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Rudolf Kreis – Wer schrieb das Nibelungenlied? Ein Täterprofil

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Pringle, Heather – Mumien-Kongress, Der. Reise in die Welt des ewigen Todes
„Der Kongress“ ist es, der die Wissenschaftsjounalistin Heather Pringle anfänglich in den Bann zieht. Genauer gesagt ist es der „3. Weltkongress der Mumienforschung“, an dem sie auf der Suche nach Berichtenswertem im fernen chilenischen Arica als Zuhörerin teilnimmt. Aus der ganzen Welt sind kluge Männer und Frauen zusammengekommen, um über künstlich oder zufällig konservierte Leichen und deren Aussagewert für die Wissenschaft zu diskutieren.
Pringle erwartet, an einen unheimlichen Ort voller Sonderlinge zu geraten. Dies bestätigt sich voll und ganz, aber nach kurzer Zeit ist sie den Mumien trotzdem gänzlich verfallen: Ihrer morbiden Faszination kann offenbar niemand widerstehen. Die Mumienforscher entpuppen sich zudem bei aller Verschrobenheit als liebenswürdige, kontaktfreudige Menschen, die gern über ihre Arbeit Auskunft geben.
So beschließt Pringle, sich nach dem Besuch in Arica nicht sogleich anderen Themen zu widmen, sondern sich echten Eintritt in die Welt der Mumien zu verschaffen. Sie beschließt dort damit zu beginnen, wo aus Laiensicht alles begann: im alten Ägypten. „Das Messer des Pathologen“ beschreibt zum einen die Grundlagen der Mumifizierung. Es ist gar nicht so leicht Menschenfleisch wirklich haltbar zu machen. Längst sind die diesbezüglichen Geheimnisse nicht alle gelöst. Eine Gruppe von Forscher studiert den Prozess und sein Objekt am Ergebnis selbst, d. h. an der Mumie. Die wird zu diesem Zweck wie eine x-beliebige Fundleiche auf den Untersuchungstisch gehievt, um anschließend nach allen Regel ärztlicher Kunst auseinandergenommen zu werden. Die Einzelteile werden anschließend à la „CSI“ mit moderner Labortechnik untersucht.
Erstaunliches kommt dabei ans Licht. Mit ein gutes Argument gegen jene, die sich gegen die Störung der Totenruhe aussprechen – Mumien waren schließlich einst Menschen, die viel Zeit & Geld in ihre körperliche Unsterblichkeit investierten -, ist nicht die reine wissenschaftliche Neugier, sondern der „allgemeine Nutzen“. So ist auch das moderne Ägypten ein von fiesen Wasserparasiten geplagtes Land. Deren Lebenskreislauf ist unerhört kompliziert. Eines steht fest: Eine fest eingeplante Station ist der Mensch. Die unglücklichen „Wirte“ verenden an grausigen Krankheiten, die sich nach wie vor nicht heilen lassen. Es gilt mehr über diese uralten Geißeln der Menschheit zu erfahren – und uralt sind sie wirklich, denn sie lassen sich in Mumien nachweisen und so besser erforschen.
„Drogenbarone“ überschreibt Pringle provokativ das nächste Kapitel. Mumienforscher sind keineswegs ein einig‘ Volk gemeinsam studierender Brüder & Schwestern. Eifersüchtig hüten sie ihre „Claims“, verteidigen ihre Theorien, befehden einander. Einen Aspekt dieses an sich gesunden, die Diskussion in Gang haltenden Verfahrens greift Pringle auf, als sie das Rätsel auffälliger Kokain- und Tabaknachweise in Mumiengewebe beschreibt. Gab es etwa urzeitliche Verbindungen zwischen Altägypten und Südamerika?
Mumien sind das ideale Objekt für „Kriminalgeschichten“. Sie konservieren oft unabsichtlich die Geschichte eines gewaltsamen Todes. Überall auf der Welt werden mumifizierte Männer und Frauen gefunden, die man erdrosselt, denen man den Hals durchgeschnitten oder die man sonstwie zu Tode gebracht hat. Dies übrigens auch im kalten und feuchten, dem Mumienbau ansonsten eher abträglichen Mitteleuropa, wo es die berühmten Moorleichen sind, die das Interesse späterer Generationen finden. Mord oder Menschenopfer, das ist hier die Frage, die sich zwar schwierig, aber doch häufiger als gedacht beantworten lässt.
Das Sprichwort vom Kehren (unangenehmer) Beweise unter den Tisch lässt sich auch auf die doch scheinbar harmlosen, weil von Äonen in einer völlig fremden Urwelt entstandenen Mumien anwenden. Sie können urplötzlich wieder sehr präsent werden, wenn moderne Politik und Religion ins Spiel kommen. Die Volksrepublik China ist ein großes und mächtiges, aber auch empfindliches Land. Kommunistisches Unrecht beim Aufbau einer „neuen, besseren Welt“ haben nicht die Zustimmung des Auslands gefunden. Deshalb achten die Machthaber sehr auf die Wahrung ihrer Ansprüche. Die Realität wird dem nicht selten angepasst. Das gilt auch für die Vergangenheit. So ist man im „offiziellen“ China sehr stolz darauf, deutlich früher und aus eigener Kraft als die viel gerühmten europäischen Länder zur Kulturnation aufgestiegen zu sein. Da ist es peinlich, dass unlängst sehr gut erhaltene Mumien entdeckt wurden, die eine andere Sprache sprechen. Bisher unbekannte „Eindringlinge aus dem Westen“ sind vor vielen tausend Jahren aus Europa nach Asien gekommen und haben dort viele der großen Erfindungen, derer man sich dort heute rühmt, erst eingeführt – ein prekäre Situation, die den Mumienforschern sehr zu schaffen macht, da sie mit Unterstützung unter diesen Umständen kaum zu rechnen haben.
Vor gar nicht so langer Zeit war dies allerdings auch im „freien“ Westen der Welt kaum anders. Pringle erzählt traurige Geschichten von „Wissenschaftlern“, die mit Hilfe der Mumien die geradezu biblische Überlegenheit der weißen „Herrenrasse“ belegen wollten. Wie üblich setzen die Nazis den traurigen Höhe- und Schlusspunkt dieser breiten Sackgasse.
Sie möchten im Wohnzimmer ihren Freunden eine getrocknete Königstochter präsentieren? Vielleicht reicht auch ein Kaminaufsatz aus geschmackvoll arrangierten Kinderköpfen? Oder wie wäre es gegen Unwohlsein und Alterswehwehchen mit einem Tee aus Mumienpulver? Damit lassen sich übrigens auch tolle Bilder malen! Vor kaum einem Jahrhundert war die Erfüllung solcher Wünsche kein Problem; der kultivierte Europäer, der nicht ins schmutzige und heiße Ägypten reisen wollte, konnte sich Mumien sogar bestellen. „Mumienhändler“ traten in vielen Gestalten auf – und sie tun es sogar noch heute, obwohl das Gewerbe gefährlich geworden ist.
So mancher Zeitgenosse schafft es erst nach dem Tod, in den erlauchten Kreis der „Berühmtheiten“ aufgenommen zu werden. „Ötzi“ aus Tirol beweist, dass sogar potthässliche Mumien zu echten Kultstars aufsteigen können. Das gilt noch viel mehr für die berühmten Inkakinder-Mumien aus Südamerika. Eine Laune der Natur ließ sie sich manchmal erschreckend gut erhalten – erschreckend deshalb, weil prompt konkurrierende Gruppen um die Toten zu raufen beginnen. Pringle schildert das (Zwerchfell) erschütternde Gezerre zwischen Entdeckern, Mäzenen, Regierungen, Medien und Moralaposteln im Fall „Juanita“, der vielleicht prominentesten Inkamumie.
Mumien in Europa? Die Moorleichen haben wir schon kennengelernt. Aber es gibt auch echte Mumien – und sogar einen eigenen Begriff für sie: „Die Unvergänglichen“ sind Männer und Frauen, auf die ihre Zeitgenossen auch im Tode einfach nicht verzichten wollten. Also wurden sie konserviert und in ihrer Mitte platziert. Die Katholische Kirche hat sogar einen regelrechten Kult um ihre „Heiligen“ betrieben, die im Leben so fromm waren, dass sie im Tod kein Wurm anzubohren wagte. Pringle weist nach, dass hierbei recht oft kräftig und wenig ehrerbietig nachgeholfen wurde.
Aber das Mittelalter ist vorüber, die Menschen sind über solchen Reliquienkult hinaus? Pringle besucht in Moskau die kleine Gruppe hochqualifizierter Spezialisten, die nach wie vor die berühmteste Mumie der Jetztzeit in Schuss halten. Der Sowjetdiktator Lenin gehört zu den zahlreichen kommunistischen „Despoten“, die quasi als Heiligenersatz im 20. Jahrhundert mit ungeheuerlichem Aufwand konserviert wurden. Josef Stalin, Ho Chi Minh, Kim Il Sung – sie alle erfuhren diese Behandlung, doch nur Lenin hat sie „überlebt“.
Wie kam der Mensch vor Äonen auf den Gedanken, seine Verstorbenen vor dem Verfall zu bewahren? Die ältesten bekannten Mumien der Welt scheinen einen sehr verständlichen Grund zu offenbaren: Schon zweieinhalb Jahrtausende vor den Ägyptern schufen die chilenischen Chinchorro Mumien – sie präparierten so ihre „Kinder“ für die Ewigkeit. So begann womöglich die Mumifizierung: als Versuch untröstlicher Eltern, ihre Lieben auch im Tod bei sich zu behalten.
Und es geht weiter. Mumien sind längst nicht ausgestorben. Sie scheinen an Zahl sogar zuzunehmen. „Selbstkonservierung“ nennt Pringle ihr letztes Kapitel. Sie beschreibt darin die bizarre Praxis überfrommer japanischer Mönche, sich buchstäblich selbst bei lebendigem Leibe zu mumifizieren. Wer die Ewigkeit nicht als Wurmfutter, aber etwas bequemer betreten will, findet heute (bei ausreichend dicker Geldbörse) zahlreiche Alternativen. Pringle besucht bizarre Kühlhäuser, in denen sorgfältig tiefgefrorene Leichen auf eine mögliche Wiederauferstehung in ferner Zukunft warten. Wer es wünscht, kann sich aber auch auf altägyptische Weise, d. h. ganz klassisch mumifizieren und in Leinenbinden einwickeln lassen, womit sich der Kreis wohl geschlossen hätte.
Der Mensch und der Kult um seine Toten … ein unerschöpfliches Thema, das gleichzeitig fasziniert, erschreckt und abstößt. Dafür gibt es kaum ein besseres Symbol als die Mumie. Sie repräsentiert, was nach Auffassung zumindest der Bewohner der westlichen Erdhemisphäre lieber sorgfältig außer Sicht gehalten werden sollte. Aber so denken eben längst nicht alle Menschen, und selbst in Europa oder Nordamerika, wo der Tod heute vom Leben separiert wird, war es vor gar nicht langer Zeit ganz anders.
Leichen gehören zum Alltagsleben. Das kann groteske Formen annehmen, aber auch rührend wirken. Heather Pringle versucht das gesamte Spektrum des Mumienphänomens nachzuzeichnen. Sie hat dabei buchstäblich eine Weltreise unternommen und erstaunliche, erschreckende und – man vergesse nie, dass Leiden & Lachen Verwandte sind – erheiternde Fakten zusammengetragen.
Pringle nähert sich dem komplexen und schwierigen Thema nicht unvoreingenommen. Sie bekennt schon früh, dass sie Probleme mit Bereichen der Forschung hat. Mumien sollten ihrer Meinung nach erhalten werden – nicht als historische „Objekte“, sondern als Hüllen einst lebendiger Menschen, denen es wichtig war, gut konserviert in die Ewigkeit einzugehen. Nun landen sie auf dem Labortisch und werden zum Wohl der Wissenschaft in kleine Stückchen zerhackt.
Dieser Riss klafft sogar zwischen den Mumienforschern selbst. Es gibt heute schonende Untersuchungsmethoden, aber Praktiker schwören weiterhin auf das Pathologenmesser. Sie könnten Recht haben. Darf man sie aufgrund moralischer Vorbehalte stoppen? Oder sind Mumien doch nichts als wissenschaftlich hochinteressantes Aas? Eine schwierige Frage mit vielen Antworten, die längst nicht beantwortet ist.
Nur einmal verliert Pringle ihre Objektivität. „Kinder“, die Geschichte der Chinchorro-Mumien, gerinnt ihr zur rührseligen Gute-Nacht-Geschichte, für die sie vor ihrem geistigen Auge schluchzende Mütter materialisieren lässt, die eine Möglichkeit gefunden haben, ihre Kinder bis über den Tod hinaus lieben. Dass es dafür erforderlich wurde, die lieben Kleinen u. a. zu häuten, scheint Pringle in ihrem urzeit-paradiesischen Traueridyll nicht weiter zu irritieren. Auch fragt sich, was die Chinchorro den lieben langen Tag eigentlich sonst noch getrieben haben außer ihre aufwändigen Mumien zu basteln und auszubessern. Die zeitliche Distanz zur aufgeklärten Jetztzeit schützt Chinchorro offenbar vor solcher Kritik.
Den Pringleschen Schutz verlieren die mumifizierwütigen Mitmenschen, je weiter wir uns der Gegenwart nähern. Die Verfasserin setzt möglicherweise voraus, dass der Mensch mit den Jahren „klüger“ wird und folglich auch den Drang zur unbeschädigten Jenseitsfahrt überwunden haben sollte. Wieso eigentlich? Wir sollten froh darüber sein, dass dies tatsächlich so ist, und die wenigen Abweichler mit Nachsicht betrachten.
In einem hat Pringle freilich absolut Recht: Den Hightech-Mumien von heute wird es in der Zukunft nicht anders ergehen als ihren Vorgängern. Eines Tages wird man sie finden, beileibe nicht neu beleben, sondern wiederum neugierig untersuchen, ausstellen (ausrauben wird nicht mehr lohnen, da keine Beigaben im Kühlsarg liegen) und sich viele Gedanken um sie machen. Aber das ist seit jeher das kalkulierte Risiko bei der Sache gewesen.
„Der Mumienkongress“ ist hier und da zwar ein wenig parteiisch, aber stets sachlich, gut recherchiert und sehr unterhaltsam geschrieben. Nicht das Thema muss den Leser fesseln, die Verfasserin schafft es selbst. Für den Gruselfreund gibt es eine Strecke mit gar zu detailscharfen Fotos. Sie belegen vor allem eines, was dem Laien vielleicht gar nicht deutlich ist: Unsere Vorfahren waren Realisten. Sie wussten, dass ihnen eine 1:1- Präparierung nicht möglich war. Die Mumifizierung war die beste Alternative. Sie erhielt den Körper, der als Gefäß für den Tag der Wiederauferstehung bereit stand. Dass er dann nicht mehr ansehnlich war, wussten sie und nahmen es in Kauf. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die Mumienporträts mustert: Sie zeigen eben keine in ewigem Schlaf erstarrte Menschen, sondern grässliche Fratzen. Wieder eine der unzähligen nützlichen Infos, die wir Heather Pringle verdanken.
Robert R. McCammon – Tauchstation
Seit er vor sieben Jahren seine Familie bei einem tragischen Unfall verlor, lebt der ehemalige Bank-Hai David Moore zurückgezogen auf der kleinen Karibik-Insel Coquino, wo er ein Hotel – das „Indigo Inn“ führt. In seiner reichlichen Freizeit unternimmt Moore Tauchfahrten in die Gewässer um die Insel, die reich an Schiffswracks aus vielen turbulenten Jahrhunderten sind.
Ein paar Andenken aus einem im II. Weltkrieg versenkten Frachter möchte Moore bergen, als er aus dem Grund des Meeres etwas Überraschendes entdeckt: Im Sand steckt das nazideutsche U-Boot Nr. 198 – und eine Wasserbombe, deren verspätete Detonation Moore beinahe ins Jenseits und das Tauchgefährt an die Oberfläche befördert. Dort treibt es die Strömung genau in den Hafen von Coquina. Robert R. McCammon – Tauchstation weiterlesen
McCoy, Alfred W. – CIA und das Heroin, Die. Weltpolitik durch Drogenhandel
Was haben Drogen und internationale Politik miteinander zu tun? Wie ist der weltweite Anstieg des Drogenkonsums zu erklären? Das sind nur zwei der vielen Fragen, die in diesem über 800 Seiten starken Buch beantwortet werden.
Die Allianz zwischen Drogenwirtschaft und CIA baut auf einer langen Geschichte internationalen Drogenhandels auf. Sie beginnt mit dem Schlafmohn und dem Opium, dem „Ahnherr aller illegalen Drogen“ in der Antike. Damals wurde Opium lokal gehandelt, seit dem 17. Jahrhundert wurde es eine Welthandelsware, seit dem 20. Jahrhundert ist es als illegales Heroin gewinnbringender denn je.
Mit einer einmaligen Fülle an Fakten (Quellen- und Stichwortverzeichnis umfassen 150 Seiten) wird eine auf den ersten Blick befremdliche These belegt: Die rigide Antidrogenpolitik reagiert nicht auf weltweite Kriminalität – sondern im Gegenteil: sie schürt diese. In nie gekanntem Maße werden Verbrechen durch immer härteren Kampf gegen Kriminalität erzeugt. Zum Beispiel: „Nachdem die Häftlingsrate in den USA über ein halbes Jahrhundert lang stetig bei 100 Gefängnisinsassen auf 100.000 Einwohnern gelegen hatte, stieg sie, in die Höhe getrieben von immer höheren gesetzlichen Mindeststrafen für Drogenvergehen, von 138 Inhaftierten 1980 auf 702 im Jahr 2002 an…“ (S. 66). Außerdem senken Antidrogengesetze nicht den Konsum, sondern erschweren nur Anbau- und Handelskonditionen. In vielen Gebieten der Erde ist Drogenanbau die einzige Basis zum Überleben, und solange der Westen diese Armut erzwingt, sind alle Bemühungen gegen die Drogeninflation in der 1. Welt reine Sisyphusarbeit.
Aus irgendeinem bescheuerten Grund wird die US-Außenpolitik gern „pragmatisch“ genannt. Aber nichts liegt ferner, als dem Machtkampf der CIA Scharfblick und das Bedenken der langfristigen Folgen des eigenen Tuns zu unterstellen. Diese ach so ‚pragmatische‘ Machtpolitik verbraucht Bündnisse schneller, als neue geschlossen werden. Die CIA findet ‚Freunde‘, die für sich selbst und die CIA um lokale Macht kämpfen. Dafür brauchen sie mehr Ressourcen. Der Schlüssel sind Drogenanbau und -handel, in den Andenländern Südamerikas genauso wie in Zentralasien und Südostasien. Die CIA, internationaler Hauptarm der US-Politik, kann nicht alle strategischen Bündnisse weltweit selbst finanzieren, und das Kräftegleichgewicht kippt immer wieder, wenn ihre Partner eigene Interessen verfolgen – was sie früher oder später tun. Ein Beispiel unter vielen sind die Taliban in Afghanistan.
Umfangreich schildert McCoy die Entwicklung des Drogenhandels seit der Kolonialzeit. Eine neue Phase begann mit dem Kalten Krieg. Denn ab jetzt ging es nicht mehr nur um Profit, sondern der Kampf um ideologische Vorherrschaft in den Regionen kam hinzu und machte das Abhängigkeitsgefüge noch komplexer. Wirtschaft konnte Konkurrenz vertragen, der American Way of Life nie, und so eskalierten die aus politischen Gründen geführten Territorialkämpfe. Heute sind 50 (fünfzig!) US-Regierungsbehörden in den Handel mit Drogen involviert, in Anbau, Herstellung und Transport – auch ins eigene Land.
Die CIA macht mit Heroin Politik, indem sie ihren Einfluss auf den internationalen Drogenhandel zur Durchsetzung amerikanischer Interessen in aller Welt einsetzt: Drogenpolitik ist das Mittel, um Macht zu sichern. Destabilisierung von Regionen und Ländern und Kriege sind Begleiterscheinungen. McCoy, Professor an der Universität Wisconsin, zeigt die Dimensionen und Mechanismen. Es ist keine Verschwörung, kein unter Druck entwickelter finsterer Plan, der da verfolgt wird. Es ist ein Einblick in die Mechanismen einer Weltmacht.
Beispiele:
Der US-Geheimdienst kooperierte im 2. Weltkrieg mit der Mafia in Italien, in den Nachkriegsjahren mit korsischen Verbrechersyndikaten in Marseille, um dort die Macht der gewählten Kommunisten zu brechen. Mit Erfolg. Mit Bedacht legte die CIA das Fundament für die über zwanzigjährige Dominanz der Korsen-Connection im expandierenden US-Heroingeschäft.
Den Krieg in Nicaragua finanzierten CIA und Contras durch Drogenschmuggel. Das wurde in den USA zum Skandal, als sich Bürger aus L.A. über die Crack-Schwemme beschwerten, die mit CIA-Hilfe in den Markt gepumpt wurde. Die Polizei hatte Beweise, doch nichts passierte – zu viele Freunde in Regierungsnähe.
Seit dem Sieg der USA über die afghanischen Taliban blüht dort der Mohnanbau wie nie zuvor: Das Land gilt heute als die erste Opium-Monokultur der Welt mit historischen Rekordernten.
Versuche der CIA, das Buch zu verhindern, scheiterten.
_Knut Gierdahl_
für das Magazin [AHA]http://www.aha-zeitschrift.de
Irwin, Valerie M. – Legende von Atlantis, Die
Der beliebteste Stoff für Fantasy neben der Artussage dürfte eine Erzählung sein, die bis in die Zeit der ersten Geschichtsschreibung überhaupt zurückreicht. Solon soll die Geschichte in einem ägyptischen Tempel auf einer Steinsäule entdeckt und abgeschrieben haben. Jahrhunderte später nahm Platon sich der Geschichte an. Sein „Kritias“ machte die Geschichte zum sagenhaften Mythos, um dessen Wahrheitsgehalt sich bis heute die Gelehrten streiten: Atlantis.
Neben vielen anderen Autoren, darunter Marion Zimmer-Bradley, hat sich auch Valerie M. Irwin des Themas angenommen. Ihre Version von Atlantis unterscheidet sich jedoch grundlegend von den meisten anderen. Sie wirkt wie ein Historienroman.
Ashinn ist ein junger Mann Mitte Zwanzig, der als Koch bei einem reichen Schiffbauer arbeitet. Er lebt ein ziemlich sorgenfreies Leben, genießt gutes Essen und Pferderennen, besucht gelegentlich seine Eltern und Freunde und liebt seinen Beruf. Doch eines Tages fällt ein Schatten auf diese zufriedene Welt: Das Gerücht kommt auf, dass der Meeresspiegel steigt, und bald ist es mehr als ein Gerücht. Ashinn, dessen Ziehvater Mitglied im Hohen Rat ist, gerät dadurch unversehens mitten in den Brennpunkt des Geschehens, denn Atlan soll an einem anderen Ort neu errichtet und die gesamte Bevölkerung umgesiedelt werden. Ein Mammutprojekt! Und Ashinn wird in den Rat des Neuen Atlan berufen, der dieses Projekt durchführen soll.
Allerdings hat das Projekt viele Gegner: eine Sekte, die sich „Die Diener“ nennt, hält die steigenden Fluten für eine Strafe des Sonnengottes En und die Umsiedlung von Atlan für Gotteslästerung. Ihr Einfluss wächst und macht die Arbeit für den Rat des Neuen Atlan zu einem Wettlauf nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen sein eigenes Volk.
Valerie M. Irwin hat sich in vielem dicht an Platon gehalten, so in ihren Beschreibungen der Stadt und der Insel insgesamt, der Wasserversorgung u.a. Was allerdings bei Platon hauptsächlicher, ja alleiniger Grund für den Untergang Atlantis‘ war, nämlich der Zorn des obersten Gottes über die Gottlosigkeit der Atlanter, ist hier nur eine von zwei sich unversönlich gegenüberstehenden Überzeugungen, verkörpert vor allem in dem hohen Priester Diarr. Die Gegenposition wird vertreten von Narr, Ashinns Ziehvater, der nicht an Götter, sondern an die Vernunft glaubt. Der Streit zwischen diesen beiden gegensätzlichen Weltanschauungen wird zum größten Hemmnis bei dem Versuch der Atlanter, sich und ihre Kultur zu retten.
Den entscheidenden Ausschlag für das Misslingen des Versuchs jedoch gab schlicht menschliches Versagen.
Die Religion ist hier also nicht zum reinen Buhmann und alleinigen Bösen verkommen, wie es in vielen Romanen allzu oft der Fall ist. Zustimmung und Ablehnung ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten und Hierarchiestufen, sodass ein Schwarz-Weiß-Effekt vermieden wird.
In diese religiösen, politischen und ideologischen Konflikte ist die Geschichte von Ashinns Familie eingebunden und ergänzt sie durch die gesellschaftlichen Aspekte der atlantischen Kultur:
Sklaverei, Tafelrunden, die an mittelalterliche Gilden und Zünfte erinnern, Ehe und Konkubinat, gesellschaftliche Ereignisse wie Pferderennen und Festessen geben zusammen mit Ashinns persönlichen Erlebnissen dem Gesamtbild Leben und Farbe. In Ashinns Familie spielen sich ähnliche Konflikte ab wie im Hohen Rat: Diener gegen Vertreter der Wissenschaft, Religion gegen Vernunft, nur dass es hierbei nicht so sehr um Macht als um Gefühle geht, um Liebe, Eifersucht und verletzten Stolz.
Allein der Teil der Geschichte, in der sich herausstellt, dass Ashinn und Oriole verwandt sind, wirkt, wenn auch nicht wirklich unrealistisch, so doch zumindest leicht konstruiert.
Abgesehen vom Verlauf der Handlung sind auch die statischen Elemente gut gelungen. Der Entwurf der religiösen Weltsicht und die dazugehörigen Riten sind stimmig und außerdem in die allerdings nur knapp umrissene Vergangenheit eingepasst. Ähnlichkeiten mit dem, was wir von den alten Hochkulturen im Zweistromland und Mittelmeerraum kennen, sind gewollt.
Ashinns Arbeit und seine gelegentlichen Ausflüge in verschiedene Viertel Atlans, sowie aufs Land und zur Nachbarinsel Xetlan, wo er Oriole abholt, beleuchten alle Gesellschaftsschichten, sodass man ein lebhaftes Bild von der Stadt und ihren Bewohnern erhält.
Die Charaktere sind ebenfalls überzeugend gezeichnet. Gekonnt hat die Autorin Aktion und Reaktion ineinander verzahnt und dadurch ein glaubwürdiges Geflecht von Beziehungen geschaffen, so zum Beispiel zwischen König Rastinn, der nichts mehr fürchtet als einen Putschversuch seines Halbbruders, und Prinz Ivorr, der daran überhaupt nicht denkt, sondern einfach nur Atlans Bevölkerung retten will; zwischen Ashinns Ziehvater Narr, dem Atheisten und Forscher, der gerade einen Dampfwagen erfunden hat, und seiner Frau Ocean, die früher zur Dienersekte gehörte und sich für so gut wie nichts interessiert, am allerwenigsten für Technik; zwischen Oriole und ihren Eltern, von denen sie sich rigoros abgrenzt, weil sie sich von beiden ständig in entgegengesetzte Richtungen gedrängt fühlt; und Diarr, der Hohepriester, der zwar fast außerhalb aller Beziehungen zu stehen scheint, aber dessen eindimensionale Denkweise, Dogmatik und Gnadenlosigkeit trotzdem klar herausgearbeitet sind.
So hat die Autorin es verstanden, ein Szenario zu entwerfen, das nicht nur realistisch, sondern in manchen Dingen, wie z. B. Elendsviertel und Überbevölkerung, geradezu modern wirkt. Und wenn, wie ein Teil der Wissenschaft glaubt, Platon sein Kritias nicht als Historienbericht sondern als Utopie, als Belehrung, geschrieben hat, dann ist Valerie Irwins Atlantis ein Exempel dafür, wie eine äußere Gefahr zur Krise und zum Untergang einer ganzen Kultur führen kann, wenn die Verantwortlichen nicht die Kraft und innere Größe haben, die Dinge sachlich und frei von persönlichen Gefühlen und Ideologien zu betrachten, sondern sich statt dessen in kleinlichen Rivalitäten und Machtkämpfen verzetteln.
Die gesamte Geschichte ist eingebettet in einen wissenschaftlichen Bericht über die Entdeckung von beschriebenen Tontafeln in Cornwall, und läßt den Verfasser dieser Tafeln, Ashinn, seine Geschichte selbst aus seinen Erinnerungen erzählen. Anfangs holpert der Erzählfluss ein wenig, da Ashinn sich immer wieder selbst unterbricht, um allgemeine Erklärungen und Beschreibungen über das Leben in seiner Stadt einfließen zu lassen, die für das Verständnis der Ereignisse wichtig sind, doch diese Unterbrechungen hören irgendwann auf, und Ashinn entwickelt sich zu einem guten Erzähler. Alle Erzählstränge sind gekonnt miteinander und ineinander verwoben und ergeben das detailliert ausgearbeitete Bild einer Natur- und menschlichen Katastrophe, eine Geschichte von religiösem Fanatismus, von Machtmissbrauch und politischem und menschlichem Versagen.
Alles in Allem kann man das Buch getrost als gelungen bezeichnen. Das Holpern am Anfang und die konstruierte Verwandtschaft zwischen Oriole und Ashinn stören nur wenig, und der realistische Entwurf, der ohne übliche Fantasy-Elemente wie Magie und mythische Wesen auskommt, hebt es aus der Masse heraus und macht es zu einer interessanten Abwechslung. Die Autorin schreibt flüssig und eher schlicht, aber durchaus lebendig, und auch wenn der Spannungsbogen sich nur allmählich aufbaut, wird es nie zäh oder flach. Durchaus empfehlenswert.
Valerie M. Irwin ist ein Pseudonym und „Die Legende von Atlantis“ scheint das einzige Buch zu sein, das sie unter diesem Pseudonym veröffentlicht hat. Informationen über die Autorin, wie eine Homepage o.ä., waren nicht zu finden.
http://home.pages.at/yoman/atlantis/platon.htm
Patrick Dunne – Die Keltennadel [Jane Wayde 1]

Gablé, Rebecca – Siedler von Catan, Die
„Die Siedler von Catan“ ist Rebecca Gablés Roman zum gleichnamigen Spiel des Jahres 1995 von Klaus Teuber. Dieser war von Rebecca Gablés Bestseller „Das Lächeln der Fortuna“ begeistert, sie selbst spielte gerne sein Spiel. Eine glückliche Verbindung – der Roman „Die Siedler von Catan“ war geboren. Auch wer das sehr empfehlenswerte Gesellschaftsspiel nicht kennt, wird mit einem hervorragenden historischen Roman belohnt:
Elasund ist ein kärgliches Land, das kaum genügend Nahrung hervorbringt, um seine wenigen Bewohner zu ernähren. Durch Überfälle der räuberischen Turonländer wird das Los der Einheimischen zusätzlich erschwert. Der reiche, von seinen Nachbarn beneidete und unbeliebte Olaf fasst einen verwegenen Plan: Er hat im Westen eine große Insel entdeckt, ein reiches und fruchtbares Land, das nur darauf wartet, erobert zu werden.
Hunger und Not treiben die Elasunder dazu, ihm aufs Meer zu folgen. Nach langer Irrfahrt glaubt man sich schon verloren, als ein Sturm die Flotte an ein fremdes Gestade spült, das jedoch nicht Olaf’s Insel zu sein scheint: Man entdeckt weiße Raben, und die alte Brigitta verkündet den Heimatlosen, man sei in Catan gelandet, der von Odin geschaffenen und der Welt entrückten Insel der Legende.
Die Insel ist unbewohnt, einzig ein großer Vulkan ist eine Bedrohung in dem ansonsten vermeintlichen Paradies. Doch wie in der Legende ist es der Mensch selbst, der Zwist und Hader säht – alte Machtansprüche, schlichter menschlicher Neid und Hass sowie das Aufkommen des christlichen Glaubens spalten die Elasunder in mehrere Fraktionen. – Wird die unerschütterliche Freundschaft von Candamir und Osmund überdauern, wenn auch noch missgünstige Frauen ihre Fehden auf den Rücken ihrer Männer austragen?
Rebecca Gablés historische Romane zeichneten sich vor allem durch exakte Recherche und ihre überzeugenden Charaktere aus. „Die Siedler von Catan“ macht da keine Ausnahme, das Buch ist zwar kein astreiner historischer Roman, kann jedoch ohne Zweifel als solcher gelten: Das Entdeckervolk der Wikinger war das Vorbild für die Siedler aus Elasund.
Zahlreiche bekannte Wikinger-Thematiken wurden übernommen: Ihre herzhaft rauhe Art, ihre Lebens- und Ackerbauweise sowie ihre Sitten und Gebräuche. Besonders dem Konflikt zwischen dem aufkommenden christlichen Glauben, den ein sächsischer Knecht nach Catan mitgebracht hat, und den Glauben an die nordischen Asen widmet sich Gablé. Besonders lustig sind die Kuhhändel, mit denen der ehemalige Mönch Austin versucht, die Wikinger zum wahren Glauben zu bringen – oft haarsträubend, aber nahe an der Historie. Einzig die blutigen Raubzüge fehlen, auf der Insel sind nur die Siedler, die sich allerdings bald gegenseitig bekriegen werden. Hier bindet die Autorin geschickt Elemente aus dem Spiel ein: Handel ist wichtig, auf Catan gibt es zwar viele Rinder, aber Schafe sind ein seltenes und gefragtes Gut. Ebenso wichtig ist die Suche nach Eisen – ohne Eisen keine Schmiede, ohne Schmiede ist der Bau von Werkzeugen nicht möglich.
Diese Konflikte spielten sich auch in der realen Weltgeschichte ab, hier kann man die Entstehung einer Kolonie im Zeitraffer erleben. Bis hin zum unvermeidlichen Machtkampf: Wer soll König von Catan werden?
Besonders schön fand ich, dass die Wikinger ausnahmsweise nicht wie so oft als rauhe Dumpfbacken mit urigem Humor daherkommen, sondern differenzierter dargestellt werden. Die Freunde Candamir und Osmund, gewissermaßen die Hauptfiguren des Romans, haben ihre individuellen Schwächen, aber auch ihre Stärken: Candamir verhätschelt seinen kleinen Bruder viel zu sehr, was diesen demütigt, da er ihn einfach nicht als Mann anerkennt. Seiner Magd Gunda gegenüber ist er aus diversen Gründen im Handlungsverlauf sehr nachtragend. Er ist aber auch ein sehr liberaler Mann und glaubt nicht ganz so fest an die Götter und alte Traditionen wie sein Freund Osmund. Dieser gehört zwar zur Sippe des unbeliebten Olaf, hält aber trotz des bald aufkommenden Streits zwischen den beiden fest zu Candamir, obwohl er die laxe Haltung seines Freundes hinsichtlich seiner mangelnden Verehrung der Götter nicht gutheißt. Selbst die schöne Siglind kann keinen Keil in die Freundschaft der beiden Männer treiben, hier habe ich sofort auf böses Blut getippt. Lasst euch überraschen, ob die beiden Freunde bleiben oder sich verfeinden werden.
Auch die offensichtlichen Bösewichte, wie der aufgrund seines Reichtums aber auch seiner Arroganz unbeliebte Olaf, werden nicht völlig eindimensional dargestellt: Ohne dessen Beharrlichkeit und Führungsqualitäten hätten die Siedler wohl nur den Meeresgrund und nicht Catan erreicht.
Verglichen mit Gablés früheren Romanen weisen die „Siedler von Catan“ die selben Stärken auf: Lebendige und interessante Charaktere, wobei Candamir und Osmund besonders sympathisch sind. Die historische Recherche ist hervorragend und sehr gut im Roman umgesetzt, man fühlt sich in die Zeit der Wikinger versetzt, die Eroberung einer unbewohnten Insel ist ebenfalls sehr reizvoll. Sogar Elemente aus dem Spiel wurden unauffällig und nicht im Geringsten störend in die Handlung eingebunden.
Als „Roman zum Spiel“ ist das Buch erstklassig, im direkten Vergleich gibt es jedoch bessere. Die Insellage beschränkt alle Interaktion des Buches auf die Siedler selbst, historische Zusammenhänge wie in „Das zweite Königreich“ oder dem „Lächeln der Fortuna“ kann man hier nicht erwarten. Es gibt nur Catan, der Rest der Welt fehlt. Der enge Fokus und ein unbefriedigend offenes Ende sind die größten Probleme des Romans. Auch wenn gelegentlich überraschende Wendungen gelingen, allzu oft kann man schon im Vorneherein Konflikte kommen sehen. Die Storyelemente sind wie gesagt durch das Szenario limitiert – Gablé macht jedoch wirklich das Beste daraus.
Die Umschlaggestaltung ist an das Spiel angelehnt, die gebundene Fassung besitzt ein Lesebändchen, zusätzlich fiel mir Werbung für Catan in Form eines damit recht überflüssigen gewordenen Lesezeichens entgegen.
Man muss das Spiel nicht kennen oder lieben, „Die Siedler von Catan“ bieten gute Unterhaltung für Freunde historischer Romane. Gablé-Fans werden vielleicht ein bisschen enttäuscht sein, ihre bisherigen Bestseller konnte sie mit diesem Buch leider nicht toppen.
Homepage zum Buch:
http://www.catan-roman.de/
Homepage der Autorin:
http://www.gable.de/
Basil Copper – Die Eishölle

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William Hope Hodgson – Stimme in der Nacht. Unheimliche Seegeschichten

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Wolfgang Hohlbein – Der Hexer von Salem

„Das Böse war stark in jenen Tagen;
allzuschnell erlag der Mensch seinen Lockungen.
Doch wisse – ein Mann stellte sich gegen die Dämonen;
ein Mann, der ein schreckliches Erbe in sich trug.
Er machte sich eine uralte, sagenumwobene Macht zum
Feind und wurde gnadenlos von ihren Todesboten gejagt.
Doch er war nicht wehrlos.
Wissen war seine Macht, Magie seine Waffe.
Die Menschen mieden ihn ob seiner unheimlichen Kräfte.
Und man nannte ihn den HEXER.“
(aus dem Heft-Roman „DER HEXER 1: Das Erbe der Dämonen“)
Kôji Suzuki – Ring II – Spiral

Nur die Arbeit gibt Ando Halt. Er bekommt mehr Ablenkung als ihm lieb ist, als auf seinem Seziertisch ausgerechnet ein Kollege, Studienkollege und Freund landet: Ryuji Takahama, genialer Mediziner, Mathematiker und Philosoph wurde von seiner jungen Lebensgefährtin Mai Takano tot in der Wohnung aufgefunden – gestorben offenbar an einem Herzinfarkt.
Suzuki, Kôji – Ring
Tokio 1989: Der Journalist Asakawa Kazuyuki stolpert durch einen Zufall über die Story seines Lebens. Ein Taxifahrer erzählt ihm von einem jungen Mann, der vor seinen Augen wie vom Blitz getroffen starb. Dasselbe Schicksal hat jüngst eine Nichte Kazuyukis getroffen – sie fand ihr Ende sogar in genau dieser Nacht. Ebenso traf es zwei weitere Jugendliche. Sie alle fürchteten sich offenbar zu Tode, und sie alle kannten sich!
Klar, dass der Journalist anbeißt. Er ermittelt, dass sich das Quartett in der Woche vor seinem Abgang in einer Ferienhauskolonie an der Küste eingemietet hatte. Kazuyuki schaut sich um in der kleinen Hütte, kann aber nur ein unscheinbares Videoband entdecken, das er sich selbstverständlich sogleich anschaut. Der Inhalt: eine Folge wirrer, unzusammenhängender, aber beängstigender Sequenzen, gefolgt von der Warnung, der Zuschauer sei binnen einer Woche tot, wenn er nicht … Genau an dieser entscheidenden Stelle bricht besagtes Video ab.
Kazuyuki ist beeindruckt, zumal er deutlich zu spüren bekommt, dass die gerade vernommene Drohung keineswegs leer ist. In seiner Not sucht er die Hilfe seines alten Freundes Ryuji Takahama, der ein genialer Philosoph und Gelehrter ist, welcher in seiner Freizeit gern junge Frauen vergewaltigt. Auch dieser betrachtet das Video und sitzt nun mit im Boot. Eine Woche bleiben ihm und Kazuyuki sich zu retten. Letzterer gerät in Panik, als er entdecken muss, dass seine neugierige Gattin heimlich den Rekorder in Gang gesetzt hat und dabei die Baby-Tochter auf dem Schoß hielt … Der Fluch wird auch diese Beiden treffen, wenn Kazuyuki nicht vor Ablauf der Frist des Rätsels Lösung findet.
Die unbarmherzig tickende Uhr im Nacken kommen Kazuyuki und Takahama der unglaublichen Geschichte der Sadako Yamamura auf die Spur. Das Drama um die hellseherisch begabte, aber vom Unglück verfolgte Frau liegt schon Jahrzehnte zurück, aber was ihr geschah, rechtfertigt durchaus einen Hass auf die Menschheit, den selbst der Tod nicht beenden kann …
Es war einmal … ein eigentlich gutes Mädchen, das die Schlechtigkeit der Welt in eine böse Hexe verwandelte, die einfach unkaputtbar ist; weil sie sich in Japan nicht ausgelastet fühlt, wechselt sie inkognito manchmal in die USA, wo sie als „Blair Witch“ ihr Unwesen treibt – nun, dieser letzte Teil ist eine Hypothese eures Rezensenten, den der vergleichbare Medienrummel um beide Spuk-Heroinnen darauf brachte.
Denn auch der Rummel um die „Ring“-Romane und vor allem -Filme ist vor allem ein Produkt der Werbung und der Medien. Wie immer stürzen sie sich wie die Geier darauf, was leichte Beute zu sein scheint und viel, viel Geld einbringen könnte. In diesem Fall war es die in Japan zum Horror-Tipp heranwachsende Geschichte eines verwünschten Videobandes, das den Kern zum Untergang der Menschheit beinhalten könnte. Die „Ring“-Saga ist inzwischen (welches Unwort!) „Kult“ geworden – und zwar ein echter, kein künstlich lancierter – und bewegt sich weiter auf die Endstation „moderner Mythos“ zu. Ist er erreicht (womöglich ist dies längst geschehen), läuft die „Ring“-Welt (und das Geschäft) à la „Star Trek“ von allein.
Dabei fragt man sich, was den „Ring“ so besonders werden ließ. Objektiv betrachtet, lesen wir „nur“ einen gut geschriebenen Gruselroman. Der Schauplatz mag uns europäischen Lesern etwas fremd sein, aber die Geschichte ist es sicher nicht. Rächender Spuk, verwunschene Grabstätten, tödliche Flüche – das ist wahrlich wenig originell.
Aber es sind Elemente des Horrors, die immer funktionieren, wenn man sie nur zu mischen weiß. Das gelingt Verfasser Suzuki sicherlich. Er geht ganz einfach vor (was stets eine gute Idee ist) und legt „Ring“ über weite Strecken fast dokumentarisch an. Die Suche nach der Geschichte hinter dem Videoband füllt viele Seiten. Wir verfolgen eine simple Suche, die immer wieder in Sackgassen endet, hier und da ein Puzzlesteinchen zum anderen trägt, bis sich schließlich das Gesamtbild fügt. Solche Detektiv-Geschichten fesseln immer; sie sind sogar interessanter als das Ergebnis, das zwangsläufig enttäuschen muss: noch’n böser Geist, der einen Dreh gefunden hat, es seinen Peinigern heimzuzahlen. Wäre da nicht Suzukis Gag, dem eigentlichen Spuk einen apokalyptischen Beifahrer aufzusatteln, hätte der „Ring“-Mythos wohl kaum eine Chance gehabt sich zu entwickeln.
Offen muss bleiben, was denn Suzuki zum „japanischen Stephen King“ machen soll. Anscheinend reicht es heute bereits, einen handwerklich sauber gedrechselten Horrorroman vorzulegen, um mit diesem Ehrentitel versehen zu werden. Die „Qualität“ der meisten Geschichten dieses Genres legen diesen Verdacht jedenfalls nahe.
Jedenfalls schießen „Ring“-Websites wie Pilze aus dem Boden. Manche sind sogar gut und führen den verwirrten Anfänger in das Sadako-Universum ein. Unter den von mir besuchten erfüllte diese hier ihre Informationspflicht am besten: http://ringworld.somrux.com ist außerordentlich ausführlich und wunderbar gestaltet. Hier kann man sich wirklich verlieren – und weiß anschließend auch noch mehr! So gab es in Japan wie in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen regelrechten Siegeszug des Okkultismus. Suzuki hat sich für seinen „Ring“ reichlich aus dieser Geschichte bedient, was ihre Stimmigkeit sicherlich unterstützt hat. Sogar für Sadako Yamamura gibt es eine historische Vorlage. Und wer glaubt, dass es ungebräuchlich ist, sich in einen Vulkan zu stürzen, darf sich wundern: Mehr als 300 Personen haben sich im Laufe der Zeit in den Krater des Mihara geworfen.
Japaner sind anders … Diese drei Worte bilden eventuell den Schlüssel zu einer Kritik, die man im Zusammenhang mit dem „Ring“-Roman immer wieder finden kann: Alle Beteiligten des Spektakels seien im Grunde ziemlich unsympathisch. Das trifft nicht nur auf den Feierabend-Frauenschänder Takahama zu (D i e s e s Detail ließ Hollywood bei der US-„Ring“-Verfilmung von 2002 besonders schleunigst unter den Tisch fallen), sondern fast noch mehr auf Asakawa Kazuyuki. Nicht nur, dass er seinen kriminellen Freund deckt – er ist auch sonst ein seltsamer Zeitgenosse. Seine Familie liebe er über alle Maßen, behauptet er mehr als einmal. Trotzdem ist er so gut wie niemals zu Hause bei Weib und Kind, selbst wenn er nicht von Dämonen gejagt wird. Niemand scheint dies für ungewöhnlich zu halten; besagtes Weib übrigens auch nicht. Die Arbeit geht halt vor im Land der aufgehenden Sonne!
Die liebe Gattin hinterlässt ohnehin – es sei an dieser Stelle politisch unkorrekt ausgesprochen – einen ziemlich trantütigen Eindruck. Dass Kazuyuki so um ihr Schicksal besorgt ist, kann man ihm kaum nachfühlen. Seinen Kumpel Takahama scheint er jedenfalls öfter (und lieber) zu sehen als die eigene Ehefrau.
Sehr gut hat Suzuki begriffen, dass er mit seinem Gespenst geizen muss. Sadako Yamamura greift niemals direkt in die Handlung ein. Wir erfahren nur Bruchstücke über ihr Leben, die uns aus den Mündern Dritter erreichen – ein kluger Kunstgriff, denn nichts ernüchtert in einer Horrorgeschichte normalerweise stärker als der Auftritt des Monsters, das unter Umständen auch noch langatmig seine Beweggründe erörtert. Sadako bleibt mysteriös, tragisch – und bösartig.
Erstaunen erregt beim westlichen Leser auch die noch heute offensichtlich ausgeprägte japanische Affinität zur Welt der Geister. Mr. King hätte viele hundert Seiten mit Text füllen müssen, bis seine aufgeklärten Landsleute begriffen und akzeptiert hätten, dass es irgendwo spukt. Kazuyuki und seine Gefährten, Kinder des aufgeklärten 20. Jahrhunderts, wissen sofort, dass es umgeht, und stellen sich darauf ein. Das irritiert bei der Lektüre, aber es drückt natürlich aufs Tempo – „Ring“ ist ein Roman ohne Langatmigkeit.
Wer ist Suzuki Kôji? Das hätte bis 1991 wohl auch in Japan kaum jemand beantworten können. Der 1957 geborene Schriftsteller rackerte da noch redlich um Lohn, Brot und Ruhm; für die ersten beiden musste für einige Jahre seine Ehefrau, eine Lehrerin, sorgen, was in einem Land, das Hausmänner kaum kennt, kein einfaches Los für Suzuki war.
Als Absolvent der Keio University in Tokio hatte er bereits 1990 einen „Fantasy Novel Award“ für seinen Roman „Rakuen“ gewonnen, aber erst „Ring“ gab seiner dahindümpelnden Karriere den ersehnten Schub. Aus dem Geheimtipp wurde Gruselvolkes Eigentum, als Regisseur Hideo Nakata 1998 den Roman verfilmte. Trotz vieler Veränderungen wurde „Ring“ zum internationalen Erfolg. (1995 gab es übrigens schon eine Fernsehfassung.)
Die „Ring“-Saga von Kôji Suzuki
Ring (1991, dt. „The Ring“)
Rasen (1995. dt. „Spiral – The Ring II“, Heyne TB Nr. 01/13918)
Loop (1998)
The Birthday (1999; Sammlung dreier Kurzgeschichten)
Terry Oakes u. a. – Menschen gegen Monster. Der Kampf um unseren Planeten

James, P. D. / Critchley, T. A. – Morde am Ratcliffe Highway, Die
London ist im Jahre 1811 bereits eine Millionenstadt. Doch die Mehrheit der Bürger lebt im Kerngebiet. Die Außenbezirke bilden einen Flickenteppiche kleiner, oft noch gar nicht eingemeindeter Ortschaften mit eigenen Verwaltungen. Eifersüchtig wachen Aufseher, Verwalter und Kirchenvorsteher über ihre aus dem Mittelalter stammenden Privilegien. Zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachbarn sind sie nicht bereit. Das nutzen Kriminelle, die ihre Übeltaten in der einen Gemeinde begehen und sich in einer anderen verstecken. Ihre Verfolger sind machtlos; ihre ohnehin kargen Befugnisse enden an den Ortsgrenzen. Die Polizei ist schlecht ausgebildet, unterbezahlt, in der Minderzahl. Von den Bürgern wird ihnen Misstrauen entgegengebracht, denn Korruption ist an der Tagesordnung.
St.-George’s-in-the-East wird sich später in das East End von London verwandeln. 1811 ist es ein kleiner Flecken an der Themse, gelegen am Ratcliffe Highway, einer der Ausfallstraßen von London. Strategisch günstig gelegen, hat hier der junge Herrenausstatter Timothy Marr einen Laden eröffnet und eine Familie gegründet. Es geht aufwärts, die Marrs sind gut angesehen. Doch eines Dezembermorgens findet man Vater, Mutter, Baby und den Ladenjungen ermordet: Mit einem Messer hat man bestialisch abgeschlachtet, mit einem schweren Zimmermannshammer buchstäblich zu Brei geschlagen.
Unerkannt ist der Täter entkommen – oder sind es deren mehrere? Die Ermittlungen laufen sofort an, doch sie werden durch die eingangs geschilderten Probleme behindert. Viele Verdächtige werden verhört und eingesperrt, doch alle können ihre Unschuld nachweisen. So droht die Einstellung des Falls, als keine zwei Wochen nach der Untat im benachbarten St. Paul’s ein zweites Verbrechen nach dem bekannten Muster verübt wird. Dieses Mal fallen ihm ein Schankwirt-Ehepaar und ihr Dienstmädchen auf brutalste Weise zum Opfer. Die Bürgerschaft verwandelt sich in einen erst panischen, dann wütenden Pöbel, die Obrigkeit muss reagieren. Sie wählt den einfachsten Weg und sucht fieberhaft nach einem Sündenbock. Wer sich nicht gegen solche Ränke wehren kann, dessen Schicksal ist praktisch bereits besiegelt. Es trifft einen unglücklichen Seemann, und Justizias Mühlen laufen an – langsam und unerbittlich …
Die Morde am Ratcliffe Highway sind ein Bestandteil der englischen Kriminalgeschichte. In der übrigen Welt wurden sie niemals so bekannt; hier hat sich knapp acht Jahrzehnte später ein weiterer Serienmörder mit dem Künstlernamen „Jack the Ripper“ als wesentlich medientauglicher erwiesen …
Dass hinter den Ereignissen von 1811 eine ähnlich bemerkenswerte und erinnerungswürdige Geschichte steckt, belegen Phyllis Dorothy James und T. A. Critchley in ihrem 1971 zum ersten Mal erschienenen (und seither mehrfach überarbeiteten und aktualisierten) „True Crime“-Sachbuch. Sie ist eine zu Recht mit Anerkennung überhäufte Lichtgestalt des angelsächsischen Kriminalromans, er war ein Historiker, der sich auf englische Justizgeschichte spezialisiert hatte. Talent und Wissen gingen eine selten gelungene Verbindung ein: „Die Morde am Ratcliffe Highway“ ist ein fabelhaftes Sachbuch.
Vermieden werden die Sünden, die eine Lektüre von „True Crime“-Bücher oft zur Qual werden lassen. Recherche soll und muss in diesem Genre häufig schriftstellerisches Geschick ersetzen. Die Autoren setzen voraus, dass die Wucht der Fakten und ihr Mitteilungsbedürfnis den beklagenswerten Dilettantismus in der Umsetzung aufwerten. Gern wird als stilistisches Mittel die wörtliche Rede gewählt, werden die ausgegrabenen Verbrechen in der Gegenwartsform erzählt, als ob der Verfasser anwesend gewesen sei. Dem Hörensagen wird so Tür und Tor geöffnet.
Solche faulen Tricks haben James und Critchley nicht nötig. Sie berichten, was 1811 geschehen ist. Die vorhandenen Quellen haben sie einer sorgfältigen Überprüfung unterworfen und in eine chronologische Reihenfolge gebracht. So arbeiten Kriminalisten, aber eben auch Historiker. Das sichtlich vorhandene Wissen über den Umgang mit Fakten gestattet eine Gewichtung derselben in ihrem zeitgenössischen Umfeld. Man glaube nicht, dass die Welt von 1811 mit der von Heute gleichgesetzt werden darf. James und Critchley wissen das; sie beschränken sich daher nicht auf die Morde mit ihren schön-schaurigen Details, sondern beziehen das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umfeld mit ein.
Dies löst beim „normalen“ Leser angeblich Fluchtinstinkte aus. Dem kann man zustimmen, wenn Zeilenschinder am Werk sind. James und Critchley lassen dagegen eine versunkene Welt wiederaufstehen. Ohne sich in Faktenhuberei zu verlieren, zeichnen sie diese mit kühnem Strich. Vergangenheit ist kein Synonym für Nostalgie; in St.-George’s-in-the-East, St. Paul’s oder London haben 1811 Menschen gelebt – Menschen, denen ihre Gegenwart völlig normal erschien, keine lebenden Museumsstücke. Ihr Denken und Tun, das uns heute so fremd erscheint, lässt sich erklären, wenn man die Schlüssel kennt.
James und Critchley haben sich Mühe gegeben. Lange haben sie in Archiven und Bibliotheken gesucht und gegraben. Dabei fiel ihnen viel und vor allem oft unbekanntes Material in die Hände. Auch das ist eine erstaunliche Tatsache: Die Welt von 1811 war keine primitive, von Schmutz, Grausamkeit, Krankheit und Ungerechtigkeit dominierte Hölle. Diese Aspekte waren tatsächlich gegenwärtig (nicht umsonst wurde der durch Selbstmord in der Zelle geendete Williams auf einem offenen Karren durch die Stadt gefahren, der Leiche ein Pflock durchs schwarze Herz gerammt und die unter einer Straßenkreuzung verscharrt), die Menschen gefangen in den Denkschemata ihrer Epoche, aber nicht dümmer als ihre Nachfahren. Es wurde bereits registriert und analysiert. So konnten James und Critchley auf eine Fülle zeitgenössischer Berichte zurückgreifen. Wer sie einst niederschrieb, war um Objektivität bemüht, ohne sie freilich zu erreichen. Die Interpretation während der Niederschrift von den nackten Tatsachen zu trennen, ist ebenfalls die Aufgabe des Historikers. James und Critchley bleiben dabei bemerkenswert erfolgreich.
So ist es auch mit ihrem Versuch, die wahren Hintergründe der Verbrechen zu rekonstruieren. Der Pechvogel John Williams war wahrscheinlich nicht der Täter. Wie und wer es statt dessen gewesen sein könnte, bleibt natürlich Theorie. Daraus machen James und Critchley auch keinen Hehl, aber sie türmen akribisch Steinchen auf Steinchen und enthüllen eine Geschichte, die sich ereignet haben könnte.
Auch dabei verwandeln die Verfasser eine eigentlich trockene Materie – die Darstellung juristischer Vorgänge – in einen Kriminalroman, ohne dabei die Fakten zu vernachlässigen. Wer glaubt, dies sei nicht möglich, wird sich gern eines Besseren belehren lassen. Leider sind wir durch eine Flut minderwertiger Blut-und-Gewalt-Schwelger – im „True Crime“-Genre steckt Geld, denn die Sucht des Menschen, aus sicherer Entfernung am Unglück des Nachbarn teilzuhaben, ist eine sichere Bank – viel plakativen Sachbuchmüll gewohnt. Da ist es eine besondere Freude erleben zu dürfen, dass es auch anders geht.
Wenige, aber gut ausgewählte zeitgenössische Abbildungen ergänzen den Text, der zu den längst überfälligen Veröffentlichungen hier in Deutschland gehört, wo ebenfalls dem „Wahren Verbrechen“ in den Buchläden so mancher Regalmeter gewidmet (und verschwendet) wird.
Der Originaltitel bezieht sich übrigens auf zwei zentrale Elemente des „Ratcliffe Highway“-Falls. Der „Maul“ ist der schaurige Zimmermannshammer, mit dem den Marrs der Geraus gemacht wurde, das „Pear Tree“ jenes Gasthaus, in dem der angebliche Mörder gehaust haben soll.
Phyllis Dorothy James wurde 1920 in Oxford geboren. 1941 wurde sie die Gattin des Militärarztes Connor Bantry White. Dieser gehörte zu den vielen Teilnehmern des II. Weltkriegs, die zwar lebendig, aber seelisch gebrochen zurückkehrten. Bis zu seinem Tod im Jahre 1964 musste er immer wieder psychatrisch behandelt werden. Da White praktisch arbeitsunfähig war, musste Phyllis die Ernährung der inzwischen vierköpfigen Familie übernehmen. Sie nahm eine Stelle in der Krankenhausverwaltung an. Später ging sie zum britischen Innenministerium.
Ab 1962 schrieb P. D. James Kriminalgeschichten. Sie schuf die Figur des Commanders Adam Dalgliesh, der es seit seinem seinen ersten Auftritt in „Cover Her Face“ (1962, dt. „Ein Spiel zuviel“) zu einem der bekanntesten Ermittler der angelsächsischen Kriminalliteratur gebracht hat. Von Anfang an recht erfolgreich, kam der echte Durchbruch 1977 mit „Death of an Expert Witness“ (dt. „Tod eines Sachverständigen“). Zwei Jahre später konnte James ihre Arbeit für das Ministerium aufgeben und sich auf die Schriftstellerei konzentrieren.
P. D. James ist eine Vertreterin der klassischen Schule ihres Genres. Plakative Gewalt und Action-Spektakel wird man bei ihr vergeblich suchen. Statt dessen stehen (manchmal sogar allzu) ausgefeilte Milieu- und Charakterstudien im Vordergrund. Auch „Die Morde am Ratcliffe Highway“ verdanken dem die Intensität der Darstellung.
Solche vornehme Zurückhaltung bei gleichzeitigem Talent konnte auf Dauer nicht unbelohnt bleiben; das Establishment schätzt Romane „mit Anspruch“. 1991 wurde P. D. James zur „Baroness James of Holland Park“ geadelt. 1999 veröffentlichte sie ihre als Tagebuch gestaltete Autobiografie, ohne darüber das Schreiben neuer Thriller aufzugeben, die bis heute mit großem Erfolg erscheinen, obwohl die Verfasserin ihren schriftstellerischen Zenit inzwischen überschritten hat.
T. A Critchley (1910-1991) war Spezialist für Angelegenheiten der Polizeiverwaltung und als solcher ein Arbeitskollege James‘ im Innenministerium. Er betätigte sich außerdem als Historiker; aus seiner Feder floss eine voluminöse Geschichte der Polizei von England und Wales (1978). Seine Kenntnisse der Materie und im Umgang mit historischen Dokumenten ergänzten sich vorzüglich mit James‘ Fähigkeit, eine logische und spannende Geschichte aus den Fakten zu destillieren.
Conway, D. J. – Zauberwelt der Kelten, Die
Der Name „Kelten“ ist der Oberbegriff für die vor allem in Westeuropa ansässigen gallischen, britannischen und galatischen Stämme, die ihre geschichtliche Blütezeit vom 6. Jhd. v.Chr. bis ins 1. Jhd. n.Chr. erlebten, bevor sie endgültig romanisiert wurden (natürlich bis auf das berühmte gallische Dorf…). Die Faszination ihrer Kultur aber strahlt bis in die heutige Zeit und ist ein fester Bestandteil des europäischen Erbes. Die mittelalterlichen Geschichten um König Artus, die auf keltische Quellen zurückgehen, erfreuen sich bei modernen Romanschriftstellern von Bradley bis Lawhead großer Beliebtheit; besonders in Frankreich versuchen Wissenschaftler und Publizisten wie Jean Markale sich auf keltische Wurzeln zu besinnen; in der esoterischen Szenerie spielen der irische Elfen- und Feenglaube eine wichtige Rolle. Mit dem Buchtitel „Wiederkehr der Kelten“ war es auf den Punkt gebracht – die Kelten sind in.
Das lockt natürlich einige Autoren an, die versuchen auf dieser Welle mitzuschwimmen. Leider gehört auch das vorliegende Buch dazu. Denn mit „keltischer Magie“, wie es der englische Originaltitel verspricht, hat das Ganze nur wenig zu tun. Natürlich ist über die magischen Techniken der Kelten nicht viel überliefert und es war von vornherein klar, dass es sich um eine Neuinterpretation handeln würde. Wäre ja auch keine Problem gewesen, denn schließlich ist es legitim, an alte Symbole in moderner Form anzuknüpfen. Doch die Autorin hat kein Buch über keltische Magie, sondern eins über Wicca geschrieben, das ein wenig „keltisch“ aufpoliert wurde. Wicca lebt aber aus einem anderen Geist, benutzt synkretistisch alle möglichen Symboliken und geht von einer Urreligion der Großen Göttin und ihres Gehörnten Jägers aus. Insofern ist dieses Buch eher für Leser interessant, die etwas mit Wicca anfangen können.
Dieser Eindruck wird in der deutschen Ausgabe noch dadurch verstärkt, dass die im englischen Original befindlichen Kapitel über Kultur und Sagen der Kelten einfach herausgekürzt wurden. Was sich der Verlag dabei gedacht hat, ist mir schleierhaft. Übriggeblieben ist davon nur das – mit Wicca-Ideologie überfrachtete – kurze Lexikon keltischer Gottheiten. Die Wirkung dieser Ideologie kann man wunderbar beobachten, wenn Conway alle möglichen weiblichen Gottheiten/Wesenheiten in den einen Große-Göttin-Topf wirft – frei nach dem Motto: „Alles derselbe Brei“. Für die Kelten stellte sich das aber aller Wahrscheinlichkeit nach anders dar. Ein bisschen mehr Respekt der alten Tradition gegenüber wäre da wohl angebracht, und zwar nicht nur verbaler, sondern auch methodischer Art!
Natürlich dürfen bei den praktischen Anweisungen für Kesselmagie die Zauber für Geld und Liebe nicht fehlen. Für den etwas spiritueller orientierten „Wicca-Kelten“ hält sie allerlei New-Age-Mummenschanz und Allgemeinplätze parat: „Die keltische Magie arbeitet ganz bewusst mit mit den Kräften planetarer und natürlicher Energien. Es ist eine Magie, die sich in Harmonie mit unserem Planeten, ja mit unserem eigentlichen Selbst befindet.“ oder das beliebte Sprüchlein: „Tun Sie, was Sie wollen, wenn Sie keinem Wesen dabei schaden.“. Mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit ist in dem Buch die ganze Zeit von keltischer Magie die Rede: keltische Magie ist dieses…, keltische Magie ist jenes… Dabei wird hier mit dem Gestus der Gewissheit über eine Sache gesprochen, von der wir nur sehr wenig wissen.
Über ein Drittel des Buches machen verschiedene Zuordnungen von Pflanzen und Duftstoffen zu bestimmten Begriffen, Ritualen und Wesenheiten aus. Außerdem finden sich Ritualbeschreibungen, Anrufungen und verschiedene Formen der Magie, die aber alle zum Bereich der Naturmagie zählen. Fast immer beinhalten sie typische Wiccamotive. Conway beschreibt auch ihre Vorstellung von einem Orakel mit dem irischen Ogham-Alphabet. Was man Conway zugute halten kann, ist ihre manchmal sehr pragmatische Herangehensweise an die Rituale und Ritualgegenstände. Anstatt kaum realisierbare Anforderungen an den potienziellen Magier zu stellen, gibt sie Hinweise, die in der heutigen Zeit auch umsetzbar sind (z.B. für den Bau eines Altars).
Wer also praktische Anregungen für seine magische Arbeit sucht, könnte hier vereinzelt fündig werden. Da das Buch eher schlecht und teils ziemlich naiv geschrieben ist, sollte derjenige, der sich für Wicca zu interessieren beginnt, erstmal zu Starhawk oder Vivianne Crowley greifen. Keltenfans allerdings können getrost einen großen Bogen um dieses Buch machen.
Jerome K. Jerome – Drei Mann im Boot … Ganz zu schweigen vom Hund!

Tom Holland – Der Schläfer in der Wüste

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Hoffmann, Gabriele – Schiffbrüchigen, Die
Sommer 1629: Die „Batavia“, das Flaggschiff der „Herbstflotte“, die im Auftrag der „Vereinigten Ostindischen Companie“ (VOC) im Oktober des Vorjahres die Niederlande via Ostindien verlassen hat, läuft in einem schweren Sturm auf den Riffen einer namenlosen Insel irgendwo im tropischen Ozean auf. Etwa 300 Überlebende können sich retten – sie finden sich mit minimalen Wasser- und Lebensmittelvorräten auf einem öden Eiland wieder. Der Kapitän und der Repräsentant der VOC machen sich mit den Offizieren und einem Teil der Besatzung im Beiboot der „Batavia“ auf, Hilfe zu holen. Ob sie es schaffen werden, das Festland zu erreichen, ist ungewiss. Sollte es ihnen allerdings gelingen, werden sie auf jeden Fall zurückkehren, denn die Laderäume des Wracks bersten förmlich vor Gold, Juwelen, kostbaren Stoffen und anderen Schätzen.
Die Überlebenden müssen sich auf eine lange Wartezeit gefasst machen. Sie sind auf ihr Dasein als Schiffbrüchige nicht vorbereitet. Ohne Führung bricht die Disziplin bald zusammen. Die Inselgesellschaft droht an ihrer Tatenlosigkeit zugrunde zu gehen, da fühlt sich ein Mann berufen, die Zügel in die Hand zu nehmen: Jeronimus Cornelisz, ein Kaufmann, der an Bord der „Batavia“ eher unauffällig geblieben ist. Nun wählt man ihn zum Vorsitzenden eines Inselrates, der den Kampf ums Überleben organisieren soll.
Cornelisz ist ein Mann mit geheimen Träumen von brutaler Herrschaft und perverser Gewalt; nun, da er zum ersten Mal in seinem Leben Macht ausüben kann, lässt er seinen bisher unterdrückten Leidenschaften freien Lauf. Er entpuppt sich als geborener Anführer und geschickter Verführer, der rasch eine Gruppe zu allem entschlossener Männer um sich scharen kann. Sie nennen sich die „Auserwählten“, und sie errichten auf der trostlosen Insel, genannt „Batavias Friedhof“, ein grausames Terrorregime. Cornelisz erklärt sich zum Herrn über Leben und Tod, lässt Kranke und Kinder als „unnütze“ Esser ermorden, zwingt die Frauen sich zu prostituieren, rafft die Schätze der „Batavia“ an sich. Unter dem Vorwand, die drückende Enge auf der Insel mildern zu wollen, lässt Cornelisz mehrfach Männer und Frauen auf benachbarte Eilande übersetzen. Tatsächlich werden sie dort jämmerlich abgeschlachtet und ausgeraubt.
Binnen zweier Monate bringen die „Erwählten“ über 125 Menschen um; bald töten sie offen und aus reiner Mordlust. Die durch Hunger, Krankheit und Furcht geschwächten Überlebenden liefern sich der Willkür fast ausnahmslos aus. Doch der Gipfel der Gräuel ist noch längst nicht erreicht. In dem Wissen, dass ihre Schreckensherrschaft sich bald dem Ende zuneigen oder man sie bei einer Rettung streng bestrafen wird, beginnen die „Erwählten“ sich auch untereinander zu bekriegen. Einig sind sie sich höchstens in ihrem Bestreben, sämtliche Zeugen ihrer Untaten zu beseitigen …
Die wahre Geschichte der „Batavia“ – oder besser die ihrer schiffbrüchigen Besatzung – gehört zu den durchaus bekannten, aber halb vergessenen historischen Episoden. Wenn Gabriele Hoffmann den VOC-Kommandeur Pelzert im zweiten Teil ihres Romans die unglaublichen Ereignisse des Jahres 1629 niederschreiben lässt, hält sie sich damit eng an die Wahrheit. Pelzerts umfangreiche Protokolle stellen eine reiche Quelle dar, aus der auch die Autorin schöpfen konnte.
Da die Ereignisse wahrlich für sich selbst sprechen, übernimmt sie den nüchternen Tenor der Vorlage. Ihr Roman wirkt dadurch über weite Strecken wie eine dokumentarische Bestandsaufnahme. Der Verzicht auf inszenierten Horror und Melodramatik kommt der Geschichte sehr zugute. Dennoch sollte man sich davor hüten, Hoffmanns Schilderung mit der Realität des Jahres 1629 gleich zu setzen. „Die Schiffbrüchigen“ ist ein Roman und damit fiktiv; es gibt zum Beispiel keine Aufzeichnungen eines Ritters Christoph von Eck.
Außerdem unterwirft Hoffmann die reale Geschichte ihrer subjektiven Wertung. „Die Schiffbrüchigen“ soll mehr als reine Unterhaltung sein – nämlich ein romanhafter Essay über das Wesen der Schuld. Das Geschehen von 1629 steht stellvertretend für alle Grausamkeiten, die sich die Menschen im Laufe der Jahrtausende angetan haben; Gräuel, die unzweifelhaft geschehen sind, die aber nachträglich niemand zufriedenstellend erklären konnte und kann, was die Opfer wie die Täter (!) einschließt.
Statt „Batavia Friedhof“ könnte der Ort der Handlung auch Little Big Horn, My Lai oder Auschwitz heißen, wobei Hoffmans Allegorie hauptsächlich auf den organisierten Massenmord der Nazis zielt. Der Aufstieg einer kleinen, aber skrupellosen Clique in krisenhafter Zeit, die Ausgrenzung angeblich „schädlicher“ Minderheiten, die geschickte Eingliederung der schweigenden Mehrheit in eine Unterdrückungs- und Mordmaschinerie, der Terror, der bald seine eigenen Kinder frisst, aber auch das Schweigen, die Fassungslosigkeit und das Leugnen derer, die „dabei“ waren, sobald der Spuk vorbei ist – das sind Phänomene, die untrennbar mit dem „Dritten Reich“, den Kriegsverbrecherprozessen der überforderten Siegermächte und der Grabesstille der deutschen Nachkriegsjahrzehnte verbunden sind.
Dem erzählerischen Talent Gabriele Hoffmanns ist es zu verdanken, dass diese Aspekte sich einerseits nie aufdringlich in den Vordergrund schieben, während sie sich andererseits stets als persönliche Standpunkte der Autorin erkennen lassen. Hoffmanns (resignatives) Fazit, dass „das Böse“ in jedem Menschen lebt und jederzeit und an jedem Ort ausbrechen kann, hat etwas bestechend Logisches, vereinfacht ein komplexes Problem allerdings in vielerlei Hinsicht und muss nicht unbedingt zutreffen. Aber bei einem Roman ist es das Privileg des Autoren, die Wirklichkeit nach eigenem Gusto zu verändern, mit ihr zu spielen und eine persönliche Sicht der Welt ins buchstäbliche Spiel zu bringen.
Wer sich als Leser also nicht berufen fühlt, an einer philosophischen Diskussion über Gut und Böse teilzunehmen, sei beruhigt: „Die Schiffbrüchigen“ funktioniert auch als „normales“, sehr spannendes, wenn auch düsteres historisches Abenteuer.
Jeronimus Cornelisz – die personifizierte Banalität des Bösen. Als Kaufmann führt er ein völlig unauffälliges, von hohen Risiken und gefahrvollen Geschäftsfahrten geprägtes Dasein. Niemand würde in ihm den geradezu archaischen Schreckensherrscher vermuten, in den er sich aus heiterem Himmel verwandelt. Er muss sein geheimen Träume von lustvollem Terror gehabt, aber sorgfältig in seinem Herzen verborgen haben. Nun lässt er ihnen freien Lauf, da niemand ihnen (endlich) Einhalt gebieten kann.
So ist es natürlich nicht. Wieso greift beispielsweise Christoph von Eck nicht ein? Er trägt den Rittertitel und ist eigentlich verpflichtet für Zucht und Ordnung zu sorgen. Doch in diesem Jahr 1629 ist der Ritterstand in uralten Denkmuster erstarrt, trauert kodifizierten Verhaltensvorschriften nach, die von der Zeit längst überholt sind. Von Eck sieht sich als Krieger im Auftrag Gottes; für die Disziplinierung eines Gewaltherrschers fühlt er sich nicht zuständig, so lange ihn dieser nur in Ruhe lässt.
Cornelisz wiederum ist schlau genug zu warten, bis seine Anhängerschaft so stark gewachsen und seine Gegner so schwach geworden sind, dass ihm die Macht in den Schoß fällt. Wäre die Mordlust nicht mit ihm durchgegangen, hätte sein Plan aufgehen können. Aber der amokhafte Blutrausch führt den unheimvoll „befreiten“ Kaufmann letztlich selbst ins Verderben: Als man ihn zur Verantwortung zieht, verhält sich „das Gesetz“ nicht minder grausam als er. Seine Richter und Henker sehen freilich das Recht auf ihrer Seite und sich selbst in der Pflicht, Cornelisz‘ unglaubliche Taten zu sühnen – und das geschieht auf zeitgenössische Art, d. h. nach dem Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Die Überlebenden der „Batavia“ müssen sich den Rest ihres Lebens die Frage stellen, wieso sie mittaten- als Täter, Mitläufer oder Opfer. Sie finden keine Antwort, verstricken sich in gegenseitige Schuldzuweisungen, erwachen – Cornelisz eingeschlossen – aus einem bösen Traum. Und das war die „Batavia“-Katastrophe denn auch: eine unerfreuliche Lektion in der Alltäglichkeit des Bösen, das dich auf eine Weise überraschen kann, mit der du niemals gerechnet hättest: als Unschuldiger, aber auch als Schuldiger.
Kay, Guy Gavriel – Komplott, Das (Sarantium 1)
Guy Gavriel Kay’s Roman „Das Komplott“ ist der erste Band des „Sarantium“-Zyklus, bei dem er die Geschichte, das Leben und die Atmosphäre in dieser vielleicht bedeutendsten Stadt der Spätantike und des Mittelalters festgehalten hat: Sarantium ist keine andere Stadt als Byzantium, Byzanz, Konstantinopel, Miklagard oder heute Istanbul. Bekannt als der oströmische Teil des ehemaligen römischen Weltreichs, eine Stadt, in der Orient und Okzident aufeinandertreffen, stellten byzantinische Kunst und Kultur in den dunklen Zeiten des Mittelalters das leuchtende Licht der Zivilisation dar. Aber auch für moralische Verkommenheit, sexuelle Ausschweifungen und die sprichwörtlich gewordenen byzantinischen Intrigen steht diese Stadt, eine der ersten Metropolen der Welt.
„Sailing to Sarantium“ ist der englische Titel des Romans, diese Reise nach Sarantium wird für den jungen Mosaikleger Caius Crispus, genannt Crispin, einen Wendepunkt in seinem Leben darstellen. Er soll für Kaiser Valerius II. und seine Gemahlin Alixana die Kuppel des großen Jad-Tempels mit den schönsten Mosaiken der Welt schmücken. Für den gebürtigen Varener eine Chance, seine Kunst zu vervollkommnen, sich unsterblichen Ruhm zu erwerben und aus dem von Barbaren eroberten Westteil des Reiches in das goldene Sarantium zu ziehen.
Valerius II. und Alixana sind keine anderen als Kaiser Justinian I., genannt der Große, und seine Frau Theodora I., eine ehemalige Zirkusartistin, die er nur durch eine Gesetzesänderung überhaupt zur Frau nehmen konnte – Tänzerinnen waren damals nur bessere Huren und tanzten natürlich auch recht freizügig. Alleine das würde schon Stoff für einen Roman bieten, aber es ist historisch belegt, das sie eine starke Frau an der Seite eines starken Kaisers war: Beamte wurden auf den Kaiser und seine Kaiserin vereidigt, sie war Mitregentin und solange der Kaiser nicht widersprach, war ihr Wort Gesetz. Sie übernahm während einer Erkrankung des Kaisers kurze Zeit sogar vollständig die Regierungsgewalt, sie war ihm ebenso eine kluge Beraterin: Während des Nika-Aufstandes war Kaiser Justinian schon bereit, aus der Stadt zu fliehen – überliefert ist folgender Ausspruch Theodoras: „Das Purpur ist das schönste Leichentuch.“ (Nur Kaiser und Könige durften diese Farbe tragen bzw. konnten sie sich leisten). Sie riet ihm, zu bleiben, und der ebenfalls legendäre Feldherr Belisar sowie der Kämmerer Narses schlugen den Aufstand blutig nieder – Justinian blieb daraufhin noch Jahrzehnte an der Macht, die Weltgeschichte hätte ohne Theodora einen ganz anderen Verlauf nehmen können, wenn man sein Lebenswerk betrachtet: Sein Feldherr Belisar eroberte weite Teile der damaligen Welt, näher war Ostrom nie mehr an der flächenmäßigen Ausdehnung des römischen Reiches als zur Zeit Justinians. Ebenso ist er für die „Codex Justinianus“ genannte Rechtssammlung und seine Bautätigkeit berühmt: Unter ihm wurde die bei einem Erdbeben beschädigte Kuppel der Hagia Sophia restauriert, deren Bau bereits zuvor unter seiner Herrschaft beendet wurde. Seine Schließung der athenischen Akademie neuplatonischer Philosophie 529 n.Chr., um den Einfluss des Heidentums in Bildung und Wissenschaft zu verringern, wird oft auch als Ende der Spätantike und Beginn des Mittelalters angesehen.
Über diese herausragenden historischen Persönlichkeiten schreibt Kay, der Mosaikleger Crispin ist oft genug nur Beobachter und Zeuge historischer Ereignisse. Da der englische Zyklus aus zwei Bänden bestand, die in der deutschen Fassung auf vier aufgeteilt wurden, möchte ich hier stellvertretend den gesamten Zyklus bewerten: Am Ende des ersten deutschen Bandes hat Crispin gerade mal den Fuß in die Stadt gesetzt. Um Verwirrung zu vermeiden, werde ich die geläufigen historischen Namensgebungen verwenden, damit keine Missverständnisse entstehen, wenn ich von Valerius = Justinian, Alixana = Theodora, Leontes = Belisar und Gesius = Narses spreche.
Eine Übersicht der Handlung zu geben, halte ich für unangebracht: Kay hält sich sehr eng an die tatsächliche Geschichte, erst im vierten und letzten Band weicht er ab und bringt seine Version, wie sich unter gewissen Umständen das byzantinische Reich hätte entwickeln können.
Vielmehr wird ein beeindruckendes Bild der Stadt gemalt: Der Leser nimmt an den Wagenrennen im Hippodrom von Byzanz teil, dieser Sport war damals populärer als Fußball und Formel 1 heutzutage zusammen. Politische Parteien definierten sich über ihre Zugehörigkeit zu einer Zirkuspartei, so waren die „Blauen“ eher Aristokraten, während die „Grünen“ mehr den Plebejern verbunden waren. So als würde Ferrari für die „rote“ SPD fahren. Allerdings waren Wechsel der Fahrer und hochrangiger Gönner zwischen den Parteien nicht ungewöhnlich, hohe Wetten, Mordanschläge und Prügeleien zwischen den Fraktionen waren an der Tagesordnung. Jede Partei bemühte sich um den erfolgreichsten Wagenlenker oder die begehrteste Tänzerin, auch von dem Mosaikleger Crispin würde man gerne wissen, welcher Patei er den Vorzug gewährt, was ihn aber nicht so sehr in Verlegenheit bringt wie sein erster Auftritt am kaiserlichen Hof.
Der Hof Justinians ist ein Musterbeispiel für die byzantinische Neigung zu Intrige, Verrat und Vetternwirtschaft. In diesem Haifischbecken macht sich Crispin unbewusst zahlreiche Freunde und Feinde, bevor er auch nur seinen ersten Satz zuende gesprochen hat. Hier wird Kays Bewunderung Justinians und Theodoras deutlich, die alle Züge ihrer Gegner im Voraus ahnen und Menschen mit einer Leichtigkeit manipulieren, wie Crispin Steinchen verlegt.
Ein besonders lustiger Vogel ist Prokopios von Caesarea, ein Chronist, der kein gutes Haar an Justinian und vor allem seiner Frau Theodora lässt: Seine Schriften werden gemeinhin als von Hass, Neid und Missgunst geprägt bezeichnet. Die eigene Kaiserin als Hure, die sich auf der Bühne mit Tieren paarte, zu bezeichnen, und sowohl ihr als auch ihren Hofdamen Untreue vorzuwerfen, ist starker Tobak. Intelligenz und Charakter vereinen sowie Erfolg haben, von der kleinen Tänzerin zur Kaiserin eines Weltreichs aufsteigen – so kann man sich Neider und Feinde schaffen.
Hier besteht in Kays Roman ein kleiner Unterschiede zur Historie: Theodoras mit Belisar verheiratete Hofdame Antonina (im Roman Styliane Daleina) wird hier von Prokopios ihre Untreue nicht zum Vorwurf gemacht, er steht vielmehr auf der Seite ihrer Familie: Justinians Vorgänger hat den damaligen Kandidaten für den Kaiserthron einem nie näher geklärten Attentat zum Opfer fallen lassen. Was Antonina/Styliane nie verziehen hat – ihre Nähe zu Theodora ist im Roman also weniger die einer Freundin, als die einer recht glaubhaft in der Nähe gehaltenen Feindin: Halte deine Freunde in der Nähe, und deine Feinde noch näher.
Kay führt zahlreiche weitere Figuren ein, die das alte Byzanz wiederspiegeln: Den Legionär Carullus und die von Crispin befreite Sklavin Kasia, den Weiberheld und erfolgreichsten Wagenlenker der Blauen, Scortius, bis hin zu einem sassanidischen Heiler und seiner Familie, die als Spione in Byzanz verweilen.
Crispin kommt mit den meisten in Kontakt, Kay erzählt oftmals die Geschichte der jeweiligen Personen aus ihrer individuellen Perspektive, stets jedoch in der dritten Person. Man sollte allerdings in byzantinischer Geschichte gut bewandert sein: Sonst kann man vieles nicht genießen, insbesondere die seltenen Fälle, wenn Kay ausnahmsweise eigene Wege geht und die Geschichte interpretiert; es hätte nicht geschadet, wenn er dies öfter getan hätte. So fehlt einige Zeit lang jegliche Handlung, vielmehr wird die Geschichte nacherzählt, zwar mit beeindruckenden individuellen Sichtweisen, aber eben ohne echten Spannungsbogen. Das stört etwas, andrerseits sind Justinian, Theodora sowie Narses und Belisar durch Kays hohe Erzählkunst so gut zum Leben erweckt, dass man trotzdem weiterliest. Schade ist, dass er erst im vierten und letzten Band versucht, eine eigene Intrige zu spinnen, leider ist dieses Komplott eher schlicht ausgefallen und wird auch sehr rasch abgehandelt – Kay ist zwar ein hervorragender und sprachlich ausgereifter Erzähler, aber sich eigene Geschichten auszudenken, ist gewiss nicht seine Stärke. So kann es nicht verwundern, dass Kay oft eine langatmige Schreibweise vorgeworfen wird. Sein Zauber kann nur greifen, wenn man gewisse Grundkenntnisse der Epoche, über die er schreibt, besitzt. Das trifft auf die meisten Romane Kays zu, auf den Sarantium-Zyklus im Besonderen.
Mich verwundert, dass dieser Roman unter Fantasy geführt wird: Hier liegt ein lupenreiner historischer Roman vor. Das einzige fantastische und übernatürliche Element stellen kleine Vogelanhänger dar, von denen der Alchimist Zoticus Crispin einen schenkt. Das Schmuckstück enthält die Seele einer Frau, Linon, die einem heidnischen Waldgott geopfert wurde. Für die Handlung sind aber eher ihre amüsanten, frivolen, ironischen bis sarkastischen Einwürfe und Zwiegespräche mit Crispin von Bedeutung. Für mehr leider aber auch nicht.
Der „Sarantium“-Zyklus ist ein Leckerbissen für Liebhaber historischer Romane, die anspruchsvolle Erzählungen schätzen und das dringend benötigte Vorwissen mitbringen. Atemberaubend schöne und gefährliche Frauen, elendig leidende Sklavinnen, lüsterne Eunuchen und berechnende Machtmenschen in einer Welt voller Intrigen und tödlicher Wagenrennen, das bietet dieser Zyklus. Guy Gavriel Kay half nicht umsonst Christopher Tolkien beim Lektorat des „Silmarillion“, er ist sprachlich sehr versiert und ein großartiger Erzähler. Die deutsche Übersetzung ist sehr gut, das englische Original ist dennoch besser – in der deutschen Version ist sein Schreibstil wirklich oft etwas langatmig, was auch an seiner in meinen Augen großen Schwäche liegt: Faszinierende Charaktere und Episoden werden durch keine übergreifende Handlung miteinander verbunden. Kay hätte gut daran getan, seine Intrige zu verfeinern und schon zwei Bände früher eine wirklich große, raffinierte, „byzantinische“ Intrige zu spinnen, anstelle eines kurzen Strohfeuers im letzten Band. Bedauernswert, denn ohne dieses Manko würde der Zyklus sowohl ein breiteres Publikum ansprechen als auch an Klasse gewinnen. Dennoch ist der Zyklus insgesamt sehr empfehlenswert.
Als zugänglichere Alternative für historisch weniger bewanderte Leser, die trotzdem gerne etwas über diese Zeit erfahren würden, bieten sich die Romane von Lindsey Davis (Marcus Didius Falco) und die SPQR-Reihe von John Maddox Roberts an.
DER SARANTIUM-ZYKLUS (The Sarantine Mosaic):
Das Komplott (ISBN 3453188063)
Das Mosaik (ISBN 345318811X)
Der Neunte Wagenlenker (ISBN 3453196279)
Herr aller Herrscher (ISBN 3453196341)
Tipp: Da die deutschen Ausgaben derzeit (April 2004) vergriffen (tatsächlich scheinen sämtliche deutsche Fassungen der Kay-Bücher vom Markt zu sein, auch jene beim Goldmann-Verlag, was wohl mit den Veränderungen bei Random House zusammenhängen dürfte) und nur als Paperbacks verfügbar sind, sollten des Englischen überdurchschnittlich Kundige ruhig zu den englischen Hardcovern „Sailing to Sarantium“ und „Lord of Emperors“ greifen, die sich noch im Handel befinden und leichter erhältlich sind.
Homepage des Autors:
[Justinian und Theodora]http://www.muenster.org/abendgymnasium/faecherprojekte/projekte/mosaiken_ravenna/justiniantheodora.htm









