Archiv der Kategorie: Belletristik

Pauls, Alan – Geschichte der Tränen

_Inhalt_

Er ist ein seltsames Kind, im wahrsten Sinne des Wortes ganz Ohr. Er ist so sehr Ohr, dass alle ihm ihr Herz ausschütten, ihm, dem Knaben, der still da sitzt und mit seinen Autos spielt. Was findet da nicht alles den Weg an den Löckchen vorbei in den kleinen Kopf: Die Fantasien des patriarchalischen Großvaters, einfach alles hinzuwerfen. So ziemlich jeder Gedanke, der dem abtrünnigen Vater (er verließ die Mutter früh) jemals durch den Kopf ging. Die Hoffnungen, Ängste, Träume von Mutter, Großmutter, Hausmädchen. Von Zufallsbekanntschaften.

Der Junge liebt Superman, aber nicht, weil er alles kann, sondern weil er eben nicht alles kann: Er liebt Superman wegen des Kryptonits. Er empfindet Frieden, Glück, Tiefe nur im Schmerz, er IST quasi die Inkarnation der neuen Empfindsamkeit voller heißer Tränen für alles, und zwar so sehr, dass er sie bei anderen nicht dulden kann, so schal und verlogen fühlt sie sich dann an.

Es ist eine seltsame Welt, in der er im Argentinien der 70er Jahre heranwächst, eine Welt voller Soldaten: Soldaten wohnen um ihn herum in seiner Straße, der Ortega y Gasset (die wohl nicht umsonst so heißt), und gemahnen ihn in ihrer Uniformität an Außerirdische. Nichtsdestotrotz sind sie ein Stück Normalität, ebenso, wie es für den Heranwachsenden Normalität ist, linke Politliteratur zu lesen, sich in marxistische Wut hineinzusteigern. Als diese Welten sich allerdings verbinden, zuspitzen, ihre Kombination ein explosives Gemisch ergeben, was er erst versteht, als er im Fernsehen vom Putsch in Chile 1973 erfährt, während dem Präsident Salvador Allende das Leben verliert, muss er sich mit der Welt in seinem Kopf und mit seinem Blick auf das große Ganze neu arrangieren.

_Kritik_

Der Protagonist in Alan Pauls kurzem, wenn auch heftigem Buch ist jung, so jung, dass das Meiste, was geschieht, nicht ihm direkt geschieht, sondern ihm erzählt wird, gezeigt, nahegebracht. Die harten Geschehnisse der Gegenrevolution dringen wie durch Watte zu ihm durch, und gleich dem Kind mit dem Umhang und der absurden Brille auf dem Cover kämpft er vor allem mit Gedankengestalten. Als die Realität in sein Konstrukt einbricht, fehlen ihm zum ersten Mal die Tränen. Das ist absolut bitter, aber grandios verfasst.
Zwar ist diese – tja, sagen wir: Novelle – nur 142 Seiten lang, aber das heißt nicht, dass man sie nebenher weg liest wie nichts. Gegenteilig erfordern Pauls‘ Sätze, kantisch anmutend, wie sie sich über halbe Seiten erstrecken, höchste Konzentration.

Innenansicht, Gefühl, Gedanke, Assoziation umspannen winzige Teilchen harter Fakten, und man muss höllisch aufpassen, dass die einem nicht entgehen. Pauls hat sicher nicht von ungefähr einen kindlichen Protagonisten erschaffen, dem es schwerfällt, das Geschehen mit der Realität in seinem Kopf in Verbindung zu bringen; der nachdenkliche Junge mit dem Hang zu Tränen, ist das perfekte Medium, um Unsicherheit und Unverständnis zu transportieren über etwas, das den Verstand und das Empfinden von Richtig und Falsch übersteigt.

_Fazit_

Das ist gar nicht mal so einfach. Die „Geschichte der Tränen“ ist ganz sicher nicht etwas für jedermann. Es ist es treffendes, schmerzliches kleines Stück Literatur und Geschichte, allerdings ganz sicher nicht in der einfachsten Verpackung. Es möchte richtig behandelt und bedacht sein, und es liegt schwer im Magen.

Versucht es einfach. Geschichten über neue Empfindsamkeit in einer Militärdiktatur findet man schließlich nicht alle Tage. Und wenn es nicht klappt, dann dürfte tröstlich sein, dass die Erzählung nicht gerade leicht zugänglich ist.

Ich wage die Prognose, dass dieses Buch, hoch gelobt von verschiedensten Intellektuellen, an der breiten Masse mehr oder minder gänzlich vorbeigehen wird. Eigentlich schade, denn es beinhaltet Zunder.

|Gebundene Ausgabe: 142 Seiten
Originaltitel: Historia del llanto
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
ISBN-13: 9783608937107|
[www.klett-cotta.de]http://www.klett-cotta.de
[de.wikipedia.org/wiki/Alan__Pauls]http://de.wikipedia.org/wiki/Alan__Pauls

Bolaño, Roberto – Chilenisches Nachtstück

Letztes Jahr erschien posthum „2666“ von Roberto Bolaño. Vom Verlag als „Jahrhundertroman“ gepriesen, kommt er auch wie ein Backstein daher – über eintausend Seiten, die erst einmal erobert werden wollen. Wer sich als Leser zunächst lieber eine kleinere Dosis Bolaño verabreichen möchte, dem sei sein „Chilenisches Nachstück“ empfohlen, ein schmaler Band, der aber unbedingt neugierig auf mehr macht. Schließlich kam der 2003 verstorbene Bolaño ohnehin erst spät zu literarischem Ruhm, es gibt also noch einiges zu entdecken!

Das Nachtstück liest sich wie ein Fiebertraum, denn das ist es auch. Es handelt sich um die fiebrigen Gedanken des Sebástian Urrutia Lacroix kurz vor dessen Tod. Im Bett liegend und Gevatter Tod praktisch schon im Zimmer sehend, wehrt er sich vehement gegen die Vorhaltungen des in der zukünftigen Erzählung immer wieder auftauchenden vergreisten Grünschnabels, offensichtlich eine Personifikation des Gewissens Lacroix’. Als Priester, Dichter und Literaturkritiker hat er sich immer der Wahrheit verpflichtet gefühlt, versichert er zunächst überzeugend, denn „der Mensch hat die moralische Verpflichtung, sich für seine Handlungen verantwortlich zu erklären“. Das klingt zunächst edel und bewundertswert, doch stellt sich bald heraus, dass Lacroix es mit seinen hehren Moralansprüchen selbst nie so genau genommen hat.

Zunächst lässt er jedoch sein Leben Revue passieren: Wie er nämlich als junger Priester und Autor in spe den Literaturkritiker und -förderer Farewell kennenlernt, in seinem Einflussbereich ungefähr vergleichbar mit einem chilenischen Reich-Ranicki. Von Farewell wird er in die literarischen Zirkel eingeführt, er lernt Pablo Neruda kennen und versucht sich an ersten Literaturkritiken, die er von nun an regelmäßig in der Zeitung veröffentlichen soll, bis er sich selbst den Ruf eines einflussreichen Kritikers erarbeitet hat.

Episodenhaft werden dann verschiedenen Stationen in Lacroix’ Leben geschildert: Wie er Europa bereist, um heraus zu finden, wie man Gotteshäuser vor Taubenscheiße schützen kann, wie er sich an Lyrik probiert. Und es geht um den Literaturbetrieb, immer und immer wieder. Schließlich wird die Erzählung jedoch in den Ereignissen der späten 70er Jahre kulminieren – in der Regierung Allendes und dem darauffolgenden Putsch durch die Militärjunta Pinochets. Solcherart weitgreifende politische und gesellschaftliche Ereignisse sind jedoch nur ein Ärgernis für Lacroix. Als Allende an die Macht kommt, verweigert er sich dem gesellschaftlichen Umsturz quasi durch innere Emigration: Er liest die Griechen: „Allende fuhr nach Mexiko und zu den Vereinten Nationen in New York, und es geschahen mehr Attentate, und ich las Thukydides.“ So geht das seitenweise – es spielen sich politische Umbrüche ab und unser Priester vergräbt sich in jahrtausendealten Schriften, anstatt am historischen Moment vor seiner Haustür teilzuhaben.

Als dann Pinochet an die Macht kommt, wird er von der Junta als Lehrer für Marxismus engagiert, denn Pinochet will lernen, seine Feinde besser einzuschätzen. Lacroix fügt sich, freut sich über das Kompliment ein guter Pädagoge zu sein und findet Pinochet „überaus reizend“. Seiner Aufgabe geht er nach, ohne die Hintergründe zu hinterfragen als ginge es einzig um Wissensanreicherung zur Erbauung der Teilnehmer.

Sein Ausflug in politische Sphären ist nur scheinbar von kurzer Dauer. Während der Diktatur, als eine strenge Ausgangssperre verhängt wird, treffen sich die Intellektuellen von Santiago bei Maria Canales, einer angehenden Schriftstellerin, die ihr Wohnzimmer in einen Salon verwandelt, wo sich mehrmals wöchentlich Schriftsteller und Maler über Kunst, Literatur und Kultur im allgemeinen auslassen. Nur zufällig verschlägt es einen der stark angeheiterten Gäste in den Keller des Wohnhauses, wo er eine gefesselte und geknebelte Person auf einem Bett vorfindet. Doch anstatt das Gesehene anzusprechen, schließt er die Tür und kehrt ins Wohnhaus zurück. Erst nach Pinochets Sturz stellt sich heraus, dass Marias Mann zur Geheimpolizei gehörte und den Keller für Verhöre nutze. Nicht aber für Morde – außer einer der Gefangenen sei zufällig an der Folter gestorben.

Hätte Lacroix das wissen können? Ahnen können? Hätte er handeln können oder sollen? Vollmundig sagt er von sich selbst: „Ich wäre imstande gewesen und hätte etwas gesagt. Aber ich habe nichts gesehen. Ich habe nichts gewusst, und dann war es zu spät.“ Ist es tatsächlich so einfach? Wohl kaum. Denn um seinem eigenen moralischen Anspruch zu genügen, hört er bewusst weg, sieht bewusst weg (und liest griechische Klassiker), damit er am Schluss behaupten kann, doch von nichts gewusst zu haben. Er wäscht seine Hände in einer Unschuld, von der er genau weiß, dass er sie teuer erkauft hat.

Lacroix hält sich für einen Intellektuellen, einen empfindsamen Menschen. Dass allein schon stellt ihn moralisch über die breite „barbarische“ Masse Chiles, von denen viele einfach nichts wissen. Diese Arroganz, diese Ich-Bezogenheit der Kultur ist es, was Bolaño verurteilt. So lässt er beispielsweise Pinochet erläutern, dass er drei Bücher geschrieben habe (und unzählige Artikel) und „niemand hat mir dabei geholfen“ versichert er, ganz so, als sei der Akt des Bücherschreibens das, was einen Menschen adelt. Als mache ihn diese Tatsache allein zu einem grundsätzlich besseren Menschen. Und hier scheitert eben auch Lacroix selbst, der als Literaturkritiker durchaus Einfluss gewinnt, aber nie über den Literaturbetrieb hinaus auf das große Ganze blickt – bis zum Moment seines Todes, indem auch er seine Augen nur noch mit Mühe vor vergangenen Fehlern verschließen kann. Für ihn zählt einzig das geschriebene Wort, politische Ereignisse oder moralische Verantwortung fallen nicht in seinen Einflussbereich. Doch kann das Leben wirklich so einfach sein? Kann man sich so ein reines Gewissen bewahren?

„Chilenisches Nachtstück“ könnte ein schweres Buch sein. Wer es aufschlägt, wird nicht einen Absatz finden. Wer es anliest, wird schnell feststellen, dass wörtliche Rede in der Erzählung Lacroix’ quasi verschwindet. Sätze ergießen sich über mehrere Seiten, Erzählstränge gehen mühelos ineinander über. Und trotzdem liefert Bolaño ein Büchlein, das sich unglaublich leicht liest, sodass man als Leser all seine Konzentration auf das Gesagte lenken kann, ohne das „wie“ überdenken zu müssen. Was nicht heißt, dass das weniger beeindruckend wäre. Dass beides hier so elegant ineinander läuft, ist sicherlich auch der Arbeit des Übersetzers Heinrich von Berenberg zu verdanken.

Bolaños „Chilenisches Nachtstück“ weist mit seiner universalen Problematik weit über Chile hinaus. Ganz persönlich darf sich jeder Leser fragen, wovor er die Augen und Ohren verschließt. Und wie er meint, am Sterbebette den vergreisten Grünschnabel ruhig stellen zu können.

|Taschenbuch: 160 Seiten
ISBN-13: 978-3423138802
Originaltitel: |Nocturno de Chile|
Deutsch von Heinrich von Berenberg|

Choi, Angela S. – Hello Kitty muss sterben

_Inhalt_

Fiona Yu hat es nicht leicht: Sie ist achtundzwanzig Jahre alt, gut bezahlte Anwältin in San Francisco, steht sicher auf eigenen Füßen respektive Zehn-Zentimeter-Absätzen – aber ihren Eltern, traditionsbewussten Chinesen, hat sie nichts entgegenzusetzen. Da kann sie hundertmal in Yale gewesen sein: Es wird jetzt allerhöchste Zeit zum Heiraten. Und da kommt natürlich nur ein Chinese in Frage. Fiona wird also von einem entsetzlichen, zermürbenden Date zum anderen geschickt, immer die Stimme des Vaters im Ohr, die ihr wie ein Mantra vorbetet: „Trag Lippenstift.“ „|Hai|, Daddy“, denkt Fiona sich. |Hai| bedeutet auf Kantonesisch je nach Tonlage „Ja“ oder „Fotze“.

Fiona steht etwas ratlos vor den sich häufenden Dates mit peinlichen Verlierern und der drohenden Heirat mit irgendjemandem, aber glücklicherweise trifft sie Sean wieder. Sean, der ihr auf der Schule gezeigt hat, dass man Gewalt am besten mit unverhältnismäßiger Gegengewalt begegnet. Er war immer schon faszinierend und beängstigend, und er hat sich in der Zwischenzeit noch weiterentwickelt. Inzwischen ist er betuchter Chirurg, der sich auf Wiederherstellung von Hymen spezialisiert hat und in seiner Freizeit seine Mitmenschen von unangenehmen Mitmenschen erlöst.

Fiona, die befürchtet hatte, dass sie als brave chinesische Ehefrau und Mutter als „Hello Kitty“ enden würde (ohne Krallen, ohne Zähne, ja, ohne Mund, selbst ohne Augenbrauen, um mal wütend zu gucken), wittert in Seans Nähe Morgenluft. Seine Unkompliziertheit, was den serienmäßig herbeigeführten Tod irgendwelcher Unsympathen angeht, wirkt befreiend auf sie. Schnell erweist sie sich als gelehrige Schülerin, doch noch während ihre Dates den Schrecken verlieren, zieht eine neue Gefahr am Horizont auf: Sean wird unmäßig in seinem Drang – und unvorsichtig. Wird er Fiona in die Abwärtsspirale mit hineinreißen, in der er selbst ins Bodenlose trudelt?

_Kritik_

Die ersten paar Seiten dieses Romans sind eine Winzigkeit gewöhnungsbedürftig, dann aber erledigt sich jede Form von Zweifel von selbst. Fiona hat als Gefangene zwischen der oberflächlichen amerikanischen Schicht der Besserverdienenden und dem starren Korsett des chinesischen Traditionalismus jedes Recht, so durchgeknallt zu sein, wie sie nur möchte. Es sind zwei Lebensstile voller Extreme, die hier aufeinanderprallen, und beide sind auf ihre Art abartig und indiskutabel, so wie Angela S. Choi das Ganze schildert: Fiona hat ungefähr die Wahlmöglichkeit zwischen Hölle und Fegefeuer, wie es scheint.

Zwar sind die Morde hier nicht wie etwa bei Ingrid Noll von zwingender Notwendigkeit und die Motive für alle nachvollziehbar, aber man versteht auf jeden Fall den Wunsch Fionas, sich aus ihrer ekelhaften Situation zu befreien, und als Sean-der-Serienkiller auftaucht, freut man sich fast ein bisschen für sie: Man kann sich halt nicht dauernd mit moralischen Zweifeln belasten, wenn man einen Alltag durchlebt, der einen ständig an die Grenzen der Belastbarkeit treibt.

Choi bedient sich einer bewunderungswürdigen Stilmischung: Gemäß dem Bildungsstandard ihrer Protagonistin, zeigt sich in den Sätzen der Ich-Erzählerin ein beachtlicher Wortschatz und ein breites Allgemeinwissen, gemäß ihrem Geisteszustand jedoch ist das Ganze durchsetzt mit einer derartig schnoddrigen Rotzigkeit, dass man hin und wieder schlucken muss, ehe man sich daran gewöhnt hat. „|Hai|, Daddy“ …

Das Buch springt dem Leser förmlich ins Gesicht: vorm Aufschlagen bereits durch das aufdringlich-grelle Pink, und beim Lesen erst recht durch die bitterböse, ironische, moralisch indiskutable und doch so verständliche Abrechnung mit all den Widerlichkeiten und Widrigkeit des Alltags der Fiona Yu.

_Fazit_

„Hello Kitty muss sterben“ ist rabenschwarz und mit Abstand der zynischste Erstling, der mir je untergekommen ist, trotz all des Pinks. Nach kurzer Gewöhnung fühlt man mit der Protagonistin und lacht sich atemlos durch die rasanten Kapitel, die an Absurdität ihresgleichen suchen. Ich warte gespannt auf weitere Werke der Autorin, auch wenn ich zwischendurch wieder etwas anderes lesen muss, um mich meiner Werte zu vergewissern. Lesen!

|Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Originaltitel: Hello Kitty Must Die
Aus dem Amerikanischen von Ute Brammertz
ISBN-13: 978-3630873398|
[www.luchterhand-verlag.de]http://www.luchterhand-verlag.de
[www.angelaschoi.com]http://www.angelaschoi.com

Dirk Hack – Reifkalte Nächte durchwacht

_Erste Gehversuche auf schwierigem Terrain_

Lyrik rezensieren – Als ich das schmale Büchlein „Reifkalte Nächte durchwacht“ von Dirk Hack in den Händen halte, wird mir die Schwierigkeit meines Unterfanges sofort bewusst. Schon aus den ersten Versen sprechen der Erfahrungshorizont und das handwerkliche Vermögen eines Schreibenden, der noch am Anfang seines Lebens und seiner schriftstellerischen Laufbahn steht. Ich fühle mich an meine eigenen lyrischen Versuche erinnert und daran, dass sich ein Autor mit Lyrik mehr als mit jeder anderen literarischen Form entblößt und seine Leser tief in das eigene Empfinden vordringen lässt.

So windet sich auch Dirk Hack im Weltschmerz der Jugend, der klagt, anklagt, aber keine Lösungen, sondern nur das beklemmendes Gefühl bieten kann, dass der Klagende irgendwie Recht hat und dem wunden Punkt ziemlich nahe kommt, ihn aber dennoch nicht trifft und deshalb in seinem Verlangen, die Welt zu verstehen und zu verändern, erfolglos bleibt, wie der „unweise Mann“ aus der „Edda“, der zwar die Nächte durchwacht und sich um alles sorgt, jedoch an den Gegebenheiten nichts ändert. Auch über die Edda hinaus kennt Hack sich mit den Standardwerken der Literatur und den Großen der Branche aus. Sein Prolog aus einer Gleichsetzung von „nichts Sinnvollem“ mit dem Menschen „auf dem Höhepunkt seines Schaffens“ verrät eine Affinität zu Nietzsche. Den Romantikern wie dem zitierten Eichendorff gleich hängt er der Melancholie des Herbstes („Herbstlandschaft“) und von Vollmondnächten („Wolkenverhangener Vollmond“) nach. Er beschwört die „Nächtliche Einsamkeit“, betrauert den Verlust der Kindheit („Später Nachmittag“) und der ursprünglichen, als wahrhaftig empfundenen Natur, die der modernen Lebenswelt gewichen ist („Vertrocknetes Laub, verdorrter Hain“). Er scheut sich auch nicht, sich der Schwermut hinzugeben („Tränenregen“). Immer wieder werden Motive aus der nordischen Mythologie verwendet. So stehen beispielsweise die dramatisch wirkenden Götter und mythischen Momente gleichberechtigt neben vom Minnesang des hohen Mittelalters inspirierter empfindsamer Lyrik.

Der Autor probiert sich auch in Form und Wortwahl aus. Gedichte in freien Reimen wechseln mit streng gereimten. So manches Mal holpert der Rhythmus und einige Reime klingen bemüht. Auch die Verwendung altertümlicher Ausdrücke mutet etwas befremdlich an, als müsse Hack noch zu sich selbst und einer eigenen Sprache finden, zumal modernere Wortformen den Versen an einigen Stellen viel besser stehen und sie mehr in der Gegenwart verankern würden. So steht in „Nachruf“ die Verwendung von „jetzo“ störend neben sonst aktueller Wortwahl und dem gelungenen Bild „will das Hirn dem Herz entrennen“.

Neben Gedichten finden sich kurze Prosastücke wie das Gleichnis „Vom Muttermord“, welches als Vision von der Zerstörung der Erde durch ihre gierigen Menschenkinder, die sich schließlich gegenseitig umbringen, gelesen werden kann. Man fragt sich nur, wer noch übrig geblieben ist, um sich viele Jahrhunderte später noch den Namen der Mutter zuzuraunen.

Selbstverständlich orientiert sich jeder Schriftsteller an den Sujets der Literaturgeschichte, und es dürfte Weniges geben, über das noch nicht geschrieben wurde. Daher kann man zwar an den Texten eines jungen Autors vieles kritisieren. Man kann dem jungen Menschen jedoch auch für sein bisher Erreichtes auf die Schulter klopfen und etwas auf den Weg geben: weiterzuschreiben, dabei am Bilderreichtum zu arbeiten, über die Vorbilder hinauszuwachsen und mit ihnen zu spielen, um Originalität zu erreichen. Aus dieser Perspektive bildet „Reifkalte Nächte durchwacht“ den ersten Schritt auf einem langen Weg. Jugendliche Leser dürften sich in den Themen wiedererkennen. Erfahrenen Lesern wird das liebevoll aufgemachte Bändchen aus dem |Mischwesen|-Verlag nicht viel Neues bringen, außer der beruhigenden Gewissheit, dass sich die Jugend auch heute noch mit Lyrik beschäftigt und sie nicht aussterben lässt.

http://www.mischwesen-av.de

de Vigan, Delphine – Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Mit [„No und Ich“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5680 hat sich die französische Autorin Delphine de Vigan in die Herzen ihrer Leser geschrieben. Mit „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“ will sie an diesen Erfolg anknüpfen.

_Im Mittelpunkt der_ Geschichte steht Mathilde. Nachdem sie früh Witwe geworden ist, zieht sie ihre drei Söhne alleine auf und arbeitet Vollzeit in der Marketingabteilung eines Nahrungsmittelkonzerns. Sie opfert sich auf, macht viele Überstunden und schafft es, die rechte Hand ihres Vorgesetzten Jacques zu werden. Doch ein kleines, unwichtiges Ereignis auf der Arbeit setzt einen Prozess in Gang, an dessen Ende Mathilde beinahe vernichtet wird.

Bei dem Vortrag eines Kunden widerspricht sie ihrem Chef, was dieser persönlich nimmt. Doch statt ein offenes Gespräch mit ihr zu suchen, beginnt er, Mathilde leise und heimlich zuzusetzen. Er lässt ihr Besprechungstermine nicht zukommen, nimmt ihr allmählich ihre Verantwortungsbereiche ab, bis sie letztendlich mehr oder weniger arbeitslos in einem kleinen Büro sitzt und an ihrer Situation verzweifelt.

Zur gleichen Zeit fährt der mobile Hausarzt Thibault durch Paris, versorgt seine Patienten und hängt in Gedanken seiner Geliebten Lila nach, mit der er am Morgen endgültig Schluss gemacht hat. Während er rastlos seinen Gedanken nachhängt, schöpft Mathilde am schlimmsten Tag ihres Lebens nur aus einer Sache Hoffnung: eine Wahrsagerin hat ihr für genau diesen Tag eine besondere Begegnung voraus gesagt …

_“Ich hatte vergessen_, dass ich verwundbar bin“ ist ein minimalistisches, nicht besonders langes Buch, das schnell gelesen ist, dabei aber nie oberflächlich wird. Im Gegenteil ist es unglaublich atmosphärisch und erschafft mit Hilfe einer leicht zu lesenden, sehr lebendigen, beinahe poetischen Sprache einen ganz eigenen Erzählkosmos.

In dessen Mittelpunkt stehen zwei Personen: Mathilde und Thibault. Die Autorin hält dabei lange offen, ob die beiden sich treffen und ob sie überhaupt die besondere Begegnung sind, von der die Wahrsagerin gesprochen hat. Spannung erhält die Geschichte zum Einen aus diesem Handlungsstrang, sie besticht aber auch durch die atmosphärische Schilderung der Leben der Protagonisten sowie ihres Alltags. Begierig folgt man den Figuren in Vergangenheit und Gegenwart, um mehr über sie zu erfahren.

De Vigan schafft es nämlich, ihre Charaktere unglaublich mitreißend zu gestalten. Mathilde und Thibault erzählten beide aus der dritten Person, doch als Leser erhält man einen tiefen Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, die beiden tatsächlich kennen gelernt zu haben – und kann sich möglicherweise sogar mit ihnen identifizieren. Während die eine mit Mobbing am Arbeitsplatz zu kämpfen hat, hadert Thibault mit der Liebe. Beide Situationen dürften den einen oder anderen Leser ansprechen. Da de Vigans Figuren keine Übermenschen sind, sondern im Gegenteil sehr alltäglich wirken, fällt es leicht, sich in sie hinein zu versetzen. Thibault und Mathilde wirken auf den ersten Blick zwar nicht unbedingt originell, aber dafür werden sie umso eingehender und intensiver beschrieben und dargestellt.

Dies alles wird durch de Vigans Schreibstil zusammen gehalten, der bereits in „No und ich“ sehr viel zur Qualität beigetragen hat. Einfach und schnörkellos, in einer leicht verständlichen Sprache, gleichzeitig aber auch sehr tiefsinnig und poetisch erzählt die Autorin. Die traurige Grundstimmung passt zu den Protagonisten, es ergibt sich ein rundherum stimmiges Bild.

_“Ich hatte vergessen_, dass ich verwundbar bin“ ist ein würdiger Nachfolger von „No und ich“. Die Handlung hat zwar etwas weniger Substanz und besteht zu einem großen Teil aus Erinnerungen, doch das Gefühl, das beim Lesen aufkommt, die Sprache und die leicht zugänglichen Protagonisten lassen diesen Makel vergessen. De Vigans Roman ist ein kleines belletristisches Kleinod, das zum Nachdenken anregt und den Leser lange nicht loslässt.

|Gebunden: 251 Seiten
Originaltitel: |Les heures souterraines|
Deutsch von Doris Heinemann
ISBN-13: 978-3426198865|
http://www.droemer.de

Allende, Isabel – Insel unter dem Meer, Die

_Isabel Allende ist Spezialistin_ für Romane über starke Frauen. Da kommt es auch vor, dass ihre starken Frauen dermaßen unabhängig, freiheitsliebend und übergroß sind, dass der Leser sie für überzeichnet halten könnte, wüsste er nicht, dass Allende selbst diese unglaubliche Stärke und den unbändigen Lebenswillen mit ihrer eigenen Vita immer und immer wieder bewiesen hat. Dass sie, durchaus vom Leben gebeutelt, letztendlich doch immer das Positive in einem Schicksalsschlag sehen kann und nach vorne schaut, ist beeindruckend. Dass sie diese lebensbejahende Stärke mit immer wieder neuen Melodien in ihren Romanen besingt, ist keineswegs langweilige Wiederholung. Es ist Beweis dafür, dass hier eine Autorin ihr Thema gefunden hat – ein Thema, das sich immer wieder auf neue und überraschende Weise interpretieren lässt.

In Isabel Allendes neuem Roman, „Die Insel unter dem Meer“ (ein Euphemismus für das Jenseits), heißt diese starke Frau Zarité. Gleich im ersten Kapitel lernen wir sie als gestandene Frau mittleren Alters kennen, die geliebt und gelitten hat, und uns wird ihre Geschichte versprochen. Doch dann geht es eine ganze Weile erst mal gar nicht um Zarité, denn Isabel Allende hat sich mit „Die Insel unter dem Meer“ ein groß angelegtes Panorama vorgenommen, einen Historienroman allererster Güte.

Die Bühne bietet Saint-Domingue, Ende des 18. Jahrhunderts. Saint-Domingue, das heutige Haiti, war damals französische Kolonie und Exporteur von Zucker. Die zahlreichen Zuckerplantagen, von französischen Kolonialisten geführt, wurden von zahllosen Sklaven bewirtschaftet, die so schlecht behandelt wurden, dass sie in der Regel nach einigen Monaten „verschlissen“ waren und ersetzt werden mussten. In dieses Land, das irgendwo zwischen französischer Hochkultur und gesetzloser Barbarei schwankt, verschlägt es den jungen Toulouse Valmorain. Dessen Vater führte bisher die familieneigene Zuckerplantage, damit die Familie in Frankreich gut leben konnte. Doch nun liegt er im Sterben und Valmorain muss notgedrungen das Zepter übernehmen. Schnell stellt er fest, dass seine aufgeklärten Ansichten, von den aktuellen französischen Philosophen beeinflusst, ihm hier kaum weiterhelfen. Und so akzeptiert er bald ohne jede geistige Gegenwehr die Sklaverei als gottgegeben und unausweichlich, überlässt jedoch die wirklich brutalen Züchtigungen seinem Aufseher und beruhigt sich damit, dass Neger ohnehin weniger Schmerzempfinden haben als Weiße.

Als er auf Kuba seine Frau Eugenia kennenlernt und diese schließlich mit auf die Plantage bringt, kauft er für sie die neunjährige Zarité, damit diese der Herrin zur Hand geht. Bald stellt sich heraus, dass Eugenias Psyche der neuen Umgebung nicht standhält und so sorgt sich Zarité nicht nur um den Haushalt und um den neugeborenen Stammhalter Maurice, sondern auch um Eugenia, die immer mehr dem Wahnsinn verfällt und schließlich stirbt. Währenddessen befiehlt Valmorain Zarité des nächtens in sein Bett, vergewaltigt sie wiederholt und zeugt mit ihr zwei Kinder. Es sind die Kinder, ihre eigenen und auch Maurice, die sie von nun an an Valmorain binden. Selbst als sie die Möglichkeit zur Flucht hat, bleibt sie. Und als der Sklavenaufstand Valmorains Plantage zu überrennen droht, rettet sie ihn – wieder um der Kinder willen. Es verschlägt die beiden nach New Orleans, wo Zarité schließlich ihre Freiheit erzwingt und Valmorain ein zweites Mal heiratet.

_“Die Insel unter dem Meer“_ ist einer dieser historischen Romanen, in denen man sich wunderbar verlieren kann. Das Setting ist exotisch und schon darum ist man fasziniert von all den unbekannten Farben, Lauten, Landschaften und Menschen, die Isabel Allende im Verlauf des Romans zu einem riesigen Wandgemälde fügt. Selbst, als die Handlung nach New Orleans wechselt und die Charaktere die grüne, ungebändigte Hölle des Dschungels gegen die anspruchsvolle und vergnügungssüchtige kreolische Gesellschaft eintauschen, bleibt der Roman voller Sinneseindrücke. Tatsächlich gelingt ihr die Beschreibung New Orleans‘ besser als die der haitischen Plantagen, denn Isabel Allende ist eine Frau der Genüsse und derer bieten sich in dieser großstädtischen Gesellschaft einfach mehr: Da wird geschlemmt und geliebt, gestorben und duelliert, dass es eine Freude ist.

Schade daran ist einzig, dass die Protagonistin des Romans einer der uninteressantesten Charaktere ist. Auch Isabel Allendes Versuch, Zarité durch einzelne, in Ich-Form erzählte Kapitel, erfahrbarer zu machen, scheitert auf ganzer Linie. So unterbricht sie den Fluss der Handlung immer wieder, um Zarité selbst ihre Sicht der Dinge erzählen zu lassen. Doch diese Passagen bleiben blass und wirken seltsam fern. Stattdessen hat man den Eindruck, Zarité wäre der roten Faden, der alle anderen Charaktere dieses Romans verbindet. Und derer gibt es viele. Da wäre natürlich zunächst Valmorain zu nennen, dessen Ansichten über die Sklaverei im Allgemeinen und den Neger im Besonderen große Teile der Erzählung einnehmen. Die Widersprüchlichkeiten in seiner Argumentation sind dabei ein Reiz der Figur. Dass Freiheit offensichtlich ein Gut ist, dass für sich selbst Wert hat, will ihm nicht in den Kopf. Schließlich hat Zarité doch bei ihm alles, was sie braucht. Er sorgt gut für sie, meint er zumindest. Wozu sie also ständig auf ihre Freilassung drängt und diese schlussendlich sogar erpresst, will ihm nicht in den Kopf. Er fühlt sich gar von ihr verraten, als wäre er es, dem hier Unrecht getan wurde. Diese widersprüchliche Argumentationskette lässt vermuten, dass Valmorains gebildeter Verstand anders kaum mit den Gegebenheiten umgehen könnte. Denn im Gegensatz zu seinem Sohn, der zu seinen Überzeugungen steht und gegen die Sklaverei kämpft, ist Valmorain eigentlich zu feige und zu bequem, um an den Zuständen etwas ändern zu wollen. Er arbeitet lieber innerhalb des Systems und baut außerhalb von New Orleans die modernste und menschenfreundlichste Plantage auf. So als wären eine wasserdichte Hütte, regelmäßige Mahlzeiten und eine notdürftige medizinische Versorgung genug Bezahlung für die erzwungene Unfreiheit der Sklaven.

Dann wäre da noch Violette, die freie Mulattin, die als Konkubine große Erfolge feiert und schließlich durch die Heirat mit einem Franzosen in der Gesellschaft aufsteigt. Oder Tante Rose, die Voodoo-Priesterin, die mit Kräutern allerlei Krankheiten heilen kann und sich einen so guten Ruf erarbeitet hat, dass sogar ein französischer Arzt ihre Bekanntschaft sucht, um von ihr zu lernen. Oder Zacharie, der Sklave, der mit seinem herrschaftlichen Benehmen Ärger heraufbeschwört und dafür mit seinem schönen Gesicht bezahlen muss.

_Es gibt also viel_ zu entdecken in Isabel Allendes Roman. Dass da einiges zu bunt und zu überzeichnet gerät, ist fast verzeihlich. So lässt sie es sich nicht nehmen, gegen Ende auch noch eine Inzestbeziehung einführen zu müssen, deren Brisanz fast gänzlich unter den Teppich gekehrt wird, da der viel größere Tabubruch offensichtlich die Gemischtrassigkeit der Eheleute ist. Dass Zarité nach vielen Schicksalsschlägen dann doch Frieden mit der Welt schließt und bei sich selbst ankommt, erwartet man von Isabel Allende. Und sie enttäuscht nicht. Im Großen und Ganzen ist „Die Insel unter dem Meer“ nämlich eine runde Sache.

|Hardcover: 557 Seiten
Originaltitel: La isla bajo el mar
ISBN-13: 978-3518421383|
[www.suhrkamp.de]http://www.suhrkamp.de

_Isabel Allende auf |Buchwurm.info|:_
[„Im Bann der Masken“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=605
[„Die Stadt der wilden Götter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1431
[„Im Reich des goldenen Drachen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1432
[„Zorro“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1754
[„Inés meines Herzens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4229
[„Das Siegel der Tage“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5269
[„Mein erfundenes Land“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2979

Agus, Milena – Flügel meines Vaters, Die

_Inhalt_

Auf Sardinien gibt es ein paar traumhaft hübsche nebeneinander gelegene Grundstücke, von denen eines ans Meer grenzt. Die Bauherren der Gegend träumen von diesen Grundstücken und täten vieles, um sie in die Hände zu bekommen und ein paar praktische Bungalows darauf zu stellen, aber da macht ihnen Madame einen Strich durch die Rechnung. Madame ist keineswegs Französin, wie ihr Spitzname vermuten lässt, aber sie schwärmt für Frankreich und würde schrecklich gern einmal nach Paris reisen. Einstweilen aber begnügt sie sich damit, auf ihrem unendlich wertvollen Grundstück ein bescheidenes Hotel zu führen und Obst und Gemüse anzubauen, das tatsächlich nach etwas anderem als Wasser schmeckt.

Neben Madame lebt die Familie der Erzählerin – sie ist vierzehn und denkt sich gern Geschichten aus, die schöner sind als die Wahrheit. Sie kommt mit Madame gut zurecht, denn auch Madame versucht die Wahrheit zu beeinflussen, und zwar durch weiße Magie. Zur Familie gehören der Großvater, der einen besonderen Blick auf die Welt hat und meist das Gute sieht, und die Mutter, die nach dem Verschwinden des Vaters, der vor seinen Spielschulden geflohen ist, bettlägerig ist.

Der Mikrokosmos wird ergänzt durch eine weitere Familie mit nicht unproblematischen Mitgliedern und diverse Gäste bzw. Menschen, von denen Madame denkt, dass sie sie liebt. Sie hat ein großes Herz und jede Menge Liebe zu verschenken, aber es gibt so gut wie niemanden, der damit umgehen kann. Das übliche Auf und Ab im Leben, herzergreifend in all seiner Banalität und Wehmut, wird für die halbwüchsige Erzählerin überwacht von den Flügeln ihres Vaters – er ist tot, hat sie gehört, und seitdem kommt er manchmal spätabends ins Zimmer geflogen und bauscht die Vorhänge, bis sie die Decke berühren und wie seine Flügel wirken. Kleine Wunder geschehen in ihrer Nähe, und Beruhigung geht von ihnen aus. Ob sie auch helfen können, wenn ein Unglück geschieht und die kleine Oase in der unberührten Natur in Gefahr gerät?

_Meinung_

„Die Flügel meines Vaters“ kombiniert mit einem guten Schuss Zärtlichkeit Charaktere, die nicht besonders gut zusammenpassen. Manch einer leidet stumm unter seinem Nächsten, aber die räumliche Nähe lässt ein Ende dieses Leidens nicht zu. Träume und Ansichten reiben sich aneinander auf, und wäre da nicht die stille Toleranz im großen Herzen jener, die alles überblicken, wäre der kleine Ort am Meer ein viel hässlicherer Ort. Es ist anrührend, wie die Erzählerin sich ihre eigene kleine Welt zurechtsinnt und darin unauffällig vom Großvater unterstützt wird, der hinter die Fassaden zu schauen im Stande ist.

Die kurzen Kapitel des schmalen Bandes schildern unaufgeregt alles, von Alltäglichkeiten bis zum Abstoßenden, Absurdes mischt sich mit totaler Normalität, Leidenschaft mit Kälte, Zartheit mit Härte. Und über allem schwebt die Sehnsucht nach Liebe; sie durchsetzt die Atmosphäre des Buchs wie der Geruch von Lavendel die Luft über diesem Teil Sardiniens.
Trotz aller Schlichtheit und obwohl es so sachte formuliert, ist „Die Flügel meines Vaters“ ein Buch von Wucht; es bezirzt und umstrickt und weckt Fernweh. Die Kürze des Bändchens, der kleine Ausschnitt aus diesen verschiedenen Leben, der einige Erzählstränge zu Ende führt, viel mehr aber noch nur anreißt, andeutet und schließlich offen lässt, verführt den Leser dazu, nach dem Ende selbsttätig weiterzuträumen. Es ist ein spannendes kleines Werk voller lebensnaher Beschreibungen, ein Werk über Hoffnungen, Träume und menschliche Größe, über Ausbrechen, Fortgehen, Grollen, Heimkehren, übers Nachdenken und übers Verzeihen, über Prinzipien und über das, was das Herz bewegt.

_Fazit_

Milena Agus hat ein wunderschönes Buch geschrieben, das mit sanften Farbtönen ein realistisches und doch versöhnliches Bild von den Menschen malt. Da das kleine Werk nur hundertsechzig Seiten umfasst, kann man es jederzeit benutzen, um einen miserablen Tag zu retten oder sich kurz gedanklich an die Sonne und an den Strand Sardiniens zu versetzen, den Duft italienischer Kräuter einzuatmen und sich durch Madames Magie das Leben etwas schöner zaubern zu lassen. „Die Flügel meines Vaters“ ist hinreißend und rundherum empfehlenswert.

|Taschenbuch: 160 Seiten
Originaltitel: Ali di Babbo
Aaus dem Italienischen von Monika Köpfer
ISBN-13: 9783423139120|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de
[Wikipedia – Milena Agus]http://de.wikipedia.org/wiki/Milena__Agus

Schami, Rafik – dunkle Seite der Liebe, Die

_Inhalt_

Damaskus, 1969: Über dem Tor der Pauluskapelle wird in dem Korb, in dem ein Märtyrer einst sein Leben aushauchte, ein Toter gefunden. Allerdings handelt es sich nicht um einen Christen, sondern um einen muslimischen Offizier. Kommissar Barudi steht vor einem Rätsel, das ihn reizt, in das er sich aber nicht verbeißen darf: Er wird von höherer Stelle aus zurückgepfiffen. Heimlich ermittelt er weiter und kommt dahinter, dass der Tote in Verbindung mit einer Familienfehde stand, die seit Generationen zwischen den Muschtaks und den Schahins tobt: 1907 nimmt eine blutige, traurige, unversöhnliche Geschichte ihren Anfang mit einer Liebe, die nicht sein darf, sich aber nicht darum schert und trotzdem blüht.

Der Beginn ist märchenhaft, doch der Preis ist hoch, denn wer von Hass und Rachegelüsten zerfressen ist, lebt selten glücklich bis an sein Lebensende. Auch die nächsten Generationen können sich aus den Banden der Feindschaft nicht lösen; sie saugen den Hass auf die andere Partei mit der Muttermilch auf, können gar nicht anders, als ihn als Naturgesetz zu betrachten. 1953 aber, als Farid Muschtak und Rana Schahin aufeinandertreffen, steht die Welt still in ihrem Lauf, hebt die Naturgesetze aus den Angeln und verwandelt für diese beiden Hass in Liebe.

Liebe allerdings hat es schwer in diesen Zeiten der Wut und der Rache, wo die innerfamiliäre Art der Auseinandersetzung mit Renegaten die politische des ganzen Landes widerspiegelt: Mit äußerster Gewalt wird durchgesetzt, was gerade Regel ist. Und Farid macht alles noch komplizierter, indem er zum Kommunisten wird: Er verrät nicht nur seine Familie, sondern obendrein die Regierung. Und während er für seine Überzeugungen in verschiedenen Gefängnissen unter der Folter zu leiden hat, ereilt Rana die Vergeltung des Clans – sie wird nicht wie ihre geliebte Tante erschossen, aber es wird ihr unmissverständlich klargemacht, dass Abweichler nicht geduldet werden. Was die Schahins jedoch nicht wissen, ist, dass es für Rana so lange Hoffnung gibt, wie sie und Farid am Leben sind. Irgendwann wird die Welt wieder innehalten und die Naturgesetze für sie ändern, denn Liebe ist größer als Hass. Der Tote von der Pauluskapelle ist ein Dominostein, einer der letzten in einer langen Reihe, die unausweichlich fallen mussten. Doch selbst Dominosteine können zu Stolpersteinen werden …

_Kritik_

Die lange Sage der beiden verfeindeten Familien bietet ein Gerüst für unendlich viele kleine Geschichten und Anekdoten, die ein facettenreiches, kunterbuntes Bild Syriens und speziell Damaskus‘ zeigen. Das Rot in all dem Kunterbunt ist leider meistens Blut, und so feinsinnig, amüsant und sanft manche der Geschichten sein mögen, so derb, brutal und abartig sind andere. Aber das ist gut so, es ist die Mischung, die die Faszination ausmacht, und wenn man gerade ganz nah an eine der Geschichten herangetreten ist, so trifft die nächste umso unmittelbarer, während man bar jeglicher geistiger Deckung ist.

Schami bietet Geschichten – nun, nicht für tausendundeine Nacht, aber doch immerhin für einige Nächte hintereinander, selbst, wenn man das Buch gar nicht weglegen mag. Er betört mit einem Stil, der die schrecklichsten Dinge wunderschön verpackt und liebevoll präsentiert, so dass man ihm danken möchte, während er eigentlich die Geißel in der Hand hält.

„Die dunkle Seite der Liebe“ ist Poesie in Prosa, wenn man so will: Es nimmt den Leser nach wenigen Seiten an der Hand und führt ihn weit, weit fort, stellt ihn neuen Freunden vor und zeigt ihm das hässliche Antlitz der Feinde. Man ist so nahe an den Figuren, dass man mit ihnen interagieren möchte, und das ist es einfach, was einen guten Erzähler ausmacht. Rafik Schami erzählt zauberhaft, knüpft aus tausenden unterschiedlicher Fäden von zart bis hart einen Teppich, auf dem die Gedanken fliegen lernen.

_Fazit_

„Die dunkle Seite der Liebe“ ist einer der ganz großen Romane der letzten Jahre. Dass der Autor vom ersten kläglichen Versuch als Jungspund bis zur Veröffentlichung 39 Jahre lang daran gefeilt hat, hat sich gelohnt. Zu Recht gibt es bisher so viele gute Kritiken, doch wurden auch andere Stimmen laut: Zu lang sei der Roman, zu unverständlich, man hätte locker fünfhundert Seiten rauskürzen können. Das ist, mit Verlaub, Schwachsinn. Wem tausend Seiten zu viel sind, der möge etwas anderes lesen. Wer hier mal eben fünfhundert Seiten fortkürzte, der beschnitte dieses Werk herab zu einem normalen Krimi bzw. einer normalen Familiengeschichte und zerbräche dieses unglaubliche Füllhorn an Bildern, Eindrücken und Anekdoten, und schon wäre die Welt wieder ein wenig ärmer. „Die dunkle Seite der Liebe“ ist wundervoll, so wie es ist.

|Taschenbuch: 1040 Seiten
ISBN-13: 9783423135207|
[www.dtv.de]http://www.dtv.de
[www.rafik-schami.de]http://www.rafik-schami.de

_Rafik Schami bei |Buchwurm.info|:_
[„Die dunkle Seite der Liebe“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2102
[„Märchen aus Lalula“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=2868

Bammes, Michael – Absinth-Geschichten – Im Bann der Grünen Fee

_Inhalt:_

Absinth – das geheimnisumwitterte Getränk der Alchemisten, der Denker und Schriftsteller. Mythenvoll beladen, dank seiner ursprünglich halluzinogenen Wirkung immer wieder vergöttert, gleichzeitig verteufelt und verurteilt, in jedem Fall aber bis heute Protagonist eines eigens für dieses Getränk erschaffenen Mysteriums, welches den Genießer, egal in welcher Form, nicht selten in die Grenzbereiche von Realität oder Phantasie zu führen vermag. So auch verwundert es nicht, dass das Geheimnis der Grünen Fee bis heute die Phantasie belebt, deren Zauber sich in den hier zusammen getragenen Geschichten mannigfach zu entladen versteht. Beängstigend, beunruhigend, erotisch, immer aber auch mit einem Eigenleben beseelt, welches Besitz ergreift und mit jedem Schluck tiefer in eine Welt hineinführt, deren Realitäten kaum abschätzbare Folgen haben können.

In diesem Buch nun lädt Michael Bammes ein, sich diesem Zauber, dessen Wundern wie Gefahren, hinzugeben und Welten zu begehen, welche dem realen Bewusstsein und unserer Wahrnehmungsfähigkeit, glücklicher- oder bedauerlicherweise, verschlossen bleiben.

Erheben Sie Ihr Glas und seien Sie herzlich willkommen – in der weiten, geheimnisvollen Welt der Grünen Fee.
(Verlagsinfo)

_Überblick und Meinung:_

Michael Bammes fasst in seinem Kurzgeschichtenband acht ABSINTH-Geschichten zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

In dem Opener „Unterwegs“ erzählt er von Josh, einem Hartz-IV-Empfänger, der zur Jobvermittlung radelt, wo ihm ein neuer Job winkt: Ein Vertrieb für ausgewählte Spirituosen sucht einen jungen Mann für den Außendienst. Und Josh erlebt fortan auf seiner Absinth-Verkaufstour groteske Situationen.

Tim und Jake irren in der Folgestory „Durch die Nacht“ im Absinth-Rausch durch eben jene und begegnen merkwürdigen Gestalten/Geschöpfen.

In „Kostbares Grün“ saugt 1763 der Vampir Jaron Wald in einem Gasthaus zwei Männer aus – der Wirt schlägt Jaron einen Handel vor, damit er ihn verschont: Er bietet ihm eine Flasche mit einem besonderen Trank an – die grüne Erlösung … doch ist sie das wirklich?

Der alte Jaques de la Paix entdeckt in „Abgefüllt“ in einer Nacht Ungewöhnliches in einer Spirituosen-Manufaktur. Wollen Außerirdische den kostbaren Absinth stehlen? Oder ist das magische Gestränk, bzw. dessen Substanz, lebendig geworden?

„Grüner Sand“ entführt den Leser mit einer Reisegruppe in die Wüste. Reiseleiter und Fahrer erzählen abends am Feuer eine alte Sage, in der Absinth eine Rolle spielt und davon handelt, dass ein Bann über die Händler des hochprozentigen Getränks ausgesprochen wurde. Wirkt er auch heute noch?

Die Studentin Melanie bewirbt sich in „Grünanlage“ als Aushilfe in einer Bar. Schon am Abend fängt sie dort an und Sven, der Wirt, lässt sie allein. Melanie genehmigt sich selbst den ein oder anderen Absinth und erlebt Verstörendes.

In „Ein bunter Abend“ nehmen Tom und seine Freunde Chris, Mark und Paul an wilden Partys mit Absinth in einem baufälligen Fabrikgebeäude teil – mit einem feurigen Ende.

Gaby und Kai treffen sich in „Game over“, und Kai erzählt von einem Spirituosenhändler, der Absinth im Sonderangebot anbietet, und davon, dass jeder, der eine Literflasche bestellt, an einem neuen Onlinespiel teilnimmt. Die beiden beschließen, mit Freunden das Spiel zu testen – unter Absinthgenuss …

Michael Bammes entführt in dem kleinen Kurzgeschichtenband den Leser in die Welt der Phantastik und den Bann des Absinths. Dabei bietet er eine wilde Plotpalette, die das Lesen der acht Geschichten kurzweilig macht. Somit eignen sie sich wunderbar für den „kleinen Lesegenuss“ zwischendurch. Vielleicht mit einem köstlichen Absinth? Es muss ja nicht immer der Grüne sein!

Die Aufmachung ist hübsch: Ein kleiner schwarzer Band mit einem ansprechenden Foto, das zum Thema passt (Absinthglas und -löffel, Wasserkaraffe und Bücher) und vom Autor selbst geschossen wurde. Papier und Satz sind auch ansprechend. Da kann man nicht meckern.

_Fazit:_

Kurzweiliger Band phantastischer Absinth-Geschichten. Nicht nur für Liebhaber des aromatischen Getränks geeignet!

|Taschenbuch: 84 Seiten
Titelfoto von Michael Bammes
Titelgestaltung von Nina Kresse, Leipzig
ISBN-13: 9783939398493|
[www.EditionPaperONE.de]http://www.EditionPaperONE.de
[www.michael-bammes.de]http://www.michael-bammes.de

Cossé, Laurence – Zauber der ersten Seite, Der

_Inhalt_

Es gibt Träume, die bestimmte Menschengruppen verbinden. Man muss nicht über sie reden, aber sie sind da. Und dann, eines Tages, wenn jemand sie erwähnt, strahlen die Gesichter der Ähnlichdenkenden auf, und die allgemeine Antwort ist: Das habe ich immer schon gewollt.

Ein solcher Traum vieler Bücherwürmer ist eine Buchhandlung, in der man nicht nach guten, anrührenden, lebensverändernden Büchern suchen muss, weil das ganze Sortiment nur solche Perlen umfasst. Ivan Georg, seines Zeichens idealistischer Buchhändler, und Francesca Aldo-Valbelli, betuchte Bibliophile, wagen es, diesen Traum in die Realität umzusetzen. Die Bücher werden von einem streng geheim gehaltenen Komitee ausgewählt, das sich aus großen Schriftstellern zusammensetzt.

Die Reaktionen auf das neue Geschäft „Der gute Roman“ in Paris sind zwiespältig: Die Freunde guter Bücher kommen gern, kaufen viel, verlieren sich lesend zwischen den Regalen und den Realitäten, bis man sie sanft in die Wirklichkeit zurückholt und auf den Ladenschluss hinweist. Aber wie üblich gibt es auch die Gegenstimmen: Wer sich denn erdreiste, gute Bücher von anderen zu unterscheiden? Warum sei dieses oder jenes Buch nicht im Bestand? Was seien das überhaupt für Menschen, die dieses elitär-faschistische Denken in die Buchwelt brächten?

Die Idealisten sehen sich plötzlich von einer Welle wilder Diffamierungen und persönlicher Anfeindungen überrollt, mit der sie nicht gerechnet hatten, und dann werden einzelne Komiteemitglieder physisch angegriffen. Wer hat ein Interesse daran, Buchliebhabern zu schaden? Der belesene und daher in diesem Fall sehr eifrige Kommissar Heffner taucht ein in eine Welt aus Worten, Schein und Sein …

_Kritik_

Kennt ihr diese Art Bücher, bei deren Lektüre ihr euch erst wieder in der Wirklichkeit zurechtfinden müsst, wenn ihr mitten im Lesen aufschaut, weil ihr ganz weit fort getragen wart? Das hier ist eines davon. Wer ein gutes Buch liebt und um seine Macht weiß, begrüßt den Einfall der spezialisierten Buchhandlung natürlich jubelnd, und der Kampf, der um sie tobt, geht entsprechend unter die Haut. Aber oh, das ist ja nur der Anfang! Die Charaktere sind aufs filigranste geschnitzt – man ist sofort befreundet mit dem für seine Ideale lebenden Ivan und mit der ätherisch-traurigen Francesca, die in behutsamer Weise und mit unglaublich schönen Bildern beschrieben werden. Wie die Lebensgeschichten sich auf den Punkt hinbewegen, an dem letztendlich die Anschläge geschehen und die Polizei eingeschaltet wird, ist trotz aller Stille und Unaufgeregtheit herzzerreißend spannend gemacht.

Die Büchervernarrtheit der Autorin spricht aus jeder Seite; man nimmt Anregungen über Anregungen mit, und wenn ein bestimmtes Buch mit den wärmsten Tönen bedacht wird, setzt man es sofort auf die geistige Liste. Das war in diesem Falle für mich besonders spannend, als es sich häufig um französische Bücher handelt, von denen ich nur wenige kenne. Die angesprochenen internationalen Klassiker allerdings lassen vermuten, dass es sich auch bei den erwähnten Franzosen um wirkliche Kleinode handelt.

Aber Geschichte, Charaktere, wundervoller Stil und Anregungen sind nur die Einzelteile dessen, was „Der Zauber der ersten Seite“ ausmacht: Es berührt Geist und Herz, erfüllt mit Energie, macht traurig und glücklich, kurz: Es schneidet in dein Leben ein. Es ist eines dieser Bücher, zu dem man greifen kann, wenn man sich ansonsten den Strick nähme, von seiner Wirkung – wenn auch nicht vom Inhalt her – ist es direkt neben Alice Walkers „Im Tempel meines Herzens“ anzusiedeln. Es ist ein |gutes| Buch: Das Gute ist darin, und Güte strömt heraus, und es hebt empor und dämpft und tröstet, alles auf einmal. Es umschmeichelt den gesamten Menschen. Es ist ein so liebevolles Stück Literatur, dass mir wirklich und tatsächlich die passenden Worte fehlen. Man kann ihm nicht gerecht werden, indem man es zu beschreiben versucht.

_Fazit_

„Der Zauber der ersten Seite“ schoss binnen kürzester Frist in meine Ewigen Favoriten. Ich werde es hundertmal verschenken, aber ich werde nie zulassen, dass ich kein Exemplar besitze. Es ist eines der wundervollsten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, und ich werde es wieder lesen, bis ich es auswendig kann. Als ich es zugeklappt habe, hatte ich das Gefühl, ein lieber Freund sei eben weggegangen. Laurence Cossé ist eine Magierin an der Feder, und sie muss einen beeindruckend schönen Geist haben. Lesen, Leute, lest es – vor der Lektüre dieses Buches ist euer Leben ärmer als danach!

|Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
Originaltitel: Au bon roman (2009)
Aus dem Französischen von Doris Heinemann
ISBN-13: 978-3809025900|
[www.randomhouse.de/limes]http://www.randomhouse.de/limes

Tropper, Jonathan – Sieben verdammt lange Tage

_Inhalt:_

Ich bin deine Mutter und ich liebe dich.“ Das sagt Mom immer. Das nächste Wort lautet stets: „Aber …“

Die Familientreffen der Foxmans enden stets mit Türenschlagen und quietschenden Reifen, wenn Judd und seine Geschwister so schnell wie möglich einen Sicherheitsabstand zwischen sich und das Elternhaus bringen. Doch nun ist ihr Vater gestorben. Sein letzter Wunsch treibt allen den Angstschweiß auf die Stirn: Die Foxmans sollen Schiwa sitzen, sieben Tage die traditionelle Totenwache halten. Das bedeutet, dass sie auf unbequemen Stühlen in einem kleinen Raum gefangen sind und nicht davonlaufen können. Nicht vor dem, was zwischen ihnen passiert ist – und nicht vor dem, was die Zukunft für sie bereithält …

_Meinung:_

New York – Judd Foxman (34) steht vor den Trümmern seiner Ehe, als er seine Frau in flagranti mit seinem Boss erwischt. Damit nicht genug, Judds Schwester Wendy ruft ihn an, um ihm mitzuteilen, dass sein Vater gestorben und dessen letzter Wille gewesen sei, dass seine Frau und Kinder eine sieben Tage lange währende Totenwache abhalten sollen. Judd, ohnehin privat gebeutelt, verspürt wenig Lust auf ein Treffen mit seinen untereinander zerstrittenen Geschwistern oder seiner extrovertierten Mutter. Aber er folgt dem letzten Wunsch seines Vaters und fährt zur Beerdigung und Totenwache in den Schoß der Familie.

Jonathan Tropper entwickelt daraufhin ein amüsantes, teils bissig-ironisches und immer höchst unterhaltsames Bild einer Familie, die die eigene sein könnte oder die „von nebenan“. Die Charaktere sind different, sehr lebendig, und vor allem authentisch gezeichnet, sodass sich der Leser sehr schnell als „Bestandteil“ des Kreises fühlen wird.

Da sind Paul und Philipp, Judds Brüder und ihre Schwester Wendy und die schrille Mutter, ihres Zeichens Psychiaterin. Judds Geschwister rücken alle mit ihren Partnern und Kindern an, und sehr schnell werden alle Konflikte spürbar, aber auch, dass die Familie (bis auf die Mutter) immer meisterhaft darin war, Gefühle zu unterdrücken.

Die ersten drei Kapitel des Romans lässt der Autor zum Einstieg den Leser am Scheitern von Judds Ehe (nach neun Jahren) teilhaben. Judds Erinnerungen sind so lebensnah, so menschlich und nachvollziehbar, dass man sofort von dem Roman gepackt wird. Besonders erfrischend ist dabei die offene Sprache des Autors, die aber niemals Partei (für ihn oder seine Frau) ergreift oder Klischees bedient – sie allenfalls auf die Schippe nimmt. Ab dem vierten Kapitel beginnt nach der Beerdigung des Vaters die Totenwache, und fortan wechselt die Handlung zwischen Gegenwart und Rückblicken auf Kinderheitserinnerungen, aber auch Judds Ehe.

Philipp, das Nesthäkchen der Familie, ist der Einzige, der auf der Beerdigung Gefühle zeigt und zusammenklappt – dann finden sich alle in ihrem Elternhaus wieder. Während der siebentägigen Zwangsnähe der Geschwister und der Mutter brechen die alten Konflikte deutlich aus, wird all der gegenseitige Groll endlich freigelassen – aber auch alte Verbundenheiten flackert auf. Judd stellt sehr schnell fest, dass der Tod „anstrengend“ ist und diese zwanghafte Totenwache erst recht.

Sympathisch ist auch zu sehen, dass Judd ähnliche Probleme hat, die man sie sonst Frauen nachsagt. Er hat als Mann nach dem Scheitern ähnliche Ängste. Finden ihn andere Frauen attraktiv? Wird er sexuell versagen, wenn er mit anderen Frauen schläft? Finden sie seinen Körper vielleicht zu „schwabbelig“? Er stellt sich aber auch ähnliche Fragen zum Scheitern seiner Ehe: Hat der andere einen größeren Schwanz? Vögelt er besser? Kann er länger? Und vieles mehr. Und genau |das| macht Judd sympathisch und „nah“. Darüber hinaus kämpft er seit seiner Trennung beim Anblick jeder hübschen Frau mit seinen sexuellen Phantasien … und begegnet der gutaussehenden Penny Moore wieder, einer Jugendliebe.

Innerhalb der Familie/Totenwache überschlagen sich die Ereignisse: Es entbrennt ein Geschwisterstreit wegen der geerbten Familienfirma und Judds Noch-Frau taucht auf, um ihm zu eröffnen, dass er der Vater des Kindes sei, das sie erwarte, und nicht ihr Liebhaber, da dieser zeugungsunfähig wäre. Turbulenter kann ein Leben nicht verlaufen. Erfrischend auch immer wieder die freizügige Mutter, für die Diskretion ein Fremdwort ist und die immer wieder übers Ziel hinausschießt, selbst in der Wahl ihrer Kleidung bei der Totenwache, wenn sie in Röcken auftaucht, die breite Gürtel sein könnten oder ihren Silikonbusen zur Schau trägt.

Und so mancher Leser wird heftig bei der Feststellung des Autors nicken: „Ich liebe meine Familie. Jeden einzelnen. Aber ich liebe sie mehr, wenn sie nicht in meiner Nähe sind.“ Aber dennoch, zeigt sich auch in Judds Familie mehr Verbundenheit, als es anfangs vermuten lässt. Ich wiederum habe bei einem Satz besonders geschmunzelt: „Frausein ist ein brutales Geschäft.“

„Sieben verdammt lange Tage“ ist locker und flockig geschrieben. Dieser Roman ist ein wahrer Pageturner mit wundervoll lebendigen, menschlichen Charakteren, die wie aus dem wahren Leben gegriffen sind. Da stimmt alles, der Stil, der Plot bis hin zum Ende.

Auch die Aufmachung weiß – wie immer bei |Knaur| – zu überzeugen. Schönes Hardcover, gutes Papier und Satz. Leserherz, was willst du mehr?

_Fazit:_

Humorvoller, flotter Familienroman, der sehr nah am Leser ist und kurzweilig, aber nicht oberflächlich unterhält. Absolut empfehlenswert.

|Hardcover: 447 Seiten
Originaltitel: This is Where I Leave You (Dutton, New York, 2009)
Aus dem Amerikanischen von Birigt Moosmüller
Titelfoto von FinePic, München
Titelgestaltung von ZERO Werbeagentur, München
ISBN-13: 9783426662731|
[www.knaur.de]http://www.knaur.de

_Jonathan Tropper bei |Buchwurm.info|:_
[„Mein fast perfektes Leben“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4330

Böldl, Klaus – nächtliche Lehrer, Der

_Inhalt_

Lennart ist 25 Jahre alt, als er zu einem Vorstellungsgespräch aus Stockholm in den winzigen Ort Sandvika in der schwedischen Provinz reist. Im Vorfeld ist er skeptisch: Soll er sich wirklich von nun an in dieser absoluten Einöde verkriechen, um den wenigen Kindern Religion und Kunst nahe zu bringen?

Doch irgendetwas an dem kleinen Nest packt ihn: Ob es der See ist oder die Ruhe – man kann es nicht sagen, als aber die Zusage kommt, packt er ohne zu zögern seine Koffer und verlegt seinen Lebensmittelpunkt ans Ende der Welt. Hier passiert so wenig von dem Schrecklichen, das Lennart in der Großstadt zu sehen und sonst über die Nachrichten zu erfahren pflegte.

Der junge Mann ist ruhig, zurückhaltend, schüchtern. Einen der anderen Lehrer kann er ganz gut leiden, und mit dem am Sinn seines Berufes zweifelnden Pfarrer Lukas verbindet ihn eine stille Freundschaft. Als er schließlich auch noch die Bibliothekarin Elisabeth kennen- und lieben lernt, scheint sein Weg vorgezeichnet. Elisabeth ist bald schwanger, die Hochzeit folgt auf dem Fuße. Lennart ist es bestimmt, hier, am Weltende, eine fröhliche kleine Schar Lehrerkinder aufzuziehen, zusammen mit einer Frau, der er sehr zugetan ist. Doch dann wird Elisabeths kleines Auto von einem Zug erfasst. Sie und das Ungeborene sind auf der Stelle tot. Für alle anderen unbegreiflich bleibt Lennart, wo er ist, und führt sein Leben weiter, als sei nichts geschehen, Jahr um Jahr. Doch selbst am Ende der Welt ergeben sich immer wieder Ausbruchsmöglichkeiten, sei es nun die Bekanntschaft einer weiteren jungen Frau oder die Reise in fremde Länder. Es kommt nur darauf an, ob man diese Chancen ergreifen oder sie ungenutzt verstreichen lassen möchte.

_Kritik_

Wäre Klaus Böldls Erzählung ein Bild, so ordnete man es dem Impressionismus zu. Der Protagonist ist so still und zurückhaltend, die Blicke in seine Gedanken, die dem Leser zugestanden werden, gehen immer so haarscharf am Wichtigen vorbei, dass er geisterhaft bleibt und fern.

„Klaus Böldl schreibt mit absoluter Souveränität über Sehnsucht und Trauer“, heißt es im Klappentext. So hat sich mir dieses Buch aber nicht dargestellt. Vielmehr schien es mir, als trauere Lennart nicht sehr, als finde er sich schnell mit der Situation ab und entscheide aus freiem Willen, nicht ins aktive Leben zurückzukehren. Elisabeth starb nur wenig mehr als ein Jahr nach dem Kennenlernen, und schon in dieser kurzen Phase erfahren wir, dass sie ihrem Gatten manchmal fern ist. Lennart hätte sich mit der Ehe und der Vaterschaft abgefunden, hätte sich in die Rolle gefügt und wäre vermutlich ganz glücklich geworden, aber die Würfel fielen anders, und Lennart ergriff seine Chance auf ein lebenslanges Eigenbrötlerdasein, indem er alle Chancen auf ein aktives, soziales Leben ungenutzt verstreichen ließ.

„Der nächtliche Lehrer“ ist alles andere als uninteressant; es ist das Porträt eines totalen Außenseiters, der seine Rolle selbst gewählt hat. Der knappe Stil, die mit kurzen Sätzen detailliert beschriebenen Äußerlichkeiten, die so viel Inhalt verdecken, der nicht erwähnt wird, sind dem Geheimnis des Mannes durchaus angemessen.

Die stillschweigende Negation fast allen menschlichen Miteinanders, das Ungerührtsein Lennarts durch Erfahrungen, wie sie nicht jedem vergönnt sind, und das stete, stille Dahinplätschern seiner Lebensjahre machen fast ein wenig fassungslos. Auf jeden Fall aber zermürbt diese kleine Schrift; man wird regelrecht müde angesichts all dieser nutzlos verpuffenden Energie. Aber es fesselt doch, wenn auch unmerklich. Es sind spinnwebfeine Fesseln, die man kaum wahrnimmt, und so ist man stets aufs Neue überrascht, wenn unversehens die ruhige, etwas dickliche Person Lennarts doch noch einmal im Gedächtnis auftaucht, sachte spazierend, schweigend, noch immer fremd.

_Fazit_

„Der nächtliche Lehrer“ ist kein Buch für die breite Masse. Niemand erschießt irgendwen, es gibt keine herzzerreißende Familiensaga, kein Drama, keine Intrigen, keine Pest, keinen Krieg. Es ist ein Buch vom Rande der Welt über einen Mann vom Rande der Gesellschaft. Wenn Stille Sie anspricht, lesen Sie es. Wenn Sie dem Leben am liebsten als Zuschauer beiwohnen, ist es das Richtige für Sie. Wenn Sie naturnaher, grüblerischer Einzelgänger sind, spricht es Sie sicherlich an. Sie müssen, um dieses Buch zu schätzen, eine Vorliebe für die leisen, melancholischen Töne hegen.

|Gebundene Ausgabe: 128 Seiten
ISBN-13: 978-3100076274|
[www.fischerverlage.de]http://www.fischerverlage.de

Larson, Reif – Karte meiner Träume, Die

_Der 12-jährige Tecumseh Sparrow Spivet_, von allen nur T.S. genannt, wohnt mit seiner Familie auf der Coppertop-Ranch in Divide, Montana. Sein Vater ist ein schweigsamer Cowboy durch und durch, seine Mutter eine Käferforscherin, die seit Jahren erfolglos nach dem Tigermönchskäfer forscht, den noch nie jemand gesehen hat. Seine Schwestern Gracie ist 16 Jahre alt und mitten in der Pubertät und sein Bruder Layton ist vor kurzem bei einem Gewehrunfall gestorben, für den sich T.S. die Schuld gibt.

Seit T.S. zeichnen kann, tut er kaum etwas anderes. Er fertigt von allem, was rund um ihn herum passiert, Karten, Diagramme und Zeichnungen an. Auch von seiner Schwester, wie sie Maiskolben schält und aussortiert. Er zeichnet Skizzen der Käfer seiner Mutter, und sogar die Art, wie sein Vater seinen Whiskey zu trinken pflegt, wird genauestens festgehalten. Ebenso kartographiert er das Land um sich herum. Seine Zeichnungen sind in farblich unterschiedlichen Notizbüchern ordentlich in seinem Zimmer untergebracht.

Seine Schaubilder werden schon in diversen wissenschaftlichen Zeitungen und sogar im Smithsonian Museum in Washington, DC, ausgestellt. Eines Tages bekommt er einen Anruf von Mr. G. H. Jibsen, dem Kurator für Illustration und Design am Smithsonian. Er teilt dem verdutzten T.S. mit, dass dieser, nach Empfehlung seines Mentors Terry Yorn, den begehrten Baid-Preis für die Illustration eines Bomberkäfers gewonnen hat. Er solle bitte in einer Woche dort erscheinen, eine Rede halten und den Preis entgegennehmen. Keiner dort am Smithsonian weiß um das Alter dieses Wunderkindes, denn er wird für einen erwachsenen Wissenschaftler gehalten.

Ohne es seiner Familie zu sagen, macht sich T.S. am nächsten Morgen, lediglich mit den wichtigsten Zeichensachen, seinen für ihn wichtigsten Geräten, etwas frischer Wäsche und einem gestohlenen Notizbuch seiner Mutter ausgestattet, auf die gut 2400 Kilometer lange Reise vom Westen in den Osten. Da er nicht sehr viel Geld besitzt, tritt er die Reise wie ein „Hobo“ an: Er will diese Strecke mit dem Güterzug bewältigen. In Divide besteigt er einen Güterzug, den er erst wieder in Chicago verlassen wird …

_Kritik_

Mit seinem Debüt-Roman „Die Karte meiner Träume“ hat Reif Larsen eine wunderbare Geschichte über das Wunderkind T.S. Spinet geschrieben. Aufgrund der leicht zu lesenden Sprache findet man sich schnell in die Geschichte ein und staunt dann über den großartigen Plot.

Die Geschichte spielt in der Gegenwart, auch wenn man anfangs fast das Gefühl hat, einen Roman zu lesen, der vielleicht Anfang des 20. Jahrhunderts spielt. Erst als |moderne| Wörter wie „iPod“ und „Computer“ fallen, merkt man, dass der Roman in der heutigen Zeit spielt.

Die Protagonisten sind allesamt überzeugend beschrieben. T.S. kann man nur mögen, so sympathisch ist dem Leser dieses Wunderkind. Seine Art, seine Geschichte zu erzählen, seine Familie zu beschreiben, die er trotz oder gerade wegen der Verrücktheit der einzelnen Mitglieder liebt, ist einzigartig. Die Art wie das Denken und Handeln der Hauptfigur beschrieben ist, ist beachtenswert.

Anfangs etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen die Zeichnungen am Rand der Seiten. Mitten im Text führt ein Pfeil zu einer Skizze, die dann erklärt wird. Mit jeder weiteren Seite findet der Leser aber mehr und mehr in diese Eigenart hinein und ist schon fast enttäuscht, wenn da plötzlich mal eine Seite ohne diese liebevollen |Randbemerkungen| kommt. Diese machen „Die Karte meiner Träume“ zu etwas wirklich Besonderem.

_Fazit_

„Die Karte meiner Träume“ von Reif Larsen ist ein wunderbarer Roman, der den Leser spannend unterhält und auch zum Nachdenken anregt.

Ich kann diesen Roman ausdrücklich empfehlen – der Lesegenuss ist garantiert.

_Der Autor_

Reif Larsen wurde 1980 geboren und lebt in Brooklyn, New York. Er schreibt, dreht Dokumentarfilme und unterrichtet an der Columbia University. „Die Karte meiner Träume“ ist sein erster Roman, den er noch als Student schrieb und der nun in 30 Ländern erscheint.

|Gebundene Ausgabe: 435 Seiten
Originaltitel: The Selected Works of T.S. Spivet
Übersetzer: Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié
ISBN-13: 978-3100448118|
[www.fischerverlage.de]http://www.fischerverlage.de
[www.tsspivet.com]http://www.tsspivet.com

_Nadine Warnke_

Diechler, Gabriele – Glaub mir, es muss Liebe sein

_Inhalt_

Franziska ist etwa vierzig, als ihr mit einem Mal bewusst wird, was in den Schatten ihrer lieblosen Ehe lange gelauert hatte: So geht es nicht weiter. Du kannst nicht ewig und drei Tage darauf warten, dass dein Mann sich wieder für dich interessiert, nachdem ihr schon mehrere Jahre lang nebeneinanderher gelebt habt. Warum solltet ihr jetzt plötzlich wieder Themen findet, über die ihr sprechen könnt, warum solltet ihr jetzt die Nähe wieder finden, die es einst gab und die unmerklich verschwunden ist? Gerade jetzt, wo er seine Libido in fremde Hände gegeben hat?

Franziska macht einen klaren, schmerzlichen Schnitt und verlässt den fremdelnden Gatten zusammen mit ihrer zwölfjährigen Tochter Melanie. Bei einem alten Schulfreund Franziskas, der sich nach einem Burn-out an den Tegernsee zurückgezogen hatte, finden sie eine neue Bleibe. Maja, die Besitzerin eines kleinen Lokals vor Ort, entwickelt sich rasch zur Freundin. In einer hoffnungsfreudigen Stimmung macht sich die frisch gebackene Single-Mutter daran, ihr Leben neu zu ordnen: Sie schreibt Drehbücher und ist völlig aus dem Häuschen, als das erste wirklich angenommen wird.

Jetzt fehlt ja eigentlich nur noch ein passender Mann, denn so ganz ohne Liebe ist es doch sehr einsam und traurig. Nur wo soll man nach einem angenehmen Exemplar suchen? Franziskas Job führt sie zu Recherchezwecken oder Konferenzen an die verschiedensten Schauplätze, und dadurch – wie auch durch ihr Sozialleben – trifft sie auf die unterschiedlichsten Menschentypen. Und Franziska hat ein großes, freundliches Herz, das gern lieben möchte, es immer wieder versucht und häufig genug Bruchlandung erleidet …

_Kritik_

Wir hatten ein ausgesprochen ambivalentes Verhältnis zueinander, dieses Buch und ich. Gabriele Diechler hat mit ihrer Franziska eine Figur erschaffen, die dem Zeitgeist sehr gut entspricht: Vor einem halben Jahrhundert mag es noch nicht gang und gäbe gewesen sein, sich trotz Kindes aus einer unglücklichen Ehe zu befreien; heute dagegen ist es kaum noch verpönt. Glück wird gesucht, verfolgt, eingefordert – man glaubt, Anspruch darauf zu haben. Das hat alles seine guten und schlechten Seiten, und es ist richtig und notwendig, dass jemand über dieses Thema schreibt, denn es ist ein Eckpfeiler unserer sozialen Gesellschaft. Manchmal zuckte ich jedoch zusammen, wenn eine Situation mit zu billigen Platituden beschrieben wurde: „Das Einzige, was ich machen konnte, war leben!“ (S.9) Urks. Dann wiederum gab es sehr originelle Wortbilder, von denen einige schön und andere eher unpassend waren – wie auch immer, es fiel auf und zeigte einen sehr eigenen Stil.

Die Suche Franziskas nach Liebe und Mister Right wirkt ausgesprochen deprimierend. Fast alle beschriebenen Versuche hinterlassen einen schalen Nachgeschmack, und die Tatsache, dass die Tochter während der mütterlichen Selbstfindungstrips immer beim netten Schulfreund abgeladen wird, verstärkt für mich die Trostlosigkeit des Ganzen. Das ist jetzt keine schlechte Wertung: Diese Entwicklung ist sehr lebensnah beschrieben.

Bedauerlicherweise muss ich sagen, dass die banale Pointe mich verärgert hat – es ist ein ziemlicher Gemeinplatz, der nach der 270 Seiten langen Kontemplation über die Suche nach dem Glück als Antwort präsentiert wird. Den findet man auch in Frauenzeitschriften im Wartezimmer beim Arzt. Gut, vielleicht ist das die Andeutung, dass es nun einmal kein Patentrezept gibt, aber unter diesen Umständen hätte man auf diesen Schmalspurpsychologiespruch auch verzichten können.

_Fazit_

„Ein wunderbares Plädoyer für die Liebe“, schrieb laut Klappentext jemand über diesen Roman. Hm. Vielleicht hat dieser Jemand quergelesen oder war mit den Gedanken nicht bei der Sache: Ein Plädoyer für die Liebe ist „Glaub mir, es muss Liebe sein“ nicht. Es ist ein Plädoyer für die Möglichkeiten, die die Gesellschaft momentan bietet, für die stete Chance zu einem Neuanfang. Außerdem ist es eine Sozialstudie, die späterhin Menschen als Quelle für die Rolle der Frau in der heutigen Zeit dienen mag. Ob man das Buch gut findet oder nicht, muss jeder selbst entscheiden, denke ich. Es polarisiert nicht, es stückelt vielmehr die Ansichten. Aber uninteressant ist es nicht. Gucken Sie ruhig mal, ob Sie damit warmwerden können.

|Broschiert: 276 Seiten
ISBN-13: 978-3839211076|
[www.gmeiner-verlag.de]http://www.gmeiner-verlag.de
[www.gabriele-diechler.at ]http://www.gabriele-diechler.at

Hyland, Tara – Haus der Melvilles, Das

_Inhalt_

Die junge Irin Katie O’Dwyer ist glücklich, einen Job als Verkäuferin in dem mondänen Modehaus Melville bekommen zu haben – doch sie kann nicht ahnen, dass diese Arbeit ihr Leben für immer verändern wird: Sie lernt den Besitzer William Melville kennen und lieben. Und obwohl sie genau weiß, dass eine Affäre mit einem verheirateten Mann und Familienvater für sie nur schlecht ausgehen kann, kann sie dem Charisma Williams nicht widerstehen.

Das erwartete Ende folgt auf dem Fuße. Schwanger und einsam kehrt Katie nach Irland zurück, um ihr Kind allein aufzuziehen. Anderthalb Jahrzehnte später ist sie tot und hinterlässt eine fünfzehnjährige Tochter, die noch völlig traumatisiert von ihrem unbekannten Vater nach London geholt wird: In ein fremdes, großes Haus, zu einer fremden Frau, zu zwei fremden Schwestern. Caitlin ist einsam, die drei Mädchen grundverschieden. Sie durchlaufen dieselbe Schulausbildung, doch dann werden die Weichen neu gestellt. Ihre Lebenswege ähneln sich kaum, wenn auch alle auf dem Weg zu ihrem jeweiligen Traum durch verschiedene Höhen und Tiefen müssen. Niemand hätte gedacht, dass sich die Wege aller Familienmitglieder später so schicksalhaft wieder kreuzen würden – und doch besteht eine unnennbare Verbundenheit zwischen den Melvilles, eine Bereitschaft zum Kampf Schulter an Schulter, mit der die Initiatoren einer niederen Intrige nicht gerechnet haben …

_Kritik_

Tara Hyland ist eine beachtliche Erzählerin. Sie schafft es, eindrückliche Bilder heraufzubeschwören, ohne bis ins letzte Detail zu beschreiben, so dass der Phantasie des Lesers genug Raum zur freien Entfaltung bleibt. Die Unterschiede in den Charakteren der drei Mädchen sind reizvoll, vor allem, weil sie alle drei letztendlich eines verbindet: Die Suche nach Anerkennung und Liebe. Dass die fast krankhaft ehrgeizige Elizabeth, die zutiefst verkorkste, kreative Caitlin und die leichtfertige Grenzgängerin Amber sich gänzlich verschiedene Wege zum Glück suchen, ist folgerichtig und meist auch nachvollziehbar dargestellt. Und wenn man doch mal über eine Entscheidung der Charaktere stolpern sollte, dann macht das nichts, denn die Geschichte spült die Zweifel schnell wieder fort: Es geschieht nur, was geschehen muss.

Dass das Böse sich mit freundlichem Gesicht nähert, ähnlich natürlich präsent ist wie die Schlange im Garten Eden, erklärt das Vertrauen, mit dem alle annehmen, dass es keine Bedrohung am Horizont gibt außer den ganz persönlichen Sorgen und Ängsten, von denen ja auch jeder sein Bündel zu tragen hat. Dass die Geschichte der Melvilles sich vor dem Hintergrund des riesigen, mondänen, gefährdeten Modeunternehmens abspielt, macht die Familiengeschichte noch reizvoller. Hier gibt es Nischen für jeden und unzählige Ausgangspunkte für neue Seitenarme der Saga.

Schließlich und endlich bleibt zu sagen, dass Tara Hyland sich eines angemessenen Stils bedient: Sie erzählt sicher und sauber, ohne in wilde Wortakrobatik oder in Slang zu verfallen; ihr Schreibstil ist das perfekte Gerüst für einen spannenden, romantischen, schrecklichen, schönen Sommerschmöker.

_Fazit_

Es gibt keinen Grund, aus dem man „Das Haus der Melvilles“ nicht lesen sollte. Hier vereinen sich Spannung, Skandale, Tragödien, Romanzen, Enttäuschungen, wilde Entschlossenheit, Hoffnung, Tränen, Familienbande und -zwistigkeiten sowie wirklich hinreißende Beschreibungen von Kleidern (Hallo, Mädels!) zu einer perfekten Erzählung für den Strand. Oder wahlweise die kuschelige Wolldecke auf dem Sofa, wenn der Sommer sich von seiner regnerischen Seite zeigt.

Ich wage zu prophezeien, dass wir von Tara Hyland noch länger hören werden. Sie hat das Talent, in epischer Breite zu erzählen, ohne langatmig zu werden oder in endlose Introspektionen zu verfallen. Man darf gespannt sein, ob ihre nächsten Ideen wieder so viele ausgefeilte Charaktere beinhalten werden, denn das Imperium, das sie mit der Melville-Firma und der Familie erschaffen hat, ist schon von beträchtlicher Größe. Hut ab!

|Gebundene Ausgabe: 608 Seiten
Originaltitel: Daughters of Fortune (01)
Aus dem Englischen von Christoph Göhler
ISBN-13: 978-3809025825|
[www.randomhouse.de/limes]http://www.randomhouse.de/limes
[www.tarahyland.com]http://www.tarahyland.com

Galchen, Rivka – Atmosphärische Störungen

Rivka Galchens Debutroman „Atmosphärische Störungen“ war in den USA ein Erfolg und heimste positive Rezensionen unter anderem im „New Yorker“ ein. Die Autorin, geboren 1976 in Kanada und aufgewachsen in den USA, verwebt in ihrem ersten Roman Psychiatrie, Meteorologie und ihre eigene Familiengeschichte zu einer höchst seltsamen Geschichte über die Liebe beziehungsweise deren Abwesenheit. Eine illustre literarische Mischung also.

_Es geht um_ Leo Liebenstein. Leo ist Psychiater und sein interessantester Patient im Moment ist Harvey, der sich einbildet eine Art Geheimagent zu sein. Von seinem Arbeitgeber, der Royal Academy of Meteorology, erhält er Aufträge, die verschlüsselt auf Seite 6 der Tageszeitung zu lesen sind. Dann verschwindet er oftmals für Tage, um seinen Auftrag auszuführen, während seine Mutter – wenig überraschend – umkommt vor Sorge. Doch das soll fürs Erste nicht so wichtig sein.

Statt dessen sieht sich Leo eines Tages bei seiner Heimkehr mit einer bösen Überraschung konfrontiert: Die junge, hübsche Frau, die plötzlich die Wohnung betritt, sieht zwar aus wie seine Ehefrau Rema. Trotzdem ist er überzeugt, dass sie es nicht ist. Sie hat einen Hundewelpen dabei – dabei mag Rema doch gar keine Hunde. Und andere Details stimmen ebenfalls nicht, kleine Ticks der „alten“ Rema, die die neue eben nicht besitzt. Kurzum, Leo ist überzeugt, seine Frau sei verschwunden, während eine Doppelgängerin mit ihm Tisch und Bett teilt. Also macht er sich schließlich auf die Suche nach der echten Rema. Eine Suche, die ihn in deren Heimatland Argentinien, zu Remas Mutter und schlussendlich zur Royal Academy of Meteorology führt, die ihm prompt einen Job anbietet. Und da wird dann auch Harvey wieder wichtig.

_Das Zentrum der_ Geschichte bildet Leo, er ist Galchens Versuchsobjekt. An ihm arbeitet sich die Autorin ab und schickt ihn abwärts in die unlogischen Tiefen der menschlichen Psyche, um dem Leser eines zu zeigen: Leo, der Ich-Erzähler, ist unzuverlässig. Das wird relativ schnell klar, denn erste Zweifel stellen sich bereits ein, als er steif und fest behauptet, die Rema in seinem Bett sei eine Doppelgängerin. Seine erzählerische Unzuverlässigkeit potenziert sich im Verlauf des Romans und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, hier in Echtzeit zu beobachten, wie ein Mensch dem Wahnsinn anheim fällt. Ironie des Schicksals: Leo ist eben Psychiater. „Es gab eine Zeit, da glaubte man, alle, die sich um Geisteskranke kümmern, würden selbst geisteskrank, und als Harveys Nachricht eintraf, streckte diese Vorstellung – die Ansteckung – ihre leichenblasse Hand aus der Vergangenheit nach meinem Geist aus“, sinniert Leo an einer Stelle des Romans. Was Leo lange nicht realisiert, ist, dass diese „leichenblasse Hand“ nicht nur nach ihm ausgestreckt wird, sondern dass sie ihn auch berührt, ihn packt und nicht mehr loslässt. Zwar wird er irgendwann Zweifel an seiner geistigen Gesundheit hegen, doch er ist Wissenschaftler. Und mit logischen Argumenten – oder dem, was er als logisch empfindet – kommt er zu dem Schluss, dass er eben nicht an einer Psychose leidet.

Nichts ist also eindeutig. Bedeutungen werden den Dingen immer von Menschen zugeschrieben und diese bringen ihre eigene Geschichte und Mentalität mit, die die Bedeutungsfindung beeinflusst. Dass nichts festgeschrieben, nichts eindeutig zuzuordnen ist, ist ein immer wiederkehrendes Thema in „Atmosphärische Störungen“. Harvey reinterpretiert die Artikel auf Seite 6, bis sie für ihn eine geheime Botschaft ergeben – einen meteorologischen Auftrag, den es zu erfüllen gilt. Leo macht es genauso. Das Diagramm eines Modellsturms, das er bei seiner Suche nach Rema in einem meteorologischen Artikel findet, wird zum Rorschach-Test. Immer wieder zieht es ihn zu dieser Grafik und jedes Mal schreibt er ihr neue Bedeutungen zu: Mal sieht sie aus wie Rema, mal wie ein einsamer Mann in einer Landschaft. Nie jedoch sieht sie für Leo aus wie das, was sie eigentlich ist: eben der Querschnitt eines Modellsturms. Und so wimmelt es im Roman nur so von Verständnisproblemen, von Freudschen Fehlleistungen und Bedeutungsübertragungen. Am enthüllendsten ist das Prinzip, wenn Leo sich einer schlecht übersetzten Speisekarte gegenüber sieht, wo aus einem Sangria Grande im Englischen plötzlich „bloody great“ wird. Ein Übersetzungsfehler und die Bedeutung hat sich vollkommen gewandelt – so wie sich Bedeutungen in „Atmosphärische Störungen“ eben auch ständig im Wandel befinden, wenn sie die Übersetzungsmaschine Leo Liebenstein durchlaufen.

Als Erzähler ist Leo also unzuverlässig. Der Leser kann nicht darauf vertrauen, dass Leo die Wirklichkeit genau – und eben wirklich – abbildet. Die Frage, die sich daraufhin geradezu aufdrängt, ist: Geht das überhaupt? Kann man Wirklichkeit objektiv abbilden? Gibt es eine Wirklichkeit oder ist es nicht eher so, dass es für jedes Individuum eine eigene Wirklichkeit gibt, eine Rorschach-Wirklichkeit, der immer wieder neue Bedeutungen eingeschrieben werden können? Das zumindest ist Galchens Überzeugung und um diese zu illustrieren, zieht sie Vergleiche zwischen der Realität, der Psychiatrie und der Meteorologie, dem Fachgebiet ihres Vaters Tzvi Gal-Chen, der ebenfalls im Roman auftaucht. Wiederholt erfährt der Leser nämlich, dass es unmöglich ist, das Wetter präzise vorauszusagen, weil man nicht einmal genug Daten hat, um sagen zu können, wie das Wetter in diesem Moment ist. Galchen möchte diesen Grundsatz auf unser Leben übertragen wissen: Nichts ist gewiss.

Nichts ist gewiss, schon gar nicht die Liebe. Denn darum geht es ja im Grunde: Leo liebt Rema, doch Rema ist plötzlich weg. Oder ist es vielleicht genau andersherum? Weil die Liebe sich verflüchtigt, bildet Leo sich ein, dass sei gar nicht die echte Rema, die da durch die Tür kommt. Er vermisst seine Frau mit ganzer Hingabe oder vermisst er vielleicht eher, was er einmal mit ihr hatte? All diese Gedankengänge drängen sich auf, doch ist Leo eben auch hier eine erzählerische Niete. Zwar analysiert er seine Situation wieder und wieder aufs genaueste. Doch kommt er eben zu Erkenntnissen, die verschoben, verschroben – eben ver-rückt klingen.

_Rivka Galchens Debut_ ist in seiner literarischen Methode faszinierend und überaus ambitioniert. Zwar ist der Roman gleichzeitig unglaublich kopflastig, doch versucht Galchen die intellektuellen Kapriolen ihrer Prosa mit kleinen Witzen aufzulockern. Dazu gehört eben auch, dass sie ihren eigenen Vater auftauchen lässt, der aus dem Jenseits mit Leo via BlackBerry kommuniziert. Da muss man schon schmunzeln, keine Frage!

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3498025120
Originaltitel: |Atmospheric Disturbances|
Deutsch von Grete Osterwald|
http://www.rowohlt.de/

Safier, David – Plötzlich Shakespeare

David Safier hat sich im deutschen Sprachraum einen Namen mit leicht lesbaren Komödien gemacht, die auf fantastischen und vollkommen abtrusen Grundideen basieren. In seinem Erstling [„Mieses Karma“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3977 ging es um Kim, die von einem Waschbecken erschlagen und – wegen Ansammlung schlechten Karmas – nur als Ameise wiedergeboren wurde.

In [„Jesus liebt mich“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5337 traf Marie (!) auf Jesus, der (natürlich in seinem Erstjob als Zimmermann) den Dachstuhl ihres Vaters reparieren sollte. An abwegigen Ideen mangelt es Safier also nicht. Das beweist er erneut in „Plötzlich Shakespeare“, wo er eine weibliche Protagonistin in ein total verrücktes Abenteuer wirft.

_Es geht um_ Rosa. Diese ist ziemlich deprimiert, da ihre große Liebe Jan demnächst das Ehegelübde ablegen will – allerdings mit einer anderen Frau. Ihr Plan, Jan mit einer großen Szene zurückzugewinnen, geht gründlich schief und so sitzt sie auf ihrer heimischen Couch und bläst Trübsal. Einzig Holgi, Rosas schwuler Freund, hält ihr das Händchen und empfiehlt ihr als Therapie einen One-Night-Stand. Rosa hat zwar ihre Zweifel, trotzdem lässt sie sich mit dem Schürzenjäger Axel ein. Die beiden gehen in den Zirkus, wo die Nummer des Hypnotiseurs Prospero Rosas Aufmerksamkeit erregt. Vor Publikum führt er Rückführungen durch, um Menschen ihre eigentliche Bestimmung aufzuzeigen. Rosa, die bestimmungstechnisch gerade absolut in den Seilen hängt, fühlt sich angesprochen. Nach der Vorführung landet sie in Prosperos Wohnwagen und der schickt sie prompt in ein früheres Leben.

Und klar, Rosa war natürlich nicht irgendwer: Sie findet sich im Körper von William Shakespeare wieder, der gerade versucht, einem Duell aus dem Weg zu gehen, ein Liebesgedicht für den Geheimdienstchef von England zu schreiben und den Earl of Essex mit der Gräfin Maria zu verkuppeln (Dramatiker zu sein, ist eben auch kein einfacher Job). Rosa ist ziemlich überfordert: Sie findet sich nicht nur in einem anderen Jahrhundert, sondern auch in einem männlichen Körper wieder. Und darüber hinaus soll sie auch noch gute Reime schreiben. Zwar wollte sie als Kind immer Musicalautorin werden, doch hatte es dafür eben nicht gereicht – aus gutem Grund, wie sie bisher dachte.

Shakespeare – als körperlose Stimme in Rosas Kopf – und Rosa raufen sich schließlich zusammen und bestehen alle möglichen Abenteuer bis Rosa die von Prospero gestellte Aufgabe erfüllt und herausfindet, was die wahre Liebe ist. Und der Leser darf abwechselnd schmunzeln oder laut loslachen, wenn Rosa mal wieder in ein Fettnäppchen tritt.

_Safier bringt in_ seinem Roman gleich zwei Erfolg versprechende literarische Konzepte zum Einsatz: Zum Einen ist „Plötzlich Shakespeare“ eine Zeitreisegeschichte mit all den Fallstricken, die so etwas mit sich bringt. Rosa hat keine Ahnung vom England des 16. Jahrhunderts. Ständig eckt sie mit Modernismen an oder ist unfähig, der Queen den nötigen Respekt entgegen zu bringen. Der Clash von Moderne und Vergangenheit ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wobei man anmerken muss, dass Safier sich nicht wirklich lange mit historischer Recherche aufgehalten hat. Es gibt auffallend wenige historische Details und kaum etwas, dass man nicht aus „Shakespeare in Love“ oder auch „The Tudors“ hätte lernen können. Dadurch bleibt die historische Kulisse eben nur das – eine Kulisse, die kaum mit Leben gefüllt wird. Daraus hätte man definitiv mehr machen und damit dem Zeitreiseaspekt mehr Würze geben können.

Zum Anderen ist „Plötzlich Shakespeare“ eine Genderswap-Geschichte, es geht also darum, dass ein Charakter das Geschlecht wechselt. Und auch hieraus erwächst natürlich Komik. Shakespeare der Schürzenjäger wird, nachdem Rosa quasi „in ihn gefahren ist“ plötzlich zum Mönch. Rosa mag ihren neuen Körper nicht nackt sehen, sie mag ihn weder waschen, geschweige denn in ihm Sex haben. Während Shakespeare von den Möglichkeiten schwer angetan ist (wäre das doch die Gelegenheit, mal herauszufinden, wie sich Sex aus der anderen Perspektive anfühlt), ist Rosa hauptsächlich peinlich berührt.

Leider ergeht sich Safier häufig in Klischees oder wenig überraschenden Handlungselementen. Daraus macht er auch keinen Hehl, schließlich startet der Roman mit den Worten: „Au Mann, ich war ja so etwas von einem Frauenklischee!“ Und ja, Rosa ist eine Figur, die man so schon hundertmal gesehen hat. Sie ist ein bisschen pummelig, unglücklich verliebt, hängt in einem unbefriedigenden Job fest und ihr bester Freund ist schwul und dick (Marke Dirk Bach – knuddelig, aber harmlos). Darum liest sich „Plötzlich Shakespeare“ auch wie eine bunte Mischung aus „Bridget Jones“ und „Shakespeare in Love“. Tiefgang braucht der Leser also nicht zu erwarten und auch sprachlich ist dieses Potpourrie reichlich anspruchslos. Rosas Text ist mit Lachern gewürzt und betont flapsig dahin geschrieben. Shakespeare allerdings ist weit weniger gelungen, schließlich fühlte sich Safier offensichtlich nicht bemüßigt, ihm wenigstens die Anmutung eines historischen Charakters zu geben. Zu allem Überfluss ist Safier als Lösung für das Genderswap-Problem nichts besseres eingefallen, als Rosas und Shakepeares Erzählung nebeneinander zu stellen – wobei Shakepeare durch kursiven Text gekennzeichnet ist. Das reißt den Text künstlich auseinander und unterbricht den Lesefluss – ständig muss man sich mitten in einer Szene mit einem Wechsel des Erzählers auseinandersetzen. Das macht keinen Spaß und wirkt irgendwie uninspiriert. Das Problem des Perspektivwechsels hätte man sicherlich auch eleganter lösen können.

_“Plötzlich Shakespeare“ ist_ ein Buch für alle, die leichte Kost mit Lachergarantie suchen und denen es auch nichts ausmacht, wenn ein Roman gegen Ende ins Süßliche abdriftet (gerade gegen Ende greift Safier mit Genuss in den Schmalztopf). Als Urlaubslektüre ist Safiers Roman durchaus geeignet – wer allerdings eine wirklich überzeugende Zeitreisegeschichte erwartet, wird enttäuscht.

Bessette, Alicia – Weiß der Himmel von dir

_Rose-Ellen Carmichael-Roy_, genannt Zell, ist seit einem Jahr und vier Monaten Witwe. Ihr Mann Nick Roy kam bei einem Unfall während eines Hilfseinsatzes in New Orleans ums Leben. Seitdem lebt Zell total zurückgezogen in dem gemeinsamen Haus in dem Städtchen Wippamunk. Sie redet allein mit ihrem Greyhound Captain Ahab, kein anderer vermag noch Zugang zu Zell zu bekommen.

Als Zell in einer Zeitschrift der Fernsehköchin Polly Pinch von einem Backwettbewerb liest, in dem es $20,000 zu gewinnen gibt – genau die Summe die Nick gerne in New Orleans gespendet hätte -, löst sie beim ersten Versuch einen Küchenbrand aus, da sie nicht wusste, dass im Ofen ein Geschenk von Nick liegt. Sie kann nämlich eigentlich weder Kochen noch Backen.

Durch diesen Brand lernt Zell ihre neuen Nachbarn, den alleinerziehenden Vater Garrett und seine 9-jährige Tochter Ingrid, kennen. Ingrid, die ihre Mutter nicht kennt und der festen Überzeugung ist, diese sei Polly Pinch, überredet Zell dazu, mit ihr an dem Wettbewerb gemeinsam teilzunehmen.

Durch den Kontakt zu Ingrid findet Zell langsam in ihr Leben zurück, auch wenn es immer mal wieder Rückschläge für sie gibt.

Im zweiten Erzählstrang wird von EJ erzählt. Er war bei dem Unfall dabei und macht sich schwere Vorwürfe, dass es Nick, und nicht ihn getroffen hat. Er befürchtet, dass Zell ihn infolgedessen hasst.

_Kritik_

Mit ihrem Erstlingswerk „Weiß der Himmel von dir“ hat Alicia Bessette einen liebenswerten Roman geschrieben. Im Vordergrund steht die junge Witwe Zell, die in der Trauerphase feststeckt und kaum aus dieser herauszufinden scheint. Die Autorin hat das Thema der Trauer und Hoffnung dabei sehr gefühlvoll umgesetzt. Sehr lebensnah und detailliert beschreibt sie das Leben in dem Städtchen Wippamunk und die Gefühle und Leben der einzelnen Charaktere.

Trotz dieses traurigen Themas hat die Autorin es geschafft, auch durchaus lustige Szenen in die Geschichte einfließen zu lassen, um nicht in unerträgliche Klischees abzugleiten. Die Handlung spielt hauptsächlich im Hier und Jetzt, allerdings werden auch Rückblenden in die Kindheit und Ehejahre von Zell und Nick eingespielt. Der Hauptplot wird aus der Perspektive von Zell erzählt, was dem Leser ihre Gefühle natürlich noch mal näherbringt. Auch EJ, Nicks Freund und sogar Nick selber – durch E-Mails, die er in der Zeit in New Orleans geschrieben hat – kommen in diesem Roman zu Wort, und man begreift schnell, wie sehr auch das Umfeld mitleidet. Alles in allem ist der Roman sehr ergreifend und dabei flüssig zu lesen, besonders anspruchsvoll ist er dabei allerdings nicht.

Die Protagonisten sind alle durchweg liebevoll und sehr sympathisch beschrieben. Zell, die teilweise wie ein alter Pirat redet, wirkt leicht verschroben und dabei sehr liebenswert. In ihrer Haut möchte man allerdings nicht stecken, hat sie doch einen der schlimmsten Verluste durchlitten, den man sich vorstellen kann. Die kleine Ingrid wurde sehr lebensnah und bezaubernd konzipiert, und so fliegen ihr die Herzen der Leserschaft schon bald zu. Mit EJ leidet man ebenfalls; er hat so viele Schuldgefühle und befürchtet, dass Zell ihn hasst, weil er noch lebt und Nick tot ist. Auch die Nebendarsteller, allen voran die alte „Küchenhexe“, sind in ihrer Art realistisch und sehr einnehmend ausgearbeitet.

Alles in allem ein gut umgesetzter, leichter Roman, der zwar manch einen Anfängerfehler beinhaltet, trotzdem aber durchaus lesenswert ist.

_Fazit_

„Weiß der Himmel von dir“ von Alicia Bessette ist ein ergreifender, aber trotzdem auch heiterer Roman, der sich nicht in der Trauer verliert, sondern auch die Chance auf ein Leben „danach“ zeigt. Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen und ich würde ihn trotz einiger kleiner Schwächten auf jeden Fall weiterempfehlen.

Es würde mich auf jeden Fall freuen, noch mehr aus der Feder dieser Autorin zu lesen.

_Autor_

Alicia Bessette, geboren 1975, mag Kung-Fu-Filme, lehrt Yoga, ist Pianistin und Komponistin und hat mehrere CDs veröffentlicht. Sie arbeitet als Reporterin und Journalistin. Ihr Debütroman erschien in vielen Ländern gleichzeitig. Zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Matthew Quick, und ihrer Greyhound-Hündin Stella B. Quick lebt Alicia Bessette in der Nähe von Philadelphia. (Verlagsinfo)

|Gebunden: 364 Seiten
Originaltitel: Simply from Scratch
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer
ISBN-13: 978-3-8105-0265-0|
[www.fischerverlage.de/page/krueger]http://www.fischerverlage.de/page/krueger

_Nadine Warnke_

David Belbin – Der Hochstapler

Wenn man die Inhaltsangabe zu David Belbins Roman „Der Hochstapler“ liest, könnte man schnell auf die Idee kommen, die Geschichte drehe sich um einen gewieften und erfolgreichen Fälscher literarischer Manuskripte. Jemand, der ein seltenes Talent besitzt und in der obskuren Ecke seiner Begabung Millionen scheffelt, schnelle Autos fährt und an jedem Finger eine Blondine hat. Dem ist jedoch mitnichten so, und dass Belbins Protagonist Mark Trace – trotz des Namens, der wie aus einem Spionagethriller gegriffen klingt – kein solcher Held ist, wird schon nach den ersten Seiten klar.

David Belbin – Der Hochstapler weiterlesen

Fortier, Anne – Julia

_Die Eltern von_ Julia Jacobs sind bereits früh durch ungeklärte Unfälle verstorben, und so wachsen Julia und ihre Schwester Janice bei ihrer Tante Rose Jacobs auf. Als Tante Rose plötzlich verstirbt, erwartet Julia eine unangenehme Überraschung: Nachdem es die ganzen Jahre so ausgesehen hat, als hätte Tante Rose sie ihrer Schwester Janice vorgezogen, erbt nun Janice das ganze Vermögen, doch sie bekommt vom Butler Umbero nur einen Brief und einen Schlüssel für ein Bankschließfach in Siena ausgehändigt.

In dem Brief ihrer Tante Rose liest sie, dass ihre Mutter kurz vor ihrem ungeklärten Tod fast ein altes Familienrätsel gelöst hat und einem großen Schatz auf der Spur war. Ebenfalls erfährt sie, dass ihr wahrer Name Giulietta Tolomei und die Geschichte ihrer Ahnen eng mit der von Shakespeares Romeo und Julia verbunden ist.

Um in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten und auch die letzten Geheimnisse und den sagenumwobenen Schatz zu finden, macht Julia sich auf den Weg nach Siena, um die Forschungen ihrer Mutter wieder aufzunehmen.

In dem Bankschießfach findet Julia bzw. Gulietta eine Schatulle, die mit diversen Schriften und einigen Zeichnungen von Giuliettas Mutter gefüllt ist. In ihrem Zimmer schaut sie sich alles genau an und stellt fest, dass die Urgeschichte um Julia und Romeo in Siena stattgefunden hat. Sie lässt bei ihren Nachforschungen nicht locker und gerät in einen Strudel aus Geheimnissen, Verrat, Liebe und Abenteuer.

_Kritik_

Mir ihrem Debütroman „Julia“ hat Anne Fortier gekonnt verschiedene Genres bedient. Zunächst einmal ist er natürlich ein Familienroman, aber auch das historische Genre, eine wunderschöne Liebesgeschichte, Drama und Krimi sind hier vereint.

Der Sprachstil passt sich der Vergangenheit und der Gegenwart an. Spielt die Geschichte in der Vergangenheit, ist er poetisch blumig, spielt sie in der Gegenwart, wirkt er zeitgemäß. Die Erlebnisse von Julia bzw. Giulietta werden aus ihrer Perspektive erzählt, die der Giulietta aus dem 14. Jahrhundert hingegen aus der Perspektive eines Beobachters, was durch diese unterschiedliche Art der Herangehensweise recht ausgereift wirkt.

Mir ihrem Erzählstil schafft es die Autorin, dass der Leser glaubt, sich direkt in Siena zu befinden. Anne Fortier beschreibt die Umgebung so detailreich, dass man sich die Orte und Gebäude bildlich vorstellen kann und Lust darauf bekommt, diese auch tatsächlich zu besuchen.

Gerade in der Geschichte, die in der heutigen Zeit spielt, baut die Autorin einen gelungenen Spannungsbogen auf, der sich beständig steigert. Bis zum Schluss ist man sich nie zu hundert Prozent sicher, wer auf wessen Seite steht. Man kann das Buch aufgrund des Verwirrspiels und des fließenden Schreibstils der Autorin nur schwer aus der Hand legen.

Auch wenn der Part der Giulietta aus dem 14. Jahrhundert dem Leser vermutlich vertraut ist, wird dieser interessant genug aufgebaut, und Lesern, die Shakespeares „Romeo und Julia“ nicht kennen sollten, wird diese romantische Geschichte nähergebracht.

Die Protagonisten aus Gegenwart und Vergangenheit sind ausnahmslos greifbar, lebendig und detailreich konzipiert. Keinesfalls eindimensional, bietet jeder Darsteller eine Fülle von Stärken und Schwächen, die so lebensnah ausgearbeitet sind, dass man sich mit den Personen durchaus identifizieren kann. Auch die Beziehung zwischen Julia bzw. Giulietta und Alessandro (Romeo oder Paris?) ist hervorragend ausgearbeitet und hält den Leser bis zum Schluss in Atem.

In ihrem Nachwort geht die Autorin noch auf die Ursprünge von Romeo und Julia ein – diese Geschichte hat ihre Anfänge wohl tatsächlich in Siena.

_Die Autorin_

Anne Fortier wuchs in Dänemark auf, wo sie im Fach Ideengeschichte promovierte. Mit ihrem Mann, den sie in Oxford kennenlernte, ging sie nach Amerika. Sie war Co-Produzentin von Dokumentarfilmen und lehrte Philosophie und Europäische Geschichte an verschiedenen Universitäten. Sie fühlt sich auf beiden Seiten des Atlantiks zu Hause. Seit der Kindheit von Shakespeares Heldin fasziniert, forschte sie für ihren Roman in Sienas Archiven und Museen. (Verlagsinfo)

_Fazit_

Anne Fortiers Debütroman „Julia“ ist auf jeden Fall zu empfehlen. Leser der verschiedenen Genres kommen voll auf ihre Kosten, und auch die Männerwelt wird diesen Roman durchaus gerne lesen. Mit ihrem Stil hat die Autorin mich voll überzeugt und ich hoffe darauf, noch viel aus ihrer Feder lesen zu können.

|Gebunden: 637 Seiten
Originaltitel: Juliet
Aus dem Amerikanischen von Birgit Moosmüller
ISBN-13: 978-3810506788|
[www.fischerverlage.de/page/krueger]http://www.fischerverlage.de/page/krueger

_Nadine Warnke_