstellbar wäre zum Beispiel, dass Saluus nun im Besitz der Transformation ist und es darüber zu einer Tragödie zwischen den Bekannten kommt. Diese Erwartung wird in keiner Weise erfüllt (auch nicht im Entferntesten), obwohl – es liegt im Ulubis-System, die Transformation wird im Ulubis-System vermutet – wer weiß? Vielleicht ist es ja wirklich das »zweite Schiff« …

Auch wenn der Umfang des Romans abschrecken mag oder Längen erwarten lässt, es lohnt sich uneingeschränkt, ihn zu lesen und in seinen phantastischen Tiefen zu versinken. Er ist spannend, unterhaltsam und steigert sich von der ersten Seite an bis zum Epilog, der nach altem griechischen Vorbild die Spannung ausklingen lässt. Mit diesem Roman hat Iain Banks ein Universum erschaffen, in dem die Fantasie keine Grenze findet.

http://www.heyne.de

Tobias O. Meißner – Das vergessene Zepter (Im Zeichen des Mammuts 3)

Band 1: „Die dunkle Quelle“
Band 2: „Die letzten Worte des Wolfs“

Mammut Ho!

Pünktlich ist er, Meister Meißner, hat er doch seinen Leser in einem Interview für das |phantastisch!|-Magazin versprochen, die Wartezeit zwischen den Mammut-Romanen nicht über ein Jahr hinaus auszudehnen, und voilà: Hier ist sie, die dritte von sieben Reisen, die das Mammut auf sich nehmen muss, um das Gleichgewicht der Götter, der Natur und der Menschen wieder in Einklang zu bringen.

_Raus aus dem Laufstall!_

Tobias O. Meißner – Das vergessene Zepter (Im Zeichen des Mammuts 3) weiterlesen

Cox, Greg – Underworld – Der offizielle Roman zum Film, Bd. 1

Seit vielen Jahrhunderten tobt in den Schatten der Welt der Sterblichen ein erbitterter Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen. Dank der Todeshändler, einer Vampir-Kriegerelite, gelang es den Blutsaugern, die Gestaltwandler fast vollständig auszulöschen. Doch die Lycaner geben sich keineswegs geschlagen. In Budapest, wo sich der Stammsitz der Vampire befindet, versuchen sie unter Führung des charismatischen Lucian, das Blatt doch noch zu ihren Gunsten zu wenden.

Dabei spielt in den Plänen der Wölfe der Mensch Michael Corvin eine zentrale Rolle. Der junge Amerikaner, der aus persönlichen Gründen nach Ungarn auswanderte, ahnt von alldem nichts, sondern muss verwundert und erschrocken feststellen, dass plötzlich einige sehr merkwürdige Leute irgendetwas von ihm wollen.

Zu diesen Leuten gehört auch Selene, die als ruhmreiche Todeshändlerin ihrem Clan viele Jahrhunderte diente und die sich auf eine verstörende Art zu Michael hingezogen fühlt; dass der junge Mann mittlerweile von einem Lycaner gebissen wurde und – sollte er die Infektion überleben – damit selbst zum Werwolf zu werden droht, macht die Sache für sie nur noch interessanter. So dauert es nicht lange, bis die beiden Seite an Seite gegen Blutsauger und Werwölfe kämpfen, wobei immer deutlicher wird, dass die eigentliche Gefahr von dem intriganten Vampir Kraven ausgeht; denn dieser Stellvertreter des Clan-Ältesten, Viktor, versucht mittels eines unheiligen Paktes, seinen Schöpfer zu beseitigen und die Macht über alle Vampire an sich zu reißen.

„Underworld“ ist ein weiteres Buch aus der stetig wachsenden Reihe der Film-Romane des |Panini|-Verlags. Da sich sein Autor, Greg Cox, beim Entwurf der Geschichte und der Charaktere sehr eng an die filmische Vorlage hält, bietet „Underworld“ Kinogängern kaum Neues, außer dass einige Figuren eine etwas nuanciertere und – im Vergleich zum Film – etwas anders akzentuierte Ausarbeitung erfahren. So ist Kraven hier eher ein bemitleidenswerter Möchtegern-Intrigant, dem von Anfang an sein gesamter Plan über den Kopf zu wachsen droht und der zu keinem Zeitpunkt Herr der Lage ist, die Selene des Buches ist einen Tick cooler und emotional kälter als die durch Kate Beckinsale verkörperte Todeshändlerin und einige Nebencharaktere dürfen sich in etwas mehr Wertschätzung sonnen.

Leser, die „Underworld“ noch nicht ins Kino oder vor den DVD-Player gezogen hat, können sich hingegen auf einen soliden, gut geschriebenen Urban-Fantasy-Roman freuen. Auch wenn die Story im ersten Moment an die „World of Darkness“ |White Wolfs| erinnert – dort prügeln sich ebenfalls Vampire, Werwölfe und anderes Kroppzeugs um die Vorherrschaft in „ihrer“ Welt -, so hat sie dennoch nichts mit jenem Hintergrund gemein: Abgesehen davon, dass ein gänzlich anderer Schöpfungsmythos für beide Spezies entworfen wird, sind „Underworlds“ Wesen weitaus menschlicher, kultivierter – sowohl in ihren Fähigkeiten, ihrer Ethik, als auch hinsichtlich ihrer Verwurzelung in der Welt der Sterblichen – als die Ungeheuer der |WoD|. Darüber hinaus entsprechen Werwölfe wie Vampire, was ihre Schwächen und Beschränkungen betrifft, durchaus den gängigen Klischees, wobei sich allerdings schnell herausstellt, dass in Zeiten von Hightech-Waffen diese Schwächen mehr als nur eine läppische Achillesferse sind.

Im Aufbau folgt der Roman – wie der Film – dem fast schon klassischen Schema, erst die Charaktere einzuführen, um dann – den Leser zunächst über die Hintergründe der Aktionen im Unklaren lassend – in einem langsamen, stetigen Anstieg des Spannungsbogens auf den durchaus explosiven, finalen Showdown zuzusteuern. Gerade in der ersten Hälfte des Buches ist dieses Vorgehen bedauerlicherweise mit einigen Längen verbunden, zumal die gesamte Geschichte für einen „Horror“-Roman eher unblutig und relativ „gore-frei“ erzählt wird. Auch sonst befleißigt sich der Autor eines unprätentiösen Stils, der sich nicht durch Wortgewalt und Schachtelsätze auszeichnet, sondern durch Lockerheit und gute Lesbarkeit. Insofern ist „Underworld“ durchaus ein Roman für die ganze Familie.

Fazit: Ein solider, mäßig dunkler Urban-Fantasy-Roman, der Kennern des Films zwar kaum Neues bietet, allen anderen jedoch für einige Stunden gute Mainstream-Unterhaltung garantiert.

© _Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Webb, Catherine – Lucifer – Träger des Lichts

Sam Linnfer ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Dass er ständig in schwarzen Klamotten rumrennt, ist dabei eher nebensächlich. Weit auffälliger ist die Tatsache, dass er offenbar nahezu jede Sprache der Welt spricht, und sei sie noch so exotisch. Und dabei sind die toten Sprachen noch gar nicht mitgerechnet. Ein paar gewisse Leute aber wären wohl am meisten an seinen Pässen interessiert: ein britischer, ein deutscher, ein kanadischer, ein russischer und ein schweizer Pass, und das alles auf drei verschiedene Namen!

Tatsächlich taucht eines Tages die Polizei bei ihm auf. Aber nicht wegen seiner Pässe, sondern wegen eines seltsamen Briefes. Der wurde nicht nur gleichzeitig an Sam Linnfer und Luc Satise adressiert – was Sam eher weniger wundert, denn Luc Satise ist einer seiner Decknamen – und enthält einen höchst eigenartigen Hilferuf. Zu allem Übel ist die Verfasserin inzwischen tot. Was die Polizei aber gar nicht hätte merken dürfen!

Kaum sind die äußerst misstrauischen Gesetzeshüter wieder verschwunden, beschließt Sam, der Sache auf den Grund zu gehen. Damit sticht er in ein Hornissennest …

|Personal|

Sam ist ein recht sympatischer Bursche. Das mag daran liegen, dass seine Familie ihn bereits vor Äonen rausgeworfen hat, sodass Sam den größten Teil seines Lebens auf der Erde und in der Hölle zugebracht hat. Offenbar sind dadurch einige höchst menschliche Züge an ihm hängen geblieben, so zum Beispiel die Treue seinen Freunden gegenüber oder auch eine gehörige Portion Mitgefühl für alle, die leiden müssen. Wie er zu seiner Verbitterung feststellen muss, wird diese Tatsachen aber von so gut wie niemandem zur Kenntnis genommen, denn einer seiner Brüder hat Sams Ruf ein für allemal gründlich ruiniert! Dabei ist Sam der Träger der einzigen Waffe, die die Welt noch retten kann: der Träger des Lichts. Lucifer. Das heißt aber nicht, dass er bereit wäre, sich von seinem Vater als Werkzeug benutzen zu lassen!

Angenehm an Webbs Charakterzeichnung ist, dass Sam trotz seiner Fähigkeiten und seiner mächtigen Waffe kein unschlagbarer Superheld ist. Das mag zum einen daran liegen, dass die Waffe selbst so etwas wie ein unangenehmes Rückschlagventil hat, das bei voller Ausnutzung den Tod des Benutzers verursachen wird, oder daran, dass herkömmliche Waffen Sam zwar nicht töten, aber sehr wohl schwer verwunden und damit zumindest längere Zeit außer Gefecht setzen können. Aber auch sonst kann man von Sam nicht sagen, dass er ein unfehlbares Ass wäre. Das sieht man zum Beispiel deutlich daran, dass ihm aufgrund seiner häufigen Abwesenheit die Herrschaft über die Gebiete der Hölle zu entgleiten droht. Eine höchst unangenehme Entwicklung, wenn man bedenkt, dass dort offenbar etwas versteckt ist, was seine Gegner unbedingt haben wollen!

Genau gesagt, suchen sie die Schlüssel der Pandora. Aus den verschiedensten Gründen haben es sich einige seiner Brüder in den Kopf gesetzt, Gier, Hass und Argwohn zu befreien und sie ihren Zielen zunutze zu machen, die allerdings ziemlich unterschiedlich sind. Andererseits spielen diese Unterschiede keine große Rolle angesichts der Tatsache, dass einer von ihnen nach dem vierten Schlüssel sucht! Er will Uranos freilassen, eine Wesenheit, die vor Chronos und seinen Kindern herrschte, von diesen aber weggesperrt wurde. Denn Uranos duldet keine vergehende Zeit, keine Bewegung, keine Veränderung. Uranos ist ein Zustand der Erstarrung, ohne Tod und gleichzeitig ohne Leben. Nur: Wer von Chronos‘ Kindern sollte eine solche Macht befreien wollen? Und wie kann man sie aufhalten? Um das herauszufinden, muss Sam kreuz und quer durch die halbe Welt reisen …

|Kulisse|

Ein wenig erinnert „Lucifer“ an einen James-Bond-Film. Der einzige Unterschied ist, dass Sam erst einmal herausfinden muss, worum es überhaupt geht.

Abgesehen davon ist die Umgebung, in der Sam sich bewegt, wesentlich bunter. Catherine Webb hat ihren Himmel mit so ziemlich sämtlichen Göttern bevölkert, die jemals in einer Kultur angebetet wurden, von ägyptischen über griechische und germanische Götter bis hin zu Buddha. Dazu kommen Inkarnationen wie Licht, Glaube, Frieden und Krieg, Liebe oder Chaos, und eine ganze Menge himmlischer Helfer wie Erzengel und Walküren. Die Hölle ist natürlich voller Dämonen, von denen allerdings nur ein einziger überdurchschnittlich viel Grips zu besitzen scheint, und das ist Beelzebub. Und auf der Erde wimmelt es von Anderen, womit Anderweltbewohner gemeint sind, allerdings nicht beschränkt auf die zugegebenermaßen vielfältigen Varianten des keltischen Kulturraumes, sondern auch Dschinns und andere Geister eingeschlossen. Sie alle können sich – je nach Machtumfang mehr oder weniger frei – zwischen den verschiedenen Ebenen Himmel, Erde und Hölle bewegen, indem sie magische Tore benutzen, was zwar schnell geht, aber dafür nicht unbedingt angenehm ist.

Diese bunte Mischung sorgte dafür, dass ich diese Jagd nach den Schlüsseln, die den Weltuntergang bedeuten, wesentlich amüsanter fand als herkömmliche Agententhriller. Dazu trug auch der lockere Schreibstil der Autorin bei, der unter anderem Sam eine recht menschliche Redeweise in den Mund legt. Die Handlung selbst schreitet zügig voran, und an den Stellen, die hauptsächlich dadurch gekennzeichnet sind, dass Sam mit den verschiedensten Verkehrsmitteln unterwegs ist, sind oft Rückblicke eingestreut, die nicht nur einen Blick auf Sams persönliche Vergangenheit werfen, sondern auch Strukturen und Verhältnisse innerhalb des Himmels klarstellen, sodass es niemals langweilig wird.

_Insgesamt_ empfand ich „Lucifer“ trotz der eher oberflächlichen Charakterzeichnung als angenehme und unterhaltsame Lektüre. Durch den Schwerpunkt auf der Mythologie liegt die Thematik ein wenig außerhalb der üblichen Fantasy-Pfade, die Handlung bietet Rätsel, Verfolgungsjagden, ein paar kurze Zweikämpfe – was sich hier eher auf die Anzahl der kämpfenden Parteien als die der beteiligten Personen bezieht – und sogar ein wenig Familiendramatik. Von der Errettung der Welt mal abgesehen, aber da kommt die Hauptsache ja erst noch …

_Catherine Webb_ gehört mit ihren zwanzig Jahren zur Riege der Jungautoren, ihr erstes Buch veröffentlichte sie 2002. Seither hat sie fünf weitere Romane geschrieben. Auf Deutsch erschienen außer „Lucifer“ bisher „Der Zauberer der Nacht“ und „Die Dämonen der Nacht“. Die Fortsetzung zu „Lucifer“, „Satan“, ist für Ende August dieses Jahres angekündigt.

http://www.bastei-luebbe.de

McGough, Scott / Girke, Hanno – Hüterin, Die (The Gathering: Kamigawa-Zyklus, Band 3)

[Outlaw 1864 (The Gathering: Kamigawa-Zyklus, Band 1)
[Der Ketzer 2645 (The Gathering: Kamigawa-Zyklus, Band 2)

Die politische und militärische Lage in Towabara wird täglich brisanter, denn die Soratami haben unter Führung des Mondgeistes Mochi den übrigen Völkern offen den Krieg erklärt und beginnen mit der systematischen Ausrottung der Schlangenmenschen in den Wäldern des Jukai. Derweil ist Daimyo Konda an der Spitze eines riesigen Geisterheeres auf der Suche nach dem seltsamen Artefakt, welches Toshi im Auftrag des “Myojin des Griffs der Nacht” aus Eiganjo entwenden konnte (vgl. Band 2: Der Ketzer); und auch O-Kagachi, der uralte Geisterdrache, will den gestohlenen Gegenstand zurück ins Geisterreich holen.

Vor diesem Hintergrund fällt es Toshi zunehmend schwerer, die Wünsche seines Gottes zu erfüllen und dabei zu überleben. Zuerst muss er „Es, das genommen wurde“ aus der Minamo-Akademie, wo er das Artefakt versteckte, vor dem todbringenden Wüten seines ehemaligen Eidbruders Hidetsugu, den Yamabushi und dem „Alles verzehrenden Oni des Chaos“ in Sicherheit bringen, dann der Yuki-Ona die Freiheit schenken und schließlich verhindern, dass die Steinscheibe Konda und O-Kagachi in die Hände fällt. Da er jedoch erstens nicht länger durch den Hyozan-Eid vor dem Troll-Schamanen geschützt ist, ihm zweitens sein Myojin verboten hat, „Es“ in sein Reich zu bringen, womit Toshi ein Flucht- und Reiseweg durch die Schatten verschlossen ist, und drittens das Artefakt zunehmend ein Eigenleben entwickelt, bedarf er aller seiner Künste als Dieb und Magier, um der Lage Herr zu werden.

Da er aber auch nur ein Mensch ist und sowieso dazu tendiert, Regeln sehr großzügig auszulegen, muss er zwangsläufig versagen. In einer äußerst brenzligen Situation flieht er durch das Reich seines Gottes, das Artefakt im Gepäck. Wutentbrannt entzieht ihm daraufhin der Myojin seine Gunst. Kampfentscheidender Fähigkeiten – Unsichtbarkeit, Schattenwandeln, Tödliche Kälte – beraubt, sieht Toshi nur einen Ausweg: Er muss die Scheibe zu den Fuchsmenschen und Prinzessin Michiko bringen, in der Hoffnung, dass deren Magie das, was im Inneren schlummert, erwecken kann, damit es sich selbst schütze.

McGough legt in seinem abschließenden Band das Hauptaugenmerk darauf, die bisherigen Handlungsstränge zu verknüpfen und zu einem überzeugenden Ende zu führen. Obwohl das Tempo hoch und die Seitenzahl knapp ist, leiden weder die Atmosphäre noch die Zeichnung der Charaktere, denn nach wie vor stehen nicht so sehr die Kämpfe selbst im Vordergrund als vielmehr Toshis Umezawas listiges und überlegtes Handeln. Stärker noch als im zweiten Roman dominiert dieser Charakter die nach wie vor exotische und fesselnde Geschichte und – wie gehabt – erwächst ein großer Teil der Faszination aus seiner Interaktion mit den anderen Protagonisten. Durch beißenden Spott, Schmeicheleien, Lügen und – zur Abwechslung auch mal der Wahrheit – entfaltet der Dieb eine manipulative Kraft, die ihresgleichen sucht. Dass er dabei nicht von Bosheit getrieben wird, sondern lediglich einen bequemen Platz in einer teils archaischen, teils sehr strukturierten und hoch zivilisierten Gesellschaft sucht, prägt sein Bild als sympathischen Non-Konformisten.

In der Figur Toshis manifestiert sich ein großer Vorzug aller Kamigawa-Romane besonders offensichtlich: Es gibt kein Schwarz und Weiß, keine engelhaft guten und keine teuflisch bösen Charaktere. Jeder, von Konda über Michiko bis hin zu Hidetsugu, hat eine helle und eine dunkle Seite. Konda strebt Macht nicht nur um ihrer selbst Willen an, sondern ist bemüht, seine Macht auch zum Wohle und zum Schutze seiner Untertanen in die Waagschale zu werfen, wobei er seinen Platz in der ersten Reihe der Kämpfer sieht. Michiko hingegen ist nicht nur naiv und freundlich, sondern auch zu äußerster Grausamkeit fähig, wie sie im finalen Kampf unter Beweis stellt. Doch trotz dieser Komplexität sind die Charaktere nicht beliebig, sondern durch und durch stringent in ihrem Handeln, gehen jeweils ihren eigenen, unverwechselbaren Weg. Genau dies spiegeln in herausragender Weise die letzten beiden Seiten eines Epilogs wider, welchen ich – ohne etwas verraten zu wollen und ohne zu zögern – zu den stimmigsten und besten zähle, denen ich bisher begegnet bin.

Fazit: Der würdige Abschluss einer erstklassigen Trilogie, die mit ihrer Originalität nicht nur ein – wenn nicht sogar das – Aushängeschild der Magic-Roman-Reihe ist, sondern auch das Fantasy-Genre im Allgemeinen bereichert.

© _Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Marzi, Christoph – Malfuria

Nachdem Christoph Marzis „Lycidas“-Trilogie zu Ende erzählt ist und auf ihre im März anstehende Hörbuchpremiere bei |Audible.de| wartet, ist der Autor aus dem Saarland nun mit einer neuen Fantasy-Trilogie am Start. Zugeschnitten auf eine etwas jüngere Zielgruppe, erscheint die Reihe im Jugendbuchverlag |Arena|. Mit „Malfuria“ legt Marzi für diese Reihe den Grundstein.

„Malfuria“ spielt in Barcelona und wie schon bei [„Lycidas“ 1081 bleibt die Zeit etwas unergründlich. Die Stadt wirkt altertümlich und (post)modern zugleich, eine Zeit voller Wunder und so unergründlich, dass sie für sich genommen schon sehr reizvoll wirkt.

Hier begleitet der Leser die junge, angehende Kartenmacherin Catalina und den Lichterjungen Jordi. Jordi sieht als Sohn des Leuchtturmwärters als Erster, was Unheilvolles auf Barcelona zusteuert: die |Meduza|, ein fliegendes Schiff, das die Schatten in die Stadt bringt.

Schon bald verlassen unheimliche Gestalten das Schiff: Schatten, die ihr Gesicht hinter einer Harlekin-Maske verbergen. Sie bringen Kälte und Dunkelheit in die Stadt und sind auf der Suche nach jemandem – nach Catalina, die in der Windmühle des alten Kartenmachers Marquéz lebt.

Und so muss Catalina fliehen. Unterwegs trifft sie auf Jordi, den sie unfreiwillig mit in die Geschichte hineinzieht. Zusammen versuchen sie den Schatten zu entkommen und machen dabei so manche abenteuerliche Bekanntschaft. Sie treffen El Cuento, den Wind, der ihnen bei der Flucht hilft, sie besuchen das mysteriöse Haus der Nadeln und sie entdecken ein lange gehütetes Geheimnis, das eng mit Catalinas Schicksal verknüpft ist: Malfuria.

„Malfuria“ ist eine Fantasygeschichte, die für Jugendliche wie Erwachsene gleichermaßen interessant ist. Dass Marzi über eine ausgesprochen rege Phantasie verfügt, hat er mit seiner „Lycidas“-Reihe hinlänglich bewiesen. Auch in „Malfuria“ gibt er wieder wunderbare Einfälle zum Besten, kreiert eine fantastische Atmosphäre und erzählt eine Geschichte voller Spannung und Magie.

Während „Lycidas“ zusammen mit seinen beiden Nachfolgebänden [„Lilith“ 2070 und „Lumen“ recht ausführlich und weitschweifig erzählt ist, kommt „Malfuria“ eher kompakt daher. Gradlinig und in flottem Tempo wird die Geschichte erzählt. Trotz der Kompaktheit entwickelt der Plot eine charakteristische Atmosphäre, die vielleicht nicht ganz so dicht ist, wie man es von „Lycidas“ kennt, aber dennoch spannend.

Die Figuren wirken lebendig und wachsen dem Leser schnell ans Herz. Die Welt, durch die sie sich bewegen, ist farbenprächtig und gespickt mit wundersamen Kreaturen und Orten. Ein erstes Highlight der Geschichte ist das Auftreten der Eistreter, die schattenähnlichen Kreaturen mit den Harlekin-Masken. Sie hätten auch gut in die uralte Metropole gepasst, die Marzi in „Lycidas“ beschreibt, und ähneln ein wenig dem Nebel, der in [„Lumen“ 3036 auftaucht und Unheil verbreitet. Sie wirken düster und unheimlich und sorgen für reichlich Spannung.

Obwohl sich nicht nur anhand der Eistreter Parallelen zu Marzis Vorgängerwerken ziehen lassen, ist „Malfuria“ kein „Lycidas“-Abklatsch. Zwar werden bestimmte Themen variiert, wie die Eistreter oder auch die Menschen mit den Münzenaugen, die an die Kinder mit Spiegelscherbenaugen in der Hölle von „Lycidas“ erinnern, dennoch ist „Malfuria“ ein eigenständiges Werk. Die Atmosphäre ist eben doch eine andere und Barcelona hat als Handlungsort noch einmal einen ganz eigenen Charme.

Der Plot ist gut aufgebaut. Nachdem Marzi die beiden Protagonisten Jordi und Catalina in die Handlung eingeführt hat, zieht er mit Catalinas überstürzter Flucht aus der Windmühle gleich die Spannungsschraube kräftig an. Was folgt, ist eine Flucht kreuz und quer durch Barcelona, auf der Catalina und Jordi sowohl unheimliche wie auch freundliche Begegnungen machen und die zum Ende hin geradezu rasant wird. Die unheimlichen Häscher sind den beiden dicht auf den Fersen, und für Catalina gibt es so manche schmerzhafte Erkenntnis zu verkraften.

Insgesamt schafft Marzi eine Ausgangslage, die für die im Juli anstehende Fortsetzung vielversprechend aussieht. Die Geschichte enthält noch einiges an Potenzial und die Weiterentwicklung der Hauptfiguren, insbesondere Catalina, verspricht interessant zu werden.

Alles in allem also ein durchaus vielversprechender Trilogieauftakt: sympathische Figuren, ein schöner Plot voller fantastischer Ideen, die beweisen, dass mit Marzi auch nach „Lycidas“ weiterhin zu rechnen ist. In der Riege deutscher Fantasyautoren verschafft er sich so ein hübsches Logenplätzchen. „Malfuria“ ist eine farbenprächtige und spannend erzählte Fantasygeschichte, der man eine große Leserschaft wünscht und die im Juli hoffentlich ebenso schön weitergeht.

http://www.malfuria.de/
http://www.arena-verlag.de/
http://www.christophmarzi.de

Gardner, Craig Shaw – Battlestar Galactica: Das Geheimnis der Zylonen (Band 2)

Passend zur Neuauflage der legendären Science-Fiction-Serie „Kampfstern Galactica“ erscheint nun bei |Panini Books| auch eine Buchserie, die sich mit neuen Schlachten zwischen Menschen und Zylonen beschäftigt. Nachdem vor kurzem bereits die offizielle Vorgeschichte in Romanform veröffentlicht wurde, beginnt die neue Reihe nun mit dem ersten Band „Das Geheimnis der Zylonen“. Allerdings beginnt sie auch schwächer als erwartet …

_Story_

20 Jahre nach dem Krieg gegen die Zylonen befinden sich die Kolonien immer noch in der Phase des Wiederaufbaus. Diese wird seit einiger Zeit verstärkt von einzelnen Plünderern genutzt, die quer durchs Universum ihre Beutezüge starten und vor allem bei den Vertretern der Kolonien auf Ablehnung stoßen. Einer von ihnen ist Tom Zarek, ein Verlierertyp, dessen letzter Ausweg ihn auf das Schiff des störrischen Kapitäns Nadu gebracht hat. Unter seiner Regie soll Zarek schon bald eine Mission zu einer seltsamen Raumstation machen, auf der zwei Piloten Nadus plötzlich verschwunden sind. Allerdings endet Toms erster Auftritt als Führungskraft in einer Katastrophe: Auf der merkwürdigen Forschungsstation befinden sich neben einem alternden Wissenschaftler auch einige Zylonen, die sofort durchschaut haben, dass die Plünderer Böses im Schilde führen und daraufhin kurzen Prozess machen. Als einzigem Überlebendem gelingt es Tom, seinen Transporter an einen entlegenen Winkel des Planeten, auf dem die Forschungsstation angesiedelt ist, zu fliegen, doch bevor er notlanden muss, kann er noch einen letzten Funkspruch übermitteln, der schließlich den Kampfstern Galactica auf den Plan ruft.

Dieser begibt sich mit voller Besatzung auf sofortigem Wege zu diesem versteckten Außenposten und schickt unter der Leitung von Admiral Sing erfahrene Leute wie Adama und Tigh zum Ort des Geschehens. Obwohl sich die zylonischen Kräfte ihnen gegenüber bei der Ankunft friedlich verhalten, spüren die beiden, dass hier etwas verdammt faul ist. Spätestens als dann ein längst tot geglaubter Zerstörer am Himmel erscheint und in Adama und Tigh Erinnerungen an die unerbittliche Schlacht gegen die Zylonen weckt, wird ihnen bewusst, dass ein weiterer Krieg gegen die Kampfroboter unmittelbar bevorsteht …

_Meine Meinung_

Nach den sehr positiven Eindrücken der kürzlich angelaufenen TV-Serie hatte ich mir von diesem Roman wirklich einiges erwartet. Und Craig Shaw Gardner lässt sich anfangs auch nicht lange bitten und kommt in allen drei untergeordneten Handlungseinheiten schnell auf den Punkt – bis zu der Stelle, an dem schließlich alle Beteiligten sich auf bzw. in der näheren Umgebung der Raumbasis befinden. Dann jedoch mangelt es an geschickten Überleitungen, um die zuvor ausgelöste Spannung aufrechtzuerhalten. In einem zähen Geplänkel marschieren Adama und Tigh durch die fremde Station, in der seit Jahren Zylonen und Menschen Seite an Seite gelebt haben, und immer wieder bekunden sie dabei ihr Misstrauen. Doch die Handlung wird parallel nicht mehr entsprechend vorangetrieben. Ähnlich verläuft es in der Geschichte um Tom Zarek. Kurz nachdem er das blutige Gemetzel zwischen seine ehemaligen Gefährten und den plötzlich auftauchenden Zylonen bezeugen musste und anschließend gerade noch flüchten konnte, werden seine Aktionen nach und nach belangloser und haben mehr etwas von einer permanenten Hinhaltetaktik als von einem spannungsvollen Sub-Plot, der nur darauf wartet, wieder in die Hauptgeschichte eingebunden zu werden.

Generell kippt die Handlung in der Mitte der Story mit der Abnahme der Action. Ging es zuvor noch mehrmals richtig rund, werden die Dialoge im zweiten Abschnitt des Buches stets langweiliger, weil sie einfach keine Informationen hergeben, die für die Geschichte wichtig sein könnten. Immerzu zeigt die eine Seite ihre Zweifel, während die andere beteuert, ihre Forschungen in friedlicher Absicht zu betreiben. Dieses permanente Hickhack hätte man sicher kürzer gestalten können, zumal dem Autor am Ende die Zeit fehlt, um den actionlastigen Höhepunkt gebührend auszukosten. Nachdem alle Stränge zusammengeführt wurden, kommt es nämlich erwartungsgemäß zum großen Aufeinandertreffen zwischen den Zylonen des Zerstörers und den Menschen von der Galactica, doch statt hier die epischen Ausmaße der Original-Vorlage aus den späten Siebzigern zu wählen, rasselt man zum Ende hin nur noch Fakten herunter und vernachlässigt somit sowohl die zunächst demonstrierte Detailverliebtheit als auch den wichtigsten Aspekt, die Spannung an sich. Zwar mögen die Dinge, die als Überleitung zum nächsten Roman berichtet werden, recht vielversprechend klingen, aber wenn dieser schwierige Weg es sein muss, der für einen solchen Cliffhanger erforderlich ist, dann wurde hier das Ziel verfehlt.

Immerhin, „Das Geheimnis der Zylonen“ hat seine Momente und lässt den begeisterten Galactica-Fan zumindest teilweise auf seine Kosten kommen. Der Moment zum Beispiel, als plötzlich ein ganzes Zylonen-Battalion auftaucht und die Plünderer alles andere als gebührend empfängt, bewirkt eine kurze Gänsehaut-Situation, weil man hier sofort ein entsprechendes Bild vor Augen hat. Aber von diesen kurzen Blitzlichtern kann leider nicht die komplette Geschichte zehren.

Dementsprechend enttäuscht darf man letzten Endes auch von diesem schwachen Auftakt sein, wenngleich nach den Ereignissen der letzten Seiten von „Das Geheimnis der Zylonen“ der kleine Hoffnungsfunke bestehen bleibt, dass man in der Fortsetzung dann richtig loslegt. Hoffentlich – es wäre wirklich schade, wenn das Qualitätssiegel Galactica durch eine vergleichbar schwache Romanserie getrübt würde.

http://www.paninicomics.de

Foon, Dennis – Stadt der vergessenen Kinder, Die (Das Vermächtnis von Longlight, Band 2)

Band 1: [„Die Stunde des Sehers“ 2211

Roan hat fast schon zu hoffen gewagt, dass es ihm und seinen Freunden gelungen wäre, die Kinder aus Fairview in Sicherheit zu bringen. Doch eines Tages fallen die Kinder aus heiterem Himmel alle gleichzeitig in Ohnmacht, und alle Versuche Alandras, sie wieder aufzuwecken, scheitern. Roan erkennt, dass er sich aus seiner Deckung hervorwagen muss, will er den Kindern helfen. Und schließlich ist da ja auch noch seine Schwester Stowe, die er retten muss …

Stowe wurde von den Meistern darin ausgebildet, ihre Fähigkeiten einzusetzen. Doch obwohl sämtlichen Meistern bewusst ist, dass Stowes Kraft schon jetzt die ihre weit übersteigt, sind sie sich doch nicht über das Ausmaß ihres Könnens im Klaren: Stowe kann ihren Körper verlassen! Und auf diese Weise entdeckt sie, dass sie die ganze Zeit, seit sie in Metropolis ist, belogen und benutzt wurde. Sie beschließt, sich zu rächen, aber das ist nicht einfach, wenn man keiner Menschenseele trauen kann. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass sie süchtig ist. Nach Staub …

Schon dieser kurze Inhaltsabriss zeigt, dass die Handlung, die sich im ersten Band noch nahezu ausschließlich um Roan drehte, diesmal zweigeteilt ist:

Roan ist durch die Ereignisse des ersten Bandes bereits ziemlich gereift. Er hat Entscheidungen getroffen, Verantwortung übernommen. Das heißt aber nicht, dass er nicht immer noch dazu lernt! Unter anderem sieht er sich durch die Ereignisse gezwungen, seine Ansichten über die Bluttrinker zu revidieren. In der Art, wie er mit seinen neuen Erkenntnissen umgeht, zeigt sich deutlich das Potential, das zu nutzen er letztlich gezwungen sein wird. Denn seine Bestimmung ist es, Krieg gegen Metropolis zu führen. Und das, obwohl er sich jetzt schon zwischen seinen beiden Hauptverpflichtungen – dem Schutz der Kinder und der Rettung seiner Schwester – zu verzetteln droht, und obwohl er die Anwendung von Gewalt in seinem Innersten noch immer vehement ablehnt.

Stowe taucht zum ersten Mal als eigene Person mit Gedanken und Gefühlen auf. Sie ist ein überaus mutiges Mädchen und sehr charakterstark, ihre einzige Schwäche ist ihre Sucht nach Staub. Unter dem Druck der feindseligen Umwelt, in der sie sich befindet, ist sie noch schneller gereift als ihr Bruder. Tatsächlich ist zwischen Stowe und ihrem Bruder kein großer Altersunterschied mehr zu spüren, obwohl sie vier oder fünf Jahre jünger ist als Roan. Aber natürlich wurde ihr von ihren Lehrern nur das beigebracht, was sie unbedingt lernen musste, um die Aufgaben zu erfüllen, die die Meister nicht selbst bewältigen können, weil ihnen die Fähigkeiten dazu fehlen. Daraus resultiert eine gewisse Unerfahrenheit, die Stowe trotz ihrer Stärke zunehmend in Bedrängnis bringt …

Neben Stowe bringt der zweite Handlungsstrang auch noch andere Personen ins Spiel:

Kordan, einer von Stowes Lehrern, ist dagegen ein ziemlicher Hanswurst. Seine Fähigkeiten sind eher mäßig, dafür ist sein Charakter umso mieser, geprägt hauptsächlich von Feigheit und Neid gegenüber Stowe.

Willum, ihr anderer Lehrmeister, dagegen ist absolut undurchschaubar. Er behandelt Stowe freundlich und geduldig, gibt aber nicht das Geringste von sich preis. Es ist schwer, ihn nicht zu mögen, aber trauen will man ihm auch nicht so recht.

Der wichtigste Neuzugang ist Darius, der Bewahrer und Erzbischof der Stadt Metropolis. Seine Herrschaft trägt durchaus Anzeichen von Irrsinn – Kinder werden verschleppt und als Ersatzteillager missbraucht, nur um die herrschende Klasse uralter Greise am Leben zu halten! Die Bewohner der Stadt, über die er der nahezu uneingeschränkte Alleinherrscher ist, sind fast alle durch eine Art implantiertem Computerchip gleichgeschaltet. Die Stadt selbst ist sowohl auf realer Ebene als auch im Traumfeld nach außen hin geradezu verbarrikatiert. Dennoch kann man Darius nicht direkt als größenwahnsinnig bezeichnen. Seine Ziele – Unsterblichkeit und absolute Kontrolle über uneingeschränkt alles – mögen aberwitzig sein, er selbst aber ist völlig klar im Kopf, kalt, berechnend und skrupellos, und das macht ihn nur umso gefährlicher! Mit Darius und seiner Stadt Metropolis hat der bisher so anonyme Feind ein Gesicht bekommen.

Und nicht nur der Gegner hat sich deutlicher herauskristallisiert, auch der geschichtliche Hintergrund wurde präziser beleuchtet. Stowe fragt Willum und erhält einige Antworten, Roan findet auf seinem Weg mit dem Geschichtenerzähler einige Dinge heraus. Die verschiedenen Gruppen, denen Roan bisher begegnet ist – sein eigenes Dorf, die Bewohner der Oase, die Brüder und Kiras Dorf -, werden allmählich in Zusammenhang zueinander gesetzt. Das Bild, das daraus entsteht, zeigt: Der verheerende Krieg, der das Land so vollkommen zerstört hat, ist noch gar nicht zu Ende! Und jede der Gruppen, die darin verwickelt ist, scheint ihr eigenes Süppchen zu kochen. Mit diesen Leuten soll Roan gegen Metropolis in den Krieg ziehen? Dann hat er aber noch eine ganze Menge Arbeit vor sich!

Ein zusätzlicher Effekt, den die Einbettung der Ereignisse in einen historischen Zusammenhang mit sich bringt, ist die Vermeidung von Schwarz-Weiß-Effekten. Das Tun der Charaktere rund um Roan und Beule wird nachvollziehbarer, macht sie menschlicher. Auch die „Guten“ sind nicht perfekt, und die „Bösen“ waren zumindest früher einmal Leute wie alle anderen auch. Bei manchen, wie zum Beispiel Saint, ist es gar nicht möglich, sie eindeutig der einen oder anderen Seite zuzuordnen.

Eine interessante Facette des Buches bildet der Staub. Dieser Stoff, den die Staubesser benutzen, um das Traumfeld zu erreichen, stammt nicht ursprünglich von der Erde und ist deshalb begrenzt. Seine Beschreibung klingt wie die einer bewusstseinserweiternden Droge. Der Streit um die Folgen, die sich aus seiner Benutzung ergaben, war der Auslöser für den Krieg. Roan allerdings besitzt die Fähigkeit, das Traumfeld ohne Staub zu erreichen. „Er kann gehen, wohin er will“, sagt Mabatan über ihn, also auch an Orte, die andere nicht erreichen oder aber nicht wieder verlassen können. Hier wird der fließende Übergang zwischen Fantasy und Science-Fiction deutlich. Elegant und ohne Holpern, frei von logischen Brüchen und ganz unaufdringlich durchzieht diese Mischung das Buch und verzahnt alles miteinander.

Kurz gesagt: Im zweiten Band des Zyklus hat sich einiges weiterbewegt. Der historische Hintergrund sowie die Verhältnisse in Metropolis und die Ereignisse rund um Stowe haben viele neue und interessante Aspekte in die Geschichte eingebracht. Die lebensfeindliche Umwelt sowie die Häscher des Erzbischofs – nebenbei, man beachte: Erzbischof! Nicht König oder General oder Präsident! – halten die Ereignisse um Roan unter steter Spannung, während Stowe ständig sowohl die Entdeckung ihres Wissens als auch ihrer geheimen Fähigkeiten fürchten muss. Die Charaktere sind vielfältig und frei von plakativen Klischees.

Mit anderen Worten: Dennis Foons |Das Vermächtnis von Longlight| entwickelt sich zu einem kleinen Juwel und ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es sich lohnt, gelegentlich nach weniger bekannten Namen zu greifen und nicht immer nur nach solchen, die einem ständig überall begegnen.

Dennis Foon wurde in Detroit, Michigan, geboren und lebt seit 1973 in Kanada. Er war Mitbegründer eines Jugendtheaters und schrieb zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen, u. a. für die TV-Serie „Die Fälle der Shirley Holmes“, aber auch Theaterstücke. Seine Drehbücher und Dramen wurden vielfach ausgezeichnet, für das Stück „Invisible Kids“ erhielt er den British Theatre Award. Der dritte Band des Zyklus unter dem Titel „The keeper’s shadow“ erschien im September letzten Jahres. Bis das Buch auf Deutsch erscheint, wird es also wohl noch eine Weile dauern.

http://www.patmos.de/

Vandemaan, Wim – Atlan – Totentaucher (Lepso-Trilogie, Band 1)

_Hintergrund_

Die Geschichte um den berüchtigten Lordadmiral Atlan begann bereits Ende der Sechziger, als er sich als Mitglieder der |United Stars Organisation| innerhalb der „Perry Rhodan“-Heftreihe einer zunehmenden Beliebtheit erfreute und schließlich seine eigene Serie bekam. Der Titelheld war dabei zunächst noch an die Vorgaben seiner Rolle als Mitglied der USO gebunden, entwickelte sich jedoch nach und nach immer mehr zu einer unabhängigen Abenteuerfigur, die den großen Übervater Perry Rhodan nicht mehr benötigte, um sich in der Gunst der Fans der Weltraumsaga nach oben zu katapultieren. Dennoch sollte dann 1988 vorerst mit „Atlan“ Schluss sein; die Serie wurde nach 850 Magazinen eingestellt, später dann noch einmal kurz wiederbelebt, aber nicht mehr ernsthaft weitergeführt. In Vergessenheit geraten ist der einstige Kristallprinz indes nicht, und so kommt dem Erkrather Verlag |Fantasy Productions| nun die Ehre zu, das erneute Comeback des Sternenhelden zu publizieren, und dies dann gleich in einer sehr komplexen Roman-Trilogie. Doch wird der erste Band dieser neuen Serie, „Totentaucher“, auch tatsächlich den hohen Erwartungen gerecht?

_Story_

In der niederträchtigen Freihandelswelt Lepso wird öffentlich der Tod Atlans verkündet. Die gesamte Bevölkerung wird Zeuge eines allerorts visuell inszenierten Mordschauspiels, dem der Lordadmiral zum Opfer gefallen sein soll. Doch Atlan erfreut sich in Wahrheit bester Gesundheit und ist selber erstaunt, als ihm die Aufzeichnungen zugespielt werden. Warum sollte jemand Interesse daran haben, den Tod des mächtigen USO-Mannes vorzutäuschen? Kurzerhand begibt sich der Lordadmiral auf einen Erkundungsflug nach Lepso, um dort den wahren Hintergründen für diese Intrige auf die Spur zu kommen. Mit Hilfe der beiden Agenten Olip a Schnittke und Chrekt-Chrym – ein topdidischer Mutant, der in der lage ist, für kurze Zeit mit den Toten zu sprechen – gelingt es ihm schon sehr schnell, die Leiche des falschen Atlan in seinen Besitz zu bringen und seine Herkunft zu analysieren. Dabei stellt sich heraus, dass der Tote eine seltsame Außenhaut, ein Relikt des Volkes der Tyarez, um seinen realen arkonidischen Körper getragen hat und eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit als verschollen gilt. Doch was führt die Tyraez nach Lapso?

Atlan und seine Kumpanen stoßen bei ihren weiteren Ermittlungen ständig auf neue Fragen, jedoch auch auf massive Bedrohungen. Die Technik der Tyarez scheint in der gesamten Galaxis gefragt, und auch Agenten des Diktators Dabrifa sowie Mitglieder des SWD haben Interesse daran, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Erst als in der Wohnung des Topsiders zwei seiner Stammesvertreter und später a Schnittke den brutalen Methoden der Gegenseite das endgültige Opfer bringen müssen, wird sich Atlan bewusst, wie verworren die Geschichte um seinen Scheintod in Wahrheit ist. Wer ist Freund und wer Feind? Und was haben die Toten wirklich zu verbergen?

_Meine Meinung_

Wim Vandemann alias Dr. Hartmut Kasper stand bei der Wiederbelebung des populären Science-Fiction-Charakters Atlan sicher vor keiner leichten Aufgabe und hat dementsprechend versucht, sehr viele Ideen in seine komplexe Haupthandlung einzubringen. Genau dies erweist sich jedoch über die gesamte Dauer des Romans als ein ziemlich großes Problem, denn bis zur letzten Seite wird nie so richtig klar, worauf der Mann nun hinaus will bzw. was jetzt tatsächlich Inhalt der Geschichte ist. Der Autor unternimmt viele schwer nachvollziehbare Gedankensprünge, wechselt noch vor dem Spannungshöhepunkt einer jeden Situation den Handlungsschauplatz und bringt nur selten einen der unzähligen Nebenplots mal konsequent zu Ende. Das erweckt zwischenzeitlich den Eindruck, als würde der Autor ständig unter Strom stehen, so viel Inhalt wie möglich auf den insgesamt 328 Seiten unterzubringen, ohne dabei inhaltlich jedoch auch wirklich viel zu sagen.

Das, was Vandemaan hingegen an Ideen aufbietet, ist wirklich klasse. Die Geheimnisse der verborgenen Tyarez, dann die vielen unscheinbaren und eigenartigen Charaktere – beispielsweise die bis zum Schluss kaum durchschaubare Briseis sowie ihr Bruder Ghogul – und dazu natürlich die Eigenschaften der verschiedenen Mutanten, die in dieser verzwickten Erzählung zum Einsatz kommen. All das lockert die Sache ungemein auf und entwickelt im Leser auch nach und nach die Faszination für die einzelnen Geschehnisse. Schwierig ist halt nur, dem Aufbau der Geschichte durchgehend zu folgen. Sowohl auf logischer als auch auf inhaltlicher Ebene gibt es zu viele Ungereimtheiten und damit auch eine breite Basis für Missverständisse. Letztere ereignen sich leider dann auch relativ häufig, sei es nun, weil man die verschiedenen Kulturen und ihre Funktionen am Ende kaum noch unter einen Hut bringen kann, oder aber weil Vandemaan aufgrund der viel zu raschen Themenwechsel irgendwann bewirkt, dass man gar nicht mehr weiß, welche der Hauptfiguren sich gerade in welcher Ausgangssituation befindet – und wenn dann zum Beispiel plötzlich wieder Namen wie Briseis oder Chrekt-Chrym ins Spiel kommen, fragt man sich, wo die letzte Passage, in denen sie aufgetaucht sind, geendet hat.

„Totentaucher“ bietet leider viel Verworrenheit, wo sie gar nicht erst hätte sein dürfen. Mit erhöhter Konzentration wird man sicherlich dazu imstande sein, dem Roman zu folgen, aber der Autor macht es einem im Grunde genommen auch ziemlich leicht, in Windeseile die Orientierung und den Faden zu verlieren, der bereits kurze Zeit später kaum noch aufzunehmen ist.

Dies bedeutet aber auch, dass „Totentaucher“ seinen Platz im Perry-Rhodan-Universum gefunden hat; er ist einer der komplexesten Romane, die mir seit langem untergekommen sind, wenn auch in Sachen Verständnis trotz fehlender überflüssiger Rückblenden ein echter Problemfall. Dem gegenüber steht allerdings eine Handlung mit vielen interessanten, leider nicht allzu anschaulich umgesetzten Ideen und obendrein mit einer teils überzogenen Brutalität.

Für Einsteiger in die Serie ist dieses Buch deshalb auch sicherlich nicht geeignet, und das wiederum ist ja eigentlich auch seltsam, schließlich haben wir es hier mit dem ersten Band der neuen „Atlan“-Serie zu tun. Ohne ein gewisses, in den „Perry Rhodan“-Heftromanen gesammeltes Allgemeinwissen wird man seine lieben Probleme bekommen, überhaupt etwas zu verstehen. Wären da nicht die guten Ideen, die Vandemaan hier zu verwirklichen versucht, müsste man sicherlich von einer Enttäuschung sprechen. Alles in allem ist „Totentaucher“ daher noch ganz annehmbar, aber definitiv nicht das, was man sich von der neu aufgelegten Serie erhofft hatte.

http://www.fanpro.com
http://www.perryrhodan.net/
[Perrypedia]http://www.perrypedia.proc.org/Lepso__%28Zyklus%29

Ubukata, To – Expansion (Mardock-Trilogie 2)

Band 1: [„Kompression“ 2695

_“Lost in Translation“_

„Bei der Übersetzung verloren gegangen“, daran musste ich sofort denken, als ich gelesen habe, dass To Ubukatas „Mardock Scramble“ im Original 1800 Seiten umfasst, dass es die deutsche Übersetzung aber gerade auf knapp die Hälfte bringen wird. Das engagierte Nachwort von Akira Kagami erhärtet den Verdacht, dass das Original eine Tiefe aufweist, die dem westlichen Leser aus sprachlichen Gründen einfach nicht zu vermitteln ist. Trotzdem ist der zweite Teil der Mardock-Trilogie kein flaches Action-Feuerwerk, im Gegenteil:

_Die Ruhe nach dem Pulverdampf._

Rune Balot ist ihrem erzwungenen Dasein als ehemalige Luxus-Geisha schwer verstümmelt entkommen und wurde mit „Scramble-09-Technik“ zu einer lebendigen Waffe umfunktioniert. Ihre Wahrnehmungsfähigkeit geht weit über die der üblichen Sinne hinaus und überdies kann sie „snarken“, also elektronische Geräte mit ihrem Willen manipulieren. Doc Easter ist ihr Anwalt, er versucht Shell Septinos dingfest zu machen, jenes Scheusal, dem Balot ihre Verstümmelungen zu verdanken hat, der aber außerdem eng mit einer unsäglichen Organisation verknüpft ist: die October Company. Dem Doc zur Seite steht Eufcoque, eine Maus, die mit Scramble 09 Technik zu einer intelligenten und universellen Waffe umfunktioniert wurde, die außerdem in der Lage ist, Empfindungen der Menschen zu riechen.

Im ersten Teil von |Mardock| hatte sich Rune Balot gegen Shell Septinos zur Wehr zu setzen. Er versuchte, sein ehemaliges Opfer auszuschalten, und hetzte Dimsdale Boiled auf sie, der wiederum die blutrünstigen Transplatationsfetischisten „Bandersnatch“ auf sie ansetzte.

„Expansion“ beginnt am Ende dieses furios bebilderten Action-Spektakels: Balot hat Bandersnatch beinahe komplett ausradiert und sie kann Dimsdale Boiled entkommen. Aber der Preis ist hoch. Sie war mit Eufcoque zu einer einzigen Waffe verschmolzen, doch um gegen Boiled bestehen zu können, musste sie die Waffenfähigkeiten der goldene Maus gegen deren Willen überstrapazieren und hätte sie dabei beinahe umgebracht. Schwer geschädigt bringt der Doc die beiden in das „Paradies“, eine Einrichtung für Forschungsobjekte der Scramble-09-Technologie.

Die Bewohner des Paradieses sind soziale Kontakte nicht gewohnt und gehen daher mit kindlicher Neugierde auf Balot zu. Tweedledee ist einer von ihnen, er bringt Balot zu seinem Freund Tweedledum, einem durch Scramble 09 veränderten Delphin, der ihr wiederum den Pool zeigt. Der Pool ist zum einen eine gigantische Datenschnittstelle, zum anderen, na ja, ein Pool. Balot taucht in ihn ein und findet dort heraus, dass man Shell Septinos wichtige Informationen auf Chips gespeichert und aus seinem Gehirn entfernt hat.

Diese Computerchips hat Shell versteckt, auf 1-Million-Dollar-Chips eines seiner Casinos. Balot, der Doc und Eufcoque machen sich auf den Weg, um sich diese Chips anzueignen. Aber Dimsdale Boiled bleibt nicht untätig. Zusammen mit einem Bandersnatch-Überlebenden, dringt er in das Paradies ein, um seinen Auftrag endlich zu einem Ende zu bringen …

_Je tiefer die Gewässer, desto ruhiger die Strömung._

Das trifft auch auf den zweiten Teil der |Mardock|-Trilogie zu. Materialschlachten wie im ersten Teil gibt es kaum, stattdessen erfährt der Leser eine Menge an Zusammenhängen, die vorher noch im Dunklen lagen. Verbindungen zwischen der regierungsgesteuerten Scramble-09-Technologie und der October Company, Verbindungen zwischen Eufcoque und Dimsdale Boiled, Verbindungen zwischen Doc Easter und dem Paradies. All das lässt einen großen Gesamtzusammenhang vermuten, der den Leser auf die fehlenden Puzzlestücke brennen lässt, die To Ubukata nur in kleinen Häppchen verteilt, und es verleiht den Figuren zusätzliche Facetten und Tiefe.

Noch immer fliegen stellenweise die Fetzen, aber es sind nur kurze Eruptionen, die das innere Auge der Action-Fans mit Bildern von unverbrauchter aber auch brutaler Ästhetik versorgt. Der Showdown von „Expansion“ findet auf einem komplett anderen Terrain statt: In einem Spielkasino. Wer sich nun gähnend abwendet, lasse sich eines Besseren belehren. Schon mal ein hyperspannendes Pokerduell beobachtet? „Expansion“ schafft dieses Kunststück. Auf höchst originelle Weise führt To Ubukata den Leser in die Welt des Glücksspieles ein und lässt erfahrene Spieler, Trickbetrüger und Meistercroupiers gegen Rune Balot antreten, die ja die Millionen-Dollar-Chips gewinnen muss. Es ist ein faszinierender Blick in eine vollkommen fremde Welt, Roulette ist plötzlich kein nacktes Glücksspiel mehr und die Croupiers werden zu mehr als zu kartenverteilenden Statisten.

_Die Bilderschlacht, die von der Leinwand verbannt wurde._

Dachte man während des ersten Bandes noch, dass man die Story von |Mardock| auf einem Bierdeckel unterbringen könnte, erfährt man plötzlich, dass dem ganz und gar nicht so ist. Plötzlich werden auch philosophische Diskussionen ausgepackt und mit dem besagten Casino-Showdown hat Ubukata bewiesen, dass er sich bei weitem nicht als Produzent von Action-Fast-Food reduzieren lassen muss, so wohlschmeckend er das auch zubereiten kann. Ich kann nicht anders, als „Expansion“ beeindruckt beiseite zu legen und gespannt auf den letzten Teil zu warten. Wieder endet dieses Buch mit einem Cliffhanger, allerdings ist er diesmal nicht ganz so krass wie beim ersten Mal.

Wirklich schade ist allerdings, dass die Anime-Adaption durch die berühmten Gonzo-Studios abgeblasen wurde. Der Trailer sah einfach nur lecker aus, und Manga-Größe Range Murata versprach den Fans einen völlig neuen Animationsstil. Umso überraschender, dass die Produktion ohne nähere Angaben in die Tonne gekickt wurde.

Nun ja, vielleicht bekommt To Ubukata dadurch wenigstens ein paar zusätzliche Leser für sein Buch. Wer sich die |Mardock|-Trilogie entgehen lässt, ist jedenfalls selber schuld! Unbedingt empfehlenswert!

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Fallon, Jennifer – Ritter des Throns (Die Chroniken von Hythria 2)

Band 1: [„Erbin des Throns“ 2877

Luciena hat gerade ihre Mutter verloren. Dafür hat sie einen ganzen Berg Schulden gewonnen. Obwohl sie nahezu ihren ganzen Besitz bereits verkauft hat, droht ihr die Sklaverei. Schuld daran ist Marla Wulfskling, die einst Lucienas Vater geheiratet hat, um sich dessen Vermögen unter den Nagel zu reißen. So sieht es zumindest Luciena. Als Marla ihre Schulden begleicht und ihr die Adoption anbietet – natürlich unter der Bedingung, dass Luciena künftig der Familie Wulfskling die Treue schwört -, ist Luciena zunächst äußerst misstrauisch. Bevor sie einen solchen Schwur leistet, will sie die Familie kennen lernen, vor allem Damin. Marla ist einverstanden.

Natürlich erfährt Alija Aarspeer, Marlas Erzfeindin, davon, dass Luciena Damin vorgestellt werden soll. Das ist die Gelegenheit, auf die Alija schon so lange wartet …

Mahkas Damaran, der Bruder von Damins verstorbenem Vater, führt derweil als Regent die Provinz Krakandar. Und er hat gute Arbeit geleistet. Allerdings fließen die Früchte seiner Arbeit in die Taschen des Erben. Deshalb will Mahkas unbedingt selbst Kriegsherr von Krakandar werden. Das einzige Mittel, dies ohne Hochverrat zu erreichen, wäre, seine Tochter Leila mit Damin zu verheiraten. Leider sind weder Damin noch Leila von dieser Aussicht begeistert. Und auch Marla, die in dieser Angelegenheit das letzte Wort haben wird, will diese Ehe nicht. Je älter Leila wird, desto nervöser wird Mahkas …

|Figurenreigen|

Zentrale Figur der Geschichte ist natürlich immer noch Marla. Inzwischen ist sie die mächtigste Person in ganz Hythria. Sie ist diejenige, die das Land regiert. Der letzte Tiefschlag am Ende des vorigen Bandes hat sie gestählt. Inzwischen ist sie eine ziemlich harte, strenge Frau. Widerspruch duldet sie nicht. Und wie viele andere Machtmenschen neigt auch Marla dazu, andere zu manipulieren. Vor allem aber will sie ihre Familie schützen. Ihre Kinder befinden sich seit den Mordanschlägen auf Damin in Krakandar, wo sie von Mahkas Frau Bylinda erzogen und von Almodavar ausgebildet werden. Als zusätzlichen Schutz hat Marla die Gedanken ihrer gesamten Familie und vertrauten Diener von Wrayan Flinkfinger mit einem Gedankenschild umgeben lassen, den Alija nicht durchbrechen, ja nicht einmal erkennen kann.

Neu sind Luciena und ihr Vetter Rorin.

Auch Mahkas nimmt einigen Raum ein. Der Mann, der mir am Ende des ersten Bandes fast leid tat, mutiert allmählich zum absoluten Unsympathen. Alija weiß wenigstens, dass sie ein Biest ist! Mahkas hält sich tatsächlich für einen freundlichen, wohlmeinenden Mann dank seiner Fähigkeit, anderen die Schuld zu geben und die Tatsachen so lange zu verdrehen, bis sie zu seinen Schuldzuweisungen passen. Sein manischer Ehrgeiz, seine Eitelkeit, seine Feigheit und sein Selbstbetrug machen ihn nicht nur zu einem totalen Versager, sondern regelrecht zu Abschaum.

Luciena ist ein stolzes Mädchen, das überhaupt nicht glücklich darüber ist, von Marla Wulfskling abhängig zu sein. Andererseits wünscht sie sich schon seit langem eine echte Familie. Rorin dagegen hat eine Familie, ist aber ansonsten bettelarm. Als sich herausstellt, dass er magisches Talent besitzt, muss er aus Fardohnja fliehen. Sehr viel mehr erfährt man von den beiden aber nicht.

Neben Marla rücken hauptsächlich ihre Kinder in den Vordergrund.

Damin zeigt jetzt schon sämtliche Charakterzüge, die er auch später noch besitzt: sein Draufgängertum, die unkomplizierte Art, mit allen Menschen gleich welchen Ranges umzugehen, seine Neigung, nichts ernst zu nehmen, aber auch die Fähigkeit, wenn es ernst wird, rasche, aber wohl überlegte Entscheidungen zu treffen.

Starros ist ernsthafter als sein Ziehbruder, ihm aber trotzdem völlig ergeben. Nur wenn Damin seine Cousine Leila wieder einmal zu sehr tratzt, fühlt Starros sich berufen, für Leila Partei zu ergreifen. Auch wenn er sich dann mit Damin prügeln muss, was der Freundschaft zwischen den beiden Jungen allerdings keinen Abbruch tut.

Leila ist ein recht zartes Pflänzchen, was meistens der Anlass für Damins Getratze ist. Selbst ihre jüngere Cousine Kalan ist mutiger und zäher als sie, wodurch Leila sich beschämt fühlt. Und dann noch ihr Vater, der ständig von nichts anderem redet, als sie mit Damin zu verheiraten. Aber Leila ist zu sanftmütig, um sich gegen all das zu behaupten. Umso freundlicher empfindet sie Starros‘ Unterstützung.

Kalan ist ein Wildfang. Alle Mädchenbeschäftigungen langweilen sie entsetzlich. Keinesfalls ist sie damit zufrieden, einfach nur verheiratet zu werden. Sie will etwas Sinnvolles tun, so wie ihre Mutter ja schließlich auch. Der einzige Weg zu diesem Ziel scheint die Magiergilde zu sein, aber davon muss Kalan ihre Mutter erst einmal überzeugen, immerhin ist die Großmeisterin dieser Gilde die größte Feindin der Familie, Alija Aarspeer.

|Handlungsbogen|

An dieser Stelle zeigte sich, dass es auch Vorteile hat, wenn man sich beim Lesen nicht mehr an alles aus den Vorgängerbänden erinnern kann. So dauerte es eine ganze Weile, bis mir endlich wieder dämmerte, dass es sich bei dem kleinen Wildfang Kalan um die spätere Großmeisterin der Magiergilde handelt! Bei Damin war die Anknüpfung an die Dämonenkind-Trilogie der Autorin stärker zu spüren. In diesem Band zeigt sich ganz deutlich, dass die |Chroniken von Hythria| das Prequel zur |Dämonenkind|-Trilogie darstellen: Der überwiegende Eindruck, der am Ende zurückblieb, war, dass hier die neue Generation aufgebaut wurde.

Dabei teilt sich die Handlung in zwei Zeitabschnitte, zwischen denen ganze zwölf Jahre liegen. Im ersten Zeitabschnitt ist Damin knapp dreizehn, im zweiten knapp fünfundzwanzig.

Damit der Leser über dem Aufbau der Charaktere von Marlas Kindern und ihrer Beziehungen untereinander nicht einschläft, wurde der erste Zeitabschnitt mit einem neuerlichen Attentatsversuch Alijas gewürzt. Alija benutzt dafür Gedankenmanipulation. Allerdings hat sie nicht mit Wrayan Flinkfinger gerechnet, den sie für tot hält. Obwohl die Autorin dafür gesorgt hat, dass Wrayan gerade nicht in der Stadt ist, als man ihn braucht, bleibt diese Intrige doch eher zahm. Sie genügt, um Langeweile fernzuhalten, aber nicht, um den Leser ernsthaft zu fesseln.

Der zweite Zeitabschnitt ist da etwas vielschichtiger geraten. Die Pest grassiert in Hythria, was einige unerwartete Auswirkungen hat. Fardohnja nutzt die Gelegenheit, um im Schutz der abgeriegelten Grenze Truppen zusammenzuziehen. Alija weilt am Bett des sterbenden Ruxton Tirstein, Marlas viertem Ehemann, und erfährt so durch Zufall von Wrayans Gedankenschild. Und Mahkas hat sich inzwischen derart in die Heirat zwischen Leila und Damin verbissen, dass er keinem Gegenargument mehr zugänglich ist. Als er entdeckt, dass Leila einen Geliebten hat, rastet er völlig aus! Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auch in diesem zweiten Abschnitt wieder auf der Entwicklung innerfamiliärer Zusammenhänge, sprich auf Mahkas. Die Sache mit Leila ist die einzige, die bis zum Schluss ausgeführt ist. Natürlich bleibt Alija nach ihrer Entdeckung nicht untätig, und Damin trifft Entscheidungen im Hinblick auf die Bedrohung aus Fardohnja. Bevor diese Ansätze sich jedoch auswirken können, ist das Buch zu Ende.

|Insgesamt|

Der Leser stellt also nach knapp achthundert Seiten fest, dass im Grunde gar nicht allzu viel passiert ist. Hauptsächlich sind die Kinder erwachsen geworden. Alija hat sich die meiste Zeit eher ruhig verhalten, und als sie schließlich wieder aktiv wird, weisen ihre Maßnahmen hauptsächlich auf den nächsten Band. Mahkas hat sich in einen Wahn hineingesteigert, letztlich aber einen völligen Rückschlag erlitten. Wie er darauf reagieren wird, wird sich ebenfalls erst im nächsten Band zeigen.

Bleibt zu sagen, dass man den zweiten Teil dieser Trilogie nicht unbedingt als spannend bezeichnen kann. Dafür sind Alijas Attentatsversuch, aber zum Beispiel auch Rorins Rettung und andere Ereignisse ein wenig zu glatt verlaufen. Die Geschehnisse um Leila bieten eher Dramatik als Spannung. Trotzdem fand ich den Band interessant, nicht zuletzt dank der Charakterentwicklung, die hauptsächlich Damin und Kalan sowie Mahkas betraf. Denn obwohl mich der Mann als solcher ziemlich ärgerte, war die Darstellung seiner Entwicklung gut gelungen.

Wem es in diesem Band an Bewegung gefehlt hat, der darf sich damit trösten, dass es im letzten Teil der Trilogie höchstwahrscheinlich wieder wesentlich lebhafter zugehen wird. Immerhin muss Damin eine fardohnjische Armee abwehren, Marla ihren Machtkampf mit Alija endgültig entscheiden, Kalan Großmeisterin der Magiergilde werden und Mahkas ein hoffentlich verdientes Ende finden! Das sind interessante Aussichten …

_Jennifer Fallon_ stammt aus einer großen Familie mit zwölf Geschwistern. Sie hat in den verschiedensten Jobs gearbeitet, unter anderem als Kaufhausdetektivin, Sporttrainerin und in der Jugendarbeit. Letzteres scheint ihr immer noch nachzuhängen, unter ihrem Dach leben außer drei eigenen Kindern einige obdachlose Jugendliche als Pflegekinder. Schreiben tut sie nebenher. Die |Dämonenkind|-Trilogie war ihre erste Veröffentlichung. Außerdem stammt die Trilogie |Second Sons| aus ihrer Feder. Der letzte Band der |Chroniken von Hythria|, „Herrscher des Throns“, ist für Juni dieses Jahres angekündigt.

http://www.jenniferfallon.com/
http://www.heyne.de

|Ergänzend:|

[„Kind der Magie“ 1328 (Dämonenkind Band 1)
[„Kind der Götter“ 1332 (Dämonenkind Band 2)
[„Kind des Schicksals“ 1985 (Dämonenkind Band 3)

Westerfeld, Scott – Weltensturm

Captain Laurent Zai und Meisterpilot Jocim Marx von der kaiserlichen Raumflotte befinden sich in tödlicher Gefahr. Denn ihre Mission gestattet kein Versagen. Es würde einen Blutfehler darstellen, der nur mit dem Verlust des ewigen Lebens gesühnt werden kann. Denn Anastasia Vista Khaman, Schwester und Thronerbin des Auferstandenen Kaisers, der den Tod überwunden hat und seit 1600 Jahren über das Reich der Achtzig Welten herrscht, wurde von den Rix als Geisel genommen. Zusätzlich ist es den Rix-Invasoren gelungen, auf Legis XV ein globales KI-Verbundbewusstsein zu installieren, etwas, das dem Kaiserreich ein Gräuel und deshalb verboten ist.

Dieser Coup stellt den Auftakt eines weiteren Kriegs gegen die Rix dar, der Kaiser beruft umgehend einen Kriegsrat ein, zu dem auch Senatorin Nara Oxham gehört. Sie macht sich Sorgen um ihren Geliebten Captain Laurent Zai, aber auch um Legis XV. Denn der Kaiser ist willens, Zai und die gesamte Bevölkerung des Planeten sowie auch seine eigene Schwester zu opfern, wenn er nur sein |Geheimnis| bewahren kann, das in die Hände des Verbundbewusstseins der Rix zu fallen droht.

_Der Autor_

Scott Westerfeld (05.05.1963) wurde in Texas geboren. Er lebt und arbeitet heute abwechselnd in New York und Sydney, Australien. „Weltensturm“ ist ein Sammelband der im Jahr 2003 erschienenen Romane „The Risen Empire“ und „The Killing of Worlds“, |Tor Books| teilte das ursprünglich „Succession“ genannte Werk. Der Roman ist somit wieder vereint und in sich abgeschlossen. Der deutsche Science-Fiction-Autor Andreas Brandhorst zeichnet für die einem Extralob würdige exzellente Übersetzung verantwortlich. Einziger kleiner Makel ist, dass „the Lazarus-Symbiant“ auch in der Übersetzung als „Symbiant“ anstelle des deutschen „Symbiont“ bezeichnet wird. Das irritiert ein wenig während der Lektüre.

_Never judge a book by its cover_

Man sollte ein Buch nie anhand seines Covers oder seines Klappentextes bewerten, angesichts haarsträubender Vergleiche zu |Dune|, |Star Wars| und anderen Space-Operas in einigen Rezensionen und dem extrem pathetisch-trivialen Klappentext des |Heyne|-Verlags möchte ich dennoch darauf eingehen. Die an und für sich recht hübsche Umschlaggestaltung schlägt in dieselbe Kerbe, was bedauerlich ist. Der etwas reißerische Titel „Weltensturm“ ist mir unerklärlich und passt nicht zum Inhalt und soll wohl den Verkauf fördern. Das Gegenteil könnte der Fall sein, was sehr schade wäre!

Denn hinter dem vermeintlichen 08/15-Schinken eines unbekannten Autors verbirgt sich eine Space-Opera, die einige aktuelle und dennoch erfolgreiche Langweiler etablierter Autoren wie Peter F. Hamilton und Stephen Baxter mühelos übertrifft. Vergleiche mit Frank Herbert, Isaac Asimov und Dan Simmons, um Thematik und Stil Westerfelds zu beschreiben, sind zwar nahe liegend, aber leider auch irreführend und bemüht, darum möchte ich kurz das Universum des „Risen Empire“ vorstellen.

_Das ewige Leben der lebenden Toten_

Das Kaiserreich der Achtzig Welten umfasst einen dreißig Lichtjahre großen Raumsektor und hat gegenüber anderen menschlichen Reichen einen entscheidenden Vorteil: den Lazarus-Symbianten, der ewiges Leben nach dem Tod ermöglicht. Ursprünglich suchte der Auferstandene Kaiser nach Heilung für seine todkranke Schwester Anastasia, aber er fand das Geheimnis des ewigen Lebens. Oder des ewigen Todes, denn der Lazarus-Symbiant verbindet sich nur mit den Körpern toter Wesen. Um in den Genuss der Unsterblichkeit zu kommen, muss man sterben. Seit dem Erfolg der „Heiligen Experimente“ an Katzen und dem heroischen Selbstversuch des Kaisers verehrt man ihn und seine Schwester Anastasia, von ihren gläubigen Anhängern schlicht „der Grund“ genannt, wie Halbgötter. Das Reich basiert auf dieser unglaublichen Errungenschaft, jeder kann sich die Unsterblichkeit verdienen. Wer im Kampf für Kaiser und Reich fällt und dessen Körper nicht zu stark beschädigt ist, der zieht in eine Art Walhall ein, ihm werden die Ehre des Lazarus-Symbianten und der Aufstieg in die Reihen der „Grauen“, der auferstandenen Toten, zuteil. Diese bilden seit Jahrhunderten die Führungsschicht des Reichs, ein ultrakonservativer und stets kaisertreuer Block.

Die Schranke der Lichtgeschwindigkeit wurde in dieser Zukunft nicht überwunden, eine Vorliebe der Grauen neben der Betrachtung für Normalsterbliche kontrastloser schwarzer Bilder und Wände sind jahrhundertelange Pilgerfahrten mit relativistischen Geschwindigkeiten. Außerirdische Rassen sind nicht bekannt, dafür hat sich die Menschheit in unterschiedliche Gruppierungen entwickelt. Neben dem Reich der Achtzig Welten existieren beispielsweise noch die Tungai, die den Tod mit überlegener Biotechnologie lange hinauszögern, aber nicht verhindern können. Auch die Rix sind nicht unsterblich, aber ihre Götter sind es nahezu. Die Rix sind Cyborgs, die ihren menschlichen Körper nach und nach mit maschinellen Komponenten verbessern und ersetzen. Sie sehen sich als Geburtshelfer künstlicher Intelligenzen an, die, wenn sie zu einem gewaltigen planetaren Verbundbewusstsein verschmelzen, gottgleiches Wissen und Fähigkeiten entwickeln. Im Kaiserreich und vielen anderen Reichen werden KIs in ihrer Entwicklung gezielt beschränkt, was zur Folge hat, dass man den Rix technologisch hinterherhinkt. Die Grauen sind erklärte Feinde der gefürchteten Rix, die erste „Rix-Inkursion“ forderte unzählige Opfer und schürte zusätzlich zu den ideologischen Differenzen den Hass, vor allem auf Seiten des Kaiserreichs.

Politisch brodelt es im Kaiserreich. Die „pinken“ Säkularisten wie Nara Oxham lehnen das ewige Leben ab, sie sterben. Denn nach ihrer Überzeugung sind es die unsterblichen Dickköpfe aus längst vergangenen Zeiten, die Kreativität und Fortschritt behindern. Als Beispiel dient Nara Oxham der Fall Galileo Galileis, dessen heliozentrisches Weltbild sich in ihrer Überzeugung nur deshalb durchsetzen konnte, da die alten Kirchenfürsten mitsamt ihren überholten Vorstellungen starben – wohingegen das Kaiserreich seit Jahrhunderten stagniert und zurückfällt. Der Tod wird als Motor der Veränderungen und der Evolution gesehen, eine Vorstellung, die das Reich spaltet, denn ebenso viele gieren nach dem ewigen Leben.

_High-Tech-Drohnen statt Raumjäger_

Scott Westerfeld greift gar nicht so weit in die Zukunft, wenn er anstelle von Piloten in Raumjägern ferngesteuerte oder autonome Drohnen in Kampfeinsätzen verwendet. So ist Meisterpilot Jocim Marx dank computergestützten synästhetischen Sehens in der Lage, ganze Schwärme von Kampfdrohnen in Weltraumschlachten zu befehligen oder selbst vollständig zu steuern. Daten und Diagramme werden dabei als Sinnesreizung ins Hirn projiziert und können visualisiert werden; so markiert Nara Oxham im Parlament die Angehörigen verschiedener Parteien mit unterschiedlichen farbigen Punkten und kann bei Bedarf Dossiers zu ihnen ansehen. Die Fähigkeit zur [Synästhesie]http://de.wikipedia.org/wiki/Syn%C3%A4sthesie wird operativ erzeugt, die bereits heute bekannte Wahrnehmung der Sinnreize eines Sinnorgans gekoppelt mit denen eines anderen (zum Beispiel Farben als Töne hören oder Töne als Farben sehen) wird so nutzbringend angewendet. Marx steuert vom staubkorngroßen Mikrogleiter bis zur Weltraumkampfdrohne alles von seinem Leitstand an Bord von Captain Zais Fregatte |Luchs| aus, was ungewöhnliche Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet.

Raumschlachten sind in diesem Universum an die Regeln der realen Physik gebunden, die nur selten ein wenig gebeugt werden. Hier gieren keine Raumschiffe oder erzeugen Triebwerksgeräusche wie in actionlastigen Science-Fiction-Filmen aus Hollywood. Dass sie nicht minder spannend sind, liegt nicht nur an den ungewöhnlichen Perspektiven aus der Sicht von Marx beziehungsweise seinen Drohnen, Westerfeld beschreibt die Probleme der Besatzung der |Luchs| und wie sie sich mit Glück und dank der verschlagenen Raffinesse Captain Zais dennoch gegen einen überlegenen Kreuzer der Rix halten kann, trotz schwerer Schäden und einem vermeintlich selbstmörderischen Auftrag. Hier springt Westerfeld häufig zwischen Marx, Zai und seinem ersten Offizier Hobbes sowie dem einfachen Soldaten Bassiritz – diese Erzähltechnik ist ein Markenzeichen des Romans. So erleben wir die Handlung aus der Sicht der Rixkämpferin h__rd, des Verbundbewusstseins „Alexander“, der Senatorin Nara Oxham und einiger anderer Charaktere, kurz sogar aus Sicht der Kindkaiserin Anastasia oder der illegalerweise überentwickelten KI von Nara Oxhams Haus! Westerfelds KIs sind leider eher simpel gestrickt und können nicht die Faszination und Komplexität anderer Cyberspace-Welten vermitteln, aber insbesondere der direkte Einblick in die Gedankenwelt der „feindlichen“ Rix ist erhellend und dient der besseren Reflexion über die beiden Parteien.

Einigen Charakteren merkt man an, dass sie in einem frühen Stadium der Planung des Romans entstanden sind. Westerfeld wollte laut seiner Webseite schon seit seiner Jugend George Lucas zeigen, wie eine Space-Opera auszusehen hat. Er störte sich maßlos an den aller Physik spottenden Effekten in |Star Wars|. Der smarte und tapfere Captain Zai ist so auch durchaus ein Stereotyp; interessanterweise wird er in der Folge auch kaum näher charakterisiert, zugunsten der weiblichen Charaktere wie seinem ersten Offizier Hobbes oder seiner Geliebten Nara Oxham. Auch die Rix h__rd und Rana Harter stellen weibliche Charaktere dar, die allesamt deutlich tiefer dargestellt als ihre männlichen Kollegen. Auch Meisterpilot Jocim Marx geht in seiner Rolle als Pilot genauso auf wie Zai in der des Captains und bietet wenig mehr. Diese Vorliebe für weibliche Charaktere scheint auch auf andere Romane Westerfelds zuzutreffen, seine 2005/06 erschienenen Romane „Uglies“, „Pretties“ und „Specials“ haben mit Tally Youngblood eine weibliche Hauptfigur, die sich für ihr natürliches Aussehen anstelle der ab dem sechzehnten Lebensjahr vorgesehenen Standard-Schönheitsoperation entscheidet.

Diese Romane gehören jedoch nicht dem Genre der Space-Opera an, bedienen sich aber lose an dieser bereits in „Weltensturm“ vorgestellten Idee: Durch Genmanipulation hat sich die Menschheit selbst perfektioniert und von Erbkrankheiten befreit, allerdings merkt man fast zu spät, was man eigentlich erreicht hat. Menschliche Monokulturen, perfekt angepasst aber auch inflexibel und anfälliger gegenüber unbekannten Krankheiten. Westerfelds Idee ist es, dass als krank oder schlecht erkannte Merkmale oft versteckte Vorteile haben: Sichelzellenanämie macht immun gegenüber Malaria, Autismus ist oft mit Genie verbunden. All diesen genetischen Reichtum hat man jedoch vernichtet, und die ehemals Armen und Kranken, die sich keine Verbesserung leisten konnten, werden zum wichtigsten genetischen Pool der Menschheit, der sogenannten „Seuchenachse“, die sogar im Kriegsrat des Kaisers eine eigene Stimme hat.

Die Ursache hinter den Angriffen der Rix und treibende Kraft hinter den Aktionen des Kaisers, die Captain Zai auszuführen hat, ist das bereits erwähnte |Geheimnis|. Andeutungen auf das Geheimnis des Kaisers ziehen sich von Beginn an durch den Roman, dessen Enthüllung fatale Folgen für das Reich haben wird. Bis Westerfeld die Katze aus dem Sack lässt, bietet er abwechslungsreiche und für das Space-Opera-Genre sogar anspruchsvolle Science-Fiction, wie man sie gerne öfter lesen würde.

_Fazit:_

Ein gelungener Roman, der einige Werke jüngeren Datums bekannterer Autoren mühelos in den Schatten stellt. Schade nur, dass Scott Westerfeld derzeit keine weiteren Science-Fiction-Romane plant, er hat sich mittlerweile ausschließlich dem Feld der Young Adult Novels zugewandt. Bedauerlich, denn frischer Wind könnte viele ein wenig selbstgefällig und langatmig gewordene Science-Fiction-Autoren wachrütteln. „Weltensturm“ ist eine ungewöhnlich tiefschürfende Space-Opera mit allem, was dazugehört – und noch viel mehr.

Homepage des Autors:
http://www.scottwesterfeld.com/

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Evers, Harald – 7. Buch der Schatten, Das – Das Amulett

Eigentlich müsste Marie tot sein! Nachdem der grausame, kleine Mann – dem es völlig unerwartet gelungen ist, Maries Herrin Sharica mit deren eigenem Schwert niederzustrecken – verschwunden ist, ist Marie zu ihrer Herrin geeilt, in der Hoffnung, sie könnte noch etwas für sie tun. Doch es ist zu spät! Alles, was Sharica noch tun kann, ist, Marie ein Amulett anzuvertrauen, das sie um den Hals trägt, dann stirbt sie. Doch der Mörder war noch in der Nähe. Und jetzt will er das Amulett. Marie, in der völligen Überzeugung, dass der Mann sie auf jeden Fall töten wird, ist nicht bereit, ihm auch noch diesen Triumph zu lassen. Lieber stürzt sie sich von der Spitze des Felsens mehrere hundert Meter in die Tiefe! Um danach in einer einfachen Holzhütte zu erwachen …

Thoren, Sharicas Gemahl, erfährt von ihrem Tod erst bei seiner Rückkehr aus Dhangras, dem Nachbarreich auf dem Kontinent. Sharicas Tod trifft ihn zutiefst. Doch es ist nicht der einzige Schlag, der ihn trifft! Es stellt sich heraus, dass die Bitte seines Nachbarkönigs Vender um Unterstützung durch Thorens Truppen eine hinterhältige Falle war. Die Freiheit und Sicherheit Turmalins sind in Gefahr, und Thoren sieht nur einen Weg, sein Inselreich zu retten: Magie!

|Charaktere|

Sharica scheint eine schier übermenschliche Persönlichkeit gewesen zu sein. Nicht nur äußerlich von unübertrefflicher Schönheit, sondern auch innerlich. Ein charakterliches Wunder ohne jeden Fehl. Das erscheint umso erstaunlicher, als sie auch eine mächtige Magierin war.

Marie fühlt sich dagegen wie eine graue Maus. Sie ist klein, schmächtig, schüchtern und besitzt kaum Selbstvertrauen. Aber ihre Herrin hat sie so vergöttert, dass sie alles tut, um ihren letzten Willen zu erfüllen. Des Amuletts wegen springt sie von einer hohen Felsenklippe, legt sich mit einem Charakterschwein unter den Soldaten an und wagt sich in Thorens Nähe, um „auf ihn aufzupassen“, was zu diesem Zeitpunkt nicht ungefährlich ist. Und zu guter Letzt erklärt sie sich bereit, die Welt zu retten, indem sie das siebte Buch der Schatten findet. Ein erstaunlicher Mut für ein so ängstliches Mädchen …

Thoren ist im Grunde ein kluger und vernünftiger Mann, aber auch stolz und leicht zu erzürnen. Sharica hat er abgöttisch geliebt. So treffen der Verlust seiner Frau und eines großen Teils seines Heeres ihn an seinen empfindlichsten Punkten. Kein Wunder, dass er regelrecht rast vor Wut! Doch schon bald werden seine Wutausbrüche von Gewalttätigkeiten begleitet, er sieht überall Verschwörungen. Immer wieder scheint die Vernunft bei ihm völlig auszusetzen, dann denkt er wieder geradezu erschreckend klar, allerdings hauptsächlich dann, wenn es um die Vorbereitung des Krieges gegen Dhangras geht.

Damit wäre die Riege der wichtigen Personen bereits erschöpft. Alle weiteren sind Nebenfiguren und nur wenig detailliert beschrieben.

Thorens Brüder sind zwar noch bei Vernunft, dennoch unterstützen sie Thoren, was sie wahrscheinlich nicht mehr täten, wenn sie wüssten, was er plant!

Marosh, der Schmied, in den Marie sich verliebt, ist ein naturverbundener und außerordentlich schwärmerischer Poet, aber nur deshalb von Belang, weil er Marie mit Yvven bekannt macht.

Yvven ist der einzige, wichtigere Protagonist der Geschichte, dessen Charakterzeichnung allerdings dadurch begrenzt ist, dass es sich um eine Katze handelt. Genauer gesagt einen Tierdämon, der aber offenbar einen Narren an Marie gefressen hat. Obwohl das Tier nicht spricht und der Leser nicht erfährt, was es denkt, ist die Schilderung dieser Katze plastischer ausgefallen als die mancher Personen.

Das gilt sogar für Targhyen, den Mörder Sharicas. Von ihm erfährt der Leser im Grunde nur, dass er bösartig und äußerst eitel ist.

Beweggründe, Gedanken, Herkunft und was einem Charakter sonst noch Lebendigkeit verleihen mag, fehlen bei all diesen Nebenfiguren völlig.

|Magie und Phantasie|

Die Fantasy-Elemente des Buches sind da schon vielfältiger. Sichtlich um Eigenständigkeit bemüht, hat Evers seine Geschichte nicht mit Elfen, Trollen und Zwergen bevölkert, sondern mit Dryaden, Sonnenwürmern und Gnarls – auch wenn seine Dryaden der landläufigen Vorstellung von geflügelten Elfen ziemlich nahe kommen und seine Sonnenwürmer im Prinzip flügellose Drachen sind. Bisher spielen diese Wesen aber auch nur eine untergeordnete Rolle. Am ausführlichsten wurden die Dryaden beschrieben, wohl auch deshalb, weil ihre Magie später für den Fortgang der Handlung wichtig wurde. Die Sonnenwürmer dürften im nächsten Band zunehmend auftauchen, denn schließlich will Thoren in den Krieg ziehen.

Die vorerst wichtigsten Elemente sind Sharicas Amulett sowie das Buch der Schatten – das ein Vorfahr Thorens in sieben Teile zerlegt, gut versteckt und durch starke Magie gesichert hat, damit niemand es missbrauchen kann – und in diesem Zusammenhang die Keller der geheimen Bibliothek. Außerdem ist der Herzstein von Bedeutung, ein magisches Artefakt, die Quelle der Energie Turmalins.

|Handlungsverlauf|

Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Handlung. Und die enthält – von dem Mord an Sharica und Thorens Gewaltausbrüchen abgesehen – erstaunlich wenig von dem, was man gemeinhin als Action bezeichnet. Genau betrachtet, passiert fast gar nichts. Hauptsächlich erlebt der Leser mit, wie Thorens Rachsucht ihn mehr und mehr in den Wahnsinn zu treiben droht.

Die Auslöser dafür, die Intrige, die König Vender gegen Thoren und sein Reich gesponnen hat, war gar nicht mal schlecht. Ich hätte allerdings nicht erwartet, dass sie funktioniert. Welcher Herrscher stellt denn, selbst wenn er seinem Gegenüber militärische Unterstützung zugesagt hat, noch an Ort und Stelle einen schriftlichen Marschbefehl für seine Truppen aus? Einen Bündnisvertrag vielleicht, ja.

Nun gut, nehmen wir an, Thoren hätte das trotzdem schon mal erledigt. Wie kam Vender an diesen Befehl? Bei seiner Ankunft in Turmalin klingt Thoren äußerst überrascht darüber, dass seine Truppen schon fort sind. Das kann nur bedeuten, dass er den ausgefertigten Marschbefehl Vender übergeben hat, denn sonst hätte er sich nicht nur über den Zeitpunkt gewundert, sondern darüber, dass seine Truppen überhaupt schon unterwegs waren. Welcher Herrscher bitte überlässt die Einberufung seiner Truppen einem Verbündeten?

Die weitere Handlung war frei von logischen Brüchen, dafür empfand ich etwas anderes als störend, und das war die sexuelle Komponente. Unterschwellig zieht sie sich durch das gesamte Buch, womit ich durchaus leben kann. Es finden sich aber auch gelegentliche Ausbrüche, von denen einer ganz überflüssig war und der andere nicht unbedingt so ausführlich hätte beschrieben werden müssen. Mag sein, dass andere damit kein Problem haben, aber ich finde sowas eher lästig.

_Insgesamt_ hat das Buch einen recht gemischten Eindruck bei mir hinterlassen. Die Ideen in Bezug auf die Magie waren interessant und kamen zur Abwechslung mal ohne detailliert beschriebene, grauenhafte Monster aus, dürfen aber ruhig noch weiter ausgebaut werden. Die Darstellung der Hauptcharaktere war in sich stimmig und gut nachvollziehbar, allerdings könnte ich nicht sagen, dass ich für Thoren viel Sympathie aufgebracht hätte. Dafür ist seine Angewohnheit, ständig jemanden am Kragen oder am Arm zu packen und anzubrüllen, einfach zu ausgeprägt. Der Spannungsbogen hing zwar nicht durch, könnte aber noch weitere Straffung vertragen. Es fehlte die Zuspitzung auf das Ende hin, eine überraschende Wendung oder zumindest etwas, das den weiteren Verlauf in Frage stellt. Aber da der Autor die geballte Katastrophe bereits zu Beginn auf Thoren hat niedergehen lassen, blieb für die restliche Handlung wohl erst mal nichts mehr übrig.

_Harald Evers_ hat seine ersten Geschichten bereits als Jugendlicher auf der Reiseschreibmaschine seines Vaters getippt. Sein erster Roman „Die Kathedrale“ basierte auf einem von ihm entworfenen Computerspiel, ebenso wie die achtbändige Höhlenwelt-Saga, mit der er letztlich bekannt wurde. „Das Amulett“ ist der erste Band seiner neuen Trilogie |Das 7. Buch der Schatten|, dessen zweiter Band im Oktober dieses Jahres erscheinen soll. Harald Evers verstarb im November letzten Jahres im Alter von nur 49 Jahren an einem Herzinfarkt. Das Manuskript für den dritten Band wurde noch von ihm fertiggestellt, ein genauer Erscheinungstermin steht allerdings noch nicht fest.

http://www.hoehlenwelt-saga.de

Koch, Boris – Schattenlehrling, Der (Shadowrun 77)

Mit seinem „Shadowrun“-Debüt begibt sich Boris Koch in eine neue Epoche der weltberühmten Rollenspielwelt. Es ist die erste Geschichte der vierten Edition von „Shadowrun“ und markiert als solche einen 5-Jahres-Sprung seit den zuletzt dokumentierten Ereignissen. Aus diesem Grunde enthält der Roman auch ein exklusives Vorwort des deutschen „Shadowrun“-Chefredakteurs Christian Lonsing mit einigen Hinweisen und Hintergründen zu den Neuerungen, speziell die nunmehr kabellose Matrix betreffend. Dies erfüllt in erster Linie auch den Zweck, eventuelle Skeptiker vorerst zu besänftigen und ihnen zu erläutern, welche Funktion dieser rasche Zukunftssprung hat. Nun ist es lediglich an Romanautor Koch, die dadurch geschürten Erwartungen literarisch umzusetzen. Eine enorm schwierige Aufgabe, doch der ‚Debütant‘ zieht sich wirklich achtbar aus der Affäre.

_Story_

Boris Weinert hat die Nase vom spießigen Familienleben gestrichen voll. Seit Jahren erlebt er in der Matrix seine wahre Bestimmung und träumt, inspiriert von einer populären Runner-Serie um den Superhelden Viper, eines Tages ebenfalls in den Schatten aktiv zu sein. Während seinem Vater, einem hohen Angestellten beim Konzern-Multi |Horizon|, ein neuer lukrativer Auftrag in München winkt, plant der 13-Jährige seine Flucht aus dem Elternhaus. Kurzerhand stiehlt er seinen Eltern wertvolle Credsticks, begibt sich damit in eine anrüchige Kneipe und trifft dort auf die großspurigen Runner Theseus, Cinque und Key. Nicht wissend, dass seine Eltern bei seiner Verfolgung ums Leben gekommen sind, lernt er bei seinen neuen Chummern die wichtigsten Basics eines Runners und ergattert mit ihnen alsbald auch seinen ersten Auftrag. Als dieser jedoch komplett fehlschlägt und Auftraggeber Domitian, gleichzeitig Besitzer der Gladiatorenarena |Monstroseum|, sich öffentlich über das Scheitern der Runner und ihren neuen Schützling lustig macht, erkennt Boris (alias Wet Boy), dass er unter eine Truppe von Versagern geraten ist, und macht sich auf den Weg, eigenständig Erfahrungen als Runner zu sammeln. Jedoch gerät er dabei in eine tödliche Falle, aus der ihn nur noch seine kurzzeitigen Gefährten befreien könnten. Doch die sind schon zu Genüge damit beschäftigt, Boris‘ Verfolger abzuschütteln. Der Junge hatte seinem Vater kurz vor der Flucht nämlich einen enorm wichtigen Credstick mit verborgenen Informationen gestohlen, die der Konzernführung schon bald zum Verhängnis werden könnten. Und nun sind plötzlich alle hinter dem 13-jährigen Spross her, der ahnungslos in sein eigenes Verderben hineinrennt …

_Meine Meinung_

Im neuesten Kapitel der „Shadowrun“-Abenteuer werden vergleichsweise sehr harte, teils auch übermäßig brutale Seiten aufgezogen. Die einschneidenden Auswirkungen des großen Crashs aus dem Jahre 2064 ist den meisten Runnern noch sehr nahe, die Stimmung daher auch recht gedrückt. Im Übrigen sind die Charaktere dieses Buches aber auch sehr aggressiv eingestellt, allen voran natürlich die Fieslinge, die ihre Kontrahenten nicht nur foltern und zu Tode quälen, sondern sie anschließend noch bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln. Ja, „Der Schattenlehrling“ ist verdammt starker Tobak!

Dabei ist der Aufhänger der Story weniger originell: Ein kleiner Abenteurer zieht in eine düstere Welt aus, um seinen Idolen nachzueifern, muss sich jedoch alsbald der knallharten Realität stellen und damit auch Verbrechen, Gewalt und Tod. Losgelöst vom behüteten Elternhaus und den Vorgaben, die der Konzern des Vaters den Familien seiner Schützlinge auferlegt, taucht er ab in eine Welt, die er in seinen Träumen verehrt, die für ihn das Ein und Alles ist. Doch zwischen Trideo, Matrix-Games und der Wirklichkeit bestehen ungeahnte, teils weltengroße Unterschiede. Bereits beim ersten Aufeinandertreffen mit Leuten aus den Schatten muss Boris anerkennen, dass er der Herausforderung gar nicht gewachsen ist. Weder körperlich kann er mit den übrigen mithalten, noch ist seine Einstellung so kompromisslos, dass er als echter Schattenläufer durchgehen würde. Also lässt er sich erst einmal ausbeuten und spendet ein halbes Vermögen für eine kurze Ausbildung. Jedoch hat er sich nicht unter irgendwelche Helden gemischt, sondern unter die letzte Stufe der Runner-Equipe; anrüchige Gestalten, begierig darauf, mit zweifelhaften Aufträgen ihren Unterhalt zu finanzieren, oder notfalls mit illegalen Mitteln die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen.

Dennoch entsteht zwischen Theseus, Cinque, Key und Wet Boy – den Namen erhält Boris, als ihm jemand sein Bierglas über dem Kopf entleert – eine Art Sympathie und Freundschaft: Gerade Theseus fühlt sich zu dem Jungen hingezogen und entdeckt Parallelen zu seiner eigenen Vergangenheit. Keiner von ihnen kennt jedoch den wahren Grund für Boris‘ Flucht bzw. die Ursache für seinen Weg in die Schatten. Auch die familiären Umstände bleiben für das Runner-Trio ungeklärt, was einzig und allein daran liegt, dass Wet Boy fürchtet, nicht mehr ernst genommen und wegen seiner Herkunft sogar wieder verbannt zu werden.

Die Stimmung bleibt im Laufe der Erzählung deshalb auch ständig angespannt, bis Boris dann die Initiative ergreift, realisiert, dass Theseus und Co. ihn nicht weiterbringen können und schließlich der Gedanke in ihm reift, dass er anderer Stelle, nämlich im |Monstroseum|, einen besseren Einstieg in die Welt der Schatten bekommt. Doch dort ist es noch finsterer, als es jeder Schatten sein könnte …

Während auf der emotionalen Ebene nichts weiter geschieht als diese recht oberflächliche Freundschaft (selbst der Tod der Eltern wird vom Autor eiskalt aufgearbeitet), schreitet die Action-Handlung ebenfalls nur behäbig voran. Erst nach gut der Hälfte des Romans entwickeln sich langsam aber sicher die Zusammenhänge zwischen allen Parteien; die verschiedenen Positionen werden deutlicher beleuchtet und leiten schließlich ein absolut denkwürdiges Finale ein, bei dem es wirklich so richtig zur Sache geht.

Trotzdem gibt es jedoch noch ein ‚Aber‘, denn letzten Endes hat der Plot nur bedingt überzeugt. Dies liegt aber allen Befürchtungen zum Trotz nicht an den fehlenden Zusammenhängen zwischen der letzten und der neuen Ära, sondern vielmehr an der Tatsache, dass die Geschichte nicht wirklich in die Gänge kommt. Dieses Geplänkel zwischen Boris und seinen neuen Kumpels mag zwar als Einführung wichtig sein und ist zu diesem Zweck auch vollkommen akzeptabel, aber bis sich dann einmal ein weiterer Aufhänger für die ‚echten‘ Abenteuer der Runner entwickelt hat, ist man schon ziemlich weit fortgeschritten und hat Mühe und Not, die vielen einzelnen Parts miteinander zu verbinden. Man weiß zwar im Grunde genommen, wer wie wo seine Finger im Spiel hat und welche hinterlistigen Machenschaften wem anzulasten sind (diesbezüglich Spannung aufzubauen, ist nämlich nicht gerade die Stärke des Autors), wartet aber irgendwie nur auf den letzten Showdown, der von Koch hier glücklicherweise auch richtig stark inszeniert wird.

Dass „Der Schattenlehrling“ insgesamt aber trotzdem ein recht gutes Buch geworden ist, hat man der postapokalyptischen Atmosphäre des Romans zu verdanken. Eine Welt, am Boden zerstört, ein Leben zwischen purer Harmonie und skrupelloser Zwietracht, gesellschaftliche Strukturen, die jeglicher Moral entbehren, phasenweise beängstigend morbide Zwischensequenzen und, nicht zu vergessen, die effektreiche Inszenierung der modernen Mafia, angeführt von hochrangigen Konzerneignern und vollzogen von schmierigen Runner-Gangs, deren Lebenselixir aus Gewaltakten besteht. Boris Koch offeriert ein Leben zwischen Verbrechen, Moralverstößen und Kapitalismus, Niederträchtigkeit und – dem Titel entsprechend – echten Schatten, ganz genau so, wie sich das für einen „Shadowrun“-Roman gehört. Zwar sind seine futuristischen Visionen stellenweise schon richtig krass, im Rahmen der rauen Handlung aber in dieser Form nur ein kleine Puzzlestücke mehrerer eher ekelhafter Szenarien.

Auf den Punkt gebracht: Dort, wo die Story inhaltlich einige Defizite offenbart, springen die grausamen, symbolischen Visualisierungen von Gewalt und Chaos in die Bresche und bewahren den Roman vor dem Durchschnitt. Dies schließlich sogar auf eine Art und Weise, dass ich „Der Schattenlehrling“ zumindest auf den Rahmen der Geschichte bezogen durchaus empfehlen kann.

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http://www.shadowrun.de
[„Shadowrun 4.01D“ 2097

Walker, Hugh – Magira – Die Ufer der Wirklichkeit

Band 1: [„Die Welt des Spielers“ 2141
Band 2: [„Die Macht der Finsternis“ 2219
Band 3: [„Die Stadt der Götter“ 3267

|Handlungsabriss|

Bereits am Ende des ersten Bandes wurde die Gruppe, die sich im Laufe der Handlung um die Priesterin Ilara und ihren Entführer Thuon zusammengefunden hatte, wieder auseinandergerissen. Thuon, der Zwerg Thauremach und Frankari waren danach erst einmal in der Versenkung verschwunden.

Während Thorich sich vor dem drohenden Krieg nach Kanzanien davongemacht und dort seine eigenen Abenteuer zu bestehen hat, ist Thuon mit dem in einer Spielfigur eingeschlossenen Frankari und dem Syrinx spielenden Zwerg nach Magramor zurückgekehrt, wo sich die Armeen Wolsans auf den Krieg vorbereiten. Frankari will versuchen, über Pele, Bruss‘ Vater, an Mythan d’Sorc heranzukommen. Tatsächlich lädt Pele die drei zu einem Mahl ein, zu dem auch der Mythane geladen ist. Dieser erklärt sich bereit, Frankari seine Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, gegen einen Blick in Frankaris Gedanken, denn er spürt, dass Frankari nicht aus Magira stammt. Frankari ist das nicht sonderlich recht, er sträubt sich. Doch sein Versuch, sich mittels Magie zu wehren, hat ungeahnte Folgen …

Thorich ist derweil wieder einmal auf der Flucht, diesmal vor den Reitern der Finsternis. Er hat in der „Realität“ eine Spielfigur vom Brett geklaut, die, in der seine geliebte SayaTar verschwunden ist. Thorich hofft, sie so vor dem Tod bewahren zu können. Doch mit seiner Tat hat er eine Variable ins Spiel gebracht, und sofort findet sich auch jemand, der sich dies zu Nutze machen will. Als der Autor sich mit seinen Freunden ans Spielbrett setzt und zu würfeln beginnt, muss Thorich bald erkennen, dass er mit seinem Diebstahl weder TayaSar, noch sich selbst, noch seinem „Gott“ einen Gefallen getan hat …

|Charakterwege|

Etwas zur Charakterzeichnung zu sagen, kann ich mir diesmal getrost schenken, denn es kommt nur eine einzige neue Figur vor, die über die Funktion eines Statisten hinausgeht, und das ist der Mythane des kanzanischen Königs namens Elmuciron. Da er aber in jeder Hinsicht der typische Mythane ist, gibt es eigentlich nichts weiter über die Person als solche zu erzählen.

Mit der Funktion des Charakters sieht es schon ein wenig anders aus: Eine Zeit lang dachte ich, er sei eine neue Verkörperung von Laudmann. Gewundert hätte mich das nicht. Sowohl Thuon als auch Thorich waren mehr als einmal tot und kamen doch wieder zurück; Frankari hat sich sogar in zwei Persönlichkeiten gespalten, was wiederum relativ ist, wenn man bedenkt, dass Laudmann alias Frankari auch nur eine Facette des Autors ist; da wäre es auf eine wundersame Befreiung Laudmanns aus seiner vom Autor aufgezwungenen Verbannung auch nicht mehr angekommen.

Im Verlauf des Spiels zeigte sich jedoch, dass ich Unrecht hatte, was nicht heißen soll, dass die tatsächliche Entwicklung der Geschichte weniger wundersam wäre als ein erneutes Auftauchen Laudmanns. Die Züge des Falken sind Laudmann ziemlich ähnlich. Vielleicht ist der Unterschied ja auch rein definierender Natur, denn was sich im Zusammenhang mit Elmuricon und dem Falken abspielt, gehört ebenso in den Bereich der Phantasie wie Laudmann. Fast scheint es, als wäre Hugh das Spiel ohne einen adäquaten Gegenspieler, wie Laudmann ihn darstellte, zu langweilig.

|Verwirrungen|

Wir befinden uns also immer noch in einem Duell, diesmal zwischen Hugh, der als König von Wolsan den Löwen verkörpert, und dem Falken, dem Spieler, dessen Volk die Kanzanier sind. Im Grunde ist dieses Duell ebenso wie das gegen Laudmann lediglich eines, das im Kopf des Autors stattfindet, sozusagen Entwürfe von Szenen, zu denen ihn das reale Spiel inspiriert, und die er später als Teil der Geschichte niederschreiben könnte. Tatsächlich macht sich der Autor während des Spiels sogar Notizen dazu. Der Leser muss allerdings selbst herausfinden, welches Spiel das reale ist und welches das erfundene! Indiz ist auch diesmal wieder das schwarze Hexagon auf dem Wohnzimmerteppich. Und nicht nur, dass der Leser zwischen realem und erfundenem Spiel unterscheiden muss, es scheint auch, dass der Autor sich selbst ebenfalls noch einmal geteilt hat, so wie es mit Frankari geschah. Jetzt haben wir nicht nur den Autor namens Hugh, sondern auch noch ein Ich!
Ehrlich gestanden wurde es mir an diesem Punkt doch etwas zu unübersichtlich!

Das betraf nicht nur die Fülle an Personen, die eigentlich nur bestimmte Teile einer einzigen Person waren, sondern auch die Handlung.
Allmählich verging mir die Lust, den häufigen und extrem sprunghaften Wechseln in Ort und Geschehen zu folgen. Das mag auch an dem etwas unzusammenhängenden Erzählstil liegen. Walker hält sich nicht mit Erklärungen auf. Es wird hauptsächlich berichtet, was geschieht. Warum etwas geschieht, dafür muss der Leser selbst plausible Gründe finden. Dabei wäre die Geschichte auch ohne diese zusätzlichen Unklarheiten schon irritierend genug. So fragte ich mich zum Beispiel, warum die Reiter der Finsternis – deren Aufgabe unter anderem die Trennung von Realität und Phantasie ist – zwar dafür sorgten, dass Frankari aus Magira verschwand, Hugh aber dort ließen. Schließlich hatte der dort eigentlich auch nichts zu suchen!

Fast scheint es, als hätte die Verwirrung auch vor Walker nicht ganz Halt gemacht. Vielleicht ging es ihm tatsächlich so, wie er es Hugh in den Mund gelegt hat, dem seine Figuren langsam ziemlich auf die Nerven gingen, und er hat sich deshalb am Ende zu einem solch radikalen Rundumschlag hinreißen lassen. Mir war es nicht unrecht. Eine noch weiter fortschreitende Vermischung von Fiktion und Wirklichkeit hätte wahrscheinlich dazu geführt, dass die Geschichte völlig chaotisch und unverständlich geworden wäre. Und die Protagonisten waren mangels charakterlicher Entwicklung allmählich auch ziemlich abgenutzt. Da die bisherige Handlung ausschließlich in den Ländern von Löwe und Falke spielte, hätten die Länder der übrigen Spieler – Adler, Wolf und Einhorn – wohl noch Stoff für weitere Geschichten hergegeben. Aber ohne die Faszination, die aus dem Verwischen der Grenzen zwischen Realität und Phantasie entstand, kämen vermutlich nur ein paar weitere kleine Abenteuerchen heraus, wie Thorich sie in Kanzanien erlebt hat, ehe er durch das geöffnete Tor auf die Waage der Welt gelangte. Insofern war es eine gute Idee, den Zyklus hier enden zu lassen.

_Insgesamt betrachtet_ fand ich |Magira| interessant und lesenswert, was vor allem am philosophischen Aspekt lag, ohne den die diversen Abenteuer der Helden eher etwas flach gewirkt hätten. Ich kann allerdings nicht sagen, dass es Spaß gemacht hätte, den Zyklus zu lesen, dafür war er vor allem gegen Ende einfach zu anstrengend. Interessenten würde ich auch empfehlen, keine zu großen Pausen zwischen den einzelnen Bänden einzulegen. Größere Abstände, in denen man womöglich wichtige Details des Gelesenen vergisst, machen den ohnehin unübersichtlichen Handlungsverlauf noch verwirrender.

Was die Arbeit von |Bastei Lübbe| angeht, so muss ich sagen: Das Lektorat hätte besser sein können. Da steckt noch Verbesserungspotenzial drin. Auch waren bei den letzten beiden Bänden zwischen den Seiten feine Papierfitzel verstreut, die offenbar beim Schneiden des Papiers abgefallen und an den Blättern hängen geblieben sind, sodass ich immer wieder pusten oder wischen musste. Vielleicht braucht die Schneidemaschine mal eine neue Klinge.

_Hugh Walker_ heißt eigentlich Hubert Straßl und ist gebürtiger Österreicher. Beim Aufstieg der Fantasy zum populären Literatur-Genre war er von Anfang an dabei, nicht nur als einer der Erfinder des „ewigen Spiels“, sondern auch als Herausgeber eines Fan-Magazines und Gründer des ersten deutschen Fantasy-Klubs, sowie als Autor eigener Romane und Herausgeber der Taschenbuch-Serie „Terra Fantasy“. Sein |Magira|-Zyklus ist in der hier rezensierten Ausgabe von |Bastei Lübbe| nach dreißig Jahren erstmals vollständig erschienen.

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