Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Krämer, Manfred H. – Raben vom Mathaisemarkt, Die

Tatort Bergstraße! Der Schriesheimer Mathaisemarkt wird überschattet von einem mysteriösen Mord: Eines Morgens findet der Betreiber des größten transportablen Riesenrades der Welt einen Mann auf ebendiesem Riesenrad. Raben umschwirren den dort aufgehängten Mann, der offensichtlich bereits seinen letzten Atemzug getan hat. Die resolute Elke Lukassow von der Heidelberger Polizei wird gemeinsam mit ihrem Kollegen Frank Furtwängler, kurz Frankfurt, zum Tatort gerufen. Schnell veranlasst sie, dass der am Riesenrad aufgehängte Mann hinab gelassen wird, um zu überprüfen, ob dieser tatsächlich tot ist. Als die Polizisten den toten Mann vor sich haben, bemerken sie, dass es sich bei dem Opfer um den bekannten Lokalpolitiker Ludwig Helland handelt, dem man die Taschen voll mit Geldscheinen gestopft hat. Über 13000 Euro finden sich an der Leiche. Was hat dieser bizarre Mord zu bedeuten?

Lothar Zahn, kurz Tarzan, plagen derweil ganz andere Sorgen: Ein Besuch im Casino hat die Spielleidenschaft in ihm geweckt. Zudem hat er dort einen alten Bekannten getroffen – nämlich Magic, der behauptet, ein todsicheres System fürs Roulette entwickelt zu haben. Mit Tarzans Hilfe sahnt er in einem illegalen Casino, in dem zu der Zeit die Einsatzlimits ausgesetzt waren, kräftig ab. Auch Tarzan macht Gewinne und versucht kurz darauf auf eigene Faust sein Glück – doch ohne Erfolg. Er verspielt sein ganzes Geld, trifft vor der Tür des Casinos aber auf einen Mann, der ihm ebenfalls das perfekte System verspricht, wenn er ihm denn 500 Euro dafür gibt. Da er gleichzeitig seine Kreditkarte als Sicherheit bietet, geht Tarzan auf den Deal ein, hebt 500 Euro für den Mann und weiteres Geld zum Spielen ab, doch wieder verliert er und der dubiose Kerl vor dem Casino ist natürlich längst über alle Berge. Tarzan ist verzweifelt! Als seiner Freundin Solo beim Geldabheben die Karte eingezogen wird, entdeckt sie das Debakel auf den gemeinsamen Konten und schmeißt Tarzan kurzerhand raus. Der wiederum sucht Zuflucht bei Magic, der ihm einen Job in einem „Gästehaus“ anbietet, das illegales Casino und Puff gleichermaßen ist.

Wie der Zufall es will, hängen natürlich beide Handlungsstränge zusammen, und so entdeckt Tarzan in seinem neuen Job wichtige Informationen über Ludwig Helland und diejenigen, die hinter dessen Ermordung stecken. Als er Lukassow, den alle nur wenig liebevoll den „Rottweiler“ nennen, darüber informiert, beschließt sie, einen verdeckten Ermittler in das Gästehaus einzuschleusen. Doch als dieser enttarnt wird, schwebt nicht nur er in Lebensgefahr, sondern natürlich auch Tarzan, der geholfen hat, ihn einzuschleusen. Die Zeit rennt der Polizei davon, denn der Rottweiler hat bei einem kleinen Stelldichein mit ihrer neuen Liebschaft eine wichtige SMS von Tarzan übersehen …

_Tatort Bergstraße_

Im vorliegenden Buch ermitteln Tarzan und Solo in ihrem dritten Fall. Bekannt wurden sie durch die Ereignisse in „Tod im Saukopftunnel“. Seitdem betreiben sie ein eigenes Ermittlerunternehmen, das dubiose Geschäfte in Transportunternehmen aufdeckt. Die beiden leben in einem kleinen Boot, das im Altrhein von Lampertheim an Land liegt und dringend reparaturbedürftig ist. Umso nötiger haben sie ein bisschen Kleingeld, das Tarzan versucht, mit seiner Zockerei zu beschaffen. Auf den ersten Blick passen die beiden überhaupt nicht zusammen: Die schlanke Solo mit ihren kurzen roten Haaren passt so gar nicht zu dem beleibten Tarzan, der zwar schon an mehreren Marathons teilgenommen hat, es aber immer noch nicht geschafft hat, seine überflüssigen Pfunde loszuwerden. Die beiden sind unglaublich sympathisch und stehen mitten im Leben. Beide zeichnen sich durch Eigenarten und liebevolle Fehler aus, sodass man gerne mehr von ihnen liest.

Auch das kuriose Ermittlerduo bestehend aus dem Rottweiler und Frankfurt ist dem treuen Bergstraßenkrimi-Leser bereits ans Herz gewachsen. Lukassow mit ihren Haaren auf den Zähnen entdeckt nun endlich zarte Gefühle für ihren neuen Bekannten und denkt wehmütig bei ihren Einsätzen daran, dass sie gerade die anvisierte Veranstaltung im Hemsbacher Programmkino „Brennnessel“ verpasst. Und als Tarzan ihr eine wichtige SMS schickt, vergnügt sie sich lieber mit ihrem Hubert im Bett anstatt die SMS zu lesen und die Fahndung nach Tarzan und dem enttarnten Ermittler einzuleiten. Endlich zeigt die Lukassow menschliche Schwächen, die sie dem Leser noch näher bringen. Der baumlange Frankfurt an ihrer Seite kann einem dennoch Leid tun, denn all ihre schlechten Launen lässt sie grundsätzlich an ihm aus – die beiden sind wirklich ein großartiges Duo!

In seinem dritten Bergstraßenkrimi bietet Manfred H. Krämer zudem einen interessanten Fall auf: Ein bekannter Lokalpolitiker wird ermordet am Riesenrad aufgefunden. Die Ermittlungen führen seine dunkle Seite zutage, sodass recht schnell klar wird, dass Helland einiges zu verbergen hatte und sich nicht nur Freunde gemacht hat. Der ominöse „Zar“, der ein gigantisches Kulturprojekt für Mannheim finanziert, hat ebenfalls seine Finger im Spiel. In einem zweiten Handlungsstrang kämpft Tarzan gegen seine Spielleidenschaft und darum, seine große Liebe wiederzugewinnen. Auch wenn natürlich von Beginn an klar ist, dass Magic und die Casinos mit dem Mord an Helland zusammen hängen – schließlich würde Krämer diese Geschichte sonst nicht dermaßen ausbreiten – bleibt dennoch lange unklar, wo die Verbindung zwischen beidem liegt. Erst nach und nach offenbart uns Krämer diese Zusammenhänge und vor allem die Rollen von Magic und Zar in diesem Spiel. Der Spannungsbogen ist dadurch sehr gut gelungen und hält den Leser stets bei Laune.

Gespickt wird die Geschichte von allerlei Lokalkolorit, der dem Bergsträßer Leser sehr positiv ins Auge fällt. Der Mord ist in Schriesheim geschehen, was an der Bergstraße zwischen Weinheim und Heidelberg liegt. Mit Tarzan und Solo begeben wir uns immer mal wieder nach Lampertheim, dann werden die Weinheimer Kollegen hinzugerufen und am Ende ermitteln die Beamten rund um den Mannheimer Hafen. Wer sich in dieser Gegend auskennt, wird immer wieder nette Anspielungen aus der Gegend, lokale Sprechweisen und Begebenheiten entdecken, die zum besonderen Lesegenuss beitragen. Wer allerdings mit dieser Gegend rein gar nichts zu tun hat, dürfte sich aus diesem Grund nicht so sehr von diesem Kriminalfall angesprochen fühlen.

_Rabenschwarz_

Auch der dritte Fall rund um Solo, Tarzan und den Rottweiler ist ausgesprochen kurzweilig gelungen und mit einigem Wortwitz geschrieben. Zwar bietet Manfred Krämer nicht den ausgefeiltesten Kriminalfall auf (wie auch auf nur 250 Seiten?), doch ist der Spannungsbogen solide und die Charaktere gefallen ebenfalls gut. Wer zudem die Gegend rund um Schriesheim gut kennt, wird sicherlich Gefallen an den Bergstraßenkrimis von Manfred Krämer finden. Allerdings schränkt der verwendete Lokalkolorit die Zielgruppe doch auch auf diejenigen Krimifans ein, die die Bergstraße ein wenig kennen …

|Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN-13: 978-3453433915|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

Nygaard, Hannes – TATORT: Borowski und die einsamen Herzen

Begeisterte die TATORT-Serie schon über vier Jahrzehnte hinweg ein Millionenpublikum vor dem Fernseher, läutete der |Emons|-Verlag jüngst eine neue Ära ein: Die wohl bekannteste deutsche Krimiserie schaffte im Herbst 2009 auch den Sprung in die Literatur. Basierend auf Drehbüchern bereits gesendeter Folgen, werden seither eine ganze Reihe Fälle ausgewählter und beliebter Ermittler auch als Roman angeboten. Erfolgreich: Der ersten Welle von Veröffentlichungen folgten unlängst weitere. „Borowski und die einsamen Herzen“ gehört zur zweiten Tranche aus dem Frühjahr 2010. Das ungleiche Kieler Ermittlerteam, bestehend aus Hauptkommissar Klaus Borowski und Kriminalpsychologin Frieda Jung, bekommt seinem ersten gemeinsamen Fall.

_Zur Story_

Während der Frühling und die dazugehörigen Gefühle so langsam einziehen, welche auch den eigenbrötlerischen Kommissar Borowski nicht so kaltlassen, wie er es gerne hätte, ereignen sich in kurzer Folge zwei vollkommen unromantische Messermorde. Diese liefen nach gleichem Schema ab, was recht schnell die Theorie von einem Serientäter heraufbeschwört. Beide Opfer weisen nämlich deutliche Gemeinsamkeiten auf – sie hatten sogar ziemlich ähnlich lautende Kontaktanzeigen über den „Kieler Boten“ aufgegeben, was nahelegt, dass dort vielleicht verwertbare Hinweise zu finden sind. Die Analyse sämtlicher Annoncen des infrage kommenden Zeitraums fördert allerdings nicht viel Brauchbares zutage, außer vielleicht, dass „Durchschnittsmann“ Borowski sehr gut in das Beuteschema des vermeintlichen Serienkillers passt.

Da Borowski ziemlich auf der Stelle tritt, und ihm auch die kärglichen Erkenntnisse der Spurensicherung nicht wirklich weiterhelfen, wird ihm Kriminalpsychologin Frieda Jung zur Seite gestellt, was der zuweilen knötterige Kommissar mit gemischten Gefühlen sieht. Einerseits ist er ein Einzelgänger mit seinen ganz eigenen kriminalistischen Ermittlungsmethoden, andererseits hat er tief in seinem Innersten ein Auge auf die hübsche Frieda geworfen, die ihm aber nicht nur die kalte Schulter zeigt, sondern auch seine eigenen Unzulänglichkeiten. Zudem pflegt sie auch noch eine ganz andere Herangehensweise an den Fall. Von ihr stammt schlussendlich die Idee, dass sich Borowski als Lockvogel zur Verfügung stellt und selbst eine Kontaktanzeige aufgibt – der begibt sich aber erst in die abgrundtiefen Niederungen der Partnersuche, als sich noch ein dritter Mord ereignet.

_Eindrücke_

Anders als absolute Serienlieblinge vom Schlage Thiel/Boerne, welche selbst bekennende TATORT-Muffel begeistern können, ist der eigenwillige Klaus Borowski doch etwas sperrig und nicht jedermanns Geschmack. „Love it or leave it“ ist ein oft strapaziertes Motto, welches man hier aber getrost anwenden kann. Dabei ist es mit ihm, wie mit seinem alten VW-Passat: Da steckt mehr unter der Haube, als man auf den ersten Blick bemerkt. So benötigt der tüchtige und intelligente Kieler Ermittler sicherlich etwas Eingewöhnung, bis man mit ihm klarkommt. Das gilt für den Fernsehzuschauer übrigens gleichermaßen wie für den Leser der Adaption. Aber grade die Ecken und Kanten, speziell seiner Hauptfigur, machen den Kieler TATORT so interessant.

Dabei hat es Hannes Nygaard im Roman, dank der ihm hier zur Verfügung stehenden stilistischen Mitteln uns Einsicht in Borowskis Seele zu gewähren, sogar etwas einfacher, als Drehbuchautor Thomas Schwank und nicht zuletzt auch Borowski-Darsteller Axel Milberg, welche dem Kommissar bisher auf dem Bildschirm Kontur zu verliehen und halfen Sympathiepunkte zu sammeln. Mit dem Effekt, dass der literarische Borowski leichter zugänglich erscheint, als sein TV-Pendant, bei dem es schon einige Zeit braucht, bis man sich an seine nordisch-herbe Art gewöhnt hat und eventuell sogar Gefallen daran findet. Dennoch ist der Roman nah genug an der Vorgabe, um den Ton und die Atmosphäre daraus hinüberretten zu können.

Auch der Fall an sich ist mit Bedacht gewählt, handelt es sich bei diesem zwar nicht um einen absoluten Überflieger doch immerhin um jenen, an welchem Frieda Jung endgültig als Sidekick etabliert wird – und als Love Interest für Borowski. Im Roman wirkt sie allerdings etwas farblos und geht als Charakter ein wenig unter, während Schauspielerin Maren Eggert der Kriminalpsychologin in der TV-Fassung wesentlich mehr Präsenz und Profil zu verleihen versteht, als es hier gelingen mag. Insgesamt ist die Umsetzung aber stimmig und bis in die Dialoge hinein werkgetreu und realitätsnah. Nur eine Sache will partout nicht passen und das ist Borowskis Auto, welches angeblich über einen nachträglich eingebauten Hybridantrieb verfügen soll. Dieses Kunststück bei einem 80er-Jahre-Passat der Baureihe B1 fertigzubringen, darf man ins Reich der Fabel verbannen.

_Fazit_

Ein ziemlich typischer „Borowski“, was durchaus positiv verstanden werden will, und zudem einer, der sehr viel Persönliches über den Chefermittler preisgibt. Eventuell zu viel, denn einen Teil des Reizes des Kieler TATORT (zumindest im Fernsehen) besteht sicher darin, sich die nicht unschrullige, gelegentlich gar mysteriös wirkende, Hauptfigur Fall für Fall mehr zu erarbeiten und ihn vielleicht grade dadurch für sich zu entdecken. Der Roman ist da viel direkter und enthüllender. Was einem mehr liegt, muss jeder selbst entscheiden. Handwerklich ist der Adaption, bis auf ein paar Kleinigkeiten, jedenfalls nichts wirklich anzulasten: Ein routiniert nach Hause gebrachter, realitätsnaher Kriminalroman, der auch (noch) Nicht-Fans der Serie interessieren könnte.

|Taschenbuch: 154 Seiten
Roman zur gleichnamigen ARD-Reihe TATORT
Nach einem Drehbuch von Thomas Schwank
ISBN-13: 978-3-89705-745-6|
[www.emons-verlag.de]http://www.emons-verlag.de

_TATORT beim Buchwurm:_
[„Blinder Glaube“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
[„Strahlende Zukunft“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5956
[„Todesstrafe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6346
[„Aus der Traum“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6547
[„Tempelräuber“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6549
[„Die Blume des Bösen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6803
[„A gmahde Wiesn“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6804
[„Erntedank“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7000

Mina, Denise – In der Stille der Nacht

_Das geschieht:_

Eddy, Pat und Malki, drei perspektivlose Loser aus dem schottischen Glasgow, lassen sich für eine Entführung anheuern. Einen gewissen „Bob“ sollen sie kidnappen, doch als sie nervös und überstürzt in das vom Auftraggeber angegebene Haus stürmen, finden sie dort nur die pakistanische Immigrantenfamilie Anwar vor. In ihrer Panik schnappen sie sich Aamir, den Vater, und verschleppen ihn.

Die polizeiliche Ermittlung müsste eigentlich Detective Sergeant Alex Morrow übernehmen. Ihr Vorgesetzter DSI MacKechnie, mit dem sie im Streit liegt, übergeht sie und übergibt den Fall dem weniger begabten aber pflegeleichten Karrieristen Grant Bannerman, den Morrow noch heftiger verabscheut. Dennoch kann sie die offensichtlichen Fehler des Kollegen weder ignorieren noch ihre Neugier zügeln.

Wer ist „Bob“, für den absurde 2 Mio. Pfund Lösegeld gefordert werden, die nun für den Vater zu zahlen sind? Hat die Familie etwas mit der Entführung zu tun? Hinter der kultivierten Kulisse der Anwars treten diverse Brüche hervor. Die in ihrem schottischen Umfeld nur scheinbar integrierte Gesellschaft praktiziert neuerdings wieder den islamischen Glauben. Die misstrauische Polizei wittert terroristische Umtriebe, und auch Morrow hält Omar und Billal, Aamirs Söhne, für verdächtig.

Inzwischen gerät Aamir in Lebensgefahr. Der Auftraggeber weigert sich, ihn statt „Bob“ in seine Obhut zu nehmen. Die drei Kidnapper stehen mit einer überzähligen Geisel dar. Während der besonnene Pat eine Eskalation zu verhindern sucht, denkt der psychotische Eddie an Mord. Nachdem Bannerman mit seiner nassforschen Methode scheitert, holt MacKechnie Morrow im Wettlauf mit der Zeit zurück ins Ermittlungs-Boot. Doch eine wahre Lügen-Flut vernebelt den Fall, während Aamir beschließt, sich gegen seine Peiniger zu wehren …

_Schottische Umtriebe im Dauerregen_

In die noch zahlenschmale Riege schottischer Kriminalpolizisten reiht sich hiermit eine weitere Serien-Ermittlerin ein: Alex Morrow ist die Apotheose sämtlicher mürrischer, psychisch aus dem Lot geratener, von den Kollegen gemiedener und von den Vorgesetzten gehasster, privat auf Grund gelaufener Krimi-Helden. Was genau ihr zugestoßen ist, hält uns die Verfasserin zunächst vor. Als sie die Katzen nach und nach aus dem Sack lässt, haben wir das Interesse bereits verloren.

Dies ist das erste mehrerer Warnsignale, die schließlich in der erstaunlichen Erkenntnis münden, dass „In der Stille der Nacht“ ein guter Krimi aber keine erfreuliche Lektüre darstellt. Zwar ist der Plot gut konstruiert und wird mit den dem Genre geschuldeten Verzögerungen und Verwicklungen entwickelt. Das Ergebnis lässt dennoch seltsam kalt.

Liegt es daran, dass Denise Mina sich höchstens am Rande für das Krimi-Element ihrer Geschichte interessiert? Moderne Krimis schwelgen gern und manchmal zu ausgiebig in Gesellschaftskritik und Politikverdrossenheit. Bis zur Seifenoper ist der Weg nicht weit und die Fahrbahndecke schlüpfrig. Doch nicht deshalb kommt Mina ins Rutschen. Sie meint es in jeder Sekunde bitterernst mit ihrem doppelten Psychogramm einer exotisch-dysfunktionalen Familie und einer gestörten Polizistin.

|Spaß bleibt ausdrücklich ausgeschlossen!|

„Bitterernst“ ist das Stichwort. Denise Mina suhlt sich förmlich in der Gefühlskälte der Gegenwart. Auch Ian Rankin oder Stuart MacBride, die ihre Krimis ebenfalls in Schottland ansiedeln, verschließen nie die Augen vor den Schattenseiten des modernen, globalisierten, urbanen Alltags. Sie gönnen ihren Lesern allerdings Erholungspausen, die sie mit durchaus schwarzem Humor so unterhaltsam gestalten, dass die grundsätzliche Stimmung ihrer Geschichten darunter nicht leidet.

Mina verweigert ihrer Leserschaft jede Ablenkung. Immer neue Abgründe deckt sie stattdessen auf. Dies sorgt u. a. für einen Krimi, dessen gesamtes, kriminelles wie kriminologisches Figurenpersonal unsympathisch ist. Damit erregt die Autorin zweifellos unser Interesse, aber sie stößt ihre Geschichte gleichzeitig und buchstäblich in eine Grauzone. Trübsinnig schleppt sie sich dahin, während die ermittelnde Beamtin diverse Gangster trifft, sich mit dem Chef anlegt, den Kollegen hasst und den Gatten schurigelt. Für alle diese Finsternis gibt es gute Gründe, aber da wir unter ihnen förmlich begraben werden, wollen wir lieber flüchten als uns auf sie einlassen.

|Noch mehr Elend als Hirngepäck|

Eine ‚Glanzleistung‘ stellt übrigens wieder einmal die ‚Übersetzung‘ des Titels dar. In der Nacht des Überfalls auf die Familie Anwar geht es alles andere als still zu, und auch in den nächsten Nächten bleibt es turbulent. Tatsächlich spielt der Originaltitel „Still Midnight“ auf die Geisterstunde in der Seele von Aamir Anwar an, der als Flüchtlingskind erlittenen Gräuel auch nach Jahrzehnten nur oberflächlich verarbeitet hat aber nie überwinden konnte; als Entführungsopfer wird er in diese dunkle Zeit zurückgeworfen.

Mina entwirft sehr aufwendig, solide recherchiert und politisch überaus korrekt das Psychogramm eines Mannes, der in Pakistan geboren wurde, mit der Familie nach Uganda auswanderte und dort in einen Bürgerkriegsterror geriet, dem er allein entkommen konnte. Nach Aamirs Ansicht hat er sich das Leben auf Kosten der Mutter erkauft; Mina zeichnet folgerichtig das Bild eines Mannes, der sich für sein Überleben schuldig fühlt. Dazu gehören seitenlange Rückblenden auf Aamirs Kindheit, die sicherlich (bzw. selbstverständlich) ernst gemeint aber – so ketzerisch es klingen mag – langweilig sind. In Aamirs Kopf läuft immer und immer wieder der Film des erlittenen Schicksals ab. Der Leser hat schon nach dem ersten Mal begriffen.

|Die Sorgen der nächsten Generation|

Immerhin widersteht Mina der Verlockung, den Plot mit einer 9/11-Motivdecke zu unterfüttern. Nahe hätte es gelegen: Eine islamische Familie steckt in einem nicht nur latent misstrauischen Umfeld. Das daraus resultierende Unrecht böte zuverlässig Stoff für ein gegenseitiges Aufschaukeln von Verdacht und Gewalt. Hier bricht Mina mit den Erwartungen. Die Anwars sind nur zum Teil fromm, und Terrorismus spielt keinerlei Rolle. „In der Stille der Nacht“ bleibt in diesem Punkt ganz Krimi, das Verbrechen ungemein irdisch.

Tatsächlich sind die Anwars bereits besser integriert als ihnen lieb ist: Die schottische Unterwelt kennt keine Berührungsängste. Mina gelingt die Darstellung einer gänzlich glanzlosen kriminellen Realität: Brutale Proleten scheffeln Geld mit der gleichgültigen Ausbeutung und Misshandlung von Menschen. Sie haben keinen Stil, kennen keine Ganovenehre. Nicht nur für die Polizei, sondern auch für diese ‚etablierten‘ Verbrecher sind Eddy, Pat und Malki Instrumente, derer man sich bedient und entledigt.

Ähnlich trostlos sieht bei Mina der Polizeialltag aus. Jeder ist sich selbst der Nächste. Von oben wird getreten und der Druck nach unten weitergegeben. Seilschaften werden gebildet und gepflegt, Konkurrenten gemobbt, Ermittlungsergebnisse eifersüchtig gehortet. Alex Morrow gliedert sich perfekt in dieses Umfeld ein. Sie ist höchstens noch ein wenig hinterlistiger. Den Unterhaltungswert dieser Geschichte steigert das freilich nicht.

|Am Ende ist alles umsonst|

Die rumpelt ohnehin in Düsternis ihrem Finale entgegen. „In der Stille der Nacht“ ist ein „Whodunit“, denn unsere drei untalentierten Entführer haben einen Hintermann, der bis zum Schluss unsichtbar und unbekannt bleibt. Weil Mina mit dem sprichwörtlichen Zaunpfahl nicht nur winkt, sondern kräftig um sich schlägt, ist außerdem schnell klar, dass jemand in der Anwar-Sippe Dreck am Stecken hat. Pflichtschuldig werden beide Fragen beantwortet. Der Leser fragt sich unwillkürlich, ob dieser Sieg der Gerechtigkeit notwendig ist: Wäre die Strafe für alle Beteiligten nicht größer, beließe Mina sie im breit ausgemalten Elend?

Oder sind es die beiden angeflanschten Happy-Endings, die uns irritieren? Nachdem wir von der Autorin über 400 Seiten wie das Schnitzel im Paniermehl in Tristesse gewälzt wurden, bricht plötzlich die Wolkendecke über DS Morrow auf. Wen es interessiert, wie und ob der seelische Notstand beendet wird, darf sich auf ihren neuen Fall freuen, der 2011 unter schönen Titel „The End of the Wasp Season“ (dt. „Blinde Wut“) erschienen ist.

_Autorin_

Denise Mina wurde 1966 im schottischen Glasgow geboren. An der dortigen Universität studierte sie Jura. Dort nutzte sie ihr Doktoranden-Stipendium, um einen ersten Kriminalroman zu schreiben. „Garnethill“ (dt. „Schrei lauter, Maureen“) erschien 1999 und wurde von der „Crime Writers‘ Association“ mit einem „John Creasy Dagger“ für das beste Krimi-Debüt des Jahres ausgezeichnet. Mina baute „Garnethhill“ 2000 und 2001 zur Trilogie aus.

Zwei nicht seriengebundenen Krimis folgte 2005 „The Field of Blood“ (dt. „Der Hintermann“), der erste, 2010 für das britische Fernsehen auch verfilmte Roman um die Journalistin Patricia „Paddy“ Meehan. 2009 begann Mina eine dritte Serie um die Glasgower Kriminalpolizistin Alex Morrow.

Mina schreibt nicht nur Kriminalromane, sondern auch Comics. So textete sie ein Jahr für die Serie „Hellblazer“ und lieferte die Vorlagen für verschiedene Comic-Romane. Weiterhin verfasst sie Texte für Radio und Fernsehen und legte 2006 ein erstes Theaterstück vor.

|Taschenbuch: 477 Seiten
Originaltitel: Still Midnight (London : Orion Books 2009)
Übersetzung: Conny Lösch
ISBN-13: 978-3-453-43490-5

Als eBook: Juli 2010
ISBN-13: 978-3-641-04750-4|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne
[www.denisemina.co.uk]http://www.denisemina.co.uk

_Denise Mina bei |Buchwurm.info|:_
[„Refugium“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=928
[„Der Hintermann“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4192

Preston, Douglas & Child, Lincoln – Mission – Spiel auf Zeit

So faszinierend wie Special Agent Pendergast soll er sein – der neue Held vom Erfolgsduo Preston & Child! Gideon Crew heißt er und wird als tickende Zeitbombe beschrieben, denn in seinem Gehirn hat er ein Aneurysma, das ihn jederzeit töten könnte. Also verspürt er keinerlei Angst und übernimmt selbst die gefährlichsten Aufträge.

Wollen wir uns anschauen, ob Douglas Preston und Lincoln Child mit ihrem neuesten Werk an die erfolgreiche „Pendergast“-Reihe anknüpfen können und ob Gideon Crew tatsächlich die gleiche Faszination entwickeln kann wie der eigenwillige Pendergast!

_Auftragsagent_

Als Kind musste Gideon Crew miterleben, wie sein Vater erschossen wurde, nachdem er aus noch unerfindlichen Gründen Geiseln genommen, diese aber frei gelassen hatte. Seine Mutter ist es, die Gideon das Versprechen abnimmt, seinen Vater zu rächen, denn er ist Opfer einer Intrige geworden. Und diese möchte Gideon nun aufdecken. Erst mit Anfang 30 kann er schließlich in einem fulminanten Showdown den einstigen Widersacher seines Vaters töten.

Doch damit nicht genug erhält er kurz darauf einen brisanten Auftrag: Ein Chinese, der in einem Flugzeug gen USA sitzt, trägt angeblich den Plan für eine Geheimwaffe am Leib und Gideon soll diesen Plan wiederbeschaffen. Doch schon die Taxifahrt vom Flughafen aus endet für den Chinesen fatal: Er wird in einen fürchterlichen Unfall verwickelt und schwer verletzt. Gideon eilt ihm zu Hilfe und erfährt vom Chinesen eine mysteriöse Zahlenreihe. Im Krankenhaus stirbt der Chinese. Gideon gibt sich als sein Lebensgefährte aus, um die persönlichen Sachen genau durchsuchen zu können, doch nirgends steckt dieser Plan und aus der Zahlenreihe wird Gideon einfach nicht schlau. Wo hat der Chinese den Plan versteckt? Hat er ihn etwa nicht am, sondern IM Leib getragen?

Allerdings ist Gideon nicht der Einzige, der Jagd auf den Chinesen und den Plan für die Geheimwaffe macht. Ein chinesischer Auftragskiller ist ihm stets auf den Fersen, aber auch eine Frau, die vorgibt, für die CIA zu arbeiten, möchte von Gideon alles ganz genau wissen. Mit ihr schließt Gideon einen gefährlichen Pakt, denn er weiß nun, wo der Chinese das Gesuchte versteckt hat und ist überzeugt, dass nur einer die Bergung dessen überleben kann – er selbst oder der chinesische Killer Nodding Crane.

_Hirnlos_

Als spannender Agententhriller wird „Mission – Spiel auf Zeit“ beworben, aber vor allem locken die Versprechungen eines faszinierenden Ermittlers, der genau in die gleiche Kerbe schlägt wie Special Agent Pendergast. Die Messlatte haben Preston & Child bzw. die Verlagswerbung demnach hoch gelegt – und mussten entsprechend scheitern. Schon im ersten Teil des Buches, in dem Gideon seinen Vater rächt, offenbart die Schwächen des vorliegenden Thrillers: Denn Preston & Child bedienen sich der simpelsten Elemente für ihren Roman: Stereotype Charaktere und eine Sprache, wie sie einfacher nicht sein könnte. Die Sätze sind kurz, die Dialoge stets einfach gehalten, und auch als die beiden Autoren schließlich offenbaren, um was für eine Geheimwaffe es sich handelt und sie sich eigentlich ins Gebiet der Physik begeben müssten, um diese näher zu erläutern, ersparen sie sich jegliche weiterführenden Erklärungen, um auch bloß keinen der intellektuell womöglich etwas minderbemittelten Leser zu verlieren.

Die Handlung rast von einem Actionschauplatz zum nächsten. Ein Widersacher nach dem anderen taucht auf, verbündet sich mitunter mit Gideon, um ihn dann schließlich aber doch zu hintergehen. Es gibt Verfolgungsjagden, Schusswechsel, schlimme Verletzungen, die am besten bis ins letzte Detail beschrieben werden, und natürlich einen groß angelegten Showdown, der nur ein minimales Spannungsmoment enthält, das aber sofort verpufft.

Schon die „Pendergast“-Romane dienten natürlich einzig der lockeren Unterhaltung, doch mit ihrem Special Agent haben Preston & Child eine kauzige Figur geschaffen, die Ecken und Kanten hat, dem Leser sympathisch ist, aber dennoch stets undurchschaubar bleibt und deswegen auch eine Faszination entwickelt. Gideon Crew dagegen ist das Stereotyp eines Mannes, der praktisch alles kann. Auch wenn er nicht als Agent ausgebildet ist, merkt er instinktiv, wenn er verfolgt wird, kann seine Verfolger natürlich abschütteln und sie schließlich auch besiegen. Erklärt wird diese Allmacht mit dem Aneurysma, das wie eine tickende Zeitbombe in Gideons Kopf herumschwirrt und ihn unweigerlich töten wird, sodass er vor nichts Angst zu haben braucht. Doch mir reicht das nicht als Erklärung, denn wenn mir jemand unterbreiten würde, dass ich höchstens noch ein Jahr zu leben hätte und gut und gerne auch morgen schon tot umfallen könnte, würde ich sicherlich die letzten Tage, Wochen oder Monate meines Lebens genießen und nicht irgendwelche undurchsichtigen und gefährlichen Aufträge erledigen.

Spannung baut sich auch gar nicht auf, da schon klar ist, wer am Ende die Oberhand behalten wird, denn man würde seinen neu aufgebauten Superhelden ja nicht gleich im ersten Buch opfern, oder? Gideons Gegenspieler Nodding Crane ist mir bis zum Ende ein Rätsel geblieben. Von ihm erfährt man nicht viel mehr, als dass er eine rücksichtslose Tötungsmaschine ist, die gar nicht so sehr den Plan für die Geheimwaffe haben möchte, sondern vielmehr dazu eingesetzt ist, alle Mitwisser auszuschalten. Doch wieso um Himmels Willen lässt Nodding Crane (was für ein dämlicher Name überhaupt?) dann eine gute Gelegenheit nach der anderen aus, in der er Gideon locker hätte ausschalten können? Nein, natürlich wartet er brav bis zum finalen Showdown, lässt sich von seinem Gegner genau dorthin locken, wo er ihn haben möchte und tritt dann schließlich auch noch in die bescheuertste Falle, die man sich vorstellen kann. Die Story ist absolut hanebüchen und entbehrt jeglicher Logik!

_Enttäuscht_

Für mich scheitert das Projekt Gideon Crew auf ganzer Linie – weder schaffen Preston und Child es, einen charismatischen neuen Helden einzuführen, noch entwickeln sie in ihrer absolut vorhersehbaren Story auch nur ein Fünkchen an Spannung oder überzeugen womöglich sprachlich. Wer Matthew Reilly liest (oder liebt) – und das war so mit das Schlechteste, was ich in meinem ganzen Leben gelesen habe – der dürfte vermutlich Gefallen am vorliegenden Roman finden, doch wer auf gute Agentenstorys steht, der sollte tunlichst zu Daniel Silva greifen und bloß die Finger von diesem Erguss lassen. Bleibt nur zu hoffen, dass Douglas Preston und Lincoln Child sich ganz schnell auf ihre Erfolgsfigur Pendergast besinnen und Crew einen Ehrentod sterben lassen, auch wenn sie auf den letzten Seiten bereits zu Crews zweitem Fall überleiten …

|Hardcover: 432 Seiten
Originaltitel: Gideon’s Sword
ISBN-13: 978-3426199039|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

_Douglas Preston und Lincoln Child bei |Buchwurm.info|:_
[„Riptide – Mörderische Flut“ 71
[„Formula – Tunnel des Grauens“ 192
[„Ritual – Höhle des Schreckens“ 656
[„Burncase – Geruch des Teufels“ 1725
[„Burncase – Geruch des Teufels (Hörbuch)“ 2193
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 2809
[„Maniac – Fluch der Vergangenheit“ 4249
[„Canyon“ 4243
[„Das Patent“ 701
[„Darkness. Wettlauf mit der Zeit“ 5681
[„Fever. Schatten der Vergangenheit“ 6942

Connelly, Michael – Sein letzter Auftrag

_Das geschieht:_

Der Siegeszug des Internets und die Wirtschaftskrise machen den klassischen Printmedien allmählich den Garaus. Auch die „Los Angeles Times“ muss sparen. Wie überall werden die Kosten gesenkt, indem Personal ‚abgebaut‘ wird. Niemand ist sicher, wie auch Jack McEvoy, altgedienter Polizeireporter, erfährt, dem nach zwanzig erfolgreichen Arbeitsjahren gekündigt wird.

Als besondere Demütigung soll er noch seine Nachfolgerin einarbeiten, bevor er geht. Angela Cook ist jung, hübsch und wird schlechter bezahlt als McEvoy, der dem Arrangement nur deshalb zustimmt, weil er sich mit einer großen Story verabschieden und für eine neue Stelle empfehlen will. Den Aufhänger bietet der Anruf einer Mutter, die sich über einen Justizirrtum beklagt. Alonzo Winslow hat angeblich eine Tänzerin umgebracht, was er vehement bestreitet. Polizei und Staatsanwaltschaft würden den Fall gern schnell und erfolgreich abschließen, sodass sie die Unschuldsbeteuerungen des Verdächtigen nicht allzu sorgfältig überprüfen.

Mit dem Instinkt des erfahrenen Journalisten erkennt McEvoy, dass dieser Fall auf wackligen Füßen steht. Seine Recherchen legen außerdem frühere Frauenmorde offen, die auf ganz ähnliche Weise begangen wurden. Bald muss auch die Polizei zugeben, dass ein bisher unbekannter Serienkiller sein Unwesen treibt. Als dieser wiederum feststellt, dass seine Tarnung aufzufliegen droht, beginnt er mit Hilfe modernster EDV-Technik seine Spuren zu verwischen und setzt McEvoy unter Druck, der plötzlich ohne Kreditkarte, Handyvertrag oder Internet-Zugang dasteht. Als McEvoy und Cook immer noch nicht von ihrer Story ablassen wollen, beschließt der Killer, die Reporter endgültig zu erledigen. Zumindest Jack McEvoy, der inzwischen von der FBI-Agentin Rachel Walling unterstützt wird, erweist sich als hartnäckiger und ebenbürtiger Gegner …

|Schöne, neue, dumme Welt|

Der |American Dream| basiert auf der Überzeugung, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Rückschläge auf dem Weg zu Ruhm & Reichtum werden als Marken jenes Weges gedeutet, der den unermüdlich Strebenden schließlich als Sieger über die Ziellinie bringen wird. Dass die Realität anders aussieht und Globalisierung oder Rationalisierungsfortschritt auch den ins Abseits stellen, der sich an die Spielregeln hält, ist eine noch relativ junge, traumatische sowie gern geleugnete Erkenntnis. Michael Connelly nutzt sie als Grundlage für den Einstieg in einen modernen Kriminalroman.

Die Idee ist bestürzend gut und wird so geschickt umgesetzt, dass Connelly sich selbst ein Bein stellt: „Sein letzter Auftrag“ ist ein sauber geplotteter, spannend geschriebener Roman, dessen Krimi-Plot es mit dem realen Horror eines personellen „Outsourcings“ nicht so recht aufnehmen kann. Ein Serienkiller geht um und metzelt Frauen in Horrorfilm-Manier. Das ist im Vergleich dazu alles andere als eine Novität. In der Tat muss sich Connelly alle Mühe geben, der vieltausendfach ausgewalzten Schauermär einige Glanzlichter aufzustecken.

|Der Weg ist wieder einmal das Ziel|

Ein Mann wird gefeuert. Er ist gut in seinem Job, hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Sein berufliches Ende basiert auf einer rein ökonomischen Entscheidung. Das persönliche Drama des Jack McEvoy fesselt den Leser sofort. Connelly schürt das Feuer, indem er McEvoy mit seiner taffen, hungrigen Nachfolgerin konfrontiert. Wie wird der gedemütigte Journalist reagieren?

Er leugnet, ignoriert, gaukelt sich Alternativen vor. Die daraus resultierende Stimmung begründet die Intensität, mit der McEvoy sich in seinen letzten Auftrag verbeißt. Nun setzt die eigentliche Krimi-Handlung ein. Connelly entwirft sie nicht als „Whodunit“. Die Identität des Killers ist dem Leser immer bekannt; dieser bestreitet bereits den Prolog. Connelly weicht dem ohnehin beinahe unmöglichen Problem, im 21. Jahrhundert noch einen originellen Serienkiller zu kreieren, auf diese Weise geschickt aus. Er widmet dem Killer und dessen üblicher Vorgeschichte inklusive gestörter Mutter, Missbrauch & Wahnvorstellungen vergleichsweise wenig Raum bzw. skizziert sie sogar erst in einem Epilog, als die eigentliche Geschichte bereits ihr Ende gefunden hat.

Stattdessen ist der Killer auch ein professioneller Identitätsdieb und Manipulator. „Scarecrow“, also „Vogelscheuche“, betitelte Connelly seinen Roman. Der Mörder verdient sich seinen Lebensunterhalt damit, sensible Datenbestände zu betreuen und gegen Hacker zu sichern, die er nicht nur abwehrt, sondern auch mit Hilfe fingierter Indizien als Kriminelle brandmarkt, ihre Konten abräumt, sie beruflich, finanziell und privat ruiniert.

Wie dies geschehen kann, schildert Connelly auf eine Weise, die den Fachmann vermutlich zum Lachen reizt. Der lesende Laie findet es jedoch dramatisch, wie der Verfasser ihm die Schattenseiten der digitalen Gegenwart vor Augen führt. Indem der Killer McEvoy die Identität nimmt, wirkt er wesentlich gefährlicher als während der späteren ‚klassischen‘, also körperlichen Attacken.

|Eine Reise durch das Connellyversum|

Michael Connelly schreibt verschiedene Serien sowie Einzelromane. Sie spielen in einer gemeinsamen Welt. Ihre Figuren begegnen einander, lösen Fälle zusammen, nehmen serienübergreifend Kontakt auf. Eine dramatische Notwendigkeit gibt es dafür nicht, weshalb der Verfasser von der Kritik oft gescholten wird. Ihm scheint dieses Spiel Freude zu bereiten; er bleibt dabei und knüpft immer neue Verbindungen. Auch Jack McEvoy ist fest ins Connellyversum eingebunden. Er kennt den Cop Harry Bosch und den „Lincoln Lawyer“ Michael Haller – der wiederum ein Halbbruder von Bosch ist – und frischt in „Sein letzter Auftrag“ die Beziehung zur FBI-Agentin Rachel Walling auf, die zwischenzeitlich mit Bosch verbandelt war.

Kennengelernt haben wir McEvoy in dem Roman „Der Poet“ (1996; zu diesem Roman gibt es eine Fortsetzung, die Harry Bosch – wer sonst? – als Hauptfigur bestreitet und u. a. den Tod des Polizei-Kollegen Terry McCaleb untersucht, der 1997 Held des Connelly-Romans „Das zweite Herz“ war). Wie Bosch und Haller ist er ein Profi, der einerseits alle Kniffe und Schlichen kennt, während er sich andererseits ausgeprägte idealistische Züge bewahren konnte. Der private Jack McEvoy ist eine vergleichsweise profilarme und durchaus uninteressante Gestalt. Sie lebt durch ihre Tätigkeit: McEvoy ist nicht ein, sondern „der“ Journalist.

Ebenso ist Rachel Walling „die“ FBI-Agentin, auch wenn der Autor ihr eine stürmische berufliche Karriere verordnet: Connelly-Figuren haben Probleme mit Obrigkeiten, die sich lieber selbst verwalten, als ihre Aufgaben zu erledigen und dabei einfallsreich zu sein oder gar Risiken einzugehen. Ansonsten wirkt Walling ebenso diffus wie McEvoy, was auch die peinlichen, lächerlichen und aus heiterem Himmel über den Leser hereinbrechenden Liebesszenen erklären könnte, für die Connelly berüchtigt ist.

|Alles wird gut oder zumindest anders|

Das letzte Romandrittel bestreitet Connelly mit Krimi-Routinen. Der Abstand zwischen Killer und Verfolger verringert sich, während die Gefahr steigt. Dabei zeigt uns der erfahrene Verfasser, wie man dies inklusive zeitweiliger Fehlschlüsse als Folge professioneller Ermittlungsarbeit inszeniert, ohne dabei dem Zufall eine allzu gewichtige Rolle zu übertragen. Selbstverständlich gehen spätestens im Finale alle klugen Pläne schief, um – zugegeben etwas mechanisch – einen krönenden Abschluss zu schaffen.

Zwar ist der Schurke geschnappt, doch das Ende ist dennoch offen. Jack McEvoy dreht der schnöden Realität eine letzte Nase und kehrt nicht in seinen Job zurück. Wie er sich neu orientiert, wird zweifellos zu einem der Handlungsstränge in McEvoys nächstem Abenteuer, dem Connelly so bereits den Boden bereitet und gleichzeitig seine Leser – erfolgreich – neugierig macht.

_Autor_

Michael Connelly wurde 1956 in Philadelphia geboren. Den Büchern von Raymond Chandler verdankte der Journalismus-Student der University of Florida den Entschluss, sich selbst als Schriftsteller zu versuchen. Zunächst arbeitete Connelly nach seinem Abschluss 1980 für diverse Zeitungen in Florida. Er profilierte sich als Polizeireporter. Seine Arbeit gefiel und fiel auf. Nach einigen Jahren heuerte die „Los Angeles Times“, eine der größten Blätter des Landes, Connelly an.

Nach drei Jahren in Los Angeles verfasste Connelly „The Black Echo“ (dt. „Schwarzes Echo“), den ersten Harry-Bosch-Roman, der teilweise auf Fakten beruht. Der Neuling gewann den „Edgar Award“ der „Mystery Writers of America“ und hatte es geschafft.

Michael Connelly arbeitet auch für das Fernsehen, hier u. a. als Mitschöpfer, Drehbuchautor und Berater der kurzlebigen Cybercrime-Serie „Level 9“ (2000). Mit seiner Familie lebt der Schriftsteller in Florida.

|Gebunden: 495 Seiten
Originaltitel: The Scarecrow (New York; Little, Brown and Company 2009/London; Orion 2009)
Übersetzung: Sepp Leeb
ISBN-13: 978-3-453-26645-2|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne
[www.michaelconnelly.com]http://www.michaelconnelly.com

_Michael Connelly auf Buchwurm.info (in Veröffentlichungsreihenfolge):_
|Harry Bosch:|
[„Schwarzes Echo“ 958
[„Schwarzes Eis“ 2572
[„Die Frau im Beton“ 3950
[„Das Comeback“ 2637
[„Schwarze Engel“ 1192
[„Dunkler als die Nacht“ 4086
[„Kein Engel so rein“ 334
[„Die Rückkehr des Poeten“ 1703
[„Vergessene Stimmen“ 2897
[„Kalter Tod“ 5282 (Buchausgabe)
[„Kalter Tod“ 5362 (Hörbuch)

[„Das zweite Herz“ 5290
[„Der Poet“ 2642
[„Im Schatten des Mondes“ 1448
[„Unbekannt verzogen“ 803
[„Der Mandant“ 4068
[„L.A. Crime Report“ 4418
[„So wahr uns Gott helfe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6291

Hogan, Chuck – Kopfgeld

_Das geschieht:_

Nachdem er sich im Irak-Krieg bewährt hat, ist Neal Maven, ehemaliges Mitglied der Special Forces, in seine Heimatstadt Boston zurückgekehrt. Ohne Drill und Disziplin hat er den Halt verloren und schlägt sich als Parkplatzwächter durch. Als er dabei eines Nachts von Räubern überfallen wird, setzen die antrainierten Reflexe sich durch: Maven bringt die Ganoven beinahe um.

Der Geschäftsmann Brad Royce beobachtet dies mit Wohlgefallen. Er ist ebenfalls ein Veteran, der es jedoch zu viel Geld gebracht hat. Statt es sich gut gehen zu lassen, ist Royce auf einer neuen Mission im eigenen Land: Seit ein guter Freund den Drogentod starb, hat er der Mafia von Boston buchstäblich den Krieg erklärt. Mit den Elitesoldaten Suarez, Glade, Termino und nun auch Maven überfällt er Großdealer beim Drogenkauf, nimmt ihnen das Geld ab, vernichtet das Rauschgift und lässt die düpierten Opfer von der Polizei auflesen.

Den örtlichen Mafiabossen Broadhouse, Lockerty und Crassion reißt rasch der Geduldsfaden. Sie loben ein gewaltiges Kopfgeld auf die unliebsamen Konkurrenten aus. Die übelsten Killer machen sich auf den Weg nach Boston. Gleichzeitig nimmt Marcus Lash die Verfolgung der Vigilanten auf. Der erfolgreiche Drogenfahnder verfügt über einen ausgezeichneten Spürsinn und gute Unterwelt-Verbindungen, die ihn bald auf die richtige Spur bringen.

Dies gilt auch für die Kopfgeldjäger, sodass Royce und seine Gruppe zwischen Hammer und Amboss geraten. In Boston bricht ein brutaler Straßenkrieg aus, in dem sich die gut ausgebildeten und bewaffneten Ex-Soldaten trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit zunächst mörderisch gut halten, bis Verrat ins wilde Spiel kommt. Wo unbedingter Zusammenhalt erforderlich wäre, bricht zusätzlich heftiger Streit aus, der das Schicksal der Gruppe zu besiegeln droht …

|Dürfen gute Jungs verbotene Dinge tun?|

Schon diese Frage ist eine Provokation. Sie markiert außerdem den Pfad, den Chuck Hogan mit seinem Roman „Kopfgeld“ einschlagen wird. Der simplen Story kann es nur helfen, wenn ihr Verfasser ein wenig wider den Stachel löckt. Selbstjustiz ist vor allem dort, wo sie quasi im Gesetz verankert ist, ein heißes und heikles Thema: In den USA dürfen |bounty hunter| kautionspflichtige Personen jagen, die nicht zum angesetzten Gerichtstermin erscheinen, sondern die Flucht ergreifen. Vigilantentum ist demgegenüber zwar verboten, aber die Trennlinie ist schmal, wie eine lange US-Geschichte entsprechender Lynch-Gewalttaten dokumentiert.

Die Frage bleibt: Kann es gelingen, dem Teufel den Beelzebub auszutreiben? In den Augen vieler Zeitgenossen ist das Gesetz selbst sein ärgster Feind. Während Gauner tun und lassen können, was ihnen einfällt, müssen sich Polizisten oder Staatsanwälte an eng gefasste Vorschriften halten, deren Missachtung den schon gefassten und vor Gericht gestellten Schurken erneut Schlupflöcher öffnen. Der Gedanke liegt nahe, den Strolchen Saubermänner hinterherzuschicken, die dem System gleichfalls nicht verpflichtet sind.

Realiter ist dies nicht grundlos verboten, denn noch immer ging jeder Schuss in diese Richtung nach hinten los. Auch Hogan drückt sich nicht gänzlich um den grundsätzlichen Haken des Vigilantentums: Gut und Böse, Gangsterjäger und Gangster beginnen, sich im Denken und Handeln rasch anzugleichen. Im Dienst der scheinbar guten Sache schlagen die Jäger nicht selten härter zu als ihr Wild.

|Die Spannung der Jagd|

Nichtsdestotrotz bleiben solche Gedankenspiele für Hogan bloß Vorwand. Sein Ziel ist die reine, schnelle Unterhaltung. Die Story beginnt als Zweifrontenkrieg zwischen den Vigilanten und der Mafia, der durch die Einmischung der Polizei und internen Verrat kompliziert wird: Die Gaunerjäger geraten zwischen die Fronten und drohen aufgerieben zu werden.

Damit hat Hogan den gewünschten Punkt erreicht. Er kann die (ohnehin eher pflichtschuldig aufgetischten) Vorgeschichten seiner Figuren vergessen und auf Action-Routine umschalten. Die muss nicht realistisch, sondern nur spannend sein. Anleihen an einschlägige Filme werden gern genommen; sie setzen das Kino im Kopf des Lesers in Gang und ersparen dem Verfasser die Mühe detaillierter Darstellungen.

Die investiert Hogan lieber in die Beschreibung schwerer Waffen, dicker Autos und geschmackfrei eingerichteter Protz-Wohnungen. Die Konvention fordert, dass dieses teure Spielzeug betont lässig behandelt oder im Gefecht zerschroten wird. Grundsätzlich könnten unsere Vigilanten auch in Höhlen hausen und auf Pferden reiten – ein Bild, das den Ursprung dieser Geschichte erfasst, die eindeutig im Wilden Westen wurzelt.

|Harte Jungs für einen harten Job|

Freilich haben die Zeiten sich geändert. Während ein Mann einst angeblich wusste, was ein Mann zu tun hat, kommt ihm nun – s. o. – das System mit seinen Regeln in die Quere. Die nackte Lust zur Ausrottung des Bösen reicht als Begründung nicht mehr. Dieser Entwicklung verdanken wir die lange aber nicht kurzweilige Einleitung zu „Kopfgeld“. Zumindest Royce, der Anführer, und Maven, der Gefolgsmann, müssen Zeugnis ablegen. Wie können aus rechtschaffenen Männern Vigilanten werden?

Erneut hält sich Hogan an einschlägige Klischees und drückt zusätzlich auf die Tränendrüse. Will man ihm Glauben schenken, wimmelt es in den USA von guten Soldaten, die in diversen Schurkenstaaten ihre Köpfe bzw. andere Gliedmaßen hingehalten haben, während daheim Drückeberger, Karrieristen und Gangsterbosse das Ruder übernahmen. Statt die Krieger in der Heimat mit offenen Armen willkommen zu heißen, drückt sie das System schnöde beiseite. Diese simple und nicht nur latent verzerrte Sicht vertritt vor allem Brad Royce, den Hogan gern als charismatischen Anführer charakterisiert sähe. Tatsächlich ist Royce ein Schwätzer, der die Köpfe seiner ratlosen Gefolgsleute sowie viele Buchseiten mit Phrasen füllt, die der Leser lieber überspringt, um sich das Vergnügen an den deutlich besser gelungenen Action-Passagen zu erhalten.

|Holterdipolter plus eine schöne Frau|

Selbstverständlich mischt in „Kopfgeld“ eine schöne Frau mit. Hogan versucht sich an der Schilderung einer „femme fatale“, die klassisch die Männer in ihren Bann zieht und schließlich in den Untergang stürzt. Danielle entspricht den Klischee-Vorgaben so punktgenau, dass der Leser sie keinen Augenblick ernst nehmen kann. Stets trägt sie feinste Designer-Kleidung, dünstet Sex förmlich aus und scheint über dem Boden zu schweben. Ausgerechnet sie, die Gefährtin des Chefs, ist nicht nur untreu, sondern auch noch rauschgiftsüchtig. Diese Kombination soll Gefühlstiefe symbolisieren. Tatsächlich wirkt sie abgeschmackt. Wie Tragik ohne Gefühlsduseligkeit aussieht, belegt deutlich gelungener Lee Child mit seinen Romanen der thematisch ähnlichen „Reacher“-Serie.

Ein Routinier wie Chuck Hogan rührt aus den genannten Ingredienzen dennoch einen unterhaltsamen Thriller an. Er leugnet die Klischees gar nicht, sondern zelebriert sie förmlich. Außerdem tritt er stetig aufs Handlungsgas, während sich das Thema Selbstjustiz in den Hintergrund verabschiedet und vom bewährten Trio Verrat, Rache & körperliche Gewalt ersetzt wird. 450 Seiten verstreichen auf diese Weise wie im Fluge. Die dabei entstandene heiße Luft entspricht der Erinnerung an das Romangeschehen. Es entströmt dem Gedächtnis des Lesers mit Höchstgeschwindigkeit und macht Platz für die nächste Story, die so „clever, schnell und stilsicher“ ist wie „Kopfgeld“ – so urteilt (hoffentlich gut bezahlt bzw. angeblich) jedenfalls Jeffery Deaver auf dem Frontcover.

_Autor_

Charles „Chuck“ Hogan wurde 1968 in Boston, US-Staat Massachusetts, geboren. Dort wuchs er auf, besuchte die High School sowie das Boston College. Auch heute lebt und arbeitet Hogan in seiner Heimatstadt.

Als Schriftsteller veröffentlicht Hogan seit 1995. Bereits sein Debüt „The Standoff“ (dt. „Das Hornissennest“) war ein Thriller, der mit hohem Tempo und schnellen Szenenwechseln Hogans Markenzeichen etablierte. Figurenzeichnung und Charaktertiefe zeigen demgegenüber des Verfassers Hang zum Klischee.

Die Mainstream-Nähe bescherte Hogan nicht nur Verkaufserfolge, sondern machte sein Werk auch tauglich für Hollywood. „Prince of Thieves“ (dt. „Endspiel“) wurde 2010 von und mit Ben Affleck unter dem Titel „The Town – Stadt ohne Gnade“ verfilmt. Die Romanvorlage war 2005 mit einem „North American Hammett Prize“ ausgezeichnet worden.

Ab 2009 verfasste Hogan zusammen mit dem Regisseur Guillermo del Toro (und wohl als federführender Autor) die „Strain“-Trilogie um einen blutigen Krieg zwischen Menschen und Vampiren.

|Taschenbuch: 447 Seiten
Originaltitel: Devils in Exile (New York : Scribner, a division of Simon & Schuster, Inc. 2010)
Übersetzung: Thomas Piltz
ISBN-13: 978-3-453-43539-1|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne

_Chuck Hogan bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Saat“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5905
[„Das Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6691
[„Das Blut“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7034

Rickman, Phil – Nacht der Jägerin, Die

_Die „Merrily Watkins“-Romane:_

01 „Frucht der Sünde“
02 [„Mittwinternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6067
03 [„Die fünfte Kirche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6283
04 [„Der Turm der Seelen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6644
05 [„Der Himmel über dem Bösen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6979
06 _“Die Nacht der Jägerin“_
07 „The Smile of a Ghost“ (noch ohne dt. Titel)
08 „Remains of an Altar“ (noch ohne dt. Titel)
09 „The Fabric of Sin“ (noch ohne dt. Titel)
10 „To Dream of the Dead“ (noch ohne dt. Titel)
11 „The Secrets of Pain“ (noch ohne dt. Titel)

_Inhalt_

Jane Watkins, Tochter von Hochwürden Merrily Watkins, der Beraterin für spirituelle Grenzfragen des Bistums Herefordshire, ist ausgesprochen stolz. Nicht nur, dass sie fast erwachsen ist – sie hat auch noch einen Job. Ja, sie ist endlich eine Frau, die auf eigenen Beinen steht. Zwar arbeitet sie nur nach der Schule und hin und wieder an einem Wochenende, aber das Hotel in dem alten Gemäuer Stanner Hall im Grenzland zwischen England und Wales ist beeindruckend und romantisch. Jane freut sich, hier als Zimmermädchen Arbeit gefunden zu haben.

Das Hotel hat noch nicht lange offen, und der Besitzer Ben Foley, der ehemalige Fernsehproduzent, knüpft an eine alte Geschichte an, um Kunden anzulocken: Sir Arthur Conan Doyle soll hier einst übernachtet haben, und in der Gegend gibt es Legenden von einem großen schwarzen Hund, der Leuten erscheint, die bald darauf sterben. Sollte der Meister hier zu seinem berühmten Roman „Der Hund von Baskerville“ angeregt worden sein?

Die Krimiwochenenden sind für Jane spannend, doch dann geschieht etwas, das nicht in das harmlose Rollenspiel zu passen scheint, und es ist ausgesprochen unheimlich. Geht noch etwas anderes in Stanner Hall um als das Sherlock-Holmes-Fieber …?

Janes Mutter Merrily hat an ganz anderen Fronten zu kämpfen. Um die Leute wieder in die Kirche zu locken, hat sie zwanglose Abendgesellschaften ins Leben gerufen: Hier sollte nicht gepredigt werden, sondern geredet und zusammen gebetet. Den wenigen Gemeindemitgliedern, die anfangs teilgenommen hatten, taten diese Gespräche im trauten Kreise gut.

Konservative Alteingesessene betrachteten das Ganze erst als neumodischen Unfug, bis eine kranke junge Frau unerklärlich gesundet. Und Merrily, die dergleichen nie im Sinn hatte, sieht sich plötzlich in die Rolle der Wunderheilerin gedrängt. Nun muss sie sich nicht nur mit ihren Zweifeln auseinandersetzen, sondern auch mit hoffnungsvollen Kranken.

Im Zuge dieser neuen Entwicklungen stößt sie auf ein altes Verbrechen, und schließlich erhebt das Böse in seiner grausigen Banalität sein hässliches Haupt. Und über all das legt sich unerbittlich der Schnee eines bitterkalten englisch-walisischen Winters …

_Kritik_

Gekonnt wie gehabt führt Phil Rickman seine Leser durch ein neues Abenteuer für Jane und Merrily. Die Entwicklungen der Heranwachsenden mitzuerleben, ihr Ringen um spirituelle Verortung und ihre Diskussionen mit ihrer Mutter, um die sie sich halb sorgt und sich halb über sie ärgert, während sie ihr herzlich zugetan ist, war von Anfang an spannend.

Rickman schafft es, auf überzeugende Weise die inneren Kämpfe der aufgeweckten, romantischen, störrischen Siebzehnjährigen darzustellen. Und Merrily mit all ihren Sorgen und Ängsten, ihren festen Überzeugungen und ihren immer neuen Problemen mit ihrer kleinen Gemeinde, ist sowieso ein facettierter, interessanter Charakter.

Ihre zaghafte Beziehung mit dem Musiker Lol Robinson, die trotz diverser Repressalien gedeiht, ist ebenso liebevoll geschildert wie die manchmal eingefahrenen, manchmal überraschend unkonventionellen Denkstrukturen in dem Dörfchen Ledwardine.

Die Stimmung, die Rickman bei der Beschreibung von Stanner Hall, seiner Geschichte und seinem Umland hervorruft, jagt dem Leser einen Schauder über den Rücken. Was ist dran an den alten Mythen, dass der schwarze Hund auf einen Familienfluch zurückzuführen ist? Und wer kann mehr über die alte Geschichte eines Mordes in den alten Räumen erzählen?

Das alles gemischt mit dem Abscheu, den das Verhalten des ehemaligen Fernsehproduzenten und seiner Exkollegen hervorruft, macht aus dem Roman eine gelungene Mischung aus Mystery, Psychogramm, Krimi und Romanze. Rickman hat einmal mehr unter Beweis gestellt, dass er nicht nur zu den großen unter den Erzählern gehört, sondern auch origineller ist als viele seiner Kollegen.

_Fazit_

Ich kann diese Reihe nur jedem ans Herz legen, dem liebevoll ausgearbeitete Charaktere, Krimis und knifflige Plots von hoher Glaubwürdigkeit wichtig sind. Moderne und Atavismus sind hier auf eine Art und Weise verknüpft, dass man die Übergänge kaum spürt. Wenn Phil Rickman erzählt, möchte man das Buch nicht weglegen.

|Taschenbuch: 608 Seiten
Originaltitel: The Prayer of the Night Shepherd
Aus dem Englischen von Karolina Fell
ISBN-13: 9783499253355|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.philrickman.co.uk]http://www.philrickman.co.uk

Gelinek, Joseph – Violine des Teufels, Die

Niccolò Paganini war schon zu Lebzeiten eine Legende, nicht zuletzt durch seine eindrucksvolle und bisher nicht erreichte Spielweise, sondern auch durch seine hageres, fast schon dämonisches Aussehen. Sein Umgang mit der Violine ist unerreicht, und man sagte ihm nach, er hätte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, denn nur so könne Paganini derartig schnell und perfekt spielen.

Doch auch seine Instrumente sind berühmt, besonders die Violine von Stradivari, eine von insgesamt sieben aus seiner persönlichen Sammlung. Deren Klang ist so einzigartig, dass viele Künstler sagen, er sei wie eine Kerze, aufflackernd, hell und sinnlich. Über die Akustik, den Klangkörper der Violine und die Herstellung ranken sich einige Legenden. Zweifelsfrei allerdings gehört eine Stradivari zu den besten Violinen auf der ganzen Welt.

Joseph Gelinek lässt in seinem Musikthriller „Die Violine des Teufels“ eine Stradivari töten, zumindest bringt diese Geige Unglück über die Besitzer. Ein Fluch – oder morden hier Menschen, um diese berühmte Geige in ihren Besitz zu bringen?

_Inhalt_

Inspector Raul Perdomo besucht mit seinem dreizehnjährigen Sohn Georgio, der ein begabter Geigespieler ist, das Konzert von Ane Larrazabal, einer der bedeutendsten Geigensolistinnen des Landes und zugleich einer der renommiertesten Musikerinnen der Welt. Heute Abend findet ein Konzert der berühmten Solistin im Auditorio Nacional im schönen Madrid statt. Es ist das erste Mal, dass Vater und Sohn gemeinsam ein Konzert besuchen, und schon auf der Fahrt erklärt Georgio seinem Vater den Ablauf des Konzertes und wie man sich als Zuhörer im Publikum zu verhalten hat.

Schon im ersten Teil des Konzertes ist das Publikum begeistert, und auch Perdomo und sein Sohn lassen sich von der Musik bezaubern. Nach der Pause allerdings betritt der Direktor der Veranstaltung die Bühne und verkündet, dass der zweite Teil des Konzertes nicht stattfinden kann. Falls sich ein Angehöriger der Polizei unter den Zuschauern befinden sollte, so solle dieser sich bitte umgehend zu den nahegelegenen Garderoben begeben.

Perdomos erste Vermutung, dass die Stradivari von Ane Larrazabals gestohlen worden ist, bewahrheitet sich nur zum Teil: Die berühmte Solistin wurde ermordet aufgefunden, stranguliert, und auf ihrer Brust befinden sich mit Blut geschriebene arabische Schriftzeichen. Aber auch ihre berühmte Stradivari mit dem einzigartigen Teufelskopf ist unauffindbar. Musste die junge Musikerin deswegen ihr Leben lassen?

In den nachfolgenden Ermittlungen wird klar, dass das Motiv des Mordes nur der Raub der sehr wertvollen und berühmten Stradivari sein kann. Gerüchte über einen Fluch, der über die Geige verhängt wurde, machen die Runde. Auch Perdomo der überaus skeptisch ist, recherchiert und trifft dabei auf Unfälle und Selbstmorde, die alle mit dieser Geige von Stradivari zu tun haben …

_Kritik_

„Die Violine des Teufels“ von Joseph Gelink ist ein Musikthriller, der sich ganz klar von seinen Verwandten abhebt. Im Grunde geht es in dem hier vorliegenden Roman nur um die Musik selbst. Angefangen vom Besuch des Konzertes, bei dem Perdomo schon eine klassische, theoretische Unterweisung durch seinen Sohn bekommt, bis hin zu einem Besuch in der Vergangenheit, in der man Paganini bei seinen letzten Atemzügen begleitet. Ganz gleich, wo, es ist Musik im Spiel.

Spannung wird hier über große Längen nicht erzeugt, der Autor findet vielmehr Gefallen daran, sich mit der Stradivari, den Musikern oder überhaupt über den dramatischen Details der Musikgeschichte auseinanderzusetzen, als daran zu arbeiten, den Spannungsbogen zu steigern. Es gibt zwar kleinere Nebengeschichten wie z. B. das Verhältnis zwischen Perdomo und seinem Sohn Georgio, doch all dies wirkt auf einen eventuell unmusikalischen Leser eher langweilig. „Die Violine des Teufels“ ist einzig für Musikliebhaber geschrieben, und hier vor allem für diejenigen, die den Klang einer Violine lieben.

Die Figuren des Romans sind stupide und eindimensional beschrieben. Einzig und alleine Paganini selbst, der in einigen Kapiteln auftritt, verleiht dem Roman das nötige interessante Etwas. Hätte der Autor seinen Roman in der Vergangenheit spielen lassen, z. B. mit Paganini und Stradivari, vielleicht in einer Kulisse in Rom, Mailand, Paris oder London, wäre der Roman um Dimensionen besser gewesen. Also ein musikalischer, historischer Thriller – ja, das wäre auch für die „klassischen“ Leser von spannungsgeladenen Thrillern etwas gewesen.

Zwar ist immer die Rede von einem Fluch und einem Pakt mit dem Teufel, den außer Paganini eventuell auch die ermordete Solistin eingegangen ist, aber das bleibt auch schon das einzige mystische Element. Auch hier war die Erwartungshaltung eine deutlich größere.

_Fazit_

Hier werden sich die Geister scheiden: Einerseits ist der Roman sehr gut und vor allem überzeugend, weil man viel über Musik und überhaupt von Violinen erfährt, andererseits bleibt die Spannung völlig auf der Strecke.

Jeder Musikliebhaber, der am Klang einer Violine den größten Gefallen findet, wird diesen Roman lieben. Viele andere, die noch kein klassisches Violinenkonzert oder eine musikalische Ausbildung genossen haben, werden schnell die Lust am Lesen verlieren. Zu sehr steht die Musik im Fokus, und der verliert sich hier leider hoffnungslos.

Also nur zu empfehlen für Leser, deren eigentliches Talent in der Musik liegt oder die musikinteressiert sind.

_Autor_

„Joseph Gelinek“ ist das Pseudonym eines spanischen Musikwissenschaftlers und Bestsellerautors, der nach „Die 10. Symphonie“ nun seinen zweiten Roman vorlegt.

Der „echte“ Jospeh Gelinek (1758-1825) stammte aus Böhmen und war zu Mozarts und Beethovens Zeit ein begehrter Klavierlehrer und Hauspianist des Wiener Adels, der sich auch an eigenen Kompositionen versuchte. (Verlagsinfo)

|Taschenbuch: 480 Seiten
ISBN-13: 978-3426652466
Originaltitel: El Violin del Diablo|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

Patrick Lee – Die Pforte

Das geschieht:

Nach langen Jahren im Gefängnis schlägt sich Ex-Polizist Travis Chase als Bauarbeiter durch. Seinen Jahresurlaub verbringt er auf einer Wanderung durch die Urwälder des US-Staates Alaska. Dabei stößt er auf eine bruchgelandete Passagiermaschine der US-Regierung. An Bord: viele tote Geheimdienstler und die First Lady der USA. Sie schrieb mit letzter Kraft einen Brief, in dem sie den Finder zur patriotischen Pflichterfüllung aufruft. Die Maschine transportierte das „Flüstern“, eine außerirdische Entität, die Schurken unbedingt in ihren Besitz bringen wollen. Unweit der Absturzstelle foltern sie die Agentin Paige Campbell (jung, hübsch, Single), die das „Flüstern“ verstecken konnte, bevor sie geschnappt wurde.

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Preston, Douglas/Child, Lincoln – Fever – Schatten der Vergangenheit

_Die |Pendergast|-Serie:_

Band 1: „Relic – Museum der Angst“
Band 2: „Attic – Gefahr aus der Tiefe“
Band 3: [„Formula – Tunnel des Grauens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=192
Band 4: [„Ritual – Höhle des Schreckens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=656
Band 5: [„Burn Case – Geruch des Teufels“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1725
Band 6: [„Dark Secret – Mörderische Jagd“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2809
Band 7: [„Maniac – Fluch der Vergangenheit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4249
Band 8: [„Darkness – Wettlauf mit der Zeit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5681
Band 9: „Cult – Spiel der Toten“
Band 10: _“Fever – Schatten der Vergangenheit“_
Band 11: „Cold Vengance“ (noch ohne dt. Titel)

Die amerikanischen Autoren Douglas Preston und Lincoln Child haben mit Ihrer Figur des immer eleganten, hochintelligenten und geheimnisvollen Special Agent Pendergast, einen „Helden“ geschaffen, der sich nun nach bisher neun Bänden berühmt nennen darf.

Das Autorenduo schreibt seit einigen Jahren sehr, sehr erfolgreich wissenschaftliche, mystisch bekleidete Thriller, die neben der Spannung auch mit Geheimnissen glänzen, die eigentlich keine sind. Doch so geschickt, wie die beiden ehemaligen Lektoren Preston/Child ihre Geschichten erzählen, lassen diese ihre Rätsel und manchmal auch Legenden auf einer perfekt inszenierten Bühne spielen. Doch auch die Protagonisten, die sich mehr oder minder in fast allen „Pendergast“-Romanen wiederfinden, haben einen sympathischen Wiedererkennungswert, doch sie sind weder unsterblich noch verfügen sie übermenschliche Eigenschaften.

Schon in der „Diogenes“-Trilogie erfährt der Leser mehr über die Familiendynastie der Pendergasts und oh ja – es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Abgründe der Familie mit ihren Dramen wirken so herrlich ehrlich und lassen den perfekt erscheinenden Pendergast oftmals doch recht hilflos zwischen den Kapiteln handeln. Gerade das ist hinsichtlich einer persönlichen Entwicklung von Pendergast ein kluger Weg, denn wie heißt es doch „Nette Männer kommen in den Himmel, böse überall hin“.

Auch im vorliegenden 10. Band der „Pendergast“-Reihe eröffnet sich mit „FEVER – Schatten der Vergangenheit“ eine neue Trilogie um den außergewöhnlichen Mann, der immer gekleidet in einen schwarzen Anzug den Eindruck eines Totengräbers macht. Nun aber wird es noch persönlicher, denn hier erfahren wir noch mehr über Special Agent Pendergast.

_Inhalt_

Musalangu, Sambia: Aloysius und Helen Pendergast, die seit zwei Jahren verheiratet sind, verbringen eine Jagdsafari in einem afrikanischen Wildpark. Das junge Ehepaar wird gebeten, sich an einer Jagd auf einen menschenfressenden Löwen zu beteiligen. Dieser hat bereits einen Touristen getötet und verschleppt, und somit werden die Pendergasts gebeten, die Leiche zu finden und den Löwen zu töten.

Doch die Jagd auf den Löwen endet tragisch. Helens Waffe versagt und sie wird durch den Löwen in Stücke gerissen, ihr Mann schwer verletzt. Nun, zwölf Jahre später, als Pendergast den Familiensitz besucht, schwelgt der FBI-Agent melancholisch über das Inventar dieser Räume. Vor dem Waffenschrank stehend, fällt ihm die Krieghoff-Doppelbüchse seiner getöteten Frau auf. Das herrliche Gewehr, eine Sonderanfertigung für Helen, beschwört Erinnerungen an eine schöne, scheinbar unbeschwerte Zeit herauf. Als Pendergast das Gewehr in den Händen hält und mit der Reinigung der Waffe beginnt, fällt ihm auf, dass das Gewehr sabotiert wurde. Damit wird Pendergast klar, dass dieser Unfall ein sorgsam inszenierter Mord gewesen ist. Helen Pendergast wurde von irgendjemandem ermordet – sie hat nicht daneben geschossen, denn es waren Platzpatronen in den Doppelläufen dieses großkalibrigen Gewehres.

Pendergast will den oder die Mörder zur Rechenschaft ziehen, auch wenn, dass weiß er, die Spur nach zwölf Jahren eher schwer bis gar nicht zu rekonstruieren ist. Pendergast bittet seinen alten Freund und Weggefährten Lieutenant Vincent D’Agosta um Hilfe. Vincent lässt sich vom Dienst bei der Polizei in New York freistellen und begleitet Pendergast, ohne viele Fragen zu stellen auf seinem ganz persönlichen Kreuzzug ins Ungewisse. Die Reise führt die beiden Ermittler über Afrika wieder in den Süden der USA.

Die letzten Monate ihres jungen Lebens verbrachte die junge Ärztin Hellen auf der Suche nach dem einzigartigen und nun verschollenen Bild eines berühmten Tiermalers. Bei ihren Recherchen erfahren Pendergast und D’Agosta, dass Helen unkonventionelle Wege beschritt und auch vor dem Diebstahl eines Papageis nicht zurückschreckte. Was suchte und erforschte die junge Frau? Eine talentierte Ärztin, die quasi ihre Laufbahn noch vor sich sah und letztlich nichts anderes fand, als den brutalen Tod in der afrikanischer Steppe.

Mit jedem Schritt der beiden kommen sie Helens Mörder näher, und als sich die Spuren immer weiter verdichten, werden sie durch einen Scharfschützen unter Beschuss genommen und einer der beiden tödlich verletzt …

_Kritik_

„Fever“ von Douglas Preston und Lincoln Child ist routiniert gut, zwar überrascht der Roman noch nicht, aber er ist ja auch der erste Band einer Trilogie um Pendergast. Doch haben Sie keine Sorge: Für spannende Unterhaltung ist gesorgt, denn die beiden Erfolgsautoren wissen, wie man die Leser faszinieren und begeistern kann.

So spannend „Fever“ auch ist, manchmal übertreiben es die Autoren mit ihrer Fantasie. Durch das hohe Tempo das Preston und Child der Handlung und ihren Protagonisten auf den Leib schreiben, fallen diverse erzählerische Schnitzer gar nicht großartig ins Gewicht. Zwar fallen sie auf, aber nur zwei, drei Seiten später sind sie vergessen. Zum Beispiel finde ich es höchst merkwürdig, dass das Gewehr von Helen erst nach zwölf Jahren aus dem Waffenschrank geholt wird. Kann es sein, dass es nie wieder wirklich benutzt oder gereinigt worden ist? Der Haushalt der Pendergasts lässt also die Sauberkeit vermissen?!

Die Rezeptur der Handlung ist gleich, der Geschmack allerdings deutlich intensiver als in den letzten Romanen mit dem routinierten Pendergast. Wie schon in der „Diogenes“-Trilogie wird es nun sehr persönlich für den Agenten, eigentlich noch viel persönlicher, denn seine Frau wurde schließlich ins Jenseits befördert. Also kein Wunder, dass Pendergast manchmal seine formvollendeten, kultivierten Manieren über Bord schmeißt.

In „Fever“ lernen wir einen Pendergast kennen, der von Rache getrieben jenseits der Legalität ermittelt, ganz bewusst und ohne zu zögern. Selbst vor psychischer Folter macht er keinen Halt und wer ihm hier in die Quere kommt, der wird „geärgert“. Pendergasts Charakter ist schwierig zu entwickeln, also sollte möglichst ein dramatischer Schicksalsschlag hier die Routine durchbrechen können. Damit ist Pendergast nun aufgefordert auch über seinen Schatten zu springen und es überraschte mich, den gutgekleideten Agenten mal drastischer handeln zu sehen.

Die anderen Charaktere allerdings bewegen sich auf sicherem Terrain. Hier fällt niemand wirklich aus seiner bisherigen Rolle. Einzig und allein eventuell und nur ein wenig wird Laura Hayward, ebenfalls Polizistin und Freundin von D’Agosta, gefordert. Die Zusammenarbeit mit Pendergast fällt ihr schwer, zumal die Gute von ihm zwar wenig eingeschüchtert ist, doch es nicht verzeihen kann, dass ihr Freund für ihn fast seine Karriere zerstört. Nach und nach allerdings bricht das Eis zwischen den beiden.

Die Schauplätze der Handlung wechseln wie eh und je. Für meines Erachtens ist es aber zu schnell. Ähnlich wie bei einer Schnitzeljagd wechseln Pendergast und D’Agosta die Linienmaschinen und die Kontinente. Klar, Tempo muss sein, aber hier bleibt mir dann die Plausibilität auf der Strecke.

Auch wenn bei „Fever“ die Hintermänner schnell aufgedeckt werden und man die eine oder andere Überraschung erlebt und sehr schnell klar ist, wer auf die Seite der „Bösen“ gewechselt ist, bleibt es spannend. Der mittlere Teil dieser Trilogie wird ein Duell sein, zwischen Pendergast und jemandem, dem er bisher vertraut hat. Dass Pendergast diese Auseinandersetzung überlebt ist logisch, denn es wird ja schließlich noch einen dritten Teil geben.

_Fazit_

„Fever – Schatten der Vergangenheit“ von Douglas Preston und Lincoln Child ist eine deutliche Steigerung zu den letzten beiden Bänden aus der „Pendergast“-Serie.

Es wird persönlich und damit wird der Handlung und der Person Pendergast quasi alles an Möglichkeiten und Freiheiten gegeben, sich zu entwickeln. Auch die Überraschungen und die dunklen Familiengeheimnisse werden hier wie bei der „Diogenes“-Trilogie wieder ihren festen Platz haben.

„Fever“ ist ein starker Pageturner mit einem dunklen Pendergast, der sich ziemlich nahe an seinem ganz persönlichen Abgrund befindet.

„Fever“ ist wie ein leicht steigendes Fieber. Ein heißer Garant für unterhaltsame und spannende Lesestunden.

|Gebunden: 529 Seiten
Originaltitel: Fever Dream (New York: Grand Central Publishing/Hachette Book Group USA 2010)
Übersetzung: Michael Benthack
ISBN-13: 978-3-426-19891-9

Als eBook: Januar 2011 (Droemer Verlag)
ISBN-13: 978-3-426-40745-5|
[www.prestonchild.com]http://www.prestonchild.com
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

_Douglas Preston und Lincoln Child bei |Buchwurm.info|:_
[„Riptide – Mörderische Flut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=71
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2193
[„Der Canyon“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4243
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ (Hörbuch)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4124
[„Credo – Das letzte Geheimnis“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5770
[„Das Patent“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=701

Paul Ott (Hg.) – Sterbenslust. Erotische Kriminalgeschichten

Sex sells

Sex und Verbrechen sind zwei anziehende Themen, die scheinbar nie langweilig werden. Das wird schnell offensichtlich, wenn man die Vielzahl der Krimis und Liebesromane betrachtet, die Jahr für Jahr auf den literarischen Markt geworfen werden. Da liegt es nahe, beide Themen zu verbinden – so geschehen von 21 namhaften Autoren und Autorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, deren erotische Kriminalgeschichten Paul Ott in dem vorliegenden Sammelband „Sterbenslust“ aus dem |Gmeiner|-Verlag zusammengetragen hat.

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Hannes Nygaard – TATORT: Erntedank

Begeisterte die TATORT-Serie über Jahrzehnte hinweg ein Millionenpublikum vor dem Fernseher, läutete der Emons-Verlag eine neue Ära ein: Die beliebteste deutsche Krimiserie schaffte im Herbst 2009 auch den Sprung in die Literatur. Basierend auf Drehbüchern bereits gesendeter Folgen, werden seither eine ganze Reihe Fälle ausgewählter und beliebter Ermittler auch als Roman angeboten. Erfolgreich. Der ersten Welle von Veröffentlichungen folgten unlängst weitere. Mittlerweile hat sich lediglich das Cover Design etwas geändert. „Erntedank“ (Der Buchtitel wurde gegenüber der TV-Fassung um das angehängte ‚e. V.‘ gekürzt) gehört zur zweiten Tranche des Frühjahrs 2010 und präsentiert einen Fall mit Charlotte Lindholm, vom LKA Hannover, in Romanform.

Zur Story

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Grebe, Camilla & Träff, Åsa – Therapeutin, Die

„Nr. 1-Bestseller aus Schweden“ klebt sichtbar auf dem Buchcover des Debütromans „Die Therapeutin“ der beiden Schwestern Camilla Grebe und Åsa Träff. Mit neuen Spannungsromanen aus Skandinavien wird man ja seit Henning Mankell praktisch überversorgt, doch nicht jedes Mal versteckt sich hinter diesem Label tatsächlich der versprochene packende Bestseller. Aus diesem Grund lese ich derart titulierte Bücher inzwischen mit einer gewissen Portion Skepsis – so auch bei der „Therapeutin“ – dem Auftakt zur neuen spektakulären Krimiserie aus Schweden, wie es auf dem Buchrücken versprochen wird. Doch so viel kann ich vorweg verraten: In diesem Fall war die Skepsis absolut nicht angebracht, denn dieses Debüt hebt sich ausgesprochen positiv vom Einheitsbrei ab und verdient es, in sämtliche Bücherregale eines jeden Thriller-Fans aufgenommen zu werden.

_Therapeutin im Visier_

Siri Bergman lebt seit dem Tod ihres Mannes Stefan zurückgezogen in einer kleinen Hütte. Freunde hat sie eigentlich keine. Nur ihre Kollegin Aina besucht sie ab und an und steht für Frauengespräche zur Verfügung. So bekämpft Siri ihre Einsamkeit allzu oft mit einem Gläschen Wein oder vielmehr einem Gläschen Wein zu viel … Siri hat schreckliche Angst vor der Dunkelheit. Aus diesem Grund schläft sie grundsätzlich in einem hell erleuchteten Haus. Doch eines Nachts erwacht sie und alles ist dunkel. Erschrocken greift sie nach der Taschenlampe unter ihrem Bett – doch kann sie diese dort nicht finden. So geht Siri zum Sicherungskasten und stolpert dabei über ihre Taschenlampe, die nicht angehen will. Wie ist die Lampe dorthin gekommen und wieso funktioniert sie nicht? Und ist da tatsächlich eine Fußspur unter dem Sicherungskasten? Eigentlich hätte Siri dies spanisch vorkommen müssen, doch verdrängt sie dieses Vorkommnis.

Bald darauf erhält sie einen mysteriösen Brief. Außerdem fühlt sie sich in ihrem Haus beobachtet. Eines Tages verschwindet ihr Kater spurlos. Erst als sich die mysteriösen Ereignisse weiter häufen, vertraut Siri sich ihrer Kollegin Aina an, die sprachlos ist, dass Siri dies bislang verschwiegen hat. Auch die Polizei geht von einer echten Bedrohung aus. Kurz darauf findet Siri auf ihrer täglichen Schwimmrunde die Leiche einer ihrer Patientinnen. Schnell wird klar, dass jemand es nicht auf Siris Patienten abgesehen hat, sondern auf die Therapeutin selbst. Doch wer könnte das sein?

Ein Freund Siris analysiert das Verhalten des Täters und ist sich sicher, dass jemand sich von Siri ungerecht behandelt fühlt. So geht Siri in sich und überlegt fieberhaft, wen sie eventuell dermaßen verletzt haben könnte, dass er nun ihr Leben zerstören will. Doch niemand fällt ihr ein. Der Mörder jedoch kommt ihr immer näher, die Bedrohung wird immer akuter, sodass Siri eines Tages schließlich in eine kleine Wohnung fliehen muss, weil sie in ihrem Haus nicht mehr sicher ist. Aber ihr Widersacher hat noch ein Ass im Ärmel, mit dem er sie schlussendlich doch wieder in die Einsamkeit ihres Hauses locken will …

_Einbildung oder echte Bedrohung?_

Zunächst beginnt die Geschichte ganz gemächlich: Camilla Grebe und Åsa Träff stellen uns ihre Protagonistin Siri Bergman vor, die mit zwei Kollegen eine kleine Praxis führt und sich regelmäßig mit ihren Patienten trifft. Nach und nach geschehen immer mehr mysteriöse Dinge in Siris Leben. Sie fühlt sich beobachtet und bemerkt kleine Veränderungen in ihrem Haus. Doch nie kommt sie auf die Idee, dass tatsächlich jemand in ihr beschauliches Heim eingedrungen sein könnte. Erst als es fast zu spät ist, nimmt sie die Bedrohung ernst und informiert Aina und die Polizei. Die beiden schwedischen Autorinnen bauen die Spannung nach und nach auf – erst ist sie nur als kleines Kribbeln zu spüren, doch bald wird die Geschichte so packend, dass es einem beim Lesen kalt den Rücken runter läuft und man abends das Licht am liebsten auch nicht mehr ausschalten möchte. Die Spannung schleicht sich beim Lesen von hinten an, bis sie einen gepackt hat und nicht mehr loslässt.

Besonders gut gelungen ist auch der Perspektivwechsel, der der Geschichte noch mehr Tempo gibt. So sind die meisten Kapitel aus Siris Sicht in der Ich-Perspektive geschrieben, doch immer wieder streuen die beiden Autorinnen kleine Exkurse ein, in denen wir in das Gehirn des Mörders eintauchen und mehr über seine Pläne erfahren können. So wissen wir manchmal schon, was er mit Siri und ihren Patienten vorhat und dass er auch ganz am Ende noch ein wichtiges Ass im Ärmel hat – und das zu einem Zeitpunkt, an dem Siri sich bereits in Sicherheit wiegt. Dieser stete Wechsel macht die Geschichte noch bedeutend spannender als sie ohnehin schon ist.

Weitere Spannung bauen Camilla Grebe und Åsa Träff dadurch auf, dass sie uns nur häppchenweise Informationen aus Siris Vergangenheit präsentieren. So dauert es lange, bis wir erfahren, was mit ihrem Mann geschehen ist und wie er ums Leben gekommen ist.

Als schließlich klar ist, dass jemand Siris Leben zerstören möchte, geht die Suche nach dem Motiv und dem Täter (oder der Täterin?) los. Plötzlich wird praktisch jeder verdächtig, auch wenn es noch so unwahrscheinlich klingt, dass ausgerechnet dieser jemand zu einem Mord fähig wäre. Nicht nur Siri überlegt fieberhaft, wer ihr etwas Böses antun möchte, natürlich gehen auch dem Leser diese Gedanken durch den Kopf. Man selbst denkt genauso intensiv darüber nach, wer denn als Täter infrage kommt. All dies zusammen sorgt für einen absolut perfekten Spannungsbogen!

_Therapeutin mit Leichen im Keller_

Siri Bergman als Hauptfigur einer neuen Krimiserie überzeugt auf ganzer Linie. Siri arbeitet als Therapeutin, und doch hat man als Leser mehr als einmal das Gefühl, als täte ihr selbst eine Therapie auch ganz gut. Denn sie hat schreckliche Angst vor der Dunkelheit, verkriecht sich in einem einsamen Häuschen und lässt niemanden an sich heran. Sie hat den Tod ihres Mannes noch nicht wirklich verkraftet und greift daher zu häufig zur Flasche Wein. Siri ist alles andere als perfekt und genau das macht sie glaubhaft. Sie kennt die Abgründe der menschlichen Seele und doch verschließt sie oftmals den Blick vor ihren eigenen Problemen. Sie ist verletzlich und einsam und wünscht sich doch nichts sehnlicher als jemanden an ihrer Seite. Der Polizist Markus möchte diesen Platz gerne einnehmen und doch stößt Siri ihn immer wieder von sich. Sie bietet mit all ihren Eigenarten, Fehlern und ihrer Vergangenheit genügend Angriffsfläche, um auch noch in weiteren Romanen für Spannung zu sorgen. Und im Übrigen ist Siri dabei auch noch ausgesprochen sympathisch, sodass man gerne mehr von ihr lesen möchte.

Alle anderen Figuren verblassen etwas. Über sie erfahren wir oftmals nur Kleinigkeiten, sei es zum Beispiel das ausschweifende Liebesleben ihrer Kollegin Aina oder die Tatsache, dass Siris Kollege Sven mit einer Feministin verheiratet ist. Möglicherweise lernen wir sie in weiteren Büchern besser kennen, da werde ich mich überraschen lassen.

_Gelungener Auftakt_

Wie immer bin ich mit einer gewissen Portion Skepsis an die Lektüre dieses als neuer „Krimi-Hit“ angepriesenen Buches herangegangen. Doch glücklicherweise wurde ich schnell eines Besseren belehrt. Schnell hatten die beiden Autorinnen mich gefesselt, sodass ich völlig in der Geschichte versunken bin. Selten habe ich so schnell weiterlesen wollen, wie es hier der Fall war. Dazu die sympathische Hauptfigur, die hier ins Kreuzfeuer eines wahnsinnigen Mörders geraten ist, das sind die Komponenten eines wahrlich spannenden und gelungenen Auftakts zu einer neuen Krimiserie. Zwar bin ich mir unsicher, wie Grebe und Träff ihre Serie fortsetzen wollen, aber selbstverständlich werde ich auch zu ihrem zweiten Werk greifen, auf das ich bereits jetzt sehr gespannt bin. Hut ab – „Die Therapeutin“ ist endlich wieder einmal ein gelungener Thriller aus Skandinavien, der sich deutlich vom Einheitsbrei abhebt!

|Taschenbuch: 432 Seiten
Originaltitel: Någon sorts frid
ISBN-13: 978-3442741830|
[www.randomhouse.de/btb]http://www.randomhouse.de/btb/index.jsp

Beckett, Simon – Verwesung

_|David Hunter|:_

01 [„Die Chemie des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2355
02 [„Kalte Asche“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4205
03 [„Leichenblässe“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5625
04 _“Verwesung“_

Der forensische Anthropologe Dr. David Hunter ist Thrillerfreunden längst ein Begriff. In Simon Becketts packenden Romanen „Die Chemie des Todes“, „Kalte Asche“ und „Leichenblässe“ hat er seinen Hauptprotagonisten bereits mehrfach in spannende Fälle verwickelt und ihn mehr als einmal in echte Lebensgefahr geraten lassen. Sein vierter Fall „Verwesung“ führt ihn zunächst in die Sümpfe von Dartmoor, wo eine Frauenleiche gefunden worden ist. Der Serienmörder Jerome Monk hat einst gestanden, vier junge Frauen ermordet zu haben, doch von dreien fehlt bislang jede Spur. David Hunter wird von seinem Bekannten Terry Connors zu dem Fall hinzugerufen. Ein kleines Team, zu dem auch die psychologische Beraterin Sophie Keller zählt, soll die bislang unentdeckten Gräber aufspüren. Überraschenderweise hat der inhaftierte Mörder Monk angeboten, den Polizisten die versteckten Gräber zu zeigen. Doch die Suche nach den Gräbern endet fast in einer Katastrophe – nur um Haaresbreite kann Connors verhindern, dass Monk ins Moor flüchtet. Kurz nach dem Ausflug ins Dartmoor zerbricht David Hunters bisheriges Leben bei einem schrecklichen Unfall.

Acht Jahre später erfährt Hunter, dass Jerome Monk aus dem Hochsicherheitsgefängnis fliehen konnte. Terry Connors warnt ihn, dass Monk es eventuell auf all diejenigen abgesehen haben könnte, die damals im Dartmoor bei seinem Fluchtversuch dabei gewesen sind. Zu diesem Zeitpunkt meldet sich auch Sophie bei David, die ihren alten Job bei der Polizei aufgegeben und sich in ein kleines Dörfchen ins Dartmoor zurückgezogen hat, um dort zu töpfern. Was ist in ihrem Leben vorgefallen, dass sie diese Richtung eingeschlagen hat? Als David Hunter zu dem Treffen mit Sophie fährt, erscheint diese nicht, denn ein Unbekannter hat sie überfallen und ihr Haus auf den Kopf gestellt. War es Monk? Kurz darauf kommt jemand ums Leben, der acht Jahre zuvor Jerome Monk beleidigt hat. Monks Rachefeldzug scheint begonnen zu haben.

Sophie liegt mit einer schweren Gehirnerschütterung im Krankenhaus, entlässt sich aber selbst auf eigene Gefahr, um in ihr kleines Häuschen im beschaulichen Padbury zurückzukehren. Obwohl ihr Gefahr droht, lehnt sie es strikt ab, sich vor Monk zu verkriechen. David Hunter zieht daraufhin zu ihr, damit Sophie nicht allein ist. Doch geheuer ist ihm ihr Verhalten nicht. Was ist mit Sophie geschehen, dass sie sich so verändert hat? Was verbirgt sie vor David? Als die beiden im Dartmoor erneut versuchen wollen, die versteckten Gräber zu finden, werden sie beinahe von Monk überrumpelt. Nur knapp können sie vor dem gefährlichen Mörder fliehen. Sophie wird unter Polizeischutz gestellt, doch eines Nachts kommt Monk, um sich Sophie zu schnappen …

_Gar nicht verwest_

Nach langer Wartezeit beglückt uns Simon Beckett nun endlich mit David Hunters viertem Fall. Zunächst entführt uns Beckett dazu in die Vergangenheit, in der Hunter noch glücklich verheiratet ist und eine süße Tochter hat. Er wird zu einem Fall hinzugezogen, bei dem es darum geht, eine gefundene Frauenleiche zu obduzieren und die Gräber dreier junger Mädchen zu finden, die einst Jerome Monk zum Opfer gefallen sind. Damit beginnt „Verwesung“ zunächst recht ungewöhnlich, denn es geht nicht um eine aktuelle Mordserie. So kommt es, dass die ersten Kapitel noch recht gemächlich vor sich hin plätschern. Zwar ahnt der Leser, dass Jerome Monk die Polizisten nicht aus reiner Nächstenliebe zu den Gräbern führen will, doch gerade dadurch überrascht sein Fluchtversuch nicht sonderlich. Erst als Beckett acht Jahre weiter springt, wo Monk aus dem Gefängnis geflüchtet ist, Sophie Keller aus unerfindlichen Gründen Kontakt zu David Hunter aufnimmt und Terry Connors eine entscheidende Kleinigkeit vor Hunter verbirgt, zieht der Spannungsbogen deutlich an. An dieser Stelle geschehen so viele Dinge auf einmal, dass man unweigerlich mitgerissen wird. Simon Beckett erhöht hier immer weiter das Erzähltempo, denn seine Hauptprotagonisten geraten immer mehr in akute Gefahr, da Monk ihnen immer näher kommt. Zudem bleibt es völlig unklar, was Monk im Schilde führt und was die anderen Charaktere zu verbergen haben. David Hunter durchschaut genauso wenig, was Sophie Keller in die Einöde des Dartmoors getrieben hat, wie der Leser es versteht. Auch Terry Connors ist einem nicht geheuer, denn er verschweigt Hunter, dass er vom Dienst suspendiert wurde. Simon Beckett macht immer nur winzige Andeutungen, sodass der Leser zwar kapiert, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, aber man tappt völlig im Dunkeln und weiß nicht, welche Ziele die einzelnen Personen verfolgen und was hier überhaupt gespielt wird.

Irgendwann wird klar, dass im Dartmoor ungeheuerliche Dinge geschehen sind und nichts so ist, wie es scheint. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine bestimmte Person längst in Verdacht. Dieser Verdacht bestätigte sich zum Ende hin zwar, dennoch hatte ich nicht mit dieser Auflösung gerechnet, die uns Beckett schließlich präsentiert. Er klärt alles schlüssig auf und überzeugt dadurch auf ganzer Linie. Besonders die letzten Zeilen im Buch machen wieder neugierig auf den hoffentlich bald folgenden fünften Band der David-Hunter-Reihe, denn Beckett endet mit einem kleinen Cliffhanger, der direkt zum nächsten Fall überleiten dürfte.

_Vergangenes_

In „Verwesung“ lernen wir nun David Hunters Familie kennen, die bei einem schrecklichen Unfall ums Leben kommt. Bislang waren wir ihm nur in seiner Trauerphase begegnet, doch hier treffen wir ihn noch zu glücklichen Zeiten. Diese Vorgeschichte kennen zu lernen, fand ich ausgesprochen interessant, auch wenn das Buch gerade in diesem Rückblick noch nicht sonderlich spannend geraten ist. Doch fügt diese Rückblende ein weiteres Puzzleteil zu David Hunters Leben hinzu. Wir lernen ihn dadurch von einer ganz anderen – nicht minder interessanten – Seite kennen, außerdem ist gerade dieser Schicksalsschlag ja wesentlich, um die Persönlichkeit Hunters durchschauen zu können. Insofern auf jeden Fall eine interessante Idee von Simon Beckett, uns in die Vergangenheit zu schicken.

Die anderen Figuren neben David Hunter verblassen zwar etwas, doch gerade Sophie birgt einiges Spannungspotenzial, da wir ihre Handlungen nicht nachvollziehen können und man sich immer wieder fragen muss, was sie wohl zu verbergen hat, dass sie nun so zurückgezogen lebt und in vielerlei Hinsicht so eigen ist. So undurchschaubar Sophie ist, so verwaschen sind auch die Grenzen ihrer Beziehung zu David. Die beiden kennen sich kaum, dennoch wird David Hunter zu Sophies Rettungsanker, und immer wieder taucht diese Spannung zwischen beiden auf, sodass man sich fragen muss, ob sich wohl mehr zwischen den beiden entwickeln wird.

Ganz wesentlich für die erzählte Geschichte ist natürlich auch die Figur des Jerome Monk. Der Koloss hat schier unmenschliche Kräfte und vier Menschenleben auf dem Gewissen. Doch drei seiner Opfer sind nie wieder aufgetaucht, sodass diese Vermisstenfälle nie ganz ad acta gelegt werden konnten, auch wenn Monk die Morde gestanden hat. Simon Beckett schildert Jerome Monk immer wieder als unberechenbares Monster. Auf seinem Fluchtversuch bricht er mit nur einem kleinen Handgriff einem Hund das Genick, und vor allem sein Äußeres lässt einem das Blut in den Adern gefrieren, denn seine Stirn ist dermaßen eingedellt, als hätte jemand seinen Daumen hineingedrückt. Monk ist sicherlich niemand, dem man alleine im Dunkeln begegnen möchte, doch verbirgt sich hinter dieser Persönlichkeit noch mehr, als auf den ersten Blick anzunehmen wäre. Simon Beckett überrascht uns gegen Ende mit ziemlich überraschenden Fakten über Jerome Monk, die nochmal alles auf den Kopf stellen.

Insgesamt gefielen mir die handelnden Charaktere ausgesprochen gut, von David Hunter möchte man ja ohnehin immer mehr lesen, aber dieses Mal hat er auch einige sehr interessante Partner an seiner Seite.

_Zum Vierten_

„Verwesung“ setzt zwar genau dort an, wo „Leichenblässe“ geendet hat, zudem schließt der vorliegende Band über David Hunter eine wichtige Lücke aus dessen Vergangenheit. Alleine schon aus diesem Grund ist „Verwesung“ wieder einmal ausgesprochen lesenswert. Besonders gelungen ist der Spannungsbogen, der etwa ab der Hälfte des Buches einsetzt und einen nicht mehr loslässt. „Verwesung“ fügt sich gut in die Reihe um den sympathischen forensischen Anthropologen ein, ist allerdings aufgrund des eher gemächlichen Beginns nicht das stärkste Buch. Nichtsdestotrotz erfüllt Simon Beckett wieder einmal alle Erwartungen, die die David-Hunter-Fans in ihn gesetzt haben und wieder einmal macht er mehr als neugierig auf das hoffentlich bald folgende Buch über David Hunter!

|Hardcover: 448 Seiten
Originaltitel: The Calling of the Grave
ISBN-13: 978-3805208673|
[Verlagshomepage]http://www.rowohlt.de/sixcms/list.php?page=ro_fl_verlagsseiten&sv[title]=Wunderlich

_Simon Beckett bei |Buchwurm.info|:_
[„Obsession“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5853

Hammesfahr, Petra – Frauenjäger, Der

_Inhalt_

Marlene könnte eigentlich rundum glücklich sein: Ihr Mann verdient sehr gut, sie hat zwei reizende, wohlgeratene Kinder, und sie braucht sich um nichts Gedanken zu machen. Tatsächlich hat sie es aus dem Freundinnenkreis am Besten getroffen; Ulla muss ihre komplizierte Familie allein durchbringen, nachdem ihr Mann Insolvenz anmelden musste und von seinem kargen Lohn ewig würde Schulden abbezahlen müssen. Karola hatte sich notgedrungen bei einem örtlichen Radiosender beworben, als ihr Mann Andreas plötzlich nicht mehr nach Hause gekommen war, weil ihn das Abenteuer gerufen hatte. Und Annette stellte irgendwann fest, dass ihr Gatte kein Witzbold, sondern ein Zyniker ohne jedes Feingespür war.

Nein, da war Marlene mit ihrem Andreas noch am besten dran. Woher nur, woher kam das immer wieder auftretende Gefühl, nutzlos und überflüssig zu sein, so stark, dass es ihr den Schlaf raubte und sie in dunklen Stunden zu der Frage trieb, wer sie überhaupt vermissen würde?

In dieser Situation besucht Marlene eine Lesung in der Buchhandlung Annettes. Hier stellt eine junge Frau ein Buch vor, das von ihrer Schwester handelt: Mona war verheiratet, schien glücklich, war aber innerlich leer und neigte zu Depressionen. Diese Leere, den verzweifelten Hunger nach Emotion, füllte sie auf mit einer gefährlichen Affäre, wie sich nach ihrem Verschwinden durch ihre Tagebücher herausstellte. Monas Schwester ist sich sicher, hat sogar Beweise dafür, dass ihre Mona einem Wahnsinnigen in die Hände gefallen ist, einem sadistischen Serienkiller, und sie hat das Buch geschrieben, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Polizei nichts tut.

Marlene trifft die Lesung bis ins Mark. Wie weit ist sie selbst denn von dieser unglücklichen Frau entfernt? Durch Zufall, Neugierde und einen kleinen Schuss Fatalismus rutscht sie selbst irgendwie in den Fall der verschwundenen Frau hinein – und dann folgt das im allerwahrsten Wortsinn böse Erwachen …

_Kritik_

Wie viele Marlenes gibt es wohl auf der Welt? Mehr, als man annehmen sollte, vermutlich. Die Schilderung der perfekten Fassade und der dahinter drohenden Leere und Sinnlosigkeit sind meisterhaft gelungen.

Die anderen Ehen werden ebenfalls mit einigen Strichen skizziert, nicht zu ausufernd, aber jedes Wort treffend gesetzt. Petra Hammesfahr versteht es, Situationen zu schildern und Typen zu erschaffen. Gerade dieser schon fast das ganze Leben bestehende Freundinnenkreis mit den kleinen Geheimnissen, den Bündnissen, den Streitereien, der Sorge umeinander ist großartig geschildert: Jede hat ihre Eigenheiten, die eine mehr, die andere weniger; sie sind Puzzleteile, die sich zu einem einzigartigen Gesamtbild fügen.

Der andere Teil des Buches, der Serienkillerteil, ist ebenfalls gut gemacht. Die Motive des Mannes werden dargelegt, seine Art des Jagens, seine Vorbereitungen, sein perfider Sadismus.

Ineinander verschlungen werden die einzelnen Teile der Geschichten präsentiert: Die Vergangenheit, die zu diesem bestimmten Punkt führte, die grauenvolle Gegenwart, die Geschichten der Frauen, die Geschichten des Mörders. Es ist ein fein gewobenes Netz aus Andeutung, Kitzel, Spannungserhalt. Die Autorin ist auf diesem Gebiet eine der ganz Großen.

Auch stilistisch passt alles: Hammesfahr schreibt sauber und temporeich, wie es sich für einen Thriller gehört. Ihre Ausdrucksweise ist rund und klar, ohne, dass sie zu gewählt würde, was für dieses Genre unpassend wäre, da es bremsend wirkt, wenn man innehält, um großartige Konstruktionen zu betrachten.

_Fazit_

„Der Frauenjäger“ ist trotz des reißerischen Titels ein sehr gutes Buch. Die Autorin gehört zu einem illustren Kreise deutscher Schriftstellerinnen, die es zuverlässig schaffen, Thriller auf hohem Niveau zu erdenken. Ihre Charaktere sind von hoher Glaubwürdigkeit, die Banalität des Bösen spielt eine große Rolle, und was Spannungsbögen angeht, macht ihr niemand so schnell etwas vor.

Petra Hammesfahr zu lesen lohnt sich immer, und „Der Frauenjäger“ ist für diese These ein weiterer Beweis.

|Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
ISBN-13: 9783805250146|
[Verlagshomepage]http://www.rowohlt.de/sixcms/list.php?page=ro__fl__verlagsseiten&sv[title]=Wunderlich
[Petra Hammesfahr bei wikipedia]http://de.wikipedia.org/wiki/Petra__Hammesfahr

_Petra Hammesfahr bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Mutter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1419
[„Die Lüge“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2278
[„Am Anfang sind sie noch Kinder“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2593
[„Der Schatten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3103

Reginald Hill – Ein nasses Grab

hill-nasses-grab-cover-kleinNach einer Panne genießt ein unkonventioneller Kriminalbeamter im Urlaub die Gastfreundschaft einer exzentrischen Familie, die womöglich gerade den Hausherrn umgebracht hat … – Mit der ihm üblichen Freude am Spiel mit Kunst und Genre-Konventionen legt Reginald Hill nicht nur den vierten Band seiner großartigen Dalziel-&-Pascoe-Serie, sondern auch einen lupenreinen, spannenden und geistreichen Rätselkrimi vor.
Reginald Hill – Ein nasses Grab weiterlesen

E. C. R. Lorac – Stille Wasser

lorac-stille-wasser-cover-1958-kleinEine abgelegene Landidylle entpuppt sich als Stätte diverser krimineller Umtriebe, in denen ein Scotland-Yard-Beamter und ein etwas übereifriger Hobby-Detektiv parallel ermitteln, was zu diversen Missverständnisse führt … – Rätselkrimi aus der langen Endphase dieses Subgenres: Alle Elemente sind ebenso spannend wie humorvoll vertreten, was diesem Roman trotz der veralteten Übersetzung seinen Lektürespaß bewahrt.
E. C. R. Lorac – Stille Wasser weiterlesen

Iles, Greg – Adrenalin

_Das geschieht:_

Penn Cage ist Bürgermeister der alten Stadt Natchez, die im US-Staat Mississippi am Ufer des gleichnamigen Flusses liegt. Früher war er Bezirksstaatsanwalt und hat Schurken gejagt, was ihm noch heute im Blut liegt, weshalb er umgehend hellhörig wird, als ihm Tim Jessup, ein alter Freund Unglaubliches berichtet: An Bord der „Magnolia Queen“, eines schwimmenden Casinos, das auf dem Mississippi dümpelt und der Stadt gutes Geld in die Kasse schwemmt, sollen illegale Hundekämpfe stattfinden und minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen werden. Noch schlimmer: Jonathan Sands, der nur scheinbar honorige Geschäftsführer, frisiert die Geschäftsbücher und betrügt Natchez um Steuergelder!

Dummerweise hat Sands sich gut abgesichert. Bei dem Versuch, belastende Beweise zu sichern, wird Jessup erwischt, gefoltert und schließlich ermordet. Zuvor ist es ihm freilich gelungen, seinem Mörder nicht nur eine DVD zu stehlen, die dessen Untaten dokumentiert, sondern diese auch so zu verstecken, dass Sands sie nicht findet. Dies soll Cage übernehmen: Sands lässt seine Maske fallen und droht dem Bürgermeister mit grässlichen Toden für sein Töchterlein Annie, die Eltern und alle lieben Freunde, wenn Cage nicht besagte DVD binnen 24 Stunden herbeischafft.

Leider hält Sands Natchez fest in seinem Würgegriff. Seine Schergen haben die Polizei unterwandert, überwachen Telefon und Internet und sind auch sonst überall wachsam präsent. Der verzweifelte aber tapfere Mann mag sich solcher Schurkentücke trotzdem nicht beugen. Glücklicherweise steht Cage nicht gänzlich allein: Siehe, da ist Caitlin Masters, seine ehemalige und noch immer heimlich Geliebte, die nicht nur wunderschön, sondern auch eine unbestechliche Enthüllungs-Journalistin ist! Zusammen mit einigen kernigen Jungs bietet man Sands & Co. die Stirn, was für die üblichen Rückschläge und spannende Rettungen in aller-allerletzter Sekunde sorgt!

_Mainstream ists, wenns vor allem kracht_

Nichts erwärmt das Herz des realitätsgeschädigten Lesers stärker als die Geschichte vom einsamen aber unverdrossenen Jedermann, der dem unmoralischen, höhnischen, übermächtigen Bösewicht so richtig in den Arsch tritt! Wer gerade wirklich finster gestimmt ist, weil das Finanzamt, der Chef, die Schwiegermutter oder andere gesichtslose aber unangreifbare Lästlinge nerven, sieht es gern, wenn dem Schurken das Fell buchstäblich über die Ohren gezogen wird; friedlichere Leser mögen dies zwar auch, schätzen es aber, wenn dem politisch korrekt ein Feigenblatt vorgeschoben wird. Deshalb betont Penn Cage stets die Notwendigkeit, grundsätzlich das Gesetz walten zu lassen; Gewalt darf nur ins Spiel kommen, wo Justizia nicht nur blind, sondern auch hilflos weil durch das eigene Regelwerk gefesselt ist. (Damit es im Finale trotzdem zu einem epischen Akt der Selbstjustiz kommen kann, muss der Verfasser den Lumpen selbstständig und buchstäblich ins Maul des Todes stolpern lassen.)

Der Gerechte steht nicht nur im US-Western meist allein. Es ist per se spannend (und beruhigend vorbildlich), wenn jemand, der nüchtern betrachtet ohne Chance ist, im Dienst der guten Sache nicht das Hasenpanier, sondern die Initiative ergreift. Köpfchen gegen Kapital, Korruption & Kampfkraft: Wie diese Rechnung wider Erwarten aufgeht, ist immer wieder spannend zu beobachten.

Für die Schaffung dieser Spannung ist der Erzähler zuständig. Greg Iles weiß, wie man sie schürt. Leider bringt er sie nie zur Zündung. „Adrenalin“ bietet dem martialischen deutschen Titel zum Trotz nur Schriftsteller-Dienst nach Vorschrift. Obwohl der Plot selbst denkbar simpel ist – was kein Nachteil sein muss -, walzt ihn der Verfasser auf unglaubliche 650 Seiten aus. Um dies zu schaffen, bündelt Iles bewährte Situationen, Orte und Figuren, die er routiniert zum Scheinleben erweckt.

|Aus der Bratpfanne mitten ins Feuer|

Ständig geschieht Aufregendes; dies bemüht sich der Autor uns jedenfalls zu suggerieren. Dabei subtil zu sein, ist Iles‘ Sache nicht. Er schreibt Romane, die nicht zum Denken anregen, sondern ausschließlich unterhalten sollen. Dabei bedient er sich gern der Methoden des Fernseh-Krimis. Konspirative Treffen finden um Mitternacht auf dem Friedhof statt. Bedrohliche Präsenz korrupter Gesetzeshüter wird durch nächtlich blinkende Polizei-Blaulichter signalisiert. Anwälte sind per se verdächtig. Die schöne Caitlin demonstriert journalistische Glaubwürdigkeit, indem sie ihrem Ex-Gefährten in der Pressekonferenz zwar sinnlose aber scharfe Fragen stellt. Als sie den Lumpen in die Falle geht, ist sie bei ihren intensiven Ausbruchsversuchen zufällig völlig nackt. Nach einiger Zeit reizt solche Unverfrorenheit unwillkürlich die leserlichen Lachmuskeln.

Viele Seiten widmet Iles der Aushebung seiner „No Expendables“. Nach und nach findet eine kleine aber feine Schar um Cage zusammen. Seine Verbündeten eint neben der Liebe zur Gerechtigkeit und den USA das unkonventionelle Auftreten. Durch harte und ehrliche Arbeit zu Wohlstand oder gar Reichtum gekommen, bleiben sie dennoch Männer des Volkes, denen dreiste Strolche ein Dorn im Auge sind, da sich der wahre US-Amerikaner auf Politiker, Juristen und ähnliche Wortverdreher besser nicht verlässt, sondern auf die Stimme seines Herzen (und seine Fäuste) hört, die ihm zuverlässig sagt, wie man mit Problemen der beschriebenen Art umgeht.

Also ergreift man selbst die Initiative. Sands und seine Schergentruppe werden geschickt (früher benutzte man das Wort „pfiffig“) unterwandert und ausgehebelt. Gleichzeitig zeigt man auch den allzu übereifrigen und das Recht verbiegenden Terroristenjägern – FBI, Justizministerium, Heimatschutz – die rote Karte. Die scheinbare Omnipräsenz des Bösen erweist sich als Schreckgespenst in einer Welt, die zumindest in ihrer literarischen Inkarnation den Mutigen obsiegen lässt.

|Rückschläge gehören zum Siegesmarsch|

650 Buchseiten bieten mehr als genug Raum für ein ständiges Hin und Her. Natürlich sind die Finsterlinge misstrauisch. Wenn die Gutmenschen allzu schnell Boden gut zu machen drohen, hebt Iles einfach den Schatten der Unwissenheit über bösen aber blöden Augen und lässt die Schufte kurz erblicken, was ihre Gegner gerade trickreich einfädeln. Sofort werden Gegenattacken geritten, die das Finale erneut in die Ferne rücken lassen.

Dumm, dass die Helden stets mit einer auf den Rücken gebundenen Hand kämpfen müssen. Stets stolpert ein – meist weibliches – Opfer den Widerlingen vor die Füße, um als Geisel missbraucht oder umgebracht zu werden; das eine soll den Leser vor Sorge, das andere vor Entrüstung zittern lassen. Diese Reaktion erfolgt allerdings eher pflichtschuldig, da Iles stets anzudeuten scheint, dass besagte Opfer für ihr Schicksal selbst die Schuld tragen, da sie schwach oder zumindest nicht so smart wie Cage und seine Mitstreiter sind.

Manchmal sind die Guten schlicht langweilig wie Cages altmodisch ehrpussliger Dad oder seine klammernde Tochter. Man sieht Sands Augen förmlich leuchten, wenn er sich an der Familie, dem Salz der US-Erde, zu vergreifen droht – so böse, dass sich der Leser das Lachen schon wieder kaum mehr verbeißen kann. Das lenkt von der Frustration ab, den üblichen Umtrieben eines Schurken im Cäsarenwahn beiwohnen zu müssen, der seine Eroberungs- und Rachepläne so überkompliziert und lahm umsetzt, dass er niemals obsiegen wird.

Wie es sich für einen Bilderbuch-Schuft gehört, steht Sands ein tückischer Schlagetot zur Seite, der dieses Mal sogar erst nach seinem Chef ins Gras beißen muss. Weil doppelt genäht nach Iles‘ Meinung besser hält, wird Sands außerdem von einem bösen Hund begleitet, den der Autor Tücke & Hinterlist förmlich ausdunsten lässt, wenn er ihn bellfrei und gern in der Dunkelheit auf Menschenjagd schickt.

|Old Man River|

Natchez ist eine real existierende Stadt, und Greg Iles ist ihr Bürger. Ob man dort über seine recht spezielle Art der Außenwerbung erfreut ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Iles kennt ’seine‘ Stadt und ihre Geschichte; er nutzt dieses Wissen zur Schaffung plastisch wirkender Schauplätze. Allerdings gleitet er dabei leicht ins Schwafeln und erneut ins Klischee ab. Die Südstaaten der USA sind vor allem dort, wo der Mississippi in Sichtweite ist, Heimat lauter, grober, schlauer, rassistischer, scheinheiliger, korrupter Zeitgenossen, die gern in alten Plantage-Villen mit Säulen-Fassaden residieren. Immer ist es heiß und schwül, selten fehlt ein Ausflug in moosig-schimmelige, von Reptilien, Moskitos u. a. fiesen Kreaturen heimgesuchte Sümpfe.

Iles hält sich strikt an diese und ähnliche Vorgaben. Er verschneidet sie mit weiteren Klischees, zu denen hier die chinesische Mafia gehört, die sich dräuend in die ohnehin ob der asiatischen Konkurrenz nervösen Vereinigten Staaten schummelt. Dazu gehören eine schöne, aber mysteriöse Halb-Asiatin und ein vertierter Triaden-Boss: Noch immer sieht der US-Leser offenbar ’seine‘ China-Schurken in bewährter Dschingis-Khan- & Fu-Manchu-Tradition gern un-heimlich, undurchschaubar und unaufhörlich im Untergrund wimmeln & an den Grundfesten des |American Way of Life| nagen.

Wenigstens in der fiktiven Welt enden solche Aktionen mit dem blutnasigen Aufprall am blanken Schild des Helden. Geschunden aber ungebrochen wettert dieser mit seinen Gefährten die Attacken der Bösewichte ab, bis diese ihr Pulver verschossen haben. Opfer bleiben dabei nicht aus, doch das stärkt die Moral und bietet die willkommene Gelegenheit für Tragik und Gefühlsausbrüche, mit denen der Verfasser die Vorbildfunktion seiner Guten unterstreichen kann.

Nach turbulenten 650 Seiten ist der typische Iles-Leserkunde zufrieden und die Welt wieder in Ordnung. Sie war auch vorher nie wirklich in Gefahr, sondern immer nur Bühne für sauber aber aalglatt gedrechselte Action mit (mühsam) gezügeltem |Law & Order|-Unterton. Wem solche Hausmannskost schmeckt, wird mit „Adrenalin“ einmal mehr zufrieden sein.

_Autor_

Greg Iles wurde 1960 als Sohn eines US-Botschaftsarztes im deutschen Stuttgart geboren. Als die Dienstzeit des Vaters endete, ging die Familie in die Vereinigten Staaten zurück, wo Iles in Natchez, Mississippi, zur Schule ging und an der University of Mississippi studierte.

Nach seinem Abschluss (1983) spielte Iles mehrere Jahre in einer Rockband. Anfang der 1990er Jahre arbeitete er an einem ersten Roman. 1993 erschien „Spandau Phoenix“, ein Historien-Thriller um den deutschen Kriegsverbrecher Rudolf Hess. Obwohl Iles schnell auch in Deutschland erfolgreich veröffentlicht wurde, blieb sein Erstling hierzulande ohne Übersetzung.

Greg Iles ist ein fleißiger Autor. Jährlich bringt er ein vielhundertbändiges Werk auf den Buchmarkt. Er schreibt Thriller ohne bzw. mit vor allem vorgeblichem Tiefgang, die sich routiniert der einschlägigen Klischees bedienen und damit ideale Kandidaten für die Bestsellerlisten der lesenden Welt sind.

|Taschenbuch mit Klappenbroschur: 653 Seiten
Originaltitel: The Devil’s Punchbowl (New York : Scribner 2009)
Übersetzung: Bernd Rullkötter
ISBN-13: 978-3-404-16542-1

Als eBook: Januar 2011 (Bastei-Lübbe-Verlag)
ISBN-13: 978-3-8387-0234-6|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de
[www.gregiles.com]http://www.gregiles.com

_Greg Iles bei |Buchwurm.info|:_
[„Infernal“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=122

Schwarz, Asa – Nephilim

Greenpeace ist berühmt, fast schon berüchtigt für die Aktionen der Umweltaktivisten. So auch Nova Barakel: Die junge Frau stürmt zusammen mit einigen gleichgesinnten „Kollegen“ die Wohnung des Vorstandsvorsitzenden von Vattenfall, um einem der größten Klimasünder eine umfassende Lektion zu erteilen. Allerdings verläuft die Aktion anders als geplant: Der Geschäftsmann und seine Frau sind daheim, nur findet Nova diese beiden Menschen brutal ermordet und geschändet vor.

Wie ein makaberes Theaterbild arrangiert und ins beste Licht gerückt, liegen die beiden Geschäftsleute in ihrem Ehebett. Hinter ihnen an der Wand zeigt sich ein mit Blut und Exkrementen verfasstes Bibelzitat über die Sintflut. Zu Tode erschrocken, flieht die junge Frau vom Tatort. Hals über Kopf die Wohnung verlassend, hinterlässt sie einige persönliche Spuren, sodass die Kriminalpolizei leichtes Spiel hat und sie als mutmaßliche Täterin sieht.

Nova Barakel, die kürzlich ihre Mutter durch einen Unfall verloren hat und seit Kurzem Vollwaise ist, sieht nur in einer recht eiligen Flucht die Chance, ihre Unschuld zu beweisen. Novas Probleme sind aber noch vielfältiger – ihre Mutter, die in ihrem Erbe das Vermögen geteilt hat, hat eine Organisation mit dem Namen FON bedacht, und diese behauptet steif und fest, dass ihre verstorbene Mutter und auch sie selbst direkte Nachkommen von gefallenen Engeln sind …

_Kritik_

Wer hier einen Ökothriller vermutet, liegt total daneben. Hier reichen sich die verschiedenen Genres die Hand. Thriller, Horror, Fantasy, Mystery, von allem etwas, aber von jedem zu viel oder zu wenig.

Sicherlich gibt es akute Umweltprobleme, die nicht von der Hand zu weisen sind, aber in diesem Roman sind sie thematisch überflüssig. Mit einigen Details spielt die Autorin Asa Schwarz gekonnt ihr eigenes Wissen aus und zeigt mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf die Probleme und eventuelle Lösungen, die bisher ein jeder nicht nur einmal gehört hat. Nebenbei gibt sie einen Exkurs in Bibelgeschichte und katapultiert die Leser in das Alte Testament, mitten in die Geschehnisse von Noah und seiner Arche.

Dass die Engel und deren Nachkommen alles andere als eine reine Weste haben, wird hier schnell deutlich, doch ihr Motiv ist dermaßen an den Haaren herbeigezogen, dass eine aufkommende Atmosphäre schon im Keim erstickt wird. Die Handlung überschlägt sich mit Flucht, Gefahr, späteren Intrigen und den persönlichen Problemen einer Polizistin, deren „Liebster“, ein Pathologe, natürlich auch der Nachkomme eines gefallenen Engels ist.

So richtig konnte sich die Autorin anscheinend nicht entscheiden, und so ist „Nephilim“ nichts anderes als ein schlecht gewebter, löchriger Flickenteppich.

Tja, und wer hier erwartet, etwas mehr über die Sintflut, deren Ursache und die überlebenden „Engel“ und deren Nachkommen zu erfahren, der wird nur auf ein paar auf wenig plausiblen Fakten basierende Erklärungen stoßen. Auch wenn das Thema „Übernatürlichkeit“ immer gerne in aktuellen Romanen aufgegriffen wird, so wird es hier doch eher missbraucht.

Die Story ist vorhersehbar, unlogisch und absolut eindimensional erzählt. Die Protagonisten kaum wirklich greifbar und alle weder sympathisch noch unsympathisch, sie sind einfach nur da und handeln, aber wirkliches Mitgefühl empfindet man hier in keiner Situation.

_Fazit_

„Nephilim“ von Asa Schwarz ist absolut nicht zu empfehlen. Eine der wenigen Autorinnen, die es nicht verstehen, Spannung zu erzeugen, oder wenn schon das nicht, dann wenigstens die Protagonisten interessant und vielseitig zu konzipieren.

Spannend ist der Roman keinesfalls, eher enttäuschend, und für mich persönlich war die Lektüre eine Verschwendung von wertvoller Zeit.

|Taschenbuch: 320 Seiten
Originaltitel: Nefilim
ISBN-13: 978-3426507667|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

Lansdale, Joe – Wälder am Fluss, Die

_Das geschieht:_

Marvel Creek, ein schlammiges Dörfchen irgendwo im Osten des US-Staats Texas. Wir schreiben das Jahr 1933. Die Menschen sind arm, ihr Leben ist hart und einfach. Die Familie Crane gehört zu den Glücklichen; ihre Farm ernährt sie, man kann sogar ein Auto fahren. Vater Jakob verdient als Frisör dazu. Außerdem ist er der Constable der Gemeinde; einen ‚richtigen‘ Polizisten gibt es nicht.

Jakob ist beliebt und geachtet, pflegt aber nach Ansicht der rechtschaffenen weißen Bevölkerung allzu freundlichen Umgang mit den Schwarzen. Sieben Jahrzehnte nach dem Ende der Sklaverei gelten die „Nigger“ weiterhin als Menschen zweiter Klasse. Sie haben sich zu ducken, sonst reiten des Nachts die „Kluxer“ auf und lehren den Unruhestifter mit brutaler Gewalt, wo sein Platz ist – ganz unten in der sozialen Pyramide nämlich.

Harry, der elfjährige Sohn des Constables, findet am Flussufer die grässlich verstümmelte Leiche einer schwarzen Frau. Sie wurde ermordet und geschändet. Für das weiße Establishment gilt die Frau nur als Niggerhure, Ermittlungen sollen daher unterblieben. Jakob fürchtet das Auftreten eines sadistischen Lustmörders, der wieder zuschlagen könnte. Harry dagegen verdächtigt den „Ziegenmann“, eine satyrähnliche Legendengestalt, die in den dichten Wäldern um Marvel Creek ihr Unwesen treiben soll. Die alte Miss Maggie munkelt vom Teufel, der höchstpersönlich die Dorfgemeinschaft heimsuche.

Es gibt Spuren, die alle drei Annahmen bestätigen. Immer begleitet von seinem Sohn, ermittelt Jakob unbeirrbar gegen Mörder, Monster und Mobmenschen. Er nähert sich dem Zentrum des Schreckens, bis er es endlich aufgespürt hat und es sich gegen ihn und seine Familie wendet …

_Ein Thriller als Offenbarung_

Selten noch erfährt der langjährige und eifrige Leser von Kriminalromanen eine Offenbarung. Allzu tief ausgefahren sind die Geleise, auf denen die Werke vor allem der Bestseller-Könige (und Königinnen) am Leserauge vorbeirollen. In der Mainstream-Suppe schwimmen nur wenige Fettaugen und viel zu oft wird die gleiche Fertigmischung aufgekocht. Man hungert geradezu nach einem Leckerbissen, einer Ablenkung. Hier wird sie uns von einem großartigen Schriftsteller zuteil, der hierzulande noch immer das Kainsmal des „Geheimtipps“ tragen muss.

„Die Wälder am Fluss“ ist eine wilde, aber in sich völlig harmonische Mischung diverser Genres. Krimi, Horror, Historie: Der Autor spielt jede Karte aus und behält doch immer ein As im Ärmel. Lansdale macht es sich und uns nicht einfach. Er zeigt eine Welt, in der Diskriminierung als völlig normal betrachtet wird und wie Hitze, Armut und Knochenarbeit zum Alltag gehört. Der wahre Horror braucht keine Peitschen schwingenden Plantagenfürsten oder den Ku-Klux-Klan. Lansdale macht uns klar, worin er wirklich besteht: Die schwarzen Bürger haben ihre Rolle akzeptiert. Sie verharren in ihrer Sklavenrolle, weil ihnen keine Alternative gewährt wird.

|Vergangenheit ohne Nostalgie|

Daher beunruhigt es die Weißen viel mehr, dass Jakob Crane nach dem Mörder einer „Niggerfrau“ fahndet, als ob er es mit einem ‚richtigen‘ Menschen zu tun hätte. Das gefährdet in ihren Augen die alte Ordnung. Tatsächlich plagt die „Herren“ ständig die Furcht, dass jene „Nigger“, die sie für intelligenzarm und feige halten, das ihnen auferlegte Joch abwerfen an ihre Seite treten und sie womöglich von ihren Pfründen verdrängen, weil sie tatsächlich tüchtiger und erfolgreicher sind, wenn man sie nicht niederhält. Auf dass diese Gefahr abgewendet wird, sind sie sogar bereit, das Wüten eines Serienmörders zu dulden. Die Hauptsache ist, dass in den „Bottoms“ des Originaltitels, die einen Ort bezeichnen, dessen Name sehr zutreffend mit „Bodensatz“ zu übersetzen ist, alles bleibt, wie es war und ist.

Dieser dumpf schwelende Konflikt allein böte Stoff für eine spannende Geschichte. Lonsdale geht viel weiter. Er erzählt zusätzlich einen Krimi, der überzeugend den inzwischen reichlich angestaubten Plot vom besessenen Serienkiller der gewählten Kulisse anpasst. Der Verstand ist es, der im Guten wie im Bösen Grenzen sprengt; das gilt auch 1933. Überhaupt spielt die Atmosphäre mindestens dieselbe Rolle wie die Handlung.

Während wir lesen, sehen wir vor unserem geistigen Auge die Crane-Farm, Marvel Creek, den „Ziegenmann“, die „Niggerstadt“ Pearl Creek. Jeden Schauplatz erweckt Lansdale zum Leben, ohne dabei die Story zu vernachlässigen. Man kann nur staunen, wie sparsam und effektiv der Verfasser seine Worte setzt. Die gleichzeitig realistische wie phantastisch-märchenhafte Intensität seiner Geschichte ist wie ein Schlag in die Gesichter jener flachsinniger, seelenloser Schreibautomaten, deren Machwerke palettenweise von den Höfen moderner Buchfabriken in die Abverkaufs-Filialen gekarrt werden.

|“Coming-of-Age“-Thriller|

„Die Wälder am Fluss“ ist ein Kriminalroman im Gewand einer Geschichte über das Erwachsenwerden. Der Mörder ist primär ein Katalysator, der die Handlung in Gang bringt und hält. Nur die Folgen seiner Taten werden offenbar, er selbst bleibt unsichtbar und wirkt dadurch umso nachdrücklicher: Über der ländlichen Idylle von Marvel Creek lastet ein düsterer Schatten. Dass er lange nicht wirklich auffällt, liegt an dem Bösen, das den ’normalen‘ Menschen hier innewohnt.

Harry Crane steht an der Grenze zum Mann. Dazu gehört, dass er die Welt nicht mehr so hinnimmt, wie sie ihm bisher erschien: schwarz und weiß, einfach strukturiert, regiert von Erwachsenen, die schon wissen, was sie zu entscheiden haben. Nun lernt Harry schmerzhaft, dass diese ideale Bild nicht der Realität entspricht. Im echten Leben gibt es Ziegenmänner und Mörder. Vor allem aber gibt es Rassisten, Lügner, Feiglinge, die mit Angst und Terror über andere Menschen herrschen, deren einziges ‚Verbrechen‘ in ihrer Hautfarbe liegt.

So muss Harry lernen, seinen Platz in dieser Welt zu finden. Als Leitfigur dient ihm der Vater. Jakob Crane ist ein einfacher Mann, der eigentlich gut nach Marvel Creek passt. Es gibt nur einen gewichtigen Unterschied: Er mag die farbige Bevölkerung nicht verachten und unterdrücken. Ein dunkler Punkt in seiner Vergangenheit hat ihn umdenken lassen; Harry muss erfahren, dass auch sein verehrter Vater kein von Schuld freier Mensch ist.

|Menschen unter Druck|

Als Kriminalist ist Jakob ein Amateur. Zwar besitzt er die grundsätzlichen Tugenden eines Ermittlers: Er ist offen und bereit dazu zu lernen. Ein guter Polizist wird er dennoch niemals sein, so wie er auch stets ein armer Farmer bleiben wird. Dafür ist er ein guter Vater, der – Lansdale vermag es fabelhaft in die Handlung zu integrieren – seinem Sohn mehr lehrt als ihm selbst bewusst ist.

Erst spät in unserer Geschichte taucht Harrys resolute Großmutter auf. Sie passt leider nicht recht ins Ambiente. Selbstbewusst ist sie, diese Grandma June. Sagen lässt sie sich wenig, freundet sich demonstrativ mit der alten Miss Maggie an, lacht dem Pöbel ins Gesicht. Wieso gelingt ihr, woran Jakob scheitert? Einfach weil sie laut und dreist ist? So ganz mag uns das nicht überzeugen.

Die Bevölkerung von Marvel Creek ist einig in ihrer wirtschaftlichen Not. Niemand wird von der Wirtschaftskrise verschont, sodass es keinen Neid auf erfolgreichere Nachbarn gibt: Diese existieren einfach nicht. Es gibt die üblichen Faulpelze und Querulanten, die man indes kennt und mit denen man sich arrangiert.

|Die Hauptsache ist, nicht selbst unten zu stehen|

Eigentlich könnte das Leben in Marvel Creek also angenehm sein, gäbe es da nicht die andere Seite dieser Menschen: ihren bedingungslosen Rassismus, den sie als solchen niemals erkennen würden. Die Arbeit ist hart, die Sommer sind heiß, Kinder haben zu gehorchen – und Nigger sind minderwertige, latent gefährliche Wesen; keine Ahnung, was sich der Herrgott dabei dachte, sie uns aufzuerlegen, aber es ist geschehen und jetzt tun wir unsere Pflicht, indem wir sie kontrollieren und züchtigen.

Und so mutiert die Bürgerschaft von Marvel Creek ansatzlos zum Mob, wenn sie sich und ihre Familien von den nur geduldeten farbigen ‚Nachbarn‘ bedroht fühlen. Eindringlich beschreibt Lansdale die Mechanismen dieser Verrohung. Schon die Kutte des Ku-Klux-Klans verwandelt alltägliche Zeitgenossen in eine anonyme Macht, die sich gern hinreißen lässt, im Schutz der angemaßten Herrschaft ihren niederen Instinkten nachzugeben. Reißt man ihnen die Kapuze vom Kopf, kommt meist ein ganz normaler Mensch zum Vorschein, der aus einem bösen Traum zu erwachen scheint.

|Übers Ziel hinausgeschossen?|

Doch im Verlauf der Lektüre erwacht leises Misstrauen. Können denn Hass und Verachtung wirklich so tief verwurzelt sein, dass nur der Anblick eines „frechen Niggers“ die weißen Bürger quasi reflexartig zur Henkersschlinge greifen lässt? Hier fehlt dem deutschen Leser das historische Hintergrundwissen über das Zusammenleben von Weiß und Schwarz in der US-amerikanischen Provinz. Man möchte nicht immer das Schlimmste annehmen, deshalb mag es sein, dass Lansdale es in dieser Beziehung zum Wohle seiner Geschichte übertreibt.

Schließlich ist es ebenso unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet in Harry Cranes Welt einen frühen Profiler für Serienmorde gibt. Lansdale kann hier die Balance zwischen fiktiver Realität und Spekulation nicht halten. Auch die Identität des „Ziegenmanns“ ist wohl nur für den unerfahrenen Thriller-Leser eine Überraschung. Solche Kritik muss indes sacht bleiben, denn den Gesamteindruck vermag sie nicht zu trüben, zumal ein fulminantes Finale, das an Dramatik und Schauder kaum zu übertreffen ist, die Story mit Höchstgeschwindigkeit auf die Zielgerade bringt.

_Autor_

Joe Richard Harold Lansdale wurde 1951 in Gladewater im US-Staat Texas geboren. Als Autor trat Lansdale ab 1972 in Erscheinung. Gemeinsam mit seiner Mutter veröffentlichte er einen Artikel, der viel Anerkennung fand und preisgekrönt wurde. Mitte der 1970er Jahre begann er, sich der Kurzgeschichte zu widmen. Auch hier stellte sich der Erfolg bald ein. Lansdale wurde ein Meister der kurzen, knappen Form. In rasantem Tempo, mit einer unbändigen Freude am Genre-Mix und am Auf-die-Spitze-Treiben (dem „Mojo-Storytelling“) legte er Story auf Story vor. (Man beachte in „Die Wälder am Fluss“ Lansdales Hommage an den „Zauberer von Oz“: Dorothy reist in einem Tornado nach Oz und trifft auf eine Hexe. Lansdale lässt in einem Sturmwirbel einen tumben Farmer im Plumpsklo eine verweste Leiche treffen.)

Texas, sein Heimatstaat, war und ist die Quelle seiner Inspiration – ein weites Land mit einer farbigen Geschichte, erfüllt von Mythen und Legenden. Lansdale ist fasziniert davon und lässt die reale mit der imaginären Welt immer wieder in Kontakt treten. In seinen Geschichten ersteht der Wilde Westen wieder neu. Allerdings kann es durchaus geschehen, dass dessen Bewohner Besuch vom Teufel und seinen Spießgesellen bekommen. Es könnten auch Außerirdische landen.

Nach zwei Lansdale-Kurzgeschichten entstanden Kurzfilme („Drive-In Date“, „The Job“). Kultstatus erreichte Don Coscarellis Verfilmung (2002) der Story „Bubba Ho-tep“: Ein alter Elvis Presley und ein farbiger John F. Kennedy jagen eine mordlustige Dämonen-Mumie. Lansdale schrieb außerdem Drehbücher für diverse Folgen der Serien „Batman: The Animated Series“ und „Superman: The Animated Series“.

Der private Joe R. Lonsdale lebt mit seiner Frau Karen und den Kindern heute in Nacogdoches, gelegen selbstverständlich in Texas. Er schreibt fleißig weiter und gibt ebenso fleißig Kurzgeschichtensammlungen heraus. Außerdem gehören Lansdale einige Kampfsportschulen, in denen diverse Künste der Selbstverteidigung gelehrt werden.

|Taschenbuch: 366 Seiten
Originaltitel: The Bottoms (New York : Mysterious Press 2000)
Übersetzung: Mariana Leky
Neuauflage: Februar 2011 (DuMont Verlag)
ISBN-13: 978-3-8321-6152-1|
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