_Buchwurm.info:_
Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie? Was machen Sie gerade?
_Frank Haubold:_
Danke der Nachfrage, im Grunde gar nicht so schlecht, zumal es draußen tatsächlich doch noch Frühling geworden ist. Ich bin zu Hause und sitze – wie zumeist in den Abendstunden – am Computer. Im Moment denke ich darüber nach, welcher unfertige Text vielleicht doch noch zu retten ist.
_Buchwurm.info:_
Unsere Leser bei |Buchwurm.info| kennen Sie vielleicht noch nicht so gut. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
_Frank Haubold:_
Ich bin 55 Jahre alt und schreibe seit rund 20 Jahren überwiegend Kurzgeschichten und Erzählungen. Nach dem Abitur habe ich Informatik an der TU Dresden studiert und nach ein paar Jahren Berufspraxis an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Ich bin verheiratet und lebe mit meiner Frau in einem Dorf namens Waldsachsen nahe der Stadt Meerane auf halber Strecke zwischen Gera und Chemnitz.
_Buchwurm.info:_
Wie kamen Sie zum Schreiben und was fasziniert Sie besonders am Genre der Sciencefiction und Fantasy?
_Frank Haubold:_
Ich denke, ich bin – wie vermutlich die meisten Autoren – irgendwann beim Lesen auf die Idee gekommen, eigene Texte zu verfassen. Man liest einen besonders gelungenen Roman oder eine Erzählung und denkt sich: Das möchtest du auch können. Es gehört allerdings eine gewisse Besessenheit dazu, diesen Wunsch dann auch in die Tat umzusetzen. Sciencefiction und Fantasy sind eigentlich Subgenres der Phantastik. Dieses Genre bietet dem Autor eine Fülle von Möglichkeiten, Dinge geschehen zu lassen, die normalerweise unmöglich scheinen. Daraus sollte man aber nicht den Rückschluss ziehen, dass phantastische Texte nichts mit der Realität zu schaffen haben.
_Buchwurm.info:_
Was war Ihr erstes Buch? Worum geht es darin und was hat Sie an diesem Thema besonders interessiert?
_Frank Haubold:_
Mein erstes Buch „Am Ufer der Nacht“ handelt von einem jungen Mann namens Robert, der von unheimlichen Träumen heimgesucht wird. Erst nach und nach findet er heraus, dass sie einem bestimmten Muster folgen und ihn letztlich in die Lage versetzen, sich gemeinsam mit seinen Freunden einer drohenden Katastrophe entgegenzustellen. Die Handlung ist überwiegend frei erfunden, dennoch trägt der Protagonist einige autobiographische Züge und einige der geschilderten Ereignisse haben tatsächlich so oder ähnlich stattgefunden.
_Buchwurm.info:_
Ihr neuestes Buch ist „Die Sternentänzerin“. Worum geht es in diesen Erzählungen und was war für Sie von besonderem Interesse an diesen Themen?
_Frank Haubold:_
Es handelt sich um eine Zusammenstellung von phantastischen Erzählungen aus den Jahren 2005 bis 2009, darunter die 2008 mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnete Geschichte „Heimkehr“. Mein Favorit ist allerdings die titelgebende Erzählung, die den Lebensweg der russischen Tänzerin Lena Romanowa beschreibt, die bei einem Gastspiel in ihrem Heimatort durch ein Attentat schwer verletzt wird und erst viele Jahre später aus dem Koma erwacht. Mit unglaublicher Energie lernt sie wieder laufen und sogar tanzen und feiert schließlich ein unglaubliches Comeback zwischen den Sternen. Ich habe – auch aufgrund der aufwendigen Recherchen – sehr lange an dieser Geschichte gearbeitet, denke aber, es war der Mühe wert.
_Buchwurm.info:_
Sind Sie mit dem Erfolg Ihrer Bücher bislang zufrieden? Welche Publikumsreaktionen haben Sie am meisten gefreut? Welche fanden Sie unverständlich?
_Frank Haubold:_
Erfreulicherweise sind die meisten Reaktionen positiv, aber das allein bestimmt nicht den (wirtschaftlichen) Erfolg eines Buches. Dazu bedarf es medialer Präsenz, eines bekannten Namens und eines gewissen Werbeetats seitens des Verlages. Was ich schreibe und bislang veröffentlichen konnte, sind im Grunde Außenseiter-Publikationen. Mein größter Erfolg war zweifellos der Gewinn des Deutschen Science-Fiction-Preises 2008 in beiden Kategorien mit dem Roman „Die Schatten des Mars“ und der Erzählung „Heimkehr“, und natürlich habe ich mich sehr darüber gefreut. Unverständliche Reaktionen auf einzelne Texte gibt es auch hin und wieder, wobei die Vorstellung ohnehin illusorisch ist, als Autor alle Erwartungen bedienen zu können.
_Buchwurm.info:_
Ist es für Sie wichtig, engen Kontakt zu Ihrem Publikum zu halten, beispielsweise auf Conventions oder in einem Verband? Bietet Ihnen das Internet dazu inzwischen bessere Möglichkeiten?
_Frank Haubold:_
Da ich nicht unbedingt zu den Reiselustigsten gehöre, besuche ich nur wenige Conventions, verdanke diesen Treffen aber eine Reihe durchaus interessanter Begegnungen. Der Hauptteil der Kommunikation findet allerdings im Internet und per Mail statt. Ich bin in einigen Foren aktiv (nicht nur im Bereich der Phantastik), betreibe eine eigene Homepage und halte Kontakt mit zahlreichen Autorenkollegen und Lesern.
_Buchwurm.info:_
Warum erscheint Ihr Band „Die Sternentänzerin“ nicht in einem der „großen“ Verlage wie |Lübbe| oder |Heyne|, sondern in einem fast unbekannten wie |p.machinery|? Hat dies bestimmte Vorteile?
_Frank Haubold:_
Der Hauptvorteil ist zweifellos Umstand, dass das Buch überhaupt erscheint. Großverlage wie |Heyne| haben kein Interesse an Anthologien oder Collections, weil sie sich angeblich schlecht verkaufen. Das bewahrheitet sich dann im Einzelfall auch im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung, da diese Bücher kaum beworben und schon gar nicht aktiv in die Buchhandlungen gebracht werden. Das war in den 90er Jahren noch anders, wo man in fast jeder Buchhandlung auf die eine oder andere |Heyne|-Anthologie stieß. Heute läuft das Geschäft nach dem Motto: Nur nichts riskieren. Das ist aber kein Phänomen, das sich auf das Verlagswesen beschränkt.
_Buchwurm.info:_
Sie veröffentlichen beim [EDFC.]http://www.edfc.de/ Welche Bedeutung hat dieser Klub für Sie und für die Szene der phantastischen Literatur in Deutschland?
_Frank Haubold:_
Der EDFC Passau ist zweifellos einer der ältesten und renommiertesten Fantasy-Clubs in Deutschland, der über viele Jahre seine Mitglieder mit einer Fülle von Publikationen bedienen konnte, die von den Magazinen „Fantasia“ und „Quarber Merkur“ über Sekundärliteratur bis hin zu einer kleinen, aber exklusiven belletristischen Reihe reichte. Bedingt durch Mitgliederschwund und Mittelknappheit erscheinen die EDFC-Publikationen seit einiger Zeit allerdings nur noch in elektronischer Form, was nicht nur aus Autorensicht zu bedauern ist.
_Buchwurm.info:_
Können Sie von Ihren Veröffentlichungen leben oder haben Sie noch einen anderen Broterwerb?
_Frank Haubold:_
Vom Erlös seiner Bücher leben zu können, ist eine angenehme Vorstellung, die aber nicht nur bei mir mit der Realität kollidiert. Es gibt wohl kaum einen mühsameren Broterwerb als den eines freischaffenden Schriftstellers. Da ich nur ungern unter Brücken schlafen möchte, arbeite ich tagsüber in einer Klinik als Abteilungsleiter im Bereich Medizintechnik und Informatik. Das regelmäßige Einkommen garantiert mir auf der anderen Seite eine gewisse Unabhängigkeit bei meiner schriftstellerischen Tätigkeit, was kein geringer Vorzug ist.
_Buchwurm.info:_
Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?
_Frank Haubold:_
Wenn ich nicht gerade schreibe oder Texte redigiere, bin ich gern mit dem Fahrrad unterwegs, mache Urlaub im Süden und spiele – wenn auch mehr schlecht als recht – zwölfsaitige Gitarre. Musik (zwischen |Doors| und |Pink Floyd|) höre ich allerdings meist nur im Auto.
_Buchwurm.info:_
Was würden Sie sich für die Szene der phantastischen Literatur in Deutschland (SF, Fantasy, RPG etc.) wünschen, wenn Sie drei Wünsche frei hätten?
_Frank Haubold:_
O je, auch das ist keine einfache Frage. Natürlich würde ich mir wünschen, dass jüngere Menschen mehr Sciencefiction oder überhaupt phantastische Literatur lesen, was dann auch dazu führen könnte, dass sich die großen Publikumsverlage in diesem Bereich stärker und vielleicht auch kompetenter engagieren. Ebenso wünschenswert wäre eine Abkehr vom gegenwärtigen Schubladendenken auch innerhalb der Phantastik-Szene, das dazu führt, dass viele SF-Anhänger kaum Horror oder Weird Fiction lesen und umgekehrt. Und fern der Realität würde ich gern Merlin, dem Magier, oder Graf Dracula dabei zusehen, wie sie all die überflüssigen König-Artus- und Vampir-Schinken in Bäume zurückverwandeln.
_Buchwurm.info:_
Wagen wir einen Ausblick. Woran arbeiten Sie gerade? Wann erscheint Ihr nächstes Buch?
_Frank Haubold:_
Wie bereits angedeutet, arbeite ich derzeit an mehreren Projekten, von denen die meisten allerdings noch nicht spruchreif sind. Unter Umständen ergibt sich demnächst die Möglichkeit zu einer Publikation in Großbritannien – eine Sammlung von Horrorgeschichten in Zusammenarbeit mit einer englischen Kollegin. Außerdem arbeite ich daran, meine im Januar bei |Atlantis| erschienene Erzählung „Die Gänse des Kapitols“ zu einem Roman, einer klassischen Space Opera, zu erweitern. Außerhalb des Genres plane ich gegenwärtig eine Anthologie unter dem Arbeitstitel „Der Traum vom Meer“, die aber noch in den Kinderschuhen steckt. Aktuelle Informationen, Rezensionen und Leseproben sind auf meiner Homepage [www.frank-haubold.de]http://www.frank-haubold.de zu finden.
_Bibliographie_
|_Buchausgaben:_|
_“Am Ufer der Nacht“_ (1997), Roman in Erzählungen.
_“Der Tag des silbernen Tieres“_ (mit Eddie M. Angerhuber, 1999), EDFC Passau. Unter anderem mit der Erzählung „Das Große Rennen“, 2. Platz beim Deutschen Science-Fiction-Preis 2000.
_“Das Tor der Träume“_ (Phantastische Erzählungen, 2001), EDFC Passau. Der Erzählungsband wurde für den Deutschen Phantastik-Preis 2002 nominiert, zwei Geschichten für den Deutschen Science-Fiction-Preis und für den Deutschen Phantastik-Preis.
_“Das Geschenk der Nacht“_ (Phantastische Erzählungen, 2003), EDFC Passau. Zwei Geschichten wurden für den Deutschen Science-Fiction-Preis 2004 nominiert, die Story „Die weißen Schmetterlinge“ zusätzlich für den Deutschen Phantastik-Preis 2004 (2. Platz).
[_“Wolfszeichen“_ 4716 (Phantastische Erzählungen, 2007), Edition Lacerta. Zwölf unheimliche Kurzgeschichten und Erzählungen aus den Jahren 1997 bis 2007.
[_“Die Schatten des Mars“_ 4726 (Episoden-Roman, 2007), EDFC Passau. Illustrierte Liebhaberausgabe (Hardcover, Leinen), ausgezeichnet mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis 2008
_“Die Sternentänzerin“_ (Collection, 2009), p.machinery Murnau. Zehn Science-Fiction-Erzählungen aus den Jahren 2005 bis 2009, Illustrierte Paperback-Ausgabe.
_Der Garten der Persephone_ (2001), in |“Reptilienliebe“, Heyne|
_Der Mann auf der Brücke_ (2001), in |“Weihnachtszauber“, Lübbe|
_Die Stadt am Fluß_ (2005) in [|“Der ewig dunkle Traum“, 1899 BLITZ-Verlag|
_Die Legende von Eden_ (2005) in [|“Die Legende von Eden“, 1990 Shayol|
_Das Orakel_ (2006) in |“Plasmasymphonie“, Shayol|
_Die Tänzerin_ (2007) in „Der Moloch“, Shayol
_Heimkehr_ (2007) in |“S.F.X.“, Wurdack|
_Die Gänse des Kapitols_ (2010) in |“Weltraumkrieger“, Atlantis|
_Buchwurm.info:_
Hallo, Frau Korte, wie geht es Ihnen, wo sind Sie gerade und was machen Sie?
_Lea Korte:_
Wie es mir geht, hat mich in einem Interview noch nie jemand gefragt – ich finde das sehr nett! Danke, es geht mir gut – wie auch nicht, wo der Frühling endlich zu seinem Recht kommt! 🙂 Ich bin in Spanien, wo ich seit fast zwanzig Jahren lebe, und ich plane einen neuen Roman, was immer sehr aufregend ist!
_Buchwurm.info:_
Unsere Leser bei |Buchwurm.info| kennen Sie vielleicht noch nicht so gut. Könnten Sie sich bitte kurz vorstellen?
_Lea Korte:_
Ich bin Jahrgang ’63, verheiratet, habe zwei Kinder (9 und 13), einen (reichlich!) verrückten Hund und eine schwarze Katze, die auch nicht viel normaler ist. Alles andere würde aber wahrscheinlich auch nicht zu uns passen. 😉
Mancher fragt sich nach meiner Anmerkung oben sicher, wie ich nach Spanien gekommen bin. Nun, mit zwölf war ich mit meinen Eltern zum ersten Mal am spanischen Mittelmeer und habe damals ganz naiv beschlossen, dass ich später dort leben will – und das „Später“ sollte nicht erst im Rentenalter sein. Mit dem Schreiben war es ähnlich: Das war auch so ein früher, höchst naiver „Beschluss”, weil ich von den „Buddenbrooks“ so begeistert war. Dass später beides geklappt hat, zeigt, dass man seine Kinderträume manchmal doch in die Tat umsetzen kann.
Ja, ich schreibe Romane, derzeit vor allem historische Romane, und ich bleibe sicher auch dabei, denn die haben mich richtig gepackt. Mein Thema ist – wie sollte es anders sein – die spanische Geschichte, die voller Dramatik und spannender Geschichten ist – die ideale Grundlage also für Romane!
Lesen und Schreiben sind für mich sehr wichtig, so wichtig, dass ich darüber schon mal das eine oder andere vergesse, was man besser nicht vergessen sollte. 😉 Und seit ich mit den historischen Romanen angefangen habe, fesselt mich das Schreiben sogar noch mehr.
Wer noch mehr über mich und meine Arbeit wissen möchte, findet auf meiner Webseite http://www.leakorte.com und auf meinem Blog http://www.leakorte.wordpress.com ständig neue Informationen.
_Buchwurm.info:_
Wie kamen Sie zum Schreiben und was fasziniert Sie besonders am Genre des historischen Romans?
_Lea Korte:_
Zum Schreiben kam ich einmal, weil ich mich in die Figuren von Thomas Mann verliebt habe. Man kann sie laufen, gehen, weinen SEHEN – und dass man dies nur mit Worten erreichen kann, hat mich fasziniert. Gleich nach dem Studium habe ich ganz ernsthaft mit dem Schreiben begonnen und hatte das große Glück, auf Anhieb einen Agenten zu finden, mit dem ich auch heute noch zusammenarbeite und dank dessen Vermittlung ich inzwischen sieben Bücher veröffentlicht habe.
Früher habe ich unter anderem Pseudonym sogenannte Frauenromane geschrieben, wobei der letzte eigentlich schon eher ein Entwicklungsroman war. Aber ich wollte irgendwie „mehr“. „Nur“ Geschichten zu erzählen war mir irgendwann zu wenig. Und so kam ich zu den historischen Romanen. Mein Ziel ist dabei, Vergangenem neues Leben einzuhauchen. Bei „Die Nonne mit dem Schwert“ habe ich Catalina de Erauso, die im 17. Jahrhundert wirklich gelebt hat, ihre Geschichte erzählen lassen; bei [„Die Maurin“ 6248 lasse ich die Leser die letzten 15 Jahre der Reconquista im 15. Jahrhundert anhand der Geschichte der (fiktiven) Zahra as-Sulami miterleben.
_Buchwurm.info:_
Worum genau geht in „Die Nonne mit dem Schwert“ und was hat Sie an diesem Thema besonders interessiert?
_Lea Korte:_
„Die Nonne mit dem Schwert“ war mein erster historischer Roman, der auf der Autobiografie von Catalina de Erauso beruht, also in großen Bereichen wahr ist. Das Mädchen war von seinen Eltern – gegen seinen Willen – ins Kloster gesteckt worden. Eines Tages ergibt sich für sie die Möglichkeit zu fliehen, die sie natürlich sofort wahrnimmt. Doch als Mädchen hat sie „draußen“ kaum Überlebenschancen. Sie stiehlt sich die Kleider eines Jungen, schneidet ihr langes Haar ab – und lebt fortan als Junge.
Im Gegensatz zu den „Hosenromanen“ haben wir es hier mit einer wahren Geschichte zu tun, in der man überdies sehr viel von der Geschichte der damaligen Zeit mitbekommt: Es ist die Zeit der Eroberung Südamerikas durch die Spanier, die Zeit der Inquisition – und die Kirche hat es Frauen damals verboten, das Haar „nach Sklavenart kurz geschoren“ und Männerkleider zu tragen. Kurz zuvor war Johanna von Orleans unter eben diesem Vorwand in England auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Und auch Catalina schwebt in ständiger Gefahr … Ihre Autobiografie trägt den Titel „Die Nonne Fähnrich“ – so dass man schon ahnen kann, was zumindest einen Teil ihres mehr als aufregenden Lebens ausmacht … Aber mehr will ich hier nicht verraten.
Für mich war es sehr spannend nachzuempfinden, wie sich Catalina nach der Flucht aus dem Kloster gefühlt haben muss. Ihre Verlorenheit, ihre Ängste – und den Mut, den sie finden musste, ihr Leben – und ein gefahrvolles noch dazu! – künftig allein zu meistern. Catalina de Erauso war in meinen Augen eine wirklich bemerkenswerte Frau!
_Buchwurm.info:_
Warum nehmen Sie an, dass dieses Thema auch heutige Leser besonders interessieren könnte oder sollte?
_Lea Korte:_
Catalina war eine Frau, die sich nicht mit der ihr vorgegebenen Rolle zufrieden geben wollte. Auch heute werden wir noch oft genug in Rollen gedrängt – und das hat mit Emanzipation gar nichts zu tun. Es sind die Erwartungen anderer, die uns eingrenzen – wenn wir es zulassen. Catalina hat beschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen, allen Gefahren zum Trotz. Ich finde, es ist eine Geschichte, die Mut macht, dass wir auch heute unser Leben selbst in die Hand nehmen sollten, egal, was andere denken.
_Buchwurm.info:_
Ihr neuestes Buch ist [„Die Maurin“. 6248 Worum geht es darin und was war für Sie von besonderem Interesse an diesem Thema?
_Lea Korte:_
„Die Maurin“ spielt zu einer Zeit, die meine historische Lieblingsepoche ist: dem Ende der Reconquista. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Spanien, wie wir es heute kennen, noch sehr jung ist. Im 15. Jahrhundert existierte es noch nicht. Es gab es nur Kastilien, Aragón, Navarra – und Al-Andalus. Und in Al-Andalus regierten keine „Spanier“, sondern die Mauren, Muslime, die einst von den arabischen Ländern in Afrika gekommen waren und die dort zum Zeitpunkt meines Romans schon seit 700 Jahren herrschten.
Mich reizte vieles an dem Thema, aber vor allem die Konflikte zwischen Christen und Muslimen.
Zahra as-Sulami ist eine junge Frau, die zwischen diesen beiden Kulturen groß wird: Ihr Vater ist ein maurischer Adliger, ihre Mutter Kastilierin. Als Hofdame Aischa, der Sultanin von Granada, erhält sie besonders tiefe Einblicke in die sich zuspitzenden Konflikte zwischen den Mauren und den Kastiliern – und gerät bald sogar mitten zwischen die Fronten, und das mit dem Kopf und mit dem Herz …
_Buchwurm.info:_
Was fesselt den heutigen Leser an dieser Thematik?
_Lea Korte:_
Die Konflikte zwischen Muslimen und Christen sind auch aktuell ein höchst brisantes Thema. Da kann ein Blick in die Vergangenheit schon mal hilfreich sein: Im Maurenreich lebten Christen, Juden und Muslime nämlich über Jahrhunderte (!) friedlich und einvernehmlich zusammen, weil die Mauren in ihrem Reich den Toleranzgedanken groß geschrieben hatten. Ja, wir könnten viel lernen aus dieser Zeit – und es wäre schön, wenn der Roman zumindest einen kleinen Denkanstoß in diese Richtung geben könnte.
_Buchwurm.info:_
Als Erzählerin bleiben Sie in „Die Maurin“ weitgehend neutral. Fiel es Ihnen schwer, sich nicht für die eine oder andere Partei zu entscheiden?
_Lea Korte:_
Nun ja, ein bisschen mehr ist meine Sympathie vielleicht schon bei den Mauren, aber im Großen und Ganzen war es mir wichtig zu zeigen, dass es auf beiden Seiten Menschen gab, die es verdienen, dass man sie achtet, weil sie sich für friedliche Lösungen und ein friedliches und toleranteres Miteinander einsetzten. Es gibt nicht DEN Christen und auch nicht DEN Muslimen. Es gibt – für mich – nur den Menschen, der dahintersteht. Und Menschen (!) gab es auf beiden Seiten.
_Buchwurm.info:_
Greifen Sie bei Ihren historischen Recherchen auf besonders kompetente Quellen wie etwa eine Universitätsbibliothek zurück? Beschäftigen Sie auch gesonderte Forscher?
_Lea Korte:_
Bei „Die Maurin“ hatte ich nicht nur eine Universitätsbibliothek sondern auch ein „wandelndes Lexikon“ zur Unterstützung: Prof. Dr. Jordi Aguadé von der Universität Cadiz, der genau das Thema meines Romans als seinen Forschungsschwerpunkt hat, und seine Frau Laila, die eine Spezialistin für alle Fragen ist, die den Islam betreffen. Beide haben mir während des ganzen Romans beratend und überdies mit großem Elan zur Seite gestanden.
Für mich war es wichtig, nicht nur die Geschichte der fiktiven Zahra as-Sulami und ihrer Familie zu erzählen, sondern zugleich auch die Geschichte dieser letzten 15 Jahre der Reconquista – und das nicht einseitig, sondern mit einem Blick auf beide Seiten: die christlich-kastilische und die muslimisch-maurische.
_Buchwurm.info:_
Sind Sie mit dem Erfolg Ihrer Bücher bislang zufrieden? Welche Publikumsreaktionen haben Sie am meisten gefreut? Welche fanden Sie unverständlich?
_Lea Korte:_
Die Verkaufszahlen für „Die Maurin“ werde ich selbst erst im Herbst erhalten, aber ich weiß, dass „Die Maurin“ schon zwei Monate nach Erscheinen zum ersten Mal nachgedruckt wurde – was ja doch ein Zeichen dafür ist, dass sie sich gut verkauft. Auch „Die Nonne mit dem Schwert“ hat sehr viele Leser gefunden, zumal sie auch im |Club| (Bertelsmann) und bei |Weltbild| als Lizenz herauskam.
Die Leserreaktionen auf „Die Maurin“ sind bisher durchweg sehr positiv, was mich riesig freut. Nach den ersten Online-Leserunden kann ich überdies sagen, dass die Leser sich wirklich in das Buch hereingezogen gefühlt und besonders lobend erwähnt haben, dass ich nicht einfach nur eine Geschichte im Mittelalter erzähle, sondern es mir gelungen ist, der Geschichte der Reconquista mit Zahra neues Leben einzuhauchen, der Roman also Historisches und Fiktives so verbindet, dass der Leser quasi nebenbei und höchst unterhaltend auch noch Geschichtsunterricht bekommt.
Bei [www.amazon.de]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3426502305/powermetalde-21 sind einige der Rezensionen aus den Leserunden zu lesen, die eben diese Kommentare widerspiegeln. Meine Lieblingsrezension ist derzeit wohl die von Rita del’Agnese bei der histo-couch: http://www.histo-couch.de/lea-korte-die-maurin.html. Auf dieser Webseite wurde ich mit der „Maurin“ auch zum „Historikus“ des Monats März gewählt, was mich riesig gefreut hat und ich als besondere Ehre empfunden habe.
Auch anderen Webseiten ist „Die Maurin“ schon positiv aufgefallen: Bei http://www.historische-romane.de war ich im Februar Autor des Monats, bei http://www.lovelybooks.de ist „Die Maurin“ gerade auf Platz 4 der Frühlingsbücher 2010 gelandet und war damit der am besten platzierte historische Roman. Und „Die Maurin“ ist ja erst seit kurzem auf dem Markt. Unverständlich fand ich bisher noch keine Rezension, zumal sie ja bis dato alle erfreulich gut bis supergut waren.
_Buchwurm.info:_
Welchen Interessen und Hobbys widmen Sie sich in Ihrer Freizeit? Engagieren Sie sich auch sozial?
_Lea Korte:_
Mit einer Familie und einer so intensiven Arbeit wie dem Schreiben und Recherchieren für historische Romane ist man gut beraten, wenn die Arbeit zugleich auch Hobby ist. Bei mir ist es so: Auch in meiner „Freizeit“ lese und recherchiere ich. Als Freizeit betrachte ich die Zeit, die ich auf dem Sofa oder am Strand mit Lesen und Korrekturen verbringe, als Arbeit den Teil, den ich in meinem Arbeitszimmer erledige. 😉
Darüber hinaus spiele ich Klavier und unternehme gern etwas mit meiner Familie. Sozial engagiere ich mich vor Ort.
_Buchwurm.info:_
Welches Thema möchten Sie als nächstes aufgreifen?
_Lea Korte:_
Das Thema Muslime-Juden-Christen hat mich ziemlich gepackt, so dass ich wohl auch meinen nächsten historischen Roman in diesem Bereich ansiedeln werde. Auch nach der Reconquista gehen die Konflikte nämlich weiter, und eigentlich wird es dann sogar noch spannender! Genaueres aber weiß ich noch nicht, weil dies noch mit dem Verlag besprochen werden muss.
_Werkverzeichnis:_
1) Die Maurin, Droemer Knaur, Februar 2010
2) Die Nonne mit dem Schwert, Droemer Knaur, April 2007
3) Das steinerne Auge. Historischer Episodenroman.
_Buchwurm.info:_
Wie geht es Ihnen? Hoffentlich gut! Wo sind Sie und was machen Sie gerade?
_Markus Heitz:_
Danke, alles bestens. Bin zu Hause und überarbeite JUDASTÖCHTER.
_Buchwurm.info:_
Sind Sie von Ihrer Lesetour für [„Judassohn“]http://www.buchwurm.info/news/anzeigen.php?news__id=7394 bereits zurückgekehrt und haben Zeit für andere Projekte?
_Markus Heitz:_
Es war umgekehrt: Ich habe die Tour zu den JUDASTÖCHTERN gelegt. Wie man an meinem [Tourbericht]http://www.judassohn.com sehen kann, war ich unterwegs fleißig und habe auch am nächsten Buch gearbeitet.
_Buchwurm.info:_
Warum und wozu haben Sie auf Ihrer aktuellen Lesetour Musiker und eine Tänzerin engagiert? Wie ist die Resonanz des Publikums gewesen?
_Markus Heitz:_
|Knaur| wollte das Buch nicht im üblichen Rahmen präsentieren, sondern etwas Neues machen. So war der Gedanke an eine Tour plötzlich im Raum. Wir haben überlegt, welche Bands ich kenne, welche Bands infrage kommen und wie man verschiedene Szenen unterstützen bzw. anders darstellen könnte, beispielsweise einen Tanz (Dolchkampf, Fluch). So kamen wir zu (der Band) [Persephone]http://www.persephone-home.de und (der Tänzerin) Asherah Latifa. Die Resonanz darauf war sehr gut.
_Buchwurm.info:_
Sie haben bereits 2009 eine Lesetour http://www.die-zwerge-live.de mit dem Sprecher Johannes Steck unternommen, um Ihr Fantasy-Epos „Die Zwerge“ auf die Bühne zu bringen. Wie war der Erfolg dieser Multimedia-Show mit Musik, Video und Sound?
_Markus Heitz:_
Stimmt nicht ganz. Johannes hat das Zwergeprojekt alleine angestoßen und umgesetzt. Ich konnte mich hinsetzen und genießen. Der Erfolg gab seiner tollen Idee Recht, und es wird nun an eine Fortführung gedacht. Mehr darf ich dazu nicht sagen.
_Buchwurm.info:_
Stoßen Sie mit solchen Literatur-Shows in eine Marktlücke? Was sind die Gründe für Ihren Erfolg damit?
_Markus Heitz:_
Na ja, wenn man als Erster etwas tut, kann man damit auf die Schnauze fallen oder belanglos sein oder man wird gefeiert. Mit der JUDASSOHN-Tour hatten wir das Glück, sehr gut angenommen zu werden. Es gefiel den Leuten auch, mehr als eine Standard-Lesung zu bekommen – obwohl sie anfangs auch nicht wussten, was auf sie zukommt. Wir haben ein Konzept entwickelt, das angenommen wurde. Sollten das andere Autoren auch anpacken, würde mich das freuen. Es tut allen gut: dem Autor, den Künstlern, dem Werk und nicht zuletzt den Besuchern. Wir haben was Neues gewagt, und wir freuen uns, dass es gefallen hat. Aber mein Schwerpunkt liegt natürlich derzeit auf dem Schreiben.
_Buchwurm.info:_
Sie schrieben anfangs Heroic Fantasy, dann auch Phantastic Horror, jetzt versuchen Sie sich im Genre Science Fiction. Sind Sie ein Autor, der gerne experimentiert und seine Fähigkeiten testet?
_Markus Heitz:_
Immer diese Begrifflichkeiten. Ich würde eher sagen: Am Anfang war Fantasy (Ulldart), danach Cyberpunk (Shadowrun), danach High Fantasy („Zwerge“), danach kamen Horror („Ritus“ etc.), was heute Urban Fantasy/Mystery heißt, und Phantastik („Mächte des Feuers“). Früher hatte ich schon Kurzgeschichten in Sachen Space Fiction geschrieben, die Idee zum Roman COLLECTOR stammt aus dem Jahr 2003. Es war an der Zeit, den Stoff umzusetzen. Ich schreibe gerne, und schreiben ist Abwechslung. Sich nur auf eine Sparte zu beschränken, wäre Eigenzensur, wie ein Zehnkämpfer, den man nur laufen lässt, obwohl er mehr könnte. Es wird eines Tages auch Krimis oder rein humoristische Sachen von mir geben. Alles zu seiner Zeit.
_Buchwurm.info:_
Könnten Sie unseren Lesern bitte ein wenig über Ihren SF-Roman erzählen, der im September erscheinen soll? Wie lange haben Sie an diesem Projekt gearbeitet?
_Markus Heitz:_
Die Arbeit selbst war wie immer ein halbes Jahr. Es hat sich ergeben, dass ich mir letztes Jahr ein altes Rollenspiel namens JUSTIFIERS kaufen und es als Erweiterung der Romanwelt einsetzen konnte. Es kommt also ein klassisches Pen&Paper-Rollenspiel, Comics und ab Dezember eine eigene Taschenbuchserie JUSTIFIERS, bei der deutsche Autoren Romane in der JUSTIFIERS-Welt schreiben werden. Den Anfang macht [Christoph Hardebusch]http://www.hardebusch.net („Die Trolle“).
Der Roman COLLECTOR ist der Auftakt für dieses neue Universum und soll neugierig machen, indem er eine abgeschlossene Geschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht Kris, eigentlich ein Trucker, der durch einen unschönen Zufall in die Dienste eines Großkonzerns treten muss und als Pilot auf eine Erkundungsmission geschickt wird. Er und die Mannschaft sollen mehr über die COLLECTOR herausfinden. Die Collector sind eine technisch höher stehende Rasse, die den Menschen vorgerechnet hat, dass sie im Vergleich zu den übrigen Spezies im All zu wenige und vom Aussterben bedroht sind. So stellen die Collector etliche Planeten unter ihre Obhut und beginnen – gegen den Willen der Bevölkerung – mit allerlei chemischen und biologischen Stoffen ein Aufzuchtprogramm. Dass das die Menschen nicht lustig finden, liegt auf der Hand. Eine alte philosophische Frage wurde damit eingebunden, wenn man so möchte. Kris gerät mitten hinein – in die Intrigen der Konzerne, in Abenteuer, an die Liebe seines Lebens und an seinen Vater, den man für verschollen gehalten hat.
_Buchwurm.info:_
Was könnte Ihre bisherigen Leser daran gefallen, oder ist es Ihnen wichtiger, mit SF neue Käufer zu erreichen? (Die deutsche SF könnte sicherlich mehr Leser gebrauchen.)
_Markus Heitz:_
Wie immer habe ich die Story für mich geschrieben, weil das Erzählen und das Ausdenken mir Spaß gemacht haben. Wie viele „alte“ Leser ich damit erreiche, weiß ich nicht. Man sieht, dass es keine klassische Science Fiction ist, die möglichst viel wissenschaftlich erklären möchte, sondern es ist eine Space Opera, das volle Unterhaltungsprogramm mit dem kleinen Philosophieschwenk. Auf neue Leserschichten habe ich dabei nicht wirklich geschielt.
_Buchwurm.info:_
Sicherlich vernachlässigen Sie nicht Ihre Fantasy-Fans. Wird es einen fünften Band des ZWERGE-Zyklus geben? Falls ja, wann?
_Markus Heitz:_
Erstmal haben die |Albae| Vorfahrt. Mitte 2011 kommt der zweite Band, danach folgen noch zwei Bände, und was danach erscheint, darüber mache ich mir noch keine Gedanken. Dass es einen fünften Zwerge-Band geben wird, [habe ich schon verkündet,]http://www.mahet.de/site/News-Beitrag.10.0.html werde mich aber auf ein Datum nicht festlegen.
_Buchwurm.info:_
Es gibt Gerüchte, wonach DIE ZWERGE verfilmt werden soll. Ist da etwas dran?
_Markus Heitz:_
Von wegen Gerüchte. Produzenten sind Hofmann&Voges, Drehbeginn Ende 2010, TV-Event, 2×90 Minuten für den ersten Band, Ausstrahlung Ende 2011. Das ist der aktuelle Stand.
_Buchwurm.info:_
Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?
_Markus Heitz:_
Schreiben und kreativ sein. Kein Witz. Ein bisschen Sport noch.
_Buchwurm.info:_
Engagieren Sie sich sozial bzw. karitativ?
_Markus Heitz:_
Das ist nichts, was ich an große Glocken hänge.
_Buchwurm.info:_
Wagen wir einen Ausblick. Woran arbeiten Sie gerade? (Kreative Leute arbeiten ja immer an irgendetwas.)
_Markus Heitz:_
Aktuell an JUDASTÖCHTER, das JUSTIFIERS Role Playing Game wird noch betreut … und noch andere Dinge sind am Laufen.
_Buchwurm.info:_
Herzlichen Dank für das Interview!
_Buchwurm.info:_
Hallo, wie geht es Ihnen? Wo sind Sie und was machen Sie gerade?
_Jörg Kaegelmann:_
Zu sagen, wo ich gerade bin, ist bei mir schwierig. Zumindest bin ich immer online, um direkt auf Kundenanfragen reagieren zu können.
_Buchwurm.info:_
Könnten Sie sich unseren Lesern, die Sie noch nicht persönlich kennen, bitte selbst vorstellen? Vor allem interessiert die Frage, wie und warum Sie zum |BLITZ|-Verlag kamen.
_Jörg Kaegelmann:_
Den |BLITZ|-Verlag, der mir gehört, gibt es seit 15 Jahren. Davor musste ich mich – seit 1979 – um die Videothekenkette, ebenfalls |BLITZ|, kümmern.
_Buchwurm.info:_
Dass Sie mit Ihrem Verlag Geld verdienen wollen, dürfen wir getrost als gegeben voraussetzen. Aber wie haben Sie das breite Programm, das sie laut Prospekt und Webseite anbieten, über die letzten Jahre weiterentwickelt, und welche Nischen besetzen Sie damit im deutschen Buchmarkt?
_Jörg Kaegelmann:_
In den 15 Jahren sind mehrere hundert Titel erschienen. Bedingt durch limitierte Sammlerauflagen, sind die meisten jedoch bereits vergriffen und nur noch zu hohen Sammlerpreisen antiquarisch zu erwerben. Das Programm und die Zielrichtung haben vom ersten Tag an variiert und sich ständig weiterentwickelt. Als Kleinverlag ist es eben wichtig, gerade die Nischen zu besetzen, die sich anbieten, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Der Schwerpunkt wird wohl immer die Phantastik in allen ihren vielfältigen Möglichkeiten bleiben.
_Buchwurm.info:_
Vielleicht ist am besten, wenn Sie den Status quo beschreiben.
_Jörg Kaegelmann:_
Gerade ist eine zweite Verlagshomepage online gegangen: [Hammer-Krimis.de.]http://www.Hammer-Krimis.de Hier gibt es z. B. klassische Krimis über Sherlock Holmes. Dann neue Texte zu der Mystery-Thriller-Serie „Larry Brent, Die geheimen Akten der PSA“. Ebenso werden die alten Abenteuer (Serienstart 1968) erstmalig chronologisch korrekt aufbereitet und neu veröffentlicht.
Neue Texte gibt es auch zu weiteren Kult-Krimi-Reihen aus den vergangenen Jahrzehnten:
– „Die Schwarze Fledermaus“ und „Mister Dynamit“.
– Demnächst erscheinen exklusiv die „Totenhaus“-Romane von Barbara Büchner.
– Ab diesem Frühjahr werden Krimis und Thriller mit regionalem Bezug erscheinen. Besonders hervorheben möchte ich da zwei sehr außergewöhnliche Texte: „Marterpfahl“ von Stefan Melneczuk und „Dunkle Nordsee“ von Jens Lossau.
Auf [Phantastische-Buchwelt.de]http://www.Phantastische-Buchwelt.de erscheint ebenfalls in erstmaliger Bearbeitung die Fantasy-Saga von „Dan Shocker MACABROS“. Wolfgang Hohlbeins „Schattenchronik“ und die ebenfalls inzwischen abgeschlossene Reihe „Edgar Allan Poes Phantastische Bibliothek“.
Dem Sciencefiction-Leser bietet |BLITZ| die Serie „Star Voyager“ an; die nahtlose Fortsetzung von „Raumschiff PROMET“ und „TITAN, Sternenabenteuer“.
Das Highlight: „Meisterwerke der dunklen Phantastik“ von Frank Rainer Scheck.
Dazwischen interessante Einzelromane wie „Das Eulentor“ von Andreas Gruber. Der Titel wurde letztes Jahr mit dem Vincent-Preis ausgezeichnet.
„Jihad“, ein Thriller aus der nahen Zukunft von Peter Brendt, der durch seine U-Boot-Romane (Ullstein) bekannt wurde.
„Necrologio“, eine Anthologie, herausgegeben von Jörg Kleudgen, sowie deutsche Phantastik der Gegenwart.
_Buchwurm.info:_
Wie wollen Sie diese Taschenbuchreihen über die nächsten 24 Monate weiterentwickeln?
_Jörg Kaegelmann:_
Taschenbuch-Reihen gab es bei |BLITZ| nie, und die Paperback-Reihen sind bis auf „Macabros“ und „Larry Brent“ abgeschlossen. Zukünftig wird also fast alles nur noch in exklusiven Sammler-Editionen erscheinen, zum Teil limitiert auf nur wenige 100 Exemplare.
_Buchwurm.info:_
Ich habe mich bei der Lektüre der neuen Hardcover-Bände der Sherlock-Holmes-Bibliothek sehr gut unterhalten gefühlt. Nichts gegen Hardcover, im Gegenteil, aber inhaltlich und im Umfang bewegen sich diese Bände praktisch auf dem Standard der Taschenbuchreihe der Criminal-Bibliothek. Warum also jetzt Hardcover?
_Jörg Kaegelmann:_
Inhaltlich wird noch mehr auf bestmögliche Qualität geachtet. Das Lektoratsteam wurde erweitert; es wird alles dafür getan, um dem Leser einen optimalen Lesegenuss zu bieten.
Bedingt durch die limitierte Auflage richtet sich |BLITZ| mehr an den bibliophilen Sammler, und der bevorzugt nun mal Hardcover. Die Produktion eines |BLITZ|-Hardcovers ist durch die Fadenbindung viel aufwendiger und kostenintensiver. Die Bücher kann man in 100 Jahren noch aufklappen und lesen, während Taschenbücher sich nach mehrmaligem Gebrauch gerne mal auflösen.
_Buchwurm.info:_
Ich habe erstmals auch einen SF-Titel in Ihrem Prospekt gefunden, denn E. C. Tubbs ist ein klingender Name für Klassikerfans wie mich. Was bedeutet die Aufnahme dieses Titels für die Entwicklung Ihres Programms?
_Jörg Kaegelmann:_
E. C. Tubb ist ein Urgestein der SF-Szene. Mit der Serie „Star Voyager/Titan“ versuche ich ein back-to-the-roots: Space Opera vom Feinsten.
_Buchwurm.info:_
Suchen Sie weitere Autoren und falls ja, was können Sie ihnen bieten? Beispielsweise einen florierenden Verlag?
_Jörg Kaegelmann:_
Korrekte und sachliche Teamarbeit bis ins Detail.
_Buchwurm.info:_
Ich habe neulich gehört, dass dem Fantasymarkt – und dazu zählen manche Marktbeobachter auch das Horror-Genre – in 2010 ein Einbruch droht, vermutlich wegen des Auslaufens der Romantic-Vampire-Welle. Was halten Sie davon?
_Jörg Kaegelmann:_
Kein Platz für Kuschel-Vampire! Artgerechte Haltung! Im Ernst: Unsere Dark-Fantasy-Serie „Schattenchronik“ (letztes Jahr erschien Band 1: „Das Erwachen“) geht bereits genau in diese Richtung. Protagonist ist ein Vampir-Cop, er hasst Vampire. Von daher ist |BLITZ| gut gerüstet. 😉
_Buchwurm.info:_
Haben Sie Freizeit? Wenn nicht, warum nicht?
_Jörg Kaegelmann:_
Gute Frage, da müsste ich tatsächlich mal drüber nachdenken.
_Buchwurm.info:_
Wagen wir einen Ausblick. Woran arbeiten Sie gerade?
_Jörg Kaegelmann:_
An der Frühjahrsauslieferung 2010, in Hoffnung auf einen guten Start der beiden Thriller „Marterpfahl“ und „Dunkle Nordsee“.
_Buchwurm.info:_
Wie geht es dir? Hoffentlich gut! Was machst du zurzeit?
_Andreas Eschbach:_
Danke der Nachfrage, es geht mir recht gut, und wie eigentlich immer schreibe ich gerade – diesmal ist es der nächste Jugendroman, der wieder im |Arena|-Verlag erscheinen wird. Mehr kann ich darüber aber, wie üblich, noch nicht verraten.
_Buchwurm.info:_
Wie jedes Jahr hast du deinen Roman rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse veröffentlicht – das lukrativste Podium hierzulande. Diesmal heißt der Roman [„Ein König für Deutschland“. 5856 Warum und wie kritisierst du darin das bestehende deutsche Wahlrecht?
_Andreas Eschbach:_
Ich kritisiere nicht das deutsche Wahlrecht, ich kritisiere in hoffentlich ebenso unmissverständlicher wie überzeugender Weise die Idee, Wahlen mithilfe von Computern abzuhalten. Mein Roman erzählt in zugegebenermaßen grotesker Weise – aber wie kann man anders über Politik schreiben als in der Form einer Groteske? -, was passieren könnte, wenn man das tut und mal wirklich ein paar Dinge schieflaufen.
Wobei der Roman, wenn ich es zu entscheiden gehabt hätte, wenigstens zwei Monate früher erschienen wäre, nicht erst zwei Wochen vor der Bundestagswahl. Aber so etwas entscheidet bekanntlich jeweils der Verlag.
_Buchwurm.info:_
Hoffst bzw. glaubst du, dass dein Roman ein klein wenig mehr zur Bewusstseinsbildung vor den Wahlen beigetragen hat? Schließlich hat die Piraten-Partei immerhin zwei Prozent errungen! Oder hatte deren Erfolg andere Gründe?
_Andreas Eschbach:_
Wem immer die Piraten-Partei das verdankt: Bestimmt nicht meinem Roman. Ich muss gestehen, ich weiß nicht mal, wofür die Piraten-Partei steht, und ehrlich gesagt finde ich eine politische Gruppierung, die sich so einen Namen gibt, suspekt. Was kommt als nächstes? Die Bankräuber-Partei? Die Panzerknacker-AG?
Was die Bewusstseinsbildung anbelangt, hatte ich eher den Eindruck einer gewissen Konvergenz zwischen dem allgemeinen und meinem persönlichen Denken, denn noch während ich an dem Roman geschrieben habe, hat das Bundesverfassungsgericht den Einsatz von Wahlcomputern verboten – zumindest mal die bisher verwendeten Geräte. Nachdem entsprechende Klagen in der Vergangenheit immer abgewiesen wurden, ist das zumindest ein Fortschritt.
_Buchwurm.info:_
In den Romanen „Ausgebrannt“, „Der Nobelpreis“ und „Eine Billion Dollar“ hast du ebenfalls reale Phänomene kritisch betrachtet. Ist als nächstes die Fußball-WM in Südafrika dran? Oder hat die strategische Themenauswahl andere Gründe und Zwecke? Wozu erzählt man?
_Andreas Eschbach:_
Ich erzähle, weil in mir eine Geschichte entstanden ist, die erzählt werden will. Und da ich ein Bewohner dieser Welt bin, sind es manchmal reale Begebenheiten, die die Entstehung einer Geschichte anregen. Die Abhängigkeit unseres alltäglichen Lebens von einem zur Neige gehenden, unersetzbaren Rohstoff wie dem Erdöl, zum Beispiel. Die Bedeutung des Geldes für unser Dasein. Und so weiter. Wenn das so aussieht, als wählte ich meine Themen »strategisch«, dann sieht das wirklich nur so aus. Ich habe jedenfalls keinen Zwanzigjahreskalender mit Jahrestagen, Olympischen Spielen und dergleichen an der Wand hängen, vor dem ich grüble, was wann ein »heißes Thema« werden könnte. Das würde auch gar nicht funktionieren.
Nein, es ist mein Ideen-Notizbuch, das jeweils bestimmt, was ich als nächstes schreibe. Diejenige Idee, die am weitesten gediehen ist, wird das nächste Projekt – ganz einfach.
_Buchwurm.info:_
Wie lange recherchierst du für so einen Roman – und wo bzw. womit? Wäre es nicht recht hilfreich, eine Uni in der Nähe zu haben?
_Andreas Eschbach:_
Och, ich habe eine Universität in der Nähe. Brest ist Universitätsstadt, die „Université de Bretagne Occidentale“ ist im Stadtbild unübersehbar. Das ist kein Problem. Überhaupt ist Recherche für mich kein Problem – wir leben schließlich im Informationszeitalter; wenn ich was rausfinden will, dann finde ich es auch heraus, und meistens dauert das nur ein paar Minuten und kostet nur ein paar Mausklicks.
Das Problem, das ich mit Recherche habe, ist, dass dieses Thema heutzutage wahnsinnig überbewertet wird. Wie oft lese ich „ein guter Roman, und so gut recherchiert!“ Das ist doch Stuss! Woher will ein Rezensent wissen, wie viel oder wie gut ein Autor recherchiert hat? Vielleicht hat er ja alles schon gewusst! Oder alles erfunden? Auch das wäre legitim, denn wenig ist für einen Roman unwichtiger als reale Fakten. Fakten können einen auf Ideen bringen, das stimmt. Und man nutzt bisweilen Fakten, um die geschilderte Handlung realistischer und damit packender erscheinen zu lassen. Aber das ist es dann auch schon. Ein Roman ist keine Reportage. Er ist Erfindung. Alles darin darf erfunden sein, und es kann trotzdem ein großartiger Roman sein. Umgekehrt kann ein Roman bis zum Hemdknopf der Hauptfigur und der Abfahrtszeit seines Zuges recherchiert und trotzdem grottenschlecht sein. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.
Oder anders gesagt: Ich würde lieber für meine Phantasie gelobt als für meine Recherche.
_Buchwurm.info:_
Schreibst du lieber Romane als Erzählungen? Es gibt ja auch einen Storyband von dir, der den Titel „Eine unberührte Welt“ trägt.
_Andreas Eschbach:_
Richtig. Und die einfache Antwort lautet: Ja, ich schreibe lieber Romane. Es ist auch schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal eine Story geschrieben habe. Ich schreibe lieber Romane, nicht zuletzt, weil ich das besser kann als Storys.
_Buchwurm.info:_
Du hast ja auch Romane für Jugendliche geschrieben, so etwa den fünfteiligen Marsprojekt-Zyklus, der sukzessive im Taschenbuch veröffentlicht wird. Wirst du diese Tradition fortführen?
_Andreas Eschbach:_
Na ja – das Wort „Tradition“ ist da jetzt vielleicht etwas stark. Ich schreibe eben ab und zu auch Romane für jugendliche Leser, aber das tue ich nicht, um irgendeine »Tradition« zu pflegen, sondern weil ich entsprechende Ideen habe. Solange ich die habe und man mich lässt, werde ich das vermutlich weiter machen.
_Buchwurm.info:_
Kannst du dir deine Romane und Erzählungen auch als Graphic Novel vorstellen?
_Andreas Eschbach:_
Ich kann mir viel vorstellen. Ist sozusagen mein Beruf.
_Buchwurm.info:_
Warum gibt es diese Grafikromane noch nicht?
_Andreas Eschbach:_
Weil das jemand anders machen muss, nicht ich. Sprich: Das ist eine Frage, die Du Comiczeichnern stellen musst.
_Buchwurm.info:_
Zurzeit kommen Multimedia-Romane auf, die dem Leser auch Videoclips im Internet liefern. Was hältst du von dieser Form der Literatur?
_Andreas Eschbach:_
Spielerei. Marketing-Gags. So was mag mal ganz lustig sein, aber die Zukunft des Romans ist es bestimmt nicht.
_Buchwurm.info:_
Hörbücher gibt es von deinen Mainstream- und Marsprojekt-Romanen sowie von zwei Storys („Eine Trilion Dollar“ und „Die Wiederentdeckung“). Würdest du dir auch Hörbücher von deinen ersten phantastischen Romanen wie „Die Haarteppichknüpfer“, „Solarstation“ und „Quest“ wünschen?
_Andreas Eschbach:_
Also – ich bin nicht der Hörbuchtyp. Mir würde nichts fehlen, gäbe es keine. Es sind andere, die sich Hörbücher wünschen, und warum sollte ich etwas dagegen haben? Aber meine eigenen Hörbücher sind die einzigen, die ich mir anhöre. Wobei ich finde, dass Ulrich Noethen, der schon „Ausgebrannt“ glänzend gelesen hat, sich im „König für Deutschland“ noch einmal übertrifft.
Was mir allerdings, um das auch mal loszuwerden, sauer aufstößt, ist, dass es immer mehr Rezensionen gibt, deren Verfasser mich in aller Öffentlichkeit kritisieren, ich hätte dieses oder jenes nicht erklärt oder zu Ende gebracht, und ich denke dann, wieso? Hab ich doch! Bis ich draufkomme, dass diese Leute sich nur das Hörbuch angehört haben, anstatt das Buch zu lesen. Und sich nicht klar machen, dass praktisch alle Hörbücher gekürzte Fassungen sind. Dass da mal was unter den Tisch fällt, sollte nicht überraschen.
_Buchwurm.info:_
Der amerikanische Markt ist für einen deutschen Autor von großer Bedeutung …
_Andreas Eschbach:_
Nein. Wie kommst du auf diese Idee? Der deutsche Markt ist für einen deutschen Autor von großer Bedeutung. Der amerikanische Markt kann sehr gut für sich selber sorgen.
_Buchwurm.info:_
Welchen Erfolg hast du denn jenseits des Großen Teiches? Orson Scott Card hat dich ja ebenfalls empfohlen.
_Andreas Eschbach:_
Ja, und ohne diese Empfehlung wäre nichts aus der amerikanischen Ausgabe der „Haarteppichknüpfer“ geworden. Die hat erstaunlich viele und vorwiegend sehr gute Kritiken erhalten – man könnte unbescheiden auch das Wort „enthusiastisch“ verwenden -, ich erhalte immer wieder Mails von Lesern aus den USA, Großbritannien oder Australien, die nach mehr fragen – aber leider waren die Verkaufszahlen offenbar nicht so, dass sich der Verlag zu weiteren Übersetzungen ermutigt gesehen hat.
Nichtsdestotrotz geht immer wieder was. Zurzeit bin ich in zwei Anthologien mit Kurzgeschichten vertreten. Und unabhängig davon bin ich grundsätzlich zuversichtlich, denn dass Bücher wie »Jesus Video« oder »One Trillion Dollars« in den USA unverkäuflich sein sollen, kann man sich ja nun beim besten Willen nicht vorstellen. Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Verleger drüben das merkt …
Okay, und natürlich ermutigt die aktuelle Krise niemanden zu Experimenten. Die amerikanischen Verlage schon gar nicht, die davon wesentlich [härter; Erg. d. Red.] getroffen worden sind als die europäischen.
_Buchwurm.info:_
Inspiriert dich deine Wahlheimat Bretagne nicht dazu, dich mal an einem Fantasyroman für Young Adults zu versuchen?
_Andreas Eschbach:_
Bis jetzt nicht. Aber man soll nie „nie“ sagen. Ich schon gar nicht …
_Buchwurm.info:_
Was sind deine liebsten Freizeitbeschäftigungen in der Bretagne (mal vom Reisen nach Übersee abgesehen)?
_Andreas Eschbach:_
Aber Michael! Du weißt doch genau, dass ein Schriftsteller keine Freizeit hat. Oder nur Freizeit, je nachdem. Wie ein Kriminalkommissar ist man immer im Dienst, Tag und Nacht,
_Buchwurm.info:_
Wagen wir einen Ausblick. Woran arbeitest du gerade? (Kreative Leute arbeiten ja immer an irgendetwas.)
_Andreas Eschbach:_
Das neue Jugendbuch, erster Band einer neuen Reihe, von der ich mir viel verspreche, habe ich ja schon erwähnt. Da liegt die Arbeit allerdings schon weitgehend hinter mir. Das Projekt, an dem ich gerade konzipiere, wird der nächste Roman bei |Lübbe| – und nein, er wird nicht von der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika handeln …
http://www.andreaseschbach.de
_Mehr von Andreas Eschbach auf |Buchwurm.info|:_
[Ein König für Deutschland 5856
[Der Nobelpreis 2060
[Ausgebrannt 3487
[Ausgebrannt – Hörbuch 4942
[Quest 1459
[Die Haarteppichknüpfer 1556
[Das Jesus-Video – Hörbuch 267
[Der letzte seiner Art 1250
[Der letzte seiner Art – Hörbuch 317
[Eine Billion Dollar 653
[Exponentialdrift 187
[Das Marsprojekt – Das ferne Leuchten (Bd. 1) 1102
[Das Marsprojekt – Die blauen Türme (Bd. 2) 1165
[Das Marsprojekt – Die gläsernen Höhlen (Bd. 3) 2484
[Das Marsprojekt – Die steinernen Schatten (Bd. 4) 4301
[Das Marsprojekt – Die schlafenden Hüter (Bd. 5) 5266
[Die seltene Gabe 1161
[Perfect Copy 1458
_Buchwurm.info:_
Hallo, Michael, wo bist du und was machst du gerade? Ich hoffe, es geht dir gut.
_Michael Iwoleit:_
Ich befinde mich gerade an meinem Arbeitsplatz in Wuppertal und beschäftige mich mit diversen Dingen, die in diesem Jahr noch unerledigt geblieben sind, unter anderem den Antworten für dieses Interview. Nach einem Jahr, das nicht nur für mich, sondern für die SF-Szene als Ganzes sehr unglücklich verlaufen ist – ich erwähne nur die vielen Todesfälle, national und international -, sind die Ansprüche ans Literarische, Geschäftliche und ans Wohlergehen deutlich heruntergeschraubt, aber ich habe fürs neue Jahre einige vielversprechende Projekte ins Auge gefasst und blicke einstweilen zuversichtlich in die nähere Zukunft. Zurzeit arbeite ich an einer neuen Novelle, die in meiner ersten Kurzgeschichtensammlung erscheinen soll, und an einem umfangreichen Romankonzept.
_Buchwurm.info:_
Viele Leser kennen dich noch nicht. Stell dich doch bitte ein wenig selbst vor!
_Michael Iwoleit:_
Geboren wurde ich 1962 in Düsseldorf und lebe heute in Wuppertal. Nach einer Ausbildung zum Biologisch-technischen Assistenten habe ich einige Semester Philosophie, Germanistik und Sozialwissenschaft studiert und dann für zwei Jahre am Botanischen Institut der Universität Düsseldorf gearbeitet.
Seit 1989 bin ich hauptberuflicher Autor, Übersetzer, Kritiker und Herausgeber vor allem im Bereich Sciencefiction und phantastische Literatur. Nebenher habe ich als Texter für Werbung und Softwareindustrie gearbeitet. Ich habe ca. 30 Erzählungen veröffentlicht, vier Romane und zahlreiche literarische und populärwissenschafliche Essays. Einige meiner Storys erschienen im Ausland, darunter in den USA, in Polen, Kroatien, England und Italien.
2002 habe ich mit Ronald M. Hahn und Helmuth W. Mommers das Magazin [Nova]http://www.nova-sf.de/ gegründet, das sich der zeitgenössischen deutschsprachigen Sciencefiction widmet und das ich heute mit Ronald M. Hahn und Frank Hebben herausgebe. Einen gewissen Bekanntheitsgrad habe ich mit meinen Novellen erreicht, für die ich dreimal den deutschen Science-Fiction-Preis und einmal den Kurd-Laßwitz-Preis erhalten habe.
_Buchwurm.info:_
Bist du zurzeit mehr Autor und Übersetzer oder mehr Herausgeber? (Wahrscheinlich Letzteres, wenn der Launch von [InterNova]http://inter.nova-sf.de/ bevorsteht.)
_Michael Iwoleit:_
Im Moment bin ich hauptsächlich mit meinen eigenen literarischen Projekten beschäftigt. Wie meine Mitherausgeber arbeite ich ohnehin nur nebenher und, weil beide Magazine keine Gewinne abwerfen, nur aus Spaß an |Nova| und |InterNova|. Dass wir, ungeachtet der zunehmenden Belastung durch den Hauptberuf, inzwischen schon seit sieben Jahren ein unabhängiges Publikationsforum für deutsche SF in Gang gehalten haben – auch wenn nicht immer alles reibungslos läuft – erstaunt niemanden so sehr wie uns. Wir hoffen, dass es noch eine Weile so weitergehen und irgendwann vielleicht sogar eine zweite Herausgebergeneration das Magazin weiterführen wird. Mit Frank Hebben haben wir, was das angeht, ja schon einen vielversprechenden Mann an Bord geholt.
_Buchwurm.info:_
Hat die Welt auf das SF-Magazin [InterNova]http://inter.nova-sf.de/ gewartet, das im Januar 2010 als Online-Magazin neu gestartet werden soll? Was zeichnet das Magazin gegenüber anderen und vor allem gegenüber seinem Schwestermagazin |Nova| aus?
_Michael Iwoleit:_
2005 erschien eine Print-Ausgabe von |InterNova|, die sich leider so schlecht verkauft hat, dass wir das Magazin in dieser Form nicht weiterführen konnten. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Idee, die wir mit |InterNova| verfolgen, sich auch online keiner besonderen Popularität erfreuen wird.
Die Idee selbst scheint mir aber nach wie vor so interessant, dass ich sie auf keinen Fall aufgeben will (auch wenn sich die Realisierung von [InterNova online]http://inter.nova-sf.de/ aufgrund widriger Umstände lang verzögert hat): |InterNova| präsentiert herausragende SF-Storys von Autoren aus all den Ländern, die zwar über eine kreative lokale SF-Produktion verfügen, aber aufgrund der kommerziellen Übermacht der englischsprachigen Autoren selten außerhalb ihres Heimatlandes präsentiert werden.
Englische und amerikanische Autoren sind zwar nicht ausgeschlossen, der Schwerpunkt liegt aber auf Autoren aus Ost- und Nordeuropa, Südamerika und Asien. Wir haben für dieses Projekt Kontakte zu Autoren aus über zwanzig Ländern geknüpft, und in jedem Land fanden sich interessante Autoren auf internationalem Niveau.
Ich wünsche mir, dass wir mit |InterNova| eine kleine Gegenstimme zu einer Auffassung von Sciencefiction etablieren können, die SF im Wesentlichen als eine amerikanische Literaturform mit ein paar exotischen Anhängseln betrachtet. Diese Auffassung ist weder durch die Vielfalt noch die Qualität internationaler Sciencefiction gerechtfertigt.
_Buchwurm.info:_
Und warum sind alle Beiträge in Englisch? Wendet sich das Magazin nicht auch an deutsche Leser?
_Michael Iwoleit:_
Als internationales SF-Magazin richtet sich |InterNova| auch an ein internationales Publikum, und Englisch ist die einzige Sprache, die von einem nennenswerten Anteil der internationalen SF-Leserschaft verstanden wird. Ich sehe darin eigentlich kein großes Problem, denn auch in Deutschland gehen immer mehr Leser dazu über, ganz oder teilweise englische Originale zu lesen – was sicher etwas mit dem, im Verhältnis zu früheren Jahren, zurückgegangenen Angebot an deutschen Übersetzungen zu tun hat -, und solche Leser werden auch mit |InterNova| keine Schwierigkeiten haben. Es könnte sein, dass |InterNova| später auch deutsche und vielleicht sogar spanische Übersetzungen anbieten wird, aber dazu müssen wir zunächst sehen, wie sich das Projekt entwickelt und in welchem Maße freie Mitarbeiter an einer Kooperation interessiert sind.
_Buchwurm.info:_
Ich kenne dich als langjährigen Autor für die Erzählbände des Verlags [Heyne]http://www.randomhouse.de/heyne/ , die Anfang des Jahrtausends eingestellt wurden. Wie würdest du deine thematische Ausrichtung beschreiben bzw. worum geht es dir beim Erzählen?
_Michael Iwoleit:_
Beim Schreiben spielen so viele Motivationen eine Rolle, dass sich diese Frage kaum mit wenigen Worten beantworten lässt. Zunächst einmal ist es immer wieder ein aufregendes und sehr befriedigendes Erlebnis, einem anfangs noch vagen Gebilde, dem Keim einer Geschichte, die einem unfertig durch den Kopf geht, eine konkrete, sinnliche Form zu verleihen, die von anderen nachvollzogen werden kann.
Ich gehöre dabei zu den Autoren, denen die Atmosphäre, die Stimmungen, die Bilder und psychischen Zustände in einer Geschichte wichtiger sind als die vordergründige Handlung. Ich arbeite deshalb oft sehr lang an einer Story, vor allem in stilistischer Hinsicht, und bevor es mir nicht gelungen ist, die Nuancen herauszuarbeiten, die mir von Anfang an vorgeschwebt haben, kann ich eine Geschichte nicht abschließen und muss viele Passagen immer wieder neu schreiben. Die Sprache ist mitunter ein sehr widerspenstiges Material, und oft ist es mehr eine Frage des Fleißes und der Hartnäckigkeit, bis man den Erzählton getroffen hat, der zu einer Geschichte gehört.
Ich bin schon einige Male gefragt worden, ob es in meinen Storys eine thematische Leitlinie gibt.
Wenn ich es auf eine knappe Formel bringen müsste, würde ich sagen, dass mein Hauptthema das Problem der Identität ist. Die meisten meiner Protagonisten machen auf diese oder jene Weise eine Ich-Auflösung durch. Ihnen werden falsche Erinnerungen untergeschoben, sie machen körperliche oder seelische Transformationen durch, ihre psychische Integrität wird angegriffen usw.
Als Autor wählt man Motive danach aus, wie erzählerisch reizvoll sie einem erscheinen, deshalb kann ich wenig dazu sagen, warum mich ausgerechnet solche Ideen immer wieder faszinieren. Aber vielleicht wird sich irgendwann einmal ein Kritiker finden, der meine Erzählungen interessant genug für eine genauere Analyse hält und hier eine Interpretation anbietet.
_Buchwurm.info:_
Ich habe deinen Roman [„Psyhack“]http://shop.fabylon-verlag.de/themes/kategorie/detail.php?artikelid=3&kategorieid=4&source=1 gelesen und rezensiert. Was wolltest du mit dieser Geschichte sagen und welche Leser wolltest du mit dem Roman erreichen?
_Michael Iwoleit:_
Zunächst ging es mir darum, Möglichkeiten zu realisieren, die in der Urfassung des Story – einer Novelle, für die ich 2006 den Deutschen Science-Fiction-Preis erhalten habe – unberücksichtigt geblieben sind. Gewöhnlich halte ich nichts davon, eigene Stoffe mehrfach zu bearbeiten.
In diesem Fall aber wurden soviele Themen in der Novellenfassung nur gestreift – etwa die politischen Aspekte, vor allem die Konzepte hinter dem Parzellen-Projekt -, dass mir eine Ausarbeitung lohnend erschien. Auch das Ende der Kurzfassung hat mir selbst nie recht gefallen, und ich habe bei der Romanfassung die Gelegenheit genutzt, die Geschichte auf eine Weise aufzulösen, die mehr bietet als das obligatorische unhappy end.
Der ganzen SF-Motive ungeachtet, handelt es sich um eine sehr menschliche Geschichte, und ich hoffe, dass darin der Reiz des Romans besteht: Es geht um einen Menschen, der mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird und einen Weg finden muss, mit seinem Leben und seiner Schuld ins Reine zu kommen.
Ich habe mir erhofft, dass der Roman für Leser interessant sein könnte, die wie ich der Meinung sind, dass eines der Lieblingsthemen der aktuellen Sciencefiction – der Upload eines menschlichen Bewusstseins, also seine Umwandlung in ein Software-Gebilde, das beliebig manipuliert werden kann – oft noch sehr oberflächlich behandelt wird. Wenn es mir gelungen ist, das Thema zum Vehikel für eine menschlich anrührende Geschichte mit psychologischen Tiefgang zu machen, dann habe ich mein Ziel erreicht.
_Buchwurm.info:_
Ich fand die Geschichte klasse, aber warum hast du sie denn im Mittelteil rückwärts erzählt?
_Michael Iwoleit:_
Die Idee, die psychische Rekonstruktion des Protagonisten in umgekehrter Chronologie zu erzählen, ist mir beim Schreiben gekommen. Ich habe mich vorher mit meiner Verlegerin Uschi Zietsch (|Fabylon|-Verlag) darüber beraten, und sie hat mich zu dieser ungewöhnlichen Vorgehensweise ermutigt, die durchaus einige Leser irritiert hat. Bei genauer Lektüre des Romans, glaube ich, erscheint diese Erzählweise plausibel.
Es ging darum, den Helden bis an den Anfang seiner Geschichte zurückzuführen und ihn in einen Zustand zu versetzen, der ihm einen Neuanfang ermöglicht. Betrachtet man die Geschichte aus dem Blickwinkel des Protagonisten, aus seiner Bewusstseinslage heraus, scheint mir die umgekehrte Erzählweise die einzig logische. Im Übrigen wird der Roman dadurch auch formal sehr viel interessanter.
_Buchwurm.info:_
Wie reagierten die Leser auf diese Geschichte? Hast du viele Exemplare davon verkaufen können?
_Michael Iwoleit:_
Die Reaktionen der Leser und Kritiker waren überwiegend positiv. Insbesondere hat mich gefreut, dass mir offenbar gelungen ist, die menschlichen Aspekte der Geschichte so intensiv und nachvollziehbar darzustellen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Überdurchschnittlich gut verkauft hat sich der Roman nicht. Wie die meisten zeitgenössischen deutschen SF-Bücher hat auch mein Roman nicht viel mehr als etwa 500 Leser erreicht. Mehr war realistischerweise nicht zu erwarten.
_Buchwurm.info:_
Gibt es für dich noch viele Publikationsmöglichkeiten im deutschsprachigen Raum? Wie entwickelt sich der Markt? Oder muss man als Autor zunehmend auf Online-Medien ausweichen?
_Michael Iwoleit:_
Als hauptberuflicher Autor, der darauf angewiesen ist, mit seinen Arbeiten Einnahmen zu erzielen, verschlechtern sich die Bedingungen auf dem SF-Markt leider immer mehr. Es gibt einen großen und sehr lukrativen Markt für deutschsprachige Fantasy, aber kaum noch einen für deutschsprachige Sciencefiction. Deutsche SF-Autoren, die kommerzielle Erfolge gelandet haben – vor allem Andreas Eschbach und jüngst Frank Schätzing -, kann man an einer Hand abzählen, und es bleiben noch Finger übrig.
Das meiste, was sich an literarisch interessanten Entwicklungen in der deutschen SF abspielt, findet im semiprofessionellen Bereich statt, also bei Verlagen wie |Wurdack| oder Magazinen wie |Exodus| oder |Nova|, die zwar mit professionellem Qualitätsanspruch arbeiten, aber froh sein können, wenn die Produkte ihre eigenen Produktionskosten wieder einfahren.
Auch wenn ein baldiger Einbruch des Fantasy-Markts vorausgesagt wird, mache ich mir wenig Hoffnung, dass sich die Bedingungen für deutsche SF in absehbarer Zeit bessern werden. Es könnte damit zusammenhängen, dass die Sciencefiction in einer Welt, die selbst immer SF-artiger erscheint, an Interesse und Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Die SF ist auf dem Weg, zu einem Zweig der allgemeinen Literatur zu werden, und wenn überhaupt, so finden sich hier vielleicht auch Chancen für deutsche SF-Autoren.
_Buchwurm.info:_
Mit welchen Veröffentlichungen können wir in nächster Zukunft von dir rechnen?
_Michael Iwoleit:_
Ich hoffe, dass ich die Arbeit an meiner ersten Kurzgeschichtensammlung, die ich aufgrund einer Erkrankung aufschieben musste, in Kürze beenden kann. Das Buch ist unter dem Titel „Die letzten Tage der Ewigkeit“ bei |Wurdack| vorgesehen und enthält bekannte und weniger bekannte Erzählungen aus den letzten zehn Jahren sowie eine neue, umfangreiche Novelle.
_Michael K. Iwoleit auf |Buchwurm.info|:_
[„Psyhack“ 5162
_Buchwurm.info:_
Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie? Was machen Sie gerade?
_Willibald Spatz:_
Gut. Daheim am Schreibtisch, Tasse Kaffee, bereit zu antworten.
_Buchwurm.info:_
Die Angaben in der Autoreninfo des |Gmeiner|-Verlags sind äußerst mager. Könnten Sie sich bitte unseren Lesern etwas ausführlicher vorstellen?
_Willibald Spatz:_
Ich bin Bio- und Chemielehrer an einer Augsburger Schule. Studiert habe ich in Würzburg und während des Studiums habe ich angefangen, Theatertexte zu schreiben. Würzburg hat eine sehr lebendige und gute freie Szene – deshalb war es immer einfach, diese Texte einem Publikum vorzuführen. Vor vier Jahren verschlug es mich nach Kempten, dort gibt es keine so gut ausgebaute Bühnen-Infrastruktur, deshalb habe ich angefangen, einen Roman zu schreiben, also einen Text, den man nicht aufführen muss, damit er funktioniert.
Inzwischen wohne ich auf dem Land bei Augsburg, da könnte man wieder gut Theater machen, aber im Moment komme ich kaum dazu. Es gibt allerdings bald einen Film, bei dem ich ein bisschen mitgewirkt habe. (Mehr Information unter [www.sumosam.de).]http://www.sumosam.de
_Buchwurm.info:_
Was soll ich mir denn unter dem Studienfach „Kulturkritik“ vorstellen? Ich finde allein schon die Vorstellung, eine ganze Kultur kritisieren lernen zu können, ziemlich – öhm – faszinierend. Sind Sie jetzt ein Doktor?
_Willibald Spatz:_
Kulturkritik ist eine Abkürzung, ausgeschrieben heißt der Studiengang „Theater-, Film- und Fernsehkritik“. Dabei handelt es sich um ein kulturjournalistisches Aufbaustudium an der Bayerischen Theaterakademie. Man soll da lernen, wie man fürs Feuilleton schreibt. Am Schluss bekommt man dann ein Zertifikat.
_Buchwurm.info:_
Konnten Sie Ihre Erkenntnisse aus dem Fach „Kulturkritik“ stets eins zu eins anwenden, wenn Sie nun für die Publikationen schreiben?
_Willibald Spatz:_
Ja, konnte ich. Der Schwerpunkt dieses Studiums liegt nämlich auf Schreibseminaren, bei denen man diverse journalistische Formen übt. Kann man dabei auch Krimischreiben lernen? Nein, nicht direkt, aber es schadet auch nicht.
_Buchwurm.info:_
Worum geht es in Ihrem neuen Krimi [„Alpendöner“? 6066 Der Titel weckt ja vielfältige Assoziationen in Richtung Culture Clash …
_Willibald Spatz:_
Ein Mann kommt in die Fremde, genauer nach Kempten im Allgäu, wo man mit Fremden nicht viel anfangen kann. Das merkt der Mann und auch andere Fremde, die sich dem Anschein nach schon integriert hätten, denen aber noch mal richtig eins reingewürgt werden soll, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht willkommen sind. Der Mann und die anderen Fremden finden zusammen in ihrer Ausgeschlossenheit. Es kommt also zu einem Culture Clash, aber definitiv nicht aufgrund von nationalen Grenzen. Die Barrieren, an denen es knallt, sind imaginär und zwischen den Menschen hochgezogen.
Damit’s ein Krimi wird, passiert ein Mord und ein Kommissar tritt auf, aber die wahre Action findet im Inneren der Handelnden statt.
_Buchwurm.info:_
Was ist denn der Held Birne für einer? Warum sollte er uns interessieren?
_Willibald Spatz:_
Birne ist selbst auf der Suche, er hat keine Ahnung, wohin er soll mit sich. Das unterscheidet ihn ein bisschen von anderen Krimihelden, die meist ganz eindeutig auf der Seite des Guten, manchmal auch auf der bösen Seite stehen. Birne kann das nicht, weil er nicht weiß, was gut und böse ist und täglich neue Antworten findet.
Das macht die Figur für mich spannend, auch im Hinblick auf andere Figuren – denen kann man mit dieser Hauptperson auch immer wieder neu begegnen, keiner muss seine Rolle bis zum Ende spielen, jeder darf ständig neue Facetten zeigen. Am Schluss ist uns mitunter der Bösewicht sympathischer als der ständig Gute und wir hören auf, die anderen zu bewerten, sie nach zwei Sekunden in eine Schublade zu stecken, aus der wir sie erst wieder lassen, wenn sie uns was Großes spendiert haben.
_Buchwurm.info:_
Welche Rolle spielt Humor für diesen Roman bzw. für Ihre anderen Werke?
_Willibald Spatz:_
Humor kommt vor, allerdings nicht um Gags zu produzieren und Leser für ein paar Sekunden zu Lachern zu machen. Im Gegenteil ganz klassisch: Die komischsten Gestalten sind die tragischsten. Wir nehmen sie alle so ernst, wie sie sich selbst ernst nehmen und stellen plötzlich fest, dass sie nur noch zum Lachen sind. Dann lacht auch der Leser (oder Zuschauer im Theater), obwohl er vielleicht lieber weinen wollte.
Veröffentlicht ist im Moment nur der „Alpendöner“, im Februar folgt „Alpenlust“, dazu gäbe es eine Menge an Theaterstücken, die nicht verlegt sind.
_Buchwurm.info:_
Wollen Sie mit Krimis sowohl unterhalten als auch Missstände ansprechen?
_Willibald Spatz:_
Angesprochen sind im „Alpendöner“ die Ausgrenzung Fremder und eine treffend als Pädophobie bezeichnete und aus Großbritannien rüberschwappende Angst vor Jugendlichen, die uns dazu bringt, sie tagsüber in Einrichtungen wegzusperren, anstatt zu versuchen, sie in ihren Bedürfnissen zu verstehen.
In „Alpenlust“ geht es um die Kontrolle, die der Staat über uns ausüben will, und die Angst vor Terror, die er uns deswegen einzureden versucht. – Das alles sind gesellschaftliche Missstände, die mich bewegen. Natürlich wäre es gut, wenn Leser der Bücher anfangen würden, sich Fragen zu stellen und auch Dinge in Frage zu stellen. Aber ich halte die Wirkung, die ein Roman haben kann, leider für sehr begrenzt. Ich glaube, man müsste für mehr Effekt noch expliziter schreiben. Das mag ich nicht. Unterhalten will ich. Ja.
_Buchwurm.info:_
Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen? Sind Sie politisch engagiert?
_Willibald Spatz:_
Gelegentlich kann ich hier auch noch musikalisch tätig werden bei den Bands „Turboblues“, „Fressen“, „Gnadenkapelle Höges Gold“ und „Herbe Sahne“. Ich bin in keiner politischen Vereinigung, wenn Sie das mit politischem Engagement meinen.
_Buchwurm.info:_
Wagen wir einen Ausblick. Der Verlag kündigt Ihren nächsten Birne-Krimi „Alpenlust“ für Februar 2010 an. Das klingt nach Jodelgrüßen aus der Lederhose, also einem Porno. Richtig oder falsch? Wenn nicht, warum? Vielleicht wollen Sie ja neue Leserschichten erreichen. 😉
_Willibald Spatz:_
Ganz im Gegenteil. Der Krimi ist streng protestantisch, zu Geschlechtsverkehr kommt es nur in Ausnahmefällen. Aber da ist dennoch eine ständige Lust auf einen fremden Körper, die den Roman schwül durchweht und die Hauptpersonen ganz kirre macht. Die stellen dann Dinge an, die sie mit ein bisschen Triebdruck weniger hätten sein lassen.
Mehr Event-Informationen über mich finden Sie auf der Homepage http://www.friedrich-pilsner.de.
_Buchwurm.info:_
Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie? Was machen Sie gerade? Sie haben ja vor knapp drei Monaten einen neuen Roman veröffentlicht und sind vielleicht auf Lesereise.
_Peter Prange:_
Danke der Nachfrage. Die Lesereise zur „Gottessucherin“ ist ers tmal beendet, bis Weihnachten gibt es nur noch ein paar Pressetermine. Vor allem freue ich mich darauf, drei Tage vor Heiligabend meinen Roman in der NDR-Talksendung „DAS!“ vorzustellen, auf der berühmten roten Couch. Ansonsten bin ich dahin zurückgekehrt, wo ich als Schriftsteller hingehöre: an meinen Schreibtisch in Tübingen, im Zentrum der Weltabgeschiedenheit. Nach dem Roman ist schließlich vor dem Roman.
_Buchwurm.info:_
Sie haben Romanistik, Germanistik und Philosophie studiert und einen Doktorhut in Philosophie. Haben Sie das Gefühl, dass diese Studien Sie auf Ihre jetzige Tätigkeit als Autor von historischen Romanen vorbereitet haben? Fließen diese Vorkenntnisse in Ihre Romane ein?
_Peter Prange:_
Ein bisschen Bildung kann sicher nicht schaden, wenn man historische Romane schreibt. Meine Geschichten spielen ja nicht in Phantasialand, sondern stets in einer konkreten geschichtlichen Wirklichkeit, und in der sollte ein Autor sich immerhin so gut auskennen, dass seine Romangestalten sich darin überzeugend zurecht finden. Aber mindestens ebenso wichtig wie Sachkenntnis ist Menschenkenntnis. Und da habe ich eine der besten Schulen durchlaufen, die man sich nur wünschen kann: im Bettengeschäft meiner Eltern. Wenn man Verkaufsgespräche im Schlafzimmer führt, lernt man Menschen unglaublich schnell und intensiv kennen, mit all ihren Vorlieben und Macken. Davon zehre ich bis heute.
_Buchwurm.info:_
Sie haben acht historische Romane geschrieben, wie ich Ihrer Bibliografie entnehme (s. u.). Hätten Sie nicht mit dieser tollen Vorbildung genauso gut auch exzellente Detektivromane schreiben können?
_Peter Prange:_
Mein Großvater sagte immer, man dürfe nur dem Metzger trauen, der seine eigene Leberwurst isst. Entsprechend schreibe ich meine Bücher nach dem Leberwurstprinzip – sprich, nur solche Romane, die ich selber gerne lesen würde. Und da mich Detektivgeschichten als Leser nicht interessieren, kommt mir auch als Autor keine in den Sinn.
_Buchwurm.info:_
Haben Sie sich das Genre „historischer Roman“ herausgesucht, oder hat sich das irgendwie ergeben?
_Peter Prange:_
Dass ich Autor von historischen Romanen bin, habe ich buchstäblich aus der Zeitung erfahren, durch eine Rezension zu meiner „Philosophin“. Ich war darüber selber überrascht, ohne Quatsch, weil ich nie in Genre-Kategorien gedacht habe. Mich interessieren einfach große Geschichten aus der Geschichte – Geschichten, in denen Menschen über sich selbst hinaus wachsen und an die Grenzen des Menschenmöglichen gehen. Ob diese Geschichten nun im 16. Jahrhundert spielen, wie die „Gottessucherin“, oder im 20. Jahrhundert, wie mein erster Roman „Das Bernstein-Amulett“, ist mir dabei völlig gleich.
_Buchwurm.info:_
Verfolgen Sie mit dem Verfassen historischer Romane eine bestimmte Absicht, vielleicht in aufklärerischer Hinsicht?
_Peter Prange:_
Große Geschichten aus der Geschichte haben die Menschen schon immer fasziniert. Weil bei allen Veränderungen des Lebens die entscheidenden Antriebskräfte stets dieselben sind: Liebe und Hass, Gier, Neid und Eifersucht, Streben nach Schönheit und Reichtum, Ruhm und Macht – all die großen Gefühle und Leidenschaften, zu denen Menschen fähig sind. Aus diesem Grund können wir Jahrtausende alte Dramen nachempfinden und verstehen.
Doch das allein macht eine Geschichte aus der Geschichte in meinen Augen noch nicht erzählenswert. Entscheidend ist, ob sie für uns heute noch von Bedeutung ist, ob sie uns widerspiegelt in unserem eigenen Selbstverständnis. Solche Geschichten möchte ich erzählen: Geschichten, die uns eine Ahnung vermitteln, wie wir wurden, was wir sind, Geschichten, die uns Mut und Lust machen auf das große Abenteuer des eigenen Lebens.
_Buchwurm.info:_
Viele Ihrer Romane drehen sich um Frauenfiguren, so etwa [„Die Principessa“, 2074 das ich als Hörbuch rezipiert habe. Was ist der Grund dafür? Finden Sie, dass Frauen der Geschichte bislang zu kurz gekommen sind? Nach welchen Kriterien wählen Sie diese Frauen aus?
_Peter Prange:_
Autoren sind Menschen, die über das schreiben, was sie am meisten interessiert. Und ich habe Frauen schon immer interessanter gefunden als Männer. Nicht nur im Leben, auch in Romanen. „Richtige“ Männer handeln zielgerichtet, konsequent, logisch. Wie langweilig! Frauen sind dagegen – in einem positiven Sinn – viel widersprüchlicher, chaotischer, emotionaler. Sie machen das Leben spannend und bunt. Mit einem Wort: Sie sind die geborenen Romanfiguren.
_Buchwurm.info:_
Lässt sich dies auch in Ihrer „Weltenbauer-Trilogie“ finden? Ich kann mir darunter gar nichts vorstellen. Bitte klären Sie unsere Leser darüber auf, warum Sie diesem Thema gleich eine Trilogie widmeten und wie Sie es umsetzten.
_Peter Prange:_
Mit der Weltenbauer-Trilogie habe ich versucht, eine Kulturgeschichte der europäischen Neuzeit in Gestalt von drei – hoffentlich – unterhaltsamen Romanen zu schreiben. Jeder Roman spielt in der Hauptstadt einer Epoche, in der die Welt neu erfunden wurde. Das gemeinsame Thema ist die Suche des Menschen nach dem Paradies.
Das Rom des 17. Jahrhunderts ist noch ganz geprägt von der christlichen Idee eines jenseitigen Paradieses, doch Architektur und Kunst vermitteln uns einen Vorschein der Herrlichkeit und Pracht, die uns nach dem Tod erwartet. Davon erzähle ich in der „Principessa“, die die Rivalität der beiden größten Barockbaumeister Bernini und Borromini zum Gegenstand hat.
Mit einem solchen jenseitigen Paradies wollen die Aufklärer im Paris des 18. Jahrhunderts sich nicht begnügen – sie wollen das Paradies auf Erden. Die Anleitung dazu ist die Enzyklopädie von Diderot und d’Alembert, ein Handbuch der irdischen Glückseligkeit. Von dem epochalen Kampf um ihre Entstehung handelt „Die Philosophin“.
„Die Rebellin“ schließlich spielt in London, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, und hat die erste Weltausstellung zum Thema. Diese war nichts Geringeres als der Versuch, das Programm der Enzyklopädie vom irdischen Paradies mit den Mitteln von Naturwissenschaft und Technik Wirklichkeit werden zu lassen – Ausdruck einer Zeit, die wie keine andere Fluch und Segen des Fortschrittsglaubens widerspiegelt.
Warum ich diese Geschichten aus der Perspektive dreier Frauen erzähle? Gerade weil die Hauptakteure der tatsächlichen historischen Ereignisse Männer waren, führen uns die Frauen viel besser an den jeweiligen Stoff heran. Durch ihre Augen erleben wir sowohl die Abenteuerlichkeit und Großartigkeit, aber auch die Befremdlichkeit und Bedrohlichkeit der Geschehnisse viel intensiver, als wenn ich diese allein durch die Perspektive der Protagonisten selber wiedergegeben hätte.
_Buchwurm.info:_
Um was geht es in Ihrem neuesten Roman „Die Gottessucherin“?
_Peter Prange:_
Der Roman erzählt die dramatische Lebensreise der Gracia Mendes Mitte des 16. Jahrhunderts, in einer Epoche also, in der alle Zeichen auf Umbruch stehen. Amerika wird entdeckt, Wirtschaft und Handel erleben eine erste Globalisierung, die Wissenschaften boomen, die Christenheit wird durch die Reformation gespalten. All diese Ereignisse haben das Schicksal meiner Heldin geprägt, so wie sie umgekehrt auch Einfluss auf diese Ereignisse genommen hat.
Als zwangsgetaufte Jüdin erbt Gracia Mendes, gerade fünfundzwanzig Jahre alt, eine Handelsfirma, die so bedeutend ist wie die der Fugger. Doch ihr Reichtum schützt sie nicht vor der Verfolgung durch die Inquisition. Ihre Flucht führt sie vom westlichsten Zipfel Europas, Lissabon, über die Stationen Antwerpen und Venedig bis nach Konstantinopel, dem östlichsten Zipfel des Kontinents und Hauptstadt des einzigen Landes, in dem Juden damals ihren Glauben frei praktizieren konnten.
Unter Einsatz ihres Lebens rettet sie nicht nur sich und ihre Angehörigen vor dem Tod, sondern auch Tausende ihrer Glaubensbrüder und –schwestern, indem sie Königen und Päpsten die Stirn bietet. Dabei ist sie alles andere als eine Heilige. Vielmehr ist sie eine Frau, die mit derselben Leidenschaft wie für den Glauben auch für die Liebe und ihr Lebensglück kämpft. Kurz: eine Frau, wie sie nur alle hundert Jahre einmal vorkommt und die man ohne Übertreibung als die überragende Frauengestalt der europäischen Renaissance bezeichnen kann.
Obwohl sie von ihren Zeitgenossen als „neue Esther“ gefeiert wurde, die wie die Esther aus dem Alten Testament ihr Volk vor Verfolgung und Ausrottung bewahrt, ist Gracia Mendes heute so gut wie unbekannt. Diese Frau und ihr atemberaubendes Leben aus dem Dunkel der Geschichte an die Oberfläche des historischen Bewusstseins zu heben – das war das Abenteuer meines Romans.
_Buchwurm.info:_
Finden Sie, Sie hatten eine Art Standortvorteil durch die Nähe zu Tübingen, als sie den Roman „Die Gottessucherin“ recherchierten?
_Peter Prange:_
Nicht nur bei diesem, sondern bei allen meinen Romanen erweist sich Tübingen als Glücksfall für meine Arbeit. Tübingen |hat| keine Universität, Tübingen |ist| eine Universität – die Stadt mit der größten Gelehrtendichte pro Quadratmeter Deutschlands. Es gibt kaum eine Frage, auf die man in Tübingen keine Antwort findet. Bei der Arbeit an der „Gottessucherin“ haben mir gleich drei Judaisten geholfen, mich in die faszinierende Welt der jüdischen Glaubensrituale und Bräuche einzufinden.
_Buchwurm.info:_
Treiben Sie regelmäßig viel Aufwand für Ihre Romane? Wie rechtfertigen Sie dies, z. B. gegenüber Ihrer Familie und Ihrem Verlag?
_Peter Prange:_
Die Recherche macht natürlich einen großen Teil der Arbeit aus. Ich reise zu den Schauplätzen, konsultiere die verschiedensten Experten, vergrabe mich in Bibliotheken. Doch das empfinde ich nicht als Last, sondern als Lust, weil ich dabei ungeheuer viel lerne. Den Verlag freut’s auch, der Aufwand geht ja zu meinen Kosten. Nur die Familie, das gebe ich zu, hat manchmal unter meiner Recherchewut zu leiden.
_Buchwurm.info:_
Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen?
_Peter Prange:_
Reiten, soweit der vom Schreibtisch strapazierte Rücken es zulässt. Bei diesem Sport sind übrigens ganz ähnliche Qualitäten gefragt wie beim Schreiben, vor allem Einfühlungsvermögen. Außerdem koche ich gerne, besonders für Freunde.
_Buchwurm.info:_
Engagieren Sie sich auch sozial, etwa bei Wohltätigkeitsorganisationen?
_Peter Prange:_
In Tübingen befindet sich die Bundesgeschäftsstelle von „Terre des femmes“. Für diese Organisation, die sich um die Rechte von Frauen kümmert, habe ich verschiedene Benefizveranstaltungen mit anderen Autoren durchgeführt. Das tue ich sehr gerne – schließlich verdanke ich fast alles Gute in meinem Leben Frauen: angefangen von der Frau, die mich geboren hat, über die Frau, die das Leben mit mir teilt, bis zu den Frauen in meinen Romanen, die mir und meiner Familie ja unser Auskommen sichern. Und an diesem Wochenende (5. und 6.12.2009) moderiere ich, zusammen mit der ARD-Moderatorin Bernadette Schoog, eine Benefizveranstaltung der „Aktion Sahnehäubchen“, einer Organisation der Tübinger Caritas, die Kinder aus Not leidenden Familien vor Ort beim Start ins Leben unterstützt.
_Buchwurm.info:_
Wagen wir einen Ausblick. Woran arbeiten Sie gerade? Wann erscheint Ihr nächstes Buch?
_Peter Prange:_
Das wird jetzt noch nicht verraten – da bin ich abergläubig [sic!]. Aber wer sich auf dem Laufenden halten möchte: Die neuesten Informationen zu meiner Arbeit gibt’s stets im Internet unter [www.peterprange.de.]http://www.peterprange.de
_Über den Autor und sein Werk (Verlagsangaben)_
Peter Prange, geboren 1955, studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie in Göttingen, Perugia, Paris und Tübingen. Zum Dr. phil. promovierte er mit einer Arbeit zur Philosophie und Sittengeschichte der Aufklärung. (Steckbrief) Nach Ausflügen in Wissenschaft und Wirtschaft gelang ihm der Durchbruch als Romanautor mit der deutsch-deutschen Familiengeschichte „Das Bernstein-Amulett“ (1999; als ARD-Zweiteiler verfilmt 2004).
Inzwischen hat er sich auch international einen Namen gemacht: Seine Bücher wurden in insgesamt 19 Sprachen übersetzt. Nach den Erfolgen von „Die Principessa“ und „Die Philosophin“, die monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste standen, findet die „Weltenbauer-Trilogie“ mit „Die Rebellin“ ihren glänzenden Abschluss.
2007 erschien „Der letzte Harem“ – der Roman schildert aus der Sicht zweier Haremsfrauen die zusammenbrechende Welt des osmanischen Reichs sowie die Geburt der modernen Türkei. In seinem neusten Werk „Die Gottessucherin“ entwirft Peter Prange ein großartiges Panorama des 16. Jahrhunderts, in dem Gracia Mendes, eine der außergewöhnlichsten Frauen der europäisch-jüdischen Geschichte, im Mittelpunkt steht.
Peter Prange lebt mit Frau und Tochter als freier Schriftsteller in Tübingen.
ROMANE
1) FREMDE HEIMAT, 1989, zusammen mit Peter Yeldham
2) DIE STRAUß DYNASTIE, 1991, Neuausgabe Taschenbuch 1999
3) DAS BERNSTEIN-AMULETT, Scherz Verlag 1999, Neuausgabe Knaur Taschenbuch 2002
4) DIE PRINCIPESSA, Droemer 2002
5) DIE PHILOSOPHIN, Droemer 2003
6) DIE REBELLIN, Droemer 2005. Weitere Informationen: http://www.peter-prange.de/peterprange/extras/weltenbauer-trilogie
7) DER LETZTE HAREM , Droemer 2007
8) DER HAREM. SINNLICHE BEGEGNUNG IM SERAIL (Anthologie), Droemer 2008
9) DIE GOTTESSUCHERIN – erschien am 9. September 2009 bei Droemer
SACHBÜCHER
1) WERTE. VON PLATO BIS POP Alles, was uns verbindet. 2006 Droemer (WERTE-Blog)
2) DAS PARADIES IM BOUDOIR.
Glanz und Elend der erotischen Libertinage im Zeitalter der Aufklärung, 1990
3) WAS DIE WELT IM INNERSTEN ZUSAMMENHÄLT
Goethe-Brevier zur Jahrtausendwende; 1999
4) SIEBEN WEGE ZUM MISSERFOLG – und eine Ausnahme von der Regel. 2000
Neuausgabe Taschenbuch 2002
Internationale Gesamtauflage nach Verlagsangaben: über 2,5 Millionen Exemplare.
_Martin Schneider:_
Hallo Bernd, stell dich den Lesern doch am besten einfach mal kurz vor.
_Bernd Perplies:_
Hallo! Also, ich wurde 1977 in Wiesbaden geboren, studierte Filmwissenschaft, Germanistik, Buchwissenschaft und Psychologie in Mainz und arbeite heute drei Tage die Woche im Deutschen Filminstitut – DIF in Frankfurt am Main. Darüber hinaus bin ich freiberuflich als Übersetzer und Journalist tätig, unter anderem für das Rollenspiel-Portal |Ringbote.de|, das Genre-Magazin |Space View| und für |Pegasus Spiele|. Und im August 2008 ist mein Debütroman [„Tarean – Sohn des Fluchbringers“ 5678 erschienen. Seitdem widme ich mich zunehmend der Schreiberei, denn das ist es, was ich eigentlich immer machen wollte. Interview mit Bernd Perplies weiterlesen →
|Ulrike Schweikert (* 28. November 1966 in Schwäbisch Hall) ist eine deutsche Schriftstellerin der Historien- und Fantasyliteratur, die auch unter dem Pseudonym Rike Speemann veröffentlicht.
Nach sechs Jahren als Wertpapierhändlerin studierte sie Geologie und später Journalismus. Daneben beschäftigte sie sich mit der Geschichte ihrer Heimatstadt. Diese Recherchen bilden die Grundlage zu ihrem ersten Roman „Die Tochter des Salzsieders“. Heute lebt die Autorin in der Nähe von Pforzheim. Für „Das Jahr der Verschwörer“ erhielt sie 2004 von der „Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur – Das Syndikat“ den Hansjörg-Martin-Preis.|
Die Tochter des Salzsieders (historischer Roman, 2000)
Die Hexe und die Heilige (historischer Roman, 2001)
Die Herrin der Burg (historischer Roman, 2003)
[Die Seele der Nacht 1232 (Fantasyroman, 2003)
[Der Duft des Blutes 4858 (Fantasykrimi, unter Pseudonym Rike Speemann, 2003)
Das Jahr der Verschwörer (historischer Jugendroman, 2003)
Das Kreidekreuz (historischer Roman, 2004)
Die Drachenkrone – Der Zyklus der Drachenkrone, Band 1 (Fantasyroman, 2005)
[Feuer der Rache 2139 (Fantasykrimi, unter Pseudonym Rike Speemann, 2005)
Das Vermächtnis des Kupferdrachens – Der Zyklus der Drachenkrone, Band 2 (Fantasyroman, 2006)
Das Siegel des Templers (historischer Roman, 2006)
Die Maske der Verräter (historischer Jugendroman, 2007)
Das Drachentor – Der Zyklus der Drachenkrone, Band 3 (Fantasyroman, 2007)
[Nosferas – Die Erben der Nacht, Band 1 5084 (Fantasyroman, 2008)
Die Dirne und der Bischof (historischer Roman, 2008)
[Lycana – Die Erben der Nacht, Band 2 5359 (Fantasyroman, 2008)
_Michael Sterzik:_
Guten Tag, Frau Schweikert. Ich freue mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, einige Fragen für |Buchwurm.info| zu beantworten. Zuerst einige persönliche: Was gibt es über Sie als Mensch zu sagen? Was zeichnet Sie in Ihren Augen aus und was würden Sie als liebenswerte Marotten bezeichnen? Was mögen Sie und was eher nicht?
_Ulrike Schweikert:_
Meine Marotten heißen Peramina und Covalin – nach den beiden Drachen in der Drachenkronentrilogie. Es sind zwei Graupapageien, die mich seit elf Jahren begleiten und mir bei der Arbeit helfen. Ja, neben meinem Mann hänge ich sehr an meinen „Viechern“. Außerdem gehört zum täglichen Glück ein Ritt auf meiner Stute Chakira. Ich liebe es, hier am Rande des Schwarzwaldes zu leben. Die Ruhe und das Grün tun mir gut.
_Michael Sterzik:_
Sie sind eine vielseitige Autorin und fühlen sich nicht nur im Genre des historischen Romans wohl. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Was war das auslösende Ereignis?
_Ulrike Schweikert:_
Während meines Geologiestudiums gehörte ich einer Rollenspielgruppe an. Bald war ich Spielleiter und für die Abenteuer, durch die die Gruppe geschickt wird, verantwortlich. Ich begann, die Geschichten selbst zu schreiben. Daraus entstanden dann die ersten Romane der Drachenkronentrilogie. Allerdings fand ich damals noch keinen Verlag. Erst als ich den ersten historischen Roman geschrieben habe, hat es dann geklappt. Später konnte ich dann auch meine Fantasyromane unterbringen.
_Michael Sterzik:_ Ich gratuliere zu den Erfolgen und zu Ihrer neuesten Buchreihe, die eindeutig für junge Leser bestimmt ist – „Die Erben der Nacht“.
_Ulrike Schweikert:_
„Die Erben der Nacht“ soll für alle sein, die Vampire lieben, die große Geschichten mögen und auch gern in die Geschichte reisen. Diese Mal ins 19. Jahrhundert. Ich würde sagen, von zwölf Jahren an aufwärts. Ich hoffe, dass sich auch viele Erwachsene für die Serie begeistern.
_Michael Sterzik:_
Wie sieht Ihr Tagesablauf aus? Schreiben Sie jeden Tag und dann gleichzeitig an mehreren Projekten?
_Ulrike Schweikert:_
Ich nehme mir immer ein Projekt vor und bearbeite es so weit, wie es in meiner Hand liegt, also bis der von mir fertige Text dem Verlag übergeben wird. Ich versetzte mich so in die Geschichte, dass ich an andere Dinge nicht mehr denken kann. So fällt es mir auch schwer, wenn dann der Rücklauf aus dem Lektorat kommt und ich bereits an einer neuen Geschichte arbeite, mich noch einmal auf den vorherigen Text einzulassen. Aber das geht nicht anders. So lange kann ich nicht warten, bis ich mit einem neuen Buch anfange. Ich habe so viele Verträge für die verschiedenen Genres, dass ich nur fertig werden kann, wenn ich jeden Tag mein Pensum arbeite, was heißt, zehn Seiten oder acht bis zehn Stunden in der Recherche oder Nachkorrektur.
_Michael Sterzik:_
Was reizt Sie an meisten – „Historik“, „Krimi“ oder „Fantasy“?
_Ulrike Schweikert:_
Die Historik ist sehr anstrengend. Es ist viel Forschungsarbeit im Vorfeld nötig – ich nehme mir sechs Monate für jeden Roman. Das heißt, ich bin ein Jahr mit einem Thema beschäftigt. Danach ist ein Krimi oder Fantasy Erholung und Abwechslung, bevor ich mich wieder in ein historisches Thema stürzen mag. So brauche ich beides. Die Abwechslung ist das Reizvolle.
_Michael Sterzik:_
Was mir sehr positiv auffällt, ist, dass Sie – egal wo Sie sich literarisch bewegen – viel Wert auf recherchierte Fakten legen. Haben Sie diesen Aufwand in den Anfängen Ihrer schriftstellerischen Karriere bereits erwartet oder sind Sie generell an Geschichte interessiert?
_Ulrike Schweikert:_
Ich habe gerne historische Romane gelesen, doch das wissenschaftliche Arbeiten habe ich während des Studiums gelernt und auch lieben gelernt. Es macht mir Spaß, die Details zusammenzusuchen und daraus ein buntes Ganzes zu erstellen. Dabei ist es auch egal, ob es sich um ein geologisches Thema, etwas Geschichtliches oder Hintergrundwissen zur Arbeit der Rechtsmedizin für einen Krimi handelt. Die Art der Arbeit bleibt gleich.
_Michael Sterzik:_
In „Nosferas“ und auch in „Lycana“ spielen junge Vampire aus verschiedenen Regionen Europas die Hauptrolle, und auch wenn sie als untot gelten, so erleben wir sie erfrischend „menschlich“. Wussten Sie von Anfang an, wie die Charaktere dargestellt werden sollten?
_Ulrike Schweikert:_
Ich arbeite gedanklich schon mehrere Jahre an dieser Serie, doch damals waren Vampire noch nicht zu verkaufen. Daher hatte ich viel Zeit, die Charaktere auszubauen. Sie sind gewachsen, und als es dann endlich losging, waren sie mir schon sehr vertraut und lebendig.
_Michael Sterzik:_
Warum lassen Sie Ihre Vampire in der Vergangenheit agieren?
_Ulrike Schweikert:_
Ich wollte schon immer mal eine Geschichte im 19. Jahrhundert spielen lassen, doch für den historischen Roman ist diese Zeit von den Verlagen nicht gefragt. So war es für mich verlockend, die Geschichte Europas zu Beginn der Moderne als Hintergrund für die Vampire zu nehmen. Ich finde, diese Zeit bietet ein enormes Spannungsfeld zwischen dem Alten und Überlieferten und dem Aufbruch ins Industriezeitalter. Heute sind wir von den alten Werten schon zu weit abgerückt und die Moderne überwiegt mir für meinen Geschmack zu sehr.
_Michael Sterzik:_
Es gibt inzwischen unzählig viele Vampirgeschichten, die für Kinder- und Jugendliche erschienen sind. „Die Erben der Nacht“ umfasst mittlerweile zwei Bände – wie viele wird es noch geben und wird sich die Geschichte einem Gesamthöhepunkt im letzten Band nähern?
_Ulrike Schweikert:_
Es werden fünf Bände. Band drei ist nun fertig. Er spielt in Hamburg und Paris. Im vierten Band reisen die Vampire zu den Dracas nach Wien und der letzte Band findet in London seinen Höhepunkt. Neben den abgeschlossenen Abenteuern in jedem Band baut sich noch eine zweite Handlung im Hintergrund auf, deren Lösung es am Ende in London geben wird.
_Michael Sterzik:_
In welcher Figur Ihrer Vampire finden Sie sich wieder? Oder haben sie reale Figuren mit ihren charakterlichen Merkmalen als Vorbild genommen? Ich denke da an Freunde oder Verwandte.
_Ulrike Schweikert:_
Nein, so direkt sind die Zusammenhänge nicht. Ich denke, am ähnlichsten ist mir Alisa mit ihrer Wissbegierde. Ich wollte auch immer allem auf den Grund gehen, dennoch habe ich mich nicht als Streber gefühlt – was mir natürlich dennoch nachgesagt wurde.
_Michael Sterzik:_
Großartig finde ich, dass Sie augenzwinkernd historische Persönlichkeiten in ihren Vampirromanen eine Nebenrolle spielen lassen. Wie sind Sie denn auf diese interessante Idee gekommen, die nicht nur spannend und lehrreich, sondern auch unterhaltsam sein kann?
_Ulrike Schweikert:_
„Die Erben der Nacht“ sollen eben keine reinen Jugendbücher sein. Sie sollen für jede Altersklasse etwas haben. Die Jüngeren werden sich sicher mehr auf die Abenteuer der Vampire stürzen, und für die Älteren gibt es diese „Schmankerl“. Ich bin auch für die nächsten Bände immer auf der Suche nach passenden Geschichtchen. Ich habe immer so viel Spaß bei der Recherche, wenn ich auf lustige und skurrile Anekdoten stoße. Diese Lust an der kleinen Geschichte möchte ich weitergeben.
_Michael Sterzik:_
Gehen wir ein wenig zurück und widmen wir uns den historischen Romanen. „Die Tochter des Salzsiedlers“ wurde als Theaterstück aufgeführt. Waren Sie maßgeblich an diesem Projekt beteiligt? Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung?
_Ulrike Schweikert:_
Ich habe „Die Tochter des Salzsieders“ und „Das Jahr der Verschwörer“ selbst dramatisiert. Allerdings unter Beratung des Regisseurs Gerd Bauer, da das Neuland für mich war. Ich musst erst lernen, loszulassen und die Theaterstücke als eigene Werke zuzulassen, dann hat es viel Spaß gemacht, im Gegensatz zu der einsamen Arbeit beim Schreiben mit den Schauspielern das Entstehen des Stückes zu erleben und dann die Reaktion des Publikums bei der Uraufführung. Das war ein sehr bewegender Moment. Die Umsetzung in Leofels hat mir bei beiden Stücken gut gefallen.
_Michael Sterzik:_
Welche Buchprojekte planen Sie noch? Welche Epochen oder Figuren würden Sie reizen?
_Ulrike Schweikert:_
Die nächsten sechs Projekte stehen fest. Es wird eine Fortsetzung zu „Die Dirne und der Bischof“ geben. Es war von Anfang an als Doppelband geplant. Dann die letzten beiden Bände von „Die Erben der Nacht“ und die Vorgeschichte des Vampirs Peter von Borgo, der in „Der Duft des Blutes“ und „Feuer der Rache“ sein Unwesen treibt. Die weiteren Ideen habe ich auch schon, aber darüber möchte ich noch nicht reden. Was mich für den historischen Roman noch sehr reizt, ist der Dreißigjährige Krieg oder das ganz frühe Mittelalter zur Zeit Karls des Großen.
_Michael Sterzik:_
Welcher eigener Roman liegt Ihnen besonders am Herzen?
_Ulrike Schweikert:_
Schwierig. Das ändert sich auch immer wieder. Momentan schlägt mein Herz für meine jungen Vampire in „Die Erben der Nacht“.
_Michael Sterzik:_
Jetzt, wo Sie selbst Romane schreiben, sind Sie da skeptischer, aufmerksamer geworden, wenn Sie selbst zu einem Buch greifen?
_Ulrike Schweikert:_
Ja, das lässt sich nicht vermeiden, obwohl ich mich natürlich beim Lesen in der Freizeit gern einfach in eine Geschichte fallen lasse. Das heißt aber auch, dass sie so rund und fesselnd sein muss, dass mir das mühelos gelingt. Was mich ärgert, ist, wenn Geschichten schlecht recherchiert sind und mir das auch als Laie für ein Thema störend ins Auge springt.
_Michael Sterzik:_
Was und welchen Autor lesen Sie besonders gerne? Haben Sie sich durch andere Autoren inspirieren lassen?
_Ulrike Schweikert:_
Ich habe immer mal wieder Lieblingsautoren, die ich zum Zeitvertreib lese – Elizabeth George oder Tess Gerritsen. Ich habe alle „Harry Potter“ verschlungen, die „Bartimäus“-Bücher gelesen und mag die beiden Krimis von Simon Beckett. Inspiriert bin ich eher von „Der Name der Rose“, ein phantastisches Werk, und immer wieder nehme ich mir Oscar Wilde vor und genieße seine Sprache, die einfach wundervoll ist. Und ich liebe Bram Stokers „Dracula“. „Die Erben der Nacht“ ist auch eine Hommage an den Meister des Vampirromans.
_Michael Sterzik:_
Und abschließend: Wenn der Mensch Ulrike Schweikert drei Wünsche an die Zukunft frei hätte, welche wären das?
_Ulrike Schweikert:_
Mit meinem Mann und meinen Tieren zusammen glücklich alt werden dürfen und noch lange meine Geschichten schreiben, an denen eine wachsende Leserschaft ihre Freude hat.
_Michael Sterzik:_
Frau Schweikert, ich bedanke mich, dass Sie sich für das Interview so viel Zeit genommen haben.
|Oliver Plaschka gehört 2008 zu den Newcomern in der deutschen Literatur-Szene, seit er mit [„Fairwater oder die Spiegel des Herrn Batholomew“ 4864 einen beachtlichen Debütroman veröffentlicht hat. Eigentlich wollte ich schon damals ein Interview mit ihm machen; als ich dann aber gehört habe, dass er Mitautor beim neuen „Narnia-Rollenspiel“ werden würde, haben wir das Ganze terminlich noch ein wenig nach hinten verschoben, damit die Leser gleich das Komplettpaket an Informationen bekommen. Interview mit Oliver Plaschka weiterlesen →
|Alisha Bionda führte den ersten Teil eines umfangreichen Interviews mit Boris Koch Ende Mai 2008, das – dreigeteilt – Auskunft über seine Aktivitäten als Autor, Verleger, Musiker und als einer der drei |StirnhirnhinterZimmer|-Männer gibt.|
_Teil I: Der Autor Boris Koch_
_Alisha Bionda:_
Hola Boris, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein ausführliches Interview nimmst. Vorab aber noch einmal Gratulation zu deinem dir jüngst verliehenen ersten Preis, dem „Hansjörg Martin“-Preis für deinen Jugendkrimi „Feuer im Blut“. Wie stehst du zu Preisen und Auszeichungen?
_Boris Koch:_
Danke zur Gratulation. Preise und Auszeichnungen, die ich bekomme, mag ich natürlich (lacht). Aber im Ernst: Prinzipiell finde ich Preise schon gut. Klar gibt es verdammt viele, aber warum auch nicht? Noch gibt es ja viel mehr Bücher als Preise … Und wenn der Preis eher dazu dient, sich selbst mit berühmten Autorennamen zu schmücken, dann weiß ich auch nicht, ob das im Sinn einer Auszeichnung ist- diese Veranstaltungen, auf denen sich die Preisverleiher selbst ebenso sehr auf die Schultern klopfen wie dem Preisträger. Man muss ja nicht jeden Preis gleich ernst nehmen, und allzu ernst sollte man überhaupt keinen nehmen, aber insgesamt ist es doch schön, wenn irgendwer irgendwen ehren will. Der Preisträger freut sich, kriegt im Idealfall noch einen Scheck mit auf den Heimweg, und es gibt eine lustige Party bei der Verleihung. Was mir auf den Keks geht, sind Wahlen zum schlechtesten Film oder schlechtesten Buch oder dem Flop des Jahres. So etwas ist überflüssig.
_Alisha Bionda:_
Wolltest du immer schon Schriftsteller werden oder wie bist du in die „schreibende Zunft“ gekommen?
_Boris Koch:_
Nein. Als Kind wollte ich Fußballspieler werden, in der Bundesliga und Nationalmannschaft natürlich, aber da fehlte mir doch das Talent und wohl auch der Wille, und wahrscheinlich hätte mein Körper das auch nicht mitgemacht. Später wollte ich dann Bassist werden – aber auch hier fehlte Talent und dieses unbedingte tägliche Üben – ich habe mehr Musik gehört als gemacht. Und eine Zeit lang wollte ich tatsächlich Schatzsucher werden.
Geschrieben habe ich bis neunzehn, zwanzig kaum. Ein bisschen Teenagerlyrik für mich, mit fünfzehn eine Kurzgeschichte für ein Rollenspielzine, mit zehn oder so die erste Seite eines Romans, vielleicht auch nur eine halbe. Und dann, mit etwa neunzehn habe ich erstmals versucht, mit Geschichten nach „draußen“ zu gelangen. Die erste Story versagte gnadenlos bei einem Schreibwettbewerb in Augsburg, mit der zweiten hatte ich Glück, sie wurde veröffentlicht. Und mir wurde das Schreiben immer wichtiger. Es lief eine Weile parallel zum Studium, das ich schließlich geschmissen habe. Und so bin ich Stück für Stück in die schreibende Zunft gerutscht.
_Alisha Bionda:_
Was waren deine ersten Texte?
_Boris Koch:_
Mein erster Text war eine kurze, ein- bis zweiseitige Anti-Kriegs-Fantasy-Story mit böser Pointe oder dem, was ich mit fünfzehn für eine böse Pointe gehalten habe. Dann folgten kurze Horrorgeschichten, teils sehr klassisch, und bissige Grotesken.
_Alisha Bionda:_
Hast du eine fest strukturierte Methode, wie du ein neues Projekt „angehst“? Oder lässt du eher den Dingen ihren freien Lauf?
_Boris Koch:_
Nein, keine feste Methode. Die Arbeitsweise hängt auch immer von dem konkreten Projekt ab. Bei einem Krimi wie „Feuer im Blut“ brauche ich eine für meine Verhältnisse relativ feste Struktur, ich muss natürlich wissen, wer der Täter ist, um über das Buch verteilt erste Hinweise zu platzieren, ich muss aber auch wissen, welche Figur was weiß, damit sie entsprechend reagiert, usw. Und ich muss vorher über Polizeiarbeit und anderes recherchieren.
Bei der Fantasy-Parodie „Die Anderen“ bestand meine Recherche darin, die parodierten Werke zu lesen, und mit diesem Hintergrund im Kopf, mehreren Seiten kurzer Stichpunkte und einer viel weniger starren Struktur habe ich losgeschrieben. Ich wusste, wohin ich mit meinen Figuren wollte, was für ein Showdown geplant war, aber was ihnen an den einzelnen Stationen auf dem Weg dorthin passiert, das entstand überwiegend spontan. Gags lassen sich schwer vorausplanen, die leben von Spontaneität. Ich musste dabei aber darauf achten, nicht völlig auszuufern. Dass ich beispielsweise irgendwann eine Kampfszene in Form eines Chatroom-Protokolls schreiben würde, war nicht geplant, aber da der Text von Anfang an Fußnoten hatte und auch fünf Seiten der Handlung in einem Comic erzählt wurden, gehörten formale Spielereien von Anfang an zum Konzept, und es fügte sich während des Schreibens einfach ein.
Bei Kurzgeschichten und Erzählungen mache ich mir gar keine Notizen, da habe ich die Struktur von Anfang an im Kopf oder lasse sich die Geschichte spontan entwickeln.
_Alisha Bionda:_
Schreibst du gerne zu einer bestimmten Zeit? Lieber tagsüber, lieber abends/nachts? Wie sieht dein Tagesablauf aus?
_Boris Koch:_
Zurzeit schreibe ich lieber tagsüber, beginne direkt nach dem Frühstück und schreibe bis zum späten Nachmittag, und kümmere mich dann um andere Arbeiten, aber dieser Plan wird oft genug durchbrochen, einen richtig festen Tagesablauf habe ich eigentlich nicht. Der hängt immer davon ab, was gerade ansteht.
_Alisha Bionda:_
Bevorzugst du eine bestimmte Atmosphäre wenn du schreibst?
_Boris Koch:_
Auch das hängt vom Projekt ab. Ich schreibe auf jeden Fall am liebsten daheim, wo ich meine Ruhe habe. Und meist mit Musik im Hintergrund. Die Musik wähle ich entsprechend dem Text aus, um die passende Stimmung zu unterstützen. Aber ich stelle keine Kerzen auf oder so …
_Alisha Bionda:_
Schreibst du an mehreren Projekten gleichzeitig oder liegt dir das eher nicht?
_Boris Koch:_
Manchmal ergibt es sich aus irgendwelchen Gründen, dass ich parallel arbeite, aber ich konzentriere mich eigentlich ganz gern auf ein einziges Roman-Projekt. Da laufen ja ohnehin Kurzgeschichten für das |StirnhirnhinterZimmer|, Lesungen, die Arbeit an |Mephisto|, ein Interview wie dieses hier und dergleichen nebenher. Da ist es gut, wenn ich wenigstens nur ein größeres Projekt habe, auf das ich mich konzentrieren muss. Gegen plötzliche Einfälle und Notizen zu anderen oder gar völlig neuen Projekten kann ich mich aber trotzdem nicht wehren.
_Alisha Bionda:_
Welchen Genres ordnest du dich zu? Und welches reizt dich am meisten?
_Boris Koch:_
Keinen. Einzelne Bücher oder Geschichten kann ich bestimmten Genres zuordnen, wenn ich gefragt werde, aber mich komplett als Autor will ich nirgendwo zuordnen. Von daher kann ich – trotz einem Faible für alle möglichen Spielarten der Phantastik – nicht sagen, dass mich ein Genre besonders reizt. Überhaupt reizen mich eher bestimmte Themen oder Ideen, und die werden dann innerhalb eines bestimmten Mediums und Genres umgesetzt. Das Thema, das zentrale Motiv einer Geschichte ist mir wichtiger als das Genre. So ist beispielsweise meine Erzählung „Die Mutter der Tränen“ zwar sicherlich Phantastik, aber in erster Linie ist es für mich eine Geschichte über den Verlust eines geliebten Menschen, über das Zerbrechen einer Familie, über Trauer. Das phantastische Element ist ein Mittel, um dies zu erzählen, es ist nicht die Grundvoraussetzung für die Erzählung.
Ein anderes Beispiel: Natürlich wusste ich, dass ich „Feuer im Blut“ für eine Jugendkrimireihe schreibe, und es ist entsprechend ein Krimi geworden. Aber während des Schreibens ging es darum, Jugendliche, die mit einem Verbrechen konfrontiert werden, möglichst glaubwürdig agieren zu lassen, und dazu gehört auch der Alltag wie der Fußball bei einer Figur und die Musik bei einer anderen, es gibt eine Liebesgeschichte, Schule, Eltern, usw. Es ist ja nichts Weltbewegendes oder Neues, dass sich in einzelnen Büchern oft mehrere Themen und Genres wiederfinden lassen, und ich bin der Meinung, dass man in vielen Fällen – es gibt sicher die berühmten Ausnahmen – sich selbst zu sehr beschränkt, wenn man beim Schreiben allzu sehr darauf achtet, in welchem Genre man schreibt. Ich will eine Geschichte nicht zusammenstutzen, weil irgendwas nicht ins Genre passt. Ich will da kürzen, wo etwas nicht der Geschichte dient. Die konkrete Geschichte ist wichtiger als das Genre.
Einfach mal von mir weg zu einem bekannteren Beispiel: Ich habe neulich mit geschätzten Kollegen über „Harry Potter“ diskutiert, über die Einordnung der Romane in die Fantasy. Gehört es wirklich in diese Schublade? Ausschließlich? Man könnte es ebenso gut als Internatsroman bezeichnen, es hat mindestens so viele Elemente von „Burg Schreckenstein“ wie von „Der Herr der Ringe“, der ja als der Fantasyroman schlechthin gilt.
_Alisha Bionda:_
Deinen Anfang nahmst du mit dem Verfassen von Kurzgeschichten. Es gibt ja etliche Autoren, die sich der Kurzgeschichte eher verschließen, was reizt dich daran?
_Boris Koch:_
Wahrscheinlich, dass man in einer Kurzgeschichte eine Idee, einen Gedanken oder ein Ereignis auf den Punkt bringt. Kurzgeschichten eignen sich zudem wunderbar für Lesungen, weil man dem Publikum da – anders als beim Roman – eine komplette Geschichte präsentieren kann. Es gibt einfach Ideen, die sich nur für die kurze Form eignen. Eine groteske Kurzgeschichte wie „Der adressierte Junge“ funktioniert auf 300 Seiten nicht. Ich kann mit einer solchen Idee dann also eine Kurzgeschichte schreiben oder sie in die Tonne treten.
_Alisha Bionda:_
Hast du eine Kurzgeschichte, die du selbst als deine beste bezeichnen würdest?
_Boris Koch:_
Nein, es gibt nicht die eine Geschichte, die ich über alle anderen stellen würde.
_Alisha Bionda:_
Hast du ein Vorbild? Literarisch oder auch sonst …
_Boris Koch:_
Auch hier ein Nein. Es gibt einige Autoren oder auch Musiker, Maler, Zeichner und andere Künstler, deren Arbeit ich schätze und die mich sicherlich beeinflusst haben, aber ein Vorbild, dem ich nacheifere, gibt es nicht.
_Alisha Bionda:_
Du schreibst ja sowohl allein als auch mit Co-Autoren (z. B. Christian von Aster und Markolf Hoffmann). Was reizt dich mehr? Oder gibt es da keine Gewichtung?
_Boris Koch:_
Wichtig ist mir, beides zu machen. Natürlich kann ich, wenn ich allein schreibe, meine Ideen eigenständiger umsetzen und muss weniger Kompromisse eingehen. Und so möchte ich den Großteil meiner Romanprojekte und Kurzgeschichten umsetzen, aber ich will daneben immer wieder verschiedene Projekte mit anderen zusammen auf die Beine stellen. Sei das mit Zeichnern, Musikern oder anderen Autoren. Es gibt ja Geschichten, die werden in der Zusammenarbeit einfach runder, und die Zusammenarbeiten mit Christian von Aster, Jörg Kleudgen und Kathleen Weise liefen alle unterschiedlich, aber alle sehr schön.
Mit Markolf Hoffmann habe ich übrigens noch keinen größeren Text zusammen geschrieben, lediglich eine kurze Albernheit mit ihm und Christian zusammen fürs |StirnhirnhinterZimmer|. Ansonsten arbeiten wir ja parallel bei der Lesereihe. Aber auch das macht sehr viel Spaß und ist inspirierend.
_Alisha Bionda:_
Was gefällt dir an der Zusammenarbeit mit anderen Autoren?
_Boris Koch:_
Die Kommunikation, das Debattieren um Inhalte, und zu beobachten, wie der andere arbeitet. Zu sehen, was der andere aus einen bestimmten Konstellation macht, wie er eine bestimmte Situation löst, usw. Da kann ich für mein eigenes Schreiben lernen. Und ganz wichtig ist das Gefühl, wenn man fertig ist, dieses „Geschafft“ mit jemandem zu teilen, ist toll. Wie Mannschaftssport (lacht).
_Alisha Bionda:_
Liest du regelmäßig? Wenn ja, was oder wen bevorzugt?
_Boris Koch:_
Ja, und zwar ziemlich querbeet von Comics über diverse Genres bis hin zur allgemeinen Belletristik wie auch das ein oder andere Sachbuch. Aktuell begeistert hat mich Andreas Steinhöfels „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ und ich möchte demnächst endlich Vonneguts „Schlachthof 5“, Ronald Rengs „Der Traumhüter“ und Douglas Adams „Die letzten ihrer Art“ lesen. Allgemein reizt es mich aber gerade, neue, mir unbekannte Autoren auszuprobieren.
_Alisha Bionda:_
Gibt es Menschen, die dich bei deinem schriftstellerischen Werdegang unterstützt haben? Freunde, Familie, Kollegen? In deinen Anfängen und jetzt?
_Boris Koch:_
Ja, zahlreiche. Und wahrscheinlich noch mehr, als mir bewusst ist. Ich kriege das ja nicht automatisch mit, wenn mich jemand irgendwo für eine Lesung empfiehlt oder so.
_Alisha Bionda:_
In den letzten beiden Monaten sind mit „Die Anderen“ (|Heyne|), „Feuer im Blut“ (|Beltz & Gelberg|) und „StirnhinhinterZimmer“ (|Medusenblut/Midras|) drei völlig unterschiedliche Titel von dir erschienen. Ist in einen der Titel „besonderes Herzblut“ geflossen?
_Boris Koch:_
Die drei lassen sich nicht vergleichen, ich kann nicht sagen, dass in ein Buch mehr Herzblut als in die anderen geflossen ist.
_Alisha Bionda:_
Wie kam es zu deiner Zusammearbeit mit |Heyne|?
_Boris Koch:_
Ich habe Sascha Mamczak von |Heyne| im September 2006 auf dem |Elstercon| kennen gelernt, auf dem ich unter anderem die Einführung zur Veranstaltung gemacht habe, wo ich die Ehrengäste augenzwinkernd vorstellte. Im Oktober auf der Buchmesse hat er mir dann eröffnet, dass |Heyne| gerne eine Parodie auf die Völkerromane veröffentlichen würde, ob ich Lust hätte, eine solche zu schreiben. Ich hatte. Und habe mir dann ein Exposé überlegt und den Prolog geschrieben, und das hat ihnen so weit zugesagt, dass es tatsächlich zu „Die Anderen“ kam.
_Alisha Bionda:_
Erzähle den Lesern doch im Groben was sie bei den oben genannten drei Titeln zu erwarten haben.
_Boris Koch:_
Okay. Beginnen wir gleich mit „Die Anderen“, das – wie gerade erwähnt – eine Parodie auf „Die Orks“, „Die Elfen“, „Die Zwerge“ und „Die Trolle“ ist, und auf alles mögliche andere, was sich beim Schreiben so ergeben hat. Kein Buch der leisen Töne …
„Feuer im Blut“ ist ein Jugendkrimi mit der Altersempfehlung „ab 12“, aber ich weiß auch von Erwachsenen, die ihn gelesen haben. Es geht um drei Jungs, die gemeinsam eine illegale Schülerzeitung herausgeben, weil ihnen die Zensur des Direktors auf den Keks geht. Als ein Brandanschlag auf die Turnhalle ihrer Schule verübt wird, ermitteln sie selbst. Es geht um den Kriminalfall, aber auch um falsche Verdächtigungen, ums Verliebtsein, um Musik und um Fußball.
[„Das StirnhirnhinterZimmer“ 4957 enthält 18 Erzählungen aus der Lesereihe, je sechs von Markolf Hoffmann, Christian von Aster und mir. Dabei geht es überwiegend grotesk zu, aber auch ernste Texte sind enthalten. Phantastik im weitesten Sinn, von einer mittelalterlichen Reliquien-Groteske über ein düsteres Märchen zu Pinguinen, die die Weltherrschaft beanspruchen. Eine pseudowissenschaftliche Abhandlung ist ebenso enthalten wie untote Prominente aus Berlin.
_Alisha Bionda:_
Willst du den Lesern zum Abschluss dieses Interviewteiles einen ersten Einblick in deine künftigen Projekte gewähren?
_Boris Koch:_
Gern. Als Nächstes erscheint im Oktober der Jugendkrimi „300 kByte Angst“, der wie „Feuer im Blut“ in der Reihe [Schwarzlichter]http://www.schwarzlichter.com bei |Beltz & Gelberg| erscheint und dieselben Hauptfiguren hat wie der erste Krimi. Diesmal beginnt alles mit einem eher weniger lustigen Handyfilm.
Im Dezember erscheint dann bei |Heyne| ein All-Age-Fantasyroman mit dem Titel „Der Drachenflüsterer“, in dem es – große Überraschung – um Drachen geht.
Weitere Projekte sind angedacht, aber noch nicht spruchreif, wie es immer so schön heißt.
_Alisha Bionda:_
Vielen Dank für das Beantworten der Fragen des ersten Teiles des Interviews. In Teil zwei möchte ich gerne mit dir über „Medusenblut“ und deine Aktivitäten als Verleger besprechen.
[Lesungsbericht: StirnhirnhinterZimmer oder: Ein ganz besonderer Abend in Berlin]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=57
[Interview mit Chr. von Aster, B. Koch, M. Hoffman: Das StirnhirnhinterZimmer]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=73
[Rezension zu „Der Schattenlehrling“ 3296
[Rezension zu „Der adressierte Junge“ 3249
[Rezension zu „Dionysos tanzt“ 1926
|Christoph Marzi, Jahrgang 1970, wuchs in Obermending nahe der Eifel auf, studierte in Mainz und lebt heute mit seiner Familie im Saarland. Mit dem sensationellen Erfolg seiner Trilogie um die Uralte Metropole („Lycidas“, „Lilith“ und „Lumen“) hat er sich einen festen Platz als deutscher Fantasy-Autor erobert.| (Verlagsinfo) Weitere Werke sind die Kurzgeschichtensammlung „Nimmermehr“ sowie die Malfuria-Trilogie („Malfuria“, „Die Hüterin der Nebelsteine“, „Die Königin der Schattenstadt“). Mit „Fabula“ ist bei |Heyne| eine neue Trilogie gestartet.
Christoph Marzi auf |Buchwurm.info|:
[„Lycidas“ 1081
[„Lilith“ 2070
[„Lumen“ 3036
[„Malfuria“ 3398
[„Malfuria – Die Hüterin der Nebelsteine“ 4167
[„Fabula“ 4503
[Alisha Bionda]http://www.alisha-bionda.net führte im April 2008 ein Interview mit Christoph Marzi:
_Alisha Bionda:_
Lieber Christoph, ich freue mich, dass du dir die Zeit nimmst, einige Fragen zu beantworten. Zuerst einige persönliche: Was gibt es über dich als Mensch zu sagen? Was zeichnet dich in deinen Augen aus und was würdest du als deine „liebenswerten Marotten“ bezeichnen? Was magst du, und was nicht?
_ Christoph Marzi:_
Ich bin einsfünfundneunzig und achtunddreißig. Meine Frisur ist (laut Catharina) hoffnungslos (und es nicht wert, dass man sie als Frisur bezeichnet). Ich trage im Winter schwarz und im Sommer meistens auch. Ich mag dunkle Sonnenbrillen und schwarze Jeans und alte Lederjacken. Ich denke mir oft Dinge aus, die ich niederschreibe. Und wenn ich Glück habe, dann fügen sie sich zu einer Geschichte zusammen.
Zu meinen Marotten: Dinge, die irgendwo im Haus herumliegen, schiebe ich meist mit dem Fuß unter das nächste Sofa oder Bett. Ich vertausche die Klamotten meiner Töchter (was nicht selten zu Aufruhr führt). Obwohl striktes Waschmaschinenverbot über meine Person verhängt wurde, neige ich dazu, die bunte Wäsche der Familie zusammen mit meinen schwarzen Klamotten in die Maschine zu stecken (gar nicht gut, nein, GAR nicht gut!).
Was ich mag: alles, was ich nicht „nicht mag“ – und das ist recht viel. Ich mag Bücher, bin dahingehend der absolute Junkie. Ich trage immer etwas zum Lesen mit mir herum und dazu ein Notizbuch. Ich mag Musik. Den Sommer. Na ja, den Winter auch. Eivissa (Ibiza). Meine Familie. Mein Leben. Was ich nicht mag, sind Grenzen. Engstirnigkeit. Einschränkungen, welcher Art auch immer. Die Kunst ist, denke ich, sich über die Dinge, die man mag, zu freuen – und die Dinge, die man nicht mag, zu ignorieren.
_Alisha Bionda:_
Lassen dir dein Beruf, deine Projekte und deine Familie noch Zeit für Hobbys und falls ja, welche sind das?
_ Christoph Marzi:_
Nun ja, bisher habe ich das alles nie explizit getrennt. An erster Stelle kommt die Familie. Und dann der ganze Rest. Das Schreiben gehört zu meinem Leben wie andere Dinge auch.
_Alisha Bionda:_
Du bist ja im Hauptberuf im Schuldienst. Möchtest du den Lesern etwas darüber berichten?
_ Christoph Marzi:_
Häufig wird mir die Frage gestellt, wie lange ich noch im Schuldienst bleiben möchte. Wie für alles andere gilt auch für das Lehrerdasein: Man muss es gerne tun, ansonsten ist man ziemlich fehl am Platze. Und das ist auch schon die Antwort. Ich bin gerne Lehrer, es macht mir Spaß, diesen Beruf auszuüben. Und ich denke eigentlich nie darüber nach, den Beruf aufzugeben.
_Alisha Bionda:_
Wolltest du immer schon schreiben oder war es eher eine Folge deiner persönlichen Entwicklung? Wo siehst du in beiden Berufen deine Gewichtung? Was ist Beruf und was Berufung?
_ Christoph Marzi:_
Ich schreibe seit meinem 15. oder 16. Lebensjahr. Seitdem hat es nie eine Zeit gegeben, in der ich nicht geschrieben habe. Eine Gewichtung gibt es keine. Ich bin Lehrer. Ich schreibe Geschichten. Das sind beides Dinge, die ich tue. Wenn man nicht mit Herz und Verstand schreibt, dann ist der Text – die Geschichte – nicht authentisch. Wenn man als Lehrer nicht mit Herz und Verstand bei der Sache ist, dann bekommt man das Feedback direkt von den Schülern. Ich glaube, dass Schüler sofort merken, wenn man sich ihnen gegenüber nicht authentisch verhält. Wenn man nicht ehrlich ist. Ich bin in der glückliche Situation, die Dinge tun zu können, die ich gerne tue. Das ist das wirklich Tolle daran. Also tue ich beides.
_Alisha Bionda:_
Wann hast du zu schreiben begonnen? Welche Art der Niederschrift bevorzugst du?
_ Christoph Marzi:_
Ich habe mit 15 Jahren damit begonnen. Mit Kurzgeschichten. Während der Oberstufe habe ich zwei Romane geschrieben, die mittlerweile aber unauffindbar sind. Ich habe immer viel geschrieben, und irgendwann ist wohl ein eigener Stil daraus geworden.
Womit ich geschrieben habe? Ich habe auf einer alten Kofferschreibmaschine begonnen, bin dann auf eine neue Kofferschreibmaschine umgestiegen, um irgendwann am PC zu landen. Ich mag meinen Laptop und liebe es, in kleine Hefte zu schreiben. Die Geschichte, die ich gerade für meine Töchter schreibe, entsteht mit Tinte und Stift auf liniertem Papier in einem Notizbuch. Der Vorteil, nicht am PC zu schreiben, liegt darin, dass man keinen Internet-Zugang hat. Das Internet ist eine feine Sache, aber für neugierige Menschen ist es die größte Ablenkung seit der Erfindung des Zauberwürfels.
_Alisha Bionda:_
Hast du eine fest strukturierte Vorgehensweise, wie du ein neues Projekt startest und konzipierst?
_ Christoph Marzi:_
Da sollte man meine Lektorinnen fragen. Ich kenne viele Szenen – und meistens auch das Ende der Geschichte. Ich kenne die Charaktere (das ist überhaupt das Allerwichtigste)! Ansonsten bin ich kein Freund von großen Plot-Skizzen (wie gesagt: meine Lektorinnen sind, denke ich, schon eher Freundinnen solch großer Plot-Skizzen – was sie mir freundlich auch regelmäßig mitzuteilen pflegen). Ich lasse den Charakteren gern freien Lauf. Es macht mir einfach mehr Spaß, eine Geschichte so zu schreiben. Ich spüre, wo der Weg hinführt. Und ich folge den Hinweisen. Ehrlich gesagt, ich habe nie anders geschrieben. Und was immer Schreibwerkstätten predigen … es funktioniert auch auf diese Art und Weise!
_Alisha Bionda:_
Schreibst du gerne zu einer bestimmten Zeit? Wann hast du dazu Gelegenheit? Wie sieht Dein Tagesablauf aus? Wie bringst du alles „unter einen Hut“?
_ Christoph Marzi:_
Ich schreibe, wenn ich die Zeit dazu habe. Will heißen: Ich nutze einfach die Zeit, wenn sie da ist. Das kann mitten in der Nacht sein, am Nachmittag, im Café, im Auto. Ob mich das zum Workaholic macht? Nun ja, ich mag das Wort nicht, weil es so etwas Zwanghaftes hat. Aber ich denke, dass es der Sache nahe kommt. Ich denke mir ständig etwas aus.
_Alisha Bionda:_
Bevorzugst du eine bestimmte Atmosphäre oder benötigst du besondere Ruhe, wenn du schreibst, oder eher Wirbel, der deine Kreativität fördert?
_ Christoph Marzi:_
Beides. Ich kann schreiben, wenn es ruhig ist (morgens, ganz früh). Ich kann auch schreiben, wenn die Kinder um mich herumspringen. Ich denke, dass viele schöne Ideen gerade durch meine Kinder geboren werden. Nur bei zu stark knurrenden Deadline-Monstern verkrieche ich mich schon mal im Arbeitszimmer. Während ich an [„Lilith“ 2070 schrieb, wurden unsere Küche und alle Wasserleitungen im Haus repariert. Das war weniger schön, weil andauernd sehr, sehr laut. Aber letzten Endes wird das Schreiben doch durch das Leben genährt – und nicht umgekehrt.
_Alisha Bionda:_
Schreibst du an mehreren, größeren Projekten gleichzeitig oder trennst du das strikt?
_ Christoph Marzi:_
Ich schreibe einen Roman nach dem anderen. Ich schreibe nie an zwei Romanen gleichzeitig. Ich schreibe aber oft eine Reihe von Kurzgeschichten, während ich an einem Roman arbeite (wenn ein Teil des Buches fertig ist, entstehen einige kurze Geschichten – und danach kehre ich in die Romanwelt zurück). Es kann auch sein, dass ich mir Notizen zu einem Roman mache, während ich noch an einem anderen schreibe. Aber dann bleibt es bei den Notizen. Ich schreibe immer nur an einem Buch.
_Alisha Bionda:_
Du verfasst auch Kurzgeschichten für Anthologien. Auch in den von mir herausgegebenen warst und bist du ja häufig vertreten. Was reizt dich daran? Muss dich jedes einzelne Projekt überzeugen? Ist für dich entscheidend, in welcher Form die Anthologie erscheint und bei welchem Verlag? Triffst du – wie das Gros der Profis – eine präzise Wahl – auch, um in dem Bereich nicht inflationär zu erscheinen – oder nimmst du, soweit es deine Zeit erlaubt, überall teil, weil dich das reine „Fabulieren“ reizt?
_ Christoph Marzi:_
Nein, viel Überzeugungskraft ist, denke ich mir, nicht vonnöten. Es zählt nur die Geschichte. Wenn mir jemand eine Thematik vorgibt und ich eine Idee habe, was ich dazu schreiben könnte, dann schreibe ich die Geschichte auch auf. Es ist, denke ich, also eine reine Frage des Interesses.
_Alisha Bionda:_
Gibt es einen Autor, dessen Kurzgeschichten du besonders magst?
_ Christoph Marzi:_
In loser Reihenfolge: T. C. Boyle, Roald Dahl, Joe Hill, Aino Laos, Kelly Link, Michael Chabon, Neil Gaiman, Edith Nesbit, Elke Heidenreich, Stephen King, Judith Hermann, Tania Blixen, Angela Carter, Astrid Lindgren, George R. R. Martin. Und auch diese Liste ist vermutlich nicht vollständig. Meine Lieblingsgeschichte ist derzeit [„Pop Art“ 4539 von Joe Hill. Wow!
_Alisha Bionda:_
Hast du eine Kurzgeschichte, die du selbst als deine beste bezeichnen würdest?
_ Christoph Marzi:_
Nun ja, nicht unbedingt als die „beste“ – das zu beurteilen, fällt wohl immer dem Leser zu. Es gibt Geschichten, an denen mein Herz hängt. „Nimmermehr“ ist eine davon. Ich liebe diese Geschichte, weil ich das schon immer getan habe. Weil ich nie wollte, dass sie anders veröffentlicht wird, als ich sie geschrieben habe. Weil sie so veröffentlicht wurde (Martina Vogl und Sascha Mamzcak sei Dank). Weil die Charaktere die Namen meiner Großeltern tragen. Weil sie in der Eifel spielt, wo ich aufgewachsen bin. „Der Krähenengel“ spielt im Zirkusmilieu und im Winter und es kommt ein böser Engel darin vor und ein Junge, der Juli heißt, und ein Mädchen, das Stella heißt. Das ist meine persönliche Wintergeschichte. Und
die letzte „Lieblingsgeschichte“, die ich nennen möchte, ist derzeit eine, die kurz sein sollte und ganz plötzlich ganz lang geworden ist und die nun als eigener kleiner Roman erscheinen wird und den Arbeitstitel „Nightingale“ trägt (sie ist sehr gruselig – und sie spielt in Maine, auf einer Halbinsel, und im Autoradio läuft sogar ein Stück der Rock Bottom Remainders).
_Alisha Bionda:_
Wie kam es zu deinem ersten Roman und schlussendlich zu seiner Veröffentlichung?
_ Christoph Marzi:_
Mein allererster Roman trug den Titel „Muspilli“, der zweite hieß „Das zweite Gesicht“ – das waren die beiden Bücher, die ich während der Oberstufe geschrieben habe. Beide sind verschollen. „Lycidas“ war zu einem Drittel fertig, als die Zusage von |Heyne| kam. Mehr gibt es da nicht zu sagen. Ich habe das Manuskript eingeschickt und es wurde genommen. So war das. Ich war durch und durch in der Hand von Erkältungsgeistern, als der Anruf kam. Und die Zusage klang eher, als sei ich in einem Fiebertraum gefangen. Aber es war keiner. Es war wirklich ein richtiger Telefonanruf gewesen.
_Alisha Bionda:_
Welcher deiner Romane liegt dir besonders am Herzen? Und warum?
_ Christoph Marzi:_
„Fabula“ ist derzeit der Roman, an dem mein Herz hängt. Es steckt sehr viel von mir selbst in diesem Buch, mehr als in allen anderen Büchern. Die Musik, die Nostalgie, die seltsamen Geschichten, die Helen Darcy erzählt, Rio Bravo. Ja, ich mag „Fabula“ sehr. Ich bin stolz darauf, die Geschichte geschrieben zu haben. Ich mag sie so, wie sie ist. Und ich lese sie gerne bei Lesungen. Ansonsten bin ich immer ganz Feuer und Flamme für die Geschichte, an der ich gerade arbeite.
_Alisha Bionda:_
Hast du ein literarisches Vorbild?
_ Christoph Marzi:_
In loser Reihenfolge kann ich nur Autoren nennen, von denen ich akribisch alles lese, was sie schreiben bzw. geschrieben haben (nun ja, ich gebe mir Mühe, am Ball zu bleiben): Stephen King, John Irving, Charles Dickens, T. C. Boyle, Michael Chabon, Ray Bradbury, Astrid Lindgren, Markus Heitz, Neil Gaiman, Marcus Sedgwick, Clive Barker, Tom Holland, Jane Austen, Kelly Link, Kai Meyer, Robert L. Stevenson, Abraham Stoker, E. A. Poe, Margaret Atwood, Hope Mirrless, Edith Nesbit, Tania Blixen, Nicholas Christopher, Paul Auster & Siri Hustvedt, David Almond, Otfried Preußler, Susanna Clarke, Donna Tartt, Mark Helprin. Und vermutlich unzählige andere, die zu nennen hier den Rahmen sprengen würde.
_Alisha Bionda:_
Schreibst du lieber alleine oder gerne auch mit einem Co-Autor? Wenn ja, wer würde dich da reizen?
_ Christoph Marzi:_
Bisher habe ich nur eine einzige Geschichte mit jemand anderem zusammen geschrieben. Die Geschichte heißt „Passion Killer“. Die Idee und der Text entstanden gemeinsam mit Aino Laos (deren erste Veröffentlichung „Tranquil Gardens“ man bald genießen kann – sie erscheint in der Anthologie „Disturbania“, die von David Grashoff herausgegeben wird).
Ansonsten bin ich eher der Einzelkämpfer, was die Schreiberei angeht. Und die meisten Autoren, die ich kenne, sind das auch. Ich könnte mir gut vorstellen, gemeinsam mit Markus Heitz einen Hardcore-Horror-Thriller über mutiertes Gemüse in der Saar-Pfalz-Region zu schreiben („Grausige Gurken“ – klingt doch nach einer Menge Spaß, oder?!). Wie dem auch sei – ich denke, dass eine Zusammenarbeit von Autoren nur dann sinnvoll ist, wenn man gemeinsam und spontan eine Idee hat, die umzusetzen beiden Spaß machen würde. Bisher habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, wie diese Zusammenarbeit dann technisch aussehen könnte (wir haben es hier ja auch mit dem Problem völlig unterschiedlicher Sprachstile zu tun, die irgendwie zu etwas Neuem zusammenfließen müssen). Daher bleibe ich erst einmal bei meinen Geschichten.
Darüber hinaus habe ich in den letzten Monaten an einem Konzept gearbeitet, zu dem ich noch nicht viel sagen kann. Bei dieser Sache bin ich aber nur ein kleines Rädchen und der eigentliche Motor aus Rock & Funk ist jemand ganz anderer. Ich bin gespannt, wie die Sache sich entwickelt.
_Alisha Bionda:_
Gibt es Menschen, die dich bei deinem schriftstellerischen Werdegang unterstützt haben? Freunde, Familie, Kollegen? In deinen Anfängen und jetzt?
_ Christoph Marzi:_
Es gibt keine Zufälle. „Lycidas“ war die erste Geschichte, die entstand, nachdem ich Tamara kennen gelernt hatte. Vielleicht merkt man der Geschichte an, dass ich meinen Platz in der Welt gefunden habe, als ich sie zu schreiben begann. Und damit wären wir auch schon bei den Personen, die mich unterstützen. In erster Linie ist es meine Familie (Tamara und die Mädels), die der Motor des Schreibens sind. Sie hören als erste von den Ideen und sagen mir, was sie davon halten. Darüber hinaus habe ich mit Martina Vogl und Uta Dahnke (bei |Heyne|) und Christiane Düring (bei |Arena|) Lektorinnen, die für jede Idee offen sind und den Büchern ein schönes Zuhause geben.
_Alisha Bionda:_
Möchtest du den Lesern einen Einblick in deine kommenden Projekte gewähren, damit sie wissen, worauf sie sich freuen können?
_ Christoph Marzi:_
Anfang November 2008 erscheint bei |Heyne| „Scarlet“ (so lautet der bisherige Arbeitstitel). Ich kehre in die Welt der uralten Metropole zurück. Hauptsächlich geht es um Scarlet Hawthorne, die Tochter Mortimer Wittgensteins, die in Amerika lebt und es auf der Suche nach ihrer Vergangenheit mit einem mysteriösen Menschen namens Mr. Dream zu tun bekommt.
Nach „Scarlet“ werde ich ein Jugendbuch schreiben (einen Roman, der in sich abgeschlossen ist – mit Schnee). Irgendwann im Frühjahr 2009 sollte dann „Nightingale“ erscheinen (als kleines Hardcover bei |Arena|). Und im Juli 2009 sollte die zweite Geschichte fertig sein, die sich mit den Angehörigen der Familie Darcy aus Ravenscraig beschäftigt. So sehen die mittelfristigen Pläne aus. Wir werden Danny Darcy wiedersehen. Und definitiv Madame Redgrave. Erscheinen dürfte der Roman dann im Herbst 2009.
Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe von Kurzgeschichten, die hier und da in Anthologien erscheinen werden. Wie gesagt, ich denke mir andauernd Dinge aus.
_Alisha Bionda:_
Und abschließend: Wenn der Mensch Christoph Marzi drei Wünsche an die Zukunft frei hätte, welche wären das?
_ Christoph Marzi:_
Mit Wünschen verhält es sich wie mit Geheimnissen. Man sollte sie nur in Gedanken flüstern. Aber niemals jemandem verraten.
_Alisha Bionda:_
Vielen Dank, dass du dir Zeit für ein ausführliches Interview genommen hast.
[Zum ersten Teil des Interviews]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=87
Andreas Gruber wurde am 28.08.1968 in Wien geboren. Er studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien, arbeitet als kaufmännischer Angestellter in einem Teilzeitjob, hat einen Sohn und lebt verheiratet in Grillenberg in Niederösterreich.
1996 begann er mit dem Schreiben von Autorenportraits, die im Magazin |Space View| abgedruckt wurden. Ab 1997 verfasste er Kurzgeschichten für Fanzines wie |Fantasia|, |Nocturno|, |Sagittarius|, |Solar-X| und das |Andromeda|-SF-Magazin. 1999 war er mit einer Story Preisträger des [NÖ Donaufestivals.]http://www.donaufestival.at
Mittlerweile erschienen seine Kurzgeschichten in zahlreichen Magazinen, u. a. |Alien Contact|, |Nova|, |Omen|, |phantastisch!| und |Space View|, sowie in Anthologien der Verlage |Aarachne|, |Abendstern|, |Basilisk|, |BeJot|, |Bielefeld|, |BLITZ|, |Lacrima|, |Midas|, |Richter|, |Schröter|, |Shayol|, |Storia|, |UBooks|, |VirPriV|, |Wurdack| und |Ulmer Manuskripte|.
Sein Kurzgeschichtenband „Der fünfte Erzengel“ (|Shayol|, derzeit in 2. überarb. Aufl.) wurde zum |Deutschen Phantastik-Preis| 2001 nominiert und erreichte den 4. Platz. Mit seinem zweiten Kurzgeschichtenband „Die letzte Fahrt der Enora Time“ (|Shayol|, derzeit in 2. überarb. Aufl.) erzielte er 2002 den 1. Platz beim |Deutschen Phantastik-Preis| in den Kategorien „Beste Kurzgeschichte“ und „Beste Kollektion“, sowie den 2. Platz beim |Deutschen Science-Fiction-Preis| und den 3. Platz beim |Kurd-Lasswitz-Preis|.
Die phantastische Detektiv-Kurzgeschichten-Serie „Jakob Rubinstein“ erschien im |Basilisk|-Verlag und erzielte beim |Deutschen Phantastik-Preis| 2004 den 4. Platz.
Der Roman „Der Judas-Schrein“ erschien im April 2005 als Hardcover im |Festa|-Verlag und gewann 2006 den |Deutschen Phantastik-Preis| in der Kategorie „Bestes Roman-Debut“. Danach Arbeitsstipendium Literatur 2006, österreichisches Bundeskanzleramt. Ende 2007 erschien der Roman „Schwarze Dame“ im |Festa|-Verlag und Anfang 2008 der Roman „Das Eulentor“ im |BLITZ|-Verlag. Für das dritte Quartal 2008 ist der Roman „Die Engelsmühle“ im |Festa|-Verlag in Vorbereitung.
|Die Biographie wurde der offiziellen Autoren-Website http://www.agruber.com entnommen und geringfügig bearbeitet.|
_Zweiter Teil des Interviews mit Andreas Gruber, geführt von Alisha Bionda am 5. März 2008_
_Alisha Bionda:_
Nachdem wir im ersten Teil über dich als Mensch, deine Hobbys und Kurzgeschichten gesprochen haben, möchte ich jetzt näher auf deine Romane eingehen. Der erste, den ich von dir las, war „Jakob Rubinstein“, der im Mai 2003 im |Basilisk|-Verlag erschien und fünf Phantastik-Krimis des jiddischen Privatdetektivs aus den düsteren Ecken Wiens beinhaltet. Mit Jakob Rubinstein hast du einen Charakter mit Herz, Humor, Verstand und vor allem liebenswerten Marotten geschaffen, von dem man gerne mehr gelesen hätte. Ist da irgendwann eine Fortsetzung angedacht? Bestenfalls als komplexer Roman?
_Andreas Gruber:_
„Jakob Rubinstein“ war ja streng genommen kein Roman, sondern ein Episodenroman. Der dicke jiddische Detektiv und sein homosexueller Bekannter, der Kolumnist Nicolas Gazetti, mussten fünf mysteriös-phantastische Fälle lösen. Grundsätzlich hatte ich schon damals eine Idee für einen Roman, der damit beginnen sollte, dass Rubinsteins drei Goldfische Sammy, Davis und Junior entführt werden. Doch zu dem Roman ist es nie gekommen, da mir die Arbeit an „Der Judas-Schrein“ dazwischenkam.
_Alisha Bionda:_
„Der Judas-Schrein“, dein erster düster-phantastischer Roman – ich mag ihn nicht in das Genre Horror eingliedern, das würde ihm nicht gerecht -, erschien dann als Hardcover im |FESTA|-Verlag in „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Frank Festa?
_Andreas Gruber:_
Das ist eine lange Geschichte, aber ich versuche, mich kurz zu fassen: Frank Festa hat mir vor vielen Jahren das Angebot gemacht, als Herausgeber und Redakteur eines Horror-Magazins zu fungieren. Ich hatte jedoch mit der Begründung abgelehnt, dass ich lieber selbst Storys schreibe als welche herauszugeben. Im Jahr darauf kam dann das damals für mich großartige Angebot, als Co-Autor bei einer Serie mitzuschreiben. Das Konzept war gut, der Hauptautor ein erfahrener Schreiber, doch je mehr wir Story und Charaktere entwickelten, desto mehr entfernte sich die Geschichte von jenen Ideen, die ich gerne umsetzen wollte. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem die Story nicht mehr meine war. Daher verließ ich das Boot noch während der Entwicklungsphase. Ein halbes Jahr später schlug ich Frank Festa dann die Idee zu einem eigenständigen Roman vor. Es war die Plot-Idee zu „Der Judas-Schrein“.
_Alisha Bionda:_
Hattest du das Manuskript da schon fertig? Oder hast du den Roman speziell für diese Reihe geschrieben?
_Andreas Gruber:_
Zunächst erstellte ich nur das fünfseitige Exposé und die Dossiers der wichtigsten Protagonisten, dann kamen die Recherchen, danach folgte der Autorenvertrag, und erst dann begann ich mit dem Schreiben. Hätte Frank zuvor gewusst, dass ich ein 450-Seiten-Manuskript abliefern würde, hätte er den Vertrag wahrscheinlich rasch durch den Papiershredder gejagt.
_Alisha Bionda:_
Ich oute mich da gerne, dass mir „Der Judas-Schrein“ sehr gut gefallen hat, von der Stimmung und der Atmosphäre her, aber auch, wie du den Lovecraft’schen Plot umgesetzt hast. Besonders angesprochen hat mich dann auch das offene Ende, das Raum für eine Fortsetzung ließe. Wurden dahingehend schon Leserstimmen laut, die eine solche fordern? Kann man damit rechnen?
_Andreas Gruber:_
Ich denke, wer das Epilog-Kapitel von „Der Judas-Schrein“ kennt, weiß, dass der Roman abgeschlossen ist und es keine Fortsetzung geben kann. Natürlich ist, gerade im Horror-Genre, immer eine Fortsetzung möglich, aber „Der Judas-Schrein“ ist eine in sich geschlossene Story, das Ende ist zwar absichtlich ein wenig offen, aber das ist ja gerade das Schreckliche daran, weil man trotzdem genau weiß, was los ist, was mit Körner passieren wird und wer hinter den Machenschaften steckt … Trotzdem haben Frank Festa und ich vor Jahren über eine eventuelle Fortsetzung nachgedacht. Das Gespräch dauerte aber nicht lange, denn wir waren einer Meinung. Es sollte kein zweiter Aufguss erfolgen, der versucht, an den Erfolg des Romans anzuknüpfen. „Der Judas-Schrein“ sollte selbständig für sich stehen bleiben. Lieber Zeit und Hirnschmalz in ein völlig neues Projekt investieren.
_Alisha Bionda:_
„Der Judas-Schrein“ erschien im |FESTA|-Verlag auch als Paperback. Ist es eine reine Neuauflage oder wurde der Roman überarbeitet? Wenn ja, inwieweit?
_Andreas Gruber:_
Es wurde nichts am Manuskript verändert. Frank schlug zwar die Idee vor, den Roman eventuell zu kürzen, aber ich habe mich dagegen entschieden. Es gibt so viele Leser, denen das Buch gefällt, weil sie – wie du vorhin selbst sagtest – die Stimmung und die Atmosphäre so sehr lieben, dass ich nichts daran ändern wollte.
_Alisha Bionda:_
Im |FESTA|-Verlag erschien Ende 2007 mit „Schwarze Dame“ ein Psychothriller, der von dem Privatermittler Peter Hogart handelt, der beauftragt wird, in Prag nach einer Kollegin zu suchen, die in einem Fall von Versicherungsbetrug ermittelte und spurlos verschwand. Das „SF-Radio.net“ sagt unter anderem über diesen Roman, dass es dir bis weit in das letzte Drittel des Buches gelingt, nicht nur deine Protagonisten zu täuschen, sondern vor allem auch die Leser immer wieder mit falschen oder unvollständigen Hinweisen in die Irre zu führen und dass „Schwarze Dame“ handlungstechnisch dein bislang ambitioniertester Roman ist. Siehst du das auch so? Hast du dich in diesen Roman besonders „eingebracht“?
_Andreas Gruber:_
Vor Jahren, als ich noch keine Storys geschrieben hatte, habe ich nie verstanden, warum Autoren auf die Frage, was sie für ihr bislang bestes Buch halten, immer die gleiche Antwort gaben, und zwar: Das Buch, an dem sie gerade arbeiteten. Mittlerweile weiß ich, dass das keine leere Phrase, sondern tatsächlich so ist. Wie alle Autoren, so versuche auch ich, mich in jedes Projekt besonders reinzuknien und das nächste Buch besser zu machen als das vorherige. Natürlich war das bei „Schwarze Dame“ genauso. Ich habe versucht, interessante, lebendige Charaktere zu zeichnen, einen spannenden und interessanten Plot bis zur letzten Seite zu entwerfen, ihn mit ungewöhnlichen Schauplätzen und stimmigen Recherchen zu hinterfüttern, dabei aber keine angloamerikanischen Mainstream-Thriller zu kopieren, sondern etwas Erfrischendes, Neues zu erschaffen. Große Worte, ich weiß. Aber das war zumindest das Ziel, das ich mir für dieses Buch gesteckt hatte. Ob es mir gelungen ist, kann ich nicht beantworten, das wissen die Leser besser als ich.
_Alisha Bionda:_
Was hat dich an dem Plot am meisten gereizt?
_Andreas Gruber:_
Die neuen Wendungen, die die Handlung mit sich brachte. Der Plot verlässt ja nie die Erzählperspektive von Peter Hogart – insofern ist es ein geradlinig erzählter Roman ohne Rückblenden oder Nebenplots. Umso mehr habe ich daher versucht, der Handlung mit mehreren so genannten Plot-Twists eine gewisse Dynamik zu verleihen, sodass der Leser nie weiß, wie es nun weitergeht, oder was als nächstes passieren wird.
_Alisha Bionda:_
Haben sich die oben angeführten „Täuschungsmanöver“ während des Schreibens entwickelt – sprich per Eigendynamik – oder war das Exposé von Anfang an von dir so festgelegt?
_Andreas Gruber:_
Täuschungsmanöver am Protagonisten oder am Leser, die sich beim Schreiben als Eigendynamik entwickeln, gehen doch meistens in die Hose. Wenn am Schluss eines Films oder eines Romans sich plötzlich eine völlig unplausible Wendung ergibt, weil der Gute in Wahrheit der Böse ist, oder umgekehrt, und sich diese Wendung während des gesamten Romans nie abgezeichnet hat, dann wird der Leser meines Erachtens für dumm verkauft. Filme wie „Fight Club“ oder „The Sixth Sense“, die meiner Meinung nach die besten Pointen der letzten Jahre zu bieten hatten, waren im Handlungsverlauf so plausibel, dass die Schlusspointe eine logische Folge war, die sogar angedeutet wurde, aber dennoch so raffiniert versteckt war, dass man sie nicht finden konnte. Das ist, glaube ich, die große Kunst: eine Überraschung aus dem Hut zu zaubern, die plausibel und logisch ist, aber nicht gleich vom Leser entdeckt wird. Und so etwas ergibt sich nicht einfach beim Schreiben. Da muss man schon lange darüber im Exposé brüten und alles bis ins kleinste Detail ausarbeiten – falls es überhaupt klappt.
_Alisha Bionda:_
Ebenfalls bei |FESTA| geplant ist nun mit „Die Engelsmühle“, der zweite Fall des Privatermittlers Peter Hogart, der im September 2008 erscheinen soll. Was erwartet den Leser da? Gibst du den Lesern einen kleinen „Appetizer“?
_Andreas Gruber:_
Natürlich gern: Der Versicherungsdetektiv Peter Hogart bleibt diesmal in Wien. In „Schwarze Dame“ habe ich ihn ins Ausland, auf fremdes Terrain, nach Prag geschickt, diesmal bleibt er in seiner gewohnten Umgebung. Es beginnt damit, dass der pensionierte Rückenmarksspezialist Abel Ostrovsky in seiner Villa am Stadtrand Wiens brutal gefoltert und ermordet wird. Vor seinem Tod kann er noch ein Videoband verstecken. Auf der Suche nach diesem Film zieht der Killer eine blutige Spur durch die Stadt. Peter Hogart und sein Bruder Kurt finden das Video vor dem Mörder und werden so selbst zur Zielscheibe. Allerdings ist auf dem Film nur eine neunminütige Schwarzweiß-Sequenz zu sehen: Der schäbige Raum eines Krankenhauses, durch den eine Frau im Rollstuhl fährt. Mehr will ich aber nicht verraten, denn dann kommt schon die erste Überraschung.
_Alisha Bionda:_
War von Anfang an mehr als ein Hogart-Band bei |FESTA| geplant oder hat sich das während der Entstehungsphase von „Schwarze Dame“ so ergeben? Vor allem, sind da noch weitere geplant? Sozusagen eine „Hogart-Reihe“?
_Andreas Gruber:_
Ich war in Leipzig bei einer Buchpräsentation von „Der Judas-Schrein“. Am Nachmittag vor der Lesung war ich im Hause Festa zur Kaffeejause eingeladen. Dort besprachen wir das Konzept für zwei Peter-Hogart-Romane und unsere beiden Ehefrauen plauderten fröhlich mit, was ich besonders lustig fand. So entstanden die Idee, das Genre, die Atmosphäre und die Richtung, in die beide Bücher gehen sollten. Ob man schon von einer „Hogart-Reihe“ sprechen kann, weiß ich noch nicht. Es gibt bislang nur Verträge für zwei Romane. Eine dritte Idee spukt mir zwar vage durch den Kopf, die ist aber noch nicht im Detail ausformuliert.
_Alisha Bionda:_
Wie sich erkennen lässt, ist deine Zusammenarbeit mit |FESTA| wohl langfristiger angelegt oder irre ich da?
_Andreas Gruber:_
Jetzt heißt es mal abwarten und Tee trinken. Abwarten, wie gut sich „Schwarze Dame“ verkauft, wie die Peter-Hogart-Fortsetzung „Die Engelsmühle“ bei den Lesern ankommt, und ob das Publikum noch einen dritten Band wünscht.
_Alisha Bionda:_
Was besonders bei den drei neuen FESTA-Romanen von dir auffällt, sind die äußerst ansprechenden Cover. Wurdest du in die Motivauswahl eingebunden oder waren sie reine Verlagsentscheidungen?
_Andreas Gruber:_
Nach dem Erfolg von „Der Judas-Schein“, mit dem ja wirklich keiner gerechnet hatte, bot mir Frank Festa eine eigene Autoren-Layout-Reihe an, also sämtliche Bücher im selben Schriftzug mit Wiedererkennungswert. Frank hatte eine klipp und klare Vorstellung, was die Cover zum Ausdruck bringen sollten. Ich erhielt die Schriftzüge und Covermotive zur Ansicht, bei einem Roman sogar zwei Motive zur Auswahl, zu denen ich meine Meinung abgeben konnte. Obwohl mir das Lovecraft’sche Tentakelwesen auf dem Judas-Schrein-Hardcover gefiel, bin ich mit der neuen subtilen Layoutreihe mehr als zufrieden. Die Cover gefallen mir ausgesprochen gut, und ich kann sie sogar meiner Mutter zeigen, ohne dass sie in Ohnmacht fällt.
_Alisha Bionda:_
Du erwähntest einmal deinen Qualitätsanspruch. Inwieweit liegt dieser auch bei der Gestaltung deiner Titel vor? Welche Wünsche/Ansprüche erhebst du dort? Legst du zum Beispiel Wert auf Innenillustrationen, wie ich es im Falle des Romans „Das Eulentor“ mit Mark Freier zusammen erarbeitet habe? Bevorzugst du – wenn überhaupt – eher Grafiken wie die angesprochenen von Mark Freier oder eher Illustrationen? Und hast du einen bevorzugten Künstler?
_Andreas Gruber:_
Nein, überhaupt nicht. Mir gefallen zwar die Grafiken von Mark Freier und Rainer Schorm besonders gut, aber da ich bisher nur Werke von Künstlern gesehen habe, die wirklich gut sind, könnte ich mich gar nicht entscheiden. Ich würde also nie im Leben sagen: „Um Gottes Willen, die Werke dieses oder jenes Malers kommen nur über meine Leiche aufs Buch.“ Wichtig ist nur: Das Motiv sollte zur Handlung passen, der Stil zum Logo und zur Buchreihe. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Leser durch Coverbilder in die Irre geführt werden. Beispielsweise entscheidet – zumindest bei mir – beim Kauf eines Buches auch das Auge mit. Besonders irritierend finde ich etwa Covers mit Weltraumschlachten bei SF-Romanen, in denen dann keine Weltraumschlacht vorkommt.
_Alisha Bionda:_
Ein düster-phantastischer Abenteuerroman in der Tradition von Jules Verne erschien mit „Das Eulentor“ unlängst von dir im |BLITZ|-Verlag. Was hat dich dazu bewogen, diese Thematik zu wählen? Kannst du bitte erläutern, wie es zu der Idee des Romans kam?
_Andreas Gruber:_
In der bunten Wochenendbeilage der Zeitung habe ich einmal einen Querschnitt der Erde gesehen. Zufällig lag der Kugelschreiber fürs Kreuzworträtsel darüber, und es sah so aus, als würde ein Tunnel quer durch den Planeten führen. Also war die Idee geboren, dass es einen solchen Schacht tatsächlich gäbe, möglichst weit oben im Norden, wo es kalt und unwirtlich ist, und dass er erforscht werden müsse. Ich hatte bereits damit begonnen, ein Exposé für einen Roman zu entwerfen, der in der Gegenwart spielen sollte, als ich von dir das Angebot für einen Roman in der Poe-Reihe des |BLITZ|-Verlags bekam. Ich beschäftigte mich also mit den Werken von Poe, Verne und Mary W. Shelley, um ein Gespür für das Thema zu bekommen, erinnerte mich aber zugleich an das Exposé mit dem Schacht im Ewigen Eis. Schließlich verlagerte ich die Handlung ins Jahr 1911, wo der Schacht mit dampfbetriebenen Gondeln erforscht werden sollte. Der Roman erschien dann zwar nicht wie geplant in der Poe-Reihe, sondern in der neuen Horror-Hardcover-Reihe bei |BLITZ| – doch so kam er jedenfalls zustande.
_Alisha Bionda:_
Ich weiß, dass dich der Roman einiges an Recherche gekostet hat.
_Andreas Gruber:_
Ja, da galt es einerseits, die technischen Möglichkeiten jener Zeit herauszufinden, wie man einen solchen Schacht erforschen konnte, bei denen mir Kurt Kobler, ein befreundeter SF-Fan, behilflich war. Andererseits bat ich meinen ehemaligen Physikprofessor Viktor Schädel um Rat, wie sich Temperatur, Anziehungskraft und Luftdruck in siebzig Kilometern Tiefe verändern könnten – und das war gar nicht so einfach, weil sich die Meinungen teilten. Und zuletzt ging es noch darum, eine Arktisexpedition jener Zeit so wahrheitsgetreu wie möglich zu schildern. Dabei waren mir zahlreiche Bücher über die Expeditionen von Amundsen, Scott, Shackleton und Valerian Albanow behilflich. Es ist schrecklich, manche von ihnen kämpften jahrelang im Ewigen Eis ums Überleben, weil sie einfach keinen Weg heraus fanden.
_Alisha Bionda:_
Wie gestaltet sich bei dir die Endphase der Arbeit an einem Roman?
_Andreas Gruber:_
Kurz vor dem Abgabetermin beim Verlag drucke ich mir das Manuskript aus, um es noch einmal zu lesen. Ich korrigiere herum. Dann gebe ich es noch einem Testleser zu lesen. Sicherheitshalber. Warte seine Meinung ab, diskutiere mit ihm und korrigiere wieder herum. Eigentlich müsste ich das Buch schon längst abgeben, aber es gibt noch ein paar Ecken, die mir nicht gefallen. Also lese ich ein Schreibbuch, beispielsweise von Albert Zuckerman oder Christopher Vogler, um mich inspirieren zu lassen. Dann wird noch einiges in den Kapiteln umgestellt, nichts Großes, nur Kleinigkeiten, die der Leser vermutlich nicht einmal bemerken würde. Aber ich habe das Gefühl, dass der Roman dann hundertprozentig fertig ist. Besser kann ich es nicht. Dann schicke ich das Manuskript an den Verlag.
_Alisha Bionda:_
Wie ist dein Empfinden nach Beendigung eines Romans? Kannst du gut „loslassen“? Mir persönlich fällt das hin und wieder schwer, und es ist beinahe so, als müsse ich einen guten Freund ziehen lassen. Wie sieht das bei dir aus?
_Andreas Gruber:_
Wenn das Manuskript den PC über die Telefonleitung verlassen hat, lehne ich mich erstmal zurück und entspanne mich. Ich gönne mir ein paar Tage Faulenzen und verbringe die Zeit mit Fernsehen oder Lesen. Es ist eine Art Erleichterung, wieder einen Teil erledigt zu haben, eine Storyidee endlich abgeschlossen zu haben – so als würde man die Festplatte eines PCs neu formatieren. Der Roman ist weg, und mein Kopf ist frei für neue Dinge. Endlich kann ich etwas Neues beginnen, das mich schon seit Monaten unter den Fingern juckt.
_Alisha Bionda:_
Was zeichnet für dich die Zusammenarbeit mit Kleinverlagen aus?
_Andreas Gruber:_
Ich erinnere mich gern daran, wie du mir angeboten hast, einen Roman für den |BLITZ|-Verlag zu schreiben. Ich habe den Wortlaut nicht mehr genau im Kopf, aber in der E-Mail stand ungefähr Folgendes: „Du hast jeglichen Handlungsfreiraum, keine Einschränkungen, kannst sogar das Seitenlimit sprengen, falls erforderlich, allerdings müsste das Skript in die Poe-Reihe passen.“ Das sind die Zauberworte, die meinen kreativen Motor anwerfen und zum Glühen bringen, bis die Bolzen davonfliegen. Die Arbeit mit Klein- und Mittelverlagen zeichnet sich für mich genau dadurch aus. Man kann sich künstlerisch entfalten, austoben und richtig gehen lassen.
_Alisha Bionda:_
Wie zufrieden bist du zum Beispiel mit der Vermarktung deiner Titel? Wo könnte deines Erachtens noch etwas verbessert werden?
_Andreas Gruber:_
Die Rezensionsexemplare sind raus, Kataloge erscheinen, Werbungen werden geschaltet, Pressebesprechungen werden online gestellt. Ich bin rundum zufrieden. Was kann man da noch mehr machen? Die Verleger tun alles, damit die Leser erfahren, dass das Buch am Markt existiert. Wenn es gut ist, stimmen die Verkaufszahlen. Meines Erachtens jammern die Verleger aber trotzdem viel zu viel – die typische Berufskrankheit eines Selbständigen. Wenn die nicht jammern, sind sie es nicht. Ich habe bisher nur eine einzige Ausnahme kennengelernt: Andreas Schröter, der Verlagsleiter des |Schreiblust|-Verlags. Er leistet professionelle Top-Arbeit, bringt voller Enthusiasmus schöne Anthologien heraus, jammert aber nicht. Stattdessen kniet er sich lieber voll ins Geschäft. Hier ist übrigens die Webseite seines Verlags: http://www.schreib-lust.de.
(Anmerkung A. B.: Da stimme ich Andreas Gruber zu. Ich habe auch schon mit Andreas Schröter zusammengearbeitet und er ist wirklich ein Paradebeispiel dafür, wie positiv eine Zusammenarbeit und der Umgang mit Menschen/Kollegen sein können.)
_Alisha Bionda:_
Wie weit bringst du dich in die PR ein? Hältst du regelmäßig Lesungen ab?
_Andreas Gruber:_
Ich hatte vor Jahren ein interessantes Schlüsselerlebnis. Und zwar telefonierte ich mit der Programmleiterin der österreichischen Buchhandelskette |Libro|, weil ich ihr ein Rezensionsexemplar eines meiner Bücher schicken wollte. Falls es ihr gefiele, könnte sie ja in Erwägung ziehen, es ins Sortiment aufzunehmen. So dachte ich mir das zumindest! Allerdings hat mich die Frau am Telefon – auf gut Deutsch – „zusammengeschissen“, weil ich ihre Zeit stehle. Würde das jeder Autor machen, hinge sie nur noch am Telefon. Allerdings dauerte die Moralpredigt zehnmal länger als meine Anfrage. Jedenfalls erklärte sie mir ausführlich, dass es zweimal jährlich Vertretertagungen gäbe, bei denen die reisenden Vertreter die Projekte mit Prospekten anbieten, und dann würde im Management entschieden, was im nächsten Jahr in die Läden kommt – oder so ähnlich. Seitdem halte ich mich aus dem Vertrieb raus. Je größer der Verlag wird, desto undurchsichtiger wird für mich der Dschungel des Vertriebs. Meine PR beschränkt sich auf Lesungen mit Signierstunden und auf meine Webseite, wo ich Leseproben und Rezensionen anbiete. Ich denke mir das so: Schuster bleib bei deinen Leisten und mache das, was du besser kannst: nämlich nicht Bücher verkaufen, sondern Bücher schreiben.
_Alisha Bionda:_
Wie ist das Feedback bei deinen Lesungen? Und wie der Kontakt zu deinen Lesern?
_Andreas Gruber:_
Hin und wieder traut sich jemand nach der Lesung zu mir, um mich anzusprechen. Darüber freue ich mich immer besonders, weil ich mit den Leuten gern plaudere. Ich rede auch gern vorher mit den Zuhörern, bevor ich ein Buch signiere, weil ich immer gern etwas Persönliches reinschreibe. Und was die Leser betrifft: Manchmal bekomme ich eine E-Mail von jemandem, der mir einfach nur schreiben möchte, dass ihm der Roman oder eine bestimmte Kurzgeschichte gefallen hat. Kommt zwar selten vor, aber dafür sind Freude und Überraschung umso größer.
_Alisha Bionda:_
Mit welchem Großverlag würdest du gerne zusammenarbeiten?
_Andreas Gruber:_
Ich habe die wahnwitzige Idee, für einem Großverlag zu arbeiten, der mir sagt: „Schreib das Buch so, wie du glaubst, dass es richtig ist“, ohne dass mir das Lektorat beispielsweise andere Charaktere einredet oder ein anderes Ende aufoktroyiert. Selbstverständlich muss ich von Lektoren noch unendlich viel lernen, was Stil, Plotstrukturen oder Charakterentwicklung betrifft. Ich bin nicht perfekt und werde es auch in zehn Jahren nicht sein, weil es immer etwas gibt, das man dazulernen muss, aber wie gesagt – ich möchte nicht in eine Richtung geführt werden, von der ich nicht überzeugt bin. Dann wäre es nicht mehr mein Buch.
_Alisha Bionda:_
Ich habe dir zwar in Teil eins unserer Interviews eine ähnliche Frage gestellt, aber in ausgewogenerer Form keimt sie gerade wieder in mir auf. Ich habe dich seinerzeit einmal darauf angesprochen, ob du in einer bestimmten Serie mitschreiben möchtest, und du hast mir einen „Korb“ gegeben. Fürchtest du da um deine schöpferische Freiheit? Hast du konkrete Vorstellungen über die unterschiedlichen Formen der Serienzusammenarbeit? Oder hast du dich rein vom „Bauch“ heraus dagegen entschieden?
_Andreas Gruber:_
Ich habe aus dem Bauch heraus „nein“ gesagt. Ich werde aber versuchen, es im Nachhinein rational zu begründen: Das Schwierige einer Serie ist für mich, dass viele Köche an einem Brei rühren. Was dabei rauskommt, ist nicht aus einem Guss – kann auch gar nicht aus einem Guss sein. Es gibt Höhen und Tiefen einer Serie, weil Subplots auf der Strecke bleiben, Charaktere sich plötzlich anders entwickeln oder anders geschildert werden, und vor allem gibt es Brüche im Erzählstil der Serie, weil jeder Autor eine unterschiedliche Schreibweise oder eine unterschiedliche Herangehensweise an das Thema hat. Der eine schreibt literarisch antiquiert, der andere hat einen saloppen, frechen, zynischen Stil und der dritte schreibt wiederum künstlerisch experimentell, knapp, pointiert und abgehackt. Jetzt kannst du natürlich argumentieren, dass gerade das den Reiz einer Serie ausmacht. Für mich als Leser ist das aber eher unbefriedigend. Da lese ich lieber die Serie eines einzigen Autors, wie beispielsweise die Hexer-von-Salem-Serie von Hohlbein oder die Mark-Brandis-Serie von Nikolai von Michalewsky. Und jetzt sag mir bloß nicht, Hohlbeins Hexer-Serie stammt von mehreren Autoren, denn das würde mein Weltbild zerstören.
(Anmerkung A. B.: Es gibt auch Serien, die nur von zwei Autoren bestritten werden, die sich so perfekt ergänzen, dass sie sich beide frei entfalten können und es dennoch oder genau aus dem Grund ein qualitativ hochwertigeres Ergebnis gibt – aber ansonsten stimmt es schon, ich möchte es modifizieren: die |falschen| Köche verderben sehr schnell den Brei. Aber dann muss man die Rezeptur möglichst rasch ändern. Ansonsten: Es kommt immer darauf an, wie sich solche Autoren ergänzen, so pauschal würde ich persönlich das nicht sehen. Das kommt dann auch auf die Serie und den Autor an.)
_Alisha Bionda:_
Was mich damals erstaunte, möchte ich in eine Zusatzfrage kleiden: Serienarbeit bietet dem Autor – zumindest in der damals von mir angefragten Form – ja die Möglichkeit, durch die Mitarbeit an dem Exposé einen oder mehrere Charaktere zu formen und vor allem mit mehr Muße auszubauen als in einem begrenzten Roman. Sprich, du wärest als Autor sozusagen an der Entwicklung beteiligt, was neue Wege bedeutete, woran man als Schriftsteller auch wachsen kann. Reizt dich das nicht?
_Andreas Gruber:_
Nein – und du hast dir die Antwort eigentlich schon selbst gegeben. Ich wäre als Autor an der Entwicklung „beteiligt“. Meine Ideen wären bloß ein Teil in einem Pool vieler Ideen. Bei einem Storybeitrag zu einer Themenanthologie ist das okay, im Rahmen einer Buchserie fühle ich mich aber nicht wohl. Ich bin nun mal ein sturer Hund, der nur dann Kompromisse eingeht, wenn er muss. Das bedeutet, dass ich nur dann etwas schreibe, wenn ich hundertprozentig überzeugt bin, dass es genau das ist, was ich machen will. Andernfalls ist es für mich Zeitverschwendung. Ich fürchte, das klingt jetzt etwas arrogant, was nicht beabsichtigt ist, daher möchte ich versuchen, es anders zu erklären: Ich wende für die Schreiberei irrsinnig viel Zeit auf – Freizeit, in der ich Bücher lesen, Filme sehen, Musik hören oder etwas mit Freunden oder der Familie unternehmen könnte. Aber es ist meine eigene Entscheidung, vor dem Monitor zu hocken, während andere an einem sonnigen Tag ins Freibad gehen. Ich habe es mir so ausgesucht. Und wenn ich in dieser Freizeit schreibe, muss es mir Spaß bereiten. Falls ich also an einer Serie mitarbeite, und plötzlich entscheidet das Autoren-Team, dass die Plotwendung in diese Richtung geht, sich jener Charakter so oder so entwickelt, Informationen an den Leser an einer anderen Stelle platziert werden, um sie früher oder später zu ernten – und ich mich mit diesen Dingen nicht identifizieren kann -, würde ich nur noch mit Widerwillen weiterschreiben.
_Alisha Bionda:_
Und abschließend zu der Thematik: Wenn ich heute noch einmal „anklopfen“ würde, wäre die Antwort wieder ein klares „No“ oder mittlerweile ein „Vielleicht“?
_Andreas Gruber:_
Manche Autoren sind gesellige Serienschreiber, manche Autoren schreiben lieber allein. Ich gehöre zu Letzteren, daher leider wieder: No.
_Alisha Bionda:_
Du sagst ja selbst, dass dir – als Leser – Crossovergeschichten, aber auch solche Romane gefallen. Du selbst spielst ja auch mit den Genres, mischst sie. Gibt es eine „Kombination“, die dich besonders reizen würde? Oder gibt es ein Genre, in das du noch gerne vorstoßen würdest?
_Andreas Gruber:_
Steampunk klingt interessant. Für dieses Genre habe ich bisher nur ein oder zwei Kurzgeschichten geschrieben. Aber ein utopischer Roman, der im viktorianischen London des Jahres 1888 spielt, würde mich reizen. Stell dir vor, Jack the Ripper hätte einen mit Dampf betriebenen Teleporter oder etwas Ähnliches. Aber ich habe natürlich keine Ahnung, ob die Idee nicht schon jemand anders vor mit hatte.
_Alisha Bionda:_
Wie sieht im Allgemeinen deine Planung aus? Legst du grob fest, wie viele Projekte du im Jahr bewältigen möchtest/kannst? Sprich, wie gehst du da vor?
_Andreas Gruber:_
Wie der Tausendfüßler: Ein Schritt nach dem anderen. Im Durchschnitt arbeite ich an einem Roman zwischen neun und zwölf Monate, falls mir keine Kurzgeschichten dazwischenkommen. Zeitweise überschneidet sich die Arbeit an zwei Büchern, weil bei einem das Endlektorat ansteht, während ich beim nächsten bereits die Recherchen beendet habe und am Prolog schreibe. Im Grunde genommen habe ich nur einen Zwei-Jahres-Plan, was ich als nächstes gern machen möchte, und einen Kopf voller Ideen. Aber leider geht nicht alles gleichzeitig, also muss ich Prioritäten setzen, das heißt, ich mache jenes Projekt als nächstes, das mir am meisten unter den Fingern brennt und sich mit einem Autorenvertrag fixieren lässt.
_Alisha Bionda:_
Lieber Andreas, vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deinen Projekten und mir weiterhin Bücher von dir – und möchte in absehbarer Zeit in Teil drei des Interviews (und danach sporadisch in Folge) über deine neusten Aktivitäten mit dir plaudern.
|Derek Meister wurde 1973 in Hannover geboren. Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft für das Geschichtenerzählen und den Film. So entstanden in den 1980ern erste „Drehbücher“ und mit Freunden erste Spielfilme auf Super-8 im Wald hinterm Haus.
Die frühen Versuche verschlugen ihn 1995 an die Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam/Babelsberg. Dort studierte er Film- und Fernsehdramaturgie. Schon während des Studiums wurden erste Drehbücher unter anderem vom ZDF realisiert. 2003 beendete Derek Meister sein Studium zum Film- und Fernsehdramaturgen mit Diplom.
Er entwickelte die Krimiserie „Mit Herz und Handschellen“ mit, die 2003 erfolgreich auf |Sat.1| lief und wurde mit „Weg!“ für den FirstSteps-Preis nominiert. Außerdem gewann das Spiel „Wiggles“, für das er das Drehbuch verfasste, zahlreiche Branchenpreise.
Bekannteste Werke sind die historischen Kriminalromane um den Lübecker Kaufmann Rungholt. Der Band „Rungholts Ehre“ wurde für den Friedrich Glauser-Preis in der Sparte „Bestes Krimi-Debüt“ nominiert.
Derek Meister ist verheiratet und arbeitet seit 1999 als freier Autor in Berlin.|
_Michael Sterzik:_
Guten Tag, Herr Meister. Was machen Sie gerade? Sind Sie zu Hause? Fühlen Sie sich an ihrem derzeitigen Wohnort wohl? Wo ist dieser zurzeit überhaupt?
_Derek Meister:_
Vor kurzem sind meine Frau und ich von Berlin weggezogen aufs Land, nach Niedersachsen. Noch ist nicht alles an seinem Platz, aber ich genieße es sehr hier. Die Spaziergänge mit unserem Hund über die Felder bringen immer wieder frischen Wind in meine Gedanken.
_Michael Sterzik:_
Ich gratuliere zu den aktuellen Erfolgen!
_Derek Meister:_
Vielen Dank.
_Michael Sterzik:_
Schon „Rungholts Ehre“ lief ausgesprochen gut und auch der zweite Teil der Historischen Krimireihe, „Rungholts Sünde“, wurde begeistert von den Lesern aufgenommen. Was erwartet diese in „Knochenwald“? Wird der dritte Roman die Charaktere vertiefen und noch mehr von Rungholts Persönlichkeit preisgeben?
_Derek Meister:_
In „Knochenwald“ ist Rungholts Verhältnis zu Kirche, Glaube und Aberglaube Thema. Er kommt nach München, um sich endlich durch eine Absolution von seiner schweren Sünde zu befreien. Natürlich erfährt man auch hier etwas mehr über Rungholt, seine Denke, seine Welt. Wir lernen zum Beispiel seine erwachsene Tochter Margot kennen und erfahren, wie Rungholt über ihre Ehe mit einem armen Flößer denkt. Das Schöne an einer solchen Reihe ist ja gerade, dass man tiefer und tiefer in die Figuren gehen und sie von immer mehr Seiten beleuchten kann.
_Michael Sterzik:_
Was verbindet Sie mit Lübeck? Warum lassen Sie die Geschichte um den bärbeißigen Kaufmann Rungholt in dieser schönen und geschichtsreichen Hansestadt spielen?
_Derek Meister:_
Zuerst ergab sich Lübeck aus den Recherchen zum ersten Band als Haupthandlungsort – wer etwas zur Hansezeit spielen lassen möchte, kommt um die „Königin der Hanse“ kaum herum. Vor der Arbeit an Rungholt hatte ich Lübeck noch nicht besucht. Doch durch die Recherche-Reisen nach Lübeck ist mir die Stadt sehr ans Herz gewachsen. Und ich freue mich immer wieder, wenn ich sie besuchen kann.
_Michael Sterzik:_
Ist Rungholt charakterlich mit Ihnen verwandt?! Finden Sie sich in dieser Person wieder?
_Derek Meister:_
Nein. Meine Frau meint, dass Rungholts Schussligkeit, seine Brille immer zu verlegen, ebenso eine Macke von mir sei. Vielleicht hat sie Recht …
_Michael Sterzik:_
Wie sind Sie dazu gekommen, im historischen Genre eine Krimireihe zu schreiben? Gerade im historischen Bereich erfordert das ja eine Menge an Recherchearbeit, um authentisch zu erzählen.
_Derek Meister:_
Und genau darauf habe ich mich gefreut. Vor Rungholt habe ich hauptsächlich für das Fernsehen moderne Stoffe geschrieben, allerdings auch Krimis. Aber ich wollte endlich einmal in andere Welten als das Hier und Jetzt tauchen, recherchieren und fremde (historische) Sujets schaffen – und endlich einmal nicht aufs Budget achten müssen.
_Michael Sterzik:_
Wie viele Romane haben Sie mit Rungholt geplant und werden diese immer in Lübeck spielen?
_Derek Meister:_
Rungholt ist und bleibt ein Hanser. In „Knochenwald“ zieht er ja bereits in den Süden, und als Kaufmann könnte Rungholt viel herumkommen – aber er scheut ja das Wasser! Und Lübeck ist und bleibt seine Heimat. Gerade schreibe ich den vierten Band, der wieder in Lübeck spielt.
_Michael Sterzik:_
Warum haben Sie für den dritten Band nicht Hamburg oder eine andere Hansestadt an der Ostseeküste gewählt?
_Derek Meister:_
Ich wollte Rungholt bewusst in die Fremde schicken, einmal ohne seinen gewohnten Rückhalt agieren lassen. Dass er dann bis nach München reisen musste, ergab sich durch das Gadenjahr, das tatsächlich 1392 in München stattfand, und das ja ganz wunderbar zu seinem Wunsch nach Absolution passte.
_Michael Sterzik:_
Sie sind ein erfahrener und recht erfolgreichen Drehbuchautor. Planen Sie, die Rungholt-Reihe zu verfilmen?
_Derek Meister:_
Nein. Ursprünglich hat mich auch die „Unverfilmbarkeit“ gereizt, denn eine authentische und atmosphärische Ausstattung würde doch ein üppiges Budget erfordern. Wenn dies jedoch jemand bereit ist aufzubringen, lasse ich mit mir handeln. Keine Frage.
_Michael Sterzik:_
Sie hatten vor Kurzem eine Lesung in Lübeck, in der St.-Petri-Kirche. Und diese war ein voller Erfolg. Welches Gefühl hatten Sie dabei, vor ca. 600 Menschen „Rungholt“ vorzulesen, ein Heimspiel für Ihren Protagonisten?
_Derek Meister:_
Mir ist schon das Herz in die Hose gerutscht. Vor so vielen Leuten hatte ich noch nie gelesen. Aber ich bin froh, wenn die Lesung den Zuhörern Spaß gemacht hat. Die Atmosphäre in der schönen Hallenkirche war großartig und die Lübecker sind immer ein tolles Publikum.
_Michael Sterzik:_
Ihre Frau und Sie sie schreiben für Kinder die Reihe „Drachenhof Feuerfels“. War es Ihre eigene Idee oder hat Sie Ihre Frau in diese phantastische Welt geschubst?
_Derek Meister:_
Eine Welt zu haben, in der es keine Pferde gibt, dafür aber nur Drachen, war zuerst meine Idee, doch in langen Spaziergängen haben wir zusammen die konkrete Welt des Grinfjördtals und die Heldinnen entwickelt.
_Michael Sterzik:_
Wird es beispielsweise eine Zeichentrickserie von dieser Reihe geben?
_Derek Meister:_
Noch nicht. Nein. Denkbar wäre dies aber durchaus.
_Michael Sterzik:_
Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur erlebt seit der Geburt von „Harry Potter“ einen wahren Aufschwung. Meinen Sie, dieser sich noch weiter entwickeln wird?
_Derek Meister:_
Das ist schwer zu sagen, auf jeden Fall verwischen seit Harry Potter mehr und mehr die Grenzen zwischen „Kinderbuch“ und „Erwachsenenliteratur“, was ich persönlich für eine gute Entwicklung halte. Ich selbst habe diese Unterscheidungen niemals wirklich gemacht. Wenn eine Geschichte spannend ist, sollte es Erwachsenen nicht peinlich sein müssen, sie zu lesen, nur weil „Kinderkram“ wie Hexen und Zauberer darin vorkommen.
_Michael Sterzik:_
Welche Drehbücher haben Sie in Planung? Werden das Kino- oder eher Fernsehfilme werden?
_Derek Meister:_
Momentan schreibe ich neben den Büchern für verschiedene Fernsehsender. Im Herbst 2008 wird voraussichtlich ein TV-Movie von mir bei |RTL| laufen: „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“.
_Michael Sterzik:_
Wie sieht Ihr Tagesablauf aus? Schreiben Sie jeden Tag und dann gleichzeitig an mehreren Projekten?
_Derek Meister:_
Bis auf die Wochenenden habe ich jeden Tag ein Pensum von ca. 2000 Wörtern, das ich versuche einzuhalten. Neben den Büchern arbeite ich meistens parallel auch an einem Drehbuch. Aber ich blocke die Tage oder Wochen lieber, denn ständig in den Stoffen zu springen, ist nicht unbedingt meins.
_Michael Sterzik:_
Vielen Dank für das Interview, Herr Meister!
Andreas Gruber wurde am 28.08.1968 in Wien geboren. Er studierte an der Wirtschaftsuniversität Wien, arbeitet als kaufmännischer Angestellter in einem Teilzeitjob, hat einen Sohn und lebt verheiratet in Grillenberg in Niederösterreich.
1996 begann er mit dem Schreiben von Autorenportraits, die im Magazin |Space View| abgedruckt wurden. Ab 1997 verfasste er Kurzgeschichten für Fanzines wie |Fantasia|, |Nocturno|, |Sagittarius|, |Solar-X| und das |Andromeda|-SF-Magazin. 1999 war er mit einer Story Preisträger des [NÖ Donaufestivals.]http://www.donaufestival.at
Mittlerweile erschienen seine Kurzgeschichten in zahlreichen Magazinen, u. a. |Alien Contact|, |Nova|, |Omen|, |phantastisch!| und |Space View|, sowie in Anthologien der Verlage |Aarachne|, |Abendstern|, |Basilisk|, |BeJot|, |Bielefeld|, |BLITZ|, |Lacrima|, |Midas|, |Richter|, |Schröter|, |Shayol|, |Storia|, |UBooks|, |VirPriV|, |Wurdack| und |Ulmer Manuskripte|.
Sein Kurzgeschichtenband „Der fünfte Erzengel“ (|Shayol|, derzeit in 2. überarb. Aufl.) wurde zum |Deutschen Phantastik-Preis| 2001 nominiert und erreichte den 4. Platz. Mit seinem zweiten Kurzgeschichtenband „Die letzte Fahrt der Enora Time“ (|Shayol|, derzeit in 2. überarb. Aufl.) erzielte er 2002 den 1. Platz beim |Deutschen Phantastik-Preis| in den Kategorien „Beste Kurzgeschichte“ und „Beste Kollektion“, sowie den 2. Platz beim |Deutschen Science-Fiction-Preis| und den 3. Platz beim |Kurd-Lasswitz-Preis|.
Die phantastische Detektiv-Kurzgeschichten-Serie „Jakob Rubinstein“ erschien im |Basilisk|-Verlag und erzielte beim |Deutschen Phantastik-Preis| 2004 den 4. Platz.
Der Roman „Der Judas-Schrein“ erschien im April 2005 als Hardcover im |Festa|-Verlag und gewann 2006 den |Deutschen Phantastik-Preis| in der Kategorie „Bestes Roman-Debut“. Danach Arbeitsstipendium Literatur 2006, österreichisches Bundeskanzleramt. Ende 2007 erschien der Roman „Schwarze Dame“ im |Festa|-Verlag und Anfang 2008 der Roman „Das Eulentor“ im |BLITZ|-Verlag. Für das dritte Quartal 2008 ist der Roman „Die Engelsmühle“ im |Festa|-Verlag in Vorbereitung.
|Die Biographie wurde der offiziellen Autoren-Website http://www.agruber.com entnommen und geringfügig bearbeitet.|
_Erster Teil des Interviews mit Andreas Gruber, geführt von Alisha Bionda am 24. Februar 2008_
_Alisha Bionda:_
Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, einige Fragen zu beantworten. Als Erstes eine persönliche Frage: Was gibt es über dich als Menschen zu sagen? Was zeichnet dich in deinen Augen aus?
_Andreas Gruber:_
Schwierige Frage. Kennst du die Szene aus Mel Brooks‘ „Frankenstein Junior“, in der Marty Feldman und Gene Wilder ein Grab ausheben, um an Leichenteile ranzukommen? Alles geht schief, was nur schiefgehen kann, aber Marty Feldman sagt: „Es könnte schlimmer sein, es könnte regnen!“ In der nächsten Sekunde setzt dann tatsächlich der Regenschauer ein. Ich bin wie Marty Feldman in der Rolle des Igor: auch dann noch positiv gelaunt, wenn mir das Wasser bis zum Hals steht. Es gibt nämlich immer eine Situation, die noch schlimmer sein könnte.
_Alisha Bionda:_
Was magst du und was nicht?
_Andreas Gruber:_
Ich mag nicht, wenn mich jemand anlügt, falsche Freunde, die sich einschleimen und hinter dem Rücken anderer Lügen verbreiten, ebenso wenig kleingeistige Kriege, weil sich jemand beleidigt fühlt. Ich mag ehrliche Freundschaften, Spaziergänge im Wald, Grillfeste, „Wickie und die starken Männer“, Bastian Pastewka, die „Benny Hill Show“ oder einen Stan-Laurel-&-Oliver-Hardy-Film an einem verregneten Sonntagnachmittag im Fernsehen.
_Alisha Bionda:_
Welche Hobbys hast du?
_Andreas Gruber:_
Lesen, Kinobesuche, Heavy-Metal-CDs sammeln, Acrylbilder malen, die ich verschenke, und regelmäßig bei |Amazon| oder |eBay| stöbern, ob es Angebote gibt. Eine Woche ohne Amazonbestellung ist eine verlorene Woche! Ein Schnäppchen bei |eBay| gibt meinem Leben wieder einen Sinn. Alles klar?
So, dann trainiere ich noch zweimal pro Woche Karate, als Ausgleich zu meiner sitzenden Tätigkeit, sonst hätten mich meine Rücken- und Nackenschmerzen schon längst um den Verstand gebracht. Und seit einem Jahr hat sich ein neues Hobby entwickelt. Heidi und ich spielen mit unseren beiden Nachbarehepaaren Würfelpoker. Dafür haben wir – frei nach John Carpenters „Die Klapperschlange“ – die Bangkok-Regeln erfunden. Eine Partie dauert ca. 80 Minuten, drei Partien sind an einem Abend Minimum. Wer verliert, bei dem findet die nächste Pokerpartie inklusive Abendessen statt. Einmal haben Heidi und ich siebenmal hintereinander verloren. Die Nachbarn hatten sozusagen eine Dauerkarte bei uns gebucht. Die waren schon so peinlich berührt, dass sie Getränke, Chips und Süßigkeiten zum Abendessen mitgebracht haben.
_Alisha Bionda:_
Wolltest du immer schon Schriftsteller werden oder war es eher eine Folge deiner persönlichen Entwicklung?
_Andreas Gruber:_
Nein, ich wollte schon als Junge Autor werden. Mit sechzehn Jahren habe ich Story-Hommagen an die John-Sinclair- und Larry-Brent-Heftromanserie geschrieben. Statt Ghouls haben Suko und John Sinclair so genannte Gössingers gejagt, denn einer meiner Schulkameraden hieß Gössinger. Meine Storys haben mich in der Schule nicht gerade beliebt gemacht, wie du dir sicher vorstellen kannst. Mit etwa 21 Jahren habe ich einige Kurzgeschichten geschrieben, die von |Heyne| und |Bastei| abgelehnt wurden, und nach einer längeren Pause habe ich wieder mit dem Schreiben begonnen.
Damals habe ich Nikolai von Michalewsky, den mittlerweile verstorbenen Autor der Mark-Brandis-Serie aus dem |Herder|-Verlag, in einem Brief um ein Autogramm gebeten und ihm geschrieben, dass ich versuchen möchte, ebenfalls Autor zu werden, da mir so viele Ideen im Kopf herumschwirren. Er war sehr freundlich, hat mich in seinem Antwortschreiben motiviert, hat aber auch geschrieben, dass der Weg hart sei und er mir ein dickes Fell wünscht. Ähnliches schrieb mir der Autor Martin Eisele zurück, den ich ebenso gern gelesen habe. Ich besitze beide Briefe noch, und manchmal stöbere ich in meiner Autogrammmappe. Im Nachhinein betrachtet, waren die Antworten ziemlich untertrieben, aber wahrscheinlich wollten die beiden meinen Jugendtraum nicht völlig zerstören.
_Alisha Bionda:_
Wann hast Du zu schreiben begonnen? Und womit?
_Andreas Gruber:_
Mit 28 habe ich meinen ersten Roman getippt, einen 500-Seiten-Schmöker, den ich aber mittlerweile von der Festplatte gelöscht habe. Du hast es sicher erraten! Er war grottenschlecht, und |Heyne| und |Bastei| wollten ihn nicht einmal geschenkt haben. Im Jahr darauf folgten SF-Storys, die handwerklich ein wenig besser waren und in Fanzines wie |Solar-X|, |Alien Contact|, |Fantasia| oder dem |Andromeda|-SF-Magazin veröffentlicht wurden. Das war 1997 und 1998. Damals träumte ich davon, einmal – bloß einmal – in einer Anthologie veröffentlicht zu werden, um endlich einmal ein richtiges Buch mit meinem Namen drin in Händen zu halten.
Im Wiener |Aarachne|-Verlag von Ernst Petz erschienen dann tatsächlich meine ersten Horror- und SF-Storys in Anthologien, auf die ich mächtig stolz war – und immer noch bin. Mit einer Kollektion von vier Horrorstorys habe ich mich dann bei Boris Koch für eine weitere Ausgabe in seinem Kleinverlag |Medusenblut| beworben. Zu jener Zeit stieg er gerade von Heften auf Bücher um und meinte, er könne nur Bände mit mindestens 150 Seiten rausbringen. Rasch habe ich meine Festplatte nach weiteren tauglichen Texten durchsucht, und so entstand 2000 der Erzählband „Der fünfte Erzengel“.
_Alisha Bionda:_
Hast du eine fest strukturierte Methode, wie du eine Kurzgeschichte „angehst“?
_Andreas Gruber:_
Zunächst muss mal eine konkrete Idee her, dann tippe ich den Anfang wild drauflos. Falls ich in die Story reinkippe, schreibe ich die Rohfassung komplett durch, was aber eher selten passiert. Meist reihe ich sämtliche Ideen chronologisch wie in einem Exposé aneinander und versuche, die Story in Szenen zu unterteilen. Danach tippe ich den Text runter, ohne mir den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die Fakten nun stimmen oder nicht. Danach kommt der Part, wo ich die Charaktere, die bis dahin ein merkwürdiges Eigenleben entwickelt haben, in Form von Aussehen, Gesten, Dialogen, Erzählperspektiven und inneren Monologen ausarbeite. Anschließend kommt der Part mit den Recherchen, ob alles stimmt, und dann lese ich mir den Text mehrmals auf dem Monitor durch, korrigiere herum, gruppiere Absätze um, bis ich mit der Story und dem Stil halbwegs zufrieden bin.
Fünfmal ausgedruckt, an fünf Testleser verteilt, dann trudelt schön langsam das erste Feedback ein. Danach beginnt das mühsame Überarbeiten, damit die Charaktere interessanter werden, die Handlung plausibler wird, aber trotzdem spannend bleibt. Zu guter Letzt drucke ich den Text aus und überarbeite ihn auf dem Papier, bis er sich knapp und flüssig liest, keine Tipp-, Rechtschreib-, Stilfehler oder Wortwiederholungen drin sind. Das widerspricht dem Klischee des intellektuellen Künstlers, der in der Abendsonne sitzt und eine Geschichte aufs Papier kritzelt, wenn ihn die Muse küsst. Ich wäre zwar gern so, bin ich aber nicht – leider.
_Alisha Bionda:_
Schreibst du gerne zu einer bestimmten Zeit? Lieber tagsüber, lieber abends/nachts? Wie sieht dein Tagesablauf aus?
_Andreas Gruber:_
Da ich im Büro einen Teilzeitjob im Controlling habe, bin ich oft tagelang mit Zeitausgleich zu Hause. Da arbeite ich von sieben Uhr früh, wenn Heidi das Haus verlässt, bis abends durch. An einem Tag pro Woche, meinem so genannten Schreibtag, arbeite ich bis 23.00 Uhr. Sonst bin ich ab ca. acht oder neun Uhr abends für die Familie da, für einen gemeinsamen Fernsehabend, Kinobesuch oder einen Spieleabend – entweder Würfelpoker oder eine Monsterpartie von den „Siedlern von Catan“.
_Alisha Bionda:_
Bevorzugst du eine bestimmte Atmosphäre oder benötigst du besondere Ruhe, wenn du schreibst?
_Andreas Gruber:_
Ich kenne Autorenkollegen, die können nur schreiben, wenn sie in einem Kaffeehaus sitzen oder mit einem Laptop in der Bibliothek einer Uni. Das würde bei mir nicht klappen. Ich brauche Ruhe beim Arbeiten. Im Zug kann ich zwar Manuskripte überarbeiten – die ÖBB-Wagons haben einen Tisch zum Runterklappen, ähnlich wie in einem Flugzeug, worauf man herrlich korrigieren kann – aber schreiben kann ich nur in meinem Arbeitszimmer. Als Heidi und ich uns vor knapp fünf Jahren ein Fertigteilhaus aufstellen ließen, habe ich mir durch langes Verhandeln das schönste Zimmer im Haus – mit großer Fensterfläche, Balkon und Aussicht auf den Bach im Garten – erkämpfen können. Wichtigerweise klebt ein Schild mit der Aufschrift „Büro“ an der Tür. Da sitze ich nun am PC und arbeite. Vor, hinter und neben mir sind Wandregale, vollgestopft mit Büchern, DVDs und CDs. Wenn mir mal gerade nichts einfällt, schalte ich schnell ins Internet auf die |Amazon|-Seite und bestelle mir etwas. Von meinem Balkon aus sehe ich immer, wenn der Lieferant von |DHL| vor dem Grundstück stehen bleibt und ein Paket bringt. Dann ist der Tag gerettet.
_Alisha Bionda:_
Schreibst du an mehreren Projekten gleichzeitig oder trennst du das strikt?
_Andreas Gruber:_
Grundsätzlich würde ich die einzelnen Projekte gern trennen, da ich ein ähnlicher Ordnungsfreak bin wie der TV-Detektiv Monk, d. h. eine Story beenden, den Schreibtisch aufräumen, den Kopf freimachen, und danach das nächste Projekt beginnen. Leider ist das nicht immer möglich. Durch die lange Phase, in der eine Kurzgeschichte entsteht, wie Rohfassung, Testlesen, Überarbeiten, Korrigieren, Anmerkungen des Lektorats einarbeiten und den endgültigen Feinschliff hinbiegen, ist eine Story im Fertigwerden, während die nächste schon begonnen wird. Dazwischen drängen sich immer wieder alte Storys rein, die neu überarbeitet werden, oder neue Storyideen, die ich festhalten möchte, bevor sie ins Nirvana entschwinden. Zu Spitzenzeiten liegen etwa sieben Manuskripte in den unterschiedlichsten Stadien auf dem langen Regal in meinem Schreibzimmer. Und falls der Stapel runtergekämpft ist und sich nur noch ein oder zwei Manuskripte dort befinden, beginnen die grauen Zellen in meinem Kopf schon zu rotieren: Alter, was könntest du als nächstes machen?
_Alisha Bionda:_
Welchem Genre ordnest du dich zu? Und welches reizt dich am meisten?
_Andreas Gruber:_
Als Zwangsneurotiker à la Adrien Monk ordne ich Dinge gern in geistige Schubladen ein. Bei mir selbst gelingt mir das leider nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich mich reintun sollte. Das ist der Horror jedes Verlagsleiters, wenn er seinen Autor nicht schubladisieren kann. Ich habe ja nicht nur das Problem, dass ich gern Sciencefiction, Horror, Phantastik, Krimis, Thriller und Satiren schreibe, sondern die Genres auch noch gern vermische, und dann kommt beispielsweise so ein Horror-Krimi wie „Der Judas-Schrein“ dabei heraus. Ich lese gern all diese Genres – und das ist das Problem: Ich schreibe liebend gern, was ich selber lese. Auf meinem Nachttisch geben sich Clive Barker, David Morrell, Tom Sharp und Ben Bova sozusagen die Türklinke in die Hand. Letztendlich hat sich in den letzten Jahren aber herauskristallisiert, dass mir das Schreiben im düsteren Thriller- und phantastischen Horror-Genre am meisten Spaß macht – da kommen auch die meisten Ideen.
_Alisha Bionda:_
Deinen Anfang nahmst du mit dem Verfassen von Kurzgeschichten. Was reizt dich daran?
_Andreas Gruber:_
Bei Kurzgeschichten kann man herrlich herumexperimentieren: verschiedene Erzählperspektiven ausprobieren, in der Gegenwart oder in der Mitvergangenheit schreiben, in der zweiten Person schreiben, diverse Rückblenden einbauen, literarisch anspruchsvoll oder einfach nur trashig schreiben, mit Pointen oder Überraschungseffekten arbeiten. Viele Dinge funktionieren im Roman einfach nicht, die kann man nur in einem kurzen Text rüberbringen. Beispielsweise hätte ein Roman mit einer Auflösung à la „The Sixth Sense“ wenig Sinn, als Kurzgeschichte hingegen schon. Für eine Story genügt eine kleine, gute Idee, die man in einem Fünf-Seiter unterbringen kann, aber im Normalfall keinen Roman tragen würde. Mit Kurzfilmen ist es ja ähnlich. Die werden nicht umsonst Kleinodien Hollywoods genannt, da sie genauso Filmmusik, Schnitttechnik, Kameraführung, Überblendungen und all das zu bieten haben, was einen abendfüllenden Spielfilm ausmacht, nur eben auf fünf Minuten komprimiert.
_Alisha Bionda:_
Gibt es einen Autor, dessen Kurzgeschichten du besonders magst?
_Andreas Gruber:_
Oh ja, ich liebe die Kurzgeschichten von Torsten Sträter („Jacks Gutenachtgeschichten“). Der Mann hat einen Stil, den ich regelrecht verschlinge. Der beutelt die Storys, die Dialoge, die Vergleiche und seine einzigartigen bildhaften Beschreibungen nur so aus dem Handgelenk, dass mir auf jeder Seite staunend den Mund aufklappt. Frank Hebben ist auch so ein Kaliber, der es schafft, erfrischend, knapp und einzigartig zu schreiben. Jeder Text ist eine Bereicherung. Demnächst erscheint Hebbens erster Kurzgeschichtenband, auf den ich mich schon tierisch freue. Ich mag die Storys von Michael Siefener („Somniferus“) wahnsinnig gern, denn die sind so schön düster, ruhig und klassisch wie die alten Schwarzweiß-Filme, die ich so sehr liebe. Joe R. Lansdale („Sturmwarnung“, „Wilder Winter“) bewundere ich wegen seiner genreübergreifenden Crossover-Storys und seines kaltschnäuzigen Stils, der so wirkt, als würde er direkt aus dem Bauch heraus schreiben. Die Kurzgeschichten von David Morrell („Rambo“, „Creepers“, „Level 9“) verschlinge ich auch noch, das sind echte Juwelen, Romane in Miniform. Dann mag ich auch noch die Storys von Robert Sheckley („Aliens“) und William Tenn. Die sind zwar schon etwas ältere Semester, aber wow! So zu schreiben ist eine echte Kunst.
_Alisha Bionda:_
Dein großartiger Kurzgeschichtenband „Der fünfte Erzengel“ wurde dankenswerterweise erneut von |Shayol/Medusenblut| aufgelegt. Wie kam es dazu?
_Andreas Gruber:_
Etwa ein Jahr nach dem Erscheinen war der Band in Boris Kochs |Edition Medusenblut| vergriffen. Zwei Drittel der Auflage hat er verkauft, ein Drittel habe ich bei Lesungen und in meinem Freundes- und Bekanntenkreis unters Volk gebracht. Im Jahr darauf erschien dann die SF-Collection „Die letzte Fahrt der Enora Time“ bei |Shayol|, und als ich in Berlin auf dem |Alien Contact Con| das Buch präsentierte, sprachen mich Boris Koch und Hannes Riffel darauf an, was ich davon hielte, wenn |Shayol| den „fünften Erzengel“ neu auflegen und Hannes Riffel das Lektorat übernehmen würde. Da gab’s nicht viel zu überlegen. Ich sagte zu, räumte mir aber die Möglichkeit ein, sämtliche Texte gründlich zu überarbeiten, bevor sie Hannes in die Finger bekam. Dabei erweiterte ich die Handlung der Storys um einige Ideen, die mir im Lauf der Jahre gekommen waren. Außerdem bat ich darum, ein Vorwort schreiben zu dürfen. Mit einem neuen Farbcover von Rainer Schorm ist dann im November 2004 die zweite Auflage erschienen.
_Alisha Bionda:_
Hast du eine Kurzgeschichte, die du selbst als deine beste bezeichnen würdest?
_Andreas Gruber:_
Eigenlob stinkt bekanntlich, daher werde ich dir diese Frage nicht beantworten. Allerdings kann ich dir verraten, bei welcher Story mir das Schreiben am meisten Spaß gemacht hat. Da habe ich drei klare Favoriten: „Ristorante Mystico“ (in: „Nocturno #6“, |VirPriV|), „Souvenirs vom Sensenmann“ (in: [„Der Tod aus der Teekiste“, 3894 |Schreiblust|-Verlag und auf der |LITERRA|-Seite) und „Tief unten in Dudewater, Louisiana“ (in: „Liber Vampirorum IV“, |Midas Publishing|). Allen drei Storys ist gemein, dass sie vor Ideen nur so strotzen und eine ziemlich verwirrende, verschachtelte Handlung haben. Die Idee, so etwas schreiben zu wollen, kam mir das erste Mal, als ich den Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ sah. Zunächst sträubte ich mich gegen diesen Film, da ich ihn für französischen Kitsch hielt, doch als mir befreundete SF-Fans den Film ans Herz legten und ich dann auch noch erfuhr, dass er von Jean-Pierre Jeunet stammte, dem „Alien 4“-Regisseur, borgte ich ihn mir in der Videothek aus. Ich war gleich von Beginn an ein Fan des Films, der neben „Memento“, „Fight Club“, „Die Wonder Boys“ und „Bube, Dame, König, Gras“ zu meinen fünf Lieblingsfilmen gehört. Jedenfalls wollte ich etwas Ähnliches zu Papier bringen – eine Aneinanderreihung verrückter Ideen, die trotzdem eine Handlung ergaben. Und obwohl die Arbeiten an diesen Texten die wohl schwierigsten und langwierigsten waren, bereiteten sie mir am meisten Freude.
_Alisha Bionda:_
Man kann Beiträge von dir in einigen Anthologien finden. Was ist ausschlaggebend dafür, an welchem Projekt du dich beteiligst? Herausgeber? Verlag? Thematik?
_Andreas Gruber:_
Ausschlaggebend ist eigentlich nur, ob ich eine passende Idee habe und die Zeit, sie umzusetzen – oder ob eine zum Thema passende Story in der Schublade liegt. Wichtig ist mir nur, dass der Verlag den Text lektoriert und Druckfahnen versendet. Ob der Herausgeber nun einen etablierten Namen hat oder ein absoluter Newcomer ist, ist für mich nicht wichtig, da auch ein Newcomer, der eine Vision verfolgt, hunderte Texte liest, seine Freizeit opfert und monatelange Arbeit in das Projekt buttert, mit einer Story unterstützt werden sollte.
Von vornherein schließe ich nur Druckkostenzuschussverlage aus oder Verlage, die keine Belegexemplare an ihre Autoren verteilen. Solche Fälle gibt es, und wenn ich mich nach einem Belegexemplar erkundige, habe ich schon öfters die patzige Antwort erhalten, dass ich eigentlich froh sein müsste, wenn mich der Verlag überhaupt druckt, denn schließlich ist das ja Werbung, und wenn ich nicht will, gäbe es Dutzende, die nur darauf warten, dort gedruckt zu werden. Also klein sein, nichts rausrücken wollen, aber dann auch noch frech und überheblich sein – finde ich nicht okay. Mir ist klar, dass Kleinverlage keine Autorenhonorare bezahlen können, da die Bücher aus der eigenen Tasche finanziert werden – aber zumindest ein Belegexemplar als Anerkennung für die Story sollte schon drin sein. Übrigens gibt es die Verlage, die so gearbeitet haben, mittlerweile nicht mehr auf dem Markt. Ich bin nicht schadenfroh, aber es beweist mir, dass sich Qualität und Engagement letztendlich durchsetzen.
_Alisha Bionda:_
Hast du ein schriftstellerisches Vorbild?
_Andreas Gruber:_
Mehrere sogar. Stilistisch finde ich Joe R. Lansdale unübertroffen. Ich habe nie versucht, seinen Stil zu kopieren, da ich meine Grenzen kenne. Lansdale schreibt aus dem Bauch, und ich bin viel zu sehr Kopfmensch, als dass mir das je gelingen würde. Mir bleibt also nur, Lansdale zu bewundern. Was die Entwicklung und das Zeichnen von Charakteren betrifft, ist Dennis Lehane („Mystic River“, „Shutter Island“) ein klares Vorbild. Von ihm habe ich mir einige Tricks und Kniffe abgeschaut. Was die Handlung betrifft, bewundere ich die Arbeiten von David Morrell, der sogar seinen Kurzgeschichten so viel Aufmerksamkeit widmet, dass Mini-Romane dabei herauskommen, die man locker auf 500 Seiten hätte auswälzen können. Und was das Œuvre eines Schriftstellers betrifft, so sehe ich in Markus Heitz ein klares Vorbild. Er hat es geschafft, seine Fantasyromane der Ulldart- und Zwergen-Reihe bei |Piper| unterzubringen, seine SF-Shadowrun-Reihe bei |Heyne| und seine Horrorromane „Ritus“ und „Sanctum“ in einer Reihe bei |Droemer/Knaur|. Ihm ist es gelungen, seine breiten Ideen zu verwirklichen, ohne sich dem Schubladisieren der Verlage zu beugen. Das hat – so viel ich weiß – bisher nur Wolfgang Hohlbein geschafft.
_Alisha Bionda:_
Schreibst du lieber alleine oder würdest du auch mit einem Co-Autor arbeiten? Wenn ja, wer würde dich da reizen?
_Andreas Gruber:_
Co-Autor ist so ein heikles Thema. Ich habe ein paar Mal versucht, gemeinsam mit Kollegen eine Story bzw. einen Roman zu verfassen, aber es hat nicht klappen wollen. Ich halte nichts davon, eine Story entwickeln zu lassen, um zu sehen, wohin man getrieben wird. Ich brauche ein festes Konzept, ein fixes Exposé und ein Ziel vor Augen. Ohne diesen „Leitfaden“ würde ich mich mit unplausiblen und unstimmigen Subplots verzetteln. Dazu kommt, dass ich mit manchen Ideen unzufrieden bin oder der Kollege mit meinen Ideen nichts anfangen kann. Das ist auch legitim, denn ich finde, jeder sollte das schreiben, wovon er überzeugt ist, ohne sich verbiegen zu müssen. Dann ist da noch die räumliche Barriere. Wenn man sich nicht gegenüber sitzt, um die Story zu besprechen, sondern nur telefoniert oder per E-Mail kommuniziert, wird es deutlich schwieriger, auf einen grünen Zweig zu kommen. Aber um die Frage doch halbwegs zu beantworten: Reizen würde mich eine Gemeinschaftsarbeit mit Torsten Sträter. Allerdings lese ich seine Storys viel zu gern, als dass ich mich in seine Arbeit einmischen würde, weil ich lieber rausfinde, was er allein aus einem bestimmten Storythema gemacht hätte.
_Alisha Bionda:_
Liest du regelmäßig? Wenn ja, was bevorzugt?
_Andreas Gruber:_
Oh ja – lesen, wenn ich im Zug sitze, vor dem Schlafengehen und wenn ich im Urlaub am Strand liege. Ich gebe ja kein gelesenes Buch wieder her. Sammeltrieb! Monk’sche Zwangsneurose! Was stapelt sich so in meinen Schränken? Sachbücher über Kampfsport, über fernöstliche Philosophie, Biografien über Filmregisseure wie die Cohen-Brüder, David Lynch, Terry Gilliam oder Billy Wilder, Bücher übers Schreiben, weil mich Technik und Arbeitsweise anderer Autoren interessieren. Außerdem bin ich ein Fan von SF- und Horror-Kurzgeschichten und sammle alle Anthologien, die ich auf Flohmärkten in die Finger kriege. Zuletzt habe ich Romane von Matthew Delaney, Robert Sheckley, Herbert Rosendorfer, Richard Laymon, Dan Brown und Andrew Vachss gelesen. Von Vachss werde ich sicher noch mehr lesen, der Typ ist ein Wahnsinn.
_Alisha Bionda:_
Gibt es Menschen, die dich bei deinem schriftstellerischen Werdegang unterstützt haben? Freunde, Familie, Kollegen? In deinen Anfängen und jetzt?
_Andreas Gruber:_
Die Liste mit den Namen dieser Menschen ist lang, sie sind in den Danksagungen und Widmungen meiner Bücher erwähnt. Darauf lege ich deshalb so viel Wert, weil der Weg vom Storyautor für Fanzines bis zum Romanautor für Klein- und Mittelverlage ein langer und steiniger war. Nikolai von Michalewsky hat nicht übertrieben! Ohne fremde Unterstützung hätte ich das nie geschafft und längst das Handtuch geworfen. Zu glauben, dass man diesen Weg allein gehen kann, ist meines Erachtens die arrogante Fehleinschätzung eines von sich selbst eingenommenen Autors. Solche Menschen habe ich kennengelernt – und mich nur noch gewundert. Doch zurück zu den Helfern, die mich seit zehn Jahren mit ihren Kommentaren in den Wahnsinn treiben.
Das Schreiben haben mir die Autoren Gabi Neumayr, Boris Koch und Malte Sembten beigebracht, die Workshopleiter Andreas Eschbach und Klaus Frick, die Lektoren Ekkehard Redlin und Hannes Riffel. Beim Überarbeiten der Handlung, der Charaktere und der Dialoge waren mir meine Testleser behilflich: meine Frau Heidi, meine Freunde Roman Himmler und Jürgen Pichler, sowie Günter Suda, der Blut geleckt hat und seit einigen Jahren selbst Storys in Anthologien veröffentlicht. Die Gespräche mit Günter sind ziemlich fruchtbar, da wir unsere Texte gegenseitig zerlegen und in letzter Zeit immer öfter über die Erzählperspektive des Protagonisten diskutieren, die meiner Meinung nach die am schwierigsten zu bewältigende Herausforderung des Autors darstellt. Zuletzt müssen noch jene Menschen erwähnt werden, die mir bei meinen Recherchen behilflich waren, denn immer wieder komme ich dahinter, dass ein Gespräch mit einem Profi, wie beispielsweise einem Kripobeamten, einem Chirurgen, einem Physiker oder einem Feuerwehrmann mehr taugt als eine Recherche im Internet. Diese Leute steuern unglaubliche Ideen zur Handlung bei, da sie einfach aus dem Fach kommen und die Szene kennen.
_Alisha Bionda:_
Vielen Dank für das Beantworten des ersten Teils des Interviews. In Teil zwei möchte ich dir gerne Fragen zu deinen bereits erschienenen Romanen stellen – ebenso zu deinen geplanten Projekten.
_Martin Schneider:_
Hi Tom, unser [letztes Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=59 haben wir zu „Der Funke des Chronos“ gemacht, das war vor fast zwei Jahren. Wie ist es dir seitdem ergangen?
_Thomas Finn:_
Danke, ich kann nicht klagen. Die letzten Jahre waren zwar sehr arbeitsreich, woran sich wohl auch in Zukunft nichts ändern wird, aber dafür übe ich einen Job aus, der mich wirklich zutiefst erfüllt. Es gibt für mich wirklich kaum etwas Schöneres als möglichst spannende Geschichten zu verfassen. Interview mit Thomas Finn weiterlesen →
[„Das Haus“]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3608937773/powermetalde-21 von Mark. Z. Danielewski ist kein gewöhnlicher Roman. Er besteht aus Briefen, Gedichten, transkribierten Interviews und über 450 Fußnoten, dazu auch Abbildungen und Fotos. Zusammengehalten wird alles durch die Kommentare eines gewissen Johnny Truant, der diesen Berg von Dokumenten – denn um einen solchen handelt es sich – mit ergänzenden Hinweisen, Überarbeitungen und Randnotizen versehen hat. Das alles ist durchsetzt mit bewussten Wortfehlern, durchgestrichenen Passagen, Anagrammen und Kastentexten, deren Inhalt man teilweise über Kopf lesen muss. „Das Haus“, ein Mammutwerk mit über 800 Seiten, das über mehrere Handlungsebenen verläuft und besonders durch seine eigenwillige Typografie auf sich aufmerksam macht, kann die Wirkung nur durch das geschriebene Wort, durch seine im Buch gepresste Form erzielen.
Trotzdem geht der Autor auf Lesereise, um sein Buch vorzustellen. Danielewski, 1966 in Amerika geboren, legte 2000 mit seinem Erstlingswerk „House of Leaves“ einen heiß diskutierten und kommerziell erfolgreichen Erstlingsroman vor, den die Kritiker sofort einzuordnen versuchten – und dabei Vergleiche mit David Forster Wallace, Stephen King und H. P. Lovecraft heranzogen. Doch wirklich vergleichen lässt sich der Roman nicht. Sieben Jahre hat es gedauert, bis sich mit |Klett-Cotta| ein deutscher Verlag an das Werk herangetraut und mit Christa Schuenke (und unter Mitarbeit von Olaf Schenk) eine Übersetzerin gefunden hat, die bereit war, sich auf das Experiment einzulassen.
Vom 13. bis zum 18. Oktober 2007 tourten Mark Z. Danielewski und Christa Schuenke für eine englisch-deutsche Lesereise durch die Bundesrepublik mit Halt in Hannover, Berlin, Köln und Stuttgart. Den Auftakt machte jedoch anlässlich des Göttinger Literaturherbstes die Universitätsstadt Göttingen. Pünktlich um 21 Uhr betreten die beiden zusammen mit Moderator Frank Kelleter vom Englischen Seminar der Georg-August-Universität das Podium im Alten Rathaus. Die Publikumsreihen sind gut gefüllt, und dank des altehrwürdigen Gebäudes entsteht sogleich eine wohlige Atmosphäre.
Wie lässt sich ein 800 Seiten Werk in wenigen Sätzen zusammenfassen, das noch nicht einmal über eine geordnete Handlung, geschweige denn nur eine einzige Handlungsebene verfügt? Gar nicht, denken sich Danielewski und Schuenke, und so beginnt die Übersetzerin, ohne eine Inhaltsangabe voranzustellen, einige Passagen aus der deutschen Fassung vorzulesen. Christa Schuenke liest betont sarkastisch und mit rauchiger Stimme einige absurd-lächerliche, aber gerade dadurch witzige Dialoge vor. Sie wirken zusammenhangslos, doch geben immerhin einen Einblick davon, dass „Das Haus“, das ja mit Lovecraft und King verglichen wird, sehr viel eigenwilligen und zum Teil derben Humor besitzt – also doch nicht wirklich Horror?
Düster wird es erst, als Danielewski – auch er stellt sich nur kurz vor, bevor er bereits zu lesen beginnt – mit einer längeren, rhythmischen Passage die dunkle Seite des Romans anstimmt. Auch das kann nicht mehr als ein Ausschnitt bleiben, dem der Roman als Ganzes nicht gerecht wird, doch ist dies bei dessen Form ja auch kaum möglich. Selbstkritisch, wenn auch mit einem verschmitzten Lächeln fügt der Autor hinzu: „It’s complicated in English – and in German“. So lakonisch und einfach der Titel auch klingt, „Das Haus“, an dem der Autor immerhin rund zehn Jahre gearbeitet hat, lässt sich nicht in einer zweistündigen Lesung zusammenfassen. Doch es gelingt Autor wie Übersetzerin, und das ist viel wichtiger, die eigenwillige Stimmung rüberzubringen.
Am Ende geben sie bereitwillig Auskunft über ihre Arbeit an dem Buch. Schuenke habe, so berichtet sie, mehr als eineinhalb Jahre an der Übersetzung gearbeitet – und damit deutlich länger, als diese Arbeit gewöhnlich in Anspruch nimmt (so steht ihre Bearbeitungszeit nun eher in Relation zur Arbeitszeit des Autors). Viele renommierte Kollegen hätten sich des Buches nicht annehmen wollen, sagt Schuenke, zudem sei es dem Verlag auch nicht möglich gewesen, ein in Bezug auf die tatsächlich investierten Arbeitsstunden entsprechendes Honorar zu zahlen. Trotzdem sei sie von „House of Leaves“ und seiner Komplexität dermaßen begeistert gewesen, dass sie einen Privatkredit aufgenommen habe, nur um das Buch ins Deutsche zu übertragen. Es hat sich nicht nur für sie gelohnt. Was als Übersetzung herausgekommen ist, ist beachtlich, denn obwohl sich der deutschen Text eng an das Original anlehnt, hat sich Schuenke nicht gescheut, ihren eigenen Stil mit einzubringen. Das Vertrauen, das ihr Danielewski dabei ausgesprochen habe, wie sie erzählt, habe ihr sehr dabei geholfen.
Interessant erscheint auch die Tatsache, dass der Einfluss deutscher Autoren auf Danielewski eine Rolle gespielt hat. Goethe, Nietzsche, Heidegger, Heine, aber auch Filmmacher wie Fritz Lang hätten den Amerikaner geprägt. Er habe viele europäische Wurzeln, geht er auf die Hintergründe ein, sein Vater stamme etwa aus Polen. Seine Mutter habe zudem sein Interesse für viele Klassiker geweckt. Bereits als Jugendlicher habe er geschrieben, damals allerdings noch – unter dem Einfluss von Tolkien und seines Interesses an Monstergeschichten – über Hobbits und Aliens. Gut, dass seine Mutter ihre Drohung nicht wahrgemacht habe, ihn aufgrund seiner kranken Ideen in eine Therapie zu stecken, fügt Danielewski schmunzelnd hinzu, sonst wäre er vielleicht nie dazu gekommen, eines Tages „Das Haus“ zu schreiben. Und das hätte fürwahr die Welt um ein literarisches Meisterwerk gebracht.
Es bleibt am Ende zu hoffen, dass Danieleswski nicht zum letzten Mal nach Deutschland gekommen ist und auch seine anderen Werke – denn er hat sich in den letzten Jahren nicht auf seinen Lorbeeren ausgeruht – ins Deutsche übertragen werden. Der erste Schritt ist getan, jetzt muss das Buch nur noch hierzulande erfolgreich sein. Dann sollte es auch Christa Schuenke für die Übersetzung der kommenden Romane Danielewskis durch Verweis auf die Verkaufszahlen von „Das Haus“ gelingen, keinen Kredit mehr aufnehmen zu müssen.
[Website des Verlags zum Buch]http://www.hobbitpresse.de/DasHaus__buch2060.php
[Website des Autors]http://www.danielewski.de/
[Unsere Rezension zum Buch 4432
Anlässlich seines ersten Romans „Tharador – Die Chroniken des Paladins“ habe ich mich mit dem Heidelberger Fantasyautor Stephan R. Bellem in der Heidelberger Altstadt zu einem Kaffee getroffen und zu seinem Roman befragt. Das Interview verlief sehr lang und amüsant, doch lest selbst:
Martin Schneider:
Hi Stephan, stell dich den Lesern doch mal kurz vor.
Stephan R. Bellem:
Ich wurde jetzt im September gerade 26, die 30 naht mit großen Schritten. Ich studiere neben dem Schreiben Soziologie, mag Hunde und Filme. Und Essen. Man sieht es mir noch nicht an, aber ich esse wahnsinnig gern. „Tharador“ ist mein erster Roman und ich hoffe, noch eine ganze Menge mehr zu veröffentlichen. Ausführlichere Infos gibt es dann auf meiner Homepage www.srbellem.de/ Ach so, habe gerade eine neue Band für mich entdeckt: 30 SECONDS TO MARS. Interview mit Stephan R. Bellem weiterlesen →
Fortsetzung von [Teil 1]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=80
_Specials_
_Kulturprogramm_
Das diesjährige Motto des umfangreichen Programms (30 Veranstaltungen an sechs Spielorten, es wird nicht zu allen berichtet) war das Thema „Treue und Vaterlandsliebe“ mit all seinen positiven und negativen Aspekten. Wie im vergangenen Jahr, war auch das Kulturprogramm gut ausgelastet: 5650 Menschen besuchten die Veranstaltungen. Das entspricht aber dennoch nur einer Auslastung von 65 % und deckt nicht die Unkosten, die dadurch querfinanziert werden müssen.
_Moment-auf-Rahmen: Ausstellung „Der Betrug“_
Der Wormser Künstler Richard Stumm zeichnete – angeregt durch Florian Gerster -während der diesjährigen Festspielproben Schauspieler, Regie und Mitarbeiter. In der EWR-Turbinenhalle, Klosterstr. 23 in Worms, wurden diese (etwa 20 von 100) Skizzen zusammen mit weiteren 18 großformatigen Ölbildern mit Bezug auf Schlüsselszenen des Nibelungenliedes (Kriemhilds Traum, die Werbung Brünhilds oder der Streit der Königinnen) ab dem 13. Juli ausgestellt. Die Vorbilder am Nibelungenstoff sind dabei hochgesteckt; man denke an Johann Heinrich Füssli oder Karl Schmoll von Eisenwerth. Die Einführungsrede in die Ausstellung hielt der Kulturkoordinator der Stadt Worms Volker Gallé. Zur Ausstellung ist auch ein Katalog erschienen.
_Klaus Maria Brandauer „War and Pieces“_
Beschäftigte sich zusammen mit dem vielfach ausgezeichneten, britischen Geiger Daniel Hope auf der Festspielbühne mit dem Thema Krieg und seinen vielfältigen Facetten. Leitlinie dafür bot Igor Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“. Die auf einem russischen Märchen basierende Erzählung schildert die Begegnung eines Soldaten auf Heimaturlaub mit dem Teufel. Weitere Musiker waren Annika Hope (Kontrabass), Patrick Messina (Klarinette), Philippe Hanon (Fagott), Gilles Mercier (Trompete), Jean Raffard (Posaune) und Hanst-Kristian Kjos Sorensen (Schlagzeug). Tausend Besucher kamen vor den Dom.
_I wanna be loved by you_
Programm der Brünhilde-Darstellerin Annika Pages zusammen mit dem Pianisten Christoph Pauli. In diesem Programm wurden das Liebesleben großer Persönlichkeiten beleuchtet und Biografisches wie Lieder vorgetragen. Joern Hinkel – der auch die Regie führte – hat dazu selten oder noch gar nicht gezeigte Bilder und Filmausschnitte herausgesucht, die den Auftritt des Duos bereicherten. Am Drehbuch mitgearbeitet hatte auch Petra Simon, die im Wesentlichen das diesjährige Kulturprogramm zu den Festspielen gestaltet hat. Zwar war dieses Stück exklusiv für die Festspiele erarbeitet, kommt aber nun auch in anderen Städten zur Aufführung. Diese Aufführung zum Abschluss der diesjährigen Festspiele wurde stürmisch gefeiert.
_Männersache – Live_
Der deutsche Titelkandidat für den Grand Prix beim European Song Contest, _Roger Cicero_, (nur Platz 19) gab mit seiner Big Band auf der Festspielbühne den Auftakt des diesjährigen Kulturprogramms auf der Festspiel-Bühne am Dom. Dazu gehörten neben den eigenen Songs auch Coversongs wie „König von Deutschland“ von Rio Reiser. Ein nochmaliger Gig bei einem des künftigen Wormser Jazzfestivals ist nicht ausgeschlossen. 1500 Swing-Fans sangen stehend bei den drei Zugaben mit. Unverständlich für die Besucher war allerdings, dass im Anschluss an das Konzert der Heylshof mit seiner Bewirtung im Gegensatz zu den sonstigen Festspieltagen geschlossen war.
_Deutsche Lieder aus acht Jahrhunderten_
Mit Jasmin Tabatabai (Kriemhild), Tilo Keiner (Sindold) und vier weiteren Musikern unter dem Motto „Willst du dein Herz mir schenken“ in der Dreifaltigkeitskirche. Tilo Keiner singt auch im Musical „Mamma Mia“. Die Idee für die Aufführung hatte er bereits vor zwei Jahren, als man in der Podiumsdiskussion während der „Theaterbegegnungen“ der Frage „Was ist eigentlich ein deutsches Volkslied?“ nachging. Tesz Milan aus Phönix (Arizona) ist Frontfrau bei „Solid Gold“ und „Pop-History“, Mark Garcia (Kalifornien) singt in Opern, Operetten und Musicals, Pete Lee (London) arrangierte die Stücke und Thomas Wissmann spielte Klavier.
_An Erminig: „Reise ins Mittelalter“_
Auf traditionellen keltischen wie auch auf modernen Instrumenten interpretierte die Gruppe eine tanzbare, musikalische Wegbeschreibung des Jakobspilgerweges nach Santiago de Compostella.
_Ensemble Wolkenstein: Musikalische Pilgerwege_
Mit Harfe, Fidel, Flöte, Schäferpfeife, Schalmei, Pommer, Drehleier, Sackpfeifen, Trommeln und Gesang ging es in der Annhäuser Mühle auf Wallfahrt nach Santiago de Compostella.
_Jeanette Giese: „Brunhilds Schrei“_
Temporeiche Schlager zur Nibelungengeschichte, die seit einem Jahr erfolgreich im Nibelungenland/Odenwald bereits aufgeführt werden. Das Ganze spielt aus der Sicht der Königin von Isenstein, und Jeanette Giese ist eine Brünhilde wie bei Wagner. Schlager, Chanson, Operette, Oper – alles bekannt, aber eingebettet in die Geschichte um die Nibelungen.
_Otto Schenk: „Sachen zum Lachen“_
Der beliebteste zeitgenössische Komödiant Österreichs im EWR-Kesselhaus.
_Aus dem Leben eines Taugenichts_
Gertrud Gilbert bot mit ihrer Lesung eine Hommage an Joseph von Eichendorff zum 150. Todesjahr des Dichters. Diese Veranstaltung war eine Kooperation der Festspiele mit der örtlichen Musik- und Kasinogesellschaft.
_Siegfrieds Nibelungenentzündung_
Seit vier Jahren ein Dauerbrenner im Kulturprogramm sind die Aufführungen des Darmstädter Kikeriki-Theaters, bei denen kein Auge trocken bleibt. Da diese immer ausverkauft sind – auch in diesem Jahr alle drei Vorführungen -, hatte bereits im Februar der Vorverkauf für dieses sagenhafte Blechspektakel begonnen. Aufgeführt wurde dieses Jahr vom 25. bis 27. Juli in der neuen EWR-Halle in der Klosterstraße 23. Und auch für 2008 wird es dieses Stück wieder geben.
_Theaterbegegnungen_
Ein jährliches Highlight der Festspiele. Zuschauer, Künstler, Politiker und Wissenschaftler diskutieren miteinander. In diesem Jahr stand die Frage „Was ist Vaterland?“ im Mittelpunkt. Mit dabei waren Stephan Grünewald, Stephan Krawczyk, Dieter Wedel u. a. Außer den Podiumsdiskussionen präsentierten Jasmin Tabatabai und Tilo Keiner ein weiteres Mal ihr Programm mit den Liedern aus acht Jahrhunderten. Es war recht stürmisch an diesem Tag, kein freundliches Wetter, und man führte die stark gesunkene Besucherzahl dieses jährlichen Highlights auch darauf zurück. Allerdings könnte es auch am Preis gelegen haben, der mit 22 Euro dieses Jahr erstaunlich hoch war. Vor wenigen Jahren hatte die gleiche Veranstaltung nur 8 Euro gekostet und die jährlichen enormen Steigerungen sind in ihrer Höhe so nicht wirklich nachzuvollziehen.
_Nibelungen-Horde_
Dieses Jahr gleich an zwei Tagen das Ergebnis des Sommerworkshops dieses innovativen Jugend-Theater-Projektes. Ausführlicher Bericht ein wenig weiter unten.
_Der Ring. Die Nibelungen_
Im Lincoln-Theater fand eine weitere kleine Nibelungentheateraufführung statt, wo unter Regie von Katja Fillmann von nur zwei Schauspielern das komplette Stück erzählt wurde. Bezug genommen wurde dabei einerseits auf Hebbel, andererseits auch auf Wagner.
_Vorträge der Nibelungenlied-Gesellschaft_
Seit Jahren ein kostenloses Programm morgens während der Festspielzeit, dieses Jahr wieder im Heylshofmuseum. Vortragsthemen: „Verhängnisvolle Verirrung – Penthesila und Brunhild“, „Wort oder Tat – was war am Anfang. Das Verhältnis von Literatur und Geschichte im Nibelungenlied“, „Mythen im Labortest – das neue Mythenlabor im Nibelungenmuseum“, „Die Nibelungenfresken in der Münchner Residenz“, „Der Burgunderuntergang im Nibelungenlied – Zeittypische Deutungen von 1918 bis 1945“ und „Darf Brunhild Hagen lieben? Möglichkeiten und Grenzen bei der Bearbeitung des Nibelungenlieds“. Sämtliche Vorträge erscheinen wie in den Vorjahren auch auf http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de.
_Veranstaltung der Nibelungenlied-Gesellschaft_
Mehrmals im Jahr – und auch natürlich im Rahmenprogramm der Festspiele – führen Dr. Ellen Bender und Petra Riha von der NL-Gesellschaft eine Inszenierung zu mittelalterlichen Themen auf. In diesem Jahr zum Thema Minnespiele und Erotik im Mittelalter. Da werden fundiert literarische Quellen durchgesehen, in Beispielen präsentiert und durch Vortrag, Spielszenen spannend dargeboten.
_Sonstiges_
_Aufführungsort Nordportal Dom_
Anfang Juni wurde die Tribüne, die um 300 Plätze mehr als in früheren Nordportal-Aufführungen auf 1600 erhöht wurde, in einer Höhe von 10,65 Meter erstellt.
_Heylshof-Park_
Die Nibelungen-Festspiele werden immer wieder auch deswegen gelobt, weil der Heylshofpark einen stimmungs- und stilvollen Rahmen für die Besucher bietet. Die lockere und dennoch feierliche Atmosphäre ist eines der hauptsächlichen Dinge, die Worms von fast allen anderen Festivals wohltuend unterscheidet. Das Wasser der Brunnen war dieses Jahr durch Wasserlampen als rotes Drachenblut erstrahlt, zudem mit roter Lebensmittelfarbe eingefärbt. Auch sonst war der ganze Park mit Licht in rot illuminiert. Nach der jahrelangen Renovierung der Westseite des Doms gab es erstmals freien Blick auf diese Front, die ebenfalls rot angestrahlt wurde. In der Nacht ragte der Domturm wie ein Leuchtturm angestrahlt mit 36.000 Watt in den Himmel. Immer mehr Wormser entdecken den freien Zugang als abendliche Wohlfühlzone. Das Heylsschlösschen, wo früher auch während der Festspiele noch Veranstaltungen stattfanden, wurde dieses Jahr erstmals vollkommen für das Catering mitbenutzt. Man konnte dort im Vorfeld hochwertiges Barbecue buchen. Im Park standen 16 Zelte von unterschiedlicher Größe für Gäste bereit. Im Hauptzelt gab es Abend für Abend Essen aus reichhaltiger Speisekarte. Zur Premiere wurden noch 200 Stehtische im Park verteilt. Die spätere Cocktail-Lounge war zu diesem Zeitpunkt noch exklusiver VIP-Bereich. Während der Festspielzeit steht der Park allen Wormsern offen und ist inzwischen auch ein beliebter gesellschaftlicher Treffpunkt mit Charme und Niveau. Es sind deswegen mit dem eigentlichen Festival-Publikum etwa 2000 Personen pro Tag anzutreffen. Kritik von auswärtigen Besuchern wie auch vom Intendanten Dieter Wedel gab es nur, weil die Bewirtungszelte ab ein Uhr nachts geschlossen haben, was als provinziell beurteilt wurde. Die Stadt sieht aber keine Möglichkeit, daran etwas zu ändern, denn die gesetzlichen Vorgaben zur Sperrzeit müssen eingehalten werden.
_Catering_
Mit den jetzigen Festspielen übernahm der Lufthansa Party Service (LPS Event Catering GmbH, Raunheim bei Frankfurt) die kulinarische Verpflegung der Festspiel-Gäste – sowohl das öffentliche Catering als auch die Künstlerverpflegung und die der VIPs. Auch die Premierenfeier wurde durch sie gestaltet. Teil des Catering-Vertrages war nämlich, dass sie auch als Sponsoren auftraten und die Premierenfeier bezahlten. Ob sich das insgesamt gerechnet hat, wird sich erst bei der später erfolgenden Endabrechnung erweisen. Mit der Lufthansa hat diese Firma außer dem Namen zwar nichts zu tun, aber sie gehört zu den drei Großen Catering-Betrieben der Branche und organisiert etwa 1500 Veranstaltungen mit rund 600.000 Gästen pro Jahr, davon 20 % im Ausland. Die Geschäftsführung sieht ihr Engagement langfristig und vielschichtig. Die Besucher, die zu den Festspielen kommen, sind ihr Klientel, und dadurch empfehlen sie sich weiter. Auf der anderen Seite verfügen sie über gute Verbindungen in der Wirtschaft, so dass auch den Festspielen geholfen wird. Seit einigen Jahren bekocht der Wormser Spitzenkoch Wolfgang Dubs die Festspielgäste im Rahmen des speziellen VIP-Angebotes im Andreasstift. Daran hat auch die neue vertragliche Bindung mit dem Lufthansa Party Service nichts geändert.
_Tontechnik_
Schon ganz am Anfang des diesjährigen Berichtes zu den Festspielen wurde über die schwierige Aufgabe berichtet, besondere Schallschutzbestimmungen einhalten zu müssen und dennoch ein beeindruckendes Kulturereignis tontechnisch zu kreieren. Lärmschutz ist aber nicht nur bei den Nibelungenfestspielen neuerdings zum Thema geworden, sondern auch z. B. bei „Rock am Ring“, wo die Nibelungentontechnik-Crew dieses Jahr für den Sound von „Linkin Park“ oder den „Ärzten“ verantwortlich war. Die oberen Ränge sind schwarz ummantelt und lassen bei den umliegenden Wohnhäusern nur noch höchstens 70 Dezibel ankommen. Dies wird mit einem Messwagen überprüft. Der Schutz geht aber in beide Richtungen, auch das Publikum hört weniger von eventuellem Straßenlärm. Die Schallschutzmauer kann Windstärken bis zur Stufe acht problemlos standhalten. Die Geräte am Mischpult sind mit den Namen für die Stimmen der Rollen versehen, die über Antennentechnik übertragen werden. Die entsprechenden Frequenzen für die 32 Drahtlos-Mikrophone mussten bei der Bundesnetzagentur beantragt und genehmigt werden. Die winzigen Mikrophone für die Schauspieler sind an Stirn oder Wange eingeschminkt. Die dazugehörigen Sender sind in kleinen Taschen innerhalb der Kostüme versteckt. Da die Lautsprecherboxen hinter den Schauspielern an der Bühne vor dem Dom hängen, muss man aufpassen, dass es keine Rückkoppelungen gibt und dass auch die Zuschauer 55 Meter weiter hinten noch so gut hören wie die in der ersten Reihe. All dies wird aufwendig von Computern errechnet und simuliert. So hört der optimale Sound in der obersten Reihe der Tribüne genau auf Ohrenhöhe auf und bereits ein halber Meter höher ist die Tonhöhe sehr viel geringer. Solch ein Mischpult einzurichten, benötigt zwei Monate Zeit. Mit der Hand geht das nicht mehr zu steuern, zahlreiche Abspeicherungen sind im Mischpult hinterlegt, insgesamt 305 Einstellungen. Es gibt kein eigenständiges Soundbett, wie man es aus Filmen kennt. Dennoch ist die Theaterproduktion von Wedel die einzige, die auch vom Ton her sehr stark mit filmischen Themen arbeitet. Mit der 5.1-Anlage wird das Publikum im Dolby-Surround-Verfahren beschallt. Im Grunde entspricht das Live-Kino.
_Scheinwerfer_
Diese sind befestigt an der Traverse hoch oben am Dach des Doms und können einer Windstärke zehn trotzen (Windstärke zwölf wäre schon ein Orkan). Sie sind so genannte „Moving Lights“, wie man sie z. B. aus Fernsehsendungen wie „Wer wird Millionär“ kennt, und kosten pro Scheinwerfer 10.000 bis 12.000 Euro.
_Praktikanten_
Für die Abteilung Requisite gab es dieses Jahr einen Praktikantenplatz, dessen Aufgabe es im Besonderen war, täglich bei den Proben von 11 bis 18 Uhr dabei zu sein und aufmerksam darauf zu achten, was gerade gebraucht wird, fehlt oder zurückgebracht werden kann. Für die Maske wurden gleich vier Praktikantenplätze vergeben, wobei Eigenhaarfrisuren und Erfahrungen im Beauty-Make-up-Bereich Voraussetzung waren. Die Praktikantenplätze der Festspiele werden vergütet.
_Gesuche_
Irgendetwas wird immer gesucht. Waren es im letzten Jahr Hunde, ging es dieses Mal um alte freistehende Badewannen mit Füßen womit, man sich über Presse an die Bevölkerung wandte.
_Nibelungisches Ehrenamt_
Früher nannten sie sich „die Indianer“, seit den letzten Festspielen sind sie in „Nibelungisches Ehrenamt“ umbenannt worden. Sie sind während der Festspiele stundenlang im Einsatz und ihre Aufgaben umfassen Promotion, Präsenz in der Stadt, den Verkauf von Programmen und vieles mehr. Eine, die dort alles organisiert, ist die Rentnerin _Helga Marschang_, die bereits seit 2001 dabei ist und damals im Vorfeld Flyer und Plakate verteilte und für Reklametätigkeiten aktiv war. Zu ihren schwierigsten Aufgaben gehören auch die Abrechnungen für die überaus zahlreichen Statisten inklusive der Auszahlung. Sie organisiert auch die – eng mit den Festspielen kooperierenden – „Freien Gewandeten“, die das ganze Jahr über in Worms für ein mittelalterliches Flair sorgen und bei vielen Gelegenheiten in historischen Gewändern präsent sind. Helga Marschang näht auch die Gewänder dieser Gruppe. Ihr Rentnerdasein ist nicht langweilig, denn sie ist noch in viel mehr ehrenamtlichen Bezügen aktiv (Vorlese-Omi in Kindergärten, Backseminare im Nibelungenmuseum, „Wormser Tafel“ – eine karitative Essensversorgung für sozial Schwache, Prüfungsausschuss der IHK Ludwigshafen und Heidelberg für kaufmännische Berufe, Klöppel-Kunst-Kurse). Durch ihre Klöppel-Kunst ist sie auch über die Wormser Grenzen hinaus bekannt. Besonders schön sind ihre filigranen Klöppelbilder mit Nibelungenmotiven.
_Jährliche Nibelungenbild-Versteigerung_
Seit 2003 malt die Künstlerin _Sieglinde Schildknecht_ jährlich zu den Festspielen ein Bild, das versteigert und dessen kompletter Erlös dem Tierschutzverein übergeben wird. Mit den vier Bildern der letzten Jahre sind insgesamt 2500 Euro für soziale Einrichtungen zusammengekommen. Das Gemälde ist ein Unikat und wird dadurch aufgewertet, dass alle Schauspieler ihren Namenszug hinterlassen. 2006 hatte auch Intendant Dieter Wedel zum ersten Mal mit unterschrieben. Das Bild entsteht jeweils „backstage“, also hinter der Bühne, und hieß im letzten Jahr „Nach dem letzten Vorhang“. Das Gemälde hängt nach den Festspielen immer im Restaurante „La Forchetta“; dort werden bis Ende September Gebote abgegeben. Das Mindestgebot liegt bei 500 Euro. Abgabeschluss für das Gebot ist 17. August Das diesjährige Bild „Brunhilds Trauer“ wurde aber bereits vom 25. Juli an in der Kundenhalle der Sparkasse Worms-Alzey-Ried präsentiert. Die Palette der dort ausgestellten Bilder reichte vom ursprünglichen Festspiel-Logo über das Festspielplakat bis hin zu Szenen und Improvisationen aus Festspielaufführungen. Am Welt-Tierschutztag, dem 4. Oktober, wird es dem Meistbietenden übergeben. Der Reinerlös kommt dem Tierschutzverein zugute.
_Malwettbewerb_
Die Wormser Zeitung rief in diesem Jahr zu einem Nibelungen-Malwettbewerb in Hinblick auf die Festspielzeit auf. Mehr über die Aktionen der regionalen Zeitung findet sich am Ende des diesjährigen Festspielberichtes.
_Nibelungenhorde_
Initiatorin dieses bemerkenswerten Jugendprojekts ist Astrid Perl-Haag, die durch Vermittlung des „Wormser Wochenblatts“ den Kontakt zum Sponsor des Projekts gefunden hatte. Direkt nach den Festspielen 2006 führten die Nibelungenhorde ihr Nibelungenstück „Siegfried reloaded“ erneut – wenn auch nur in Ausschnitten – in nichtöffentlichem Rahmen im Lincoln-Theater in Worms auf, denn der Sponsor des Projektes Harald Christ, Geschäftsführer von HCI (Hanseatische Capitalberatungsgesellschaft mbH), der auch Jugendprojekte in Hamburg und Berlin unterstützt, war gekommen, um sich ein Bild über das Ergebnis seiner Investition zu machen. Zur eigentlichen Aufführung des bejubelten Nibelungenstücks im Festhaus Worms während der Nibelungenfestspiele konnte er nicht dabei sein. 40 junge Leute hatten in einem vierwöchigen Theaterworkshop mit hochkarätigen Trainern das Stück entwickelt. Harald Christ kam zu dem Ergebnis, dass sein Geld gut investiert war, und leistet aus eigener Tasche weitere Unterstützung. 2004 hatte er bereits die eigentlichen Festspiele mit einem Zuschuss unterstützt. Zu der privaten Aufführung und dem Treffen mit Harald Christ waren auch Uwe John (Regie), Antje Brandenburg (Sprachtraining) und Philipp Pöhlert-Brackrock (musikalische Improvisation) angereist und sagten ebenfalls ihre Weiterarbeit mit der Gruppe zu. Ebenso hatten die zu diesem Treffen nicht gekommenen Trainer Jannis Spengler (Suzuki-Training) und Warren Richardson (rhythmische Performance) ihre Weiterarbeit bereits bestätigt. Aber auch die Schauspieler der eigentlichen Festspiele Robert Dölle (Siegfried) und Thilo Keiner (Sindold) versicherten, den Kontakt zum Nachwuchs zu halten. Der nächste Workshop fand bereits Ende September 2006 mit Suzuki-Trainer Jannis Spengler statt. Einmal im Monat trifft man sich mit dem Regisseur Uwe John und probt weiter am selbst geschriebenen Stück. Eine Versteigerung phantasievoll gestalteter „Nibelungen-Sparschweine“ brachte ein klein wenig Geld in die Kasse, wo allerdings noch viel mehr benötigt würde. In mühevoller Kleinarbeit hatten die Jugendlichen fünf Sparschweine gestaltet und sie auf klangvolle Namen wie „Siegfried“, „Island“, „Nibelungenschatz“, „Drachen“ und „Nibelungenfestspiel“ getauft. Jedes der Tiere wurde von Mitgliedern des Festspiel-Ensembles signiert. Mindestwert der Ersteigerung war pro Schwein 40 Euro. Allerdings kamen insgesamt nur 420 Euro zusammen, weswegen der Betrag von der Wormser Sparkasse auf glatte 500 Euro aufgestockt wurde. Öffentlich zu sehen waren sie bereits wieder im Oktober 2006 im Vorprogramm des Solo-Theaterstücks „Hagens Traum“ von Thomas Haaß im Wormser Lincoln-Theater. Auch das Fernsehen war aufmerksam geworden. In der „Sonntagstour“ von SWR 3 lief ein einstündiger Film über Worms, in welchem auch „Siegfrieds Tod“ der Nibelungenhorde zu sehen war. Beim Workshop Ende Oktober wurden die Ideen mit den Trainern weiter ausgefeilt. Ein Verein „Nibelungenhorde e. V.“ ist inzwischen auch längst gegründet worden (16.11.2006).
_Jahresprogramm 2007:_
Der erste Workshop fand Mitte Januar mit Regisseur Uwe John mit 80 Jugendlichen der Wormser Nibelungenschule statt. Da diese hohe Anzahl an Interessenten das Fassungsvermögen des Workshops im Grunde sprengte, wurde eine Wiederholung in kleineren Gruppen beschlossen.
27. und 28. Januar: Workshop mit Jürgen Höhn („Mr. He“) in Pantomime. „Junge Menschen an die Hand zu nehmen und sie zu fördern, zählt zu den wichtigsten Aufgaben der Gesellschaft“, beschrieb er seine Motivation.
10. und 11. Februar: Veranstaltung „Offen für alle(s) – Nibelungenhorde & friends“ mit Präsentationen im Lincoln-Theater. Alle zur Bewerbung vorsprechenden Jugendlichen konnten noch mal Fragen mit Astrid Perl-Haag und Uwe John besprechen; an Programm geboten wurden freie Improvisationen und Szenenimprovisationen (mit Begriffen aus dem Publikum), ebenso Textarbeit (offene Proben) mit Szenen aus dem Nibelungenstück 2006. Mr. He (Jürgen Höhn) bot vierzehn Tage zuvor Pantomime mit dem Erlernten des Workshops und trat natürlich auch selber auf, die Nibelungenschule gab eine „Dirty“-Tanzaufführung. Die neugegründete Band der Nibelungenhorde „Wishions“ präsentierte mehrfach eigene Songs (der Name setzt sich aus „wishes“ und „visions“ zusammen). Natürlich war auch „Kriemhilds Song“ dabei, der im letzten Sommer so toll einschlug. Andere Jugendvereine, denen Jugendliche der Nibelungenhorde ebenso angehören, stellten sich vor und an Bands traten zudem auf: „The Döftels“, „Q-mark“ und „The Virus“.
17. und 18. Februar: Die neuen Jugendlichen für den 4-Wochen-Workshop zum Festspielstück 2007 sprachen vor. Auch gab es Plätze für diejenigen, die noch nicht im Rampenlicht stehen wollen. Jugendliche können auch als Journalist, Fotograf oder Filmer im Redaktionsteam dabei sein. Dabei ging es nicht nur darum, die Arbeit der Nibelungenhorde zu begleiten, sondern auch bei den gesamten Festspielen selbst dabei zu sein. Ab 7. Juli wurden diese Teilnehmer vier Wochen lang durch professionelle Körpertrainer, Sprachtrainer, Choreografen und die Unterstützung von Berufsmusikern angeleitet, erhielten Einblicke in die Theaterarbeit der Festspiele, verschiedene Berufsbilder und haben selbst ein Projekt erarbeitet, das im Kulturprogramm der Festspiele aufgeführt wurde. Die inhaltliche Grundlage für diese Aufführung war das Nibelungenlied. Kursleiter war wieder der Regisseur Uwe John. Mitbetreut wurden sie allerdings auch von Mitgliedern der „alten“ Nibelungenhorde. Die diesjährigen Dozenten sind Suzuki-Trainer Jannis Spengler, Sprachtrainerin Antje Breidenburg, der Wormser Mittelalterrecke und Schwertkämpfer Thomas Haaß, der Entertainer und Pantomime Jürgen Höhn, die Maskenbildnerin bei den Festspielen Hannelore Dressler-Schneider, der Schauspieler Hans Kieseler, der Profimusiker Ro Kuijpers, die Choreografin Uta Raab und die Coach- und Dynamiktrainerin Gabriel Weiss.
10. und 11. März: Comedy-Workshop mit Hans Kieseler. Kieseler ist seit 1998 Regisseur bei der „Kölner Stunksitzung“ und war vorher beim Bonner Improvisationstheater „Springmaus“. Erarbeitet wurde „Was macht Comedy aus, was erwartet der Zuschauer, was ist Situationskomik?“. Erarbeitet wurden verschiedene Darstellungsmethoden kurzer Szenen von spontan geschaffenen Konfliktsituationen. Für Kieseler, der bislang nur mit Profis gearbeitet hatte, war es eine positive völlig neue Erfahrung, mit Jugendlichen zu proben.
März: „Walking Act“-Performance in der Wormser Kaiser-Passage. Ohne feste Bühne – das ganze Einkaufszentrum war zur Bühne geworden – traten rund zwanzig der Workshop-Teilnehmer in einheitlich blauen Arbeitsanzügen mit grell geschminkten Lippen und weißen Handschuhen als „lebende Puppen“ in Aktion. Dies waren Ergebnisse der Workshops mit dem Pantomimen „Mr. He“ alias Jürgen Höhn. Durch derartige Projekte lernen die jungen Menschen, aus sich herauszugehen, ihre Ängste zu überwinden und so zielsicherer aufzutreten.
27. und 28. Mai: Workshop „Lebendige Maske“ mit Hannelore Schneider-Dressler, Visagistin bei den Nibelungen-Festspielen seit 2002.
Im Mai gab es auch anlässlich des 40.Geburtstages von Rheinland-Pfalz witzige Walking-Acts beim Tag der offenen Tür im Rathaus sowie Fechtszenen und Wundenschminken beim Pfingstmarkt. Ein Fecht- sowie Stuntkurs mit Thomas Haaß fand ebenfalls statt.
23. Juni: Beteiligung an der ersten Wormser Kulturnacht, wo im Lincoln-Theater das letztjährige Stück in variierter Form nochmals präsentiert wurde. Im Juli war man dann auch aktiv dabei im Programm des „Jazz und Joy“-Festivals.
7. Juli bis 5. August: Vierwöchiger Sommer-Workshop, der ja den jährlichen Schwerpunkt ausmacht, um Theater für junge Menschen erlebbar zu machen. 40 Jugendliche wurden Schritt für Schritt für den großen Auftritt fit gemacht, zusätzlich von 15 Jugendlichen der „alten“ Horde. Der Arbeitstitel dieses Jahr lautete „Frei sein“. Was letztlich gezeigt wurde, ist nicht von vornherein vorgegeben. Die Jugendlichen entwickeln es im Prozess mit eigenen Worten, eigener Choreografie und eigener Musik. Ende offen, der Weg das Ziel. In den vier Wochen gibt es Gesangs-, Choreografie-, Schauspiel- und Musikworkshops mit Antje Brandenburg, Jannis Spengler, Ro Kuijpers, Uta Raab und Thomas Haaß. Astrid Perl-Haag leitete zusammen mit Uwe John nunmehr im zweiten Jahr diesen Sommer-Workshop. Vielen Jugendlichen ist inzwischen die Endaufführung nicht mehr am wichtigsten, denn was in der Vorzeit passiert, geht weit über Schauspielerei hinaus.
Der Workshop von Janis Spengler im „Suzuki“-Training war dabei halb-öffentlich, denn Freunde der Horde wie auch die Eltern waren eingeladen. Suzuki ist eine asiatische Körperspannungstechnik von Tadashi Suzuki (japanischer Theaterregisseur), um den Schauspielern zu helfen, unbewusste Haltungsmuster zu erkennen und zu korrigieren. In dieser „Grammatik für die Füße“ steht die Körpersprache im Vordergrund. Die Beine erzeugen dabei eine stampfende Rhythmik ähnlich den japanischen „Taiko“-Trommlern, die obere Körperhaltung dagegen bleibt frei, das Becken ist der Mittler. Janis Spengler ist Grieche und lernte an der Theaterakademie München. Bekannt wurde er durch Fernsehen und Theaterbühnen.
Die zweistündige Darbietung des Erarbeiteten erfolgte dann an zwei aufeinander folgenden Tagen im Lincoln-Theater. Die Handlung war im Bandenmilieu angesiedelt, wo zwei Wormser Gangs unter Gunther und Etzel konkurrierten. Ähnlich den eigentlichen Festspielaufführungen war Siegfried bereits tot – gerade vom Hochhaus gestürzt, natürlich inszeniert durch Hagen. Die Nachricht verbreitete sich rasch über Handys. Viel wichtiger als die Handlung, die sich um die aktuellen Themen von Jugendlichen drehte, waren allerdings die gezeigten Ergebnisse dessen, was in dieser kurzen Zeit gelernt wurde. Denn das war alles andere als nur reine Schauspielerei. Ein choreographisches Feuerwerk aus Ballett, Musical, Comedy wurde geboten und gezeigt, wie man richtig gute rhythmische Musik zusammen auf Schrottinstrumenten gestaltet. Zwar ist dieses Jugendstück natürlich nicht mit der eigentlichen Festspiel-Aufführung vergleichbar, aber würde man das tun, würde die Nibelungenhorde mit der inszenatorischen Vielfalt des Stückes weit vorne liegen. Deswegen wurde die Horde zu Recht vom Publikum frenetisch gefeiert.
Auch Hagen-Darsteller Dieter Mann, seit über vierzig Jahren Theater- und Filmschauspieler, kümmerte sich intensiv um die Horde und stand für Fragen und Meinungsaustausch zur Verfügung. Das Ehrenmitglied des Deutschen Theaters Berlin ist nunmehr auch Ehrenmitglied bei der Nibelungenhorde. Von den Festspiel-Stars brachte sich auch Andreas Bisowski ein, der regelmäßig Workshops zur Textarbeit beisteuerte. Zur Generalprobe der richtigen Festspiele, die nicht im Gegensatz zum Vorjahr auch künftig nicht mehr öffentlich sein wird, durfte die Horde natürlich zugegen sein.
Beim Straßenfest in der „Unteren Kämmergass“ war die Nibelungenhorde zusammen mit den regulären Festschauspielern auch aktiv beteiligt.
Zudem sind eine CD-Aufnahme mit „Allee der Kosmonauten“ geplant sowie diverse Auftritte. Die Hauptaktivität war aber natürlich wieder das neue Nibelungenstück, das vom 7. Juli bis 5. August erarbeitet wurde. Erstmals wurde in diesem Jahr auch die „Nibelungen“-Hauptschule aus Worms mit einbezogen. Kooperiert wird dabei mit Ilse Lang und ihrer „Alexandra-Lang-Initiative Schüler und Arbeitswelt“ (ALISA). Dies ist ein Pilotprojekt, das sich im nächsten Jahr auf weitere Schulen ausdehnen könnte. Unterstützung kommt allerdings durch die Stadt Worms, die Nibelungen-Festspiele GmbH (die ihre Logistik zur Verfügung stellt), das Stadtmarketing und weitere Sponsoren. Infos zur Nibelungenhorde unter astrid.ph@t-online.de oder 0174-9513692.
Im zweiten Jahr hat die Nibelungenhorde bereits ihre eigene Band: „Wishons“.
Als Ausblick auf weitere Termine noch in diesem Jahr: Mitwirkung beim ersten Wormser Drachenfest im Oktober.
_Geschäftswelt_
Die Wormser Wirtschaft und Geschäftswelt profitiert seit Anbeginn der Festspiele von diesen und weiß das zu schätzen. Der Einzelhandelsausschuss im Stadtmarketing beschloss deswegen auch sehr früh im neuen Jahr, kleine Banner mit dem Festspiel-Logo für die Schaufenster herzustellen, und regte ein Festspiel-Kiosk auf dem Obermarkt an. Überall in Worms blicken einem somit die Nibelungen entgegen und sehr viele Schaufenster sind komplett nibelungisch dekoriert. Bei „Optik Meurer“ stehen seit mehreren Jahren Original-Kostüme aus bisherigen Produktionen, garniert mit Schwertern und Gemäuerstücken. Der Buchhandel stellt sich natürlich ebenso ganz auf die Thematik ein. Für das Wormser Tourismus-Konzept stehen die Nibelungen sowieso ganz oben an. Da auch der 60. Landesverbandstag der Dachdeckerinnung zu den Festspielen in Worms abgehalten wurde – Zeitpunkt und Ort wurden bewusst zum Jubiläum so gewählt -, besuchten auch diese allesamt die Festspiele.
_Restaurant Carbonara_
Da sich die Festspielstars dort seit Jahren recht häufig zum Essen einfinden, hat das Restaurant inzwischen den Ruf der „Nibelungenkantine“ inne. Bis spät in den Morgen kann man die Schauspieler dort eventuell antreffen. Auch der Geburtstag von Jasmin Tabatabai wurde dort bis morgens früh um vier Uhr gefeiert, obwohl am nächsten Tag in aller Frühe schon die weiteren Proben anstanden.
_Finanzen_
In der politischen Parteilandschaft plädierten die „Grünen“ nicht nur für eine Senkung der städtischen Zuschüsse (in den Jahren 2005 und 2006 betrugen die Zuschüsse jeweils 2,3 Millionen Euro bei Gesamtkosten von 2005 4,2 Millionen und 2006 4,7 Millionen), sondern schlugen einen zweijährigen Turnus für die Festspiele vor. In einem gemeinsamen Antrag mit der FDP brachten sie das in einer Ratssitzung vor bzw. forderten, dass die Gesamtkosten nicht maximal 4 Millionen Euro übersteigen dürfen und in den Folgejahren jährlich noch weiter reduziert werden. Die nicht im Rat vertretene PDS/Linkspartei vertritt ähnliche Positionen. Unterstützt wurde der Antrag aber nur vom ebenfalls im Stadtrat sitzenden Bürgerforum. Die CDU, stärkste Partei im Stadtrat, möchte auch, dass die Zuschüsse gesenkt werden, und setzte dabei auf eine gemeinsame Kraftanstrengung von Stadt, Sponsoren und Dieter Wedel. Für sie gab es ein klares Ja zur jährlichen Veranstaltung. „Die Festspiele dürfen nicht gefährdet werden“ (Zitat CDU-Fraktionssprecher Gerhard Schnell). Der Antrag der Grünen und der FDP – die allerdings ansonsten auch die Festspiele in Worms an sich nicht gefährden wollen – fand im Rat keine Mehrheit. Dass gespart werden muss, darüber waren sich alle einig, aber ein Budget vorzugeben, fanden weder CDU, SPD noch FWG hilfreich. Trotz solchen kleineren Streitigkeiten ist festzustellen, dass allerdings alle Stadtratsmitglieder hinter den Festspielen stehen. Es war 2002 sehr mutig vom Stadtrat, die Festspiele zu initiieren und auch fortzusetzen. Sie haben in Worms für eine Aufbruchsstimmung gesorgt und der Stadt ein deutlich besseres Image verschafft. Dennoch gibt es auch in der Bevölkerung immer auch einzelne Stimmen, die eine Einstellung der Festspiele befürworten würden. Aber nach Umfragen von 2007 finden auch über 70 Prozent der Wormser, dass die Nibelungenfestspiele zu einem positiven Image der Stadt beitragen. Veranschlagt für 2007 wurden dann 4,9 Millionen Euro mit einem städtischen Anteil von rund 2,2 Millionen und 2 Millionen Sponsorengeldern. Auch ein Landeszuschuss von 220.000 Euro wurde berücksichtigt, dessen Umfang sich aufgrund der kulturpolitischen Bedeutung für Rheinland-Pfalz ab diesem und dann auch in den kommenden (falls nicht das Parlament noch anders entscheidet) Jahren um 500.000 Euro erhöhte, so dass vom Land in diesem Jahr zumindest insgesamt 720.000 Euro flossen. Innenminister Karl Peter Bruch äußerte bei dieser Mitteilung, dass die Festspiele in ihrer Bedeutung über das Land Rheinland-Pfalz weit hinausgehen und in ganz Deutschland und sogar europaweit auf Resonanz stoßen. Ab diesem Jahr sind die Wormser Festspiele somit auch zu Festspielen des Landes Rheinland-Pfalz geworden. Gerechnet wurde bei der diesjährigen Kalkulation mit einer Besucherauslastung von 90 Prozent. Erklärtes Ziel ist eine Drittel-Finanzierung. Ein Drittel öffentliche Kassen, ein Drittel Sponsoren und ein Drittel aus Eintrittsgeldern. Dem Gesamthaushaltsetat der Stadt Worms für 2007 stimmte der Stadtrat durch die Mehrheit von SPD und CDU auch zu, allerdings blieben die kleinen Fraktionen von Grüne, FWG, Bürgerforum und FDP bei ihrem „Nein“. Die Ausgaben für die Nibelungenfestspiele sind in der Gesamtverschuldung allerdings im Grunde gering. Dort zu sparen – was Qualität und Sicherheit gefährden würde -, macht den Kohl nicht fett. Das gilt auch für die Ausgaben für das Nibelungenmuseum, die ebenso wie die Festspiele immer wieder thematisiert werden. Insgesamt sind die Festspiele nicht zu teuer, es hängen zudem viele Arbeitsplätze und auch das Image der Stadt daran. Dieter Mann (Hagen-Darsteller) erinnerte dabei zu Recht daran, dass Kultur nicht über die kommerzielle Schiene gerechnet werden könne und dass auch Fußball-Stadien bezahlt werden, die bei Spielen nur zu einem Drittel gefüllt sind.
_Unvermeidliches_
Mächtige Bühnen- und Tribünenbauwerke hinterlassen notgedrungen auch ihre Spuren. Nach den Festspielen 2006 auf dem Südportal des Doms sah der Platz einige Zeit etwas grau und trist aus, denn das Gras fehlte. Dass der Platz erneuerungsbedürftig sein würde, hatte die Stadt allerdings im Vorfeld bereits eingeplant. Im Haushaltsansatz waren dafür 20.000 Euro eingeplant, mit denen ein Rollrasen verlegt und Einlassungen sowie Wege wieder in Ordnung gebracht wurden. Die Gartenbaufirma Flörchinger sorgte dafür, dass der Platz sehr rasch wieder ordentlich aussah. Ernsthafte Schäden hatte es darüber hinaus keine gegeben.
_Umstrukturierungen_
Dies war das letzte Jahr, wo die Nibelungen-Festspiele GmbH unter diesem Namen die Festspiele durchführten. Die Stadt Worms wird mit einstimmigem Zuspruch des Stadtrats eine neue Kultur- und Veranstaltungs-GmbH gründen, in die neben der Festspiel-GmbH auch das Nibelungenmuseum, Jazz & Joy und das mittelalterliche „Spectaculum“ eingehen wird. Die bisherige Nibelungenfestspiel-GmbH wird sich künftig nur noch um den künstlerischen Aspekt der Festspiele kümmern. Aber aus Gründen der Gemeinnützigkeit und steuerlichen Aspekten bleibt der Name Nibelungenfestspiele gGmbh bestehen. An der Spitze der neuen Gesellschaft soll eine „erfahrene Führungspersönlichkeit“ stehen. _Thomas Schiwek_ hatte aufgrund einer Erkrankung seit diesem Frühjahr nicht mehr die Aufgabe als kaufmännischer Geschäftsführer inne, sondern es übernahm – zunächst befristet – Sascha Kaiser (der bisherige Assistent Schiweks in dieser Position) diese Aufgabe. Alleiniger Geschäftsführer ist Uli Mieland, aber Kaiser hat Einzelprokura für den kaufmännischen Bereich und führt die inhaltliche Arbeit Schiweks weiter. Der 32-Jährige studierte an der Fachhochschule Worms internationale Betriebswirtschaft und hatte danach zunächst in Frankfurt im Bereich Sport-Marketing gearbeitet, bevor er nunmehr bereits über Jahre im Nibelungenmuseum und der Festspiel-Gesellschaft arbeitet.
_Kuratorium der Festspiele_
Das Kuratorium berät die Nibelungenfestspiele in allen künstlerischen Belangen und fördert Verbindungen zu Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Es setzt sich derzeit zusammen aus Prof. Hark Bohm, OB a.D. Gernot Fischer, Beigeordneter a.D. Gunter Heiland, Prof. Dr. Hellmuth Karasek, Jürgen Kriwitz, Ilse Lang, Karl Kardinal Lehmann, Dr. Elke Leonhard, Dr. Friedhelm Plogmann, Karlheinz Röthemeier, Prof. Armin Sandig, Markus Schächter, Bundesministerin Dr. Anette Schavan, Dr. Eggert Voscherau, Prof. Dr. Weck und der rheinland-pfälzischen Ministerin Doris Ahnen.
_Gesellschafter-Ausschuss_
Alle Vertreter der Stadtratsfraktionen saßen nach dem gleichen Verfahren wie in den kleinen Ausschüssen in diesem Gremium. Durch das so genannte Verteilungsverfahren waren bislang die kleinen Fraktionen FWG und FDP nicht vertreten. Einstimmig beschloss nun der Ausschuss künftig auch von diesen Parteien je einen Vertreter einzuladen, damit alle Fraktionen informiert sind. Künftig wird dann der Gesellschafter-Ausschuss so vergrößert werden, dass alle Fraktionen mit Sitz und Stimme vertreten sind.
_Ausblick_
Dieter Wedel, dessen Vertrag abgelaufen war, bleibt Intendant bis 2011. Worms ist für ihn mittlerweile eine zweite Heimat geworden. Mit dem _ZDF_ ist Dieter Wedel im Gespräch, die Festspiele am Dom erneut im Fernsehen zu übertragen. Dies war in den Anfangszeiten schon einmal geschehen. Aber vor allem wären ZDF und Bavaria an einer Kooperation zu „Jud Süß“ (siehe im Folgenden) interessiert.
Am Ende der jeweiligen Spielzeit beginnen immer schon die Vorbereitungen für das Jahr darauf. 2008 werden nach Vorstellungen der Festspielorganisation die aktuellen wie auch ehemaligen Schauspieler noch mehr ins Kulturprogramm eingebunden, als es bislang schon der Fall war. Das möchte Wedel allerdings nicht. Er ist strikt dagegen, dass Schauspieler weiterhin im Rahmenprogramm auftreten, denn seiner Ansicht nach nehme das die Einmaligkeit der eigentlichen Aufführung. Dieter Wedel will neuerdings auch selbst die nicht-nibelungischen Schwerpunkte im nächsten Rahmenprogramm, das unter dem Motto „Worms und das Judentum“ stehen wird, setzen. Ihm war das Beiprogramm in diesem Jahr zu beliebig.
Für _2008_ sollen die beiden aktuellen Rinke-Inszenierungen „Siegfrieds Frauen“ vom letzten Jahr und „Die letzten Tage von Burgund“ von diesem Jahr an jeweils zwei aufeinander folgenden Tagen an der Nordseite des Doms aufgeführt werden. Beides in einer Nacht zu bringen, ist zwar auch nicht ausgeschlossen, aber Dieter Wedel mag keine Marathon-Aufführungen im Theater, und als Open Air sei das nahezu unzumutbar. Eine Doppelaufführung ist allerdings angedacht. Zu Festspielbeginn wird es also eine Doppel-Premiere an zwei Tagen geben. Auch für diejenigen, die beide Teile schon gesehen haben, wird das nicht langweilig werden, denn unter Wedels Regie werden sie sich erneut inhaltlich weiterentwickeln. Der Schluss, den viele nicht verstanden haben, wird auf jeden Fall anders sein und auch einige Szenen werden geändert. Für die Schauspieler sind zwei Stücke parallel natürlich sehr anstrengend. Die Festspielzeit soll von 15 auf 22 Vorstellungen verlängert werden. Der Termin wird wieder später – wie in den früheren Jahren schon immer im August anstatt im Juli – sein. Da in Rheinland-Pfalz nächstes Jahr die Sommerferien sehr früh liegen, findet dadurch die Probezeit in der Ferienzeit statt und verringert eventuell die Belastung der Anwohnenden, die möglicherweise in Urlaub sind. Die Preisstruktur der Eintritte ändert sich dann ebenfalls. Da die Wochenendkarten immer früh ausverkauft sind, die Vorstellungen unter der Woche allerdings nicht, werden die Preise für Wochenenden angehoben. Im Gegensatz dazu sind dafür Karten unter der Woche günstiger zu haben. Auch soziale Komponenten sind vermehrt vorgesehen, wie ein Familientag und Kombi-Rabatte.
Ein Autorenwettbewerb soll ausgeschrieben werden, um an ein neues Nibelungenstück („Das Leben des Siegfried“) zu kommen. Möglicherweise wird es aber auch einem renommierten Autor gezielt in Auftrag gegeben. Die Nibelungen bleiben natürlich Kernpunkt der Wormser Festspiele, aber bevor es zu einer inhaltlichen Vermengung kommen könnte, denkt Wedel auch über ein Stück nach, das mit Worms, seiner Geschichte, den Juden und den Nazis in Verbindung gebracht werden kann. Konkret im Visier ist dabei der von Lion Feuchtwanger 1925 erschienene Roman _“Jud Süß“_, wozu Moritz Rinke wieder das Drehbuch schreiben würde. Auch die Geschichte über Martin Luther wird für geeignet gehalten. In solchen Fällen wird aber etwas zu den Nibelungen im Kulturprogramm dominieren, denn diese dürfen natürlich nicht plötzlich ganz weg sein. Über diese Fragestellungen wird allerdings sehr kontrovers diskutiert. Für Wedel haben sich die Nibelungen nach drei Versionen von Moritz Rinke und der Hebbel-Inszenierung von Karin Beier ausgereizt. Er möchte generelle Festspiele in Worms – auch einen „Kaufmann von Venedig“ beispielsweise und die Nibelungen selbst nur noch alle vier Jahre. Die Stadt Worms hat nichts gegen eine Erweiterung des Portfolios, aber die Nibelungen als zentrales Thema wollen sie nicht ersetzen. Kulturkoordinator Volker Gallé erklärte, dass das Schauspiel immer im Vordergrund bleiben wird. Dieser Ansicht schließt sich die Nibelungenlied-Gesellschaft, welche die gesamten Nibelungen-Aktivitäten vom Nibelungenmuseum bis hin zu den Festspielen ursprünglich angeregt hatte, ebenso an.
Die Ideen für eine Musical-Inszenierung der Nibelungen gehen weiter, ungeachtet dessen, ob es zur Verwirklichung kommt. _Konstantin Wecker_, der 2006 bei der Premiere der Festspiele zu Gast war und kurz danach in Worms auch selber mit seinem Programm gastierte, bot an, dafür die Musik zu schreiben. „Mehr Orff als Wagner, keinesfalls poppig, eher orchestral“ beschreibt er seine Vorstellungen. Dieter Wedel favorisiert dagegen ein von _Michael Kunze_ geschriebenes Stück, das anschließend auch auf Tournee geht. Propagiert wird die Musical-Idee vor allem von André Eisermann, der auch im Musical „Ludwig II.“ spielt, zu dem die Musik ebenfalls von Konstantin Wecker geschrieben wurde. Auch Dieter Wedel spricht weiterhin darüber, ein Musical zu inszenieren.
Aber es werden auch Stimmen lauter, die für eine Aufführung der _Wagner-Oper_ „Ring des Nibelungen“ plädieren. In Worms machte dafür der Wagner-Biograf Walter Hansen bei seiner Lesung Stimmung.
_John von Düffel_ (Wedels Dramaturg) hat auch bereits reichlich Material zusammengetragen für eine heitere, mit Musik unterlegte Geschichte _“Das Leben des Siegfried“_.
Aber auch das Marketing in den Regionen Rhein-Neckar und Rhein-Main soll künftig noch stärker als bisher schon betrieben werden.
_Interessante Zusatzlinks:_
http://www.nibelungenmuseum.de
http://www.nibelungenfestspiele.de
http://www.wormser-zeitung.de
Immer aktuell am Ball ist man mit der regionalen Zeitung, die immer ein umfangreiches Nibelungen-Spezial pflegt. Als Medienpartner der Festspiele erscheint dort von Beginn an eine tägliche Berichterstattung, seit diesem Jahr zudem ab 30. Juni (schon drei Wochen vor der Premiere) eine tägliche Internetsonderseite mit vielen Fotos, mehreren Diskussionsforen und einem Online-Tagebuch von André Eisermann. Auch die Nibelungenhorde berichtet über ihre Arbeit. Neben der Möglichkeit, als VIP zur Premiere zu erscheinen, gab es eine Reihe weiterer Gewinnspiele: „Blicke hinter die Kulissen“, „Fühlen wie Kriemhild und Etzel“, wo professionelle Mitarbeiter von Maske und Bühne in einen Teil des Ensembles die Gewinner Hermann Grünewald und Astrid Guckes verwandelten und Originalkostüme der Schauspieler trugen. Zur Probe gab es auch zwei Gast-Kritiker-Gewinne. Auch einen „Blick in den Kochtopf“ bei dem Wormser Spitzenkoch Wolfgang Dubs, der die VIP-Gäste bekochte, inklusive Mitessen war möglich. Für Kinder gab es einen Malwettbewerb zum Thema Nibelungen, zu dem 77 Werke eingereicht wurden. Der Wormser Künstler Richard Schimanski und die Brünhild-Darstellerin Annika Pages wählten die insgesamt 26 Gewinner aus. An sechs davon ging ein Hauptgewinn, der öffentlich von Pages bei ihrem „WZ“-Interview vergeben wurde. Auch für übrige Veranstaltungen im Rahmenprogramm der Festspiele wurden Karten verlost. Im letzten Jahr hatte die WZ für einen symbolischen Preis Karten für die Generalprobe zugunsten der Kinderklinik verkauft, wobei 5000 Euro zusammenkamen. Dieter Wedel und auch die Schauspieler baten allerdings dieses Jahr darum, das nicht mehr zu wiederholen. Denn den besonderen „Kitzel“, zum ersten Mal vor Publikum zu spielen, will man nunmehr wie auch künftig wieder der Premiere vorbehalten. Allerdings durften zwei Gewinner der WZ sich zumindest die Generalprobe ansehen, die darüber auch ausführlich in der Zeitung berichten durften. Aber das größte Verdienst, das die Wormser Zeitung den Wormsern und Angereisten täglich während der Festspiele bietet, sind die sehr beliebten _Schauspieler-Interviews_. Fast täglich um 18 Uhr vor den Aufführungen kann man im Wechsel bei freiem Eintritt ein Live-Interview im Heylshof mit jedem der Hauptrollendarsteller wie auch Autor Moritz Rinke erleben. Diese Interviews haben sich im Laufe der Jahre zu einer festen Institution gemausert. In einer sehr intimen und bunten Dreiviertelstunde erlebt man die Stars ganz unmittelbar. Alle Abende sind natürlich bis auf den letzten Platz besetzt, weshalb man früh genug vor Ort sein muss. Auch in diesem Jahr waren immer ca. 100 Personen zugegen, an manchen Tagen gab es keinen Zutritt mehr.
Verweisen möchte ich auch auf die früheren Festspielberichte unter http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=50
http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=70
http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=71
|Hauptsächliche Quellen dieses jährlichen Essays sind die örtlichen Zeitungen: Wormser Zeitung, Wormser Wochenblatt und Nibelungen-Kurier.|
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