Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Athans, Philip – Verheerung (Der Krieg der Spinnenkönigin 5)

„Verheerung“ von Philip Athans ist der fünfte Band des sechsteiligen AD&D-Epos „Der Krieg der Spinnenkönigin“ (War of the Spider Queen), das in deutscher Übersetzung bei |Feder & Schwert| erscheint.

Unter der Schirmherrschaft von AD&D-Altmeister R. A. Salvatore haben sechs Autoren ihr Debüt in der Serie „Die Vergessenen Reiche“ gegeben. Bei Philip Athans kann man weniger von einem Debüt sprechen: Seit Jahren ist er als Herausgeber verschiedener Bücher der „Vergessenen Reiche“ bei |Wizards of the Coast| tätig, gelegentlich hat er jedoch einige wenige Bücher selbst geschrieben, wie die in Deutschland eher unbekannten Romanfassungen der AD&D Computerspiele |Baldur’s Gate| und |Neverwinter Nights|. Athans wurde von seinen Kollegen mehrfach lobend erwähnt für seine Mithilfe in AD&D-Fragen, er hat auch das Lektorat der Serie übernommen.

_Die verschollene Göttin_

Was kann eine Gruppe von sieben bösartigen und egoistischen Drow dazu veranlassen, fast uneigennützig für ein gemeinsames Ziel Gefahren und Entbehrungen auf sich zu nehmen? Natürlich nur ein außergewöhnlicher Notstand … und dieser ist eingetreten: Lolth, die Spinnengöttin der Drow, schweigt – verwehrt ihren Priesterinnen ihre Magie und jeglichen Beistand. Die matriarchalische Herrschaftsstruktur der Drow ist gefährdet, ohne die Magie der Priesterinnen droht der Metropole Menzoberranzan die Vernichtung durch ihre zahlreichen Feinde. Aber auch abtrünnige männliche Drow sehen eine Chance, die Verhältnisse zu ihren Gunsten umzukehren, andere sinnen einfach nur auf Rache. Die Macht der Feinde der Drow ist groß, die Stadt Ched Nasad wurde bereits völlig vernichtet. Nur Gromph, der Erzmagier Menzoberranzans, könnte den Leichnam (Lich; ein untoter Magier) aus dem abtrünnigen Haus Agrach Dyrr aufhalten, dessen Verbündete (Dunkelzwerge, Tanarukk) bereits in den Straßen Menzoberranzans kämpfen.

Die bereits zerbrochene Gruppe um die Hohepriesterin Quenthel und ihren Draegloth-Diener Jeggred, bestehend aus dem Magier Pharaun, dem Waffenmeister Ryld, dem Söldner Valas Hune sowie der aus Ched Nasad entkommenen Priesterin Halisstra und ihrer Leibsklavin Danifae war bisher auf ihrer Suche nach der Göttin Lolth erfolglos.

Halisstra ist vom Glauben an Lolth abgefallen und hat sich Eilistraee, der Göttin der an die Oberfläche Faerûns zurückgekehrten Dunkelelfen, zugewandt. Zusätzlich hat sie von ihrer neuen Göttin eine schwere Aufgabe erhalten: Sie soll mit einer magischen Mondsichelklinge Lolth selbst töten! Ryld ist verwirrt von den Lehren Eilistraees und entsetzt von dem Gedanken, gegen Lolth kämpfen zu müssen, bleibt aber wegen seiner Liebe zu Halisstra bei ihr.

Quenthel und Pharaun setzen derweil ihre Reise in den Abgrund der Dämonennetze fort. An die Stelle der sonst üblichen, oft eskalierenden Reibereien ist Verzweiflung getreten, Quenthel wirkt apathisch und hoffnungslos, was insbesondere Jeggred missfällt. Das nützt Danifae für ihre Zwecke aus. Während eines Erkundungszugs mit Valas Hune gelingt es ihr zudem, sich von Halisstras Bindezauber zu befreien, ihr Leben ist nicht mehr mit ihrem verbunden – endlich kann sie Rache nehmen …

Während Gromph mit dem Lich Dyrr um sein Leben und um Menzoberranzan kämpft, eskaliert die Situation im Abyss: Jeggred macht sich auf die Jagd nach Halisstra und Ryld. Schließlich erreicht Quenthels Gruppe den Abgrund der Dämonennetze, der sich anscheinend aus dem Abyss gelöst hat und nun eine eigene Ebene bildet. Quenthel übernimmt wieder die Führung: Lolth lebt – und gewährt ihren Priesterinnen wieder ihre Macht.

_Fast am Ende der Reise_

Es ist ein seltenes Vergnügen, Drow-Priesterinnen im Freudentaumel zu erleben. Lolth lebt offensichtlich, aber warum hat sie den Abgrund der Dämonennetze aus dem Abyss gelöst, warum hat sie so lange geschwiegen? Diese Fragen bilden den Cliffhanger für den nächsten Band. Man sollte zudem nicht vergessen: Halisstra ist nach wie vor wild entschlossen, Lolth zu töten.

Athans rückt neben dieser entscheidenden, das Finale vorbereitenden Neuigkeit vorallem Gromph und Danifae in den Mittelpunkt. Die Vorbereitungen für das Magierduell um Menzoberranzan und schließlich der Kampf selbst zählen zu den Highlights des Romans. Wie Gromph sich zum Beispiel sein verlorenes Augenlicht wiederbeschaffft, ist einfach nach feinster Drow-Manier …

Einige Schnitzer aus vorherigen Romanen bügelt Athans aus, so war Danifae trotz ihrer Bindung an Halisstras Leben und ihrer langen Abwesenheit nie im Geringsten besorgt. Diese Bindung zerschlägt Athans in diesem Roman etwas beiläufig und wenig originell, aber er gibt der bisher blassen Danifae etwas mehr Charakter, sie ist sogar eine entscheidende Triebfeder der Handlung dieses Romans.

Athans hat die Handlung und die zahlreichen Kämpfe geschickter verbunden als viele seiner Kollegen, was mir sehr gut gefiel, doch gerade bei einem Kenner wie Athans sind einige Fehler einfach nicht verzeihlich: So hat Ryld als Waffenmeister von Melee-Magthere einen schwereren Stand gegen eine Riesenfaultiermutter als der Späher Valas Hune gegenüber einem uralten Drachen. Die Konzentration auf Danifae tut sowohl Pharaun als auch Quenthel nicht gut, insbesondere Pharaun wirkt nicht mehr gewitzt, sondern eher beschränkt. Die wenig überzeugende apathische Phase Quenthels erklärt sich wenigstens am Ende des Romans, wenn auch nicht zur vollständigen Zufriedenheit. Diese inkonsistenten Charakterdarstellungen – jeder Autor hob bisher eine andere Figur hervor – sind leider ein durchgehendes Problem der gesamten Serie.

Zwischen Ryld und Jeggred wird es in diesem Roman zu einem tödlichen Duell kommen, in dessen Verlauf Athans sie recht originell aus der Sicht einiger unfreiwillig in diese Auseinandersetzung hineingezogener menschlicher Holzfäller beobachten lässt. Ob Ryld den Halb-Dämon halbiert oder ob dieser, wie er es schon oft versprochen hat, Ryld das Herz herausreißen und fressen wird, möchte ich nicht verraten.

_Fazit:_ Wie alle Autoren bisher, hat auch Philip Athans den Schwerpunkt auf eine andere Figur verlagert, in diesem Fall Gromph. Die Handlung ist nach wie vor sehr actionreich und spannend, eine besondere Note konnte Athans jedoch weder der Handlung noch einer Figur geben. Seine Vorgänger hatten jeweils eine deutliche Stärke oder Schwäche; so hat Richard Lee Byers Menzoberranzan überzeugend dargestellt, während man bei Richard Baker außer einer – wenn auch überzeugenden – Kampforgie wenig geboten bekam. Athans erlaubte sich keine Extreme oder Fehler bis auf die enttäuschend beiläufige Entfernung von Danifaes Bindungszauber und den offensichtlich schwächelnden Drachen. Das Magierduell sowie der Showdown zwischen Ryld und Jeggred sind zweifelsohne die Highlights dieses Romans, ebenso wird ein vielversprechendes Finale vorbereitet. Leider schafft es auch Athans nicht, die Charaktere zumindest konsistent zum Vorgängerband darzustellen. Dennoch ist auch dieser Roman überdurchschnittlich gutes Lesefutter für Drow-Fans. Wie die ganze Reihe ist er jedoch eher Kennern der „Vergessenen Reiche“ zu empfehlen, da sie entsprechende Grundkenntnisse voraussetzt.

Weitere Besprechungen aus dieser Reihe bei |Buchwurm.info|:
[Zersetzung 183 (Band 1)
[Zerstörung 677 (Band 4)

Reinhold Eichacker – Panik

Eichacker Panik Cover kleinDas geschieht:

Mit einem mysteriösen dunklen Punkt im All beginnt es: Professor Earthcliffe, der kauzige aber begnadete Leiter der Michigansternwarte in New York, verliert ob der Unmöglichheit, dieses Phänomen identifizieren zu können, bald den Verstand. Erst als der junge, hoch talentierte Amateurwissenschaftler Dr. Nagel sich ihm als Assistent zur Seite stellt, gelingt des Rätsels Lösung: Ein gewaltiger Meteorit nähert sich der Erde, auf der er mit hoher Wahrscheinlichkeit einschlagen wird!

Earthcliffe fürchtet eine weltweite Massenpanik und rät zum Schweigen („Die Masse der dummen, kritiklosen Menge würde die kosmische Gefahr und Drohung gewiss nicht ertragen.“, S. 42). Doch sein skrupelloser Kollege Dr. Wepp denkt anders. Er will die Panik, um durch Aktienspekulationen ein gigantisches Vermögen zu erraffen. In einem zweiten Schritt will er sich gar zum Herrn der außer Kontrolle geratenen Welt aufschwingen.

Sein böser Plan lässt sich gut an. Die Erde verwandelt sich in einen Hexenkessel. Wepp entpuppt sich als fähiger Aufwiegler, der den Mob nach seiner Pfeife tanzen lässt. Die verzweifelten Versuche Earthcliffes und Nagels, seine Manipulationen aufzudecken, bleiben nutzlos. Von Wepp aufgehetzt, rückt die Meute gegen die Michigansternwarte vor, um die vermeintliche Stätte allen Übels und ihre Bewohner zu vernichten.

Alles wäre verloren, hätte Nagel nicht vor einiger Zeit den charismatischen deutschen Chemiker und Physiker Walter Werndt zu Hilfe gerufen. Mit Hilfe des „Falken“, seines fabelhaften Flugzeugs, könnte es möglich sein, Zeit und Ort des Meteoriteneinschlags zu ermitteln. Wepp hart auf den Fersen, versucht das kleine Forscherteam seinen Job zu tun, während die Apokalypse einsetzt …

Panik im All ist vor allem Panik auf Erden

„Panik“ ist der zweite Band der später so genannten „Walter-Werndt“-Trilogie, verfasst von Reinhold Eichacker, einem heute weitgehend unbekannten Pionier der (deutschen) Science Fiction. Die SF-Gruselmär vom außerirdischen Kometen, der auf die Erde stürzt und die Zivilisation der Menschen vernichtet, ist schon vor „Deep Impact“ oder „Armageddon“ immer wieder erzählt worden. Kometen, Meteore und Meteoriten, die Feuer sprühend vom Himmel fallen, haben seit jeher die Menschen fasziniert und in Schrecken versetzt. In der ‚modernen‘ Welt des 20. Jahrhunderts war es keineswegs anders. Als der Halleysche Komet 1912 am Himmel erschien, glaubten viele Zeitgenossen tatsächlich, das Ende der Welt werde in Gestalt seines angeblich giftgeschwängerten Schweifes über sie kommen. Reinhold Eickacker veröffentlichte „Panik“ 1922; es waren seither erst zehn Jahre verstrichen. Hier haben wir eine der Quellen offengelegt, aus denen der Verfasser schöpfte.

Panik beherrschte freilich auch die deutsche Gegenwart des Jahres 1922. Der verlorene I. Weltkrieg lag erst vier Jahre zurück, seine Folgen waren nicht ansatzweise überwunden. Zur Schmach des „Versailler Schandfriedens“ kamen die enormen Reparationszahlungen, die dem Deutschen Reich von den Siegermächten abverlangt wurden. Seit 1918 befand sich die Wirtschaft im freien Fall. Eine inflationäre Abwärtsspirale war in Gang gekommen, die das Geld praktisch wertlos werden ließ. Angesparte Guthaben und Notgroschen verfielen, der Mittelstand geriet in Not, die junge deutsche Republik bekam die Probleme nicht in den Griff.

Kriegsgewinnler und Börsenspekulanten – der Bildikone gewordene, dickwanstige Kapitalist mit Pelzmantel, Zylinder und Zigarre – schienen sich auf Kosten des braven, hilflosen Manns von der Straße zu bereichern. So schlug die Stunde für demagogische Seelenfänger à la Dr. Wepp: ‚starke Männer‘, die Besserung versprachen, unter ihnen ein gewisser Adolf Hitler, der Anno 1922 freilich noch ganz am Beginn seines verhängnisvollen Siegeszuges stand.

Gänzlich diesseitige Visionen

Diese Stimmung – der „Tanz auf dem Vulkan“, wie es schon die Zeitgenossen ausdrückten – prägt Eichackers Roman, nicht aber seine angebliche Vision von der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929, wie Eichacker-Jünger gern betonen. Mit Science Fiction im Sinne von technischer oder gar gesellschaftlicher Zukunftsschau hat der Verfasser ohnehin wenig am Hut. SF-Elemente werden recht wahllos in die Handlung eingestreut; sie sind Mittel zum Zweck, das Geschehen in Gang zu halten, haben mit einer gewollten und ‚seriösen‘ Projektion gegenwärtiger Zustände in eine unbekannte Zukunft nichts zu tun.

Hier sollten wir das Positive sehen: SF ist Unterhaltung, sie wird nicht von besonders klugen Menschen geschrieben – klug in dem Sinn, dass sie sehen was da kommen mag. Was ist visionär am Entwurf einer Sternwarte, die von einem Elektrozaun umgeben ist, der ungebetene Besucher kurzerhand röstet? Verblüffung weckt auch die Kunde, dass in der Michiganwarte 70 (!) Maschinengewehre bereit liegen, die vom schießkundigen Personal sehr wirksam eingesetzt werden. Ausschließlich die Handlung, wie Eichacker sie konstruiert, benötigt solche logikfreien Seltsamkeiten.

Eichackers Welt ist ansonsten eindeutig die der 1920er Jahre, der einige sacht utopische Erfindungen (Ingenieur Werndts hubschraubenähnliches Libellenflugzeug „Falke“, Professor Earthcliffes „elektrische Rechenwand“) aufgepfropft werden, während gesellschaftlich alles beim Alten geblieben ist. Gedacht und gehandelt wird ohnehin sehr gegenwärtig. Verrat, die typische Hetzjagd zwischen Gut & Böse, eine schmalzige Liebesgeschichte – diese konventionellen Bausteine sind Eichacker für seine Geschichte sehr viel wichtiger als Naturwissenschaft & Technik, deren Erkenntnisse er ungeschickt und spannungsretardierend in die Handlung einbringt.

Zumal er sich – stellvertreten durch Walter Werndt – als Anhänger der obskuren „Erdeis“-Theorie outet. Seit Ende des 19. Jahrhunderts vertrat Hanns Hörbiger (1860-1931) die These, dass die Welt geprägt sei von einem ewigen Antagonismus zwischen den mythischen Urmächten Eis und Feuer. Das All wäre demnach erfüllt von kalten und heißen Himmelskörpern, die einander anziehen, zusammenprallen, zerstören und dadurch neue Planeten erschaffen. Das ist schierer Unfug, der indes lange überlebte, zumal den Nationalsozialisten diese gewaltreiche Bild einer Schöpfung durch Zerstörung ausnehmend gut gefiel.

Macht, Sucht und Realitätsverlust

Eichacker kann nicht verbergen, dass er auf einer ähnlichen Wellenlänge liegt. Menschen fallen dem Welteis-Meteoriten sowie der durch ihn entfachten Panik in Millionenzahl zum Opfer. Das rührt ihn nicht, denn in langen Sequenzen hat er die, welche sterben, als wertlosen Pöbel deklassiert, um den es nicht schade ist. Die Katastrophe ist womöglich keine, weil primär die Tüchtigen überleben und das Pack vom Erdboden vertilgt wird. Die “neue” Welt kann so nur eine bessere werden.

Andererseits wirft Eichacker sehr wohl einen kritischen Blick auf die Manipulation der Massen. Er hat die Mechanismen, die wenige Jahre später von Joseph Goebbels zur Vollendung gebracht wurden, gut begriffen: [Wepp spricht zu der von Panik erfüllten Masse und wiegelt sie auf] „‚Nur ein Weg bleibt uns, um dem Tod zu entgehen, nur ein Weg, liebe Freunde …‘ Ein Hoffnungsschimmer erfasste die Menge: ‚Der Weg! Die Rettung! Hilf uns!‘, schrie es wild durcheinander … Wepp stand mit sprunghaft gebogenem Körper wie eine wutfletschende Katze, die mageren Arme zur Menge gestoßen. Jetzt hatte er die da unten so weit. Jetzt tobte da unten nur noch eines: die Angst, und fraß die Vernunft auf. Jetzt konnte er ihnen den Giftpfeil zuwerfen, sie waren ihm hörig. (S. 97) ‚Ich, euer Führer, rufe euch, ich helfe euch … Hinaus auf die Straße! … Mir nach! Tod den Mördern!‘“ (S. 99)

Dies wurde Anfang der 1920er Jahre geschrieben, und es sind eigentlich altbekannte Fakten über jenes seltsame, grausame Tier, in das sich der Mensch in der Masse verwandeln kann: den Mob. In Passagen wie dieser leistet Eichacker Großes. Er verbreitet echte Furcht, wenn er die Bestie Mensch entfesselt zeigt. Ähnlich eindrucksvoll schreibt er, wenn er den Aufschlag des Meteoriten schildert und ihm wahrlich apokalyptische Szenen gelingen. Von Action versteht Reinhold Eichacker etwas!

Für ein generelles Manko kann man den Verfasser nicht verantwortlich machen: Er befleißigt sich einer Sprache, die für die Entstehungszeit von „Panik“ typisch war, heute aber nur noch mühsam erträglich ist. Sie wird geprägt durch altmodisches Pathos, durch eine Bildhaftigkeit, die in ihren stakkatohaften Wortwirbeln und stummfilmhaften Übertreibungen an freies Assoziieren erinnert. Wenn sich also der böse Dr. Wepp seinem schuftigen Bundesgenossen als künftiger Weltdiktator offenbart, so klingt das bei Eichacker so: „‚Wegfegen werde ich diese Hohlköpfe alle. Tod dem, der mir trotzte!‘. Die massige Gestalt des Dicken [= Wepps Zuhörer] wankte. Mit einem röchelnden Aufschrei fiel er auf die Knie und hob die Arme zu Wepp in die Höhe. ‚Herr! Meister! Mir schwindelt! Was sind wir vor dir doch für erbärmliche Wichte!‘“ (S. 94) Das ist ein Stil, auf den sich der Leser einstellen muss; es wird nicht immer gelingen.

Figuren: Übertreibung ist alles!

Zum Thema Figurenzeichnung kann man sich nur in Molltönen äußern. Da gibt es ausschließlich holzschnitthafte Klischeegestalten, welche die Handlung verkörpern sollen. Dies lässt die Trivialität des Romans wohl am deutlichsten erkennen. Viel Zeit und Mühe scheint Eichacker in sein Werk nicht investiert zu haben, es war für den raschen ‚Verbrauch‘ bestimmt. Deshalb kocht der Autor routiniert Stereotypen wie den weltfremden aber gescheiten Professor, sein tatkräftiges, natürlich hübsches Töchterlein oder ihren mutigen Galan, der die Fäuste spielen lässt, auf.

Erst recht spät tritt als entscheidender Retter in der Not ein ‚zufällig‘ deutscher Ingenieur auf den Plan. Der gibt sich ruhig, wo ansonsten Hysterie und Übertreibung die Szene beherrschen, und zeigt den zwar tatkräftigen aber überforderten Yankees, wie ein Teutone solche Krisen zu meistern versteht. Solcher mehr oder weniger offene Hurra-Patriotismus war freilich kein deutsches ‚Privileg‘, sondern wiederum zeittypisch.

Dr. Wepp, der Bösewicht, ist wie so oft die interessanteste Gestalt der Geschichte. Ihn bewegen keine hehren, sondern nur egoistische Ziele; wahrscheinlich lässt ihn das so realistisch wirken. Später geht es mit Eichacker durch; Wepp wird vom Volksverhetzer zum Größenwahnsinnigen, der sich schließlich für Satan persönlich hält und ein lachhaft übertriebenes Ende findet; andererseits hat es auch später weitaus dämlichere Schurkenfinale gegeben, so dass man hier in der Kritik Milde walten lassen könnte.

Autor

Wer war Reinhold Eichacker? Man sollte meinen, dass diese Frage in dem durchaus vorhandenen Nachwort beantwortet wird. Stattdessen verbreitet „Michael Gallmeister, Magister der Philosophie“ jenen Schwurbel, für den seine Zunft oft kritisiert und verspottet wird. Eine Kostprobe: Über die Rolle der SF als Blick in die Zukunft heißt es u. a.: „Zum anderen können auch teils noch heute gültige Wunschbilder, Visionen erkannt werden. Welche uns über unser heutiges Sein dahingehend aufklären, das viele ökonomisch logisch und vernunftorientierte Lösungen in Wirklichkeit animalisch evolutionären Hintergrund haben, und viele anscheinend selbstverständliche Begründungen für unser Tun nur Alibi darstellen.“ (S. 155) Alles klar?

Durch Abwesenheit glänzen dagegen ein biografischer Abriss zum Verfasser und eine (literatur-) historische Einordnung des Eichackerschen Werks. Warum ist er ein Pionier des Genres? War er der einzige seiner Art? (War er nicht.) Was hat er sonst geschrieben? Ist Eichacker-SF prägend und typisch für die frühe deutsche SF? Stattdessen lesen wir: „Es handelt sich bei dem Autor Reinhold Eichacker um einen technisch interessierten Roman-Schriftsteller.“ (S. 156) Wer hätte das gedacht? Das ist kümmerlich angesichts der Tatsache, dass die Herausgeber mit der „Phantastischen Bibliothek Wetzlar“ zusammenarbeiten konnten.

Für den Laien ist es leider schwierig, wenigstens einige Infos über der Verfasser auszugraben. Immerhin steht fest, dass sich Robert Eichacker (1886 1931) schon in jungen Jahren der Literatur zuwandte. Zunächst widmete er sich der Theorie, wurde 1912 Mitglied der Deutschen Schiller-Stiftung. Wie alle tauglichen Männer seines Jahrgangs kämpfte Eichacker wenig später im I. Weltkrieg. Seine Erfahrungen prägten ihn nachhaltig; Eichacker gehörte zur Gruppe der Unzufriedenen, die sich von unpatriotischen Feiglingen verraten und verkauft fühlten. Er begann zu schreiben, und besonders seine frühen Werke zeichnen sich durch revanchistische Züge aus, das noch im ersten Band der Walter-Werndt-Trilogie sehr stark zum Tragen kommt. Inwieweit sich dies in den historische Romane, erotischen Novellen und anderen Eichacker-Werken wiederholt, mögen literaturwissenschaftliche Untersuchungen klären.

Im ersten Werndt-Band („Kampf ums Gold“, 1921) überschüttete der große Erfinder jedenfalls das verhasste Siegerland Frankreich mit Todesstrahlen und sparte auch sonst nicht mit ‚völkischem‘ Gedankengut. Ob dies in „Panik“ und 1923 in „Die Fahrt ins Nichts“ fortgesetzt wird, muss offen bleiben. Der Celero-Verlag ließ Eichackers Werke bearbeiten und allzu arge Ausfälle tilgen. (Es wäre übrigens nützlich zu wissen, wie diese ‚Bearbeitung‘ im Detail aussieht.)

Taschenbuch: 157 Seiten

Der Autor vergibt: (2.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Nix, Garth – Sabriel (Das alte Königreich 1)

Garth Nix ist Fantasy-Lesern sicherlich durch den Zyklus um „Der Siebte Turm“ bekannt, welcher in den letzten Jahren beim |Dino|-Verlag erschien und sich vor allem an ein jugendliches Publikum richtete, das die Fantasy gerade erst durch Harry Potter, die „Herr der Ringe“-Filme oder entsprechende Computerspiele für sich entdeckt hatte. Jugendliche Helden wurden berufen, um ein düsteres Geheimnis zu lösen und durch die Reise erwachsen zu werden. Auch in seiner neuesten Trilogie müssen sich junge Helden bewähren.

Eine große Bannmauer trennt das Alte Königreich, in dem Magie und Zauberei noch an der Tagesordnung sind, vom technisch viel fortschrittlicheren Ancelstierre. Soldaten bewachen die Grenze, über die immer wieder freie Magie ausbricht und Schaden anrichtet, und lassen nur wenige Grenzgänger durch. Zu ihnen gehört auch Terciel Abhorsen, ein Magier und Nekromant des Alten Königreiches, der als einer der wenigen Garanten für die Sicherheit beider Reiche gilt, da das magisch begabte Herrschergeschlecht des Alten Königreichs vor ein paar Generationen ausgestorben ist.

Seine Tochter Sabriel wächst in Ancelstierre auf. In einem Mädcheninternat hat sie für das Leben wichtige Dinge gelernt und mit ihren Freundinnen viel Spaß gehabt, aber auch ihre Wurzeln nicht vergessen. So zögert sie nicht lange, als sie eine düstere Botschaft erreicht. Ihr Vater Abhorsen ist verschwunden, und an den Grenzen gehen seltsame Dinge vor sich: Die Toten versuchen nach Ancelstierre vorzudringen – es ist fast so, als würde sie eine düstere Macht kontrollieren.

Sabriel weiß, was sie nun zu tun hat. Sie lässt die Schule und ihre Kindheit hinter sich und kehrt in das Alte Königreich zurück, um ihren Vater zu retten. Sehr schnell stellt sie fest, dass sie sich noch einiges an Wissen aneignen muss, um gegen den geheimnisvollen Feind bestehen zu können, denn bei einem Überfall mächtigerer Toter verliert sie fast ihr Leben.

Dank der magischen Katze Mogget, die ihrer Familie schon viele Jahrhunderte dient, erlangt sie die ihr noch fehlenden Kenntnisse. So gerüstet, bricht sie ihrerseits auf, um den Feind herauszufordern. Doch auf dem Weg zu ihrem Ziel muss sie erkennen, dass sie nicht allein ausersehen ist, um die dunkle Macht zu brechen.
Auch der geheimnisvolle Jüngling Touchstone, der für Jahrhunderte in die Gallionsfigur eines Totenschiffes gebannt war, scheint ein Schlüssel zur Lösung des Problems zu sein, denn er ist vom Blut der alten Könige …

Die ersten Kapitel von „Sabriel“ erwecken den Eindruck, es mit einem weiteren Harry-Potter-Klon zu tun zu haben. Denn die Geschichte beginnt in einem englischen Internat, dessen Schülerinnen durchaus mit Magie vertraut sind. Garth Nix macht keinen Hehl daraus, dass Ancelstierre England irgendwann im 20. Jahrhundert ist.

Allerdings verfliegt der erste Eindruck ziemlich schnell und „Sabriel“ entwickelt sich zu einem eigenständigen Werk, das einen sehr eigenständigen Kosmos mit ungewöhnlicher Magie und fantasievoller, düsterer Atmosphäre entwickelt, die stellenweise die Dichte klassischer „Gothic Novels“ erreicht. Auch die Vermischung von Moderne und Fantasy ist gut gelungen und wirkt an keiner Stelle des Romans aufgesetzt.

Mich hat beeindruckt, wie elegant Garth Nix mit einem zwiespältigen Thema wie Nekromantie, d. h. der Totenbeschwörung, umgeht und ihre guten wie auch schlechten Seiten aufzeigt. Magie ist kein schmückendes Beiwerk, sondern das Hauptthema des Buches und nicht immer leicht zu beherrschen, wie Sabriel immer wieder lernen muss. Als Heldin ist sie angenehm normal – immer wieder wird sie in überheblichen Momenten in ihre Schranken verwiesen, kann aber auch durch Erfolge und Siege wachsen.

Auch die Nebencharaktere haben es in sich – Mogget ist nicht unbedingt das, wofür man ihn zunächst halten mag, und die Beziehung zwischen Sabriel und Touchstone bleibt bis zum Ende angenehm kitschfrei.

„Sabriel“ ist nicht nur für Jugendliche spannende Unterhaltung. Garth Nix hat ein interessantes und atmosphärisch sehr ausgereiftes Universum mit komplexer und ausbaufähiger Magie erschaffen, in eine Handlung verpackt, die immer wieder mit neuen und vor allem nicht nur vordergründigen Überraschungen aufwartet. Also Fantasy, in die man ruhig einmal einen Blick werfen sollte, wenn man der Drachen, Elfen und Zwerge einmal überdrüssig ist.

Wem die gebundene Ausgabe von |Carlsen| übrigens zu teuer ist, der kann auch auf die im April 2005 erschienene Taschenbuchausgabe von |Lübbe| zurückgreifen, die in ihrer Aufmachung dem Hardcover in nichts nachsteht, wenngleich das Titelbild dieser Ausgabe viel stimmungsvoller wirkt.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

Marzi, Christoph – Lycidas

Das alte London war seit jeher Schauplatz von Legenden und hat ein ganz eigenes Flair. Der deutsche Autor Christoph Marzi lässt den viktorianischen Charme der Metropole in seinem Roman „Lycidas“ neu aufleben. Dabei bedient er sich freizügig bei berühmten literarischen Vorbildern: Charles Dickens‘ Waisenhaus, John Miltons Elegie „Lycidas“ sowie Neil Gaimans Idee eines „Unter-London“, einer Stadt unter der Stadt, greift er auf. Auch Rabbi Löws Golem und Jack the Ripper geben sich die Ehre … und damit sind die Querverweise auf literarisch Werke, geschichtliche Ereignisse und bekannte Autoren bei weitem nicht erschöpft.

Heldin der Geschichte ist die einäugige Emily Laing, die in dem Waisenhaus des bösartigen Reverend Dombey aufwächst. Dort spricht sie eines Tages eine Ratte an, die sich als Lord Hironymus Brewster vorstellt. Er bittet sie, auf die kleine Mara aufzupassen. Diese wird kurze Zeit später von einem Werwolf entführt, Emily selbst bekommt Ärger mit Dombey und läuft weg. Sie wird von dem etwas verdrießlichen Wittgenstein, einem Gentleman alter Schule, und seinem Freund Maurice Micklewhite aufgenommen.

Diese offenbaren ihr ungeahnte Geheimnisse über ihre Herkunft und die Welt, in der sie lebt, über Elfen und deren Wechselbälger sowie über die uralten Familien Manderley und Mushroom. So existiert unter London eine nahezu exakte Kopie der Oberstadt, in der Fabelwesen und alte Götter sich ein Stelldichein geben. Im Tower der Unterstadt residiert der mysteriöse Meister Lycidas, in dessen Auftrag zahlreiche Kinder in die Unterwelt verschleppt werden.

Dies ist nur der Auftakt eines der drei Bücher, in die „Lycidas“ (das zweite heißt „Lilith“, das dritte „Licht“) unterteilt ist. Eine gewisse Kenntnis der literarischen Vorbilder ist zwar nicht notwendig, schadet jedoch nicht. So bestimmt John Miltons Version der Schöpfungsgeschichte große Teile der Handlung; wer sie kennt, kann erahnen, wer sich hinter dem Namen „Lycidas“ verbirgt. Die große Stärke des Buches sind zweifellos das stimmungsvolle Ambiente und seine trotz zahlloser Referenzen eigenständige Storyline. Die Charaktere sind durchweg tiefgründig; kein Bösewicht ist nur böse, alle haben gute Gründe und Motive, oft entpuppen sich die vermeintlichen Schurken als menschlicher und warmherziger als einige Engel wie Uriel – ja, auch Engel hat es nach London verschlagen …

Das Buch sprüht vor Ideenreichtum und Phantasie; ein weiterer Pluspunkt ist der dem altmodischen Ambiente entsprechende Humor der Figuren. So ist besonders Wittgensteins trockene Art sehr stilvoll und amüsant, seine Lieblingsredewendung „Fragen Sie nicht!“, meist als Antwort auf Emilys bohrende Fragen, ist jedoch ein zweischneidiges Schwert und kann auf Dauer auch etwas ermüden.

Einige Schwächen lassen sich einfach nicht leugnen. So hat das Buch einen deutlichen Hänger und Spannungsabfall in der Mitte, denn der namensgebende „Lycidas“ wird bereits am Ende des ersten Buchs ausgeschaltet, um erst im späteren Handlungsverlauf wieder herausgekramt zu werden. Die folgenden zwei Bücher wurden von Marzi erst auf Bitte des Verlags geschrieben, er wollte ursprünglich erst einmal nur den ersten Teil veröffentlichen, und sie sind deutlich weniger spannend als dieser. So tritt an die Stelle einer ständig neue Elemente einführenden, flotten Handlung eine lange Zeit relativ ziellose und träge, viel zu oft wiederholt dasselbe reflektierende Erzählung. Dafür bieten diese beiden Bücher philosophische Überlegungen, die vermeintliche Engel in einem schlechten und die Übeltäter des ersten Buchs in einem sehr positiven Licht erscheinen lassen. Die Erzählperspektive ist sicher auch nicht jedermanns Geschmack: Weitgehend ist Wittgenstein der Erzähler. Jedoch werden oft Orte und Personen gewechselt, der Wechsel von Wittgenstein auf einen neutralen Erzähler und wieder zurück ist des Öfteren abrupt und verwirrend. Desweiteren verwirrt der zeitliche Aspekt: So spielt die Geschichte im modernen London, es gibt McDonald’s und sonstige Aushängeschilder unserer Zeit. Doch merkwürdigerweise sind nicht nur das Waisenhaus in Rotherhithe, sondern auch Personen wie Wittgenstein und Micklewhite komplette Anachronismen. Die Unterstadt selbst befindet sich wohl seit Ewigkeiten in einem Zustand kurz vor der industriellen Revolution. Man fragt sich, warum Marzi die aufgesetzt wirkende und selten gebrauchte Neuzeit nicht ganz gestrichen hat und stattdessen die Geschichte vollständig in dieses Zeitalter verlegt hat.

Fazit: Neue Ideen braucht das Land. Was Marzi aus alten Klassikern macht, ist wirklich bemerkenswert. Man mag sagen, er habe alles nur geklaut – aber wer es schafft, Charles Dickens‘ Waisenkinder mit der Geschichte um Jack the Ripper zu verbinden, ohne dabei ins Absurde abzugleiten, sondern vielmehr zu begeistern, der muss sich nicht verstecken. Man merkt Marzi noch eine gewisse Unerfahrenheit an, schließlich ist „Lycidas“ sein erster größerer Roman. Die Wege die er beschreitet, sind frisch und unverbraucht, so dass man über einige Haken und Ösen hinwegsehen kann. Für Winter 2005 ist bereits ein Folgeband mit den Arbeitstitel „Pequod“ geplant, die Reihe ist laut Marzi eine Trilogie. Man darf gespannt sein, ob Marzi auf Walfang geht und sich zu China Miéville ([Perdido Street Station)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=695 nun auch noch Herman Melville gesellt … nur eines verrät der Autor: Das verschlagene Kopfgeldjägerduo Mr. Fox und Mr. Wolf wird wieder mit von der Partie sein.

Eine Leseempfehlung nicht nur für Fantasyfreunde – „Lycidas“ hat Stil, Charme und Niveau.

Homepage des Autors:
http://www.christophmarzi.de/

Brust, Steven – Athyra

„Athyra“ ist bereits der sechste Band der Serie um den Hexer und Assassinen Vlad Taltos, der nicht als strahlender Held sondern mit einem blauen Auge die meisten seiner Aufträge hinter sich bringt. Während die ersten fünf Romane alle noch in der großen Stadt Adrilankha spielten, wo Taltos sich mit Menschen und Dragaeranern herumschlagen musste, und in denen er sich durch die Kontrolle eines Stadtteils noch ein wenig Geld nebenher verdiente, ist dies in diesem Roman Vergangenheit.

Vlad Taltos ist auf der Flucht. Er hat sich einmal zu viel mit den Mächtigen der Stadt Adrilankha und des Imperiums angelegt und alles verloren außer dem nackten Leben: seinen Besitz, seine Stellung im Hause Jhereg und seine Gefährtin.
Trotzdem ist er nicht in Depressionen verfallen und hadert mit seinem Schicksal, sondern macht das Beste aus dem, was ihm geblieben ist. Unaufhörlich auf Wanderschaft, gelangt er schließlich in das Herrschaftsgebiet des Barons Kleineklippe. Der Landstrich ist von sturen Bauern bewohnt, die sich nur widerwillig mit der Regentschaft ihres neuen Herrn abfinden können, denn dieser ist ihnen mehr als unheimlich.

Dort lernt Vlad den jungen Savyn kenne, den Lehrburschen des Heilers. Wie viele Jungen in seinem Alter, träumt er von Abenteuern und Reisen, die ihn weg von seinem langweiligen und den Erwachsenen vorbestimmten Alltag führen, auch wenn er es besser hat als die meisten seiner Freunde.
So ist es für Vlad Taltos einfach, Savyns Neugier zu erregen. Er kennt viele spannende Geschichten und verspricht dem Jungen, ihm die Hexerei beizubringen, im Gegenzug für ein paar Informationen, nachdem ein Mann umgebracht wurde, den er zu seinen Bekannten zählte. Und die sind mehr als wichtig, denn ein Verdacht von Vlad wird dadurch bestätigt: Baron Kleineklippe ist kein anderer als Loraan, ein Magier des Hauses Athyra, der mit ihm ein Hühnchen wegen seiner Ermordung zu rupfen hat und nun als Untoter über noch mehr Macht als früher gebietet.

Es wird ernst, als Attentäter Vlad angreifen und schwer verletzen. Nun muss Savyn handeln und all seine Kenntnisse und Fähigkeiten einsetzen, um ihm zu helfen …

Da Steven Brust die einzelnen Bände seines Zyklus so angelegt hat, dass sie unabhängig voneinander lesbar sind und jeweils ein abgeschlossenes Abenteuer schildern, ist „Athyra“ ist ohne Vorkenntnisse für einen Neuleser verständlich. Wer bereits die anderen Roman kennt, wird aber schnell die versteckten Querverweise zu „Phönix“ (die Gründe für Vlads Flucht aus Adrilankha) und „Taltos“ (die erste sehr kurze Begegnung von Vlad Taltos mit Loraan) wiedererkennen.

Anders als die anderen Romane spielt „Athyra“ nicht im Herzen des dragaeranischen Reiches, sondern in einem verschlafenen Dorf – und was noch auffälliger ist, anstatt die Geschichte aus der Ich-Perspektive seines Helden zu erzählen, betätigt sich Steven Brust diesmal als unabhängiger Erzähler in der dritten Person, was etwas befremdlich wirkt – lernen wir Vlad diesmal doch aus den Augen dritter Personen können und erfahren nicht viel über die Gedanken hinter seinen schnoddrigen Äußerungen. Das ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man sich an die früheren Bücher gewöhnt hat, mindert aber nichts an der Spannung der Geschichte.

Der Autor erzählt nicht von strahlenden Helden und epischen Abenteuern, seine Romane lassen sich mit den Krimis der „Schwarzen Serie“ vergleichen. Hier werden die Auswirkungen und Zaubern und Kämpfen nicht beschönigt oder umschrieben, sondern sehr realistisch und schmutzig dargestellt. Vlad Taltos ist ein Zyniker, der meistens erst einmal vom Schlechtesten ausgeht und froh ist, wenn er eine Sache hinter sich gebracht hat, der seine schwarze Seele nicht hinter Masken versteckt und erschreckend ehrlich ist. Im Gegensatz dazu steht der naive und unerfahrene Savyn, der die Lektionen in seinem Leben erst noch lernen muss.

Das macht den besonderen Reiz dieses Romans aus, der zwar keine neue Geschichte, dafür aber aus einem besonderen Blickwinkel erzählt und über lebendige Menschen erzählt, die mehr als nur Archetypen oder oberflächliche Schemen sind, die die Handlung tragen.

Wer jedenfalls ein Faible für düstere, schmutzige Fantasy hat, ohne gleich mit exotischen Waffen durch actionreiche Blutbäder und Metzeleien waten zu wollen, der wird an Steven Brusts Romanen sicher seinen Spaß haben.

_Christel Scheja_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Isau, Ralf – geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz, Die (Die Legenden von Phantásien)

Eine von Karl Konrad Koreanders herausragendsten Eigenschaften ist seine Liebe zu Büchern. Eine weitere ist die Tatsache, dass er sich selbst so gut wie gar nichts zutraut und deshalb möglichst vermeidet, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Außerdem neigt er dazu, unbequeme Fragen zu stellen, was allerdings weniger auf Mut als auf Unbedachtheit zurückzuführen ist.
Dem Antiquar Thaddäus Tillmann Trutz jedoch scheinen die Fragen des jungen Mannes zu gefallen. Und auch seine Antworten. Er bietet ihm eine Stelle in seinem Laden an mit der Option, sein Nachfolger zu werden. Koreanders kühnste Träume scheinen wahr zu werden. Doch dann ist der alte Mann plötzlich verschwunden! Und die Generalvollmacht für den Laden ist nicht unterschrieben. Formaljuristisch ein wertloser Fetzen Papier, wie ihm Trutzens Notar versichtert. Doch Herr Trutz war ein sehr kautziger alter Mann, und dementsprechend sieht auch das Testament aus. Koreander macht sich auf Empfehlung des Notars auf die Suche nach Herrn Trutz.
Das Antiquariat des Herrn Trutz stellt sich als überraschend weitläufig heraus, und die Bücher als äußerst ungewöhnlich. Als Koreander dann auf ein kleines Männlein trifft, das aussieht wie ein Bleistift und ihm erklärt, Herr Trutz sei in einer Welt namens Phantásien verschollen und außerdem die Bücherei bedroht durch ein geheimnisvolles Nichts, ist er überzeugt zu träumen. Nur deshalb lässt er sich überreden, selbst nach Phantásien zu gehen. Dort angekommen, gerät seine Überzeugung zu träumen schon bald ins Wanken …

Aufgrund dieser Angaben könnte man jetzt einen billigen Abklatsch der „Unendlichen Geschichte“ erwarten. Ist es aber nicht.
Die Intention der Legenden von Phantásien war es nicht, „Die unendliche Geschichte“ fortzusetzen, sondern eigene Geschichten mit eigenen Ideen zu verfassen und damit das Land Phantásien jedes Mal ein wenig bunter, lebendiger und vielfältiger zu machen. Wichtige Figuren aus der „Unendlichen Geschichte“ dürfen deshalb höchstens am Rande vorkommen. Ralf Isau hat sich vorbildlich an diese Vorgaben gehalten. Außer seinem Helden Koreander, der in der „Unendlichen Geschichte“ nur eine kleine Randfigur ist, kommen in seinem Buch nur noch der Gmork und Xayide vor, Letztere nicht einmal in Person, sondern nur als Abbild.

Isaus Koreander ist ein recht liebenswerter Held mit dem Herz auf dem rechten Fleck, ein wenig unschuldig und noch weit weniger bärbeißig als zu Beginn der „Unendlichen Geschichte“. Seine schlechte Meinung von sich selbst hindert ihn nicht daran, dem verschollenen Herrn Trutz nachzueilen, und sei es zunächst auch nur wegen der fehlenden Unterschrift. Gleich sein erster Schritt nach Phantásien führt ihn in ein Abenteuer, und obwohl er nur ungern Entscheidungen trifft, heißt das nicht, dass er es nicht kann, wenn es drauf ankommt! Noch eine ganze Weile hat er mit seinem eigenen Unglauben zu kämpfen, man könnte es auch Realitätssinn nennen, und doch verändert er sich ganz allmählich. Wie Herr Trutz so treffend feststellte: Phantásien verändert jeden. Angenehmerweise hat der Autor seinen Helden aber keinen strahlenden Übermenschen werden lassen, sondern ist im Rahmen der Glaubwürdigkeit geblieben.

Abgesehen davon hat Ralf Isau Phantásien um ein paar wirklich bemerkenswerte Ideen bereichert, so zum Beispiel das Haus der Erwartungen mit der Hexe Hallúzina, oder die Wolkenstadt mit dem König Kummulus und seiner Imaginárien-Sammlung, oder die beiden steinernen Hände Lux und Nox; mal verspielte, mal philosophisch angehauchte Stationen auf dem Weg zur Lösung des Rätsels um das Nichts.
Auf Atréjus Frage, was das Nichts denn nun sei, ließ Michael Ende den Gmork antworten, das Nichts sei die Weigerung der Menschen, an die Existenz Phantásiens zu glauben, die Tatsache, dass sie sich nur noch um die Realtität, nicht mehr um ihre Träume und Wünsche kümmerten. Bei Ralf Isau ist das Nichts gleichgesetzt mit dem Verschwinden von Büchern aus der Phantásischen Bibliothek und im Weitergedachten mit dem Diebstahl und Wegsperren von Ideen und Gedanken, was durchaus eine weitgehende Entsprechung zu Michael Endes Aussage bedeutet. Nur ist es in diesem Fall nicht damit getan, ein Menschenkind nach Phantásien zu bringen, das der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. Hier müssen auch die Bücher gerettet werden. Die Bedrohung ist also nicht unbedingt in der Masse der Menschen zu suchen, die sich für Phantásien nicht mehr interessieren, sondern eher in einigen wenigen, die diktieren wollen, was die Masse denn zu denken hat. Nicht umsonst ist Isaus Geschichte in den Enddreißigern des 20. Jahrhunderts angesiedelt!

„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ erzählt also sozusagen die Vorgeschichte zur „Unendlichen Geschichte“, was durchaus gut gemacht ist. In vielen kleinen Einzelheiten knüpft der Autor an den Vorgänger an, so in seiner Beschreibung des alten Karl Koreander in der Spiegelwabe und in seiner Angewohnheit, „ach du liebes Bisschen“ zu sagen, in Koreanders Schwert, in der Funktionsweise des Aufzugs im dunklen Elfenbeinturm und darin, etwas durch Namensgebung zu bewirken, und nicht zuletzt in der Beschreibung des roten Buches mit dem Auryn auf dem Buchdeckel. Er erreicht dadurch, dass die Geschichte einerseits eigenständig, andererseits aber auch in den großen Kontext eingebunden ist, und der Leser hat bei der Lektüre unwillkürlich den Eindruck, als hätte er beim Puzzlen ein weiteres Teil gefunden, das wirklich genau passt.
Oder fast genau. Denn ein paar kleine Logikfehler sind doch hängen geblieben, der Teufel steckt eben meist im Detail!

Nach der „Unendlichen Geschichte“ ist zum Beispiel die Bezeichnung goldäugige Gebieterin ein Titel der Kindlichen Kaiserin, kein Name. Nach Isau hat Herr Trutz der Kindlichen Kaiserin diesen Titel als Namen gegeben, was auch deshalb nicht stimmen kann, weil die Kindliche Kaiserin von Koreander einen neuen Namen braucht, und den braucht sie immer dann, wenn der vorige in Vergessenheit geraten ist.
Auch fragte ich mich, woher Herr Trutz all seine vergessenen Erinnerungen zurückbekommen hat. Laut Michael Ende kann ein Menschenkind seine vergessenen Erinnerungen nur durch das Wasser des Lebens zurückerhalten. Herr Trutz dagegen musste nur die Spiegelwabe im Haus der Erwartungen betreten.
Im Hinblick auf die Gesamtheit des Buches seien diese kleinen Schnitzer aber gern verziehen.

Die Prämisse für die Legenden von Phantásien, nämlich eine gute Geschichte zu erzählen und gleichzeitig der Welt Michael Endes weitere fantasievolle Wesen, Orte und Dinge hinzuzufügen, hat dieser Band in jedem Fall erfüllt, und, indem er nicht völlig losgelöst von Bastians Geschichte dasteht, sondern sich behutsam daran angebunden hat, sogar noch ein bisschen mehr. Auch das Layout des Buches – Design, Leseband – ist schön und liebevoll gemacht, allerdings ist der Einband nicht abwischbar. Penible Leser waschen sich also die Finger und nehmen zusätzlich vor dem Lesen den Schutzumschlag ab!
„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ ist ein gelungener Einstieg in die Legenden von Phantásien, der selbst Skeptiker überzeugen dürfte. An weiteren Bänden in dieser Reihe sind bisher erschienen: „Der König der Narren“, „Die Seele der Nacht“, „Die Verschwörung der Engel“, „Die Stadt der vergessenen Träume“ und „Die Herrin der Wörter“.

Ralf Isau, gebürtiger Berliner, war nach seinem Abitur und einer kaufmännischen Ausbildung zunächst als Programmierer tätig, ehe er 1988 zu schreiben anfing, weil er seiner damals neunjährigen Tochter ein Buch versprochen hatte. Letztlich wurde die Geschichte aber so uferlos, dass er eine neue, kürzere begann, fertig schrieb und selbst band. Diese erschien 1994 unter dem Titel „Der Drache Gertrud“ als Bilderbuch, und ein Jahr später auch die uferlose Geschichte unter dem Titel „Die Träume des Jonathan Jabbok“ – die Neschan-Trilogie. Seither hat Isau noch weitere Jugend- und inzwischen auch Erwachsenenbücher geschrieben, darunter „Der Leuchtturm in der Wüste“, „Das Netz der Schattenspiele“ und „Der Herr der Unruhe“.

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-19642-7

http://www.droemer-knaur.de/home
http://www.isau.de/index.html

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (8 Stimmen, Durchschnitt: 1,25 von 5)

Murphy, Pat – Geisterseherin, Die (Magic Edition Band 1)

„Magic Edition“ ist eine weitere neue Reihe des [BLITZ-Verlages,]http://www.blitz-verlag.de und mit diesem Buch startet sie exquisit. Pat Murphy versteht es, faszinierend, spannend und berührend zugleich zu erzählen. Faszinierend: denn die Handlung ihres Buches dreht sich um die Maya-Kultur. Spannend: denn in den Ruinen von Dzibilchaltún lauern genügend Gefahren auf die Archäologen. Und berührend: Murphy versteht es, das Innenleben der drei weiblichen Hauptfiguren dem Leser nahezubringen.

Da wäre zuerst Elizabeth Butler: einundfünfzig, zielstrebig, erfolgreich, Autorin mehrerer viel gelesener Bücher über die Maya und die Archäologie (Kostproben aus ihrem neuen Manuskript fügt Murphy harmonisch ins Buch ein). Außerdem ist Elizabeth verrückt, aber nicht, weil sie vor Jahren Selbstmord begehen wollte und von ihrem Ehemann in die Psychiatrie eingeliefert wurde, sondern weil sie tote Menschen sieht, zum Beispiel die Maya von Dzibilchatún – keine Geister, nein, diese Menschen selbst und das, was sie zu Lebzeiten taten. Daher rühren Elizabeths Erfolge, aber auch ihre Isolation von ihren Mitmenschen: Ihre „Gesichte“ sind ihr vertrauter als Zeitgenossen, die sie entweder schlecht behandelt haben oder einfach nicht interessieren. Sie lebt ganz für die Archäologie, die es ihr ermöglicht hat, sich aus einer erstickenden Ehe zu lösen und auf eigene Füßen zu stellen, unabhängig von einem „Ernährer“. Der Preis dafür war der Verlust ihrer Tochter Diane.

Diane Butler: Sie fliegt Hals über Kopf nach Mexiko, zu ihrer Mutter, die sie fünfzehn Jahre nicht gesehen hat. Ihr Vater ist unverhofft gestorben, ihr Geliebter (verheiratet) hat die Beziehung beendet und sie daraufhin gekündigt, denn der Geliebte war zugleich der Chef. Diane weiß nicht so recht, was sie in Mexiko will, aber ihre Mutter nimmt sie ins Team auf. Bald zeigt sich, dass sie die gleiche Fähigkeit wie Elizabeth hat, wenn auch nicht so ausgeprägt. Aber sie ist sich lange nicht klar darüber, dass es überhaupt eine Fähigkeit ist – sie hält, was sie sieht, für Tagträume.

Die dritte wichtige Frau ist Zuhuy-Kak, Priesterin der Mondgöttin zu der Zeit, als die Tolteken das Reich der Maya angriffen. Sie opferte ihre Tochter für den Sieg ihres Volkes, musste aber dennoch erleben, wie dieses den Eindringlingen unterlag. Von den Eroberern wegen ihrer übernatürlichen Fähigkeiten gefürchtet, sollte sie im heiligen Cenote-Brunnen von Chichén Itzá geopfert werden, überlebte den Sturz aber, was sie zur Botin machte, die den Willen der Götter verkündet – und sie sorgte dafür, dass die Tolteken keine Freude an ihrem Sieg hatten. Dennoch findet sie keine Ruhe, auch wegen ihres scheinbaren Versagens beim Opfer. Sie nimmt mit Elizabeth Kontakt auf und möchte die Macht der Mondgöttin wieder herstellen, indem nun Diane geopfert werden soll.

Genug Zündstoff also, um eine wirklich spannende Handlung in Gang zu setzen und ständig zu beschleunigen – und Pat Murphy macht das vorzüglich. Ihre Kenntnisse über die Maya und das Leben der Archäologen sind hervorragend, ein lebendiges Bild des vergangenen Volkes und des Daseins der Forscher entsteht. Dazu schafft sie psychologisch tiefgründig angelegte, glaubwürdige Figuren. Auch verzichtet sie auf billigen Geister-Horror und simple Gut-Böse-Konstellationen. Es gibt in dem Buch keine moralisch vorbildliche Gestalt, aber auch keine plakativ schlechte. Lebensechte Konflikte wirken als treibende Kräfte und verleihen dem Figurentableau Nähe. Murphy erzählt von Leuten, deren Probleme nicht ungewöhnlich sind, auch wenn sie in einer ungewöhnlichen Kulisse zum Tragen kommen. Was den Menschen in diesem Buch geschieht und wie sie damit umgehen, erscheint vertraut: Es geht um Freiheit, Selbstverwirklichung und um die Alternative, vor Schwierigkeiten davonzulaufen oder sich ihnen zu stellen. Das ist interessanter als Gegrusel oder Gemetzel. „Die Geisterseherin“ erweist sich in jeder Hinsicht als kleines Juwel einer stark realitätsbezogenen Phantastik.

© _Peter Schünemann_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Rößler, Armin (Hrsg.) – Überschuss

Bereits in die dritte Runde geht die Anthologiereihe des |Wurdack|-Verlages. Leider sind „Deus Ex Machina“ und [„Walfred Goreng“, 844 die Vorgänger dieser Anthologie, an mir vorüber gegangen, aber wenn „Überschuss“ eine konsequente Fortsetzung in Auswahl und Präsentation darstellt, sind auch die ersten beiden SF-Kurzgeschichten-Sammlungen eine nähere Betrachtung wert.
Der Herausgeber Armin Rößler spricht im Vorwort von einer Bewegung im Kurzgeschichtenbereich, von einer „positiven Entwicklung“. Diese ist an eine kreative Schicht von Autoren gebunden, die sich aktiv um eine Veröffentlichung ihrer Werke bemühen und dabei zunächst nicht mit den großen Serien an die Öffentlichkeit treten, sondern ihre Ideen in kurzen Geschichten ausformulieren und dabei ein in Deutschland wenig genutztes Sprungbrett für sich entdecken, das besonders durch den fehlenden Markt für Pulp- und SF-Magazine wenig Aussicht auf Erfolg verspricht.
Aber vielleicht ist auch nur die Zeit der großen Verlage vorbei, die neben |Star Trek| ab und zu ein Erstlingswerk wagen.
Also her mit den Autoren der neuen deutschen Literatur!

Die Titelgeschichte von Torben Kneesch präsentiert eine Methode zur Entsorgung menschlichen Überschusses, die die Motive von Zeitreise und Kälteschlaf mischt. Nicht wirklich neu, aber in seiner logischen Konsequenz sehr gut vorstellbar. Eigentlich fehlt nur die Technik, sonst könnte Kneeschs sarkastische Vision Realität sein.

Ähnlich dicht an die bekannte Welt lehnt sich auch Lutz Herrmanns „Der Irrtum“ an. Kaltes Managergehabe in einer gefühlsarmen Welt. Der Sieg des kleinen Mannes hinterlässt einen fahlen Geschmack, die Story bleibt im Grunde pessimistisch. Solide, wenn auch wenig inspirierend.

„Barrieren“ von Armin Rößler hat es schwer. Der Stoff ist für eine Kurzgeschichte eigentlich zu umfangreich. So bleiben zu viele Fragen übrig. Die Hauptfigur, die hier eine kolossale Weiterentwicklung der Evolution symbolisiert, bleibt ungewohnt blutarm.

Fritten ins Weltall schießt Birgit Erwin mit ihrer Groteske „Nur ein Gedanke“. Witzig, überraschend und kurz. Definitiv eine Glanzleistung der spacigen Frittierkunst.

„Der Spaziergang“ von Markus K. Korb überzeugt in der präzisen und detailgetreuen Beschreibung eines „Lost in Space“-Erlebnisses. Allerdings hinterlässt diese kurze Skizze keine bleibenden Eindrücke, es fehlt ihr die Idee für eine Geschichte.

Die Mediensatire „Der Untergang der Titan“ von Bernhard Weißbecker verhilft den öffentlich-rechtlichen Sendern zu unverhoffter Unterstützung. Das unmenschliche Gerangel um die Übertragungsrechte der letzten Stunden einer vom Untergang bedrohten Raumschiffbesatzung ist pointiert und absolut realistisch in Szene gesetzt.

Andrea Tillmanns begleitet in „Nicht ganz Atlantis“ ein junges Mädchen, das die Grenzen ihrer Welt kennen lernt. Eine unaufdringliche Erzählung, die besonders durch die einfühlsame Sprache auffällt und dabei dennoch ein gewichtiges Thema angeht: Die menschliche Zivilisation ist nur eine hauchdünne Schicht über den Trieben des Tieres Mensch.

Eine rabiate Art zukünftiger Bestrafungen präsentiert Peter Hohmann in „Strafvollzug“: Den Delinquenten wird das aufgebrummte Strafmaß in Form von Lebenskraft entzogen. Leider ist der Plot selbst zu vorhersehbar und wenig fesselnd.

In „Wider Willen“ werden Tradition und Familienehre einer Kolonialwelt in Frage gestellt. Mit drastischen Mitteln versucht ein Vater, seinen Sohn zu einer Vernunftehe zu zwingen, allerdings gibt es genau gegen diese Ehen ein Gesetz; man soll nur aus Liebe heiraten. Die Geschichte lässt den Leser irritiert zurück, handelt es sich doch um eine unübliche Science-Fiction-Story, die am ehesten noch mit einer „Darkover“-Erzählung zu vergleichen ist.

Der Horror geht um im „Festtagsprogramm“ von Thorsten Küper. Die Raumstation Lowell ist Schauplatz einer grausigen Auseinandersetzung, die actionreich, mit Sarkasmus und einer gehörigen Menge Blut unter die Haut geht. Die Darstellung ist dabei sehr plastisch, was der Atmosphäre zugute kommt.

Nina Horvaths „Spirale“ ist ein kurzer philosophischer Moment. Wenn auch wenig passiert, enthält die Kurzgeschichte genau jene Nachdenklichkeit, die nach dem gruseligen „Festtagsprogramm“ angebracht scheint. Die Frage, inwieweit das Leben in vorgefertigten Abläufen stagniert, und wie man diese durchbrechen kann, ist eindringlich bearbeitet worden.

„Der Besucher“ ist ein Alien vom Planeten Xeracox, der die Erde bereist und dort so seine Erfahrungen macht. Die leichtfüßige Geschichte von Uwe Herrmann macht Spaß, ohne dabei mehr zu wollen.

Da hat es der Besucher in „Albas bestes Spiel“ von V. Groß schon schwerer. Um sein Leben wird gespielt. Die Geschichte ist solide, beschränkt sich aber mehr auf die Personen als auf eine tatsächliche Story.

Edgar Güttge bleibt seinem Ruf als Meister der Groteske treu. „Flasken“ ist eine großartige Parodie mit bösen Seitenhieben, neckischen Einfällen und einer temporeichen Erzählweise, die begeistert. Für mich ist Güttke eines der großen erzählerischen Talente unter den unentdeckten Autoren.

Nicht minder hochwertig geht es mit Ilka Sehnerts „Das Buch“ weiter. Im Autorenkästchen, deren Präsenz zu Beginn jeder Geschichte zunächst irritiert, aber zunehmend interessanter wird, stellt man die Schauspielerei der Autorin als Ursache für ihren knappen und rhythmischen Sprachstil dar. Tatsächlich fällt er aus den Rahmen der übrigen Texte; von graziler Schönheit, ist die Wiederfindung einer natürlichen Fortpflanzung auch inhaltlich ein Glanzstück dieser Sammlung.

Die Realität in Frage stellt Bernhard Schneider in „Der Bewohner“. Die Geschichte zielt auf die Pointe ab und ist trotz des bereits arg strapazierten Themas lesenswert.

Die dritte herausragende Geschichte der Anthologie ist Antje Ippensens „Alles wandelt sich“. Die grüne Evolution wird in treffsicheren Bildern und Wortspielen ausgeführt, sie wächst quasi zur vollen Blüte. Es ist bewundernswert, wie leicht der Autorin der Umgang mit dem pflanzlichen Sujet fällt, wie einleuchtend ihr die GRASWURZELDIMENSION (welch Wort!) gelingt.

Uwe Sauerbrei beschreibt eine etwas andere Art der Verwandlung in „Allmacht“. Aus einer sehr genau und detailliert dargestellten Alltagszenerie heraus entwickelt er eine Mutation über den menschlichen Status Quo hinaus, bis die Grenzen der Schöpfung erreicht werden. Nach dem außergewöhnlichen Besuch der GRASWURZELDIMENSION erscheint die Erzählung etwas bieder.

Die Anthologie endet abrupt mit der „Fallstudie: Terroristin Jenny S.“ von Heidrun Jänchen. Hier wird recht gefühlvoll die Auswirkung einer rigiden Einsetzung der Klontechnologie beschrieben. Jenny Seidel gerät in die Zerhacker einer genmanipulierten Gesellschaft, in der es normal ist, Klone als Ersatzteillager zu halten. Mit dieser bedrückenden Geschichte verschiebt sich die Waage der besonders guten Geschichten in dieser Anthologie noch weiter hin zur weiblichen Seite.

„Überschuss“ ist besonders im zweiten Teil eine Sammlung überaus interessanter und beeindruckender Erzählungen und Shortstorys. Armin Rößler und der |Wurdack|-Verlag sorgen dafür, dass der deutsche SF-Markt eine kreative Unterfütterung mit dem Nährboden guter Phantastik erhält: Brillante Kurzgeschichten.

© _Ralf Steinberg_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Christoph Marzi – Lycidas (Die Uralten Metropolen 01)

Ein zeitloses Stück London hat Christoph Marzi mit seinem Roman „Lycidas“ auf Papier gebannt. Eine Geschichte, die zwischen den Zeiten zu spielen scheint – mal in unserer ganz normalen Gegenwart, mal in längst vergangenen Tagen. Es lässt sich viel herauslesen aus diesem Roman, mit seinen unzähligen Querverweisen auf alte Legenden und bekannte Autoren. Marzi hat sich reichlich in der Literaturgeschichte bedient, um aus den verschiedensten Versatzstücken eine ganz eigene Geschichte zu zaubern, die einerseits viel Licht enthält, aber auch einige Schatten wirft.

Handlung
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Bova, Ben – Asteroidenkrieg, Der

Ben Bova (* 28.11.1932) ist ein Urgestein der amerikanischen Science-Fiction. Das Werk des ehemaligen Präsidenten der |SF Writers of America| und der |National Space Society| zeichnet sich durch die Nähe zum aktuellen Stand der Technik aus. Bovas Romane spielen in einer nicht allzu fernen Zukunft und basieren auf Technologien und Annahmen, die schon bald Wirklichkeit werden könnten. Bova weiß, wovon er spricht: Während des „Space Race“ zur Zeit des Kalten Krieges war er am Projekt Vanguard beteiligt, dem ersten amerikanischen Satelliten und Antwort auf Sputnik I.

Im Jahre 1992 begann Bova mit „Mars“ eine neue Schaffensphase, die von Fans als seine „Grand Tour“ durch das Sonnensystem bezeichnet wird. Was als abenteuerliche, sehr realitätsnahe Reise durch das Sonnensystem begann und mit dem inoffiziellen Starterband „Mars“ zumindest inhaltlich noch überzeugen konnte, flachte in den Folgebänden „Rückkehr zum Mars“, „Venus“, „Jupiter“ und [„Saturn“ 557 leider immer mehr ab.

Noch hat Bova zwar nicht alle Planeten des Sonnensystems beehrt, aber auch vor kleineren Planetoiden macht er nicht Halt: Dem Asteroidengürtel ist sogar ein auf drei Bände angelegter Minizyklus in der „Grand Tour“ gewidmet, dessen Auftakt „Der Asteroidenkrieg“ ist.

_Not macht erfinderisch_

Irgendwann im 21. Jahrhundert geht es der Menschheit an den Kragen: Zusätzlich zur Klimakatastrophe, die sich in Überschwemmungskatastrophen äußert, die bereits weite Teile der uns bekannten Welt unter Wasser gesetzt haben, kommt ein chronischer Mangel an Energie und Rohstoffen. Das Verhältnis zu den Mondkolonien ist gespannt, die Regierungen der Erde stehen modernen Technologien wie der Nanotechnologie ablehnend gegenüber und sind mehr damit beschäftigt, ihre eigenen Pfründe zu sichern, anstatt sich um die Zukunft der Menschheit zu sorgen.

Der Raumfahrtunternehmer Dan Randolph ist ein Visionär und Idealist, der die Lösung dieser Probleme im Erzreichtum des Asteroidengürtels sieht. Nur leider gibt es noch keine Antriebe, die eine effiziente Nutzung der dortigen Ressourcen ermöglichen würden. Randolph ist gezwungen, ein Zweckbündnis mit dem schmierigen Magnaten Martin Humphries zu schließen: Ein neuartiger Fusionsantrieb und geächtete Nanotechnologie würden erstmals die Möglichkeit eröffnen, seinen Plan in die Realität umzusetzen.

Im Gegensatz zu Randolph ist sein Partner jedoch kein Wohltäter, sondern ein Schwein. Randolph möchte persönlich an der Reise zu den Asteroiden teilnehmen – für Humphries die Gelegenheit, ihm eine tödliche Falle zu stellen und sich im Falle seines tragischen Ablebens Randolphs Firma |Astro Manufacturing| einzuverleiben … ohne Macht und Reichtum teilen zu müssen.

_Weltraummüll_

Eine vielversprechende Story – zudem mit einem verkaufskräftigen Titel und einem wirklich sehr schönen, thematisch passenden Titelbild von [Thomas Thiemeyer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=25 versehen.

Begeisterung kann dennoch nicht aufkommen – dafür Entsetzen. Das kommerzielle Szenario ist für Bova-Kenner nichts Neues, neue Ideen gingen ihm offenkundig bereits schon auf halber Strecke zwischen Mars und Jupiter aus. Der Idealist und Menschenfreund sowie der korrupte Kapitalist, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, sind nur einige der vielen Klischees, die Bova bis zur Neige ausschöpft. So sind die beiden Pilotinnen der Starpower I vermutlich aus einer Trash-SciFi-Parodie entlehnt: Die flachbrüstige Farbige Pancho Lane, eine der Hauptfiguren des Romans, mit dem Charme und der Sturheit eines Terriers, sowie die dumpfbackige Amanda, kurz Mandy, die mit Raumanzug sprengender Oberweite als ihr intellektueller Gegenpol und Lustobjekt nahezu aller männlichen Figuren fungiert.

Derartig abgeschmackte Konstruktionen hätte man nicht einmal im Jahre 1960 als Groschenheft veröffentlichen können, zumal sie sich mit dem sonst eher ernsten und fundierten Hintergründen des Romans beißen; Bova ist als Vertreter realitätsnaher SF bekannt und schreibt auch dementsprechend. Doch um an einigen Stellen die Handlung voranzutreiben, fiel Bova nichts Besseres ein, als Pancho Lane einen Unsichtbarkeitsanzug zur Verfügung zu stellen, mit dem sie nach Belieben spionieren kann. Zu allem Überfluss wird er ihr von einem guten Kumpel geliehen – wie praktisch. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verliebt sich Fiesling Humphries in Mandys Kurven und entwickelt Heiratsgelüste – doch fatalerweise will sie unbedingt das sabotierte Raumschiff zum Asteroidengürtel steuern. Von der armen Wissenschaftlerin, deren Nanobots von Humphries als Waffe missbraucht werden, obwohl sie doch aller Welt den Nutzen dieser segensbringenden Technologie zeigen will, möchte ich gar nicht erst reden. Nur so viel: Humphries erpresst sie mit dem Leben ihrer Enkel auf der Erde …

Leider stellen diese Plattheiten den Großteil der Handlung dar. Glänzen kann Bova gelegentlich mit seinem Sachverstand und Wissen, zum Beispiel wie das Leben in Mondstädten aussehen könnte. Anstelle hier jedoch zu punkten und zu faszinieren, reduziert Bova diesen Teil auf ein Minimum. Stattdessen nimmt ein notgeiler Zollbeamter, der Mandy gerne ausgiebig kontrolliert und grundsätzlich jede Frau zum Essen einlädt, den größten Teil der Handlung auf dem Mond ein. Das soll vermutlich der sonst ziemlich faden, sich dahinziehenden Handlung ohne jegliche Spannungselemente Würze verleihen. Anstatt ausgeklügelte Konzernintrigen zu bieten, blamiert sich Bova mit erschütternd naiven Konstruktionen. Durch die Ermordung des Mehrheitseigners möchte Humphries eine ganze Firma schlucken. Man sollte keine weiterführenden Erklärungen erwarten, wie das gehen soll, weder Bova noch Humphries scheinen sich darüber weitere Gedanken gemacht zu haben, zumal Bova selbst am Ende des Romans zeigt, wie blauäugig Humphries Plan ist.

_SciFi oder Trash?_

Was ist nur in Bova gefahren. Derartig altbackene Storys lieferten nicht einmal genrefremde Notbehelfs-Autoren in den zahllosen gefloppten SF-Serien der 60er Jahre. Selbst diese hätten es jedoch nicht geschafft oder gewagt, ein Minimum an Handlung ohne jeglichen Spannungsbogen auf 461 Seiten aufzublasen.

Scheinbar fiel auch Bova auf, wie blutleer und hölzern sich seine Asteroidenexpedition liest. Sie im Jahr 2003/4 mit derart veralteten Klischees „aufzupeppen“, ging jedoch gehörig daneben. Es bleibt die Frage, worüber Bova in den folgenden beiden Bänden des Minizyklus schreiben wird. Bereits in diesem Roman geizte er mit seinen sonstigen Stärken und demonstrierte bei allem Respekt vor den interessanten Thematiken Asteroidenbergbau und der Macht großer Konzerne in der Zukunft eine erschreckende Ideenlosigkeit; man könnte fast meinen, es fehle ihm an Motivation. Für peinlichste Banalitäten ist er sich dagegen nicht zu schade. Die Übersetzung ist gelegentlich sehr holprig, die unterirdische Qualität vieler Dialoge möchte ich jedoch eher dem Autor anlasten.

An diesen Roman wurden leider sowohl ein wunderbares Titelbild als auch eine vielversprechende Thematik vollkommen verschwendet.

Homepage von Ben Bova:

Ben Bova

Ursula K. Le Guin – Die Erzähler (Hainish-Zyklus)

Wieder erzählt Ursula Le Guin eine Geschichte aus ihrem „Hainish“-Universum, dem Universum der Liga, die hier Ökumene¹ heißt. Die junge Terranerin Sutty arbeitet als Beobachterin der Ökumene auf Aka, einem Planeten, der zweiundsiebzig Jahre vor der erzählten Zeit zum ersten Mal angeflogen wurde – von einem terranischen Schiff. Die Umstände des Besuches bleiben lange im Dunklen, aber die Folgen liegen sofort klar vor Augen: Die Körperschaft (die herrschende Beamtenschicht Akas) propagiert den rückhaltlosen Fortschritt, macht aus der Wissenschaft eine Quasireligion und aus der Mitgliedschaft in der Ökumene das Paradies; andererseits dürfen sich nur vier Fremdweltler auf Aka aufhalten, noch dazu in ihrer Bewegungs- und Informationsfreiheit sehr eingeschränkt.

Ursula K. Le Guin – Die Erzähler (Hainish-Zyklus) weiterlesen

Sterling, Cheryl – What Do You Say to a Naked Elf?

Jane hält sich für eine typische amerikanische Mittzwanzigerin: Jüngstes von fünf Kindern, Single, tagsüber arbeitet sie als Sekretärin und abends verkauft sie auf selbstorganisierten „Tupperpartys“ essbare Unterwäsche und ähnliches Erotikspielzeug. Nach einer dieser Partys gerät ihr auf dem Heimweg auf einer verlassenen Landstraße ein Kaninchen unter die Autoräder und sie verursacht einen Unfall, bei dem ihr Fahrzeug in Flammen aufgeht. Die fünf grazil gebauten Herren in merkwürdiger Kleidung, die ihr helfen, ihre kostbare Erotik-Ladung aus dem Kofferraum zu retten, kommen ihr gerade recht. Als sie ihnen jedoch folgt und sich in einer anderen Welt wiederfindet, ahnt sie, dass das Schicksal ihr einen mehr als üblichen Streich spielt. Ihr Hauptbegleiter ist Charlie, seines Zeichens halb Elf und halb „Fairy“ – was sowohl seine Ähnlichkeit mit Legolas, seine spitz zulaufenden Spock-Ohren als auch seine Flügel erklären sollte. Doch nicht genug der Dinge, muss Jane doch erkennen, dass Charlie zu ihrem Anwalt erkoren wurde – denn der überfahrene Hase war ein gestaltwandelnder Elf und sie findet sich auf der Mordanklagebank wieder. So weit – so schlecht. Doch dann entwickelt Jane plötzlich magische Kräfte und eine entschiedene Fetischvorliebe für Sex mit geflügelten Männern und übernimmt die Organisation der örtlichen sexuellen Befreiungsfront.

Klingt das nach einer Story, die einem Fantasy-Autor während eines schlechten Trips eingefallen ist? Möglich. Im Grunde möchte das Buch sich jedoch in die Reihe der |Fantasy Romance| einreihen. Fantasy vermutlich, weil Elfen, Zwerge, Zauberer etc. vorkommen, sowie ein „Portal“ zwischen den Welten. Romance – vielleicht, weil es im Grunde keine vernünftige Story gibt und das Ganze wirkt wie ein paar zusammengewürfelte Fantasy-Elemente, die sich um ziemlich detaillierte und penetrante Liebesszenen zwischen Jane und dem Elfenmann Charlie gruppieren.

Geschichten, in denen die Heldin oder der Held plötzlich und unerwartet entdecken, dass sie Erbin des Königsthrons sind, sind im Grunde flach, haarsträubend und idiotisch genug. Wenn dies gleich beiden Hauptcharakteren passiert (mit zwei verschiedenen Thronen wohlgemerkt), dann fällt mir dazu vor lauter Plattheit der Autorin eigentlich kein Kommentar mehr ein.

Nehmen wir die Charakterisierungen der Protagonisten und auch der diversen Nebenfiguren, so finden sich stets nur noch weitere Klischees. Im Grunde wirkt das alles sehr nach amerikanischen Vorabendserien. Jane, unsere zunächst so simple menschliche Heldin ist Vertreterin einer Spezies, die in amerikanischen Liebesromanen stets die Hauptrolle zu spielen scheint. Hübsch, Mitte zwanzig, Single, chaotisch, selbstbewusst bis zum Grad der kompletten Selbstüberschätzung und rückhaltlos vorlaut. Sie reißt einen vermeintlichen Gag nach dem nächsten – schade nur, dass keiner davon wirklich lustig ist. Im Zuge der Geschichte mausert sie sich dann zu Superwoman in Elfenland, entwickelt magische Fähigkeiten, entdeckt ihr königliches Blut, wird schwanger, verliebt sich haltlos in anderes königliches Blut etc. etc. Gähn. Ihre für mich hervorstechendste Eigenschaft ist eigentlich ihre absolute Nervigkeit. Sie redet zu viel – vor allem zu viel Schwachsinn, handelt völlig jenseits menschlicher Vernunft und stets außerhalb der Linien des guten Geschmacks. Sie nervt bis über die Kopfschmerzgrenze hinaus. Und sie ist rundum unsympathisch.
Charlie ist ein Legolas-look-a-like. Das ist dann aber auch schon sein einziger Pluspunkt. Er ist ansonsten ein ziemlich langweiliger Charakter, ein typischer Jurist, nur mit Spitzohren und Flügeln, der im Laufe des Buches zu Janes Lebensretter mutiert. Obwohl er der zweite Hauptprotagonist des Buches ist, ist sein Charakter nur unvollständig skizziert. Wir erfahren zwar einiges über seine Vorgeschichte, aber er selbst bleibt eine unbekannte Größe. Es gibt daher beim besten Willen nicht mehr über ihn zu sagen.
Auch die anderen Charaktere sind völlig oberflächlich gezeichnet und haben zum größten Teil nur darauf gewartet, von Jane aus ihrem bislang stumpfsinnigen Elfendasein gerettet zu werden.

Die beiden Hauptcharaktere, Jane und Charlie, werden von der Autorin in ausführlich beschriebenen, völlig überzeichneten Liebesszenen zusammengeworfen – mal wird Jane von Charlie stehend gegen die Tür genommen, dass das ganze Elfenland in dem gemeinsamen Orgasmus erzittert, bis hin zu wollüstig-kitschigen „Ich-liebe-dich-liebst-du-mich-auch“-Szenen an magischen Teichen. Das Ende des Buchs ist die Mutter aller Klischees mit Heirat, Babys und allem drum und dran. Interessantere Geschichten, weniger stereotype Charaktere und weniger offensichtliche Handlungsverläufe findet man selbst in den Sammlungen der Gebrüder Grimm.

Die Sprache des Buches ist der Handlung entsprechend sehr einfach gehalten, sämtliche Wortneuschöpfungen sind erklärt oder ergeben sich aus dem Zusammenhang. Die Sätze sind kurz und einfach gehalten. Selbst für Anfänger im Originalelesen sollte dieses Werk keine besondere Herausforderung darstellen. Eine Übersetzung gibt es bislang nicht.

„What do you say to a naked elf?“ ist Cheryl Sterlings erster veröffentlichter Roman. Zuvor hat Cheryl Sterling, eine ausgebildete Informatikerin aus dem amerikanischen Staat Michigan, verheiratet und Mutter zweier Kinder im Teenager-Alter, Geschichten geschrieben, die in der Gegenwart spielen, die jedoch bislang unveröffentlicht geblieben sind.

Alles in allem ist dies das schlechteste Buch, das ich seit langer, langer Zeit gelesen habe. Weder beherrscht die Autorin die Kunst, den Leser zu fesseln, noch hat sie überhaupt eine richtige Geschichte zu erzählen. Aufgrund der graphischen Erotikszenen ohne verbindende Handlung werte ich das Buch als „Porno mit Elfen“. Der absolut einzige Lichtblick ist der marketingorientierte, originelle Titel, auf den ich hier dann auch komplett hereingefallen bin.

Homepage der Autorin: http://www.cherylsterlingbooks.com

Isaac Asimov – Die Rückkehr zur Erde (Foundation-Zyklus 10)

Golan Trevize wurde von Gaia, dem komplexen Planetenorganismus mit starken mentalistischen Fähigkeiten, dazu ausersehen, das Schicksal der Galaxis zu bestimmen. Gaia erkannte in Trevize die Fähigkeit, ohne ausreichende Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen, was ihn geradezu prädestiniert, intuitiv zwischen den verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden: Dem zweiten Imperium nach Vorstellung der Foundation oder der zweiten Foundation, die im Hintergrund die Fäden ziehen würde, oder einem galaxisweiten Superorganismus nach Gaias Vorbild, ein Galaxia, ein allumfassendes Wesen, in dem der Mensch als Individuum keine Rolle mehr spielen wird, sondern jedes Wesen Teil des Ganzen wäre.

Trevize entschied sich für Galaxia, doch vertraut er selbst nicht auf seine von Gaia erkannte Fähigkeit, sondern will wahrhaftig wissen, warum er sich so und nicht anders entschied, da ihm persönlich die Vorstellung, alle Individualität aufgeben zu müssen, nicht erstrebenswert erscheint. Doch mit der gleichen Intuition, die ihn zu dieser Entscheidung trieb, weiß er, dass er die Gewissheit nur auf der Erde, dem vergessenen Ursprungsplaneten der Menschheit, erhalten wird. Also setzt er seine Suche nach der Erde mit dem gravitischen Raumschiff der ersten Foundation fort, begleitet weiterhin von Dr. Pelorat, dem Mythologen und Historiker, und Wonne, einem menschlichen Teil Gaias, die mit ihren durch Gaia vermittelten Fähigkeiten für Trevizes Sicherheit sorgen soll. Da sie immer mit Gaia in Verbindung steht, erfährt Gaia gleichzeitig den Fortschritt der Suche.

Trevize ist der Überzeugung, irgendwo in den gigantischen Bibliotheken der galaktischen Menschheit müssten sich Hinweise auf die Erde finden, da fast jeder Planet mit Mythen und Legenden um diese Welt aufwarten kann. Durch Gendibal, den Sprecher der zweiten Foundation, erfuhr er, dass selbst auf der Hauptwelt des ersten Imperiums alle Informationen über die Erde entfernt wurden, und das unter den Augen der Mentalisten von der zweiten Foundation, was auf eine größere Macht hindeutet. Die Hinweise der Mythen über die Erde, die in allerlei Variationen von einer unerreichbaren, radioaktiven Erde erzählen, überzeugen den ehemaligen Ratsherr Trevize endgültig: Jemand oder etwas von der Erde versucht, ihre Existenz zu verheimlichen – mit mächtigen Mitteln.

Nur auf den verbotenen Welten der ersten Siedlungswelle, den fünfzig Planeten der so genannten Spacers, finden sich vergessene oder übersehene Informationen, die Trevize und seinen Begleitern einen mühseligen Weg in Richtung Erde zeigen. Unterstützt durch den fortschrittlichen Computer des Raumschiffs scheint das Ziel endlich erreichbar zu sein …

Mit dem vorliegenden Roman bringt Asimov seinen Zyklus um die Foundation zu einem fulminanten Abschluss. Schon im vorhergehenden Band „Die Suche nach der Erde“ versuchte er einen Ringschluss mit einigen seiner früheren Werke, indem er die bisher im Foundation-Universum gänzlich fehlenden Roboter behutsam erwähnte. Diese Maschinenintelligenzen und eine großartig angelegte Geschichte der galaktischen Menschheit bilden einen wichtigen Punkt im Hintergrund des Abschlussromans. Mit den zwei Siedlungswellen der Spacers und Settlers wirft er einen Blick zurück und bindet weitere Ideen in das Universum ein, wie auch die Ansatzpunkte der Stahlhöhlen (hier noch in Mythen und Legenden verankert) oder die Radioaktivität der Erde. Auch der Lenker im Hintergrund, der Überroboter Daneel Olivav, stellt eine Anekdote der Vergangenheit und ein Verbindungsglied zu früheren Werken dar, so dass Asimov tatsächlich ein geschlossenes Werk seiner Eroberung des Weltraums schafft.

Asimov ist bekannt für sein Bestreben, jede Geschichte in absoluter Logik zu entwickeln. In Golan Trevize fand er einen herrlich passenden Protagonisten für diese seine Leidenschaft, über ihn konnte er die verschiedenen losen Enden des großen Zyklus’ verknüpfen und die angelegten Rätsel befriedigend entwirren. Obwohl Trevize dadurch manchmal wie ein Übermensch oder antiker Held wirkt, ist er nicht ohne menschliche Schwächen und dadurch durchaus sympathisch. Vielleicht merkte Asimov erst nach dem Ende des Vorgängerromans, welche Probleme ein Galaxia für die Individualität bedeuten würde, vielleicht war aber die Lösung durch die Rückkehr bereits geplant. Jedenfalls greift er genau diesen Punkt mit den ersten Worten des Romans auf und widmet die Geschichte einer befriedigenden Lösung. Ob die Lösung, die er ansteuerte, wirklich befriedigend ist, mag jeder für sich entscheiden, logisch ist sie allemal.

Mit dem 0. Gesetz der Robotik schiebt Asimov einen Punkt nach, der einige Probleme in der Robotpsychologie hervorruft oder auch eindeutiger löst. Hier hätte seine Psychologin Susan Calvin sicherlich ihre Freude gehabt: Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass ihr Schaden widerfährt. Die drei anderen Gesetze müssen entsprechend abgestuft werden. Ist das wirklich wünschenswert? Mit diesem Gesetz, das die Roboter selbst entwickelten, können sie sich zur Unabhängigkeit von einzelnen Menschen entwickeln, je nach Auslegung. Daneel geht sogar so weit, sein Jahrtausende altes Gehirn mit dem eines Menschen zu verschmelzen, der unabhängig von den Robotergesetzen ist, um eben diese Gesetze umgehen zu können (natürlich zum Wohl der ganzen Menschheit!).

Gaia ist eine durch Roboter entwickelte Entität, das Ausbreiten dieses Wesens auf die Galaxis würde auch durch Roboter gefördert werden. Demnach wäre Galaxia eine künstliche Entwicklung nach Vorstellung der Roboter, die für die Sicherheit der Menschheit handeln und dabei die Individualität des Einzelnen hintanstellen. Trotzdem hat sich Trevize für diese Variante entschieden, und in diesem Buch gibt Asimov Antwort, warum.

Ganz in Asimovs typischem Stil gehalten, dominieren lange Dialoge den Roman. Mag er manchem Leser anstrengend oder gestelzt erscheinen, fasziniert mich diese Art der Erzählung und bietet mir Asimovs Gedanken und Ideen in Form wunderbarer Unterhaltung dar, die spannender nicht sein könnte. Die Geschichte um die Foundation kommt endgültig zu einem Abschluss, und mit den Anspielungen auf frühere Werke (die hinten im Buch als erweiterter Foundation-Zyklus aufgelistet sind) macht Asimov Lust auf mehr. Wer eintauchen möchte in die Welt der Psychohistorik und asimovschen Erzählweise, dem möchte ich die Foundation wirklich ans Herz legen. Allerdings muss erwähnt werden, dass „Die Rückkehr zur Erde“ nicht für sich allein steht, sondern den direkten Anschluss an „Die Suche nach der Erde“ bildet. Empfehlenswert ist der Einstieg mit der Foundation-Trilogie oder nach Asimovs Zusammenstellung mit dem Sammelband „Meine Freunde, die Roboter“.

Isaac Asimov ist einer der bekanntesten, erfolgreichsten und besten Science-Fiction-Schriftsteller, die je gelebt haben. Neben ihm werden oft Robert A. Heinlein und Arthur C. Clarke genannt. Asimov wurde 1920 in der Sowjetunion geboren und wanderte 1923 mit seinen Eltern nach New York aus. Seine erste Story erschien 1939. Zwischenzeitlich arbeitete er als Chemie-Professor in den USA, er schrieb neben seinen weltbekannten Romanen auch zahlreiche Sachbücher. 1992 verstarb er.

Zum Foundation-Zyklus

Meine Freunde, die Roboter
Die Stahlhöhlen
Der Aufbruch zu den Sternen
Das galaktische Imperium
Die frühe Foundation-Trilogie
Die Rettung des Imperiums
Das Foundation-Projekt
Die Foundation-Trilogie
Die Suche nach der Erde
Die Rückkehr zur Erde

Heitz, Markus – 05:58

„Poolitzer“ is back in the ADL und zu Besuch bei seinen Freunden, dem Ex-Nega-Magier Xavier, dessen Geliebter, der hermetischen Magierin Cauldron, und dem Troll Ultra. Zufälligerweise treibt im Stuttgarter Raum gerade ein Serienmörder sein Unwesen, welcher den Modus Operandi berühmter Vorbilder wie Jack The Ripper (und anderer) akkurat imitiert. Gleichzeitig wird die Modeszene der Metropole durch Fememorde in Unruhe versetzt. Gospini wäre nicht Poolitzer, wenn er nicht eine große Story hinter dem Geschehen vermutete. Bedauerlicherweise fühlt sich sein Chummer Ultra dazu berufen, auf den Spuren seines großen Idols zu wandeln und selbst Journalist zu werden. Und so stürzt sich Serverin Timur Gospini in die Ermittlungsarbeit, im Schlepptau einen riesigen Troll in schrillem Outfit.

Doch wie immer sind ihm Glück und Zufall hold; diesmal in Person des Hypnotiseurs Guru Mahatma Citta aka Ranjit Felix Ficker II. Während einer Vorstellung ging ein Trick schief und dem Künstler kam ein hypnotisierter Zuschauer abhanden, welcher nun zu einem in Serie killenden Zeitgenossen mutiert sein könnte. Gut nur, dass Severin Timur Gospini so gute Kontakte zu den örtlichen Polizei-Behörden, vertreten durch den mittlerweile zum BKA beförderten Vigo Spengler, hat. Das sollte die Angelegenheit zu einem Spaziergang machen, … meint man.

Während die Reporter ihrer Arbeit nachgehen, haben Xavier und Cauldron andere Sorgen. Xavier geht es richtig mies, weil er seine Nega-Magie-Fähigkeiten eingebüßt hat und auch ansonsten körperlich unter den Nachwirkungen des letzten Abenteuers (in „Aeternitas“) leidet. Cauldron fühlt sich berufen, den Geist einer jungen Magierin vor der Vernichtung zu bewahren. Dazu bedarf es allerdings der Hilfe einer Todfeindin, der Gestaltwandlerin Abongi, welche selbst von einem äußerst mächtigen und bösartigen Elementar besessen ist (vgl. „Aeternitas“).

„05:58“ ist der fünfte Shadowrun-Roman von Markus Heitz, dessen belletristischer Output sich quantitativ mittlerweile mit dem anderer Vielschreiberlinge der deutschen Phantastik-Szene messen kann. Da sich Millionen von Fliegen nicht irren können, ist es auch der fünfte Band, in dem Severin Timur Gospini „Poolitzer“ sein enthüllungsjournalistisches Unwesen treiben darf. Ließen sich im vierten Teil, „Sturmvogel“, noch mit viel gutem Willen und nach mehreren Klaren gesellschaftskritische und politische Anspielungen ausmachen, so zeichnet sich „05:58“ durch eine triviale 08/15-Story aus. In wenigen Worten lässt sich diese Buch wie folgt kennzeichnen: Locker-flockig leichte Lesekost, routiniert zusammengeschrieben und so sättigend wie ein Papadam; „Gute Zeiten – Schlechte Zeiten“ in Buchform; magere Protagonisten in einer hanebüchenen Story; Atmosphäre, so fesselnd ist wie ein Werbeclip für Hühneraugenpflaster. Viele Leser – dieselben, die Wolfgang Hohlbein für einen begnadeten Literaten halten – werden dieses fade, deutsche Curry-Gericht lieben. Ich nicht!

Zu allererst vermisse ich das Spezifische und die Düsterheit des Backgrounds. Oberflächliche Bezüge – und mehr als das wird man kaum finden – machen noch keinen Shadowrun-Roman, ein bisschen Riggen, Decken (nein, nicht die Dame von nebenan) und Zaubern noch keine fesselnde Story, wobei es alleine Cauldrons „Auftritte“ sind, die dem Buch den zarten Hauch eines Dark-Science-Fantasy-Elementes verleihen.

Der Rest der Geschichte ist so austauschbar und beliebig wie die Protagonisten. Diese sind nicht mehr als Abziehbilder, leidlich animierte Strichmännchen, die sich verbal Sahnetorten ins Gesicht schmeißen. Zugegeben: Poolitzer und seine Chummer kennen wir schon aus den vorangegangenen Bänden und insofern brauchten sie keine sehr detaillierte Zeichnung, aber das entschuldigt nicht, sie bar jeglicher nachvollziehbarer Motivation durchs Bild taumeln zu lassen. Ich konnte weder die Beweggründe für Ultras vorübergehende Journalimus-Fixierung, noch Cauldrons helfende Zauberhand, Fickers Persönlichkeitsstörung oder das Handeln des Slashers nachvollziehen, denn auch hier begnügt sich Heitz mit oberflächlich konstruiert wirkenden Erklärungen, mit Trivialitäten wie beispielsweise einer juckenden Journalistennase oder obskuren Mutterinstinkten.

Das „Originelle“ in diesem Buch beschränkt sich auf zwei Story-Twists gegen Ende und einige vermeintlich lustige Namen, von denen „Fritz Ficker“ sehr schön den dumpfen, trashigen Humor des Autors (oder des Publikums?) illustriert.
Weniger wäre mehr gewesen! Weniger Protagonisten, weniger Handlungsstränge, weniger Oberflächlichkeit, weniger Zufälle. Stattdessen Konzentration auf das Wesentliche oder wenigstens auf irgendetwas, denn für sich genommen bietet jeder der Stränge ausreichend Potenzial für eine atmosphärisch dichte, glaubwürdige Geschichte. So aber ist „05:58“ einer der schwächsten Shadowrun-Romane der letzten Jahre.

Ein belangloser, uninspirierter Shadowrun-Roman, der zwar routiniert heruntergeschrieben wurde, den ich aber auf Grund der fehlenden Atmosphäre und der „soapigen“ Handlung guten Gewissens nicht einmal Shadowrun-Fans empfehlen kann. Wahrscheinlich werden sich aber genug Leser finden, die dieses Werk als gelungen ansehen. Schade!

_Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

William Nicholson – Der Windsänger

Dieses Buch ist das erste von William Nicholson, doch kennt ihn vermutlich jeder… zumindest jeder Kinogänger. Nein? Nun: „Nell“? „Shadowland“? „Gladiator“? Zu diesen Filmen hat der Engländer die Drehbücher (mit-)geschrieben; ein Profi im Mediengeschäft also. Und man merkt auch seiner ersten Buchveröffentlichung an, dass er’s kann: diesem exzellent geschriebenen Fantasy-Roman „für Kinder“, den auch Erwachsene verschlingen werden. Ich habe knapp fünf Stunden gebraucht, um das Buch zu lesen, und fand hinterher nur schade, dass es schon zu Ende war.

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Stackpole, Michael A. – Weg des Richters, Der

„Vom Autor der besten BATTLETECH-Romane“ (Cover) ist in meinen Augen nicht unbedingt eine Empfehlung. Hätte mir meine Stammbuchhändlerin, eine große Fantasy-Kennerin, dieses Buch nicht wärmstens empfohlen, hätte ich wohl kaum einen Blick hineingeworfen – und einen hervorragenden Roman verpasst.

Stackpole führt uns in die Welt eines längst zerbrochenen Imperiums, auf dessen Trümmern sich neue Reiche gegründet haben. Doch eine Konstante gibt es nach wie vor: die Tahlion, Hüter des Gleichgewichts und des Rechts, ein Orden geradezu legendärer Kämpfer, Falkenreiter, Magier und Rechtsprecher, zu Hause in der uneinnehmbaren Stadt Tahlianna; von dort senden sie ihre Boten aus. Ihre Soldaten führen die Armeen aller Reiche, was meist eine Machtbalance garantiert. Geleitet werden die sieben Tahlion-Klassen von Hochwaltern, welche wiederum dem Meister unterstehen. Eine besondere Gruppe bilden die Dienstleister, angeführt von Seiner Exzellenz, einer Figur, die nur in wenigen Szenen auftritt, aber höchst zwiespältig und ebenso interessant ist. Die spektakulärste Klasse jedoch sind die Rechtsprecher. Ihr Training ist extrem hart, denn sie müssen praktisch alles können, selbst ein wenig Magie beherrschen. Als Einzelkämpfer durchstreifen sie das Land, um Verbrecher zu eliminieren und andere gefährliche Aufträge zu erfüllen; man schätzt ihre Dienste, aber man fürchtet sie auch, denn sie können ihre Feinde töten, indem sie ihnen die Seelen nehmen.

Nolan, Ich-Erzähler und Hauptfigur des Buches, ist einer von ihnen. Als er zwölf war, wurde seine Familie von Eroberern aus dem Reich Hamis getötet, und er machte sich allein auf den Weg nach Tahlianna, um Rechtsprecher zu werden und den Mord einmal zu rächen. Dank seines Mutes und seines Willens wird Nolan in den Orden aufgenommen. Er durchläuft eine doppelt harte Schule, denn eigentlich ist er für einen Novizen schon zu alt. Stackpole wechselt stets zwischen zwei Handlungssträngen: Ein Kapitel erzählt vom aktuellen Auftrag Nolans, das nächste von wichtigen Stationen seiner Ausbildung, und so fort. Allmählich entsteht ein intensives Bild des Haupthelden, eines nachdenklichen, mutigen und gerechten Mannes; zugleich lernt man die Tahlion-Gesellschaft als eine (spartanische) Utopie kennen. Der Autor schildert dabei auch Details wie die Einnahme des Essens und die Vergabe der Zimmer, doch gerade diese machen das Buch über die spannende Handlung hinaus interessant. Beeindruckend ist das Mysterium, das hinter den Tahlion steht und besonders die Rechtsprecher betrifft; stark angetan hat es mir das Reinigungsritual, das sie durchlaufen müssen, wenn sie eine Seele genommen haben. Hier erfährt man auch, wieso die Richter ihre Macht nicht missbrauchen können. Doch das Bild des Ordens ist kein ganz und gar lichtes – Stackpole zeigt auch, dass politisches Geschäft bisweilen nicht nur edle Mittel erfordert …

Die Handlung spitzt sich zu, als König Tirrell von Hamis von unbekannten Attentätern beseitigt werden soll. Nolan scheint der einzige geeignete Kandidat zu sein, um den König zu retten. Er besteht die erforderliche Prüfung, lehnt jedoch den Auftrag ab: Schließlich müsste er den Mann beschützen, dessen Soldaten seine Familie ausgelöscht haben. Aber Seine Exzellenz, der Politiker hinter den Kulissen, vermag ihn auf drastische Weise umzustimmen – und die Geschichte geht äußerst spannend weiter, mit unerwarteten Umschwüngen und Enthüllungen …

„Der Weg des Richters“ hat alles, was sehr gute Fantasy braucht: eine schlüssig und komplex konstruierte Welt, Kämpfe, Magie, den Weg eines Jungen zum Helden, Konflikte und Gefahren, Bestien in Menschen- und anderer Gestalt, Barden und Lieder, Liebe, Rivalität und Verrat … Stackpole schrieb das Buch 1986, vor Beginn seiner eigentlichen Karriere. Der Text wurde abgelehnt: Für den Erstling eines unbekannten Autors sei er zu lang. Doch verschaffte die Talentprobe dem Autor seinen ersten BATTLETECH-Auftrag. Es folgten STAR WARS-Romane, schließlich ein veröffentlichter Fantasy-Roman – und endlich konnte auch „Der Weg des Richters“ erscheinen.

Zum Glück!

_Peter Schünemann_
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Sara Douglass – Der Herr des Traumreichs

Die Adern. Ein harmloser Name für eine unerträgliche Hölle. In Schmutz, Hitze und Gestank schuften hier zahllose Sträflinge, um Glomm abzubauen, einen teerhaltigen Rohstoff, auf dem der größte Teil des Wohlstands in diesem Land beruht. Sie sterben innerhalb weniger Jahre, entweder in einstürzenden Stollen, ertränkt vom hereindringenden Meerwasser, das direkt oberhalb der Stollen rastlos auf und ab wogt, an purer Erschöpfung oder an einer der vielen Krankheiten, die in den Minen grassieren. Jeder Heiler des Landes ist durch Edikt der Krone verpflichtet, drei Wochen im Jahr in diesen Bergwerken Dienst zu tun und Kranke zu behandeln.

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Baxter, Stephen – Orden, Der (Kinder des Schicksals 1)

Baxter ist einer dieser SF-Autoren, an denen sich die Geister der Kritiker scheiden. Das mag daran liegen, dass seine Bücher von so unterschiedlicher Art – oder Qualität – sind. Mir hat sein |Xeelee|-Zyklus recht gut gefallen, „Zeitschiffe“ wurde von anderen heftig kritisiert und auch für seine „Multiversum“-Trilogie konnte ich mich nicht so begeistern. Wenn er tatsächlich einer der „weltweit bedeutendsten Autoren naturwissenschaftlich-technisch orientierter Science Fiction“ ist, dann steht es um Letztere wohl ziemlich schlecht.

Das Buch „Der Orden“ (der Originaltitel „Coalescent“ war wohl zu gewagt fürs deutsche Publikum) ist zumindest zu neunzig Prozent keine naturwissenschaftlich-technisch orientierte Science-Fiction. Für etliche hundert Seiten schien es mir sogar, als hielte ich da seinen ersten Versuch in den Händen, Mainstream-Autor zu werden. Aber dann dringt das Phantastische doch noch durch, wenn auch zäh und wirr. Überhaupt ist der Gesamteindruck des Romans einer von Langeweile. Ich fürchte, die einzige Spannung, die sich bei mir einstellte, rührte von der Erwartung her, dass irgendwann doch mal irgend etwas Interessantes passieren müsse.

Die Haupthandlung um einen Mann namens George Poole findet in der Gegenwart oder ganz nahen Zukunft statt. Im Nachlass seines verstorbenen Vaters findet er ein Foto von sich mit einer Schwester, die er nicht kennt. Er beginnt ein wenig herumzuforschen, aber irgendwie halbherzig. Schließlich findet er heraus, dass seine Eltern seine Zwillingsschwester Rosa aus Geldnot zu einem christlichen Orden gaben, der in Rom sitzt. Seitdem hat er nie wieder etwas von ihr gehört. (Dass er ihre Existenz vergessen hat, obwohl sie bis zum 5. Lebensjahr in der Familie war, ist nur eine von vielen Ungereimtheiten.) Poole geht nach Rom und findet sie und den Orden sogar.

Eine zweite Handlung spielt in Britannien zum Ende der römischen Herrschaft. Und jawohl, Baxter kann sich natürlich nicht enthalten, König Artus einzuflechten, obwohl das für die Handlung vollkommen unnötig ist. Regina, eine Tochter aus gutem Hause, erlebt den Niedergang der Zivilisation in Britannien im Laufe ihres Lebens am eigenen Leib. Nachdem sie etliche Stationen hinter sich gebracht hat, darunter die der Geliebten von Artus, landet sie in Rom, wo sie „dank ihres starken Charakters“ – oder was immer – in einem Orden vestalischer Jungfrauen die Führungsrolle übernimmt.

George Pooles Familie stammt von dieser Regina ab, und dass sie es tatsächlich belegen kann, hängt mit der Besessenheit des geheimen Ordens zusammen, Aufzeichnungen anzulegen.

Wie sich zeigt, leben heutzutage Tausende weiblicher Ordensmitglieder tief unter Rom in der so genannten „Krypta“, ohne dass die Außenwelt davon weiß. Man handelt mit historischen Informationen, Genealogie usw., schließlich kann man auf 1600 Jahre alte lückenlose Aufzeichnungen zurückgreifen. Aber das ist nicht alles. Poole und sein Kumpel Peter, ein Verschwörungstheoretiker, finden heraus, dass die „Schwestern“ zu einer Art Mutanten geworden sind. Sie bilden einen „Schwarm“ (im Original vermutlich das übliche hive), existieren wie ein Ameisenhaufen nur zum Selbstzweck der Existenz des Ordens, eine Sache, die Regina damals in Gang gebracht hatte. Einige von ihnen sind dazu verdammt, als Gebärmaschinen zu fungieren, während andere ihr ganzes Leben lang nicht einmal geschlechtsreif werden können. Diese Mutation, die allem widerspricht, was man über die Geschwindigkeit der Evolution weiß, ist eine weitere Ungereimtheit des Buches.

Nebenbei erwähnt werden immer mal astronomische Entdeckungen, wenn man so will. Zu Reginas Zeiten erscheinen Lichter am Himmel – vielleicht Novae? Zu Pooles Zeiten entdeckt man weit außerhalb des Sonnensystems im Kuiper-Gürtel eine geometrische Formation, dann wird dunkle Materie beobachtet … aber was soll’s? Nichts davon hat irgendeine Bedeutung für die Handlung! Es erscheint wie belangloses Geplapper des Autors, wie übrigens so vieles in dem dicken Band.

Eine weitere Person, das Mädchen Lucia aus dem Orden, spielt für einige Kapitel eine Hauptrolle, sie versucht dort auszubrechen, aber das gelingt ihr letztlich nicht. Schließlich soll der Vollständigkeit halber noch die Handlungsebene 20000 Jahre in der Zukunft erwähnt werden, die gegen Schluss ein paarmal auftaucht und so brutal wie sinnlos ist.

Keine der handelnden Personen konnte mein Interesse oder meine Sympathie wecken. Ob in Vergangenheit oder Gegenwart, alles ist einfach nur scheußlich und abstoßend. Vielleicht soll das widerwärtige Leben im Frühmittelalter zeigen, wieso Regina schließlich dazu kam, den Orden so und nicht anders zu begründen. Was dabei herauskommt, sind menschliche Ameisen. Eine Gemeinschaft, die in Arbeitsdrohnen und Gebärmaschinen aufgeteilt ist und vollkommen unerklärlicherweise neben der normalen menschlichen Gesellschaft existieren konnte, ohne dass je etwas darüber bekannt wurde.

Für eine gewisse Zeit dachte ich, Baxters Buch sei feministisch, weil es zunächst wie etwas anmutete, das LeGuin, McCaffrey oder Zimmer-Bradley verzapft haben könnten. Sein Bild von den Frauen, die hier hauptsächlich auftreten, wurde dann aber eher zum Gegenteil. Er stellt sie wie geistlose Brüterinnen hin, die nur die Fortpflanzung um ihrer selbst willen im Kopf haben, instinktgeleitete Gruppenwesen, die von der Erhaltung von „Blutlinien“ faseln und alles und jeden für dieses Ziel opfern. Kein Wunder, dass der Verschwörungstheoretiker Peter sie als Bedrohung für die Menschheit ansieht.

Sicher hat Baxter seine historischen Hausaufgaben gemacht, ich kenne mich da nicht genug aus, um sagen zu können, ob alles korrekt ist, was er sehr ausführlich zur Zeit des Niederganges Roms zu sagen hat. Seine Einbindung eines sozusagen „historischen“ Artus finde ich überflüssig, außerdem haben andere das schon besser gekonnt. Wer sich für diese Zeit interessiert, wird jedoch echte historische Romane lesen, nicht Bücher, die durch Sprünge in die Gegenwart verwirren und mit esoterischen Philosophierereien nerven. Baxter beschreibt ohnehin nur die überaus bedrückende Atmosphäre des Verfalls von Kultur und Zivilisation.

Alles in allem, ein langatmiges, enttäuschendes Werk, das auf der fragwürdigen Idee aufbaut, dass sich Menschen am Rande des Existenzminimums zu „Schwärmen“ zusammenrotten, um zu überleben. Warum beobachten wir das dann eigentlich nicht heutzutage allerorten?

_Wilko Müller jr._
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [buchrezicenter.de]http://www.buchrezicenter.de veröffentlicht.|

Alpers, Hans J. / Fuchs, Werner / Hahn, M. Ronald / Munsonius, Jörg M. / Urbanek, Hermann – Lexikon der Fantasy-Literatur

Das „Lexikon der Fantasy-Literatur“ auspacken, heißt zuerst einmal: Gewicht stemmen! 1.600 Gramm lebendige Fantasy wuchtet das Autorenteam auf die Waage. Der erste Eindruck ist bekanntlich oft der gewichtigste, aber bei diesem Lexikon trifft das eben in besonderer Weise zu. Dagegen sehen Schmalschinken wie das selige „Lexikon der Science-Fiction-Literatur“, das anno dazumal im |Heyne|-Verlag erschien, auf den ersten Blick ein wenig schwach auf der Brust aus, doch ein zweiter Hingucker relativiert die Euphorie: Heynes Büchlein im Taschenformat umfasste knapp 1.300 Seiten. Na ja, behandelt werden 400 Autoren, dieses Fantasy-Lexikon dürfte numerisch mehr zu bieten haben (nein, ich zähle nicht nach, und einen Hinweis auf die Anzahl der Autoren habe ich nirgendwo entdecken können).

Wo ich gerade von Format spreche, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass |FanPro| sich nicht hat lumpen lassen. Das Lexikon kommt in einer sehr stabilen, offensichtlich für dauerhaften Gebrauch konzipierten Gestaltung mit sehr schön aufbereiteten Cover und einer soliden Verarbeitung daher. Während eben Gebrauchsbücher wie das eben genannte SF-Lexikon rasch aus den Fugen geraten, spricht bei |FanPro|s Foliant vieles dafür, dass es bis zu einer möglichen Neuauflage seine ansehnliche Form beibehalten wird. Bei dem zu Recht verlangten Preis käme mir das sehr entgegen.

Gleich zum Preis, denn ob ich zu Anfang die Leut erschrecke oder zum Schluss: gesagt werden muss es. 60 Euronen sind kein Pappenstiel und schnell mal aus der Portokasse rausgeschüttelt. Umgerechnet sind das beinahe passgenau drei vom neuen Hohlbein („Anubis“ zu 19,90). Mal nachgedacht: auf den Hohlbein verzichtet, dann noch zwei andere Bücher in der selben Qualitätslage, die ich nach einmaligem Lesen vielleicht zufrieden, vielleicht auch nicht beiseite lege und für immer vergesse, stattdessen einen richtig spannenden Schmöker gekauft namens „Lexikon der Fantasy-Literatur“ … das lässt sich wahrlich überlegen. Mir jedenfalls fiele die Entscheidung förmlich in den Schoß, und sie wöge 1,6 Kilo …

Aber für einen solchen Kauf bedarf es guter Gründe. Einer wäre, |FanPro| für das lobenswerte Wagnis zu belohnen, in Zeiten des allgegenwärtigen Internets und der grassierenden Googlemanie, die den Bedürftigen mit Informationen zuschüttet, jedenfalls vieles zugänglich macht, was bislang verborgen oder nur schwer erreichbar war. Brauche ich das Lexikon als Interessierter dann überhaupt?

Ich bin mir sicher: ja! Ich recherchiere auch gerne und manchmal zu häufig via Internet. Es kommt – die Erfahrung macht ein jeder – sehr viel zusammen, was sich gar nett liest, ausgedruckt ergäbe das für einen x-beliebigen Autor beispielsweise, dem man einen Nachmittag über die ganze Welt hinterherjagt, gleich einen netten Stapel an Papier. Infos in Hülle und Fülle – aber ist das sinnvoll? Leider nicht immer, einerseits sind viele Informationen nicht verifiziert, jeder Hansel (Entschuldigung, wenn sich jemand angesprochen fühlt) kann nun geradewegs behaupten, Arnie Schwarzenegger sei der Autor der Conan-Geschichten über einem österreichischen Bauern-Barbaren, der gar nicht fiktiv ist, sondern lebt, und wer den sehen möchte, müsse nur das Fitness-Center am Fiaker-Markt frequentieren. Okay, deutlich gesagt: Wer gibt mir die Sicherheit, dass die Informationen von Hinz und Kunz zutreffen, echt sind, verlässlich? Niemand, und deshalb genügt eine schnelle (oder auch zeitraubende) Internet-Recherche nicht, um zuverlässig Details herauszuarbeiten.

Beim vorliegenden Print-Lexikon gehe ich davon aus, dass durch den profilierten Mitarbeiterstab eine gewissenhafte Aufarbeitung des Datenmaterials erfolgt ist, demzufolge alle Inhalte so weit stimmen und ich mich darauf verlassen kann, die Angaben auch zitieren zu können. Bei Internet-Informationen dünkt mir das eher ein Drahtseilakt zu sein, bei dem ich permanent ganz schön auf die Schnauze fallen kann.

Der profilierte Mitarbeiterstab bedarf einiger Worte, obwohl die Erwähnung von Alpers, Hahn und Urbanek jedem Kundigen den Pfad aufzeigt: da sind Urgesteine der phantastischen Sekundärliteratur (und darüber hinaus) am Werke, die sich im Genre auskennen und wissen, wo es langgeht. Sie werden begleitet von weiteren Mitarbeitern, die sich der Legion an Autoren angenommen haben: Dr. Florian F. Marzin, Heinz Jürgen Galle, Gustav Gaisbauer oder Dr. Franz Rottensteiner sind, wie die Mehrzahl der übrigen auch, so lange im Metier unterwegs, dass erstklassige Arbeit erwartet werden darf.

Diese Arbeit eröffnet sich dem Leser natürlich erwartungsgemäß. Die Autoren werden alphabetisch sortiert gelistet. Bei Pseudonymen erfolgt ein Verweis auf den Autor; unter Pseudonym geschriebene Titel werden entsprechend zugeordnet und benannt. Ein erläuternder Text befasst sich in unterschiedlichem Umfang mit den wichtigen Werken. Danach folgen die deutschen bibliographischen Einträge, wobei Serien gesondert aufgeführt werden. Fremdsprachige Veröffentlichungen eines Autors werden unter diesen Einträgen nicht gelistet (was auch wegen des Umfangs gar nicht möglich wäre), die Originalveröffentlichungen werden jedoch im biographischen Teil genannt. Sollte ein Autor Genre übergreifend tätig sein, werden nur seine Fantasytitel aufgeführt.

Sachbücher, die für die Fantasy-Literatur von Bedeutung sind (zum Beispiel Dr. Helmut Pesch: „Fantasy – Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung“), wurden als Ausnahmen ebenso eingebunden. Einige Autoren ohne deutsche Veröffentlichungen wurden wegen ihrer Bedeutung gleichfalls aufgenommen.

Im Anhang notiert wurden weiterhin wichtige Fantasy-Preise und ihre Preisträger („Deutscher Fantasy Preis“, „Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar“, „World Fantasy Award“) sowie eine Auflistung der Serien mit Fantasythema.

Den Einstieg in die Materie gewinnt der Leser durch vier Artikel von Florian F. Marzin und Rainer Nagel: „Quellen der Fantasy-Literatur“ (Marzin), „Die Geschichte der Fantasy-Literatur“, „Reiche und Welten der Fantasy-Literatur“ und „Die Artuslegende“ (jeweils Nagel).

Der Stoff reicht für nächtelanges Lesen! Und es macht wirklich Freude, einfach aufs Geradewohl durch die Seiten zu wandern, irgendwo springt einem doch wieder ein Fakt ins Auge, den man so nicht kannte oder nicht mehr in Erinnerung hatte. Zudem ist es erstaunlich, wie viele deutschsprachige Autoren Fantasyromane geschrieben haben – wobei ein Bonmot des Lexikons dabei augenscheinlich wird. Es wurden nicht bloß die großen Verlage wie |Heyne|, |Goldmann| oder |Klett-Cotta| mit Aufmerksamkeit bedacht, sondern auch die als „Book on Demand“ oder in Kleinverlagen erschienenen Bücher. Wer dabei desavouiert knurrt, dass die Leserschaft solcher Romane so überschaubar ist wie der Big-Brother-Zoo, der sei besänftigt: ich hab lieber ein wenig zu viel, als ein bisschen zu wenig. Autorenbeschreibungen, die mich nicht interessieren, die kann ich ignorieren. Autorennamen, die dagegen wichtig sind und fehlen, die würde ich schmerzlich vermissen. Nach meinem Dafürhalten ist das Lexikon wirklich umfassend, ich wäre aber nicht überrascht, wenn wegen der Unüberschaubarkeit des Genres nicht doch der eine oder die andere Autorin durchgerutscht wäre (aber davon wird der Verlag sicherlich schnell informiert, wie ich die sehr wissende Leserschaft einschätze).

Nach diesen lobenden Worten könnte vielleicht doch die Frage auftauchen, ob es nicht irgendetwas zu mäkeln geben würde. Na ja, es muss ja noch etwas zu verbessern geben …

Beispielsweise hätte ich mir mehr Ausführlichkeit bei den vier Artikeln gewünscht. Wenn schon sekundärliterarische Beiträge, dann ähnlich ausgiebig wie im zuvor erwähnten Science-Fiction-Lexikon, bei dem diese Kapitel knapp 140 Seiten aufs Papier bringen. Okay, da mag dann der Preis die entscheidende Rolle spielen, aber etwas dezidierter hätten die Ausführungen zu den einzelnen Subgenres „High Fantasy“, „Heroic Fantasy“, „Dark Fantasy“ und so weiter ausfallen können (wodurch zeichnet sich „Sword & Sorcery“ aus, welche Vertreter repräsentieren die Linie von ihren Anfängen bis heute), damit ein Nicht-Fantasy-Fachmann die einzelnen Autoren und ihre Werke eindeutig bewerten kann. Rainer Nagel pflegt dies in seinen Beitrag „Die Geschichte der Fantasy-Literatur“ zwar ein, überlässt aber dann die Definition beispielsweise von „epischer Fantasy“ dem Leser. Das sagte mir beim SF-Epigonen doch besser zu, bei dem Spielarten wie die „Space Opera“ durchaus eingehend begutachtet und auch in ihren Ausprägungen bewertet wurde.

Bewertungen der Romane sucht man im Übrigen meist vergebens, weil dies auch nicht unbedingt beabsichtigt war, wie die Herausgeber im Vorwort betonen: „Die Information steht dabei über der kritischen Bewertung.“ Das ist in Ordnung, aber andererseits auch schade. Ich hätte sehr gerne einige sicherlich nicht unsüffisante Bemerkungen von Ronald M. Hahn gelesen, bei dem ich eine eher kritische Haltung zur Fantasy erwarte. Wie amüsant etwas Derartiges sich dann liest, beweist „Das neue Lexikon des Horrorfilms“ …

Viele Portraits zieren Fotos der Autoren, aber nach meinem Geschmack hätten die besonders bei den zeitgenössischen Vertretern etwas reicher an Land gezogen werden können. Insbesondere bei den deutschen Autoren sollte dies doch möglich sein. Es lockert ja nicht nur auf, sondern untermalt auch das Bild vom Autor, das sich beim Leser aufbaut und das sich hinter der Biographie verbirgt.

Und warum Robert Jordan ein Schattendasein mit einer mageren Randnotiz fristet, obwohl seine „Wheel of Time“-Serie ohne Frage internationale Relevanz für die Fantasy besitzt (und wovon die unzähligen Internetseiten beredt Zeugnis ablegen, die sich speziell mit der Welt beschäftigen), Wolfgang Hohlbein dagegen 2 ½ Seiten in Beschlag nimmt, das ist eines der großen Mysterien der Fantasy-Literatur. Na ja, es veranschaulicht eben, dass manche Beiträge auch sehr von den Vorlieben oder Nachforschungen der Lexikon-Verfasser abhängig sind.

Und: Der Redaktionsschluss ist mir entweder durch die Lappen gegangen – oder er fehlt als Angabe doch tatsächlich. Der gehört aber in ein solches Werk, um den Stand der Aktualität erfassen zu können.

Natürlich sind das Peanuts, die unter den Tisch fallen, wenn das Lexikon in seiner Gesamtheit betrachtet wird. Und dabei gibt es nichts zu deuteln, das „Lexikon der Fantasy-Literatur“ ist ein bedeutendes Stück Sekundärliteratur, das sich zwischen Tolkien und Leiber so richtig wohl fühlt –am liebsten aber durchgeblättert werden will. Diejenigen Fantasy-Leser, die über das reine Konsumieren hinaus Interesse an der Literatur haben, etwas erfahren wollen über die Autoren und ihr Schaffenswerk, Nachschlagen möchten, wer wann welche Bücher beim Verlag publizierte, der wird bestens verköstigt. Ein dicker Prachtband, der rundum satt macht.

Und bitte keine Ausflüchte von wegen „teuer“: Dieses Lexikon gehört einfach in jeden Bücherschrank.

_Karl-Georg Müller_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|

Foster, Robert / Pesch, Helmut W. – große Mittelerde-Lexikon, Das

Vielleicht eine mögliche Erklärung, warum das vorliegende Buch erst 22 Jahre nach der englischen Fassung auch bei uns erschien, ist wohl der Hype, den Peter Jackson dank seiner Verfilmung der „Herr der Ringe“-Trilogie losgetreten hat. Mittelerde ist aber viel mehr als nur der Ringkrieg, was sich in den vielen auf den Markt geschwemmten Publikationen zum Film nur zum Teil widerspiegelt. Fosters „Das große Mittelerde-Lexikon“ befasst sich jedoch nicht nur mit diesem kleinen Ausschnitt, sondern liefert interessante Backgrounds in Stichwortform über die gesamte Bandbreite von Tolkiens faszinierender Welt. Bemerkenswerterweise stammt das Werk diesmal nicht von |Klett-Cotta|, dem angestammten Tolkien’schen Haus- und Hof-Verlag in Deutschland, der sich sonst für die Publikationen hierzulande (fast) exklusiv verantwortlich zeichnet, sondern von |Bastei Lübbe|.

_Zum Inhalt_
Für diese aktuell gültige Fassung des Lexikons aus dem Jahre 1978 sind die Informationen aus vielen Quellen auch außerhalb des Herrn der Ringe zusammengetragen worden. Unter anderem: „Letters“ (dt.: „Briefe“), „Lost Tales of Middle-Earth“ (dt.: „Das Buch der verlorenen Geschichten Mittelerdes Band 1 und 2“), „The Silmaril“ (dt.: „Das Silmarillion“) und aus „The Hobbit“ sowie anderen Publikationen, wie „The History of Middle-Earth“ (dt.: „Nachrichten aus Mittelerde“) oder „The Adventures of Tom Bombadil“, um nur die Wichtigsten zu nennen. Zumindest letzteres Werk dürfte hierzulande kaum bekannt sein, da es auf Deutsch bislang noch nicht veröffentlicht wurde.

Bereits im Vorwort weist der Autor darauf hin, dass er lediglich „hofft“, ein vollständiges Werk abgeliefert zu haben, das frei von Fehlern ist – hierzu muss man wissen, dass die Geschichten von Tolkien (da über einen Zeitraum von Jahrzehnten verfasst und zusammengetragen) selbst immer wieder von ihm redigiert und angepasst wurden. Somit sind durchaus erkennbare Inkonsistenzen in der Logik oder Doppeldeutungen unausweichlich, für die Foster nichts kann und die in der Natur der Sache liegen. Wann immer Begriffe nicht eindeutig zuzuordnen sind, wird jedoch gesondert darauf hingewiesen.

Für die deutsche Version zeichnet sich Helmut W. Pesch verantwortlich, dem es oblag, sogar noch mehr Arbeit investieren zu müssen, da die deutschen Versionen, Nomenklaturen, Eigennamen etc. nicht nur teils stark von den Originalen Tolkiens abweichen, sondern zudem zwei verschiedene Übersetzungen in deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurden. Die Neueste stammt von Wolfgang Krege (2000) und gilt gegenüber der von Margaret Carroux und E. M. von Freymann (letzte Überarbeitung 1991) als die exaktere – wenn auch viele die Ur-Übersetzung für die stimmungsvollere halten. Dementsprechend musste für die Eindeutschung des Lexikons wesentlich mehr Aufwand betrieben werden.

Neben dem etwa 750 Seiten starken Hauptteil des alphabetisch sortierten Lexikons finden sich am Anfang das Vorwort des Autors, das Vorwort des deutschen Überarbeiters und Übersetzers und eine kurze Einführung, wie dieses Buch zu verwenden ist. So erhält der interessierte Leser einen kurzen Einblick hinter die Kulissen der wichtigsten Sprachen und Zeitrechnungen Mittelerdes, ihre Grammatik und Unterschiede der Deutungen. Im Anhang stehen noch einige Ahnentafeln und Zeitleisten zur Verfügung, an denen man ablesen kann, wann welche Kultur innerhalb der vier Zeitalter mit welcher Sprache gesprochen hat oder noch „heute“ (will heißen: zur Zeit des Ringkriegs) spricht.

Die meisten Begriffe, die uns in Tolkiens Werken begegnen, sind auf „Quenya“ (der Sprache der Hochelben, „Eldar“ genannt) oder auf „Sindarin“ (der Sprache der Grauelben, der „Sirdar“ und „Noldor“) basierend. Hinzu kommt die Gemeinsprache, der sich alle verschiedenen Völker untereinander bedienen: das „Westron“ (die Sprache der Westernis „Númenor“, die einen Teil von allem enthält), sowie spezielle lokale Dialekte, beispielsweise etwa die Sprachen der Hobbits, Rohirrim oder auch Mordors. Wann immer ein ethymologischer Zusammenhang besteht oder Mehrfachbedeutungen vorhanden sind, so ist meist ein Querverweis dazu vorhanden oder die Begriffe stehen (mehrfach) direkt untereinander mit unterschiedlichen Erklärungen nebst Quellenangaben.

_Meinung_
Der Stoff dürfte den meisten viel zu trocken daherkommen und richtet sich ausschließich an Hardcore-Fans und wirklich Interessierte, die tiefer in die komplexe Materie von Tolkiens Welt einzutauchen gedenken. Zwar sind die Querverweise und Erklärungen zu den Begriffen ganz nett zu lesen, verraten aber demjenigen, der nicht oder nur wenig mit der Geschichte Mittelerdes vertraut ist, sicherlich nicht viel. Um das Buch wirklich schätzen zu können, bedarf es der Kenntnis nicht nur der Filme und des Romans zum Herrn der Ringe und dem Hobbit. Die meisten, die sich dieses Buch eventuell zulegen möchten, werden sicherlich zumindest diese Teile der Story kennen und deshalb mehr erfahren wollen.

Leider setzt das Lexikon in einigen Passagen die Print-Versionen der Romanvorlagen und auch des Silmarillions voraus („leider“ ist hier als Relativ zu verstehen – diese Bücher gehören eh in jede Bibliothek). Auf das ihnen beigelegte Kartenmaterial wird oftmals verwiesen, doch dem Lexikon selbst hat man weder Illustrationen noch eigene Karten spendiert, was ich bedauerlich finde, denn „Fremde“ bekommen hier Orte um die Ohren gehauen, die als böhmische Dörfer gelten, wenn man zum Beispiel nur die Filme kennt oder aber den Herrn der Ringe zwar irgendwann mal gelesen, jedoch die Bücher nicht (mehr) zur Hand hat.

Über die Vollständigkeit der behandelten Begriffe kann man nicht meckern, bislang habe ich zu jedem Komplex, zu dem ich weitere Informationen suchte, auch tatsächlich Auskunft erhalten, wenn auch manchmal über Umwege, weil das entsprechende Wort zwar gelistet, aber eben an anderer Stelle erläutert wird. So springt man zuweilen von Querverweis zu Querverweis, bis man schlussendlich die gewünschte Information gefunden hat. Das ist bei Lexika aber nun wirklich nichts bahnbrechend Neues – schließlich ist es kein Roman, der eine Geschichte chronologisch erzählt, sondern ein Nachschlagewerk.

Ein interessanter Aspekt ist, dass man im Vorbeilesen ganz andere Dinge findet, als man explizit gesucht hat, und sich dann immer weiter festliest. Auf seiner Suche nach anderen Informationen stolpert man über diese fast automatisch, weil sie einem per Zufall ins Auge springen, wenn man sich von Schlagwort zu Schlagwort hangelt. Das Nachschlagewerk ist bestimmt kein Buch, das man von vorne nach hinten (quasi buchstäblich von A bis Z) durchackert und hinterher die Weisheit Mittelerdes mit Löffeln gefressen hat, vielmehr greift man dazu, wenn man bestimmte Namen, Orte oder Begebenheiten wieder in Erinnerung rufen und die Zusammenhänge besser verstehen lernen will. Nebenher nimmt man eine Menge der von Tolkien eigens für Mittelerde erfundenen Sprache(n) auf.

_Fazit_
Wer alleine nur die bisher erschienenen Verfilmungen gesehen hat, mag sich das fette Nachschlagewerk für recht günstige zehn Euro gerne zulegen. Es ist ein guter Anfang, um weiter ins faszinierende Thema Mittelerde einzudringen, wird aber dem Betreffenden höchstwahrscheinlich nicht sehr hilfreich sein, denn die Filme reißen das Gesamtbild allenfalls leicht an. Leser der Romane Mittelerdes kommen da schon etwas besser weg und werden eine ganze Menge bekannter Gestalten, Mythen und Begebenheiten wiederfinden, doch auch hier gibt es zu bedenken, dass der Ringkrieg zwar das umfassendste Werk ist und auch den Löwenanteil in diesem Lexikon einnimmt, doch nicht wenige der Begriffe und Personen sind aus den früheren Zeitaltern entlehnt.

Die Kenntnis (mindestens) des Silmarillions ist somit schon fast absolute Bürgerpflicht, von der restlichen als Quellen angegebenen Literatur mal ganz zu schweigen. Man muss schon den Willen mitbringen, sich auch auf eine vollkommen ausgestaltete, fiktive Sprache einzulassen, will man das Lexikon effektiv nutzen und vor allem verstehen. Trotzdem muss auch ich, als recht beschlagener Fan, das Fehlen von Kartenmaterial oder Illustrationen bemängeln. Neueinsteigern verwehrt das den Zugang zum ansonsten exzellenten Nachschlagewerk enorm. Im Gegensatz zu manch unnötigen 08/15-Publikationen, die im Kielwasser der Filme rausgehauen wurden, gehört das große Mittelerde-Lexikon fraglos zu den wirklich empfehlenswerten Veröffentlichungen aus dem Bereich der Sekundärliteratur über Mittelerde.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
Originaltitel: „The Complete Guide to Middle-Earth“
– Ein alphabetischer Führer zur Fantasy-Welt von JRR Tolkien –
Genre: Sekundärliteratur / Quellenliteratur
Ersterscheinung: 1971, überarbeitet 1978 – Ballantine / Random House
Deutsche Erstveröffentlichung: Dezember 2002 – Bastei Lübbe
Übersetzung und Überarbeitung: Helmut W. Pesch
Titelillustration: Arndt Drechsler
Seiten: 810 / Paperback
ISBN: 3-404-20453-0