Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Swann, Leonie – Garou

Die Schafe von Glennkill grasen wieder – dieses Mal auf einer französischen Weide. Denn nach dem Tod ihres Schäfers George sind sie mit ihrer neuen Schäferin Rebecca endlich ins ersehnte Europa gereist, von dem die neugierigen Schafe schon so viel gehört hatten. Am Fuße eines alten Schlosses versuchen sie, sich trotz des bevorstehenden Winters und des zu erwartenden Schnees in Frankreich einzuleben, wo die Menschen so komisch europäisch reden. Doch leider ist die Freude der Schafe über ihr neues Quartier nicht ganz ungetrübt: Auf der nachbarlichen Wiese hausen stinkende Ziegen und wilde Gerüchte über einen Werwolf machen die Runde. Tote Rehe liegen in den Wäldern und als dort auch noch ein Mensch erschossen aufgefunden wird, kommen die Männer mit den merkwürdigen Mützen – Polizisten nämlich -, um den Vorgängen im Wald auf die Spur zu kommen.

Die Schafe rund um die Chef-Ermittlerin Miss Maple entwickeln ihre eigenen Theorien über den sogenannten Garou, vor dem sich alle fürchten. Sie ermitteln auf eigene Faust, gehen dabei auf große Wanderschaft und setzen sich der Gefahr durch den Garou und seine Jäger aus. Denn auch der Garou hat Feinde, wie sich bald herausstellt. Und so fürchten sich die Schafe bald nicht nur vor dem Garou, sondern auch vor dessen Jägern, die offensichtlich einen Menschen auf dem Gewissen haben, der ihnen bei der Jagd in die Quere gekommen ist.

Merkwürdige Dinge gehen vor rund um die Schafswiese. Nur langsam kommt Miss Maple dem Garou und seinen Jägern auf die Spur, denn auch die mysteriösen Karten von Rebeccas Mutter, mit denen sie angeblich sehen kann, helfen den Schafen nicht weiter. Selbst dann nicht, als Mopple sich treuherzig daran macht, die Karten nach und nach zu verspeisen, um sehen zu können …

_Wollige Helden_

Schon im Vorgängerband „Glennkill“ habe ich die Schafherde rund um Miss Maple ins Herz geschlossen. Und auch im vorliegenden Roman „Garou“, den der Verlag etwas voreilig als Schaf-Thriller ausgewiesen hat, zeichnet die junge Autorin Leonie Swann herrlich wollige Charaktere. Jedes Schaf der Herde hat charakteristische Eigenschaften, so kann sich Mopple the Whale beispielsweise alles merken, Miss Maple zeichnet sich durch ihren messerscharfen Verstand aus, das Winterlamm ist immer noch auf der Suche nach seinem Namen und Lane ist das schnellste Schaf der Herde. Jedes Schaf hat seine Eigenarten, die bei den Ermittlungen natürlich eine wichtige Rolle spielen. Besonders liebenswert sind die Missverständnisse, die im täglichen Umgang mit den Schafen auftauchen, denn sie verstehen gerne Worte oder Bedeutungen ein wenig falsch, so glauben sie beispielsweise, der Schäferwagen würde von Ungeziefer wimmeln, als sie hören, dass er verwanzt sei – oder sie beweisen „Wollensstärke“, wenn sie etwas wollen. Und so ist Cloud das „wollensstärkste“ Schaf der Herde, weil sie am wolligsten ist. Diese wolligen Helden sind einfach nur genial gelungen. In der Umschreibung der Schafe beweist Leonie Swann erneut ihr großes Talent, Worte fehl zu deuten und in herrliche Sätze zu verpacken. Ihre Schreibe ist zwar einfach, aber herzerfrischend und mitunter auch recht komisch.

Dieses Mal kommen noch einige Ziegen und ein ungeschorenes Tier, das vermutlich eventuell ein Schaf sein könnte, hinzu. Und auch diese Tiere haben ihre besonderen Charakteristika, doch leider verblassen sie abgesehen von der kleinen schwarzen Ziege Madouc neben den Schafen, da sie eben doch nur eine Nebenrolle spielen. Madouc aber ist immer in der Nähe der Schafe, hilft ihnen bei ihren Ermittlungen und hat oft hilfreiche Tipps auf Lager.

Natürlich tauchen auch verschiedene Menschen auf, wie zum Beispiel Rebecca, die sich ständig mit ihrer Mutter in die Wolle kriegt, beispielsweise weil diese unachtsam ihre Zigarettenstummel in den Schnee wirft, wo die Schafe sie aufessen könnten (als ob die Schafe so etwas essen würden!) oder weil sie die Dorfbewohner in den Schäferwagen einlädt, um ihnen dort die Karten zu legen (was Rebecca für Humbug hält). Doch die Menschen sind gerade mal schmückendes Beiwerk in diesem Buch. Von den verschiedenen Dorfbewohnern erfahren wir meist nicht viel mehr als den Namen und ihren Beruf. Nur wenige Personen wie der durchgeknallte Zach oder der Häher, der das Schloss im Dorf bewohnt, lernen wir etwas besser kennen. Mich störte das allerdings nicht sonderlich, da die Schafe viel liebenswerter und für die Geschichte ja auch viel bedeutender sind. Doch fällt das Mitraten schwerer, weil wir von den handelnden Personen nicht so viel erfahren.

_Thriller oder nicht? Das ist hier die Frage_

Auf dem Buchcover prangt offensiv die Bezeichnung „Schaf-Thriller“, was mich von Anfang an etwas gewundert hat. Im Nachhinein kann ich auch keinen Thriller erkennen, denn zwar ermitteln die Schafe in einem mysteriösen Mordfall und es fließt auch durchaus einiges Blut, doch einen wirklichen Spannungsbogen konnte ich nicht ausmachen. So ist „Garou“ zwar eine liebenswerte Schaflektüre, allerdings bei Weitem kein Thriller. Das störte mich jedoch nicht weiter, denn mit einem Thriller hatte ich wie gesagt von Anfang an nicht gerechnet. Was mir aber negativ aufgefallen ist, ist die teilweise chaotische Handlung. Denn die Schafe teilen sich bei ihren Ermittlungen häufig auf. So entkommen einige Schafe mit dem großen Auto, mit dem sie auch nach Europa gereist sind, andere stromern durch den Wald oder suchen das Schloss auf, und die restlichen Schafe bevölkern weiterhin die Weide und machen sich dort breit, damit Rebecca nicht bemerkt, dass sich ihre Herde reduziert hat. An den meisten Schauplätzen taucht immer mal wieder die eine oder andere Ziege auf, sodass oftmals ziemliches Chaos herrscht. Manchmal konnte ich den verschiedenen Handlungssträngen nicht so recht folgen, zumal die Schafe ja meist auch ziemlich abstruse Ziele verfolgen. Und da Leonie Swann all diese schafigen Ideen parallel verfolgt, zerfasert dadurch die Handlung sehr stark, sodass man häufig den Überblick verliert. Das mag eventuell beabsichtigt sein, weil ja auch die Schafe nicht immer planvoll vorgehen, aus meiner Sicht störte das aber den Lesefluss erheblich.

_Mäh!_

Unter dem Strich gefiel mir „Garou“ zwar wieder recht gut, weil Leonie Swann ihre wolligen Romanhelden so liebenswürdig präsentiert und mit ihrem ganz eigenen und sympathischen Schreibstil punkten kann. Zwar konnte ich nicht wirklich einen Spannungsbogen ausmachen, doch fehlte dieser mir nicht sonderlich. Wer zu einem Schafkrimi greift, weiß sicherlich vorher, dass er keine packende Spannung oder Gesellschaftskritik à la Mankell erwarten kann. Negativ fällt allerdings die teils chaotische Handlung auf, die das Miträtseln erschwert. So reicht „Garou“ leider nicht an Swanns Erstlingsroman „Glennkill“ heran, macht aber dennoch neugierig auf den hoffentlich bald folgenden dritten Schaf-Krimi.

|Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
ISBN-13: 978-3442312245|

_Schafe Bücher beim Buchwurm:_
[Glennkill]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1583

Anthony Gilbert – Begegnung in der Nacht

Ein flüchtiger Sträfling gerät unter Mordverdacht. Nur sein Anwalt hält ihn für unschuldig. Seine Ermittlungen veranlassen den wahren Täter zu drastischen Vertuschungs-Maßnahmen … – Spätes und altmodisches aber klassisches Exemplar eines britischen „Whodunit“-Krimis; der Plot ist robust konstruiert und wird langsam aber logisch umgesetzt, die Figuren sind genretypisch profilstark, die Klischees unaufdringlich: solide Lektüre-Kost für die Freunde des Rätsel-Krimis. Anthony Gilbert – Begegnung in der Nacht weiterlesen

Hurwitz, Gregg – Meute, Die

„Die Scharfrichter“, „Die Sekte“ und „Blackout“ von Gregg Hurwitz – alle erschienen im |Knaur|-Verlag – waren bereits erfolgreiche Spannungsgaranten. Nun legt der amerikanische Autor mit seinem dritten Band um US Marshal Tim Rackley nach.

In „Die Scharfrichter“ verloren Tim und seine Frau Dray Rackley durch einen Mord ihre erst sechsjährige Tochter. Um sich bei dem Mörder seiner Tochter zu rächen, riskierte der mustergültige Polizist fast alles, und seine Karriere drohte zu kollabieren, nachdem er auf unbestimmte Zeit suspendiert wurde. Einige Monate später wird Rackley in „Die Sekte“ eingeschleust, um eine prominente Tochter aus deren Fängen zu befreien. Es gelingt Rackley, und so gewinnt er seinen beruflichen Status als Marshal wieder und tritt wieder in Amt und Würden.

_Inhalt_

Timothy und Andrea Rackley haben die Stürme ihres Lebens überlebt und ordnen ihr Leben im Grunde neu. Dray ist schwanger, und natürlich freuen sich die Rackleys über den Familienzuwachs, der zwar die Lücke ihrer ermordeten Tochter nicht zu Gänze schließen kann, aber doch zum Mittelpunkt ihres Lebens werden soll.

Als bei einem Gefangenentransport die beiden Schwerverbrecher und führenden Angehörigen einer berüchtigten Motorradgang mit Waffengewalt befreit und zwei US Marshals brutal ermordet werden, übernimmt Tim Rackley diesen Fall und die Fahndung nach den beiden Flüchtenden.

Die Ermittlungen sind nicht einfach. Wie es oft der Fall ist, bilden die Mitglieder der Motorradgang eine in sich verschworene Gemeinschaft. Ein Verrat an einem ihrer „Brüder“ wäre gleichbedeutend mit einem Todesurteil, so dass Rackley jedenfalls auf diesem Wege in eine Sackgasse gerät.

Als Dray, die ebenfalls Polizistin ist, bei einer Verkehrskontrolle der Motrradgang gegenübertritt, eskaliert die Situation und die schwangere Frau wird durch den Schuss einer Schrotflinte lebensgefährlich verletzt.

Im Krankenhaus gelingt es den Ärzten zwar, die schwerverletze Dray zu stabilisieren, doch im Koma liegend, ist sie noch lange nicht gerettet. Ihr Mann eilt ins Krankenhaus und muss sich beherrschen, nicht erneut Selbstjustiz zu üben und die Täter einfach über den Haufen zu schießen. Doch der „Troubleshooter“, wie er nun auch genannt wird, hat sich im Griff und geht mit noch mehr Ehrgeiz an die Suche nach den Tätern. Persönlich involviert, wird Rackley zum größten Fluch der Gang, und auch wenn die Fahndung im Rahmen der Gesetzgebung bleiben soll – im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt …

Im Zuge der Ermittlungen wird Rackley klar, dass die kriminellen Geschäfte weit über die üblichen Geschäftszweige hinausgehen und der eigentliche Drahtzieher ganz woanders zu suchen ist als vermutet …

_Kritik_

„Die Meute“ von Gregg Hurwitz ist trotz der Spannung, die durchaus aufkommt, der schwächste Roman aus der bisherigen Reihe um Marshal Tim Rackley. Trotz eines verhältnismäßig konstanten Spannungsbogens gibt es hier keine Überraschungen oder Abwechslungen, die die Story inhaltlich vorantreiben.

Gregg Hurwitz Stil ist unverändert. Wie immer paart er das persönliche Schicksal Rackleys mit dem Verbrechen und schafft so den Plot für seine Story. Im ersten Roman „Die Scharfrichter“ war das noch absolut nachvollziehbar, und auch in „Die Sekte“ wurde das Leben der Rackleys sauber einarbeitet. Nun aber grenzt diese Überlappung ein wenig an Übertreibung. Auch wenn man mit dem Autor und seiner Rackley-Reihe noch nicht vertraut ist, so wird der Leser doch nach wenigen Kapiteln erkennen, welchen Weg die Protagonisten gehen werden.

Tim Rackley ist Kriegsveteran, ein erfolgreicher und erfahrener Polizist, ein liebender Familienvater und sensibler Ehemann. Sicherlich hat er in der Vergangenheit über die Stränge geschlagen, indem er das Gesetzt selbst in die Hand nahm, um Staatsanwalt, Richter und Vollstrecker in einer Person zu sein, doch hier trägt er wieder eine blütenweiße und gestärkte Weste. Versetzt man sich in seine Person, so ist diese trotz oder gerade wegen all der positiven Attribute sehr schwer greifbar. Rackley handelt wie ein komplexes Uhrwerk, auch wenn seine schwangere und angeschossene Frau im Koma liegt – nach all den Schicksalsschlägen vielleicht etwas an der Realität vorbei. Nun gut, es handelt sich ja auch nur um einen Roman …

Das Klischee, alle Motorradgangs wären kriminell, wird hier bestens bedient. Tendenziell mag es ja vielleicht so sein, aber auch hier übertreibt es der Autor mit seiner schriftstellerischen Freiheit. Ein gezielter Angriff auf die Polizei? Nun ja … damit macht man sich mächtige Feinde, und für das „Geschäft“ ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nicht verkaufsfördernd.

Es gibt nur wenige Nebenschauplätze, alles konzentriert sich voll und ganz auf die Biker. Damit fehlt dem Roman ein wenig die Atmosphäre, denn trotz der konstant plätschernden Spannung geschieht eigentlich nicht viel. Alles ist an seinem Platz, alles kommt, wie es kommen muss – nicht mehr, nicht weniger. Wie auch in den anderen Romanen des Autors, gibt es als Zugabe ein paar nette Schießereien, allerdings auch ein paar Momente des Grauens, denn zimperlich springen die Biker-Burschen mit ihren Opfern nicht unbedingt um.

Besonders enttäuschend empfand ich dann aber das Ende des Romans. Hier wäre ein negatives Ende für die Figur und die Entwicklung Tim Rackleys vorteilhafter gewesen, denn sicherlich geht es bald in die nächste Runde und ich bin durchaus gespannt darauf, wie Gregg Hurwitz dann das Schicksal seiner Hauptfigur in Szene setzt. Ein gebrochener, zutiefst verletzter Charakter wie Rackley mit seinen zugleich positiven Eigenschaften – das hätte großartiges Potenzial gehabt.

Völlig überflüssig ist das zugrunde liegende Motiv der Biker für ihre Untaten. Damit meine ich das Geschäft mit den eigentlichen Drahtziehern, die – wie kann es auch anders sein – übertrieben gut in die aktuelle politische Lage der USA hineinpassen.

_Fazit_

„Die Meute“ von Gregg Hurzwitz ist ein solider Thriller, der „Erstleser“ des Autors durchaus überzeugen wird. „Alte“ Leser, die die Rackleys schon aus den beiden vorhergehenden Teilen kennen, werden hingegen etwas ernüchtert sein. Das Tempo ist ein wenig gedrosselt, und ich hoffe doch sehr, dass der Autor in seinem nächsten Roman um US Marshal Tim Rackley wieder mehr an Fahrt gewinnt.

_Der Autor_

Gregg Hurwitz, geboren 1973, studierte Englisch und Psychologie an der Harvard University sowie in Oxford (GB). Mit seinen Thrillern um US Marshal Tim Rackley („Die Scharfrichter“, „Die Sekte“, „Die Meute“) sowie dem Stand-alone „Blackout“ gelang ihm in den USA und Großbritannien der Durchbruch als Spannungsautor. Er lebt in Los Angeles. (Verlagsinfo)

|Originaltitel: Troubleshooter
Übersetzung von Wibke Kuhn
473 Seiten, broschiert
ISBN-13: 978-3426636923|

Homepage


http://www.droemer-knaur.de

_Gregg Hurwitz auf |Buchwurm.info|:_

[„Die Scharfrichter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3295
[„Die Sekte“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4403
[„Blackout“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5400

Queen, Ellery – Spiel mit dem Feuer

_Das geschieht:_

Shinn Corners ist eine Siedlung in einem abgelegenen Tal irgendwo in den Bergen Neuenglands. Nur noch 36 Einwohner fristen hier ein eher ärmliches als bescheidenes Dasein. Auf Einladung seines Vetters, des Richters Lewis Shinn, besucht Johnny Shinn das Dörflein, aus dem seine Vorfahren stammen. Nach Gefangenschaft und Folter im Koreakrieg ist der ehemalige Major psychisch angeschlagen. Der Richter hofft ihn aus seiner zynischen Gleichgültigkeit zu holen, doch kaum ist Johnny im friedlichen Shinn Corners eingetroffen, ereignet sich dort ein brutaler Mord.

Fanny Adams, eine 91-jährige Malerin, deren Bilder die Bewunderung amerikanischer Kunstkenner erregen, wurde in ihrem Atelier mit einem Schürhaken erschlagen. Kurz vor dem Verbrechen klopfte der Wanderarbeiter Josef Kowalczyk an ihre Tür und bat um eine Mahlzeit. Ihn halten die entsetzten und wütenden Bürger für den Täter. Nach einer wilden Hetzjagd kann Kowalczyk gefasst werden. Man sperrt ihn im Keller der Kirche ein und will ihm den Prozess machen.

Dass Kowalczyk dem Sheriff oder der Staatspolizei ausgeliefert werden müsste, wird von den Bürgern ignoriert. Sie trauen der fernen Obrigkeit nicht. Um der drohenden Lynchjustiz Einhalt zu gebieten, inszeniert Richter Shinn ein Schein-Gerichtsverfahren. Es hat vor dem Gesetz keine Gültigkeit, beruhigt aber die Gemüter der Einwohner von Shinn Corners.

Lewis und Johnny Shinn glauben an die Unschuld Kowalczyks, der diese auch vehement beteuert. Sie ermitteln deshalb heimlich in der Frage, ob alle Bürger für den Zeitpunkt des Mordes ein Alibi vorweisen können. Der wahre Täter darf ihnen keinesfalls auf die Schliche kommen, da er – oder sie – sonst den Lynchmob entfesseln würde, denn die braven Menschen aus Shinn Corner wollen Blut sehen …

_Wer anders ist, muss schuldig sein!_

Die 1950er Jahre waren in den USA eine Zeit fast ungebremsten Wirtschaftswachstums. Politisch sah die Situation allerdings weniger rosig aus. Der Zweite Weltkrieg hatte das Ende der nazideutschen Bedrohung in Europa und die Waffenbrüderschaft mit der Sowjetunion gebracht. Doch dann hatten USA und UdSSR miteinander gebrochen. Das Wettrüsten der Supermächte hatte eingesetzt, ein neuer Weltkrieg kündigte sich an, und dieses Mal würde man ihn mit Atom- und Wasserstoffbomben führen!

Der Feind schien allgegenwärtig. Er hatte womöglich längst die USA unterwandert und fünfte Kolonnen in Politik, Wirtschaft und Kultur eingeschleust. Seit 1950 führte Senator Joseph McCarthy einen hysterischen Kreuzzug gegen kommunistische Agitatoren, die er überall am Werk sah. Wer in das Mahlwerk seines „Komitees für unamerikanische Aktivitäten“ („House on Un-American Activities Committee“) geriet und sich dessen inquisitorischer Befragung unter Berufung auf verbriefte Staatsbürgerrechte nicht unterwarf, wurde als „Roter“ gebrandmarkt und landete auf der schwarzen Liste, was das sichere Ende der beruflichen Karriere und den Absturz ins soziale Abseits bedeutete.

McCarthys Terror endete im Dezember 1954. Die Folgen der Hexenjagd überdauerten ihn viele Jahre. Auch in den Jahren seiner uneingeschränkten Herrschaft war McCarthy nicht ohne Opposition geblieben. Viele Amerikaner traten dem Senator entweder direkt gegenüber oder kommentierten seine Umtriebe zumindest aus der Ferne.

Die Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee gerieten nie ins Visier der HUAC. Unter dem Pseudonym „Ellery Queen“ schrieben sie komplexe und realitätsferne Kriminalromane, was sie als potenzielle Sowjetspione vermutlich disqualifizierte. Doch Dannay und Lee waren McCarthy-Gegner. Ihre Eltern, russische Juden, hatten das zaristische Heimatland, in dem sie drangsaliert und verfolgt wurden, verlassen und waren in die hoffentlich gelobten Vereinigten Staaten eingewandert, wo angeblich alle Menschen ungeachtet ihrer Nationalität, ihrer Religion oder ihrer politischen Überzeugung vor dem Gesetz gleich waren. Nun verfolgten Dannay und Lee besorgt, wie diese Freiheit, die auch sie, US-Amerikaner der ersten Generation, genießen durften, ins Wanken geriet. Sie nahmen nicht an politischen Protestaktionen teil, sondern bedienten sich ihres ureigenen Instruments: Sie schrieben einen Kriminalroman.

|Die große Welt im kleinen Tal|

„The Glass Village“ entstand in der Hochzeit der McCarthy-Ära. Ausdrücklich verzichteten Dannay und Lee auf ihr Alter Ego, den Privatdetektiv und Kriminalschriftsteller Ellery Queen. Als künstliche und primär für das intellektuelle Spiel mit dem Verbrechen geeignete Figur war er dieses Mal fehl am Platz. Johnny Shinn verankerten Dannay und Lee fest im Hier und Jetzt. Grausame Erfahrungen in zwei Kriegen haben seinen Patriotismus beschädigt und ihn Kritik gelehrt. Shinn blickt hinter die großen und hehren Worte, an die er nicht mehr glaubt. Er repräsentiert außerdem den Leser, der fremd in Shinn Corner, aber immerhin Amerikaner ist. Welchen Unterschied das macht, weiß er spätestens, als er erlebt, wie es Josef Kowalczyk ergeht, dem Fremden, dem man genau dies abspricht und der ohne diesen kollektiven Schirm auskommen muss.

Thornton Wilder hatte 1938 in seinem Aufsehen erregenden Theaterstück „Unsere kleine Stadt“ („Our Town“) das alltägliche Leben in der ‚Musterstadt‘ Grover’s Corners als Spiegelbild der US-amerikanischen Realität gestaltet. Diesem Vorbild folgend, wird Shinn Corner zum Mikrokosmos und zum Spiegelbild einer ‚ursprünglichen‘ und ‚gesunden‘ US-Gesellschaft, die sich auf die Wahrung traditioneller Werte beruft. Die Bürger werden zur „gläsernen Gemeinde“ des Originaltitels. Dannay und Lee stellen sie uns in einer ungewöhnlich ausführlichen Einführung sorgfältig vor.

In kleinen und ländlichen Orten hatten sie schon oft ihre Kriminalromane spielen lassen. Gern bedienten sie sich einschlägiger Klischees und ließen exzentrische und dummdreiste Hinterwäldler Revue passieren. Shinn Corner und seine Bewohner werden dagegen ohne nostalgisches Lokalkolorit dargestellt. Der Ort steht vor dem Exitus. Die meisten Bürger sind arm, leiden unter Existenz- und Zukunftsängsten, fühlen sich als Stiefkinder des amerikanischen Traums. Untereinander sind sie uneins, unterdrückte Konflikte schwelen. Die Familie bietet keineswegs Zuflucht vor den Fährnissen der Welt, sondern wird zur privaten Hölle. Jeder steht unter ständiger Beobachtung seiner Nachbarn. Abweichungen von der Norm erregen umgehend Misstrauen, schon eine unbedachte Äußerung kann dir schaden: |“‚Sie haben Kirchen in Rußland‘ [, sagte Drakely Scott.] ‚Was ist los mit dir, Drake‘, sagte Tommy Hemus. ‚Bist du kommunistenfreundlich?'“| (S. 53) Gerade diese ‚Anschuldigung‘ beendet jede Diskussion und (nicht nur in Shinn Corner) die Zeit der Meinungsfreiheit.

In diese Schlangengrube stürzt ahnungslos Josef Kowalczyk. Dannay und Lee verstärken die Schrecken seines Schicksals, indem sie ihn als Überlebenden des Nazi-Terrors schildern, der zwar das Konzentrationslager überlebte aber seine gesamte Familie verlor. In den USA suchte er den Neuanfang, doch er scheiterte. Nun wird das Opfer abermals zum Spielball eines Sturms, den er nicht begreifen kann und dem er hilflos ausgesetzt ist: Denn Josef Kowalczyk kommt den guten Menschen von Shinn Corner gerade recht. Er ist der ohnehin verdächtige Fremde, den sie ohne Gewissensbisse zum Sündenbock machen können. Ausgerechnet in der Jagd auf den angeblichen Mörder findet die Gemeinde zu neuer Eintracht: als Lynchmob – oder Hexenjäger.

|Bittere Medizin wird auf einem Zuckerstück verabreicht|

Allegorische Gesellschaftskritik dürfte kaum etwas gewesen sein, das die Leser eines Ellery-Queen-Romans erwarteten. Dannay und Lee trieben es vorsichtshalber nicht zu weit mit den entsprechenden Ambitionen. Sagen sie anfangs noch sehr deutlich, was sie stört im aktuellen Amerika, integrieren sie ihre Kritik später mehr und mehr in eine scheinbar konventionelle Krimihandlung. „The Glass Village“ wird zum klassischen „Whodunit“ und gleichzeitig zum dramatischen |court drama|: Der Mörder von Fanny Adams wird klassisch durch das Suchen, Finden und Auswerten von Indizien ermittelt; die Suche nach der Wahrheit findet parallel dazu im Rahmen einer laufenden Gerichtsverhandlung statt.

Diese Verhandlung ist eigentlich keine: Vor dem Gesetz wird ein in Shinn Corner gefälltes Urteil keinerlei Gewicht haben, weil das Gericht fixierte Regeln ignoriert. Mit diesem Kunstgriff schüren die Autoren einerseits die Spannung, weil die Suche nach dem Täter zum Wettlauf mit der Zeit wird. Andererseits erinnert die Verhandlung an die zeitgenössischen Befragungen durch das „Komitee für unamerikanische Aktivitäten“, deren Vertreter ebenfalls das Recht mit Füßen traten bzw. treten konnten, solange sie die politische und gesellschaftliche Mehrheit hinter sich wussten. Das Gericht von Shinn Corner ist eine Farce. Dannay und Lee ersparten es sich, die Parallelen zu den HUAC-Sitzungen direkt in Worte zu fassen.

„The Glass Village“ bietet einen Krimi-Plot, der im Vergleich zum typischen Ellery-Queen-Rätsel recht simpel wirkt. Die Auflösung ist logisch, und sie verzichtet nicht auf den Faktor Verblüffung, doch sie wirkt dennoch wie die Erfüllung einer Verpflichtung, auf die der Leser beharrt, der geduldig den didaktischen Lektionen des Autorenduos gefolgt ist und dafür belohnt bzw. entschädigt werden möchte. Wichtiger als der Kriminalfall ist Dannay und Lee allerdings der konsequente Abschluss ihres Lehrstücks: Die Bürger von Shinn Corner sind zur Besinnung gekommen und werden ihren Fehler nicht wiederholen. Johnny Shinn ist durch den Sieg der Gerechtigkeit geläutert und gibt seine passive Beobachterrolle auf; er wird zukünftig wieder seinen Teil dazu beitragen, den Feinden von Recht und Ordnung außerhalb von Shinn Corner Paroli zu bieten. Der Leser ist aufgefordert, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

|Deutsches Leser, dummes Leser?|

Knapp 190 eng bedruckte Seiten zählt die erste deutsche Übersetzung von „The Glass Village“, die 1958 unter dem Titel „Spiel mit dem Feuer“ erschien. Sie wirkt heute ein wenig steif und enthält diverse Fehlinterpretationen – |“Judy las ihm vor, aus einer westlichen Zeitschrift, er liebte Cowboygeschichten“| (S. 146) ist ein besonders kurioser Klopfer -, aber sie ist vollständig und enthält nicht nur Dannays und Lees Anklagen gegen autoritäres Unrecht, sondern auch ihre Ausführungen über das Wesen des neuenglischen Puritanismus‘, der für das Geschehen von großer Bedeutung ist.

Anderthalb Jahrzehnte später erschienen dem Ullstein-Verlag die politischen Untertöne entweder zu kritisch oder nicht verkaufsförderlich. „The Glass Village“ bekam 1973 nicht nur einen neuen Titel („Das rächende Dorf“), sondern wurde auf 126 Seiten zusammengestrichen. Aus einem Lehrstück im Krimi-Gewand wurde ein simpler Krimi, wie ihn der geistig einfach gestrickte Leser solcher Romane sicherlich lieber goutieren würde … Dieser traurige Romantorso wurde mehrfach aufgelegt. Man sollte ihn tunlichst meiden und sich auf die (allerdings nicht einfache) Suche nach der Ausgabe von 1958 begeben.

_Autoren_

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich [hier]http://neptune.spaceports.com/~queen: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

|Originaltitel: The Glass Village (Boston : Little, Brown, and Company 1954/London : Victor Gollancz 1954)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Spiel mit dem Feuer“): 1958 (Humanitas Verlag/Blau-Gelb Kriminalroman Nr. 22)
189 Seiten, Übersetzung: Ilse Veltmann
ASIN: B0000BMK2T

Bisher letzte Ausgabe (unter dem Titel „Das rächende Dorf“): 1973 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi Nr. 1903)
126 Seiten, Übersetzung: Ernst Heyda
ISBN-13: 978-3-548-01903-1|
[www.ullsteinverlag.de]http://www.ullsteinverlag.de

Hallgrimúr Helgason – Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

Toxic ist kroatischer Profikiller, dessen letzter Auftrag leider das falsche Opfer zum Ziel hatte: Als er den Bundesangestellten auf einer Mülldeponie entsorgen will, kommt ihm das Gesetz ziemlich nahe und sein Auftraggeber stattet ihn mit falscher Identität aus, zur Flucht nach Kroatien. Doch am Flughafen wird er fast vom FBI erwischt und muss sich neu orientieren: Die Flughafentoilette liefert ihm spontan ein neues Opfer, in dessen Rolle er schlüpft. Er ist jetzt Fernsehprediger, sein Ziel ist Island.

Toxic wird in eine isländische Predigerfamilie eingeführt, die seine Tarnidentität als Idol verehren und zu einem Gastspiel nach Island geladen haben, doch selbst hier in diesem kalten Land der schönsten Frauen kommt ihm die Polizei fast hinterher. Er flüchtet erneut, versteckt sich in der Wohnung der heißesten Frau Islands, die zufällig die Tochter seiner Gastgeber ist und die nun, als seine Tarnung aufgedeckt ist, scharf auf ihn und den Hauch von Gefahr wird, der ihn umgibt.

Ihre Beziehung wird von wildesten Sextreffen immer ernster, bis sie sich verlieben. Toxic will seinen Beruf an den Nagel hängen, ein weiterer Prediger soll ihm bei der Läuterung helfen, und irgendwann soll die Heirat mit seiner Liebe anstehen. Bis das Auftauchen seiner alten Auftraggeber alles zunichte zu machen droht …

Deutlichster Kaufanreiz ist der Titel, der humoristisch klingt und im Zusammenhang mit dem Verlagstext auf einen besonderen Roman hindeutet. Die ersten Kapitel sorgen dann erstmal für herbe Enttäuschung. Der Held hat zwar ein paar lockere Sprüche auf Lager, wirkt aber vorerst flach, ungehobelt und sexistisch. Sein Kriterium, Frauen zu beschreiben, formuliert er in den Worten „Wenn wir in einer einsamen Gegend wären und sie die einzige Frau der Einheit, würde ich an Tag X anfangen, von ihr zu träumen“. Er klassifiziert die Frauen häufig danach in „Tag 3-Frau“ oder „Tag 365-Frau“. Im weiteren Verlauf der Geschichte entwickelt sich zwar ein dichteres Bild von ihm, diese Kriterien kommen aber bei jeder Frau wieder, wodurch die Gewichtung seines Lebensschwerpunktes mehr als deutlich wird.

Anfangs wirken Toxics Rückblicke in die persönliche und seelische Vergangenheit wie aufgesetzte, künstliche Versuche des Autors, die Person zu charakterisieren und glaubhaft sein Wesen darzustellen. Aber im Verlauf der Geschichte führt dieser Weg erstaunlicher Weise wirklich zu einem Charakter, dem man seine Handlungen und Motivationen glaubt. Wobei auch klar ist, dass nicht der Charakter und die Persönlichkeit, sondern das Geschehen selbst und die Merkwürdigkeiten der Geschichte es sind, die den Roman unterhaltsam machen.

Die anderen Personen bleiben recht blass, sie sind wie Schlaglichter verschiedener menschlicher Typen und nötig für die Geschichte. So ist Gunhildur die eiskalte, heiße Sexgöttin mit dem menschlichen Kern, Pater Todhúr (Tortur) der fanatische, rotäugige Inquisitor und Katechist des gefallenen Sohnes (Toxic); es gibt den verräterischen Auftraggeber, die brutal kopflose Freundin, den Vatermord, große Autos, dicke Wummen und kaltschnäuzige Killer.

Um auf den Titel zurück zu kommen: „Zehn Tipps“ sind nicht erkennbar. Der Ausdruck „… um das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ bezieht sich klar auf Toxic und seine Vergangenheit, von der er sich reinwaschen soll. Sind die „Zehn Tipps“ auf Torturs Therapie zu beziehen, die zwar in mehreren Schritten abläuft, aber nie explizit auf die Zahl bezogen wird? Ich halte diesen Ausdruck einfach für ein strategisches Mittel, das den Titel interessant gestalten soll, um den Roman aus dem Brei der Profikillerliteratur herauszuheben, indem er doch durch die Story ziemlich versinkt. Das Bestreben durch schwarzen Humor, Komik und Sexismus mehr Interesse zu erzeugen, gelingt nur bedingt, nämlich ab dem Zeitpunkt, an dem die Geschichte selbst schon für Unterhaltung sorgt.

Insgesamt zwar flüssig lesbar und unterhaltend, aber ohne viel Neues. Ein Roman für zwischendurch ohne hohes Erinnerungspotenzial.

Gebundene Ausgabe: 270 Seiten
Originaltitel:
Io rad til ad haetta ad drepa
Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
ISBN-13: 978-3608501087

Der Autor vergibt: (3/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (2 Stimmen, Durchschnitt: 1,00 von 5)

Rankin, Ian – Ein reines Gewissen

_Das geschieht:_

Malcolm Fox: geschieden, trockener Alkoholiker und Mitarbeiter der Dienstaufsichtsbehörde der Lothian and Borders Police im schottischen Edinburgh. Weil er den Kollegen auf die Finger schaut, ist er höchst unbeliebt. Gerade hat er den zwar korrupten aber ungemein beliebten Glen Heaton vom Revier Torphichen Place zu Fall gebracht und sich dadurch verhasster denn je gemacht.

Dies nutzt Detective Chief Inspector William „Bad Billy“ Giles, Heatons bester Freund, rachsüchtig aus, als Vince Faulkner, der Lebensgefährte von Foxes Schwester Judith, erschlagen aufgefunden wird. Giles nimmt Judith in die Mangel, aber noch stärker würde es ihn freuen, könnte er dem Bruder eine Beteiligung an dem Verbrechen nachweisen: Faulkner hat Judith schwer geschlagen, und der wütende Fox wusste davon.

Zu allem Überfluss überträgt Giles den Mordfall seinem Detective Sergeant Jamie Breck. Genau diesen sollte Fox just für DS Anthea „Annie“ Inglis von der Kinderschutz-Abteilung der Polizei überwachen, denn Breck steht im Verdacht, pädophil zu sein und verbotene Sex-Fotos in einschlägigen Internet-Kreisen zu tauschen. Noch fehlen eindeutige Beweise, und diese zu beschaffen, fällt Fox immer schwerer, denn Breck scheint ein ehrlicher Polizist zu sein, den er zunehmend sympathischer findet.

Die Schlinge um den Hals des Beamten zieht sich zu, bis Fox zum Gegenangriff übergeht. Er zieht eine kleine Gruppe von Kollegen und Freunden auf seine Seite und erkennt, dass er als Bauernopfer in einer Intrige dienen soll, in die nicht nur hochrangige Polizisten, sondern auch Stadtpolitiker, Geschäftsleute und Gangster verwickelt sind, die in der aktuellen Wirtschaftskrise gefährdete Investitionen sichern wollen und dabei vor keiner Gewalttat zurückschrecken …

_Behutsame Übergabe des Staffelholzes_

Eine etablierte, gut laufende und bei den Lesern beliebte Serie abzuschließen, birgt für einen Schriftsteller gleichermaßen Möglichkeiten und Risiken. Nach 17 Romanen um John Rebus war Ian Rankin in eine schöpferische Sackgasse geraten. Aus der Figur hatte er herausgeholt, was sie ihm zu bieten schien. Sich ihrer zu entledigen, gestattete einen Neubeginn ohne eine Rebus-Chronologie, die einen beachtlichen Umfang angenommen hatte und deren Beachtung der kritische Leser forderte.

Aber würden besagte Leser eine gänzliche neue Figur akzeptieren? Die Frage bleibt offen, denn mit „Ein reines Gewissen“ hat sie Rankin keineswegs beantwortet: Dieser erste Krimi um Malcolm Fox liest sich wie der 18. „Rebus“-Roman, denn höchstens der Name und einige wenige Charakterzüge unterscheiden den alten vom neuen ‚Helden‘.

Nicht einmal den Ort des Geschehens hat Rankin gewechselt. Wieder spielt sich die Geschichte im schottischen Edinburgh ab. Wir lesen vertraute Namen und finden uns in bekannten Polizeirevieren wieder, in denen nur das Personal gewechselt zu haben scheint. Oder werden wir in den nächsten Fox-Folgen auf bekannte Figuren stoßen? Generell herrscht jedenfalls die Rebus-typische Routine, es werden vertraute Polizei-Witze gerissen und Intrigen gesponnen.

|Die alten = die neuen Schurken|

Auch außerhalb des polizeilichen Umfelds finden wir eine bekannte Welt wieder, in der Politik, Wirtschaft, Gesetz und Verbrechen dicht miteinander verwoben sind. Rankin hat stets tagesaktuelle Ereignisse aufgegriffen und in seine Romane einfließen lassen. Dort dienen sie entweder dem Plot, oder sie stellen Kommentare dar, in denen der Verfasser seine Kritik an bestimmten Missständen mit den Lesern teilen möchte.

Diese Kritik geht meist in dieselbe Richtung: Die Großen bereichern sich, die Kleinen zahlen die Zeche. Durch die Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 hat sich diese Ungerechtigkeit verstärkt. Rankin schildert Spekulanten, die nach dem Zerplatzen der künstlich aufgeblähten Finanzblase panisch versuchen, ihre auf Pump zusammengerafften Vermögen in Sicherheit zu bringen. Dabei lassen sie letzte Reste von Rechtmäßigkeit, Rücksicht und Moral fahren. Der Mord an Vince Faulkner wird zur bitteren Fußnote eines Krisengeschehens, das sich erdrutschartig von ‚oben‘ nach ‚unten‘ fortsetzt: Der ahnungslose, dumme Normalbürger taugt immer noch als Kanonenfutter, das der in Geldnot geratene Spekulant den Wölfen vorwerfen kann, während er schwer mit Schätzen beladen die Flucht in die aktuelle Steueroase fortsetzt.

Auf die Solidarität ebenfalls angeschmierter Leidensgenossen sollte der gewöhnliche Steuerzahler dabei nicht rechnen. Malcolm Fox wird Opfer einer Intrige, aber vielleicht sollte man lieber von einem ganzen Bündel intriganter Vorgänge sprechen, die Rankin im Finale (ein wenig locker aber logisch) zu einem Gesamtkomplott bündelt. Dabei enthüllt er besonders infame Mechanismen des Machterhalts, die u. a. Mobbing und die gegenwärtige Angst des Arbeitnehmers vor dem Jobverlust einschließen: Fox gerät auch deshalb in die Bredouille, weil korrupte Vorgesetzte ehrgeizigen Untergebenen ein paar Brocken hinwerfen: Als Gegenleistung für die Versetzung eines ungeliebten Kollegen wird deshalb ein schuldfreier Polizist angeschwärzt.

|Einzelgänger mit großer Freundesschar|

In diesem Haifischbecken tummelte sich Malcolm Fox bisher regelkonform. Dass er sich plötzlich vom kleinen Fisch in einen bissigen Flossenbeißer verwandelt und dennoch glaubwürdig bleibt, verdankt Rankin dem Trick, Fox in eine Abteilung zu versetzen, in der Tricks und doppelte Böden zum Arbeitsalltag gehören. Als Mitglied der Dienstaufsicht kennt er die Kniffe verdächtiger Kollegen. Dieses Wissen kann er nutzen, als ihm übel mitgespielt wird.

Die Genese vom Querkopf zum Quertreiber, der sich nicht verheizen lassen will, gelingt auch deshalb so bruchlos, weil Fox als Figur sehr vertraute Züge aufweist. Die Ähnlichkeit zwischen Fox und Rebus wurde schon angesprochen. Womöglich wäre „Deckungsgleiche“ der treffendere Ausdruck. Die Parallelen gehen bis in die Details; sie schließen die Wohnkultur, das komplizierte Verhältnis zu Frauen, das Schimpfen über die ewig verstopften Straßen von Edinburgh oder das Wetter ein.

Wie der bärbeißige Rebus kann auch Malcolm Fox auf ein erstaunliches Netzwerk ihm gewogener Kollegen und Freunde zurückgreifen. Eigentlich steht er nie allein gegen alle. Gerät Fox einmal in eine Sackgasse, erreicht ihn garantiert ein Handy-Anruf, der ihn erneut auf eine alternative Spur bringt. Das Tempo ist gewiss nicht das Problem dieses Romans. Schwieriger fällt es, die Details der monströsen Verschwörung im Hinterkopf zu behalten, während die Handlung zügig weiter voranschreitet.

In die Erleichterung darüber, dass Fox den Einstieg in die neue Rankin-Serie so erleichtert, mischt sich dennoch Ärger: Wieso hat der Autor Rebus abgesägt, um ihn quasi umgehend wiederauferstehen zu lassen? Wie wäre es mit einem |echten| Neustart? Oder sollte man lieber froh sein, dass Rankin nicht auf Biegen und Brechen versucht, das Rad neu zu erfinden? „Ein reines Gewissen“ bietet inhaltlich (oder formal) keine Originalität. Was Rankin beherrscht – es ist bekanntlich eine ganze Menge -, variiert er jedoch so gut, dass einmal mehr ein überdurchschnittliches Lektürevergnügen daraus entspringt.

_Autor_

Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch. Schon früh begann er zu schreiben. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.

Noch im selben Jahr ging Rankin nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionage-Roman „Watchman“ (1990, dt. „Der diskrete Mr. Flint“). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller. 1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. Mit diesem gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Die „Rebus“-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Steuerzahlern von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft und Medien gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Nachdem er Rebus 2007 (vorläufig?) in den Ruhestand geschickt hatte, begann Rankin 2009 eine neue Serie um den Polizisten Malcolm Fox.

Ian Rankins Rebus-Romane kamen ab 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 2004 wurde Rankin für „Resurrection Man“ (dt. „Die Tore der Finsternis“) mit einem „Edgar Award“, 2007 „The Naming of the Dead“ (dt. „Im Namen der Toten“) als „BCA Crime Thriller of the Year“ ausgezeichnet. Rankin gewann weiter an Popularität, als die britische BBC 2000 mit der Verfilmung der Rebus-Romane begann.

[Ian Rankins Website]http://www.ianrankin.net ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.

|Gebunden: 512 Seiten
Originaltitel: The Complaints (London : Orion 2009)
Übersetzung: Juliane Gräbener-Müller
ISBN-13: 978-3-442-54650-3|
[www.randomhouse.de/manhattan]http://www.randomhouse.de/manhattan

|Als eBook: März 2010 (Goldmann Verlag)
ISBN-13: 978-3-641-03854-0|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

|Als Hörbuch: März 2010 (Random House Audio)
6 CDs mit ca. 420 Minuten Spieldauer
Gelesen von Heikko Deutschmann
ISBN-13: 978-3-8371-0292-5|
[www.randomhouse.de/randomhouseaudio]http://www.randomhouse.de/randomhouseaudio

_Ian Rankin bei |Buchwurm.info|:_
[„Verborgene Muster“ (John Rebus 1) 956
[„Das zweite Zeichen“ (John Rebus 2) 1442
[„Wolfsmale“ (John Rebus 3) 1943
[„Ehrensache“ (John Rebus 4) 1894
[„Ein eisiger Tod“ (John Rebus 7) 575
[„Das Souvenir des Mörders“ (John Rebus 8) 1526
[„Die Sünden der Väter“ (John Rebus 9) 2234
[„Puppenspiel“ (John Rebus 12) 2153
[„Die Tore der Finsternis“ (John Rebus 13) 1450
[„Die Kinder des Todes“ (John Rebus 14) 5559
[„So soll er sterben“ (John Rebus 15) 1919
[„Im Namen der Toten“ (John Rebus 16) 4583
[„Ein Rest von Schuld“ (John Rebus 17) 5454
[„Eindeutig Mord. Zwölf Fälle für John Rebus“ 5063
[„So soll er sterben (Hörbuch)“ 2489
[„Der diskrete Mr. Flint“ 3315

Carol O’Connell – Ein Ort zum Sterben [Mallory 1]

Der Mord an ihrem Stiefvater führt eine junge, schwer verhaltensgestörte aber ungemein fähige Polizistin auf einen unerbittlichen Rachefeldzug, der sie außerdem auf die Spur eines uralten Komplotts bringt … – Der erste Band der Mallory-Serie beeindruckt nicht nur durch seinen raffinierten Plot, sondern auch durch die Wucht einer außergewöhnlichen Hauptfigur, die fern bekannter Klischees agiert: ein bemerkenswerter Roman!
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Rendell, Ruth – Unschuld des Wassers, Die

_Inhalt_

Ismay Sealand stellt sich zehn Jahre lang immer wieder dieselbe Frage: Hat ihre kleine Schwester tatsächlich den Stiefvater umgebracht, um sie zu schützen? Hat die damals Dreizehnjährige die kurzen Treffen, die heimlichen Küsse, die verstohlenen Liebkosungen bemerkt und missinterpretiert? Hatte sie Angst, dass der ältere Mann sich ihrer fünfzehnjährigen Schwester aufdrängen würde, und ihn deshalb in der Badewanne ertränkt?

Ismay ist sich fast sicher, dass das der Fall ist, aber es fehlt ihr der Mut zum Nachfragen. Stattdessen schließt sie sich einfach eng an die Schwester an, teilt eine Wohnung in ihrem Elternhaus mit ihr und betrachtet achtsam all ihre Bewegungen. Bei der Mutter wird bald nach dem Tod des zweiten Mannes Schizophrenie diagnostiziert; sie ist meist in einem Nebel aus Medikamenten gefangen, liebevoll gepflegt von ihrer Schwester.

Das Haus mit den vier Frauen befindet sich in einer Art Schwebezustand: Jeder weiß, dass es nicht immer so bleiben kann, aber es ist gut, so lange es dauert. Schließlich aber wird der Frieden durchbrochen: Sowohl Ismay als auch ihre Schwester Heather finden Partner, und die Dinge kommen in Bewegung. Neue Wege werden begangen, neue Wünsche geweckt, und während die Eine auf Felsen baut, bricht der Traum der Anderen zusammen. Schließlich geschieht eine Katastrophe, und Ismay muss sich fragen, ob nicht die Wurzeln zum neuen Übel bis weit in die Vergangenheit hinein reichen …

_Kritik_

Zwei Handlungsstränge greifen in diesem Buch gekonnt ineinander, einmal der der Schwestern Ismay und Heather und dann der der mäßig erfolgreichen Berufsbetrügerin Margot. Margot erkennt eine Chance, wenn sie sich ihr bietet, und greift jäh in alles ein, was ihren Klauen nahe genug kommt. Der himmelweite Unterschied zwischen der ätherischen, immer nachdenklichen Ismay und der grellen, ungebildeten Glücksritterin macht einen der reizvollsten Kontraste des Buches aus.

Ruth Rendell gelingt es, verschiedene unerträgliche Situationen zu schaffen, in die sie ihre Charaktere langsam und unmerklich hineingleiten lässt, bis schließlich Abhängigkeiten entstehen, deretwegen man schreien möchte – aber alles ist folgerichtig und unausweichlich. Das war schon immer Rendells starke Seite, und sie hat dieses Talent einmal mehr unter Beweis gestellt.

Auch der Prozess, wie simple Annahmen im Laufe der Zeit in den Gehirnen zu Tatsachen werden und kaum mehr verrückbar sind, ist für den Leser gut nachvollziehbar gestaltet. Rendell zeichnet ihre Figuren mal sehr genau, so dass man sie in- und auswendig kennt und stark Anteil nimmt, und mal etwas verwischter, wenn sie den Leser noch im Dunkeln lassen möchte. Letzteren fühlt man sich dann zwar nicht so nahe, aber man kann das Grübeln nicht lassen, versucht sie gedanklich auszuloten. Der Stil Rendells ist dem Genre durchaus angemessen: Sicher, ohne Fehlgriffe, aber auch ohne fantasievolle Wortgebilde, die den Lesefluss unterbrechen.

_Fazit_

„Die Unschuld des Wassers“ ist ein stimmiger, psychologisch raffinierter, spannender Thriller, voller Extremsituationen, die aber den Beteiligten gar nicht so vorkommen, da sie so damit verwoben sind, dass für sie das Abnorme ganz alltäglich ist. Wer hochwertige kriminalistische Unterhaltung zu schätzen weiß, ist in jedem Fall gut beraten, sich mit Rendells Werk näher auseinanderzusetzen – mit diesem Roman wie mit allen anderen.

|Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Originaltitel: The Water’s Lovely
Aus dem Englischen von Eva L. Wahser
ISBN-13: 978-3764502683|
[www.randomhouse.de/blanvalet]http://www.randomhouse.de/blanvalet

_Ruth Rendell bei |Buchwurm.info|:_
[„Dunkle Wasser“ 340
[„Wer Zwietracht sät“ 1771
[„Das Verderben“ 2918

Verhoef, Esther – Hingabe

_Inhalt_

Margot Heijne steht zagend vor einem neuen Leben: Ihren untreuen Partner hat sie verlassen, sich eine eigene Wohnung gesucht. Nur wie soll es jetzt weitergehen? Sie macht die Bekanntschaft des gut aussehenden, souveränen Kunstfotografen Leon und verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Plötzlich geht alles ganz schnell: Sie kündigt die ungeliebte Arbeit, wagt den Schritt in die Selbständigkeit und zieht von ihrem Dorf aus nach Amsterdam mit in Leons Loft. Interessante Mensche kreuzen ihren Weg, und die Szene der Begabten, Exaltierten, Exzentrischen und Grenzgänger nimmt sie mit offenen Armen auf.

Dass hier aber nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, muss Margot erst nach und nach feststellen: Gerade war sie noch dabei, endlich ihren Traum zu leben, und plötzlich bekommt sie das Gefühl, auf Treibsand zu wandern. Oft ahnt sie nicht einmal, was sich hinter Andeutungen und Halbsätzen verbirgt. Und schließlich weiß sie nicht einmal mehr, wem sie trauen kann …

Im Verborgenen bereitet ein anderer Mensch sich vor; es ist nichts Neues, was hier in die Wege geleitet wird, doch es hat die Person beim letzten Mal berauscht, und dieses Gefühl muss wiedererlangt werden. Es geht um die Auslöschung eines Menschenlebens. Das Opfer vom letzten Mal sah Margot verblüffend ähnlich …

_Kritik_

Der Wendepunkt im Leben der jungen Frau ist nachvollziehbar dargestellt; wie die plötzliche Leere mit Neuem gefüllt wird, ist sehr schön gelungen und baut Spannung auf: Während Margot Heijne sich voller Energie in ihr neues, besseres Leben stürzt, hat der Leser schließlich den Vorteil zu wissen, dass sich etwas Düsteres zusammenbraut, so dass jeder anfangs noch so wohlgemute Schritt Margots beim Lesen mit Argusaugen betrachtet wird.

Die aus der Sicht des Mörders geschriebenen kurzen Zwischenspiele tun das Ihrige, um die Spannung zu erhöhen, speziell, wenn danach wieder Margots ganze fröhliche, verliebte Ahnungslosigkeit dargestellt wird. Die Diskrepanz zwischen Margots altem Leben auf dem Dorf mit Kaninchen, Verwandten, Tratschtanten und Schützenfesten und dem neuen, aufregenden Leben in der Großstadt zwischen Vernissage und Innenausstatterdasein könnte kaum größer sein und verdeutlicht herrlich den Zwiespalt, in dem die junge Frau steckt, als ihr langsam Zweifel kommen und Misstrauen sie beschleicht.

Man möchte ihr wünschen und raten, aber was? Denn als Leser jagt man hier eifrig den diversen falschen Fährten hinterher: Esther Verhoef hat jede Menge Spuren gelegt, mal mehr und mal weniger subtil, und wann immer man denkt, man sei ihr auf die Schliche gekommen, schlägt sie doch wieder einen Haken. Das ist absolut fabelhaft gemacht und hält den Leser bis zum Ende in Atem.

_Fazit_

Esther Verhoef hat für „Hingabe“ nicht zu Unrecht verschiedene Preise gewonnen; es ist ein Thriller, dessen atemlose Stimmung fast greifbar ist. Verhoef hat die Umsetzung des Bildes vom Damoklesschwert zur Meisterschaft gebracht und führt ihre Leser an der Nase herum, als habe sie ihren Lebtag nichts anderes getan. „Hingabe“ ist gefährlich, sexy, mitreißend und außergewöhnlich spannend. Lesen Sie es, Sie werden es nicht bereuen!

|Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Originaltitel: Close-up
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
ISBN-13: 978-3442752386|
[www.randomhouse.de/btb]http://www.randomhouse.de/btb
[www.estherverhoef.nl]http://www.estherverhoef.nl

Solanes, Martín – Mallorquinisches Blut

_Inhalt:_

Unbekanntes Mallorca – Sonne, Meer und ein furchtbares Verbrechen.

Ein düsteres Verbrechen überschattet das Paradies: Mehrere in alte mallorquinische Stoffe gewickelte grausige Funde bedrohen die Idylle der Baleareninsel. Mit ihrer Kamera spürt die Tatortfotografin Pilar Más dem mysteriösen Täter nach und begibt sich so gefährlich nah in seinen Fokus.

Ein seltsames Paket verstopft die Kanalisation Palma de Mallorcas. Das Bündel aus alten mallorquinischen Stofffetzen birgt einen schrecklichen Fund: eine abgetrennte Hand. Es ist nicht die letzte makabre Entdeckung, die die Tatortfotografin Pilar Más mit ihrer Kamera festhalten muss. Die junge Polizistin ist gerade erst in ihre Heimat zurückgekehrt, die sie sechs Jahre zuvor nach dem mysteriösen Tod ihres geliebten Cousins verlassen hatte.

Nun muss sie immer neue Leichenteile dokumentieren – ohne dem Täter dabei wirklich näher zu kommen. Bis eine Spur zu La Dragonera führt, der einsamen Dracheninsel vor Mallorca, einst Zufluchtsort für Schmuggler und Piraten. Doch als erneut Menschen aus Pilars Umfeld verschwinden, beginnt diese zu ahnen, dass die Vergangenheit ihrer Familie der Schlüssel zur Lösung des grausamen Rätsels ist.

_Meinung:_

Am 3.Juni macht Jovi, ein Straßenreiniger, in einer Rohrleitung der Müllentsorgung von Palma de Mallorca einen makabren Fund – eine Hand und Unterarm in einem Stoffpaket.

Pilar Más (Kriminaltechnikerin, wissbegierig, dickköpfig, ruhig, diszipliniert) kehrt nach sechs Jahren Polizeischule auf ihre Heimatinsel Mallorca zurück und kommt in das Team von Hauptkommissar Fernando Olazabal. Die beiden stehen sich von Anfang an feindselig gegenüber. Pilar untersteht in der Spurensicherung als Fotografin Offizier Gerónimo Diaz, der ein Freund von Pilars Cousin ist. Pilars erste Liebe starb vor sechs Jahren unter mysteriösen Umständen. Sein Tod war der Auslöser dafür, dass sie zur Polizei ging.

Bruno Montaner (stürmisches Temperament, fühlt sich der Insel sehr verbunden), lebt und arbeitet in Port d’Andratx und geht seltsamen Feuern auf der Insel La Dragonera nach. Er findet dort eine merkwürdige Feuerstelle und Schleifspuren (z. B. eines schweren Gegenstandes oder Körpers). Die Substanz, die er in der Feuerstelle findet, stellt sich nach der Untersuchung als von einem menschlichen Knochen stammend heraus.

Um Bruno wird eine kleine Spezialeinheit gebildet (der auch Pilar angehört), die sich auf die Suche nach dem Rest der Leiche macht. Es tauchen fünf weitere Pakete mit Leichenteilen in der Müllverwertungsanlage auf, u. a. auch ein verkohlter Schädel. Die Schnur der Pakete wird häufig als Takelschnur oder Trimmleine auf Segelbooten benutzt.

Bruno erfährt von einem befreundeten alten Bibliothekar von einem alten Atlas aus dem 13. Jahrhundert – dem „Atlas catalán“ mit zwei Karten von Mallorca und La Dragonera. Dieser Atlas befand sich einst im Besitz von Horacio Más, Pilars Großvater, zu dem sie eine sehr problematische Beziehung hat und dessen Begegnung sie meidet. Dennoch stattet sie Son Nadal, der riesigen Finca ihrer Familie, einen Besuch ab – und wird von ihren Erinnerungen heimgesucht. Denn die Geschichte der Familie Más wird beherrscht von Trauerfällen und der Brutalität ihres Großvaters, den sie hasst und verachtet. Pilars Vater starb mit 25 Jahren und ihre Mutter wenig später bei ihrer Geburt.

Pilar besucht Carape, den Schäfer von Son Nadal. Er war einst ihr Verbündeter und sie fühlt sich endlich wieder zu Hause. Von Carape erfährt sie, dass es mit dem Gut Son Nadal abwärts geht und die Familie in finanziellen Schwierigkeiten steht (und ihr Großvater oft auf der Rennbahn anzutreffen sei) – und sie hört zum ersten Mal von einem jungen Deutschen, einem eventuellen Sohn ihrer Tante Yolanda.

Pilar besucht eine Disco in Portal Nous und erfährt von Azur Letal, einer Bekannten, dass deren Bruder Fredo seit Monaten verschwunden ist, und erhält von ihr ein Foto vom Abend seines Verschwindens, auf dem er mit seinen Kumpels abgebildet ist.

Bruno und das Team erwarten Ende Juni – zum „blauen Mond“ weitere Vorkommnisse. In den Arabischen Bädern wurde eine große Menge Blut in die Bewässerungsgräben des Patios geschüttet, und an einer Mauer fand man blutige Handabdrücke; darüber hinaus auch Schuhabdrücke, die mit denen, die Bruno auf La Dragonera gesichtet hat, übereinstimmen. Das vergossene Blut bildet einen Pfeil, der auf das ehemalige Schöpfrad, das zu einem Brunnen umgebaut wurde, deutet. Dort findet das Team ein weiteres Paket mit dem Kopf eines Rassepferdes darin. Der Fall wird immer mysteriöser und verworrener. Und das Team steht auch intern unter Druck. Hauptkommissar Olazabals macht des ihnen schwer – Schikanen sind an der Tagesordnung und er provoziert seine Mitarbeiter, wo er nur kann.

Immer wieder ist von einem mysteriösen blonden Deutschen (bullige Gestalt, unsympathisch) die Rede. Auch als Bruno von einem Notar in Andratx hört, bei dem ein Holländer mit einer Besitzurkunde von La Dragonera auftaucht, die er von einem Deutschen gekauft hat. Bruno beschließt, Nachforschungen über Yolana und ihren Sohn in Deutschland anzustellen. Seine Tochter Ana lebt in Hamburg und studiert Journalismus und will in der Sache recherchieren. Ebenso fährt er mit seinem Team auf die Insel La Dragonera. Dort finden sie in der Feuerstelle weitere Fingerknochen und andere Indizien, die darauf schließen lassen, dass jemand auf der Insel verletzt oder getötet wurde. Der Verdacht verhärtet sich, als Pilar auch noch Fredos Mundharmonika (die er auf dem Foto, das sie hat, schwenkt) findet.

Auf dem Foto erkennt die alte Grita, die auf Son Nadal lebt, auch noch Oscar Uhl, Yolandas Sohn und einer der Verdächtigen. Somit zeigen wieder Zeichen Richtung Deutschland und irgendwie scheint Pilars Familie tief in diesem Fall involviert zu sein … wie die Insel La Dragonera, die einer der roten Fäden dieses Buches ist. Und dann wird Pilar entführt und gerät in Lebensgefahr …

_Der Autorin gelingt_ eine wunderbare Mischung aus Krimihandlung, mehrdimensionalen Charakteren – aber auch interessanten Nebendarstellern, wie Brunos Freundin Tita, eine Zigeunerin, oder seine Mutter Placida Más Montaner, aber auch Pilars strenge Tante Grita) und fein detailliertem Inselkolorit. Sie zeichnet ein Bild von Macht, Familienehre, Bindungsängsten und Traditionen. Und sie webt einen interessanten Handlungsstrang um den mallorquinischen Philosophen Raimundus Lullus (1235-1315) und seine im Jahre 1308 verfasste „Ars brevis“, eine von diesem selbst angefertigte Kürzestfassung seines weitaus umfangreicheren Hauptwerkes – der parallel entstandenen „Ars generalis ultima“.

Die „Ars brevis“ bietet eine kompakte Darstellung des reifen lullschen Denkens, in dessen Mittelpunkt die kombinatorische Methode steht, mit der Lullus in die Geschichte der Philosophie eingehen sollte – dem System der Erhellung der Wahrheit, das auf der Kombination von Buchstaben auf dem äußeren Ring eines Kreises beruht. Aber sie bezieht auch den Mond (Vollmond, blauer Mond), der in der mallorquinischen Mythologie eine wichtige Rolle spielt, in die Handlung mit ein.

Man merkt dem Roman an, dass Martín Solanes den Sommer stets auf Mallorca verbringt, wo die Wurzeln ihrer Familie sind. Da ich selbst seit fast zwölf Jahren auf der Insel lebe, sie aber weitaus länger kenne, muss ich der Autorin meine Anerkennung zollen, welch stimmiges Bild sie über Mallorca zeichnet – im Positiven und Negativen. Und es erlaubt einen Blick in die Seele der Mallorquiner.

Die Aufmachung des Titels ist ebenfalls ohne Fehl und Tadel: das Format etwas größer, Papier und Satz/Druck erstklassig. Somit bietet „Mallorquinisches Blut“ spannende, aber auch wissensreiche Unterhaltung und man verspürt zum Schluss Lust auf mehr. Man möchte wissen, wie es mit Pilar, aber auch Bruno und dem Team weitergeht – und hofft auf einen weiteren Fall, der uns erneut auf diese schöne Insel entführt.

_Fazit:_

Spannender Krimi und ein wunderbar stimmiges Bild über die Baleareninsel Mallorca machen das Buch absolut empfehlenswert.

|Taschenbuch: 318 Seiten
Originaltitel: Quand la lune sera bleue (2008)
Aus dem Französischen von Ute Bechberger & Cornelia Weinkauf
Titelgestaltung von creativ connect Karin Huber, München
Innenillustrationen von Studio de creation Flammarion
ISBN-13: 9783492052597|
[www.piper.de]http://www.piper.de

Welsh, Louise – Alphabet der Knochen, Das

Drugs, Sex und Gedichte – so in etwa sah das Leben des jung verstorbenen Dichters Archie Lunan aus. Wie das häufig der Fall ist, sind die Umstände seines Todes merkwürdig. War es Selbstmord oder ein Unfall, als er während einem Segeltörn verunglückte? In dem Buch „Das Alphabet der Knochen“ von Louise Welsh versucht der Literaturwissenschaftler Murray Watson dieser Frage auf den Grund zu gehen.

_Murray Watson verwendet_ sein Forschungssemester auf Archie Lunan, einen nicht besonders bekannten und jung verstorbenen Dichter der 70er Jahre, der an seiner Universität in Glasgow studiert hat. Fasziniert von Lunans Poesie sucht er nach biografischen Eckdaten. Er befragt ehemalige Studienkollegen von ihm, doch das Bild, das sie von dem Dichter zeichnen, ist inkonsistent. Einige beschreiben ihn als Trunkenbold, andere als untalentiert.

Um den mysteriösen Umständen seines Todes nachzugehen, fährt Murray auf die Insel Lismore, wo das Unglück passierte. Auf der Insel wohnt auch Christie Graves, die Freundin von Lunan. Sie könnte Murray sicherlich viele Anhaltspunkte für sein Buch liefern, doch sie hat ihm über seinen Anwalt ausrichten lassen, dass sie nicht an einem Gespräch interessiert ist. Doch so eine Insel ist klein. Vielleicht zu klein …

_Was bei „Das_ Alphabet der Knochen“ sofort auffällt, ist Louise Welshs ungewöhnlicher Schreibstil. Sie schreibt auf der einen Seite nüchtern und sachlich, beinahe distanziert, so wie man es aus vielen Krimis kennt. Sie berichtet detailliert, sowohl über das Privatleben ihres Erzählers als auch über den „Fall“. Allerdings lockert sie die Geschichte immer wieder mit ungewöhnlichen Metaphern und Sprachbildern auf, dank derer das Buch wesentlich lebendiger wird. Welsh hat dadurch ihren ganz eigenen Schreibstil, der sie von anderen Autoren unterscheidet.

Doch ein guter Schreibstil macht nicht automatisch ein gutes Buch. Der Knackpunkt des Romans ist die Handlung. Es ist keine richtige Krimihandlung, keine ordentliche historische Geschichte und für bloße Belletristik ist ein bisschen zu viel von beidem dabei. Murray erforscht das Leben von Lunan, doch was er zu finden hofft, bleibt im Verborgenen. Sucht er nach Fakten für sein Buch oder möchte er den Unfall aufklären? Murrays Motivation ist für den Leser nicht immer nachvollziehbar. Nach und nach findet der Literaturwissenschaftler zwar Details heraus, indem er Leute befragt – wie in einem Krimi -, doch es fehlt an Spannung. Zusammenhänge, vielleicht Intrigen, offene Enden, Überraschungen sucht man umsonst. Das Buch kriecht zäh voran, am Ende steht kein richtiges Ergebnis.

Die langsame Handlung überschattet die Personen in der Geschichte. Erzählt wird in der dritten Person aus Murrays Perspektive. Sein Charakter ist wirklich gut ausgearbeitet. Er ist nicht besonders interessant, eher langweilig, so wie man sich einen Literaturwissenschaftler eben vorstellt. Allerdings hat auch er seine Momente, seine Schattenseiten, in denen er dann nicht wie ein trockener Akademiker wirkt. Er hat ein Verhältnis mit der Frau des Dekans seiner Fakultät, zerstreitet sich mit seinem Bruder, denkt ein bisschen zu oft an Sex. Dadurch wird er interessanter und überrascht den Leser an der einen oder anderen Stelle.

_Letztendlich hilft die_ halbwegs interessante Hauptfigur und der tolle Schreibstil nicht über die Schwächen in der Handlung hinweg. Bei über 400 Seiten ist das durchaus ein Ärgernis.

|Gebunden: 428 Seiten
Originaltitel: Naming the Bones
Deutsch von Wolfgang Müller
ISBN-13: 978-3888976766|
http://www.kunstmann.de
http://www.das-alphabet-der-knochen.de

_Louise Welsh beim Buchwurm:_
[Der Kugeltrick 2755

Kliesch, Vincent – Reinheit des Todes, Die

Von einem wie ihm hätte man eigentlich Anderes erwartet. Vincent Kliesch, Moderator und Komiker, hat nicht etwa ein Buch voller unterhaltsamer Witze geschrieben, sondern gleich einen Thriller – der mit Komödie eigentlich gar nichts zu tun hat. „Die Reinheit des Todes“ ist sein erstes Buch.

_Julius Kern ist_ Ermittler beim LKA Brandenburg. Nachdem er während seiner Zeit in Berlin einen sadistischen Massenmörder gestellt hat aber nicht hinter Gitter bringen konnte, ist er nicht mehr derselbe. Seine Frau hat sich von ihm getrennt und ist mit der kleinen Tochter ausgezogen, Kern kümmert sich nicht ordentlich um sich selbst. Trotzdem holt Quirin Meisner, Leiter der Berliner Mordkommission, ihn ins Boot, als ein Serienmörder in Berlin sein Unwesen treibt. Seine besonderen Kennzeichen: Er hinterlässt jeden Tatort klinisch rein. Alles ist gründlichst geputzt, die Leiche wird gewaschen und in einem weißen Hemd aufgebahrt.

Bislang hat die Polizei keine einzige verwertbare Spur – wie auch, wenn der Mörder, intern „der Putzteufel“ genannt, alles steril zurück lässt. Meisner hofft, dass Kern durch seine kreative Ermittlungsweise frischen Wind in die Mordkommission bringt. Tatsächlich hat er bald erste Erfolge. Indem er sich in den Täter hinein versetzt, kommt er ihm allmählich auf die Spur. Doch die Ermittlungen sind zäh. Obwohl sich die Persönlichkeit, die der Mörder haben muss, heraus kristallisiert, bleibt seine Identität weiterhin unbekannt. Die Zeit läuft, denn alles spricht dafür, dass er bereits ein neues Opfer ausgespäht hat …

_Zugegeben: Am Anfang_ macht Kliesch nicht gerade die beste Figur. Der Anfang der Geschichte wirkt etwas zerfahren, da neben dem aktuellen Handlungsstrang häufig Rückgriff auf die Ereignisse vor drei Jahren genommen wird, die Kern beinahe kaputt gemacht haben. Als Leser stellt man sich die Frage: Wo möchte der Autor eigentlich hin? Und wieso erzählt er zwei Fälle in einem Buch? Hinzu kommt, dass die ersten Kapitel den Eindruck erwecken, dass hier noch ein deutscher Möchtegernpsychokiller zu Gange ist, der sich an amerikanische Vorbilder anlehnt. Mit der Zeit gewinnt Kliesch jedoch nicht nur mehr Sicherheit, sondern baut auch vermehrt Spannung auf. Am Ende präsentiert sich ein ziemlich komplexer Fall, an dem viele beteiligt sind und der die gegenwärtigen Ereignisse und die vor drei Jahren geschickt verbindet. Zahlreiche Überraschungen und Wendungen sorgen dafür, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann, so fesselnd ist es.

Auch der Möchtegernserienkiller entpuppt sich als durchaus nette Eigenkreation des Autors. Die Tätercharaktere sind nicht immer davor gefeit, an bestimmte Klischees zu erinnern, gewinnen mit der Zeit aber eine eigene Stimme und stechen dadurch hervor. Neben den Bösen steht natürlich Julius Kern im Mittelpunkt, ein eigensinniger Kommissar mit einer eigenen Ermittlungstaktik. Positiv an ihm ist, dass diese eigene Ermittlungstaktik tatsächlich deutlich wird. Es fällt auf, dass er die Fälle anders angeht, als man es erwartet und als es seine Kollegen tun. In vielen Büchern, in denen Ermittler angeblich eigene Methoden zur Fallaufklärung anwenden, wird deren Eigenständigkeit nie richtig deutlich. In „Die Reinheit des Todes“ schon. Allerdings kann man sich von Kern ansonsten kein besonders gutes Bild machen. Er wirkt etwas verschwommen, vor allem im privaten Bereich. Weil konkrete Anhaltspunkte fehlen, steckt man ihn als Leser in bekannte Ermittlerschubladen – in diesem Fall tendenziell in die des melancholischen skandinavischen Ermittlers. Das ist ein bisschen schade, lässt sich aber möglicherweise in Folgebänden, wenn es welche geben sollte, beheben.

Klieschs Schreibstil ist handwerklich gut, ausführlich und anschaulich. Er kann dem Buch zwar keine wirklich eigene Note verpassen, vermittelt die Geschichte aber sehr ansprechend und unterhaltsam.

_Kurzum: Was eher_ langweilig und banal beginnt, entwickelt sich zu einem spannenden Buch, das einiges an Potenzial aufweist, dieses aber gerade am Anfang nicht voll ausschöpft. „Die Reinheit des Todes“ macht jedoch Lust auf weitere Bücher mit Julius Kern und seiner ganz eigenen Ermittlungsweise.

|Broschiert: 313 Seiten
ISBN-13: 978-3442374922|
http://www.blanvalet.de

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Cyril Hare – Mit einer Nadel bloß

Hare Nadel Cover kleinDas geschieht:

In diesen Tagen des II. Weltkriegs möchte auch Anwalt Francis Pettigrew seinen Beitrag im Kampf gegen die Nazis leisten. Da er für den Frontdienst denkbar ungeeignet ist, versetzt man ihn in eine Behörde, die Herstellung und Verkauf eines äußerst kriegswichtigen Produktes kontrolliert: die britische Nadel.

Pettigrew wird nach Marsett Bay in einen abgelegenen Winkel der englischen Provinz versetzt, wo in dem ungemütlichen Schloss eines lange verstorbenen Landadligen eine Handvoll verschrobener Männer und Frauen der oben erwähnten Aufgabe nachgeht. Nach Feierabend trifft man sich in einer wenig gastlichen Pension wieder. Die Langeweile regiert, sodass die lebenslustige Witwe Hopkinson mit einem aufregend unanständigen Vorschlag aufwartet: Der Kollege Wood entpuppte sich als Verfasser leidlich bekannter Kriminalromane. Nun soll er eine Geschichte erfinden, in der seine Mitarbeiter als Opfer, Täter und Zeugen auftreten. Als Mörderin wird ausgerechnet die ältliche, psychisch labile Sekretärin Honoria Danville auserkoren. Cyril Hare – Mit einer Nadel bloß weiterlesen

Tey, Josephine – Warten auf den Tod

_Das geschieht:_

Niemand kennt den jungen Mann, dem eines Märzabends vor dem Woffington-Theater zu London ein Dolch in den Rücken gestoßen wird. Obwohl die Schlange der auf Einlass wartenden Thespisjünger sich um das große Haus windet, hat auch niemand die Bluttat beobachtet. Die zuständige Polizeiwache Gowbridge zeigt sich ratlos und bittet Scotland Yard um Unterstützung. Superintendent Barker schickt seinen besten Mann: Alan Grant, den Gentleman-Polizisten, der mit Köpfchen und Eleganz noch jeden Fall gelöst hat.

Dieses Mal lassen sich die Ermittlungen schwerfällig an, denn es gibt zwar Spuren, die jedoch nur ins Leere führen. Die Anonymität des Opfers macht Grant zusätzlich zu schaffen. Ausgerechnet ein ‚alter Kunde‘, der Ganovenkönig Danny Miller, kann dem „verdammten Polypen“ behilflich sein: Den Toten hat er als Buchmacher während eines Pferderennens kennen gelernt.

Jetzt kommt die Polizeiarbeit in Schwung. Unerbittlich verbeißt sich Grant in die sich allmählich mehrenden Spuren. Bald schon bekommt er den mutmaßlichen Mörder zumindest aus der Ferne zu Gesicht. Noch gelingt diesem die Flucht, aber er ist nervös geworden und macht sich nach Schottland davon. Gut verkleidet folgt ihm Grant und waltet seines Amtes, aber die Unschuldsbeteuerungen des Mannes verunsichern ihn. Tatsächlich gibt es da Indizien, die in eine ganz andere Richtung weisen – und Grant ist nicht der Kriminalist, der sich mit dem Offensichtlichen zufriedengäbe!

_Zeit lassen & trotzdem spannend sein_

Ein Mord geschieht und wird aufgeklärt: So kurz lässt sich der Inhalt des hier vorgestellten Kriminalromans zusammenfassen. Ob er deshalb so gut funktioniert? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Schnörkellosigkeit des Plots täuscht; er ist wesentlich kunstvoller komponiert, als er zunächst erscheint. Vor allem in der ersten Hälfte sind es die wenigen Indizien, die den Eindruck erwecken, der Fall sei gelöst, wenn Grant die Bruchstücke in der korrekten Reihenfolge zusammengesetzt hat.

Selten steht in einem klassischen Thriller die profane Kriminalistik so im Vordergrund wie hier. Dabei wird das „police procedural“ im Kriminalroman erst in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg datiert. Vorher hüllte sich der Ermittler üblicherweise in den Dunst der eigenen Genialität, den in der Regel ein ‚Watson‘, der in Vertretung der Leser die dummen Fragen stellt, aufhellen muss. Josephine Tey geht einen anderen, für einen schon 1929 entstandenen Krimi bemerkenswert modernen Weg. Sie lässt uns in ausgedehnten inneren Monologen teilhaben an den Gedankengängen des Alan Grant. Diese machen sehr deutlich, dass der keinen „Assistenten“ benötigt, sondern sehr gut allein seine Arbeit erledigen (und sich dabei tüchtig irren) kann.

Stück für Stück vervollständigt Grant das Puzzle. Harte Arbeit, Beharrlichkeit, die Unterstützung durch Kollegen, Glück und Zufall: Hervorragend und stets überzeugend zeichnet Tey das Bild professioneller Polizeiermittlungen. Entspricht es der Wirklichkeit? Das ist nebensächlich, denn dank Tey glauben wir es zumindest, und das reicht völlig aus.

|Thriller mit Hitchcock-Auftakt|

Zudem hat die Verfasserin ein Händchen für eindrucksvolle Szenen. Die ersten Seiten, die das Ende des unglücklichen Buchhalters schildern, sind eines Alfred Hitchcock durchaus würdig: Inmitten einer Menschenmenge ereignet sich völlig unverhofft ein Mord. (1937 bediente sich der „Master of Suspense“ des Teyschen Grant-Romans „A Shilling for Candles“ als Vehikel für seinen Film „Young and Innocent“.) Dies bettet Tey so genial in eine lebendige Schilderung menschlichen Verhaltens ein, dass es auch den Leser überraschen kann. Auch später gelingen der Verfasserin immer wieder solche Szenen. Zu erwähnen ist beispielsweise Grants Besuch im Woffington-Theater, der in jeder Zeile von der Vertrautheit Teys – die viele Jahre Bühnenstücke schrieb – mit diesem Milieu kündet.

Der Mittelteil spielt in den Highlands, die Tey, der geborenen Schottin, ebenfalls wohl vertraut waren. Auch hier ist Hitchcock nahe: Die Figuren seiner Verfilmung des John-Buchan-Bestsellers „The 39 Steps“ (1935, dt. „Die 39 Stufen“) liefern sich ebenfalls eine Hatz durch Heide und Moor – und dann ist da natürlich |der| Sumpfkrimi-Klassiker [„Der Hund der Baskervilles“ 1896 (1901) mit Sherlock Holmes & Dr. Watson von Arthur Conan Doyle.

|Andere Zeiten mit hässlichen Vorurteilen|

Einige heute gewichtige Anlässe zur negativen Kritik liefern unschöne Ressentiments. Josephine Tey (die als Schottin geboren wurde) ist Britin durch und durch. Sie meint ‚ihre‘ Landsleute zu kennen und projiziert dies auf Alan Grant. Der sieht den Dolch im Rücken des Opfers und ‚weiß‘ sogleich: |“Kein echter Engländer würde eine solche Waffe benutzen.“| (S. 19) Deshalb ‚muss‘ ein Südeuropäer die Tat begangen haben: |“Südländer waren in ihren Gefühlen notorisch verletzlich; eine Beleidigung nagte ein Leben lang, ein verirrtes Lächeln auf der Seite ihrer Angebeteten, und sie liefen Amok.“| (S. 20) Solche Passagen verraten dann doch das wahre Alter der ansonsten nur edel gereiften Geschichte. Manchmal verärgern sie sogar, auch wenn man sich vor Augen führt, dass Tey nur schreibt, wie vielen englischen Zeitgenossen der Schnabel gewachsen war: |“[Grant] kannte die fast rattenhafte Vorliebe des Südländers für die Kloake eher als für das Offene.“| (S. 76)

|Mit scharfem Verstand & ohne Privatleben|

Dieser Alan Grant ist ungeachtet seiner Vorurteile ein höchst interessanter Charakter. Es heißt, dass Josephine Tey ihm viele eigene Wesenszüge aufgeprägt hat. Sie hat offenbar stets allein gelebt und das für völlig normal befunden. Bei der Lektüre fällt Grants ausgeprägter Hang zum Alleinsein auf. Darunter leidet er jedoch nicht; es ist sein Lebensstil, so dass Tey keine Zeit darauf ver(sch)wenden muss, dem armen Mann eine Gefährtin finden zu lassen. Die Abwesenheit solcher Seifenoper-Elemente ist durchaus zu verschmerzen.

Grant ruht in sich selbst. Er ist ein scharfer Beobachter mit festen Grundsätzen. Das macht ihn nicht unbedingt sympathisch. Grant ist sehr von sich und seinen Fähigkeiten eingenommen. Dafür gibt es oft gute Gründe, manchmal aber nicht; seine persönlichen Vorurteile lässt Grant sehr wohl in seinen Polizeialltag einfließen. Das hat er mit den Kriminologen seiner Ära gemeinsam. Trotzdem ist da nichts von den Schrullen, mit der beispielsweise Agatha Christie ihren Hercule Poirot oder ihre Miss Marple ausstattet. Außerdem Grant ein Snob; er kann es sich ja erlauben, hat er doch eine Erbschaft gemacht, die ihm finanzielle Unabhängigkeit garantiert. Trotzdem ist er bei Scotland Yard geblieben, denn weniger die Jagd auf Verbrecher als die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung ist seine Passion.

Solche Abstraktionen und Übertreibungen koppeln eine Figur von der Realität ihrer Geschichte ab und verleihen ihr ein Eigenleben, das sie unsterblich werden lassen kann. Grant ist dagegen zu stark und zu kühl, als dass er das Herz der Leser gewinnen könnte. Man akzeptiert ihn, wenn er schließlich begreift, dass die Realität sich dem Verstand nicht zwangsläufig unterordnet, aber man liebt ihn nicht. Für die Konsequenz, mit der Tey dies umsetzt, im Thriller-Genre ihren eigenen Weg geht und nicht den größten gemeinsamen Lesernenner anpeilt, gebührt ihr Anerkennung.

Nur wenige Figuren sind für Tey eindeutig ‚gut‘ oder ‚böse‘. Normalerweise steckt ein bisschen von beidem in ihren Protagonisten. Auch das wirkt heute weniger zeitgenössisch als zeitgemäß. Wie man sich denken kann, bezieht Tey die weiblichen Figuren hier ein. Ihre Frauen sind keine notwendigen Randgestalten, die gerettet oder geheiratet werden müssen, sondern stehen fest im Leben, das sie aktiv – und wiederum im Positiven wie Negativen – gestalten.

|Auch Humor kann subtil sein|

Positiv gilt weiterhin Teys ausgeprägter Sinn für den (in der Übersetzung erhalten gebliebenen) „britischen“ Humor, der nicht ohne Grund so berühmt geworden ist, setzt er doch nie auf den plumpen Furzkissen-Effekt, der z. B. für deutsche „Comedians“ lebensnotwendig ist: |“… der Arbeit brachte seine eigenen Schrecken mit sich in dem hell erleuchteten Gemeindesaal, wo … Frauen umherliefen …, dabei viel redeten und wenig zustande brachte, da keine von ihnen etwas tun konnte, ohne dass eine andere eine Verbesserung vorschlug, was hieß, dass das Komitee schon mitten in der Sitzung war.“| (S. 151). Oder Teys Kommentar zum Dorfleben: |“Die beiden Männer waren niemandem aus der Gemeinde persönlich bekannt gewesen. Sie waren … aus der Ferne als moralische Aussätzige ohnegleichen betrachtet worden, aber als Gesprächsthemen besaßen sie jene nie schwindende Anziehungskraft, die die ausgekochte Verworfenheit auf die Tugend ausübt, und keine Einzelheit ihres Lebens war den Leuten verborgen geblieben.“| (S. 153). Wieso solche Aperçus witzig sein sollen, fragt da jemand? Tja, wer so denkt, der halte sich lieber an die Grimassenschneider der privaten Fernsehsender …

_Autorin_

Josephine Tey wurde 1897 als Elizabeth Mackintosh im schottischen Inverness geboren. Sie besuchte dort die Royal Academy sowie das Anstey Physical Training College in Birmingham, eine typische Frauenschule dieser Epoche, die ‚damengemäße‘ Grundkenntnisse in Medizin und Physik vermittelte sowie viel Wert auf Gymnastik und Tanz legte.

Mackintosh, die echtes Talent als Leichtathletin an den Tag legte, lehrte nach ihrem Abschluss 1918 Sport an diversen Colleges in England. Als 1926 ihre Mutter starb, kehrte sie nach Inverness zurück, um den invaliden Vater zu pflegen. In dieser Zeit begann Mackintosh, die schon immer gern geschrieben hatte, Kurzgeschichten und Gedichte in verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen. Als der Verlag Methuen in London 1929 einen Wettbewerb ausschrieb, verfasste Mackintosh angeblich binnen zweier Wochen ihren Romanerstling „The Man in the Queue“, der unter dem Pseudonyme „Gordon Daviot“ erschien.

Es dauerte knapp acht Jahre, bis die Autorin einen weiteren Roman vorlegte: „A Shilling for Candles“, wieder ein Krimi mit Inspektor Grant, trug auf dem Titel den Verfassernamen „Josephine Tey“. Mackintosh, die stets die Öffentlichkeit mied, verwendete den Vornamen der Mutter und den Nachnamen der englischen Großmutter. Bei diesem Pseudonym blieb sie. „Gordon Daviot“ lebte aber weiter und verfasste seit den 1930er Jahren Theaterstücke. Mit „Richard of Bordeaux“ verhalf Mackintosh 1932 dem Schauspieler und Regisseur (Sir) John Gielgud (1904-2000) zum Durchbruch. Ihre späteren Werke konnten diesen Erfolg nicht wiederholen. Die intime Kenntnis des englischen Theaterlebens floss indessen positiv in die Kriminalromane der Josephine Tey ein.

Diese schrieb sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig. Kolportiert wird, dass sie dies als Brotarbeit betrachtete, mit der sie freilich außerordentlich gut verdiente: Die Romane der Autorin – die nicht nur Thriller verfasste – waren bei Kritikern und Lesern gleichermaßen beliebt. Tey komponierte nicht nur ausgeklügelte Plots, sondern verfügte über die Gabe einer vielschichtigen Figurenzeichnung. Alan Grant ist weit entfernt von der Eindimensionalität zahlreicher zeitgenössischer Krimi-Detektive.

Teys Werk blieb schmal. Anfang der 1950er Jahre erkrankte sie an Krebs. Sie, die niemals geheiratet hatte, verschwieg ihren Freunden die Krankheit und starb daher überraschend am 13. Februar 1952 in Streatham, London. An ihrem Grab trauerten viele Theaterfreunde, darunter auch Sir John Gielgud.

(Wie es sich gehört, sei hier [ein Link zur Quelle] http://www.r3.org/fiction/mysteries/tey_butler.html#works genannt, aus der Ihr Rezensent u. a. seine Kenntnis über J. Tey schöpfte.

|Die „Alan Grant“-Serie von Josephine Tey|

(1929) Der Mann in der Schlange / Warten auf den Tod (The Man in the Queue / Killer in the Crowd)
(1936) A Shilling for Candles (noch kein dt. Titel)
(1948) Die verfolgte Unschuld (The Franchise Affair) – DuMontKB Nr. 1026
(1950) Wie ein Hauch im Wind (To Love and Be Wise) – DuMontKB Nr. 1036
(1951) Richard der Verleumdete / Alibi für einen König (The Daughter of Time)
(1952) Der singende Sand (The Singing Sands) – DuMontKB Nr. 1013

DuMontKB = Dumont Kriminal-Bibliothek

|Taschenbuch: 285 Seiten
Originalausgabe: The Man in the Queue (London : Methuen 1929)
DuMont Kriminal-Bibliothek Nr. 1120
Übersetzung: Jochen Schimmang
ISBN-13: 978-3-8321-8300-4

Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der Mann in der Schlange“): 1972 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Crime Classic Nr. 1487)
Übersetzung: Alfred Dunkel
ISBN-13: 978-3-453-10459-4|
[DuMont Buchverlag]http://www.dumont-buchverlag.de

Franz, Andreas – Eisige Nähe

_Inhalt:_

Der Kieler Musikproduzent Peter Bruhns wird zusammen mit seiner jungen Geliebten tot in seinem Penthouse aufgefunden. Eine Beziehungstat? Oder das Werk eines persönlichen Feindes, von denen es nicht wenige gibt? Bei den Untersuchungen wird ein Gift gefunden, das den Kommissaren Sören Henning und Lisa Santos Rätsel aufgibt. Der Fall nimmt eine ungeahnte Wendung, als am Tatort DNA sichergestellt wird, die in Deutschland bereits nach verschiedenen Morden aufgetaucht ist. Ist hier ein Massenmörder am Werk? Was steckt wirklich hinter dem Mord an Peter Bruhns?

_Meinung:_

Sören Henning und Lisa Santos (auch privat ein Paar) haben ihren nächsten Fall zu lösen – und einen besonders abscheulichen dazu. Als der Kieler Musikproduzent zusammen mit seiner Geliebten ermordet wird, blickt das Ermittlerduo schon bald in die tiefsten menschlichen Abgründe der Perversität. Peter Bruhns, der trotz seiner Ehe zahlreiche Affären hatte, und seine junge Geliebte werden tot und in eindeutiger sexueller Pose (inszeniert vom Mörder) aufgefunden. Lisa und Sören erhalten einen anonymen Anruf und finden die beiden „drapierten“ Leichen. Der Anrufer kündigt an, sich wieder zu melden.

Der zweite Handlungsstrang ist aus Sicht des Auftagskillers Hans Schmidt geschildert, der seit 25 Jahren rund um den Globus unliebsame Personen aus höheren Kreisen beseitigt, die aber allesamt „Dreck am Stecken“ hatten. Nur eine Person kennt Schmidts wahre Identität: Sarah Schuhmann, die ihn zu seinem ersten Mord anheuerte.

Schmidt lebt in Lissabon und kommt nach Kiel, um eine persönliche Abrechnung durchzuführen, bevor er sich „zur Ruhe“ setzen will, um mit der 20 Jahre jüngeren Maria, der Frau, die er wirklich liebt, ein schönes Leben zu führen.

Lisa und Sören befragen die Witwe des Toten, Victoria Bruhns, und erfahren sehr schnell, dass es nicht gut um die Ehe bestellt war, sie seit der Geburt der gemeinsamen Tochter nur auf dem Papier bestand. Als Aushängeschild für die scheinbar „saubere, heile Welt“ des Musikproduzenten, der „hinter den Kulissen“ ohne Skrupel seine pädophile Ader auslebte.

Oberstaatsanwalt Rüter bildet um Sören die Soko „Bruhns“ und stellt ihm dreißig Leute zur Verfügung, darüber hinaus fordert er Ergebnisse innerhalb einer Woche. Die Obduktion der beiden Leichen ergibt, dass ihnen das Gift der Tollkirsche verabreicht wurde. Erst danach wurden sie erschossen. Was das Besondere an dem Fall ist: Bei den Toten wurde die DNA entdeckt, die seit drei Jahren bei diversen Mordopfern gefunden wurde. Die SOKO geht schon bald von einem Auftragskiller aus.

Doch in dem Team und unter den Kollegen und Vorgesetzten von Lisa und Sören ist auch nicht alles eitel Sonnenschein. Volker Harms, ihr Vorgesetzter, hat sich verändert, und innerhalb der SOKO wollen immer weniger an den Fall heran. Auch Klaus Jürgens, der Pathologe, verhält sich merkwürdig. Das Auffinden der DNA wird zum Beispiel totgeschwiegen.

Überhaupt wird immer mehr „Druck von oben“ auf die SOKO ausgeübt – die Hierarchie lebt, es geht ums Eliminieren, Manipulieren und Vertuschen. Und es gibt mehr Dreck an allem möglichen Stecken innerhalb des Polizeiapparates und Parteiämtern, als sich Sören und Lisa vorstellen können. Justiz, Politik und Wirtschaft sind eng miteinander vernetzt.

Aber auch in dem Mordfall Bruhns tun sich immer mehr menschliche Abgründe auf. So steht bald zweifelsfrei fest, dass der Ermordete an der Vergewaltigung und Ermordung einer Elfjährigen beteiligt bzw. dafür verantwortlich war. Sehr schnell und allzu bereitwillig zaubern zwei „Kollegen“ (aus der Drogenfahndung des LKA) einen Verdächtigen aus dem Ärmel, den sie auch noch bei ihrem angeblichen „Verhaftungsversuch“ erschießen – Manfred Weidrich, Bruhns Ex-Toningenieur.

Aber auch Bruhns Geliebte scheint ein dubioses Leben geführt zu haben, denn sie besitzt – trotzdem sie erst 18 Jahre alt war – eine teure Wohnung und zwei Konten mit hohem Guthaben. Sören und Lisa glauben nicht daran, dass Weirich Bruhns und seine Geliebte umgebracht hat. Sie misstrauen ihren beiden „Kollegen“, Weirich erschossen zu haben, und fragen sich, warum ein Täter präsentiert wird, der nichts mit den Morden zu tun hatte. Das Bild rundet sich immer mehr, als sie erfahren, dass die beiden Kollegen als „LKA-Männer für das Grobe“ gelten, wenn man einen Fall schnell zu den Akten legen will.

Schmidt, der Auftragskiller, agiert auf seiner Seite streng nach einem persönlichen Plan und begeht weitere „Liquidierungen“. Er spielt dabei mit der Polizei und den Medien, nutzt sie für seine Zwecke und entpuppt sich immer mehr als Verwandlungskünstler. Er zeigt aber, dass auch er Wertigkeiten besitzt – und seine Schwächen. In diesem Fall zwei Frauen, zu denen er sich auf unterschiedliche Weise hingezogen fühlt. Doch auch er bekommt seine Rechnung präsentiert …

Dann meldet sich ein gewisser Karl Albertz bei Lisa, der angeblich seit 30 Jahren für den Verfassungsschutz arbeitet, und schlägt Lisa und Sören ein Treffen vor. Bei diesem bestätigt er ihnen u. a., dass Bruhns und seine Geliebte durch einen Auftragskiller beseitigt wurden, und gibt ihnen Informationen, die er über den Killer hat, preis; auch, dass seine Dienststelle mit mehreren Auftragskillern – auch mit diesem – zusammenarbeitet. Ebenso erfahren sie von ihm, dass Bruhns seine Hände in Geldwäsche-, Drogen- und Kinderprostitutionsgeschäften hatte. Aber sie erfahren auch noch mehr Dreck aus den „eigenen Reihen“. Der Fall wird immer abgründiger …

Andreas Franz schuf mit „Eisige Nähe“ wieder einmal einen spannenden und dennoch tiefgründigen Krimi über das organisierte Verbrechen, aber auch über die Bigotterie der Menschen, ihre tiefen Abgründe und ihre sexuellen Abnormitäten. Dieser Roman belegt darüber hinaus deutlich, dass nicht immer Weiß Weiß ist oder Schwarz Schwarz, dass die Bösen nicht immer die Bösen und die Guten nicht immer die Guten sind – und dass vieles in der Grauzone zu finden ist. Der Autor schafft es, dass man dem Killer gegenüber nicht negativ eingestellt ist, sondern eher so manchen der vermeintlich „Guten“.

Die Aufmachung des Titels ist wie immer bei |Knaur| erstklassig. Dankenswerterweise wurde wieder auf ein reißerisches Covermotiv verzichtet (das gerade dieser Roman leicht hätte „liefern“ können), sondern es wurde ein schlichtes zurückhaltendes gewählt. Papier und Druck sind ohne Fehl und Tadel und auch das Preis-Leistungsverhältnis stimmt. Leserherz was willst du mehr?

_Fazit:_

„Eisige Nähe“ ist ein spannender Krimi über menschliche Abgründe, „Geld und Macht“ und organisiertes Verbrechen. Absolut packend und empfehlenswert!

|Hardcover: 582 Seiten
Titelillustration von FinePic, Müchen
Titelgestaltung von ZERO Werbeagentur, München
ISBN-13: 978-3426663004 |
[www.knaur.de]http://www.knaur.de
[www.andreas-franz.org]http://www.andreas-franz.org

_Andreas Franz bei |Buchwurm.info|:_
[„Teuflische Versprechen“ 1652
[„Unsichtbare Spuren“ 3620
[„Spiel der Teufel“ 4937

Cook, Christopher – Robbers

_Das geschieht:_

Eddie und Ray Bob sind „white trash“: Geboren in ein chancenloses Unterschichten-Leben voller Engstirnigkeit, Gefühlskälte und Gewalt, haben sie früh die übliche kriminelle Laufbahn eingeschlagen, blieben auch dort erfolglos und haben, obwohl noch jung an Jahren, die meiste Zeit ihres Lebens hinter Gittern verbracht. So lange sie sich nicht kannten, waren die beiden Männer wie kaltes Wasser und heißes Fett: latent gefährlich, aber unter Kontrolle, wenn man das eine nicht zum anderen gießt. Als dies geschieht, explodiert die Mischung mit mörderischer Wirkung. Ausgerechnet der ruhige Eddie dreht durch. Als ihn ein Ladenbesitzer wegen eines fehlenden Cents nicht bedienen will, greift er zur Waffe. Jetzt glaubt Ray Bob endlich den Partner gefunden zu haben, der ihm bei seinem Wüten gegen Gott und die Welt zur Seite stehen wird. Binnen weniger Stunden sind vier weitere Menschen tot.

Da Eddie und Ray Bob im US-Staat Texas Amok laufen, ist nicht nur die Polizei hinter ihnen her. Der erfahrene Ranger Rule Hooks setzt sich ebenfalls auf die Spur. Er ist bekannt dafür, zur Selbstjustiz zur neigen. Dieses Mal ist Hooks besonders hartnäckig, denn Ray Bob hat Detective Bernie Rose, einen der wenigen Freunde des Rangers, erschossen.

Mit ihrem Cadillac fahren Eddie und Ray Bob ziellos durch das texanische Hinterland. Unterwegs gabeln sie Della auf, die ebenfalls auf der Flucht ist, nachdem sie in Notwehr einen allzu gewaltfreudigen Liebhaber erstochen hat. Zu dritt zieht man raubend und mordend weiter und trennt sich, bis sich eines Tages die Wege von Verfolger und Verfolgten erneut kreuzen und die Tragödie in einem tödlichen, aber hoffnungsvollen Höhepunkt gipfelt …

_Böse Menschen mit traurigen Schicksalen_

|“Sie hatten einen Hang zu Inzucht und völliger Zurückgezogenheit. Echte texanische Rednecks, Diebe und Wilderer, aggressiv von Natur aus und ignorant aus freien Stücken.“ (S. 314)|

Dies sorgt für entsprechend turbulente Szenen, die sich glücklicherweise meist auf die heimatlichen Gefilde besagter Rednecks beschränken. Christopher Cook lässt in „Robbers“ diesem labilen emotionalen Gemisch eine gefährliche Zutat einfließen: Intelligenz. Ray Bob ist zwar ein Redneck, aber in der Lage, seine hoffnungslose Situation zu erkennen. Daraus resultiert eine brodelnde Wut, die nach ihrem Ventil sucht.

Ray Bob hat bereits gemordet, als er auf Eddie trifft. Doch zum endgültigen Kontrollverlust fehlte bisher ein Faktor: Ray Bob suchte einen Gefährten, der mit ihm in den Krieg gegen die Gesellschaft zieht. Als Eddie einen Mord begeht, der nur in Ray Bobs falsch geschaltetem Hirn einen Sinn ergibt, glaubt er ihn gefunden zu haben. Er ist befreit und lässt seinem „Natural Born Killer“-Trieb freien Lauf. Als Eddie nicht mitzieht und sich später sogar von ihm trennt, glaubt Ray Bob sich doppelt verraten und setzt seinen Ex-Partner ganz oben auf die endlose Liste seiner ‚Feinde‘.

Nur nominell auf der ‚richtigen‘ Seite des Gesetzes steht Texas-Ranger Hook. De facto ist er ebenso wurzellos und verloren wie die beiden Männer, die er mangels privater Alternativen mit fanatischer Konsequenz verfolgt. Hook hat seine Familie vertrieben und betrügt seinen besten Freund. Er spielt sich als Richter und Henker auf, ohne erkennen zu wollen, dass er auf diese Weise dem Druck in seinem Inneren nachgibt: Hook muss nicht morden, als Vertreter des Gesetzes kann er im Dienst töten.

Des Vierecks zunächst verhängnisvolle letzte Seite bildet Della, eine vom Leben überforderte Frau, die ohne Mann nicht sein kann, aber stets an den Falschen gerät. Mit ihr beginnt der Streit zwischen Ray Bob und Eddie, der ausgerechnet in Della den Anlass findet, sein aus dem Ruder gelaufenes Leben neu zu beginnen. Dass dies gelingt, gehört zu den (wenigen) Überraschungen dieses dickleibigen Romans. Ohne weitere Gewalt läuft freilich auch dies nicht ab.

|Weites Land für engstirnige Menschen|

Texas wird für den Verfasser zur weiteren ‚Hauptperson‘. Immer wieder dient ihm das Land als Metapher. Es macht seinen Bewohnern das Leben nicht leicht. Cook füllt viele Seiten mit Schilderungen kahler, verödeter, vom Menschen zerstörter und verschmutzter Landstriche. Darüber liegt eine Hitze, die in der Wüste das Hirn röstet und in den Sümpfen eine schwüle, giftige, fäulnisreiche Atmosphäre ausbrütet. In jedem Fall beschwört die Sonne mentale Kurzschlüsse förmlich herauf.

Deren Folgen sind in der Regel beträchtlich, denn Cook erinnert auch an die sprichwörtliche Waffenliebe des US-Rednecks. Ohnehin sind alle Texaner bewaffnet und wie der ebenso trauernde wie hasserfüllte Deputy Lomax, den Ray Bob zum Witwer machte, überzeugt davon, ihr ‚Recht‘ notfalls mit einer waschechten Elefantenbüchse durchsetzen zu dürfen. Dass neben Revolver und Flinte stets die Bibel griffbereit liegt, erfüllt ein weiteres Südstaaten-Klischee, das vielleicht gar kein Klischee ist.

|Eine (inzwischen) ziemlich bekannte Geschichte|

„Robbers“ gehört zu den Romanen, die ein abseits des verhassten Mainstreams nach literarischen Trüffeln suchendes Feuilleton in Entzücken versetzen. Es klassifiziert dieses Buch nicht als Krimi oder Thriller, sondern erhebt es in den Stand ‚richtiger‘ Literatur. Cook selbst erleichtert diesen Vorgang, indem er eine einfache Story mit ‚literarischen‘ Einschüben auflädt. Dazu gehören innere Monologe und ein Stil, der kunstvoll versimpelt wird, um die inhaltliche Relevanz erst recht zu verdeutlichen. Ausführliche Wetterberichte und Landschaftsbeschreibungen vertiefen den Eindruck erzählerischer Dichte und poetischer Schwere.

Dass sich „Robbers“ in der deutschen Fassung auf über 550 Seiten aufplustert, kommt durch etwas zustande, dass man seit einigen Jahren als „Tarantino-Faktor“ bezeichnet: Figuren unterhalten sich nicht, indem sie bestimmte Themen direkt ansprechen. Stattdessen reden sie endlos über Nebensächlichkeiten und aneinander vorbei. Dies symbolisiert die Isolation des Individuums in einer entmenschten Gesellschaft. Ursprünglich funktionierte dieser Trick gut; auch Cook gelingen Momente, in denen sich die Verlorenheit seiner Figuren in der Trivialität ihres Redens (und Handelns) spiegelt. Allerdings wird der Effekt seit Tarantino inflationär eingesetzt. Er hat viel von seiner Wirkung verloren und wird längst auch wieder als „Geschwätz“ geschmäht – Pech für Cook, dessen „Robbers“ hierzulande erst mit zehnjähriger Verspätung erscheint.

Überhaupt kann der Autor für seine Story keine Originalität beanspruchen. „Robbers“ liest sich flüssig – die überbordenden Beschreibungen (s. o.) können übersprungen werden -, weil Cook ein guter Schriftsteller ist, der viele Bestseller-Stammler sehr dumm aussehen lässt. Die Handlung birgt allerdings kaum Überraschungen. Man hat sie u. a. in zu vielen nur mittelmäßigen Filmen gesehen. Oder wie kommt es sonst, dass vor dem inneren Auge des Rezensenten nicht Rule Hooks, sondern immer Tommy Lee Jones Gestalt annehmen will? (Was natürlich auch daran liegt, dass Autor Cook in „Robbers“ mit Elementen des Spät-Westerns spielt, was angesichts der texanischen Kulisse wahrscheinlich Vorschrift war.)

Zudem verliert die Story nach einem rasanten Auftakt rasch Tempo. Im Mittelteil lahmt vor allem die Liebesgeschichte zwischen Eddie und Della, die sicherlich ebenfalls literarisch wertvoll, aber dennoch langweilig ist. Auch Ray Bob und Ranger Hook fahren vor allem durch Texas und hängen dabei ihren trüben Lebenserinnerungen nach. Das dauert vor allem lange und führt zu nichts. Erst auf den letzten 100 Seiten zieht das Tempo endlich an.

|Chimäre ohne Biss|

Ist „Robbers“ Thriller oder Literatur? Oder beides? Und als dritte und wichtigste Frage: Wen interessiert das? Ein Buch muss seinem Leser eine Reaktion entlocken. Sie kann auch negativ ausfallen, aber Ärger über verschwendete Lektürezeit ist definitiv kein erfreuliches Resultat. Cook rettet sich mit seiner (auch in der Übersetzung) routinierten Schreibe so gerade über die volle Distanz, aber das Ergebnis als „sprachgewaltigen Thriller für alle Fans von Elmore Leonard, Quentin Tarantino und den Coen-Brothers“ zu bezeichnen, wie wir es auf dem hinteren Umschlag lesen, ist keine Orientierungshilfe, sondern die simple Bündelung dreier Namen, die nur ein guter Ruf bei ihrem jeweiligen Publikum eint, das auf diese Weise gesammelt und zum Kauf gelockt werden soll. (Um die Sinnlosigkeit dieses Vergleiches zu perfektionieren und den Werbeeffekt auf die Spitze zu treiben, hätte man übrigens „Elmore Leonard“ gegen „Stephen King“ austauschen müssen.)

Ein „Hardcore“-Thriller ist „Robbers“ ebenfalls nicht. Die ‚harten‘ Stellen sind zu zahlenarm, die Geschwätzigkeit ist zu ausgeprägt. Wie man Thrill und Anspruch harmonisch miteinander verknüpft, stellen (der auch von Cook zitierte) James Lee Burke oder Joe Lansdale unter Beweis. „Robbers“ erinnert dagegen an den Film „No Country for Old Men“, der ebenfalls ehrfürchtig als Meisterwerk bewundert wird, dessen Zuschauer sich in der Regel jedoch vor allem oder sogar nur an den Killer Anton Chigurh erinnern, der mit seinem Bolzenschussgerät für bizarre Abwechslung sorgt. Da der (deutsche) Leser jedoch mit gut geschriebenen Thrillern nicht gerade verwöhnt wird, ragt „Robbers“ trotz seiner ambitionierten Aufgeblasenheit hoch aus dem „Buch-des-Monats“- und „Lese-Tipp“-Sumpf.

_Autor_

Christopher Cook, Jahrgang 1959, ist als Schriftsteller kaum in Erscheinung getreten, weshalb man sogar im Internet wenig über ihn findet. Er ist geborener Texaner, und sein einziger Roman („Robbers“) wurde 2000 veröffentlicht. Im Folgejahr erschien noch die Story-Sammlung „Screen Door Jesus“, die Regisseur und Drehbuchautor Kirk 2003 in einen gut aufgenommenen, aber wenig gesehenen Arthouse-Film umsetzte.

|Taschenbuch: 558 Seiten
Originaltitel: Robbers (New York : Carroll & Graf Publishers Inc. 2000)
Übersetzung: Stefan Lux u. Frank Dabrock
ISBN-13: 978-3-453-67573-5|
[www.heyne-verlag.de]http://www.heyne-verlag.de
[www.heyne-hardcore.de]http://www.heyne-hardcore.de

Wachlin, Oliver G. – TATORT: Todesstrafe

Der TATORT begeistert seit 1970 ein Millionenpublikum, kaum ein Tag vergeht an dem nicht mindestens eine Folge entweder in der ARD oder einem der dritten Programme gesendet wird. An solchen Tagen oder bei Gelegenheiten, an denen man keinen Zugriff auf ein Fernsehgerät hat, werden Tatort-Jünger offenbar häufig von Entzugserscheinungen geschüttelt. Der |Emons-Verlag| dealt daher seit Ende September 2009 erfolgreich mit Ersatzdrogen in Form von Buchversionen auf Basis bereits ausgestrahlter Fälle mit besonders beliebten Ermittlern. Das Duo Saalfeld/Keppler übernimmt seit 2009 das Erbe vom Erfolgsgespann Ehrlicher/Kain, welche ihre langjährige TATORT-Laufbahn bei der Leipziger Mordkommission im Jahre 2008 endgültig quittierten.

_Zur Story_

Hans Freytag engagiert sich in der alten „Fabrik“ für Jugendliche seines Viertels, indem er mit ihnen zusammen ein altes Boot aufmöbelt. Der ehemalige Skipper ist allerdings in der Nachbarschaft nicht wohl gelitten, seit seine (Noch-)Ehefrau Sybille ihn des Missbrauchs an der gemeinsamen Tochter bezichtigte. Man hält ihn für einen Kinderschänder, der zudem verantwortlich für zwei ungeklärte Kindermorde sein soll. Es formt sich gar eine Art Bürgerwehr, deren fast alltägliche Übergriffe in Form von Prügeln und Schmierereien Freytag mittlerweile beinahe stoisch erträgt. Diesmal jedoch scheint offenbar jemand die auf dem neuesten Flyer des „Bürgervereins“ geforderte – und dort einzig als gerecht gehaltene – Sühne für Kindermörder in die Tat umgesetzt zu haben: Freytag wird erstochen vor dem Boot aufgefunden. „Todesstrafe“ prangt in großen roten Lettern auf dem Rumpf.

Hauptkommissarin Eva Saalfeld hat lange ringen müssen, bis in Leipzig eine zweite Mordkommission eingerichtet wurde – unter ihrer Leitung. Allerdings war daran auch eine Bedingung geknüpft, nämlich die, ihren Ex-Partner und -Mann Andreas Keppler in den Stab zu holen. Erstaunlicherweise sagt dieser tatsächlich zu, sich in den Osten versetzen zu lassen. Keppler genießt einen legendären Ruf als effektiver Ermittler, gilt aber auch als äußerst sperriger und spröder Charakter. Eva kann ein Lied davon singen, sie waren das Dreamteam in Wiesbaden und noch dazu drei Jahre lang verheiratet. Zehn Jahre ist das her und nun traut sich Keppler erstmals in Evas Heimatstadt. Seine schrullige Art hat er nicht abgelegt und eckt damit erst einmal im Kollegium an. Eva kennt ihren Pappenheimer und muss gelegentlich die Wogen glätten, was aber nicht heißt, dass sie alle seine eigenwilligen Marotten toleriert. Viele davon bringen sie auch nach all der Zeit immer noch auf die Palme.

_Eindrücke_

Die Modernisierung des TATORT schreitet unaufhaltsam voran. Vorbei die Zeiten, in denen ein Mord von öde-stereotypen Kommissaren beinahe keimfrei aufgeklärt wurden. Heute muss man schon einiges mehr bieten, um das Publikum – in diesem Falle auch die Leserschaft – bei Laune zu halten. Einprägsame, mitunter auch schräge Charaktere sind dabei heute schon Pflichtprogramm. Diesen Part hat man hier speziell Keppler vorbestimmt, der stets mit seinem Nachnamen angesprochen wird und wohl auch werden will – selbst von seiner Ex. Die ist burschikos, selbstbewusst und verkörpert das moderne emanzipierte Frauenbild. Im allerbesten Sinne. Keppler hingegen umgibt das Flair des intuitiv-kriminalistischen Genies, dem die Spur eines „Profilers“ anhaftet, jenen Experten, die aufgrund von kleinsten Indizien komplexe Täterprofile abzuleiten vermögen.

Es ist dadurch sicherlich die interessanteste und bislang vielschichtigste Figur der neuen Leipziger Riege, wenn auch in der gesamten Reihe ohne Alleinstellungsmerkmal: Mit Kommissar Klaus Borowski aus Kiel teilt er sich einige elementare Wesenszüge. Obschon er viel sensibler scheint als das Nordlicht. Die Masche, geschlechtsgemischte Ermittlerteams auf das Publikum los zu lassen, ist in der Welt des TATORT nicht neu, sondern ein mittlerweile sehr erfolgreiches und erprobtes Rezept. Man denke an Blum/Perlmann (Konstanz), Lürsen/Stedefreund (Bremen), Odenthal/Kopper (Ludwigshafen) und den schon vorgenannten Borowski. Das Ganze funktioniert natürlich auch hier wieder trefflich – vor allem eben wegen jenes exzentrischen Keppler.

Im TV wird den Kommissaren hauptsächlich von den Drehbuchschreibern Mario Giordano und Andreas Schlüter sowie den Schauspielern Simone Thomalla und Martin Wudtke Leben eingehaucht. Bei der Romanadaption erledigt das Oliver G. Wachlin, welcher übrigens auch für die Novellisierung des Berliner Ermittlerteams Ritter/Stark (z.B. „Blinder Glaube“) verantwortlich zeichnet. Er schlägt sich dabei achtbar. Selbstverständlich gelten im Buch ganz andere erzählerische Spielregeln als auf dem Bildschirm. Gestik und Mimik fallen in diesem Medium naturgemäß flach, der Schreiber muss den Figuren verbal Kontur verschaffen. Leider ist das auch ein zweischneidiges Schwert.

Einerseits erhält man dadurch meist ein detailliertes Bild der Charaktere, andererseits läuft man schnell Gefahr, zu viel preis zu geben. Genau das passiert hier streckenweise. Im Fernsehen lebt das neue Leipziger Duo – anfangs jedenfalls – zum Teil von der zunächst nur leicht angedeuteten Vergangenheit der beiden und besonders von Kepplers geheimnisvollen, ja geradezu unnahbaren Aura. Das geht in der Adaption leider zu oft flöten, da der Leser bereits in diesem ersten Fall vergleichsweise früh recht tiefe Einblicke in die wahre Gefühls- und Gedankenwelt der beiden Hauptakteure erhält, was diese quasi entzaubert. Das beißt sich mit dem aus dem TV gewohnten Ambiente etwas, lässt sich aber anders kaum bewerkstelligen. Wie bereits erwähnt gelten im Buch schließlich andere erzählerische Gesetzmäßigkeiten.

_Fazit_

Ein kurzweiliger, moderner Krimi, der unter der Novellisierung allerdings ein wenig leidet, da er die interessante Atmosphäre und die leichten Verspannungen der beiden Kommissare aus der Fernsehserie nicht 1:1 herüber retten kann. Ansonsten bietet „Todesstrafe“ durchaus solide Kost und eignet sich gut, um das neue Leipziger Team auch Fernsehmuffeln ein gutes Stück näher zu bringen. Die Figuren sind – auch literarisch betrachtet – ausbaufähig und bergen eine Menge Potential für zukünftige Fälle.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Oliver G. Wachlin: „Todesstrafe“
Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort“
Nach einem Drehbuch von Mario Giordano und Andreas Schlüter
Emons-Verlag, Dezember 2009
ISBN: 978-3-89705-665-7
176 Seiten, Broschur

_TATORT beim Buchwurm:_
[Blinder Glaube]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5914
[Strahlende Zukunft]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5956

Puhlfürst, Claudia – Ungeheuer

Der Blanvalet-Verlag verspricht mit „Ungeheuer“ von Claudia Puhlfürst „Mord in Germany – 100% Hochspannung“. Ob dieses Versprechen gehalten wird?

_Die Journalistin Lara_ Birkenfeld wacht immer wieder aus erschreckend realen Albträumen auf. In diesen befindet sie sich in den Körpern junger Frauen, die nackt durch einen Wald gejagt und anschließend brutal getötet werden. Eines Tages liest sie eine Meldung, in der genau so ein Mord, wie sie ihn geträumt hat, beschrieben wird. Und es bleibt nicht der einzige Todesfall, den Lara im Schlaf gesehen hat …

Die junge Frau ist verunsichert und macht sich Sorgen um ihre geistige Gesundheit. Mark Grünthal, ein befreundeter Psychologe, der in dem Fall des Serientäters die Polizei berät, will ihr helfen und lässt ihr interne Informationen zukommen. Lara möchte abklären, ob sie die Morde tatsächlich vorhersieht, was der Fall zu sein scheint. Wenig später erscheint in Laras Zeitung ein Artikel, der genau auf diesen Insiderinformationen beruht. Unterschrieben ist er mit Laras Namen, obwohl sie selbstverständlich nie auf die Idee gekommen wäre, Marks Vertrauen auszunutzen. Es scheint, als möchte jemand sie in Misskredit bringen, denn natürlich bleibt der Ärger mit dem Chefredakteur nach diesem Vorfall nicht aus. Doch das ist nicht Laras einziges Problem. Der Täter ist mit der Art der Berichterstattung nicht einverstanden. Er findet, dass seine Taten nicht entsprechend gewürdigt werden und tritt deshalb mit der Redaktion in Kontakt. Dabei fällt ihm Lara ins Auge, die genau seinem Beuteschema entspricht …

_Claudia Puhlfürsts Thriller_ fällt durch seinen minutiösen, sachlichen Stil auf, der detailliert alle Ereignisse wiedergibt. Die Autorin erspart dem Leser auch nicht die bluttriefendsten Details. Das macht die Geschichte zwar gut vorstellbar, ist aber sicherlich nicht jedermanns Sache. Da die Beschreibungen dadurch teilweise sehr lang sind, wirkt sich das negativ auf die Geschichte aus. Sie hat einige Längen. Das ist jedoch nicht das einzige Manko der Geschichte. Die Handlung bietet nichts wirklich Neues. Sie erinnert an amerikanische Psychothriller. Dass die Geschichte unter anderem aus der Perspektive einer Journalistin erzählt wird, ist allerdings eine nette Abwechslung. Trotzdem ist die Handlung manchmal etwas holprig. Zu viele Zufälle und zu schnelle Ergebnisse bei den Ermittlungen nehmen dem Buch Spannung.

Lara Birkenfeld bleibt als Charakter leider etwas farblos. Die distanzierte Schreibweise trägt sicherlich dazu bei, dass man ihr nicht wirklich nahe kommt. Die nüchternen, sorgfältig gewählten Worte lassen einen unterkühlten Eindruck der Protagonistin entstehen. Ihre Gedanken und Gefühle werden zwar beschrieben, man kann sich aber kaum mit ihnen identifizieren. Auch die anderen Personen bleiben blass. Der einzige, der noch etwas Eindruck hinterlässt, ist der Täter. Neben Lara ist er die prägnanteste Person, aus deren Perspektive erzählt wird. Auch ihm kommt man nicht wirklich nahe, doch man erfährt seine Leidensgeschichte, die ihn zu der Person gemacht hat, die er ist. Mehr derartiger Vergangenheitsbezüge hätten vielleicht auch Lara ganz gut getan. Allerdings gilt auch hier: Obwohl gut von der Autorin erklärt, erinnert das Martyrium des Täters stark an gängige Klischees.

_“Ungeheuer“ ist ein_ ziemlich detaillierter Thriller, der einen starken Fokus auf den Täter legt. Die Perspektive der Journalistin Lara Birkenfeld ist zwar interessant, aber durch die Farblosigkeit der Hauptperson und einige Stolpersteine in der Handlung kann sie ihr Potenzial nicht ausschöpfen.

|Taschenbuch: 350 Seiten
ISBN-13: 978-373543|
http://www.blanvalet.de

Hart, John – letzte Kind, Das

Die bisherigen Romane des amerikanischen Autors John Hart wurden mit diversen Preisen gelobt. Sein neustes Werk, „Das letzte Kind“, hat bereits den „Ian Fleming Stell Dagger“ bekommen und ist ein heißer Kandidat für weitere Auszeichnungen.

_Der dreizehnjährige Johnny_ hat vor einem Jahr seine Zwillingsschwester Alyssa verloren. Sie wurde auf dem Nachhauseweg entführt, weil ihr Vater vergessen hatte, sie abzuholen. Seitdem ist die Familie auseinander gebrochen. Der Vater hat den Schmerz nicht mehr ausgehalten und die Familie verlassen, die Mutter flüchtet sich in Drogen und eine gewalttätige Beziehung mit dem Immobilienhai Ken.

Doch Johnny hat seine Schwester nicht aufgegeben. Mühsam recherchiert er selbst nach ihrem Verbleib, beobachtet stadtbekannte Pädophile, befragt Leute. Sein bester Freund Jack, ein jugendlicher Rumtreiber, hilft ihm dabei. Doch die beiden sind nicht ganz alleine. Detective Hunt war damals für die Ermittlungen zuständig und auch ihn lässt der ungeklärte Fall nicht los. Er brütet nächtelang über den alten Akten, ermittelt in seiner Freizeit und vernachlässigt dabei nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Sohn.

Als erneut ein junges Mädchen verschwindet, bricht für Johnny und Hunt die Welt zusammen, doch dann merken sie, dass sie nun die Chance haben, den Verdächtigen auf frischer Tat zu ertappen. Sie gehen davon aus, dass es der gleiche Täter ist wie vor einem Jahr. Unabhängig voneinander ermitteln sie, doch Hunt hält ein Auge auf Johnny. Zum Glück …

_“Das letzte Kind“_ ist ein überaus beeindruckendes Buch. Umso schwerer fällt es, es zu rezensieren. Die Bewertung einzelner Komponenten ist beinahe unmöglich, da die Geschichte unglaublich homogen ist. Eine Komponente bedingt die andere, Schreibstil, Personenzeichnung und Handlung sind nur schwer voneinander getrennt zu betrachten. Verbunden wird alles von einer düsteren, beklemmenden Grundstimmung, die Stadt und Bewohner zu lähmen scheint. Es gibt kaum einen fröhlichen Moment in der Geschichte. Stattdessen deprimierte Charaktere mit großen Problemen, hoffnungslosen Aussichten oder Abhängigkeiten. Selbst der dreizehnjährige Johnny, ein Kind, wirkt bei dieser Kulisse nicht wie ein Kind, sondern wie ein kleiner Erwachsener. Die Ernsthaftigkeit, mit der er die Suche nach dem Mörder seiner Schwester betreibt, ist herzzerreißend.

Doch er ist nicht der einzige einsame Wolf in der Geschichte. Hunt ist genauso einer, Johnnys Mutter und sein Freund ebenfalls. Jeder hat sein Päckchen zu schleppen, doch als Leser kann man sich trotz dieser Trostlosigkeit gut mit ihnen identifizieren, da sie Gründe für ihre Situation haben oder von bestimmten Leidenschaften angetrieben werden. Der direkte Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen – und deren großartige Beschreibung – helfen dabei, die Personen zu verstehen. Dabei überfordert Hart seinen Leser nie. Weder mit zu viel Leid noch mit zu vielen Perspektiven. Die Geschichte wird vor allem aus der Sicht von Johnny und Hunt, die sich beide gut ergänzen, erzählt. Dazwischen werden vereinzelt andere Personen geschaltet, deren Auftritte aber zumeist nur wenig Platz einnehmen und selten bleiben.

Die Handlung ist so düster und abgrundtief wie die Charakter. Sie schreitet zäh voran, doch in diesem Fall ist das kein Nachteil. Dadurch wird die Auswegslosigkeit der Protagonisten und der Situation beinahe schmerzhaft betont. Dank des tadellosen, intensiven Erzählstils und der Bedrohung, die über der Geschichte zu schweben scheint, ist man trotzdem gefesselt und liest weiter. Man wird nicht enttäuscht. Hart erhöht die Spannung in kleinen Dosen, vor allem gegen Ende, bis er den Fall auf eine ganz andere Art auflöst als erwartet. Davor liegen einige großartige Wendungen, Fragen und Überraschungen. Der Schluss ist aber auch deshalb so lesenswert, weil er deutlich macht, dass das Böse nicht immer das Offensichtliche ist. Hart umschifft clever alle Klischees, die mit so einem Fall verbunden sein könnten.

_“Das letzte Kind“ _von John Hart ist ein herausragender Thriller, an dem einfach alles stimmt. Wer Thriller mag, die nicht nur bei der Handlung überzeugen, sondern auch unter belletristischen Gesichtspunkten brillieren, ist hier genau richtig.

|Gebunden: 446 Seiten
Originaltitel: |The Last Child|
Deutsch von Rainer Schmidt
ISBN-13: 978-3570100370|
http://www.cbertelsmann.de

Karen Rose – Todesspiele

Schon in den ersten beiden Teilen von Karen Rose – „Todesschrei“ und „Todesbräute“ drehte sich die Handlung um die Familie Vartanian. In „Todesschrei“ mordete Simon Vartanian für seine Interpretation von Kunst und im zweiten Teil der Trilogie musste sich Daniel Vartanian seinen Ängsten nun endlich stellen und zurück nach Dutton, seinem Geburtsort und dem Sitz seiner Familie, kommen.

Zwar wurde Daniel in der letzten Zeit nicht mit den Taten Simons konfrontiert, doch es ist so, als würde der Schatten Simons noch immer auf ihm und seiner Schwester Susannah lasten. Dass man zwar seiner Vergangenheit für eine bestimmt Zeit den Rücken kehren und quasi weglaufen kann, aber diese einem wie ein lästiger Fluch auf immer begleiten wird, das merkt auch Susannah Vartanian schnell, Staatsanwältin und selbst Opfer ihres Bruders Simon und seiner grausamen Clique, die die kleine Stadt Dutton jahrelang mit ihren Vergewaltigungen in Atem gehalten halt.

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