Die Handlung des vorliegenden Romans führt uns zurück nach Mar Sara, dem Schauplatz des ersten Bandes, „Libertys Kreuzug“ (Jeff Grubb); diesmal jedoch erleben wir die Invasion der Zerg und den Fall des Planeten aus Sicht eines einfachen Marines der Konföderation.
Ardo Melnikov verlor bei einem Angriff der Zerg auf seinen Heimatplaneten Bountiful alles, was ihm etwas bedeutete: die Geliebte, die Eltern, die Heimat. Pures Glück ließ ihn überleben und so kämpft er nun in den Reihen der konföderierten Marines als einfacher Gefreiter gegen jene Aliens, die seine Welt vernichteten. Über Mar Sara erhält seine Kompanie den Auftrag, eine Kiste mit geheimem Inhalt inmitten des Zerg-Territoriums zu bergen und zum nächsten Stützpunkt der eigenen Streitkräfte zu schaffen. Doch von Anfang an läuft alles schief: nicht nur, dass die Bergung des Gegenstandes die Hälfte seiner Einheit das Leben kostet, auch die Konföderation scheint kein Interesse daran zu haben, dass irgendjemand dieses Himmelfahrtskommando überlebt. Dennoch gelingt es einigen Marines, sich in die vermeintliche Sicherheit des Stützpunktes zu retten, nur um festzustellen, dass dieser längst aufgegeben wurde. Von einer geretteten menschlichen Telepathin erfährt Ardo die schreckliche Wahrheit darüber, was die Konföderation ihm, anderen „Soldatenjungen“ und nicht zuletzt der Welt Mara Sara angetan hat, und schließlich steht die Gruppe vor der Entscheidung, auf eigene Faust die Flucht zu wagen oder aber Tausenden von Zivilisten das Leben zu retten.
Tracy Hickman dürfte den meisten Fantasy-Fans als Co-Autor vieler Drachenlanze-Romane (|Goldmann| / |Blanvalet|) und des Death-Gate-Zyklus (in Deutschland unter dem Titel [„Die vergessenen Reiche“ 13 bei |Bastei| erschienen) bekannt sein. Mit „Im Sog der Dunkelheit“ stellt er unter Beweis, dass er nicht nur im Genre (Science-)Fantasy zu Hause ist, sondern durchaus auch als Autor von harter Military-SF zu überzeugen vermag.
Die fast schon klaustrophobische Atmosphäre der Geschichte ist geprägt von Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit angesichts der Verbrechen, die von der Konföderation im Namen der Menschheit begangen werden, und eines gnadenlosen – im wahrsten Sinne des Wortes – unmenschlichen Gegners. Egal ob die Protagonisten überleben oder nicht, sie haben verloren – eine Erkenntnis, die in der Realität auf viele unserer Kriege zutrifft. Und wenn gerade zum Schluss ein deutlicher Pathos in die Geschichte Einzug hält, so ist zu bedenken, dass diese Leidenschaftlichkeit das Einzige ist, was die Helden (Opfer) bis zum eigenen Untergang kämpfen lässt.
Der bedrückenden Atmosphäre folgt in angemessener Weise die Wahl einer streng personalen Erzählperspektive, deren Perspektivfigur Ardo Melnikov ist. Durch seine Augen erleben wir das Grauen des Krieges, sehen und beurteilen die Kameraden; zu keinem Zeitpunkt wissen wir mehr, haben mehr Informationen über die Gesamtsituation als jener unbedeutende Gefreite, und dies lässt uns direkt an seiner Hilflosigkeit teilhaben. Hinzu kommt der besondere Umstand, dass der Marine einer sogenannten Neural-Resozialisation unterzogen wurde, wobei seine echten Erinnerungen durch ein „Erinnerungs-Overlay“ mit falschen, kriegsdienlichen überdeckt wurden. Immer wieder durchstoßen religiöse Visionen die Oberfläche seines konditionierten Verstandes, flüstern ihm die Worte „Du sollst nicht töten“ oder „Friede kommt von innen“ zu, während er mit seinem Sturmgewehr Feinde niedermetzelt, so dass der Leser ob dieser Zerrissenheit ständig zwischen dem Zorn darüber, was ein unmenschliches System seinen „Soldatenjungen“ antut, und Mitleid schwankt.
Auch rein stilistisch gibt es an dem Roman nichts auszusetzen. Hickman bedient sich eines gefälligen, mitreißenden Stils und ist in der Lage, sowohl lebendige Bilder als auch lebendige Dialoge zu entwerfen. Leider ist dieser gute Roman relativ kurz geraten und man ist nur zähneknirschend bereit, ihn als das akzeptieren, was er ist: ein kurzes Intermezzo in einem epischen Konflikt.
Spannend, pathetisch, düster, desillusionierend. Großartige Military-SF nicht nur für StarCraft-Fans.
_Frank Drehmel_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine.de]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|
Horror-Spezialist Derleth sammelt in dieser Anthologie acht Kurzgeschichten, in denen harmlose Zeitgenossen mit brodelndem Wahnsinn und den Bewohnern eher unterirdischer als übernatürlicher Welten konfrontiert werden, was sie selten überleben. Obwohl es heftig zur gruseligen Sache geht, bestechen diese Erzählungen durch Stil, Stimmung oder rabenschwarzen Humor: ein Tipp für die Freunde des ‚kurzen‘ aber kräftigen Horrors.August Derleth (Hg.) – Rendezvous mit dem Würgeengel, Horrorgeschichten weiterlesen →
Mit diesem Hörbuch präsentiert der |Hörbuch Hamburg|-Verlag einen der großen Klassiker aus der Feder Jules Vernes, vorgetragen auf sechs CDs von Rufus Beck.
Der exzentrische englische Gentleman Phileas Fogg ist ein Mann der Gewohnheit. Den Großteil seines perfekt durchorganisierten Tages verbringt er dabei in einem vornehmen englischen Herrenclub Londons, dem Reformclub. Im Herbst des Jahres 1872 beherrscht ein Bankräuber, welcher eine enorme Summe Geld gestohlen hat, die Londoner Tagespresse. Die Mitglieder des Reformclubs debattieren über die Wahrscheinlichkeit, den Dieb zu finden und dingfest zu machen. Foggs meint, man würde den Täter schon finden, da aufgrund der zunehmend besseren Verkehrsbedingungen jeder Ort der Welt schnell zu erreichen sein. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass es möglich sei, die Erde in lediglich achtzig Tagen zu umrunden. Diese Aussage bringt ihm den Spott der anderen Gentlemen ein, sodass Phileas Fogg auf der Stelle 20.000 Pfund – die Hälfte seines Vermögens – wettet und sich fast augenblicklich auf die Reise macht, um den anderen Herren den Beweis seiner These zu liefern. Sein neu eingestellter französischer Diener Passepartout, welcher auf der Suche nach einer ausgeglichenen Tätigkeit war, begleitet ihn auf der abenteuerlichen Reise. Per Eisenbahn, Schiff, Ballon und auf dem Elefantenrücken nehmen die beiden den Wettlauf mit der Zeit auf. Dabei haben sie jede Menge Gefahren zu bestehen, wie die Rettung einer jungen indischen Witwe vor dem Scheiterhaufen.
Die überstürzte Abreise Phileas Foggs in England resultiert jedoch in einer fatalen Konsequenz. Scotland Yard, vor allem der übereifrige Detektiv Fix, vermutet in Fogg den gesuchten Bankräuber. Dieser Verdacht erhält durch den ungewissen Ursprung von Foggs Vermögen weitere Nahrung. Fix macht sich auf den Weg, den vermeintlichen Verbrecher zu stellen.
Der 1873 erschienene Roman von Jules Verne ist ein Vorzeigeexemplar des klassischen Abenteuer- und Reiseromans des 19. Jahrhunderts. Exotische Orte, undurchsichtige Gefahren, moderne und skurrile Beförderungsmittel, dazu eine intelligente, spannende Handlung, welche mit einer Prise Humor gewürzt ist. Daher resultieren auch der anhaltende Erfolg des Buches, auch 130 Jahre nach dem Erscheinungsdatum, und die zahlreichen Verfilmungen und Variationen des Themas, wobei hier lediglich auf den monumentalen Film mit David Niven in der Rolle des Phileas Fogg hingewiesen werden soll. Hierbei ist interessant, dass sich der Blickwinkel im Laufe der Jahrzehnte geändert hat. Bei Erscheinen traf Jules Verne den Nerv der Zeit, die Gesellschaft befand sich in Aufbruchsstimmung und Verne propagierte wie in anderen Werken den unglaublichen technischen Fortschritt. Mit seinem Werk belegte er glaubwürdig, dass eine solche Reise in dieser Rekordzeit tatsächlich möglich sei. Heute muten der Roman und die beschriebenen Technologien natürlich altmodisch an und die Freude an dem Werk liegt zum Teil auch in der ausgestrahlten Nostalgie begründet. Der unumstrittene Glaube an die moderne Technik ist sicherlich heute einem gewissen technologischen Misstrauen gewichen und so denkt man sich bei vielen Abschnitten der Reise von Fogg und seinem treuen Begleiter, wie schön und unberührt die Natur einst war.
Das Hörbuch stellt eine erstklassige Umsetzung des Romans dar, was hauptsächlich an dem Sprecher Rufus Beck liegt. Er schafft es durch die wohlklingende Intonation und seine klare Sprechweise, den Zauber des Buches an den Hörer weiterzugeben. Die verschiedenen Ton- und Stimmlagen passen sowohl zu dem Erzähler als auch zu den zahlreichen unterschiedlichen Charakteren. Die beiden Protagonisten, Phileas Fogg und Passepartout, werden mit all ihren Eigenheiten und Facetten widergegeben. Neben der nasalen, etwas arroganten Sprechweise des Phileas Fogg, eines Upperclass-Gentlemans des 19. Jahrhundert, hat mich besonders der Kontrast zu seinem Diener beeindruckt. Es gelingt Beck nicht nur, den französischen Akzent glaubhaft zu imitieren, sondern auch die liebenswürdige Art des Passepartouts darzustellen. Noch intensiver als beim Lesen des Romans wächst einem dieser einzigartige Butler ans Herz. Das ist wirklich eine außergewöhnliche Leistung. So vergeht die Zeit wie im Flug und schon ist der Hörer am Ende der Geschichte und bei der letzten CD angelangt und würde am liebsten wieder von vorn beginnen.
Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren. Neben H. G. Wells in England und Kurd Laßwitz in Deutschland gilt er häufig als der Hauptbegründer der Science-Fiction-Literatur und ihr einflussreichster Wegbereiter. So beschrieb er viele technische Errungenschaften vor ihrer tatsächlichen Erfindung. Seinem anfänglich absoluten Glauben an den technischen Fortschritt folgte in späteren Jahren eine kritischere Auseinandersetzung mit den sich ergebenden gesellschaftlichen Konsequenzen. Bis zu seinem Tod im Jahre 1905 schrieb Verne über neunzig Romane.
Rufus Beck, Jahrgang 1957, arbeitete als Theater- und Filmschauspieler in den verschiedensten Rollen, bis er ab dem Jahr 2000 durch seine Tätigkeit als Sprecher der Harry-Potter-Bücher zahlreiche Preise erhielt und seither zu den begehrtesten Sprechern für Hörbuchproduktionen zählt.
„Untot in Dallas“ ist bereits das zweite Abenteuer um die telepathisch begabte Kellnerin Sookie Stackhouse aus der Feder von Charlaine Harris. Im Erstling [„Vorübergehend tot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=788 stellte sich die Mittzwanzigerin Sookie aus dem provinziellen Bon Temps als schüchterne, naive Romantikerin vor, die explosionsartig aufblüht, als der Vampir Bill ins Städtchen zieht. Dazu muss man wissen, dass Vampire im Amerika von Charlaine Harris normal und legal sind, also auch ein bürgerliches Leben führen können. Das führt zu Touristenattraktionen wie der Vampirbar im nahe gelegenen Shreveport oder einer so praktischen Erfindung wie synthetischem Blut. Sookie schätzt an ihrem ungewöhnlichen Liebhaber vor allem dessen geistige Funkstille – die Gedanken von Vampiren kann sie nämlich nicht lesen, wie sie erfreut feststellt – und seine sexuelle Unermüdlichkeit. Frau hat schließlich einiges nachzuholen, wenn sie 25 Jahre ohne Sex auskommen musste. Doch mussten Bill und Sookie neben der trauten Zweisamkeit und den wilden Liebesspielen im Whirlpool auch noch einen Kriminalfall lösen, der Sookie fast das Leben gekostet hätte. Doch was einen nicht umbringt …
„Untot in Dallas“ verläuft entlang derselben Linien, die Charlaine Harris im ersten Band gezogen hat. Bill ist immer noch bevorzugt mit Sookies Haarpflege beschäftigt und berät sie mit Leichtigkeit in allen täglichen Fragen des Stils (und das, obwohl er noch nie einen Tanga in seinem natürlichen Lebensraum gesehen hat). Die beiden können nicht voneinander lassen, auch wenn Sookies Bezeichnung, dass sie „fest miteinander gehen“ eher nach Highschool-Romantik klingt denn nach einer heißen Affäre mit einem Untoten. Die hübsche Idylle wird allerdings jäh gestört, als der schwule Koch der Bar ermordet aufgefunden wird, in der Sookie arbeitet. Ziemlich schnell ergibt sich der Verdacht, dass Bon Temps seinen eigenen geheimen Sexclub besitzt, den Lafayette wohl gegen sich aufgebracht hat. Allerdings wird es bis zum Ende des Romans dauern, bis Sookie das Geheimnis um Lafayette und den Sexclub lösen kann, denn Sookie hat seit ihrer Bekanntschaft mit Bill einen neuen Nebenjob.
Bill ist in der internen Hierarchie der Vampire dem Barbesitzer Eric unterstellt. Eric betreibt die Vampirbar in Shreveport und weiß auch um Sookies besonderes Talent. Da Vampire als legale Bürger nur noch schwerlich Verdächtige einfach foltern können, bis sie mit der Wahrheit rausrücken, sind Sookies Fähigkeiten ziemlich gefragt. Und so leiht Eric Sookie nach Dallas aus, wo ein Vampir verschwunden ist. Die restlichen Vampire wollen nun herausfinden, was genau passiert ist und wo sich selbiger Vampir befindet.
Zunächst geht auch alles glatt und die texanischen Vampire scheinen gar nicht so furchteinflößend zu sein, wie Sookie zunächst vermutet hatte. Doch dann deuten alle Hinweise zum Verschwinden des Vampirs auf eine fundamentalistische Gemeinde, die den Vampiren feindlich gesonnen ist, und von da an geht es steil bergab für Sookie und ihre Gesundheit.
„Vorübergehend tot“ wäre an einigen Stellen verbesserungswürdig gewesen. So wirkte die Liebesgeschichte zwischen Sookie und Bill von Zeit zu Zeit einfach zu schwülstig und drohte, die Kriminalgeschichte zu erdrücken. „Untot in Dallas“ wiederholt diese Fehler keineswegs. Bill und Sookie haben es sich offensichtlich in ihrer Beziehung gemütlich gemacht, weswegen sie nicht ständig in den Vordergrund gerückt werden muss. Und gerade der Plot um die Vampire in Dallas nimmt einen Großteil der Handlung ein und schafft es dabei, ein ziemliches Tempo zu generieren. Charlaine Harris hat also in „Untot in Dallas“ ihren Vorgänger noch übertroffen und hier scheinbar ihren Stil gefunden. Die Handlung ist frisch, spannend und temporeich erzählt und kann daher noch besser unterhalten als „Vorübergehend tot“.
Allerdings werden auch die Ähnlichkeiten gerade zu den Romanen von Laurell K. Hamilton immer deutlicher. Die vampirfeindliche Gemeinde in Dallas erinnert stark an eine Einrichtung, die auch bei Hamilton geschildert wird, jedoch nimmt sich Harris mehr Zeit, ihre Kritik an jeglicher Art von religiösem Fundamentalismus zu verdeutlichen. Die Vampire werden hier zu Opfern von Kleingeistigkeit und der Weigerung, andersartige Lebensentwürfe zumindest zu tolerieren. Die Untoten mutieren zum Universalbeispiel; sie könnten für religiös Andersdenkende stehen, für Homosexuelle, für jede Art von Minderheit.
Eine Figur, die unbedingt Erwähnung finden sollte, ist der Vampir Eric. Er erscheint wie eine illustre Mischung aus Anne Rices Lestat und Laurell K. Hamiltons Jean-Claude. Von beeindruckender Statur, mit einer wilden blonden Mähne, weiß er um seine Wirkung und hat sich darum scheinbar angewöhnt, nie ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Wo Bill zumeist zurückhaltend und bürgerlich wirkt, bringt Eric garantiert frischen Wind in die Handlung. Es ist unbedingt zu begrüßen, dass sein Part gegenüber dem Erstling noch vergrößert wurde. Zwischen ihm und Sookie sprühen nur so die Funken und man möchte sich fast wünschen, sie würde den biederen Bill für den aufregenden Eric verlassen.
Auch die Übersetzung hat sich, gegenüber dem Erstling, merklich verbessert. Sie liest sich generell runder und auch wenn es den einen oder anderen Ausreißer im Sprachfluss gibt, so sind diese viel seltener als in „Vorübergehend tot“. Dass man sich jedoch bis zum Schluss des Buches nicht entscheiden konnte, ob der verschwundene Vampir nun „Farrell“ oder „Farrel“ heißt, ist wohl nicht nur für Rechtschreibfanatiker ärgerlich. Beide Schreibweisen wechseln sich nämlich mit schöner Regelmäßigkeit ab.
„Untot in Dallas“ macht, ganz ehrlich, mehr Spaß als „Vorübergehend tot“. Der Plot ist flotter und es geht generell tougher zu als im ersten Band. Hier spritzt auch schonmal das Blut und es gibt ein hübsch inszeniertes Massaker im Hauptquartier der Vampire. Dagegen war „Vorübergehend tot“ viel zahmer und mehr auf das reine Frauenpublikum ausgelegt. Weniger Schwulst und dafür mehr Fights und Verfolgungsjagden darf der Leser jedoch von diesem Buch erwarten. Und die ausgewogenere Mischung tut der Lektüre wirklich gut!
|Originaltitel: Living dead in Dallas
Aus dem Englischen übertragen von Dorothee Danzmann|
Mit „Totenmontag“ veröffentlicht Bestsellerautorin Kathy Reichs bereits den siebten Erfolgsroman in ihrer Tempe-Brennan-Reihe. Ähnlich wie auch John Grisham macht sich Reichs ihr eigenes Fachwissen zunutze, um wissenschaftlich fundierte und spannende Bücher zu schreiben, die ihre Leser in eine fremde und faszinierende Welt entführen sollen. In diesem Fall begleitet der Leser erneut die forensische Anthropologin Brennan bei ihrer nicht ganz alltäglichen Arbeit.
Im Keller unter einer Pizzabude werden drei Skelette gefunden; die forensische Anthropologin Dr. Temperance Brennan macht sich sogleich an die Untersuchung der Skelette. Doch Detective Luc Claudel, mit dem sie im persönlichen Clinch liegt, setzt sie unter Zeitdruck, da er die Skelette für antik und damit aus polizeilichen Gründen für wenig wertvoll erachtet. Brennan dagegen hat von Anfang an ein komisches Gefühl im Bauch und schätzt die Gebeine als jüngeren Datums ein. Keine Spuren eines gewaltsamen Mordes sind an den Knochen zu erkennen, doch bemerkt Brennan schnell, dass es sich um die Gebeine drei junger Mädchen handelt, die aufgrund ihres Alters sicherlich keines natürlichen Todes gestorben sind.
Tempe Brennans detektivisches Gespür ist schnell geweckt, denn sie vermutet ein Verbrechen und forscht den Besitzern und ehemaligen Bewohnern des Hauses mit der Pizzabude nach. Als überraschend ihre Freundin Anne zu Besuch kommt, weil diese große Eheprobleme hat und freundschaftlichen Beistand braucht, bezieht Tempe Anne kurzerhand in ihre Nachforschungen mit ein. Als Brennan herausfindet, dass ein bekannter Mafiosi früher Besitzer des Hauses gewesen ist, wird ihr natürliches Misstrauen geweckt. Gemeinsam mit Anne besucht sie den Mann, der das Haus von dem Mafiosi gekauft hat und befragt ihn nach seinen aktuellen und ehemaligen Mietern.
Stück für Stück nähert sich Brennan dem Geheimnis der drei Skelette, während sie immer weiter nach Spuren an den Knochen forscht und schließlich feststellt, dass jedem Mädchen ein Ohr abgetrennt worden ist. Eine C14-Datierung ergibt schließlich ein Todesdatum der Mädchen in den 1980er Jahren, sodass die Knochen keineswegs als antik bezeichnet werden können. Was ist im Haus mit der Pizzabude geschehen? Und wie sind die drei jungen Mädchen umgekommen?
Schon in der ersten Szene findet sich der Leser in einem dunklen Keller mit Claudel und Brennan wieder, als ein Schuss fällt und Brennan blutiges und zerfetztes Muskelgewebe erblickt. Doch schnell wird klar, dass sie lediglich eine getötete Ratte vor sich hat, die Claudel im Eifer des Gefechts erschossen hat. Anschließend geht es wieder etwas ruhiger zu, auch wenn die beiden die Skelette dreier junger Frauen entdecken. Der Fund dreier Knöpfe, die auf das 19. Jahrhundert datiert werden, führt Claudel zu dem Schluss, dass auch die Leichen der Mädchen aus dieser Zeit stammen. Doch Brennan forscht auf eigene Faust weiter und fordert eine C14-Datierung an, um zu beweisen, dass die Skelette sehr wohl aus jüngerer Zeit stammen. Zunächst versucht Kathy Reichs, ihre Leser in die Irre zu führen und legt einige falsche Fährten aus, eine davon ist die der Mafia, die später wortlos unter den Tisch gekehrt wird. Schade, dass Reichs diese Spur, die Brennan zu dem Schluss geführt hat, dass unter der Pizzeria ein Verbrechen geschehen sein muss, später nicht mehr ausführt oder zumindest mit Erklärungen zum Abschluss bringt. So werte ich diese Mafia-Spur als einen lieblosen Versuch, am Anfang Spannung aufzubauen und später für Verwirrung zu sorgen.
Im weiteren Verlauf des Buches sorgen einige Cliffhanger für mäßigen Spannungsaufbau, auch wenn die Geschichte dennoch nicht recht in Schwung kommen mag. Reichs verzettelt sich hier manchmal in zu vielen Handlungssträngen. Neben der forensischen Untersuchung der Knochen taucht plötzlich Tempes Freundin Anne mit ihren privaten Liebesproblemen auf, außerdem hegt Brennan den Verdacht, dass ihr Geliebter Ryan eine Affäre mit einem jungen College-Mädchen hat, zu all dem Ärger kommen die persönlichen Differenzen zwischen Claudel und Brennan und schlussendlich die mühsame Ermittlung im Pizzabudenfall, die weitere Fragen aufwirft. Besonders die ausgiebigen forensischen Untersuchungen wirken hierbei langatmig, da die Details einer genauen Knochenanalyse, gespickt mit allerlei Fachvokabular, nur wenig interessant wirken und das Buch dadurch oftmals einfach nur ausbremsen. An manch einer Stelle liest sich „Totenmontag“ daher eher wie ein Ärzteblatt als ein spannender Thriller. Etwa ab der Hälfte des Buches gewinnt die Erzählung dann etwas an Tempo, da Brennan den toten Mädchen auf die Spur kommt.
Die Geschichte ist aus der Sicht der Anthropologin Temperance Brennan geschrieben, die wohl nicht nur zufällig den gleichen Beruf ausübt wie die Autorin Kathy Reichs; so gewinnt man als Leser den Eindruck, dass sich Reichs selbst in einen Thriller hineingeschrieben hat. Inwieweit sich Reichs und Brennan über den Beruf hinaus ähneln, wage ich allerdings nicht einzuschätzen. Mir erscheint Brennan in diesem Roman allerdings eher weniger authentisch, da sie als allzu tragisch dargestellt wird. Neben ihrer zerbrochenen Ehe, die immer wieder am Rande angeführt wird, scheint ihre Beziehung zu Ryan in die Brüche zu gehen, da er sich heimlich mit einer jungen Frau trifft. Auch die Untersuchung der Knochen geht nicht recht voran, schließlich stirbt die telefonische Informantin und Detective Claudel macht Brennan das Leben nicht gerade leicht. Hier erscheint die sonst eher starke Karrierefrau Brennan plötzlich schwach und bemitleidenswert, was irgendwie nicht in das Bild der intelligenten und promovierten forensischen Anthropologin passt.
Neben Tempe Brennan werden nur wenige Personen ausführlicher vorgestellt, nämlich die beiden Polizisten Ryan und Claudel und Tempes Freundin Anne. Doch reichen die Beschreibungen nicht aus, um sich ein wirklich gutes Bild von den Charakteren machen zu können. Selbst von den gefundenen Skeletten erfährt der Leser leider mehr als über die handelnden Charaktere …
Kathy Reichs offenbart recht deutlich eine Vorliebe für Metaphern, so wird beispielsweise ein Steiff-Teddy als Bild für einen Knopfexperten herangezogen, an anderer Stelle spannt Brennan ihre Halsmuskeln an wie Gitarrensaiten, später vergleicht sie Montreal mit einem Fuß. Diese überschwängliche Verwendung von Bildern wirkt ab und an etwas merkwürdig. Darüber hinaus merkt der Leser recht deutlich, dass Reichs von Haus aus keine Schriftstellerin ist, denn abgesehen von den zahlreichen französischen Floskeln, die leider unübersetzt bleiben, ist die Sprache einfach und schmucklos. Kurze Sätze reihen sich aneinander, die das Buch zu einer idealen Straßenbahnlektüre machen, die nicht viel Aufmerksamkeit erfordert. Auch sind die Kapitel so kurz gehalten, dass man schnell Einschnitte findet, an denen sich das Buch beruhigt zuklappen lässt. Meist sind die Kapitelenden auch nicht so reißerisch und spannend, dass man seine Haltestelle verpassen könnte. Störend wirken in der Tat nur die medizinischen Fachausdrücke, die bei der Beschreibung der einzelnen Knochen verwendet werden, etwas weniger Details hätten hier auch ausgereicht, um sich ein gutes Bild machen zu können.
„Totenmontag“ ist ein Buch, das sich zügig durchlesen lässt und dabei auch etwas zu unterhalten weiß. Der beschriebene Leichenfund ist interessant und wirft schnell einige Fragen auf, denen Tempe Brennan nachgehen möchte. Nach und nach kommt Brennan der Lösung des Falles immer näher, verwirft allerdings zwischendurch wortlos einige Spuren, die zuvor für Spannung sorgen sollten. Auch am Ende versucht Reichs nochmals, ihre Leser zu verwirren, indem sie eine falsche Fährte auslegt, doch vermag sie hier leider nicht mehr zu überraschen, da der wahre Tatbestand bereits zu offensichtlich ist. Das Buchende wirkt mir etwas zu glatt und weichgespült, denn selbstverständlich lösen sich die Beziehungsprobleme mit Ryan in Luft auf, als er die junge Dame wie vermutet als eine Verwandte vorstellt. Wen das am Ende noch überrascht, der hat wohl noch nie zuvor ein Buch gelesen. Ein solch kitschiger Abschluss muss am Ende eines Thrillers einfach nicht sein.
Die Thematik an sich und die wahren Hintergründe der drei Gebeine im Keller der Pizzeria sind wahrlich grausam und spannend, aus diesem schaurigen Kriminalfall hätte man in der Tat ein besseres Buch fabrizieren können. Kathy Reichs verspielt hier viel Potenzial, indem sie keine rechte Spannung aufbaut und ihre Leser mit zu vielen forensischen Details langweilt. Das Buch übt einfach keine Faszination aus, kann nicht mit glaubwürdigen Charakteren aufwarten und scheut sich auch vor einer Gesellschaftskritik, die am Ende vielleicht möglich gewesen wäre.
Insgesamt ist „Totenmontag“ eine recht vergängliche Lektüre, das Buch ist schnell durchgelesen angesichts der schnörkellosen Sprache und des geringen Umfangs und auch schnell wieder vergessen. Der Unterhaltungswert ist absolutes Mittelmaß, die Charaktere bleiben entweder zu blass oder werden zu tragisch dargestellt. Für zwei Leseabende auf der heimischen Couch oder als kurzweilige Lektüre auf dem täglichen Weg zur Arbeit funktioniert das Buch recht gut, allerdings animiert es wenig zum Lesen weiterer Werke von Kathy Reichs.
Renwald Legroeder ist mit Leib und Seele Rigger. Er steuert Raumschiffe durch den Flux, einen mehrdimensionalen Hyperraum, den er mit seiner Gedankenkraft formen, sich in ihn und seine Strömungen einfühlen kann. Die Begegnung mit der Impris, einem seit mehr als hundert Jahren verschollenen Schiff, endet für ihn verhängnisvoll. Legroeders Schiff wird von Raumpiraten überfallen, er gerät in Gefangenschaft und kann erst nach sieben Jahren fliehen. Doch auf Faber Eridani, dem nächsten besiedelten Planeten, ist der Empfang alles andere als freundlich. Man unterstellt ihm, heimlich mit den cybertechnisch aufgerüsteten Raumpiraten zusammengearbeitet zu haben. Von der Impris will man nichts wissen.
Legroeder wird misstrauisch und beginnt mit seiner Anwältin nachzuforschen. Schon bald darauf befindet er sich mitten im größten Abenteuer seines Lebens: Er flieht von Faber Eridani, wird von den Narseil, amphibischen Außerirdischen, als Agent angeworben und lässt sich von ihnen sogar Cyber-Implantate einsetzen, die er während seiner Gefangenschaft noch vehement abgelehnt hatte. Sein Weg führt ihn wieder zu den Cyber-Piraten und auf die gefahrvolle Mission, die Impris aus ihrer Fluxschleife zu retten.
Dies ist nur eine sehr vereinfachte Zusammenfassung der aufwendig konstruierten Handlung. Carver ist kein Autor von einfachen Romanen, seine Bücher sind meist sowohl inhaltlich als auch stilistisch komplex, lassen sich nicht „nebenher“ lesen, sondern erfordern Konzentration.
„Am Ende der Ewigkeit“ ist ein unabhängiger Teil der lose durch einen gemeinsamen Hintergrund zusammenhängenden |Star Rigger|-Serie Carvers und schaffte es 2001 immerhin in die Endausscheidung zum |Nebula Award|. Es ist ein Hard-SF-Roman – in dem ungewöhnlicherweise ein Hauptelement, nämlich der Flux, deutliche New-Wave-Elemente aufweist (vermischen sich doch hier die Realität des Weltraums und die innere Vorstellungskraft) -, der einige nette Einfälle besitzt, jedoch insgesamt etwas zu lang geraten ist (die eine oder andere Wendung hätte in meinen Augen ohne Verlust gekürzt werden können).
Schwächen liegen in einer ungleichmäßigen Handlungsentwicklung zwischen den Schauplätzen Weltall und Faber Eridani, einer zu oft aus bekannten Versatzstücken zusammengesetzten Thrillerhandlung (bei der man etliche Male Szenen aus einschlägigen Filmen vor Augen hat) und vor allem in der Charakterzeichnung. Die ist manchmal wirklich schlecht.
Aber auch manchmal richtig gut: Zum Beispiel gibt es den Journalisten Robert McGinnis, der gegen die Cyber-Piraten kämpfen will, es aber vor allem gegen sich selbst tun muss, gegen seine Implantate, die ihn (von außen unerkannt) fernsteuern, ihn in einen Killer wider Willen verwandeln können. In dieser Figur steckt wirklich Potenzial!
Auch sonst gibt es Dinge an dem Roman, die ich mag: Die Verwendung von Seemannsjargon in der Beschreibung der Arbeit der Schiffe zum Beispiel. Auch Legroeders Undercover-Einsatz auf einer Piratenfestung, bei dem seine Tarnung jedoch schon von Anfang an aufgeflogen ist, oder die Rettung der Impris aus ihrer Falle im Flux und alle dabei auftauchenden (Zeit-)Phänomene sind absolut lesenswert. Sehr gelungen fand ich die Dialoge zwischen Legroeder und seinen (zuerst ungeliebten) Implantaten – und die Rolle der Implantate in der Beziehung zwischen ihm und der Cyber-Piratin Tracy-Ace / Alfa.
Jeffrey A. Carver beherrscht sein Handwerk. Ihm liegt der große Science-Fiction-Entwurf mehr als das Spinnen eines Krimi- bzw. Thrillergarns. „Am Ende der Ewigkeit“ ist ein interessanter, nicht immer leicht zu lesender Abenteuerroman, der neben vielen positiven Eigenschaften auch deutliche Schwächen besitzt. Dennoch ist er für Hard-SF-Fans und Freunde von Piratengeschichten, die einer reizvollen Neuinterpretation verschiedener klassischer Motive aufgeschlossen gegenüberstehen, zu empfehlen.
Wir schreiben das Jahr 1999. Offiziell herrscht Waffenstillstand zwischen den verfeindeten katholischen und protestantischen Bürgerkriegsparteien in Nordirland, als ein schwerer Bombenanschlag auf den britischen Premier die zarten Bande des Friedens erschüttert. Jonathan, der in Belfast aufwuchs und nach einer Karriere bei der |Royal Ulster Constabulary| im britischen Sicherheitsdienst arbeitet, wird mit den Ermittlungen vor Ort beauftragt. Für ihn wird es ein Trip in die eigene Vergangenheit und die alte Heimat Belfast.
Er trifft seine Exfreundin Katie wieder, die er vor Jahren wegen seiner Karriere bei der Polizei verlassen hat und die immer der Meinung war, es wäre besser sich aus den „Troubles“ rauszuhalten. Er denkt an Raymond, seinen alten Freund aus Kindertagen, mit dem er zusammen etwas gegen Terror und Krieg unternehmen wollte und darum mit ihm zur Polizei ging. Und er erinnert sich an ihren früheren katholischen Freund Sean, der sich immer raushalten wollte und dann bei einem Anschlag auf einen protestantischen Pub durch eine katholische Granate ein Bein verlor.
Im Wirrwarr dieser Erinnerungen versucht Jonathan zusammen mit seinem Partner James, die Urheber des Anschlags zu finden. Doch er rennt gegen eine Mauer des Schweigens. Mehr und mehr bekommt er den Eindruck, für die Geheimdienstbosse in London nur den Sündenbock abgeben zu sollen, dem man bei ausbleibendem Fahndungserfolg die Schuld in die Schuhe schieben kann.
Doch in einer Ecke, in der er nicht mit Unterstützung rechnen kann, haben einige Leute plötzlich ein gesteigertes Interesse daran, dass Jonathans Ermittlungen erfolgreich sind. Aber welche Rolle spielt sein alter Freund Raymond, der vor Jahren den Dienst quittierte, eigentlich bei der ganzen Sache? Interessiert er sich wirklich nur noch so wenig für die „Troubles“, wie er Jonathan glauben lassen möchte?
„Belfast Blues“ ist grob betrachtet ein solider Agententhriller, der etwas abseits der gängigen Genreklischees angesiedelt ist. Einerseits spielt er vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts, andererseits aber zumindest teilweise auch im Dunstkreis von ehemaliger Stasi und NVA im Deutschland nach der Wende.
Mueller greift einen recht interessanten Aspekt auf, der sicherlich auch auf andere Konflikte als den Nordirlandkonflikt übertragbar ist. Er zeigt, dass es trotz aller Friedensbemühungen immer noch Interessensgruppen gibt, denen ein Fortdauern des Krieges lieber ist, damit sie ihre liebgewonnene Macht nicht verlieren. Dies trifft beispielsweise auf die IRA zu, die in vielen Wohnvierteln oft mehr zu sagen hatte als die britischen Besatzer. Doch nicht nur im terroristischen Spektrum, auch in der Politik gibt es einige, denen der Sinn ganz und gar nicht nach Frieden steht, und um diesen Konflikt dreht sich vieles bei „Belfast Blues“.
Anfangs entwickeln sich Jonathans Ermittlungen sehr schleppend. Niemand scheint sich zu dem Attentat bekennen zu wollen und so kommt der Fall nur ziemlich schwer in Gang. Nachdem Mueller mit der Schilderung des Attentats die Bombe im wahrsten Sinne des Wortes gleich zu Beginn zündet, passiert erst einmal nicht mehr viel und so nutzt er das Papier für lange Rückblenden in Jonathans und Raymonds Vergangenheit.
Mueller schildert alles sehr genau, sowohl das Leben in den protestantischen und katholischen Wohnvierteln als auch den Verlauf der Ermittlungen. Das Buch macht dabei einen durch und durch gut recherchierten Eindruck, sowohl mit Blick auf die politischen Hintergründe als auch auf Ballistik und Geheimdienstarbeit. Mueller scheint also durchaus gut informiert zu sein. Ein Eindruck, der sich auch beim Blick auf seine Biographie bestätigt, denn er war schon als freier Fernsehautor und Reporter in Nordirland tätig und hat 1992 ein Buch zum Thema RAF/Stasi herausgebracht.
„Belfast Blues“ kommt zwar zu Beginn nicht so wahnsinnig schnell auf Touren, aber man muss Mueller lassen, dass er ein sehr ausgefeiltes Komplott inszeniert, das sowohl Jonathan als auch dem Leser erst ganz langsam Seite für Seite bewusst wird. Der Leser ist dabei zwar oft einen kleinen Schritt voraus, dennoch kann man sich teilweise noch keinen Reim auf die Indizien machen, die Mueller dem Leser unterjubelt. Und das ist durchaus eine der Qualitäten des Romans. Scheinen die Ermittlungen zunächst noch im Sande zu verlaufen und Jonathan mehrmals kurz davor zu stehen, die Nachforschungen aufzugeben, so gewinnt die Handlung mit der Zeit immer mehr an Fahrt und entwickelt gegen Ende ein geradezu erschreckendes Tempo. Die Geschichte rast unaufhaltsam einem düsteren Ende entgegen und man wird als Leser völlig gefangen genommen. Ganz am Ende bedient Mueller sich dann auch noch eines feinen Kniffs. Er blendet mitten im Showdown aus und erzählt das Ende der Geschichte aus der Rückblende. Eine Inszenierung, die ich ziemlich gelungen und spannungssteigernd fand.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt bei „Belfast Blues“ nicht nur auf der Thrillerhandlung, sondern ganz besonders auch auf der Biographie der beiden Jugendfreunde Jonathan und Raymond. Immer wieder wechselt Mueller die Perspektive, erzählt mal Gegenwärtiges, mal Vergangenes, mal aus der Sicht von Jonathan, mal aus der von Raymond und hin und wieder auch aus der Perspektive ihres gemeinsamen Freundes Sean. Dadurch wird die Geschichte nicht nur spannender, sondern auch facettenreicher und tiefgründiger.
Die Rückblenden wirken dagegen hier und dort ein wenig lang. Wenn beispielsweise Seans Geschichte erzählt wird und Mueller sich seitenlang über seine Erlebnisse nach dem Anschlag, bei dem er sein Bein verlor, auslässt, vergisst man ein wenig, dass man eigentlich einen Thriller liest, bei dem es im Grunde um eine ganz andere Sache geht. Sicherlich will der Autor mit diesen Rückblenden zeigen, wie sehr die Biographien der Protagonisten ihre Handlungsweise in der Gegenwart bestimmen und das ist ein durchaus wichtiger Aspekt, dennoch hätte ich an seiner Stelle die Rückblenden entweder mehr gesplittet oder gestrafft, denn so tragen sie den Leser oft weit von der eigentlichen Geschichte fort.
Was dagegen absolut überzeugen kann, ist die Zeichnung der Charaktere. Dadurch, dass man die Lebensgeschichten der wichtigsten Figuren relativ genau kennen lernt, kann man ihre Motivation und ihr Verhalten verstehen. Man merkt, dass Mueller dieser Aspekt sehr wichtig ist. Er zeigt, was der alltägliche Terror, so wie ihn die Nordiren seit den frühen Siebzigern tagtäglich erlebt haben, aus den Menschen macht. Wie zwei Jungen schon früh das hässliche Gesicht des Bürgerkrieges kennen lernen, einen Beitrag zu seinem Ende leisten wollen und ihn dann doch nur weiterführen, weil auch sie dieser Spirale der Gewalt ohnmächtig gegenüberstehen. Auf welche unterschiedliche Art und Weise beide daraufhin resignieren, ist ein weiterer Aspekt des Buches.
Was dabei hilft, die 523 Seiten des Romans relativ schnell hinter sich zu lassen, ist Muellers Schreibstil. Oft wirkt seine Sprache etwas schnörkellos, aber nicht emotionslos. Viele Sätze fallen eher kurz und knapp aus, aber Mueller wählt klare Worte und schafft es bei aller sprachlichen Schlichtheit auch immer wieder etwas Tiefgang in die Geschichte zu bringen. Das Buch liest sich sehr gut, ohne sich in kühler Oberflächlichkeit zu verlieren.
Mueller hat mit „Belfast Blues“ einen durchaus packenden Thriller abgeliefert, der vor allem zum Ende hin ein geradezu rasantes Tempo entwickelt und den Leser ein Stück weit nachdenklich stimmt. Wen neben einem politischen Thriller auch noch die Facetten des Nordirlandkonflikts interessieren, der findet hier auf jeden Fall spannenden Lesestoff.
2004 beschenkte |Ripper Records| die Hörspielfans mit [„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=525 – einer sowohl unterhaltsamen als auch klugen Bearbeitung der berühmten Anekdote um die Entstehung zweier vampirischer Urtexte: Byrons „Ein Fragment“ und Polidoris „Der Vampyr. Eine Erzählung“. Der exzentrische Byron nämlich war zusammen mit seinem Leibarzt Polidori in die Schweiz geflohen (wohl vor Geldeintreibern und empörten Müttern junger respektabler Mädchen) und verbrachte dort den Sommer zusammen mit Percy und Mary Shelley sowie deren Cousine Claire Clairmont. Man vertrieb sich die Zeit mit dem Lesen von Gespenstergeschichten, die Percy Shelley so schockierten, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Die Dichter beschlossen, sich jeweils selbst an einer Gespenstergeschichte zu versuchen. Mary Shelleys Beitrag zum Wettstreit ist wohl der heute berühmteste: Ihr gab der „Gespenstersommer am Genfer See“ die Idee zu ihrem „Frankenstein“ ein. Byron verlor offensichtlich schnell das Interesse an der ganzen Sache, und so blieb sein Beitrag nur Fragment. Polidori jedoch, mittelmäßiger Arzt und verkappter Schriftsteller, beteiligte sich mit seiner schauerlichen Erzählung „Der Vampyr“.
Seine Erzählung war offensichtlich ein kaum verhüllter Exorzismus der unerträglichen Beziehung zu seinem Brotgeber Byron, den er in „Der Vampyr“ als ruchlosen Blutsauger darstellt, der Jagd auf unschuldige Mädchenhälse macht und den Erzähler Aubrey damit zunächst ins Unglück und schließlich in den Tod stürzt. Der junge und naive Aubrey nämlich fühlt sich in der englischen Gesellschaft sofort von dem exotischen und weltgewandten Lord Ruthven angezogen und lädt ihn dazu ein, die Grand Tour durch Europa mit ihm zu absolvieren. Auf dem Kontinent angekommen, häufen sich jedoch bald die Verdachtsmomente, dass es sich bei Ruthven um einen Mann von fragwürdigem Lebenswandel handelt, und Aubrey versucht, sich von ihm zu trennen. Er setzt die Reise allein fort, doch offensichtlich folgt ihm Ruthven, tötet ein griechisches Mädchen und setzt, wieder in England, Aubreys Schwester nach.
Polidoris Erzählung mag literarisch kein großer Wurf sein, doch stellt sie erstmals ausführlich die Urform des romantischen Vampirs vor, wie er uns auch noch heute geläufig ist. Ruthven ist blass und von einem gewissen Weltschmerz geplagt. Er ist weltgewandt, exzentrisch, verführerisch und dabei ohne jede Moral. Auch heute noch bedienen sich Autoren von Vampirromanen gern bei diesen Charakteristika und das macht den „Vampyr“ auch heute noch so gut lesbar, auch wenn nirgends von Kreuzen, Knoblauch oder Holzpflöcken die Rede ist.
Byrons „Fragment“ dagegen umfasst nur ein paar Seiten und bricht, leider, genau an der spannendsten Stelle ab. Und so ist die Betitelung mit „Der Vampyr. Ein Fragment“ für dieses Hörbuch ein wenig irreführend, da durchaus nicht klar wird, um was für ein Wesen es sich bei Darvell handeln soll. Dieser zeigt zwar auch die mittlerweile bekannten Charakteristika des Vampirs (reich, exzentrisch, gebildet, melancholisch), doch kann man ihn ansonsten nur schwer mit dem gemeinen Blutsauger in Verbindung bringen. Auch er wird vom Ich-Erzähler zur Grand Tour eingeladen. Doch als die beiden auf einem türkischen Friedhof ankommen, erleidet Darvell einen unvorhergesehenen Schwächeanfall, dem er einige Tage später erliegt. Jedoch nicht, ohne dem Ich-Erzähler das Versprechen abzuringen, nichts von seinem Tod verlauten zu lassen und ihm genaue Instruktionen zum Umgang mit seiner Leiche zu hinterlassen. Nun wäre es natürlich interessant zu wissen, welche Art Wiederauferstehung Darvell geplant hatte, doch – wie bereits erwähnt – hält uns Byron dieses Wissen vor und bricht die Erzählung überraschend ab.
„Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“ behandelte die Ereignisse rund um die Entstehung der beiden Texte und flocht auch einige Ausschnitte aus den Erzählungen mit ein. Dies scheint die Hörer neugierig gemacht zu haben, denn mit „Der Vampyr. Die Erzählungen“ hat Ripper Records die beiden zugrunde liegenden Texte nun auch als Hörbuch zugänglich gemacht. Die Sprecher wurden beibehalten: Joachim Tennstedt, der im Hörspiel den Byron sprach, liest nun dessen Erzählung. Und Andreas Fröhlich, der Polidori mimte, gibt dessen „Vampyr“ zum besten. Beide lesen in gewohnter Qualität und versuchen, die Atmosphäre einer abendlichen Geschichtenlesens zu evozieren, wie sie wohl am Genfer See stattgefunden haben muss. Im Hintergrund knackt ein Feuer, es rollt der Donner (der Sommer 1816 war von heftigen Gewittern durchzogen) und man kann sich der Vorstellung nicht erwehren, Polidori und Byron säßen uns im Ohrensessel gegenüber und läsen ihr neuestes Manuskript.
So kommt das Hörbuch ganz ohne große Knalleffekte oder Überraschungsmomente aus. Die Erzählungen wirken ausschließlich aus sich selbst heraus, zum Leben erweckt von zwei großartigen Sprechern. „Der Vampyr. Die Erzählungen“ vervollständigt das Hörspiel „Der Vampyr oder Gespenstersommer am Genfer See“. Die Appettithäppchen, die im Hörspiel aus den beiden Erzählungen geliefert wurden, werden hier in einem intimen Mahl aufgetragen. Wen das Hörspiel also neugierig gemacht hatte, dem wird hier geholfen. Wer die beiden Erzählungen ohnehin aus Anthologien kannte, wird ihnen in der Hörbuchfassung durchaus noch neue Seiten abgewinnen können. Ein Gewinn ist das Hörbuch also in jedem Fall!
Die CD ist im Handel oder direkt unter http://www.ripperrecords.de erhältlich.
Seit mehr als vierzig Jahren erforscht der Mensch das Weltall. Die relativ nahe am Heimatplaneten gelegenen Ziele nahm er noch persönlich unter die Lupe. Gleichzeitig drangen jedoch bereits unbemannte Raumsonden immer weiter vor. Bis zum heutigen Tag verdanken wir diesen technischen Dienern das Bild eines Sonnensystems, das beinahe bei jeder neuen Mission teilweise oder ganz auf den Kopf gestellt wird.
Satelliten und Sonden umkreisen fremde Planeten, Monde, Asteroiden, landen auf ihnen, nehmen Proben, machen Fotos. In vielen Jahren hat sich ein Archiv von Informationen und Bildern angesammelt, das wohl niemals vollständig ausgewertet werden kann – und die Flut steigt ständig höher. Michael Benson hat es unternommen, diese Archive zu durchforsten. Nicht weniger als eine Foto-Reise durch das Sonnensystem schwebte ihm vor. Solche Bildbände gab es schon oft, aber wohl niemals zuvor ging ein Autor so unbeeindruckt vom Wust scheinbar lebenswichtiger Fakten an seine Aufgabe heran. Michael Benson – Jenseits des Blauen Planeten weiterlesen →
Lachlan Harriot ist 29 Jahre alt und gelernter Mediziner. Er hat aber nie praktiziert, denn fehlender Ehrgeiz, eine auf die Karriere konzentrierte Gattin und eine Erbschaft ermöglichen es ihm, zuhause bei seiner kleinen Tochter zu bleiben. Eine Haushaltshilfe und ein Kindermädchen machen es ihm dabei leicht, den Hausmann zu spielen und vage schriftstellerische Pläne zu wälzen. Dann wird plötzlich Susie, seine Frau, entlassen. Sie hat als Gefängnispsychologin gearbeitet und angeblich vertrauliche Unterlagen entwendet. Doch nicht einmal das kann Lachlan aus seiner Zufriedenheit reißen, denn finanziell ist die kleine Familie nicht auf dieses Einkommen angewiesen. Allerdings stürzt seine rosarote Welt brutal in sich zusammen, als Susie wegen Mordes am Serienkiller Andrew Gow angeklagt und schließlich zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt wird. Das Gericht warf ihr vor, ihren ehemaligen Patienten Gow aus blinder Eifersucht getötet zu haben.
Lachlan will das nicht wahrhaben, kann sich weder vorstellen, dass seine vergötterte Gattin in Gow verliebt war noch dass sie die ihr zur Last gelegten Verbrechen tatsächlich begangen hat. Nun sitzt er mit seiner Tochter und einem Au-Pair-Mädchen zuhause und versucht, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen und seiner Frau auf irgendeine Weise zu helfen. Zu diesem Zweck begibt er sich in deren „Refugium“, in ihren kleinen Arbeitsraum unter dem Dach und sichtet auf der Suche nach potenziellem Entlastungsmaterial für die anstehende Berufungsverhandlung ihre Dokumente und Computerdateien. Als er Susie bei einem Besuch davon erzählt, reagiert sie zornig und befiehlt ihm, seine Finger davon zu lassen. Was befindet sich in diesen Unterlagen, was er nicht zu Gesicht bekommen soll? Je mehr sich Lachlan in das Material einarbeitet, desto misstrauischer wird er … Ist seine Frau am Ende etwa doch schuldig? Was hat sie vor ihm zu verbergen? Er durchläuft ein Wechselbad der Gefühle, denn mal findet er Hinweise, die auf ihre Unschuld hindeuten, dann wieder stößt er auf Indizien, die die Wahrscheinlichkeit ihrer Schuld erhöhen. Wo liegt die Wahrheit?
_Kommentar:_
Denise Mina bedient sich eines uralten literarischen Tricks: sie gibt vor, nur aufgefundene Dokumente wiederzugeben. Im konkreten Fall handelt es sich dabei um die Tagebucheintragungen von Lachlan. Weil der vieles, was für ihn selbstverständlich ist, nicht extra erläutert, erschließen sich für die Leser verschiedene Aspekte des linearen Ablaufs und der inneren Zusammenhänge des Geschehens erst nach und nach. Einen Teil seiner Spannung bezieht der Roman aus dem Versuch, diese einzelnen Puzzleteilchen zusammenzusetzen. Auf einer zweiten Ebene kann man Lachlan dabei zusehen, wie er für sich selbst die essenzielle Frage, ob Susie schuldig ist oder nicht, zu klären versucht.
Dabei verzichtet die Autorin zur Gänze auf sonst übliche plakative Spannungsszenarien und Action, sondern verlässt sich vollkommen auf die undurchsichtige Geschichte und auf ihre psychologisch genauen Beobachtungen, womit sie sich z. B. in die Tradition einer Patricia Highsmith oder eines Andrew Taylor stellt. Diese beiden zum Vergleich herangezogenen Schriftsteller können einerseits auf ein treues Stammpublikum zählen, andererseits gibt es auch gar nicht so wenige, bei denen bei Erwähnung dieser Namen das große Gähnen ausbricht. Anzunehmen ist, dass Denise Mina mit „Refugium“ ebenso zwiespältig aufgenommen wird: Die einen werden sich aufgrund ihrer einfühlsamen psychologischen Schilderungen begeistern lassen, die anderen eventuell die Lektüre vorzeitig aufgeben, weil sie sich langweilen. Ich für meinen Teil zähle mich zur ersten Gruppe.
Es ist faszinierend mitzuverfolgen, wie Lachlan verschiedene emotionale Zustände durchläuft; in einem bestimmten Aspekt macht man als Leser eine analoge Erfahrung, denn man weiß nie so recht, was von ihm zu halten ist: Mal erscheint er sympathisch, dann wieder lächerlich und weinerlich, bemitleidenswert, großherzig oder kleinlich … Und jeder Eindruck hat seine Berechtigung, denn Denise Mina zeichnet ihre Hauptfigur als Menschen mit vielen Facetten und kommt dabei der Realität viel näher als in den sonst ziemlich eindimensionalen Charakterisierungen, die üblicherweise in der Unterhaltungsliteratur zu finden sind. In Lachlans Tagebucheintragungen finden sich viele bissige Kommentare und entlarvende Aussagen, die sowohl zum Schmunzeln anregen als auch unzählige kleine Erbärmlichkeiten vor Augen führen, mit denen Herz & Hirn der Spezies Homo sapiens oft angefüllt sind.
Allerdings gibt es einen gewaltigen blinden Fleck im Plot: Warum hat die Polizei nicht das Haus der Mordverdächtigen durchsucht und ihre Aufzeichnungen beschlagnahmt? Ein solches Vorgehen gehört doch ganz einfach zur unverzichtbaren Ermittlungsroutine! Über diese gravierende Ungereimtheit muss die Autorin hinweggehen, weil sie ansonsten ihre Geschichte nicht in vorliegender Form hätte erzählen können. Um die Story richtig zu genießen, muss man bereit sein, dieses grundlegende Manko zu ignorieren.
_Fazit:_
Dieser Roman lässt uns in die chaotische Gefühls- & Gedankenwelt eines zutiefst verunsicherten und schwachen Mannes stürzen. Dabei überzeugt das Buch trotz des Verzichts auf konventionelle Spannungsmomente durch seine Intensität und Sensibilität. Dadurch wird jedoch der Kriminalfall etwas in den Hintergrund gedrängt, was mit ein Grund dafür ist, dass „Refugium“ für alle jene, die es gerne deftiger und plakativer haben, wahrscheinlich eine schlechte Wahl sein dürfte. Wer allerdings ein Faible für subtilere Unterhaltung hat, die zugleich einen Blick in seelische Abgründe bietet, sollte zugreifen.
_Martin Weber_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine.de]http://www.x-zine.de veröffentlicht.|
Es ist schon ein recht ungewöhnlicher Thriller, den der französische Krimiautor Thierry Jonquet mit „Die Unsterblichen“ abgeliefert hat. Eine Geschichte, die einen beim Lesen des Klappentextes oder beim Blick auf die Kurzbeschreibung im Internet erst einmal die Stirn runzeln lässt. Klingt irgendwie abgedreht. Doch der Roman, der sich dahinter verbirgt, ist überraschend bodenständig.
In „Der Stein des Himmels“, dem zweiten Meister-Li-Roman von Barry Hughart, hat Nummer Zehn der Ochse es vom Klienten zum Adlatus des Meisters gebracht. Der ist allerdings ziemlich mieser Laune. Das ändert sich erst, als der Abt eines kleinen Klosters ihn in seiner Stammkneipe aufsucht und um Hilfe bittet. Ein Mönch wurde ermordet und eine Schrift aus der Bibliothek gestohlen, die eigentlich völlig bedeutungslos ist und außerdem aus bestimmten Gründen eine Fälschung sein muss. Sie stammt aus einer Zeit, in der ein wahnsinniger Herrscher, genannt der lachende Prinz, über die Gegend des Klosters gebot und sie völlig verheerte. Nun glauben die Bauern, er sei zurückgekehrt, wie er es einst bei seinem Tod geschworen hat.
Meister Li besucht mit einem Nachkommen des Prinzen dessen Gruft, aus reiner Routine, um den Bauern die Angst zu nehmen: Der steinerne Sarg ist leer! Und Meister Li nicht mehr zu halten – Er geht buchstäblich bis in die Hölle, um dieses Rätsel zu lösen …
Meister Li geht auch in diesem Band mit gewohnter Hartnäckigkeit seiner Lieblingsbeschäftigung nach. Da er einfach jeden zu kennen scheint, weiß er auch immer, wen er fragen muss, wenn er eine Auskunft braucht. Aber der größte Schatz an der Art von Wissen, wie Meister Li sie zur Lösung seiner Fälle benötigt, liegt verschlüsselt in den Sagen und Geschichten, die das Volk sich seit altersher zu erzählen pflegt, auch wenn ein wenig klassische Bildung gelegentlich nicht schadet. So setzt er auch diesmal wieder Teil für Teil sein Puzzle zusammen, indem er sich bei den Bauern umhört, alte Beziehungen spielen lässt und natürlich seine Nase in jedes Loch steckt, über das er stolpert.
[„Die Brücke der Vögel“ 914 warf einen Blick in den taoistischen Götterhimmel. „Der Stein des Himmels“ schildert noch weit ausführlicher die chinesische Vorstellung vom Jenseits. In einer Weltanschauung der Wiedergeburt sieht das alles natürlich ganz anders aus. Aber abgesehen vom kulturellen Hintergrund und den Puzzleteilen, die Li dort findet, dient die Darstellung dieser Hölle als Basis für eine ganze Reihe bissiger Seitenhiebe gegen Bürokratie und Standesdünkel.
Überhaupt hat Li in diesem Band die so genannten Neokonfuzianer auf dem Kieker, seiner Beschreibung nach könnte man sie auch Neokonservative oder Die-ewig-Gestrigen nennen. Die Typen in diesem Band sind weit weniger skurril als im ersten, aber Lis trockene Kommentare zu allem, was ein Neo im Namen hat, sorgen wieder für einige Schmunzler und Lacher, und über Mondkinds Verführung eines Dämons kann man einfach nur grinsen!
Der Aufbau des Puzzlespieles ist auch diesmal wieder gut gemacht. Bei Hughart ist es nicht unbedingt so, dass alles, auch das beiläufig Erwähnte, für die Lösung des Rätsels von Bedeutung ist, was ernsthafte Krimiliebhaber auf einige falsche Fährten führen dürfte. Trotzdem kann man nicht behaupten, dass man am Ende wirklich überrascht wäre, wenn Li den Täter entlarvt. Ab einem gewissen Punkt ahnt man es einfach. Die Art und Weise der endgültigen Aufdeckung ist trotzdem allemal noch interessant genug. Im ganz speziellen Fall dieses Bandes hatte ich allerdings ein kleines, logisches Problem:
Nach dem Tod des Mädchens findet Li einen Splitter des Steins in ihrem Körper. Dieser Splitter hat bei ihrer ersten schweren Verwundung dafür gesorgt, dass sie überlebte. Der lachende Prinz wurde durch ein Stück des Steines nach seinem Tod wieder lebendig. – Wenn der Stein solche Macht hat, wieso konnte das Mädchen mit dem Stein in der Brust dann überhaupt sterben?
Abgesehen davon, dass das Ende sonst nicht zu der alten Legende vom Stein und der Blume gepasst hätte.
Letztlich tut dieser kleine Knacks der gesamten Geschichte jedoch keinen Abbruch. Der Krimi ist schließlich nur ein Teil des Buches zwischen Witz, Fantasie und chinesischen Eigenheiten. Die Mischung ist es, die Hugharts Bücher ausmacht, und ich habe auch diesmal wieder jede Seite genossen.
Hughart bedient sich einr einfachen, prägnanten Sprache, was gut zu Ochse passt, der ja als Erzähler fungiert. Die Bücher lesen sich sehr leicht und flüssig. Auch beschränkt der Autor sich bei Beschreibungen auf das Wesentliche, lässt Zeiten manchmal im Zeitraffer laufen oder weniger wichtige Informationen einfach durch Ochse kurz zusammenfassen. Das strafft den Handlungsverlauf und vermeidet Längen, wirkt aber nicht hektisch oder überstürzt. Epik liegt ihm nicht, dementsprechend sind die Bücher mit ihren ca. dreihundert Seiten verhältnismäßig kurz, was zur Abwechslung auch mal angenehm ist.
Die einzelnen Bände des Zyklus sind in sich abgeschlossen, und auch wenn in „Der Stein des Himmels“ eine kurze Anspielung auf „Die Brücke der Vögel“ enthalten ist, ist es für das Verständnis der Geschichte nicht nötig, die anderen Bände zu kennen.
Barry Hughart wurde 1934 in Illinois geboren. Seine Kenntnisse über die chinesische Kultur schöpfte er aus Büchern über Religion und Kultur, Land und Leute, als er im Rahmen seiner Militärzeit bei der US Airforce in Fernost stationiert war, das Festland aber nicht betreten durfte. Die Faszination für dieses Land war so stark, dass er schließlich, zwanzig Jahre später, die Meister-Li-Romane verfasste. Außer seinen Romanen schrieb er auch Filmdialoge, unter anderem für „Devil´s Bridge“, „Man on the Move“ und „The Other Side of Hell“. Heute lebt er in Tucson, Arizona.
Endlich! Die Steuern sind abgeschafft, die Regierung nicht mehr so wichtig. Sie muss sich für all ihre Aktivitäten jeweils gezielt von den Bürgern bezahlen lassen. Die Polizei ist auch nur eine Sicherheitsfirma, genau wie die |National Rifle Association|, NRA (derzeit noch amerikanischer Lobbyverein für Waffennarren). Rechtsprechung – eine Sache des Preises.
Dazu tragen die Leute praktischerweise gleich mal den Namen ihrer Hauptgeldquelle (i.d.R. der Arbeitgeber) als Nachnamen – oder gar keinen, wenn sie selbständig sind. Überraschend aber schon, dass bei all der vermeintlichen Freiheit von Staat und Verwaltung doch nur einige wenige amerikanische Konzerne die Welt dominieren – jedenfalls außerhalb Europas.
Australien, Japan, Südostasien und Russland haben sich mit den USA zu einem amerikanisch bestimmten Superstaat zusammengeschlossen – und überall sieht es gleich aus (identische Produkte, Malls, Wolkenkratzer).
Eine munter pseudoliberale Parallelwelt, in die Max Barry da führt. Und sie als „nahe Zukunft“ bezeichnet. Wie glaubwürdig der Weltentwurf auch sein mag, immerhin zieht er einige der beliebtesten Argumentationslinien der Globalisierungsgegner durchaus sorgfältig und mit viel Spaß am Detail nur ein ganz klein wenig weiter – und baut einen rasanten Krimi hinein.
|Max Barry|
… ist Australier, im März 1973 geboren, hat mal für |Hewlett Packard| Computer verkauft – und legt mit „Jennifer Government“, so der Original-Titel, nach „Syrup“ bereits seinen zweiten Roman vor. Gerne gibt sich der junge Bestseller-Autor aus Melbourne clever, heutig, frisch – und unverschämt. In diesem Jahr wird sein dritter Roman „Company“ erscheinen.
Autorenhomepage: http://www.maxbarry.com
|Logoland|
In der deutschen Übersetzung von Anja Schünemann ist „Jennifer Government“ als „Logoland“ noch im Jahre 2003 bei |Heyne| erschienen. Das Buch scheint sich in Deutschland steter Beliebtheit zu erfreuen. Womöglich liegt das auch an der gelungenen Übersetzung, die Geschwindigkeit und Frische zuverlässig übertragen soll (habe bislang nur das Original gelesen). Barry schreibt temporeich, wendig, einfach lesbar, und immer mit ironischem Nebenton.
_Der Plot_
Hank Nike, ein rechter Tropf und armer Tor in Diensten des niedrig beleumundeten Nike-„Merchandising“ wird von gleich zwei wichtigen John Nikes aus dem megawichtigen „Marketing“ für einen besonderen Job rekrutiert. Er soll ein mutiges Stück Guerilla-Marketing verantworten. Um zu sichern, dass der seit Monaten heftig beworbene, bisher aber nur in Minimalst-Auflagen an Prominente verteilte „Mercury“-Schuh sich richtig schnell zu einem maximalen Preis (2500 $) abverkauft, gilt es ihn bei der Primärzielgruppe unglaublich begehrt zu machen: Teenager. Dazu sollen beim großen Rollout am nächsten Wochenende zehn frischgebackene Käufer gleich beim Verlassen eines beliebigen Nike-Stores erschossen werden – So begehrt sollen die Schuhe erscheinen, dass dafür auch mal ein Mord begangen werden kann. Oder auch zehn davon.
Hank wird, tropfig wie er nun mal ist, erst nach Unterschrift unter den umfangreichen Vertrag zu dieser ehrenvollen Aufgabe klar, auf was er sich da wirklich eingelassen hat. Nach Rücksprache mit seiner energischen Freundin Violet (ohne Nachnamen) entschließt er sich, zur Polizei zu gehen.
Gerne hilft die Polizei – und präsentiert gleich mal die bestmögliche Lösungsalternative für Hanks Dilemma: Wir machen das für Sie! Natürlich nur gegen einen kleinen Obulus von 150.000 $. Verstört und recht aufgelöst willigt Hank ein. Die Polizei ihrerseits allerdings hat gerade ein Ressourcenproblem und beauftragt ein weiteres Subunternehmen, die National Rifle Association. Die kann nach Auflösung der meisten Regierungseinheiten immerhin die größte Armee der neuen großen Vereinigten Staaten aufbieten. Die Jungs von der NRA erledigen den Job, sogar besser als geplant: Gleich 14 Teens mit frisch gekauften Turnschuhen finden den schnellen Tod.
An einem der Schlachtpätze treten dann auch erstmalig zwei wichtige weitere Figuren auf:
Buy Mitsui, Flüchtling aus dem überregulierten Frankreich und Börsenmakler. Er wird einem Teenmädel, Opfer, kurz vorher das nötige Geld für den Erwerb der Mercurys schenken. Einfach so, hat er doch kurz zuvor mit einem hochriskanten Deal (nicht legal) seinen Job, seinen Bonus und sein Auskommen gerettet. Das Mädel wird in seinen Armen sterben, während er für den Callcenter-Menschen von der Ambulanz nach seiner Kreditkartennummer sucht.
Auftritt Jennifer Government, Titelheldin des Romans. Sie ist zufällig dienstlich in der Nähe und erwischt einen der NRA-Attentäter fast, bevor sie mit einem Schuss auf ihre selbst gekaufte Sicherheitsweste in die Windschutzscheibe eines zwei Stockwerke tiefer zu gewinnenden Mercedes katapultiert wird (natürlich muss die Regierung den Schaden am Auto ersetzen).
Jennifer, alleinerziehende Mutter, früher mal wichtig in der Werbebranche, wird die Verfolgung der Täter aufnehmen.
Die tödlichen und abstrusen Vorfälle häufen sich. Während der eine der bösen Marketing-Johns von Hanks Freundin mittels Toaster ins Koma befördert wird, steigt der andere in der Nike-Hierarchie weiter auf. Nike ist mit anderen Firmen in einem gemeinsamen Bonusprogramm („US Alliance“) verbunden. Und eigentlich gibt es nur noch ein einziges ernsthaft zur Rivalität fähiges Bonusprogramm: „Team Advantage“. John will Krieg – und den Gegner vernichten. Doch bevor es den Firmen-Gegnern an den Kragen geht, muss noch ein anderes lästiges Hindernis beseitigt werden: Die Reste der Regierung!
Schnell gedacht, konsequent gehandelt, ein Flugzeug mit den wichtigsten Ministern und dem Präsidenten wird (für gutes Geld) von der befreundeten NRA abgeschossen. Dann geht der Krieg der Bonusprogramme auf der Straße erst richtig los. Mitten drin Buy, Hank, Violet und Jennifer, die es nach etlichen Verwirrungen tatsächlich schafft, den ultrabösen John (nebenbei auch noch Vater ihrer Tochter) hinter Gitter zu bringen. Nach den zahlreichen Todesfällen wird es den anderen Chefs der Bonusprogramme nämlich doch etwas unsicher – und vor allem zu wenig profitabel.
Moral von der Geschicht: Ohne Regierung geht es nicht, aussteigende Börsenmakler geben gute Väter ab – und geschwängert verlassene Frauen sind auf Dauer unbezwingbar!
_Was es bringt_
Wenn auch die konzernkritische Grundstimmung manchmal arg platt vorgetragen wird – dieses Buch ist sehr unterhaltsam. Immer wieder erfreuen kleine Vignetten und Seitenhiebe auf den Konsum-Absolutismus amerikanisch-japanischer Prägung. Marketing-aktive Menschen mögen so manche Situation wiedererkennen – und konstatieren, dass die Überzeichnung oft nur gering scheint.
Zudem ist das Buch bis in die Nebenfiguren hinein (tumbe Scharfschützen, blöde Teenkälber, überambitionierte Softwareentwickler) farbig und erfrischend besetzt. Sicher sind einige Charaktere eher Schablonen denn wahrhaftige Menschen – aber in einem lustigen Actionkracher darf das auch mal sein. Zumal er gelegentlich auch ein wenig zum Weiterdenken anregt.
|In der Summe:| Spannende Unterhaltung mit anregender Wirkung, gut beobachtet, humorvoll und schnell lesbar: |JUST DO IT!|
Die Verkaufsstrategie der „Krypta“ ist voll aufgegangen, der Buchtitel versprach einen spannenden Thriller religiösen Inhalts, an dem ich nicht vorbeigehen konnte. Der Inhalt des Buches ging allerdings leider in eine vollkommen andere Richtung …
Abenteuerliches über die Krypta
Eines Abends beobachten die beiden Obdachlosen Karla und Hannes, wie zwei dunkel gekleidete Gestalten eine Leiche vor dem Kölner Dom ablegen. Als sie die tote Person genauer untersuchen wollen, werden sie von einem Fremden angegriffen, wobei Hannes von dem nächtlichen Angreifer verletzt wird. Die Kriminalpolizei wird eingeschaltet und Susanne Wendland übernimmt den Fall des ermordeten Dompropstes Oster. Offensichtlich wurde Oster erschlagen, doch findet sich kein Blut am Fundort der Leiche, sodass der Tatort an anderer Stelle zu suchen ist. Um an die verstörte Karla heranzukommen, bittet Susanne die befreundete Schamanin Chris um Rat, von der sie sich erhofft, dass sie zu Karla vordringen kann. Und richtig, Chris bemerkt sofort das zweite Gesicht bei Karla und kann sie zum Reden bringen. Karla verspürt geheimnisvolle Kräfte und Vibrationen rund um den Dom herum, die auch Chris fühlen kann. Auch die vielen Tauben ziehen sich vom Dom zurück, weil sie die brodelnde Gefahr bemerken können.
Der Autor und studierte Jurist Matthew Reilly entdeckte schon früh seine Leidenschaft für das Bücherschreiben; so fertigte er seinen ersten Roman „Showdown“ (im Original „Contest“) schon während seines Studiums an und beendete ihn im Alter von nur 19 Jahren. Probleme ergaben sich allerdings bei der Veröffentlichung, denn sein Manuskript wurde zunächst überall abgelehnt, sodass Reilly die ersten tausend Kopien seines Buches auf eigene Kosten publizierte. Leider fand er später doch noch einen Verlag für seine Romane …
In Reillys neuestem Werk „Operation Elite“ steht erneut Shane M. Schofield, genannt „Scarecrow“ im Mittelpunkt des Geschehens. Die Majestic-12, eine Gruppe einflussreicher Milliardäre, haben eine Liste mit den Namen von 15 Personen ausgegeben, die zu liquidieren sind, auf jeden Kopf wurden stolze 18,6 Millionen Dollar ausgesetzt, sodass die Jagd der zahlreichen Kopfgeldjäger auf die gewinnbringenden Opfer der Liste rasant losgehen kann. Auch Schofields Name taucht auf der Liste auf, und so dauert es nicht lange, bis er in Sibirien in einen Hinterhalt gelockt wird und sich urplötzlich in Lebensgefahr befindet. Doch Schofield kann sich aus zahlreichen brenzligen Situationen retten, muss aber schnell erkennen, dass seine Feinde von seiner Liebesbeziehung zu Libby Gant wissen.
Während Schofield in Sibirien vor den Kopfgeldjägern flüchtet, befindet sich Gant zusammen mit Mother(fucker) in Afghanistan, um den letzten Terroristenunterschlupf der Al-Kaida in die Luft zu sprengen. Doch auch dort treffen konkurrierende Truppen aufeinander, die es einerseits auf Gant abgesehen haben, aber auch auf weitere Köpfe der Liste. Gant kann eine lasergesteuerte Bombe aktivieren, die die Terroristenhöhle in die Luft sprengen wird, gerät aber selbst in die Fänge eines gefährlichen Kopfgeldjägers, der es eigentlich auf Schofield abgesehen hat.
Zusammen mit Mother und dem gefährlichen Knight eilt Schofield sogleich zur Rettung seiner Liebsten, gerät aber auch hierbei von einer lebensbedrohlichen Situation in die nächste. Derweil versucht Schofields Gefährte Book herauszukriegen, was die Majestic-12 mit der Liquidierung der 15 Personen bezwecken wollen und entdeckt dabei Unglaubliches. Ein neuer Krieg entsetzlichen Ausmaßes soll ausgelöst werden und einzig Schofield ist noch in der Lage, diesen zu verhindern …
In einem kurzen ersten Kapitel erzählt Matthew Reilly von der Liste der M-12, auf der 15 Menschen stehen, die umgebracht werden sollen. Zunächst wird der Leser jedoch über den Sinn dieser Tötungsaktion im Dunkeln gelassen. Erst später kommen die Romanfiguren hinter den Plan der Majestic-12 und wissen, welches Unglück sie zu verhindern haben. Doch Reilly hält sich nicht lange mit diesen einleitenden Worten auf, sondern lässt Schofield schon bald blindlings in die erste lebensbedrohliche Situation spazieren. Schon nach wenigen Seiten befindet sich der Leser mitten in einer actiongeladenen Situation, in der Kopfgeldjäger, Söldner und andere gefährliche Schurken hinter Shane M. Schofield her sind. Dort werden hochtechnologische Waffen gezogen, mit denen Gebäude zum Einsturz gebracht oder Waffen unbrauchbar gemacht werden und auch welche, die Schofields Leben retten werden.
Überhaupt scheint Reilly eine blühende Phantasie und ein Faible für Technik zu haben, denn auf vielen Seiten erzählt er von neuartigen Erfindungen, von denen die Welt bislang nichts gehört hat. Eines der Flugzeuge ist beispielweise mit einem Schallwellenmanipulator ausgerüstet, mit dem sich der Überschallknall verhindern lässt. Auch von den Düppeln, unter denen man sich hier viskose Teilchen vorstellen muss, die in der Luft schweben und sich überall festsetzen können, hatte ich vorher noch nichts gehört; „Düppel“ bezeichnet herkömmlich ein Radartäuschungsmittel. Dabei scheinen gerade die Düppel doch sehr hilfreich zu sein, da sie auch den Lauf sämtlicher Gewehre blockieren können. Als besonders hilfreich erweist sich für Schofield immer wieder sein Maghook, welcher eine Art Fangleine darstellt, die ausgeworfen werden kann und die magnetisch (!) überall zu haften scheint. Praktisch an allen Gegenständen haftet der Maghook und selbst beim Autoabsturz in einer bergigen Gegend möchte Schofield seinen Maghook benutzen. Leider bleibt Reilly uns die Antwort schuldig, wo genau dort magnetische Teile zu finden sein sollen. In „Operation Elite“ kann sogar ein Jeep abheben, wenn er nur schnell genug wird. Warum Flugzeuge fliegen, Jeeps jedoch nicht, scheint Reilly leider nicht zu wissen. Nicht ganz klar geworden ist mir die Physik hinter all den beschriebenen technischen Errungenschaften, die wahrlich abenteuerlich sein muss … Einzig die erwähnten Mersenne-Primzahlen gibt es wirklich. Doch wird nicht mehr nach der 40. Primzahl gesucht, wie Reilly noch in seinem Buch behauptet, sondern bereits nach der 41., da Nummer 40 im Jahre 2003 entdeckt worden ist. Ich frage mich ernsthaft, woher Reilly seine abstrusen Ideen nimmt und wieso ein Mann, der Jura und Kunst studiert hat, sich technisch so weit aus dem Fenster lehnen muss …
Neben derlei Abstrusitäten erscheint mir Reilly darüber hinaus sehr waffenverliebt zu sein, denn sämtliche der auftauchenden Figuren sind waffentechnisch fantastisch ausgerüstet und tragen meist mehrere tödliche Gewehre mit sich herum, die allesamt aufgeführt und erwähnt werden müssen:
S. 28: |“Er war mit einer MP-7 von Heckler&Koch bewaffnet, dem Nachfolger der MP-5. Die MP-7 war eine kurzläufige Maschinenpistole, kompakt, aber gefährlich. Außerdem hatte Schofield noch eine halbautomatische Pistole vom Typ Desert Eagle dabei, ein K-Bar-Messer und in einem Rückenhalfter einen so genannten Maghook vom Typ Armalite MH-12 – eine magnetische Haftvorrichtung, die mit einem mit zwei Handgriffen ausgestatteten Gerät abgefeuert wurde, das Ähnlichkeit mit einer Pistole hatte.“|
Auch die Helikopter, Schiffe und sonstigen Fortbewegungsmittel werden in allen möglichen technischen und langweiligen Details vorgestellt, unter denen sich der normale Leser nicht wirklich etwas vorstellen kann. Zur Untermalung sind allerdings viele Gebäude und Orte in Form von Grafiken dargestellt, in welchen verschiedene markante Punkte eingezeichnet sind, an denen sich Schofield und Konsorten in der Geschichte herumtreiben müssen.
Die vorgestellten Charaktere sind farblos und klischeebesetzt. So ist Held Schofield natürlich unverwundbar und mit übermenschlichen Reflexen ausgestattet, die ihn besonders wertvoll machen. Seine Achillesferse findet sich in seiner Liebschaft zu Libby Gant, mit der er seit einem knappen Jahr zusammen ist und der er nach absolvierter Mission einen Heiratsantrag zu machen gedenkt. Schofield ist dermaßen übertrieben und heroisch dargestellt, dass man in keiner Situation mit ihm mitfiebert und sei seine Lage noch so aussichtslos, denn der Leser weiß ja ohnehin, dass sich Schofield retten kann. Besonders eindrucksvoll fand ich die Vorstellung Mothers, die sämtliche Klischees einer toughen Militärfrau in sich zu vereinigen scheint. Später stellt sich im Übrigen heraus, dass Mother verheiratet ist und zwei Kinder hat, die Britney Spears hören.
S. 90: |“Mit ihren einsachtundachtzig, ihrem rasierten Schädel, der Beinprothese und ihren herausragenden Killer-Fähigkeiten hatte Mothers Wort Gewicht. Ihr Spitzname sagte schon alles. Er war die Kurzform von ‚Motherfucker‘.“|
Im Prinzip stellt das Buch eine sinnlose Aneinanderreihung von Actionsequenzen dar. Eingeteilt ist es in sieben Kapitel, die die Angriffe auf den Superhelden Shane M. Schofield durchnummerieren. In jedem einzelnen Kapitel, welches wiederum unterteilt ist in zahlreiche kurze Abschnitte, findet sich der Leser konfrontiert mit einer eindrucksvoll bedrohlichen Situation, in der die guten Helden selbstverständlich immer weit in der Unterzahl sind, aber dennoch meist gegen die bösen Kopfgeldjäger und Terroristen zu gewinnen scheinen. Während von der M-12 Liste also immer mehr Menschen liquidiert werden, überlebt Schofield ein ums andere Mal die Angriffe auf seine Person. In diesem Buch spielen praktisch alle bekannten Geheim-Gruppierungen mit; so trifft der Leser auf Al-Kaida, Dschihad, Mossad, CIA, Marines und ähnliche Organisationen und Geheimdienste. Etwas weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen! Inhaltlich gesehen ist „Operation Elite“ mehr als dünn, die Geschichte um M-12, die die Weltherrschaft an sich reißen wollen, wird größtenteils zu einer kleinen Randerscheinung degradiert, da sich Reilly fast ausschließlich auf die Actionsequenzen konzentriert. Luft holen kann man beim Lesen daher kaum, da die Szenenschauplätze so häufig gewechselt werden und immer wieder in einem Gemetzel enden, dass keine Ruhepausen auftauchen. Manch einen Geschmack mag diese stupide Actionbeschreibung treffen, ein wenig Story hätte dem Buch allerdings recht gut getan.
Sprachlich ist „Operation Elite“ eine reine Katastrophe und absolut dilettantisch geschrieben, viele Sätze sind nur unvollständig und kommen ohne ein Verb aus, auch Nebensätze sind eine seltene Erscheinung in diesem Buch – warum auch, man kommt offensichtlich sehr gut mit kurzen und abgehackten Hauptsätzen aus. Kompliziertere Satzkonstruktionen wird der Leser hier vergeblich suchen, auf sprachliche Schönheit und ausgewählte Wortwahl kommt es Reilly nicht an. Ganz im Gegenteil, geschmückt wird „Operation Elite“ von zahlreichen kursiv gedruckten Worten, die ich eigentlich nur aus Comics kenne. Reilly offenbart in „Operation Elite“ seine Vorliebe für Ausdrücke wie „wosch, wumm, krack, bläm, wopp, kreisch, wromm, klong, schmatz, schluck“ etc., die teilweise mitten in einem Satz auftauchen, oftmals aber auch völlig alleine dastehen.
S. 51: |“Der Bodyguard feuerte – Clark feuerte im selben Moment – der Bodyguard fiel mit dem Gesicht auf den Boden – Clark brach ebenfalls zusammen – dann zog Wexley die Pistole – während Schofield sich abrollte und zweimal seine Desert Eagle abfeuerte – Bäng! Bäng! Wexley wurde in die Brust getroffen und einen halben Meter zurückgeschleudert, prallte gegen die Wand des Verwaltungsgebäudes und brach zusammen.“|
An vielen Stellen verwendet Reilly Metaphern, die einfach nur unpassend wirken, wie beispielsweise: |“Der Kopf des Soldaten explodierte wie eine Büchse Tomatensuppe.“| (S. 129) Ahnlich ungeschickte Ausdrucksweisen finden sich häufig und wären besser dem Lektorat zum Opfer gefallen. Sehr bildhaft wird ein sich nähernder Helikopter durch die Aneinanderreihung von zahlreichen „Wopps“ angekündigt, die sich auf einer Länge von ganzen zwei Zeilen wiederfinden. Im Grunde genommen hat Reilly sein sinnfreies Buch so geschrieben, als wäre es in der Tat ein Comic. Ich persönlich stelle mir dabei eine Menge lustiger Bilder vor, in denen die Menschen mit Sprechblasen ausgerüstet werden und Geräusche mit derlei Begriffen wie oben aufgezählt erläutert werden. Sprechblasen bräuchte dieser Comic allerdings nur wenige, da Dialoge recht rar gesät sind in Reillys aktuellem Werk. Meist geht es ihm nur um rasante Szenen, in denen jedes Wort fehl am Platze wäre und in denen daher auch nicht viel geredet wird. Um seinen Worten mehr Ausdruck zu verleihen, spart Reilly nicht an Satzzeichen, in geradezu verschwenderischer Weise werden besonders dramatische Ausrufe mit gleich mehreren Ausrufezeichen versehen, damit auch der unaufmerksamste Leser bemerkt, dass etwas betont werden möchte. Auch die häufig kursiv gedruckten Passagen haben einen ähnlichen (und überflüssigen) Effekt.
Auf etwas über 500 Seiten kämpft sich der Leser durch sieben lebensgefährliche Szenen, in denen Shane M. Schofield sich seinen Gegnern stellt und schier ausweglose Situationen meistert. Immer wenn der Leser glaubt, dass Schofield sich nun wirklich nicht mehr retten könne, zaubert dieser ein weiteres Ass aus dem Ärmel, mit dem er wieder einmal seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Realistisch ist das Buch an keiner Stelle und auch spannend mag es nicht werden. Eher fühlt man sich genervt durch sinnfreie Ballerei und unglaubliche technische Erfindungen, die einzig der Phantasie des Autors entspringen. Sprachlich rangiert das Buch an unterster Stelle und ich bin mir fast sicher, dass ich noch nie so etwas Dilettantisches gelesen habe.
Blöd, wenn man einen Comic erschaffen will und nicht zeichnen kann – aber schreiben leider ebenso wenig …
Auf BPK-TV, einem erfolgarmen Sender, dümpelte „Hausarrest“, ein Menschenzoo à la „Big Brother“, bisher ohne besondere Zuschauerresonanz dahin. Am 27. Tag ist einer der Insassen durchgedreht und hat eine Mitgefangene erstochen. Leider (und merkwürdigerweise) haben die sonst allgegenwärtigen Kameras zwar die Bluttat, aber nicht das Gesicht des Täters festgehalten.
Der Verdacht liegt nahe, dass es einem der anderen Teilnehmer gehört. Chief Inspector Coleridge von der Mordkommission sieht sich bei seinen Ermittlungen indes vor ein für ihn ganz neues Problem gestellt: Nachdem die Quoten durch die Schreckenstat plötzlich in die Höhe schnellten, wollen die Macher „Hausarrest“ ganz und gar nicht absetzen. Die Show wird weitergehen. Coleridge muss seine Verdächtigen ‚von außerhalb‘ überprüfen. Ben Elton – Tödlicher Ruhm weiterlesen →
Gekauft – aber noch nicht gelesen? Angelesen, aber irgendwie nicht weitergekommen? Mit belletristischen Bestsellern machen wohl viele Käufer solche Erfahrungen. Angelockt von hymnischen, begeisterten oder einfach nur positiven Besprechungen wird gekauft, aber dann …
Mit „Middlesex“, dem 2003 erschienenen zweiten Roman des Amerikaners Jeffrey Eugenides, mag es sich ähnlich verhalten. Aber: Er hat diese mögliche Missachtung nicht verdient. Im Gegenteil.
Abschreckend mag am Anfang wirken, dass das Buch recht umfangreich ist. Es bietet 529 Seiten im Original, 816 in der deutschen Übersetzung von Eike Schönfeld, als Taschenbuch mit 736 Seiten im November 2004 bei |Rowohlt| erschienen. Aber das sollte doch die eifrigen Leser langer Schmöker, von denen es unter unseren Lesern durchaus einige geben soll, nicht abhalten. Zurückhaltung mag auch durch das vordergründig nicht so wahnsinnig spannende Thema gefördert werden: Der Roman erzählt die Familiengeschichte eines griechischstämmigen Hermaphroditen, dessen Kindheit und Adoleszenz, sehr knapp durchschossen von einigen Sequenzen im Berlin von heute (die sind aber nur schmückendes Beiwerk).
_Wer schreibt da?_
Jeffrey Eugenides ist hierzulande seit Erscheinen des Buches auf Deutsch im Sommer 2003 ein immer wieder gerne präsentierter Vorzeige-Amerikaner. 1960 in Detroit geboren, seit einigen Jahren in Berlin lebend und arbeitend. Griechische Herkunft, Intellektuellen-Kinnbärtchen, Halbglatze.
Warum das wichtig ist? Nun ja, die Hauptfigur des Romans („Calliope“ oder einfach „Cal“) teilt mit ihm das Geburtsjahr, den spitzen Künstlerbart, annähernd die Herkunft – aber nicht die Halbglatze.
Eugenides wurde vor rund zehn Jahren mit seinem Romandebüt „The Virgin Suicides“ (auch verfilmt, mit ordentlichem Soundtrack der geschmäcklerischen Franzosen |Air|) schon recht bekannt. Da hatte er ein Thema, das sich auch in Middlesex wiederholt: Den Beginn der bewussten Wahrnehmung eigener Sexualität, das Leben in geordneten amerikanischen Vorstadt-Verhältnissen, und die Turbulenzen darunter. Vereinfacht könnte man sagen: Der Kerl schreibt ja Jugendromane! Aber so ganz stimmt das natürlich nicht. Und mit „Middlesex“ übertrifft er meiner Meinung nach das vor zehn Jahren hoch gelobte (und von mir damals auch erfreut aufgenommene) Debüt doch erheblich. Reifer ist er geworden, tiefer, schärfer, brillanter.
_Worum es geht_
Nein, die Story in allen Verästelungen darf ruhig ein anderer nacherzählen, am besten lässt sie sich ohnehin im Buch selbst nachlesen. Da dies keine klassische Spannungs- oder Abenteuerliteratur ist, sind die Wendungen des Plots ohnehin nicht das Wichtigste.
Kurz gefasst spannt sich die Erzählung über einen Rahmen von etwa 80 Jahren, beginnend mit der Vertreibungsgeschichte der kleinasiatischen Großeltern des Helden / der Heldin. Zwei Geschwister wachsen auf in einem Dorf, leben von der Seidenraupenzucht, bis der Krieg (Atatürk) sie aus der Heimat vertreibt. Auf dem Schiff nach Amerika heiraten die Geschwister, kommen an in Amerika, genauer in Detroit. Dort beginnen sie ihr neues Leben, arbeiten für Ford, als Schmuggler, in der eigenen illegalen Kellerbar (Prohibition), für eine falsche schwarze Erweckungsgemeinschaft, im eigenen Imbiss.
Die zweite Generation (Cals Eltern) ist schon richtig amerikanisch, verlässt nach Rassenunruhen das Zentrum Detroits (wie so ziemlich alle anderen auch), kommt zu jährlich neuen Cadillacs und zu zwei Kindern. Eins davon ist das Wunschmädel Calliope, deren Kindheit und ganz besonders frühe Teenjahre ausführlich geschildert werden. Sie verliebt sich in eine junge rothaarige Kettenraucherin, einem liebevollen Sommer (samt Entjungferung Cals) folgt das jähe Erwachen: Cal ist genetisch ein Mann – und die zugehörigen Geschlechtsorgane sind auch da, nur ein wenig versteckt. Jetzt sind schon über achtzig Prozent des Plots herum, die männlichen Jahre Cals bis heute werden nur noch in kurzen Impressionen geschildert.
_Und worum geht es wirklich?_
Die eigentlichen Themen von Eugenides’ Roman sind durchaus vielschichtig. Nach meinem Verständnis geht es unter anderem um
– sexuelles Erwachen
– Immigration
– Identitätswechsel
– sich entvölkernde Städte
– Selbstfindung in Suburbia
– Nature vs. Nurture
– letzte Chancen
Und am Rande lernen interessierte Leser natürlich auch noch einiges über Hermaphroditen, die Geschichte Kleinasiens und Detroits, griechisches Essen, Kultur, und und und.
_Zur Bewertung_
In der Rückschau darf „Middlesex“ als eine der besten Neuerscheinungen des Jahres 2003 gelten – wenn nicht |die| beste.
Vieles, wenn nicht das meiste an der Story dieses breit angelegten Romans ist durchaus nicht im alltäglichen Erfahrungsfeld der allermeisten Leser zu finden – und doch fühlt zumindest dieser Rezensent sich konstant angesprochen. Die Charaktere sind fast durchgängig mehr als glaubhaft, interessant bis fesselnd. Die Sprache ist souverän, so soll Erzählen heute klingen. Die Geschichte, die Jeffrey Eugenides ausbreitet, ist bei aller Entfernung eine Geschichte, die mich schon nach wenigen Seiten wirklich interessiert und stellenweise fasziniert.
Und hatte ich mich anfangs noch hauptsächlich wegen des in guter Erinnerung gebliebenen Autors und des etwas exotischen Sujets für „Middlesex“ interessiert, so wich diese oberflächliche Neugier doch bald dem unbedingten Weiterlesen-Wollen.
„Middlesex“ unterhält, es macht nachdenklich, es öffnet neue Blickwinkel. Der |Pulitzer|-Preis dafür ist mehr als gerechtfertigt, und ich bin froh, dass der Detroit-Berliner Vorzeige-Autor noch jung genug ist, weitere Bücher zu schreiben. Wenn er in dieser Form weitermacht, dann kommt da alle paar Jahre mal wieder ein wirkliches literarisches Ereignis. Von denen gibt es nicht genug, also sage ich schon im Voraus einmal: Danke.
Und damit zur abschließenden Empfehlung (in vier Worten):
Zwischen 1933 und 1941 realisierten die nationalsozialistischen Machthaber die „Reichsautobahn“. Nach 1945 wurde sie zum Mythos verklärt und galt als ‚gutes‘ Erbe der Nazi-Zeit. Die Autoren rücken dieses Bild nachdrücklich gerade, indem sie die Autobahn als Propaganda-Schöpfung und nur bedingt gelungenes Bauwerk entzaubern: ein faktenreiches, logisch gegliedertes, mit zahlreichen Fotos illustriertes Werk, das auch dem historischen Laien ein wichtiges Kapitel der zeitgenössischen Geschichte vor Augen führt. Erhard Schütz/Eckhard Gruber – Mythos Reichsautobahn weiterlesen →
„Ich heiße Lu, und mein Vorname ist Yu, aber man darf mich nicht mit dem bedeutenden Verfasser von Das Buch vom Tee verwechseln …“
Mit diesem Satz stellt sich ein junger Mann vor, der von allen nur Nummer Zehn der Ochse genannt wird, weil er der zehnte Sohn seines Vaters und sehr stark ist. Er ist der Erzähler in „Die Brücke der Vögel“ und, das sei vorab verraten, auch in allen anderen Meister-Li-Romanen von Barry Hughart. Ein großer, gutmütiger und freundlicher Kerl, dessen Stärke nicht nur in seinen Muskeln liegt.
Der Rabe zieht weiter; formiert mit neuen Mitgliedern, neuen Magiern, neuen Kämpfern und neuem Mut machen sich der mächtige Hirad, der Zauberer Ilkar, der dunkle Magier Denser und ihre neuen Gefährten auf den Weg, die fehlenden Elemente des |Dawnthief|-Zauberspruches zu erlangen und mit dessen Hilfe die Rückkehr der mächtigen Wytchlords zu verhindern. Doch ihr weiterer Weg ist geprägt von Verrätern aus den eigenen Reihen, unerwarteten Begegnungen und einer Bedrohung durch die feindlichen Wesmen, die sich nun endgültig gesammelt haben, um den wichtigen Stützpunkt am Understone-Pass, in ihren Besitz zu bringen, von dort aus die beiden Zauberkollegien Julatsa und Xetesk anzugreifen und schlussendlich die Macht über ganz Balaias zu erlangen.
Nur dann, wenn die Kollegien auch weiter zusammenhalten, die Verräter bekehrt bzw. vernichtet werden und der Rabe die volle Unterstützung bekommt, um gegen die allmächtigen Wytchlords und ihre neuen Verbündeten, die Soldaten der Wesmen, in den Kampf zu ziehen, kann das Unheil noch von Balaias abgehalten werden. Doch betrachtet man die Spur der Verwüstung, die die Wesmen und die Schamanen bereits hinterlassen haben, sind die Hoffnungen auf eine erfolgreiche Verteidigung gering. Die letzte Hoffnung ruht schließlich auf dem dunklen Magier Denser, der an Ort und Stelle in der Pyramide von Parve den gefürchteten Zauberspruch wirken muss, damit die Wytchlords samt Gefährten für immer in eine andere Dimension gejagt werden.
Es ist bereits zwei Monate her, dass ich den ersten Teil [„Zauberbann“ 892 gelesen habe, und doch habe ich mich sehr schnell wieder in die Story um den Raben eingefunden, was in erster Linie Barclay’s einfach verständlichem Stil zu verdanken ist, dem man selbst als Fantasy-Laie problemlos folgen kann. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass der Anspruch der „Chroniken des Raben“ gering ist, denn wie schon das vorangegangene Buch, so besticht auch „Drachenschwur“ durch eine zeitgemäße und doch packende Fantasy-Geschichte, die sich inhaltlich glücklicherweise vom gängigen „Herr der Ringe“-Prinzip abhebt. Das war im ersten Teil noch nicht ganz der Fall, jedoch hat Barclay sich durch einige geschickte Wendungen in der Geschichte sein ‚eigenes Ding‘ erhalten, das man mit Freude weiterverfolgt. Lediglich die Tatsache, dass sich die Geschehnisse im zweiten Teil ein wenig überschlagen und so mancher Knackpunkt in der Geschichte nicht vollends ausgeschmückt wird, ist Grund zur Kritik. Inwiefern dies doch möglich ist, hat „Zauberbann“ seinerzeit deutlich aufgezeigt, deshalb ist es schon verwunderlich, dass Barclay gerade in der Mitte des Buches die Ereignisse fast in einer Art Aufzählung herunterrasselt.
Darunter leidet das Buch auch für kurze Zeit, jedoch spätestens ab dem Zeitpunkt, in dem die Schlachtszenen nicht mehr das Geschehen bestimmen, findet Barclay wieder zum herkömmlichen Stil zurück. Gut so, denn „Drachenschwur“ ist ebenfalls ein wirklich begeisternder Fantasy-Roman und kann bis auf die wenigen angesprochenen Mängel die hohen Erwartungen nur bestätigen.
James Barclay darf sich getrost in die Riege erhabener Fantasy-Autoren einreihen und hat mit der Geschichte des Raben, die übrigens im nachfolgenden „Schattenpferd“ weiter fortgesetzt wird, einen prima Einstand auf dem europäischen Markt geliefert. Harren wir also mit großer Vorfreude der Dinge, die da noch kommen werden.
Homepage des Autors: http://www.jamesbarkley.com
Homepage des Zyklus: http://www.ravengazetteer.com
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