Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

King, Stephen – Arena, Die

_Das geschieht:_

Chester’s Mill im US-Staat Maine ist ein 2000-Einwohner-Städtchen, das es bisher nie in die überörtlichen Nachrichten schaffte. Die meisten Bürger kennen einander, man weiß, was man von seinem Nachbarn zu halten hat. Für die größten Probleme sorgen „Big Jim“ Rennie, der Zweite Stadtverordnete, ein bigotter, verlogener, aalglatter Gebrauchtwarenhändler, der sein Amt weidlich ausnutzt, um in Chester’s Mill das Sagen zu haben, und „Junior“ Rennie, sein nichtsnutziger, psychopathischer Sohn.

An einem schönen Herbsttag geht unvermittelt der „Dome“ über Chester’s Mill nieder: eine unsichtbare, nur für Schall und etwas Luft durchlässige, ansonsten undurchdringliche Kuppel, deren Gestalt sich sehr genau an der Ortsgrenze orientiert. Niemand kann Chester’s Mill verlassen, niemand kann hinein. Ratlos riegelt das Militär die Region ab, während sich der „Dome“ rasch in einen Kessel verwandelt, dessen Innendruck stetig steigt. Die Verteilung von Nahrung, Wasser, Heizöl und Treibstoff ist schlecht organisiert. Statt sich darum zu kümmern, schwingt sich „Big Jim“ mit Hilfe des ihm hörigen stellvertretenden Polizeichefs Randolph zum Diktator auf. Endlich kann er seine Träume von einem Gottesstaat der Tüchtigen verwirklichen! Vor Gewalt und Mord schrecken seine Schergen, die Rennie mit Privilegien und Sonderzuteilungen an sich zu binden weiß, nicht zurück.

Nur eine kleine Schar unter Leitung des ehemaligen Elite-Soldaten und heutigen Aushilfskochs Dale Barbara stemmt sich dem ausbrechenden Irrsinn entgegen. Irgendwo in Chester’s Mill muss die Maschine stehen, die der Kuppel ihre Energie zuführt. Während wenige suchen, unterwerfen sich viele dem Willen des zunehmend dem Cäsarenwahn verfallenden Rennies, was dafür sorgt, dass die Stadt sich in eine Arena verwandelt, in der Feinde wie Freunde auf Leben und Tod kämpfen …

_Dick, aber nicht behäbig; schwer, aber leicht lesbar_

Man hatte Stephen King bereits ein wenig abgeschrieben. Obwohl er seine Alkohol- und Drogensucht überwinden konnte und die endlos in die Breite getretene Saga vom „Dunklen Turm“ abschloss, schien Sohn Joe Hill („Blind“, „Black Box“) mit eigenen, frischeren Werken dem Vater den Rang abzulaufen. „Cell“ (dt. „Puls“) und „Lisey’s Story“ (dt. „Love“) waren eher zähe Werke. 2008 zeigte King mit „Duma Key“ (dt. „Wahn“), dass mit ihm noch zu rechnen war. Damals arbeitete er bereits an seinem aktuellen (erstmals 1976 begonnenen und damals abgebrochenen) Opus, das mit knapp 1300 Seiten Großwerken wie „The Stand“ (dt. „Das letzte Gefecht“) und „It“ (dt. „Es“) an die Seite zu stellen ist.

Das gilt nicht nur für den Umfang, sondern erfreulicherweise auch für die Qualität. Mit „Die Arena“ blieb der Verfasser nach eigener Auskunft als Erzähler ständig auf dem Gaspedal. Dass ihm in der Tat eine rasante und trotz gewisser, wohl unvermeidbarer Längen im Mittelteil fesselnde Geschichte gelang, sorgt für eine Lektüre, die den Leser nicht irgendwo im Mittelteil seufzen und die Zahl der noch zu bewältigenden Seiten prüfen lässt.

King füttert sein handlungshungriges Buch-Monstrum mit allem, das er im Verlauf seiner langen Karriere in Sachen Spannung und Dramatik als funktionstüchtig kennengelernt hat. Das gelingt ihm mit erstaunlicher Virtuosität, und darüber hinaus prunkt „Die Arena“ mit einem Figurenpersonal, das nach Dutzenden zählt, ohne dass Autor und Leser deshalb den Überblick verlieren. Diese Geschichte ist sicher länger, als sie sein müsste, doch sie bleibt auf Kurs bis zum kuriosen Finale, das so wohl nur King umsetzen kann, ohne vom Absurden ins Gefühlsduselige abzudriften.

_Chester’s Mill als Spiegelbild_

Während der ’normale‘ Leser sich der rasanten Handlung erfreut, stürzt sich der eher dem Kopf als dem Bauch verpflichtete Literaturkritiker auf die allegorische Seiten des monumentalen Buches, denn auch der kluge Mensch, der Weltflucht-Lektüre politisch korrekt zu verabscheuen hat, darf sich dieses Mal ohne schlechtes Gewissen in die Lese-Schlacht stürzen.

King hat eine Rechnung offen. Glücklicherweise begleicht er sie zwar auf Dollar und Cent, ohne darüber ins Dozieren oder Predigen zu verfallen, sondern bleibt unterhaltsam, wenn er seinem Land einen Spiegel vorhält. King gefällt nicht, was spätestens seit dem 11. September 2001 aus den USA geworden ist: ein von hohlem Patriotismus, bigotter Gottesfurcht, nackter Gier und Rücksichtslosigkeit geschüttelter Staat, dessen hehre Ansprüche als moralisches Gewissen und selbst ernannter Ordnungshüter der Welt sich realiter längst in heiße Luft aufgelöst haben.

Mill’s Creek wird zum Mikrokosmos: vordergründig zum Spielfeld für Außerirdische, aber auch zur experimentellen Bühne für King, der ausführlich durchspielt, was geschehen kann, wenn sich die USA weiter selbst ins globale Aus drängen. Die Kuppel sorgt dafür, dass eine Flucht und damit die übliche Verlagerung interner Probleme ins Ausland unmöglich werden. Dieses Mal schmoren die Führer und Seelenretter mit denen, die sie machen und sich dabei für dumm verkaufen lassen, buchstäblich im eigenen Saft. Die Rettung erfolgt in letzter Sekunde, aber ein Happyend ist das nicht: Chester’s Mill hat sich längst selbst zerrieben.

_Abrechnung mit selbst ernannten Führern_

Die Parallelen zwischen der Stadtverwaltung von Chester’s Mill und der US-Regierung Bush sind unübersehbar. King vermeidet direkte und plumpe Schuldzuweisungen, sondern bricht sie allgemeinverständlich so weit hinab, bis sie Volkes Stimme entspricht, die King so unnachahmlich zu imitieren weiß. Wie üblich ist Zurückhaltung nicht seine Sache. Dabei bringt King es immer wieder mit plakativen und zielsicheren Formulierungen wie dieser auf den Punkt: „Amerikas große Spezialitäten sind Demagogen und Rock ’n‘ Roll, und wir haben zu unserer Zeit reichlich genug von beidem gehört.“ (S. 960)

„Big Jim“ Rennie ist nicht George W. Bush. Diese Figur vereint mehrere politische, wirtschaftliche und religiöse Führergestalten der Gegenwart und verschmilzt sie – gleichzeitig scharf umrissen und um der Verdeutlichung willen überspitzt – zu einem kleingeistigen, aber cleveren Mann, der die Krise als Chance sieht, ganz nach oben zu kommen, und alles tun wird, um sich dort zu halten. Rennie geht es nicht um Geld, das er zwar in Millionenbeträgen ergaunert, ohne sich selbst damit zu bereichern. Die Macht ist das Rauschmittel, nach dem er giert.

Allzu problemlos kann er sie an sich reißen. In „Die Arena“ präsentiert King die breite Palette menschlichen Versagens. Dazu gehört für ihn das Mitläufertum. Wer laut genug schreit, dem folgen jene, die sich vor Widerstand und den daraus resultierenden Folgen fürchten. Zu ihnen gesellen sich Dummen und von der Situation Überforderten, die sich nach einem ’starken Mann‘ sehnen, der für sie in Ordnung bringt, was sie in Angst versetzt, ohne selbst aktiv werden zu müssen – Verhaltensmuster, in denen King nicht grundlos deutliche Parallelen zum deutschen Nationalsozialismus sieht. Freilich vereinfacht er die Mechanismen der Volksverführung und stark. Natürlich ist „Die Arena“ ein Unterhaltungsroman. King vergröbert, um für Deutlichkeit zu sorgen.

_Kleine Lichter in einem düsteren Tunnel_

Helden sind rar unter der Kuppel. Selbst der beinahe übertrieben gewaltlos agierende Dale Barbara hütet ein dunkles Geheimnis: Als ‚Verhörspezialist‘ des US-Militärs hat er im Irak die Demütigung und Folter von Gefangenen geduldet. Er bereut und hat aus seinen Fehlern gelernt. Wie so oft bei King, gesellen sich Kinder, Hausfrauen und Senioren an seine Seite, denn nur sie haben sich eine Offenheit bewahrt bzw. im Alter wiedergefunden, die sie über sich selbst hinauswachsen lässt und ihnen Zugang zu unkonventionellen Lösungswegen ermöglicht. Realistisch ist das ganz sicher nicht, doch King lässt man das durchgehen, weil er über die Fähigkeit verfügt, solche Figuren ohne schlammige Gefühlsduseligkeiten zu gestalten.

Vermutlich gäbe es ohne Computerkids, abgeklärte Greise und kluge Hunde keine logische oder wenigstens logisch wirkende Auflösung des Kuppel-Spektakels. Lange sieht es so aus, als würden sämtliche Protagonisten einen elenden Tod erleiden. Von 2000 Bürgern überlebt in der Tat nur eine Handvoll. Völlig wollte King nicht auf ein versöhnliches Ende verzichten. Wer sich durch 1300 Buchseiten gekämpft hat, würde das absolute Desaster vermutlich ungnädig aufnehmen; in diesem Punkt sollte man dem Profi King vertrauen. Faktisch wirkt sein Finale dennoch naiv bzw. der wuchtigen Vorgeschichte nicht gewachsen. Die Demokratie unter Druck beschäftigte den Verfasser offensichtlich stärker als die Klärung des Kuppel-Mysteriums. Dass der Berg kreißt und doch nur ein Mäuslein gebiert, ist der King-Leser allerdings gewohnt.

Es hätte schlimmer kommen können: So unterbleiben schwurbelige Mystizismen à la „Das letzte Gefecht“ dieses Mal vollständig. Wir vermissen sie nicht und sind froh über eine zwar überdimensionierte aber unterhaltsame Gruselmär über die Abgründe in der Seele des (US-amerikanischen) Durchschnittsmenschen, in denen sich Stephen King immer noch bestens auskennt.

_Der Autor_

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen – aus gutem Grund, denn der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt: www.stephenking.com und [www.stephen-king.de]http://www.stephen-king.de bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

_Impressum_

Originaltitel: Under the Dome (New York : Scribner 2009)
Deutsche Erstausgabe (geb.): November 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
Übersetzung: Wulf Bergner
1280 Seiten
EUR 26,95
ISBN-13: 978-3-453-26628-5
http://www.heyne.de

Stephen King auf |Buchwurm.info|:

[„Wahn“ 4952
[„Qual“ 4056
[„Sunset“ 5631
[„Brennen muss Salem – Illustrierte Fassung“ 3027
[„Brennen muss Salem“ 3831 (Hörbuch)
[„Briefe aus Jerusalem“ 3714 (Hörbuch)
[„Friedhof der Kuscheltiere“ 3007 (Hörbuch)
[„Puls“ 2383
[„Trucks“ 2327 (Hörbuch)
[„Colorado Kid“ 2090
[„The Green Mile“ 1857 (Hörbuch)
[„Das Leben und das Schreiben“ 1655
[„Atemtechnik“ 1618 (Hörbuch)
[„Todesmarsch“ 908
[„Der Sturm des Jahrhunderts“ 535
[„Tommyknockers – Das Monstrum“ 461
[„Achterbahn“ 460
[„Danse Macabre – Die Welt des Horrors“ 454
[„Christine“ 453
[„Der Buick“ 438
[„Atlantis“ 322
[„Das Mädchen“ 115
[„Im Kabinett des Todes“ 85
[„Duddits – Dreamcatcher“ 45
[„Kinder des Zorns / Der Werwolf von Tarker Mills“ 5440 (Hörbuch)
[„Nachtschicht 2“ 5651 (Hörbuch)

|Der dunkle Turm|

Band 1: [Schwarz 5661
Band 2: [Drei 5839
Band 3: [tot. 5864
Band 4: [Glas 6034
Band 5: [Wolfsmond 153
Band 6: [Susannah 387
Band 7: [Der Turm 822

Dean Koontz – Meer der Finsternis

Der Odd-Zyklus bislang:

1) Odd Thomas (2004, deutsch 2006 als „Die Anbetung“)
2) Forever Odd (2005, deutsch 2007 als „Seelenlos“)
3) Brother Odd (2006, deutsch 2008 als „Schattennacht“)
4) Odd Hours (2008, deutsch 2009 als „Meer der Finsternis“)
5) In Odd We Trust (Graphic Novel, Juli 2008)

Der Meister des mystischen Thrillers hat sich in den letzten Jahren noch einmal von seiner fleißigsten Seite gezeigt: Dean Koontz legt im aktuellen Jahrzehnt noch einmal ein enormes Pensum vor, hat sich unterdessen aber nicht mehr so häufig von der Unberechenbarkeit seiner Ideen treiben lassen. Mit Odd Thomas hat Koontz letztlich einen Charakter geformt, der immer mehr zu seinem persönlichen Helden geworden ist und inzwischen die wohl wichtigste Figur seiner Romane darstellt.

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Richard Stark – Das Geld war schmutzig [Parker 24]

Geraubtes Geld soll aus seinem Versteck geholt werden, doch nicht nur die Polizei, sondern auch gierige Trittbrettfahrer, neugierige Journalisten, nervöse Kumpane und vor allem der einfallsreich tückische Zufall lassen auch den besten Plan im Chaos versinken … – Der 24. und leider letzte Roman um den amoralischen Berufsverbrecher Parker wartet noch einmal mit allen Vorzügen dieser mit Recht gerühmten Reihe auf; wir werden Starks nur scheinbar simpel gestrickte Gangster-Krimis vermissen. Richard Stark – Das Geld war schmutzig [Parker 24] weiterlesen

Sigurdardóttir, Yrsa – Eisblaue Spur, Die

In bislang drei Romanen ([„Das letzte Ritual“ 5891 , „Das gefrorene Licht“ und „Das glühende Grab“) konnte man der Reykjaviker Anwältin Dóra Gudmundsdóttir bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen. Nun legt Yrsa Sigurdardóttir den vierten Roman ihrer Island-Krimireihe vor. Es waren in der Vergangenheit stets recht ungewöhnliche Fälle, die Dóra immer wieder aus dem beschaulichen Büroalltag herausgerissen haben. Dem steht auch ihr neuester Fall in Nichts nach.

Diesmal verschlägt es Dóra sogar nach Grönland. Diesen Ausflug hat sie ihrem Lebensgefährten Matthias zu verdanken, der als Sicherheitschef bei einer isländischen Bank arbeitet, die nun um ihre Finanzierung eines Forschungscamps in Grönland fürchtet. Dort ist eine Bergbaufirma mit Probebohrungen betraut, da aber zwei isländische Arbeiter spurlos aus dem Camp verschwinden und der Rest der Truppe sich weigert, ins Camp zurück zu kehren, gerät der Zeitrahmen und damit das ganze Projekt in Gefahr.

Dóra und Matthias sollen nun herausfinden, was vor Ort vorgefallen ist. Zusammen mit einem sachkundigen Team machen sie sich auf den Weg und stoßen schon bald auf viele Ungereimtheiten: Da wäre ein verschwommenes Video, aufgenommen mit einer Webcam, das möglicherweise einen Mord zeigt. Dann wären da noch die so feindlichen Einheimischen, die keinerlei Hilfestellung bei der Aufklärung der Vorkommnisse bieten. Von wem stammen die menschlichen Knochen, die das Team in den Schreibtischschubladen der Mitarbeiter der Bergbaufirma findet und wohin sind die beiden verschollenen Mitarbeiter verschwunden? Schon bald sind Dóra und ihr Team wegen eines heraufziehenden Schneesturms von der Außenwelt abgeschnitten und ganz auf sich allein gestellt …

Yrsa Sigurdardóttir scheint sich diesmal wieder recht viel versprechender Krimizutaten zu bedienen. Mit Grönland greift sie auf einen recht unverbrauchten Handlungsort zurück und ein von der Außenwelt abgeschnittener Ort sorgt eigentlich so gut wie immer für einen kräftigen Ruck an der Spannungsschraube.

Mit Dóra hat Sigurdardóttir sich obendrein über drei Romane eine sympathische Figur aufgebaut, die der Leser an sich schon gleich im ersten Band ins Herz schließen muss. Dóra ist eine liebenswerte Chaotin, deren turbulentes Durcheinander zwischen Kanzlei und Familie auch immer wieder zum Schmunzeln anregt. Sie ist nicht nur alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, sondern hat obendrein auch noch einen mittlerweile 18-jährigen Sohn, der sie schon sehr früh zur Großmutter gemacht hat. Und da Dóra nebenbei auch noch die Kanzlei schaukeln muss, verläuft ihr Leben oft genug chaotisch.

Ein schöner Gegensatz ist da ihr deutscher Lebensgefährte Matthias, der inzwischen in Reykjavik wohnt. Stets akkurat und wohlorganisiert, stellt er ein schönes Kontrastprogramm zu der chaotischen Dóra dar, was immer wieder zu scherzhaften Kabbeleien zwischen den Beiden führt. Dieses Duo wird spätestens seit dem letzten Roman „Das glühende Grab“ ergänzt durch Bella, Dóras unfähige und sozial eher wenig kompetente Sekretärin. So hat man mit Blick auf die Protagonisten schon mal eine durchaus unterhaltsame Konstellation.

Der Einstieg in „Die Eisblaue Spur“ verspricht zunächst viel Spannung. Die ungewisse Situation im Forschungscamp nach der Ankunft von Dóras Team, die seltsame, zurückweisende Art der Einheimischen, die merkwürdigen Funde menschlicher Knochen und mysteriöser Artefakte – das alles trägt erheblich zur Spannung bei. Dóra und ihre Mitreisenden können sich kein klares Bild von der Situation machen, die dazu geführt haben könnte, dass zum einen Menschen verschwunden sind und sich zum anderen der Rest der Truppe der Rückkehr ins Camp widersetzt. Der Ort an dem das Camp liegt, scheint für die Einheimischen eine tiefere Bedeutung als ein Ort zu haben, den man auf keinen Fall betreten darf. Über das Warum schweigen sie sich aus und so hat Dóra auch hier keinen rechten Ansatzpunkt für Nachforschungen.

Erst als sie eine weitere grausige Entdeckung machen und sie die Polizei einschalten, kommt Bewegung in die Geschichte, aber dann sind Dóra und ihr Team auch ganz schnell aus den Ermittlungen raus, weil die Polizei sie kalt stellt. So stagniert ab diesem Moment auch die Spannung ein wenig. Was anfangs noch nach einem viel versprechenden Spannungsbogen aussieht, verliert im Laufe der Geschichte ein wenig an Intensität.

Auch die Auflösung kommt dann etwas plötzlich. Sigurdardóttir schmeißt unterwegs viele Andeutungen in den Raum, verwebt das Ganze mit der Inuit-Kultur und alten Mythen, berichtet vom Mobbing der Mitarbeiter der Bergbaufirma untereinander in der Abgeschiedenheit des Forschungscamps, das sie schön plastisch darzustellen vermag, und streut viele Hinweise aus. Dennoch strebt der Spannungsbogen nicht so stetig aufwärts, wie man es sich wünschen würde.

Die Ansätze sind wunderbar, auch die Komplexität des Falls hat so ihre Vorzüge, dennoch entwickelt sich die Geschichte in ihrem Verlauf eher zu einem mittelmäßigen Krimi. Durch die Abgeschiedenheit in der grönländischen Einöde kommt logischerweise auch Dóras mitunter so unterhaltsam chaotisches Familienleben viel zu kurz. Auch die Personenentwicklung, die Sigurdardóttir in den vorangegangenen Romane gerade auch mit Blick auf Dóra und Matthias stetig vorangetrieben hat bleibt ein wenig auf der Strecke.

Sprachlich weiß die Isländerin zwar immer noch insofern zu überzeugen, dass sich das Buch flott und locker runterlesen lässt, dennoch hat sie auch schon mal gezeigt, dass sie es eigentlich besser kann. Insbesondere ihre ersten beiden Krimis „Das letzte Ritual“ und [„Das gefrorene Licht“ 4547 gefielen mir insgesamt besser.

Unterm Strich hat „Die Eisblaue Spur“ sicherlich so einige Vorzüge, zu denen vor allem auch der grönländische Handlungsort mit der dazugehörigen Atmosphäre gehört, dennoch macht Sigurdardóttir es sich mit diesem Roman, wie auch schon mit dem Vorgänger „Das glühende Grab“ zunehmend im Mittelmaß gemütlich. Sie hat schon bewiesen, dass sie es besser kann. Bleibt also zu hoffen, dass sie sich mit dem nächsten Roman wieder auf alte Qualitäten besinnt, denn dann kann wieder ein erstklassiges Krimivergnügen daraus werden.

|Broschiert: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3596183432
Originaltitel: |Auðnin (Veins of Ice)|
Übersetzt von Tina Flecken|

Bailey, Jack – Copkiller

_Das geschieht:_

Reed Tucker, Phineas „Finney“ Durant und Nick Laymon, drei Freunde, die in Ransom, einer Kleinstadt im US-Staat North Carolina, das College besuchen, gönnen sich einen feuchtfröhlichen Abend im Nachbarort. Angetrunken überfahren sie in der Nacht einen Mann und töten ihn. Um Strafe und Ärger zu vermeiden, kommt das Trio überein, den Unfall, der ohne Zeugen blieb, nicht zu melden. Stattdessen verstecken sie die Leiche im Wald, und Nick, der nicht wie Finney und Reed aus reichem Hause stammt, steckt zudem ein Geldbündel mit 10.000 Dollar ein, das der Fremde bei sich trug. Außerdem nimmt er einen Schlüssel an sich, der ein Schließfach im Busbahnhof der Stadt Knoxville im Nachbarstaat Tennessee öffnet.

Nick weiht seine Freundin Sue ein; sein Gewissen macht ihm zu schaffen. Doch der Pakt ist geschlossen, Nick kann nicht mehr zurück. Die Leiche im Wald wird schon am nächsten Tag gefunden. Ein zwielichtig wirkender Staatspolizist namens Evans stellt Fragen, deren Antworten er schon zu kennen scheint. In dem Schließfach finden die Freunde eine Videokassette, auf der eine junge Frau grausam zu Tode gefoltert wird. Sie erkennen in dem Opfer Casey Barrett, eine Kommilitonin, die vor einigen Monaten spurlos vom Campus verschwunden ist. In der Gewissheit, dass Reed und Finn ihn in der Krise umgehend ans Messer liefern werden, beginnt Nick ein gefährliches Spiel. Er beschließt, Caseys Vater über das Schicksal seiner Tochter zu informieren. Alfred Barrett, reich und mächtig, hat eine Belohnung von 100.000 Dollar ausgesetzt, die Nick locken.

Aber alle haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Hintermänner des unbekannten Toten wollen weder das Geld noch die Kassette abschreiben. Sie kennen keinerlei Skrupel und dulden keine Zeugen. Unermüdlich und unerbittlich fahnden sie nach den Dieben – und bald werden sie fündig …

_Die eine entscheidende Sekunde_

Ein einziges Mal triffst du die falsche Entscheidung, und dein Leben verwandelt sich in ein Inferno! Das mag abgedroschen klingen, aber dass mehr als ein Körnchen Wahrheit in dieser Aussage stecken kann, verdeutlicht uns Jack Bailey ebenso überzeugend wie brachial. Dazu passt ein Sprichwort: Kleine Ursache – große Wirkung. Das mag hier vermessen klingen, bildet doch ein tödlicher Unfall die kleine Ursache. Angesichts der Ereignisse, die diesem Unglück folgen, wirkt das Unglück aber rasch wie eine Bagatelle. Mit erschreckender (und damit unterhaltsamer) Meisterschaft entfesselt Bailey eine wahre Höllenfahrt. Mit dem Unfall und der sich anschließenden Fahrerflucht bringen vier junge Leute einen Dominostein aus dem Gleichgewicht, der eine Kettenreaktion in Gang setzt. Bei dem einen Fehler bleibt es nicht; weitere Kurzschlussreaktionen sorgen dafür, dass der Katastrophe der Brennstoff nie ausgeht.

Die entwickelt sich trügerisch langsam. Im ersten Drittel ist „Copkiller“ ein Psycho-Thriller. Im Mittelpunkt stehen vier Menschen in der Krise. Ungelöste Konflikte ließen sie schon zuvor unterschwellig im eigenen Saft schmoren. Die Not bringt endgültig hässliche, bisher verborgen gehaltene Charakterzüge zum Vorschein. Bailey versteht es, den daraus resultierenden Konflikt zu schildern und zu schüren. Gleichzeitig legt er eine falsche Fährte, denn die Geschichte nimmt plötzlich eine unerwartete Wendung.

_Aus Seelenpein wird Folter-Terror_

Als Ernie Pomeroy die Szene betritt, kippt die Handlung. Der ohnehin fragile Pakt zwischen Tucker, Nick, Finney und Sue löst sich auf, nachdem geschieht, was die vier ‚Freunde‘ unbedingt vermeiden wollte: Die Außenwelt bricht über sie hinein. Damit endet ihre ohnehin fragwürdige Kontrolle der Ereignisse.

Aus dem dramatischen Kammerspiel wird ein brutales und bizarres Spektakel. Das Geschehen wird zunehmend düsterer. Die Freunde lernen wahre Meister des Verbrechens und des Bösen kennen. Der schmierige Pomeroy liefert ihnen nur einen Vorgeschmack. Er wird abgelöst von Lawrence Evans, einem Psychopathen in Polizeiuniform. Sämtliche Handlungsinitiative geht auf ihn über, denn Evans ist nur körperlich über- bzw. unmenschlich. Die Freunde haben ihm zunächst nichts entgegenzusetzen und sind ihm hilflos ausgeliefert.

Es endet buchstäblich im Horror: In seiner Folterhöhle sitzt Vergil Gutman, der moderne Elefantenmensch. Im Gegensatz zu seinem historischen und überaus gutmütigen Vorgänger ist Gutman psychisch eine Spiegelung seines verunstalteten Körpers. Was das bedeutet, schildert Bailey gleichermaßen zurückhaltend wie deutlich. Er schwelgt nicht selbstzweckhaft in blutrünstigen Details, die er seinen Lesern freilich nicht erspart, wo sie zur Geschichte gehören.

_Untergang und Wiedergeburt_

Mehr als einhundert Seiten führt Bailey seine vier Hauptpersonen nicht nur immer tiefer in die Falle, sondern lässt diese sogar hinter ihnen zuschnappen. Das geschieht so nachdrücklich, dass man sich fragt, wie er, der sich bisher streng an die selbst gesteckten Vorgaben gehalten hat, sie von dort entkommen lassen kann. Werden sich Nick und Sue plötzlich in Kampfmaschinen verwandeln? Kehrt Finney aus dem Totenreich zurück, um in diese Richtung zu mutieren? Oder gibt es gar kein Happyend? Wird dieses Mal das Böse siegen?

In solche Niederungen begibt sich Bailey nicht, obwohl er einschlägige Klischees keineswegs scheut. Was er sich stattdessen einfallen lässt, sei dem neugierig gewordenen Leser dieser Zeilen verschwiegen, denn seine Auflösung ist vielleicht nicht originell aber interessant und einmal mehr plausibel. Bailey lässt seine durch grausame Erfahrung klug gewordenen Figuren nur gezeichnet für ihr Leben entkommen.

Die Reise durch die Nacht bildet das letzte Drittel von „Copkiller“. Der Schrecken wird so groß, dass er sich zu verselbstständigen scheint. Evans und Gutman verwandeln sich in archaische Ungeheuer, die den dichten, uralten Wäldern entsprungen sein könnten, welche Ransom von allen Seiten förmlich einkreisen.

Generell spielt die Landschaft eine wichtige Rolle in dieser Geschichte. Immer wieder finden sich Nick und seine Freunde in einer fremden, feindseligen, rechtsfreien Umgebung wieder, wenn sie die Stadt verlassen. Wie Haie in ihrem Lebensraum ziehen Kreaturen wie Evans und Pomeroy dort ihre Bahnen. Bailey unterstreicht dieses Bild, indem er sie alte, riesige Straßenkreuzer, Relikte einer anderen Zeit, fahren lässt.

_Das Spiel mit dem Genre_

Während Baileys Stil schlicht strukturiert bleibt, arbeitet er stark mit Stimmungen und Bildern. Bereits die Namen einiger Figuren geben Hinweise: Nick Laymon erinnert an den Schriftsteller Richard Laymon (1947-2001), der ebenfalls gern das Grauen in der Provinz ansiedelte. Wo er jedoch grobschlächtig plottete und schrieb, arbeitet Bailey mit wesentlich feinerer, aber schärferer Feder. Wenn man ihn unbedingt in eine Schublade stecken möchte, könnte man ihn mit Joe Lansdale vergleichen, der die Kunst des „Auf-die-Spitze-Treibens“ („Mojo-Storytelling“) sogar noch besser beherrscht. Die Mischung aus realem Terror und phantastischem Horror – zitiert im Bild der Unheil ankündigenden, schwarzen Automobile – ist eine weitere Lansdale-Spezialität. Eine dritte Parallele bietet ein über die Spitze hinaus getriebenes Grauen, das in pechschwarze Komik umschlägt. Der Transport von Pomeroys Leiche in sein feuchtes Tümpelgrab wird zu einer absurden Komödie der Wirrungen und verstörenden Körperfunktionen.

Vergil Gutman erinnert körperlich an den historischen Elefantenmenschen John Merrick (1862-1890). Auch eine Prise Harvey „Two-Face“ Dent aus den „Batman“-Comics lässt sich feststellen. Der Name geht indes wohl auf den Film-Noir-Klassiker „The Maltese Falcon“ (1941; dt. „Die Spur des Falken“) zurück, in dem Sydney Greenstreet als monströs fettleibiger, besessener Kunsträuber Casper Gutman dem Privatdetektiv Sam Spade alias Humphrey Bogart zu schaffen macht.

Ein schönes, offensichtlich nicht ins Deutsche übertragbare Bild stellt schließlich der Originaltitel dar: „Schlafender Polizist“ nennt man in den USA jene Straßenschwellen, die den Bleifuß allzu schneller Autofahrer auf die Bremse zwingen – oder in den Graben, wenn er nicht rasch genug reagiert. In unserer Geschichte wird der tote Mann auf der Waldstraße zum Stolperstein, der vier bisher unbescholtene Menschen aus der Bahn wirft. (Ein „Copkiller“ glänzt dagegen durch völlige Abwesenheit; sehen lässt sich höchstens ein Killercop.) Das geschieht wie gesagt mit einer inhaltlichen und formalen Vehemenz, die den Leser bis zum genüsslich und künstlich übersteigerten Finale in Atem hält.

_Die Autoren_

„Jack Bailey“ ist ein Pseudonym des Autorengespanns Dale Bailey und Jack Slay, Jr.

Dale Bailey lehrt Englisch am Lenoir-Rhyne College in Hickory, US-Staat North Carolina. Schriftsteller ist er in seiner Freizeit, was sein noch relativ schmales Gesamtwerk erklärt. Bailey schreibt vor allem Kurzgeschichten, die den Genres Sciencefiction und Horror zuzuordnen sind. Elemente beider Genres finden sich auch in dem Roman „Sleeping Policeman“ (dt. „Copkiller“) wieder, den Bailey 2006 gemeinsam mit Jack Slay, Jr. unter dem Pseudonym „Jack Bailey“ verfasste. Über Themen der Weird Fiction schreibt er sekundärliterarische Artikel für diverse Magazine. Auskunft über seine Aktivitäten gibt Bailey auf seiner Website: http://www.dalebailey.com.

Jack Slay, Jr. hat bisher ausschließlich Kurzgeschichten sowie ein Sachbuch veröffentlicht. Auch er schreibt Essays über diverse Themen der modernen Unterhaltungsliteratur.

_Impressum_

Originaltitel: Sleeping Policeman (Urbana/Illinois : Golden Gryphon Press 2006)
Übersetzung: Helmut Gerstberger
Deutsche Erstausgabe: Mai 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/Heyne Hardcore 67564)
352 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-453-67564-3
Als eBook: Oktober 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
EUR 8,95
ISBN-13: 9-783-641-03258-6
http://www.heyne-hardcore.de
http://www.heyne.de

Depp, Daniel – Stadt der Verlierer

Manchen Schriftstellern ist es nicht vergönnt, nur durch ihre Bücher zu glänzen. Daniel Depp beispielsweise. Bei diesem Nachnamen dürfte bei Jedem ein Glöckchen klingeln. Tatsächlich ist Johnny Depp, der Filmschauspieler, der Bruder des Autors von „Stadt der Verlierer“ – was aber nur als Aufhänger für eine Einleitung dienen soll, denn Depps literarisches Debüt kann durchaus auf eigenen Beinen stehen.

David Spandau ist ehemaliger Stuntman in Hollywood, gelegentlicher Cowboy und hauptberuflicher Privatdetektiv bei einer angesehenen Detektei in L.A., die vor allem prominentes Klientel anzieht. Eines Tages bekommt Spandau, der zu den Besten zählt, den Auftrag, bei der Erpressung eines jungen Filmstars zu ermitteln. Bobby Dye, der sich vor allem mit Actionfilmen einen Namen gemacht hat, erhält Todesdrohungen.

Spandau merkt schnell, dass Bobby ihn an der Nase herum führt und sein Problem eigentlich ein ganz anderes ist. Richie Stella, ein kleinkrimineller Clubbesitzer und Drogendealer, hat Bobby in der Hand – und ihm gefällt es gar nicht, als Bobby Spandau als seinen Leibwächter engagiert. Gemeinsam mit seinem Freund Terry, einem irischen Frauenhelden, versucht Spandau über Stellas Buchhalterin an dessen Geschäftsgeheimnisse zu kommen. Eigentlich ein guter Plan, wenn man mal davon absieht, dass er komplett in die Hose geht …

„Stadt der Verlierer“ reiht sich in die Latte von Romanen ein, die häufig in Großstädten wie L.A. spielen und ziemlich coole und gleichzeitig innerlich zerrissene Personen als Hauptfiguren haben. Man denke dabei nur an „L.A. Confidential“ oder „Strahlend schöner Morgen“. Einen Preis für Innovation bekommen weder Depp selbst noch seine Hauptfigur. David Spandau entspricht ziemlich genau dem Bild des Cowboys der alten Schule, der vor Gewalt nicht zurückschreckt, aber dennoch Manieren und Prinzipien hat – und natürlich stets einen frechen Spruch auf der Lippe. Immerhin versteht es Depp, genau dieses doch etwas klischeehafte Bild gut auszufüllen und ihm sogar ein paar eigene Fassetten hinzu zu fügen. Spandau überrascht an der einen oder anderen Stelle durchaus, wenn er beispielsweise von seinem früheren Job als Stuntman erzählt oder aber über seine geschiedene Ehefrau redet. Auch die Brutalität, die man vielleicht erwartet, hält sich in Grenzen. David Spandau ist damit ein gut ausgearbeiteter Charakter, der vor allem denen gefallen wird, die allgemein gerne derartige Literatur lesen und auf raubeinige, aber charmante Helden stehen.

Demnach ist „Stadt der Verlierer“ doch eher ein Männerbuch. Abgesehen von der Hauptfigur ist auch die Handlung recht „männlich“. Sie ist nüchtern, knapp gehalten und lebt durch bissige Dialoge und die eine oder andere Actioneinlage. Manchmal hat die Geschichte etwas von einem Western, dann eher etwas von einer witzigen Krimikomödie. Depp arbeitet auch als Drehbuchautor und er versteht es tatsächlich, eine überaus unterhaltsame, abwechslungsreiche Geschichte zu schreiben. Die Handlung tangiert dabei verschiedene Bereiche. Zum Einen vermittelt sie dem Leser ein gewisses Bild von L.A., der Stadt der Loser. Dieses ist nicht immer positiv. Der Autor nimmt Hollywood etwas von seinem Glanz, wenn er die Schauspieler aus Spandaus Augen betrachtet und sie dabei alles andere als freundlich, strahlend und berühmt aussehen lässt. Daneben legt er besonderes Augenmerk auf das Nebeneinander von Reichtum und Armut, ohne dabei letzteres pathetisch darzustellen. Er berichtet außerdem über die kriminellen Geflechte in der Stadt und wie gefährlich es sein kann, sich mit diesen einzulassen. Leider hinkt die eigentliche Handlung dabei hinterher. Während die Kulisse bunt und vielfältig ist, fehlt es an Spannung, Dramatik und einem richtigen Höhepunkt. Die Erpressung von Bobby Dye wirkt von Anfang an belanglos. Die Geschichte zündet nie richtig, sondern lebt tatsächlich hauptsächlich durch die Beschreibungen.

Die sind allerdings gelungen. Daniel Depp schreibt das Buch genau so, wie man es sich vorstellt. Lakonisch, nüchtern, aber doch stets pointiert erzählt er aus der dritten Person mit wechselnden Erzählern. Er schafft es dabei, jedem der Charaktere, aus deren Sicht er schreibt, eine eigene Stimme zu geben. Die Dialoge sind manchmal derbe, aber nie wirklich ausfallend, und ein gewisser trockener Witz sowie die eine oder andere sprachliche Spitze gegen die Stadt der Engel runden das Gesamtbild ab.

„Stadt der Verlierer“ ist damit kein schlechtes Buch, aber eines, dass hätte besser sein können. Während Hauptfiguren und Sprache den Leser fesseln, fehlt es der Handlung an Substanz. Dass Daniel Depp gerade am nächsten Roman mit Spandau in der Hauptrolle schreibt, lässt jedoch hoffen, dass der Autor diesen Fehler ausmerzen wird.

|Originaltitel: Losers‘ Town
Aus dem Englischen von Regina Rawlinson
317 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3570100134|
http://www.cbertelsmann.de

Grisham, John – Anwalt, Der

Wer damit beginnt, an der Universität Jura zu studieren, hat zumeist die Gerechtigkeit im Blick. Voller Ideale und guter Vorsätze spricht man gerne von Gerechtigkeit. Vor Justitia sind alle Menschen gleich, ob arm oder reich, jung oder alt, egal welchen sozialen Standes oder welchen Beruf man ausübt. Schaut man hinter die Bühne der Gerichte mit ihren Gesetzen und Regeln, so sieht man eine ganz andere Welt, in der nichts einfach nur „gut“ oder „böse“ zu sein scheint, denn es gibt für Täter wie Opfer viele Abstufungen, Ausnahmen und Interpretationen von Recht und Gerechtigkeit.

Als junger Student wird man intellektuell aufs Höchste gefordert, die Anforderungen sind brutal und die Quote der angehenden Juristen, die schon im Studium oder Examen scheitern, ist hoch (noch in den beiden Abschlussexamen scheitern in Deutschland mehr als ein Drittel der Rechtswissenschaftsstudenten). Wer das Glück oder Unglück hat, anschließend in einer Kanzlei zu arbeiten, wird oft ausgenutzt, unter Druck gesetzt und nicht selten ist ein Arbeitstag 14 oder mehr Stunden lang.

Der Preis für Erfolg kann manchmal ein Pakt mit dem Teufel sein, und viele Studenten schlagen hart auf dem Boden der Tatsachen auf, wenn sie merken, dass Gesetze erheblich interpretierbar sind. Ethik und Moral präsentieren sich dann zum Schlussverkauf.

John Grisham schildert in seinem Roman „Der Anwalt“ die rechtswissenschaftliche Knochenmühle, die Arbeitsbedingungen und Anforderungen in einer amerikanischen Kanzlei, in welcher der junge Anwalt Kyle McAvoy an seine Grenzen getrieben wird.

_Inhalt_

Kyle McAvoy, erfolgreicher und vielversprechender Jurastudent, hat eigentlich eine brillante Karriere vor sich. Schon jetzt, kurz vor seinem Studienabschluss, hat er mehrere Angebote hoch renommierter und bekannter Kanzleien bekommen, die für ihn Prestige, Geld und Absicherung bedeuten und damit eine sichere Zukunft garantieren können.

Doch als er unerwarteten Besuch von einem FBI-Agenten bekommt, der ihn mit seinen „Jugendsünden“ vor fünf Jahren konfrontiert, bekommt Kyles Traumgebilde tiefe Risse. Damals wurde gegen ihn und drei seiner studentischen Freunde wegen einer angeblichen Vergewaltigung ermittelt. Es kam aber nicht zur Anklage und die Geschichte geriet in Vergessenheit, und so hat Kyle diese Nacht geistig verdrängt. Doch der ermittelnde Beamte zeigt Kyle ein belastendes Video der Nacht, was zwar viel Raum für etwaige Interpretationen lässt, dennoch aber so viel Schmutz aufwirbeln könnte, dass an eine juristische Karriere nicht mehr zu denken wäre.

In eine Ecke ohne Ausweg gedrängt, offenbart sich der mutmaßliche Erpresser nicht als FBI-Agent, sondern als ein skrupelloser Verbrecher, dessen Ziel es ist, Kyle in einer der wichtigsten und einflussreichsten Kanzleien als Spion einzusetzen, um dort einen Prozess zwischen zwei Rüstungskontrahenten zu beobachten und natürlich um wichtige Dokumente auszuspionieren und weiterzuleiten.

Im Grunde hat Kyle keine Chance, die ihm als Alternative verbleibt. Lässt er sich nicht erpressen, wird das Video veröffentlicht und er kann sich von seiner vielversprechenden juristischen Karriere verabschieden; lässt er sich darauf ein, Dokumente und Informationen weiterzuleiten, die als streng vertraulich oder gar geheim gelten, so verstößt er gegen alle ausgesprochenen und unausgesprochenen ethischen und moralischen Grundsätze und Ideale, an die bisher geglaubt hat.

Unter Protest und mit sehr schlechtem Gefühl akzeptiert er die Forderungen des Erpressers. Als er in die Kanzlei „Scully & Pershing“ zusammen mit anderen Elite-Studenten eintritt, verändert sich seine einst so beschauliche Welt in ein wahre Spionage-Geschichte. Kyles Wohnung wird verwanzt, sein Auto mit einem GPS-Sender versehen und sein Telefon sowie seine Mails werden kontrolliert. Und immer sind es zwei oder mehr mysteriöse Männer, die ihn überall observieren.

Sein neuer Job fordert ihn und seine Freunde täglich aufs Neue. Jeder Mitarbeiter möchte sich möglichst schnell bei den Partnern profilieren, um die Karriereleiter behände emporzuklettern, sie nehmen natürlich ihre Ausbeutung in Kauf und begeben sich damit in die brutalen Mühlen einer modernen Kanzlei, in der rücksichtslos nicht Gesetz und Recht vertreten werden, sondern in der es nur um Macht, Ansehen und vor allem Geld geht. Kyle arbeitet sich gut in der Kanzlei ein, und je näher der Prozesstermin rückt, desto mehr erhöhen sich der Druck der Erpresser sowie sein eigenes Schuldbewusstsein.

Wird Kyle einen Ausweg finden, ohne dass seine Freunde, die ebenfalls mit der eventuellen Veröffentlichung der Daten alles verlieren können, gefährdet werden? Die Eskalation wird unvermeidlich, erst recht, als einer seiner Freunde ermordet wird …

_Kritik_

John Grisham ist selbst ein erfolgreicher Anwalt gewesen, bevor er sich ganz dem Schreiben verpflichtete. Dass der Autor weiß, wovon er schreibt, fällt dem Leser sofort in den ersten Kapiteln auf.

Voller Ideale und Ideen begeben sich die jungen Studenten auf der Suche nach einer glorreichen und möglichst erfolgversprechenden Anstellung in die Ausbeutung durch bekannte und mächtige Kanzleien. Dort verlieren die Anwälte ihre idealistische Unschuld und lernen Stress und einen Egoismus kennen, der nur das Ziel hat, die Partner der Kanzlei mächtiger und reicher zu machen.

Anschaulich und sehr realistisch beschreibt der Autor die unmenschliche Erwartungshaltung, der sich ein Junganwalt stellen muss. Dass es hier Opfer gibt unter den Studenten, dass hier Stress und Schlafmangel im Vordergrund stehen, verschweigt der Autor keinesfalls. Als Leser hat man den Eindruck, dass Grisham mit allen Vorurteilen und Halbwahrheiten aufräumen möchte, und das gelingt ihm wirklich recht anschaulich. Nur ein kleiner Bruchteil der ehemaligen Studenten wird vielleicht Jahre später in die Elite der „Partner“ aufgenommen, ein größerer Anteil wird dem Druck nicht standhalten können und sich beruflich umorientieren oder ewig den Idealen hinterherjagen müssen.

„Der Anwalt“ beginnt absolut spannungsgeladen und packend. In den ersten Kapiteln wird Kyles Erpressung geschildert und ein Teil seiner Vergangenheit aufgerollt, so dass der Leser einen wirklich guten Einstieg bekommt. Danach ebbt die Handlung deutlich ab. Ein Spannungsbogen entsteht überhaupt nicht; zwar wird Kyle unter Druck gesetzt, aber nicht so immens, dass die Handlung dadurch an Dramatik hinzugewönne.

Kyle versucht verzweifelt, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, sucht Hilfe bei einem Freund, der ebenfalls in der besagten Nacht ein mutmaßlicher Täter gewesen sein könnte, doch wirklich erfolgreich sind sie dabei nicht, das Problem zu ihren Gunsten zu lösen. Von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel zieht sich die Story weiter fort, und man hofft, dass sich die Handlung endlich entfaltet und einen Spannungsbogen offenbart. Man wartet vergeblich!

Einzig und allein die Schilderungen des täglichen Ablaufes in einer Kanzlei mit all ihren Anforderung, ihren Fallen und unmenschlichen Bedingungen sind interessant dargestellt. Hier hat sich John Grisham ein wenig verrannt und ist meilenweit vom eigentlichen Weg abgedriftet.

Außer Kyle zeigt kein Protagonist wirklich Profil, weder in der als Katalysator fungierenden Vergangenheit noch in der erwählten Gegenwart. Die Anzahl der Protagonisten bleibt überschaubar, die Handlung wird zumeist aus der Perspektive von Kyle geschildert, was der Abwechslung nicht wirklich gut tut. Mit jedem Kapitel häufen sich die Fragen immer mehr, so dass man gegen Ende quasi auf einen wirklichen Berg davon steht, allerdings völlig allein gelassen, denn die Fragen werden keinesfalls beantwortet.

Der Showdown ist mehr als enttäuschend; von einigen Charakteren liest man nichts mehr, sie verschwinden einfach, und dabei waren sie nicht wirklich unwichtig. Auch Kyles Spionage-Job bleibt im Hintergrund; sicherlich, seine Wut und seine Hilflosigkeit treiben immer mal wieder an die Oberfläche, aber worum es wirklich in diesem Prozess geht, bleibt unvollständig geschildert.

_Fazit_

„Der Anwalt“ von John Grisham ist nur bedingt zu empfehlen. Wer hinter die Kulissen einer mächtigen Kanzlei blicken und sich über die Arbeitsbedingungen Aufschluss verschaffen möchte, für den wird der vorliegende Roman mit Sicherheit von großem Interesse sein. Wer allerdings eine abwechslungsreiche und spannend erzählte Story erwartet, wird hier bitter enttäuscht.

John Grishams Stil ist auch hier unverkennbar. Er ist noch immer ein wirklich guter Autor, aber dieser Roman ist inhaltlich sein schwächster. Selten habe ich ein Ende erlebt, das so viele Fragen einfach offen lässt. Selbst wenn man annimmt, dass es eine Fortsetzung geben könnte, so wüsste ich nicht, wo und vor allem wie der Autor diese Geschichte enden lassen möchte.

|Originaltitel: The Associate
Originalverlag: Doubleday
Aus dem Amerikanischen von Imke Walsh-Araya, Bea Reiter, Bernhard Liesen, Kristiana Dorn-Ruhl
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 448 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-26615-5|
http://www.heyne.de
[Buchtrailer]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=8684&mid=3458
http://www.jgrisham.com/

_Mehr von John Grisham auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Richter“ 23
[„Der Richter“ 284 (Hörbuch)
[„Die Bruderschaft“ 24
[„Die Bruderschaft“ 287 (Hörbuch)
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[„Der Verrat“ 286 (Hörbuch)
[„Das Testament“ 288 (Hörbuch)
[„Das Fest“ 292 (Hörbuch)
[„Die Liste“ 336 (Hörbuch)

Henry Wade – Tod auf der Treppe

Wade Tod Cover kleinDas geschieht:

Sir Garth Fratton gehört zu den großen Finanzmagnaten der Stadt London. Obwohl ihn das Alter und manche Zipperlein plagen, schlägt er die Ratschläge seines Arztes in den Wind und wird Vorstandsmitglied der noch jungen „Victory Finance Company“. Dort geht freilich nicht alles mit rechten Dingen zu, wie Fratton seinem besten Freund Leopold Hessel anvertraut. Bevor er jedoch in Details gehen kann, wird er während eines Spaziergangs von einem unbekannten Rüpel angerempelt. Nur Sekunden später bricht Sir Garth tot zusammen; die Autopsie ergibt, dass er durch das Platzen eines Aneurysmas – der krankhaften Ausweitung einer großen Ader – verblutet ist.

Frattons Tochter Inez lässt der tragische Tod des Vaters keine Ruhe. Sie lässt ein Inserat in die Zeitung setzen, dass den Rüpel auffordert, sich zu melden. Als Scotland Yard davon hört, wird der junge Inspektor Poole geschickt, um den ‚Unfall‘ vorsichtshalber noch einmal zu überprüfen. Pooles Nachforschungen sorgen für Unruhe und schließlich für die Exhumierung von Frattons Leiche, die in der Tat Spuren einer Mordattacke aufweist. Henry Wade – Tod auf der Treppe weiterlesen

Trussoni, Danielle – Angelus

Die junge Franziskanerin Evangeline vom Orden der ewigen Anbetung lebt seit ihrem zwölften Lebensjahr im Kloster der heiligen Rosa in Milton, New York. Ihre Kindheit verbrachte sie in Paris. Als ihre Mutter entführt und ermordet wurde, ging ihr Vater mit ihr nach Amerika, wo er sich erhoffte, dass sie dort in Sicherheit wären. Evangeline erhielt nach dem Tod ihrer Mutter von der Großmutter eine goldene Halskette mit einer Leier als Anhänger, die noch eine bedeutende Rolle spielen soll.

Am 23.12.1999: Evangeline beantwortet gerade die tägliche Post, die an das Kloster gerichtet ist, und stößt dabei auf einen Brief, der ohne Umschweife auf das Anliegen seines Verfassers zu sprechen kommt. V. A. Verlaine erbittet für einen privaten Klienten, die Archive des Klosters aufsuchen zu dürfen. Er könne darauf schließen, dass ein zumindest kurzer Briefwechsel zwischen Abigale A. Rockefeller und der damaligen Äbtissin Innocenta stattgefunden hat, da er bei Recherchen auf die Briefe von Schwester Innocenta gestoßen ist. Diese sind 1943-44 geschrieben worden. Da ihr die Jahreszahlen im Bezug auf das Kloster bekannt erscheinen, schaut Evangeline selbst im Archiv nach den gesuchten Briefen, kann jedoch nur einen finden. Kurz darauf stößt sie auf einen Zeitungsartikel aus dem Jahre 1944: Im Januar jenes Jahres verwüstete ein Feuer das Kloster und die Familie Rockefeller finanzierte mit einer großen Spende den Wiederaufbau.

Zur gleichen Zeit trifft sich Verlaine mit seinem Auftraggeber Percival Grigori, der darauf drängt, dass Verlaine sich umgehend auf den Weg zum Kloster macht, um an die fehlenden Briefe zu kommen. Durch einen Zufall erhält dieser Zugang zur Bibliothek und trifft dort auf Evangeline. Er kann sie davon überzeugen, ihm das gefundene Schriftstück zu zeigen.

Percival, der sehr krank erscheint, geht nach Hause. Dort befreit er sich aus einem Korsett, welches es ihm ermöglicht, sich überhaupt noch aufrecht zu halten. Vor zehn Jahren erkrankte er an einer geheimnisvollen Krankheit, die zuerst seine Flügel befiel – denn er ist ein Nephilim, der Nachfahre eines Engels, der sich mit einer menschlichen Frau vereinigte. Diese Nachfahren sind ebenso kraftvoll wie bösartig, und sie wollen die Menschheit vernichten, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Um seine alte Kraft wiederzuerlangen, benötigt er die Leier des Orpheus, der große Kräfte nachgesagt werden. Unter anderem soll das Spiel dieser Leier Percival heilen können. Seit Jahren schon suchen die Nephilim diese Leier, die allerdings von Angelologen verborgen wurde …

Evangeline gerät in den Kampf zwischen den Angelologen und den Nephilim, denn seit vielen Jahren, trägt sie eine fein bearbeitete Halskette, deren Anhänger eine Leier ist …

_Kritik_

Danielle Trussoni hat mit „Angelus“ einen spannenden Mystery-Thriller geschrieben, der sich in vier Teile gliedert. Im ersten Teil werden Evangeline, einige der Schwestern vom Kloster der heiligen Rosa, Verlaine und auch die Nephilim vorgestellt. Die Figuren werden aufgebaut und erste Beziehungen und Verknüpfungen bilden sich.

Der zweite Teil ist ein Rückblick auf Ereignisse, welche die Nonne Celestine in den Kriegswirren um 1944 erlebte. Die Aufgabe der Angelologen offenbart sich ebenso wie die Nephilim und ihre Geschichte. In den letzten Teilen kommt es dann zum Showdown.

Bis auf den zweiten Teil, der aus Sicht der Nonne und angehenden Angelologin Celestine geschildert wird, wird die Geschichte aus der Perspektive eines Beobachters erzählt. So kann man alle Handlungen der Protagonisten verfolgen und ein lebendiges Bild entsteht. Der Roman ist flüssig und nachvollziehbar geschrieben; die erst einzelnen Handlungsstränge verweben sich schließlich zu einem einleuchtenden Gesamtbild. Die Charaktere sind überzeugend konzipiert und die Beziehungen untereinander werden dem Leser nach und nach immer klarer.

Der Schreibstil der Autorin zieht den Leser schnell in den Bann, denn man möchte unbedingt wissen, wie die Geschichte weitergeht, und kann das Buch kaum aus der Hand legen. Zahlreiche unerwartete Wendungen in der Geschichte lassen keine Langeweile aufkommen. Die Recherchearbeit der Autorin, unter anderem zum Buch Enoch, erklärt viel über Engel und ihre verschiedenen Arten.

Das Ende allerdings fand ich etwas abrupt, jedoch lässt ein Interview mit der Autorin auf noch mindestens einen weiteren Teil mit Evangeline und der Geschichte um die Engel hoffen. Genug Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.

_Fazit_

„Angelus“ von Danielle Trussoni ist ein spannender, fesselnder und überraschender Roman, den ich ohne schlechtes Gewissen jedem Leser von Mysterythrillern und mystisch angehauchter Belletristik weiterempfehlen kann. Ich hoffe sehr auf einen zweiten Teil, um noch mehr von Evangeline, den Angelologen und auch den Nephilim zu erfahren.

_Die Autorin_

Danielle Trussoni, geboren 1973, studierte an der University of Wisconsin-Madison Geschichte und Englische Literatur. Sie hat den [Iowa Writers‘ Workshop]http://www.uiowa.edu/~iww/ absolviert und lebt seither als freie Schriftstellerin in den USA und in Bulgarien. Sie schreibt unter anderem für |The New York Times Book Review|, |The New York Times Magazine| und |The Telegraph Magazine|. Ihr Buch „Falling Through the Earth: A Memoir“ stand auf der Liste der ’10 besten Bücher 2006′ der |New York Times|. Für diesen Titel erhielt sie mehrere Preise. „Angelus“ ist ihr erster Roman. (Verlagsinfo)

|Originaltitel: Angelology
Übersetzung von Rainer Schmidt
656 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3426198780|
[Buchtrailer]http://www.lesungen.tv/trailer/danielle-trussoni-angelus/
[Leseprobe]http://www.droemer-knaur.de/sixcms/media.php/201/LP__Angelus.pdf
http://www.danielletrussoni.org
http://www.droemer.de

Als Lesung von Regina Lemnitz (Kathy Bates, Roseanne Barr) erhältlich beim |Hörverlag| unter der ISBN 978-3867175722.

Ergänzend erscheint im Mai der Band “ Angelus entschlüsselt: Das Geheimnis der Nephilim von A bis Z“ von Christian Lukas bei |Knaur| unter der ISBN 978-3426783948.

_Nadine Warnke_

Weeks, Lee – Tod der Geistermädchen

_Das geschieht:_

In Hongkong werden Teile der zerstückelten Leichen dreier „Geistermädchen“ gefunden: So nennt man junge Frauen aus Europa und Nordamerika, die sich ihren Lebensunterhalt in Nachtclubs und ähnlichen Etablissements verdienen. Den toten Mädchen fehlen jeweils Körperteile, sodass davon auszugehen ist, dass der Täter eine makabere Trophäensammlung unterhält.

Der Fall geht an Detective Inspector Johnny Mann und ist seine Chance zur Rehabilitierung, denn der fähige Beamte wurde aus dem „Organised Crime and Triad Bureau“ geworfen und in die Provinz strafversetzt, weil seine Privatfehde mit den Triaden – der asiatischen Mafia – in einen offenen Krieg auszuarten drohte. Auch dieses Mal ist Chan, Manns Todfeind von der Wo-Shing-Shing-Triade, in den Fall verwickelt: Die „Geistermädchen“ waren im „Club Mercedes“ beschäftigt, der fest in Triadenhand ist.

Ahnungslos gerät die Halbchinesin Georgina Johnson ins Visier des „Metzgers“, wie der Mörder bald genannt wird. Sie kam aus England nach Hongkong, um ein neues Leben zu beginnen. Herzlich wird sie von ihren Cousinen Ka Lei und Lucy empfangen. Letztere arbeitet als Hostess im „Club Mercedes“. Gerade hat sie sich nach einer Pechsträhne im Glücksspiel hoch bei Chan verschuldet, der damit nach Triaden-‚Recht‘ über sie und ihre Familie bestimmen kann, was Georgina einschließt. Die sticht auch Inspector Mann ins Auge, der sich um die junge Frau bemüht. Als Georgina spurlos verschwindet, argwöhnt Mann richtig, als er Chan beschuldigt. Obwohl ihn die von der Triade infiltrierten und geschmierten Behörden bei seinen Nachforschungen behindern, lässt Mann sich nicht stoppen. Weil die Justiz ihn nicht unterstützt, muss er das Recht in die eigene Hand nehmen …

_Asien – exotisch, seltsam & gefährlich_

Andere Länder, andere Sitten; das gilt aus westlicher Sicht offenbar vor allem für den asiatischen Raum, wenn man der Autorin von „Tod der Geistermädchen“ Glauben schenken möchte. Dies fällt einerseits leicht, während Lee Weeks es ihren Lesern andererseits unnötig schwer macht. Das klingt kryptisch? Ist es aber nicht – leider, wie angemerkt werden muss.

Hongkong als Wundertüte und Höllenpfuhl stellt auch in der Kriminalliteratur kein Neuland dar. Sofort fallen dem diesbezüglich interessierten Leser die Romane der wunderbar bizarren Yellowthread-Street-Serie von William Marshall ein, was vermutlich ungerecht ist, weil der die Latte so hoch hängt, dass Neulinge wie Weeks sie erst recht reißen müssen.

Trotzdem ist Hongkong ein brodelnder Hotspot nicht nur der asiatischen Urbankultur und damit eine wunderbare Kulisse. Weeks hat dort einige Jahre außerhalb der Touristen-Reservate und keineswegs nur auf der Sonnenseite verbracht, was ihr intime Kenntnisse über gar nicht erfreuliche, aber reale Aspekte eines Alltags beschert hat, der gänzlich eigenen Gesetzen und Regeln gehorcht.

_Vom eigenen Anspruch überrollt_

Das in Worte zu fassen, die sich nicht in Klischees erschöpfen, stellt sich als Herausforderung dar, der Weeks in ihrem Debütroman eindeutig nicht gewachsen ist. Ihr Wissen um Land und Leute wird deutlich, aber sie kann es nicht kanalisieren und in den Dienst ihrer Geschichte stellen. Zu viel will und versucht Weeks; sie bemerkt dabei nicht, dass sie die Handlung heillos überfrachtet.

Da haben wir den vom gerechten Rachekampf gegen die chinesische Mafia beseelten Helden, dessen Primärfeind einst sein bester Freund war. Johnny Mann ist darüber hinaus halb Hongkong-Chinese und halb Engländer, was eigene Probleme (hier: Problemchen) aufwirft. Natürlich prallt dieser Gutmensch immer wieder hart gegen die Gummiwände seiner von den Triaden auf allen Ebenen verseuchten Welt, was endlose und moralinschwere Tiraden in Gang setzt. Ohnehin ersetzt Gefühlsdusel echte Tragik.

Eine Lovestory muss sein, was Weeks als Anlass nimmt, eine naive und – dieser Gedanke lässt sich einfach schwer verkneifen – reichlich dämliche Maid ins Geschehen zu bringen. Das geschieht in epischer Breite und zehrt vermutlich von Weeks eigenen Erfahrungen, wirkt aber überzogen, zumal Georgina Johnson im weiteren Verlauf der Handlung zum nur mehr passiven Rettungsobjekt mutiert. Wieso sich der ansonsten eher zur taffen Weiblichkeit neigende Johnny Mann ausgerechnet in die blasse Georgina verguckt, bleibt ebenso rätselhaft.

_Grusel mit der groben Kelle_

Der Plot selbst steht eher auf Nudelteig-Füßen. Zunächst scheint sich „Tod der Geistermädchen“ zum typischen Killer-Thriller unter Beteiligung eines genialischen Serienmörders zu entwickeln. Das bewahrheitet sich glücklicherweise nicht, doch die Alternative kann auch nicht entzücken. Sie soll hier dem potenziellen Leser natürlich nicht aufgedeckt werden. Auf jeden Fall ist viel Gewalt im Spiel, die sich nach und nach zum regelrechten Overkill steigert. Die Autorin orientiert sich hier anscheinend am Vorbild von Landsfrau Mo Hayder, die diesbezüglich neue Maßstäbe setzen konnte, wo Weeks sich auf oberflächliche Slasher-Effekte à la „Hostel“ beschränkt. Was erschrecken soll, ist deshalb nur schrecklich.

Die Handlung kommt langsam in Gang, schweift immer wieder ab, wenn Weeks in pseudo-tragischen Privatschicksalen schwelgen möchte, oder tritt auf der Stelle, um sich dann plötzlich zu förmlich zu überschlagen, wobei die Logik den Anschluss verliert; Manns Hubschrauber-Attacke auf Chans Foltercamp wirkt einem James-Bond-Thriller der 1960er Jahre entliehen. Action ist Weeks Sache eindeutig nicht. Hastig ernennt sie Mann vor dem Inselfinale zum Fachmann für asiatische Kriegskunst und lässt ihn seine prall mit einschlägigen Gimmicks wie Wurfsternen und Killer-Darts gefüllte Waffentruhe öffnen.

So viele Subplots hat Weeks begonnen, dass sie nach dem eigentlichen Finale mit losen Fäden dasteht. Der Hauptschurke ist längst tot, als sie darangeht, hier notdürftig Ordnung zu schaffen. Manche Seite gilt es noch zu füllen, bis alle bisher ungestraft gebliebenen Finsterlinge ihr Fett weg bekommen haben. Wie man eine Krimi-Handlung energisch gliedert, statt nur Ereignis an Ereignis zu reihen, ist Weeks (noch?) fremd.

_So böse, dass das Zwerchfell kracht_

Das Böse ist als Phänomen der Lächerlichkeit erstaunlich nahe. Diese Erkenntnis verdanken wir u. a. Schriftstellern wie Lee Weeks, die sie vermutlich unfreiwillig verbreitet. Weeks scheitert mit dem Versuch, die Allgegenwart der Triaden-Kriminalität darzustellen. Sie versucht es, indem sie ihr Gesichter gibt. Chan, CK Leung oder gar Man Po sind jedoch höchstens Schurken-Stereotypen des Hongkong-B-Kinos. Sie spielen nur Rollen, und in denen wirken sie wenig überzeugend.

Ungeschickt wirken Weeks Bemühungen, das Geschehen mit Drama und Tragik aufzuladen. Der Handlungsstrang um Ka Mei/Lucy könnte im Grunde entfallen. Streichungen und Straffungen könnte die gesamte Geschichte, die keinesfalls über 450 Seiten trägt, generell gut vertragen. Stattdessen wird Lee Weeks sie fortsetzen. Ein zweiter Teil der Johnny-Mann-Reihe erschien noch 2008. Er wird im Zuge der sachten, aber spürbaren Begeisterung für den (nicht gar zu) exotischen Krimi sicherlich ebenfalls seinen Weg nach Deutschland finden, wo sich zumindest der etwas wählerischere Leser ob dieser Tatsache mühelos in Geduld üben wird …

_Die Autorin_

Lee Weeks (geb. 1958) stammt aus der englischen Grafschaft Devon, wo sie heute wieder und inzwischen mit Familie lebt. Sie macht ein ereignisreiches Leben für sich geltend, das eine ruhelose Jugend mit einer ausgeprägten Reiselust kombinierte. Schon mit 17 Jahren begann zu reisen, was sie als Au-Pair-Mädchen, Kellnerin, Model u. a. Jobs finanzierte.

Ende der 1970er Jahre ging Weeks nach Hongkong und wurde ein „Geistermädchen“, das in den Nachtclubs der noch britischen Kolonie arbeitete und die Schattenseiten dieses Metiers aus erster Hand kennenlernte. Nach einigen Jahren kehrte Weeks nach England zurück. Ihre Erfahrungen in Asien flossen in ihr Romandebüt „Tod der Geistermädchen“ ein, das gleichzeitig Auftakt einer Krimi-Serie um den englisch-chinesischen Polizisten Johnny Mann ist.

Über ihr Leben (wenig) und Werk (ausführlich, aber inhaltsarm) informiert Lee Weeks im Internet: http://www.leeweeks.co.uk.

Die Johnny-Mann-Reihe von Lee Weeks:

(2008) The Trophy Taker (dt. „Tod der Geistermädchen“)
(2008) The Trafficked

_Impressum_

Originaltitel: The Trophy Taker (London : Avon, a division of Harper Collins Publishers 2008)
Übersetzung: Johannes Finkbeiner
Deutsche Erstausgabe: Mai 2009 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46883)
445 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-46883-6
Als eBook: Mai 2009 (Wilhelm Goldmann Verlag)
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-641-02747-6
http://www.goldmann-verlag.de

Jeffery Deaver – Allwissend

Die uns vertraute Welt, in der wir lieben und leben, in der wir miteinander und gegeneinander kommunizieren, in der wir Freund- und Feindschaften aufbauen und uns materielle Güter zulegen, um unser Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, vermischt sich zunehmend mit der virtuellen Welt des Internets.

Damit ist unsere Welt schon längst zu einem nicht mehr überschaubaren, kommunikativen Netzwerk mutiert. Viele Menschen verlieren den Bezug und die sozialen, menschlichen Bindungen in der realen, stofflichen Welt, und widmen sich mit aller Energie virtuellen Foren, Communities, Multiplayerspielen, Blogs usw. In diesen offenen Plattformen muss sich der Anwender persönlich profilieren, sprich: eine virtuelle Persönlichkeit aufbauen. Dass diese oftmals ein verzerrter Schatten ihrer selbst ist und sich der Mensch mit Fähigkeiten, Aussehen und einer falschen Persönlichkeit ausstattet, kann gefährlich sein, denn da alle Informationen frei zugänglich sind, ist die Gefahr von Verleumdung, Mobbing oder Stalking ein ernstes Thema, das schnell zu einer gefährlichen Bedrohung führen und reale Existenz zerstören kann.

Jeffery Deaver lässt in seinem aktuellen Thriller „Allwissend“ die Kinetikerin und Ermittlerin Kathryn Dance aus Kalifornien online wie auch offline auf Mörderjagd gehen.

_Inhalt_

Jeder kennt die an Kurven oder Schnellstraßen von Angehörigen aufgestellten Kreuze, die an den Unfalltod eines ihrer Lieben gemahnen sollen. Oftmals werden am Todestag Blumen oder eine Kerze an dieser Stelle zum Gedenken abgelegt. Als ein junger Streifenpolizist am 25. Juni am Straßenrand eines Highways Blumen und ein Kreuz entdeckt, auf dem eindeutig der folgende 26. Juni als Todesdatum zu lesen ist, geht er davon aus, dass die trauernden Angehörigen verwirrt waren und fährt, wenn auch ein wenig vorsichtiger, nach Hause.

Doch am besagten Tag wird eine junge Schülerin fast zum Opfer eines brutalen Mörders. Tammy Foster findet sich gefesselt und geknebelt im Kofferraum eines Autos wieder, das bei Ebbe inmitten eines Strandes stehen gelassen wurde, damit Tammy qualvoll mit der kommenden Flut ertrinkt. Tammy überlebt aber den Anschlag, da der Täter den Wagen nicht weit genug rausgefahren hat und Passanten das Auto rechtzeitig gesehen haben. Unterkühlt, aber lebendig kommt Tammy mit einem Schrecken davon.

Der mysteriöse Fall wird der Dienststelle von Kathryn Dance zugeteilt und die Verhör- und Kinetikspezialistin beginnt mit ihren Ermittlungen. Kathryn fängt an, Tammy Foster zum Hergang der Tat zu befragen. Kathryn ist eine äußerst talentierte Psychologin und Kinesikerin, die die Körpersprache treffend analysieren und interpretieren und damit die Lügen und Halbwahrheiten von Kriminellen wie auch Opfern durchschauen kann.

Im Krankenhaus, im Gespräch mit Tammy, wird Kathryn schnell klar, dass die junge Frau nicht ehrlich zu ihr ist und ihr vielleicht nicht die volle Wahrheit sagt. Ihre ganze Körpersprache und ihr sprachlicher Ausdruck lassen vermuten, dass sie unsicher ist und wohl Angst hat. Aber wovor, vor wem? Kathryn beobachtet, aber konfrontiert Tammy nicht mit ihren Vermutungen. Still und ruhig lässt sie sich erzählen, was Tammy von ihrer Entführung und dem Tathergang zu erzählen hat, oder besser gesagt, was sie nicht sagt.

In ihrem Auto, in dem Tammy ertrinken sollte, finden die Behörden ihr Notebook; das ist zwar vom Salzwasser beschädigt, aber Kathryn will unbedingt wissen, was sich auf der Festplatte des Rechners befindet, denn vielleicht führen die privaten Daten von Tammy zum Täter. Hilfe bekommt Kathryn von Prof. Jon Bolling, der an der hiesigen Universität lehrt und ein Experte für die neuen Medien ist.

Tatsächlich gelingt es Prof. Bolling, an die persönlichen Daten von Tammy zu kommen. Regelmäßig kommunizierte sie mit anderen Freunden auf einem Blog – dem Chilton Report. Tammy Foster hat sich ziemlich negativ über ein Thema ausgelassen, das zwar nicht sie direkt, aber Freundinnen betrifft, die bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Der Fahrer Travis Brigham hat überlebt und zieht den Zorn von einigen Bekannten und noch mehr Unbekannten auf sich, die ihn als Mörder abstempeln und ausgrenzen.

Travis ist in der Schule ein Außenseiter, ein Sonderling, gezeichnet von Akne im Gesicht; ein Einzelgänger, der sich anscheinend auch viel online bewegt. Als Kathryn Travis und seine Familie aufsucht, fällt ihr im Gespräch mit dem introvertierten Jungen auf, dass dieser innerlich vor Zorn bebt, und vielleicht ein Funken genügt, um ihn ausrasten zu lassen …

Zu allem Stress kommt noch hinzu, dass die Mutter von Kathryn Dance des vorsätzlichen Mordes angeklagt und verhaftet wird. Sie soll einen lebensgefährlich verletzen Polizisten, der im Krankenhaus lag, aktiv getötet haben. Da in Kalifornien Sterbehilfe gegen die Gesetze verstößt, könnte auf Kathryns Ma bei einer Verurteilung die Todeszelle warten …

Noch am selben Abend wird Kathryn zu einem weiteren Tatort gerufen, und diesmal gibt es einen Toten. Wieder wurde ein Kreuz gefunden und Indizien weisen darauf hin, dass Travis der Mörder gewesen sein könnte. Doch als Kathryn Travis und seine Familie aufsucht, ist dieser verschwunden – und mit ihm der Revolver seines Vaters …

_Kritik _

„Allwissend“ von Jeffery Deaver ist nach „Die Menschenleserin“ der zweite Band mit der Ermittlerin Kathryn Dance. Und wieder einmal hat es der Autor geschafft, einen großartigen und atemlos spannenden Roman zu veröffentlichen, der zu Recht auf den oberen Rängen der Bestsellerlisten zu finden ist.

Nicht nur, dass „Allwissend“ spannend und intelligent konzipiert ist, auch in den schnellen und gut eingestreuten Nebenerzählungen schafft es Deaver, den Leser quasi ’nebenbei‘ zu überzeugen. Neben dem Hauptplot – natürlich die Jagd nach dem „Kreuzkiller“ – sind auch die Nebenschauplätze – zum Beispiel die Anklage von Kathryns Mutter wegen Mordes oder das Privatleben von Dance – ungemein spannend. Das gelingt nicht jedem Autor, besonders nicht bei einem Thriller, aber Deaver gelingt dies Kunststück fulminant.

Das Tempo der Handlung ist, gemessen an den Ereignissen und Szenenwechseln, wohldosiert. Ebenso gezielt wechseln die Perspektiven; so erfährt man aus Opfersicht, wie diese die Entführung und das Grauen erleben, aber auch Nebencharaktere wie der Datenexperte Prof. Jon Bolling oder der Betreiber des Blogs kommen zu Wort. Nichtsdestotrotz erlebt der Leser die Ermittlungen selbst natürlich aus der Sicht der Hauptfigur Kathryn Dance.

Es gibt viele Thriller mit psychologischen Aspekten, in denen Profiler und Psychologen die Ermittlungen vorantreiben, sich in das Denken und Handeln der Täter einleben, um diese verstehen und natürlich weitere Morde verhindern zu können. Auch Deaver bedient sich dieser Rezeptur, erschafft aber mit seiner Figur Kathryn Dance einen Charakter, der realistisch und zugleich sensibel agiert, also keinen Ermittler, der mit Waffengewalt oder empathischen Supertalenten den Gegner einengt.

Nein, Jeffery Deaver stattet Dance mit einem nicht neuen, aber ungemein effektiven Talent aus. Sie kann in einem Menschen lesen wie in dem sprichwörtlichen Buch, so gut, dass selbst ihre Kinder sie wie eine Art Superfrau behandeln, denn Lügen ist bei ihr zwecklos, und das ist in den Augen ihrer Kinder ja so was von unfair …

Trotz ihres nonverbalen kommunikativen Talents bleibt Kathryn Dance eine Frau wie jede andere auch. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie alleinerziehende Mutter, die sich nach Wärme und Liebe sehnt und natürlich auch einen potenziellen Vater für ihre Kinder sucht. Solche Kleinigkeiten hat Jeffrey Deaver wunderbar in seinen Roman implementiert und spendiert seinem Hauptcharakter damit sympathische Besonderheit und Tiefe. Ihr inniges Verhältnis zu und ihr Vertrauen in ihre Mutter wird durch die Anklage wegen Sterbehilfe ein wenig erschüttert, und auch ihre berufliche Nähe zu ihrem Kollegen Michael O’Neal wird ein wenig komplizierter, als sie sich unbewusst für Prof. Jon Bolling interessiert, der zudem noch gut mit ihren Kindern auskommt. Dem Autor gelingt hier genau das, wovon ein Roman lebt: Er erschafft kompakte Charaktere, die Baustein für Baustein immer greifbarer werden, und zwar so intensiv, dass sich der Leser inmitten des Geschehens wiederfindet.

Es gibt unerwartete Wendungen zur Genüge, denn um die Handlung noch interessanter zu machen, weicht Deaver gern vom Weg ab. Dennoch steuert die Spannung einem Finale entgegen, das gut durchdacht und logisch stimmig ist.

Es gibt zwar einige rasante Passagen, aber „Allwissend“ ist kein Action-Feuerwerk, sondern ein kontrolliertes psychologisches Gefecht mit allen Täuschungen, Irrungen und Wirrungen, die man sich als Leser nur wünschen kann. Den Überblick über die Handlung und die Nebenerzählungen verliert man dabei zu keiner Zeit.

Besonderes Einfühlungsvermögen beweist der Autor aber nicht nur mit der Gestaltung der Protagonistin Kathryn Dance, sondern auch bei den vielen anderen Charakteren, die alle für sich genommen wichtig sind. Deaver hat sich mit der Ausarbeitung seiner Figuren nicht nur viel Zeit genommen, sondern diese derartig mit Leben gefüllt, dass nichts wirklich unnötig oder fehl am Platze wirkt.

Deavers Stil ist mit jenem in seinen Romanen um den behinderten Ermittler Lincoln Rhyme schwer zu vergleichen. Die Reihe um Ryhme und Sachs ist eher actionlastig angelegt. Sicherlich gibt es Ähnlichkeiten in den psychologischen Ansätzen, dennoch ist der Weg und Lösungsansatz von Dance ein ganz anderer als der von Lincoln Ryhme.

_Fazit_

„Allwissend“ ist ein psychologischer Thriller, dessen Klasse in der obersten Liga anzusiedeln ist. Jeffery Deaver hat sich erneut als ein Großmeister dieses Genres bewiesen.

Wer Spannung sucht, wird bei „Allwissend“ fündig werden und das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Deaver kombiniert Spannung mit viel Blick aufs Detail, und seine Charaktere wirken wie eine große Familie, die sich zwar nicht immer versteht, aber in der ein Rad ins nächste greift und so die Handlung bis auf die letzten Seite atemlos macht.

|Originaltitel: Roadside Crosses
Originalverlag: Simon & Schuster, New York 2009
Deutsch von Thomas Haufschild
544 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7645-0336-9|
http://www.jeffery-deaver.de
http://www.blanvalet.de

Becker, James – Unheilig

_Das geschieht:_

Käme die Wahrheit über den Ursprung des Christentums ans Tageslicht, wäre die Macht der katholischen Kirche gebrochen; kein Wunder, dass die Päpste schon früh dafür sorgten, dass dieses Wissen geheim bleibt. Sollte doch etwas durchsickern, wird die Apostolische Penitenziara des Vatikans – früher bekannt als „Inquisition“ – aktiv, der heuer Kardinal Vertutti vorsteht.

Ebenfalls im Boot: die Cosa Nostra, vulgo „Mafia“ genannt, die seit dem 19. Jahrhundert für den Vatikan die Drecksarbeit erledigt. „Capo“ Gregori Mandino teilt dem erschrockenen Vertutti mit, dass die Engländerin Jackie Hampton in dem uralten Haus, das sie mit ihrem Ehemann Mark in der Region Latium bewohnt, eine bisher unbekannte Spur zum besagten Geheimnis aufgedeckt hat. Als Mandino seine Schergen in Gang setzt, um dies zu überprüfen, kommt Jackie dabei um.

Der gebrochene Mark fliegt in Begleitung seines besten Freundes nach Italien. Detektive Sergeant Christopher Bronson untersucht den Tatort, an dem Mandinos Männer einen Unfall inszenierten, was der Polizist aus Kent bald durchschaut. Bronson stößt dabei nicht nur auf jene Spur, die Jackie den Tod brachte, sondern auch auf weitere Informationen. Mit Hampton reist Bronson nach London, wo Angela Lewis, Bronsons Ex-Frau, als Historikerin im Britischen Museum arbeitet. Pechvogel Mark wird von Mandino, der den Freunden gefolgt ist, gefoltert, verhört und umgebracht. Die Indizien werden so manipuliert, dass sie auf Bronson als Mörder hindeuten.

Dieser reagiert mit einer Flucht nach vorn bzw. nach Europa. In Begleitung von Angela will er das Geheimnis lüften und die Verfolger demaskieren. Während die beiden mysteriösen Hinweisen und uralten Rätseln folgen, ist ihnen ein zunehmend zorniger Mandino härter auf den Fersen, als das Paar vermutet …

_Düstere Spielchen nur teilweise Erleuchteter_

Dan Brown … zwei Worte und ein Name, der inzwischen für eine moderne Erfolgsstory sowie Auslöser einer literarischen Katastrophe steht. Brown hat den ‚Vatikan-Thriller‘ zwar nicht erfunden, ihn aber definitiv zu seinem Genre gemacht. Das Prinzip ist simpel: Die katholische Kirche, eine 2000 Jahre alte Institution mit einer an Schrecken und Geheimnissen reichen Vergangenheit, einer für Verschwörungstheorien idealen Verwaltungsstruktur sowie einem von zahllosen Legenden umwobenen Hauptquartier (dem Vatikan), investiert einen Gutteil ihrer (in diesen Thrillern stets beträchtlichen) Macht in die Verschleierung historischer Tatsachen, die ihrem Ruf unbekömmlich wären und, was wichtiger ist, an ihren angemaßten Privilegien rühren würden. Beliebt sind auch seit Jahrhunderten geführte Geheimkriege mit finsteren Organisationen, die tückische und höchst komplizierte Pläne verfolgen, welche in Richtung Weltherrschaft gehen. Wer als Autor gänzlich auf Nummer Sicher gehen möchte, kombiniert beide Konzepte.

„James Becker“ – der sich nicht grundlos hinter einem Pseudonym verbirgt – ist kein Freund komplexer Plots oder allzu detailreich ausgemalter Hintergründe. Das große ‚Geheimnis‘ drängt sich dem einigermaßen historisch beschlagene Leser schon nach dem Epilog auf, der im ersten nachchristlichen Jahrhundert in der römischen Provinz Palästina spielt. Allen Ernstes scheint Becker der Meinung zu sein, er könne den Korken auf der Rätsel-Flasche halten, indem er die Namen der beiden Männer unterschlägt, die angeblich im Auftrag des römischen Kaisers Nero den Startschuss für den Siegeszug des Christentums gaben.

Generell setzt Becker ein niedriges Erkenntnis-Niveau voraus. Auch seine Helden tappen endlos dort im Dunkeln, wo sie beim besten Willen wenigstens theoretisch der Lösung nahekommen müssten. Doch es reicht gerade dazu, den auch nicht mit Intelligenz und Findigkeit geschlagenen Bösewichten einen Schritt voraus zu bleiben. Es ist sowieso egal, was diese einfädeln, denn Chris Bronson rekonstruiert stets haargenau, was seine Gegner wieso getan haben. Anschließend fällt eine Weile Finsternis über sein Hirn, denn die Schurken müssen aufholen, damit sie ‚überraschend‘ auftauchen, auf unsere Helden schießen oder sie anderweitig bedrohen können: So funktioniert Spannung à la James Becker: als Kopf-an-Kopf-Rätsel-Rallye!

_Schema F – mit freundlicher Unterstützung von König Klischee_

Was ist von einem Rätsel zu halten, das von einem Polizisten, einem Vermögensberater und einer Expertin für antike Keramik ohne größere Probleme gelöst werden kann? Becker postuliert zwar diverse Sackgassen und Missverständnisse, wobei er jedoch nicht verbergen kann, wie simpel er sein Mysterium konstruiert ist. Größe zählt manchmal doch: Dan Brown ist auch deshalb so erfolgreich, weil er historische Fakten im ganz großen Stil mit Theorien und Legenden verquirlt. Becker fällt vergleichsweise wenig ein. Nero als verrückter Wüstling, die bockigen Katharer, das Labyrinth der vatikanischen Geheimarchive: Es passt zusammen, macht aber nicht viel her.

Wie so oft im Thriller-Genre soll wilder Aktionismus Spannung vortäuschen. Gut und Böse sausen durch Europa und haken dabei hektisch touristische und historische Highlights ab. Mit dem Laptop auf den Knien werden während der Fahrt kapitale Mysterien entschlüsselt, während am Horizont pistolenfuchtelnd die mit der Kirche verbandelte Mafia naht. Becker zieht den Leser nicht in seinen Bann, er speist ihn mit hölzern abgewickelten Spannungsroutinen ab.

_Munkelmänner & Schlaufrauen_

Dem entsprechen die saft- und kraftlosen Figuren. Zwar bemüht sich Becker, seinem (als Serienhelden geplanten) Chris Bronson ein Profil zu verleihen. Faktisch setzt er nur Klischee auf Klischee. Also ist unser Held ein nonkonformistischer Idealist mit Universitäts- und Militärausbildung, was ihm ermöglicht, seinen Gegnern nicht nur intellektuell, sondern auch im Kampf das Fell zu gerben. Privat dichtet Becker Bronson gleich zwei unglückliche Liebesgeschichten an, was ihn auch nicht interessanter wirken lässt; von der erwarteten, weil eigentlich obligatorischen Liebesszene nimmt Becker glücklicherweise Abstand, obwohl dem Leser dadurch womöglich ein Höhepunkt der unfreiwilligen Komik entgeht.

Während es die Liebe seines Lebens nur bis auf Seite 19 schafft, darf die Ersatzfrau glänzen. Erstaunlich rasch versöhnt sich die beleidigte Angela mit ihrem Chris, nachdem die Konkurrentin ins Gras gebissen hat, und wirft sich zum Ex-Gatten in den Wagen, um sich auf eine europaweite Schnitzeljagd zu begeben, während Polizei, Kirche und Mafia sich auf ihre Fährte setzen – fürwahr eine logische Entscheidung!

Oder kannte Angela ihre Gegner bereits? Obwohl sie in der Übermacht sind und ihnen alle möglichen (und auch unmöglichen) Überwachungstechniken zur Verfügung stehen, versauen diese Schurken noch jede Teufelei irgendwie. Gregori Mandino soll einen Mafiosi des 21. Jahrhunderts darstellen – gebildet, gut gekleidet, äußerlich ins legale Gefüge seines Landes integriert, innerlich jedoch ein skrupelloser Killer sowie Botschafter eines kriminellen Imperiums, das Becker als staatsähnliches „Reich des Bösen“ charakterisiert.

Zwischen der Mafia und der Kirche sieht Becker jene Parallelen, die auch Volkes Stimme gern voraussetzt. Wie dieses Bündnis gestaltet ist, legt Mandino Kardinal Vertutti und den Lesern in einer Art Referat dar. Nur eines sei verraten: Raffiniert oder überzeugend klingt anders! Folgerichtig bietet auch besagter Kardinal eine flache Figur. Er ist ein machtlüsterner, scheinheiliger Kirchenfürst, der für die Konservierung des Status quo mit einem frommen Spruch auf den Lippen über Leichen zu gehen bereit ist.

Der Auflösung wird selbstverständlich eine finale Überraschung als Coda angeklebt. Die ist wahrlich nicht von dieser Welt und impliziert Sensationen, die Becker in der Fortsetzung seiner Reihe weder umsetzen kann noch wird, weil er sich selbst den Ast absägen würde, auf dem er sitzt und schreibt. Andererseits merkt er das vielleicht gar nicht, und man sollte ihn machen lassen, womit sich das Problem weiterer Munkel-Thriller, die unsere Welt nicht braucht, allein erledigt …

_Der Autor_

„James Becker“ ist ein Pseudonym des Schriftstellers Peter Stuart Smith. Er flog zwei Jahrzehnte Hubschrauber für die Royal Navy und half später bei der Entwicklung von Planspielen, die mögliche Szenarien zukünftiger Kriege erfassten. Hier erwarb der zukünftige Autor jenes Wissen, das es ihm ermöglichte, seine im militärischen Umfeld spielenden Thriller mit einschlägigen Fachtermini zu würzen. Außerdem war Smith dienstlich viel in der Welt unterwegs, was sich ebenfalls in seinen Romanen widerspiegelt.

„Overkill“ (dt. „Operation Overkill“), Smith‘ Romanerstling, erschien 2004 unter dem Pseudonym „Commander James Barrington“. Das Buch ist gleichzeitig Start einer Serie, die den britischen Geheimagenten Paul Richter im weltweiten Kampf gegen kriegslüsterne Terroristen, Verräter und anderes Schurkengezücht präsentiert, wobei der akkuraten Beschreibung der einsetzten Waffen und Gefechtsmethoden mindestens ebenso viel Platz eingeräumt wird. Um die Komplexität der technischen Schilderungen in etwa auszugleichen, meidet Smith in seinen Handlungsplots jegliche Hintergründigkeit.

2008 legte er sich ein zweites Pseudonym zu: „James Becker“ wird (mindestens) drei Bände einer Serie um den Polizisten und Ex-Soldaten Chris Bronson schreiben, der im Kampf mit dem Vatikan, der Mafia und anderen zwielichtigen Organisationen verborgene und vertuschte Geheimnisse der katholischen Kirche aufdeckt, von denen nicht einmal Robert Langdon zu träumen wagt.

Peter Stuart Smith lebt heute im Kleinstaat Andorra in den östlichen Pyrenäen. Über seine Aktivitäten informiert er militärisch präzise und ohne Schnickschnack auf seiner Website („It’s small, simple, fast to load, and without frills.“): http://www.jamesbarrington.com.

Die Chris-Bronson-Serie:

(2008) The First Apostle (dt. „Unheilig“)
(2009) The Moses Stone (noch keine dt. Ausgabe)
(2010) The Messiah Secret (noch keine dt. Ausgabe)

_Impressum_

Originaltitel: The First Apostle (New York : Bantam Books 2008)
Dt. Erstausgabe: Februar 2009 (Blanvalet Verlag/TB Nr. 37175)
Übersetzung: Ralph Sander
416 Seiten
EUR 7,95
ISBN-13: 978-3-442-37175-4
Als eBook: Oktober 2009 (PeP Verlag)
EUR 7,95
ISBN-13: 9-783-641-03028-5
http://www.blanvalet.de

Griffiths, Elly – Totenpfad

_Inhalt_

Ruth Galloway, eine forensische Archäologin, lebt zusammen mit ihren Katzen am Rande des Salzmoors in der Nähe von Norfolk. Es ist eine unwirtliche, trübe Gegend, aber Ruth mag es hier: Die Abgeschiedenheit, die raue Landschaft, den Ruf der Vergangenheit. Ganz in der Nähe ihres Häuschens hat eine Ausgrabung stattgefunden; hier war einst – vor mehreren tausend Jahren – ein ritueller Versammlungsort, ein Hengering. Ruth Galloway kam zur Ausgrabung und blieb, als die Arbeiten abgeschlossen waren.

Ihr eintöniger Alltag wird unterbrochen von Polizeibesuch. Detective Chief Inspector Harry Nelson bittet sie um ihre berufliche Meinung: Er hat im Salzmoor Knochen gefunden und möchte nun von Ruth wissen, ob sie zu einem Mädchen gehören könnten, das zehn Jahre zuvor verschwunden ist.

Ruth muss ihn enttäuschen: Die Knochen sind zweitausend Jahre als. Was für sie eine kleine Sensation ist und eine neue Ausgrabung ins Rollen bringt, ist für Harry Nelson ein bitterer Schlag: Der Fall der verschwundenen Lucy macht ihm seit einem Jahrzehnt zu schaffen; er leidet mit den Eltern und möchte ihnen zumindest in irgendeiner Form Gewissheit verschaffen. Außerdem verfolgt ihn der Täter mit Briefen, die er nicht versteht, voll düsterer Anspielungen und religiöser Motive.

Dann verschwindet ein weiteres Mädchen. Ruth, die Nelson geholfen hatte – nicht nur mit den Knochen, sondern auch beim Verstehen der Briefe -, wird in den Fall hineingezogen und muss plötzlich um ihr Leben fürchten. Sie, die sie sich an den Rand der Zivilisation zurückgezogen hatte, um mit ihrem Übergewicht, ihren Katzen und ihrem Bedürfnis nach Ruhe allein zu sein, muss plötzlich feststellen, dass sie den Täter vermutlich kennt. Ist tatsächlich einer ihrer wenigen Freunde ein Entführer und Mörder? Ruth spürt den Atem des Verbrechers quasi im Genick, und doch tappt sie im Dunkeln …

_Kritik_

Auf den ersten paar Seiten von „Totenpfad“ habe ich die Zähne zusammenbeißen müssen: Eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen, kurz, unschön, noch dazu im Präsens. Das hat keinen Spaß gemacht. Und doch bin ich froh, dass ich den Impuls, das Buch wegzulegen, unterdrückte: Ans Präsens musste ich mich zwar gewöhnen, aber der fragwürdige Stil verlor sich zugunsten eines weitaus angenehmeren. Zwar blieb er etwas rau und kantig, aber er passte hervorragend zum Inhalt des Romans: Zu den grauen Salzmooren mit den toten Bäumen, zu den Unwettern über dem Wattenmeer, zu den Überbleibseln aus alter, urtümlicher Vorzeit. Hier, am Rande der Welt, wo Himmel und Erde einander so nahe scheinen, kommt es einem vor, als sei der Schleier zwischen den Zeiten dünn. Hier wie dort gibt es nicht viel Gutes und Schönes, und die selbst gewählte Abgeschiedenheit der eigenwilligen Protagonistin erscheint vollkommen nachvollziehbar. Auch die seltsamen Briefe des Verbrechers scheinen fast angemessen, und man empfindet eine gewisse Art von Mitleid für Harry Nelson, der all dies Graue und Ferne nicht versteht und nicht verstehen will.

Abstruse Personen geben sich mehr oder weniger die Klinke in die Hand in diesem Roman, und Unwirklichkeit wird zur Norm. Wer tatsächlich vollkommen unfatalistisch in der normalen Welt herumspaziert, wirkt hier fast fehl am Platze. Und dann feststellen zu müssen, dass weder in der unwirklichen Welt des Salzmoores noch in der bunten Realität von Norfolk alles ist, wie es zu sein schien, zieht dem Leser zusammen mit Ruth den Boden unter den Füßen weg.

_Fazit_

Was schwach begann, wuchs sich aus zu einem der atmosphärischsten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Abgesehen davon, dass ich die Verquickung aus Kriminalfall und Archäologie immer schon spannend fand, sind Ruth Galloway und Harry Nelson zwei absolute Charakterköpfe. Vielleicht ist ihr Handeln nicht unbedingt nachvollziehbar, aber sie sind in all ihren Eigenheiten so klar gemeißelt, dass mir plötzlich an ihnen lag. „Totenpfad“ ist wie ein Splitter im Finger, es ist unmöglich, sich nicht darauf zu konzentrieren.

Elly Griffiths hat bestimmt nicht den schönsten Roman der Welt geschrieben, aber dafür einen unglaublich einprägsamen. Er lässt die Gedanken nicht los, führt sie zurück in all diese Unwirtlichkeit – und dann ist man regelrecht beruhigt, wenn man liest, dass weitere Bände in Vorbereitung sind. Ich werde den Fortgang dieser Geschichte jedenfalls aufmerksam verfolgen und kann Ihnen nur ans Herz legen, es mir gleichzutun.

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3805208741
Originaltitel: The crossing Places
aus dem Englischen von Tanja Handels|
http://www.rowohlt.de
http://www.ellygriffiths.co.uk

Shuman, George D. – Hand des Todes, Die

_Das geschieht:_

Sherry Moore aus Philadelphia ist zwar blind, sie wird aber trotzdem oft und landesweit von der Polizei als Sonderermittlerin angefordert, denn die junge Frau verfügt über eine einzigartige Gabe: Berührt sie eine Leiche, durchlebt sie deren letzten 18 Lebens-Sekunden. Hat dieser Mensch dabei seinen oder ihren Mörder gesehen, ist dies für die Fahndung überaus hilfreich.

Aktuell wird Moore in Cumberland, einer kleinen Stadt im US-Staat Maryland, eingesetzt. Im Kühlraum einer stillgelegten Schlachterei fand man drei tote Frauen. Sie wurden hier gefangen gehalten, gefoltert und schließlich umgebracht. Dieser Fall bekommt zusätzliche Brisanz durch die Tatsache, dass diese Morde bereits vor drei Jahren geschahen und als aufgeklärt galten. Nun stürzen sich die Medien auf die Tatsache, dass damals die falschen Täter beschuldigt wurden. Außerdem könnte der Täter weiterhin sein Unwesen treiben.

Dem ist tatsächlich so, obwohl Kenneth Dentin sein Tötungsritual inzwischen variiert. Er ist seit vielen Jahren fasziniert vom Töten durch Ersticken. Sein Trieb droht ihn inzwischen zu übermannen; zwischen den Morden werden die Abstände immer kürzer.

Konnte Sherry Moore, über deren Besuch am Tatort die Medien ausführlich berichteten, den Gedanken der toten Frauen Hinweise auf seine Person entnehmen? Dem ist zwar nicht so, aber die skrupelarme FBI-Agentin Alice Springer behauptet genau das, um den Mörder aus der Reserve zu locken. Das macht Moore zum Köder, denn Dentin wird auf die blinde Ermittlerin aufmerksam, und weil die Polizei thrillertypisch bei der Überwachung schlampt, gerät Moore prompt in Lebensgefahr …

_Kein frischer Wind im Killer-Thriller_

Es weht ein Hauch der Verzweiflung durch das Subgenre. Längst wurde mit allem gemeuchelt & gemetzelt, was Werkzeugkästen, Arzttaschen oder Küchenschubladen hergeben. Geniale Mörder würgten & wirkten immer abgedrehter, bis sie die Grenze zur Lächerlichkeit durchbrachen. Inzwischen schnetzelten sie allein, zu zweit oder im Rudel, und sie begründen und verschlüsseln ihre Übeltaten so gründlich, dass ihnen für das eigentliche Morden kaum noch Zeit bleiben dürfte.

Ein Relaunch im Sinne eines echten Neustarts unter Tilgung des inzwischen geronnenen Kill-Klimbims ist überfällig, aber weiterhin hängen viele Autoren, die erst spät auf den Butcher-Bus aufgesprungen sind, an den alten Klischees, die sich durchaus noch toppen lassen. George Shuman ist keineswegs der erste Verfasser, dem der Einfall kam, den Thriller mit Elementen der Phantastik zu verschneiden. Er gehört zu denen, die damit ziemlich Schiffbruch erleiden.

Als ehemaliger Polizist kennt er den Arbeitsalltag der fahndenden und verurteilenden Gerechtigkeit offensichtlich gut. „Die Hand des Todes“ profitiert von diesem Insider-Wissen, über das längst nicht alle Krimi-Autoren verfügen. Das Buch unterhält vor allem dort, wo der Verfasser einschlägige Abläufe schildert. Shuman hätte gut daran getan, mit diesem Pfund stärker zu wuchern.

_Phantastisch, aber nicht fantasievoll_

Das Übernatürliche hat im ‚realistischen‘ Kriminalroman wenig zu suchen. Das wird in „Die Hand des Todes“ sogar überdeutlich, weil Shuman mit der mysteriösen Gabe seiner Hauptfigur erstaunlich wenig anzustellen weiß. Sherry Moore kann 18 Sekunden der Erinnerung aus toten Hirnen sichten. Das postuliert der Verfasser, um diese Gabe sogleich durch diverse Hindernisse einzuschränken, die einen praktischen Nutzen beinahe ausschließen – kein Wunder, denn die Geschichte wäre zu Ende, könnte Sherry Moore den Täter zuverlässig erkennen.

Der Plot ist schon ohne übersinnliches Element simpel genug, wobei Shuman hier womöglich den Realitätsfaktor nicht einmal überstrapaziert. Allzu viele Serienkiller können ihre ‚Erfolge‘ auf zwischenbehördliche Missverständnisse und misslungene Fahndungsarbeit zurückführen. Hinzu kommen politische Intrigenspiele und ein Mediendruck, der zumindest im Thriller vor allem die negativen Charakterzüge des Menschen weckt, bedient und fördert.

Auf jeden Fall kann es seine Zeit dauern, bis ein Strolch hinter Gitter kommt. „Die Hand des Todes“ ist kein „Whodunit“, die Identität des Täters steht schon früh fest. Shuman erlegt seinem Killer Dentin nicht das Joch übermenschlicher Schläue auf (dazu unten mehr), aber er kennt die Nischen, die ihm ein anonymes und unverdächtiges Leben bieten, gut genug, um zwischen sich und der Polizei einen soliden Sicherheitsabstand zu wahren. Während er seinen mörderischen Weg weitergeht, blendet der Autor immer wieder auf seine Jäger um, bis sich die Wege von Gut und Böse schließlich schneiden. Der Weg dorthin ist konventionell, und das trifft ebenfalls auf das Finale zu.

_Wie unterhaltsam ist die Dauerkrise?_

Shumans Figurenzeichnung sorgt abermals für einige Verblüffung. Während es ihm beim besten Willen nicht gelingt, Sherry Moore als Identifikations- oder gar Sympathiefigur aufzubauen, ist er wesentlich erfolgreicher in der Gestaltung eines Killers, der glaubhaft psychisch krank wirkt.

Moore ist Klischee pur – selbstverständlich bildschön, aber blind und somit verletzlich, was für zusätzliches Interesse sorgen soll, obwohl unsere Heldin diese Behinderung so fabelhaft ausgleicht, dass sie zum Beispiel eine erstklassige Kampfsportlerin abgibt. Darüber hinaus nervt Shuman seine Leser mit endlosen Flashbacks auf Moores chronisch unglückliches Privatleben, wobei er sich reichlich aus dem ersten Teil der Serie („18 Sekunden“, Heyne-TB Nr. 43278) bedient. Mit der überzeugenden (oder wenigstens erträglichen) Darstellung von Gefühlen hapert es bei Shuman generell. Er kann außerdem nicht verschleiern, dass Moore keine Tiefe und wenig Potenzial aufweist; irgendwie hat sie die Tendenz, aus dem Zentrum der Story zu verschwinden: kein idealer Zug für eine Hauptfigur.

Kenneth Dentin ist wie schon erwähnt kein Serienkiller, der sich über monströse Gruseltaten definiert. Wiederum zahlt sich Shumans Fachwissen aus. Dentin ist ein kranker Mann und ein Mörder, der unter seinem Trieb durchaus leidet, ohne daraus jedoch Konsequenzen zu ziehen: Stärker als die Sorge, langsam endgültig in den Wahnsinn abzugleiten, ist Dentins Furcht, lebenslänglich im Gefängnis sitzen zu müssen. Shuman gelingt das Kunststück einer Figur, deren Motive man versteht, ohne ihnen zustimmen zu müssen. Dentin ist kein Monster, sondern ein Mensch – ein Mensch freilich, vor dem man sich hüten muss!

Doppelt schade ist deshalb, dass „Die Hand des Todes“ – blöder und nichtssagender deutscher Titel übrigens – nur Thriller-Mittelmaß bietet. Dem Erfolg der Sherry-Moore-Serie tut das offenbar keinen Abbruch; Shuman setzt sie mit einem Band pro Jahr fort und kann dabei auf jenen Teil der Leserschaft setzen, die ihren Lesestoff ohne allzu viele Novitäten schätzt, sondern die sanfte Variation des Bekannten favorisiert …

Die Sherry-Moore-Serie erscheint im |Wilhelm Heyne|-Verlag:

(2006) 18 Sekunden („18 Seconds“)
(2007) Die Hand des Todes („Last Breath“)
(2008) Blinde Angst („Lost Girls“)
(2009) „Second Sight“ (noch kein dt. Titel)

_Impressum_

Originaltitel: Last Breath (New York : Simon & Schuster, Inc. 2007)
Übersetzung: Norbert Jacober
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2008 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 43347)
352 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-453-43347-2
http://www.heyne-verlag.de

Ellis, David – Im Namen der Lüge

_Story:_

Alison Pagone ist tot. Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Mordanklage gegen die einstige Anwältin, die zuletzt als Autorin tätig war, nur noch Formsache ist, wird die Angeklagte in ihrer Wohnung ermordet. Für FBI-Agentin Jane McCoy und ihr Team beginnt die Suche nach dem Warum, gleichzeitig aber auch das Ende eines sehr schwierigen weiteren Mordfalles, für den Pagone jüngst vor Gericht gestellt wurde. Alison wird verdächtigt, ihren Liebhaber Sam Dillon mit einer Statue erschlagen zu haben – aus Eifersucht, heißt es.

Doch je weiter das FBI in die Vergangenheit eintaucht, desto komplexer wird der Fall Pagone. Ihre Tochter Jessica hatte offenbar ebenfalls Interesse an Dillon, ihr Ex-Mann Mat scheint in einen Bestechungsskandal verwickelt zu sein, der ebenfalls mit seinem Arbeitskollegen Dillon in Verbindung steht, und zuletzt deckt McCoy auch noch Verbindungen zu einer islamischen Terrororganisation auf, die auf merkwürdige Weise ebenfalls in diesen Komplex verstrickt zu sein scheint.

Doch bevor die Ermittler überhaupt das Geschehene analysieren können, gilt es erst einmal, die zwei naheliegenden Fragen zu beantworten: Wer hat Alison Pagone getötet? Und ist sie tatsächlich für den Mord an Sam Dillon verantwortlich?

_Persönlicher Eindruck:_

Mit seinem brillanten letzten Romanwerk „In Gottes Namen“ hat sich David Ellis endgültig in die Top-Liga der amerikanischen Thriller-Autoren geschrieben. Die Geschichte um den Massenmörder Terry Burgos gehörte 2008 zu den saisonalen Highlights und fand dementsprechend auch längere Zeit in den Genre-spezifischen Bestsellerlisten Eingang. „Im Namen der Lüge“ zeigt den raffiniert schreibenden Ellis nun von einer gänzlich anderen Seite. Wieder geht es um Mord und Lügen – doch in diesem Fall sind dies nur die Aufhänger für einen perfide inszenierten, bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Kriminalthriller, der von Seite zu Seite mit noch unglaublicheren Fakten daherkommt.

Der Autor verfolgt in seinem aktuellen Werk zudem einen sehr außergewöhnlichen Ansatz; er listet die Ereignisse nämlich in einer rückwärts abgespulten Chronologie auf und startet sein Buch ungewöhnlicherweise mit dem Mord, der schließlich alle Logik über den Haufen wirft. Zumindest vermittelt Ellis seinen Lesern diesen Eindruck. Und in der Tat tut sich die Story besonders in den ersten Kapiteln, die den Monat der Anklage und Alison Pagones Tod beschreiben, enorm schwer. Die Handlung kommt nur schleppend in die Gänge, was sicher damit zusammenhängt, dass die Annäherung an die tragenden Charaktere auf unkonventionelle Art und Weise bestritten werden muss.

Aber auch das strukturelle Gefüge erweist sich vorerst als hinderlich, da man ständig mit dem Gefühl lebt, schon zu viel über den eigentlichen Hergang der Dinge zu wissen, so dass die rückwärtigen Recherchearbeiten kaum mehr neue Fakten zum Vorschein bringen können. In der Mitte der erzählten Berichterstattung kommt es aber zu einigen Schlüsselszenen, die den Spieß dann zugunsten der Story umdrehen. Endlich kommt Leben in den Plot, denn mit einem Mal sind die Hintergründe der beteiligten Figuren gar nicht mehr so klar, wie es anfangs noch schien. Pagone als Hauptverdächtige rückt erstmals aus dem Fokus; der scheinbar fundamentalistisch eingestellte Ram Haroon arbeitet ebenfalls unter völlig anderen Umständen undercover; McCoy, ihres Zeichens Leiterin der Ermittlungen, ist ebenfalls in viel mehr Dinge eingeweiht, als sie in der vorgezogenen Schlusssequenz offenbart, und zuletzt sind auch die Behörden, Firmen und Organisationen in viel üblere Verstrickungen und Lügen involviert, als man überhaupt erst zu erahnen wagte – und schon nimmt die Geschichte den Schwung auf, den man über anderthalb antichronologisch erzählte Monate mehr oder weniger vermisst hatte.

Interessant ist hierbei, wie es Ellis gleich mehrfach gelingt, das Story-Konstrukt vollkommen auf den Kopf zu stellen und Dinge herauszukitzeln, die anfangs abstrakt anmuteten, dann aber geschmeidig das nächste Puzzlestück in das große Gesamtbild einfügen. Die Rollenverteilung unterliegt hierbei einem steten Wechsel, und bis zuletzt – bzw. bis an den eigentlichen Anfang der Chronologie – kann man nur vage absehen, welcher Charakter nun auch hinter welcher Person steckt. Insofern kann man nur mit Nachdruck betonen, dass sich die Mühen, die insbesondere die ersten Kapitel fordern, zum Ende hin als lohnenswert entpuppen. Dies aber eben auch zu einem (gottlob nicht zu hohen) Geduldspreis.

Dennoch: An die Intensität seines letzten Romans kommt der Autor in „Im Namen der Lüge“ nicht heran. Die Spannungskurve schlägt hierfür zu selten steil aus, aber auch das Potenzial der Story und ihrer Hintergründe ist in letzter Konsequenz nicht ganz so faszinierend wie der Komplex in „In Gottes Namen“. Da Ellis‘ Handschrift aber nichtsdestotrotz sehr erlesen ist und er dies auch in vielen Passagen seines neuen Romans wieder bestätigen kann, gehört auch „Im Namen der Lüge“ zu den stärkeren Titel des Jahres 2009.

|Originaltitel: In the Company of Liars
Übersetzung: Alexander Wagner
429 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-43389-2|
http://www.heyne.de

|Hinweis:| Im April 2010 erscheint der nächste Thriller von David Ellis: „Der Mann im Schatten“.

Thompson, James – Eisengel

Der amerikanische Autor James Thompson lebt seit Langem in Finnland und scheint es nicht zu bereuen. Immerhin ist er mit einer Finnin verheiratet. Dieses Ehemodell hat er auf den Protagonisten seines Romans „Eisengel“ übertragen – allerdings ist der männliche Part dieses Mal finnisch und der weibliche amerikanisch.

Kari Vaara ist Inspektor im finnischen Skiort Levi und seine Ehefrau Kate ist die Managerin des dortigen Skicenters. Eines Tages wird Kari zu einer Leiche gerufen, die auf einer Rentierweide liegt. Es dauert nicht lange, bis er erkennt, wer es ist. Sufia Elmi ist vermutlich die einzige Schauspielerin afrikanischer Herkunft in Finnland. Sie hat in Levi Urlaub gemacht, doch jetzt wurde sie bestialisch umgebracht und anscheinend auch vergewaltigt. In ihren Bauch wurde eine rassistische Bemerkung geritzt.

Kari glaubt, den Schuldigen schnell gefunden zu haben. Ein Anwohner hat eine dunkle Limousine vom Tatort wegfahren sehen und die einzige Person, die im Ort ein solches Auto besitzt, lässt sich mit Sufia in Verbindung bringen. Seppo Niemi, ein reicher Lebemann, hatte ein Verhältnis mit Sufia – und das, obwohl er in einer festen Beziehung ist. Bei seiner Freundin handelt es sich ausgerechnet um Heli, Karis Exfrau, die ihn für Seppo verlassen hat. Kari schießt sich auf den ehemaligen Nebenbuhler ein und zieht sich damit Helis Zorn zu. Doch als er nach Beweisen sucht, um Seppos Schuld zu zementieren, findet er immer mehr Hinweise darauf, dass alles nicht so einfach ist. Neben Seppos DNS befinden sich nämlich auch noch die von zwei anderen Männern am Körper der Toten. Doch wer sind die zwei anderen und was haben sie mit Sufia zu tun?

„Eisengel“ ist vielleicht von einem Amerikaner geschrieben worden, aber trotzdem ist die Geschichte dem skandinavischen Kriminalroman sehr nahe. Ich-Erzähler Kari lässt tief in seine Seele blicken und berichtet von Zweifeln, Depressionen und dem kargen finnischen Leben. Die Geschichte hat eine sehr düstere Seite, viel zu Lachen hat man nicht bei diesem Buch. Gleichzeitig konstruiert der Autor eine durchaus spannende Handlung um den Mord. Sie überrascht zwar nicht durch einen besonderen Aufbau, schafft es aber dafür, den Leser bei der Stange zu halten. Die Anzahl der Verdächtigen ist überschaubar und die vorhandene DNS auf der Leiche schränkt den Kreis noch stärker ein. Doch wer hat ein Motiv? Wer lügt Kari an? Und wie hängen die Verdächtigen zusammen? Wird Kari vielleicht tatsächlich durch die Vorkommnisse mit Seppo beeinflusst? Thompson webt ein dichtes Netz aus Ränken und Überlegungen, das für den Leser überschaubar bleibt, aber genug weiße, Spannung erzeugende Flecke besitzt.

Neben der Handlung richtet der Autor das Augenmerk auf das Völkchen der Finnen. Er spricht kritisch, aber nie verurteilend über Rassismus, Selbstmordraten und Alkoholismus. Er karikiert seine selbst gewählten Landsmänner nicht, sondern beschreibt mit Respekt und Verständnis, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem es im Winter manchmal gar nicht hell wird. Mit Hilfe seines lakonischen, pessimistischen Schreibstils schafft Thompson es, ein sehr eindringliches Bild von Finnland zu vermitteln. Die Stimmung, die dank seiner kurzen, aber intensiven Beschreibungen entsteht, passt perfekt zur Geschichte und hinterlässt einen bleibenden Eindruck beim Leser.

Protagonist Kari Vaara dient als Katalysator. Er ist derjenige, durch dessen Augen der Leser das skandinavische Land betrachtet. Gleichzeitig ist Vaara selbst Finne und verkörpert einige der beschriebenen Eigenschaften selbst. Allerdings hat er durch seine Ehe mit einer Amerikanerin einen gewissen eigenen Status inne, der einen differenzierten Blick auf seine Landsmänner zulässt. Als Romanfigur ist er deshalb fantastisch. Er zeichnet sich zwar nicht durch die originellsten Wesenszüge aus, aber er ist stimmig und weiß Interessantes zu erzählen. Er besitzt nicht die Tiefe eines Kurt Wallander, aber da „Eisengel“ der bislang einzige Band mit Kari Vaara in der Hauptrolle ist, besteht die Möglichkeit, dass die Reihe fortgesetzt wird und Kari sich entwickeln kann.

„Eisengel“ von James Thompson ist ein skandinavischer Krimi mit einer guten Hauptperson und viel Wissenswertem über Finnland. Spannend, interessant und definitiv lesenswert!

|Originaltitel: Lumienkelit
Deutsch von Thomas Merk
314 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3499252808|

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Mills, Mark – siebte Stufe, Die

_Das geschieht:_

Auf der Suche nach einem Thema für seine Doktorarbeit reist Adam Strickland, Student der Kunstgeschichte, im Sommer des Jahres 1958 nach Italien. Dort besitzt eine alte Freundin seines Professors, Signora Francesca Docci, in den Bergen der Toskana bei Florenz ein Landhaus, zu dem ein Garten gehört, den der Erbauer der Villa im 16. Jahrhundert im Gedenken an seine früh verstorbene Ehefrau errichten ließ.

Abweichungen in der ihm wohlbekannten Formensprache der Renaissance verraten Strickland, dass die mit dem Garten verbundene Geschichte einer unsterblichen Liebe ein bisher unbekanntes und wohl auch hässliches Element besitzt. Das gilt offenbar ebenso für die gegenwärtige Docci-Generation, die Strickland im Verlauf seiner Forschungen so gut kennenlernt, dass ihn Francesca, die trotz Krankheit ihre Familie fest im Griff hat, in der Villa wohnen lässt.

Dort erfährt Strickland von einer düsteren Begebenheit der unmittelbaren Vergangenheit. 1944 wurde Emilio, Francescas ältester Sohn, angeblich von deutschen Besatzern im Obergeschoss der Villa erschossen. Strickland, der in der Familienbibliothek eigentlich nach Hinweisen auf den Gedenkgarten sucht, entdeckt jedoch Hinweise auf ein gut vertuschtes Familiendrama. Gemeinsam mit Antonella, der schönen Enkelin Francescas, und seinem inzwischen angereisten Bruder Harry verschafft sich Adam Zugang in das seit der Tragödie unberührten weil verriegelten Obergeschoss. Während er das Rätsel des Gartens lüftet, findet er heraus, was 1944 tatsächlich geschah.

Während Strickland für seine Leistung als Historiker großes Lob erfährt, beobachtet der noch sehr lebendige Mörder Emilios, wie der junge Mann der Wahrheit immer näher kommt. Da Strickland es im Umgang mit den lebenden Schurken an gebotener Zurückhaltung fehlen lässt, bringt er sich in Gefahr, als er seinem naiven Drang nach Gerechtigkeit nachgibt …

_Erkenntnissuche birgt Risiken_

Mark Mills ist offenkundig ein Autor mit Ehrgeiz. „Die siebte Stufe“ präsentiert nicht nur zwei Plots, die kunstvoll miteinander verwoben werden, sondern spielt auch noch in einer unaufdringlich und überzeugend heraufbeschworenen Vergangenheit. Darüber hinaus erzählt Mills von einem jungen, recht unbedarften Mannes, den das Erlebte merklich reifen lässt: „Die siebte Stufe“ wird zum „coming-of-age“-Roman – inklusive Liebesgeschichte.

Erfreulicherweise zeigt sich der Verfasser seinem Projekt durchweg gewachsen. „Die siebte Stufe“ liest sich spannend, die Figuren wirken lebendig, und auch stilistisch legt Mills die Latte hoch auf: Dies ist kein Buch, das sich zur Lektüre im Halbschlaf eignet. Die Geschichte fordert Aufmerksamkeit, aber die verdient sie auch. Mills sitzt außerdem nie auf einem hohen Ross; wenn er beispielsweise die vorder- und hintergründigen Motive der im Gedenkgarten aufgestellten Skulpturen erläutert und in Beziehung zu Dantes „Inferno“ setzt, versteht man ihn auch ohne eigenes Studium der Kunst- und Literaturgeschichte. Mills doziert nicht, er lässt keine Nebenfiguren in Vertretung des Lesers Fragen stellen, sondern die notwendigen Informationen in die Handlung einfließen.

Die ist trotz eines ‚gedoppelten‘ Plots zwar komplex, aber nie kompliziert. Das Rätsel des Gartens und das Geheimnis der Doccis besitzen keine unmittelbaren Berührungspunkte, da vier Jahrhunderte sie trennen. Die Parallelen gehen allein auf Mills zurück. Sie dienen ihm als Aufhänger für die Illustrationen eines nur scheinbar banalen Sprichworts: Schlafende Hunde sollte man nicht wecken!

_Auch sehender Eifer schadet nur_

Diese Erkenntnis fehlt noch im Erfahrungsschatz von Adam Strickland, der außerdem als Beobachter und Katalysator für eine in ihrem Fortgang erstarrte Tragödie auftritt. Mit seinen 22 Jahren wirkt Strickland zunächst harmlos. Von diesem Eindruck lassen sich auch die Doccis täuschen, die ihn sogar in ihr Haus einladen – eine Nähe, die sie seit den Ereignissen von 1944 selbst ihren Nachbarn nicht mehr gestatteten.

Zunächst beschränkt sich Strickland auch brav auf den Garten. Aber bereits hier bricht sich seine in der Unscheinbarkeit getarnte Intelligenz Bahn. Strickland ist der geborene Historiker. Er vermag Indizien zu finden und zu deuten, indem er sie in Relation mit bereits fixiertem Wissen zu setzen vermag. In diesem Punkt gleicht der Historiker dem Kriminologen: Dies ist eine Korrespondenz, derer sich Mills einfallsreich bedient. Unmerklich geraten Strickland Hinweise auf ein zweites Rätsel unter die Augen.

Dieses Rätsel ist nicht Jahrhunderte alt, sondern ‚frisch‘. Was das bedeutet, vermag Strickland erst zu spät zu erkennen. Ein uralter Mord ergibt eine interessante Geschichte, doch ein ungesühnter Mord bringt den noch lebenden Täter in Gefahr. Diesen Aspekt des Ent-Rätseln unterschätzt Strickland sträflich. Nicht nur er zahlt seinen Preis dafür. Er bringt Ereignisse zur Fortsetzung, die 1944 in einen Dornröschenschlaf versanken. In anderthalb Jahrzehnten haben sie ihre Sprengkraft nicht verloren.

_Idylle mit Fußangeln_

Die Toskana ist als Schauplatz fast zum Klischee geronnen. Viel zu viele Autoren beschränken sich darauf, die traumhafte Schönheit der Landschaft zum Inhalt ihrer Geschichten zu machen. Auch Mills hebt die Vorzüge von Land und Leuten hervor. Er sieht freilich hinter die Kulissen. Seine Geschichte siedelt er in einer seit jeher unruhigen Region an: Schon Dante Alighieri (1265-1321), sondern auch Niccolò Machiavelli (1469-1527) – deren Werke für „Die siebte Stufe“ von Bedeutung sind – mussten sich in die toskanische Verbannung begeben. 1958 ist die verschlafene Toskana längst nicht zur Ruhe gekommen. Im II. Weltkrieg bereiteten sich die nazideutschen Truppen hier auf die Entscheidungsschlacht mit den vorrückenden Alliierten vor. In den Bergen lauerten patriotische Partisanen. Ebenso patriotisch waren italienische Faschisten, die mit den Deutschen gemeinsame Sache machten. Der weltanschauliche Riss zog sich oft durch ein und dieselbe Familie. Nach dem Krieg rechneten die ‚Sieger‘ mit den ‚Kollaborateuren‘ ab und legten das Fundament für neue Bitterkeit, während eine echte politische Aufarbeitung der Mussolini-Ära ausblieb.

Immer wieder trifft Strickland Männer und Frauen, die noch eine Rechnung offen zu haben glauben. Unfreiwillig zündet der junge Fremde die schwelende Lunte wieder an. Die Macht der Tradition bleibt ihm fremd, obwohl er es aus dem Studium des Gedenkgartens besser wissen müsste: In der Toskana lässt man sich für die Rache Zeit. Bis er das begriffen hat, vergeht glücklicherweise einige Zeit und ist ein hindernisreicher Prozess, dem wir dieses unterhaltsame Buch verdanken.

_Der Autor_

Mark Mills (geb. 1963) studierte Kunstgeschichte in Cambridge. Nach seinem Abschluss 1986 arbeitete er als Drehbuchautor; auf seinen Vorlagen basieren u. a. die Filme „The Lost Son“ (1999, dt. „Der Zorn des Jägers“) und „The Reckoning“ (2003, dt. „Das dunkle Geheimnis“).

Als Romanautor debütierte Mills 2004 mit „Amangasett“ (auch „The Whaleboat House“, dt. „Netz der Lüge“). Im Gewand der Historienkrimis verband er meisterhaft eine spannende Handlung mit einem Gesellschafts-Panorama; die britische „Crime Writers Association“ kürte „Netz der Lüge“ zum besten Roman des Jahres 2004. Ähnlich begeistert nahmen Kritik und Publikum Mills nächste Romane auf.

Mit seiner Familie lebt und arbeitet Mark Mills in Oxford.

_Impressum_

Originaltitel: The Savage Garden (London : HarperCollins 2007/New York : G. P. Putnam’s Sons 2007)
Übersetzung: Anke u. Eberhard Kreutzer
Deutsche Erstausgabe (geb.): April 2009 (Karl Blessing Verlag)
384 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-89667-245-2
http://www.randomhouse.de/blessing

Rickman, Phil – Mittwinternacht

_Inhalt_

Hochwürden Merrily Watkins von der anglikanischen Kirche erhält ein beunruhigendes Angebot: Der neue Bischof, jung, modern und grenzgängerisch, würde sie gern zur neuen „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“ ernennen. Was durch die behutsame Umbenennung vor zwanzig Jahren nun nach einer Art Gesprächstherapie klingt, ist de facto nichts anderes als Exorzismus. Merrily ist hin- und hergerissen: Einerseits wüsste sie so gern mehr über „spirituelle Grenzfragen“, hat sie selbst doch im Jahr zuvor eine Erscheinung gehabt, die sicherlich in dieses Ressort fiele, aber andererseits hat sie Angst vor dem, was sich ihr erschließen könnte. Natürlich weiß sie auch, dass die Ernennung einer Frau auf diesem Sektor ein knallhartes Politikum darstellt, und ist sich nicht sicher, ob sie sich dergestalt vereinnahmen lassen will.

Doch noch während sie mit sich ringt, wird sie in einen Strudel von Ereignissen gesogen, der ihr die Entscheidung quasi abnimmt. Und während sie gegen das Böse in seiner offensichtlichen und in seinen weniger offensichtlichen Manifestationen antritt, verliert sie ihre Tochter aus den Augen, die andere Wege sucht, ihre spirituellen Bedürfnisse zu befriedigen. Sind Janes Freunde nur harmlose Spinner? Sind sie ernsthafte Heiden, oder verbergen sie ganz andere Ziele hinter ihren freundlichen Gesichtern?

Und apropos: Macht der Bischof selbst nicht irgendwie ab und an ein |zu| freundliches Gesicht?
Als Merrliy dann auch noch Lol wieder begegnet, mit dem sie eine Zeit lang sehr eng befreundet war, von ihm unheimliche Geschichten über eine seiner Bekannten hört und ihr von anderer Seite Berichte über eine Kirchenschändung zugetragen werden, geht ihr langsam auf, dass all diese Dinge möglicherweise zusammenhängen. Sollte sie Recht haben, braut sich gerade etwas zusammen, das möglicherweise zu groß und zu stark für sie wird …

_Kritik_

Exorzismus. Dabei denkt der Durchschnittsmensch an einen Horrorfilm und ein kleines Mädchen, das grünen Schleim kotzt. Auf jeden Fall hat das Ganze einen mittelalterlichen Anklang, und so kann man sich der Assoziation des Anachronistischen nicht ganz entziehen, die dieses Wort hervorruft. Und doch gibt es nach wie vor Exorzisten in Kirchendiensten. Das Thema wird – wie so vieles, das sich wissenschaftlichen Erklärungen entzieht – oft beiseite geschoben. Phil Rickman hingegen stellt es in den Mittelpunkt seines Romans und setzt damit verstärkt fort, was er in dem Erstling der Merrily-Watkins-Reihe („Frucht der Sünde“) begonnen hat.

Vielleicht wäre es insgesamt schwerer, ihm den Plot abzunehmen, wenn Merrily Watkins nicht so eine nette, vernünftige, unsentimentale Person wäre. Da sie aber überhaupt nicht schwülstig daherkommt, sondern wie jede andere arbeitende und alleinerziehende Mutter auch versucht, Beruf und Kind unter einen Hut zu bekommen, wirkt die Handlung weniger abgehoben als vielmehr unmittelbar. Und der Verdacht, dass nicht nur Das Böse, sondern auch schlichte, wenngleich kriminelle Menschen in dieser verwickelten Geschichte mitmischen, tut sein Übriges, um die Bodenhaftung des Romans zu wahren.

Auch die Darstellung der halbwüchsigen Tochter Merrilys, Jane, ist überraschend gut gelungen. Sechzehnjährige Mädchen mit all ihren inneren Konflikten so darzustellen, dass sie nicht albern oder überzogen wirken, ist keine Kleinigkeit, und die Tatsache, dass ein Mann mittleren Alters diese Schwierigkeiten bewältigt, nötigt mir Achtung ab. Jane ist kein peinlicher Charakter geworden, sondern vielschichtig und so zerrissen, suchend, ungestüm, sehnsuchts- und liebevoll, wie ihr Alter es gebietet. Hut ab, Phil Rickman.

_Fazit_

Nach Erscheinen des ersten Bands der Merrily-Watkins-Reihe habe ich ungeduldig auf den zweiten gewartet. Wie schon einmal hat mich Phil Rickman überrascht – war der erste Roman doch überwiegend Krimi mit einem verblüffenden Schlenker ins Metaphysische, liegt der Schwerpunkt beim zweiten deutlich anders. Ob ich damit von Anfang an gut klarkam, sei mal dahingestellt. Aber ich muss sagen, dass das Buch fesselt. Sicherlich liegt das mit an den fein ausgearbeiteten Charakteren, aber auch an dem ungewöhnlichen Thema und der deutlich erkennbaren sorgfältigen Recherche, die Rickman betrieben hat. „Mittwinternacht“ ist ein dichter, spannender Thriller, der trotz seines unorthodoxen Inhalts nicht unglaubwürdig wirkt und seinen Leser gefangen nimmt. Ich kann ihn und seinen Vorläufer nur wärmstens empfehlen und hänge mal den Tipp an, auf weitere Veröffentlichungen Rickmans ein wachsames Auge zu haben. Der Mann versteht zu unterhalten.

|Broschiert: 604 Seiten
ISBN-13: 978-3499249068
Originaltitel: Midwinter of the Spirit
Aus dem Englischen von Karolina Fell|
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Jackson, Lisa – Angels. Meine Rache währt ewig

Das Vampirfieber breitet sich rasend schnell aus. Nachdem die Blutsauger bereits das Fantasygenre übernommen haben, halten sie jetzt auch beim guten alten Thriller Einzug. Die amerikanische Bestsellerautorin Lisa Jackson überrascht in ihrem neuen Buch „Angels. Meine Rache währt ewig“ nämlich mit ungewöhnlicher Handlung: Kristi Bentz, die Tochter des prominenten Detectives Rick Bentz, ermittelt auf eigene Faust an einer Universität, an der merkwürdige Dinge vor sich gehen …

Die siebenundzwanzigjährige Kristi Bentz hat beschlossen True-Crime-Autorin zu werden, und dafür geht sie zurück an das All Saints College von Baton Rouge, New Orleans. Seit sie dort ihren Abschluss gemacht hat, hat sich einiges geändert. Der Lehrkörper ist jünger geworden und erinnert so gar nicht mehr an die Dozenten, die Kristi damals hatte. Plötzlich stehen Themen wie Rock’n’Roll und Vampyrismus auf dem Stundenplan, was vor allem den Studentinnen zu gefallen scheint.

Doch seit einem Jahr geschehen merkwürdige Dinge an dem College: Vier Studentinnen sind verschwunden, doch niemand scheint sie zu vermissen, da sie bekannte Ausreißer sind. Kristi ist jedoch fest davon überzeugt, dass den Mädchen etwas passiert ist, und dieser Verdacht erhärtet sich, als Lucretia, ihre Mitbewohnerin aus College-Zeiten, sie bittet, auf eigene Faust zu ermitteln. Kristi schaut sich um und erhält den Eindruck, dass es etwas wie eine Sekte am All Saints geben muss. Doch bevor sie tiefer graben kann, wird in ihr Appartement eingebrochen. Anscheinend sieht nicht jeder ihre Ermittlungen gerne. Gezwungener Maßen weiht sie ihren Exfreund Jay, einen Kriminaltechniker, in die Geschichte ein und gemeinsam kommen sie dem Entführer – und damit einer großen Gefahr – immer näher …

Ein bodenständiger Thriller und Vampire? Das klingt auf den ersten Blick merkwürdig – und auch auf den zweiten. Lisa Jackson lässt den Leser lange Zeit im Unwissen darüber, ob die Geschichte ins Paranormale abgleitet oder nicht. Dieses Unwissen wird zusätzlich dadurch genährt, dass Kristi aufgrund ihrer Nahtoderfahrung Visionen hat. Menschen, die in Gefahr schweben, werden vor ihren Augen blass und eingefallen. Das alles ist unglaublich verwirrend, und auch die Sekte tut der Handlung nicht unbedingt gut. Insgesamt wirkt die Geschichte auf weiten Strecken an den Haaren herbei gezogen und schlecht konstruiert. Kristis Ermittlungen haben kaum Schwung und es fehlt an Überraschungen. Da helfen auch die Verfolgungsjagden und Liebesszenen nicht: Bis zur Mitte ist „Angels“ nicht besonders lesenswert. Wenn es auf die Zielgerade geht und sich die einzelnen Handlungsfäden allmählich zusammenfinden, schimmert vorsichtig der Thriller durch, doch ansonsten ist die Geschichte eine seltsame Mischung aus Pseudo-Paranormalem und Frauenbuch.

Der Eindruck eines Frauenromans entsteht auch durch die Hauptfigur. Kristi Bentz entspricht dem amerikanischen Prototyp einer Romanheldin. Sie ist sportlich, umwerfend schön und dabei intelligent und temperamentvoll, eine echte Powerfrau. Sie ist eigentlich unabhängig und selbstständig, doch als sie ihrer Jugendliebe Jay begegnet, verliebt sie sich augenblicklich wieder in ihn. Das alles wurde in dieser Form schon in hundert anderen Büchern geschrieben und ist nicht besonders interessant. Ärgerlich ist außerdem, dass es Kristi an Tiefgang fehlt. Ihre Ecken und Kanten wirken merkwürdig poliert, die Distanz zum Leser ist so groß, dass es schwer fällt, sich mit ihr zu identifizieren.

Zusammen mit dem gut lesbaren, aber nur wenig originellen Schreibstil ist „Angels“ ein Buch, das in der Masse amerikanischer Durchschnittsthriller nicht wirklich auffällt. Ohne ein anderes Buch von ihr zu kennen, drängt sich die Frage auf, wieso Lisa Jackson so hoch gelobt wird.

|Originaltitel: Lost Souls
Aus dem Amerikanischen von Kristina Lake-Zapp
558 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3426663721|

http://www.knaur.de

_Lisa Jackson beim Buchwurm:_

[Ewig sollst du schlafen 2473

French, Tana – Totengleich

_Inhalt_

Cassie Maddox ist früh am Morgen auf dem Schießstand, als ihr Freund Sam sie anruft und sie bittet, zu dem Tatort eines Mordes zu kommen. Cassie versteht die Bitte nicht: Sam ist schließlich beim Morddezernat, sie nicht mehr. Doch als sie bei dem verfallenen Cottage außerhalb von Dublin die Leiche in Augenschein nimmt, kann sie Sams Dringlichkeit und Panik nachvollziehen: Die Tote ist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Noch unheimlicher ist die Tatsache, dass sie einen Studentenausweis auf den Namen Lexie Madison bei sich trägt. Lexie Madison existiert nicht, sie ist ein Phantasieprodukt, vor Jahren erdacht von Cassie und ihrem ehemaligen Vorgesetzten für eine verdeckte Ermittlung.

Wer ist die Tote, die in die Hülle der Studentin Lexie geschlüpft ist? Wie hat sie das schaffen können, wieso sieht sie so aus wie Cassie, und wer hat sie auf dem Gewissen?

Die Tote hat gemeinsam mit einigen Freunden von der Universität in einem Haus auf dem Land gelebt. Cassie fühlt sich auf verquere Weise verantwortlich für ihren Tod – sie hat Lexie schließlich erschaffen und damit der Fremden den Weg geebnet, an dessen Ende ein Messer auf sie wartete – und lässt sich von ihrem ehemaligen Vorgesetzten überreden, noch einmal undercover zu ermitteln. Mühselig arbeitet sie sich in die Rolle der neuen Lexie ein und lässt sich schließlich als „geheilt“ bei deren Freunden absetzen. Und nun beginnt ein andauerndes, atemloses Vabanquespiel: Cassie tastet sich langsam wie im Dunkeln an Lexies Platz innerhalb der Gruppe und versucht herauszufinden, wer ihren Tod wollte.

Die seltsamen Verbindungen, die feierlichen Anachronismen, der eigentümliche Rhythmus der Freundesgruppe ziehen die Polizistin wie magisch an und lassen die Grenzen zwischen Ermittlung und Leben für sie verschwimmen. Das allerdings ist eine gefährliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Frau, die Lexie Madison gemimt hatte, erstochen worden ist …

_Kritik_

Wie schon Tana Frenchs Erstling [„Grabesgrün“, 6054 hat auch „Totengleich“ einen vollkommen eigenen Zauber. Hier wie dort findet sich ein traumwandlerisch sicherer, anspruchs- und niveauvoller Stil, allerdings ist der vorliegende Krimi in meinen Augen atmosphärisch noch dichter geraten.

Cassie Maddox ist als Protagonistin ein ganzes Stück sympathischer als Rob Ryan aus dem ersten Band, und Tana French spielt gekonnt mit dem, was sie den Leser bereits von Cassie hat wissen lassen. Während Cassie selbst erzählt, denkt man als Leser schon die ganze Zeit ein Stück weiter, hofft und fürchtet und weiß doch nicht genau, was man ihr wünschen soll. Kann Sam tatsächlich der Richtige für sie sein? Ist die reizvolle Gefahr der verdeckten Ermittlung nicht viel mehr ihr Metier, als er das je verstehen könnte? Und wäre es nicht schön, so schön für sie, wenn sie in das lockende Gewebe von Lexies Leben abtauchen und der Realität den Rücken drehen könnte?

Die Schilderung der Freundesgruppe, der alltäglichen Abläufe, der augenscheinlichen unbedingten Loyalität in Verbindung mit dem unbestimmten Brodeln unter der Oberfläche ist ein absolutes Meisterwerk. Dass Cassie sich als völlig Fremde, aber nach außen hin als altes Mitglied in der eigentümlichen Gemeinschaft bewähren muss, lässt den Leser in atemloser Spannung zurück. Und dass sie nur gute Arbeit leisten kann, weil sie vielleicht zu sehr in ihrer Rolle aufgeht und sich selbst zu verlieren droht, ist herzzerreißend.

_Fazit_

War ich schon von „Grabesgrün“ begeistert, bin ich von „Totengleich“ hin und weg. Ich bin mir nicht sicher, wann ich das letzte Mal so unmittelbar mit einer Heldin gelitten, gezagt, gebangt und gehofft habe. Diese Undercoverermittlung, dieses Verschwimmen von Arbeit und ganz persönlichen Lebensfragen, von Wünschen, Sehnen und Realität ist so ziemlich das Spannendste, das mir seit langem untergekommen ist. Dieser Krimi ist psychologisch verschlungen, aber logisch aufgebaut und hält sich nicht lange mit der Oberfläche auf. Es geht direkt ans Eingemachte – umso heftiger, als die Protagonistin sich vom letzten Fall noch nicht komplett erholt hat.

„Totengleich“ nicht zu lesen, käme einem Verlust gleich. Natürlich gilt auch hier: Wenn Sie Action bevorzugen, werden Sie sich irgendwann fragen, warum die Leute bloß reden und seltsam gucken. Aber ich wende mich dann mit meiner Empfehlung auch nicht an Sie, sondern an all jene, denen die Kombination aus Kriminalroman und Literatur nicht als Mesalliance, sondern als wünschenswerte Melange erscheint.

|Gebundene Ausgabe: 780 Seiten
ISBN-13: 978-3502101925
Originaltitel: The Likeness
Aus dem Engischen von Ulrike Wasel
und Klaus Timmermann|
http://www.fischerverlage.de
http://www.tanafrench.com