Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Camilleri, Andrea – Flügel der Sphinx, Die. Commissario Montalbano sehnt sich nach der Leichtigkeit des Seins

_Inhalt_

Wie so häufig beginnt der Tag für Salvo Montalbano mit einem frühen Telefonanruf: Die unbekleidete Leiche einer schönen jungen Frau wurde gefunden. Ihr Gesicht ist durch einen Schuss unkenntlich, doch auf ihrem Schulterblatt findet sich die Tätowierung eines Schmetterlings. Montalbano geht der Fall nahe: Seit einigen Jahren kann er junge Mordopfer fast nicht mehr ertragen. Und dieses Mädchen wurde erschossen und auf eine wilde Müllkippe in einem ausgetrockneten Flussbett geworfen.

Wütend und voller Elan macht der Commissario sich an die Ermittlungen, und nicht zum ersten Male ist es seine liebe alte Freundin Ingrid, die ihm einen entscheidenden Hinweis liefert. Montalbano freut sich bereits über die heiße Spur, doch bekommt er einen weiteren Tipp von einem selbst ernannten Gentleman alter Schule, dessen Erziehung etwas eigenwillig gewesen sein mag: Das Tattoo erweist sich als hilfreich, aber nicht als einzigartig.

Wer sind diese jungen Frauen, die die Schmetterlinge verbinden? Montalbano stößt im Zuge seiner Ermittlungen auf eine altruistische Gesellschaft namens „Der gute Wille“, die die Mädchen vor der Prostitution bewahren und ihnen ein solides, anständiges Leben ermöglichen möchte.

Dem zynischen Commissario kommen ein paar Dinge an dieser Geschichte bedenklich vor, und er weiß, dass er sich auf seinen Instinkt im Allgemeinen verlassen kann. Worauf er sich leider auch verlassen kann, ist die Tatsache, dass ihm in politisch brisanten Fällen von höherer Position aus Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Diesmal bricht er sich im übertragenen Sinne fast die Beine. Je mehr man ihn jedoch an der kurzen Leine hält, desto sicherer weiß er, dass er auf der richtigen Spur ist.

Und doch – auch, wenn es hier nach unlauteren Machenschaften stinkt, gibt es doch ein paar irritierende Indizien, und der Commissario streckt seine Fühler auch in eine andere Richtung aus …

_Kritik_

Das Wiedersehen mit Salvo Montalbano ist so schön wie immer. Wer das Vergnügen noch nicht hatte, dem sei es wärmstens ans Herz gelegt. Seit seinem ersten Erscheinen hat der Commissario schon so einiges durchmachen müssen, und seiner Entwicklung zu folgen, war ebenso spannend wie die Fälle, die er zu lösen hat.

Auch die übrigen bekannten Gesichter sind wieder dabei: Fazio mit dem „Einwohnermeldeamtfimmel“, der ehemalige Frauenheld Augello, nun aufopfernder, wenngleich ab und an entnervter Familienvater, Catarella mit dem kindlichen Gemüt und den überragenden Computerfähigkeiten. Dann Adelina, die zuverlässige Haushaltshilfe mit den außergewöhnlichen Kochkünsten und der notorisch kriminellen Familie, und natürlich Livia, Salvos Langzeitfernbeziehung – aber oh, es gibt Streit. Schlimmen Streit, der das Gefüge der langjährigen Beziehung ins Wanken bringt. Und es gibt Klärungsbedarf …

Glücklicherweise kommt auch die Beschreibung des großartigen sizilianischen Essens wieder einmal nicht zu kurz. Und die Mischung aus den ausgefeilten Charakteren, den verzwickten Fällen, dem umwerfenden Humor und dem unnachahmlichen Stil macht diesen Roman nicht eben überraschend, aber zuverlässig zu einem Geschenk.

Ohne zu viel zu verraten, möchte ich doch darauf hinweisen, dass, wer in dem Montalbano-Roman „Der Dieb der süßen Dinge“ die Szene mit dem groß angelegten Bluff Colonello Pera gegenüber genossen hat, auch in diesem Band nicht zu kurz kommen wird.

_Fazit_

Andrea Camilleri ist einer der ganz Großen, weise und humorvoll und ausgesprochen scharfsinnig. Es ist nicht verwunderlich, dass Salvo Montalbano eine große Fangemeinde besitzt. Nicht wenige Fans sind süchtig nach seinen Abenteuern, und für sie ist natürlich die Lektüre dieses Krimis ein Muss. Allen anderen sei dies ebenfalls dringend empfohlen.

Camilleri weiß übrigens nicht nur Kriminalromane zu schreiben: Wer also Krimis nicht mag, aber trotzdem in den Genuss des außergewöhnlichen Talents dieses Mannes kommen möchte, könnte anfangen mit der Lektüre von „Der zweite Kuss des Judas“. Sie werden sich scheckig lachen. Versprochen.

|Originaltitel: Le Ali della Sfinge
übersetzt von Moshe Kahn
ISBN: 978-3-7857-2378-4 (3-7857-2378-4)
Hardcover/Leinen mit Schutzumschlag
271 Seiten
Preis: 19,99 EUR (D), 20,60 EUR (A), 34,50 SFR (UVP)
Ersterscheinungsdatum: 09.10.2009|
http://www.edition-luebbe.de
http://www.andreacamilleri.net
http://www.andreacamilleri.de.tt
http://www.vigata.org

James, Peter – Nicht tot genug

Peter James steht für Nervenkitzel, Spannung von der ersten bis zur letzten Seite und Mordmethoden, die ihresgleichen suchen. Mit den beiden Büchern „Stirb ewig“ und „Stirb schön“ hat er sich in die Herzen der Thrillerfreunde geschrieben. So ist der Griff zum dritten Roy-Grace-Band „Nicht tot genug“ praktisch eine Pflichtübung.

_Mord oder unübliche Sexpraktiken?_

An einer Tankstelle steigt Katie Bishops Mörder in ihren Wagen. Er zwingt sie, zu sich nach Hause zu fahren, wo er die gutaussehende Katie vergewaltigt und ermordet. Die Putzfrau findet Katie schließlich mit einer Gasmaske vor dem Gesicht tot im Bett auf und verständigt die Polizei. Doch die muss zunächst die Frage klären, ob es sich um einen Mord handelt oder um ein Sexspiel, das außer Kontrolle geraten ist. Am Tatort findet sich nur die DNA von einem Mann, nämlich von Katies Ehemann Brian. Der jedoch war zur Tatzeit an einem ganz anderen Ort. Das behauptet zumindest Sophie Harrington, die Brian davon zu überzeugen versucht, dass er die Nacht mit ihr verbracht hat. Doch daran kann er sich gar nicht erinnern …

Kurz darauf wird auch Sophie ermordet, wieder finden sich Brians Spuren am Tatort, woraufhin er ins Visier der Ermittler gerät. Brian Bishop bestreitet jedoch auch dieses Mal, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein, doch ein Video beweist das Gegenteil. Spielt Brian Bishop ein doppeltes Spiel? Oder kann er sich wirklich nicht mehr an die Morde und seine Affäre mit Sophie Harrington erinnern?

Mit viel Intuition und kriminalistischem Gespür versucht Roy Grace, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Doch auf einer Pressekonferenz begeht er einen verhängnisvollen Fehler, der eine geliebte Person in Lebensgefahr bringt …

_War der Ehemann der Mörder?_

Von Beginn an zieht Peter James seine Leser in den Bann. Gleich im ersten kurzen Kapitel lernen wir den Mörder kennen, der gerade sein erstes Opfer ins Visier genommen hat. Und dann schleicht er sich auch schon ins Auto von Katie Bishop, während die ihre Tankrechnung begleicht. Nicht lange dauert es, bis Peter James uns zudem einen Verdächtigen par excellence präsentiert, nämlich den Ehemann, der am Tag nach dem Mord seelenruhig ein Golfturnier absolviert – und zwar mit überraschendem Erfolg – und sich von der Polizei eigentlich nicht vom Grün locken lassen will. Alles spricht gegen ihn, seine DNA wurde am Tatort gefunden, Zeugen haben ihn gesehen, eine Videoaufnahme widerlegt sein Alibi. Doch obwohl alles gegen ihn spricht, glaubt Roy Grace dennoch lange an Brians Unschuld. Seine Aussagen scheinen die Wahrheit zu sein, zumindest kann Grace keine Lügen identifizieren, auch wenn er diffizile Methoden anwendet, um Brian Bishop zu überführen. Und auch als Leser fragt man sich natürlich, wie diese beiden losen Enden, die einfach nicht zusammen passen wollen, am Ende zusammen gefügt werden können.

Bis zum Schluss hält Peter James die Spannung, auch wenn die Lösung des Falls zugegebener Maßen doch recht offensichtlich ist. Einen winzigen „Schlenker“, der den Leser (und auch Roy Grace) gen Ende noch einmal an der Nase herum führt, baut Peter James noch ein, bevor er schließlich die einzig sinnvolle Lösung präsentiert. Immerhin: Dadurch, dass man die richtige Lösung vorausahnen kann, ist sie definitiv schlüssig und fällt nicht vom Himmel. Für meine Begriffe tat es der Spannung keinen Abbruch, dass man schon ahnte, was geschehen würde.

_Eine Liebe in München?_

Detective Superintendent Roy Grace hat vor Jahren seine Frau verloren. Sie ist von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden. Seitdem sucht er sie und kann sie nicht aus seinen Gedanken und Erinnerungen tilgen, obwohl Grace inzwischen erneut glücklich liiert ist. Doch dann erreicht ihn ein Anruf aus München von einem guten Freund, der Graces Frau Sandy in einem Biergarten im Englischen Garten gesehen haben will. Roy Grace kommen Zweifel, ob seine neue Liebe Cleo wirklich die alte ersetzen kann. Er muss einfach wissen, ob seine Frau tatsächlich in München lebt, er muss herausfinden, warum sie damals spurlos verschwunden ist. Also fliegt er kurzerhand mitten in den laufenden Ermittlungen nach München, um Sandy zu suchen. Dafür riskiert er sogar einen deftigen Beziehungsstreit, der die neue Liebe fast im Keim erstickt hätte.

Die Geschichte von Roy Graces verschwundener Frau zieht sich durch alle bisherigen Bände, doch noch ist keine Lösung in Sicht, denn der Besuch in München trägt keine Früchte. So erleben wir Roy Grace in diesem Band im Strudel seiner Gefühle. Obwohl er Cleo liebt, muss er einfach wissen, ob seine Frau Sandy noch lebt und was mit ihr geschehen ist. Ungeschickt versucht er, seinen Besuch in München zu vertuschen, doch Cleo durchschaut ihn sofort und ist entsprechend verletzt. Und obwohl man sie verstehen kann, fühlt man auch mit Roy Grace, da sein Gefühlschaos nur zu nachvollziehbar ist. Mir gefiel diese menschliche Seite, in der er nicht der taffe Ermittler ist, der jede Augenbewegung seines Gegenübers minutiös verfolgt, ausgesprochen gut, zeigt sie doch, dass hinter dem erfolgreichen Ermittler ein verletzbarer und unsicherer Mensch steckt. Außerdem führt diese Nebengeschichte dazu, dass man definitiv zum nächsten Band um Roy Grace greifen wird – nicht nur, weil Peter James meisterlich Spannung aufbauen kann, sondern auch, weil man wissen will, ob es Neuigkeiten aus München gibt.

_Meister der Spannung_

Auch den dritten Band um Roy Grace habe ich regelrecht verschlungen. Wieder einmal schaffte es Peter James von Anfang an, mich in einen Sog hinein zu ziehen, dem ich nicht entkommen konnte. Dieses Buch |muss| man einfach schnell durchlesen, weil man es sonst vor Spannung kaum aushält.

|Broschiert: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3596175642|
Originaltitel: |Not Dead Enough |(Bd.3)

_Peter James auf |Buchwurm.info|:_

[„Stirb ewig“ 3268
[„Stirb schön“ 3154
[„Stirb schön“ 3680 (Lesung)
[„Nicht tot genug“ 4844 (Lesung)
[„So gut wie tot“ 5711 (Lesung)
[„Mein bis in den Tod“ 2493
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391

MacDonald, William Colt – Trommeln des Teufels, Die

_Das geschieht:_

Texas um 1885: Im Clarin County unweit der Grenze zu Mexiko stoppt auf offener Strecke ein Zug der „Texas Northern & Arizona Southern Railroad Company“. Auf Anweisung des Direktors wird ein Teil der Ladung gelöscht. Wenig später ist die Fracht geraubt, die Fuhrleute sind erschossen. Die Beute: Früchte und Marmelade in Dosen.

In El Paso macht sich Eisenbahn-Detektiv Gregory Quist auf den Weg nach Clarion City, um für seine Gesellschaft dieses Rätsel zu lösen. In der kleinen Stadt gärt es; Wyatt Thornton und Judd Lombardy, die beiden reichsten Rancher im Clarin County liegen im erbitterten Streit, der auch die Bürgerschaft von Clarion City einbezieht und spaltet. Gerade wurde Lloyd Porter, Gatte von Thorntons Tochter Kate, mit zerschossenem Schädel aufgefunden; man munkelt, die ob seiner ständigen Fremdtändeleien erzürnte Kate habe persönlich zur Schrotflinte gegriffen. Aber die Zahl der Verdächtigen ohne Alibi wächst dank der allgemeinen Unbeliebtheit des Verblichenen schnell; selbst der Sheriff muss sich hier einreihen.

Quist muss ohne Rückhalt ermitteln, da er nicht weiß, wem er trauen kann. Die Gefahr für Leib und Leben steigt, als er herausfindet, was tatsächlich aus dem Zug gestohlen wurde. Während er Indizien sammelt und Zeugen verhört, hält er den Revolver stets griffbereit; eine Vorsichtsmaßnahme, die sich schon bald und dann immer wieder bewährt …

_Krimi-Western oder Western-Krimi?_

Ein Kriminalroman spielt im Wilden Westen! Das klingt zunächst ungewöhnlich, was sich allerdings schon nach kurzem Nachdenken ändert: Wieso sollte gerade der US-amerikanische Mittelwesten des 19. Jahrhunderts vom Verbrechen ausgeschlossen bleiben? Gestohlen und gemordet wurde dort auch ohne die Überspitzung durch Film- und Fernseh-Western reichlich.

Was den Zweifler tatsächlich irritiert, ist ein Mann wie Gregory Quist in einer Welt, der aus heutiger Sicht das Gesetz und seine Durchsetzung im Rahmen einer organisierten Verbrechensbekämpfung weitgehend abgingen. Der Westen galt auch deshalb als wild, weil er sich als rechtsfreier Raum darstellte. „Law West of the Pecos“, stand auf dem Schild, das Richter Roy Bean (1825-1903) auf dem Dach einer schäbigen Hütte befestigte, die gleichzeitig Saloon und Gerichtsgebäude darstellte. Faktisch vertrat Bean das Recht im texanischen Pecos County und damit in einem Umkreis von mehr als 300 Kilometern. Marshals und Sheriffs waren keine ausgebildeten Kriminologen, sondern primär Ordnungshüter. Wo auch sie nicht zur Stelle waren, nahmen die Bewohner des Westens das Recht mit blanker Waffe und festem Strick selbst in die Hand.

Aber den Pionieren folgte so schnell wie möglich das Recht. Bis es so weit war, beschäftigten die Eisenbahngesellschaften eigene Detektive. Ab 1850 konnte man die Detektive der Pinkerton-Agentur anheuern und in Texas in der Strafverfolgung ab 1823 auf die Texas Ranger zurückgreifen. Mit einem Fragezeichen muss das Fachwissen dieser Männer markiert werden, doch das war im 19. Jahrhundert nicht nur im Wilden Westen so.

_Erfahrung und gesunder Menschenverstand_

Folgerichtig ist Gregory Quist als Kriminologe vor allem Autodidakt. Was er über Sichtung und Auswertung von Indizien weiß, hat er sich selbst beigebracht. Grundsätzlich beherrscht Quist sein Handwerk, auch wenn er es auf eine rustikale, der rauen Umgebung angepassten Weise ausübt. Im Mittelwesten geht die Suche nach Spuren immer mit einem anstrengenden Pferderitt durch ein weites und gefährliches Land einher. Quist kann nicht wie sein Zeitgenosse Sherlock Holmes nach dem Frühstück einen Fall lösen und rechtzeitig zum gemütlichen Abendmahl zurück im trauten Heim sein. Er ist Detektiv und Westmann, was einen besonderen Charakter hervorbrachte: Quist ist kein weltfremder Kopfmensch; das kann er sich in seinem Umfeld nicht leisten. Seine Fähigkeit, mit einem Colt umzugehen, ist ebenso ausgeprägt wie sein Verstand.

Das ist doppelt wichtig in einem Land, dessen raue Bewohner Zeugenvernehmungen verabscheuen. Der Westerner lässt sich ungern ausfragen, und er reagiert erst recht aufbrausend, wenn er der Lüge bezichtigt wird. Wie damit aus kriminologischer Sicht produktiv umzugehen ist, belegt Quist auf recht gefährliche Weise: Er reizt unwillige Zeugen, bis sie zum Colt greifen, aber gleichzeitig ihre Zurückhaltung vergessen und redselig werden.

_Guter Wein im neuen Schlauch_

Die alten bzw. bewährten Spannungselemente des Krimis im exotischen Ambiente des Westerns zu erleben macht Freude, wenn die Elemente so geschickt und gleichzeitig unauffällig wie hier gemischt werden. Autor MacDonald sitzt fest in den Sätteln beider Genres, wenn man es – dem Anlass angemessen – ein wenig bildhaft ausdrücken möchte. ‚Sein‘ Texas gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet er mit exakt so vielen Strichen wie nötig, um der gut geplotteten und routiniert aber unterhaltsam entwickelten Handlung ihren Rahmen zu geben. Mit Fakten geizt MacDonald; sie sind einerseits nicht notwendig, während er andererseits durchaus Realität ins Geschehen einfließen lässt. So ist die Feindschaft zwischen großen Ranches, die sich in blutigen „Weidekriegen“ entladen konnte, historisch verbürgt. Stimmungsvolle Landschaftsbeschreibungen runden das positive Urteil über einen sicherlich nicht anspruchsvollen aber spannenden ‚Western-Krimi‘ ab.

_Autor_

Allan William Colt MacDonald (1891-1968), geboren in Detroit (US-Staat Michigan), war ein bekannter Autor von Western-Romanen, der außerdem zahlreiche Drehbücher für Hollywood schrieb. Berühmt wurde er mit seinen „Three Mesquiteers“, drei verwegenen Haudegen, die im Stil der berühmten „Drei Musketiere“ von Alexandre Dumas in allerlei aufregende und actionbetonte Abenteuer verwickelt werden, was die Serie auch für das Kino interessant machte. 1933 entstand eine 12-teilige „Three Mesquiteers“-Serie, in der ein junger, noch unbekannter John Wayne die D’Artagnan-Rolle übernahm.

1954 begann MacDonald eine letztlich siebenteilige Serie um den Eisenbahn-Detektiv Gregory Quist, der im Geiste eines Sherlock Holmes Kriminalfälle im Western-Milieu löst und die unterhaltsam und nicht besonders anspruchsvoll aber gekonnt historische Fakten, Western-Ambiente und Elemente des klassischen Krimis mischt.

Die Gregory-Quist-Serie:

(1954) Mascarada Pass
(1955) Destination Danger (dt. „Der Mann aus El Paso“) – GATB* A 22
(1955) The Comanche Scalp (dt. „Der Skalp des Comanchen“) – GATB A 14
(1956) The Devil’s Drum / Hellgate (dt. „Die Trommeln des Teufels“) – GATB A 17
(1958) Action at Arcanum
(1961) Tombstone for a Troublemaker
(1964) The Osage Bow / Incident at Horcado City

* Goldmann Abenteuer-Taschenbuch

_Impressum_

Originaltitel: The Devil’s Drum (Philadelphia : J. B. Lippincott Company 1956)
Übersetzung: Hans-Ulrich Nichau
Deutsche Erstausgabe: 1968 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Abenteuer-TB A 17)
189 Seiten
[keine ISBN]
http://www.goldmann-verlag.de

Norman, Hilary – Rache der Kinder, Die

Kinderspiele können grausam sein. In ihrem Thriller „Die Rache der Kinder“ beschreibt die Engländerin Hilary Norman genau so eine Situation, in der aus einem Spiel Ernst wird – mit tödlichem Ausgang.

_Die Geschichte beginnt_ damit, dass vier Kinder eines Kinderheimes sich nachts aus ihren Schlafzimmern stehlen, um in einem verlassenen Hünengrab William Goldings „Herr der Fliegen“ zu lesen. Das Buch wird zu einer Art Obsession für die vier und die Rollenspiele, die sie mit dessen Hilfe spielen, werden immer drastischer. Unter der Obhut einer Kinderheimmitarbeiterin beginnen sie, die Geschichte des Buches auf das echte Leben zu übertragen.

Jahre später sind sie erwachsen, die Spiele von Jack, Roger, Simon und Piggy – nach Helden aus dem Golding-Buch – wesentlich brutaler. Ralph, die Kinderheimmitarbeiterin, ist nach wie vor ihre Anführerin, tritt aber selten selbst in Szene. Auch nicht, als ihre „Kinder“ die Journalistin Kate und die labile Laurie entführen. Sie sind die Monster dieser Spielrunde und sollen beseitigt werden. Während Kate sich eine Abtreibung hat zuschulden kommen lassen, ist Laurie die Mutter eines behinderten Jungen. Doch anstatt ihn bei sich aufzuziehen, wohnt er in einem Kinderheim.

Was die Entführer nicht wissen: Nicht alles ist so, wie es aussieht. Kates angebliche Abtreibung war eine Fehlgeburt und Laurie wurde von ihren Eltern massiv unter Druck gesetzt, das „Malheur“ namens Sam zu vertuschen …

_Hilary Norman spielt_ in ihrem Buch außergewöhnlich geschickt mit moralischen Fragen und den Nerven des Lesers. Sie erzählt die Geschichte nämlich aus mehreren Perspektiven. Sowohl die Kinder als auch Ralph als auch die beiden Opfer kommen ausgiebig zu Wort. Während die „Herr der Fliegen“-Gruppe rückblickend vor allem ihre Entstehung erzählt, berichten Kate und Laurie aus ihrem Leben. Man lernt sie als Leser gut kennen und verstehen. Während die Entführer fest davon überzeugt sind, es bei den beiden mit Monstern zu tun zu haben, ist dem Leser klar, dass die Schuldfrage in beiden Fällen nicht so einfach beantwortet werden kann. Umso mehr fiebert man mit den beiden mit, dass sie die Entführung überleben. Norman schafft damit etwas, was in vielen Büchern selten ist: Sie fesselt den Leser an den Sessel, bis er das Buch aus der Hand legen muss, weil es zu Ende ist.

Der geschickte Aufbau bleibt nicht der einzige Pluspunkt von „Die Rache der Kinder“. Die Personen sind, wie bereits erwähnt, sehr gut ausgearbeitet. Mit wenigen Pinselstrichen schafft es die Autorin, zwei sehr unterschiedliche Frauenfiguren zu schaffen, die sehr authentisch wirken. Während Kate eine selbstbestimmte, beruflich erfolgreiche Frau ist, müht sich Laurie mit ihrem Schicksal ab. Sie lebt noch immer unter der Knute ihrer Eltern, obwohl ihr kleiner Sohn ihr ans Herz gewachsen ist, doch sie findet nicht die Stärke, ihr Leben selbst zu bestimmen.

Jack, Roger, Simon, Piggy und Ralph werden hingegen nicht so ausführlich beschrieben. Die Masken, die sie während der Tat tragen, nehmen sie auch sonst nicht ab. Auch hier appelliert die Autorin an die Eigeninitiative des Lesers. Es liegt an ihm, die Schuldfähigkeit der einstigen Heimkinder zu bewerten, deren Leidenswege anfangs kurz erläutert werden. Vieles muss man dabei zwischen den Zeilen lesen, um zu merken, dass auch die Bösen in dieser Geschichte nicht wirklich böse sind.

Geschrieben ist das Buch mit einer fast tödlichen Präzision. Norman benutzt wenige Worte und kurze, abgehackte Absätze. Trotzdem schafft sie es, ein feines Netz aus Spannung aufzubauen und alles genau so rüberzubringen, wie sie es rüberbringen möchte. Durch ihre gute Wortwahl und die Intensität ihrer Sätze beginnt der Leser automatisch, selbst mitzudenken und bestimmte Parallelen zu ziehen.

_Auch, wenn die häufigen Perspektivenwechsel_ anfangs verwirren und allgemein ein zweischneidiges Schwert sind, sind sie in diesem Fall das Beste, was diesem Buch passieren konnte. Hilary Norman konzentriert sich in ihrem Thriller „Die Rache der Kinder“ auf die notwendigsten Informationen, die dennoch ein weitreichendes Gesamtbild abgeben und vor allem eines schaffen: den Leser zum (Mit)Denken zu animieren. Fantastisch!

|Originaltitel: Ralph’s Children
Aus dem Englischen von Rainer Schumacher
365 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3404163182|
http://www.luebbe.de

Ernst, Cristoph (Roman); Jeltsch, Christian (Drehbuch) – TATORT: Strahlende Zukunft

Der TATORT begeistert seit 1970 ein Millionenpublikum, kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens eine Folge entweder in der ARD oder einem der dritten Programme gesendet wird. An solchen Tagen oder bei Gelegenheiten, an denen man keinen Zugriff auf ein Fernsehgerät hat, werden Tatort-Jünger offenbar häufig von Entzugserscheinungen geschüttelt. Der |Emons-Verlag| dealt daher seit Ende September 2009 erfolgreich mit Ersatzdrogen in Form von Buchversionen auf Basis bereits ausgestrahlter Fälle mit besonders beliebten Ermittlern. Die ersten Sechs zum Preis von je 8,95 € sind dabei so erfolgreich gestartet, dass bereits eine zweite Lage für das Frühjahr 2010 fest angekündigt wurde.

_Zur Story_

Sandra Vegener sieht keinen anderen Ausweg: Sie überfährt gezielt den Richter, der sie damals in die Psychatrie steckte und richtet sich danach selbst. Nicht jedoch, ohne der Nachwelt ein Vermächtnis zu hinterlassen. Ein Teil davon ist Hauptkommissarin Inga Lürsen, welche sie damals abwies, da sie sich für die abstrus klingende Geschichte über gefährliche Machenschaften des Mobilfunkbetreibers „2wave“ nicht recht zuständig fühlte. Die renitente Aktivistin machte die Firma unter Anderem für die tödliche Leukämieerkrankung ihrer Tochter verantwortlich und ließ keine Gelegenheit aus, gegen den Provider vorzugehen. Sie behauptete, absichtlich mit Strahlen bombardiert worden zu sein – und landete schlussendlich in der Klapsmühle. Der Fall, der eigentlich ja gar keiner ist, scheint demnach klar: Geisteskranke Amokläuferin.

Allerdings wundert Inga, dass eine Reihe der Beteiligten vom Statsanwalt bis zur Gerichtsmedizinerin simple Routinefragen allzu brüsk abschmettern und versuchen, die Sache möglichst schnell zu den Akten zu legen. Inga vertraut ihrer Intuition und stochert zusammen mit ihrem Kollegen Nils Stedefreund in den alten Geschichten herum und fördert dabei ebenso erschreckende wie erstaunliche Dinge zu Tage. Etwa ein großer Betrag, der von „2wave“ an Vegeners Ehemann Luis floss. Dazu einige brisante Querverbindungen zwischen Gutachter und Staatsanwaltschaft sowie dem Provider – bis hoch zum Bremer Senat. Richtig prekär wird die Lage aber erst, nachdem Vegeners neunzehnjähriger Sohn sich Lürsens Waffe bemächtigen kann und seinen persönlichen Rachfeldzug beginnt. Jetzt bekommen die Geheimniskrämer plötzlich arges Fracksausen.

_Eindrücke_

„Spannend von der ersten bis zur letzten Seite“ ist eine (zu) oft bemühte und abgedroschene Werbe-Platitüde. Hier trifft sie jedoch beinahe wörtlich zu, auch wenn sich nirgendwo derartiges PR-Brustgetrommel findet. Schon der anderthalbseitige Prolog ist spannend erzählt und macht somit neugierig auf die weiteren Geschehnisse auf den folgenden fast 160 Seiten. Die brechen auch mit Rasanz über das beliebte norddeutsche Ermittlerduo Lürsen/Stedefreund herein. Dabei gelingt es Christoph Ernst bei seiner Novellisierung des Drehbuchs von Christian Jeltsch, die Figuren akkurat einzufangen und darzustellen. Mit leichter Übervorteilung von Inga Lürsen, doch das ist zumindest dem kundigen Fernsehzuschauer nicht fremd. Lürsen ist nun einmal generell die Hauptfigur im Bremer Tatort – und beim Fall „Strahlende Zukunft“ (Erstausstrahlung: NDR, 2008) ganz besonders.

Nils Stedefreund ist allerdings keine plumpe Staffage, sondern eine ernst zu nehmende „supporting role“. Kurioserweise spendierte man ihm seitens des Verlags auf dem Cover keinen Vornamen. Das aber nur am Rande. Er hat Dank guter Connections einen wichtigen Beitrag zu leisten und der Leser erhält – anders als im TV – dabei auch noch einen klareren Blick in seine Gefühlswelt sowie seine Motivationen. Für Lürsen gilt dies natürlich ebenso, wenn nicht sogar ausgeprägter. Die Geschichte an sich behandelt, wie fast alle neueren Tatorte, ein aktuelles und, auch dem Wortsinne nach „heißes“ Thema: Elektromagnetische Strahlung. Darum dreht sich – aufgrund des Spannungserhalts nur grob umrissen – diese Schnitzeljagd nämlich hauptsächlich. Der Wettlauf mit dem Todesschützen in spe hält noch so manche Wendung bereit und nichts ist ganz so, wie es anfänglich scheint. Das Ende bleibt überraschend offen und könnte auch als Cliff-Hanger durchgehen.

_Fazit_

Diesen interessanten Fall in Romanform zu gießen war eine sehr gute Wahl. Eine spannend präsentierte Story mit Aktualitätsbezug, undurchsichtigen Figuren, Action und einem ziemlich unvorhersehbaren Final-Twist, das sind die Zutaten, mit welchen dieser Thriller prinzipiell sogar auch ohne das sicherlich verkaufsfördernde Tatort-Label funktionieren würde. Dass Lürsen und Stedefreund sich dann auch noch literarisch wohltransformiert die Ehre geben, wertet die Sache noch weiter auf. Zumindest für treue Fans der Serie, natürlich. Aber: Auch Neueinsteiger mit Appetit auf anständige Krimikost, welche die Figuren nicht aus dem Fernsehen kennen, dürfen gern zu diesem lesenswerten Tatort aus Bremen greifen.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Christoph Ernst: „Strahlende Zukunft“
Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort“
Nach einem Drehbuch von Christian Jeltsch
Emons-Verlag, September 2009
ISBN-13: 978-3-89705-666-4
160 Seiten, Broschur

MacConnell, Michael – Killer

Michael MacConnell ist eigentlich Australier, aber das hindert ihn nicht daran, seine Thriller in Amerika, genauer gesagt in der Gegend um Boston, spielen zu lassen. „Killer“ ist der erste Roman mit der FBI-Agentin Sarah Reilly in der Hauptrolle, weitere sollen folgen.

_Sarah Reilly_ ist FBI-Agentin und versucht in einem Undercovereinsatz einem Serienkiller das Handwerk zu legen. Doch etwas kommt ihr dazwischen. Bevor sie den Verdächtigen festnehmen kann, wird er ihr von mehreren Männern abgejagt, nachdem diese sie mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt haben. Verdutzt schaut sie der Gruppe Männer hinterher und erfährt am nächsten Tag, dass ihr Verdächtiger bei einem Lagerhallenbrand ums Leben gekommen ist. Wer waren die Anderen, die sie unschädlich gemacht und den Killer mitgenommen haben?

Gleichzeitig treibt ein Serienkiller in New Hampshire sein Unwesen, der schon seit Jahren unerkannt aktiv ist. Er kopiert die Vorgehensweise anderer Killer, so dass ihm die meisten Taten nicht zugeschrieben werden können. Nur einer ist ihm auf die Schliche gekommen: Harry Reilly, Sarahs Vater und eine FBI-Legende. Seit seiner Pensionierung sammelt er im Geheimen Informationen über den skrupellosen Mörder. Als der spürt, wie Harry ihm immer näher kommt, beschließt er, zu anderen Mitteln zu greifen: Er inszeniert eine Katastrophe, während der er Harry entführt. Nun liegt es an Sarah, ihn zu finden und zu befreien, doch der gewiefte Killer macht es ihr nicht einfach …

_“Killer“_ ist ein Buch voller Überraschungen. Es beginnt zwar nicht ruhig, sondern mitten in Aktion, aber erinnert dabei noch an einen konventionellen Thriller. Erst später, wenn der Autor ohne Skrupel die sympathischsten Figuren ins Jenseits schickt, wird dem Leser klar, dass er bei Michael MacConnell auf alles gefasst sein sollte. Dadurch wird die Geschichte spannend und die Wendungen sind nicht überraschend, sondern vielmehr schockierend. Sie lassen sich selten vorhersehen und sind durch große Brutalität geprägt. Der Autor schlachtet sie allerdings nicht aus. Die Beschreibungen sind nicht zu blutig, sondern nüchtern. Doch obwohl diese Ereignisse auf weiten Strecken für Spannung sorgen, kehrt sich dieser Effekt am Ende um. Der Schluss ist konzipiert wie ein großes Finale, doch leider ist er ein wenig zu viel des Guten. Zu viele Gegenspieler an einem Ort, zu viele Wendungen und zu viel Action. Nach einem mehr als viel versprechenden Anfang schwächelt „Killer“ am Ende beträchtlich.

Die Figuren erfüllen ihren Zweck, heben sich aber nicht wirklich von Charakteren ähnlicher Bücher ab. Sarah ist ein Workaholic und lässt seit dem Tod ihrer Mutter niemanden mehr an sich heran. Ihr Kollege Drew hingegen liebt sie immer noch, nachdem die beiden eine kurze Affäre hatten. Ihr Vater stellt den etwas brummigen FBI-Veteranen dar, der den Tod seiner Frau ebenfalls nicht verwunden hat und sich deshalb in den Alkohol flüchtet. Auch wenn sie nicht wirklich interessant sind, sind die Protagonisten gelungen. MacConnell versteht es, sie eher düster zu zeichnen, wodurch sie authentisch wirken und gut in eine Geschichte passen, die von perversen Serienkillern dominiert wird.

Der Schreibstil ist entsprechend ruhig und unaufgeregt. Der Autor findet stets gute Worte, um Gefühle, Situationen und das Drumherum zu beschreiben. Dadurch, dass er ab und an die Erzählperspektive wechselt, wird das Buch abwechslungsreich. Trotzdem fehlt ihm eine gewisse Originalität im Schreibstil, um zusätzlich punkten zu können.

_“Killer“ ist ein Buch_, dessen große Stärke in der actionreichen, spannenden Handlung liegt. Die Figuren ergänzen diese gut, aber insgesamt fehlt es Michael MacConnell noch an Profil, um sich von seinen Kollegen abzuheben. Für einen Debütroman ist „Killer“ jedoch sehr gelungen.

|Originaltitel: Maelstrom
Aus dem australischen Englisch von Sabine Rissmann
409 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3404162826|
http://www.luebbe.de

Brown, Dan – verlorene Symbol, Das

Die Existenz der Freimaurer mitsamt allen Legenden, Mythen und Verschwörungstheorien bildet den Grundstein für das neueste Buch von Dan Brown: „Das verlorene Symbol“ (The Lost Symbol).

Thema des Romans ist diesmal keine kontroverse These um Verschwörungen innerhalb des Vatikans, doch geht es um eine ebenso faszinierende Gruppierung, deren primäre Symbole der Winkel und ein Zirkel sind. Die Freimaurer, deren fünf Grundideale Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität darstellen, sind international in vielen „Logen“ tätig. Rituale, Losungen und natürlich auch Symbole bilden unter der Verschwiegenheitserklärung, die jedes Logenmitglied bindet, einen stabilen Grundsatz für Diskussionen. Ziel der Freimaurerei sind die fünf Ideale, die sie im Alltag und im Umgang mit anderen Menschen leben sollen. Die Humanität, die Würde des Menschen, steht über allem anderen.

Durch einschlägige Literatur und offizielle Dokumente ist dem Außenstehenden einiges bekannt, doch wie immer, wenn der Mensch Vermutungen anstellt und ihm etwas fremd vorkommt, entwickeln sich dramatische Vermutungen, die stets zwischen Dichtung und Wahrheit genug Aufmerksamkeit erhalten, um unterhaltsamen Stoff für Film und Buch zu liefern.

_Inhalt_

Robert Langdon, Professor für Kunstgeschichte mit dem Fachgebiet Symbologie an der Harvard-Universität, beginnt seinen Sonntag wie immer. Früh morgens zieht er im Schwimmbad der Uni seine fünfzig Bahnen, und beim Mahlen seiner Sumatra-Kaffeebohnen fällt ihm auf, dass sein Anrufbeantworter blinkt und somit das Hinterlassen einer Nachricht signalisiert.

Der Anrufer ist der persönliche Assistent seines alten Freundes und Mentors Peter Solomon, ein reicher und einflussreicher Mann, der, ebenso intellektuell wie Langdon selbst, nach Wahrheiten in der Wissenschaft fahndet. Zudem, das ist kein Geheimnis, ist er einer der im Rang der höchsten Freimaurer. Robert Langdon wird in aller Dringlichkeit gebeten, persönlich nach Washington zu kommen, um einen Vortrag über die freimaurerische Geschichte der Stadt zu halten.

Als Langdon mit Solomons Privatjet in Washington ankommt und den Treffpunkt aufsucht, erlebt er an diesem Tage die zweite Überraschung, denn der Saal ist leer, keine Stühle, kein Publikum – hat sich Peter Solomon einen Streich erlaubt?

Als er Solomons Privatnummer wählt, nimmt ein Unbekannter den Anruf an und erklärt, dass er Langdon genau da haben wollte, wie er es geplant hat, als plötzlich aus der Rotunde des Capitols ein heller Schrei ertönt.

Mehrere Touristen halten sich verängstigt in der Mitte der Rotunde auf, ein Junge weint, und als Langdon sich nähert und einen Blick auf den Boden wirft, wird ihm sofort klar, was die Aufregung verursacht! Auf dem Boden, auf einem Zettelspieß gesteckt, sieht er eine Hand, die den Zeigefinger und den Daumen zur Decke streckt. Langdon blickt auf einen goldenen Ring, und mit Schrecken erkennt er, dass es sich um Peter Solomons Hand handelt.

Als die CIA als dritte Partei in das Geschehen eintritt, ist die Verwirrung komplett. Ein Wahnsinniger namens Mal’akh (hebräisch für Engel) will das Geheimnis der Freimaurer für sich, die unendlichen Mysterien, die Aufschluss und Erklärung für alle Fragen geben, die die Menschheit je beschäftigt haben. Er wäre damit ähnlich wie Gott allmächtig und allwissend.

Langdon, der zwischen den Fronten steht und nur der Schwester seines Mentors und Freundes, Katherine Solomon, vertrauen kann, bleiben nur zwölf Stunden Zeit, um die alten Geheimnisse der Freimaurer und ihre Rätsel zu lösen. Auf der Suche nach dem verlorenen Symbol betritt Langdon Tempel, Kammern und Gebäude, die unmittelbar Wirkungsstätte der Freimaurer sind, und weiß dabei nicht mehr, was er glauben und wem er noch vertrauen soll …

_Kritik_

„Das verlorene Symbol“ von Dan Brown ist wie „Sakrileg“ und „Illuminati“ eine wilde Schnitzeljagd; diesmal schickt der Autor seinen Professor für Symbolik allerdings nicht durch europäische Schauplätze, sondern hat als Bühne Washington D.C. ausgewählt, ein Stück amerikanischer Geschichte und, wie sich herausstellt, auch die Vergangenheit und Gegenwart der Freimaurer-Logen.

Wirklich beachtlich und bewundernswert ist, dass es der Autor schafft, das Genre der Mystik mit all seinen Geheimnissen, Verschwörungen, Legenden und natürlich auch Symbolen wieder zum Leben zu erwecken. So mancher Leser wird nach oder sogar schon bei der Lektüre selbst anfangen zu recherchieren, um Parallelen und Fakten über die Geheimnisse der Freimaurer und ihre Logen zu ergründen. Das ist genau der Schwachpunkt des Buches. Zwar entschlüsselt Langdon das eine oder andere Rätsel, doch die Geschichte der Freimaurerei bleibt unerwähnt. Wie immer man dies auch interpretieren mag, wenigstens drückt Dan Brown den Freimaurern keinen Stempel auf und steckt sie damit willkürlich eine Schublade.

Dan Browns Tradition, Symbole ins Spiel zu bringen, die uns immer wieder begegnen, aber nicht weiter auffallen, ist spannend ausgeführt. Man könnte fast sagen: Mit den Augen Langdons erfahren wir Geschichte und Architektur aus einer ganz anderen Perspektive. Und wie auch in den Romanen zuvor hat das Touristikbüro von Washington die Chance erkannt und bietet spezielle Ausflüge zu den Schauplätzen des Romans „Das verlorene Symbol“ an. Das Marketing der Buchverlage wird sich freudig die Hände reiben.

Allerdings ist das Niveau des vorliegenden Romans deutlich gefallen. Browns Stil ist flapsiger und wirkt gelangweilter als in den vorherigen Bestsellern, nur das Tempo der Geschichte ist wie immer atemberaubend hoch und kurzweilig.

Viel abwechslungsreicher, dadurch aber zugleich störend im Aufbau der Handlung sind sowohl die immer wiederkehrenden Zeitsprünge als auch die wechselnden Perspektiven der Protagonisten. Da es etliche Erzählperspektiven gibt und dann jeweils die eine oder andere Akteur aus und von der Vergangenheit erzählt, ergibt das addiert schon mal die eine oder andere Verwirrung.

Die Protagonisten sind ähnlich konzipiert wie in den Romanen zuvor. Robert Langdon hat sich nicht viel weiterentwickelt, das eine oder andere persönliche Detail erfährt man, aber sein Wirken und Handeln stützt sich primär auf die Entschlüsslung alter Botschaften und Symbole, die wie Brotkrumen durch die Stadt gestreut sind. An seiner Seite wie immer eine selbstbewusste, attraktive Frau, die als Assistentin für den diesmal wirklich verwirrten Professor alle Hände voll zu tun hat.

„Das verlorene Symbol“ ist ein solider, durchaus spannender Roman, der gerade Neulinge, die das erste Mal zu Dan Brown greifen, begeistern wird. Inhaltlich ist er viel schwächer als die beiden anderen Romane, die in Europa spielen. Nun gut, die Leser aus den USA werden das Buch mit ganz anderen Augen lesen, da die Schauplätze quasi gerade um die Ecken liegen, dagegen wird der hiesige Fan von Langdon jenseits des Ozeans inhaltliche Spannung, Dramatik und nicht zuletzt die mystische Spannung vermissen.

_Fazit_

Der Roman wird keine so großen Wellen schlagen wie „Sakrileg“, zu wenig weiß man über die Freimaurer und deren offenen und verborgenen Botschaften, und sie sind nicht wirklich spektakulär, wenn man ohnehin gern Verschwörungen nachgeht.

Brown weiß schon, dass er mit seinem „Da Vinci Code“ viel Staub aufgewirbelt hat und sich noch immer viele Leute fragen, ob das Bild der Kirche und Jesu nicht wahrlich ein anderes ist. Daher schmunzelt man gleich zu Beginn, wenn sich Langdon dafür entschuldigt, dass er mit der Interpretation des Heiligen Grals und seiner Erben in manchen Augen einen Skandal geleistet hat. „Das war nie meine Absicht“, erklärt Langdon dazu, oder sagen wir doch besser: Dan Brown.

Das Ende des Romans ist ernüchternd, und man fragt sich bei aller Enttäuschung, was sich der Autor dabei gedacht hat. Wortspiele sind ja nun nichts Neues, aber so viel esoterisches Gehabe war dann doch etwas zu viel des Guten. „Das verlorene Symbol“ kann ich letztlich nur bedingt empfehlen. Es wird aber einige unterhaltsame Lesestunden bereiten und vielleicht noch ein paar Stunden Recherchen nach sich ziehen. Hoffentlich muss man nicht wieder fünf Jahre warten, bevor Langdon uns erneut symbolisch die Augen öffnet, diesmal wieder in alter Form.

|Originaltitel: The Lost Symbol
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und entschlüsselt vom Bonner Kreis
765 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2388-3|
http://www.luebbe.de
http://www.dan-brown.de

_Dan Brown auf |Buchwurm.info|:_

[„Illuminati“ 2106 (illustrierte Ausgabe)
[„Sakrileg – Director’s Cut“ 2361
[„Meteor“ 155
[„Diabolus“ 1064
[„Diabolus“ 1115 (Hörbuch)

Henn, Carsten Sebastian – Blut & Barolo

Nachdem die beiden liebenswerten Schnüffler Giacomo und Niccolò in ihrem ersten Fall das mysteriöse Verschwinden der Menschen in Rimella aufgeklärt haben, agieren sie in „Blut & Barolo“ nun in Turin. Dort gilt es, einen geheimnisvollen Diebstahl aufzuklären …

_Trüffeltuch_

Die Biologin Isabella wird nach Turin zum bekannten Palazzina di Caccia di Stipinigi gerufen, weil dort viel zu nah an menschlichen Behausungen ein Rudel Wölfe gesichtet wurde. So schnappt sie ihre Hunde – die verwöhnte Hündin Canini, das zierliche Italienische Windspiel Niccolò und den felligen Trüffelhund Giacomo – und macht sich auf den Weg in die große Stadt.

Im Duomo di San Giovanni hat derweil der Pharaonenhund Amadeus seinen neuen Job angetreten, nämlich die Bewachung des berühmten Grabtuchs. Seine Familie ist schon seit Urzeiten dafür zuständig, das Grabtuch zu bewachen, und nun hat Amadeus diese ehrenvolle Aufgabe frisch von seinem Großvater übernommen – als das Tuch auch schon gestohlen wird! Die anderen Pharaonenhunde verstoßen Amadeus daraufhin, so dass er sich tapfer alleine auf die Suche nach dem Tuch machen muss.

Kurze Zeit später erschnüffelt Giacomo einen für ihn himmlischen Duft, nämlich den von Trüffeln. Er geht seiner Nase nach und findet ein schmutziges Tuch, das merkwürdigerweise nach Trüffeln riecht. Doch irgendwas stimmt damit nicht. Verwirrt schnappt er es sich und trägt es zu Isabella, die es sogleich als das gestohlene Grabtuch identifiziert und die Polizei informiert. Damit aber beginnt der Ärger, denn Isabella wird als Diebin verhaftet und Giacomo, der gerade noch fliehen kann, auf Fahndungsplakaten gesucht. Canini und Niccolò werden von einem Freund Isabellas abgeholt, aber Niccolò hält es dort nicht lange aus, weil er Giacomo suchen will. Der hat unterdessen drei weitere Trüffelhunde gefunden – allerdings keine reinrassigen -, denen er sich angeschlossen hat. Auf die Straße kann sich Giacomo kaum noch trauen, weil überall Plakate mit seinem Angesicht die Straßen Turins zieren.

Aber Amadeus und Giacomo sind nicht die einzigen, die nach dem Grabtuch suchen. Dieses Mal helfen auch der Conte (ein kleiner Pekinese) und die Dachshunde mit, später kommen die Wölfe dazu, einige dubiose Menschen, und es gilt, Isabella aus der Gefangenschaft zu befreien. Große Aufgaben also für kleine Hunde …

_Die Straßen Turins_

In seinem zweiten Hundekrimi hat Carsten Sebastian Henn, der für seine Weinkrimis bekannt ist, den Schauplatz vom beschaulichen Rimella nach Turin verlegt. So tauchen neben den bekannten Hunden auch viele neue Gefährten auf, die ebenso menschliche Züge tragen wie die Hunde und Wölfe Rimellas. Je weiter die Handlung fortschreitet, umso mehr Personen und Tiere kommen ins Spiel, immer neue Grüppchen bilden sich, neue Freundschaften werden geschlossen, aber auch Feindschaften. Sehr gut gefallen hat mir die Findigkeit der Tiere, die beispielsweise daran denken, Giacomo an einem Stückchen Kohle zu reiben, damit er seinem Fahndungsbild nicht mehr so ähnlich sieht, oder die ihren eigenen Wohnbereich fluten, um ihre Feinde zu überrumpeln. Da kann man manchmal durchaus staunen.

Zu Beginn nimmt der Krimi viel Fahrt auf. Schnell erfahren wir, worum es geht – nämlich um das entwendete Grabtuch. Als Isabella in Gefangenschaft gerät und Giacomo und Niccolò voneinander getrennt werden und ganz Turin nach dem felligen Trüffelhund sucht, fiebert man mit dem sympathischen Schnüffler mit, der sich mit viel Geschick vor den Hundefängern versteckt bzw. ihnen zumindest schnell entkommen kann. Der aufzuklärende Fall ist von Anfang an überaus mysteriös, denn wer klaut ein wertvolles Grabtuch, um dann darin eine Trüffel zu wälzen und das schmuddelige Tuch in einem Baum zu verstecken – genau vor dem Palazzo, in dem zu der Zeit der bekannteste Trüffelhund weilt? Außerdem fragt man sich früh, ob die Pharaonenhunde alle mit offenen Karten spielen, denn schnell wird klar, dass zumindest Amadeus‘ Oma offensichtlich etwas zu verbergen hat. Bis etwa zur Hälfte habe ich das Buch regelrecht verschlungen.

Mit der Zeit wird die Angelegenheit aber recht unübersichtlich, denn nicht immer ist klar, mit welcher Absicht die Menschen und Tiere eigentlich nach dem Grabtuch suchen und was sie damit bezwecken wollen. Außerdem durchschaut man nicht immer die Struktur der Hundegruppen, da sich manche Freundschaften schneller zerschlagen, als man lesen kann. Besonders am Ende, als Giacomo seinen in einer Weinlaune ersonnenen Plan zur Aufklärung des Falles von all seinen Freunden und Bekannten ausführen lässt, kommt man nur schwer mit, zumal die Aufklärung etwas abstrus ausfällt. Doch Giacomo macht das wenig aus, hat er sich vorher doch in einer riesigen Barololache suhlen und davon trinken können.

_Der beste Freund des Menschen_

Warum das Buch schließlich doch amüsant zu lesen ist, sind Carsten Sebastian Henns hündische Charaktere. Giacomo habe ich bereits im ersten Hundekrimi Kennen und Lieben gelernt, aber in diesem Buch wird er mir sogar noch sympathischer. Am besten gefiel mir sein Auftritt zum Ende des Buches hin, wo er seinen Gefährten klarmacht, dass er nur dann seine bekannte Spürnase hat, wenn er edlen Wein zu trinken bekommt. Und so machen die Hunde sich erstmal dran, Giacomo zu seinem geliebten Wein zu bringen, wo er sich dermaßen betrinkt, dass er mitten in seinen Planungen einschläft. Dennoch ersinnt er in weinseeliger Trunkenheit einen atemberaubenden Plan, der nur dann funktionieren kann, wenn halb Turin auf den Beinen ist. Am Ende schien es mir, als wäre selbst Giacomo überrascht davon, dass dieser hanebüchene Plan tatsächlich funktioniert. Eine besonders sympathische Seite ist vor allem seine Fürsorge, denn das Windspiel Niccolò trägt zwar einen Hundepullover aus Teddybärenfell, doch ist es so kalt, dass ihm trotzdem friert. Damit hat der fellige Giacomo keine Probleme und hält seinem kleinen Freund daher immer den wärmenden Platz in seinem Windschatten frei und kuschelt sich an das Windspiel, damit es nicht so frieren muss.

Aber auch Niccolò gewinnt neue Facetten hinzu, denn in diesem Buch wird er zunächst von Giacomo getrennt. Und um seinen Freund wiederzusehen, kehrt das italienische Windspiel sogar der sicheren Pflege bei Isabellas Bekanntem den Rücken und begibt sich auf die unsicheren Straßen Turins. Später traut sich selbst die harmoniebedürftige und verwöhnte Canini aus der Wohnung heraus, um ebenfalls nach ihren alten Gefährten zu suchen. Im ersten Buch hätte man dies der eingebildeten Hundedame sicherlich nicht zugetraut.

_Spürnasen auf vier Beinen_

Leider kann Carsten Sebastian Henn das hohe Niveau nicht über das ganze Buch halten. Nach spannendem Anfang verzettelt er sich in der zweiten Hälfte des Buches in zu vielen Charakteren, zu vielen Intrigen und zu vielen Handlungssträngen. Hier begeht er den gleichen Fehler wie schon in seinem ersten Hundekrimi, der mir auch stellenweise zu verworren war. Punkten kann Henn dagegen wieder einmal mit seinen Hundecharakteren – allen voran mit dem sympathischen Giacomo, der zu einem späteren Punkt im Buch Teile seines wärmenden Fells einbüßen muss und dann feststellt, dass er plötzlich viel besser gucken kann. Wenn sich Henn im nächsten Hundekrimi mal auf einige wenige Handlungsstränge und handelnde Figuren (also Menschen und Tiere) beschränkt, bin ich mir sicher, dass er damit einen ganz großen Wurf landen kann.

|Broschiert: 336 Seiten
ISBN-13: 978-3471300039|

Bradley, Alan – Mord im Gurkenbeet (Flavia de Luce 1)

Es gleicht schon einer Sensation, was Alan Bradley mit seinem ersten Roman auf die Beine gestellt hat. Bereits vor Erscheinen des Buches wurde „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ mit dem renommierten Dagger Award für das beste Krimidebüt geehrt – und das lediglich auf der Basis des ersten Kapitels, da der Roman zum Zeitpunkt der Preisverleihung noch gar nicht fertiggestellt war. Das sind reichlich Vorschusslorbeeren, die zwar einerseits dafür sorgen, dass man seine Erwartungen nicht unbedingt tief stapelt, andererseits schwingt bei so viel Lobhudelei aber auch immer eine gewisse Skepsis mit. Kann „Flavia de Luce“ all die Erwartungen halten, die man in den Roman steckt?

_England, Anfang_ der 50er Jahre. Die elfjährige Flavia de Luce lebt zusammen mit ihren beiden älteren Schwestern Ophelia und Daphne und ihrem Vater auf dem altehrwürdigen Herrensitz Buckshaw. Flavia ist Hobbychemikerin und verbringt einen Großteil ihrer Zeit im Labor, das einer ihrer Vorfahren auf Buckshaw eingerichtet hat. Flavias große Leidenschaft gilt dabei Giften aller Art.

Dieses Wissen ist ihr unverhofft von Nutzen, als sie eines Morgens in aller Frühe im Gurkenbeet eine Leiche entdeckt. Jeder hält Flavias Vater für den Mörder und auch Flavia selbst kann sich von diesem Verdacht nicht ganz befreien, hat sie doch Abends vorher ihren Vater und den Toten lauthals streiten hören. Doch Flavia will an die Unschuld ihres Vaters glauben und stellt kurzerhand eigene Ermittlungen an.

Auf ihre kindlich unschuldige Art fragt sie allen Beteiligten und Zeugen Löcher in den Bauch, recherchiert in der örtlichen Bibliothek und durchsucht das Zimmer des Mordopfers. Sie folgt hartnäckig jeder noch so kleinen Spur und zieht in ihrer messerscharfen, rationalen Art so klare Schlussfolgerungen, dass der ermittelnde Inspektor Hewitt eigentlich vor Neid blass werden müsste.

Ihre Ermittlungen bringen Flavia auf die Spur eines alten Geheimnisses, in das auch ihr Vater verwickelt zu sein scheint. Als Flavia dann der Wahrheit ein gutes Stück näher kommt, wird es auch schon bald brenzlig für die junge Nachwuchsdetektivin …

_Die großen Erwartungen_ an „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ sind nicht unberechtigt. Alan Bradleys Debütroman ist in der Tat eine Bereicherung für das Genre. Natürlich erfindet Bradley nicht das Rad neu, aber mit Flavia de Luce hat er eine Titelheldin geschaffen, die vom Fleck weg sympathisch ist und in ihrer präzisen und hartnäckigen Ermittlungsarbeit und ihren messerscharfen Schlussfolgerungen ein jugendliches Detektivtrio wie die Drei ??? ganz schön alt aussehen lässt.

Flavia de Luce wirkt in ihrer kindlich unschuldigen Neugier wie eine junge Miss Marple – nur, dass sie obendrein noch eine begnadete Chemikerin ist. Raffiniert setzt Flavia sich auf ihre ganz eigene Art mit ihren Schwestern und deren ständigen Versuchen sie zu Schikanieren auseinander. Da mischt sie der großen Schwester auch schon mal Gift in den innig geliebten Lippenstift und dokumentiert die Ergebnisse dieses Versuchs mit wissenschaftlicher Präzision in ihrem Tagebuch.

Flavia ist eine Außenseiterin. Freunde scheint sie keine zu haben. Ihre beste Freundin ist Gladys, ihr Fahrrad. Ihr Lieblingsort ist ihr Labor. Flavia macht einen schrägen, etwas verschrobenen Eindruck. Im Vergleich zu ihren Schwestern schlägt sie etwas aus der Art, aber genau das macht sie so herrlich sympathisch. Man braucht keine zehn Seiten, um sie zu mögen.

Und so ist es insbesondere auch Flavias Art und ihre Sicht der Welt, die für das besondere Lesevergnügen sorgt. Gewitzt und ironisch erzählt Bradley von Flavias Ermittlungen und es ist eben auch der schräge Kontrast der Giftmischerin, die sich hinter der unschuldigen, kindlichen Fassade verbirgt, der den Charme der Geschichte ausmacht.

Der Fall entwickelt sich dabei durchaus spannend. Flavia sammelt eifrig Aussagen und Indizien und kommt schon bald auf die Spur der wahren Hintergründe der Tat. Doch Flavias Ermittlungen dienen nicht nur dazu ein Verbrechen aufzuklären, sie sorgen auch für eine ganz ungewohnte Nähe zwischen Vater und Tochter in einem ansonsten eher unterkühlten Familienleben.

Der Vater, Colonel de Luce, weiß nach dem Tod seiner Frau nicht so Recht etwas mit den drei Töchtern anzufangen. Um das Wohlergehen der Kinder scheint sich eher die Haushälterin Mrs. Mullet zu kümmern, während der Vater sich lieber im Arbeitszimmer hinter seiner Briefmarkensammlung verschanzt. Erst durch die Ermittlungen kommt Flavia ihrem Vater überhaupt einmal ein Stückchen näher und so erzählt „Mord im Gurkenbeet“ ein Stück weit auch eine tragische Familiengeschichte im Spiegel ihrer Zeit.

Alan Bradley hat mit seinem Romandebüt einen hochgradig unterhaltsamen Krimi abgeliefert, der sich flott und spannend herunter liest. Flavia ist seit Langem die sympathischste Krimiheldin, die mir untergekommen ist, und mit seiner gewitzten, ironischen Art die Geschichte zu erzählen, bewegt Alan Bradley sich nicht all zu streng innerhalb der Grenzen des Genres. Zum Ende hin entwickelt der Plot gar noch einiges an Dramatik, als Flavia im Showdown dem Mörder gegenüber steht.

_Alles in Allem_ ist „Flavia de Luce – Mord im Gurkenbeet“ ein herausragendes Lesevergnügen. Alan Bradley hat die Vorschusslorbeeren auf seinen Roman nicht ohne Grund geerntet. Flavia ist eine Titelheldin, die vom Fleck weg sympathisch ist und durch ihre hartnäckige Ermittlungsarbeit und ihre messerscharfe Kombinationsgabe begeistert. „Mord im Gurkenbeet“ ist spannend, schräg, gewitzt und hochgradig unterhaltsam und fährt damit eine stimmige Mischung auf, die zu überzeugen weiß.

|Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
ISBN-13: 978-3764530273|
Originaltitel: |The Sweetness at the Bottom of the Pie|
Aus dem Englischen von Gerald Jung, Katharina Orgaß

Roszak, Theodore – Schattenlichter

Dan Brown ist vermutlich einer der bekanntesten Autoren, die in ihren Büchern Spannung mit Religion verbinden. Viele haben ihn seitdem kopiert, die meisten eher weniger erfolgreich. Einer, der schon vor Brown da war, ist der Autor und Geschichtsprofessor Theodore Roszak, auch wenn sein Roman „Flicker“ in deutscher Übersetzung erst nach Brown erschienen ist. Tatsächlich wurde das Buch, auf Deutsch „Schattenlichter“, aber im Original bereits 1991 veröffentlicht – und hat vielleicht ein größeres Publikum verdient als Browns Bücher.

_Jonathan Gates_, der Ich-Erzähler, berichtet auf über 800 Seiten darüber, wie seine Liebe zum Kino entstanden ist und wohin sie ihn letztendlich führt. Dabei beginnt alles sehr harmlos in Los Angeles Mitte der 50er Jahre. Das für sein ausgewähltes Programm berüchtigte Untergrundkino Classic wird für den jungen Jonathan ein beliebter Treffpunkt. Er verliebt sich in die spröde, attraktive Clare, die Besitzerin des Kinos, und sie nimmt sich des Jüngeren an, um ihn in der Wissenschaft des Films zu unterrichten. Clare ist dabei allerdings sehr kritisch. Kommerzielle Filme sind ihr zu dumpf, künstlerische Filme häufig zu etepetete.

Der deutsche Regisseur Max Castle ist ihr beispielsweise ein absoluter Dorn im Auge. Seine Filme sind für sie Schund, da es sich hauptsächlich um B-Movies mit Titeln wie „Das Blutschloss“ oder „Graf Lazarus“ handelt. Doch Jonathan entdeckt während des Schauens, dass die Filme wesentlich mehr sind als bloß Filme. Die Beklemmung und andere negative Gefühle die sie erzeugen, sind außergewöhnlich. Max Castle wird immer mehr zu einer Obsession für Jonathan. Er möchte herausfinden, was diesen Regisseur ausgezeichnet hat und woher die Wirkung seiner Filme kommt, welche ausgefallenen Schnitttechniken er verwendet.

Clare schlägt ihm, der Filmwissenschaften studiert hat, schließlich vor, seine Doktorarbeit über Max Castle zu schreiben. Das Problem: Seine Filme sind zum Großteil verschollen. Auf der Suche nach den wertvollen Rollen spricht er mit diversen Akteuren aus Castles Leben – und entdeckt dabei, dass dieser zu einer merkwürdigen Vereinigung gehört hat, die sich „Sturmwaisen“ nennt. Und die sehen gar nicht gerne, was er da treibt …

_Das Auffälligste_ an „Schattenlichter“ ist sein Umfang. Über 800 Seiten bringt man normalerweise eher mit Fantasy in Verbindung, doch Roszak hat nichts in dieser Richtung geschrieben. „Schattenlichter“ ist vielmehr die Bibel für jeden Filmfreund, doch auch der Laie kann das Buch ohne Probleme lesen. Roszak erklärt viel, so dass man die wenigen Fachbegriffe auch versteht. Darüber hinaus wird leicht ersichtlich, wie umfangreich die Recherchen des Autors gewesen sein mussten. Das Buch strotzt nur so vor Details, wirkt aber nie überladen. Dabei wird nicht immer ersichtlich, ob diese Details fiktiv oder wahr sind. Wer nach der Lektüre des Buchs den Namen „Max Castle“ bei Wikipedia eingibt, muss nämlich enttäuscht feststellen, dass es sich dabei um einen fiktiven Regisseur handelt. Roszak beschreibt dessen Leben und auch seine Filmografie aber so anschaulich und ausführlich, dass leicht der Eindruck entsteht, dass Max Castle wirklich einmal gelebt hat.

Der Autor lässt sich sehr viel Zeit mit seiner Geschichte. Es vergehen einige Seiten, bis Max Castle überhaupt seinen ersten Auftritt hat, denn Roszak beschreibt zuerst, wie Jonathan und Clare sich kennen lernen und wie sich ihre Beziehung entwickelt. Anders als erwartet stellen diese und andere Nebenhandlungen jedoch kein Problem dar. Sie unterstützen eher noch die Spannung, weil sie die Spur Max Castle immer wieder unterbrechen, hinauszögern oder ihr ungewollt Zunder geben. Gerade am Anfang sind die Hinweise auf Castles Verbindungen zu den Sturmwaisen sehr rar gesät. Dadurch wird die Geschichte sehr mitreißend. Als Leser ist man ständig auf der Hut, damit man auch ja keinen der kleinen Hinweise verpasst. Am Ende verzichtet Roszak jedoch auf unnötige Elemente. Er wendet sich von seiner vorherigen Herangehensweise ab und beschränkt sich auf das Wichtigste. Dieser Umschwung fällt auf, dem einen oder anderen vielleicht auch negativ, doch der Autor kann dies mit seinem sauberen Schreibstil ausbügeln.

Hauptfigur und Ich-Erzähler Jonathan braucht, genau wie die Geschichte, seine Zeit, bis sein Charakter wirklich deutlich wird. Dennoch wirkt er fast das gesamte Buch lang eher wie ein Katalysator für die Geschichte als wie eine richtige Hauptfigur. Seine Gedanken und Gefühle werden häufig durch die Ereignisse, Zusatzinformationen oder Schilderungen verdrängt. Am Anfang steht sogar Clare mehr im Mittelpunkt als er und man erfährt seinen Namen erst Seiten später. Allerdings ist dies in gewisser Hinsicht auch geschickt, bedenkt man, dass Jonathan gerade in seinen Anfangsjahren als Filmstudent sehr stark von Clare beeinflusst wurde und keine eigene Meinung hatte. Das ändert sich mit der Zeit in dem Maße, in dem er immer mehr in den Vordergrund rückt.

_Ein solches Monstrum_ von Buch kann man nur erschaffen, wenn man wirklich schreiben kann. Gerade die gemächlicheren Teile des Romans würden sonst in Orgien der Langeweile ausarten. Zum Glück schreibt Roszak von der ersten Seite bis zur letzten flüssig, angenehm intelligent und sehr abwechslungsreich. Weder Humor noch Stilmittel lenken dabei von der eigentlichen Geschichte ab. Er bleibt nüchtern, aber dennoch detailliert, so dass der Leser sich alles gut vorstellen kann.

Und der Vergleich mit Dan Brown? In Anbetracht der Tatsachen, dass Roszak unglaublich gut schreibt, die Handlung weniger reißerisch, dafür aber wesentlich realistischer ist und dass er die Spannung geschickt und langsam aufbaut, besteht keine Verwechslungsgefahr. „Schattenlichter“ ist ein großartiger Roman, der viel Zeit in Anspruch nimmt, aber auch entsprechend viel zu bieten hat.

|Originaltitel: Flicker
Aus dem amerikanischen Englisch von Friedrich Mader
878 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3453525740|
http://www.heyne.de

Howe, Katherine – Hexenbuch von Salem, Das

Die Hexenprozesse von Salem sind eine traurige historische Wahrheit. In dem kleinen Ort in Neuengland kam es um 1692 zu einer ganzen Reihe von Anschuldigen, Prozessen und Hinrichtungen. Dies geriet zu einem kleinen Flächenbrand, denn die Anschuldigen breiteten sich über die Stadtgrenzen Salems hinaus aus.

Was waren die Gründe dafür, dass mehr als 200 Personen der Hexerei bezichtigt wurden und unter Folter aussagen mussten? Die Quellen und Historiker erklären, dass es viele recht unterschiedliche Gründe für die Spannungen gab, die schließlich eskalierten. In der kleinen Gemeinde Salem, die immer wieder von Indianerangriffen bedroht wurde, waren die meisten Siedler Puritaner die eine unabhängige Gemeinschaft bilden wollten, andererseits gab es noch verschiedene Interessengruppen, welche die Handelsbeziehungen um Vordergrund sahen, so dass es grundsätzlich zwei Lager mit unterschiedlichen Interessen gab.

Sicherlich spielt der Aberglaube eine ebenso wichtige Rolle. Es könnte sich auch eine Hysterie unter den Einwohnern entwickelt haben, deren Gründe eine schlechte Ernte, Krankheiten oder einfach abnormes Verhalten gewesen sein könnten.

Die junge Autorin Katherine Howe, deren Familie aus der Nähe von Salem stammt, ist verwandt mit zwei Vorfahren, die in der kleinen Stadt in Massachusetts lebten und Opfer dieser traurigen Tragödie wurden. Elisabeth Proctor wurde der Hexerei angeklagt, überlebte aber den Prozess. Elisabeth Howe dagegen wurde als Hexe in Salem gehängt.

_Inhalt_

An der Harvard Universität ist Connie Goodwin eine der besten Doktoranden. Mit Begeisterung stürzt sich in ihre Doktorarbeit, bei der es auch um die Hexenverfolgung in Neuengland gehen soll – um die Verfolgungen und die Prozesse in Salem.

Ein Anruf von Connies Mutter unterbricht die Recherchen und Nachforschungen, denn die angehende Doktorin soll den Haushalt ihrer seit nunmehr 20 Jahren verstorbenen Großmutter auflösen.

Widerwillig fügt sich Connie dem Wunsch und sucht das alte Haus auf, das dem Küstenstädtchen Marblehead angehört, ganz in der Nähe von Salem. Connie eröffnet sich ein völlig heruntergekommenes, verwahrlostest Haus, und so recht weiß die junge Frau nicht, wo sie damit beginnen soll, Ordnung in das Chaos zu bringen. Da Connie ohnehin schon in der Nähe von Salem sein muss, erhofft sie sich, in den dortigen Kirchregistern und Archiven Informationen über die Hexenprozesse zu finden. Stattdessen findet sie eine alte Bibel, in der auf einem Zettel „Deliverance Dane“ steht, sowie einen alten Schlüssel.

Neugierig beginnt sie mit den Nachforschungen über die Vergangenheit ihrer Großmutter und damit ihrer eigenen Familie. Als sie auf ein vergilbtes Pergament stößt und sie das auf die Spur eines sehr alten Buches bringt, welches Formeln und anscheinend Rezepte enthält, informiert sie ihre Mutter Grace, die nicht wirklich überrascht wirkt. Grace wusste von dem alten Folianten, der sich sehr lange im Familienbesitz befindet. Sie warnt ihre junge Tochter vor weiteren Nachforschungen, die zu gefährlich wären …

Als merkwürdige Dinge geschehen, die sich Connie rational nicht erklären kann, befindet sie sich bereits in höchster Gefahr.

_Kritik_

Katherine Howe lässt ihren Roman „Das Hexenbuch von Salem“ in zwei zeitlich unabhängigen Zeitebenen spielen. Primär wird die Handlung durch Connie in der Gegenwart erzählt, aber es kommt auch immer wieder zu Rückblenden in die Vergangenheit, in die Zeit der Hexenverfolgungen und Prozesse in Salem.

Die eigentliche Spannung findet aber in der Vergangenheit statt, hier wirkt sie viel greifbarer und atmosphärisch dichter als in der Gegenwart von Connie Goodwin. „Das Hexenbuch von Salem“ ist eher ein Frauenroman und befasst sich mit der familiären Vergangenheit der Autorin, die sich aber offensichtlich etwas schwergetan hat damit, ihrer Erzählung einen strikten Leitfaden zu geben.

Hier geht es weniger um historische Ereignisse, vielmehr handelt der Roman von okkulten Methoden. Die Autorin konzentrierte sich viel mehr auf magischen Okkultismus, was die Frage aufwirft, ob die Autorin selbst aktiv daran glaubt. Die Hexenprozesse in Salem sind nur der Türöffner für eine fantastische Geschichte, deren historische Motive und Recherchen im Schatten bleiben. Für die Handlung wäre es vorteilhafter gewesen, Connie und ihre Nachforschungen als Einleitung zu benutzen und sich nur auf die Hexenverfolgungen und Prozesse in Salem zu konzentrieren.

_Fazit_

„Das Hexenbuch von Salem“ ist nur bedingt zu empfehlen. Katherine Howe hätte ihre Geschichte lieber völlig zur Zeit der traurigen Ereignisse in Salem spielen lassen sollen. Konzentriert man sich auf diese Episoden im Roman und blendet die Geschehnisse um Connie aus, so wäre dies ein durchaus großartiger Roman geworden. Schade, denn der Roman hält so nicht das, was der Leser sich davon vielleicht verspricht. Die Erwartungshaltung war hoch, das Resultat leider ein wenig ernüchternd.

|Originaltitel: The Physick Book of Deliverance Dane
Originalverlag: Hyperion
Aus dem Amerikanischen von Judith Schwaab
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-20356-7|
http://www.katherinehowe.com
[Verlagsspezial]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=16773

Schriever, Tomke – Und dann war Stille

_Durch Zufall_ ist die Hamburger Psychotherapeutin Hannah Tergarten vor wenigen Monaten in eine Geiselnahme geraten. Der Täter wurde gefasst und wartet nun auf seinen Prozess, Hannah ist zur Verarbeitung in einen einsamen Burgturm in Ostfriesland gezogen. Während sie sich auf den Prozess und ihre Zeugenaussage vorbereitet, versucht sie gleichzeitig, sich in dem kleinen Ort einzuleben.

Einer ihrer ersten Patienten ist die siebzehnjährige Anneke. Das sympathische Mädchen hat Beziehungsprobleme, da sie gern mit ihrem Schwarm Ubbo auf ein Fest gehen will, aber auch die Reaktion ihres altmodischen Vaters fürchtet. Hannah schickt sie mit ein paar guten Ratschlägen weg und misst dem Vorfall keine weitere Bedeutung bei.

Am nächsten Tag wird das Mädchen tot in der Teigmühlenmaschine der Eltern gefunden. Diagnose: Selbstmord, wohl unter Drogeneinfluss. Hannah kann nicht glauben, dass die lebenslustige Anneke sich umgebracht haben soll, ihr Verdacht fällt auf den unsympathischen Ubbo. Während ihrer Nachforschungen trifft sie den ehemaligen SEK-Beamten Enno Heeren, der bei der Geiselnahme schwer verletzt wurde und nun auf Krücken geht. Da Hannah noch unter ihrem Trauma leidet, ist sie zunächst misstrauisch, findet in Enno aber Unterstützung. Neben Annekes Tod setzt der Prozess sie unter zusätzlichen Druck und auch der Geiselnehmer hat noch eine Rechnung offen …

_“Und dann war Stille“_ bildet den Auftakt der Reihe um die Psychotherapeutin Hannah Tergarten, die gleich bei ihrem ersten Auftritt in ein mörderisches Abenteuer verwickelt wird. Schauplatz der Handlung ist Ostfriesland, das die Autorin mit dezentem Lokalkolorit einbaut und eine schöne Kulisse für ihren Roman schafft, die ein sympathisches Bild von Umgebung und Einwohnern macht.

|Spannende Handlung|

Die Spannung spielt sich auf zwei Ebenen ab, die beide unabhängig voneinander Hannahs Leben bestimmen. Da ist einmal die überstandene Geiselnahme, unter deren Nachwirkungen Hannah immer noch leidet. Während der größte Teil des Romans aus Hannahs Sicht erzählt wird, gibt es kleine Einschübe eines personalen Erzählers, der aus dem Gefängnis berichtet, in dem der Geiselnehmer Edgar Kusniz einsitzt. Dieser Teil konzentriert sich auf die Küchenhelferin Sigrid, deren Sohn einer der Insassen ist, den sie verzweifelt versucht, im Gefängnis vor Übergriffen der Mitinsassen zu beschützen. Dabei spielt Edgar Kusniz keine unwesentliche Rolle, der noch lange nicht mit seiner drohenden Verurteilung abgeschlossen hat und stattdessen einen perfiden Plan schmiedet, in den er die ahnungslose Hannah einbaut.

Zum Anderen fesselt die Frage, unter welchen Umständen die liebenswerte Anneke ums Leben kam, die der Leser nur kurz kennenlernen durfte. Es ist schwer vorstellbar, dass Anneke freiwillig Drogen genommen haben soll und auch für einen so grauenvollen Selbstmord in der Teigmaschine gibt es keinen wirklichen Anlass. Die Polizei legt den Fall jedoch schnell zu den Akten, was Hannah Tergarten umso mehr empört. Sie glaubt, dass der eiskalte Ubbo, der im Nachhinein die Beziehung zu Anneke leugnet, seine Hände mit im Spiel hatte – entweder, indem er Anneke bewusst ermordete oder, indem er ihr zumindest Drogen unter mischte, die sie unzurechnungsfähig machten. Aber Beweise zu finden ist schwer, zumal die Polizei Hannah eher für hysterisch hält und nicht alles unbedingt nur auf Ubbo hindeutet – der allerdings stellt sich offen gegen Hannah, dreht nachts auf dem Motorrad seine Runden um ihren Turm und sorgt für eine zusätzliche Bedrohung.

|Solide Charaktere|

Hannah Tergarten entpuppt sich als recht sympathische Protagonistin, die sich gewiss für eine Krimireihe eignet. Schön ist vor allem, dass sie keinen Hehl daraus macht, dass Psychologen keine Hellseher sind und sie in der Beurteilung von Menschen genauso daneben liegen kann wie alle anderen auch. Die traumatischen Erfahrungen bei der Geiselnahme hängen ihr noch deutlich nach und es ist interessant zu sehen, dass auch eine Psychotherapeutin nicht davor gefeit ist, von ihren Ängsten überwältigt zu werden. Ihr Fachwissen wird dezent untergebracht und ist angenehmer Weise nie dozierend.

Ein anfangs zwielichtiger Charakter ist der ehemalige SEK-Beamte Enno, der Hannah nach zu stellen scheint, und auch als sie seine Identität kennt, steht sie ihm noch misstrauisch gegenüber. Interessant ist seine Rolle in dem Geiseldrama, die sich sowohl Hannah als auch dem Leser erst allmählich enthüllt und seine Entwicklung vom eher finsteren Gesellen zu Hannahs Mitstreiter und Vertrauensperson. Recht vielschichtig sind auch Annekes Angehörige. Ihre Mutter Susanne erleidet an einen Nervenzusammenbruch, der streng religiöse Vater ist seltsam unnahbar, die Tante sucht Hannah in ihrer Praxis auf und weist sie auf das besorgniserregende Verhalten von Annekes kleiner Schwester Tinka hin. Hannah wird nicht warm mit dieser Familie und lässt nicht den Verdacht aus den Augen, dass auch einer von ihnen mit Annekes Tod zu tun haben könnte, und sucht doch immer wieder den Kontakt, um die Wahrheit herauszufinden.

|Ein paar Schwächen|

Auf dem Weg zur Klärung des Falls spielt immer wieder der Zufall Hannah in die Hände. Vor allem das Finale aber wirkt zu konstruiert, indem mehrere Personen zufällig zusammentreffen, was ein spektakuläres Actionszenario ergibt, aber eher Effekt haschend als realistisch ist. Etwas schwammig ist außerdem Hannahs Verhalten bezüglich der Geiselnahme: Einerseits hat sie offenbar einige Details verdrängt und leidet darunter, andererseits unternimmt sie zu wenig, um hinter die Fakten zu kommen, die sie vergessen hat. Etwas fragwürdig ist auch die Entwicklung von Liebesgefühlen zwischen Enno und Hannah, die eher plump erscheinen und nicht so recht nachvollziehbar sind. Es wirkt eher gezwungen, dass die beiden schließlich ein zaghaftes Liebespaar bilden, als dass es sich aus der Handlung ergäbe.

_Als Fazit_ bleibt ein solider Krimi, der den Auftakt der Reihe um eine Psychotherapeutin bildet. Die Handlung ist recht spannend, die Charaktere nicht uninteressant, allerdings erhebt sich der Roman letztlich nicht über den Durchschnitt hinaus. Kann man lesen, muss man nicht.

_Die Autorin_

Tomke Schriever ist das Pseudonym der Autorin Helga Glaesener. Glaesener, Jahrgang 1955, studierte zunächst Mathematik, ehe sie nach ihrem Umzug nach Ostfriesland mit dem Schreiben begann. Gleich ihr erstes veröffentlichtes Buch „Die Safranhändlerin“ brachte ihr Erfolg. Sie schreibt vor allem Historienromane wie „Safran für Venedig“, „Die Rechenkünstlerin“ und „Wespensommer“.

|Broschiert: 360 Seiten
ISBN-13: 978-3499248603|
http://www.rowohlt.de/
http://www.helga-glaesener.de/

Gardiner, Meg – Strafe, Die

Für „Die Beichte“, den ersten Thriller mit der forensischen Psychiaterin Jo Beckett, hat die Autorin Meg Gardiner viel Lob eingeheimst. Mit „Die Strafe“ hofft sie diesen Erfolg wiederholen zu können – was ihr im Großen und Ganzen auch gelingen dürfte.

_Jo Beckett_ wird eines Tages zum Flughafen gerufen. Ein Passagier gebärdet sich wie wild in einer gelandeten Maschine. Nachdem er noch im Flug versucht hat, den Notausgang zu öffnen, hat er sich im Klo verbarrikadiert und verhält sich äußerst aggressiv. Als Jo dazu kommt, tut er so, als ob nichts geschehen wäre. Wenig später hat er einen Anfall und bereits im Krankenwagen kann Jo die Diagnose stellen: Ian Kanan leidet an anterograder Amnesie. Während seine Erinnerungen unangetastet bleiben, hat eine Gehirnverletzung sein Kurzzeitgedächtnis außer Betrieb gesetzt. Er vergisst alle fünf Minuten das, was gerade passiert ist.

Woher diese Gehirnverletzung stammt, kann Kanan nicht erklären. Er arbeitete als Aufpasser für Firmenmitarbeiter im Ausland und war gerade in Südafrika auf Mission, wo anscheinend etwas schief gelaufen ist, wie Jo rekonstruiert. Das Einzige, was Kanan im Gedächtnis geblieben ist, ist die Entführung seiner Familie und das Wissen, dass er sie befreien muss – und wer schuld daran ist. Jo findet heraus, dass er bei einem dubiosen Unternehmen angestellt und außerdem früher in einer Spezialeinheit der Army war. Plötzlich hat sie es nicht nur mit einem einfachen Reisenden zu tun, der sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat, sondern mit einem unberechenbaren Scharfschützen. Zusätzlich erkranken Menschen, die mit Kanan im Flugzeug Kontakt hatten, an anterograder Amnesie. Woher hat Kanan seine Verletzung und was hat er vor?

_Meg Gardiner_ ist ein Thriller gelungen, der hauptsächlich durch seine saubere, spannende Handlung besticht. Ausgangspunkt von dieser ist das Szenario der anterograden Amnesie. Gardiner schildert anschaulich, dass ein Mensch ohne Kurzzeitgedächtnis im Alltag ziemlich aufgeschmissen ist. Alleine das zusammen mit Kanans Flucht würde schon Stoff für eine spannende Geschichte bieten, doch die Autorin setzt noch einen drauf. Dadurch, dass Kanan einen militärischen Hintergrund hat und seine eigentlichen Beweggründe lange nicht klar sind, entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik in der Geschichte.

Gardiner nutzt diese Ausgangspunkte, um einen rasanten, spannenden Thriller zu inszenieren. Sie setzt sehr stark auf Action. Trockene Ermittlerarbeit kommt so gut wie gar nicht vor. Das mag dem einen mehr, dem anderen weniger gefallen, aber es schützt „Die Strafe“ vor unnötigen Längen und überrascht. Andere Bücher, in denen die Hauptfigur einen der Kriminalistik nahen Beruf inne hat, sind häufig nicht so kurzweilig, doch hier folgt ein Ereignis dem nächsten. Immer wieder baut die Autorin überraschende Wendungen ein und schafft es tatsächlich, den Leser an sich zu fesseln.

Trotz der Hochspannung ist das Buch aber nicht perfekt. Gardiner hinkt vor allem bei den Charakteren, während ihr flüssiger Schreibstil makellos, aber nicht gerade originell ist. Jo, die Hauptperson, bleibt trotz ihres Status ziemlich blass. Der Leser kommt ihr kaum näher. Es fällt schwer, am Ende der Geschichte zu sagen, was die forensische Psychiaterin nun ausmacht. Gut, man erfährt, dass sie ihren Ehemann verloren hat, dass sie eine ausgeflippte Schwester und einen merkwürdigen Nachbarn mit einem Affen als Haustier hat und außerdem eine Liebschaft mit einem gut aussehenden alleinerziehenden Vater. Doch ihre Charakterzüge sind nicht besonders ausgefeilt. Ihre Hobbys, Leidenschaften, Besonderheiten werden nicht erklärt. Allerdings gilt dies auch für viele andere Charaktere. Selbst Kanan, um dessen Psyche es im Buch ja geht, ist wenig zugänglich.

_“Die Strafe“_ von Meg Gardiner ist ein hochspannender Thriller mit einer originellen Geschichte, viel Action und wenig trockener Ermittlerarbeit. Das die gut geschriebene Story die fadenscheinigen Charaktere überstrahlt, spricht für die Autorin, verhindert aber, dass ihr Roman ein wirkliches Highlight ist.

|479 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3453265967|
Originaltitel: The Memory Collector
Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader
http://www.heyne.de
[Website der Autorin]http://www.meggardiner.com

Ellery Queen – Das Haus auf halber Strecke

Das geschieht:

Auf halbem Weg zwischen New York City und Philadelphia liegt Trenton, Hauptstadt des US-Staates New Jersey. Hier trifft Privatdetektiv Ellery Queen auf der Durchreise einen alten Freund. William Angell ist ein erfolgreicher Anwalt, den derzeit privater Kummer plagt. Seine Schwester Lucy ist seit zehn Jahren mit dem Handlungsreisenden Joseph Wilson verheiratet, der seine Gattin offensichtlich vernachlässigt. Just hat Wilson seinen Schwager in ein einsam gelegenes Haus am Fluss gebeten, wo er sich mit Angell aussprechen möchte.

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Easterman, Daniel – Schwert, Das

Im Laufe der letzten Jahre konnte man in den Medien verfolgen, wie islamische Fundamentalisten immer wieder den „Heiligen Krieg“ ausrufen, den Dschihad, den Kampf auf dem Wege Gottes. Dies ist ein wichtiges Glaubensprinzip, manchmal wird es auch als die sechste Säule des Islams bezeichnet. Doch es gibt auch andere, recht wörtlich genommene Erklärungen dieses Begriffes aus dem Koran und damit aus dem Munde Mohammeds – und in dieser direkten Auslegung leider für viele extremistische und militante Gruppen die Absolution für jeglichen terroristischen Angriff auf die ihnen so fremde westliche Welt.

Zum Wohle Allahs und seines Propheten wird der Koran in diesem Sinne sehr frei interpretiert; viele sehen es daher als ihre heilige Pflicht an, sich für den Kampf gegen die Ungläubigen als Märtyrer zu opfern, um im Paradies ewig zu leben. Aber auch das gesellschaftliche Ansehen steigert sich mit dem Freitod: Für Angehörige des ‚Helden‘ wird finanziell gesorgt und der Name in Ehren gehalten.

Mit dem heiligen Krieg verbinden wir Osama bin Laden und seine Terrororganisation al-Qaida. Charakteristisch ist für diese Terrorgruppe die asymmetrische Kriegsführung, die auch oben erwähnte Selbstmordattentate legitimiert.

Doch innerhalb des muslimischen Kulturkreises gibt es auch kritische Stimmen, die sich gegen jegliche Gewalt aussprechen und terroristische Angriffe mit aller Härte verurteilen. Aber die Fronten sind mehr und mehr verhärtet. Jeder Krieg, jeder Grenzkonflikt in Israel, jeder Freiheitskampf und jeder Anschlag lässt die Spirale der Gewalt länger und länger werden.
Der Autor Daniel Easterman, das Pseudonym für den irischen Nahost-Experten Denis McEion, hat mit „Das Schwert“ einen brisanten, fundierten und aktuellen Roman zu dieser Thematik verfasst – ein erschreckender Politthriller, nachvollziehbar und sehr spannend erzählt.

_Inhalt_

Professor Jack Goodrich lebt mit seiner Frau und seiner Tochter Naomi in der Millionenstadt Kairo. Die multikulturelle Metropole bietet der kleinen und glücklichen Familie ein beschauliches und ruhiges Leben. Jack lehrt an der dortigen Universität, seine Frau ist Sekretärin in der Botschaft und Naomi besucht die internationale Schule. Doch angesichts der Terrordrohungen und Anschläge und der generell unruhigen Lage in den Nachbarländern gilt die persönliche Situation doch als angespannt.

Als ein ägyptischer Freund und Buchhändler Jack bittet, ein altes Artefakt zu begutachten, nimmt dieser das Angebot gerne an, denn sein wissenschaftliches Interesse und die menschliche Neugierde sind geweckt. Der alte Mann präsentiert Jack ein Schwert; die Zeit hat ihre Spuren auf der eindrucksvoll gearbeitete Waffe hinterlassen und die beiliegenden Schriftstücke deuten darauf hin, dass es sich um das persönliche Schwert des Propheten Mohammeds handeln könnte.

Jack zweifelt nicht an der Echtheit des Schwertes und gerät sehr schnell ins Visier eines radikalen, islamistischen Terroristen – Mohammed Al-Masri, ein direkter Nachfahre des letzten Kalifats. Al-Masri sieht sich als von Gott berufen, die muslimische Welt zu einem globalen Dschihad zu mobilisieren: Tod allen Ungläubigen und Rückeroberung der ehemals muslimischen Länder wie Spanien oder Portugal. Al-Masri mit dem Schwert des Propheten Mohammed wäre ein Symbol, das zu einem wahren Sturm auf die westliche Welt aufrufen könnte, einem Konflikt, in dem ausschließlich die Waffen sprechen würden.

Eines Tages wird Jacks Familie überfallen, seine Frau und seine Tochter werden gefoltert und von den Terroristen ermordet, auch der ägyptische Buchhändler ist unter diesen ersten Toten. Gepeinigt vom Verlust, sucht ihn schließlich ein britischer Mitarbeiter des Geheimdienstes auf, um ihm mitzuteilen, dass seine Frau Leiterin des MI6-Büros in Kairo war und seine Tochter Naomi nicht tot ist, sondern von Al-Masris Terrorgruppe entführt wurde, um sie gegen das Schwert einzutauschen. Jack sinnt auf Rache und Vergeltung – Auge um Augen, Zahn um Zahn; aber noch mehr möchte er seine Tochter retten und riskiert dabei nicht nur sein eigenes Leben …

_Kritik_

Im Grunde klingt die ganze Geschichte ja recht unwahrscheinlich und voller Klischees, aber der erste Blick kann auch täuschen. Daniel Easterman hat sein Wissen um die islamisch geprägte Welt mit ihrer Ideologie und Kultur spannend in dieser Handlung durchkonstruiert.

Für uns bleibt die islamische Welt mit ihrer uns so fremden Lebensart und Einstellung wohl ein verschlossenes Buch, und wenn wir es denn öffnen, können wir die Denk- und Handlungsweisen nur schwer positiv oder auch nur neutral betrachten und nachvollziehen. Zu feindselig sind die Fronten der Kulturen verhärtet. Auch wenn Daniel Easterman Islamwissenschaft studiert hat, so erfährt der Leser nicht unbedingt viel von dieser Kultur und ihrem streng religiös geprägten Leben, wohl aber von der Motivation fundamentalistischer Terroristen, die nur aggressiv agieren.

Auch der Ursprung des Schwertes und die Geschichte Mohameds bleiben im Dunkeln. Es gibt zwei Handlungsstränge die sich abwechseln, einmal aus Sicht des Professors Jack Goodrich, zum Anderen des Gegenspielers Al-Masri. Dabei sind beide Charaktere recht eindimensional: Jack war in seiner Vergangenheit Soldat der britischen Spezialeinheit SAS, was ihm natürlich zugute kommt auf der Jagd nach den Terroristen. Al-Masri ist ein charismatischer und gebildeter Mann, der nach Macht und Ansehen strebt und tendenziell leicht größenwahnsinnige Züge zeigt.

Jacks Figur ist dabei noch als realistisch zu bezeichnen; ein Vater und Ehemann, der seine Frau ermordet vorfindet und seine Tochter in den Händen skrupelloser Terroristen sieht, kennt bald nur noch Angriff als die beste Verteidigung. Ob das nun der richtige Weg ist, angesichts der späteren Ereignisse, sei mal so dahingestellt.
Die erzählte Brutalität ist manchmal doch sehr schwer zu verdauen. Folter, Mord und Anschläge werden so kaltblütig und detailreich beschrieben, dass einem schon das Grauen kommt. Es zeigt ein erschreckendes Bild von radikalen, verblendeten Menschen, die aus religiöser und politischer Motivation Herr über Leben und Tod sein möchten und darüber hinaus vergessen, was Ethik und Moral auch in der islamischen Kultur für eine wichtige Rolle spielen.

„Das Schwert“ ist ein spannender und schneller Roman, in dem die Story gar nicht zur Ruhe kommt. Daniel Easterman schreibt unterhaltsam, aber leider zu oberflächlich. Sein Wissen setzt er in einigen Szenen schlüsselreich und richtig ein, doch letztlich bleibt es zu einseitig, da die Grenze zwischen schwarz und weiß, sprich gut und böse, kristallklar gezogen ist. Es geht primär nicht um den Konflikt oder eine anzustrebende Lösung zwischen den verschiedenen Religionen, sondern nur darum, den brutalen Charakter der islamischen Terroristen aufzuzeigen. Verblendet, brutal, rücksichtslos und menschenverachtend – damit wird hier jedes Klischee gleichmäßig bedient.

Wenn Daniel Easterman schon den Islam studiert hat und auch die Regionen kennt, so frage ich mich, warum er sein Wissen nicht genutzt hat, um einen atmosphärisch dichteren Roman zu schreiben, in dem der islamische Terrorismus nicht die Hauptrolle einnimmt, sondern die ursächliche Kultur mit ihren wechselwirkenden Schwierigkeiten im Vordergrund steht. Den wohlwollenden Blick über den Tellerrand mag man hier wirklich vermissen. Die Protagonisten werden schnell und szenengerecht eingeführt, doch bleiben sie immer schablonenhaft und in ihren Handlungen nicht immer nachvollziehbar.

_Fazit_

„Das Schwert“ ist ein unterhaltsamer Thriller, allerdings ohne atmosphärische Dichte oder lehrreiche, interessante Ansätze und Überlegungen. Daniel Easterman weiß gut zu erzählen, aber leider zu kurzweilig für meinen Geschmack. Auch der Showdown war dann doch etwas enttäuschend und wusste nicht zu überzeugen.

Daniel Easterman verfügt über einen pragmatischen Schreibstil mit rasantem Tempo, das den Leser zwar mitreißt, ihn aber literarisch nicht unbedingt umhaut. Ein solider Thriller, der immerhin kurzweilig und spannend, erzählerisch kompakt und deswegen durchaus, wenn auch nur eingeschränkt, zu empfehlen ist.

_Der Autor_

Daniel Easterman, geb. 1949 in Belfast, hat Anglistik, Persisch, Arabisch und Islamwissenschaften studiert. Er arbeitete als Dozent für Islamwissenschaften in Fèz (Marokko) und in England und ist ein gefragter Nahost-Experte. Neben wissenschaftlichen Werken hat er neun Bestseller geschrieben und sich ein internationales Publikum erobert. Daniel Easterman lebt mit seiner Frau in Newcastle.

|Originaltitel: The Sword
Aus dem Englischen von Eva Bauche-Eppers
418 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-7466-2478-5|
http://www.aufbauverlag.de

Wachlin, Oliver G. (Roman); Pflüger, Andreas (Drehbuch) – TATORT: Blinder Glaube

Den TATORT kennt heute selbst jedes Kind. Kaum ein Format kann auf eine längere und erfolgreichere Geschichte im deutschen Fernsehen zurückblicken als die legendäre Krimiserie der ARD. Nun zündete man eine weitere Stufe der Vermarktung. Die beliebtesten Kommissare bzw. Ermittlungsteams gehen nun auch in Buchform auf Verbrecherjagd. Als Vorlage dienen bereits im TV ausgestrahlte Fälle. Derzeit sind es deren Sechs, mit den Mordkommissionen aus Köln, Saarbrücken, Berlin, Bremen, Leipzig und München. Die jeweils 160 bzw 176 Seiten starken Bücher erscheinen seit Ende September 2009 als Broschur bei |Emons| und kosten 8,95 Euro pro Band. Wegen des großen Erfolges ist bereits eine zweite Tranche für Anfang 2010 angekündigt.

_Zur Story_

Ein etwas peinlicher „Arbeitsunfall“ führt die Hauptkommissare Felix Stark und Till Ritter in die Berliner Uni-Augenklinik. Dort treffen sie flüchtig auf eine blinde Patientin, die ebenso wie die Klinik selbst bald Teil ihrer Ermittlungsarbeit werden soll. Die Frau bekommt an diesem Tag, quasi als freiwilliges Versuchskaninchen, einen neuartigen Chip implantiert, der ihr das Sehen wieder ermöglichen soll. Das hoffen alle am prestigeschwangeren „Phydra“-Forschungsprojekt Involvierten jedenfalls. Es wäre eine medizinische Sensation und selbstverständlich ein lukratives Geschäft gleichermaßen. Allerdings erscheint die Chefärztin Dr. Katja Manteuffel nicht zum OP-Termin, weswegen ihre Assistenzärztin Dr. Andresen den anspruchsvollen Eingriff letztendlich vornimmt.

Katja Manteuffel wird zwei Tage später von einigen Jugendlichen tot im Kofferraum ihres Wagens entdeckt. Erschlagen. Bei ihren Nachforschungen treffen Stark und Ritter auf ein wahres Dickicht von Verwandtschaftsverhältnissen, Affären und teils alten Seilschaften zwischen den Doktoren, Firmenrepräsentanten der Cordea AG und dem Forschungsministerium. Diese ganzen Querverbindungen machen es den beiden nicht leichter, überhaupt das Motiv zu finden. Beziehungstat, gekränkte Eitelkeit und Rache – oder wusste Frau Doktor einfach zu viel? Wenn ja: Was? Alles scheint möglich. Zudem mauern alle Beteiligten und machen sich dadurch natürlich erst recht verdächtig. Der Schlüssel zum Rätsel scheint aber der revolutionäre Chip-Prototyp zu sein.

_Eindrücke_

Die vom RBB produzierte TV-Fassung wurde im August 2008 erstmals ausgestrahlt und erweist sich damit als ein recht aktueller Fall mit ebensolcher Thematik. Passend dazu präsentiert sich der moderne Schreibstil, mit welchem Oliver G. Wachlin das Originaldrehbuch von Andreas Pflüger in die Romanform transformiert. Das ist für sich genommen schon keine leichte Aufgabe, da immer die Gefahr besteht, mit den auf dem Bildschirm bereits fest etablierten Filmcharakteren zu kollidieren. Das Ermittlergespann funktioniert in dieser Form immerhin schon seit 2001. Und das sehr erfolgreich. Ein „Aufbohren“ von Drehbüchern ist also eine diffizile Angelegenheit.

Ein Roman erfordert andere Erzählstrukturen und Mittel als die Schauspielerei – und umgekehrt. Die Umsetzung funktioniert hier nicht immer ganz reibungslos. Zwar harmonieren die Figuren recht gut mit ihren Fernsehvorbildern, es herrscht aber ein leichtes Ungleichgewicht zu Gunsten des ewig blanken Möchtegern-Playboys Till Ritter. Dessen Figurenzeichnung fällt wesentlich detaillierter aus als bei seinem stilleren Partner. Der interessantere Typ ist in der Fernsehserie aber eigentlich der ausgeglichene Felix Stark, was er (bzw. Boris Aljinovic) zu einem Gutteil allein mit Gestik und Mimik erzeugt. Das ist etwas, was – im Gegensatz zu Ritters (Dominic Raacke) doch plakativerem Gehabe – im Roman nur sehr schwer abzubilden ist.

Die Story an sich krankt ein wenig am fehlenden Actionanteil und verliert sich aber zuweilen in prinzipiell unnötigen Berliner (Rand-)Geschichtchen. Vielleicht ist es auch nicht unbedingt der am besten geeignete Fall, das ansonsten dynamischere Hauptstadtduo in die Literatur zu entlassen. Eigentlich ist es sogar ein Trio, denn der Oberkommissar Weber (in der Serie: Ernst Georg Schwill) darf logischerweise nicht fehlen. Der kauzige Kriminaltechniker mit der Schiebermütze berlinert sich auch hier bissig-respektlos durch die Ermittlungen und sorgt somit für die nötige Portion Lokalkolorit mit einer Prise Humor. Der kommt im Übrigen auch so nicht zu kurz. Die Schreibe ist insgesamt locker und überaus angenehm zu lesen.

_Fazit_

Steigerungsfähig. Handwerklich ist dem Buch nichts anzulasten, im Gegenteil, es wertet die Vorlage sogar noch auf. Über mehr als solides Mittelmaß kommt „Blinder Glaube“ trotz der durchaus redlichen Bemühungen bei der Umsetzung zum Roman aber nicht hinaus. Er bleibt leichte und schnell verdauliche Krimikost für mal eben zwischendurch, welche natürlich in erster Linie Tatort-Junkies anspricht, grundsätzlich jedoch nicht allein auf diesen Kreis beschränkt ist. Die haben allerdings den tröstlichen Vorteil zu wissen, dass es weitaus bessere Fälle des Berliner Teams gibt, die noch der potentiellen Transformation harren. Der Anfang ist aber gemacht.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Oliver G. Wachlin: „Blinder Glaube“
Begleitbuch zur gleichnamigen ARD-Serie „Tatort-Berlin“
Nach einem Drehbuch von Andreas Pflüger
[Emons-Verlag]http://www.emons-verlag.de/ , September 2009
ISBN-10: 3897056607
ISBN-13: 978-3-89705-660-2
160 Seiten, Broschur

Sigurðardóttir/Sigurdardottir, Yrsa – letzte Ritual, Das

Unter den Skandinavien-Krimis im Allgemeinen hat sich der „Island-Krimi“ längst als eigenständiges Genre herauskristallisiert. In die Reihe vielversprechender isländischer Krimiautoren reiht sich auch die Ingenieurin Yrsa Sigurðardóttir ein, die, während sie in der isländischen Einöde eines der größten europäischen Kraftwerksprojekte als technische Leiterin betreut, Romane schreibt, wenn sie des Abends einsam in ihrer Hütte hockt. Mit „Das letzte Ritual“ hat Sigurðardóttir 2005 ihr Debüt abgeliefert, das ein Jahr später auf Deutsch erschien.

Die Putzkolonne der Universität Reykjavík stößt eines Morgens auf die entstellte Leiche des deutschen Geschichtsstudenten Harald Guntlieb. Der Leiche wurden die Augen entfernt und Runen in die Haut geritzt. Die Polizei kann diese Zeichen nicht so recht einordnen und verhaftet einen Drogendealer, da obendrein kurz vor Haralds Tod ein großer Geldbetrag von dessen Bankkonto verschwunden ist.

Doch Haralds Eltern in Deutschland misstrauen den Ermittlungen der Polizei und schicken ihren Bevollmächtigten Matthias Reich nach Island. Zusammen mit der jungen Anwältin Dóra Guðmundsdóttir soll er den Fall noch einmal neu aufrollen und den wahren Täter finden.

Für Dóra und Matthias bedeuten die Ermittlungen eine Reise in ein dunkles Kapitel der Geschichte, denn Haralds besonderes Interesse galt der Zeit der Inquisition, alten Hexenkulten und dunkler Magie. Dieses Interesse beschränkte sich dabei nicht nur auf Haralds Studienarbeiten, sondern war auch ganz privater Natur. Harald schien ein durch und durch bizarrer Mensch mit einigen geradezu unheimlichen Eigenarten zu sein. Dóra und Matthias suchen nach einem Motiv für den Mord an Harald und erfahren dabei schon bald mehr über dunkle Rituale, als ihnen lieb ist …

Mit „Das letzte Ritual“ hat Yrsa Sigurðardóttir einen durchaus beachtenswerten Debütroman abgeliefert. Man taucht schnell in die Geschichte ein und mit der jungen Anwältin Dóra schickt Sigurðardóttir eine Protagonistin ins Rennen, die einem schnell ans Herz wächst. Mag man ihr auf der einen Seite vielleicht vorhalten, dass ihre Figuren nicht sonderlich vielschichtig sind, so kann man die leichte Zugänglichkeit der Protagonisten durchaus als positiven Faktor verbuchen.

Dóra lebt nach der Scheidung mit ihren beiden Kindern allein und herrscht über einen etwas chaotischen Haushalt. Ähnlich chaotisch scheint es in ihrer Kanzlei zuzugehen, nicht zuletzt dank ihrer unfähigen Sekretärin Bella. Insgesamt ist Dóras Figurenskizzierung bei aller Einfachheit aber auch gut nachvollziehbar angelegt. So ist sie auf Anhieb sympathisch, und auch dieser Faktor trägt nicht unerheblich dazu bei, dass man schnell in die Geschichte eintaucht.

Auch das Zusammenspiel zwischen Matthias und Dóra trägt zum Unterhaltungswert bei. Mit einem ironischen Unterton spielen sich die beiden immer wieder gegenseitig die Bälle zu und lockern die ansonsten eher düstere Geschichte dadurch sehr gut auf. Die Ermittlungsarbeit ist dabei zunächst eine eher nüchterne Angelegenheit. Dóra arbeitet eine Mappe mit Unterlagen zu Haralds Lebensweg durch, die Stück für Stück seine Persönlichkeit nachskizzieren.

Einzelheiten zu den Geschehnissen in der Mordnacht und zu den Hintergründen der Tat tauchen erst im Laufe der Ermittlungen auf, als sich ein Puzzleteil in das andere zu fügen beginnt. Aufbau und Spannungsverlauf sind so gesehen auch recht klassisch. Der Leser wird durch Andeutungen und Perspektivenwechsel bei Laune gehalten. Zum Ende hin dreht Sigurðardóttir dann noch einmal kräftig an der Spannungsschraube, so dass der Roman wahre Page-Turner-Qualitäten entwickelt. Das tröstet über kleinere Hänger in den ersten zwei Dritteln des Buches locker hinweg. Sigurðardóttir erfindet eben nicht das Genre neu, sondern liefert einen gut durchdachten und cleveren Krimi ab, der obendrein durch seine interessant gewählte Thematik zu überzeugen weiß.

Die Autorin hat offensichtlich viel recherchiert und streut damit einiges Wissen zum Thema Hexenverfolgung in die Handlung ein. Das gibt dem Ganzen eine besondere Würze und trägt ebenfalls zur Spannung bei. Sigurðardóttir bleibt dabei aber stets auf dem Teppich und driftet nicht zu sehr ins Übernatürliche ab.

Bleibt unterm Strich ein durchaus positiver Eindruck zurück. Sigurðardóttir schickt mit Dóra und Matthias zwei sympathische Protagonisten ins Rennen, erzählt gewitzt und mit eingängigem Schreibstil und dreht mit fortschreitender Handlung dermaßen an der Spannungsschraube, dass man das Buch kaum zur Seite legen mag. Die geschichtlichen Details zum Thema Hexenverfolgung und die bizarre Persönlichkeit des Mordopfers sind dabei das Salz in der Suppe. Alles in allem ein durchaus gelungenes Debüt, nach dessen Lektüre man sich am liebsten sofort in den Nachfolgeroman [„Das gefrorene Licht“ 4547 vertiefen möchte.

http://www.fischerverlage.de

Child, Lee – Way Out

_Das geschieht:_

Jack Reacher, freiwillig heimatlos durch die USA vagabundierender Ex-Militärpolizist, wird in einem Café in New York City zufällig Zeuge einer Lösegeld-Übergabe. Kate, Ehefrau des millionenschweren ‚Sicherheitsberaters‘ Edward Lane, wurde zusammen mit Jade, ihrer achtjährigen Tochter aus erster Ehe, entführt. Gegen die Zahlung von einer Million Dollar sollten Gattin und Stieftochter freikommen, doch die Kidnapper hielten ihr Versprechen nicht.

Reacher bietet seine Hilfe an. Er weiß: Die Verbrecher wollen ihr Opfer weiter ‚melken‘. In der Tat wird wenig später eine weitere Geldforderung erhoben. Fünf Millionen Dollar zahlt Lane, ohne auch dieses Mal zu zögern, denn vor fünf Jahren hatte man Anne, seine erste Frau, entführt und umgebracht, als die Polizei ins Spiel kam. Dieses böse Ende sieht Reacher neuerlich nahen, denn er glaubt trotz Lösegeldzahlung nicht an ein Freikommen von Mutter und Tochter.

Patricia Joseph, Annes jüngere Schwester, hält Lane für einen Psychopathen, der seine ihm lästig gewordene Erstgattin ermorden ließ. Seitdem überwacht sie den Ex-Schwager und hofft, ihn bei einer entlarvenden Unvorsichtigkeit zu ertappen. Ohne Patricias Wissen blieb auch Lauren Pauling auf Lanes Fersen. Sie war vor fünf Jahren die im Entführungsfall Anne Lane zuständige FBI-Agentin. Den Tod des Opfers hat sie nie verwunden und ihren Abschied genommen. Jetzt werden beide Frauen Reachers Verbündete.

Der Fall ist komplizierter, als alle Beteiligten ahnen. Lane, tatsächlich Leiter einer privaten Söldnertruppe, die für Geld überall in der Welt kämpft, hat bei einem gescheiterten Einsatz zwei Männer zurückgelassen, die wider Erwarten überlebten und Rache an ihrem Dienstherrn nehmen wollen – oder ist auch dies nur eine Theorie, die sich in Luft auflöst, während die Uhr für Kate und Jade endgültig abläuft …?

_Hit the bad boys, Jack!_

Grundsätzlich bleibt alles beim Alten: Jack Reacher lässt sich durch die USA treiben, beobachtet Land und Leute, und weil er ein wenig schärfer sieht als seine Zeitgenossen, wird er wieder einmal Zeuge einer Tat, hinter der sich nicht nur ein Verbrechen, sondern – das ist wichtig – ein Unrecht verbirgt, das offiziell und durch das Gesetz nicht geahndet werden kann. So etwas bringt ihn auf, denn Reacher, der sonst „sein Leben bis ins kleinste Detail immer so ein[richtet], dass er sekundenschnell aufbrechen konnte“ (S. 6), besitzt eine Achillesferse: Er ist ein Moralist, der sich auf die Seite der Schwachen und Wehrlosen stellen muss, wenn er ihnen begegnet.

Damit beginnen harte Zeiten für die sogenannten Starken, die sich gewaltsam und hinterlistig Privilegien aneignen und diejenigen schurigeln, die sich an die Regeln halten. Einer wie Reacher ist mindestens ebenso rücksichtslos wie sie, denn „das Reue-Gen fehlte in seiner DNA. Total. Es existierte einfach nicht.“ (S. 445) Seine Gegner begreifen stets ein wenig zu langsam, dass es ihnen nun mit gleicher Münze heimgezahlt wird. Das spricht wohlig des Lesers Gerechtigkeitssinn an, in dessen Hirn ein kleiner, meist gut verborgener Winkel existiert, wo die Selbstjustiz haust.

Lee Childs Schurken sind Abschaum, und in den Reacher-Romanen bekommen sie anders als im realen Leben, was sie verdienen. Meint Child es ernst mit diesem Vigilantentum, oder ist es nur Theaterdonner, der ein Buch spannender und besser verkäuflich machen soll? Die Frage ist generell und hier besonders unwichtig, wenn es gelingt, den Gutmenschen-Reflex auszuschalten, eine spannende Geschichte als spannende Geschichte zu akzeptieren und sich unterhalten zu lassen.

Das schafft Child auch dieses Mal vorzüglich. Action-Thriller sind keineswegs so einfach zu schreiben, wie viel zu viele ‚Autoren‘ dies glauben. Auch eine rasante Geschichte will sauber konstruiert und entwickelt sein, soll sie ihre Wirkung vollständig entfalten. „Way Out“ ist keine simple Hetzjagd von Punkt A nach B und C und so weiter, die Story hält ihr Tempo ohne Durchhänger und verliert auch angesichts rasanter Wendungen den Anschluss nicht.

_Hit the road, Jack!_

Mit dem ersten Satz wird der Leser in die mit Volldampf anlaufende Handlung gerissen. Pausen wird es (bis auf die obligatorische, bei Child traditionell peinlich-lächerliche und glücklicherweise einzige Liebesszene) nicht geben: Jeder Rückblick in die Vergangenheit, jede Gefühlsäußerung steht im Dienst der Story. Wer seinen Thriller mit Seelenpein und Beziehungskisten liebt, sollte sich die Lektüre von „Way Out“ verkneifen; wer seifenoperlich verschnittene Thriller hasst und in dieser Hinsicht ein vielfach gebranntes Kind ist, kennt und schätzt Reacher längst.

Ökonomisch schreiben zu können, ist eine kostbare Gabe. Child hat ein wunderbares Gefühl für Timing. Das Geschehen schlägt immer wieder Haken in unerwartete Richtungen. Sorgfältig konstruiert der Autor Handlungsstränge, die sich als Irrwege entpuppen. Bevor man bewundern kann, wie man schon wieder elegant an der Nase herumgeführt wurde, geht es ähnlich trügerisch weiter. So mancher gefeierte Thriller-Autor mit Bestsellerlisten-Präsenz kann Child (nicht nur) in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen. Last-Minute-Überraschungen setzt er nicht auf, sondern integriert sie in die Handlung.

Jack Reacher ist ein Mann mit Sinn für Details. Sie zu beachten, musste er lernen, sie sich zunutze zu machen, hat er zu einer Kunst entwickelt. Auch Child schwelgt in Einzelheiten. Er beschreibt scheinbar unwichtige Alltäglichkeiten wie eine Tür oder sogar nur ein Türschloss mit einer Intensität, die deutlich macht, dass man solche Passagen im Hinterkopf behalten sollte. Viele Seiten später kann ein Detail zum Hebel werden, mit dessen Hilfe sich ein Rätsel lösen lässt, das sich über den halben Erdball erstreckt. Auch dies wirkt nie aufdringlich, sondern entspringt flüssig dem Geschehen.

_Hit the Union, Jack!_

Weite Reisen ins Ausland sind oft Element eines Reacher-Romans. Sie zeigen den Einzelkämpfer als Meister der Improvisation, der auf fremden Boden und ohne Rückendeckung erst recht zur Hochform aufläuft. Dieses Mal gönnt sich Child ein Heimspiel: Das große Finale von „Way Out“ spielt in England. Ausgerechnet Lee Child, der die USA so prägnant als Schauplatz und ihre Bewohner als Figuren seiner Romane zu schildern weiß, ist gebürtiger Brite. Trotzdem – oder gerade deswegen? – gelingt es ihm, ’sein‘ Land aus Reachers Blickwinkel und damit wie ein Fremder zu betrachten.

Ein trockener, kaum wahrnehmbarer Humor ist oft mehr zu ahnen als zu bemerken. Zu den Schauplätzen von „Way Out“ gehört unter anderem das Dakota Building in New York City, in dem Edward Lane feudal residiert. Es ist berühmt geworden als Wohnort von John Lennon, und seine Witwe lebt noch heute hier. Mehrfach stellt Reacher die Frage, ob Lane oder einer seiner Söldner „Yoko“ (Ono) gesehen haben – ein running gag, bis Reacher die berühmte Frau in einem Nebensatz schließlich trifft.

In Sachen Körpereinsatz geht Child deutlich weniger subtil vor. Reacher ist ein Profi, was seiner Meinung nach Gewalt als selbstverständliches Mittel zum Zweck einschließt. Anders als Lane ist Reacher allerdings kein Soziopath, der Vergnügen an Schmerz und Tod findet. Kühl und effizient geht er vor, und Child setzt seine Leser brutal deutlich über die Folgen ins Bild. Trotzdem gehört „Way Out“ keineswegs in einen Topf mit den heute so publikumswirksamen Killer-Thrillern, deren Verfasser sich im Ausdenken bizarrer Folter- und Todesmethoden zu übertreffen versuchen.

Deshalb hält die Spannung auch zwischen den Höhepunkten an; es gibt keine langweilige Passagen, die übersprungen werden müssen – eine Verhaltensweise, die für die Leser von Thrillern fast schon selbstverständlich geworden ist -, weil Child es nicht nötig hat, seine Geschichte mit faulen Tricks auf Länge zu bringen. Auf Seite 448 ist der Spuk vorbei. Er schleppt sich nicht mühsam mit nachträglichen ‚Überraschungen‘ dahin, sondern bringt die Handlung von „Way Out“ zu ihrem logischen Ende und stellt in zwei Schlusssätzen den status quo für Reachers elften Auftritt her. Auf den freut man sich; eine Reaktion, die mancher andere Serienheld schon nach dem zweiten oder dritten Auftritt nicht mehr hervorzurufen vermag …

_Der Autor_

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er unter anderem hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/“Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/“Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“) aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei Null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website: http://www.leechild.com.

Die Jack-Reacher-Romane erscheinen in Deutschland im |Heyne| (Bd. 1, 2) und im |Blanvalet| Verlag (ab Bd. 3):

1. Killing Floor (1997, dt. „Größenwahn“)
2. Die Trying (1998, dt. [„Ausgeliefert“) 905
3. Tripwire (1999; dt. [„Sein wahres Gesicht“) 2984
4. Running Blind (aka „The Visitor“, 2000; dt. [„Zeit der Rache“) 906
5. Echo Burning (2001; dt. [„In letzter Sekunde“) 830
6. Without Fail (2002, dt. „Tödliche Absicht“)
7. Persuader (2003, dt. [„Der Janusmann“) 3496
8. The Enemy (2004, dt. [„Die Abschussliste“) 4692
9. One Shot (2005; dt. [„Sniper“) 5420
10. The Hard Way (2006; dt. „Way Out“)
11. Bad Luck and Trouble (2007; noch kein dt. Titel)
12. Nothing to Lose (2008; noch kein dt. Titel)
13. Gone Tomorrow (2009; noch kein dt. Titel)
14. 61 Hours (2010; noch kein dt. Titel)

_Impressum_

Originaltitel: The Hard Way (London : Bantam Press 2006/New York : Delacorte Press 2006)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2009 (Blanvalet Verlag)
448 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-7645-0236-6
http://www.blanvalet-verlag.de

Cain, Chelsea – Gretchen

Das „Böse“ ist faszinierend. Doch warum ist es das? Das psychologische Profil von Serienmördern ist für Psychologen und Profiler der Ermittlungsbehörden ein packendes Thema. Man sagt, Genie und Wahnsinn lägen nahe beieinander, und vielleicht ist durchaus etwas Wahres an dieser These. Um einen Serienmörder aufzuspüren, muss man ihn psychologisch und gedanklich analysieren, um seine Taten zumindest verstehen zu können. Doch diese Methodik kann auch eine Gefahr für den Psychologen darstellen, denn wer begibt sich schon gerne in die seelischen Abgründe von Sadisten und Mördern? Kann hier eine Abhängigkeit entstehen oder noch schlimmer eine Sympathie, ein Verstehen für solch mörderisches Gedankengut?

Die Autorin hat mit ihrer Protagonistin Gretchen Lowell eine teuflisch, raffinierte Serienmörderin erschaffen, die schon in „Furie“ und „Grazie“ ihre Leser faszinierte.

Gretchen Lowell ist eine Psychopathin, die in den Medien als die „Beauty-Killerin“ bezeichnet wird. Sie hinterlässt auf ihren Opfern in Fleisch geschnitzte Herzen, eine makabere Visitenkarte. Ihr psychologisches Profil ist nicht transparent genug für die Ermittler. Die Mörderin hinterließ zahlreiche Hinweise, aber welche, das entschied nur sie selbst. Sie spielt nicht nur mit ihren Opfern, bevor sie diese grausam tötet, sondern auch ein gefährliches Spiel mit der Polizei, aber sie fungiert dabei als Spielleiterin und manipuliert ihre Gegner in jedem Zug.

Gretchen Lowell ist eine schöne, bezaubernde Frau. Sie ist hochintelligent und versteht es, fremden Menschen ihren Willen aufzuzwingen, bevor sie selbst wissen, was ihnen überhaupt geschieht.

Mit „Gretchen“ hat die Autorin Chelsea Cain ihre Serienmörderin wieder auf die Bühne geschickt. Und der dritte Teil verspricht genauso viel Spannung und Verführung wie die ersten beiden.

_Inhalt_

Detective Archie Sheridan war mal Leiter einer Sondereinheit, die nach einem berühmt-berüchtigten Serienmörder in Portland fahndete. Archie verlor damals alles, seine Familie, seinen Verstand, seine Milz, die ihm Gretchen Lowell ohne Anästhesie aus dem Körper schnitt. Jahrelang hat Archie die Serienmörderin gejagt, obwohl sie praktisch jeden Tag mit ihm als Psychologin zusammenarbeitete. Für und mit Gretchen hat Archie seine Frau betrogen. Ganz im Bann der attraktiven Serienmörderin, körperlich wie auch seelisch, war er ihr ausgeliefert. Archie wurde von ihr betäubt, gefangen und über mehrere Tage hinweg gefoltert, bis er so weit war, den Tod herbeizusehnen, doch Gretchen liebt es, verführerisch und zugleich morbide zu sein. Zwischen Archie und Gretchen entwickelt sich eine besondere Zuneigung, eine Abhängigkeit, eine Liebesaffäre, die nicht greifbar ist. Auch Gretchen hat Gefühle für Archie und rettet ihm das Leben, als sie sich selbst den Behörden stellt und damit ihrem Lover Archie das Leben rettet.

Selbst im Gefängnis hat Gretchen nichts von ihrer Bösartigkeit und ihrer Attraktivität verloren. Ihr liegt nicht die Rolle der passiven Inhaftierten, und sie spielt weiterhin mit Archie, der auf eine krankhafte Art Gretchen verfallen ist. Doch Archie, der seelisch und körperlich gebrochen ist, ist seit einigen Monaten zu Gast in einer psychiatrischen Klinik. Abhängig von Medikamenten und noch immer ein Opfer von Angst- und Panikzuständen, verkriecht sich der ehemals erfolgreiche Ermittler und sondert sich von der kranken Gesellschaft ab.

Die Medien sind fasziniert von der Person Gretchen Lowell und idealisieren ihre Taten. Inzwischen gibt es Fanclubs, und sogar die Mode setzt auf den Gretchen-Trend. Seit dem Tag, als Gretchen aus dem Gefängnis geflohen ist, wird jeder weitere Tag gefeiert, den die Serienmörderin auf freien Fuß ist.

Eine neue Serie von Morden erschüttert Archies Kollegen, denn die Opfer tragen als Zeichen das blutige Herz von Gretchen. Ist die untergetauchte Mörderin wieder aktiv und fordert erneut Archie auf, mit ihr zu spielen? Oder sind es gar Trittbrettfahrer, die auf den medialen Zug aufspringen, um sich ebenfalls einen unsterblichen Namen zu machen? Auch wenn es so aussieht, als würde Gretchen ihr erneutes Comeback feiern, so passen die Details nicht ins Gesamtbild. Die Taskforce benötigt dringend die Hilfe von Archie, denn keiner kennt Gretchen so gut wie er, niemand ist ihr jemals so nahe gekommen wie er, niemand hat eine schicksalhafte Begegnung mit ihr überlebt. Außer Archie, und um die Serienmörder auszuschalten, die Gretchen kopieren oder in ihrem Auftrag töten, muss er sich wieder seinen tiefsten Ängsten stellen, doch Gretchen ist ihm immer einen Schritt voraus …

_Kritik_

„Gretchen“ von Chelsea Cain ist eine ganz andere Art von Thriller. Bisweilen erkennt man Parallelen zur Figur eines Hannibal Lecters. Doch Gretchen Lowell ist vielseitiger und impulsiver, ihr Auftreten mysteriös und unnahbar, zugleich aber kalt und analytisch. Sie tötet um der Macht willen, sie manipuliert, verführt und erschreckt ihre Opfer, und das bereitet ihr teuflisches Vergnügen.

In „Gretchen“ tritt die Serienmörderin zunächst in den Hintergrund. Die Geschichte konzentriert sich auf die Ereignisse in der Vergangenheit, auf die Bedeutung einer Serienmörderin in unserer Gesellschaft. Gerade was den medialen, informativen Charakter angeht, interpretiert die Autorin sehr gekonnt. Blut und Tränen, Angst und Verlust gibt es schon seit jeher, nur war die ‚Vermarktung‘ und die Aufarbeitung auch immer ein Spiegelbild unserer Zivilisation.

Immer wieder kommt es zu Rückblenden, in denen die alten Taten von Gretchen an die Oberfläche kommen. Zwar sind diese inhaltlich spannend, doch stören sie manchmal die Handlung. Obwohl der Roman den Titel „Gretchen“ trägt, taucht die attraktive Serienmörderin erst spät auf, allerdings zeigt sie dann dem Leser auch gleich, dass sie nichts verlernt hat oder ruhiger geworden wäre. Was sie allerdings antreibt, wird in „Gretchen“ nicht erklärt. Vielleicht ist das ihre Art von bewusstem Leben, aber ein erkennbares Muster, warum sie sich gerade diesen oder jenen als Opfer heraussucht, offenbart sich nicht.

Die Handlung stützt sich fast ausschließlich auf Archie Sheridan. Seine Person wechselt oftmals von stark überzeichnet bis absolut realistisch. Dass er sich für unabsehbare Zeit wegschließen lässt und freiwillig in einer psychiatrischen Klinik bleibt, kann man einerseits verstehen, andererseits hingegen denkt man manchmal, dass er es jetzt aber wirklich übertreibt. Sein Verhältnis zu Gretchen ist allerdings spannend aufgearbeitet. Archie ist Gretchen fast hörig, zugleich würde er sie aber am liebsten tot sehen. Sie hat ihn nicht nur körperlich verletzt und ihre Spuren hinterlassen, viel schlimmer ist es für Archie, dass er unheilbare psychische Schäden davongetragen hat. Ein Trauma, das man zwar medikamentös behandeln kann, aber nicht auszulöschen vermag. Gretchen wird immer ein Teil seines Lebens sein. Für ihn selbst ein positiver, wie auch negativer Aspekt ist es, dass sie ihn begehrt, verletzt, gedemütigt, aber ihm auch das Leben gerettet hat. Seine ganz individuelle Hölle heißt einfach schlicht und ergreifend Gretchen Lowell.

Chelsea Cain setzt auf Schockmomente, je mehr, desto besser. Die ersten Opfer wurden mit einer Brutalität getötet, die zwar nicht geschildert wird, aber es reicht schon, wenn man sich die Beschreibung der Opfer vorstellt. Hier wird mit Details nicht gespart und besonders zum Schluss hin erreicht der Ekelfaktor ungeahnte Höhen.

Da „Gretchen“ der dritte Teil aus der Reihe ist, trifft man hier auf einige alte Bekannte aus den beiden Romanen „Furie“ und „Grazie“, Henry Sobol wie auch die Journalistin Susan Ward sind hier beispielsweise auch wieder mit von der Partie. Letztere wird zur Assistentin von Archie, der die Ermittlungen wieder aufnimmt, und zusammen stürzen sie sich in ein Drama, das sie nur mit Mühe kontrollieren können. Allerdings nur als Co-Produzenten, denn Gretchen kann nicht von Archie lassen …

_Fazit_

Chelsea Cains „Gretchen“ ist ein Adrenalinstoß in den Abendstunden. Für sanfte Gemüter ist der Roman sicherlich nicht geeignet. Spannend und abwechslungsreich konfrontiert uns der Roman mit einer Serienmörderin, die eine morbide Faszination ausübt. Es ist jedenfalls empfohlen, dass man vorher die beiden Bücher „Grazie“ und „Furie“ lesen sollte, da man sonst nicht die Abhängigkeit der beiden Hautfiguren im Detail verstehen kann.

Alpträume können einen Namen haben, für Archie wird es immer „Gretchen“ sein. So naiv wie harmlos der Name auch klingen mag – Gretchen hat ihren Hänsel-Archie fest im Griff und wird ihn auch im vierten Teil nicht loslassen. Wer sich in „Gretchens“ Welt flüchtet, wird unweigerlich in ein Universum der Angst und Begierde katapultiert, denn „Gretchen“ hat das Zeug, um sich zur Kultfigur zu entwickeln.

Licht an, lesen und erst aufhören, wenn „Gretchen“ ihre Show beendet hat!

|Originaltitel: Evil at Heart
Originalverlag: St. Martin’s Press, New York 2009
Aus dem Amerikanischen von Fred Kinzel
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten
ISBN-13: 978-3-8090-2535-1|

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Remin, Nicolas – Requiem am Rialto

Mit seinem sympathischen Commissario Alvise Tron, der sogar schon Bekanntschaft mit Kaiserin Elisabeth von Österreich schließen durfte, hat sich Nicolas Remin längst in die Herzen der Krimifans geschrieben. Für mich gibt es im Bereich des Italienkrimis niemand anderen als ihn, denn niemand zeichnet so nette und authentische Charaktere wie Remin. In „Requiem am Rialto“ löst Commissario Tron bereits seinen fünften Fall.

_Ausgeweidet_

Venedig steht im Wettkampf mit Graz, Salzburg und Triest um die niedrigste Mordrate, doch noch ist die Zeit des Karnevals nicht überstanden. Dennoch wähnt sich Polizeipräsident Spaur bereits auf der Zielgeraden, hat er seiner anspruchsvollen Gattin doch bereits die Einladung zum Ball in die Wiener Hofburg in Aussicht gestellt, die dem siegreichen Polizeipräsidenten winken könnte. Zwei Morde könnte Spaur noch verkraften, wie dumm nur, dass gerade zu dieser so wichtigen Zeit ein Serienmörder auf den Plan tritt…

Die erste blonde Frau trifft im Zug auf ihren Mörder. Zurück bleiben ein Blutbad und eine fachmännisch heraus getrennte Leber, die die Putzfrau des Zuges kurzerhand einsteckt und ihrem Mann zum Abendessen serviert. Die nächste Dame, eine Prostituierte, entführt der Mörder auf eine Gondel. Hinter dem Vorhang versteckt, macht er sich an der wehrlosen Frau zu schaffen, während der Gondoliere von einem heftigen Liebesspiel ausgeht und passend dazu eine Arie anstimmt. Aber damit ist die Todesserie noch längst nicht abgebrochen. Immer wieder tauchen ausgeweidete Frauen – stets mit blonden Haaren und grünen Augen – in Venedig auf. Die Polizei steht vor einem Rätsel, sodass sie einen Lockvogel auf die Straßen schickt – Ispettore Bossi, verkleidet mit Perücke und Kleid. Und tatsächlich macht Bossi Bekanntschaft mit dem Frauenmörder von Venedig, muss ihn wegen seiner unbequemen Damenschuhe allerdings flüchten lassen.

Ein Tatverdächtiger nach dem anderen kann identifiziert und dingfest gemacht werden. Dummerweise geschieht immer dann ein neuer Mord, wenn die Polizei glaubt, den Fall gelöst zu haben. So müssen Tron und seine Kollegen ihre Ermittlungen immer wieder neu aufnehmen. Wer steckt bloß hinter der grausamen Mordserie, die Polizeichef Spaur den Ausflug in die Hofburg kosten könnte?

_Von Pralinés und Frauenkleidern_

Wieder einmal ist Commissario Trons Gespür gefragt, denn in Venedig werden Blondinen fachmännisch ausgeweidet, ohne dass der Täter eine Spur hinterlassen würde. Doch Tron kämpft nicht nur mit der Todesserie, sondern auch mit seinem Vorgesetzten, der seine Felle davon schwimmen sieht, und mit seiner Mutter, die den alljährlichen Maskenball vorbereitet und Alvise inzwischen mehr als nur subtil darauf hinweist, dass er seine Dauerverlobte ehelichen solle. Die aber interessiert sich nur marginal für eine mögliche Ehe und schreibt stattdessen dem gut aussehenden Julien Sorelli Briefe, die sie ihrem Verlobten gegenüber lieber verschweigt. Trons Eifersucht ist angestachelt, wenn auch nur oberflächlich, denn meist konzentriert er sich ganz auf die mehr oder weniger leckeren Speisen, die im Hause Tron serviert werden.

Bereits zu Beginn des Buches hat Tron seinen großen Auftritt, als er einen vermeintlich betrunkenen Störenfried in der Questura gekonnt zur Strecke bringt. Dummerweise handelt es sich bei dem Österreicher um einen kaiserlichen Offizier. Wie gut, dass Spaur andere Sorgen hat, als Tron zu rügen, denn er sieht sich vielmehr als baldigen Polizeipräsidenten des Jahres.

Alvise Tron ist der eigentliche Held von Nicolas Remins Krimireihe, denn seine liebenswert schrulligen Eigenschaften machen den besonderen Reiz aus, zumal seine Kollegen ihm in nichts nachstehen. Da ist nicht nur der Süßigkeiten-vernarrte Spaur, der ein Praliné nach dem anderen futtert, sondern in diesem Buch vor allem Ispettore Bossi, der als Lockvogel fungieren soll. Zunächst scheut er sich davor, sich als Frau zu verkleiden, dann aber findet er Gefallen an den Frauenkleidern und erscheint schlussendlich in großer Ballrobe zum Maskenball der Trons.

_Hinter Masken_

Vom Mörder erfährt der Leser zunächst wenig. Zwar begleiten wir ihn bei all seinen Taten und wissen, dass ein Tier in dem Manne wohnt, das ihn praktisch zu den Morden zwingt. Er verliert dann völlig die Kontrolle über sich selbst und lässt sich von dem Tier in sich lenken. Doch um wen es sich handelt, wissen wir nicht, und Nicolas Remin verrät uns zunächst nur wenig über diesen Mann. So rätseln wir gemeinsam mit Tron und seinen Kollegen. Allerdings ist uns etwas schneller klar als Polizeipräsident Spaur, dass die ersten Verdächtigen keineswegs für die Taten in Frage kommen dürften. Und so kommt es, wie es kommen muss: Nach und nach scheidet einer nach dem anderen aus Kreis der Verdächtigen aus. Doch wer ist wirklich verantwortlich für die ausgeweideten Frauen?

Anfangs fällt das Mitraten schwer, da man über den Täter nicht viel mehr weiß, als dass er für seine Mordgänge eine schwarze Halbmaske aufsetzt und ansonsten völlig unauffällig wirkt. Doch je weiter der Roman voranschreitet, umso mehr zeichnen sich einige heiße Verdächtige ab, die man auch als Leser näher unter die Lupe nehmen kann. Wer wirklich der Mörder ist, verrät Nicolas Remin allerdings erst ganz zum Schluss, und erst dann kann der Leser prüfen, ob er mit seinem Verdacht richtig lag. Der Spannungsbogen ist dadurch nahezu perfekt gelungen, auch wenn Remin zwischendurch fast schon zu viele Verdächtige präsentiert.

_Bildhaft_

Nicolas Remins Markenzeichen ist seine malerische und bildhafte Sprache. Er verwendet viele Metaphern, davon viele, die den Kern der Sache genau treffen und einen schmunzeln lassen. Kaum einmal findet sich eine Metapher, die bereits altbekannt ist, meistens streut Remin eigene Ideen ein und beweist seine Kreativität und sein Sprachgefühl. Sein Schreibstil ist sehr detailreich, Remin beschreibt alles haargenau, sodass man sich als Leser bestens in die Szenen hinein versetzen kann. Auch die schrullige Charakterzeichnung funktioniert nur mit der blumigen Sprache, mit Remins teils schwarzem Humor und mit seiner Detailverliebtheit.

Auch im Vergleich mit den bisherigen Tron-Bänden schneidet der vorliegende Fall gut ab. Speziell dank Ispettore Bossi in Frauenkleidern, des kauzigen Polizeipräsidenten Spaur und natürlich dank des sympathischen und so herrlich unehrgeizigen Tron unterhält das Requiem am Rialto hervorragend und macht schon jetzt neugierig auf Trons sechsten Fall.

|Nicolas Remin bei Buchwurm.info:|

[Schnee in Venedig 1987
[Venezianische Verlobung 2326
[Die Masken von San Marco 4630
[Gondeln aus Glas 4754