Staatsanwältin Chas Riley ist zurück. In „Knastpralinen“ hat die trinkfreudige Heldin von Simone Buchholz ihren zweiten Auftritt und dabei nicht nur einen kniffligen Fall zu lösen, sondern sie muss auch ihr eigenes Privatleben entwirren.
Ein Baggerführer findet kurz nacheinander in der Elbe zwei Plastiksäcke, in denen sich jeweils der Kopf, die Hände und die Füße eines Mannes befinden. Als schließlich eine ähnlich eingewickelte ganze Leiche auftaucht, steht fest: Irgendjemand in der Stadt hat es auf Männer abgesehen, die mit Frauen nicht unbedingt zimperlich umgegangen sind. Zwei waren dafür bekannt, ihre Freundinnen zu schlagen, der dritte, ein Sohn aus reichem Hause, hatte eine Anzeige wegen Vergewaltigung. Nun liegt es an Chas und ihrem Kollegen Calabretta, die Täterin zu finden, was sich nicht gerade einfach gestaltet.
Doch das sind nicht Chas‘ einzige Probleme. Ihre beste (und einzige) Freundin Carla wird in ihrem eigenen Café von zwei Männern vergewaltigt. Chas‘ Nachbar Klatsche, ein ehemaliger Kleinkrimineller, mit dem sie mehr verbindet als lauschige Bierabende, kümmert sich daraufhin rührend um Carla, was Chas auf unerklärliche Weise neidisch macht. Sie, die so gar nicht für die Liebe geschaffen ist. Und dann ist da noch der Alkohol …
Hauptfigur Chas Riley, die deutsch-amerikanische Staatsanwältin mit der traurigen Familiengeschichte, ist auch in „Knastpralinen“ der eigentliche Star. Genau wie die anderen Charaktere ist sie unglaublich skurril und dabei sehr liebenswert. Buchholz macht glücklicherweise nicht den Fehler, es damit zu übertreiben. Sie schafft einfach ein paar tolle Originale mit Ecken und Kanten, einer Vergangenheit und mehr als genug gegenwärtigen Problemen. Dieses Mal gibt es beispielsweise richtig was fürs Herz. Die Beziehung zwischen Chas und Klatsche macht einige Entwicklungen durch, die selbst den Leser, der mit Romantik wenig anfangen kann, zum Seufzen bringen sollten. Chas ist eben auch nicht besonders romantisch und deshalb läuft alles ein wenig anders ab. Etwas raubeiniger, als man es von einer Frau vielleicht erwartet, aber Chas passt nun mal nicht besonders gut in bestehende Frauenstereotype. Dafür trinkt sie zu gerne Bier und hat einen zu trockenen Humor.
Da größtenteils aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist der Humor dauerpräsent. Das ist gut, weil die Geschichte dadurch wunderbar heiter wird. Die Dialoge beispielsweise sind durch die Bank gelungen, die legere Sprache ist das Hamburger Pendant zur Berliner Schnauze. Buchholz hat ihren eigenen Stil gefunden, der perfekt zu Chas passt, auch wenn die englischen Begriffe, die die Autorin häufig verwendet, an der einen oder anderen Stelle unnötig sind. Denn Chas hat zwar Wurzeln in den Vereinigten Staaten, doch davon ist in der Geschichte ansonsten nicht viel zu spüren. Obwohl aus Hessen stammend, wirkt sie wie ein echtes St-Pauli-Urgewächs.
Bei all dem Lob muss man sich als Krimileser aber damit arrangieren, dass nicht die Handlung, sondern Chas und stellenweise auch ihre privaten Probleme im Vordergrund stehen. Die Ermittlungen verlaufen ohne besondere Höhepunkte, der Fall ist eher simpel gestrickt: Mehrere Leichen werden gefunden und dann wird der Täter gesucht. Zwischendrin befindet sich niemand der Charaktere in wirklicher Gefahr, falsche Spuren oder mehrere Verdächtige gibt es auch nicht.
Mit dem zweiten Auftritt von Chas Riley wächst einem die Krimi-Reihe von Simone Buchholz zwar noch stärker ans Herz, doch perfekt ist auch „Knastpralinen“ noch nicht. Eine etwas ausgefeiltere Handlung hätte der Geschichte gut getan. Fans von Hamburg und originellen Charakteren kommen trotzdem auf ihre Kosten.
Viel Arbeit und Aufregung warten auf Dr. Bill Brockton, Leiter des Anthropologischen Instituts der University of Knoxville im US-Staat Tennessee, der außerdem oft von der Polizei oder den Justizbehörden zu Rate gezogen wird, wenn es gilt, einer durch Verwesung oder anderweitig den normalen Untersuchungsmethoden der Kriminologie entzogenen Leiche das Geheimnis ihres Todes zu entlocken. Als Gründer der berühmt-berüchtigten „Body Farm“, auf deren Gelände das Verrotten von Menschenkörpern studiert wird, ist er darin zum Meister avanciert.
Dr. Edelberto Garcia, der Medical Examiner von Knox County, bittet ihn um Rat in einem möglichen Mordfall. In einem ausgebrannten Autowrack wurde die Leiche von Mary Latham gefunden. Sie wurde womöglich von ihrem Gatten ermordet, doch das Feuer hat offenbar sämtliche Indizien vernichtet. Brockton entdeckt, dass die Frau schon Tage tot war, bevor sie verbrannte, was die Ermittlungsarbeit noch kompliziert, denn der Gatte hat für den in Frage kommenden Zeitraum ein ausgezeichnetes Alibi.
Zunächst als Gefallen beginnt Brockton Nachforschungen für den Strafverteidiger Burt DeVries. Er wurde von seinem Onkel alarmiert, nachdem dieser in der Asche seiner feuerbestatteten Gattin deren künstlichen Kniegelenke vermisste. Brockton soll klären, was in dem Bestattungsinstitut falsch gelaufen ist. Stattdessen kommt er einem anrüchigen aber lukrativen Betrug auf die Spur.
Schließlich wird Brockton von der Vergangenheit eingeholt. Im Vorjahr hatte ein alter Widersacher, der Gerichtsmediziner Garland Hamilton, erst seine Lebensgefährtin umgebracht und dann versucht, Brockton als Mörder zu diskreditieren (s. „Bis auf die Knochen“). Hamilton wurde gefasst und wartete im Untersuchungsgefängnis von Knox County auf seinen Prozess. Jetzt ist er entkommen und spurlos verschwunden; man muss damit rechnen, dass er seine noch offene Rechnung mit Brockton endgültig zu begleichen versucht …
_Scheußlich genug gibts gar nicht_
|O tempora, o mores| … Viele Jahre haben sie ihre wichtige und verantwortungsreife Arbeit im Schutze abgelegener Labors geleistet. Zum Vorschein oder gar ans Licht der Öffentlichkeit gerieten sie höchstens, wenn sie als Sachverständige vor Gericht geladen wurden, wo sie sich so lange mit komplizierten Fachausdrücken artikulierten, bis den Geschworenen die Köpfe schwirrten. Kaum zu glauben, dass ausgerechnet die Zunft der Gerichtsmediziner heutzutage regelrechte Medienstars hervorbringt.
Wie so oft verdanken sie ihren Aufstieg den Medien. In den 1990er Jahren wurde die ehemalige Polizeireporterin Patricia Cornwell mit ihrer Serie um die Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta zur Bestseller-Autorin und folgerichtig zur Wegbereiterin unzähliger vom Erfolg des Themas „inspirierter“ Schriftsteller. Bald wurden Film und vor allem Fernsehen aufmerksam. Spätestens der phänomenale Siegeszug der „CSI“-Serien und ihrer Nachzügler schufen dem jungen Sub-Genre ein solide zementiertes Fundament, auf dem – der Kreis schließt sich – auch die Sachbücher ruhten, mit denen mancher alte Forensiker-Kämpe sich seinen Teil vom Kuchen sicherte.
|Leichen sind sexy|
Zu ihnen gesellte sich 2004 William M. Bass, der zwei Jahre nach einer (ersten) Autobiografie mit seinem Co-Autor Jon Jefferson die Erfahrungen seiner langen Karriere lukrativ trivialisierte. Die Realität dient den Romanen um Dr. Bill Brockton als Vorlage. Sie wird primär dort variiert bzw. vereinfacht, wo es der Handlung dienlich ist. Da das Leben selbst bekanntlich die besten Ideen liefert, werden Bass die Einfälle für weitere Bände der erfolgreich gewordenen Serie sicher nicht ausgehen – für ihn ist quasi Alltag, was den lesenden Laien aus sicherer Entfernung angenehm gruselt.
Denn Leichen faszinieren, wenn man ihrem Anblick gefiltert durch bedrucktes Papier oder die Mattscheibe ausgesetzt wird. Das Interesse am toten Körper ist durchaus verständlich, da der Mensch neugierig ist und wissen möchte, was nach dem unausweichlichen Ende mit ihm geschehen wird. Die Begeisterung über die Leiche als Archiv aus Fleisch, Knochen & Blut, das Informationen über Leben und Tod buchstäblich speichert, wird noch gesteigert, wenn letzterer durch ein Verbrechen verursacht wird. Was Polizei und Justiz verborgen bleibt und den Mörder entkommen lässt, kann der Gerichtsmediziner womöglich dechiffrieren, weil er über die notwendigen Schlüsselkenntnisse verfügt.
Die realiter langwierige und langweilige Routinearbeit im Labor wird dabei gerafft bzw. unterhaltsam aufbereitet. Was eigentlich lange währt, bricht deshalb gern in Gestalt plötzlicher Geistesblitze über einen ohnehin latent genialen Dr. Brockton herein, der sich außerdem auf einen Stab ihm verbundener bis höriger Mitarbeiter und Zuträger stützt, die Recherche- und Laufarbeiten für ihn erledigen, der sich – zum Vorteil der Leserschaft – auf die zentralen Ereignisse konzentrieren kann.
|Heißer Sommer in Tennessee|
Für diejenigen Leser, die von einem Kriminalroman mehr als das Stochern in Leichen und Knochenresten erwarten, zeigt sich genau darin der Schwachpunkt. „Eine Hand voll Asche“ ist ein Thriller ohne straff gespannten roten Faden. Gleich drei Plots sollen für Spannung sorgen, zwischen denen Hauptdarsteller Brockton ruhelos hin und her mäandert. Die Handlung zerfällt in Episoden, die nie wirklich zueinander finden. Sie werden durch die Figur des Dr. Brockton verklammert, der zwar in Gefahr gerät aber niemals den Boden unter den Füßen verliert. Seine inneren und äußeren Konflikte wirken aufgesetzt; sie berühren die recht langweilige Figur kaum. Die dramatischen Ereignisse folgen einschlägigen Klischees und sind niemals wirklich überraschend. Besonders missglückt ist die Wiederkehr des Garland Hamilton, der in einem plump inszenierten Finale wie eine literarische Altlast verklappt wird.
Die Lücken zwischen dem, was eigentlich eine stringente Handlung bilden sollte, füllt Autor Bass mit wissenschaftlich abgespeckten Vorträgen über sein Fachgebiet (s. o.) oder Auszügen aus dem Handbuch für den modernen Feuerbestatter. Im Anhang werden Zeichnungen des menschlichen Skeletts abgebildet, die wohl vor allem dem Leser die Lektüre eines Romans vorgaukeln sollen, aus dem er (oder sie) etwas lernen können. Stattdessen setzt Bass unverhohlen auf den Grusel- und Ekel-Effekt dieser Szenen und hofft, das Durchhängen der Handlung auf diese Weise zu übertünchen.
Wenn alle Stricke reißen, schiebt Bass einen Besuch auf Brocktons „Body Farm“ ein. Die gibt es tatsächlich, und dort verrotten Leichen zum Nutzen von Forschung und Kriminologie unter freiem Himmel, in Tümpeln, Kofferräumen sowie überall dort, wo ihr Studium Rückschlüsse auf reale Todesfälle gestattet. Vor allem die Medien haben den Geisterbahn-Faktor dieses Ortes gierig aufgegriffen und ausgeschlachtet, aber auch William M. Bass, ihr Gründer, nutzt ihn, um die Werbetrommel für die Forensik zu rühren.
|Sie mögen ihn trotzdem|
Was macht die mittelmäßigen Brockton-Krimis so erfolgreich? Wahrscheinlich genau das: Sie erfüllen ihren Unterhaltungszweck ohne Ecken und Kanten, ohne Widerhaken, an denen ein auf feierabendliches Lektürevergnügen geeichter Leser hängenbleiben kann. Freundlich und flüssig spult der Verfasser seine Handlung ab, würzt sie mit gar erschröcklichen aber nie schockierenden Gruseleien und schmeckt das Ergebnis mit freundlich-unverbindlicher „buddy“-Atmosphäre ab, für die Büro-Inventar Miranda, Kumpel Art Bohanan oder Sohn Jeff zuständig sind. Auf diese bewährte Weise kann Jefferson Bass sein Garn geruhsam und vor allem noch lange weiterspinnen!
|Anmerkung|
Wer übrigens meint, Bass habe es übertrieben mit der Schilderung eines Bestatters, der seine tote „Kundschaft“ wie Abfall in seinem Hinterhof stapelt, irrt gewaltig. Die Realität schlägt weiterhin jede Fiktion: Bass erzählt quasi nach, was die schockierte Polizei 2002 auf dem Gelände des Tri-State-Krematoriums im US-Staat Georgia entdeckte – ein Fall, der inzwischen u. a. für die TV-Serie „CSI Las Vegas“ aufgegriffen wurde.
_Autor/en:_
William M. Bass (III.) wurde 1928 in Staunton (US-Staat Virginia) geboren. Er studierte Psychologie an der University of Virginia. Nach seinem Abschluss 1951 leistete Bass seinen Wehrdienst bei der US Army. 1953 ging er an die University of Kentucky und studierte Anthropologie; den Doktortitel in diesem Fach verlieh ihm 1961 die University of Pennsylvania. Bass wechselte ins Lehrfach. Zwischen 1960 und 1971 lehrte er an der University of Kansas, bevor ihn die University of Tennessee die Leitung des Anthropologischen Fachbereichs übertrug. Bis zu seiner Emeritierung (1995) hatte Bass diese Position inne; darüber hinaus war er von 1992 bis 1994 Direktor des „Forensic Anthropology Center“.
Seine einschlägigen Kenntnisse ließen Bass zum oft frequentierten Berater des FBI avancieren, der an der Lösung zahlreicher Kriminalfälle beteiligt war. Vor allem dieser Aspekt seiner Forschertätigkeit (sowie natürlich sein Amt als Leiter der Body Farm) machten Bass für die Medien interessant. Das verstärkte sich 2003, nachdem Bass unter dem Titel „Death’s Acre“ erfolgreich seine Memoiren (dt. „Der Knochenleser“) veröffentlichte. Er hatte sie gemeinsam mit dem Journalisten und Schriftsteller Jon Jefferson geschrieben. (Eine „Fortsetzung“ erschien 2007.)
Mit Jefferson als Co-Autor (aber wohl unter dessen Federführung) verfasste Bass ab 2006 als „Jefferson Bass“ eine Serie von Kriminalromanen um den forensischen Anthropologen Dr. Bill Brockton – die Verfasser machen keinen Hehl daraus, an welches reale Vorbild sich diese Figur anlehnt -, der unter Einsatz jenes Leichenlabor-Ambientes, welches sich dank Patricia Cornwell, Kathy Reichs und „CSI“ großer Publikumsbeliebtheit erfreut, eigentlich unmögliche Fälle löst.
Über „Jefferson Bass“ informiert diese Website: [www.jeffersonbass.com]http://www.jeffersonbass.com.
|Taschenbuch: 349 Seiten
Originaltitel: The Devil’s Bones (New York : William Morrow/HarperCollins 2008)
Übersetzung: Elvira Willems
Deutsche Erstausgabe: Juni 2009: (Goldmann Verlag/TB Nr. 45920)
ISBN-13: 978-3-442-45920-9|
[www.goldmann-verlag.de]http://www.goldmann-verlag.de
_Jefferson und Bass bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Knochenleser“ 465
Mitten in der Nacht wird Polizistin Nina Hoffman zu einer Adresse gerufen, die ihr unangenehm bekannt vorkommt – ihre ehemals beste Freundin Julia Lindholm wohnt dort mit ihrem Mann David und ihrem Sohn Alexander. Genau in diesem Haus hat ein Mitbewohner einen Schusswechsel gemeldet. Nina und ihr Kollege Andersson sind die ersten Polizisten am Tatort. Als sie die Wohnung der Lindholms betreten, finden sie zunächst David, der erschossen in seinem Bett liegt. Julia hockt apathisch und kaum ansprechbar, aber unverletzt im Badezimmer, vom vierjährigen Alexander fehlt jede Spur. Doch Julia faselt etwas von einer fremden Frau, die ihn mitgenommen habe. Nina muss am Verstand ihrer Freundin zweifeln.
Nur mit knapper Not kann Annika Bengtzon ihre beiden Kinder aus dem brennenden Haus retten. Ihr gesamtes Hab und Gut ist abgebrannt und Annika hat weder Geld noch Papiere bei sich und weiß nicht, wohin sie sich wenden soll. Mitten in der Nacht klingelt sie bei ihrer Freundin Anne, um dort Unterschlupf zu finden, doch diese schmeißt Annika und die Kinder kurzerhand raus. Annika ist völlig verzweifelt, auch ihren Noch-Mann kann sie nicht erreichen, da er bei seiner Geliebten übernachtet. Eine Kollegin von ihr besorgt ihr die nötigsten Klamotten und ein bisschen Geld. Als Annika schließlich selbst der Brandstiftung bezichtigt wird, bricht für sie eine Welt zusammen.
Derweil trauert die Polizei um David Lindholm, der sich bei vielen Fällen als hervorragender Ermittler und Vermittler erwiesen hat. Julia dagegen wird schnell als Tatverdächtige abgestempelt. Trotz ihres desolaten psychischen Zustands kommt sie in Untersuchungshaft und muss fürchten, für den Mord an David und Alexander verurteilt zu werden. Dabei ist Alexander nach wie vor spurlos verschwunden.
Nina Hoffman zweifelt an ihrem Verstand. Was hat ihre Freundin Julia zu dieser Tat getrieben? Und wieso will die Polizei sie unter allen Umständen als Mörderin verurteilen? Auch Annika Bengtzon, eine bekannte Journalistin, bekommt Wind von dem Fall. Da sie selbst unschuldig der Brandstiftung verdächtigt wird, beginnt sie auf eigene Faust Ermittlungen, um Julias Unschuld zu beweisen. Doch die Beweise sind erdrückend. Was ist in der Familie Lindholm bloß vorgefallen?
_Vorschnell verurteilt_
Beim vorliegenden Buch handelt es sich bereits um den siebten Teil in der Annika-Bengtzon-Reihe. Auch wenn Annika als Journalistin arbeitet, ermittelt sie gerne auf eigene Faust. So auch in diesem Fall. Eigentlich hat sie privat genug um die Ohren, wo ihr untreuer Mann Thomas sie gerade verlassen hat und ihr Haus bis auf die Grundmauern nieder gebrannt ist. Zudem ist Annika die Tatverdächtige Nummer 1 und bekommt daher von der Versicherung keine Entschädigung ausgezahlt. Um sich abzulenken, übernimmt sie bei der Zeitung einige Artikel, für die sie im Fall Lindholm recherchieren muss. Schnell ist sie angefixt von Julias Fall und will die Unschuld der armen Frau beweisen. Zunächst muss Annika auf ihre Intuition vertrauen, denn alles spricht gegen Julia, doch nach und nach tauchen Hinweise auf, die nicht ins Bild passen und die vor allem David Lindholm in einem sehr viel schlechteren Licht dastehen lassen, als es der Polizei recht ist.
Ihre einzige Unterstützerin ist zunächst Nina, die einst gut mit Julia befreundet war, die aber nun einsehen muss, dass sie ihre Freundin gar nicht richtig gekannt hat. Nina zieht sich daraufhin zurück, sodass Annika nicht mehr auf ihre Hilfe zählen kann. Dennoch gibt sie nicht auf und findet immer mehr Leichen in David Lindholms Keller. So hatte er bereits zwei Ermittlungsverfahren gegen sich am Hut und war in mehreren Firmen in der Geschäftsleitung tätig. Auch als Vertrauensperson für Straftäter trat David Lindholm auf. Und immer wieder deckt Annika Bengtzon Verbindungen zu Mördern und anderen dubiosen Gestalten auf. Sie dringt immer weiter in Davids Geheimnisse ein, bis ihr spätabends zwei gefährliche Gestalten auflauern und ihr den halben Finger abtrennen – eine Warnung, sich nicht mehr einzumischen. Doch das stachelt Annika Bengtzons Neugierde noch mehr an.
Ihr Noch-Mann Thomas genießt derweil sein neues Leben mit der reichen Geliebten. Er will Annika die Kinder wegnehmen, bemerkt aber bald, dass er doch etwas überfordert von den beiden Kleinen ist. Im Job läuft es hervorragend für Thomas. Er bekommt eine langfristige Anstellung, muss dafür aber einen äußerst heiklen Vorgang abwickeln.
Häppchenweise deckt Annika Bengtzon die Geheimnisse aus Davids Vergangenheit auf. Und so ist der Leser immer animiert, selbst mitzuraten und sich zusammen zu reimen, was David Lindholm wohl auf dem Kerbholz gehabt haben könnte. Doch seine vielschichtigen Verbindungen mag man nicht durchschauen, und auch wenn Liza Marklund sie uns endlich präsentiert, muss man erst einmal genau über alles nachdenken und die Puzzleteile im Kopf selbst nochmal zusammen setzen. Das Buch ist dabei so fesselnd geschrieben, dass ich die knapp 500 Seiten innerhalb von zwei Tagen verschlungen habe, denn ich musste unbedingt wissen, ob Julia wirklich unschuldig ist und was tatsächlich hinter dem Mord an David steckt. Viel besser kann man einen Spannungsbogen kaum zeichnen, als Liza Marklund das hier getan hat.
_Tragische Heldin_
Im Mittelpunkt des Buches steht nicht etwa Nina Hoffman, wie man auf den ersten Seiten noch vermuten könnte, sondern Annika Bengtzon. Nina ist zwar Julias beste Freundin gewesen und auch die erste am Tatort, so dass sie zu Beginn des Buches viel Raum einnimmt, doch dann richtet Liza Marklund ihren Fokus immer mehr auf Annika Bengtzon und ihr Umfeld. Umfeld bedeutet in dem Fall, dass wir vieles über das Verlagsleben und über Thomas erfahren. Annika ist die tragische Heldin in diesem Buch. Sie ist die verlassene Frau, die vor den Scherben ihres Lebens steht. Ihr Mann hat sie betrogen und verlassen und will ihr nun auch noch die Kinder wegnehmen. Darüber hinaus verweigert die Versicherung die Zahlung einer Entschädigung für das abgebrannte Haus, und ihre gute Freundin Anne hat sie sträflich im Stich gelassen.
Am Ende ist Annika die einzige, die an Julias Unschuld glaubt und die intensiv in dem Fall ermittelt. So überführt sie schließlich den wahren Schuldigen und ist zur Stelle, als derjenige sich ins Ausland absetzen will. Hier wird Annika aktiv und verhindert die Flucht des wahren Täters.
Mir gefiel Annika Bengtzon als taffe Journalistin und Mutter im Grunde genommen sehr gut. Sie lässt sich nicht unterkriegen und versteht es, ihre Interessen durchzusetzen. Allerdings trägt Liza Marklund manchmal arg dick auf, denn ganz so dramatisch hätte sie die Ereignisse in Annikas Leben nicht zeichnen müssen, und auch der Showdown im Wald ist schon ziemlich abwegig. Schade fand ich es auch, dass Marklund Nina Hoffman zunächst viel Raum eingesteht, die junge Polizistin zum Ende hin aber nur noch selten erwähnt.
_Zu viele Köche verderben den Brei_
Liza Marklund arbeitet auf vielen Schauplätzen. Die ersten beiden sind die wichtigsten – nämlich der Mord an David Lindholm und der Brand von Annika Bengtzons Haus. Doch dann macht Marklund immer neue Fässer auf, z. B. beschreibt sie in aller Ausführlichkeit Thomas Bengtzons neues Leben bei seiner Geliebten und in seinem neuen Job und sie kommt immer wieder auf Annikas Freundin Anne zurück, die sie in der fraglichen Nacht so rüde abgewiesen hat. Zu allem Überfluss erfahren wir auch noch detailgenau, welch finanzielle Schwierigkeiten es im Verlag gibt, die dazu führen, dass bei der Zeitung zahlreiche Stellen abgebaut werden sollen. Diese Nebenhandlung hat rein gar nichts mit dem eigentlichen Kriminalfall zu tun und lenkt einzig und allein vom Geschehen ab. Annika ist nicht von den Einsparmaßnahmen bedroht und hat damit nichts zu tun. Ich hätte mir daher gewünscht, dass sich Liza Marklund auf das Wesentliche konzentriert. Diese Nebenschauplätze hätte sie deutlich reduzieren müssen.
Leider gibt es ein weiteres Manko: Liza Marklund vermischt ihre eigenen Bücher, so präsentiert sie in großer Ausführlichkeit Details aus vergangenen Büchern. Die Nobel-Morde, um die es im vorausgehenden Buch ging, sind immer noch Thema. Das fand ich arg verwirrend, da ich die anderen Bücher aus dieser Reihe leider nicht kenne. Und da Liza Marklund bereits so viel daraus verrät, lohnt es sich kaum noch, die Bücher im Nachhinein zu lesen. Besser wäre es gewesen, die vergangenen Fälle höchstens am Rande zu erwähnen, um treue Leser der Annika-Bengtzon-Reihe daran zu erinnern und um andere Leser neugierig auf die früheren Fälle zu machen. So verspielt Marklund viel Potenzial, denn ich habe einiges aus dem aktuellen Fall nicht verstanden, bin aber wenig motiviert, die alten Bücher zu lesen, da ich die Auflösung nun bereits kenne.
_Mitreißend_
Nichtsdestotrotz hat mich das Buch einfach mitgerissen. Von Beginn an war ich gefesselt von der Geschichte. Natürlich ahnt man schnell, dass Julia unschuldig ist. Doch was wirklich hinter der Tat steckt, ist so komplex, dass Liza Marklund uns an die Hand nehmen muss, um uns zur Auflösung des Falles zu lotsen. Der Spannungsbogen ist trotz der überflüssigen Nebenschauplätze hervorragend gelungen und auch das Ende des Buches hat es in sich, sodass ich bereits jetzt dem nächsten Fall in der Annika-Bengtzon-Reihe entgegen fiebere.
|Taschenbuch: 496 Seiten
ISBN-13: 978-3499239014
Originaltitel:| Livstid|
Deutsch von Dagmar Lendt und Anne Bubenzer|
Obwohl er sich dank einer Erbschaft schon vor Jahren zur Ruhe setzen konnte, verfolgt der Polizeiarzt Bruce Lightoller noch immer die Arbeit der ehemaligen Kollegen. Zu seinen Freunden gehört Sergeant Herbert McCracken, ein im Kampf gegen das Verbrechen gereifter Haudegen, der nach einer Schießerei mit Gangstern verletzungsbedingt ins beschauliche Princeton nahe San Francisco versetzt wurde.
Aktuell wünscht ihn Lightoller freilich an einen möglichst weit entfernten Ort. Er, der sich einen Namen als Frauenheld gemacht hat, fand in seiner Wohnung die Leiche einer nicht mehr ganz aktuellen Begleiterin: Constance Willard wurde erdrosselt. Panisch hatte Lightoller den Körper aus dem Haus geschafft und auf einer weit entfernten Kohlenhalde vergraben.
Ausgerechnet an diesem Tatort soll Lightoller den Polizistenfreund nun begleiten. Der Arzt ist ratlos: Spielt der erfahrene Kriminalist mit ihm? Fast scheint es so, als McCracken genüsslich die Indizien auflistet, die der „Mörder“ am Fundort der Leiche hinterließ. Dennoch spielt Lightoller das böse Spiel wohl oder übel mit.
Eine Spur führt in die übel beleumundete Spelunke „Walfisch“. Hier residiert der Ganove Cristovao Pulido. Nie konnte man ihm etwas nachweisen und auch dieses Mal muss McCracken das Feld räumen. Er lässt nun durchblicken, dass er Lightoller für verdächtig hält. Dieser steckt in der Falle, als ihm die mysteriöse Schönheit Katrin Vale ein Alibi verschafft, um dessen Falschheit Lightoller genau weiß.
Wieso hilft ihm Katrin? Wer schickt ihm anonyme Drohbriefe, die zur Flucht aus Kalifornien auffordern? Wer war Constance Willard, die offensichtlich ein Doppelleben führte? Gibt McCracken jetzt Ruhe? Als die Antworten endlich kommen, steht zwischen Leben und Tod nur noch Lightollers Tabaksdose …
_Der „doppelte“ John D. Carr_
Vor Überraschungen ist auch der erfahrene Krimileser, zu denen Ihr Rezensent sich zählen darf, nicht gefeit: „Das Tagebuch eines Mörders“ ist ein Roman, der in einer obskuren, längst eingegangenen und in allgemeine Vergessenheit geratenen deutschen Taschenbuch-Reihe erschienen ist. Bereits das Titelbild erweckt wenig Vertrauen; lieblos und ohne Zusammenhang zum Text wurden diverse Klischee-Bildchen minderer Zeichenqualität vereint.
Der Verfassername lässt aufmerken: „John D. Carr“ steht dort. Verständlicherweise setzt man ihn mit |dem| Carr, John Dickson Carr (1906-1977) nämlich, gleich. Allerdings sorgt die Lektüre schon nach wenigen Seiten für Stirnrunzeln. Weder Plot noch Stil gleichen dem, was man von diesem Carr kennt. Auch die inhaltliche Qualität des durchaus unterhaltsamen Werkes lässt in dieser Hinsicht zu wünschen übrig.
Das Internet sorgt für Aufklärung: Hinter diesem John D. Carr verbirgt sich ein Autor namens John Dwight Carr, und der wiederum heißt eigentlich Robert Grün und wurde 1909 in Österreich geboren. Ein Schelm, der Böses dabei denkt …
Grün gehörte zum Heer der meist namenlosen aber aliasreichen Schreiber, die für den Leihbuch- und Groschenheftmarkt der 1950er und 60er Jahre arbeiteten. Für miserable Honorare strickten sie in Windeseile Garne, die oft entsprechend fadenscheinig waren aber ihre Leser fanden. Um seinen Marktwert zu steigern, dachte sich Grün einen Trick aus. Schon damals galt der Prophet im eigenen Land wenig. Spielte eine Geschichte in den USA, gaben Verlag und Leser einem amerikanischen Verfasser den Vorrang. Also gab Grün vor, nur der Übersetzer von Romanen zu sein, die er selbst produzierte; er dachte sich sogar „Originaltitel“ aus. (Absoluter und aus den Fingern gesogener Unsinn ist deshalb der marktschreierische Cover-Aufdruck, dass dieser Roman „mit dem 1. Preis in Amerika ausgezeichnet“ worden sei. Welcher Preis ist damit gemeint? Darüber wird wohlweislich kein Wort verloren …)
|Abenteuer im Krimi-Märchenland|
Nachdem dieser Trick erkannt ist, stellt sich „Das Tagebuch eines Mörders“ als erstaunlich lesbares Werk heraus. Das Kalifornien der späten 1950er Jahre wird zwar aus angelesenen Fakten und USA-Klischees zusammengebastelt, doch genau das trägt zum Reiz der Lektüre bei. Carr kreiert eine zeitlose Kulisse, in die er entsprechend unbekümmert seine turbulente Story platziert.
Die ist definitiv eine Kopie von 1001 „hard-boiled“-Krimis im Geiste Raymond Chandlers und Dashiell Hammetts. Carr verzichtet auf kritische Anmerkungen und Anspielungen, was aufgrund der geografischen Entfernung zwischen Autor und Schauplatz eine kluge Entscheidung ist. Er übernimmt nur die lakonischen Sarkasmen, für die der „harte“ Krimi bekannt geworden ist. Dabei zeigt er echten Sinn für Humor. Sein Witz ist nicht subtil aber trocken, was ihn selbst heute noch funktionieren lässt, wie beispielsweise Carrs eigenwillige Charakterisierung der Gäste des „Walfisch“ zeigt: |“Die Dekolletés aneinandergereiht würden, schätze ich, von Frisco bis Los Angeles reichen … Das männliche Geschlecht ist hauptsächlich durch Typen vertreten, die beweisen, dass Darwin kein Phantast war.“| (S. 29) Vor dem geistigen Auge entsteht umgehend das entsprechende Bild.
|Alles nur geklaut – aber das immerhin gut|
Der eigentliche Plot vom Mörder, der keiner ist, aber sich zu seinem Schrecken an prominenter Position inmitten der Ermittlung wiederfindet, ist ebenfalls nicht neu. Geschickt adaptiert bzw. variiert wie hier funktioniert er auch im Billig-Krimi vorzüglich. Carr versteht es, die Antwort auf die Frage nach Lightollers Schuld so lange wie möglich hinauszuzögern. Ist der zwar leichtfertige aber sympathische Held ein Mörder? Wir können es nicht glauben, weil wir es nicht glauben wollen, doch was sollen wir glauben, nachdem Lightoller die Leiche von Constance Willard verschwinden lassen wollte?
Ebenfalls geschickt in Szene gesetzt ist das Duell zwischen Lightoller und McCracken. Selbstverständlich ist der Kriminalbeamte Klischee pur – schon der Name charakterisiert den eisenharten Gangsterschreck. Gleichzeitig ist er ein aufmerksamer Beobachter. Wenn er Lightoller an der langen Leine zappeln lässt, kann er die Verdachtsmomente jederzeit auflisten. Carr plottet sauber: Unabhängig davon, dass er keine Ahnung vom Arbeitsalltag der US-Polizei hat, schildert er McCracken als akribischen Detektiv, dessen Anschuldigungen stets plausibel sind.
Das abgehobene Geschehen betont eindringlich die schöne aber mysteriöse Katrin Vale. Eine weibliche Figur, die so selbstständig und selbstbewusst ist, erwartet man nicht in einem Routine-Krimi aus chauvinistischer Vergangenheit. Vale ist zwar dem flatterhaften Lightoller nicht abgeneigt. Dennoch ist sie aus deutlich härterem Holz als dieser geschnitzt: wieder eine Überraschung, mit der Carr punkten kann. Kein Wunder, dass Vale sich auch in anderen Carr-Krimis ein Stelldichein gibt!
Langer Rede kurzer Sinn: Sollte „Das Tagebuch eines Mörders“ dem geneigten Leser dieser Zeilen irgendwie, irgendwann in die Finger geraten, kann zur Anschaffung & Lektüre geraten werden.
Taschenbuch: 143 Seiten
Deutsche Erstveröffentlichung: 1959 (Moewig Verlag/Der Moewig-Kriminal-Roman, So. Bd. 37), 111 Seiten, keine ISBN
Diese Ausgabe: 1978 (Martin Kelter Verlag/Kelter TB Nr. 1055)
ASIN: B0028ILL3C
www.kelter.de
|“Der Schrei war in der Orgel eingesperrt. Er sirrte in den Orgelpfeifen und hallte in der ganzen Kirche wider. Gedämpft. Dumpf. Entrückt.“|
Mit diesen unheimlichen Sätzen beginnt Jean-Christophe Grangés neuester Thriller. In der armenischen Gemeinde wird der Organist in der Kirche ermordet und der Polizist Lionel Kasdan ist zufällig in der Nähe und daher als erster am Tatort. Auch wenn er eigentlich im Ruhestand ist, lässt ihn dieser Mord in der eigenen Gemeinde nicht los. Nur ein kleiner Blutfleck zeugt von Gewaltanwendung, sonst hätte man glauben mögen, der Organist hätte einen Herzinfarkt erlitten – und tatsächlich hat er das auch, wie die Obduktion zeigt. Seine Trommelfelle wurden völlig zerstört, und der daraus resultierende Schmerz hat den Organisten Wilhelm Götz getötet. Seine Schmerzensschreie waren es, die noch in der Kirche hallten, als Kasdan am Tatort ankam.
Die Spurensuche fördert einen interessanten Fußabdruck zutage – einen kleinen Abdruck von einem Basketballschuh in Größe 36. Einer der Chorjungen muss den Mord demnach beobachtet haben. Doch merkwürdigerweise kann Kasdan bei seiner Befragung bei keinem der Jungen ein auffälliges Verhalten fest stellen. Kasdans Neugierde ist geweckt, und so stellt er auf eigene Faust Untersuchungen an.
Cédric Volokine befindet sich zur Zeit des Mordes in einer Entzugsklinik. Seine Heroinsucht hat den Polizisten vom Jugendschutzdezernat in diese missliche Lage gebracht. Dann aber erfährt er von dem Mord an Götz und verlässt die Klinik, um auf eigene Faust zu ermitteln. So dauert es nicht lange, bis die offiziellen Ermittler, Kasdan und Volokine sich gegenseitig auf die Füße treten. Kasdan glaubt an einen politischen Hintergrund, da Wilhelm Götz einst aus Chile geflohen ist, Volokine aber ist überzeugt, dass der homosexuelle Organist sich an den Chorjungen vergangen hat und ein sexuelles Motiv im Vordergrund steht. Zunächst aber verlaufen beide Spuren im Sande.
Bald geschehen weitere Morde – wieder finden sich Schuhabdrücke in Größe 36 am Tatort. Handelt es sich dabei vielleicht um die Spuren des Täters statt des Zeugen? Volokine ist davon überzeugt, und je weiter er zusammen mit Kasdan in den Hintergründen der Morde herum gräbt, desto mehr scheint es, als habe er Recht. Kasdan und Volokine, die sich schnell zu einem Ermittlerduo zusammen schließen, müssen bald einsehen, dass die Chorjungen keine Engel sind, sondern den Tod bringen. Doch was hat sie dazu gebracht, diese Morde zu begehen? Die Spuren führen zu einer kleinen Kolonie in Südamerika, in der grausame Dinge vor sich gegangen sind, die ihre Fühler bis nach Frankreich ausgestreckt haben …
_Tödliche Melodien_
Schon mit seinen einleitenden Sätzen schafft Jean-Christophe Grangé eine düstere Atmosphäre, die mich von der ersten Seite an mitgerissen hat. Lionel Kasdan ist so früh am Tatort, dass er die Todesschreie des Organisten noch hören kann. Eine wahrlich grausige Vorstellung. Kurz darauf verrät Grangé uns, wie Götz gestorben ist und jagt uns damit den nächsten kalten Schauer über den Rücken. Kaum vorstellbar, dass jemand einen solch starken Schmerz erleiden kann, dass er daran stirbt. Aber genau das ist hier passiert. Dann plätschern die Ermittlungen zunächst vor sich hin, die Zuständigkeiten müssen geklärt und alte Feindschaften aus dem Weg geräumt werden, bis wir erfahren, dass die Chorjungen womöglich keine Zeugen, sondern Täter waren. Ein weiterer Paukenschlag, den man erstmal verdauen muss. Jean-Christophe Grangé scheut sich wieder einmal nicht, auch die schlimmsten Verbrechen zu beschreiben. Dieses Mal entführt er uns gedanklich nach Südamerika. Die Spur führt nach Chile. Kasdan glaubt, dass Götz vor seinen Folterern aus Chile geflohen ist. Doch dann erfährt er, dass Götz selbst zu den Folterern gezählt hat.
Gemeinsam kommen Kasdan und Volokine einer geheimnisvollen Gemeinschaft auf die Spur, die in einer kleinen Enklave in Chile gelebt hat. Ihre Spuren ziehen sich aber bis nach Frankreich – hat sich dort womöglich eine ähnliche Kolonie etabliert? Das geniale Ermittlerduo entdeckt, dass in verschiedenen Gemeinden immer wieder Chorjungen verschwunden sind – immer die mit den besten Stimmen. Dann macht Volokine einen ehemaligen Chorjungen ausfindig, der einst eine Engelsstimme hatte und der von einem „Menschenfresser“ berichtet, der die talentierten Chorjungen zu sich geholt hat. Doch was hat dieser ominöse Menschenfresser mit den Engelsstimmen im Sinne? Kasdan und Volokine kommen diesem Geheimnis nur sehr, sehr langsam auf die Spur.
Genau diese ausführlichen, intensiven und aufreibenden Ermittlungen sind es, die mich beim Lesen wieder einmal fasziniert haben. Nur ganz allmählich decken die beiden Schicht um Schicht auf, bis sie das gesamte Geheimnis vor Augen haben. Und was beide nicht ahnen: Einer von ihnen hängt tiefer in der gesamten Geschichte drin als er sich vorstellen kann …
_Todesengel_
Jean-Christophe Grangé schafft es in seinen Büchern immer wieder, gut konstruierte Kriminalfälle zu präsentieren, die sich in den allermeisten Fällen deutlich von der Masse abheben. Seine Stärke ist es dabei, immer nur so viele Informationen preis zu geben, dass man an das Buch gefesselt wird. Zudem schafft er es, diese Informationen am Ende schlüssig zu einem Ganzen zusammen zu setzen. Auch im vorliegenden Buch gelingt Grangé das ausgesprochen überzeugend. Für den deutschen Leser mag es allerdings etwas befremdlich sein, dass er einen alten Nazi-Schergen ausgräbt, der sich seine eigene Kolonie aufgebaut hat, in der die Einwohner in traditionellen bayerischen Trachten herumlaufen. Ich denke, die Geschichte hätte ebenso gut funktioniert, wenn kein alter Nazi die Fäden gezogen hätte. Dies ist aus meiner Sicht allerdings auch der einzige inhaltliche Kritikpunkt.
_Aufreibende Vitae_
Mit Lionel Kasdan und Cédric Volokine haben sich zwei Ermittler gefunden, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch ein Blick hinter die Fassade offenbart, dass sie auch einiges gemeinsam haben. Kasdan befindet sich bereits im Ruhestand, sein Sohn hat den Kontakt zu ihm abgebrochen, seine Frau ist tot. Aber noch etwas anderes aus seiner Vergangenheit treibt ihn herum, das wir erst sehr spät erfahren. Volokine dagegen ist ein junger Draufgänger. Er hängt an der Nadel und kennt sich im Drogenmilieu bestens aus. Dennoch hat er eine Mission: Er kämpft mit allen Mitteln gegen Pädophile. Genau das hat ihn im Fall Götz auf den Plan gerufen. Aber auch Volokines Vergangenheit ist nicht minder bewegt. Auch hier müssen wir lange warten, bis wir einen Blick in diese bewegte Vergangenheit werfen können.
Beide Figuren gefielen mir unglaublich gut, auch wenn sie auf den ersten Blick alles andere als Sympathieträger sind. Sie haben Ecken und Kanten, kämpfen mit ihren Eigenarten und gegen ihre inneren Dämonen. Beide haben ihr Säcklein zu tragen und ahnen, dass es dem jeweils anderen genauso geht. Aus dieser Ahnung entsteht zunächst eine Partnerschaft, später sogar eine richtige Freundschaft. Lange können wir nur ahnen, welche Dämonen die beiden herumtreiben und was sie in der Vergangenheit miterleben mussten. Was uns Grangé schlussendlich präsentiert, wäre mir natürlich im Leben nie eingefallen, doch passen diese Offenbarungen stimmig ins Gesamtbild. Kasdan und Volokine als ermittelndes Duo haben mich auf ganzer Linie überzeugt, denn immer ist man als Leser bemüht, sie zu durchschauen und ihre Motive zu verstehen. Endlich zu erfahren, was die beiden umtreibt, fesselt einen über weite Strecken ans Buch.
_Ärgerliches_
Leider trüben viele Tipp- und Grammatikfehler den Lesefluss. Dutzende von Fehlern sind mir beim Lesen regelrecht in die Augen gesprungen, manchmal fehlte ein Wort, manchmal war eines doppelt. Dann wiederum fehlten die Kommata beim erweiterten Infinitiv, während ein Komma beim einfachen Infinitiv gesetzt wurde. Einmal fand ich ein Komma mitten in einem Wort und einmal zierten gleich zwei Fehler einen „Satz“, der nur aus zwei Wörtern bestand: „Kein Anwort“. Auch die Übersetzung wurde offensichtlich nicht gründlich Korrektur gelesen, denn dann hätte einem Lektor auffallen müssen, dass es nicht „Irländer“ heißt, sondern „Ire“. So viele Fehler dürfen definitiv nicht passieren, schon gar nicht in einem großen Verlag wie Ehrenwirth.
_Unter dem Strich_
Auch mit seinem neuesten Werk hat Jean-Christophe Grangé mich hervorragend unterhalten. Seine Bücher muss man sich meistens erst erarbeiten, da sie sehr umfangreich sind, zahlreiche verschiedene Figuren auftauchen und da die Kriminalfälle meist hochkomplex gestrickt sind. Und so ist es auch hier. Zudem benennt Grangé wirklich jede Straße in Paris, durch die Kasdan und Volokine auf ihren Streifzügen fahren, meiner Ansicht nach ist das etwas zu viel Lokalkolorit bzw. ein zu detaillierter, denn selbst wenn man Paris kennt, dürften einem die einzelnen Straßennamen und Gebäude dennoch unbekannt sein. Einen Informationsgewinn durch diese genauen Beschreibungen kann ich daher nicht erkennen.
Dafür punktet Grangé dieses Mal mit seinen beiden Hauptfiguren Kasdan und Volokine, die beide mit einer mehr als bewegten Vergangenheit aufwarten können und die sich hervorragend ergänzen. Beide haben ihre Eigenarten, die sie für uns greifbar und interessant machen. Von den beiden würde man wirklich gerne mehr lesen.
Bleibt demnach nur zu hoffen, dass Grangés nächstes Buch besser lektoriert wird, dann dürfte einem ungetrübten Lesevergnügen nichts mehr im Wege stehen!
_Grangé beim Buchwurm:_
[Das Herz der Hölle 4569
[Der steinerne Kreis 1349
[Das schwarze Blut 2286
[Das Imperium der Wölfe 1348
[Die purpurnen Flüsse 936
Eine Freundesgruppe gerät während einer Atlantik-Überfahrt in ein mysteriöses Komplott, das mit dem Diebstahl eines peinlichen Schmalfilms beginnt, sich zum Schmuckdiebstahl steigert und mit Mord endet … – Der dritte Band der berühmten Gideon-Fell-Serie wirkt über weite Strecken wie eine zeitgenössische Screwball-Komödie und verzichtet auf die Anwesenheit des Detektivs, der erst im Finale auftritt und souverän 16 lose Fäden zum Fall-Knoten schürzt: als Kriminalroman ein nur bedingt gelungenes Experiment. John Dickson Carr – Der blinde Barbier weiterlesen →
Als in einer nur scheinbar noblen Pension ein Gast auf unnatürliche Weise stirbt, wird eine junge Frau als Sündengeiß missbraucht, bis ein findiger Polizist ein Komplott aufdeckt … – Auch dieser Krimi des Schriftstellers Seldon Truss ist es wert, der Vergessenheit entrissen zu werden: Mit viel Humor werden „Whodunit“-Klischees auf die Spitze getrieben, ohne dass dadurch Spannung und Handlungslogik leiden. Für die Fans des Genres ein Geheimtipp! Seldon Truss – Frauen reden zuviel weiterlesen →
Inspector Appleby ermittelt auf dem Land gegen einen Straftäter, der sich in seinen Taten durch eine Sammlung örtlicher Geistergeschichten inspirieren lässt. Aus Spaß wird Ernst, als ein auf bizarre Weise zu Tode gekommener Mann gefunden wird. Die Schar der Verdächtigen besteht aus exzentrischen Sonderlingen, was die Klärung des Falles enorm erschwert … – Herrlich nostalgisch, witzig, gespickt mit literarischen Zitaten und Anspielungen, trotzdem spannend und stimmungsvoll, ist dies einer der besten Krimis der legendären Appleby-Serie. Michael Innes – Appleby’s End weiterlesen →
Als ein reicher Landadliger ermordet wird, gerät sein krimineller Neffe in Verdacht. Die einander widersprechenden Indizien kann ein Scotland-Yard-Inspektor mühsam entwirren, aber erst das Schicksal sorgt tief in den Minen eines Bergwerks für einen glatten Abschluss der Affäre … – Diese unentschlossene Mischung aus Krimi und Drama ist das Werk eines routinierten aber hastigen Vielschreibers, der seine Spannungselemente hintereinander schaltet, statt sie in den Dienst einer durchkonstruierten Handlung zu stellen: sehr altmodisch und höchstens gerade deshalb lesenswert. J. S. Fletcher – Verbrechen in Mannersley weiterlesen →
Acht Weltenbummler und Schriftsteller fühlen sich geschmeichelt, als sie in ihren Briefkästen eine Nachricht finden, die sie in das Feinschmecker-Lokal „Les Jardin des Olives“ in London einlädt. Der ebenso feine wie geheimnisvolle „Marco Polo Club“, dem nur berühmte Reisende, Wissenschaftler und Künstler angehören, hat sie einer Aufnahme für würdig befunden.
Vor Ort stellt sich allerdings heraus, dass sich jemand einen Scherz erlaubt hat. Nicht der „Marco Polo Club“, sondern offensichtlich der Sonderling Elias Trowne hat zu dem Treffen eingeladen. Empört verlässt Edmond Fitzpayne das „Les Jardin“, während die übrigen Gäste spontan die Gründung eines „Oktagon-Clubs“ beschließen, um auf diese Weise die peinliche Situation zu entschärfen.
Man hat viel Spaß an diesem Abend und muss von Henri Dubonnet, dem Eigentümer des Hauses, vor die Tür gesetzt werden. Als der müde Gastwirt seine letzte Runde dreht, findet er unter einem Tisch im Servierraum neben dem Speisesaal die Leiche von Elias Trowne. Ihm wurde der Schädel eingeschlagen, und das offenbar schon vor dem Bankett.
Chefinspektor MacDonald von Scotland Yard übernimmt den Fall. Schon früh kommt er zu dem Schluss, dass ein Mitglied des jungen „Oktagon-Clubs“ den Mord begangen hat. Im Rahmen seiner freundlichen aber intensiven Verhöre kann MacDonald jedoch keinen Verdächtigen finden. Dabei sind seine Gesprächs- und Verhörpartner außerordentlich kooperativ. Sie stellen sogar eigene Ermittlungen an, was den Mörder offensichtlich nervös macht, da bald einem zweiten Pechvogel der Schädel gespalten wird …
_Rätsel-Krimi vor realem Hintergrund_
Wieso kennt heute (zumindest in Deutschland) niemand mehr die Werke von E. C. R. Lorac? Gehört, würde unter dieser Frage ein Tonfall liegen, der an Fassungslosigkeit grenzt. „Der Tod auf dem Bankett“ liefert jedenfalls im Überfluss, was der Freund des klassischen Rätselkrimis so liebt: den Mord im augenscheinlich fest verschlossenen Raum, eine Gruppe absolut unschuldiger Verdächtiger, in deren Mitte sich dennoch der Täter verbirgt, sowie einen Ermittler, der geduldig und geschickt den kriminellen Knoten nicht zerschlägt, sondern Fädchen für Fädchen aufdröselt.
Dabei hinaus wahrt die Autorin streng aber unterhaltsam ehrwürdige „Whodunit“-Traditionen. Der Plot ist komplex-verworren und realitätsfern, doch die geschilderten Ereignisse könnten sich so abspielen. Lorac spielt fair; sie lässt Chefinspektor MacDonald mit offenen Karten ermitteln. Wenn wir aufmerksam lesen, werden wir den entscheidenden Hinweis auf den Täter finden. Leicht macht Lorac uns dies aber nicht. Genretypisch werden wir mit korrekten, falschen und missverstandenen Hinweisen förmlich bombardiert. Den Stein der Weisheit müssen wir mühsam aus dem Schutt klauben, unter dem er begraben wird.
Wobei dieser Vergleich nicht ohne Grund gewählt wurde: „Der Tod auf dem Bankett“ gehört zu den nicht gerade zahlreichen „Whodunits“, die trotz ihrer Verschrobenheit in der Realität wurzeln. Der Roman entstand 1948, und die Handlung spielt sich in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit ab. Geschickt arbeitet Lorac die zeitgenössischen Umstände in die Geschichte ein. So ist der ominöse Bankett-Saal vor allem deshalb eine ideale Mordstätte, weil er kriegsbedingt unter die Erde verlegt, mit verstärkten Mauern versehen und mit bombenschallschluckendem Korkfußboden ausgelegt wurde.
|Seltsame Vögel mit giftigen Federn|
„Der Tod auf dem Bankett“ ist ein Roman, der kaum Handlung und keine exotische Handlungsorte zu bieten hat. Die Ereignisse spielen sich in einem überschaubaren Radius um den Ort des Verbrechens ab, und meist sitzen die Betroffenen beisammen und reden. Das mag langweilig klingen, ist es aber nicht, denn Lorac versteht sich darauf, ihre Geschichte im Verlauf dieser Unterhaltungen zu verdichten. Ein Sprichwort sagt, dass sich Leute um Kopf und Kragen reden können. Lorac beweist es uns. Nur eine unbedachte Bemerkung ist es schließlich, die den Mörder an den Galgen bringen wird. Bis es so weit ist, müssen viele Irrtümer und falsche Schlussfolgerungen überwunden werden. Der Leser nimmt es mit Vergnügen hin, denn er spürt, dass er an einem Haken hängt und von einer talentierten Autorin gedrillt wird.
Vom alten Spottbild des weltfremden Bücherwurms darf man sich dabei verabschieden. Lorac bricht eine Lanze für die Schwerarbeiter ihrer Zunft – jene Autoren, die nicht Kunst schaffen, sondern Handwerk produzieren, das dem Leser, der gleichzeitig zahlender Kunde ist, gefallen soll, um in möglichst großer Zahl gekauft zu werden. Der Alltag solcher Autoren im Jahre 1948 mag in der Rückschau pseudo-romantisch wie Carl Spitzwegs Bild vom „Armen Poeten“ wirken, doch Lorac zeigt nüchtern kreative und mit den Usancen ihres Geschäftes vertraute Männer und Frauen, die vor allem einem Job nachgehen.
|Unter dem Glanz der Gelehrsamkeit|
Das Verständnis dieser Realität ist wichtig, denn sie wird zum Schlüssel für die finale Auflösung. Die geistige Gewandtheit, die Chefinspektor MacDonald an seinen Verdächtigen bewundert, ist ein zweischneidiges Instrument. Voller Tatendrang, mit schnell erworbenem Fachwissen und vielen eigenen Ideen beteiligen sich die Angehörigen des „Oktagon-Clubs“ an der Jagd auf den Mörder. Freilich gehört der Mörder zu ihnen, und er (oder sie?) entwickelt ein ähnliches Geschick in dem Bemühen, falsche Spuren zu legen und von der eigenen Schuld abzulenken.
Dieses intellektuelle Rennen sorgt für eine Spannung, die sich zum Rätselspaß addiert. Welcher der freundlichen, hilfsbereiten, eifrigen Bücherwürmer ist tatsächlich ein kaltblütiger Mörder? Lorac hat kein Problem mit einem Verdächtigen-Feld, das acht Personen umfasst. Für jede ihrer Figuren entwirft die Verfasserin eine eigene Biografie und einen eigenen Charakter. Dieser ist jedoch oft Tarnung, denn den Mitgliedern des „Oktagon-Clubs“ ist der Schein wichtiger als das Sein. Das erschwert der Polizei die Arbeit, ist aber längst kein Hinweis auf Schuld – so einfach macht es uns Lorac nicht! Sie bringt Belege für die Unschuld ihrer Figuren bei, die im nächsten Kapitel negiert werden, bis dem Leser der Kopf schwirrt.
Was war das Motiv? Lorac spielt lange mit dem Element der Eitelkeit, denn auch (oder gerade) „Gebrauchs-Schriftsteller“ sind empfindliche, leicht beleidigte Menschen. Das eigentliche Motiv ist im Gegensatz zum Täter nicht durch Miträtseln zu erkennen. In diesem Punkt wahrt Lorac ihren Wissensvorsprung, der ihr eine Lösung ermöglicht, die ebenso abenteuerlich wie logisch ist und auch jene Leser bei der Stange hält, die mit der Identifizierung des Mörders richtig lagen.
|Der Detektiv im Hintergrund|
Hercule Poirot, Gideon Fell, Gervase Fen, natürlich Sherlock Holmes: Der Ermittler ist im „Whodunit“ normalerweise eine herausragende und hervorstehende Gestalt. Die eine Eigenschaft kennzeichnet seinen Intellekt, die andere seinen Charakter. Kriminologische Genialität geht mit Extravaganz im Auftreten einher. Nur wenige Angewohnheiten oder Manierismen genügen, um eine Figur ins Leserhirn zu prägen. Dort bilden sie einen Vorrat, von dem der Verfasser zehren kann, denn schwache Handlungs-Passagen lassen sich mit amüsanten Verschrobenheiten und deduktiven Spielchen überwinden, die sogar das besondere Interesse der Leserschaft erregen.
Auf dieses Pfund verzichtet Lorac völlig. Robert MacDonald ist eine Figur ohne besondere Eigenschaften. Er bezieht uns nicht in sein Privatleben ein, während im modernen Krimi jeder Seelenkummer und jede Magenverstimmung des Ermittlers seitenlang ausgewalzt wird. MacDonald interessiert uns nach dem Willen seiner Verfasserin nur als Polizist. Man akzeptiert dies mit Freude und Erleichterung, denn es garantiert einen auf den Fall zentrierten Krimi und erspart uns die Seifenoper.
Das bedeutet übrigens keineswegs, dass MacDonald langweilig ist. Sein wahres Wesen entfaltet sich in der Ermittlung. Langsam aber zielgerichtet und ohne Angst vor Rückschlägen arbeitet er sich durch Indizien und Aussagen. Im Wettkampf mit den Mitgliedern des „Oktagon-Clubs“ vermag er mitzuhalten. Hinter scheinbarer Bewunderung und Bescheidenheit verbirgt sich ein scharfer Geist, der seinen Gesprächspartnern stets mehr Informationen entlockt, als diese herausgeben wollten.
Leider weicht Lorac im letzten Teil von ihrer Linie ab. Die Initiative geht auf eine andere Figur über, die eher dilettantisch den Täter identifiziert, ihn stellt und dabei in eine Falle gerät, aus der sie in letzter Sekunde gerettet werden muss: eine Wendung, die allzu offenkundig für ein dramatisches Finale sorgen soll. Dabei hat dieser Roman derartige Tricks nicht nötig. Glücklicherweise kehrt Lorac zur bewährten Form zurück, wenn in einem langen Epilog zum Finale die offenen Fragen geklärt werden. Die Autorin ist dabei souverän genug, auf logische Lücken selbst hinzuweisen, für die sie keine geniale, aber eine funktionierende Erklärung findet. Wenn die Akte Trowne zusammen mit unserem Buch geschlossen wird, ist der Leser zufrieden. Er wurde ordentlich an der Nase herumgeführt aber nicht für dumm verkauft. Lässt sich ein erfolgreicher „Whodunit“ treffender definieren?
_Autorin:_
E. C. R. Lorac (1894-1958), geboren (bzw. verheiratet) als Edith Caroline Rivett- Carnac, muss man wohl zumindest hierzulande zu den vergessenen Autoren zählen. Dabei gehörte sie einst zwar nicht zu den immer wieder aufgelegten Königinnen (wie Agatha Christie oder Ngaio Marsh), aber doch zu den beliebten und gern gelesenen Prinzessinnen des Kriminalromans.
Spezialisiert hatte sich Lorac auf das damals wie heute beliebte Genre des (britischen) Landhaus-Thrillers, der Mord & Totschlag mit der traulichen Idylle einer versunkenen, scheinbar heilen Welt paart und daraus durchaus Funken schlägt, wenn Talent – nicht Ideen, denn beruhigende Eintönigkeit ist unabdingbar für einen gelungenen „Cozy“, wie diese Wattebausch-Krimis auch genannt werden – sich mit einem Sinn für verschrobene Charaktere paart.
|Taschenbuch: 184 Seiten
Originaltitel: Death Before Dinner (London : Collins 1948) bzw. A Screen for Murder (New York : Doubleday Crime Club 1948)
Übersetzung: Helene Mayer
Deutsche Erstausgabe: 1956 (Humanitas Verlag/Blau-Geld Kriminalromane 12), 212 Seiten, keine ISBN
Bisher letzte Ausgabe: 1964 (Signum Verlag/Signum TB 2135)
ASIN: B0000BMVUE|
Für den scheinbar unmöglichen Mord an einem allseits verhassten Musikkritiker gibt es nach dem Geschmack von Scotland Yard zu viele Verdächtige. Ein ebenfalls involvierter Detektiv findet dagegen die Aktivitäten der angeblich unschuldigen Verwandten und Hausfreunde wesentlich interessanter … – Dieser klassische „Whodunit“ aus der Spätphase dieses Krimi-Genres ist spannend, witzig und wartet mit einer bizarren Final-Auflösung auf, die mit Humor zu nehmen ist. Beverley Nichols – Eine kleine Mordmusik [Horatio Green 1] weiterlesen →
James Martin stand einst vor einer vielversprechenden Musiker-Karriere, als er in einen grausamen Doppelmord verwickelt wurde. Weil man ihm seine direkte Schuld nie nachweisen konnte und er außerdem in der Untersuchungshaft an Schizophrenie erkrankte, kam Martin nicht ins Gefängnis. Stattdessen steht er seit vielen Jahren in der feudalen Familienvilla, die er inzwischen allein bewohnt, unter Hausarrest. Er muss eine elektronische Fußfessel tragen, wird ständig von einem Psychologen untersucht und steht unter der Vormundschaft seiner Zwillingsschwester Ellen.
Ungeachtet der ihm auferlegten Beschränkungen hat sich Martin als Meister der Manipulation viele Freiheiten erobert. Ellen ist dem Bruder hörig, der Betreuer bestechlich. Gerade ist Dr. Kravitz, der ungeliebte Psychiater, (angeblich) einem Blutzuckerschock zum Opfer gefallen. Martin setzt alle Hebel in Bewegung, damit ihm Dr. Barrett Conyors als Ärztin zugewiesen wird, die er vor Jahren in Croton, einer Anstalt für kriminelle Geisteskranke, kennen und bis zur Besessenheit schätzen lernte, was er allerdings stets verbergen konnte.
Die hochbegabte und engagierte Conyors freut sich über das gute Honorar und die Ablenkung, denn just hat sie ihren Gatten beim Ehebruch erwischt. Auch beruflich ist die Ärztin angeschlagen, nachdem sich ein von ihr geheilter Patient nun doch vor Gericht verantworten musste und sich deshalb umbrachte. Nie wieder wird sie der Justiz auf diese Weise in die Hände arbeiten, schwor Conyors sich – für Martin ein idealer Ansatzpunkt für sein perfides Psycho-Spiel.
Zwar ahnt Conyors, dass ihr großzügiger Klient sie belügt, worin sie ein alter Freund, der misstrauische Detective Hobbs, bestärkt, doch sie überschätzt ihre beruflichen Fähigkeiten, wodurch sie Martin und die Intensität seines Wahns falsch einschätzt – ein Versäumnis, das Conyors Leben zur Auflösung bringt und im Rahmen eines dramatischen Finales sogar zu beenden droht …
_Thriller von der Stange_
Das Böse ist reich, (trügerisch) schön, hochtalentiert und skrupellos, das Gute (zunächst) schwach, weil gesetzestreu und moralisch, aber immerhin ebenfalls schön und klug: Willkommen in der Terminator-Zone, die in der Astronomie die Licht-Schatten-Grenze eines Planeten bezeichnet. Der Begriff taugt auch für die (Unterhaltungs-) Literatur. Hier ist der Terminator freilich breiter, denn er ist die Heimat jener (viel zu) vielen Romane, die weder richtig schlecht noch wirklich gut sind.
Im Dämmerschatten verschwimmen etwaige Charakterzüge. Handwerklich solide Arbeit ist in diesem Umfeld gefragt, und genau sie bietet „Blutduett“ als Schema-F-Thriller, der gerade an der Kante jenes Abgrundes balanciert, in dem einschlägige Klischees ihn endgültig verschlingen würden. Es gibt keine einzige originelle Idee in diesem Buch, was durch die künstlich aufgeregte aber eigentlich farblose Umsetzung noch betont wird. Charles Atkins folgt treu (oder stumpf) den Fußspuren anderer Autoren, die das Feld vom irren aber cleveren Super-Schurken bereits kreuz und quer beackert haben.
Zwar ist er bemüht, dies vergessen zu lassen, indem er aktuelles und durch persönliche Berufserfahrung gewonnenes Fachwissen in seine Geschichte einfließen lässt. Wie viele andere ehrgeizige Autoren ignoriert er jedoch die Frage, was seine Leser höher schätzen: eine spannende oder eine solide im fachlichen Kontext verankerte Geschichte? Er kennt die Antwort nicht, dass sich die Fiktion der Realität nur bedient, ohne ihr verpflichtet zu sein. Anders ausgedrückt: Eine Geschichte muss vor allem spannend sein und höchstens überzeugend klingen. Faktenwissen ist eine Zugabe, die der Leser von einem guten Autor erwartet und erwarten kann.
|Auch Klischees wollen beherrscht sein|
Charles Atkins hätte besser mehr Schwung in seine Geschichte gebracht, statt uns einmal mehr mit dem nur scheinbar und behauptet aufregenden Garn von der Schönen und dem Biest zu konfrontieren, ohne das Thema wenigstens zu variieren. Schon die Ausgangssituation erzeugt Stirnrunzeln. Atkins setzt auf die „Reiche dürfen alles“-Karte und konstruiert eine Mausefalle, die über unzählige heimliche Ausgänge verfügt und damit und ein „Looked Room“-Geheimnis einerseits schaffen will und andererseits mit Füßen tritt. Wie konnte ein psychisch nachhaltig gestörter, viele Jahre unter Medikamenteneinfluss in einem Sanatorium vegetierender Martin sein Elternhaus unbemerkt in eine High-Tech-Burg verwandeln, um deren Effizienz ihn jeder staatliche Geheimdienst beneiden würde? Gibt’s dafür Internet-Volkshochschulkurse? Atkins bemüht sich um „Erklärungen“, die jedoch fadenscheinig bleiben.
Zumindest der tatsächlich gefangene Hannibal Lecter war in „Das Schweigen der Lämmer“ faszinierend, weil er sein Gegenüber nur durch Worte manipulieren konnte. Will James Martin einen Widersacher aus dem Weg räumen, setzt er seine Fußfessel außer Betrieb, setzt sich in ein getarntes Taxi und fährt den Lästling über den Haufen. Notfalls manipuliert er Komplizen, die Atkins bei Bedarf aus dem Hut zieht. So vermag er seine Handlung wohl aus einer ihrer vielen Sackgasse manövrieren, aber ernst nehmen kann man dieses „Lösung“ beim besten Willen nicht. Muss angemerkt werden, dass Martins Todesfallen ähnlich plump geraten? Eine Ausnahme bildet das große, durch aufgesetzte Gruseldramatik und Zufälle geprägte Finale: Es ist peinlich und sabotiert die ohnehin schwache Auflösung.
|Kluges Reh im Scheinwerferlicht|
Atkins hegt die allzu zuversichtliche Überzeugung, ein wortgewandter Autor zu sein. Gern bemüht er beispielsweise theatralische Symbolismen als Stilmittel. Schon der Titel verweist auf einen Kampf der Geistesriesen: |prodigy| bedeutet „Wunderkind“, und der Verfasser findet den Einfall originell, dass nicht nur James Martin, sondern auch Barrett Conyors ein solches Wunderkind war. Weitere Parallelen werden konstruiert: unglückliche Kindheit, schwierige Eltern, Beziehungsprobleme; sie sollen ebenso wie das Cello-Spiel – nur Genies spielen klassische Musik, und das Böse ist noch hässlicher, wenn es die schönen Künste missbraucht – bedeutungsschwangere Tiefe suggerieren. Faktisch wird das Instrumentarium der Seifenoper aufgefahren, deren Getöse die Schlichtheit des Plots übertönen soll.
Zwischen Martin und Conyors findet ein Katz-und-Maus-Spiel statt. Es spiegelt sich im Verhältnis zwischen Martin und seiner (echten) Katze Fred und soll unheilvoll die Zukunft der ahnungslosen Psychologin Conyors andeuten. Die wird privat und im Job durch zahlreiche Widrigkeiten so arg gebeutelt, dass immerhin nachvollziehbar wird, dass ein lupenreiner Irrer wie James Martin sie über den Tisch ziehen kann. Conyors ist eine Fachidiotin, sie steckt voller Skrupel, was Sympathie für die Figur wecken soll. Stattdessen nervt Conyors in ihrem Gutmenschentum, das sie außerdem in jede noch so ungeschickt gestellte Falle stolpern lässt.
Ausgelaugte Geschmacklosigkeiten erzeugen unfreiwillig Heiterkeit: In Martin juniors Matschhirn röhrt der tote, böse Vater, der unbedingt einen Erben produziert sehen will; mit Fruchtbarkeitspillen gefüttert und heimlich künstlich geschwängert, droht Barrett, sich mit einem Plastikmesser die Gebärmutter zu entfernen, wenn man sie nicht ziehen lässt – eine Situation, die spannende Krisenstimmung nachhaltiger killt als jeder Serienkiller.
|Gelegenheit zur Publikumsbelehrung|
Zwischen den raren Spannungsmomenten bremst Atkins die Handlung gern ab, um seine Figuren lange Vorträge über die Rolle der Psychologie im modernen Justizwesen zu halten. In diesem Punkt kennt sich der Verfasser hauptberuflich aus, und es ist ihm wichtig, sein Wissen einem möglichst breiten Publikum näherzubringen. Ihm unterläuft in diesem Zusammenhang deshalb nicht nur der weiter oben angesprochene Fehler, darüber seine Geschichte zu vernachlässigen. Atkins beginnt darüber hinaus zu dozieren. Fakten sind jedoch nur Teile des Rezeptes für eine gute Geschichte. Sie müssen ihr in geeigneten Dosen untergehoben werden. Ein Kreuzzug ist in erster Linie demjenigen wichtig, der ihn ausruft.
Als Leser möchte man „Blutduett“ schütteln, bis Klischees und allzu Bekanntes wie faule Früchte und trockene Blätter aus dem Geäst eines Obstbaums gefallen sind, um zu sehen, was übrig bleibt. Von diesem Roman blieben wohl nur kahle Zweige, was letztlich das passende Bild für eine routinierte, allzu kalkulierte und vor allem: hölzerne Geschichte wäre.
_Autor:_
Der 1961 geborene Psychiater ist Mitglied der Medizinischen Fakultät der Universität Yale in New Haven (US-Staat Connecticut). Sein Spezialgebiet ist die Behandlung manisch-depressiver Verhaltensstörungen. Über seine Erfahrungen und Forschungen schreibt Atkins regelmäßig Artikel in Fachzeitschriften; er ist außerdem Autor viel gelesener Ratgeber über den Umgang mit psychisch erkrankten Personen.
Als Krimi-Autor debütierte Atkins 1998 mit „The Portrait“. Weitere Romane sowie zahlreiche Kurzgeschichten für Magazine und Anthologien folgten. 2007 begann der Autor eine Serie um die Psychiaterin Barrett Conyors. Hier kann Atkins sein Fachwissen in eine Krimi-Handlung einfließen lassen.
Charles Atkins lebt in Woodbury, Connecticut. Über seine medizinischen und schriftstellerischen Aktivitäten informiert er auf seiner Homepage [www.charlesatkins.com]http://www.charlesatkins.com.
|Taschenbuch: 413 Seiten
Originaltitel: The Prodigy (Woodbury/Minnesota : Midnight Ink 2007)
Übersetzung: Marcel Bülles
Deutsche Erstausgabe: Januar 2010 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe Nr. 16370)
ISBN-13: 978-3-404-16370-0|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de
_Charles Atkins bei |Buchwurm.info|:_
[„Gift“ 3966
[„Risiko“ 5024
Als Studenten der Psychologie waren sie nicht nur Kommilitonen und Zimmergenossen, sondern auch beste Freunde. Seit vielen Jahren halten Thomas Bible und Neil Cassidy den Kontakt aufrecht. Der eine doziert an der Columbia University in New York City, der andere arbeitet in einem Krankenhaus.
Allerdings hat Cassidy seinen Freund belogen. Er war sogar dazu verpflichtet, denn er hat sich von der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) anwerben lassen. Seit dem Anschlag auf die Twin Towers 2001 und im Zuge des „Krieges gegen den Terrorismus“ wurden in den USA die gesetzlich garantierten Menschenrechte immer stärker aufgeweicht. Cassidy beschäftigte sich mit der Manipulation des Gehirns. Im Rahmen streng geheimer Operationen und Experimente sollten mutmaßliche Verschwörer nicht nur zum Reden gebracht werden. In einem nächsten Schritt wollte man sie geistig quasi ferngesteuert gegen die eigenen Leute einsetzen.
Irgendwann kam Cassidy zu dem Schluss, dass die Realität vom menschlichen Hirn nur verzerrt dargestellt wird. Er ging in den Untergrund und begann, Männer und Frauen zu kidnappen, um mit bizarren und grausamen Versuchen die ‚Fehlfunktionen‘ des Gehirns zu entlarven. Das FBI jagt Cassidy, den „Neuropathen“, für den Gesetze oder moralische Normen Fiktionen in einer Welt der Illusionen sind. Die Agenten holen Thomas Bible als Berater in ihr Team. Nur er kann wenigstens ansatzweise erfassen, wie Cassidy „tickt“. Trotzdem unterschätzt er den Wahn des Freundes. Für Cassidy wird er zum idealen Versuchsobjekt. Dieses „Experiment“ geht er anders an: Cassidy kidnappt Bibles vierjährigen Sohn und treibt den Vater, der zu Recht Entsetzliches befürchten muss, schier in den Wahnsinn …
_Auf der Suche nach neuen Schrecken_
Genialität und Größenwahn kennzeichnen in der Regel den charismatischen Serienkiller. Intelligent oder wenigstens schlau sollte er sein, um die Polizei und andere Verfolger einige hundert Buchseiten oder 90 bis 120 Filmminuten ins Leere laufen zu lassen bzw. in Atem halten zu können. Der Wahn ist wichtig, weil er ihn (oder sie) zu Übeltaten anstachelt, die den lesenden oder zuschauenden Zeitgenossen unterhaltsam erschauern lassen, der über den Spaß am profanen Kopfschuss längst hinausgewachsen ist.
Sich in dieser Hinsicht Neues einfallen zu lassen, ist nach einer wahren Schwemme irrwitziger Mörder zur echten Herausforderung geworden. Längst sind die Grenzen zum Horror weit überschritten, und der Realitätsbezug schmolz zur Behauptung zusammen. Möglichst bizarr muss gemetzelt werden, was freilich die Gefahr der Lächerlichkeit in sich birgt, da die blutreichen Gräuel oft einem monumentalen „Plan“ folgen, der ebenso kompliziert wie unsinnig ist. Wahnsinn bietet da keine Entschuldigung.
Scott Bakker überrascht zunächst mit gleich zwei mordlüsternen Killern. (Er scheint jedenfalls anzunehmen, er könne seinen Lesern weismachen, beide Mordserien hätten nichts miteinander zu tun. Dies offenzulegen werte ich nicht als Spoiler, da sich der Autor gar zu ungeschickt anstellt.) Da haben wir den „Chiropraktiker“, der seinen Opfern die Wirbelsäulen entfernt, die er anschließend beispielsweise in die Briefkästen ahnungsloser Mitbürger wirft.
Und es gibt Neil Cassidy, den selbsternannten, übergeschnappten Übermenschen, der mit seinem Treiben gleich mehrere Teilbereiche der Natur- und Geisteswissenschaften trivialisiert, an deren Spitze Psychologie und Philosophie stehen. Wie er Cassidy in beiden Feldern verwurzeln konnte, macht Bakker offensichtlich sehr stolz, denn er verwendet vor allem in der ersten Romanhälfte viele, viele Seiten darauf, uns die Ergebnisse entsprechender Recherchen nahezubringen.
|Ich denke, aber bin ich?|
Sind wir denn so begriffsstutzig? Wollen wir es so genau wissen? Auf sein FBI-Publikum – es vertritt die Leser – redet Professor Bible jedenfalls so intensiv ein, bis es nur noch Bahnhof versteht. Bakker nutzt dabei den Respekt (oder die Abscheu) des „normalen“ Lesers vor den Erkenntnissen der Philosophie. Deren Repräsentanten machen sich schwere Gedanken über das Wesen der Welt. Dabei kommen sie zu Ergebnissen, die manchmal kurios und vor allem schwierig nachvollziehbar sind.
Die Theorie, dass die Realität des Menschen nicht der Realität entspricht, sondern eine durch das Gehirn gefilterte Interpretation darstellt, ist in der Philosophie schon alt. Die moderne medizinische Forschung ergänzte dieses Denkmodell durch das Bild des Gehirns als biologische Maschine, die ausschließlich auf äußere Reize reagiert, während der Mensch für das Gros seiner Gedanken und Handlungen fälschlich einen „freien Willen“ reklamiert. Dies ist wie gesagt ein Bild, das aber leicht verständlich ist und sich – beispielsweise für einen Thriller – instrumentalisieren lässt. Aus einem Potpourri mehr oder weniger nihilistischer Weltmodelle und kombiniert mit in den Plot eingerührten medizinischen Einsichten konstruiert Bakker den „Neuropathen“: einen Soziopathen, der wahnhaft unfähig ist, seinen neurologischen „Erkenntnissen“ (keine) Taten folgen zu lassen.
|Eigentlich bleibt alles beim Alten|
Dieser Bösewicht stellt bei nüchterner Betrachtung nur den sprichwörtlichen Kaiser in neuen Kleidern dar. So verwirrend ist das Konzept der Neuropathie nicht. Originell ist es ebenfalls nicht. Bakker bemüht sich, es originell klingen zu lassen – als Autor mit dem Auftrag, seine Leser zu unterhalten, ist dies legitim -, es gelingt jedoch nur bedingt.
In der Neuropathen-Wundertüte geht es erstaunlich geordnet zu. Bakker entwirft einen Roman mit konventionellem Handlungsablauf und entsprechenden Figuren. Dies allein ist ihm nicht zum Vorwurf zu machen, denn das Prinzip – Gut & Böse verfolgen einander bis zur finalen Konfrontation – ist ein funktionsbewährter Klassiker. Der Verfasser mag sich indes nicht auf die „reine“ Form verlassen. Er verschneidet seinen Plot mit Seifenoper-Elementen. Folgerichtig gibt es eine Liebesgeschichte, ein guter Hund kommt zu Tode, und kleine Kinder geraten in Lebensgefahr.
Diese Aufzählung ist nur zum Teil ironisch. Bakker arbeitet oft mit Klischees, denen er nichts Neues abzuringen weiß. Solche Zwischenmenschlichkeiten werden der Handlung eingefügt, weil bestimmte Lesergruppen sie erwarten. Wen wunderts, dass diese Passagen jene Begeisterung vermissen lassen, mit der sich Bakker dem Neuropathen-Erzählstrang widmet, der ihn spürbar stärker interessiert hat?
|Yin und Yang des Bewusstseins|
In einem Nachwort erläutert Scott Bakker, dass er sich für seinen Roman realer wissenschaftlicher Erkenntnisse bediente, die er verfremdete und dramatisch übersteigerte, wo es den Plot beflügeln konnte: |“Was früher allein die abstrakten Befürchtungen von Philosophen gewesen sind, hat Fleisch und Knochen bekommen.“| (S. 447) Nachdem er dies deutlich gemacht hat (und obwohl er die Seifenoper weiterspielt), lotet Bakker die Möglichkeiten der Hirnmanipulation einerseits durchaus gruselig und konsequent aus.
Andererseits führt er mit dieser Konsequenz die Handlung direkt in eine Sackgasse. Die finale Erkenntnis des neuropathischen Denkens erfährt Bible nur, wenn er sich seinem Feind mit Haut & Haaren bzw. Hirn ausliefert. Dass es darauf hinauslaufen wird, wird dem Leser sehr früh klar. Bakker versucht kurz zuvor mit einer dramatischen Episode für Ablenkung zu sorgen, aber er fabriziert mit nur Stirnrunzeln mit dem plötzlich ins Geschehen eingeschobenen Subplot von den hirnmanipulierten Regierungsagenten, die moralbefreit Staatsfeinde jagen.
Als er mit Frankenstein Neils technischer Meisterschöpfung, der „Marionette“, verdrahtet und hilflos daliegt, bleibt Bible nur, mit seinem Peiniger die üblichen Debatten zu führen: Während Neil im Gotteswahn kryptisch faselt, klammert sich Bible an uramerikanische Moral- und Familienwerte. Da ihn Gerede nicht aus der Bredouille bringt, greift Bakker schließlich auf die schlechteste aller möglichen Lösungen zurück und lässt einen „deus ex machina“ die Rettung weniger bringen als übers Knie brechen.
Vom pseudofachlichen und modischen Beiwerk befreit kann „Neuropath“ als Thriller nur bedingt überzeugen, geschweige denn unterhalten. Zu viel Gerede, zu viele Klischees können auch durch Science-Fiction-Elemente und schlechte Action-Einlagen nicht ausgeglichen werden. „Neuropath“ bleibt im interessanten Ansatz stecken. Weniger verfasserlicher Ehrgeiz und mehr schriftstellerisches Handwerk hätten dem Leser möglicherweise eine befriedigendere Lektüre beschert.
_Autor:_
Richard Scott Bakker wurde am 2. Februar 1967 in Simcoe in der kanadischen Provinz Ontario geboren. Seit 1986 studierte er zunächst an der University of Western Ontario und später Philosophie an der Vanderbilt University, die er allerdings vor seinem Abschluss verließ. Bakker siedelte nach London, Ontario, über, wo er noch heute – inzwischen verheiratet – lebt und arbeitet.
Noch während seiner Universitätsjahre entwickelte Bakker eine Fantasy-Serie, der er den Obertitel „The Second Apocalypse“ gab. Ursprünglich als Trilogie geplant, entwickelte sich die Handlung schnell weiter, nachdem Bakker zu schreiben begann. 2003 erschien mit „The Darkness That Comes Before“ (dt. „Schattenfall“) der erste Band der inzwischen abgeschlossenen „Prince of Nothing“-Trilogie (dt. „Krieg der Schatten“), der sich ab 2009 die „Aspect-Emperor“-Trilogie anschloss.
Auf Anregung seiner Ehefrau schrieb Bakker 2008 den Thriller „Neuropath“, der einen typischen „mad scientist“ als Serienkiller schildert. 2010 folgte „Disciple of the Dog“.
|Taschenbuch: 447 Seiten
Originaltitel: Neuropath (London : Orion Books 2008)
Übersetzung: Jürgen Bürger
Deutsche Erstausgabe: April 2010 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 52458)
ISBN-13: 978-3-453-52458-3|
[www.heyne-verlag.de]http://www.heyne-verlag.de
_Richard Scott Bakker bei |Buchwurm.info|:_
[„Schattenfall“ (Krieg der Propheten 1) 2972
Als ein Anwalt die Vergangenheit seiner Familie erforscht, stößt er auf die wahre Geschichte von Jack the Ripper und beschwört ein Drama herauf, das in der Gegenwart neue Opfer fordert … – Auf zwei zeitlichen Ebenen spinnt der Autor ein obskures, nur bedingt spannendes Garn, baut seine Geschichte faktenkundig aber nie subtil in die historische Realität des Ripper-Mythos‘ ein und legt eine halbgar wirkende Mischung aus Historienkrimi und Thriller vor. Philip Jolowicz – Das Vermächtnis des Bösen weiterlesen →
Nach einem ‚Arbeitsunfall‘ fährt Berufsgangster Parker ins Gefängnis ein. Umgehend organisiert er einen Ausbruch, doch als er wieder draußen ist, läuft bei einem Juwelenraub schief, was nur schief gehen kann … – Noch tiefer in der Bredouille steckend als sonst, behält Parker seine moralfreie Nonchalance und geht eiskalt seinen Weg, während Hindernis um Hindernis sich vor ihm auftürmt: spannend, wortkarg, einfach gut.Richard Stark – Das große Gold [Parker 21] weiterlesen →
Birne, Anfang 30, hat in Kempten gerade seinen neuen Job als Redakteur bei einem Verlag für Wanderführer angetreten, als seine Nachbarin, die alte Frau Zulauf, blutüberströmt aufgefunden wird. Mord inmitten beschaulicher Alpenidylle – so hatte Birne sich seinen Neuanfang im Allgäu nun wirklich nicht vorgestellt!
Ein türkischer Imbissbudenbesitzer, ein Motiv, ein Kebabmesser – die Polizei hat den mutmaßlichen Mörder der Frau schnell dingfest gemacht. Doch dann stolpert Birne in die Ermittlungen …
Der Mord an einem alten Einsiedler und die Suche nach seinem verschwundenen Vermögen führt zwei Polizeibeamte in ein Wirtshaus mitten im Moor, das zwar einsam gelegen aber von Verdächtigen dicht bevölkert ist … – Auch der 25. Fall des Duos Cromwell & Lister ist englisches Krimi-Handwerk der wenig originellen aber soliden Art und garantiert ein angenehm altmodisches Lese-Vergnügen. Victor Gunn – Das Wirtshaus von Dartmoor weiterlesen →
Merrily Watkins ist einigermaßen beruhigt, als nach den schockierenden Ereignissen um den letzten Bischof nun ein neuer ernannt worden ist: Bernie Dunmore ist über sechzig und ziemlich phlegmatisch. Er ist auch nicht sehr für Veränderungen, und so behält Merrily ihren Posten als Beraterin für Spirituelle Grenzfragen bei. Kurz gesagt, als Exorzistin.
Die Wogen waren schon hochgegangen, als eine Frau diesen Posten erhielt – und dann noch eine, die verhältnismäßig jung und hübsch ist. Langsam aber kristallisieren sich deutlich abgegrenzte Meinungen dazu heraus. Die des Wicca-Glaubens, also der Hexen, lautet dahingehend, dass Merrily anachronistischer Soldat eines Irrglaubens ist. Die Gegenseite aber, der charismatische Glauben, sieht sie als verweichlicht, übertolerant und vom Wege abgewichen. Diese Personen sind es, mit denen Merrily zu ihrem Entsetzen in einer Fernsehshow auftreten muss. Und während sie sich noch nach beiden Seiten hin verteidigt, wirft ihr jemand im Zorn einen Informationsbrocken vor die Füße, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Es geht um ein altes Kirchengebäude, das längst aufgegeben worden ist und sich in Privatbesitz befindet.
Und nun muss Merrily sich mit einem wachsenden Hexenzirkel mit undurchsichtigem Oberhaupt auseinandersetzen und mit einem flammenden Prediger, der die Wicca-Anhänger vertreiben möchte. Das Ganze findet statt in einem gruseligen kleinen Dorf im Grenzgebiet zwischen England und Wales, in dem die Menschen offenbar immer nach eigenen Regeln gelebt haben. Zu dieser explosiven Mischung kommt dann auch noch ein Umstand, der sie in ihrer Eigenschaft als Exorzistin auf den Plan ruft – und dann verschwindet plötzlich eine Frau.
In all diesem gefährlichen Hin und Her verliert Merrily immer mal wieder Jane aus den Augen, ihre sechzehnjährige Tochter, die gerade die erste Liebe erlebt – was sie aber keineswegs davon abhält, quecksilbrig zu entkommen, wenn sie gerade stillhalten soll, um überall dort aufzutauchen, wo sie nicht sein sollte.
_Kritik:_
Es sind unter anderem die Gegensätze, die die Merrily-Watkins-Bücher so reizvoll machen. Merrily selbst als moderne Pfarrerin, die irgendwie in ein uraltes Amt hineingerutscht ist, ist schon an sich voller Kontraste. Ihre Tochter Jane bildet einen weiteren Gegenpunkt, da sie die Kirche für veraltet hält und ihre eigene Spiritualität eher in Naturglauben auszuleben versucht, während sie gleichzeitig ihrer Mutter aufrichtig zugetan ist.
Der fanatische Prediger und der aalglatte Hexer ergeben eine Art Zwei-Komponenten-Sprengstoff, und dass das Böse mal auf dieser, mal auf der anderen Seite des rational Erklärbaren zu suchen ist, hat auch seinen ganz eigenen Reiz. Obwohl das Thema etwas abgehoben ist, wirkt die Umsetzung nicht unglaubwürdig. Rickman schafft es immer wieder, Jenseitiges mit so viel Banalität und Norm zu verquicken, dass es sich nahtlos einfügt und als Teil des Ganzen geschluckt wird. Mit Merrily und Jane Watkins hat er zwei interessante, sympathische und vielschichtige Charaktere erschaffen, die dem Leser schnell am Herzen liegen. Und wenn es auch immer wieder ein paar Seiten dauert, bis man sich in den kleinen Ort an der walisischen Grenze eingefunden hat, so zappelt man danach doch ebenso schnell wieder im rickmanschen Spannungsgewebe.
_Fazit:_
„Die fünfte Kirche“ ist Teil drei der Merrily-Watkins-Reihe, und wer die ersten beiden schon gelesen hat, wird sich über ein Wiedersehen mit den beiden Protagonistinnen freuen. Vor allem ist es schön zu sehen, wie Jane sich entwickelt, der naseweise Spatz.
Rickman schreibt stilistisch sicher und atmosphärisch dicht; er hat eine ganz besondere Gabe, Stimmungen zu beschwören, Bilder vor dem Leserauge entstehen zu lassen, die eindringlich sind und zusammen mit der Handlung des Romans tief wirken. Wer sich bisher das Vergnügen einer Bekanntschaft mit den Watkins-Frauen hat entgehen lassen, dem kann ich nur ans Herz legen, das nachzuholen. Hier hat man Krimi, Mystery-Thriller und Psychogramm direkt neben dem detailreich und liebevoll gezeichneten Bild einer hochmodernen Kleinfamilie: Spannend, gruselig, witzig, traurig und schön. Top!
|Taschenbuch: 560 Seiten
Originaltitel: A Crown of Lights
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
ISBN-13: 9783499249075|
[www.rowohlt.de]http://www.rowohlt.de
[www.philrickman.co.uk]http://www.philrickman.co.uk
_Phil Rickman bei |Buchwurm.info|:_
[„Mittwinternacht“ (Merrily Watkins 2) 6067
Als der unscheinbare Telefontechniker Runolfur tot in seiner Wohnung gefunden wird, ist sein gesamtes Umfeld fassungslos. Der Mittdreißiger, der einst aus der Provinz nach Reykjavik übergesiedelt war, genoss einen tadellosen Ruf und wurde von Kunden und Kollegen als freundlich und zuvorkommend beschrieben. Wer hatte also eine Berechtigung, dem Mann in seinem eigenen Haus die Kehle durchzusäbeln?
Kommissarin Elinborg, die in Erlendurs Abwesenheit die Regentschaft über das Morddezernat übernommen hat, greift den Fall auf und ermittelt zunächst in der direkten Umgebung, dann aber auch rasch in Runolfurs Vergangenheit. Was hatte der Mann zu verbergen? Warum war er bis zum Anschlag mit der Modedroge Rohypnol vollgepumpt, der man nachsagt, sie würde bei Vergewaltigungen eingesetzt? Und in welchem Zusammenhang stehen seine Person und die jüngsten Vergewaltigungsfälle in der Innenstadt. Elinborg tappt im Dunkeln und erfährt auch in der verschlossenen Provinz, der Runolfur entstammt, kaum Brauchbares. Doch es sind ausgerechnet die absurdesten Hinweise, die den Fall voranbringen und eine Spur zum Mörder eröffnen. Doch während Elinborg sich vor ihrer Familie vor dem gesteigerten Arbeitseinsatz rechtfertigen muss und die vermeintlich falschen Täter ins Kreuzfeuer geraten, nehmen die Ermittlungen Züge an, die selbst für die härter gesottene Kommissarin schwer zu begreifen sind …
_Persönlicher Eindruck:_
Ein Erlendur-Krimi ohne den eigentlichen Hauptdarsteller? Nahezu undenkbar! Aber auf jeden Fall einen Versuch wert, hat sich Arnaldur Indridason gedacht, und den störrischen Hauptermittler in seinem neuen Island-Krimi abgesehen von ein paar Erinnerungsrufen völlig außen vor gelassen. Und noch mehr: Erlendur ist irgendwo an der Ostküste und ohne jegliches Lebenszeichen verschollen und erweckt selbst in seiner Abwesenheit Mysterien, wie man sie in dieser packenden Form wohl nur vom beliebten Bestseller-Schreiber kennt.
Doch welche Rolle kommt Elinborg nun zu, die bislang eher im Hintergrund agierte, und über die man immer nur in groben Zügen lesen durfte, in welchen Lebensumständen sie sich befindet? Nun, einerseits übernimmt sie selbstredend den Part der polizeilichen Ermittlerin, und das voller Cleverness und Intelligenz, aber auch gefühlvoller und menschlicher als ihr verreister Kollege. Während der offenkundige Misanthrop sich verstärkt isoliert und nichts an sich heranlässt, versucht Elinborg zunehmend, sich in die Motive der möglichen Tätet hineinzudenken, ihr Handeln auch auf der emotionalen Ebene zu begreifen und auch für die Teilgeständnisse der Beteiligten Verständnis aufzubringen. Und gerade das ist eine ganz neue Seite in den Indridason-Krimis, die in „Frevelopfer“ allerdings auch sehr befriedigend ausgeschmückt wird. Elinborg entpuppt sich nämlich als eine prima Hauptdarstellerin, als ein sehr nahbarer Mensch und zuletzt auch als ein sehr großes Fass neuer Ideen, die in diesem Fall auch in den privaten Bereich der Ermittlerin hineinreichen und somit auch neben dem eigentlichen Fall eine Menge Potenzial offenbaren.
Die Ermittlungsarbeiten selber sind mal wieder sehr lebendig geschrieben, wobei sich Indridason in erster Linie wieder auf die dominanten Dialoge verlässt. Der Autor nutzt seine Fähigkeit als Erzähler nur selten und lässt viel lieber seine Akteure sprechen. „Frevelopfer“ mag vielleicht sogar sein dialogreichstes Werk bis dato sein, was einerseits zwar auf Kosten der Action geht, andererseits aber auch insofern gut gelöst ist, dass die Vorstellungskraft ständig geweckt wird. Die grausamen Ereignisse in Runolfurs Wohnung machen hier den Anfang, die Geschichten über Vergewaltigungen und die Beschreibung der Tathergänge schließlich den Schlusspunkt – und immer wieder geht Indridason sehr stark in die Tiefe, ohne dabei den Kern der Handlung aus den Augen zu verlieren – ein perfektes Szenario für einen Kriminalroman, wie sich alsbald herausstellen soll.
An Spannung hapert es dementsprechend auch nicht, obschon der Autor hin und wieder sehr eigenwillige Wege wählt und seine Leserschaft bewusst und spürbar auf die falsche Fährte lockt. Der Fall scheint bereits mehrfach aufgeklärt, was angesichts der geringen Seitenzahl jedoch unrealistisch scheint, so dass gerade die überraschenden Wendungen in „Frevelopfer“ zu großen Teilen durchschaubar sind. Dies wirkt sich aber keinesfalls negativ aus, da man den Faden auch aus diesem Grund nicht verliert und der Zugang zur Story nie abhandenkommt. Ferner ist die Auflösung sehr emotional und rechtfertig jeden unsensiblen Sprung in der Handlung problemlos – und lässt den Leser konstatieren, dass der isländische Starschreiber mal wieder alles richtig gemacht hat: Die Wahl der Akteure, das Szenario, der enorm brisante Realitätsbezug und zuletzt die Geschichte selber. So wie in „Frevelopfer“ kann man sich Arnaldur Indridason nur wünschen!
In der Nähe von Hannover wird eine stark entstellte Frauenleiche gefunden. Das Gesicht ist so zertrümmert, dass eine Identifikation nicht möglich ist, zudem fehlt von den Händen der Toten jede Spur. Hauptkommissarin Charlotte Wiegand übernimmt die Ermittlungen, ist anfangs aber ratlos angesichts der schrecklichen Tat. Kurz darauf taucht die nächste Frauenleiche auf – dieses Mal direkt in Hannover. Wie hat der Mörder die Leiche am Maschteich ungesehen abladen können? Und wie konnte er es wagen, die Postkartenidylle des schönen Parks am Neuen Rathaus zu zerstören?
Doch das sind nicht Charlotte Wiegands einzige Sorgen, denn nach und nach werden immer mehr vermisste Frauen gemeldet. Wie hängen die Vermisstenfälle mit den aufgefundenen Leichen zusammen? Handelt es sich um die gleichen Frauen? Spuren gibt es wenige, erst als die Obduktion der beiden Leichen ergibt, dass die Frauen durch Insulin gestorben sind, erhält die Polizei den ersten wichtigen Anhaltspunkt. Denn Insulin gibt es nur auf Rezept. Folglich klappern die ermittelnden Beamten Apotheken und Arztpraxen ab, um zu prüfen, ob jemand außergewöhnlich viel Insulin verlangt hat. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn der Mörder ruht nicht.
Derweil zweifelt Charlotte Wiegand an sich selbst: In ihrer Wohnung gehen merkwürdige Dinge vor sich. Mal ist die Balkontür nicht richtig geschlossen, dann wiederum liegt ein Buch aufgeschlagen auf dem Regal, das sie seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt hat. Eines Tages findet sie ihren Fön völlig verkokelt im Badezimmer. Hat sie tatsächlich vergessen, ihren eigenen Fön auszustellen? Oder stimmt mit der Elektrik in der Wohnung etwas nicht?
Die Polizei tappt im Dunkeln und merkt nicht, dass ihre Hauptkommissarin ins Visier des Mörders geraten ist, denn eines Tages ist Charlotte Wiegand spurlos verschwunden …
_Zerstörte Postkartenidylle_
Die Autorin Marion Griffiths-Karger lebt selbst mit ihrer Familie seit fast zwanzig Jahren in der Nähe von Hannover. So fällt es ihr nicht schwer, ihren Kriminalroman mit allerlei Lokalkolorit rund um die niedersächsische Hauptstadt zu spicken. So lebt Hauptkommissarin Charlotte Wiegand beispielsweise in Laatzen, im Süden Hannovers. Und dort laufen auch alle Spuren zusammen, die auf den Täter hinweisen. Des Mittags zieht es Charlotte Wiegand gern zum Essen in die stimmungsvolle Markthalle, aber auch wenn sie ihre Freundin trifft, so klappern die beiden Frauen die Hannoveraner Innenstadt ab. Allerdings fand ich es schon etwas merkwürdig, welch weite Wege die beiden Frauen an einem typischen Samstagnachmittag und -abend zurücklegen, wenn sie in der Ernst-August-Galerie am Hauptbahnhof shoppen gehen, sie in der Ständigen Vertretung direkt am Aegidientorplatz zu Mittag essen, sie anschließend im Ernst-August-Brauhaus in der Nähe des Steintors ein Hannöversch trinken und schlussendlich sogar noch die Bierbörse aufsuchen wollen, die hinter dem Bahnhof liegt. Die erwähnten Lokalitäten sind zwar alle stadtbekannt, aber doch verhältnismäßig weit auseinander, sodass man sie nicht unbedingt an einem Tag abklappern würde. Nichtsdestotrotz hätte ich mir gewünscht, dass Griffiths-Karger noch etwas mehr Lokalkolorit direkt aus Hannover einstreut, denn die meisten Szenen spielen sich leider nur im Messe-Vorort Laatzen ab.
Der Kriminalfall, den die Autorin aufrollt, reißt dagegen von Beginn an mit. Wenn die Autorin die misshandelten Leichen schildert und immer mehr Frauen verschwinden lässt, läuft es einem beim Lesen eiskalt den Rücken runter – kein Wunder, wenn Charlottes Kollege Bergheim der Appetit dabei vergeht. Die Autorin zieht das Tempo immer weiter an, lässt aber ihre Leser und auch die Polizei lange Zeit im Dunkeln tappen. Bis zum Schluss habe ich nicht geahnt, wer die Frauen entführt und ermordet. Marion Griffiths-Karger führt allerdings einige Verdächtige vor, die durchaus in Kontakt zur einen und/oder anderen der entführten Frauen gestanden haben. Doch niemanden davon kann die Polizei mit allen Frauen in Verbindung bringen. So schafft es die Autorin geschickt, ihre Leser bei der Stange zu halten, weil man einfach wissen möchte, wie alle Fälle miteinander zusammen hängen.
Im Mittelpunkt des Buches steht Charlotte Wiegand, die die Ermittlungen leitet. Anfangs gefiel sie mir als taffe Polizistin sehr gut, doch je länger sie die Vorgänge in ihrer Wohnung ignoriert, umso naiver erschien sie mir. Gerade als Polizistin hätten bei ihr alle Warnlampen aufblinken müssen, wenn sie ständig neue Kuriositäten in ihrer Wohnung entdeckt. Dennoch ahnt sie lange Zeit nicht, dass der Mörder bereits ihre Spur aufgenommen hat. Mir erschien die Charakterzeichnung an dieser Stelle leider nicht stimmig. Auch ihr Kollege Bergheim, der durchaus in seiner Beschreibung viele Sympathiepunkte einheimst, kann nicht auf ganzer Linie überzeugen. Während ihm anfangs nach dem Leichenfund noch der Appetit vergeht, knabbert er im weiteren Verlauf des Buches bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit seine Sonnenblumenkerne. Dies erwähnt die Autorin schließlich so häufig, bis es mich ziemlich genervt hat.
_Mörderisches aus Laatzen_
Unter dem Strich hat mich „Tod am Maschteich“ durchaus gut unterhalten. Das Buch hat nur 220 Seiten, die man gut in einem Rutsch durchlesen kann. Den Spannungsbogen hat Marion Griffiths-Karger ausgesprochen geschickt inszeniert, indem sie immer wieder neue Spuren ausgelegt hat, ohne den wahren Täter zu entlarven. Mich hat sie jedenfalls an der Nase herum geführt. Leider mindern einige logische Brüche den Lesegenuss ein wenig, und auch in puncto Charakterzeichnung könnte die Autorin noch eine Schippe mehr Realitätsnähe auflegen. Insgesamt hebt sich das Buch daher leider nicht vom Durchschnitt ab, doch im Ansatz ist „Tod am Maschteich“ durchaus so gelungen, dass ich bereits gespannt bin auf den nächsten Hannover-Krimi aus der Feder von Marion Griffiths-Karger!
|Broschiert: 223 Seiten
ISBN-13: 978-3897057111|
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