
Der Autor
Robert A. Heinlein – Starship Troopers – Sternenkrieger weiterlesen

Der Autor
Robert A. Heinlein – Starship Troopers – Sternenkrieger weiterlesen
Obwohl der Autor Vernor Vinge (* 10. Oktober 1944) der modernen Space-Opera entscheidende Impulse geben konnte, ist er doch eher unbekannt, zumindest in Deutschland. Unverdient, aber aus einleuchtendem Grund, ist er doch nicht gerade ein Vielschreiber, seine beiden bekanntesten Werke sind „Ein Feuer auf der Tiefe“ (1992) und „Eine Tiefe am Himmel“ (1999), diese beiden leicht merkwürdig betitelten Romane bürgen jedoch für Qualität: Beide gewannen jeweils einen |Hugo Award| und wurden für den |Nebula| nominiert, hierzulande gewann „Eine Tiefe am Himmel“ zudem den renommierten Kurd-Laßwitz-Preis.
Der Mathematiker und Computerwissenschaftler Vinge dozierte bis zum Jahr 2002 an der |San Diego State University|, seitdem konzentriert er sich ganz auf seine schriftstellerische Tätigkeit. Man kann also für die Zukunft viel von ihm erwarten.
Seine Konzeptionen eines möglichen Cyberspace, sowie seine Theorien zu technologischer Singularität (d.h. Fortschritt maschineller Intelligenz zu einem Grad, den der erschaffende Mensch geistig nicht mehr erfassen kann), Nanotechnologie und lernfähigen Netzwerken, bis hin zur künstlichen Intelligenz, aber auch menschlicher Evolution und gesellschaftlicher Entwicklung bis hin zur Transzendenz stellen den Kern seines Werkes dar.
Dabei mischt Vinge bekannte Elemente, zum Beispiel die Newsgroups des Usenet, mit phantastischen Elementen seiner Erzählung und schafft so eine oft lehrreiche Verbindung von Bekanntem mit neuen Konzepten.
_Die Entdeckung neuer Welten und Zivilisationen_
„Eine Tiefe am Himmel“ spielt 20.000 Jahre vor dem Vorgänger „Ein Feuer auf der Tiefe“, den man |nicht| kennen muss, beide Romane sind vollständig unabhängig voneinander lesbar.
Die Menschheit hat noch nicht die notwendigen Voraussetzungen für überlichtschnelles Reisen entwickelt, und so fliegen Raumschiffe und ihre im Kälteschlaf liegenden Besatzungen Jahrhunderte zwischen den Sternen. Zahlreiche menschliche Zivilisationen sind während vieler Jahrtausende entstanden und untergegangen, zurückgefallen in die Barbarei und wieder aufgestiegen zur Raumfahrt. Doch eine Zivilisation ist etwas Besonderes, die Händlerzivilisation der |Dschöng Ho|. Gegründet von einer Händlerin und einem ehemaligen Barbarenprinzen des Mittelalters, dem legendären Pham Nuwen, stellt diese eine Ausnahmeerscheinung dar: Die Flotte der Dschöng Ho, benannt nach einem chinesischen Entdecker, sendet Wissen in einer Art galaktischen Wikipedia aus, überall wo Dschöng-Ho-Schiffe den Weltraum durchkreuzen.
So erreichen Zivilisationen, sobald sie den Funk entwickelt haben, schneller ein raumfahrendes Niveau, raumfahrende Zivilisationen erfahren Nachrichten aus der ganzen Galaxis und gewisse Standardtechnologien werden so weiterverbreitet und bewahrt – gemäß dem Traum Pham Nuwens, dessen Meinung nach eine intergalaktische Zivilisation nur auf lange Frist bestehen kann, wenn sie Hilfe von „außen“ erhält, genauso wie gestrandete Raumfahrer nur mithilfe einer Zivilisation und deren Industrie den Keim der Technik bewahren können.
Bis auf Spuren einer untergegangenen Rasse, und eine in frühen Entwicklungsstadien befindliche, hat die Menschheit aber noch keinen Kontakt mit extraterrestrischer Intelligenz gehabt. So ist es eine Sensation, als man vom fernen „EinAus-Stern“ fremdartige, nichtmenschliche Funksignale empfängt. Ein Familienclan der Dschöng Ho macht sich sofort auf den Flug zum fernen Stern, der schon vorher Beachtung fand, da er regelmäßig für Jahrzehnte hell erstrahlt, um dann für eine fixe Periode zu erlöschen.
Bei der Ankunft erwartet die Dschöng Ho jedoch eine nicht ganz so freudige Überraschung: Eine in Nähe zum EinAus-Stern, zwischenzeitlich in die Barbarei zurückgefallene Zivilisation ist ebenfalls nahezu zeitgleich eingetroffen – auf einem niedrigeren technologischen Stand, aber mit viel mehr Ausrüstung und Personal. Ironischerweise haben die sogenannten „Aufsteiger“ sich das überall im Menschenraum verbreitete Wissen der Dschöng Ho angeeignet, ebenso die menschliche |lingua franca|.
Kommunikation ist somit kein Problem, nur traut man einander kein bisschen: Die Aufsteiger und ihr Anführer Tomas Nau gehören vermutlich, so kann man den bekannten Daten über sie entnehmen, einer faschistisch orientierten Sklavenhaltergesellschaft an. Höchste Vorsicht ist geboten, doch die Aufsteiger haben einen Trumpf in der Hinterhand, mit dem die Dschöng Ho nicht rechnen können …
Der Coup der Aufsteiger gelingt, auch wenn in einer Raumschlacht beide Flotten sich schwersten Schaden zufügen und die überlebenden Dschöng Ho in den Dienst der Aufsteiger gepresst werden müssen. Sie sabotieren die Pläne des „Hülsenmeisters“ Tomas Nau, doch dieser spielt mit ihnen und kann schließlich sogar Nutzen aus den Anschlägen ziehen: Gezielte Fälschung von Tatsachen und Fakten und seine „Geheimwaffe“ machen es möglich.
„Fokus“ ist es, was die Aufsteiger zu einer Sklavenhaltergesellschaft gemacht hat. Eine im Heimatsystem der Aufsteiger wütende Krankheit, Geistesfäule genannt, wurde bezwungen und ihre einzigartigen Möglichkeiten entdeckt: Entsprechend konditionierte Menschen werden auf dem jeweiligen Fachgebiet zu Spezialisten, die ihre ganze Kapazität nur noch auf einen Bereich konzentrieren. Ein normaler Mensch wird zum Spezialisten, ein begabter Mensch oder gar ein Genie wird durch „Fokus“ zu übermenschlichen Leistungen befähigt, bedarf aber der Koordination durch normale Menschen.
So wurde die Gesellschaft der Aufsteiger geboren, die Hülsenmeister wurden Herren und Meister effizienter und stets gehorsamer Sklaven.
Aufsteiger und Dschöng Ho haben sich gegenseitig so schwer geschädigt, dass man auf Hilfe der Spinnenwesen angewiesen ist, die in Kürze erwachen werden: Gemäß den Theorien Pham Nuwens können sie sich ohne die technische Unterstützung einer Zivilisation nicht mehr selbst helfen.
Während überlebende Dschöng Ho in einer Atmosphäre der perfekten Überwachung und nahezu totalen Kontrolle verzweifelt einen Aufstand planen, ist Hülsenmeister Tomas Nau schon am überlegen, wie er die Spinnenwesen täuschen, unterwerfen und seinen Zwecken dienlich machen kann …
_Die Spinnen in ihren Tiefen_
Während sich im Weltraum ein Drama abspielt, erwacht die Spinnheit und macht dank ihres Universalgenies Scherkaner Unterberg gewaltige Fortschritte: Er ist ein Mix aus Armstrong, Oppenheimer, Einstein, Hawking und Hannibal. Als erster Spinn bezwang er das „Dunkel“ und bewegte sich an der Oberfläche der Welt während der „Aus“-Phase der Sonne voran, sabotierte Versorgungsdepots hinter der Front und entschied so einen Krieg.
Die Entdeckung der Kernkraft ermöglicht es zukünftigen Generationen, auch während des Dunkels zu leben und nicht in Winterschlaf verfallen zu müssen, was eine ganze Reihe sozialer und religiöser Probleme auslöst: So kommt es zum Eklat, als Scherkaners zur „Unzeit“ geborene Kinder in seiner populären Radiosendung „Die Kinderstunde der Wissenschaft“ auftreten – diese Kindersendung gibt den Menschen übrigens am meisten Aufschluss über Sprache und Technologie der Spinnen. Kinder während der Ein-Phase des Sterns zu zeugen, ist moralisch nur bei deren Beginn angebracht, damit die Kinder fertig ausgebildet sind und den Kälteschlaf der kommenden Dunkelphase überstehen können. Doch nicht nur Gutes geht mit der Kerntechnik einher: Viele Nationen können Grundlagen erbeuten, aber nicht genug, um ebenfalls Kernreaktoren zu bauen, doch für Atombomben reicht das Wissen bereits aus …
Konflikte zwischen fundamentalistischen Staaten und Unterbergs Nation werden gezielt von den Aufsteigern geschürt. Unterberg ist mittlerweile alt und senil geworden, seine Freunde haben keine Ahnung von der Gefahr, Wissenschaftler und Personen, die außerirdischen Einfluss vermuten, werden für verrückt erklärt …
Derweil tut sich auch bei den Menschen einiges: Tomas Nau würde es wohl nicht glauben, aber sein großes Vorbild, der legendäre Pham Nuwen, ist einer der versklavten Dschöng Ho. Nuwen erkennt den Nutzen des Fokus, würde ihn gerne für seine Zwecke gebrauchen, er hat einige Trümpfe in der Hinterhand, um das perfekte System auszuschalten, die er raffiniert zu nutzen weiß …
_Liebenswerte Spinnen und faszinierende Ideen_
Vinge beweist viel Phantasie – seine Ideen einer kosmischen Zivilisation und sein Held Pham Nuwen konnten mich begeistern. Phams Geschichte ist nur eine von vielen, aber mit Abstand die interessanteste: Als Barbar auf dem mittelalterlichen Planeten Canberra geboren, wurde er Liebhaber der älteren raumreisenden Händlerin Sura Vinh und gründete mit ihr das Handelsimperium der DschöngHo, Familienclans, die von einer gemeinsamen Idee zusammengehalten werden. Diese Ideen werden bestätigt: Ohne die Hilfe einer Zivilisation würden Aufsteiger und Dschöng Ho im EinAus-System nicht überdauern können, geschweige denn jemals wieder starten können.
Aber auch andere Schicksale werden beleuchtet: So das des Anwärters Ezr Vinh; nachdem Nau alle Führungsoffiziere umgebracht hat, ist er der überforderte neue Anführer der zur Kooperation genötigten Dschöng Ho. Seine Freundin Trixia Bonsol ist fokussiert, ihr Talent als Übersetzerin der völlig fremdartigen Spinnensprache unerreicht – Nau wird sie wohl niemals vom „Fokus“ befreien. Die Aufsteigerin Anne Reynolt ist ein besonderer Fall: Sie ist eine der wenigen Personen, die man auf Menschenführung fokussieren konnte. Sie kontrolliert die „Blitzköpfe“ genannten Fokussierten, welche Überwachung und Abwehr von Rebellionen sowie die Automatik der Aufsteigerschiffe koordinieren. Das Besondere, geradezu Zynische an ihrem Schicksal: Sie war eine der erbittertsten Gegnerinnen der Aufsteiger … bis man sie fokussiert hat. Eine weitere tragische Figur ist Qiwi Lisolet, die Tochter der ehemaligen Kommandatin, die von Nau als Geliebte missbraucht wird – sobald sie ahnt, dass er sie über gewisse Fakten der Vergangenheitbelügt und betrügt, wird sie neu „konditioniert“ und einer Gehirnwäsche unterzogen, ihre Erinnerung teilweise gelöscht.
Wenn man „Ein Feuer auf der Tiefe“ und die dort vorgestellten Ideen kennt, weiß man, dass Vinge den Menschen als limitierenden Faktor der Entwicklung ansieht – die Technologie ist ihm weit voraus, der Mensch ist kaum imstande, sie voll auszunützen. „Fokus“ kann das zum Teil beheben – etwas, das auch der geheim eine Revolution planende Pham Nuwen ahnt. „Fokus“ würde seinen Traum einer effizienter operierenden Dschöng Ho ermöglichen, die Welten vor dem Rückfall in die Barbarei rettet, was ihm selbst nur ein einziges Mal gelang, aber zu seinem legendären Ruf beitrug. Aber ist der Preis des „Fokus“ es wirklich wert? Wie wird Nuwen sich entscheiden?
Interessanter als die Probleme der Menschen sind jedoch die Spinnenwesen: Feldwebel Hrunkner Unnerbei, der geniale Scherkaner Unterberg und seine Frau Generalin Viktoria Schmid sowie ihre Familie und die gesamte Spinnenzivilisation wachsen dem Leser ans Herz. Die menschlichen Namen erklärt Vinge auf gerissene Weise: Die wahren kann kein Mensch aussprechen, aber sie entsprechen dem Wesen der Spinnen am ehesten und wurden ihnen von der Übersetzerin Trixia Bonsol verliehen. Diese muss auch für die „Vermenschlichung“ der spinnischen Verhaltensweisen herhalten.
Hier macht es Vinge sich allerdings ziemlich leicht; Spinnen, die sich in ihren Tiefen während des Dunkels durch während dieser Zeit gegrabene Tunnel gegenseitig „vergasen“ und ähnliches, all das erinnert an die Zeit zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg, ebenso die Entdeckung und Nutzung der Atomenergie als Waffe. Der technische Stand und die Entwicklung der Spinnen, Fernsehen und Radio zum Beispiel, sind eine exakte Kopie menschlicher Entwicklungsgeschichte. Religiöse Moralvorstellungen, Terroranschläge, revolutionäre soziale Neuerungen – all das ist ein Spiegel der Menschheit, keine wahrhaft fremdartige Rasse/Zivilisation.
Dies ist auch einer der wesentlichen Kritikpunkte an der „Tiefe“: Faszinierende Analogien bei größerer Fremdartigkeit bot bereits der Vorgänger „Ein Feuer auf der Tiefe“ (wobei hier eine andere „Tiefe“ gemeint ist). Ebenfalls fehlt mir ein wenig der |sense of wonder|, den transzendente Superintelligenzen und überlichtschneller Raumflug sowie Vinges Gliederungen der Galaxis in gewisse Zonen der Entwicklung boten.
Dafür menschelt es wesentlich mehr in der „Tiefe“, auch hat Vinge schriftstellerisch noch einmal deutlich zugelegt, seine Charaktere sind deutlich feiner ausgearbeitet und die Konzepte, die er vorbringt, sind einfacher und werden klarer verständlich, wobei er viel mit Analogien arbeitet, zum Beispiel der Bestätigung von Nuwens Theorien im Fall der gestrandeten Flotte und der der Menschheitsentwicklung analog verlaufenden der Spinnen.
Ob der Nachfolger nun besser oder schlechter ist, ist Geschmackssache. Meine Empfehlung ist, zuerst „Eine Tiefe am Himmel“ zu lesen, da es leichter verständlich ist und chronologisch 20.000 Jahre vor dem zuerst veröffentlichen „Ein Feuer auf der Tiefe“ liegt – zusätzlich gibt die „Tiefe“ dem Charakter Pham Nuwen auf angenehme Weise die Vorgeschichte, die man im „Feuer“ nur in Bruchstücken erfährt. Zudem versteht man die Probleme von Zivilisationen ohne überlichtschnelle Raumfahrt besser, wenn man dieses Buch davor liest.
Wer beide Romane kennt, ist im Urteil gespalten: Handwerklich ist die „Tiefe“ besser, die faszinierenderen Ideen hat meiner Ansicht nach aber das „Feuer“.
Eines ist jedoch sicher: Beide Romane haben ihre |Hugos| zu Recht erhalten, beide haben mich fasziniert und sind eine Empfehlung wert und behandeln zahlreiche hochinteressante Aspekte, bessere und fundiertere Science-Fiction findet man nur selten. Die anspruchsvolle Übersetzung ist Erik Simon wirklich hervorragend gelungen, getrübt nur durch kleinere Fehlerchen des Korrektorats (Buchstabendreher etc.).
Mein Tipp: Zuerst „Eine Tiefe am Himmel“ lesen und bei Gefallen „Ein Feuer auf der Tiefe“ sofort nachschieben!
Mehr über Vernor Vinge und sein Werk:
http://en.wikipedia.org/wiki/Vernor_Vinge
Es herrscht Krieg. Aufgrund eines Missverständnisses zwischen den Menschen und den außerirdischen |Tauren| ist ein erbitterter, brutaler Kampf zwischen diesen beiden Rassen ausgebrochen. Geführt wird der Krieg auf hohem technologischem Niveau im Weltraum und auf fremden Planeten – der einfache Soldat Will Mandella ist der Protagonist dieses Romans. Nach einer brutalen Ausbildung befindet er sich auf einem Raumschiff und wird von Gefecht zu Gefecht gebracht. Trotz modernster Ausrüstung und psychischer Konditionierung lässt ihn nur der ausgiebige Konsum von Drogen die Gräuel des Krieges ertragen. Aufgrund der hohen Geschwindigkeiten der Raumschiffe und der damit verbundenen Zeitdilatation vergehen auf der Erde Jahrzehnte und Jahrhunderte, während die Einsätze für die Soldaten von relativ kurzer Dauer sind. Zurück auf der Erde, kann sich Mandella nicht wieder eingliedern. Wichtige Bezugspersonen sind verstorben und die gesellschaftlichen Systeme wirken fremdartig auf ihn. Die Bevölkerung der Erde arbeitet nur noch für den Krieg, der sich verselbständigt hat. Mandella verpflichtet sich erneut und fliegt zum nächsten Kriegsschauplatz dieses ewigen Krieges …
Joe Haldeman wurde 1943 in Oklahoma City geboren und studierte Physik und Astronomie. In den Jahren 1968–1969 kämpfte er als Soldat in Vietnam und wurde schwer verwundet (Auszeichnung |Purple Heart|). Seit 1970 arbeitet Haldeman als Schriftsteller und ist seit 1983 am Massachussets Institute of Technology (MIT) tätig. Er ist verheiratet und lebt heute zeitweise in Florida und in Massachussets.
„Der ewige Krieg“ ist ein Anti-Kriegsroman, wie er schonungsloser kaum sein kann. Das Werk, das sowohl den |Hugo| als auch den |Nebula Award| gewonnen hat, reflektiert Haldemans Kriegserlebnisse in Vietnam. Der Mensch als Werkzeug – brutal instrumentalisiert für einen Krieg, den er nicht verstehen kann. Haldeman benutzt dabei die Mittel der Science-Fiction, um die Sinnlosigkeit des Krieges in aller Härte aufzuzeigen. Kommunikation zwischen Tauren und Menschen ist nicht möglich, Auslöser des Konflikts war ein Missverständnis, auf der Erde vergehen Jahrhunderte und der Krieg dauert an. Es ist eine albtraumhafte Welt und für den Protagonisten gibt es kein Entrinnen aus diesem Hades, wo jeder Tag dein letzter sein kann. Nachdem man überlebt hat, wird man mit einer Welt und Menschen konfrontiert, die man nicht mehr versteht. Eine Integration in diese Systeme ist nicht möglich – die Parallele zu den Vietnamheimkehrern in den USA ist überdeutlich. Der einzig mögliche Ausweg sind die weitere Verpflichtung als Soldat und die Rückkehr in ein hoffnungsloses Inferno. Während der Lektüre des Buches fiebert man förmlich mit dem Protagonisten mit – genau wie er frustriert und resigniert der Leser. Das Thema ist vor den derzeitigen Hintergründen unserer Welt aktueller denn je – immer wieder werden einem die Sinnlosigkeit und vor allem die menschenverachtende Schrecklichkeit eines Krieges vor Augen geführt. Dabei tut Haldeman dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf eine sehr intelligente Art und Weise. Das Buch ernüchtert und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack – es ist sicherlich nichts für schwache Nerven. Ein Meisterwerk der Science-Fiction, dss das Thema „Krieg“ in einer nachhaltigen Art und Weise variiert – dazu ist es enorm spannend. Dieser Anti-Kriegsroman ist ein Klassiker – indes jedoch nicht nur für Fans des Genres geeignet, da die Botschaft dieses harten und schonungslosen Werks von 1972 gegenwärtiger und wichtiger ist denn je.
J. R. R. Tolkiens drei Hauptwerke sind so unterschiedlich im Ton, im Stil und in ihrer Beschaffenheit, dass man fast nicht glauben mag, dass sie alle aus der Feder eines Autoren stammen. „The Lord of the Rings“ (dt. „Der Herr der Ringe“) ist ein gigantisches, detailverliebtes Epos. [„The Silmarillion“ 408 (dt. „Das Silmarillion“) ist sowohl Mythos, Epos als auch eine breit angelegte Chronik von Tolkiens imaginärer Welt. „The Hobbit“ (dt. „Der kleine Hobbit“) jedoch, seine erste belletristische Veröffentlichung, ist ein verspieltes und leichtfüßiges Kinderbuch, das auch dem erwachsenen Leser das eine oder andere Lächeln aufs Gesicht zaubern wird. Vergeblich sucht man hier nach dem Faktenreichtum des „Silmarillion“ oder der Handlungsbreite des „Herrn der Ringe“. Stattdessen erzählt Tolkien im „Hobbit“ kurzweilig, gut gelaunt und vor allem mit einem guten Schuss Ironie, der nahelegt, dass der mittlerweile als Genie gefeierte Tolkien seine eigene Geschichte nicht unbedingt bierernst nimmt. Denn der „Hobbit“ soll in erster Linie unterhalten und Spaß machen!
Der Hobbit, das ist Bilbo Baggins, in den besten Jahren, delikatem und reichlichem Essen durchaus zugeneigt und ein Liebhaber guten Tabaks. Abenteuer sind das Letzte, woran er denkt, als Gandalf – seines Zeichens Zauberer – vor seiner Hobbithöhle auftaucht. Gandalf nun, komplett mit spitzem Zaubererhut und dem passenden Stab, sucht für eine Kompanie Zwerge einen vierzehnten Mann und hat sich in den Kopf gesetzt, dass Bilbo die perfekte Wahl wäre. So sieht sich der Arme tags darauf dreizehn hungrigen Zwergen unter der Führung von Thorin gegenüber, die ihn auf eine Reise zum Lonely Mountain mitnehmen wollen, um dem dort ansässigen Drachen Smaug einen ganzen Haufen Gold zu entwenden. Nun hat, wie bereits erwähnt, der sehr respektable Bilbo mit Abenteuern nichts am Hut, doch wäre die Geschichte hier zu Ende, hätte Gandalf es nicht geschafft, Bilbo aus seiner Höhle zu locken. So überstürzt muss er aufbrechen, dass er gar sein Schnupftuch vergisst.
Nun erleben Zwerge, Hobbit und Zauberer allerlei wundersame Abenteuer, bis sie zum Lonely Mountain kommen. So nimmt Bilbo beispielsweise dem geheimnisvollen Gollum einen gewissen Ring ab, der später noch eine prominente Rolle in Tolkiens Schaffen spielen soll. Auf dem Weg nach Rivendell wollen drei hungrige Trolle sie kochen. In den Misty Mountains geraten sie an eine ganze Horde Orks. In Mirkwood müssen sie sich mit Riesenspinnen und scheuen Waldelben rumschlagen. Und schließlich am Lonely Mountain angekommen, gilt es immer noch, einen ziemlich unleidlichen Drachen zu besiegen und einen Krieg zu verhindern, der zwischen Zwergen, Elben und Menschen ob des in greifbare Nähe geratenen Schatzes zu entbrennen droht. Und in all diesen prekären Situationen denkt Bilbo zwar am liebsten an seine gemütliche Hobbithöhle und sein zweites Frühstück; doch alles in allem erweist er sich zumeist als Retter in der Not und durchaus brauchbarer Abenteurer.
Dass „The Hobbit“ als Kinderbuch konzipiert ist, wird ziemlich schnell klar. Ein väterlicher Erzähler nimmt den (jugendlichen) Leser an die Hand, erklärt ihm Hobbits und Zauberer und Mittelerde und hält auch sonst mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Recht amüsant kommentiert er so, was in der Geschichte passiert, spricht den Leser von Zeit zu Zeit auch direkt an. Darüberhinaus ist der Roman in Kapitel eingeteilt, die sich jeweils gemütlich in einer Sitzung lesen lassen und jedes Mal ein abgeschlossenes Abenteuer behandeln. Außerdem ist „The Hobbit“ fast komplett bar aller Hintergrundinformationen, die das „Silmarillion“ und „Lord of the Rings“ zu so reichhaltigen (und schwer verdaulichen) Texten machen. Es wird hier zwar schon auf zukünftige Ereignisse angespielt (die Handlung spielt rund 60 Jahre vor „The Lord of the Rings“) – so begegnet man hier bereits Elrond, Gandalf und auch Sauron wird verschlüsselt erwähnt -, doch im Großen und Ganzen ist der Text viel geradliniger und einfacher als das, was man sonst von Tolkien gewohnt ist. Damit eignet sich „The Hobbit“ auch hervorragend als Einstiegsdroge für jene, die sich Mittelerde langsam und bedächtig nähern wollen.
Die englische Taschenbuchausgabe ist, obwohl preiswert, mit Liebe gestaltet worden. Das elegant schwarze Cover schmücken der Titel in Silber und ein Porträt Smaugs in auffälligem Rot aus der Feder Tolkiens. Und wie es sich gehört, beinhaltet der Roman auch einige Illustrationen, um das Buch für junge Leser ansprechender zu gestalten. Für all jene, die sich in der Geographie Mittelerdes nicht gut auskennen, schmückt die letzte Seite des Romans eine Karte der Route, die Bilbo und die Zwerge genommen haben, sodass man Mirkwood und die Umgebung von Lake Town dort gut nachvollziehen kann.
Zu Recht ist „The Hobbit“ ein Klassiker der modernen Kinderliteratur. Tolkien hat hier mit den Hobbits originäre Kreaturen erschaffen, die Kinder jeden Alters ansprechen dürften. Man erlebt die Geschichte durch Bilbos Augen und mit ihm kann sich der Leser identifizieren. Er ist kein überlebensgroßer Held, sondern ein Persönchen von einem Meter zwanzig, das sein Leben auch gern in der sorglosen Abgeschiedenheit des Auenlandes weitergelebt hätte. Eigentlich vollkommen unneugierig und genügsam, kann er sich doch einer gewissen Begeisterung für die Reise nicht erwehren und dieser Gegensatz des Charakters ist wohl der sympathischste Zug, den Tolkien seinem Bilbo verleihen konnte. Denn ohne es zu wollen, macht das Abenteuer Bilbo zu einem Abenteurer, ohne dass er dadurch ein Held würde. So bleibt er, gerade für Kinder, immer verständlich und begreifbar. Doch auch erwachsene Leser werden sich Bilbos Charme kaum enziehen können!
Hinweis: Unsere Rezension zur deutschen Hörbuchfassung findet ihr [hier. 130
Henry glaubt nicht an Elfen. Er ist schließlich schon vierzehn! Früher, vor unendlich langer Zeit, als er noch ein Kind war – damals glaubte er die Geschichten über kleine, geflügelte Wesen, die guten Menschen drei Wünsche gewährten. Heute glaubt er nicht mehr an sie. Doch was, wenn ihm ein Elf begegnet?
Der Autor
Herbie Brennan hat zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene geschrieben, die in mehr als fünfzig Ländern und in einer Gesamtauflage von über 7,5 Millionen Exemplaren erschienen sind. Nebenbei entwickelt er Spiele und Software und arbeitet fürs Radio. Er lebt in County Carlow in Irland.
Der Inhalt
Der Purpurkaiser herrscht gerecht über das Volk der Elfen. Die Lichtelfen sind zufriedene Untertanen, doch die Nachtelfen scheinen Übles zu planen. Das allein bereitet dem Kaiser schon genug Kopfschmerzen, doch zu allem Überfluss ist sein Sohn Pyrgus, der Kronprinz, verschwunden.
Pyrgus ist ein Tiernarr. Er kann es nicht ausstehen, wenn Tiere gequält werden. So entwendete er den Phönix aus dem Haus Lord Hairstreaks, wobei er unglücklicherweise ertappt wurde. Auf seiner Flucht gelangt er in die Leimfabrik Chalkhill & Brimstone, wo er das nächste erschütternde Erlebnis hat: Die Zauber-Klebe-Formel besteht in einem lebenden Kätzchen, das täglich dem Leim geopfert werden muss! Hier ist also wieder eine Rettungsaktion gefragt – doch diesmal wird Pyrgus prompt von den Wächtern der Fabrik festgenommen, fast zu Tode geprügelt und dem Geschäftsführer – Brimstone – vorgeführt, der gerade einen teuflischen Pakt mit Beleth, dem Fürsten der Dämonen, abgeschlossen hat. Zufälligerweise ist es Pyrgus, den der Dämon als Opfer verlangt, und so kommt Brimstone die Gefangennahme sehr gelegen.
Kurz vor dem Opfergang kommt es zu einem Zwischenfall, der Pyrgus aus dem Dämonenkreis befreit. Bevor Brimstone eingreifen kann, erscheint die Palastwache des Purpurkaisers und eskortiert Pyrgus zum Palast.
Politische Verwicklungen zwischen Licht- und Nachtelfen verlangen höchste Sicherheit für den Kronprinzen, und so soll Pyrgus durch das Elfenportal, das sich im Besitz der Kaiserfamilie befindet, in die Gegenwelt transportiert werden, um dort das Ende der Streitigkeiten zu erwarten. Eine einsame Insel in der Karibik ist das Ziel, doch als man nach gelungenem Transfer überprüfen möchte, ob es dem Prinzen gut geht, ist er nicht auffindbar. Offensichtlich wurde er durch Sabotage an einen anderen Ort befördert …
In der Gegenwelt: Henrys Eltern liegen im Streit. Die Mutter hat eine Affäre mit der Sekretärin ihres Mannes (!), und der soll darum aus dem Familienleben treten. Ob all dieser Ungerechtigkeiten bleibt dem vierzehnjährigen Jungen nur die zeitweilige Flucht. Er geht zu Mr. Fogarty, um dem alten Mann beim Aufräumen seines Hauses oder Gartens zu helfen. Kaum steht er vor dem bruchfälligen Schuppen, als Fogartys Kater einen Schmetterling einfängt. Henry, der sehr tierlieb ist, verbietet dem Kater seine Beute und fördert – keinen Schmetterling zu Tage, sondern ein geflügeltes kleines Menschlein, offenbar ein Elf! Henry glaubt nicht an Elfen, aber er weiß, dass Mr. Fogarty an sie wie auch an Außerirdische und dergleichen glaubt. Also bringt er seinen Fund in die Küche, und mit Hilfe des alten Mannes bringen sie ein Verstärkergerät zustande, das die Stimme des kleinen Wesens hörbar macht.
Henrys Weltanschauung ist über den Haufen geworfen. Es ist tatsächlich ein Elf, und zwar Pyrgus, der Sohn vom Purpurkaiser des Elfenreichs! Ärgerlich für Pyrgus ist, dass der Filter des Portals versagt haben muss und er nun in der lächerlichen Gestalt eines kleinen fliegenden Würmchens in der Gegenwelt ist. Auf jeden Fall ist allen klar, dass Pyrgus so schnell wie möglich in seine Welt zurückkehren muss. Dort steht mittlerweile eine große Konfrontation zwischen Nacht- und Lichtelfen bevor, und auch die Dämonen scheinen einen Plan zu haben …
Kritik
„Das Elfenportal“ mutet erstmal wie ein Jugendroman an – Vierzehnjährige, die in Abenteuer verstrickt werden und das Schicksal der Welt in den Händen halten. Doch Brennan verstrickt in dieser Geschichte Abenteuer gekonnt mit Fantasy, Ironie und Humor, zeigt auf diese Art nicht nur Ausschnitte aus dem – unheimlich vertrauten – Elfenreich, sondern auch Aspekte unserer Gesellschaft, des Familienlebens und des Klischees, dass scheinbar immer die Ehemänner Affären mit ihren Sekretärinnen haben, wenn eine Ehe zu Bruch geht.
Interessant ist auch die Verknüpfung der Elfengeschichte – klein, geflügelt, drei Wünsche – mit dem Außerirdischen-Mythos – dürre, graue, großköpfige Wesen mit riesigen Augen, die Unmengen Amerikaner entführen. Nach diesem Buch wissen wir, woher diese Außerirdischen kommen und was es mit unseren kleinen, niedlichen Elfchen auf sich hat. Und wir haben einen spannenden Einblick in das Leben der echten Elfen bekommen, das sich von dem unsrigen gar nicht so sehr zu unterscheiden scheint. Natürlich gibt es im Elfenreich andere Technik – dort als Magie bezeichnet – und andere Mythen, aber die Wesen scheinen zu fühlen wie Menschen, unabhängig davon, dass sie sich Elfen nennen.
Es hat auf jeden Fall nichts mit den Elben aus Tolkiens „Herrn der Ringe“ zu tun und steht also Abseits der Diskussion, ob die weit verbreiteten Fantasy-Elfen mit Tolkiens Elben identisch sind. Hier handelt es sich tatsächlich um diese kleinen, geflügelten Geschöpfe unserer Märchen, die – wie wir nun wissen – eigentlich gar nicht so klein und schon gar nicht geflügelt sind.
Der Konflikt zwischen Lichtelfen und Nachtelfen sowie den Dämonen ist facettenreich geschildert, und ein Lösungsansatz führt genauso in die Irre wie der nächste. Jede Partei ist überzeugt, die anderen zu durchschauen und hintergehen zu können oder ihnen überlegen zu sein, bis es im Finale zu einer überraschenden Wendung kommt, bei der auch der mysteriöse Mr. Fogarty eine Rolle spielt. Die Geheimnisse, die dieser Mann mit sich herumträgt, tragen allerdings nur noch zu Henrys Verwirrung bei. Ist ihm irgendwann aber auch egal, denn er trifft ja auf Holly Blue, die Schwester von Pyrgus.
Wo wir grad bei den Geschwistern sind: Comma, der Dritte im Bunde, steht nach Pyrgus in der Thronfolge. Und hier sieht man wieder einen Aspekt, der – da nicht eindeutig erwähnt – eventuell aus diesem Buch mehr macht als nur ein Jugendbuch. Mit Ironie wird deutlich, dass Comma zwar auch hintergangen wird, aber als einer der wenigen vom Verschwinden Pyrgus‘ profitiert hätte.
Fazit
Ein schnelllesiges Buch, wenn ich diesen Ausdruck mal kreieren darf. Und wirklich kurzweilig. Wie Mr. Colfer auf dem Umschlag bemerkt, ist dieser Plot durchaus der einen oder anderen Erweiterung fähig. Ein schönes Lesevergnügen, bei dem man nicht selten zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken angeregt wird. Empfehlenswert – mal wieder für jedermann!
Ein wenig Kritik am Einband: Es prangt das Symbol „dtv premium“ darauf. Aber bezieht sich das nur auf den Inhalt und nicht auf die Verarbeitung? Die Verklebung der Seiten lässt – zumindest bei meiner Ausgabe – doch sehr zu wünschen übrig.
Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ist an sich schon ein Mammutwerk (meine Ausgabe beispielsweise hat nicht weniger als 1300 eng bedruckte Seiten) und auch (literatur)wissenschaftlich hat man sich immer wieder mit dem Roman auseinandergesetzt. Doch seit der Verfilmung durch Peter Jackson ist nochmal ein ganzer Stoß begleitender Bücher auf den Markt geschwemmt worden, die dem alten und neuen Fan Mittelerde, Elben und böse Zauberringe erklären sollen. Was da Wunder, dass sich auch der |List|-Verlag eine Scheibe vom Kuchen abschneiden wollte. Anders lässt es sich kaum erklären, dass der Verlag ein Buch aus dem Jahre 1969 ausgrub, es mit einem Cover versah, das frappant an das Design der Verfilmungen erinnert, und das Ganze kurzerhand 2002 in deutscher Erstfassung auf den Markt warf. Das Vorwort zur deutschen Ausgabe weist das Buch als „authentisches Dokument der allgemeinen Faszination aus, die Tolkiens mythisches Universum bereits vor Jahrzehnten ausübte.“ Damit ist bereits in blumigen Worten umschrieben, um was es sich bei Lin Carters „Tolkiens Universum“ eigentlich handelt – nämlich ein Buch, das höchstens noch literaturhistorisch von Interesse ist, ansonsten aber komplett veraltet daherkommt. Einsichten in die Grundlagen von Tolkiens Mythologie und die Fundamente seines Weltenentwurfs finden sich höchstens im letzten Teil von Carters Ausführungen.
Lin Carter war selbst Autor von Fantasyromanen; ein Mann vom Fach also. Er editierte für |Ballatine Books| die „Adult Fantasy“-Reihe und interessierte sich augenscheinlich für den Werdegang der Fantasy in der Weltliteratur. Dass ihn Tolkiens Werk, das bei vielen alten Mythen Anleihen nimmt, dabei besonders faszinierte, überrascht kaum. In „Tolkiens Universum“ versucht er nun, anderen Lesern diese Welt nahe zu bringen, schließlich war „Der Herr der Ringe“ zu diesem Zeitpunkt erst gute zehn Jahre auf dem Markt und begann erst langsam, seinen Kultstatus zu entwickeln. Carter betrat zu seiner Zeit also relatives Neuland und tastete sich dementsprechend vorsichtig an sein Studienobjekt heran.
Zunächst bringt er einige biographische Fakten zu Tolkien, seine universitäre Laufbahn als Professor, sein Interesse für alte Mythen und Legenden (hier nennt er besonders den „Beowulf“ und die [„Edda“) 62 und seine Beschäftigung mit der Form des Märchens.
Von da kommt er auf die Entstehungsgeschichte vom „Herrn der Ringe“ und eine erste kleine Rezeptionsgeschichte, die illustriert, dass ein so unhandliches Buch unmöglich einen einfachen Start haben kann. Dieser Teil von „Tolkiens Universum“ ist mäßig interessant, besonders unterhaltsam muten Carters Spekulationen über den Inhalt des [„Silmarillion“ 408 an, das zu dem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war.
Um seine Studie über den „Herrn der Ringe“ ordentlich vorzubereiten, bietet Carter dann eine Zusammenfassung sowohl des [„Hobbit“ 22 als auch des „Herrn der Ringe“. Auf nicht weniger als 60 Seiten erläuert er, worum es in den Büchern geht und man fragt sich zwangläufig, an welchen Leser diese Zeilen wohl gerichtet sein mögen. Carters Buch werden sicherlich nur zwei Arten Leser in die Hand nehmen: Diejenigen, die den „Herrn der Ringe“ kennen und tiefer in die Materie einsteigen wollen und diejenigen, die noch vorhaben, das Buch zu lesen. Beide Gruppen werden keine 60-seitige Inhaltsangabe benötigen. Für die einen ist sie überflüssig und für die anderen der ultimative Spoiler. Was Carter also mit diesem Teil seines Buches erreichen wollte, bleibt ungeklärt.
Im Anschluss daran nimmt er den Leser mit auf eine Tour durch die Weltliteratur und erklärt ihm, dass die Form des Epos eine Art Urformel der heutigen Fantasy ist und führt als Beweis unzählige bekannte und unbekannte Epen mitsamt Inhaltsangaben auf. Dies mag lesenswert sein, wenn man sich ohnehin für diese Form interessiert und mehr über „Edda“, „Nibelungenlied“, „Beowulf“ etc. erfahren will. Doch auch für diesen Leser ist Carters Buch nicht unbedingt zu empfehlen. Für einen Überblick bringt er einfach zu viel Material auf zu kleinem Raum und büßt dafür die Tiefe seiner Analyse ein. Seine Betrachtungen bleiben oberflächlich und polulärwissenschaftlich, höchstens ein kleiner Appetitmacher auf Texte wie die „Ilias“. Den Hunger muss man jedoch mit anderen Publikationen stillen. Auch bleibt er den Zusammenhang zwischen den genannten Epen und Tolkiens Schaffen schuldig. Vergleiche werden niemals gezogen und somit stehen Carters Betrachtungen zum Epos frei im Raum ohne direkt für die Tolkien-Analyse herangezogen zu werden.
Im letzten Teil kommt Carter dann endlich zur Sache und gräbt einige Primärtexte aus, die Tolkien beeinflusst und inspiriert haben. Der Mehrwert dieser Entdeckungen ist unterschiedlich. So ist es nicht gerade eine Erleuchtung, herauszufinden, dass „theoden“ (bei Tolkien der König Rohans) das angelsächsische Wort für „Fürst einen Stammes“ ist oder dass „myrkwid“ (engl. „Mirkwood“, dt. „Düsterwald“ – Legolas‘ Heimat) 17-mal in der „Alten Edda“ erwähnt wird. Schon erstaunlicher sind die inhaltlichen Zusammenhänge, wenn er beispielsweise den Sternenfahrer Earendil bis zur „Prosa-Edda“ zurückverfolgt und feststellt, dass die Figur (die ebenfalls Earendil bzw. Orvandel heißt) auch dort mit einem Stern in Verbindung gebracht wird. (Bei Tolkien wird Earendil mit seinem Schiff an den Himmel gesetzt und der Silmaril an seiner Stirn leuchtet den Bewohnern Mittelerdes als Stern der Hoffnung – entspricht dem Morgen- und Abendstern.)
Große Erleuchtungen bleiben bei der Lektüre also aus, was sicherlich dem frühen Entstehungsdatum von „Tolkiens Universum“ geschuldet ist. Wer sich für die Rezeptionsgeschichte Tolkiens interessiert, wird hier sicherlich fündig und kann an Carters Ausführungen ablesen, wie „Der Herr der Ringe“ damals aufgenommen wurde. Wer jedoch wirklich etwas über die Hintergründe des Romans erfahren will, der wird in diesem Buch hauptsächlich im Kreis herumgeführt. Eine Publikation neueren Datums ist da empfehlenswerter und materialreicher.
Die von dem in die USA emigrierten Schweizer Gary Gygax erfundene |Dungeons & Dragons|-Reihe („Verliese und Drachen“) – kurz D&D oder AD&D („advanced“) – darf sich rühmen, das populärste Fantasy-Rollenspiel der Welt und Urvater von Systemen wie dem in Deutschland bekannten DSA („Das Schwarze Auge“) oder Midgard zu sein.
Ein Welterfolg, der wie nicht anders zu erwarten auch auf jede erdenkliche Weise vermarktet wird. Vom ursprünglichen „Pen & Paper“-Rollenspiel wurden neben Zinnfiguren (Ral Partha), Kartenspielen und sonstigen Fanartikeln und Spielideen auch etliche Computerspiele („Pool of Radiance“, „Eye of the Beholder“, „Baldur’s Gate“) mehr oder minder inspiriert.
Auch auf dem Buchmarkt ist die Reihe erfolgreich, die der „Forgotten Realms“ oder deutsch „Die Vergessenen Reiche“ dürfte neben „Dragonlance“ die wohl bekannteste AD&D-Fantasywelt sein.
_Sympathieträger mit Burnout-Syndrom_
Maßgeblichen Anteil an der Popularität dieser Welt und eines ihrer schillerndsten Charaktere, dem Dunkelelfen Drizzt Do’Urden, hatte ihr Autor und Schöpfer, der 1959 geborene Amerikaner R. A. Salvatore. Salvatore hatte mit dem ersten Band der Vergessenen Reiche „The Crystal Shard“ / „Der gesprungene Kristall“ so großen Erfolg, dass er der wohl schillerndsten Figur, dem ganz entgegen der sonst bösartigen Natur seines Volkes „guten“ Drow Drizzt, eine eigene Trilogie, die |Saga vom Dunkelelf|, gewidmet hat.
Der krummsäbelschwingende Dunkelelf und seine Freunde, der Zwerg Bruenor, der Barbar Wulfgar, der Halbling Regis und Catti-brie (eine Menschenfrau – der so genannte Quotenmensch) kämpften sich fortan durch unzählige Abenteuer, bis hin zu dem Punkt, an dem Salvatore ein wenig die Ideen ausgingen. Die kurzweilige Action und Faszination einer gewaltigen, langsam auf gigantische Ausmaße gewachsenen Fantasywelt reichte nicht mehr – was nun?
Nach dem Ende des bösen Pendants von Drizzt, Artemis Entreri, und einigen faszinierenden Ausflügen in das legendäre Unterreich der Dunkelelfen, hatte Salvatore einige fatale Ideen: Ein bisschen viel Seifenoper, Wulfgar wurde zum Alkoholiker, von Dämonen gefoltert, er verliebte sich in Catti-brie, behandelte sie schlecht, musste über satte vier Bände von seinen Freunden vor sich und der Welt gerettet werden. Nachdem am Ende Drizzt selbst seine Zuneigung zu Catti-brie entdeckte und Wulfgar mit einer neuen Freundin und Familie versorgt und ein Intermezzo auf den Meeren Faerûns beendet worden war, konnte ich nicht anders als den Niedergang der einstmals so geliebten |Swords & Sorcery|-Reihe zu bedauern. Das war es wohl nicht, was die Fans lesen wollten. An die alten Klassiker kamen diese Romane bei weitem nicht mehr heran.
_Ein Neuanfang?_
Während Salvatore über einer Fortsetzung brütete, erschien mit dem „Krieg der Spinnenkönigin“ eine Reihe von Romanen von Jungautoren, die sich so in den Vergessenen Reichen ihre ersten Sporen verdienen durften, wie Richard Lee Byers mit dem ersten Band [„Zersetzung“ 183 in der Dunkelelfen-Metropole Menzoberranzan.
Der Altmeister selbst legt eine neue Trilogie vor, die bezeichnenderweise „Die Rückkehr des Dunkelelf“ (US: „The Hunter’s Blades“) heißt und mit den dank der Verfilmung des |Herrn der Ringe| derzeit sehr populären Orks aufwarten kann… sogar gleich mit tausenden davon:
_“Die Invasion der Orks“ / „The Thousand Orcs“_
Drizzt zieht mit seinen Freunden und Bruenor Heldenhammers Zwergensippe heim, nach Mithrilhalle. Alle sind froh über Wulfgar, der sein seelisches Gleichgewicht wiedergefunden hat. König Bruenor plant, auf dem Heimweg die Konkurrenz von Mithrilhalle, die Stadt Mirabar, aufzusuchen und den dort zusammen mit Menschen lebenden Zwergensippen einen Besuch abzustatten, Kontakte zu knüpfen und ein wenig Spionage zu betreiben – denn der Markgraf Elastul ist wegen der wirtschaftlichen Einbußen, die Mirabars Bergwerke und Schmieden wegen der überlegenen Qualität der Waffen und Erze aus Mithrilhalle erleiden, ausgesprochen feindselig gestimmt.
Der Besuch verläuft friedlich, jedoch verursacht er einen Bruch zwischen den seit Jahrhunderten mit den Menschen Mirabars zusammenlebenden Zwergen und dem Markgrafen, der ihnen auf unkluge Weise vorwirft, mehr auf ihre Verwandten aus Mithrilhalle zu achten denn auf die Interessen Mirabars.
Während Drizzt und Bruenor weiterziehen, wird dessen Wunsch, die geheimnisvolle Zwergenfeste Gauntlgrym zu suchen und so der Langweile des Herrschens in Mithrilhalle zu entgehen, auf ihm nicht unliebe Weise von Orks vereitelt:
Eine Schar Orks und Frostriesen hat einen Trupp Zwerge überfallen, und das Menschendorf, in dem die Überlebenden gepflegt wurden, niedergebrannt. Bruenor persönlich zieht mit einer kleinen Truppe Zwerge und seinen kampferprobten Gefährten den Orks entgegen, während er die anderen Zwerge nach Mithrilhalle schickt.
Doch alle haben die Gefahr unterschätzt: Der Ork Obould und die Frostriesin Gerti haben dank der Hilfe abtrünniger Dunkelelfen eine unheilige Allianz gebildet, die ein gewaltiges Heer in Richtung Mirabar entsendet hat. Die Orks überrennen das Dorf, in dem Bruenor sich verschanzt; der alleine hinter den feindlichen Reihen kämpfende Drizzt kommt zu spät und findet nur noch Leichen unter von den Frostriesen geschleuderten Steinen und eingestürzten Gebäuden, hält seine Freunde fälschlicherweise für tot. Während Bruenor verschüttet und abgeschnitten von seinen Zwergen ist und Drizzt ihren Tod betrauert, schickt Markgraf Elastul seine fähige Beraterin Shoudra Sternenglanz zwecks Sabotage nach Mithrilhalle …
_Ein Schritt in die richtige Richtung …_
Besondere Überraschungen und Finessen bietet die Handlung nicht gerade, andererseits zeichnet sich „Die Invasion der Orks“ durch viele der alten Stärken Salvatores aus, die vorhergehenden Bänden leider völlig abgingen.
So hat Salvatore angenehm vielfältige Handlungsebenen miteinander verknüpft, von dem Ork Obould und seinem dümmlichen Sohn Urlgen und ihrem Bündnis mit den Frostriesen bis hin zu den vier Dunkelelfen, die aus verschiedenen Gründen das Unterreich verlassen und Asyl an der Oberfläche suchen mussten, wo es vor allem den in ihrer Heimat von den Drow-Frauen unterdrückten Männern ausgesprochen gut gefällt. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, schon der Prolog, der Überfall auf die kleine Zwergenschar, liest sich sehr angenehm, wie auch spätere Dialoge der Orks recht kurzweilig sind.
|“‚Warum kämpfen wir überhaupt gegen die verdammten Zwerge?‘ wagte ein anderer aus der Gruppe zu fragen. Obould drehte sich um und versetze ihm einen Hieb, der ihn zu Boden warf. So viel zu diesem Diskussionspunkt.“|
Angenehm auch die differenzierte Darstellung des Zusammenlebens der Zwerge und Menschen in Mirabar, bei der mir besonders die gelungene und glaubhafte Darstellung der schönen und klugen Sceptrana Shoudra Sternenglanz, der menschlichen Beraterin Elastuls, gefallen hat. Die Handlung ist kurzweilig, humorvoll und in gewissem Sinne sogar originell, die Dialoge des Markgrafen mit seinem überschätzten Alchemisten, dem Gnom Nanfoodle, sind gut durchdacht und eine gelungene Umsetzung des Klischees des chaotischen Gnomen-Alchemisten, der bei seinen Versuchen, die Qualität des Erzes zu verbessern, vermeintlich große Erfolge erzielt, die sich bei genauerer Betrachtung aber als ganz gewöhnliche Legierungen mit höherwertigen Metallen erweisen …
Salvatore packt aus, was die Vergessenen Reiche an Kulturen, Abenteuern und Rassen zu bieten haben, was mir sehr gut gefallen hat, leider hat sich meine Begeisterung im letzten Drittel merklich gelegt.
Neben zwei Mondelfen und ihren Pegasi konnte er es sich nicht verkneifen, Dick und Doof, pardon, Pikel und Ivan, die lustigen Kameraden des Zwergenklerikers Cadderly, ebenfalls in das Kampfgebiet zu schicken. An beiden scheiden sich die Geister, jedoch hätte ich es begrüßt, wenn stattdessen den bereits vorgestellten neuen Figuren mehr Raum eingeräumt worden wäre, als dieser das Buch unnötig in die Länge ziehende Episode mit den Elfen und den beiden Zwergen. Diesen Platz hätte man auf den Charakter des Markgrafen verwenden können, der nur selten glänzt und oft inkonsistent als dümmlich die Zwerge vergrätzender Tyrann dargestellt wird, was nicht zu der nachvollziehbareren Darstellung seiner klugen Berater wie Agrathan und Shoudra passt, denen Salvatore wohl einen Maulkorb verpassen musste, um ihren Herren unberaten ins Verderben rennen zu lassen.
Unpassend zu dem derben, einfachen Humor ist auch der leidige Versuch, Drizzt und seinen Gefährten tiefere Gefühle verleihen zu wollen. Bei diesem kampflustigen Haufen wirken tiefenpsychologische Erklärungsversuche einfach nur lächerlich, zum Beispiel rettet Wulfgar seine ehemalige Liebe Catti-brie, die nun die Gefährtin von Drizzt ist, wofür Drizzt ihm dankt, was ihn aber beleidigt, weil es unter Gefährten ja selbstverständlich ist und es so wirkt, als wäre das, was er getan hat, mehr, als er von ihm erwarten könne. Inklusive der Befürchtung, Wulfgar könne wieder ein Auge auf Catti-brie werfen … Mit diesen Liebesgeschichten und Wulfgars Alkoholproblemen hat Salvatore einige seiner schlechtesten Romane verbrochen, warum wärmt er diesen alten Käse also noch einmal auf, er stinkt zum Himmel.
_Unterm Strich …_
Nach dem überzeugenden, humorvollen und gelungenen Auftakt enttäuscht das Ende leider sehr, ein Rückfall in bekannte Unarten. So leuchtet es nicht ein, wie fünf Frostriesen Drizzt weit vom Kampfgebiet wegjagen können, hat er doch schon ganz andere Monster mit dem Dönermesser zu Konfetti verarbeitet. Leichtgläubig scheint der Elf auf seine alten Tage auch zu werden – stammt nicht von ihm auch der Spruch, er glaube nicht an den Tod einer Person, solange er nicht ihre Leiche mit eigenen Augen gesehen habe, und selbst dann gäbe es unter Umständen noch Zweifel? Bruenors Helm und ein Haufen Steine überzeugen ihn jedenfalls, dass alle mausetot und erschlagen sind.
Schade, einige hundert Seiten weniger, ein überzeugenderes Ende und der Roman hätte fast wieder an alte Ruhmeszeiten anschließen können. So ist er zwar empfehlenswert, aber auch nur für Fans der Vergessenen Reiche, als Einstieg ist er schon wieder viel zu komplex, trotz der verlockenden „Orks“ im Titel. Auf ganzer Linie überzeugen können jedoch Lektorat und Übersetzung, Regina Winter hat sich bis auf einen kleinen Lapsus (Aegis-fang statt Aegisfang für Wulfgars Hammer) keinerlei Fehler geleistet und den Roman sehr flüssig und gut zu lesen übersetzt, was besonders bei den lebendigen Diskussionen der Orks und des Alchemisten mit Elastul angenehm auffällt.
Trotz der Wermutstropfen ist „Die Invasion der Orks“ ein kurzweiliger, unterhaltsamer Fantasyroman für Rollenspieler. Zwar, wie nicht anders zu erwarten, kein anspruchsvolles Meisterwerk, aber ein Schritt in die richtige Richtung und ein Beweis dafür, das Salvatore nicht umsonst der Altmeister der Vergessenen Reiche ist.
Mit seinem Debüt-Werk „Nebelriss“ liefert Markolf Hoffmann den ersten Teil der phantastischen Trilogie |Zeitalter der Wandlung| ab.
Eine ganze Welt steht vor dem Untergang – oder vielleicht doch nur vor dem Aufbruch in ein neues Zeitalter?
|Gharax| heißt diese Welt, sie umfasst vier Königreiche (Arphat, Candacar, Gyr und Kathyga), ein selbsternanntes Kaiserreich (Sithar) und die Ländereien eines zunehmend unberechenbaren Gildenrates (Troublinien).
Nach Jahren des Friedens sehen sich die Völker Gharax mit einer Gefahr konfrontiert, die nur in den fast vergessenen Legenden der magischen Logen und religiösen Orden Erwähnung findet. |Goldéi| heißen die zweibeinigen echsenartigen Eindringlinge, die ein Königreich nach dem anderen im Handstreich erobern. Die Zauberer und Priester schweigen und glauben in ihrer unermesslichen Arroganz, sie könnten dem Feind entgegentreten und ihn in die Schatten der Legenden zurückdrängen. Nachdem Candacar und Gyr von der Übermacht der Angreifer vernichtend geschlagen sind und der Herrscher von Kathyga vor den goldgeschuppten humanoiden Reptilien sein Haupt gebeugt hat, um seinem Volk ein brutales Massaker zu ersparen, marschieren die Goldéi in Richtung der Grenzen der letzten beiden freien Reiche.
Sithar, dessen naiver und ungesitteter Kaiser Akendor seine Macht an |das Gespann|, zwei machthungrige und intrigante Fürsten des Thronrates, abgegeben hat, war einstmals ein Teil des Königreiches Arphat, bevor es sich im Südkrieg vor 348 Jahren von dessen Herrschaft lossagen konnte. Trotz des tief verwurzelten gegenseitigen Hasses dieser beiden Reiche, wagt es Fürst Baniter Geneder, der ewige Gegenspieler |des Gespanns|, eine Gesandtschaft nach Arphat zu führen, um ein Bündnis mit der grausamen Königin Inthara zu schließen …
In der Kirche Tathrils steht ein Machtwechsel kurz bevor und so erreichen auch hier die Intrigen eine kritische Phase, in der es sich entscheiden wird, welchen Kurs die Priesterschaft in der kommenden Zeit einschlägt. Nhordukael, ein junger Priester und der ergebene Diener des Kirchenoberhaupts, trägt inmitten dieses aufkeimenden Tumults einen Glaubenskrieg in seinem Inneren aus …
An einem anderen Ort wird ein junger Eleve, ein Schüler der Magie, aus der Hand der Goldéi befreit. Laghanos weiß um ihre Pläne, die magischen Quellen, die vor über einem Jahrtausend von dem mächtigen Zauberer Durta Slargin gebändigt und unterworfen wurden, zu befreien. Erreichen die Reptilien ihr Ziel, könnten große Teile der Welt im Chaos der Natur vergehen …
Markolf Hoffmann wurde 1975 in Braunschweig geboren und lebt derzeit als Student der Geschichte und Literaturwissenschaft in Berlin. Schon während seiner Schullaufbahn nahm er an einigen Schreibwettbewerben teil und erhielt sogar den ersten Preis im Literaturwettbewerb des FDA Baden-Württemberg. 1996 absolvierte er sein Abitur und erhielt den Scheffelpreis für hervorragende Leistungen im Fach Deutsch. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit und dem Studium engagiert er sich zudem in Kurzfilmprojekten und war 1998 mit dem Film „Schnittfehler“ (Buch und Regie) im Auswahlprogramm des Internationalen Jugendfilmfestivals |up-and-coming| vertreten. 1999 ging er als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes für ein Jahr nach London. Der Themenschwerpunkt seines Studienaufenthalts war die |Britische Literatur der 90er Jahre|.
Seine ersten Veröffentlichungen erschienen im Jahr 2003 – die Kurzgeschichte „Ein meisterliches Mahl“ in der Anthologie |Tolkiens Geschöpfe| (Heyne) und die Erzählung „In Poseidons Armen“ in der Anthologie |Matrixfeuer| (|Phönix|-Verlag).
Nebelriss – so nennen die Bewohner eine Schlucht am nördlichen Rande des Hochlands, der Grenze zwischen Sithar und Arphat. Alten Legenden zufolge werden in ihr die Wolken geboren, um dann über die Welt zu ziehen und sie mit Regen zu belohnen oder mit Stürmen zu strafen.
Über diese Schlucht führt die alte Brücke von Pryatt Par, die auch Fürst Baniter Geneder beschreiten muss, um seine Gesandtschaft in das verfeindete Königreich Arphat zu führen.
Markolf Hoffmann nimmt den geneigten Leser mit auf eine atemberaubende Reise, in deren Verlauf er mit seiner leidenschaftlich düsteren Erzählweise eine Welt zum Leben erweckt. Viele liebevoll arrangierte Details, die manchmal wie die Requisiten in einer gemütlichen Taverne anmuten, machen den Reiz dieser bis ins Kleinste ausgearbeiteten Welt aus. „Nebelriss“ birgt ein unvergleichliches Erlebnis für alle Freunde phantastischer Literatur. Seine mitreißende Art und die stilistisch eindrucksvolle Sprache bringen ein literarisches Werk zum Vorschein, welches international seinesgleichen sucht.
Dem Autor ist etwas gelungen, was gerade in der phantastischen Literatur leider eine Rarität ist; er hat eine komplexe und vielseitige Geschichte erschaffen, wie sie sonst nur das Leben selbst zu erzählen vermag. Die Protagonisten, wie auch wichtige Nebenfiguren, zeigen auf ihrem Weg neben ihren Stärken ebenso ihre Schattenseiten und der eine oder andere wächst unerwartet über sich selbst hinaus – es gibt keinen schillernden Helden in einer goldenen Rüstung und genauso wenig finden sich schwarze Drachen auf einem Hort aus purem Gold oder menschenfressende Trolle. Hier geht es nicht um den immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse, vielmehr geht es um eine dem Untergang geweihte Welt, in der die einzelnen Personen ihrer Bestimmung nachgehen, um ihren Platz in der neuen Ordnung zu finden. Bei seinen Figuren hat Markolf Hoffmann großen Wert darauf gelegt, dass sie natürlich erscheinen und eine Konsistenz im Denken und Handeln aufweisen. Aus der Sicht des jeweiligen Charakters erscheint sein Streben gut und richtig, auch wenn es für einen anderen bedeuten mag, dass ihm daraus Unannehmlichkeiten erwachsen oder er gar mit dem Rücken an die Wand gedrückt wird. Selbst die unheilbringenden Goldéi, welche danach trachten, eine längst vergangene Ordnung wieder herzustellen, scheinen ein gerechtes Ziel zu verfolgen – natürlich nur aus ihrer Sicht. Auf Grund dieser menschlichen Züge, der Stärken und Schwächen und der teils eigennützigen Zielen fällt es schwer, einen eindeutigen Sympathieträger auszumachen.
Gestattet mir ein paar Worte zum Buch selbst. Das Cover-Artwork ist wahrlich eine gelungene Arbeit von Christopher Vacher, doch auch wenn es die teils bedrückende Atmosphäre der Geschichte malerisch widerzuspiegeln vermag, so habe ich doch meine Schwierigkeiten, es in einen Kontext zum Roman zu bringen – mag sein, dass es einen Teil des Rochenlandes darstellt oder die |Augen von Talanur| im Yanur-Se-Gebirge in Arphat. Auf jeden Fall macht das Buch allein schon wegen des Einbandes auf sich aufmerksam.
Sollte der geneigte Leser und Liebhaber phantastischer Literatur nun allerdings auf die Idee verfallen, das Buch umzudrehen, um sich mittels des Klappentextes einen Einblick in die Geschichte zu verschaffen, so erfährt er eine herbe Enttäuschung, denn die Art und Weise, wie hier versucht wird, dem potenziellen Leser das Buch schmackhaft zu machen, zielt wohl eher auf die falsche Zielgruppe ab. Ganz oben der unnötige und völlig irreführende Vergleich mit J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, direkt gefolgt von ein paar allgemein gehaltenen Phrasen, die eher zu einer |Sword & Sorcery|-Reihe passen. Warum nur, lieber |Heyne|-Verlag, erachtest du das, und dann in dieser Form, als unbedingt erwähnenswert? Ich möchte noch auf ein weiteres Manko hinweisen; ich finde es ziemlich schade und auch ein wenig irritierend, dass von außen nichts darauf hindeutet, dass es sich um den ersten Teil einer Trilogie handelt. Auf der Vorderseite finden nur der Verlag, der Autor und der Titel des Romans – nebst einem Verweis darauf, dass es sich eben um einen Roman handelt – Erwähnung und auch auf dem Buchrücken steht nichts von einer Trilogie. In diesem Zuge sei erwähnt, dass wegen des Verkaufs der Fantasy-Reihe von |Heyne| an den |Piper|-Verlag der zweite Teil dieser Trilogie, „Flammenbucht“, – und hoffentlich auch der abschließende dritte Teil – bei Piper erscheint, und zwar zeitgleich mit der Neuveröffentlichung dieses ersten Bandes im November 2004.
Nun aber wieder zu den erfreulichen Seiten dieses Buches, nämlich den ersten. Dort findet der Leser ein Aufstellung der |dramatis personae|, eine Karte der Welt Gharax und die dazugehörige Legende. Da der Roman ohne ein großartiges Präludium direkt ins Geschehen einsteigt, mag die Erläuterung, wer wohin gehört und welches Amt er dort bekleidet, dem einen oder anderen Leser hilfreich sein; ich persönlich liebe derart komplexe Stories und habe sie, während ich mich von der Welt und den Personen habe entführen lassen, nicht benötigt. Bei der Rezension war sie mir allerdings eine große Hilfe, da ich so ohne größeres Suchen die Schreibweise von Orten und Personen nachschlagen konnte. Meines Erachtens ist diese Idee eine angenehme Bereicherung für das Buch. Die Karte entstammt der Feder von Markolfs Schwester, Hjördis Hoffmann, und erlaubt dem Leser trotz ihrer geringen Größe, den Wegen Baniter Geneders und denen der Goldéi geographisch zu folgen.
Und damit kommen wir auch schon zu einem weiteren, wie ich finde, sehr gelungenen und ungewöhnlichen Leckerbissen, den Markolf Hoffmann seinen Lesern bietet: die [Nebelriss-Homepage,]http://www.nebelriss.de die er eigenhändig pflegt. Neben einem reichhaltigen Angebot an Hintergrundinformationen bietet der Nachwuchsautor seiner Leserschaft eine kostenlose Probe seines Könnens. In der Rubrik „Online-Konzept“ hat er eine kurze Vorgeschichte, „Der Preis des Verrats“, in Form eines Briefwechsels verfasst, mit dem der geneigte Leser einen kleinen Einblick in die Welt Gharax und die Bedrohung durch die Goldéi erlangen kann. Der kathygische König Eshandrom hat seinen Ratgeber Pushindra in das Nachbarreich Candacar entsandt, damit dieser den Gerüchten über eine gesichtete Invasionsflotte goldgeschuppter Echsen auf den Grund gehe. In zehn kurzen Kapiteln, die bereits in den Wochen vor der Veröffentlichung von „Nebelriss“ auf der Homepage präsentiert wurden, wird dieser Briefverkehr wiedergegeben.
Ein ähnliches Konzept ist auch im Vorfeld der Veröffentlichung von „Flammenbucht“ geplant.
Abschließend bleibt mir nur noch, euch einige wunderschöne Leseabende mit „Nebelriss“ bei Kerzenschein und einem guten Glas Wein zu wünschen.

Dort auf Schloss Orison angekommen, traut Terisa ihren Augen nicht: Sie ist im Mittelalter gelandet, Magie gibt es auch – allerdings nur eine einzige Form, die sogenannte Imagomantie. Die Imagomanten Mordants vermögen durch ihre Spiegel fremde Wesen zu erblicken und sie in ihre Welt zu rufen, oder selbst durch den Spiegel an den Ort zu reisen, den sie in ihm sehen.
Stephen R. Donaldson – Der Spiegel ihrer Träume (Mordants Not) weiterlesen

Was hier auf den ersten Blick ausgesprochen absurd wirkt, ist in einer gut vierhundert Jahre in der Zukunft liegenden Wirklichkeit weit weniger anormal, als man zunächst glauben möchte. In der Welt von Richard Morgans Debütroman „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (Originaltitel: „Altered Carbon“, 2002) hat die Menschheit eine nahezu vollständige Kontrolle über Informationen und benutzt dieses Wissen unter anderem dazu, sämtliche Hirn-Inhalte zu extrahieren, zu speichern und bei Bedarf zurückzukopieren – in den meisten Fällen allerdings in einen anderen Menschenkörper. Diese sterblichen Hüllen sind daher auch zu |Sleeves| degradiert, sie werden getragen und gewechselt wie Anzüge, können gemietet, verkauft und eingelagert werden und haben zumeist höchstens nostalgischen und emotionalen Wert für den jeweiligen Träger.
Wiebke Eymess stellt euch „Otherland“ im Rahmen ihres Essays „Fantasy als Flucht und Fluch – Der ultimative Logout“ ausführlich vor.
Im neunzehnten Jahr seiner unverwüstlichen Existenz präsentiert sich |Heynes| „Science Fiction Jahr“ [Der Lektor zuckt geringfügig zusammen.] nicht nur äußerlich im neuen, schmucken Gewand, sondern inhaltlich geordnet. Elf Großkapitel beinhalten die trotzdem meist bekannten Kategorien. Der Auftakt ist freilich spezifisch: Das „SF Jahr 2004“ hat nun einen Themenschwerpunkt und liefert auf mehr als 250 seiner 1047 Seiten einen Abriss der Geschichte eines heiß geliebten und viel geschmähten Genres: der Space Opera.
„Die neue Space Opera“: Nie flogen sie erfolgreicher, die Riesenraumschiffe der Zukunft; sie durchmessen Raum und Zeit und durchqueren galaktische Imperien, deren menschliche oder außerirdische Bewohner von recht gegenwärtigen, aber ins Gigantische übersteigerten Alltagsproblemen umgetrieben werden. Wieso dies einst so gern gelesen ward, eine gewisse Zeit als literarisch (und auch sonst) verwerflich galt und heute wieder ganz im Trend liegt, erläutern uns Fachleute aus dem In- und Ausland mittels einschlägiger Exempel.
So informiert David G. Hartwell über den erstaunlichen Paradigmenwandel, den die Space Opera zwischen ihren primitiven Anfängen und ihrem Aufstieg zur SF-Literatur der Gegenwart erfuhr. John Klute, berühmter SF-Kritiker und inzwischen selbst Autor, verwirrt mit einem wenig aussagekräftigen Artikel, in den sich kräftige Eigenwerbung für sein Werk mischt. Thomas M. Disch präsentiert eine wunderbare Zeitreise in die „Prähistorie“ der Science-Fiction und beleuchtet das Werk der Pioniere Jules Verne und H. G. Wells aus bisher unbekannten Winkeln, wobei sich einige Überraschungen und Neubewertungen ergeben, die u. a. den Franzosen vom Ruch des chronisch kritiklosen Fortschrittsanbeters befreien. Eric Simon arbeitet ein weiteres Kapitel der lange hinter dem Eisernen Vorhang verborgenen „Ost-SF“ auf und präsentiert mit Sergej Snegow den prominentesten (und wohl auch einzigen) Space-Opera-Verfasser der seligen UdSSR.
Natürlich findet daneben die aktuelle Space-Opera-Szene ausführlich Berücksichtigung. Sie wird am Beispiel ihrer derzeit prominentesten Vertreter (Peter F. Hamilton, Dan Simmons, Vernon Vinge, Ken MacLeod, Iain Banks und David Weber) aufgerollt. Dazu gesellt sich (verdient) der wieder in die |Heyne|-Familie aufgenommene (und folglich verstärkt zu vermarktende) deutsche Repräsentant: unser Perry Rhodan, dessen Abenteuer die Themen der modernen Space Opera präziser aufgreifen als das die Kritik einem „Groschenheft- Helden“ zugestehen mochte.
Abgeschlossen wird der „Space Opera“-Komplex durch einen umfangreichen Artikel von Uwe Neuhold, der die Technik der Weltraumspektakel auf ihren Realitätsbezug abklopft. Das schwankt zwischen berechtigter Skepsis (Beamen, Subraum, Zeitmaschine) und der sympathisch naiven Hoffnung auf eine freundliche, an Forschung, Geld oder Wundern reichere Zukunft.
„Bücher und Autoren“: Hier weitet sich die thematische Bandbreite über die „Space Opera“ hinaus und arbeitet einige Kapitel der SF-Historie auf. Michael K. Iwoleit beginnt unter dem Titel „Mythen der nahen Zukunft“ mit einer Betrachtung der „Muster und Quellen im Werk J. G. Ballards“, der seit jeher von der Kritik mehr geschätzt wird als von den Lesern, die von diesem Verfasser intellektuell deutlich stärker gefordert (und belohnt) werden als von (allzu) vielen anderen Vertretern des Genres. Dass auch heute SF- Schriftsteller gibt, deren Werk anspruchsvoll ist, ohne damit das Publikum abzuschrecken, belegt Ralf Reiter in seinem Text „Auf den Schultern von Riesen“ über die Romane von China Miéville, einem neuen Star am SF-Himmel.
Kurios mutet Linus Hausers Erinnerung an eine merkwürdige Episode der Science-Fiction an. „Schweden im Weltall“ befasst sich mit den Zukunftsfantasien des „Jungdeutschen Ordens auf dem Planeten Värnimöki“. Wir erfahren quasi nebenbei, dass sich „völkische“ Tendenzen auch in der doch scheinbar dem Zukünftig-Irrealen verhafteten SF-Szene der frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts feststellen lassen. Gleitend ist der Übergang zu nationalsozialistisch-faschistischem Gedankengut: Es gab (und gibt) eben keine Nischen, die SF eignet sich als Instrument politischer und sozialer Propaganda so gut wie jede andere Sparte der Literatur.
An zwei Pioniere des Phantastischen erinnern Karlheinz Steinmüller und Erik Simon. „Der erste letzte Mensch“ ist ein Werk der ganz frühen Science-Fiction, das anders als Mary Shelleys „Frankenstein“ unverdient in Vergessenheit geriet. Steinmüller geht der Lebensgeschichte seines Verfassers Cousin de Grainville (1746-1805) nach und rekonstruiert den Weg eines Klassikers, der jetzt wieder in deutscher Übersetzung greifbar ist (wo er – da sollte man Realist bleiben – weiterhin ein Nischendasein fristen wird).
Erik Simon lässt Leben und Werk des russischen SF-Autors Igor Moshejkos Revue passieren, der unter dem Pseudonym Kir Bulytschow schrieb. Für den westlichen Leser, der diesseits des „Eisernen Vorhangs“ aufwuchs, sind die spezifischen Schwierigkeiten, mit denen Schriftsteller in einem Regierungssystem zu kämpfen hatten, das auch als „Kulturdiktatur“ bezeichnet werden könnte, schwer oder gar nicht verständlich. Insofern ist Simons Beitrag auch wertvoll als Information, die über die SF hinausgeht.
Gundula Sell schließt dieses Großkapitel des „SF Jahrs“ mit dem Aufsatz „Bücher statt Plüschtiere! Die neue Fantasy im Zeichen der Globalisierung“. Es geht um Harry Potter, Artemis Fowl und weitere Neustars des Genres, das durch pubertäts- und sonstwie realitätsgeplagte Junghelden irgendwie an Wert gewonnen hat, auch wenn der Autorin nicht recht gelingen will, uns zu sagen wie, so dass sie sich im Finale in den Gemeinplatz von der „guten“ Literatur flüchtet, die uns einerseits zum (Nach-)Denken bringt und uns andererseits an „künftige Bruchstellen“ des Alltags bringt. Aha … (Gundula Sell, Ex-Bürgerin der DDR, ist es übrigens auch, die gleich auf zwei Seiten über ihre Befindlichkeit als Konsumgeisel des überheblich-ungastlichen Westens Auskunft gibt, bevor sie mit dem eigentlichen Beitrag anhebt – das „Jahrbuch“ bietet schon immer Raum auch für persönlichen Reminiszenzen.)
Die beiden Interviews des „SF Jahrs 2004“ bleiben dieses Mal deutschen SF-Schaffenden vorbehalten. Andreas Eschbach berichtet anlässlich seines neuen Bestsellers „Der Letzte seiner Art“ von seinem oft turbulenten Alltag als Schriftsteller und seinen Erfahrungen mit Verlagen, Film und Fernsehen. Robert Feldhoff gewährt Einblick in das Räderwerk der größten SF-Serie der Welt: „Perry Rhodan“ hat im 21. Jahrhundert teilweise unauffällige, teilweise gravierende Veränderungen und Überarbeitungen hinter sich, über deren Gründe hier Näheres zu erfahren ist.
Nach der „Fiction“ geht das „Jahrbuch“ nun zur „Science“ über: 1993 erregte Vernor Vinge mit seiner Theorie der „technologischen Singularität“ gewaltiges Aufsehen. Ihre „Geburt“ erfolgt seiner Ansicht nach zu dem Zeitpunkt, an dem die „KI“ (die „Künstliche Intelligenz“) – ein alter, aber allmählich greifbar werdender Traum – das Stadium erreicht, da sie der menschlichen gleichkommt und sie schließlich übertrifft, was auf einen Schlag die bisher bekannten Regeln der menschlichen Entwicklung außer Kraft setzen würde. Vinge zieht nach zehn Jahren Bilanz und kommt zu dem Schluss, dass er eigentlich Recht hatte: Besagten Quantensprung erwartet er weiterhin circa 2030, und er ist guten Mutes, dass die KI der Menschheit einen gewaltigen technologischen und geistigen Fortschritt bescheren wird.
Es fällt auf, dass Vinge sehr „US-amerikanisch“ argumentiert, d. h. in seiner Singularität recht naiv vor allem einen Segen sieht. Sein Landsmann Alex Steffen unternimmt es, den |advocatus diaboli| (oder Spielverderber) zu mimen bzw. gewisse Aspekte anzusprechen, die Vinge einfach ausblendet, weil sie seine Vision beeinträchtigen würden. Unter dem Titel „Was passiert, wenn die Technik den Rahmen sprengt?“ stellt Steffen vor allem die ketzerische, aber überaus kluge Frage, wer denn diese schöne neue Welt bezahlen wird oder kann. Falls die Schere zwischen künstlich erschlauter Elite und armem Pöbel gar zu deutlich klafft, könnte dies die Quelle für einen Klassenkrieg der futuristischen Art werden.
Wolfgang Neuhaus zeichnet in „Eine kurze Zukunftsgeschichte der Technologie“ Leben und Werk des Freeman Dyson nach, dem das seltene Kunststück gelang, als Wissenschaftler „Kultstatus“ à la Einstein oder Hawkins zu erlangen. Neuhaus stellt einen breitfächrig gebildeten, unkonventionellen Denker vor, der sich zurückhaltend Gedanken über die Zukunft der Menschheit in und außerhalb ihrer Welt macht, sich dabei durchaus irrt und bereit ist dies zuzugeben.
Michael K. Iwoleit macht uns mit einer bilderstürmerischen Gruppe von Computerwissenschaftlern bekannt, die das Wesen der Welt entdeckt zu haben glauben: „Das Matrix-Enigma“ ist der etwas boshafte Titel dieses Beitrags. Er spielt auf die gleichnamige Schwurbel-SF-Filmtrilogie an, welche die Welt, in der wir leben, als rechnergenerierte Illusion“entlarvt“. Dem ist tatsächlich so, meinen besagte Forscher: Auch wenn keine durchgeknallten Computerviren die Menschenpuppen tanzen lassen, ist das Universum ihrer Meinung nach ein kosmischer Rechner, dessen Bausteine sich letztlich auf ein Grundelement reduzieren lassen: die Information. Im Verbund bilden diese Informationen die Bestandteile des Universums. Zu denen gehören auch wir Menschen, so dass es sein könnte, dass „Gott“ ein Überwesen ist, in dessen Notebook ein Programm namens „Universum-Simulation“ läuft …
Den längsten Beitrag des „Jahrbuchs“ liefert Rüdiger Vaas mit „Die ferne Zukunft des Lebens im All“. Ein bisschen knapper hätte es auch getan (zumal der Verfasser vor allem eigene Beiträge aus früheren Jahren „recycelt“), aber es braucht zugegebenermaßen Raum, wenn der Autor mit Jahrmillionen, dann Milliarden und schließlich mit Zahlen jongliert, an deren Ziffernschwanz sich ein Elefant Gassi führen ließe. Was geschieht mit der Erde, dem Sonnensystem, dem Universum – und mit uns Menschen? Gehen wir irgendwann mit unserem Heimatplaneten unter? Nehmen wir ihn ins Schlepptau und suchen uns einen neuen Ankerplatz, wenn unsere Sonne dereinst platzt? Oder bauen wir uns einen neuen Stern? Der wissenschaftlichen Fantasie scheint da keine Grenze gesetzt zu sein. Vaas listet übersichtlich die seltsamsten Theorien auf, die vor allem eines beweisen: Der Mensch ist erstaunlicher Denkleistungen fähig, wenn man ihn denn lässt und nicht endgültig durch globalisierte Manager-Dummköpfe und Kosten-Nutzen-Sparschweine ersetzt.
Ebenfalls Rüdiger Vaas schließt das „Science“-Kapitel mit einer kundigen Vorstellung gelungener Wissenschaftsbücher des Jahres 2003 ab. Nun wird es unterhaltsam und multimedial:
„Film“: Aufgelistet und kommentiert werden Kinofilme und TV-Premieren des Jahres 2003, hinzu kommen (Fernseh-)Wiederaufführungen klassischer Lichtspiele – dies sogar doppelt, denn es dürfen sich gleich zwei Spezialisten (bzw. ein Einzelkritiker und ein Kritikerduo) äußern. Sie kommen zu dem leider gut begründbaren Schluss, dass 2003 (nicht nur) dem Freund des phantastischen Films zum Jubel wenig Anlass gab. Lahme Fortsetzungen und missglückte Comic-Adaptionen beherrschten vor allem das auf Instant-Blockbuster fixierte Hollywood, dem entsprechende Flopp-Quittungen an den Kinokassen ausgestellt wurden.
Warum dieses Elend im Jahrbuch gleich zweifach kommentiert wird, bleibt schleierhaft, zumal sich die Kritiker in ihren Urteilen recht einig sind. Doch man ist rasch froh über die Texte von Lutz Gräfe und Jürgen Wimmer, da ihr Kollege Peter M. Gaschler sich offenbar im freien Assoziieren übt und seine Leser mit einer Flut stakkatohafter Satzfragmente zu ertränken droht, in der ponkiehaft nachgedrechselte Wortspielchen treiben. W a s er zu sagen hat, ist ihm offensichtlich weniger wichtig als das W i e – dies mit dem Ergebnis, dass sich wohl primär der Autor selbst an seinem Geistreichtum berauscht haben dürfte.
Das Kapitel „Hörspiel“ listet und wertet die aufs Ohr zielenden phantastischen Beiträge eines SF-Jahres und ist damit dieses Mal rasch fertig, da sich die Zahl der einschlägigen Spiele sowie ihre Qualität in einem beklagenswert überschaubaren Rahmen hält.
„Comic“: Die „Siebte Kunst“ ist bekanntlich aus dem Medium SF nicht wegzudenken. Helmut Kaspar blickt unter dem Titel „Der Weltraumhumorserienwettlauf – ost-west-deutsche Sektion“ auf ein Kapitel Comic-Geschichte zurück, das man in diesem Umfeld nicht erwartet hätte. Aber es gab ihn: Humor in Deutschland-West und Deutschland-Ost, und das sogar im ansonsten auch mit dem Zeichenstift geführten „Kalten Krieg“, der auch im Weltraum erbittert geführt wurde.
„Computer“: Gespielt wurde auch 2003, was die Daumen hergaben. Eine ganze Reihe neuer Games für PC und Konsole/n kamen auf den Markt, die hier jeweils kurz vorgestellt und auf ihren Spielspaß sowie ihre Funktionstüchtigkeit überprüft werden. Kritik kommt dabei nicht zu kurz, auch wenn sich die Auswahl vernünftigerweise auf die besser gelungenen Spiele beschränkt. (Diese lassen sich übrigens in die Kategorien „Ballern“, „Taktieren“ und „Taktieren mit Ballern“ einteilen.) Hinzu kommt dank des Fortschritts immer stärker die kreative Nutzung der Technik, die auch dem Privatmann die Herstellung eigener „Spielfilme“ ermöglicht, welche inhaltlich und formal nicht selten Erstaunliches zu bieten haben.
„Rezensionen“: Aus dem SF-Repertoire deutscher Verlage werden einige für repräsentativ gehaltene Titel ausgewählt und vorgestellt, was den Verfassern Gelegenheit zu ausführlichen Exkursen gibt, die über das jeweilige Buch hinaus sekundärliterarische Einblicke in die aktuelle Science-Fiction-Szene bieten. Besondere Berücksichtigung findet dabei die SF von jenseits des „Eisernen Vorhangs“, deren Geschichte für den westlichen Interessenten noch manchen weißen Flecken ausweist.
Fachkundige Rezensionen liest der SF-Fan gern, entgeht ihm doch in der zunehmend zersplitterten deutschen Verlagswelt leicht der eine oder andere interessante Titel. Das (bekannte) Problem ist dabei: Wie objektiv ist der Rezensent? Er (oder sie) ist es im Grunde nie, was ja auch einen großen Reiz ausmacht. Schlimm wird es, wenn der Kritiker sich an den eigenen Worten berauscht oder gar einen Feldzug für oder gegen ein Einzelwerk, einen Autoren oder ein Genre vom Zaun bricht. So weit kommt es im „SF Jahr“ nicht. Dennoch wirft die Auswahl der besprochenen Titel Ratlosigkeit auf – noch immer scheint didaktisch begründbare Unleserlichkeit als Qualitätsmerkmal zu gelten. Die „großen“ |Heyne|-Titel sind natürlich dabei – so viel Eigenwerbung muss sein, zumal sie begründet ist: Zwar nur mehr selten, aber immer noch bringt |Heyne| richtig gute SF, d. h. keine Simpel-Module breit getretener Endlos-Zyklen heraus.
„Marktberichte“: Die SF-Szene wird jeweils in den Regionen Deutschland, USA und Großbritannien in Zahl, Tabelle (unbedingt Lupe bereit legen!) und Wort vorgestellt. Knapp aber umfassend werden anhand der Aktivitäten der Verlage (Bücher, Hefte, Magazine) die relevanten Marktentwicklungen in 2003 nachgezeichnet, die wichtigsten Autoren und ihre Werke genannt. Weiterhin gibt es einen Ausblick auf kommende Attraktionen (von denen die meisten unübersetzt bleiben werden). Eine Würdigung der im vergangenen SF-Jahr verstorbenen Genre-Schriftsteller schließt jedes der drei Unterkapitel ab.
Den Schlusspunkt des „SF Jahrs 2004“ bildet wie immer die „Bibliografie“ der Anno 2003 im |Heyne|-Verlag erschienenen, der Phantastik zuzurechnenden Titel, geordnet in ihrem ersten Teil nach Reihen und Nummern, im zweiten nach Autoren.
Damit ist es vollbracht; das SF-Feld ist abgeräumt und kann für das kommende Jahr neu bestellt werden. Das „Jahrbuch“ wird uns hoffentlich auch 2005 wieder beschert; man hat sich an dieses segensreiche, weil umfassende, kompetent informierende Monumentalwerk gewöhnt.
Wobei sich dieser Segen freilich leicht in einen Fluch verwandeln kann. In dem Bestreben, noch den letzten Genrebrocken zu erhaschen, verwandelt sich das „SF Jahr“ mehr und mehr in eine kommentierte Mega-Statistik. Muss denn wirklich jedes halbwegs der Phantastik zuschlagbare Werk vorgestellt werden? Wen interessiert das außer den fanatischen Komplettisten? Wären denn nicht aussagekräftige Beispiele nützlicher, denen – soll’s denn unbedingt vollständig sein – eine kurze Aufstellung der übrigen Titel folgt? Sind nicht Analysen des Gesamtbildes dem Leser wertvoller? Jetzt muss er es sich aus vielen Einzelstücken selbst zusammensetzen. Na gut, wir Deutsche gelten ja als Detailfanatiker, so dass sich diese Fragen womöglich als ketzerisch von selbst erledigen …
Wohlgemerkt: Diese Kritik zielt nicht auf die Themenwahl. Die ist ohnehin ein Angebot der Herausgeber, über das der Leser sich freuen oder unzufrieden sein kann. Allen kann man es bekanntlich niemals Recht machen. Es ist auch gar nicht nötig; jede/r wird Artikel von Interesse finden. Die übrigen lassen sich überspringen.
Isaac Asimov (1920-1992) hat in seiner langen SF-Karriere ab 1939 neben vielen Romanen – die immer noch bekanntesten und beliebtesten entstammen dem 1951 gestarteten |Foundation|-Zyklus – naturgemäß auch zahllose kürzere Erzählungen veröffentlicht, viele davon gerade in seiner frühen Phase für das Pulp-Magazin |Amazing Stories| seines Entdeckers und Förderers John W. Campbell. Die Behauptung, bei der hier vorliegenden Sammlung handle es sich um das Beste, was der SF-Pionier im Story-Bereich geschaffen hat, darf aber gleich aus mehreren Gründen nicht ganz so ernst genommen werden. Zum einen stammt „The Best of Isaac Asimov“ im Original bereits aus dem Jahr 1973 und wurde 1983 bei Bastei-Lübbe auch schon mit der Bandnummer 24113 veröffentlicht. Und auch wenn der Autor seine Glanzzeit und besonders auf dem Kurzgeschichtensektor produktivste Phase in den vierziger und fünfziger Jahren hatte, werden damit die fast 20 letzten Jahre seines Schreibens schlicht unterschlagen. Was hier ebenfalls fehlt, sind seine Robotergeschichten. Die wurden zwar an anderer Stelle oft genug veröffentlicht, doch dies trifft für einen Großteil der hier versammelten Storys ebenfalls zu, zählt also nicht als Entschuldigung. Gerade die Robotergeschichten sind nun einmal ein wesentlicher Bestandteil des Asimov’schen Schaffens. Dies wird dieser Tage gerade durch eine auf diesem Werk basierende Verfilmung namens „I, Robot“ gezeigt. Die Zusammenstellung besorgte Asimov übrigens auch nicht selbst, sondern ein namentlich ungenannter Herausgeber, so dass man über die getroffene Auswahl durchaus geteilter Meinung sein kann. Asimov gibt das im Vorwort in ungewohnt bescheidener Manier zu und schreibt, eigentlich solle das Buch besser den Titel „Die recht guten und recht typischen Geschichten Isaac Asimovs“ tragen – so viel dazu.
Höhepunkt der zwölf Storys ist „Und Finsternis wird kommen…“ (Nightfall) aus dem Jahr 1941, eine Geschichte, welcher der Autor ob ihres enormen Erfolgs recht hilflos gegenübersteht und von der er selbst erklärt, sie sei nicht seine persönliche Favoritin. Der SF-Leser an sich widerspricht dieser Meinung gern und häufig, immer wieder wird „Und Finsternis wird kommen…“ unter den beliebtesten Kurzgeschichten aller Zeiten genannt. Der Reiz dieser faszinierenden Story liegt vor allem in ihrem beeindruckenden Szenario: Der ungewöhnliche Plot – die Welt Lagash wird nur in großen Abständen mit völliger Dunkelheit konfrontiert, da ansonsten immer eine der Sonnen am Himmel steht, was in unschöner Regelmäßigkeit die Zivilisation in völligem Wahnsinn zerbrechen lässt und sie auslöscht – hat sicherlich den Löwenanteil am hohen Beliebtheitsgrad. Stilistisch ist Asimov in dieser frühen Phase sicher nicht völlig ausgereift, sondern noch sehr den |Pulps| verhaftet. Das heißt keineswegs schwach, eher einfach, fast naiv gehalten, aber auch in der relativ nüchternen Manier durchaus ansprechend. Die Charaktere dürften zweifelsfrei noch schärfer gezeichnet sein. Erst Robert Silverbergs Romanfassung, deutsch als „Einbruch der Nacht“ bei |Heyne| erschienen, hilft dem Manko der etwas wissenschaftlich-sterilen Protagonisten dann ab. Die Original-Geschichte zählt aber allein wegen der ungewöhnlichen Idee, von der sie lebt, verdientermaßen zu den Klassikern der SF der vierziger Jahre.
Die erste verkaufte Story des Autors, „Havarie vor Vesta“ (Marooned off Vesta, 1939), kann besonders durch die Plausibiltät gefallen, mit der sich die havarierten Raumfahrer an Bord der Silver Queen aus ihrer scheinbar aussichtslosen Lage retten. Ein früher Verweis auf Asimovs spätere Ausflüge ins Krimigenre? Sprachlich ist das Debüt ebenfalls sehr einfach gehalten, auch hier lebt die Geschichte mehr von der Idee. Genau zwanzig Jahre später wurde dann „Jahresfeier“ (Anniversary) geschrieben, das die Charaktere der Geretteten noch einmal aufgreift und schließlich gemeinsam mit „Havarie vor Vesta“ in |Amazing Stories| abgedruckt wurde, eben um den Geburtstag der ersten Story Asimovs gebührend zu feiern. Mehr Krimi als SF, ist diese Geschichte die wohl schwächste der hier vertretenen, da die Lösung des Falls den Leser hilflos zurücklässt und ihm kaum eine Chance bietet, wenigstens mitzuraten, wer denn nun der Täter war.
Der gereiftere Asimov begegnet dem Leser in der erstmals 1972 veröffentlichten Story „Spiegelbild“ (The Mirror Image), die auch ein Wiedersehen mit dem Detektiv Elijah Baley und dem Roboter R. Daneel Olivaw aus den frühen Romanen „Die Stahlhöhlen“ (The Caves of Steel) und „Die nackte Sonne“ (The Naked Sun) parat hält, die später in der |Foundation|-Fortschreibung auch wieder auftauchen. Zwei Wissenschaftler beschuldigen sich darin gegenseitig des geistigen Diebstahls. Baley droht an dem Fall zu verzweifeln, kann ihn dann aber dank seiner eigenen Logik – die den Roboter verblüfft – doch aufklären. Ein weiterer Kriminalfall wird in „Das Nullfeld“ (The Billard Ball) gelöst. Hier steht allerdings nicht die Frage nach dem Täter im Raum, sondern die Überlegung, ob Zufall oder Absicht die Tat lenkten und wie sie überhaupt möglich war. Eine reizvolle Story.
„Geschichte eines Helden“ (C-Chute), ursprünglich in |Galaxy| veröffentlicht, hat dann mehr von einer typischen SF-Story der frühen fünfziger Jahre. Während eines Kriegs zwischen Menschen und den Kloros, einer Insektenrasse, wird die Besatzung eines irdischen Raumschiffs gefangen genommen. Ausgerechnet der unscheinbare Buchhalter Randolph Mullen avanciert unter den Gefangenen zum Helden und findet einen Weg zur Flucht. Flott zu lesen, recht farbige Charaktere und damit eine der besseren Storys des Buchs. „Das Chronoskop“ (The Dead Past) kann ebenfalls durch die starken Charaktere, die in vielen Nuancen geschildert und so lebendig werden, überzeugen. Die weiteren Storys: „Die Verschwender vom Mars“ (The Martian Way), „Die in der Tiefe“ (The Deep), „Der Spaß, den sie hatten“ (The Fun They Had), „Wenn die Sterne verlöschen“ (The Last Question) sowie „Die schwindende Nacht“ (The Dying Night).
Alles in allem eine gute Zusammenstellung typischer Asimov-Geschichten, nicht das Beste, aber doch mehr Gutes als Schlechtes.
_Armin Rößler_ © 2001
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Seit den Romanen von Jean M. Auel um ihre Urzeit-Heldin „Ayla“ sind Bücher über die Frühgeschichte der Menschheit nicht mehr aus den Regalen wegzudenken. Ob für Erwachsene oder Kinder – es scheint die Autoren zu faszinieren, 40.000 oder gar 200.000 Jahre in die Vergangenheit zu gehen und sich das Leben damaliger Menschen (oder Menschenvorfahren) vorzustellen. So geht es auch dem Engländer Peter Dickinson. Seine Geschichten um die „Kinder des Mondfalken“ erschienen in Deutschland bereits als Buch für Kinder und Jugendliche bei |Carlsen|. Für die Taschenbuchausgabe hat man die beiden ersten Bände in einen zusammengefasst.
Der Stamm der Mondfalken ist überfallen und in eine viel unwirtlichere Gegend vertrieben worden. Die Überlebenden wollen beim Marsch durch die Wüste die Kleinsten und Schwächsten zurücklassen, aber der Junge Suth, der auf der Schwelle zum Erwachsensein steht, und das Mädchen Noli, das immer wieder Visionen hat, lassen das nicht zu. Sie trennen sich vom Stamm und retten die Kinder. Auf sich allein gestellt, versuchen sie zu überleben, was nicht immer leicht ist.
Dann aber finden sie Aufnahme bei einem anderen Stamm. Suth begreift nach und nach, dass sie seine Gruppe dabehalten wollen, um das Blut des Stammes, in dem immer mehr missgebildete Kinder geboren werden, aufzufrischen. Er versucht das zu verhindern, doch selbst Noli scheint von der Magie der Anführerin des Stammes gefangen. Dann zwingt ein Vulkanausbruch die Kinder des Mondfalken zu einer Entscheidung. Sie kommen nur knapp mit ihrem Leben davon und finden in einem anderen Tal Zuflucht, wo Humanoide leben, die sie bisher nicht als Menschen betrachtet haben. Jetzt müssen sie lernen, ihre Vorurteile zu vergessen, damit auch sie hier eine Heimat finden können …
In einer bewusst einfachen Sprache schildert Peter Dickinson die Erlebnisse der Frühmenschenkinder erst aus der Sicht von Suth, dann von Noli. Jedes Kapitel wird von einer sogenannten „Ursage“ begleitet, die das Selbstverständnis und die Vorstellungswelt der jungen Helden und die Gründe für ihr Handeln plausibler macht. Er bringt dem Leser auf höchst lebendige Weise den Alltag, die Sorgen, Nöte aber auch Freuden der Kinder näher, ohne dabei belehrend oder wissenschaftlich zu werden, wenn auch der versteckte Appell an Toleranz und Offenheit nicht fehlen darf. Aber genau diese Dinge werden wohl auch in der Urzeit ein friedliches Miteinander zwischen sich fremden Stämmen und Volksgruppen ermöglicht haben, wenn genug Nahrung da war. Die Kinder sind lebendig geschildert, machen Fehler oder reagieren instinktiv richtig. Sie akzeptieren Dinge, die sind, und lassen auch das Neue zu.
Phantastische Elemente tauchen im Roman eher selten auf, meistens wenn Noli von dem Geist ihres Stammestotems berührt wird und seine Botschaften empfängt, woraufhin der Stamm in eine neue Richtung gelenkt wird.
Die Abenteuer sind klein und meistens alltäglich, wenn man einmal von dem Kampf gegen einen bedrohlichen Löwen absieht. Aber darauf kommt es auch nicht an, da Spannung anders erzeugt wird. Dennoch sollten all jene, die mit als Kinderbücher konzipierten Urzeit-Romanen, nicht viel anfangen können, ihre Finger von dem Roman lassen.
Wer eher ruhige Geschichten mit Mythen und einfachen Abenteuern mag, in dem die Figuren im Vordergrund stehen, wird an den „Kindern des Mondfalken“ seine Freude haben.
_Christel Scheja_ © 2004
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Der Tinnitus ist ein beständiges, subjektives Geräusch im Ohr, welches man nicht unterdrücken oder abstellen kann. Ähnlich den Menschen mit dieser Krankheit ergeht es den Telepathen in Hel Frieds Roman. Jeder Mensch mit diesem Talent nimmt beständig ein Signal wahr, welches ihn unwiderstehlich zu einem bestimmten Ort zieht. Leider leben die Telepathen nicht in einer modernen Welt, sondern in einem postapokalyptischen Mittelalter und werden dort als Dämonen betrachtet, weswegen sie gnadenlos verfolgt und getötet werden.
200 Jahre nach der großen Katastrophe macht sich der Telepath Kramsky auf, den Ursprung des Geräuschs zu finden, um, wenn möglich, das Geräusch zu beseitigen, damit andere Telepathen nicht mehr von diesem Zwang erfüllt sind und ein freieres Leben führen können. Auf seinem Weg begegnet er anderen Personen, die entweder selbst Telepathen sind oder damit beschäftigt sind, Telepathen zu töten.
Hel Fried nimmt sich viel Zeit, seinen Hauptakteur darzustellen, seine Beweggründe aufzuzeigen und seinen Hintergrund zu erläutern. Ebenso nimmt er sich die Zeit, andere Personen gründlich einzuführen, bevor er sie oft sehr schlagartig wieder sterben lässt. Dass dabei die Akteure streckenweise dennoch flach bleiben, ist etwas schade. Besonders fällt dies bei Lazarus auf, der durch seine reine Übermenschlichkeit uninteressant wird, obwohl seine Geschichte anfänglich doch neugierig macht.
Dem Autor gelingt es dabei, alle Handlungsbögen wieder zu spannen und jeden Akteur, den er eingeführt hat, am Ende ans Ziel oder in den Tod zu führen (selbst bei Charakteren, die man bereits vergessen hatte). Dabei schöpft er aus einer Fülle von Ideen. Und hier liegt eine der größten Stärken und auch gleichzeitig Schwächen des Buches. Man bekommt zum Ende des Buches hin den Eindruck, als hätte Hel Fried versucht, 90 Prozent aller gängigen Themenkomplexe der Science-Fiction-Literatur in einem Buch unterzubringen. Geheimnisvolle Herkünfte und Mutationen sind nicht nur auf eine Art entstanden, sondern auf gleich drei verschiedene. Außerirdische tauchen auf, eine unheilbare Krankheit, Gentechnologie, Strahlung etc. Und am Ende ist der Ursprung des Ganzen doch in einer einzigen Ursache zu finden. Einen Hintergrund, den man als Leser hinnehmen oder woran man sich stören kann. Eine komplexe Hintergrundgeschichte mit vielen Akteuren, Einflüssen und Wendungen, die am Ende doch nur auf einem Umstand basieren. Der Autor läuft in solchen Fällen Gefahr, des Verdachts des |deus ex machina| ausgesetzt zu sein. So ist die Auflösung am Ende auch unbefriedigend und für meinen Geschmack zu plötzlich. Doch über das etwas abrupte Ende wird man schließlich auch mit dem letzten, nur eine halbe Seite langen Kapitel ein wenig hinweggetröstet.
Alles in allem hat die Lektüre von „Tinnitus“ Freude bereitet, nachdem ich über das erste Kapitel hinweg war, welches mich anfänglich befürchten ließ, dass die Vita des Autors interessanter sein könnte als der Roman. Hel Fried könnte vielleicht ein großer SF-Autor werden, wenn er sich ein wenig mehr Zeit für seine Ideen nehmen würde. Für den kleinen |Eldur|-Verlag ist „Tinnitus“ ein Roman, mit dem er sich durchaus nicht hinter den Großen der Branche verstecken muss. Für den Leser bleibt am Ende auf jeden Fall das Gefühl, einigen interessanten Ideen und Charakteren begegnet zu sein.
[_Kolvar_]http://www.orfinlir.de/
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Mitte unseres 21. Jahrhunderts beschließen die Staaten der Erde, den Mars zu erkunden. Terra-Forming ist explizit ausgeschlossen, die Expedition soll ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken dienen. Diese Vorgehensweise wird in Analogie zur Erforschung der Antarktis auf der Erde „Weißer Mars“ genannt.
Schwerpunkt der Wissenschaftsarbeit ist die Elementarteilchenforschung, da auf dem Mars keine Störungen der sensiblen Messapparaturen durch elektromagnetische Felder, Erschütterungen durch Verkehr und Bauwesen etc. erwartet werden. Durch den endgültigen Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems auf der Erde entsteht eine neue Situation für die Wissenschaftler auf dem Mars: Sie sind zwar noch kommunikationstechnisch mit der Erde verbunden, können jedoch von dort keinerlei Hilfe mehr erwarten. Um ihr Leben für eine nicht planbare Zeit auf dem Mars zu sichern und zu organisieren, beginnen sie mit dem Aufbau und der Neuorganisation ihres Zusammenlebens. Damit sind wir beim eigentlichen Inhalt des Romans: Aufbau einer utopischen Gesellschaft.
Der Roman ist beileibe keine Unterhaltungsliteratur, es ist vielmehr ein utopischer Roman mit SF-Elementen. Die beiden Autoren verstehen es sehr gut, die spärlichen Handlungselemente mit den eigentlichen Themen des Romans zu verweben. Die Geschichte der Mars-Wissenschaftler wird aus der Perspektive zweier Ich-Erzähler, die Expeditionsteilnehmer sind, geschildert. Der vorliegende Roman ist in Form eines Berichts verfasst, wobei die Schilderungen von Tom Jeffries, dem geistigen Vater der utopischen Gesellschaft, und von Cang Hais, seiner Adoptivtochter, abwechseln. Diese Arbeitsteilung scheint auch vom Autorenteam Aldiss/Penrose praktiziert worden zu sein. Während Aldiss dem SF-Leser ein Begriff sein dürfte, ist die Zusammenarbeit mit einem bedeutenden Physiker unserer Zeit für einen SF-Roman eine eher seltene und daher auch interessante Angelegenheit. Sir Roger Penrose ist eine Autorität auf dem Gebiet der Quantenphysik, lehrt in Großbritannien und den USA und ist u. a. auch für seine Zusammenarbeit mit dem berühmten Physiker Stephen W. Hawking bekannt. Ein zweites Gebiet dieses Wissenschaftlers und Autors ist das der Bewusstseinsforschung. Beide Wissenschaftszweige werden vortrefflich in die Handlung des Romans integriert. Die im Roman handelnden Expeditionsteilnehmer vertreten die jeweiligen Disziplinen; Namensähnlichkeiten mit Köpfen der heutigen Wissenschaften fallen auf. Einige wenige äußere Handlungselemente werden von den Expeditionsteilnehmern in vielen öffentlichen Diskussionen, die auch zur Erde übermittelt werden, behandelt. So nährt zum Beispiel die Entdeckung von Wasserreservoirs das Wiederaufkommen der Terraforming-Befürworter. Die Entdeckung einer völlig fremdartigen Lebensform auf dem Mars veranlasst die Wissenschaftler, Theorien über den Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Materie zu überdenken und strittig zu diskutieren. Ein weiteres Beispiel ist die Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Grundlagenforschung. Hier werden immer wieder nach bestem demokratischen Vorbild Wissenschaftler ins Rennen geschickt, die in öffentlicher Rede vor den 6000 Mars-Gestrandeten erklären müssen, warum weiterhin Ressourcen in die Fertigstellung eines Elementarteilchenbeschleunigers gesteckt werden müssen, anstatt sich um den Ausbau der medizinischen Versorgung oder kulturelle Dinge zu kümmern. Eine Diskussion, die Sir Roger Penrose mit Sicherheit nicht erst für den Roman erfinden musste.
Diese und andere strittige Themen sind eng verwoben mit der gesellschaftlichen bzw. politischen Handlungsebene des Romans. Der geistige Vater der Utopisten hat das erklärte Ziel, „uns selbst und unsere Gesellschaft neu zu erschaffen.“ In den Wortbeiträgen der diskutierenden „Robinsons“, wie sich die Mars-Gestrandeten selbst manchmal nennen, werden immer wieder bedeutende Philosophen, Religionsführer und Sozialwissenschaftler zitiert. Häufig werden diese Bezüge auch in einer Fußnote näher erläutert. Eine Kernthese dieser Handlungsebene stellt Tom Jeffries in den Raum: Die Ursachen der gesellschaftlichen Misere auf der Erde teilt er in fünf Kategorien auf. Stellvertretend für die Entwicklung seiner Thesen beispielhaft einige der dort behandelten Stichworte: Verbrechen, Erziehung, Abtreibung, Sex, Fortschrittsglaube, Ernährung, Ausbeutung der Natur, Konsumdenken, Hunger. An dieser Stelle sei an den treffenden Titel der Originalausgabe „White Mars or: The Mind Set Free“ erinnert, der dem Roman eher gerecht wird als die Wahl des Verlags oder Übersetzers.
Im Anhang des Buches findet sich ein 15-seitiges Interview des Übersetzers mit dem Autor Brian W. Aldiss. Sehr interessant zu lesen, nicht zuletzt wegen der Gegenüberstellung Wissenschaft und SF (siehe hierzu auch Stephen W. Hawking in „The Physics of Star Trek“, Lawrence M. Krauss).
Die Elemente und Handlungsebenen des Romans sind in ihrer Zusammenstellung mit Sicherheit einmalig. Allein das macht das Buch lesenswert. Der Hardcore-SF-Fan wird sich vielleicht durch einige Längen der Marke „Elementarteilchenphysik“ durchkämpfen oder auch bestimmte vordergründige Ungereimtheiten übersehen müssen. (Wie versorgen sich 6000 Menschen ohne jede Lieferung von der Erde über Jahre hinweg?) Dennoch: In den Kapiteln, wo SF anstelle des utopischen Romans in den Vordergrund tritt, kann man ohne Übertreibung von Science-Fiction in der ureigensten Bedeutung des Worts sprechen.
_Christel Scheja_ © 2002
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Der deutsche Titel ist Quatsch.
Im Original heißt das Buch „Dragonstar“, und das trifft es – erstens wird in dem Buch kein Drache getötet (im Gegenteil!), und zweitens spielt der |Drachenstern|, ein Komet, der alle tausend Jahre erscheint, eine wichtige Rolle. Er verstärkt nämlich die Kräfte der Dämonen, die sich seit drei Bänden im Königreich von Bel mit Ihresgleichen, aber auch mit Menschen und Gnomen um die Macht schlagen. Wenn man also partout zwecks Reklame titelmäßig etwas metzeln musste, hätte das Werk „Dämonentöter“ heißen sollen – gegen die geht es nämlich. Dass der Text auf dem Backcover auch nicht in allen Punkten stimmt, wird keinen wundern; und wen kümmert’s, wenn das Buch nur gut ist.
Aber ist es gut? – Hm. Schon meine Kollegen Martin und Wilko bemerkten in ihren Rezensionen, dass sich Hamblys Fantasy-Bücher streckenweise etwas langatmig lesen, was hier auch zutrifft. Das eigentliche Problem jedoch: „Drachentöter“ bildet den Abschluss eines vierbändigen Zyklus, und man sollte mindestens die zwei vorangegangenen Teile intus haben, um in diesen hier gut einsteigen zu können. Bastei gibt zu Anfang zwar eine Zusammenfassung von „Der schwarze Drache“, „Die dunkle Brut“ und „Der Sternendrache“, aber es haut einem da so die Namen von Menschen, Dämonen, Drachen und Dingen um die Ohren, dass man öfter mal „Wie jetzt??“ fragt.
Es geht, wie schon gesagt, um eine Invasion dieser Irgendwowelt durch Dämonen, die in Teil Zwei begann und immer noch andauert. Menschen werden zuhauf von ihnen „übernommen“, aber ihre bevorzugte Beute sind Drachen und Magier; etliche Figuren des vorliegenden Buches hatten bereits das Vergnügen, für die Höllensprösslinge den Wirt zu machen. Im Zuge solcher und anderer Katastrophen wurden die Magierin Jenny Waynest, ihr Mann John Aversin (Drachentöter, Dämonenüberlister, Than der Winterlande) und ihr Sohn Ian (auch ein Magier) voneinander getrennt; Jenny und Ian haben immer noch an den Folgen der dämonischen Symbiose zu tragen. Abgesehen davon wurde Jenny im Reich der Gnome durch einen Giftpfeil verwundet und John soll wegen Paktierens mit Dämonen auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Genügend Ansätze für eine spannende Handlung also, aber die ständigen Rückblicke der Figuren machen das Buch zähflüssig, zumal der unkundige Leser immer wieder ins Vorwort blättert, um zu erfahren, wer zum Geier nun schon wieder dieser Dämon ist und welcher gegen welchen kämpft. Die Höllengeschöpfe stehen untereinander im Verbündeten- und Lehnsverhältnis, wollen sich aber gleichzeitig permanent übers Ohr hauen – das macht die Sache nicht einfacher. Irritierend wirkt anfangs auch die Bezeichnung von Johns Verbündeten-Feindin Aohila als „Dämonenkönigin“; man denkt glatt, sie herrscht über alle anderen ihrer Spezies, was aber falsch ist – sie beherrscht nur ihre eigene Hölle (es gibt deren unzählige) und ist durch die wahren Bösen auch gefährdet.
Ungefähr ab Seite 160 entwickelt sich eine leidlich durchschaubare und spannende Handlung, denn man hat sich jetzt eingelesen und kennt die meisten Zusammenhänge, außerdem schildert Hambly den Kampf der Menschen gegen die Dämonen flüssig und zielstrebig. Endlich sind die Fronten klar; später werden sie wieder unklarer. Gelegentlich fragt man sich, wieso das übermächtige Böse so (relativ) einfach besiegt werden kann; und die finale Kampfszene musste ich zweimal lesen, um Johns genialen Plan zu begreifen – aber auch dann überzeugte er mich nicht so ganz.
Interessant ist das Konzept der Parallelwelten, das Hambly entwickelt. Eine davon erinnert sehr an die dystopische Erde eines nicht allzu fernen Jahrhunderts, leider lernt man sie nur in Rückblenden kennen. Wer darüber mehr wissen möchte, muss „Der Sternendrache“ lesen. Ungeklärt bleibt das Rätsel der Drachenschatten (Morkeleb, der schwarze Drache, der Helfer der Menschen, ist zu einem geworden; angeblich hat er dazu auf den Großteil seiner Magie verzichtet, aber dafür kennt er noch recht viele Zauber). Jedenfalls bieten diese offene Frage und das magische Potenzial, das in Ian schlummert, genügend Ansätze für eine Fortsetzung; ob sie allerdings sein muss, wage ich in Frage zu stellen – so brillant ist dieses Buch hier nun auch wieder nicht.
_Peter Schünemann_ © 2004
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Dalemark-Zyklus
Band 1: „Die Spielleute von Dalemark“
Band 2: „Die heiligen Inseln“
Band3: „Der Fluss der Seelen“
Band 4: „Die Krone von Dalemark“
Im vierten Band des Dalemark-Zyklus „Die Krone von Dalemark“ geht es um die dritte Hauptperson, ein Mädchen namens Maewen. Aber auch die anderen Charaktere, die uns bisher begegnet sind, tauchen hier wieder auf, sodaß alle Vorgeschichten jetzt am selben Punkt zusammengeführt sind.
Mitt ist im Norden angekommen. Aber entgegen seiner Hoffnungen hat er den Ärger mit den Grafen nicht hinter sich. Er soll für die Gräfin von Aberath und den Graf von Hannart ein junges Mädchen beseitigen. Sie heißt Noreth und glaubt, daß der Eine ihr Vater und sie selbst dazu bestimmt ist, Königin von ganz Dalemark zu werden. Mitt ist von diesem Auftrag gar nicht begeistert, doch der Graf und die Gräfin haben Hildy und Ynen in der Hand. Also macht Mitt sich schweren Herzens auf den Weg. Kaum hat er Noreth kennengelernt, da weiß er erst recht, daß er sie weder umbringen will noch kann…
Maewen ist bei ihrem Vater zu Besuch in Karnsburg. Ihr Vater arbeitet im Tannoreth-Palast, einem riesigen Museum. Maewen darf sich dort alles ansehen. Eines Tages trifft sie einen der Museumsangestellten, der gerade ein kostbares Stück aus einer Vitrine nimmt. Weil gleichzeitig sein Funkgerät piepst, bittet er Maewen, es zu ihrem Vater zu bringen. Kaum hat Maewen die Figur berührt, als Nebel sie einhüllt. Maewen findet sich in einer völlig fremden Welt wieder und unter völlig fremden Menschen. Es dauert lange, bis sie merkt, daß sie in der Vergangenheit gelandet ist, und nicht nur das. Unter ihren Begleitern befinden sich ein junger Barde, der eine ganz außergewöhnliche Quidder trägt, ein Mann namens Wend, der genau wie der Museumsangestellte aussieht, und ein junger Bursche, der sie offenbar kennt, und sie weiß nicht woher. Außerdem ist sie auch noch die Anführerin, dabei weiß sie gar nicht, worum es geht. Und zu allem Übel hört sie auch noch eine körperlose Stimme. Maewen fühlt sich gar nicht wohl in ihrer Haut, weiß aber, daß sie nicht umkehren kann, bevor sie – was auch immer – durchgestanden hat…
Diesmal herrschen wieder zwei Erzählstränge vor, der eine aus Sicht von Mitt, der andere aus Sicht von Maewen. Charakterliche Entwicklung tritt bei diesem letzten Band jedoch eher in den Hintergrund. Mitt und Moril sind da schon durch, und Maewen wächst ziemlich schnell in ihre Rolle hinein. So verschiebt sich die Gewichtung ein wenig mehr Richtung Handlung, die zum einen von Politik, zum anderen vom Kampf gegen Kankredin beherrscht wird.
Die Grafen wollen ihre Selbstständigkeit natürlich nur ungern aufgeben. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum der Graf von Hannart und die Gräfin von Aberath Mitt auf Noreth angesetzt haben. Und sie sind ja auch nicht die einzigen Grafen.
Die politischen Zwistigkeiten setzen sich bis in die Gruppe um Maewen fort, die aus Nord- und Südländern besteht. Streit scheint vorprogrammiert. Selbst Wend, der von politischen Angelegenheiten großteils unberührt zu bleiben scheint, hat ganz offensichtlich eine Aversion gegen Mitt. Das macht Maewen zusätzliche Schwierigkeiten.
Die körperlose Stimme, die Maewen zunächst an ihrem Verstand zweifeln läßt, ist eindeutig die eines Unvergänglichen. Obwohl sie Maewen Ratschläge erteilt, fühlt diese sich von ihr eher verunsichert. Sie versucht, so wenig wie möglich allein zu sein, denn die Stimme spricht nur, wenn sie allein ist. Zumindest scheint es so…
Zusätzlich zur bereits bekannten Magie der Quidder und der Unvergänglichen kommen hier noch einige magische Artefakte, die die Abstammung vom Adon, dem letzten König Dalemarks, anzeigen. Diese sind über ganz Norddalemark verstreut, sodaß die Gruppe ständig von einem Ende zum anderen unterwegs ist. Diesmal hätte ich mir zum ersten Mal eine Karte gewünscht, denn hier häufen sich die Ortsnamen und Richtungen doch ziemlich. Leider gibt es keine.
Das Erzähltempo nimmt zum Ende hin etwas zu, erreicht aber nicht den Schwung und die Spannung, die der dritte Band bietet. Auch hier zeigt sich wieder, daß Action zugunsten von Köpfchen eher im Hintergrund steht. Der eigentliche Kampf gegen Kankredin nimmt überraschend wenig Raum ein.
Das letzte Kapitel des Buches ist sehr kurz, man könnte es fast als Epilog bezeichnen, und läßt das Ende letztlich offen. Für eine weitere Fortsetzung? Der vierte Band kam 1993 heraus. Schon ne ganze Weile her. Andererseits lagen zwischen den ersten drei Bänden, die im Abstand von je zwei Jahren entstanden, und dem vierten Band auch vierzehn Jahre Pause.
Insgesamt betrachtet fand ich den Zyklus durchaus gelungen, auch wenn der vierte Band nicht ganz hielt, was ich mir nach dem dritten erhofft hatte. Von kleinen Logikfehlern abgesehen hat Diana Wynne Jones eine interessante Welt erschaffen mit Charakteren, die echt und glaubwürdig wirken, und einem Rahmen, der durch den von der Vergangenheit bis in die Zukunft reichenden Bogen fast epische Ausmaße annimmt. Für Jugendliche mit einem Faible für Fantasy auf jeden Fall zu empfehlen, aber auch für Erwachsene, die es nicht immer hochgradig kompliziert und vielschichtig brauchen.
Diana Wynne Jones lebt mit ihrer Familie in Bristol und gilt als die bedeutendste Jugendbuchautorin Groß-Britanniens. Viele ihrer Bücher erhielten angesehene Preise, u.a. den World Fantasy Award und den Guardian Award, wurden aber nicht alle ins Deutsche übersetzt. Unter anderem schrieb sie „Eine Frage der Balance“, „Einmal Zaubern – Touristenklasse“, und den Kinderbuch-Zyklus Die Welt des Crestomanci, zu dem nächstes Jahr unter dem Titel „Conrad’s Fate“ ein weiterer Band erscheinen soll.
Taschenbuch 510 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-20468-7
Der Autor vergibt: 



Dalemark-Zyklus
Band 1: „Die Spielleute von Dalemark“
Band 2: „Die heiligen Inseln“
Band3: „Der Fluss der Seelen“
„Der Fluß der Seelen“, der dritte Band des Dalemark-Zyklus, fällt ein wenig aus der Reihe. Er erzählt von einer Zeit, die noch vor den Legenden liegt, die Moril und die Barden in ihren Balladen singen.
Tanaqui und ihre Geschwister haben es nicht leicht. Sie wachsen ohne Mutter auf, die Leute im Dorf mögen sie nicht besonders, und dann kommen auch noch Soldaten und holen die Männer des Dorfes in den Krieg gegen die Heiden, die vom Meer heraufdrängen, um dort zu siedeln. Auch Tanaquis Vater und ihr ältester Bruder Gull folgen dem Heer in den Krieg. Der Vater fällt, und als Gull aus dem Krieg zurückkommt, ist er seltsam verändert. Der Onkel, der ihn zurückbringt, meint, das läge daran, daß die Zauberer ihn mit einem Zauber belegt hätten.
Die Dörfler sind inzwischen der Meinung, daß auch Tanaquis Familie zu den heidnischen Zauberern gehöre, weil sie genauso aussehen. Tanaqui und ihre Geschwister fliehen den Strom hinunter. Die Fahrt ist mühselig, führt in feindliches Gebiet, und Gull geht es immer schlechter. Als sie das Meer erreichen ist auch Robin krank. Dort angekommen stellen sie allerdings fest, daß nicht die Heiden ihr eigentlicher Feind sind…
Außergewöhnlich ist an diesem Teil der Geschichte nicht nur, daß er in der fernen Vergangenheit spielt, was sich erst allmählich herauskristallisiert, sondern auch, daß er als einziger der vier in der Ich-Form geschrieben ist. Die Erzählerin ist Tanaqui, das zweitjüngste der Geschwister. Auch Tanaqui selbst fällt ein wenig aus der Rolle, sie ist die einzige, die nicht nach einem Vogel benannt ist.
Obwohl Tanaqui erzählt, liegt das Hauptaugenmerk nicht so eindeutig auf ihr, wie es bei den vorigen Bänden mit Moril und Mitt der Fall war. Die Gewichtung ist eher gleichmäßig auf Tanaqui, ihren zweiten Bruder Hern und den jüngsten Bruder Entchen verteilt. Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, daß an jedem dieser drei etwas Besonderes ist. Das gilt im Grunde auch für Gull und die älteste Schwester Robin, doch durch ihre Krankheiten sind sie nur eingeschränkt oder gar nicht handlungsfähig und deshalb für die Entwicklung der Geschichte weniger ausschlaggebend.
Auch in diesem Buch nimmt die Entwicklung der Charaktere viel Raum ein, wenn auch auf eine etwas andere Art. Hier ist es weniger das Erwachsenwerden, sondern das Hineinwachsen in bestimmte Aufgaben. So stellt sich schon bald heraus, daß Hern derjenige mit der größten Durchsetzungskraft ist, und der kleine Bruder Entchen zeigt spätestens am Seelennetz deutlich seine Anlagen zur Magie. Bei Tanaqui ist die Entwicklung logischerweise am deutlichsten, da sie die Erzählerin ist.
Dreh- und Angelpunkt dieses Bandes sind jedoch die Unvergänglichen. Die Abbilder dreier von ihnen begleiten die Kinder auf ihrer Reise, in deren Verlauf allmählich deutlich wird, wer und was die Unvergänglichen eigentlich sind. Daraus erklären sich im selben Zug auch die besonderen Fähigkeiten der Kinder. Zwangsläufig ist dieser Band derjenige, der am stärksten von Magie geprägt ist. Am deutlichsten zeigt sich diese in Entchens Flötenspiel und Tanaquis Weberei. Tanaqui webt nicht einfach nur irgendeinen Mantel. Indem sie ihre Erlebnisse, Gedanken und Überlegungen hineinwebt, webt sie einen Zaubermantel, ein magisches Artefakt, das durch seine Wirkung beinahe ein Eigenleben besitzt.
Die Beziehung zu den vorigen beiden Bänden war aufgrund des zeitlichen Abstands nicht einfach so in den Text der Erzählung einflechtbar, weshalb die Autorin ihn durch ein Nachwort hergestellt hat. Auch wird an dieser Stelle das Glossar interessant. Nicht alle Informationen, die dort erklärt sind, hat die Autorin im Kontext untergebracht. Verständnisschwierigkeiten ergeben sich deshalb aber nicht.
Der dritte Band war bisher eindeutig der komplexeste. Man kann zwar nicht sagen, daß in Bezug auf die Magie wirklich ins Detail gegangen wurde, doch es begegnen dem Leser gelegentlich Mehrdeutigkeiten – für die ist das Glossar gut – und Überlappungen von sichtbarer und unsichtbarer Welt, die seine Vorgänger nicht hatten. So ist der große Strom viel mehr als einfach nur ein Fluß, genau wie Tanaquis Mantel nicht einfach nur ein Mantel ist.
Er war auch der spannendste bisher. Das Ende ist zwar nicht in dem Sinn offen, denn es gibt ja das Nachwort, doch Tanaquis eigene Erzählung endet vor der letzten, endgültigen Entscheidung. Was nur logisch ist, denn an dieser Stelle ist sie fertig mit Weben.
Abgeschlossen kann man also auch diesen Band nicht wirklich nennen, denn auch ihm würde, wenn man ihn einzeln läse, etwas fehlen, auch wenn die eigentliche Geschichte zuende ist. Das geht schon aus dem Nachwort hervor, das ganz eindeutig einen Bezug herstellt zu den vorangehenden Bänden, und für jemanden, der diese nicht gelesen hat, eine Menge Fragen aufwerfen würde.
Und auch nach drei Bänden aufzuhören, ist nicht drin, denn es fehlt noch der entscheidende letzte Teil, der alle anderen zusammenfügt. Das wäre, wie nach einem Aufstieg von 2000 Metern 500 Meter unter dem Gipfel umzudrehen. Wer bis hierher gelesen hat, kommt um den vierten Band einfach nicht mehr drumrum.
Diana Wynne Jones lebt mit ihrer Familie in Bristol und gilt als die bedeutendste Jugendbuchautorin Groß-Britanniens. Viele ihrer Bücher erhielten angesehene Preise, u.a. den World Fantasy Award und den Guardian Award, wurden aber nicht alle ins Deutsche übersetzt. Unter anderem schrieb sie „Eine Frage der Balance“, „Einmal Zaubern – Touristenklasse“, und den Kinderbuch-Zyklus Die Welt des Crestomanci, zu dem nächstes Jahr unter dem Titel „Conrad’s Fate“ ein weiterer Band erscheinen soll.
Taschenbuch 335 Seiten
ISBN-13: 978-3-404-20463-2
Der Autor vergibt: 




Als der alte König stirbt, verfügt er in einer Prophezeiung, dass das dritte Kind eines seiner Kinder einst herrschen solle auf dem Thron des Landes. Seine drei Kinder sollen sich das Land teilen in drei Gebiete und jedes Kind soll König sein, bis denn dereinst das dritte Kind, ein Sohn, geboren würde. Seine Kinder schworen und glücklich starb der Vater. Die Kinder zogen in ihre Lande und bald war die väterliche Burg verlassen und das Land um sie herum vergessen. Drei neue, starke Königreiche entstanden in dem Gebiet des einstigen Reiches und es verging eine lange Zeit, bis das dritte Kind sich im Bauch regte. Doch die Tochter des alten Königs fürchtete um das Leben des jungen Kindes und flehte die Nebelhexe um Hilfe an. So wurde eine Tochter geboren, doch die Mutter zahlte einen harten Preis für die Hexerei. Der Vater des Kindes war entsetzt. Hatte er doch einen Sohn erwartet, wie es prophezeit war. Verbittert wendet er sich von seinem Kind ab, das stumm in der Wiege liegt. Niemand will für das Töchterchen sorgen und schließlich ist es die alte Spinnenhexe, die im Ostturm haust und das Kind bei sich aufnimmt. Doch während es heranwächst, nimmt der Kampf um die zerteilten Königreiche zu. Jeder will die Macht für sich haben und über das gesamte Gebiet herrschen.
Die Geschichte von Henny Fortuin vereint alle Ingredienzien, die zu einem Märchen dazugehören. Es gibt einen Zwerg, Hexen, Elfen, Könige, Zauberer, Königinnen, einen Kriegsherrn, einen Barden und nebenher noch ein wenig Fußvolk. Dazu noch eine Prophezeiung in den Hexenkessel geworfen und fertig ist das Ganze. Doch ganz so einfach hat es die Autorin sich selbst und uns Lesern nicht gemacht. Ihre Arbeit beginnt schon allein mit dem Stilmittel der unterschiedlichen Erzähler. Aus der Sicht einzelner Protagonisten wird die Geschichte berichtet. Dabei ändern sich der Stil, die Kommentare und auch die Sichtweise entsprechend der erzählenden Figur. Da spricht der Zwerg, der Stimmen im Wind hört. Die Spinnenhexe enthüllt ein paar ihrer Pläne, wenn sie an den Fäden zieht. Die Nebelhexe redet nur unwillig und der Barde übt sich in Selbstdarstellung. Wenn auch die Erzählweise der einen oder anderen Figur nicht leichtgängig ist, so ergibt sich daraus zugleich ein besonderer Reiz. So schweift der Zwerg gerne ab und es dürfte einem Kind nicht leichtfallen, dem Faden zu folgen (das Buch ist ab einem Alter von 12 Jahren vorgeschlagen).
Die Geschichte selbst ist vielschichtig und in mehrer Hinsicht zauberhaft. Henny Fortuin hält sich nicht lange mit Details auf und oft erhalten wir kaum eine Beschreibung der Personen oder Orte der Handlungen. Ganz im Stil der klassischen Märchen überlässt sie es der Phantasie ihrer Leser, die leeren Stellen zu füllen. Und das klappt gut. Denn an wesentlichen Stellen, wo die Phantasie abzuschweifen droht, fängt sie diese wieder durch eine kurze Erläuterung ein und widmet sich zügig erneut der Handlung. Folglich passiert recht viel in dem kleinen Buch, was jugendlichen Lesern sehr entgegen kommen dürfte. Langeweile sollte kaum aufkommen.
Das Buch ist näher an den klassischen Märchen als an der typischen, durch Tolkiens Revival geprägten Fantasy. Hier sind Elfen noch kleine Fieslinge und Zwerge einfach nur magische Geschöpfe. Wer noch ein offenes Auge für die Welt der märchenhafte Wunder hat, der sollte das Buch in die Hand nehmen.
Henny Fortuin, 1954 in Rotterdam geboren, arbeitete nach dem Psychologie-Studium mehrere Jahre als Schulpsychologin, bis sie ihre Lust am Schreiben entdeckte. Nachdem sie zunächst Kurzgeschichten für holländische Zeitungen und Kinderzeitschriften verfasste, schrieb sie ihren ersten Roman. „Das Geheimnis der Spinnenhexe“ ist ihr viertes Buch. |(© CARLSEN Verlag)|
_Jens Peter Kleinau_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|