Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Louis, Duane – Blondes Gift

Brünette, rothaarige und schwarzhaarige Frauen haben es doch schon immer irgendwie gewusst: Blondinen sind nicht nur nervige Konkurrenz, wenn es um die männliche Gunst geht, sondern auch sonst nicht ganz koscher. Der Amerikaner Duane Louis bestätigt in seinem Buch „Blondes Gift“ beide Thesen. Die blonde Frau, die sich Kelly White nennt, ist nicht nur unglaublich gutaussehend, sondern auch unglaublich gefährlich, für einige sogar tödlich.

Der Journalist Jack ist nach Philadelphia gereist, um mit dem Scheidungsanwalt seiner Frau zu sprechen. Am Flughafen genehmigt er sich einen Drink und sieht sich plötzlich einer gut bestückten Blondine gegenüber, die standhaft behauptet, sein Bier vergiftet zu haben. Er würde in zwölf Stunden sterben, wenn er nicht bei ihr bleibt, denn nur sie hat das Gegengift. Jack glaubt an einen dummen Scherz, doch als er sein Hotelzimmer erreicht, wird ihm schwindlig und er muss sich heftig übergeben. Anscheinend war doch etwas dran an der Story der blonden Frau. Er kehrt zurück zum Flughafen, um sie aufzutreiben und sie um das Gegengift anzubetteln. Doch das war ein Fehler. Kelly White kettet ihn mit Handschellen an sich und behauptet, keine drei Sekunden alleine in einem Raum verbringen zu können, weil ihr sonst der Kopf explodiert. Angeblich stammt sie aus Irland und hat in einem zwielichtigen Labor gearbeitet, das ihr Nanobausteine ins Blut geschleust hat, die der Überwachung dienen. Diese intelligenten Biester nehmen wahr, wenn kein menschliches Wesen mehr in ihrer Nähe ist und bringen sie dann um. Ohne Frage ist Kellys Geschichte mehr als haarsträubend, doch Jack muss in der schlimmsten Nacht seines Lebens feststellen, dass selbst die haarsträubendsten Geschichten wahr sein können…

„Blondes Gift“ ist eines dieser rasanten, frischen Bücher, die in einer coolen, amerikanischen Stadt – in diesem Fall Philadelphia – spielen und jede Menge skurrile Gestalten beinhalten. Das ist vermutlich der größte Vorwurf, den man Duane Louis machen kann: Wirklich originell ist seine Idee nicht mehr, aber dafür hat er sie gut umgesetzt. Die Handlung ist zwar teilweise etwas grenzwertig, da unrealistisch anmutend, aber sie ist spannend. Man weiß nicht, was als nächstes passiert, geht aber erstmal vom Witzigsten aus, denn Louis strapaziert gerne mal die Lachmuskeln seiner Leser.

Dafür sorgen schon die verschiedenen Hauptpersonen. Während Jack ein etwas stoffeliger Mensch ist, ist der Geheimagent Mike Kowalski das genaue Gegenteil von ihm. Mit scharfem Verstand und in ständiger Bereitschaft zu töten geht er blind den Befehlen nach, die er von seiner Verbindungsoffizierin bekommt. Diese Befehle bestehen in dieser Nacht vor allem darin, die Köpfe von bestimmten Toten einzusammeln oder Kelly White zu jagen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht und Kowalski wünscht sich nichts mehr, als den Kopf des dicken Ed, den er in einer Sporttasche mit sich herumträgt, abliefern zu können und weiterhin Jagd auf versprenkelten Mafiosi zu machen, die seine Verlobte auf dem Gewissen haben.

Louis ist es gelungen, einen Haufen kranker, bizarrer Gestalten in einem Buch zu vereinen. Jede der wichtigen Personen hat dabei nicht nur eine eigene Erzählperspektive, sondern auch eine eigene Persönlichkeit, Geschichten aus der Vergangenheit und Sorgen und Probleme. Kurz gesagt: Jack und Co. können sich sehen lassen. Sie sind gut ausgearbeitet und mittels des offenen, an den Gedanken des jeweiligen Erzählers orientierten Schreibstils kann der Leser sich mit ihnen identifizieren.

In diesem Zusammenhang ist der Humor des Autors sehr wichtig. Er lässt keine Gelegenheit aus, um seinen Charakteren entweder einen schlagfertigen Dialog oder sarkastische Gedanken in den ‚Mund‘ zu legen. Besonders die Gedankenspiele überzeugen, da sie zumeist ein hohes Maß an Selbstironie beinhalten oder die momentane, alles andere als witzige Situation aufs Korn nehmen. Ansonsten verliert Louis keine unnötigen Worte. „Blondes Gift“ legt ein hohes Erzähltempo vor und punktet vor allem durch seinen alltagssprachlichen Humor.

Die Handlung selbst ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Manche werden bekritteln, dass sie stellenweise zu abgedreht ist. Alleine schon die Tatsache, dass von Nanobausteinen im Blut die Rede ist, die den Kopf zum Explodieren bringen, sobald man alleine ist, ist sicherlich nicht nur technisch fragwürdig. Außerdem ist „Blondes Gift“ ein Buch, das einen Haufen Geschwisterchen hat, die ähnlicher Machart sind. Dadurch kommt es vor, dass manche Ereignisse zwar nicht unbedingt abgekupfert, aber im Kontext banal wirken. Dass Jack sich auf seiner Flucht in einen zwielichtigen Sexclub begibt, bei dem Anfassen verboten ist und man stattdessen gemeinsam masturbiert, ist beispielsweise nicht sonderlich überraschend. Sex, Drugs and Crime sind schließlich die Hauptzutaten solcher Bücher.

Wer allerdings kein Problem damit hat, sich auf einen vielleicht nicht ganz glaubwürdigen, dafür aber unglaublich amüsanten Roman einzulassen, der wird seine wahre Freude an Duane Louis‘ Buch haben. Der Autor hat viele (wahn-)witzige Ideen verarbeitet, mit entsprechendem Humor gewürzt und mit originellen Charakteren versehen. „Blondes Gift“ ist eine schwarze Hollywoodactionkomödie für das Kino im Kopf.

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Paulus Schotte – Ein Mann verfolgt sich selbst

schotte-mann-cover-kleinEin Mann ist tot, sein eifersüchtiger Nebenbuhler kann sich nicht an die vergangene Nacht erinnern: Hat er einen Mord begangen? Karl Jeß beginnt voller Angst gegen sich selbst zu ermitteln und bringt nicht nur sich, sondern auch eine hilfsbereite Medizinstudentin in Lebensgefahr … – Arg angejahrter deutscher Kriminalroman, was durch den untypischen Plot sowie die Kulisse deutschen Alltags in den frühen 1930er Jahren zum Teil aufgewogen wird: Krimistoff für literaturhistorisch interessierte Leser.
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Olsberg, Karl – System, Das

_Der Profi und sein Fachgebiet._

Karl Olsberg ist einer jener Autoren, die der Kunst des Schreibens „nur“ parallel frönen, die ihre Ideen aus dem abschöpfen, was ihre berufliche Identität ausmacht. Dementsprechend strotzt das Roman-Debüt des Unternehmensberaters und promovierten IT-Profis nur so von Fachwissen um Computertechnologie und um die „New-Economy“. Auch Hamburg, Wohnsitz Olsbergs, spielt eine ständige Rolle in „Das System“.

_Von Morden und verrücktspielenden Computern._

Eigentlich ist Mark Helius sehr zuversichtlich. Seine Firma D. I. ist kurz davor, eine bahnbrechende Software anzubieten: DINA, eine künstliche Intelligenz, mit der man via Sprache kommunizieren kann. Leider scheitert DINA ausgerechnet am Tag ihrer Präsentation und sämtliche Geldgeber springen von dem Projekt ab. Als ob das nicht schon genug des Übels wäre, findet man den D. I. Chefprogrammierer ermordet auf und alle Indizien deuten auf Mark Helius. Dessen gesamtes Leben bricht zusammen, seine Frau verlässt ihn, seine Firma geht den Bach runter und er muss untertauchen, weil ihm die Polizei auf die Pelle rückt.

Letzteres fällt ihm aber nicht so einfach, wie er sich erhofft hatte, es scheint, als bekäme die Polizei von einem unsichtbaren Dritten ständig Hinweise auf den Aufenthaltsort von Helius, Hinweise, über die eigentlich niemand verfügen dürfte. Derweilen entwickeln auf der gesamten Welt Softwareprogramme ungewöhnliche Eigenarten, in Japan klingeln Handys gleichzeitig, KIs aus Online-Rollenspielen entwickeln beunruhigende Superkräfte, und die Software in der internationalen Raumstation ISS leidet unter Systemabstürzen, die es nicht geben dürfte und deswegen das Bordklima mit Sabotagevorwürfen und Paranoia vergiften.

Helius indes wird damit konfrontiert, dass der Mord an seinem Chefprogrammierer nur die Spitze eines Eisbergs war, an dem die gesamte Menschheit zerschellen könnte, er aber steht alleine da, die Polizei auf seinen Fersen, ein bösartiger Cyberterrorist ebenfalls, während die einzige Frau, die ihm helfen könnte, sich lieber den Arm abhacken würde, als das zu tun …

_Cyberthrill Made In Germany._

Seit einer gewissen Enttäuschung aus den Hallen des |Gmeiner|-Verlages bin ich etwas skeptisch geworden, was Computerthriller aus deutscher Feder angeht, und umso mehr erfreut mich die Tatsache, das Karl Olsberg hier einen echten Pageturner gezaubert hat!

Deswegen will ich das Gemecker auch als Erstes loswerden: Die Figuren haben manchmal etwas Schablonenhaftes an sich. In der Raumstation gibt es den paranoiden Russen, der überall nur unpatriotische Saboteure und Feiglinge wittert, es gibt die blonde Luxusschnepfe, die beleidigt zu Mamma und Papa stöckelt, weil ihre schlechtere Hälfte den Job verloren hat, die psychisch Kranke, die schweigend in ihrer Gummizelle hockt, um das Zimmer mit dunklen Wasserfarben-Fratzen zu tapezieren, und den fiesen Antagonisten in schwärzestem Schwarz, unsympathisch, gewalttätig, ehrlos, Frauen vergewaltigend und ohne eine einzige gute Eigenschaft.

Aber erstens tut das der spannenden Story keinen Abbruch und zweitens gibt es auch eine Menge Figuren, die von der ersten Sekunde an lebendig und dreidimensional sind: Protagonist Mark Helius zum Beispiel, die IT-Spezialistin Lisa Hogert oder auch Kommisar Unger, dessen Kollegen ihm seine Unschuldsvermutungen nicht abnehmen, weil sie ihn wegen der vergangenen Verhaftung eines Unschuldigen für vorbelastet halten. Auch manche Nebenfiguren sind toll getroffen, wie der philosophische Dr. Weisenberg zum Beispiel oder der nervige Nerd Dr. Christian Tobler – zwar wieder ein picklig bebrilltes Stereotyp reinsten Wassers, aber dennoch unterhaltsam und lebendig in Szene gesetzt.

Die Story selbst ist überaus kompakt und spannend, man kann nicht aufhören, weil der Spannungsbogen den Leser von Szene zu Szene zerrt, mit toll getimten Cliffhangern und Informationshäppchen, die gerade groß genug sind, damit man weiterliest, die aber nie den Hunger nach mehr stillen. Dazu kommt, dass Olsberg nicht nur ganze Register fachlichen Computer-Wissens gezogen hat, um sein „System“ bedrohlich aufzubauen, er hat es auch meisterlich geschafft, den Computerlaien in die fremdartige Welt der Cracker einzuführen, der Source Codes, Kernel-Server, oder in die Praxis von Anti-Viren-Firmen. Dementsprechend spielt sich „Das System“ auf hohem technischen Niveau ab, ohne den Leser jemals zu überfordern – nachdem man dieses Buch gelesen hat, ist man also nicht nur um ein hochspannendes Erlebnis reicher, sondern auch um eine Menge Wissen!

Auch sonst hat Olsberg handwerklich alles richtig gemacht, seine Actionszenen sind spannend, er verbeugt sich via Erwähnung vor Inspirationsquellen ([„Der Schwarm“ 731 von Schätzing zum Beispiel) und auch seine Bilder sind manchmal überaus gelungen, sodass eine Wohnung schon mal „sauber wie ein neu gekaufter Kühlschrank“ sein kann.

Nicht zu vergessen die philosophischen Streifzüge. So gibt es eine Stelle, an der sich Mark Helius mit Professor Weisenberg über das mathematische Prinzip der Evolution unterhält, über den erschreckenden Mangel an individuellen Einflussmöglichkeiten auf die Entwicklung unserer Gesellschaft – brrr, da krieg ich jetzt schon wieder Gänsehaut, wenn ich nur daran denke! Nebenbei sind diese Streifzüge ein sehr effektives Mittel, um die Spannung weiter anzustacheln und „Resonanz“ mit dem Leser zu erzeugen, der seinen Rechner nach diesem Buch definitiv mit anderen Augen sehen wird …

Was uns zum Finale bringt, über das ich hier natürlich nichts Entscheidendes verraten werde. Nur so viel: Es ist spitze. Klar gibt es diverse romantische Unausweichlichkeiten, aber alles andere sitzt auf dem Punkt, hat einen Nachhall, der im Leser ordentlich weiterarbeitet, obwohl die Buchdeckel schon längst wieder zugeklappt sind. Auch wenn Olsbergs System meine persönlichen Cyberthrill-Lieblinge nicht vom Olymp jagen kann („Mailstorm“ und „Intrigenspiel“ von Per Helge Sorenson), befindet es sich bei ihnen doch in sehr guter Gesellschaft. „Das System“ ist dabei kein Buch nur für Computerfreaks, sondern sei hiermit jedem Freund gepflegter Hochspannung ans Herz gelegt! Nur Paranoiker und Technophobe sollten die Finger von dieser kitzligen Abfahrt lassen, es sei denn, man möchte sich für eine ordentliche Weile um den Schlaf bringen lassen.

Ich denke, man liest es schon zwischen den Zeilen, aber trotzdem noch einmal explizit: Kaufen!

Ach ja, es gibt ein Interview mit Karl Olsberg als [Audio-File]http://www.earpaper.de/loudblog/index.php?id=549 und es gibt eine Website zum Buch:
http://www.system-dasbuch.de.

Beides ist allerdings ein Alptraum für Analog-Modem-Dinosaurier wie mich …

http://www.aufbauverlag.de

Johansen, Iris – Netz des Todes

Frauen und Leichen scheinen ein unschlagbares Team zu sein. Man denke nur an Tempe Brennan (Kathy Reichs) oder Kay Scarpetta (Patricia Cornwell), die schon seit Jahren munter die Bestsellerlisten bevölkern. Die amerikanische Schriftstellerin Iris Johansen schickt mit Eve Duncan ihre eigene Heldin ins Rennen. „Netz des Todes“ ist dabei das sechste Abenteuer mit der Frau, die die Schädel von Toten remodelliert.

Das Leben hat es lange Zeit nicht gut gemeint mit der Schädelexpertin Eve. Eine harte Jugend, ihre erste Tochter wurde entführt, ohne dass man jemals Leiche oder Entführer fand – die junge Frau musste einiges mitmachen, doch sie hat sich aufgerappelt. Nun lebt sie glücklich mit dem FBI-Agenten Joe zusammen und hat eine bereits erwachsene Adoptivtochter. Ihre Arbeit, bei der sie die Schädel von gefundenen Leichen rekonstruiert, damit diese mit Fotos verglichen werden können, nimmt sie sehr ernst. Besonders, wenn es sich um den Schädel eines Kindes handelt, denn schließlich hat sie selbst ein Kind verloren. Sie redet sogar davon, die Schädel „nach Hause zu bringen“, als ob es sich dabei um lebendige Menschen handelt, denen sie sich verpflichtet fühlt.

Doch trotzdem übernimmt Eve nicht jeden Job. Als der kolumbianische Waffenhändler Montalvo sie kontaktiert, damit er ihr den mutmaßlichen Schädel seiner Frau rekonstruiert, die von seinem Erzfeind, dem Drogenbaron Diaz, umgebracht wurde, lehnt sie sofort ab. Mit einem Verbrecher möchte sie nichts zu tun haben. Doch Montalvo hat seine Mittel und Wege, um sie zu zwingen: Er droht damit, einen Menschen umzubringen, der dem CIA Informationen über Montalvos Unternehmungen geliefert hat, wenn Eve sein Jobangebot nicht annimmt. Zähneknirschend lässt Eve sich darauf ein, obwohl Joe dagegen ist. Ohne seine Zustimmung reist sie nach Kolumbien, doch er folgt ihr natürlich. Das führt zu einigen Verwicklungen, die mit der Zeit richtig gefährlich werden. Denn Diaz, der den Schädel von Montalvos Frau hütet, lässt sich nicht gerne in die Karten gucken und kennt keine Gnade mit Leuten, die für seinen Feind arbeiten oder deren Angehörige …

Iris Johansens Heldin reiht sich willig hinter ihren Kolleginnen ein. Sie hat eine schwere Vergangenheit hinter sich und die große Liebe gefunden, die sie aufgrund ihres Berufs und ihrer Prinzipien immer wieder aufs Spiel setzt. Eve Duncan ist dadurch nicht wirklich originell, auch wenn sie relativ realistisch dargestellt wird. Johansen schafft es, Eve durch ihren lebendigen, nüchternen Schreibstil Leben einzuhauchen. Sie wirkt weniger oberflächlich als beispielsweise Tempe Brennan, was dem Buch immerhin einen Pluspunkt beschert.

Einen weiteren verspielt die seichte Handlung dummerweise. Das beginnt damit, dass der „Thriller“ nicht in Gang kommt. Johansen zieht die Entscheidung, ob Eve Montalvo hilft oder nicht, seitenlang hin. Erst ist sie dagegen, dann wird sie unter Druck gesetzt, ist immer noch dagegen, will zum Schein darauf eingehen, geht schließlich darauf ein. Abgesehen davon, dass ihre Reaktion vorhersehbar ist, weil das Buch ansonsten keinen Erzählstoff gehabt hätte, wäre hier eine etwas straffere Handlung gut gewesen. Im weiteren Verlauf geht es zwar etwas flotter zur Sache, aber trotzdem möchte keine Spannung aufkommen. Dafür gibt es zu wenig Überraschendes. Die Geschichte bleibt bis zum Ende vorhersehbar.

Was dabei tröstet, ist der sichere Schreibstil. Johansen verliert nicht viele Worte, sie kommt auf den Punkt und lässt dabei gerne den einen oder anderen Schlagabtausch einfließen. Zumeist wird aus Eves Perspektive erzählt, wobei die Autorin sehr nahe an der Person bleibt. Das hat zur Folge, dass Beschreibungen von Situationen und Umständen recht knapp sind. Es wäre zum Beispiel sehr interessant gewesen, als Leser etwas über den exotischen Schauplatz des Romans zu erfahren. Leider geht Johansen auf die Besonderheiten Kolumbiens oder das Aussehen des Urwalds oder Montalvos Festung nur sehr wenig ein. Im Endeffekt kommt man dadurch den Personen selbst zwar sehr nahe und amüsiert sich an der einen oder anderen Stelle über die schlagfertige Eve, aber den Schauplatz des Romans kann man sich nur schwer vorstellen.

„Netz des Todes“ ist ein auf weiten Strecken vorhersehbarer, nicht wirklich spannender Thriller, der immerhin teilweise mit dem Schreibstil und der Hauptperson punkten kann. Hätte die Autorin diese guten Ansätze konsequent in eine anschauliche Kulisse und eine Handlung, die den Titel „Thriller“ verdient, eingebettet, hätte die Geschichte um die Schädelexpertin Eve Duncan sicherlich eine interessante Angelegenheit werden können. So jedoch hat Iris Johansen leider einige Sympathien verschenkt.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc/

|Weitere Rezensionen zu Iris Johansen auf Buchwurm.info:|
[„Und dann der Tod“ 606
[„Das verlorene Gesicht“ 667

Gerber, Rip – Pharma

Im brasilianischen Regenwald werden zwei Touristinnen von einer riesigen Venusfliegenfalle angegriffen und beinahe getötet. Auch die Forscherin Susan Plotkin muss sich einer höchst aggressiven Aya-Ranke erwehren, die sie nur dadurch vernichten kann, indem sie den Jeep, in welchem sie die Pflanze transportierte, in die Luft jagt. Susan und ihr Kollege Ben Maxwell sehen in der Entdeckung die unglaubliche Chance, die Schließung ihres Labors im Regenwald zu verhindern.

Ursprünglich sollte die Einrichtung, welche die Firma ChemGen finanziert, der Entdeckung eines Medikaments gegen Progerie dienen. Doch diverse Experimente schlugen fehl, und als ein Indianermädchen, an dem das Arzneimittel getestet wurde, starb, wurde das Projekt beendet. Nun stehen die Arbeitsplätze der Wissenschaftler auf dem Spiel. Doch das ist nur das geringste Problem von Susan und ihren Mitarbeitern, denn der fanatische und stinkreiche Urwaldschützer Hopkins hat Wind von den killenden Riesenpflanzen bekommen und schickt sich an, das Geheimnis des Gigantismus zu ergründen, notfalls auch mit Gewalt durch hiesige Söldner …

Rip Gerbers Debütroman wird direkt mit folgendem Werbeslogan angepriesen: „Ein rasanter Wissenschafts-Thriller von erschreckender Aktualität“. So oder ähnlich werden allerdings zahllose Romane dieses Genres beschrieben, aber im Gegensatz zu vielen anderen Werken beschäftigt sich das vorliegende Buch nicht mit Viren oder mutierten Tieren, sondern rückt erstmals die Welt der Pflanzen in den Mittelpunkt des Geschehens. Dass dabei riesige Venusfliegenfallen Menschen angreifen, hört sich im ersten Moment sehr plakativ und trashig an – und ist es letztendlich auch. In erster Linie interessiert den Autor mit Sicherheit der Unterhaltungswert seines Buches und weniger die Glaubwürdigkeit oder Authentizität. Auch wenn auf der sehr anschaulich gestalteten [Internet-Seite]http://www.pharmathriller.de einige interessante Fakten zu den Pflanzen des Regenwaldes und den genetischen Versuchen, die mit ihnen gemacht werden, stehen, so ist der größte Teil der Geschichte reine Fiktion.

Bei den Charakteren bedient sich Gerber kräftig bei den üblichen Klischees und kreiert nicht nur die taffe, attraktive Forscherin Susan, sondern auch den etwas heruntergekommenen, aber dafür umso brillanteren Wissenschaftler Ben Maxwell, der neben dem ganzen Trubel um Firmenverschwörung und Killerpflanzen auch noch sein verkorkstes Familienleben auf Vordermann bringt. Leider ließ es sich der Schriftsteller auch nicht nehmen, ebenfalls einen dieser klugscheißenden und über die Maßen hinaus mutigen Jugendlichen in den Roman einzubauen, der dank seiner genialen Computerkenntnisse selbstverständlich einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Falles leistet. Als der knapp 14-jährige Bengel aber dann auch noch einen Hubschrauber steuert, dessen Handhabung er allenfalls aus diversen Computersimulationen her kennt, verlässt der Autor endgültig die Ebene der Glaubwürdigkeit. Der habgierige Geschäftsmann Hopkins weist zunächst noch überraschend differenzierte Charakterzüge auf, wird aber zum Ende hin ein genauso wahnsinniger wie bösartiger Gegenpart zu den oben erwähnten Gutmenschen, wie man ihn aus unzähligen Geschichten solcherlei Art her kennt.

So hervorragend Gerber in Sachen Botanik und Chemie recherchiert haben mag, was an sonstigen Fakten dem Leser geboten wird, ist gelinde gesagt haarsträubend für einen Wissenschaftsthriller. Susan Plotkin jagt ihren Jeep nebst Monsterpflanze allein dadurch in die Luft, dass sie eine Kugel in den Tank schießt. Ein Motorrad, welches aus einigen Metern zu Boden stürzt, fängt ebenfalls sofort Feuer, und als Vater und Sohn den Urwald erkunden, finden sie zufällig eine zehn Meter lange Anakonda im Wipfel eines Baumes, wo die Riesenschlange einen Hirsch (!) verschlingt und blitzschnell die Flucht ergreift, als der Junge einen Stein nach ihr wirft. Abgesehen davon, dass man Anakondas auch im Regenwald Amazoniens nicht an jeder Ecke sieht, ist ein Exemplar von zehn Metern Länge eine echte Seltenheit. Eine Schlange von diesen Ausmaßen ist aber auch derart schwer, dass sie meistens im Wasser jagt und kaum in der Lage ist, einen Baum zu erklimmen, schon gar nicht mit einem Hirsch in den Fängen. Hinzu kommt, dass eine Riesenschlange beim Fressen und anschließend beim Verdauen kaum in der Lage ist, irgendwohin zu kriechen bzw. die Flucht zu ergreifen. Hier hat sich der Autor sein Wissen wohl in schlechten Filmen angeeignet.

Der Storyaufbau ist allerdings wirklich rasant und der Schreibstil sehr flüssig, so dass man das Buch recht zügig durchlesen kann, zumal die einzelnen Kapitel auch nicht sonderlich lang sind. Der Spannungsbogen wird trotz aller Mängel konstant gehalten. Wer es mit den Fakten nicht so genau nimmt und sich einfach für ein paar Stunden unbeschwert unterhalten möchte, der kann bei diesem Schmöker getrost zugreifen.

Die Aufmachung des Romans ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll. Der Titel wurde in erhaben blutroten Lettern auf den Einband gedruckt und der schwarze Hintergrund mit dem grünen Fangblatt einer Venusfliegenfalle macht dem potenziellen Leser sofort klar, worum es in dem Buch geht. Für die Innenseiten des Bandes hat sich der Verlag auch eine originellere Lösung als die langweilige weiße Pappe einfallen lassen. Wenn man das Buch aufklappt, sieht man unter der vergrößerten Abbildung des Fangblattes vom Cover ein Foto des Autors. Auf der Innenseite des Klappentextes hat der Verlag die Chance für ein wenig Eigenwerbung ergriffen und präsentiert aktuelle Wissenschafts-Thriller in farbigen Abbildungen.

Fazit: Ein flüssig geschriebener Thriller über die Abgründe moderner Pharmazeutikunternehmen. Wer auf anspruchsvolle Unterhaltung hofft, wird bei diesem Buch sicherlich enttäuscht werden. Wer sich allerdings nur die Zeit mit einer kleinen Horror-Story à la Hollywood vertreiben will und nicht viel Wert auf Charakterzeichnung legt, der kann sich den Roman bedenkenlos zulegen.

http://www.pharmathriller.de
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_Florian Hilleberg_

Guillou, Jan – Madame Terror. Sonderauftrag für Hamilton

Schon seit vielen Jahren versuchen die Palästinenser ihren anerkannten Anspruch auf ein eigenes Staatsgebiet durchzusetzen – bislang ohne Erfolg. Der schwedische Schriftsteller Jan Guillou entwirft in seinem Roman „Madame Terror“ ein Szenario, wie die Palästinenser ihrem Ziel ein Stückchen näher kommen könnten.

Eine tragende Rolle spielt dabei Mouna al-Husseini, eine einflussreiche Agentin der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Sie ist diejenige, die den wahnwitzigen Plan entworfen hat, mit einem U-Boot die israelische Flotte unschädlich zu machen, um der Forderung nach einem rein palästinensischen Gaza-Streifen Nachdruck zu verleihen. Aus diesem Grund lässt sie mit der Hilfe von Russlands Präsident Putin ein bis dato unerreichtes Wunderwerk von U-Boot bauen und wirbt russische und arabische Männer an, die ihr im Kampf zur Seite stehen sollen. Doch bei der ersten Testfahrt geht einiges schief. Die Russen und die Palästinenser geraten sich in die Haare, was unter anderen Umständen das Ende von Mounas Mission bedeutet hätte.

Kurz und gut: Es muss ein Mann her, der nicht nur ein U-Boot befehligen kann, sondern auch Russisch, Englisch und Arabisch spricht, der Charisma hat und ihr Anliegen versteht. Da kann es selbstverständlich nur einen geben: Carl Hamilton alias Coq Rouge, der Held aus Guillous früheren Büchern. Hamilton sitzt eigentlich in der Falle. Wegen Mordes müsste er in Schweden eine lebenslängliche Haftstrafe abbüßen, aber ihm gelang die Flucht, und nun lebt er im Zeugenschutzprogramm des FBI mit neuer Identität in Kalifornien. Als eines Abends seine alte Freundin Mouna auftaucht und ihn um Hilfe bittet, ziert er sich nicht lange: Er hat es satt, in Kalifornien festzusitzen. Gemeinsam mit der Agentin arbeitet er einen Plan aus, wie man eine möglichst kompetente U-Boot-Mannschaft zusammenstellt und den Krieg gegen Israel am geschicktesten führt. Hamilton stellt sich als Glücksgriff heraus, den Mouna auch bitter nötig hat. Der Anschlag auf den israelischen Marinestützpunkt in Haifa verläuft zwar mehr oder weniger nach Plan, doch ehe die U-Boot-Mannschaft sich versehen hat, wird sie von der ganzen Welt gejagt. Von der ganzen Welt? Nein, eigentlich gibt es nur einen, der glaubt, das U-Boot unbedingt versenken zu müssen, und das ist der amerikanische Präsident …

… und der amerikanische Präsident ist, wie wir wissen, momentan George W. Bush. Jan Guillou nimmt in „Madame Terror“ kein Blatt vor den Mund. Viele politische Figuren in dem Buch existieren auch im realen Leben, darunter Donald Rumsfeld, Condoleezza Rice, Tony Blair, Wladimir Putin oder der palästinensische Präsident Mahmud Abbas. Doch der Schwede baut diese Personen nicht nur in seine Geschichte ein, er schreibt sogar aus ihrer Perspektive. Dabei lässt er es sich nicht nehmen, einige Politiker als eher einfältig und dumm darzustellen, ohne den Bogen aber wirklich zu überspannen.

Er geht dabei sehr selbstverständlich mit den Personen um und führt jede neue erst einmal mit ihrer Biografie und der Darstellung ihres momentanen Gefühlszustandes ein. Dadurch schweift er gelegentlich etwas ab, was aber letztendlich für gut ausgearbeitete Charaktere sorgt. Dabei liegt sein Fokus nicht wirklich auf einer einzigen Person. Vielmehr hat man das Gefühl, dass jede vorkommende Perspektive des Romans gleichberechtigt ist. Das ist natürlich sehr gewagt. Viele Personen sorgen oft dafür, dass ein Buch zerfasert und inkonsistent wird. Nicht in diesem Fall. Guillou schafft es, die Geschichte zusammenzuhalten, und verleiht ihr durch die Vielzahl von Charakteren unterschiedlichster Nationalität und Aufgabe eine bemerkenswerte Tiefe.

Die Handlung unterstreicht diese Tiefe. Sie ist bis ins kleinste Detail ausgefeilt. „Madame Terror“ ist einer dieser Polit-Thriller, die Konzentration erfordern, weil sie so detailreich sind. Widmet man dem Roman diese Konzentration, wird man mehr als entlohnt. Das Buch ist spannend, der Autor scheint zu wissen, worüber er schreibt. Gerät der Anfang noch etwas zäh, kommt das Buch später wie ein schweres U-Boot in Fahrt und gewinnt an Spannung, die man aufgrund des eher trockenen Sujets nicht erwartet hätte. Die politischen Verwicklungen sind an der einen oder anderen Stellen für Leser, die sich auf diesem Gebiet nicht so gut auskennen, etwas verworren, aber im Gesamtkontext sind diese Stellen trotzdem verständlich und mindern die Spannung nicht. Selbige wird im Übrigen auch durch das handwerkliche Geschick des Autors erzeugt. Er weiß mit Perspektivenwechseln zu spielen. Sobald ein großes Ereignis naht, setzt er einen Schnitt, um dann während oder nach dem Ereignis wieder einzusetzen. Meistens tut er dies aus der Sicht einer außenstehenden Person, wie zum Beispiel der amerikanischen Außenministerin Condoleezza Rice, die des Öfteren zu Worte kommt.

Gestützt wird das gut recherchierte und realistisch wirkende Material durch einen gestochen scharfen und intelligenten Schreibstil. Guillou gelingt es dabei, Abwechslung in die Geschichte zu bringen, indem er unterschiedliche Stimmlagen verwendet. Kommen beispielsweise die Amerikaner zum Zuge, wird die Sprache oft etwas ordinärer, so, wie man sich einen – leicht überspitzten – George W. Bush eben vorstellt. Ansonsten lässt sich das Buch wunderbar flüssig lesen. Guillou greift auf einen großen Wortschatz zurück, und obwohl er auf einem hohen technischen Niveau schreibt, vermisst man weder Leben noch Gefühl, auch wenn darauf sicherlich nicht sein Hauptfokus liegt.

In der Summe ist dem Schweden mit „Madame Terror“ ein sehr ausgefeiltes, technisch gut geschriebenes und vor allem spannendes und realistisch dargestelltes Schreckensszenario gelungen, wie es hoffentlich nie passieren wird. Was das Buch für viele sicherlich besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass die Amerikaner und ihre Kriegspolitik nicht besonders gut wegkommen. Das hebt die Geschichte auch positiv ab von vielen amerikanischen Thrillern, die sich mit dieser Thematik befassen. Dennoch begeht Guillou nicht den Fehler, die Vereinigten Staaten zu einseitig darzustellen. Im Gegenteil schafft er mit der des Öfteren eingesetzten Perspektive von Condoleezza Rice ein angenehmes, unaufdringliches Gegengewicht, das sehr gefällt.

http://www.piper-verlag.de/nordiska/

Sabine Thiesler – Hexenkind

In einem einsamen Waldhäuschen wird Sarah Simonetti brutal ermordet. Ihre Kehle ist so tief durchgeschnitten, dass ihr Kopf fast abgetrennt wurde. Ihr Ehemann Romano ist erschüttert – wer könnte seine Frau ermordet haben? Schnell tauchen aber die ersten Verdachtsmomente auf, denn Sarah hatte einen jüngeren Liebhaber. Als dann die Polizei auch noch bemerkt, dass in der Küche der Trattoria, die die Familie Simonetti betreibt, das größte Messer fehlt, ist für den Chefermittler Donato Neri klar, dass Romano die Tat begangen hat. Kurzerhand nimmt er den Familienvater fest, der seinen behinderten Sohn Edi in der Obhut seiner Großeltern lassen muss und sich fortan in einer winzigen Zelle befindet, die von drei weiteren mutmaßlichen Mördern bewohnt wird.

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Laymon, Richard – Nacht

Eigentlich wollte Alice nur das luxuriöse Haus ihrer Freunde nahe dem Wald hüten, solange seine Bewohner verreist sind. Als kurz nach Mitternacht ein Fremder aus dem Wald kommt, sie beobachtet und provoziert, beginnt für Alice allerdings ein mörderischer Albtraum. Ein junger, hilfsbereiter Mann, der sich verwählt hat und Alice vor dem sonderbaren Fremden retten will, endet mit einem Säbel im Schädel. Nun muss die junge Frau die Konsequenzen aus ihrer folgenschweren Verwechslung ziehen. Die Polizei zu verständigen, kommt für Alice mit ihrer bewegten Vergangenheit schon mal gar nicht in Frage, und so will sie den Toten spurlos und sicher entsorgen. Dazu muss sie aber nicht nur die Leiche loswerden, sondern auch das Telefon des toten Mannes finden, auf dem ihre Nummer mit Hilfe der Wahlwiederholung einwandfrei festzustellen ist. Und damit kommt eine Lawine ins Rollen, in welcher Alice nicht nur ihre eigenen Kaltblütigkeit bis an die Grenzen belasten, sondern sich darüber hinaus auch eines Kannibalen und eines Psychopathen erwehren muss …

Seit Kurzem wird Richard Laymon als neuer Stern am Horror-Himmel gefeiert und seine Bücher werden in der Reihe |Heyne Hardcore| auch dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. |“Es wäre ein Fehler, Richard Laymon nicht zu lesen!“|, meint beispielsweise Stephen King, und Dean Koontz behauptet angeblich sogar: |“Richard Laymon hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. So schreiben kann niemand!“| Der vorliegende Roman ist zweifelsohne ganz gut geschrieben worden. Solcherlei Lobhudeleien sind allerdings weit von der Wahrheit entfernt und übertreiben maßlos.

Häufig werden die Romane Laymons als Horror-Geschichten eingeordnet. Tatsächlich sind es eher Psycho-Thriller, die vornehmlich durch exzessive Beschreibungen von Gewalt und Sex die Leserschaft zu schocken versuchen. Im vorliegenden Roman erzählt eine junge Frau namens Alice von zwei Nächten voller absonderlicher, ja geradezu grotesker Erlebnisse, die sonst keinem Menschen widerfahren würden.

Der Stil ist dabei locker, flüssig und beinahe schon satirisch zu nennen. Mit viel Witz und Ironie, bisweilen auch ein wenig Zynismus, berichtet Alice von einem unabsichtlichen Mord und ihrem Versuch, diesen zu vertuschen. Die Originalität des Romans basiert vor allem auf der Tatsache, dass Alice selbst eine völlig skrupellose und kaltschnäuzige Psychopathin ist. Kleine Nebensätze und Berichte aus ihrer Vergangenheit sollen dem Leser unmissverständlich klarmachen, dass die Protagonistin aber im Gegensatz zu ihrem Gegenspieler, einem Spaßkiller, ein Opfer der Gesellschaft ist, beziehungsweise dasjenige einiger echt kranker Individuen.

Die Veröffentlichung innerhalb der Reihe |Heyne Hardcore| sagt es bereits aus, dass diese Lektüre nicht für Leser unter 18 Jahren geeignet ist; einige Beschreibungen von Sex und Gewalt sind wirklich schwere Kost, wenngleich nicht ganz so pervers wie in [„American Psycho“. 764 Ob man allerdings gewillt ist, sich mit Alice zu identifizieren, muss jeder für sich entscheiden. Erstaunlich ist jedenfalls, mit welcher Zufälligkeit die Heldin des Romans innerhalb von 48 Stunden von einem Fettnäpfchen ins nächste tritt und nur auf Menschen trifft, welche es mit geradezu stoischer Ruhe hinnehmen, wenn in ihrer Nähe jemand ermordet oder aufgefressen wird, wenn sie nicht gerade selbst die Mörder sind.

Die Glaubwürdigkeit des Romans bleibt also zunächst dahingestellt und nach dem „Genuss“ dieser Geschichte kann man leicht dem Irrglauben erliegen, die Welt bestünde nur aus total irren Lustmördern und Kannibalen. Selbst im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wo auch die Schattenseiten der menschlichen Natur ihre Existenzberechtigung haben, steckt nicht jeder einsam gelegene Wald voller pervers veranlagter Killer.

Ein wenig irreführend ist allerdings der Klappentext, der beschreibt, dass Alice von einem mysteriösen Anrufer terrorisiert wird. Der arme Tony bietet ihr aber nur seine Hilfe an, als er bemerkt, dass er sich verwählt hat. Der Terror geht eindeutig von dem seltsamen Fremden aus, der mitten in der Nacht nackt im Swiming Pool planscht, um sich anschließend vor Alice‘ Augen an der Terrassentür zu verlustieren. Die Aufmachung des Buches ist ansonsten schlicht und dennoch ansprechend. Titel und |Heyne-Hardcore|-Logo sind leicht erhaben auf den Umschlag gedruckt worden und verleihen dem Taschenbuch eine edle Note.

_Fazit:_ Gut lesbarer, manchmal etwas überzogener und dadurch schon satirisch angehauchter Horror-Trip, der zum Teil jenseits des guten Geschmacks liegt. Potenzielle Käufer sollten eine hohe Toleranzschwelle besitzen und dürfen nicht gerade zimperlich sein. Aber in Zeiten, in denen Folterungen à la „Saw“ und „Hostel“ in brutalen Einzelheiten im Kino vorgeführt werden, ist das, was der Leser in diesem Buch geboten bekommt, geradezu unerheblich.

http://www.heyne-hardcore.de/
http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm

_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Spiel“ 3491
[„Die Insel“ 2720
[„Rache“ 2507
[„Vampirjäger“ 1138

_Florian Hilleberg_

Mignon G. Eberhart – Der dunkle Garten

Im alten Haus stirbt eine ungeliebte Zeitgenossin, bevor sie einem dreisten Erbschleicher die Maske vom Gesicht reißen konnte. Eine verdächtige Frau erkennt fast zu spät, dass sie als Bauernopfer für ein geschickt eingefädeltes Komplott dienen soll … – Mit altmodischen Grusel-Effekten versehener, klassischer „Whodunit“-Krimi, in dem nicht der Ermittler, sondern die Hauptverdächtige die Hauptrolle spielt. Das übliche Katz-und-Maus-Spiel wird zum spannenden Wettlauf mit dem Mörder, bis in letzter Sekunde die Gerechtigkeit obsiegt: nostalgisches Lesevergnügen der gediegenen Art.
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Satterthwait, Walter – Miss Lizzie kehrt zurück

Band 1: [„Miss Lizzie“ 4269

New York, 1924: Drei Jahre sind vergangen, seit Amanda Burtons Stiefmutter mit einem Beil ermordet wurde und das Mädchen mit Hilfe ihrer Nachbarin Miss Lizzie den Fall klärte. Amanda ist inzwischen sechzehn Jahre alt. Während ihr Vater mit seiner neuen Frau Susan eine Tibetreise unternimmt und ihr Bruder William in Boston bleibt, darf Amanda den Sommer über in New York bei ihrem Onkel verbringen. Onkel John, den sie bisher nicht kannte, ist der jüngere Bruder ihres Vaters, erst Anfang dreißig, Börsenmakler, sehr attraktiv und sympathisch.

Nach ihrer Ankunft verlebt Amanda eine wunderschöne Woche im aufregenden New York. Tagsüber erkundet sie alleine die Metropole, abends taucht sie mit John ins Nachtleben ein. Am Freitagabend scheint John irgendetwas zu verstimmen, doch er spricht nicht darüber. Am nächsten Morgen findet Amanda ihn tot in der Bibliothek – erschlagen mit einem Beil.

Die geschockte Amanda ruft die Polizei. Leider gerät sie wegen der Vorgeschichte mit ihrer Stiefmutter selbst unter Verdacht. Nach quälenden Verhören holt sie endlich ein Anwalt heraus – und führt sie zu ihrer Überraschung zu ihrer alten Freundin Miss Lizzie, die extra angereist ist, um Amanda zu helfen. Nach und nach stellt sich heraus, dass John Burton kriminelle Beziehungen zur Halbwelt unterhielt. Welche Rolle spielen der Nachtclubbesitzer McFay, der Unterweltkönig Arnold Rothstein und Johns Ex-Geliebte Daphne Dale? Gemeinsam mit Miss Lizzie, dem Privatdetektiv Mr. Leibowitz, dem cleveren Anwald Mr. Lipkind, seinem farbigen Chauffeur Robert, dem mysteriösen Mr. Cutter und der Schriftstellerin Mrs. Parker sucht Amanda nach dem Mörder …

„Miss Lizzie“ war der erste Streich, in dem die berühmte Lizzie Borden, die Ende des 19. Jahrhunderts im dringenden Verdacht stand, ihre Eltern mit dem Beil erschlagen zu haben, als axtschwingende Miss Marple ermittelte. Diesem furiosen Roman folgte alsbald eine Fortsetzung, die immer noch gut unterhält, aber leider nicht an die Klasse des Vorgängers heranreicht.

_Bunte Charaktervielfalt_

Miss Lizzie ist die alte geblieben, sieht man davon ab, dass sie mittlerweile einen Stock als Gehilfe benötigt und der Kneifer mehr als modisches Accessoire geworden ist. Ansonsten ist sie so souverän und humorvoll wie eh und je. Amanda, die einst süße, naive Dreizehnjährige mit der ehrlich-offenen Art, ist zu einer jungen Dame herangewachsen, die aber immer noch recht kindlich denkt, leicht errötet und die Welt um sich herum mit Staunen betrachtet.

Auch bei den Nebenfiguren sind dem Autor einige Sympathieträger gelungen. Mr. Lipkind ist ein cleverer Anwalt, der Amanda sofort ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Mr. Leibowitz, äußerlich sehr auffällig, da er als Kind infolge einer Krankheit sämtliche Haare verlor, ist ein fähiger Ermittler und der gut aussehde Mr. Cutter, einst beim Militär beschäftigt, ist eine wunderbar mysteriös-faszinierende Gestalt. Um den ermordeten John Burton trauert man beinah ebenso wie Amanda, denn nur zu gerne hätte man noch mehr darüber gelesen, wie sie ihren Onkel bewundert und mit Herzklopfen von ihm in New Yorks Lokale ausgeführt und von allen anwesenden Frauen beneidet wird.

Natürlich hat Satterthwait neben Miss Lizzie auch wieder eine Reihe realer Personen aus den Roaring Twenties eingebracht. Dazu gehört etwa die Schriftstellerin und Kritikerin Dorothy Parker, die für ihre spitze Zunge bekannt war und heute nicht nur durch ihre Werke, sondern auch durch die Verfilmung „Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis“ immer noch populär ist. Den legendären „Cotton Club“ samt seinem Gangster-Besitzer Owney Madden, auch den gefährlichen Arnold Rothstein hat es wirklich gegeben, und in einer amüsanten Szene begegnen wir dem Hollywoodstar Mae West. Üppig und blond, lasziv und schnodderig plaudert sie mit Dorothy Parker, ehe sie mit wiegenden Hüften davonwackelt, ganz so, wie man die Ikone in Erinnerung hat.

_Vergnügliche Spannung_

Es gibt eine Menge Leute, die als Täter für den Mord an John in Frage kommen, und der Leser darf gemeinsam mit Amanda, Miss Lizzie und den anderen Rätsel raten. Die kriminalistische Handlung steht allerdings nicht so sehr im Vordergrund, die Auflösung ist nicht besonders überraschend, und zumindest wer den Mord in Auftrag gegeben hat, errät man recht bald. Interessanter sind die verwegenen Schauplätze im lasterhaften New York der Prohibitionszeit und die brenzligen Situationen, aus denen sich die findigen Ermittler hinausmanövrieren müssen.

Noch häufiger als im ersten Band fallen außerdem Andeutungen seitens Amandas über ihr späteres, sehr bewegtes Leben, sodass man sich wünscht, dass Walter Satterthwait die Reihe vielleicht ohne Miss Lizzie, die bald darauf verstarb, fortsetzt – denn Amandas Leben bietet augenscheinlich auch für die Jahrzehnte danach noch eine Fülle an Stoff.

_Schwächer als der Vorgänger_

Wie leider zu befürchten, kann dieser Roman allerdings nicht an „Miss Lizzie“ heranreichen. Zum einen fehlt die Atmosphäre aus dem ersten Band, die aus dem Kennenlernen von Miss Lizzie und Amanda erwuchs. Während die alte Dame hier eine gute Freundin ist, stand Miss Lizzie damals immerhin selber unter Mordverdacht und Amanda grübelte mehrmals darüber nach, ob sie seinerzeit wohl die Tat begangen hatte oder nicht. Dieser Zwiespalt Amandas, die Miss Lizzie einerseits vertraute und andererseits immer wieder Momente des Zweifelns erlebte, fehlt im Nachfolger; die Rollen sind zu statisch festgelegt.

Zum anderen ist der Roman mit Nebenfiguren ein wenig überladen. Während im ersten Band die Beziehung zwischen Amanda und Miss Lizzie im Vordergrund stand, mischen hier mit Dorothy Parker, Mr. Leibowitz, Mr. Cutter und dem ermordeten John Burton einige Mitspieler zu viel hinein. Dorothy Parker lebt mehr von ihrem tatsächlichen Ruf als von ihrer eher blassen Darstellung in diesem Fall, Leibowitz, Cutter und der verstorbene John allerdings sind sehr interessante Gestalten – gerade dies lenkt aber vom Verhältnis zwischen Amanda und Miss Lizzie ab, das nunmehr zu selbstverständlich wirkt. Ohne Kenntnis des Vorgängers sollte man sich ohnehin nicht an die Lektüre begeben, da der Zauber von „Miss Lizzie“ einen großen Teil dazu beiträgt, dass man so gierig auf weitere Informationen aus dem Leben der beiden verschiedenen Freundinnen lauert.

_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer und humorvoller Krimi aus dem New York der Goldenen Zwanziger, der drei Jahre nach dem Vorgänger „Miss Lizzie“ spielt. Allerdings kann der Roman nicht die Klasse des ersten Bandes erreichen, vor allem, da die Beziehung zwischen Amanda und Miss Lizzie hier nicht so sehr im Vordergrund steht. Trotzdem auf jeden Fall lesenswert.

_Der Autor_ Walter Satterthwait wurde 1946 in Philadelphia geboren und bereiste im Lauf der Jahre alle möglichen Länder. Die meiste Zeit über lebt und schreibt er in Santa Fe (New Mexico). Er schreibt vorwiegend Kriminalromane, die in den zwanziger Jahren spielen. Weitere Werke sind u. a.: „Miss Lizzie“, [„Eskapaden“, 1843 „Oscar Wilde im Wilden Westen“ und „Wand aus Glas“.

http://www.dtv.de

Clark, Mary Higgins – Und hinter dir die Finsternis

Die Grande Dame der Kriminalliteratur meldet sich mit einem neuen packenden Roman zurück und zeigt, dass sie auch im hohen Alter noch nichts von ihrer Fähigkeit verlernt hat, ihre Leser mitzureißen und vor allem zu überraschen.

_Mord in der High Society_

Kay Lansing ist Bibliothekarin und auf der Suche nach der richtigen Location für eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Sofort kommt ihr der Gedanke an das Anwesen der sagenumwobenen Familie Carrington. Die Carringtons sind nämlich nicht einfach nur steinreich, sondern die Familie umgibt auch viele Geheimnisse. Vor 22 Jahren ist nach der Party bei den Carringtons ein junges Mädchen spurlos verschwunden und Peter Carrington, der Sohn des Hauses, der inzwischen zum Herren über das Anwesen aufgestiegen ist, haftet immer noch der Verdacht an, für dieses Verschwinden verantwortlich zu sein. Aber auch seine erste Frau Grace ist auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen, und es konnte nie geklärt werden, ob sie Selbstmord begangen hat, verunglückt ist oder gar ermordet wurde.

Als Kay Lansing zum ersten Mal Peter Carrington in natura trifft, um ihn wegen der Wohltätigkeitsveranstaltung zu fragen, verliebt sie sich trotz aller Gerüchte, die seine Person umgeben, auf den ersten Blick in ihn. Und diese Gefühle beruhen auf Gegenseitigkeit. Die beiden beginnen eine leidenschaftliche Affäre und heiraten kurz darauf. Klingt alles nach einem Happy-End, doch bald holt Peters Vergangenheit ihn ein, als Gladys Althorp, die Mutter des verschwundenen Mädchens, einen Privatdetektiv engagiert, der endlich das Geheimnis um das Verschwinden ihrer Tochter Susan aufklären soll. Und tatsächlich, Nicholas Greco findet schnell eine Zeugin, die ihre Aussage von damals, die Peter Carrington entlastet hat, zurücknimmt. Als ein weiteres Beweisfitzelchen auftaucht, das Peter belastet, wird er festgenommen.

Nun beginnt auch Kay auf eigene Faust, den Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen, weil sie immer noch felsenfest an die Unschuld ihres Mannes glaubt, obwohl doch alles gegen ihn spricht. Auch Kays Großmutter, die seit dem frühen Tod ihrer Mutter und dem Selbstmord ihres Vaters vor 22 Jahren immer wie eine Mutter für Kay war, misstraut Peter Carrington und macht sich Sorgen um ihre Enkelin. Als diese entdeckt, dass sie schwanger ist, könnte sie eigentlich glücklich sein, doch ihr Mann sitzt derweil in Untersuchungshaft und muss sich immer schwereren Vorwürfen aussetzen. Langsam kommen auch Kay Zweifel, denn sie erinnert sich an eine Nacht kurz nach der Hochzeit, als sie ihren Mann beim Schlafwandeln am Pool gesehen hat, wie er versucht hat, etwas (oder jemanden?) unter Wasser zu drücken. Hat er womöglich die Morde im Schlaf begangen? Die Polizei ermittelt und findet kurze Zeit später zwei Leichen auf dem Anwesen der Carringtons …

_In dubio pro reo?_

In gewohnter Manier führt uns Mary Higgins Clark durch ihren Kriminalroman, und wieder einmal sind mysteriöse Morde aufzuklären, deren Täter fast schon festzustehen scheint. Doch wie nicht anders zu erwarten war, ist bei Mary Higgins Clark nie etwas so, wie es scheint. Gemeinsam mit Kay Lansing begeben wir uns auf Spurensuche und finden zunächst immer mehr erdrückende Hinweise, die für die Schuld Peter Carringtons sprechen. Alle Menschen sind von Peters Unschuld überzeugt und als er von Kay erfährt, dass er immer noch schlafwandelt und dabei die Morde „nachstellt“, glaubt er fast schon selbst an seine Schuld. Das Problem ist nur, dass in den USA Menschen auch für Morde verurteilt werden können, die sie ohne ihr Wissen im Schlaf begangen haben. Trotzdem will Peter ein Zeichen setzen, begibt sich in ein Schlaflabor, um endlich zu beweisen, dass er sich nicht an das erinnern kann, was er im Schlaf tut.

Nach und nach entdecken wir immer mehr Spuren, die auch den Selbstmord von Kays Vater in einem ganz neuen Licht zeigen. Seine Leiche konnte nämlich nie gefunden werden und auch ein Abschiedsbrief fehlte. Es gab also immer wieder Gerüchte, ob Kays Vater nicht verschwunden ist, weil er womöglich mit Susan Althorps Verschwinden zu tun hat. Doch Kay mag an diese Theorie nicht glauben, wird aber bald eines Besseren belehrt. Langsam kehrt auch eine Erinnerung zurück an die Nacht von Susans Verschwinden: Ihr Vater arbeitete damals nämlich als Gärtner für die Carringtons. In besagter Nacht musste er Kay mitnehmen zum Anwesen, um vor der Party noch etwas zu klären. Aus Neugierde schlich Kay damals in die Kapelle des Anwesens und wurde Zeugin eines Streites zwischen einem Mann und einer Frau. Die Frau wollte damals Geld haben, doch der Mann wies sie ab. Kay hat diesem Ereignis nie viel Bedeutung beigemessen, doch irgendwann beginnt sie sich zu fragen, ob sie nicht Peter und Susan belauscht hat und damit das Motiv für Peters Tat kennt.

Die Ermittlungen sind packend, spannend und verwirrend. Als Fan der Romane Mary Higgins Clarks war ich mir von Anfang an sicher, dass die Grande Dame mich wieder auf eine falsche Spur führen will, doch auch dieses Mal gelingt ihr dies voller Überzeugung, denn man kann sich bald gar nicht mehr vorstellen, wie Peter überhaupt unschuldig hätte sein können; doch wenn die große Krimiautorin eines kann, dann schier hoffnungslose Situationen überraschend aufklären. Und so hat Mary Higgins Clark auch hier wieder die eine oder andere Überraschung parat, mit der man ganz sicher nicht gerechnet hat. Nach und nach fügen sich alle Teilchen zu einem schlüssigen Ganzen zusammen, doch erst ganz spät kann man erahnen, wer womöglich noch ein Motiv für die Taten hätte haben können. Allerdings muss ich gestehen, dass ich immer jemand anderen im Blick hatte.

_Ein Leben wie im Märchen_

Große Teile des Romans sind aus der Ich-Perspektive Kays erzählt. Kay erzählt ihre Geschichte, offenbart uns ihre Gedanken und Ängste. Doch gleichzeitig gibt es auch immer wieder Passagen, die aus Sicht eines neutralen Beobachters geschrieben sind und dafür sorgen, dass wir nichts verpassen, sondern immer dort dabei sind, wo etwas Wichtiges passiert. Mary Higgins Clark eröffnet hier viele Schauplätze; so lernen wir die beiden Hausangestellten der Carringtons kennen, die schon viele Jahre dort arbeiten und die guten Seelen des Hauses zu sein scheinen. Doch natürlich haben auch diese beiden etwas zu verbergen. Wir treffen Peters Stiefmutter und ihren Sohn Richard Walker, die immer noch auf dem Anwesen leben, obwohl Peters Vater längst verstorben ist. Peters Verhältnis zu den beiden ist gut, doch Kay misstraut ihnen bald. Richard Walker betreut eine Kunstgalerie, die allerdings mehr schlecht als recht läuft, außerdem macht er beim Pferdewetten immer mehr Schulden, sodass seine Mutter ihm immer häufiger aus der Patsche helfen muss.

Den größten Raum im Buch erhält Kay Lansing, die die Liebe ihres Lebens gefunden hat, um diese aber gleich wieder zu verlieren. Verzweifelt sucht sie nach Hinweisen, die ihren geliebten Mann entlasten könnten. In unerschütterlicher Weise glaubt sie weiterhin an seine Unschuld, obwohl doch alles gegen ihn spricht. Teilweise konnte ich ihren festen Glauben nicht mehr nachvollziehen, aber Liebe macht ja bekanntlich blind.

Eine weitere wichtige Figur ist der Privatermittler Nicholas Greco, der zunächst für Susan Althorps Mutter arbeitet, der seine Dienste aber später auch für die Gegenseite verkauft. Greco ist stets auf der Suche nach der Wahrheit, doch hat man manchmal das Gefühl, dass er sich zu früh eine eigene Meinung bildet und dabei wichtige Hinweise übersieht. Doch am Ende wendet sich alles zum Guten und er findet gemeinsam mit Kay die Wahrheit heraus.

Durch das Auftreten zahlreicher Figuren gewinnen nur wenige genügend Profil, dennoch überzeugt die Charakterzeichnung über weite Strecken.

_Wettlauf mit der Zeit_

„Und hinter dir die Finsternis“ packt von der ersten Seite an und reißt den Leser mit, da man unbedingt wissen muss, was im Keller der Familie Carrington für Leichen begraben sind. Mary Higgins Clark inszeniert ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel gegen die Zeit, denn sollte Peter wirklich unschuldig sein (und alles andere wäre nun wirklich zu simpel), dürfte der wahre Mörder sich in Kays unmittelbarer Nähe befinden und es sollte ihm viel daran gelegen sein, Peter für diese Taten im Gefängnis zu wissen. Wie man es von Mary Higgins Clark gewöhnt ist, hebt sie sich ihr großes Überraschungsmoment so lange auf, bis sie nicht mehr länger warten kann, und so erwartet den Leser auch hier ein Finale, das sich gewaschen hat. Was ich der Autorin hier hoch anrechnen möchte: Sie dreht nicht im letzten Moment alles um, was sie vorher aufgebaut hatte, nur um den größten Effekt zu erreichen, nein, sie löst ihre Geschichte überzeugend auf, erklärt die Motive und präsentiert uns den wahren Täter. Zwar ist das Auffinden dieses Täters vom einen oder anderen Zufall begleitet, was die Glaubwürdigkeit der Geschichte ein wenig leiden lässt, aber die Auflösung ist absolut stimmig und überzeugt auf ganzer Linie. So bleibt nur zu hoffen, dass die Großmeisterin der Kriminalliteratur uns noch viele weitere ähnlich spannende Krimis bescheren wird.

|Originaltitel: I Heard That Song Before
Originalverlag: Simon & Schuster
Aus dem Amerikanischen von Andreas Gressmann
Gebundenes Buch, 400 Seiten, 13,5 x 21,5 cm|
http://www.heyne.de

Pearson, Ridley – einsamste Stunde, Die

Sechs Jahre ist es her, dass Roland Larson, zu diesem Zeitpunkt noch US-Marshall im Dienst des Zeugenschutzprogramms der Staatsanwaltschaft, die Zeugin Hope Stevens bewachte – und sich in sie verliebte. Die junge Frau arbeitete als Beraterin bei einer Untersuchung betrügerischer Versicherungspraktiken im Pflegewesen und hatte festgestellt, dass diese von der Mafia-Familie Romero gesteuert wurden. Auch Auftragsmorde waren im Angebot, wie Hope aufdecken konnte. Die dünne Indizienlage erforderte ihre Aussage vor Gericht, was die Romeros sehr wohl wussten. Sie schickten Paolo, ihren besten Killer, der mit seinem geliebten Rasiermesser ein Blutbad unter Hopes Beschützern anrichtete, von Larson aber vertrieben werden konnte, bevor er sein Opfer erwischte.

Heute arbeitet Larson als Deputy Marshall für die eine Sondereinheit, die überall in den USA nach flüchtigen Kriminellen fahndet. ‚Nebenbei‘ sucht Larson verzweifelt nach Hope, die nach dem missglückten Mordanschlag ins Zeugenschutzprogramm gegangen und später untergetaucht ist, ohne je ihre Aussage zu machen. Sein aktueller Fall führt ihn zurück in die Vergangenheit: Das Justizministerium fordert ihn an, nachdem der Computerspezialist Leopold Markowitz entführt und sein Assistent ermordet zurückgelassen wurde. An dessen Hals finden sich die typischen Rasiermesserwunden des Romero-Killers. Markowitz ist der Autor einer geheimen Datenbank, in der die Hauptzeugen gelistet sind, denen das Justizministerium eine neue Identität verschaffte. Offenbar soll Markowitz diese Datenbank entschlüsseln, für die das organisierte Verbrechen viel Geld zahlen würde.

Auch Hope Stevens steht auf dieser Liste, und tatsächlich ist ihr Paolo schon wieder auf den Fersen. Bisher hat Hope ihre Spuren gut verwischen können. Ihre Achillesferse ist Penny, die fünfjährige Tochter, die Paolo findet und entführt. Das Wiedersehen zwischen Larson und Hope geht daher nahtlos in ein Psychoduell zwischen dem Marshall, der Mutter und dem Mörder über. Wie kann Larson Penny retten, ohne dafür Hope zu opfern? Trickreich umkreist man einander, doch die Vorteile scheinen auf Paolos Seite zu liegen, der ohne Skrupel foltert und tötet, um seinen Auftrag zu erfüllen. Unterschätzt hat er freilich die Entschlossenheit einer Mutter sowie den Trickreichtum eines erfahrenen Marshalls, was die Handlung in den thrillertypischen Final-Showdown münden lässt …

Psychoduelle und wilde Verfolgungsjagden, sauber recherchierte und anschaulich dargestellte Methoden der modernen Verbrechensbekämpfung, Kompetenzrangeleien und Einsatzschwierigkeiten aufgrund gesetzlicher Einschränkungen, im Kontrast dazu das selbstsichere Auftreten des organisierten Verbrechens, das wie ein globalisierter Großkonzern agiert, dazwischen der normale Bürger, der lernen muss, wie dünn die Barriere zwischen Alltag und Chaos ist: Nicht nur Ridley Pearson bedient sich dieser für den Thriller zum Standard gewordenen Elemente, aber er gehört zu den wenigen Autoren, die aus Stroh Gold zu spinnen verstehen.

Auch „Die einsamste Stunde“ – was soll uns dieser völlig sinnfreie deutsche Titel bloß sagen? – ist die Variation des üblichen Pearson-Garns und dennoch ein Pageturner der durchweg gelungenen Art. Der Verfasser startet sofort durch und wirft uns in ein Geschehen, das rasant und brutal ist, ohne sich mit detailfreudig beschriebenen Scheußlichkeiten aufzuhalten. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt fällt ein Faktor ins Gewicht, der die Handlung noch oft in unerwartete Richtungen treiben wird: Murphy’s Law ist integraler Bestandteil des Alltags. Jeder Plan kann und wird scheitern, denn die Tücke des Objekts entzieht sich auch dem Profi – und das gilt für Kriminale und Kriminelle gleichermaßen.

Diese Abwesenheit von Perfektion sorgt für ein besonderes Element der Spannung. Stets darf sich der Leser auf eine Überraschung freuen. Helden und Schurken sind ständig zur Improvisation gezwungen, was die Schere zwischen Theorie und Praxis natürlich noch weiter auseinanderklaffen lässt – nicht selten mit spektakulären Folgen.

Um wenigstens den Anschein von Originalität zu erwecken, sind dieses Mal nicht die üblichen Kriminalpolizisten oder FBIler auf Gangsterjagd. Der Titel „Deputy Marshall“ hat seinen Klang aus der Zeit des Wilden Westens in die Neuzeit gerettet. Es gibt dieses Amt in der Tat noch, und Pearson sorgt dafür, dass die Assoziationen noch deutlicher werden, indem er Larson und seine Leute wie einst durch die Lande reiten bzw. reisen lässt, bis das ins Auge gefasste ‚Wild‘ gefunden und gestellt ist.

Deputy Marshall Roland Larson ist der ideale Held für einen Highspeed-Thriller der hier zelebrierten Art. Er wirkt als harter, professionellen Umgang mit dem Verbrechen gewohnter Mann ebenso überzeugend wie als unglücklich Liebender und zu allem entschlossener Vater. Zwischen diesen drei Zuständen lässt ihn der Autor ausgiebig pendeln, was ebenso für Spannung wie für seifenoperliche Menschlichkeit sorgt, wobei Pearson Profi genug ist, für den notwendigen Ausgleich zwischen den Ebenen zu sorgen.

Natürlich muss er mit dem üblichen Problem kämpfen: Wie junge Hunde reißen Kinder die Aufmerksamkeit des Lesers unwillkürlich an sich. Sogar unter Pearsons kundiger Feder macht sich Penny selbstständig und sorgt für zunehmendes Stirnrunzeln, wenn sie dem angeblich perfekten, gefühlskalten, unbarmherzigen Killer Paolo immer wieder Paroli bietet. Letztlich wirkt Penny wie ein Instrument – das „Kind in Not“, mit dem die Spannung billig zusätzlich gesteigert werden soll.

Für Hope Stevens bleibt die undankbare Rolle des meist tränenüberströmten Muttertiers, das nichtsdestotrotz unbeirrt die Rettung der verschleppten Tochter vorantreibt und dafür zu allen Schandtaten bereit ist. Mehrfach hat sie Paolo fast schon am Schlafittchen, aber dann wirft sich wieder ein treuer Kumpel von Marshall Larson in die Schusslinie (bzw. in die Bahn seines sausenden Rasiermessers), und die Jagd kann weitergehen. Zwischendurch darf Hope ihr computerliches Fachwissen ausmotten, was Larson auf die Spur der grauen Schurken-Eminenz im Hintergrund bringt, denn Paolo ist längst nicht der einzige Unhold, der sich auf Hopes Spur gesetzt hat.

Paolo, der Profi-Killer mit dem Rasiermesser, gehört zu den kunstvollen, aber völlig unrealistischen Mordgestalten, die eigentlich nur in Hollywood und im Thriller ihr Unwesen treiben, während sie in der Realität aufgrund ihres theatralischen Auftretens und ihrer alltagsuntauglichen Angewohnheiten rasch Schiffbruch erleiden würden. Einerseits ist Paolo ein wahrer Übermensch, der sich nach Belieben durch die Maschen des Gesetzes windet, ohne dass ihm dessen Vertreter Einhalt gebieten können. Andererseits hat er einen gewaltigen Riss in der Hirnwaffel, pflegt ein ungesund intimes Verhältnis zu seiner bevorzugtem Mordwaffe – dem Rasiermesser -, mit dem er nicht nur seine Opfer umbringt, sondern sich auch selbst verstümmelt. Das eine passt nicht zum anderen, aber es macht Paolo zu einer Figur, die unberechenbar bleibt, Schrecken verbreitet und den Helden mit einem (scheinbar) ebenbürtigen Gegner konfrontiert.

Die wie gestanzt wirkende Figurenzeichnung erinnert uns daran, dass Ridley Pearson mit allem ihm zur Verfügung stehenden Talent und allen Mitteln primär den Zweck verfolgt, uns, seine Leser, zu unterhalten. Dabei geht er ökonomisch vor, d. h. er gibt niemals vor, das Rad neu zu erfinden, sondern bedient sich der bekannten Plots und Figuren des Thrillers. Sein Geschick besteht darin, das eigentlich Bekannte so gut & spannend zu variieren, dass wir ihm, dessen Tricks wir durchaus durchschauen, dennoch freiwillig und gern auf den Leim gehen. Silber vergeht, Leder besteht – Ridley Pearson stellt abermals auf höchst unterhaltsame Art klar, wie wahr dieses alte Sprichwort ist.

Ridley Pearson (geb. 1953 und aufgewachsen in Riverside, US-Staat Connecticut) gehört zur nicht gerade kopfstarken Gruppe der Kriminal-Schriftsteller, die den Zuspruch des Publikums ebenso wie das Wohlwollen der Kritik für sich in Anspruch nehmen können. Im Vordergrund steht die Krimiserie um das Polizistenduo Lou Boldt und Daphne Matthews, die seit vielen Jahren ihr hohes Niveau halten kann.

Dabei hat Pearson eigentlich recht lärmend mit rasanten Spionage- („Never Look Back“, 1985, „Blood of the Albatross“, 1986) und Katastrophen-Thrillern wie „The Seizing of Yankee Green Mall“ (1987, dt. „Ultimatum“) begonnen. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden seine Fähigkeiten auf dem Gebiet des Unterhaltungsromans deutlich: Gründliche Recherche, Ideenreichtum und glaubhafte Figuren verbinden sich bei ihm mit einem schnellen, spannenden, ‚filmisch‘ anmutenden Handlungsablauf zu selten origineller, aber stets kurzweiliger Unterhaltung.

Das wurde sogar im fernen England zur Kenntnis genommen, wo Pearson 1991 als erster US-Amerikaner überhaupt ein „Raymond Chandler Fulbright“-Stipendium an der Universität zu Oxford erhielt; zwei „Lou Boldt / Daphne Matthews“-Romane entstanden hier.

Pearson ist ein talentierter Musiker, dessen Repertoire von Folk Rock bis Filmmusik reicht. Bekannt ist er als Bassgitarrist der Band „Rock Bottom Remainders“, in der hauptsächlich Schriftsteller spielen, darunter Stephen King, Dave Barry, Amy Tan und Mitch Albom.

http://www.bastei-luebbe.de

|Siehe ergänzend dazu auch unsere Rezension zu [„Die letzte Lüge“. 1602 |

Becka, Elizabeth – Engelsgleich

Den perfekten Mord gibt es vielleicht nicht, doch das perfekte Todesarrangement, das präsentiert uns Elizabeth Becka, und zwar gleich in dreifacher Ausführung …

_Ein Kunstwerk_

Die schwerreiche Grace Markham wird ermordet in ihrer teuer eingerichteten Wohnung aufgefunden. Eigentlich ist die Wohnung eine Festung: Nur mit einem bestimmten Code, den nur Grace, ihr Mann und ihr Zugehmädchen kennen, kann man den Aufzug überhaupt dazu bewegen, in der richtigen Etage zu halten, und doch hat es ihr Mörder bis in diese Festung hineingeschafft und Graces Leiche kunstvoll arrangiert. Mit Gurten befestigt, sitzt sie auf einem Stuhl, die Hände auf den Tisch gelegt. Ein teures Collier schmückt ihren Hals, doch gerade dieses hätte dem Mörder im Weg sein müssen, denn Grace Markham wurde erwürgt. Bleibt nur eine Lösung: Das Collier gehört ebenfalls zum Arrangement und wurde ihr nach der Tat angelegt. Wer würde so etwas tun?

Bevor die Forensik-Expertin Evelyn James darauf eine Antwort findet, wird auch ihre Kollegin und Freundin Marissa in genau dem gleichen Haus angegriffen, doch glücklicherweise kann sie dem Angreifer entkommen, bevor er auch sie ermorden kann. Marissa liegt schwer verletzt im Krankenhaus und wird künstlich beatmet. Hat sie den Angreifer gesehen und vielleicht erkannt? Diese Fragen kann Marissa nicht beantworten, und vielleicht wird sie es auch nie können, denn der Mörder folgt ihr ins Krankenhaus und versucht dort, seine schreckliche Tat zu vollenden.

Evelyn tappt im Dunkeln. Zwar konnte die DNA des Täters an Grace Markhams Leiche sichergestellt werden, da sie post mortem vergewaltigt wurde, doch nutzt das wenig ohne eine einzige Spur auf den Mörder. Nur einige Farbspuren auf Graces Kleidung und ein merkwürdiges Wachsmalbild am Kühlschrank scheinen nicht in die ansonsten perfekte Wohnung zu passen. Gehört beides zur Visitenkarte des Täters? Evelyn vermutet es und versucht, die Spuren zu analysieren. Doch wie kommt eine Kinderzeichnung aus Wachsmalstiften in Grace Markhams Wohnung, die doch keinerlei Kontakte zu Kindern hatte?

Bald wird eine zweite Leiche gefunden, die noch vor Grace Markham den Tod gefunden hat, allerdings erst entdeckt wurde, als bereits die Verwesung eingesetzt hat. Frances Duarte ist auf die gleiche Weise ums Leben gekommen wie Grace Markham, und auch hier finden sich kaum verwertbare Spuren, bis auf die gleichen Farbspuren, merkwürdige Fettflecken und ein ähnliches Kinderbild. Wo liegt die Verbindung zwischen den beiden Frauen? Oder hat der Mörder sie zufällig ausgewählt? An diese Theorie mag Evelyn nicht denken, denn sie entdeckt ein Beuteschema, das sie nach langer Ermittlungsarbeit schließlich auch auf eine heiße Spur führen wird, doch wird sie den Mörder rechtzeitig finden oder fällt sie ihm womöglich selbst zum Opfer?

_Katz- und Maus-Spiel_

Elizabeth Becka lässt sich nicht viel Zeit; gleich auf den ersten Seiten begleiten wir Evelyn James bei ihrer grausigen Arbeit am Tatort. Sie sammelt Spuren ein, wo sie keine vermutet, und grübelt über ein mögliches Tatmotiv. Doch die drängendste Frage ist wohl die, wie der Täter in eine so perfekt gesicherte Wohnung eindringen konnte. Genau hier verbirgt sich jedoch die Lösung, aber Becka verpackt diese so geschickt, dass man sie einfach nicht bemerken will.

Die Spurenauswertung verläuft träge, Evelyn findet nicht die richtigen Wachsmaler und weiß einfach nicht, wie eine Kinderzeichnung in die Wohnung zweier reicher Frauen kommen kann, die gar keine Kinder haben. Auch eine Verbindung zwischen den Opfern findet sich zunächst nicht. Doch Evelyns Ehrgeiz ist geweckt. Es ist nicht nur die Neugier, die sie umtreibt, es ist auch die Angst um ihre Freundin Marissa, die hilflos im Krankenhaus und damit auf dem Präsentierteller für den Mörder liegt. Dem möchte Evelyn allerdings zuvorkommen. Hartnäckig und auch jenseits ihrer Kompetenzen ermittelt sie auf eigene Faust, gibt sich als Ärztin aus, um an mehr Informationen heranzukommen, und bringt sich dabei sogar selbst in tödliche Gefahr.

Die Polizei dagegen scheint machtlos, sie findet keine heiße Spur und auch keine Zeugen. Die Gebäude, in denen die Opfer gewohnt haben, sind zwar videoüberwacht, dennoch findet sich keine Aufnahme von dem Mörder; es scheint, als müsse man ein Phantom jagen. Doch dass dieses Phantom aus Fleisch und Blut ist, wird spätestens Evelyn am eigenen Leib spüren müssen.

Die Jagd nach dem Mörder, die kleinschrittige Spurensuche und die Frage nach der Verbindung zwischen den Opfern treiben nicht nur Evelyn und die Polizei an, sondern auch den Leser. Elizabeth Becka streut nur wenige Indizien ein, lässt den Fall lange vor sich hinplätschern, ohne dabei aber den Spannungsbogen leiden zu lassen, denn immer fühlt man sich vom unbekannten Mörder bedroht und spürt die nahende Gefahr. Im Nu hat man das Buch durchgelesen, weil man es einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Der Fall ist packend und rasant geschrieben; Becka inszeniert einen nahezu perfekten Spannungsbogen, der zwischendurch nicht einmal abbricht – bravo!

_Einsame Heldin_

Im Mittelpunkt des Buches steht Evelyn James, die zwar nicht die Ermittlungen leitet, aber ihre eigenen Motive hat, die sie antreiben und auf eigene Faust ermitteln lassen. Des Nachts wird Evelyn aus dem Bett geklingelt, um an den nächsten Tatort zu eilen, doch begibt sie sich auch freiwillig mitten in der Nacht in ihr Labor, um die drängendsten Fragen aufklären zu können. Während die Polizei auf der Stelle tritt, findet sie ein Indiz nach dem anderen und kombiniert diese schlau, bis das Bild des Täters immer klarer wird.

Dabei hat Evelyn James auch genügend eigene Probleme; ihre Tochter ist unglücklich verliebt und ihr Freund (oder doch Ex-Freund?) steht unter genauer Beobachtung durch Evelyn, die ihre Tochter vor allem Übel der Welt beschützen will. Doch das ist natürlich nicht so einfach bei einer Tochter, die flügge wird. Gleichzeitig befindet sich ihre Liebelei mit dem Polizisten David Riley in der Krise; der möchte nämlich endlich bei Evelyn einziehen, sie denkt allerdings noch mit Schrecken an ihre Scheidung zurück und möchte sich lieber noch nicht zu eng binden, außerdem fragt sie sich immer wieder, ob sie aus den richtigen Motiven mit David zusammen ist oder nur deswegen, weil sie ihn gerade braucht.

Je länger wir Evelyn bei ihrer Arbeit begleiten, umso besser lernen wir sie kennen. Während sie dem Mörder auf die Spur kommen will, verblasst die gesamte Polizeiarbeit nebenbei und erhält deswegen auch nur wenig Raum im Buch. David Riley und seinen Kollegen stellt Elizabeth Becka aber trotzdem vor, damit Evelyn das Buch nicht ganz alleine bestreiten muss. Beckas Charaktere sind sympathisch, menschlich und vor allem herrlich „unperfekt“. Genau diese allzu menschlichen Fehler sind es, welche die Distanz zwischen Leser und Romanfigur überbrücken und einen in jeder Situation mit Evelyn fühlen lassen. Ich bin schon jetzt neugierig auf die Fortsetzung, weil ich einfach wissen muss, wie es mit Evelyn James weitergeht.

_Teuflisch gut_

Mit ihrem zweiten Thriller um die Figur Evelyn James hat Elizabeth Becka genau ins Schwarze getroffen. Das Buch ist spannend von der ersten Seite an und lässt den Leser bis zur letzten Seite nicht mehr los. Die Charaktere sind gelungen und auch die Auflösung weiß zu überzeugen – was will man mehr?

http://www.diana-verlag.de

Satterthwait, Walter – Miss Lizzie

Boston, 1921: Die dreizehnjährige Amanda bekommt für den Sommer eine neue Nachbarin. Die alte Miss Lizzie, eine ruhige Dame Anfang sechzig, zieht ins Haus nebenan. Jeder in der Stadt weiß, dass Lizzie Borden vor über dreißig Jahren beschuldigt wurde, ihre Eltern mit einem Beil ermorden zu haben. Lizzie wurde vom Gericht freigesprochen, doch die Täterfrage nie geklärt, sodass der Fall zu einem der berühmtesten Fälle der Kriminalgeschichte wurde.

Obwohl Amanda die Geschichte kennt, schließt sie mit Miss Lizzie Freundschaft. Die intelligente, freundliche Dame bringt ihr Kartentricks bei und die zwei verleben in aller Heimlichkeit fröhliche Nachmittagsstunden. Eines Tages jedoch erfährt Amandas zänkische Stiefmutter davon und es kommt zu einem heftigen Streit, in dem sie gegenüber Amandas älterem Bruder William handgreiflich wird. Kurz darauf findet Amanda im Haus die Leiche ihrer Stiefmutter vor – zerstückelt mit einem Beil.

Für die meisten Einwohner und auch für die Polizei ist Miss Lizzie die Hauptverdächtige. Aber auch William ist verdächtig, denn seit diese, Tag ist er verschwunden. Amandas Vater hat ebenfalls etwas zu verbergen. Kurzerhand engagiert Miss Lizzie den cleveren Anwalt Darryl Slocum und einen Privatdetektiv, die die Wahrheit herausfinden sollen. Und auch Miss Lizzie hilft tatkräftig mit …

„Lizzie Borden mit dem Beile …“ beginnt ein alter Kindervers, in dem Lizbeth A. Borden unsterblich gemacht wurde. Historische Figuren in Romane einzubauen, besitzt immer einen Reiz, bei einer geheimnisumwitterten Persönlichkeit wie Lizzie Borden ist dieser allerdings noch einmal erhöht.

|Lizzie Borden als Romanfigur|

Auch wenn der Fall Borden bereits über hundert Jahre zurückliegt, hat er im Gedächtnis der Menschen nichts von seiner makaberen Faszination verloren. Bis heute ist nicht geklärt, ob Lizzie Borden tatsächlich ihren strengen Vater und ihre Stiefmutter ermordete oder nicht. Immer noch werden Bücher über das Verbrechen verfasst und alte Ermittlungen untersucht. Motiv und Möglichkeit waren vorhanden, scheinbar war es nur das zarte Äußere der jüngferlichen Sonntagsschullehrerin, das die Geschworenen davon abhielt, ihr einen solch brutalen Mord zuzutrauen. Trotz des Freispruchs galt Lizzie Borden zeitlebens und auch heute noch bei der Bevölkerung weitgehend als schuldig, allerdings tauchen auch immer wieder kritische und begründete Gegenstimmen auf. Ein Mysterium wie die Jack-the-Ripper-Morde, das hier in geradezu genialer Weise in einen vergnüglichen Krimi eingebaut wurde.

|Gelungene Charaktere|

Miss Lizzie wird als alte, leicht untersetzte Dame mit weißem Haarknoten und stets in Trauerkleidung dargestellt. Eine sanfte Person mit Sinn für leisen Humor, eine gewiefte Kartenspielerin, mutig und charismatisch und für die dreizehnjährige Amanda Burton die beste Freundin, die sie sich in jenem Sommer wünschen kann.

Amanda, die Ich-Erzählerin, berichtet viele Jahre später von dieser Zeit und dem schlimmsten Tages ihres Lebens. Abgesehen von dem Verbrechen ist sie ein ganz normaler, entzückender Backfisch: ein linkisches Ding, das sich ganz verrucht fühlt, wenn es eine Tasse Kaffee bestellt, den älteren Bruder verehrt, bei Komplimenten errötet und bei sexuellen Anspielungen zwar die Anstößigkeit erahnt, aber nicht wirklich versteht. Bei alldem ist Amanda ungemein sympathisch, zumal sie trotz gewisser Zweifel zu ihrer neuen Freundin hält und Miss Lizzie sogar gegen ihren einstigen Schwarm verteidigt, als der über die angebliche Mörderin lästert.

Sehr gelungene Charaktere sind außerdem der flotte, stets gelassen und gut gelaunte Anwalt Darryl Slocum, in den sich die verschämte Amanda sofort verliebt, und der raubeinige, aber gutherzige Privatschnüffler Harry Boyle. Auf der Gegnerseite steht vor allem Polizeichef Da Silva, der einst im Borden-Fall ermittelte und Miss Lizzie nie verziehen hat, dass sie trotz seiner Untersuchungsergebnisse nicht verurteilt wurde.

|Humor, Spannung und ein Hauch von Ernst|

Die teilweise sehr schrulligen Charaktere, der amüsante Blickwinkel des naiven jungen Mädchens samt der entsprechenden Kommentare und die Spießigkeit des Amerikas der Zwanziger verleihen dem Roman beinahe durchgehend einen humorvollen Unterton. Dabei vergisst man aber nie, dass es sich auch um einen Krimi handelt, der in doppelter Hinsicht Spannung verspricht. Es gilt nicht nur, den Mörder von Audrey Burton zu finden, sondern genau wie Amanda ist auch der Leser neugierig darauf, ob sich Licht ins Dunkel bringen lässt bezüglich der Frage nach dem Borden-Fall. Hat Lizzie damals oder hat sie nicht und ist sie vielleicht sogar in diese neue Sache verwickelt …? Mit blutigen Beschreibungen wird zudem nicht gespart und die Gefahr weiterer Morde schwebt als Bedrohung im Raum.

Auch ein paar ruhige, melancholische Momente fließen ein, die durch den Gegensatz zum ansonsten heiteren Ton umso stärker nachwirken. Nicht zuletzt ist es auch ein Werk über das Erwachsenwerden, über das Ende der unbeschwerten Kindheit und über familieninterne Schwierigkeiten. Trotz all der Ironie und der humorvollen Dialoge findet auch eine dichte Atmosphäre Einlass, die den Zauber eines heißen Sommers voller Verwirrungen, Verlockungen und Veränderungen wiedergibt.

|Kaum Schwächen|

Von einer wirklichen Schwäche kann man in diesem hervorragenden Roman nicht reden. Dennoch erfüllt das Finale, so dramatisch es auch gestaltet ist, nicht alle Erwartungen. Hier wird ein bisschen konstruiert, um die Spannung auf die Spitze zu treiben und offenbar einen möglichst eindrucksvollen Höhepunkt zu erzielen. Das Verhalten der Polizei ist in Hinblick auf das Ende ebenfalls nicht gerade glaubwürdig. Eher scheint es, als habe man hier den Schluss mit Rücksichtnahme auf den Nachfolgeband konzipiert, der bei einer realistischeren Darstellung so nicht möglich gewesen wäre.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr humorvoller Kriminalroman um die berühmte Lizzie Borden, die sich hier im gesetzten Alter als Hobby-Detektivin betätigt, und ein sympathisches Mädchen als ironische Ich-Erzählerin. Originelle Grundidee, spannend aufbereitet, mit minimalen Mängeln.

_Der Autor_ Walter Satterthwait wurde 1946 in Philadelphia geboren und bereiste im Lauf der Jahre alle möglichen Länder. Die meiste Zeit über lebt und schreibt er in Santa Fe (New Mexico). Er schreibt vorwiegend Kriminalromane, die in den zwanziger Jahren spielen. Weitere Werke sind u. a.: „Miss Lizzie kehrt zurück“, [„Eskapaden“, 1843 „Oscar Wilde im Wilden Westen“ und „Wand aus Glas“.

http://www.dtv.de

Jed Rubenfeld – Morddeutung

Rubenfeld Morddeutung Cover 2008 kleinDas geschieht:

Im August des Jahres 1909 empfangen die Psychoanalytiker Stratham Younger und Abraham Brill im Auftrag der Clark University in New York die europäischen Väter ihrer noch jungen Wissenschaft: Aus Wien besucht sie Sigmund Freud in Begleitung seiner Schüler Sándor Ferenczi und C. G. Jung. Der berühmte Analytiker wird von den wissenschaftlichen Kollegen, die ihn für einen Scharlatan halten, stark angefeindet. Die Einladung in die USA gab Freud die Gelegenheit, dem Streit für einige Zeit aus dem Weg zu gehen und sich unter freundliche Kollegen zu begeben.

Die gelehrte Männerrunde wird durch ein aktuelles Verbrechen herausgefordert. Ein brutaler Serienmörder überfällt junge Frauen hohen gesellschaftlichen Standes, foltert und erdrosselt sie mit einer Seidenkrawatte. Sein letztes Opfer, die 17-jährige Nora Acton, konnte durch Schreie rechtzeitig auf sich aufmerksam machen und wurde gerettet. Der Schock hat allerdings die Erinnerung an die Untat gelöscht. Younger, der selbst zur Highsociety gehört, kann dem Bürgermeister von New York, der persönlich die Ermittlungen in diesem delikaten Fall leitet, die Idee schmackhaft machen, Nora psychoanalytisch zu behandeln und so die Gedächtnisblockade zu lösen. Freud steht ihm beratend zur Seite. Jed Rubenfeld – Morddeutung weiterlesen

Philip Kerr – Game over

Computerspiele sind gefährlich, das vermitteln uns nicht nur die Medien, sondern auch Politiker oder Eltern. Welche Auswirkungen sie in der Zukunft haben könnten, malt uns Philip Kerr in seinem packenden Thriller „Game over“ aus, in welchem ein Computer sich selbstständig macht und auf Menschenjagd geht.

Häusle baue

Ray Richardson ist nicht einfach nur ein erfolgreicher und schwerreicher Architekt, nein, er plant in Los Angeles das ultimative High-Tech-Hochhaus, in dem praktisch alle Funktionen computergesteuert sind, und zwar von einem Rechner, den seine Programmierer liebevoll Abraham genannt haben. Doch Abraham ist nicht einfach nur irgendein Computer; er beginnt bereits während der Bauarbeiten, von seinen „Bewohnern“ zu lernen und neue Prozesse zu steuern, er verbessert sich und bringt seinen eigenen Sohn hervor – Isaac. Doch leider geschieht dies zu früh, denn noch ist das Bürohaus nicht von seinen eigentlichen Nutzern bewohnt, sondern von den Bauarbeitern, Architekten und Computerspezialisten. Schweren Herzens beschließen die Programmierer daher, Isaac zu löschen. Dass sie damit eine Katastrophe auslösen, ahnen sie zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

Philip Kerr – Game over weiterlesen

Preston, Douglas – Canyon, Der

Das Erdzeitalter der Dinosaurier hat vor Millionen von Jahren sein Ende gefunden. Auslöser der fast schon apokalyptischer Katastrophe war nach derzeitigen Theorien entweder ein Meteoriteneinschlag in der Gegend der Yukatán-Halbinsel im Golf von Mexiko, der einen 170 Kilometer breiten Krater hinterlassen hat und mit seinem Aufschlag einen nuklearen Winter brachte, oder es gab eine übermäßig hohe Vulkanaktivität, deren Resultat fast gleichbedeutend gewesen wäre. Die meisten Wissenschaftler vertreten aber nach den neuesten Forschungen die Kombination von mehreren Theorien. Das Massensterben der Dinosaurier muss mehrere Gründe gehabt haben, aber grundsätzlich sind sie sich einig darin, dass die klimatischen Veränderungen nur durch eine Kettenreaktion von Naturkatastrophen hervorgerufen wurden.

Die „Dinomanie“ hat ihre Ursache nicht zuletzt im Gigantismus der damaligen Tiere. Im Vergleich zu den heutigen Lebewesen, welche die Erde bevölkern, ist das Größenverhältnis enorm überdimensioniert. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts erfreuen sich Forscher, Wissenschaftler und Laien-Paläontologen an den gewaltigen urzeitlichen Tieren.

Die Erforschung der Dinosaurier steckt noch immer in den Kinder- oder sagen wir besser: Jugendschuhen. Es wurden zwar unzählige Fossilien, Ablagerungen und Fußspuren entdeckt, doch gibt es auch noch heute immer wieder neue Erkenntnisse in der Forschung. Typische und bekanntere Vertreter der Saurier sind der Tyrannosaurus Rex sowie der Brachiosaurus, die uns noch immer faszinieren – also klassifizierte Monster, die es nun mal wirklich gegeben hat oder die in unsere Mythenbildung weiterleben, z. B. als Drache.

Im zweiten auf Deutsch veröffentlichten Solo-Roman (er schrieb ein weiteres Dutzend Thriller zusammen mit Lincoln Child) des Autors Douglas Preston geht es um die Entdeckung eines derartigen Fossiles und um eine gewagte Theorie darüber, warum diese Tiere so flächendeckend den Tod fanden.

_Die Story_

Stem Weathers, ein selbsternannter Archäologe und Abenteurer, untersucht die vielen Canyons am Plateau der Mesa de Los Viejos. Unzählige kleinere und größere Canyons sowie diverse Höhlen und ehemalige Pueblos der Ureinwohner Amerikas dienen vielen Abenteurern als Spielplatz für ihre Expeditionen. Doch die Ruhe und Unberührtheit täuscht. Weathers wird verfolgt, und nur wenige Momente später peitschen die ersten Schüsse durch die Wildnis. In die Schulter und den Rücken getroffen, versucht der tödlich verletzte Archäologe, seinem Verfolger zu entkommen.

Tom Broadbent, ein junger Tierarzt, der in der Gegend wohnt und arbeitet, ist gerade dabei auszureiten, als er die Schüsse im Canyon vernimmt. Er findet den tödlich verwundeten Mann und versucht zu helfen, aber die Verletzungen sind zu schwer und der Mann ist dabei zu verbluten. Sterbend übergibt Weathers sein Notizbuch an Tom und bittet diesen, das Buch seiner Tochter zu überbringen. Er gewährt dem sterbenden Mann seinen letzten Wunsch, nicht ahnend, in welche Gefahr er sich und seine Frau noch bringen wird.

Tatsächlich war der Mörder auf das Notizbuch aus, doch bei der Durchsuchung seines Opfers findet er das Gewünschte nicht. Sein Auftraggeber, ein Wissenschaftler, ist von der Nachricht nicht sonderlich begeistert, sein Blick hellt sich aber auf, als der Mörder ihm eine interessante Gesteinsprobe überreicht.

Tom Broadbent nimmt sein Versprechen sehr ernst und versucht in Erfahrung zu bringen, was es mit dem Notizbuch auf sich hat. Im Notizbuch sind nur endlose Zahlenkolonnen auf jeder Seite verzeichnet, auf den ersten Blick also ein Code, doch wo ist der Schlüssel, die Auflösung des Rätsels? In einem nicht weit entfernten Kloster findet Tom vorläufige Antworten. Ein Novize, der früher als Kryptologe bei der CIA tätig war, hilft Tom bei der Entschlüsselung des Codes: Bei den Zahlen handelt es um eine sehr genaue Positionsangabe innerhalb des Canyons.

Tom, der inzwischen durch seine eigenen Ermittlungen weiß, dass es sich um ein Fossil handeln muss, wahrscheinlich um ein hervorragend erhaltendes Exemplar, gerät mit seiner Frau in tödliche Gefahr, denn das Notizbuch befindet sich noch immer in seinem Besitz.

Auch der Wissenschaftler weiß nach Erhalt der Gesteinsprobe um die einzigartige Chance, damit Profit zu machen. In wissenschaftlichen Kreisen wäre er damit unsterblich und könnte sich vor aller Welt und den Forscherkollegen profilieren. Er beauftragt seine Assistentin, die Gesteinsprobe zu analysieren und später alle Speichermedien, alle Kopien, Notizen und Memos zu vernichten … Doch auch sie wird nach einiger Zeit skeptisch, denn die Proben sind einzigartig, und es gibt daran auch biologische Spuren …

Doch auch die Regierung bzw. die Geheimdienste bringen in Erfahrung, dass es sich bei dem Fund um etwas Außergewöhnliches handelt, und stufen dieser Entdeckung eine hohe Priorität zu … Warum? Was hat es mit der Gesteinsprobe auf sich oder mit dem versteinerten Fossil? Und warum ist man bereit, dafür zu töten? Was ist dieses Risiko wert? Es beginnt eine tödliche Schnitzeljagd, um das Fossil zu finden und das Rätsel zu lösen, und viele Teilnehmer der abenteuerlichen Jagd sind bereit, dafür zu töten!

_Kritik_

Douglas Preston ist uns als Autor wohlbekannt. Zusammen mit seinem Co-Autor Lincoln Child gelang ihm mit „Relic“ („Das Relikt“) der literarische und cineastische Durchbruch. Die Geschichten um den originellen und etwas seltsamen Pendergast haben diese Bekanntheit nur weiter gefördert. Inzwischen gehen beide auch eigene literarische Wege, doch noch immer verfassen sie erfolgreiche Romane gemeinsam.

Auch „Der Canyon“ ist eine gut dosierte Mischung aus Wissenschaft und Thriller. Für den Hauptcharakter Tom Broadbent ist dies nach „Der Codex“ der zweite Auftritt bei Douglas Preston. Souverän erzählt der Autor eine spannende Geschichte, die aber nicht sonderlich überraschen kann. Seine Theorie um das Aussterben der Dinosaurier ist nicht unbekannt, und er stützt sich hierbei auf gut recherchierte Fakten; allerdings sind die Nebenschauplätze und Nebencharaktere weitaus vielschichtiger erzählt als das Hauptthema.

Gerne hätte ich beispielsweise von dem Novizen und ehemaligen CIA-Agenten mehr erfahren. Seine Vergangenheit wird nur kurz angerissen, aber irgendwie ist er der unauffällige „Hauptdarsteller“ in diesem Drama. Besonderes Augenmerk hat der Autor auch in Hinblick auf die Untersuchungen der Gesteinsprobe verwendet – ebenfalls ein Nebenschauplatz, der wichtiger ist als die Erlebnisse von Tom Broadbent.

Wissenschaftliche Thriller arbeiten mit dem Ansatz und wecken die Erwartungshaltung, sich an Fakten zu orientierten oder zumindest nicht in die Fantasy abzudriften. Preston gelingt es erneut, diesen schmalen Grat sicher zu beschreiten. Zudem unterstützt er seine Thesen und Gedanken durch Quellenangaben gut fundierter wissenschaftlicher Berichte. Die einzelnen Szenen der Erzählung wechseln sich jedoch meiner Meinung nach etwas zu schnell ab; die Spannung bleibt zwar erhalten, doch sind die Kapitel zu kurz geraten, um alle Lücken inhaltlich glaubhaft zu schließen.

Sicherlich enthält „Der Canyon“ viele Situationen und Erzählungen, die typisch für so einen Thriller sind, jedoch sollte man hier auch ein wenig ins Detail gehen, denn es gibt zum Ausgleich auch Situationen, die erstklassig und absolut brillant erzählt sind. Stellenweise wird eine geradezu kindliche Begeisterung im Leser wachgerüttelt, denn Dinosaurier üben ja durchaus eine gewisse Faszination aus. Das Thema wird uns sicherlich immer ein wenig in seinen Bann ziehen, eben weil wir so wenig von diesen gigantischen Tieren wissen und diese nie wieder die Erde bevölkern werden.

_Fazit_

„Der Canyon“ ist absolut empfehlenswert für Freunde von wissenschaftlichen Thrillern. Abstriche sind leider zu machen, wenn man die Charakterentwicklung betrachtet. Hier war ich vor allem von der Hauptperson enttäuscht, denn sieht man Tom Broadbent aus der Perspektive des ersten Buches „Der Codex“, ist sie in ihrer Entwicklung einfach stehengeblieben. Die Geschichte wäre zudem vielschichtiger, wenn die eine oder andere Person aus dem ersten Buch auch hier ihren Auftritt gehabt hätte.

Douglas Preston hat jedoch ein spannendes Buch abgeliefert und trotz der kleineren Schwächen wird es seinen treuen Fans gefallen. Vielleicht wird ein dritter Band dieser Reihe wieder vielschichtiger und intensiver als „Der Canyon“.

_Der Autor_

Douglas Preston arbeitete jahrelang am Naturhistorischen Museum in New York. Er verfasste mehrere Sachbücher zu wissenschaftlichen Themen. 1995 schrieb er gemeinsam mit dem ehemaligen Verlagslektor Lincoln Child den international gefeierten Wissenschaftsthriller „Relic“, dem sieben Weltbestseller folgten.

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Daschkowa, Polina – Keiner wird weinen

Polina Daschkowa gehört zu den russischen Autorinnen, um die man nicht herumkommt, wenn man Krimis mag. Neun Bücher wurden mittlerweile in deutscher Sprache veröffentlicht, viele von der Kritik hoch gelobt. Die Russin ist vor allem dafür bekannt, ein realistisches, oft brutales Bild des heutigen Russlands zu zeichnen. Sie beschönigt nichts und fühlt dem einst kommunistischen Land immer wieder auf den Zahn.

„Keiner wird weinen“ erzählt von Kriminellen, Semikriminellen und ganz normalen Menschen, die aufgrund der Rachegelüste Einzelner zusammenfinden. Diese Einzelnen sind Kolja und Wolodja. Kolja ist in einem Kinderheim aufgewachsen, in dem hauptsächlich geistig zurückgebliebene Kinder untergebracht waren. Mit seinem Intellekt verschaffte er sich dort bald eine gewisse Stellung, und als der Dieb Sachar später zu seinem Ziehvater wird, steht Koljas krimineller Karriere nichts mehr im Weg. Innerhalb kürzester Zeit schwingt er sich zum Anführer einer brutalen Einbrecherbande auf und ist auch nach deren Zerschlagung nicht greifbar.

Wolodja will das tun, wozu die Miliz nicht fähig ist: Er will Kolja, der mittlerweile Skwosnjak genannt wird, finden und erledigen. Immerhin hat der brutale Einbrecher, der nie Zeugen hinterlässt, seine Familie ausgelöscht. Das hat Wolodja geprägt, der nun, zum Einzelgänger geworden, das Böse in der Welt rächen will. Sobald er sieht, wie jemand einem anderen Menschen etwas antut, bringt er den Täter um. Skwosnjak ahnt nichts von seinem Feind, doch der unausgefochtene Kampf zwischen den beiden zieht viele unschuldige Menschen in einen Strudel der Gewalt, darunter die junge Vera. Sie wohnt zusammen mit ihrer Mutter in Moskau und lässt sich bereitwillig vom untreuen Stas für Arbeit und Liebesdienste ausnutzen. Sie ist ein freundlicher Mensch und ahnt nichts Böses, als unerwartet ein junger, gutaussehender Mann ihr den Hof macht. Als Stas dies mitbekommt, hat er das Gefühl, den jungen Mann schon einmal gesehen zu haben, und zwar bei nichts Gutem …

Würde man weiter ausholen, schlösse sich der Kreis wieder. Polina Daschkowas Roman macht es dem Leser lange schwer, einen roten Faden zu erkennen. Viele Handlungsstränge und Personen werden eingeführt, einige in der Gegenwart, einige in der Vergangenheit. Die Verknüpfung erfolgt stückweise und wird auch manchmal nicht ganz klar. Wer kennt sich jetzt woher von früher und wer hat einen Hass aufeinander? Wo lässt sich diese Person einordnen und was hat jener Mann damit zu tun? Polina Daschkowa macht es dem Leser nicht immer ganz leicht. Am besten ist es, die Autorin einfach erstmal erzählen zu lassen, denn gegen Ende kommt Licht ins Dunkel. Die einzelnen Stränge verbinden sich zu einem langen, sorgfältig geflochtenen Zopf, und es bleibt dem Leser nichts anderes übrig als Daschkowas Virtuosität zu bewundern. Diese Art, scheinbar völlig zusammenhangslos neue Personen einzuführen und sie schließlich zu Hauptakteuren zu machen, ist wirklich großartig.

Gerade daraus bezieht das Buch seine Spannung. Der Leser weiß nicht, wohin die Geschichte führt, aber er ahnt, dass es einen gemeinsamen Nenner geben muss. Langsam ergeben sich dann erste Bezugspunkte, erst allmählich, dann immer rascher kommt das Buch in Fahrt. Die Personen sind folglich der Dreh- und Angelpunkt in „Keiner wird weinen“. Alles hängt entweder mit ihnen oder ihrer Vergangenheit zusammen, und da empfiehlt es sich, mit der Qualität der Charaktere nicht zu geizen. Hierin muss man sich bei der russischen Autorin allerdings keine Sorgen machen. Die Personen werden zumeist mitsamt Lebenslauf eingeführt und sehr lebendig und originell dargestellt – zum größten Teil jedenfalls. Manchmal begeht die Autorin auch, zum Beispiel bei Stas, Vera oder Stas‘ Ehefrau, den Fehler, auf einfache Klischees zurückzugreifen. Ein Mann, der Frauen nur wegen ihres Aussehens heiratet, eine Frau, die ihren Mann wegen seines Status heiratet, und allen voran Vera. Sie erinnert stark an andere Frauencharaktere der russischen Kriminalliteratur. Sie ist mollig, mehr oder weniger erfolgreich im Job, familienbezogen und glaubt nicht daran, jemals einen Mann abzubekommen. Sie ist witzig, schlagfertig und greift gerne durch, kann ihre eigenen Gefühle aber kaum artikulieren. Diesen weiblichen Prototypen findet man in so vielen Büchern von russischen Autorinnen, dass sie schon fast solch ein Merkmal für diese Literatur sind wie der Typ Wallander für skandinavische Krimis. Vera kann dennoch durch ihre sympathische Art punkten. Sie wirkt nicht überzeichnet, sondern sehr authentisch, auch wenn es ähnliche Figuren in anderen Büchern gibt.

Ihre spannende, verwinkelte Geschichte bettet die Autorin in einen sehr belletristischen Rahmen. Sie erzählt nicht ausschweifend, lässt aber auch keine Details weg. Sie möchte einen guten Überblick über das Geschehen und die Menschen geben und verwendet dazu ein umfassendes Vokabular, das sie originell einzusetzen weiß. Sie schreibt anschaulich und unterhaltsam, passend zu ihren durchdachten Charakteren. Manchmal lässt sie an der einen oder anderen Stelle ein wenig humorvolle Kritik durchschimmern, aber sie verlässt die Wege des Romans nicht, um eine eigene Meinung loszuwerden.

In der Summe ist Polina Daschkowa mit „Keiner wird weinen“ ein Kriminalroman gelungen, dessen Betonung auf „Roman“ liegt. Es wird weniger ein Kriminalfall erzählt, der von einem Ermittler gelöst werden soll, als vielmehr eine weitverzweigte Geschichte mit vielen Verwicklungen. Diese Verwicklungen, die eine Menge tote und lebendige Menschen einschließen, wirken stellenweise etwas wirr, werden in der spannenden, vieldimensionalen Auflösung aber einleuchtend verbunden. Die starke erzählerische Komponente macht das Buch definitiv lesenswert, denn dadurch erfährt der Leser, der über das heutige Russland nicht allzu viel weiß, vermutlich mehr als in einem klassischen Krimi.

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Neuman, Ronnith – Tod auf Korfu

Das [antike Griechenland,]http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:AntikeGriechen1.jpg welches über das Gebiet des heutigen Staates bis nach Kleinasien hinausragte, wird als Wiege Europas bezeichnet, insbesondere aufgrund zivilisatorischer Leistungen auf Gebieten der Philosophie, Naturwissenschaften, Geschichtsschreibung und Literatur. Doch nicht nur historische Stätten und der Atem der Geschichte sind es, die Millionen von ausländischen Gästen anlocken. Griechenland hat nämlich auch wie kaum ein anderes europäisches Land eine Vielfalt von geographisch interessanten Inseln vorzuweisen: Es gibt etwa zehntausend von ihnen; die bekanntesten sind dabei Rhodos, Kreta, Mykonos, Samos, Lesbos und Korfu. Auf diesen idyllischen Inseln tummeln sich jedes Jahr in den Sommermonaten unzählige Touristen. Das Land und besonders die Inseln sind geradezu abhängig von diesen Touristen.

Der Krimi „Tod auf Korfu“ der deutschen Autorin Ronnith Neuman spielt auf eben dieser wunderschönen Insel. Die Autorin beschreibt in ihrem Debütroman die Folgen eines früheren Verbrechens, dessen Schrecken bis in unsere heutige Zeit nachklingt.

_Die Story_

Auf der Sonneninsel Korfu sind Verbrechen nicht gerade an der Tagesordnung. Korfu ist eher idyllisch-anmutig und immer wieder das Ziel von Touristen, die nicht nur Erholung, sondern auch Kultur erwarten. Zwei Fischer finden jedoch in der Dämmerung des Morgengrauens am Strand eine männliche Leiche. Zum Tatort wird auch die nebenberufliche Fotografin Kristina gerufen, die schon häufiger für die hiesige Kriminalpolizei tätig war.

Die Beamten sind verschreckt und verstört, denn auf der Insel kennt man eigentlich kaum Gewaltverbrechen. Auch der erfahrene Hauptkommissar Alexandros Kasantzakis, der seine Berufserfahrung in Athen gesammelt hat, wirkt sichtlich schockiert, meinte er doch, auf einer Urlaubsinsel nur Routinefälle bearbeiten zu müssen – die langen Jahre in Athen haben bei ihm Spuren hinterlassen.

Die Leiche ist nackt und die Todesursache scheint zunächst nicht ersichtlich. Auf den ersten Blick gibt es keine Spuren, keine besonderen Merkmale; und auch wenn Korfu von der Fläche her eher klein und überschaubar ist, hilft hier der Zufall auch nicht weiter – die anwesenden Beamten können den Toten nicht identifizieren.

Erst die Autopsie kann so manchen Schleier ein wenig lüften: Der Mann ist eindeutig ermordet worden, die Todesursache war, wie schon vermutet, Ertrinken. Allerdings nicht im Meer, denn es findet sich Süßwasser in seiner Lunge, und vor seinem gewaltsamen Tod ist der Mann zudem gefoltert worden. Überdies findet man durch Blut- und Haarproben heraus, dass er drogenabhängig gewesen sein muss.

Durch filigrane Ermittlungsarbeit und etwas Glück findet Kommissar Kasantzakis heraus, wer der mysteriöse Unbekannte war: Dr. Jannis Mastoras, ein angesehener und berühmter griechischer Arzt mit deutschen Vorfahren. Sein Spezialgebiet war wie das seines nicht weniger berühmten Vaters das Erforschen von Erbkrankheiten.

Doch noch viele Fragen bleiben für die Ermittler offen. Der Mörder bleibt jedoch nicht im Verborgenen, sondern schickt Kasantzakis ein Päckchen mit einem Gedicht. Ein erster direkter Hinweis oder eine Verhöhnung der Polizei? Wenige Tage später wird ein alter Ölbauer in einem Olivenhain erhängt aufgefunden. Kommissar Kasantzakis und der Fotografin Kristina fallen sofort die Parallelen zu dem ersten Toten auf. Auch der Erhängte wurde vor seinem gewaltsamen Tod bestialisch gefoltert – aber worin besteht das Motiv des vermutlichen Serienmörders?

Doch beide Opfer kannten sich scheinbar und gehörten einer deutschen Vereinigung an – der „Rune“. Beide legten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre deutschstämmigen Namen ab und nahmen stattdessen deren griechische Formen an. Was hatten sie zu verstecken und warum?

Kristina, die einige Zeit in Deutschland gelebt hat, kann verschiedene Dokumente der beiden toten Männer entschlüsseln und stellt dabei fest, dass das Motiv des Täters nicht in der Gegenwart zu finden ist. Die Vergangenheit der beiden Männer geht bis auf die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges zurück, doch was haben die Toten damit zu tun? Sie waren zu jener Zeit noch unschuldige Kinder, aber Korfu war damals von den deutschen Truppen besetzt.

_Kritik_

„Tod auf Korfu“ ist ein Krimi, den man vielleicht passenderweise direkt im Sommerurlaub auf Korfu lesen sollte. Die Wurzel der Erzählung wirft jedoch ein düsteres Licht auf die scheinbar idyllische Sonneninsel und ihre Vergangenheit.

Ronnith Neuman lebt seit Jahren auf Korfu und hat die Schauplätze der Handlung sorgfältig und authentisch gewählt. Der Krimi ist und bleibt aber ein solcher und erzählt leider sehr wenig über das Leben und die Kultur der griechischen Mittelmeerinsel. Solche leidenschaftlichen wie auch wichtigen Details sind spärlich in der Geschichte verstreut und einfach zu unliebsam geschildert, was ich persönlich als recht schade empfinde.

Obwohl es sich um einen Kriminalroman handelt und viele Einzelheiten wie auch die Handlung typisch für dieses Genre sind, so hat es Ronnith Neuman doch geschafft, die authentische Vergangenheit der Insel mit der Gegenwart zu kombinieren. Ich war jedenfalls so weit gefesselt, dass ich zum Thema näher recherchierte und feststellen durfte, dass sich die Autorin durchaus sauber an die Fakten gehalten hat.

Jedes Kapitel wird durch Tagebucheinträge des Täters eingeleitet. Es beginnt im Jahre 1954 und setzt sich bis in die aktuelle Zeit der Handlung fort. Genau diese Eintragungen machen es dem Leser auch leicht, den Täterkreis enger und enger zu ziehen, bis es eigentlich nur noch eine sinnvolle Lösung gibt. Unlogischerweise übersehen die ermittelnden Beamten so manches Indiz, was die Spannung der Geschichte zwar nicht mindert, aber dennoch manches Mal unglaubwürdig wirkt.

Die Motivation des Täters ist im Rahmen seiner Persönlichkeit plausibel und verständnisvoll erklärt, auch wenn sie für einen typischen Kriminalroman geradezu wie ein Klischee wirkt. Die Charaktere des Romans sind dagegen leider viel zu wenig ausgeprägt. Selbst ihre Vita bleibt im Dunkeln; hier hätten mehr persönliche Stärken und Schwächen vieles positiver hervorheben können.

_Fazit_

Ronnith Neuman hat mit diesem Kriminalroman Talent bewiesen. Obgleich diverse Schwachstellen für den einen oder anderen Leser die Spannungsauflösung vorwegnehmen dürften, so ist das Buch doch keineswegs unspektakulär oder uninteressant. Wie schon erwähnt, gewinnt der Roman an Tiefe, wenn es darum geht, die Vergangenheit aufzurollen und mit der Gegenwart abzuschließen.

Es sollte nicht verwundern, wenn wir die Charaktere aus „Tod auf Korfu“ in einem der nachfolgenden Romane wiedersehen würden. Das Buch habe ich trotz verschiedener Kritikpunkte gern gelesen; die Schwächen kann man zwar nicht wegdiskutieren, aber für einen Debütroman ist das Resultat lesenswert.

_Die Autorin_

Ronnith Neuman, geboren 1948 in Haifa (Israel), kam 1958 mit ihren Eltern nach Deutschland. Sie ist freie Fotografin, Künstlerin und Autorin. Für ihre Erzählungen und Theaterstücke erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ronnith Neuman lebt auf Korfu und zeitweise in Bielefeld.

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Isau, Ralf – Galerie der Lügen, Die

Der bekannte deutsche Autor Ralf Isau bezeichnet seine Bücher selbstbewusst als „Phantagone“, was laut eigener Aussage bedeutet, dass seine Romane verschiedener Genres angehören und nicht immer sicher bestimmt werden kann, welche das sind. Jeder Leser soll selbst entscheiden, wo er die Bücher von Isau einordnet.

Ganz schön mutig, für seine Bücher ein eigenes Genre zu kreieren. Doch wer „Die Galerie der Lügen“ (oder auch ein anderes Werk des Autors aufschlägt), wird sehen, dass dies durchaus seine Berechtigung hat. Es fällt tatsächlich schwer, Isaus Romane einzuordnen, vor allem, wenn sie sich mit komplexen Themen wie in „Die Galerie der Lügen“ beschäftigen.

Die Eingangsszene erinnert an „Sakrileg“ von Dan Brown. Schauplatz ist das Pariser Louvre-Museum, Heimat von berühmten Gemälden wie der Mona Lisa von da Vinci. Es findet ebenfalls ein Einbruch statt, aber es wird nichts gestohlen. Stattdessen sprengt der Täter sich und die antike Statue eines Hermaphroditen in die Luft. Doch das soll nicht der einzige Vorfall bleiben. Genau sieben Tage später verschwindet in der Londoner |Tate Gallery of Modern Art| ein Bild des belgischen Malers René Magritte, „Der unachtsame Schläfer“. Von da an finden weitere Einbrüche im Wochenrhythmus statt, und jedes Mal hinterlässt der Täter einen Gegenstand am Tatort, der mit dem Bild des Schläfers in Verbindung steht.

Schnell hat man eine Verdächtige zur Hand. Die Fingerabdrücke der jungen, rebellischen Journalistin Alex Daniels wurden im Louvre gefunden. Alex, die in ihren Arbeiten die Evolutionstheorie kritisiert und deswegen nicht gerade beliebt ist, bestreitet, am Tatort gewesen zu sein. Zeugen hat sie dafür allerdings keine. Deshalb wird sie vorläufig in Gewahrsam genommen. Die Versicherung |ArtCare|, die alle gestohlenen Kunstwerke betreut hat, schickt Darwin Shaw zu Alex, um den Fall zu lösen. Der Versicherungsdetektiv stößt bei ihrer ersten Begegnung gegen den Dickkopf der jungen Dame, doch im Gegenteil zur Polizei glaubt er, dass Alex etwas weiß. Die beiden freunden sich an und es stellt sich heraus, dass Alex, wenn schon nicht selbst, wenigstens verwandtschaftlich in den Fall verwickelt ist: Das DNS-Profil des Louvre-Täters stimmt fast zur Gänze mit ihrem überein. Das ist eigentlich nur bei eineiigen Zwillingen der Fall, doch Alex ist als Einzelkind bei Adoptiveltern aufgewachsen. Haben ihre Eltern ihr etwas verschwiegen? Und was ist es, das sie Darwin Shaw, der die junge Frau allmählich liebgewinnt, verschweigt?

Ralf Isau präsentiert in seinem 2005 im Hardcover bei |Ehrenwirth| erschienen Roman einen bunten Strauß von Themen. Neben Alex Daniels‘ wissenschaftlichen Ansichten, auf die besonders am Anfang sehr ausführlich eingegangen wird, geht es außerdem um die Interpretation von Kunstwerken und vorrangig um Hermaphroditismus. Plump gesagt versteht man darunter „Zwitter“, also Menschen, deren Geschlecht sich nicht so einfach feststellen lässt. Anders als beispielsweise Jeffrey Eugenides, der mit seinem Roman [„Middlesex“, 916 welcher genau dieses Thema behandelt, einen hohen Bekanntheitsgrad gewonnen hat, wendet sich Isau eher der wissenschaftlichen Seite zu. Dementsprechend sollte man nicht nur dafür, sondern auch für die übrigen genannten Themen ein gesundes Interesse mitbringen.

Gerade der Anfang ist stellenweise etwas informationsüberladen, aber das gibt sich mit der Zeit. Ist erstmal alles erklärt, entwickelt sich eine spannende Handlung; das Buch kommt in Fahrt und punktet durch überraschende Wendungen. Isau schafft es immer wieder, Elemente in die Geschichte einzubringen, die zusätzliche Spannung bringen, wie zum Beispiel die angebliche Verwandtschaft Alex‘ zum Louvre-Täter. Dadurch bekommt der Roman stark thrillerhafte Züge, was ihm definitiv nicht schadet.

Ein weiteres Kennzeichen von „Die Galerie der Lügen“ ist Isaus sorgfältige Arbeit. Die Handlung ist haarklein ausgetüftelt hat. Alles hat einen Grund, alles lässt sich nachvollziehen, und gerade das macht Spaß bei der Lektüre von „Die Galerie der Lügen“: die Transparenz. Diese schlägt sich auch den beschreibenden Teilen des Textes nieder. Sogar die alltäglichsten Dinge werden seziert und in ansprechende literarische Form gebracht. Manchmal grenzt diese Genauigkeit geradezu an Pedantismus, wenn Isau sogar die Fluglinie namentlich erwähnt, mit der Darwin Shaw ins Ausland fliegt.

Der Anspruch, alles zu erklären, zeigt sich auch im Schreibstil. Dieser ist eher kühl und distanziert, intellektuell und rational – passend zum Sujet des Buches eben. Und auch wenn man dadurch manchmal das Gefühl hat, die menschliche Seite der Protagonisten könnte etwas zu kurz kommen, so ist trotzdem fraglich, ob dieses Buch besser hätte geschrieben werden können. Der Schreibstil passt wie die Faust aufs Auge. Jeder andere hätte die Ernsthaftigkeit und die Denkanstöße, die Isau im Buch transportiert, sicherlich nicht so gut darstellen können.

Die Charaktere in „Die Galerie der Lügen“ vereinen alles, was bis jetzt gesagt wurde. Sie sind sehr genau ausgearbeitet, aber, ähnlich wie der Schreibstil, öffnen sie sich dem Leser nicht zur Gänze. Gerade Alex, deren gesamtes Leben von schwerwiegenden Geheimnissen belastet wird, gibt sich zugeknöpft. Sie taut mit der Zeit zwar auf, aber der Eindruck der mysteriösen, unnahbaren Frau bleibt. Und gerade das macht sie für den Leser interessant. Die übrigen Charaktere, einmal abgesehen von Darwin Shaw, bleiben durch den distanzierten Schreibstil eher verschlossen. Von ihnen erfährt man kaum mehr als sie durch ihr Auftreten und ihr Gesagtes von sich preisgeben. Das könnte man negativ deuten, aber es hat auch einen entscheidenden Vorteil: In dem Buch, das sowieso schon prall gefüllt ist mit allerlei Informationen, stehen dadurch die beiden oben genannten Personen im Vordergrund und niemand anderer.

„Die Galerie der Lügen“ ist sicherlich keine einfache Bettlektüre. Dazu konzentriert sich Isaus Phantagon zu sehr auf komplexe, anspruchsvoll aufbereitete Themen, für die man, wenn schon kein besonderes Interesse, dann doch wenigstens eine gewisse Aufgeschlossenheit mitbringen sollte. Wer sich auf das Buch einlässt, bekommt im Gegenzug einiges geboten. Isau recherchiert akribisch und weiß das Recherchierte umzusetzen. Er konzentriert sich auf zwei Personen und legt sie anhand seines sezierenden Schreibstils offen. Alles zusammen presst er anschließend in einen sorgfältig abgesteckten Handlungsrahmen, der neben einer thrillerhaften Spannung außerdem manchmal geradezu sachbuchartige Züge und kriminalistische Ermittlungsarbeit aufweist. Ein Phantagon eben, eine gelungene Mischung aus vielen verschiedenen Genres, bei der man stets aufs Neue nach ihren Einflüssen suchen kann.

[Website von Ralf Isau]http://www.isau.de

http://www.bastei-luebbe.de

_Ralf Isau auf |Buchwurm.info|:_

[„Das gespiegelte Herz“ 1807 (Die Chroniken von Mirad 1)
[„Der König im König“ 2399 (Die Chroniken von Mirad 2)
[„Das Wasser von Silmao“ 3014 (Die Chroniken von Mirad 3)
[„Das Jahrhundertkind“ 1357 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 1)
[„Der Wahrheitsfinder“ 1502 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)
[„Der weiße Wanderer“ 1506 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)
[„Der unsichtbare Freund“ 1535 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)
[„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ 1095 (Die Legenden von Phantásien)