Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Henderson, Jack – Reloaded

Digitale Informationen bestimmen und organisieren mittlerweile unser Leben. Im gewöhnlichen Tagesablauf hinterlassen wir unendlich viele Daten, mit denen man uns charakterlich ziemlich gut interpretieren und einordnen kann. Persönliche Daten und Informationen können aber, wie wir wissen, genauso gut als Waffe gegen uns verwendet werden. Das Internet hat uns erobert und unser Leben zugleich leichter wie auch transparenter gemacht. Suchmaschinen, Foren, Eintragsdienste machen uns zu gläsernen Personen.

Woran wir aber selten denken, ist, dass leistungsstarke Rechner unser Alltagsleben steuern und regeln; Wasserkraftwerke, Flughäfen, Atomanlagen, militärische Anlagen, städtische Verwaltungen – die Liste könnte man endlos erweitern. Sollten auf diese für uns überlebensnotwendigen Anlagen terroristische Anschläge stattfinden, wäre das Chaos unaussprechlich dramatisch. Es wäre der Alptraum eines jedes Staates.

Das wir uns vor Terroranschlägen nicht wirklich wirksam schützen können, ist uns ganz sicher nach dem 11. September 2001 schmerzlich bewusst geworden. Über Jahre hinweg haben sich Terroristen intensiv mit den Plänen darüber auseinandergesetzt, wie man eine ganze Reihe von Anschlägen so minutiös koordiniert, um damit eine Weltmacht wie die USA anzugreifen und empfindlich zu verletzen. Was würde passieren, wenn eine Gruppe von Terroristen nicht nur Geschäftsgebäude angreift, sondern ihre Ziele sorgsam mit Hinblick auf maximale Vernichtung gewählt werden, z. B. Atomkraftwerke, Regierungsgebäude, städtische Infrastruktur? Es würde direkte und indirekte Opferzahlen in Millionenhöhe geben, und ein Chaos würde entstehen, das über Jahrzehnte hinweg noch spürbar wäre. Ein erschreckendes Szenario, aber nicht selten ist aus solchen prophetischen Geschichten grausame Realität geworden.

Jack Henderson hat mit „Reloaded“ einen Roman geschrieben, der sich mit solch einer Überlegung befasst.

_Inhalt_

11. September 2001. Die junge Jeannie Reese arbeitet für die Regierung der Vereinigten Staaten und gilt als Wunderkind in der IT- und Informationsbranche. Jeder kennt die Legende, dass die NSA jede Mail und jedes Telefonat nach auffälligen und verdächtigen Stichwörtern durchkämmt, die über die Datenhighways flitzen, doch Jeannie hat noch etwas weitaus Effektiveres entwickelt: ein Überwachungsprogramm namens „IRIN“, das alles Bisherige an Spionagesoftware in den Schatten stellt. Als am 11. September während einer Sitzung Passagierflugzeuge gleich einer Bombe im Pentagon und in die Twin Towers einschlagen, befiehlt der amerikanische Präsident, dass das System online scharf gestellt wird, um die Hintermänner dieses furchtbaren Terroranschlags ausfindig zu machen.

Der 44-jährige John Fagan verfolgt schockiert am Fernseher und an seinem Rechner die Ereignisse des Terroranschlags, der die Welt auf immer verändern wird. Vor Jahren hat er sich online mit anderen Hackern darüber ausgetauscht wie man möglichst brutal und konsequent einen Terroranschlag ausführen könnte. Jetzt sind seine theoretischen Vorschläge in einem schrecklichem Szenario zur Realität geworden. John Fagan ist Phr33k, ein legendärer und gefürchteter Hacker, der sich seit Jahren unentdeckt und anonym durch die virtuelle Welt bewegt und sich von der materiellen Welt so gut wie abgeschottet hat. Niemand kennt ihn oder hat ihn je wirklich zu Gesicht bekommen, von der Außenwelt hält John nicht viel, und so schaffte er sich sein eigenes, kleines Reich mit seiner virtuellen Freundin Kate, die über eine lernfähige und eigenständige künstliche Intelligenz verfügt.

Jeannie Reese ist Phr33k bekannt, denn er hat viele der größten Internetverbrechen begangen und wäre ein mächtiger Verbündeter im Krieg gegen die terroristischen Verbrechern. Aber auch das wissen die Drahtzieher des 11. September: Sie decken Phr33ks Identität auf, entführen ihn, um seine Ideen und seine Intelligenz für den nächsten, noch fürchterlicheren Terroranschlag zu missbrauchen. Anfangs kann sich John in der Gefangenschaft seiner Entführer wehren, auch der Folter kann er noch widerstehen, doch die Terroristen wissen, wie sie John gefügig machen und für ihr Vorhaben gewinnen können.

John Fagan wird zur Schlüsselgestalt, zum Sesam-öffne-dich in diesem makaberen Spiel um Krieg oder Frieden. Jeannie Reese weiß, dass sie nur mit Hilfe und Unterstützung von Phr33k solche terroristischen Akte im Vorfelde vereiteln kann, und mit IRIN und der Sammlung einer Unmengen von Daten findet sie die Identität von Phr33k heraus. Allerdings kommt sie zu spät, denn John ist bereits entführt worden und wird gezwungen, Amerika mithilfe von koordinierten Terroranschlägen auf zivile und militärische Ziele zu erschüttern.

_Kritik_

John Hendersons Roman ist zwar eine fiktive Geschichte, die sich auf Fakten des 11. Septembers stützt, doch hat er mit „Reloaded“ ein realistisches Szenario geschaffen.

Der Roman rüttelt den Leser wach und transportiert ihn acht Jahre in die Vergangenheit. Die Ereignisse werden hier sehr detailliert in Worte gefasst. Der Schrecken entsteht im Leser durch die anschauliche Schilderung eines möglichen nächsten Terroranschlags globalen Ausmaßes. So unrealistisch sind diese Überlegungen nämlich nicht, dass man innerlich mit den Schultern zucken und die Gedankengänge ignorieren könnte.

„Reloaded“ ist eindrucksvoll erzählt. Die Geschichte präsentiert sich aus den verschiedenen Perspektiven, so dass zwei Handlungsstränge entstehen, einmal aus der Sicht von Jeannie Reese, den anderen Part übernimmt John Fagan alias Phr33k.

Was der Autor in allen Facetten mitteilen möchte, ist unter anderem, dass man sich nicht wirksam gegen den Terror schützen kann, und dass alles, was durch Rechner gesteuert wird, im Grunde angreifbar bzw. manipulierbar ist. Der Faktor Mensch spielt dann eigentlich nur eine untergeordnete Rolle, denn es wird immer Menschen geben, die für ihre Überzeugung und ihre Ideale mit einem Lächeln in den sicheren Tod gehen. Fanatismus, bei dem man sich im Glauben wiegt, man gäbe sein Leben für ein größeres Ziel – auch das wird im Roman sehr klar umrissen -, ist dann in seinen aggressiven Folgen die scheinbar einzige Möglichkeit, eine deutliche, nicht zu überhörende Sprache zu sprechen.

Nicht nur die spannende Handlung wirkt überzeugend, auch die Charaktere tragen viel zum runden Gesamtbild bei. Es gibt zwei Hauptakteure, aber eigentlich konzentriert sich alles auf John Fagan, das Genie für IT, den anonymen Hacker, der mit seiner Intelligenz bewaffnet einen eindrucksvollen Gegner darstellt. Durch die kritischen Situationen, in denen er sich befindet, muss er nicht nur reagieren, sondern auch proaktiv werden, so dass er eine innere Entwicklung erfährt. In ähnlicher Weise ergeht es Jeannie Reese, die mit der Gefahr über sich hinauswächst. Doch es wird schnell klar, dass die bezaubernde Jeannie ohne praktische Hilfe durch Phr33k/Fagan keinerlei Aussicht auf Erfolg hätte.

„Reloaded“ ist eher an eine jüngere Leserschaft gerichtet, denn Leser jenseits der 50er hätten größtenteils Probleme, mit der Handlung Schritt zu halten. Es gibt viel Fachvokabular aus der IT-Welt, die mit Sicherheit nicht jedem geläufig sein wird. Aber auch das behindert die Story nicht, für Action und Spannung ist gesorgt, und auch die eine oder andere Wendung bringt die Handlung noch ordentlich in Fahrt.

_Fazit_

Jack Hendersons „Reloaded“ ist ein Thrillerkracher, der die virtuelle Welt mit der materiellen verbindet. Das Szenario der Terrorangriffe, die Überlegungen, wie man die Infrastruktur einer Weltmacht ins Wanken bringen könnte, sind erschreckend reell.

Der Roman ist in sich abgeschlossen, aber ich würde mich freuen, wenn vielleicht auch in den nächsten Bänden phr33k seine Finger im Spiel hätte.

Es gibt viele Thriller die sich mit dem 9/11-Anschlag befassen – „Reloaded“ gehört zu den besten unter ihnen, und fernab von Verschwörungstheorien spielt der Autor gekonnt mit seinem Wissen und seinen Ideen. Ein absolut grandioser Thriller, der seine Leser bombensicher überzeugen wird.

|Originaltitel: Circumference of Darkness
Aus dem Englischen von Wolfgang Thon
574 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-442-37319-2|
http://www.blanvalet.de

J. M. Walsh – Die Nebelbanditen

_Das geschieht:_

Inspektor Quaile von Scotland Yard ist gut beschäftigt: Im dichten Londoner Nebel treibt eine neue, gut organisierte Räuberbande ihr Unwesen. Die „Nebelbanditen“ schalten ihre Opfer mit Betäubungsgas aus und verschwinden spurlos mit fetter Beute. In der Unterwelt raunt man, dass eine junge Frau als Anführerin über die Halunken gebiete.

Frank Slade, der normalerweise für den Geheimdienst tätig ist und Quaile als Assistent zugeteilt wurde, wird durch private Gefühle von der Ermittlung abgelenkt. Er rettet die junge Lady Anne Sanford, als sie ihm auf der Flucht vor dem Erpresser Lanty vor den Wagen läuft, und verliebt sich in sie. Auch Lord Sanford, Annes Vater, steht unter Druck: Er hat sich an der Börse verspekuliert und wird von seinem Gläubiger, dem finsteren Mr. Ashlin, gedrängt, ihm die schöne Anne als Ehefrau auszuliefern; ein Kuhhandel, den diese energisch ablehnt. Die Situation eskaliert, als die Nebelbanditen Lord Sanford überfallen und ausrauben. Weder Ashlin noch Lanty lassen locker, und als Anne eine Verzweiflungstat unternimmt, treibt sie das noch tiefer in die Fangarme der Schurken.

Quaile und Slade nehmen inzwischen über den Hobby-Detektiv Joseph Mallah den Kontakt zur Londoner Gaunerwelt auf. Sie müssen wohl auf eine heiße Spur geraten sein, denn Slades Auto fliegt in die Luft. Der nur knapp entkommene Polizist und sein Vorgesetzter bringen den Grund für solche Nervosität in Erfahrung: Die Nebelbanditen planen einen grandiosen Coup, neben dem ihre bisherigen Raubzüge bedeutungslos wirken werden …

_London bei Nacht: ein Krimi-Klischee-Kaleidoskop_

Er ist dick und gelb und geradezu sprichwörtlich: der Londoner Nebel, der sich im Winter wie eine Glocke aus Dunst und Abgasen über die Stadt legt und eine Intensität erreicht, welche die Sichtweite auf Null reduzieren und die Lungen mit ätzenden Schwefeldünsten füllen kann. Zumindest für diejenigen Zeitgenossen, die das Tageslicht für ihre Geschäfte scheuen, ist der Nebel freilich hilfreich, wie Autor J. M. Walsh anschaulich darstellt: Räuber und Diebe treiben in seinem Schutz ihr Unwesen; sie schleichen sich unerkannt an ihre Opfer heran und flüchten anschließend erfolgreich, während die verfolgende Polizei blind durch die dichten Schwaden stolpert.

Schon 1932 war dieser Nebel freilich auch zum Klischee degeneriert, denn er wurde als Instrument und Stimmungsmittel in Literatur und Film ausgiebig strapaziert, wobei sich vor allem die Routiniers der Unterhaltungsliteratur allzu gern seiner bedienten.

_Schnell voran, damit niemand nachdenkt!_

Walsh muss zu ihnen gezählt werden: ein Vielschreiber, der nicht nur den Krimi-Markt bediente, sondern auch Abenteuer- und Science-Fiction-Storys verfasste. „Die Nebelbanditen“ ist ein typisches Produkt zeitgenössischer ‚Gebrauchs-Literatur‘. Unterhaltsam sollte die Geschichte sein, während das vernunftgemäße Fundament wacklig sein durfte. Walsh packt in die Handlung, was diese vorantreiben kann, während er sich um das Schürzen des Logik-Knotens offensichtlich erst nachträglich Gedanken macht. Nur so lässt sich das Durcheinander erklären, das zeitweilig die Handlung eher verwirrt als bewegt. Es wird verfolgt, erpresst und gedroht auf Teufel-komm-heraus, was der Übersicht gar nicht zuträglich ist, zumal der Leser sich fragt, was dies denn alles mit den Nebelbanditen zu tun hat.

Grundsätzlich wenig, muss das Urteil lauten. Die angeblich so gefährlichen Verbrecher verschwinden immer wieder für viele Seiten aus dem Geschehen. Machen sie sich bemerkbar, dann künden ihre Untaten eher vom Drang aufzufallen als Beute zu machen.

Das Spektakel ist überhaupt Walshes bevorzugtes Stil- und Stimmungselement. Wie sein Zeitgenosse Edgar Wallace geht er lieber sensationell als schlüssig zur Sache: Gangster im Nebel schleudern Gasbomben oder blenden mit flüssigem Ammoniak; eine Autobombe wird platziert, wo eine Revolverkugel wesentlich effektiver wäre; in geheimen Gängen und unterirdischen Gewölben hausen hoch im 20. Jahrhundert unerkannt Banditen. Man tarnt und täuscht mit einer Vehemenz, die man nur als reinen Spieltrieb werten kann.

Gern verlässt Walsh im Sprung eine allzu rätselhafte Szene und beginnt eine neue Verwicklung. Kehrt er später zur offenen Frage zurück, ist gewöhnlich so viel Zeit verstrichen, dass sich das Problem selbst erledigt hat oder mit einigen Sätzen nebenbei abgehandelt werden kann; die Musik spielt ohnehin wieder an anderer Stelle. Nach bewährtem Prinzip werden die losen Fäden im Finale zusammengefasst, was umständliche Erklärungen über viele Seiten erforderlich macht.

_Feine Leute sind anders_

Dass ein Kriminalroman in die Jahre gekommen ist, muss ihm bekanntlich nicht schaden, sondern kann seinen Unterhaltungswert noch steigern. Der einst normale Lebensalltag ist selbst interessant geworden und bildet eine reizvoll altmodische Kulisse, in die sich auch der viel später geborene Leser gut und gern hineindenken kann. Natürlich ist ein Roman kein dokumentarisches Abbild vergangener Wirklichkeit. Es ist nur erforderlich, dass die genannte Kulisse glaubhaft wirkt. In diesem Punkt fragt man sich, wie die zeitgenössischen Leser „Die Nebelbanditen“ beurteilt haben: Selbst mit dem Zugeständnis einer emotionalen Naivität, die viele Romane und auch Filme dieser Zeit prägt, übertreibt es Walsh maßlos. Das London von 1932 war realiter nicht mehr das London der Königin Victoria.

Lord Sanford spekuliert und gibt sich damit als moderner Zeitgenosse zu erkennen. Trotzdem setzt er seine Gesundheit und das Glück seiner Tochter bedenkenlos aufs Spiel, um den Ruf seiner Familie zu wahren. Die Hartnäckigkeit, mit der Vater und Tochter Sanford sich in diesem Punkt immer stärker in die Bredouille bringen, stört und langweilt heute, was durch Annes prompte Ohnmachtsanfälle in ‚heikler‘ Lage gefördert wird. Ein offenes Wort, und die diversen Erpressungsgespinste würden sich schneller auflösen als der Nebel, was allerdings die Handlung zu einem abrupten Ende brächte.

Sympathie vermag keine der zahlreichen Figuren zu wecken. Inspektor Quaile bleibt farblos, Assistent Slade gibt vor allem den verliebten Gutmenschen, der die Maid in Not nicht nur rettet, sondern letztlich heiratet. ‚Normale‘ Polizisten taugen nur zur Fußarbeit. Zu ihrem Glück ist das Gros der Gauner notorisch dumm und kann deshalb regelmäßig eingefangen werden. Die „Nebelbanditen“ verheddern sich in ihrer eigenen Überschläue, hinter der sich ebenfalls jener Hang zum Scheitern verbirgt, der – so macht Walsh deutlich – dem Bösewicht per se innewohnt: Verbrechen lohnt nicht, und zumindest der geistig schlicht gestrickte Leser durfte sich mit dieser Phrase trösten, wenn er das Buch zuklappte. Das präsentieren die Klassiker des Genres wesentlich raffinierter und eleganter, und deshalb werden ihre Werke noch heute aufgelegt, während J. M. Walsh in Vergessenheit geraten ist.

_Der Autor_

James Morgan Walsh wurde am 23. Februar 1897 in Geelong, einer Kleinstadt im australischen Bundesstaat Victoria, geboren. Schon 1913 erschien eine erste Kurzgeschichte, acht Jahre später der erste Roman. 1925 wanderte Walsh nach England aus, wo er sich als Produzent populärer Trivialliteratur etablierte, dessen Romane und Kurzgeschichten vor allem in den „Pulp“-Magazinen dieser Zeit erschienen. Walsh schrieb vor allem Krimis und Spionage-Thriller, verfasste aber auch Sciencefiction. Zumindest als Fußnote ging er mit seiner Space Opera „Vandals of the Void“ (1931) ein, die ein frühes Beispiel für SF aus Australien ist.

Seine Produktivität war so hoch, dass Walsh auch als H. Haverstock Hill, Stephen Maddock und George M. White veröffentlichte. Er blieb auch nach dem II. Weltkrieg bis zu seinem frühen Tod am 29. August 1952 als Autor ungemein aktiv.

_Impressum_

Originaltitel: Lady Incognito (London : Collins 1932)
Übersetzung: Hans Herdegen
Deutsche Erstausgabe: 1935 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann’s Detektiv-Romane)
217 Seiten
[keine ISBN]
Diese Ausgabe: 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi Nr. 17)
219 Seiten
[keine ISBN]

Joseph Wambaugh – Die Chorknaben

In Los Angeles praktizieren vom Berufs- und Alltagsstress geplagte Polizisten eine Form des nächtlichen Stressabbaus, die stetig ausartet und schließlich in einer Katastrophe gipfelt … – Mit beißendem Humor aber scharfem Blick auf reale Missstände beschreibt der Autor das Pandämonium einer aus den Fugen geratenden Welt, deren bedrängte Hüter resignieren und sich dem Wahnsinn anpassen: ein Klassiker des Kriminalromans, der an Intensität und Unterhaltungskraft keinen Deut verloren hat.
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Isau, Ralf – Messias

Wunder gibt es immer wieder … aber was bezeichnet die katholische Kirche als Wunder? Gibt es Phänomene, mittels derer Gott, Jesus, Maria oder der Heilige Geist zu uns sprechen? In unserer materiellen Welt mit allen Ängsten und Bedrohungen vermissen wir vielleicht manchmal etwas Spirituelles, etwas, das uns Hoffnung und Halt gibt. Mythen, Legenden oder auch theologische Glaubenssätze bilden einen bunten Spielplatz für Interpretationen. Was geschah seinerzeit an den bekannten Walfahrtstätten, wie z. B. Lourdes, zu denen auch heute noch Millionen von Menschen pilgern? Sind diese Wunder ein Beweis für die Existenz Gottes?

Das Außergewöhnliche, Spektakuläre und Sensationelle sowie die gefühlsmäßige Ergriffenheit stehen nicht unbedingt im Widerspruch zur Religion, doch es gibt immer wieder Grund zur gesunden Skepsis. Nicht wenige versuchen durch Vortäuschung, solche ‚Wunder‘ medial auszureizen, um natürlich damit einen nicht geringen Profit zu kassieren. Um ein Wunder wirklich als solches bezeichnen zu dürfen, bedarf es einiger recht weltlicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Die katholische Kirche entsendet immer wieder ‚Ermittler‘, die diese Spuren Gottes untersuchen, und das mit allen technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten unserer Zeit.

Ralf Isau erzählt in seinem neuesten Roman „Messias“ von solchen Wundern.

_Inhalt_

Irland war und ist ein Land voller Legenden und Mythen. Die dort lebenden Menschen sind zumeist etwas schrullig, gar merkwürdig und zugleich von einem tiefen Glauben erfüllt. Als die alte Kirche Duiske Abbey von einem hellen Blitz erhellt wird, dem dortigen Geistlichen ein nackter Mann vor die Füße fällt und das Kruzifix auf einmal ohne Jesusfigur dasteht, sprechen die ersten Stimmen bereits von einem Wunder. Der 103-jährige Seamus Whelan, im Ort Graiguenamanagh selbst als „Wunderheiler“ bekannt, wird Zeuge dieses Vorfalls. Der nackte, blutende Mann am Boden fleht verzweifelt auf hebräisch um Hilfe. Seine Hände und seine Füße weisen Wunden eines Gekreuzigten auf. Ist es möglich, dass der leibhaftige Jesus vom Kreuz gestiegen ist, dass der Heiland die irdische Welt erneut besucht?

Die Nachricht des „Wunders von Graiguenamanagh“ verbreitet sich rasend schnell durch die Medien. Auch der Vatikan wird hellhörig. Der verletzte Mann wird in die Notaufnahme des St Luke’s Hospital in Kilkenny eingeliefert, als der Zorn Gottes zwei Menschen aus dem Ort niederstreckt. Die Toten sind als notorische Sünder bekannt, so dass einige vom Strafgericht Gottes sprechen.

Die Kirche ist entsetzt: Was geschieht in diesem kleinen irischen Ort? „Jeschua“, wie sich der geheimnisvolle Mann selbst nennt, philosophiert mit Bibelzitaten, seine Vergangenheit bleibt trotzdem im Dunklen. Schon sind die ersten Pilger in Graiguenamanagh, dicht gefolgt von den ersten Journalistenteams, die von diesem einmaligen Wunder aus erster Hand berichten wollen. Der Vatikan sieht sich gezwungen, Licht in diese ominöse Wundergeschichte zu bringen, und entsendet Monsignore Hester McAteer von der „Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse“ aus Rom.

McAteer ist selbst Ire und seit seiner Kindheit mit dem kleinen Ort verbunden. Seit Jahren ist er ein Experte für die Entlarvung falscher Wunder, die mit technischer Raffinesse ausgeführt wurden. Monsignore McAteer weiß, wie und wonach man suchen muss, doch was er auch bei seinen Untersuchungen findet, lässt ihn diesmal in vielerlei Hinsicht zweifeln. Seine Vergangenheit überholt ihn und konfrontiert ihn mit seiner alten Liebe Fiona Sullivan, mit der eine gemeinsame Tochter hat. Schon in seiner klerikalen Ausbildung verliebte sich der junge Mann unsterblich, doch entschied er sich für eine Laufbahn in der Kurie und gegen seine Empfindungen.

Selbst sein Vater Seamus Whelan, mit dem er seit Jahrzehnten im Streit liegt, offenbart sich als Wundertäter, als er übers Wasser geht, mit Raben spricht und noch einige merkwürdige Dinge mehr in seinem Umfeld geschehen. Technischer Schabernack oder noch eine wunderbare Gabe?

Die Ermittlungen werden zum emotionalen Minenfeld, und auch wenn McAteer in der Vergangenheit durch seine Erfahrungen reifer und skeptischer geworden ist, so wird hier sein (Un-)Glaube vielfach durch mysteriöse Situationen infrage gestellt. Was würde mit der Welt und all dem, woran er festgehalten und geglaubt hat, geschehen, sollte „Jeschua“ wirklich der „Messias“ sein?

Um mehr zu erfahren, muss Hester wieder ein Mitglied der skurrilen Dorfgemeinschaft werden, und genau dies bringt ihn und seine wiedergefundene Familie in Lebensgefahr.

_Kritik_

„Messias“ von Ralf Isau ist in vielerlei Hinsicht ein wirklich guter Roman, der es überdies versteht, auf wunderbare Art zu provozieren.

Der Spannungsbogen entwickelt sich besonders intensiv in den ersten Kapiteln und gleichmäßig mit Einführung der Protagonisten. Diese sind besonders skurril und verschroben und, wie der Autor auf seiner Website erwähnt, durchaus nicht fiktiv. Irland ist also nicht nur wunder. sondern auch sonderbar.

Das Provokative an Ralf Isaus Geschichte ist zum einen das Verhältnis der Kirche zu Wundern generell und zum anderen sind es die Gedankenspiele des Autors: Was wäre, wenn Jesus wirklich auf die Erde zurückkämme? Welchen Stellenwert hätte dann die katholische Kirche? Hätte sie Angst um ihre Macht auf Erden, ihren Einfluss eine Milliarde gläubiger Schäfchen? „Jesus“ hätte, ohne es zu wollen, eine deutliche politische Wirkung, nicht nur eine spirituelle. Es wäre genauso gut denkbar, dass er erneut zum Märtyrer werden könnte. In jedem Fall wäre sein Auftauchen ein Ende unserer bekannten Welt, entweder in Form des mythologischen Jüngsten Gerichtes oder aber der Beginn eines anderen Denkens. All diese Punkte werden vom Autor intelligent in die Handlung eingebaut.

Ralf Isaus Stil ist für einen Thriller deutlich von Humor geprägt. Dieser wird von den manchmal merkwürdigen und schrulligen Charakteren eingebracht, die den Leser wirklich zum Schmunzeln bringen werden. In keinem Fall empfindet man diese humoristischen Einlagen als störend, sie lockert im Gegenteil die angespannte Atmosphäre auf und unterstützt die Handlung. So rasant die Anfänge von „Messias“ sich aufbauen, so schnell stoppt die Dynamik aber leider auch. Schon recht frühzeitig wird ein Teil der Wunder aufgeklärt, doch immer wieder überrascht uns Hesters Vater mit seinen, sagen wir mal: Phänomenen. Zum Ende hin weiß aber der Roman aber wieder durchaus in Sachen Spannung zu überzeugen und führt die Story gekonnt auf die Zielgerade.

Die Figuren sind so detailliert konzipiert, dass man sie durchweg als sympathisch empfindet. Monsignore McAteers Philosophie ist eher rational geprägt. Er verlässt sich auf das, was er sieht, und nicht auf das, was er sich zu sehen wünscht. Verstand und Gefühl trennt er rigoros, aber nur in beruflichen Belangen. Menschlich ist er genauso empfindsam wie viele andere, aber das will er nicht hören und gehört nicht in sein kompaktes Weltbild. Allerdings holt ihn seine Vergangenheit ein, und das heißt für ihn, nicht nur herauszufinden, ob „Jeschua“ der Messias ist, sondern auch, was er selbst vom Leben erwartet. Auch dieser Part von „Messias“ wird vom Autor spannend erzählt und lässt keine Langeweile aufkommen.

Ralf Isau spielt abwechslungsreiche, psychologische Spielchen mit seinen Protagonisten. Glaubhaft präsentiert er die Skepsis und den tiefen Glauben seiner Figuren, das persönliche Scheitern und Einsehen alter Fehler, Vergebung und Opferung. So wird dem Thriller Leben eingehaucht und dem Leser viel Raum gegeben, um sich eigene Gedanken zu machen.

Die Kongregation des Vatikans, die Wunder und Phänomene untersucht, gibt es tatsächlich, und Ralf Isau beschreibt die Vorgehensweise und Methodik sehr genau und realitätsgetreu. „Messias“ ist zwar ein klerikaler Thriller, aber weit entfernt von den derzeit beliebten „Verschwörungstheorien“ rund und über den Vatikan. Er bedient sich ausschließlich eines konzentrierten Schauplatzes und einer überschaubaren Anzahl an Tätern und Opfern. Der „Messias“ kommt nur selten zu Wort, erzählt wird die Geschichte größtenteils aus der Perspektive Hesters.

_Fazit_

Die Auflösung des Ganzen ist zwar eher banal und zum Ende hin kein Geheimnis mehr, doch ist das auch nebensächlich. Viel mehr Raum wurde den zahlreichen Nebengeschichten gewidmet, die mit ihren von Humor geprägten Charakteren überzeugen. Spannung, Wortwitz und viele Ansätze zum Nachdenken machen „Messias“ zu einem besonderen Thriller.

Wer einen klerikalen Thriller erwartet, der so spannungsgeladen und verschwörerisch sein sollte wie viele andere aus dem Genre der Brown-Klischees, wird vielleicht enttäuscht sein. „Messias“ bietet aber inhaltlich viel mehr als Spannung, und das hebt diesen von anderen, ähnlich gelagerten Romanen weit ab.

Zu kritisieren gibt es nur den Punkt, dass die Auflösung verfrüht einsetzt. Der Spannung hätte es gutgetan, wenn es erst gegen Ende hin zur Auflösung gekommen wäre. Wertvoll hingegen waren die vielen und schön erzählten Nebengeschichten mit ihren wunderbaren Charakteren.

Ralf Isaus „Messias“ ist zwar nicht wunderbar, dafür um so positiv-sonderbarer, dass man ihn gerne lesen und auch zwischen den Zeilen verstehen wird. Lesefreude ist garantiert.

_Der Autor_

Ralf Isau (geb. 1. November 1956 in Berlin) ist ein deutscher Schriftsteller. Er arbeitete zunächst als Organisationsprogrammierer, PC-Verkäufer, Systemanalytiker und Niederlassungsleiter eines Software-Hauses, Projektmanager und seit 1996 als selbstständiger EDV-Berater. Zu dieser Zeit hatte er bereits ein Kinderbuch und drei Romane veröffentlicht. Zum Schreiben kam er 1988, als er mit der Arbeit an der Neschan-Trilogie begann. 1992 überreichte er Michael Ende anlässlich einer Lesung ein kleines, selbstgebundenes Märchenbuch („Der Drache Gertrud“), das er für seine Tochter geschrieben hatte. Ende empfahl ihn dem |Thienemann|-Verlag, wo Ralf Isau seither über ein Dutzend Romane für jüngere und ältere Leser veröffentlichte, die in zwölf Sprachen übersetzt und mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden sind. Ein Merkmal seiner Romane, die er selbst als „Phantagone“ bezeichnet, ist die Vermischung von Fiktion mit historischen Tatsachen.

Mit Romanen wie „Der silberne Sinn“ (2003) und „Der Herr der Unruhe“ (2004) wagte Ralf Isau den Schritt vom Jugendbuch zur Erwachsenenliteratur. Im Roman „Die Galerie der Lügen Oder: Der unachtsame Schläfer“ (2005) setzt er sich mit der Darwinschen Evolutionstheorie auseinander, die er zugunsten einer auf |Intelligent Design| basierenden Sichtweise ablehnt.

Isau lebt mit seiner Frau in Asperg bei Ludwigsburg.

|426 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-492-70142-6|
http://www.isau.de
http://www.piper-verlag.de

_Mehr von Ralf Isau auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Mann, der nichts vergessen konnte“ 5361
[„Die Dunklen“ 4829
[„Das gespiegelte Herz“ 1807 (Die Chroniken von Mirad 1)
[„Der König im König“ 2399 (Die Chroniken von Mirad 2)
[„Das Wasser von Silmao“ 3014 (Die Chroniken von Mirad 3)
[„Das Jahrhundertkind“ 1357 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 1)
[„Der Wahrheitsfinder“ 1502 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)
[„Der weiße Wanderer“ 1506 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)
[„Der unsichtbare Freund“ 1535 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)
[„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ 1095 (Die Legenden von Phantásien)
[„Die Galerie der Lügen“ 4208

Victor Gunn – Das Geheimnis der Borgia-Skulptur

Ein bizarres Kunstwerk soll gestohlen werden, wurde aber so gut versteckt, dass sich der Dieb – und inzwischen Mörder – an die Nichte des Eigentümers heranmacht, was zwei Polizisten zu verhindern versuchen … – Der 17. Roman der „Bill-Cromwell“-Serie ist kein „Whodunit“, sondern zeigt den nur dem Leser bekannten Täter im Wettlauf mit der zunächst ahnungslosen Polizei: grundsolide geplotteter, mörderisch gemütlicher und nostalgisch eingestaubter Krimi ohne Klassiker-Status, aber unterhaltungssicher.
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Peter Lovesey – Sein letzter Slapstick

Das geschieht:

Ohne Job und pleite ist der Varieté-Künstler Warwick Easton in Kalifornien gestrandet. Wir schreiben das Jahr 1915, und wie so viele gescheiterte Existenzen versucht auch Easton sein Glück in Hollywood. Die noch junge Film-Metropole hat freilich nicht auf ihn gewartet. Statt eine ‚ernste‘ Rolle in einem ‚richtigen‘ Film zu übernehmen, reiht sich der junge Mann in die Reihe der „Keystone Cops“ ein. Die beliebte, grotesk überzeichnete Polizisten-Truppe ist eine Schöpfung des Studiobosses Mack Sennett, der mit Slapstick-Filmen berühmt und reich geworden ist.

In diesen frühen Tagen der Filmgeschichte wird noch ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet. Die absurden Stunts der Keystone Cops sind gefährlich. Easton kommt zu seinem Job, weil sein Vorgänger bei einem bizarren Unfall sein Leben ließ.

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Läckberg, Camilla – Totgesagten, Die

_Mit ihren ersten drei Romanen_ hat sich die Schwedin Camilla Läckberg als hervorragende Krimiautorin bewiesen. Grund genug, auch für den vorliegenden vierten Band ihrer Krimireihe um den Polizisten Patrik Hedström und die Schriftstellerin Erica Falk die Erwartungen nicht zu tief anzusetzen.

_Patrik und Erica_ stecken mitten in den Vorbereitungen für ihre bevorstehende Hochzeit, als Patrik einen neuen Fall auf den Schreibtisch bekommt. Zusammen mit seiner neuen jungen Kollegin Hanna Kruse wird er zu einem vermeintlichen Autounfall gerufen. Eine Autofahrerin ist mit ihren Fahrzeug von der Straße abgekommen und wird am Unfallort tot aufgefunden. Schnell gibt es erste Zweifel daran, dass es sich um einen Unfall handelt. Schon bald deuten erste Indizien auf Mord hin.

Während Patrik und seine Kollegen noch mit den Ermittlungen beschäftigt sind, geschieht ein weiterer Mord, der schon bald die Medien auf den Plan ruft. In einem Müllcontainer wird die Leiche einer Teilnehmerin der Reality Show „Raus aus Tanum“ entdeckt. Für die Medien ein gefundenes Fressen, und für Patrik und sein Team ist es nicht leicht, unter diesem Druck erste Ermittlungsergebnisse zusammenzutragen.

Doch je weiter die Kollegen die beiden scheinbar zusammenhanglosen Fälle beleuchten, desto wahrscheinlicher wird eine Verbindung zwischen beiden Taten. Als sie das verbindende Indiz zwischen den beiden Fällen endlich entdecken, offenbart sich ihnen aber etwas noch viel Größeres: Es gibt weitere, ganz ähnliche Fälle, verteilt über ganz Schweden, und bei allen Opfern wurde eine herausgerissene Seite aus „Hänsel und Gretel“ gefunden. Patrik und seine Kollegen müssen den Serienkiller möglichst schnell zur Strecke bringen, bevor es weitere Opfer gibt …

_Camilla Läckbergs Krimis_ haben ihre ganz eigene Qualität, welche die Autorin bislang geschickt mit jedem ihrer Romane weiter entwickelt hat. Aus ganz gewöhnlich erscheinenden Protagonisten und geschickt gesetzten Perspektivensprüngen fabriziert sie einen spannenden und mitreißenden Plot. Läckbergs Romane waren bislang stets so angelegt, dass man sich als Leser mit einer ganzen Reihe Verdächtiger konfrontiert sieht.

Es tauchen viele Figuren auf, von denen viele ein dunkles Geheimnis mit sich herumtragen, das dem Leser immer wieder hier und da angedeutet wird. Dadurch gibt es enorm viele glaubwürdige potenziell Verdächtige, aus denen sich erst spät der wahre Täter herausschält. Es gibt dadurch auch viele parallel verlaufende Handlungsstränge, die erst im Laufe des Romans immer dichter miteinander verwoben werden. Auf diese Weise schafft Läckberg es, die Spannung durchweg auf hohem Niveau zu halten – eine Rezeptur, die bislang in jedem ihrer Romane wunderbar aufging.

Umso bedauerlicher ist es, dass ihr dieses Kunststück mit dem neuen Roman nicht mehr ganz so gut glückt wie mit den Vorgängerwerken. Anders als sonst, hatte ich schon recht früh eine Ahnung davon, wer der Täter sein könnte, ohne dass mir die Zusammenhänge wirklich klar wurden. Konnte man sonst immer bis zum Ende mitfiebern und sich nicht wirklich sicher sein, wer genau der Täter nun ist, gibt es bei „Die Totgesagten“ nicht ganz so viele Möglichkeiten. Und so verliert sich leider ein Teil der Spannung schon im Verlauf des Romans.

Die Lektüre macht zwar dennoch Spaß, und dass dem so ist, verdanken wir größtenteils dem immer noch sehr eingängigen Schreibstil der Autorin, aber sie hat eben schon mehrfach bewiesen, dass sie es eigentlich besser kann.

Erica Falk, im ersten Läckberg-Roman eigentlich noch die Hauptfigur, wurde schon in den letzten Romanen zugunsten von Patrik Hedström mehr und mehr aus dem Mittelpunkt verdrängt. Erica wird auch in diesem Roman zunehmend zur Randfigur. Ihr bleiben das Aufpäppeln ihrer psychisch angeschlagenen Schwester (deren Genesung dann etwas zu schnell vonstatten geht) und die Vorbereitung der Hochzeitsfeierlichkeiten.

Ihre humorige Seite lebt Läckberg dann auch wie gewohnt überwiegend mit Blick auf Erica Falk aus und mit den typisch ironischen Betrachtungen von Patriks Vorgesetztem Bertil Mellberg, aber auch diese Facette bleibt in diesem Roman etwas dünner als beispielsweise in ihrem immer noch unübertroffenen ersten Roman [„Die Eisprinzessin schläft“. 3209

Was immer noch typisch bleibt, ist die Bodenständigkeit ihrer Protagonisten. Alle wirken wunderbar authentisch, nichts erscheint überzeichnet oder unrealistisch. Läckberg hat einfach ein Gespür für eine realistische Figurenskizzierung, und so macht die Lektüre in jedem Fall Freude.

„Die Totgesagten“ lässt sich flott herunterlesen. Quereinsteigern sei aber dringend dazu geraten, die Romane in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, da gerade die persönliche Entwicklung der Protagonisten von einem Roman zum nächsten aufeinander aufbaut. Wer sich hier nichts vorenthalten möchte (schließlich hält auch das Privatleben von Erica Falk mit Blick auf ihre Schwester einiges an Spannung bereit), der sollte strickt der Reihe nach lesen:

[„Die Eisprinzessin schläft“ 3209
[„Der Prediger von Fjällbacka“ 2539
„Die Töchter der Kälte“
„Die Totgesagten“

_Es bleiben unterm Strich_ gemischte Gefühle zurück. Camilla Läckberg versteht sich immer noch auf unterhaltsame, spannende Krimis. Vor dem Hintergrund der Vorgängerromane wirkt „Die Totgesagten“ aber etwas blasser, als man es von Camilla Läckberg sonst gewohnt ist. Sie hat eben schon bewiesen, dass sie es besser kann, und so bleibt zu hoffen, dass „Die Totgesagten“ nur ein kleiner Ausflug ins Mittelmaß ist und sie mit dem nächsten Roman wieder zu alter Form aufläuft.

|Originaltitel: Olycksfågeln
Aus dem Schwedischen von Katrin Frey
413 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-471-35012-6|
http://www.aufbauverlag.de

Andreas Eschbach – Ein König für Deutschland

Das ist Timing! Ende September 2009 stehen in Deutschland die Bundestagswahlen an, und auf den einschlägigen Seiten wurde Andreas Eschbachs neuer Roman für den 15. September angekündigt. Ein Roman, der mit eschbachtypischem Charisma ein heikles Thema, das aktueller nicht sein könnte, packt und die Dinge beim Namen nennt: Computer wurden zur Datenmanipulation erfunden! Also öffnen Wahlcomputer der Wahlmanipulation unschuldig grinsend alle Tore!

Andreas Eschbach, auf dessen Homepage man nicht nur Informationen zu seinen Veröffentlichungen und Lesereisen findet, sondern auch viel interessanten und schön aufbereiteten Stoff zum Leben und zur Arbeit eines Schriftstellers, verblüfft immer wieder mit seinen Romanen, die ein ihm wichtiges Thema umfassend behandeln und dabei in ihrer Qualität als Unterhaltungsmedium stets allen Ansprüchen gerecht werden. Wen interessiert schon eine wissenschaftliche Abhandlung über die Möglichkeiten, über Wahlcomputer den Ausgang einer Wahl zu manipulieren? Um wie viel spannender ist dagegen ein Roman zu diesem Thema, noch dazu von einem erzählerischen Genie wie Eschbach!

In seinem Roman »Eine Billion Dollar« nutzte er die Seitenzahlen, um die Größenordnung dieser Summe deutlich zu machen. »Ein König für Deutschland« heute ist ein Roman, dessen Stichhaltigkeit der Autor mit ausführlichen Fußnoten und Quellenangaben belegt. Wen also nur die erzählte Geschichte interessiert, den stören keine hemmenden Fakten – doch jeder hat die Möglichkeit, die als Tatsachen dargestellten Unstimmigkeiten bei Wahlen und andere Hintergründe nachzulesen und zu überprüfen.

Der Roman

Der Deutsche Simon König, ehrbarer Gymnasialprofessor und Historiker, erlebte auf einer Amerikareise einen Fehltritt mit einer Amerikanerin, wodurch seine Ehe in die Brüche ging. Das Ergebnis der Verbindung ist der Sohn Vincent Merrit, Programmierass und Schöpfer einer Software samt Benutzerhandbuch zur Manipulation von Wahlcomputern. Durch Konflikte mit mafiaähnlichen Gruppierungen und politischen Lobbyisten ist Vincent gezwungen, sein Programm zu verstecken: Er sendet es dem Vater nach Deutschland, der in der Folge in Kontakt mit dem Chaos Computer Club tritt und zur Offenbarung der Manipulierbarkeit von Wahlcomputern eben dieses Programm nutzt, um sich zum König wählen zu lassen. Der Reiz der plötzlichen Möglichkeiten ist auch auf diesen bodenständigen und intelligenten Simon König sehr groß …

Kritik

Vincent Merrit wird als Programmierer dargestellt, wie ihn sich Eschbach als ehemaliger Softwareentwickler vorstellt: bleich, hager, selbstbewusst, Pizza essend und Cola trinkend, ohne dauerhafte Beziehung außer zu seinen Rechnern. Und davon hat er eine ganze Menge, richtet in seinem Haus einen Server- und Arbeitsraum mit zig Rechnern ein und lebt kaum in der »realen« Welt. Er erfüllt also einige der gängigen Klischees über seine Zunft, allerdings auf überwiegend positive Art. Denn er bewegt sich ebenso wie im Netz auch im »real life« souverän – sieht man von seinen Reibungspunkten mit dem Gesetz ab. Ein perfekter Macher. »Ein Präsidentenmacher«.

Simon König ist der Inbegriff der Bodenständigkeit. Lehrer mit idealistischen Vorstellungen, aber von der Realität gefangen und eigentlich zufrieden mit seinem Leben – abgesehen von dem Desaster seiner Ehe durch den Seitensprung in Amerika. Über Diskussionen mit seinem Freund und Kollegen Bernd erfährt man seine Ideen zur Verbesserung der Bildung und Gesamtsituation in Deutschland, außerdem erfährt er durch ein zufällig entdecktes Spiel, wie langfristig eine Besserung der Verhältnisse bewirkt werden kann (dabei ist nicht klar, ob diese Deutung auf Eschbachs Ideengut zurückzuführen ist oder das Spiel tatsächlich zu diesen Ergebnissen führt). König ist also der perfekte Weltverbesserer.

Im Chaos Computer Club findet sich eine Organisation zur Durchführung aller möglichen Manipulationsmaßnahmen jeglicher Größenordnung, um auf Missstände – gerade im Bereich Sicherheit – aufmerksam zu machen. Diese Verbündeten stehen für die Durchführbarkeit des Planes, computergestützte Wahlen zu sabotieren – die perfekten Revolutionäre.

Der Mafiaabkömmling Zantini ist als Zauberer ein Profi der Täuschung und Manipulation. Ihm die Rolle des finanziellen Nutznießers zu geben, schließt endlich den Kreis der perfekten »Mitarbeiter« an diesem Projekt. Trotz der Schwierigkeiten, die Eschbach der Manipulation zugesteht, traut man den Trick diesem gewieften Zauberer durchaus zu. Und anhand seiner Charakterisierung ist auch nachvollziehbar, wie er moralisch angelegt ist, um mit Wahlbetrug zu Reichtum kommen zu wollen.

Die kaum erkennbaren Hintergrundorganisationen, die eigentlichen Auftraggeber und direkten Interessenten am Programm werden entweder durch Parteiabgeordnete oder klischeebehaftete »Agenten« mit Kurzhaarschnitt und Namen wie Smith und Miller dargestellt. Sie symbolisieren das Interesse oder auch den Einfluss von Lobbyisten, Parteien und staatlichen Organisationen an einem sicher vorhersagbaren Wahlergebnis.

Insgesamt also eine Topbesetzung, in der man jedem Darsteller seine Handlungen abkauft: technisch einwandfrei entwickelte Charaktere mit dem Vorteil, dass man ihnen ihre Perfektion während der Geschichte nicht ansieht. Es ist wie in einem Film, in dem man nicht einen Sean Bean über schneebedeckte Gipfel wandern sieht, sondern voller Sorge auf die lederbehandschuhte Hand blickt und denkt: Boromir, gib den Ring zurück!

Fazit

Der Roman gleicht in Stil und Aufbau sowie in der Sprache keinem anderen aus Eschbachs Fabrik und zeugt damit erneut von den Fähigkeiten des Autors, sich nicht zu wiederholen und jeden Roman auf andere, neue und immer wieder spannende Art zu verfassen. Und wenn man das Buch zuklappt, hinterlässt es abgesehen von dem Gefühl, grandios unterhalten worden zu sein, den Wunsch und die Hoffnung, niemals zu Abstimmungen oder gar Wahlen an Computern gezwungen zu sein, und ein endgültiges Einsehen bei den Verantwortlichen, diesen unzweckmäßigen Einsatz von Computern zu unterbinden.

491 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2374-6

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (6 Stimmen, Durchschnitt: 1,33 von 5)

John Buchan- Grünmantel

Das geschieht:

Im Jahr 1916 liefern sich die europäischen Großmächte auf dem Kontinent einen erbitterten Grabenkrieg. Noch ist nichts entschieden, die Deutschen halten buchstäblich ihre Stellungen. Dennoch suchen Kaiser Wilhelms Strategen nach einer Möglichkeit, vor allem die britischen Truppen der Front fernzuhalten. Im fernen Osmanischen Reich – der späteren Türkei – wird den islamischen Stämmen der Region die Ankunft eines ‚Propheten‘ vorgegaukelt, der sie zum „Heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“ aufrufen und durch Persien gen Indien schicken soll. Das Kronjuwel des britischen Empire müssten die Briten auf jeden Fall verteidigen.

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Daly, Elizabeth – Buch des Toten, Das

_Das geschieht:_

Im Sommer des Kriegsjahrs 1943 wird Henry Gamadge, ein Experte für alte Manuskripte und Bücher, der in der Vergangenheit schon mehrfach erfolgreich als Privatdetektiv tätig wurde, von der Zahnarzthelferin Adele Fisher um Hilfe gebeten. Sie hat im Vormonat den Urlaub in ihrem Heimatort Stonehill, US-Staat Vermont, verbracht. Dabei lernte sie einen netten älteren Herrn kennen. Howard Crenshaw, nach eigener Auskunft ohne Familie und sterbenskrank, wollte die letzten Lebenstage in aller Ruhe verbringen. Über das Mitgefühl der jungen Frau freute er sich, war aber bemüht, ihre Existenz seinem Diener Perry vorzuenthalten, den er regelrecht zu fürchten schien.

Seiner Bekannten lieh Crenshaw einen Band mit Shakespeare-Dramen, der ihm lieb und teuer war. Deshalb war Adele erschrocken, als sie feststellen musste, dass Crenshaw nach New York abgereist war, wo ihn kurz darauf sein Ende ereilte. Zudem fand sie in dem Buch seltsame handschriftliche Anmerkungen, die sie als Hilferuf interpretiert. Gamadge soll das Rätsel lüften.

Die letzten Tage des Howard Crenshaw weisen in der Tat einige Merkwürdigkeiten auf. Wieso hat sich der reiche Mann als Arzt den heruntergekommenen Florian Billing ausgesucht, der eher verschwiegen als fähig zu sein scheint? Was geschieht in dem obskuren „Woods-Heim für Geisteskranke, Alkoholiker und Rauschgiftsüchtige“, in das sich nicht mehr vorzeigbare Zeitgenossen diskret abschieben lassen? Und vor allem: Wer schlug Adele Fisher auf offener Straße den Schädel ein? Gamadge hat offenbar in ein Wespennest gestochen. Die definitive Bestätigung erhält er, als der Mörder auch ihm in seinem Heim auflauert …

_Deduktion ist vor allem Arbeit_

Der klassische „Cozy“ ist allgemein nicht für seine Realitätsnähe bekannt. Im Vordergrund steht der möglichst komplizierte „Fall“, den der Detektiv, umgeben von einer Schar potenzieller Verdächtiger, auf hoffentlich geniale und unterhaltsame Weise zu lösen hat. Über dem Geschehen liegt eine eigentümliche Stimmung, die sogar dem mörderischen Anlass einen ‚gemütlichen‘ Anstrich gibt.

„Das Buch der Toten“ erfüllt alle genannten Anforderungen, weicht aber gleichzeitig davon ab und geht einige ungewöhnliche Wege. Was zunächst paradox klingt, wird von Elizabeth Daly routiniert und schlüssig umgesetzt. Bereits der Titel lässt die Freunde des „Kuschelkrimis“ hoffen: Das ominöse Buch ist der ideale „MacGuffin“ – der Anlass, der die Handlung in Gang setzt. Daly entscheidet jedoch früh, besagtes Buch an den Rand des Geschehen rutschen zu lassen. Es gibt seine Informationen preis, die in die folgenden Ereignisse einfließen und dort von neuen Fakten verdrängt werden. Das Buch ist ein Indiz, aber nicht DAS Indiz, von dem die Klärung abhängig ist.

Der Plot unserer Geschichte ist ohnehin recht komplex. Das klassische Miträtseln des Lesers ist Dalys Anliegen nicht. Schon die Einleitung macht es deutlich: Hier liest man eine Szene, die keine ‚Zeugen‘ in Gestalt horchender Personen hat, die später darüber Auskunft geben können. Der „allwissende Erzähler“ ist im klassischen „Whodunit“ eine Ausnahmeerscheinung. Üblicherweise müssen alle Geschehnisse durch Indizien oder Zeugen belegbar sein. Daly verzichtet auf diese Form der Leserbindung; sie will ihre Geschichte so erzählen, wie sie es für richtig hält.

_Mörderjagd an der Heimatfront_

Aus heutiger Sicht mag der Plot reichlich altmodisch wirken. Tatsächlich fädelt Daly das Verbrechen raffinierter ein als anfänglich vermutet. „Das Buch der Toten“ ist kein altmodischer Erbschwindel à la Edgar Wallace, sondern eine kühl und clever konstruierte Intrige mit hohem und aktivem Frauenanteil.

Die Story ist in die Gegenwart des Jahres 1944 eingebettet. Auch die USA sind inzwischen in den II. Weltkrieg eingetreten. Fern der europäischen und asiatischen Kriegsschauplätze existiert eine „Heimatfront“. Viele Güter des täglichen Bedarfs sind rationiert, nachts wird verdunkelt. Die Detektivarbeit wird immer wieder durch die Notwendigkeit erschwert, sich einen fahrbaren Untersatz zu verschaffen, denn Benzin ist knapp. Mancher Streich gelingt dem Mörder nur, weil er nicht auf den Bus warten muss.

Ohnehin kalkuliert er den Krieg ein: Die Polizei jagt in diesen Tagen eher Spione als ’normale‘ Strolche. Auch Henry Gamadge stellt sein kriminologisches Wissen inzwischen dem Kriegsministerium zur Verfügung; sein privates Labor ist verwaist, sein Assistent dient als Soldat. Gamadge ist selbstverständlich Patriot und tut, wie ihm geheißen. Als echter Detektiv und Individualist kann er indes der Herausforderung nicht widerstehen, die das „Buch der Toten“ an ihn stellt. Verdächtig rasch glänzt er im Ministerium durch Abwesenheit. Stattdessen zeigt er sich findig, als es gilt, Personal und Sachmittel zu ‚organisieren‘, was in diesem Fall eher auf Missbrauch (allerdings im Dienst der guten Sache) hinausläuft.

_Detektiv ohne Eigenschaften_

Dies hätte man einem Henry Gamadge eigentlich gar nicht zugetraut, denn die exzentrische Genialität der klassischen Krimi-Detektive geht ihm vollständig ab. Zwar geizt er mit zwischenzeitlichen Hinweisen auf den Stand der Ermittlungen genauso nachdrücklich wie seine Kollegen. Ansonsten ‚versteckt‘ Daly Gamadges durchaus überragenden Intellekt hinter einer betont farblosen Fassade. Damit gibt sie freiwillig ein cozy-typisches Element auf, denn die Schnurren eingebildeter, sprunghafter, charakterstarker Ermittler, die stets für eine Überraschung gut sind, stellen sonst ein unterhaltsames Pfund dar, mit dem Autoren oft und ausgiebig wuchern.

Gamadge verschmilzt mit dem Fall. Nicht selten zieht er im Hintergrund die Fäden und überlässt seinen Helfern das Feld. So ein Detektiv taugt nur bedingt zur Identifikationsfigur. Gamadge ist als Figur schlicht langweilig, und das beeinträchtigt den Spaß an dem sonst fein gesponnenen Kriminalroman stark. Ecken und Kanten weisen höchstens die Nebenfiguren auf, aber auch hier verkneift sich Daly allzu karikierende Typenzeichnungen. Die vermisst man wiederum nicht, sondern anerkennt die (relative) Lebensnähe der Figuren.

_Angelsachsen und Amerikaner_

Mit „Das Buch des Toten“ geht die noch junge Reihe „Fischer Crime Classic“ quasi in die zweite Staffel. Standen bisher klassische Krimis aus England auf dem Verlagsprogramm, folgt nunmehr der Sprung über den Atlantik. Um auf regionale Unterschiede aufmerksam zu machen, ist „Das Buch der Toten“ ein guter Einstieg. Auf der anderen Seite wird (unfreiwillig) deutlich, wieso Elizabeth Daly, die in Agatha Christie eine prominente Fürsprecherin besaß, hierzulande nie populär wurde: Es fehlt an Leichtig- und an Unverwechselbarkeit. Dem Literaturkritiker mag gerade dies erfreuen, aber der Leser vermisst es.

In einem ausführlichen Nachwort („Erfunden, vergessen, neu entdeckt und revolutioniert – Über den amerikanischen Kriminalroman“) erläutert „FCC“-Herausgeber Lars Schafft die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Krimi-Regionen. (Ein zweites Nachwort desselben Verfassers informiert über Leben und Werk der Elizabeth Daly.)

_Die Autorin_

Elizabeth Daly wurde am 15. Oktober 1878 in New York City als Tochter eines Richters geboren. Sie studierte Kunst, arbeitete nach ihrem Abschluss an der Columbia University (1902) jedoch als Lehrerin für Französisch und Englisch am Bryn Mawr College.

Zwar interessierte sie sich Zeit ihres Lebens für Kriminalgeschichten, doch erst in den 1930er Jahren begann Daly selbst zu schreiben. Ihre ersten Versuche blieben erfolglos. Mit der Figur des Bücher-Spezialisten und Gentleman-Detektivs Henry Gamadge änderte sich dies 1940. In rascher Folge verfasste Daly 16 Romane um Gamadge sowie einen von der Serie unabhängigen Thriller.

Bereits 1951 zog sich Daly als Autorin zurück. 1960 wurde sie für ihr Werk von den „Mystery Writers of America“ mit einem „Edgar Award” ausgezeichnet. Kurz vor ihrem 89. Lebensjahr ist Elizabeth Daly am 2. September 1967 im St. Francis Hospital in Long Island gestorben.

_Impressum_

Originaltitel: The Book of the Dead (New York – Toronto : Farrar & Rinehart 1944/London : Hammond 1946)
Dt. Erstausgabe: 1958 (AWA Verlag/AWA Welt der Abenteuer 59)
Übersetzung: Hans Friedrich Kliem
190 Seiten
[keine ISBN]

Diese Neuausgabe: Mai 2009 (Fischer Taschenbuch Verlag/Fischer Crime Classic Nr. 18466)
Übersetzung: Hans Friedrich Kliem
245 Seiten
EUR 7,95
ISBN-13: 978-3-596-18466-8
http://www.fischerverlage.de

John Cassells – Die Schwarzen Tränen

Gleich mehrere Diebe planen unabhängig voneinander den Raub kostbarer Edelsteine. Da deren eigensinniger Eigentümer sich weigert, diese in Sicherheit zu bringen, muss Scotland Yard im Wettlauf mit der Zeit die Schurken identifizieren und aufhalten … – Aufgrund seines kruden Plots und der überzogenen Figurenzeichnung ist der achte Roman der Superintendent-Flagg-Serie ein schon parodistisch wirkender „Kuschel-Krimi“, der zumindest den nostalgischen Leser mit Hang zum naiven aber soliden Krimi-Handwerk unterhalten wird.
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S. S. Van Dine – Mordakte Kasino

Mehrere Giftmorde innerhalb einer nur scheinbar ehrbaren Familie verschleiern ein  ganz anderes Verbrechen, das durch den ein wenig zu geschickt auf eine falsche Spur gelockten Detektiv Philo Vance aufgedeckt werden kann … – Der achte Vance-Krimi fällt im Vergleich zu den feiner gesponnenen früheren Bänden zwar ab, kann aber durch die handwerkliche Routine des versierten Verfassers ein solides Unterhaltungs-Niveau halten.
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Ligny, Jean-Marc – Aqua TM

Naturkatastrophen aller Art beschäftigen fast alle Länder auf unserem Planeten. Klimawandel und mutierte Krankheitserreger, deren Wirken sich schnell zu neuen Pandemien ausweiten können, bedrohen aktuell die gesamte Menschheit. Der Kampf um das Element Wasser wird in absehbarer Zeit genug Sprengkraft besitzen, um Regierungen zu stürzen und Kriege zu entfachen – eine Gefahr, die ebenso schnell einen fanatischen Religionskrieg auslösen könnte, und manche politische Partei oder manch ein Unternehmen könnte beim Rangeln um diesen wichtigsten aller Rohstoffe zum gefährlichen Sicherheitsrisiko werden.

Flüchtlingsströme würden aus wasserarmen Regionen wie eine Invasionsstreitmacht über die Nachbarländer kommen, unaufhaltsam würde ein Krieg um fruchtbaren Lebensraum beginnen, in dem nur die Starken sich durchsetzten und überleben könnten. Noch ist das alles Theorie, aber schon längst gibt es in vielen Ländern Pläne, die sich mit dieser globalen Bedrohung beschäftigen, nur lassen die Strategen sich nicht gerne in die Karten schauen. Das ist Klimapolitik, die Angst macht, und überdies verfolgt jede Nation eigene und darüber hinaus führende Interessen, die sie in diesem Zusammenhang vertritt. Die Erderwärmung und die daraus resultierende klimatischen Veränderungen bedrohen die Machtverhältnisse, und längst schon gibt es neben den wirtschaftlichen Plänen auch Überlegungen militärischer Strategen in dieser Angelegenheit.

Der Preis wird hoch sein, aber wir werden ihn bezahlen müssen, so oder so, und Teil dieses Tributes werden Menschenleben sein. Der französische Autor Jean-Marc Ligny lässt diese Bedrohung in seinem aktuellen Roman „Aqua TM“ zur schrecklichen Wirklichkeit werden.

_Inhalt_

Im Jahr 2030 ist jedem Erdbewohner klargeworden, dass die ständigen Naturkatastrophen, die über die Staaten hereinbrechen, immer schlimmer werden. Die Wüste in der Sahara dringt immer mehr in den Lebensraum, der Sand verschlingt ehemals fruchtbare Regionen und ganze Dörfer, Orkane und Tsunamis bedrohen besonders die Städte an den Küsten, und nicht selten verschwinden ganze Inseln in den Fluten des Meeres. Die Hitze auf dem afrikanischen Kontinent ist mörderisch, der Hautkrebs und auch Infektionskrankheiten wie Malaria sieben schnell unter den Starken und Schwachen aus. Es gibt nur noch Chaos und Anarchie auf dem ehemals blauen Planten.

Als eine fanatische Sekte in den Niederlanden einen Damm sprengt, verlieren in der verheerenden Flutwelle Hunderttausende ihr Leben. Ganze Dörfer werden vernichtet und auch Rudy, ein Holländer, der sich auf Geschäftsreise befindet, verliert bei dem Attentat seine Frau und sein Kind. Verzweifelt und ohne wirkliche Hoffnung auf das Überleben seiner Familie, landet Rudy in einem Auffanglager. Ohne persönliche Papiere und finanzielle Mittel wartet er auf eine Chance und einen Sinn zum Weiterleben.

In dem Auffanglager erwarten Rudy unzureichende Verpflegung und mangelhafte Hygiene. Mitgefühl und Verständnis bringt man den vielen Flüchtlingen nicht entgegen, es herrscht das Recht des Stärkeren. Im Lager schließt sich Rudy wenig später einem Überlebenstraining an. Dort lernt er Nahkampftechniken und den Umgang mit Schusswaffen. Als er Europa den Rücken kehren möchte, kommt ihm ein Angebot als Fahrer für eine Hilfsorganisation gerade recht.

In Afrika wurde ein unterirdisches Wasserreservoir gefunden, das die Versorgung für etwa 50 Jahre gewährleisten könnte. Unendlicher Reichtum und Wohlstand würde dies für das geplagte Land und seine Menschen bedeuten, das unter einer tödlichen, schrecklichen Dürre leidet. Doch auch private Unternehmen zeigen natürlich Interesse an dem Wasser und versuchen mit allen legalen und illegalen Mitteln, sich das Wasserreservoir zu sichern.

Rudy soll für die Hilfsorganisation das Bohrmaterial in das kleine afrikanische Land befördern, und ihm ist bewusst, dass dieses Unternehmen ein Himmelfahrtskommando ist. Es beginnt ein tödlicher Wettlauf um das köstliche und kostbare Wasser.

_Kritik_

Jean-Marc Ligny beschreibt in seinem Roman einen wahren Weltuntergang. Düster, bedrohlich und verzweifelt präsentiert er der Reihe nach einzelne Katastrophen, selbst das Verhalten der Protagonisten mit- und zueinander ist negativ gestimmt.

„Aqua TM“ wird aus der Sicht des Protagonisten Rudy erzählt, der im Laufe der Handlung über sich hinauswächst. Der ehemalige Blumenhändler, der friedlich seinen Geschäften nachging und seine unternehmerischen Interessen vertrat, entwickelt sich zu einem regelrechten Elitekämpfer, der sich seiner Fähigkeiten bislang nicht bewusst war und erst nach einigen gefährlichen Extremsituationen erkennen muss, dass ihm kaum andere Auswege als diese radikale Variante übrig bleiben. Seine Figur ist zumeist zwar glaubhaft, aber auch in einigen Situationen überzeichnet dargestellt.

In einem solchen Thriller gibt es natürlich auch immer die weniger guten Charaktere, und diese sind hier absolut in der Überzahl. Neben der radikalen religiösen Sekte, die sehr weltliche Ziele verfolgt, und auch im Namen Gottes nicht vor Mord zurückschreckt, füllt der Unternehmer Anthony Fuller noch eine wichtige Position aus. Sicherlich fällt er unternehmerische Entscheidungen und seine Perspektive ist durchaus nachvollziehbar, doch begeht er Verbrechen ohne Reue und Nachsicht, und loyal ist er nur gegenüber sich selbst. Doch auch er zahlt für seine Verfehlungen und Verbrechen einen hohen Preis: Seine Frau Pamela rächt sich für die Ignoranz ihres Mannes, indem sie sich der radikalen Sekte anschließt.

Jean-Marc Ligny lässt seine Protagonisten leiden, die Guten ebenso wie die Bösewichte. Jeder bekommt die Umweltkatastrophen zu spüren, auch wenn man in einer sicheren, in sich geschlossener Enklave lebt, die vor schädlichen Umwelteinflüssen geschützt existiert. Man beeinflusst und kontrolliert sein Leben mit Medikamenten und synthetischen Drogen. Soziale Abgrenzung ist an der Tagesordnung und manche Menschen ziehen sich in die virtuelle Welt zurück, die aber auch ihre Gefahren birgt.

„Aqua TM“ ist spannend zu lesen, auch wenn die Story besonders zum Ende hin immer unglaubwürdiger wird und einige unlogische Passagen und Entwicklungen auftauchen. Ernüchternd ist auch die Grundstimmung, vielleicht auch gerade deswegen, weil diese uns mit einer durchaus möglichen Zukunft konfrontiert: Wer hört schon gerne, dass die Natur erbarmungslos zurückschlägt und dabei keine Gnade kennt? Zynisch ist der Grundton des Autors Ligny, der auch nicht davor zurückschreckt, manchmal etwas sehr reich an Details so manche dramatische Situation noch ein wenig abstoßender zu beschreiben. Mitgefühl gegenüber den Schicksalen der Protagonisten empfindet man wenig, so emotionsfrei ist der Stil von Jean-Marc Ligny.

_Fazit_

„Aqua TM“ ist ein erschreckender Thriller, der zwar durchaus Spannung erzeugt, aber diese nicht wirklich anhaltend und packend vorantreibt. Viele Situationen sind vorhersehbar und wenig überraschend. Zwar gibt es nicht viele Längen in der Erzählform, doch der nüchterne und emotionslose Stil mindert das Interesse des Lesers und hält ihn auf Distanz.

Der Plot ist reißerisch und erwartungsvoll, doch kann ich „Aqua TM“ letztlich nur bedingt empfehlen. Als Leser hätte ich gerne mehr von den Naturkatastrophen erfahren und davon, wie die Bevölkerung damit umgeht, welche Schutzmaßnahmen getroffen werden. Das wird leider immer nur kurz angesprochen und geht dann in dem gnadenlosen und spektakulären Wettlauf um das Wasserreservoir unter. Da sich die Geschichte primär in Afrika abspielt, erzählt der Autor in der Folge viel zu wenig von den anderen Kontinenten, die ebenso um ihr Überleben kämpfen und sich schützen müssen.

„Aqua TM“ ist interessant, durchaus spannend, aber inhaltlich ist die Story zu überzogen und zu konzentriert auf einen zu kleinen Fokus. Etwas mehr Abwechslung hätte diesem Umweltthriller gutgetan.

_Der Autor_

Jean-Marc Ligny ist Bretone und hat bereits mehrere Jugendromane und Romane für Erwachsene veröffentlicht. Er ist Rockgitarrist und wurde in dem Jahr geboren, das der Entsendung der ersten Sputnik voranging, also 1956. Für „Aqua TM“ hat er viele Preise erhalten, unter anderem den Preis |Un autre terre|.

|Originaltitel: Aqua TM
Aus dem Französischen von Ulrike Werner-Richter
813 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2358-6|
http://www.luebbe.de

Hambly, Barbara / Gruppe, Marc / Bosenius, Stephan – Jagd der Vampire (Gruselkabinett 32+33)

|Titania Medien| versorgt seit einigen Jahren mit schöner Regelmäßigkeit Liebhaber des gepflegten Grusels mit Hörstoff. Die solide produzierte Hörspielreihe „Gruselkabinett“ widmete sich zunächst den Klassikern des Genres, wie z. B. Stokers „Dracula“ oder Stevensons [„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349, mittlerweile werden allerdings auch jüngere Romane vertont, wie im vorliegenden Fall von Barbara Hamblys „Jagd der Vampire“, ein vampirischer Detektivrroman in klassischer Anmutung aus dem Jahr 1988, der seinerzeit den |Locus Award| für den besten Horrorroman gewann und den Hambly 1995 in „Gefährten des Todes“ fortsetzte.

Barbara Hambly lässt ihren Vampirroman zu Beginn des 20. Jahrhunderts in London spielen. Protagonist ist Professor James Asher, graumeliert und distinguiert, jedoch mit einer illustren Vergangenheit. Bevor er es sich nämlich in der Behäbigkeit des englischen Universitätstrotts gemütlich gemacht hat, war er ein erfolgreicher Spion für die englische Krone. Diese Zeiten sind zwar lange vorbei, doch soll Asher gleich zu Anfang des Hörspiels herausfinden, dass die Vergangenheit einen immer einholen wird. Als er nämlich von der Universität heimkehrt, findet er seine Frau und die Dienerschaft in einem künstlichen Schlaf vor. Dessen Urheber ist der Vampir Don Simon Ysidro, der Asher eben wegen seiner Erfahrung als Spion aufsucht.

Die Vampirgemeinschaft von London hat nämlich ein schwerwiegendes Problem: Bereits vier Vampire sind ums Leben gekommen, als tagsüber ihre Särge geöffnet wurden. Sie verbrannten oder wurden enthauptet. Da Vampire tagsüber praktisch bewusstlos und damit wehrlos sind, sieht sich Ysidro nicht in der Lage, den Mörder selbst zu finden. Und so zwingt er Asher dazu, ihm zu helfen, und droht damit, Ashers Frau Lydia zu töten, sollte dieser sich weigern.

Asher sieht also keine andere Möglichkeit, als sich auf Ysidros Angebot einzulassen. Und so bilden die beiden fortan an sehr ungleiches Paar, als sie versuchen, dem Vampirmörder auf die Spur zu kommen, während Ashers hochgebildete Frau Lydia ihre eigenen Untersuchungen anstellt, um Asher Hintergrundinformationen liefern zu können.

Hamblys „Jagd der Vampire“ ist weniger eine Vampir- als eine klassische Detektivgeschichte. Sicher, die Vampirmorde sind der Aufhänger für die detektivische Jagd und Hambly macht sich ihre eigenen, durchaus interessanten Gedanken zum Vampirmythos (so lässt sie die Pathologin Lydia eine Theorie aufstellen, nach der Vampirismus eine Krankheit, hervorgerufen von einem Virus, sein könnte), doch im Vordergrund der Geschichte stehen Asher, der Detektiv, und seine deduktive Suche nach dem Mörder der Vampire. Zwar ist dem ehemaligen Spion alles andere als wohl dabei, gerade einem Blutsauger zu helfen, doch hat er kaum eine Wahl. Und so heißt es, seine Skrupel und Zweifel zu schlucken und stattdessen kaltblütig und objektiv an das Problem heranzugehen. Darum muss Asher, ganz wie die Detektive in früheren Geschichten des Genres (also beispielsweise bei Doyle oder Poe), logisch vorgehen, Hinweise und Indizien prüfen und durch stetiges Vortasten schließlich auf die Spur des Übeltäters kommen.

Um auch die Fans des Horrorgenres zu bedienen, lässt Hambly ihre Protagonisten in den Pariser Katakomben umherwandern, schickt sie auf den stimmungsvollen Londoner Highgate-Friedhof oder lässt sie verkohlte Leichen inspizieren. Und natürlich wäre da noch Ysidro selbst zu erwähnen, der als ältester Vampir Londons eine durchaus beeindruckende und furchteinflößende Figur abgibt. Er und Asher bilden ein ungleiches Team, dessen Beziehung auf Abhängigkeit und Angst aufgebaut ist. Im Laufe der Handlung lernen beide Männer jedoch, den anderen zu schätzen und zu respektieren, auch wenn Asher nie so weit geht, dem Vampir tatsächlich zu vertrauen. Wie sich die Dynamik zwischen den beiden Charakteren verändert, ist einer der faszinierendsten Punkte der Erzählung und wird von Barbara Hambly meisterhaft vermittelt.

Wie immer hat sich |Titania Medien| für die Hörspielbearbeitung bekannte deutsche Stimmen ins Boot geholt. So wird James Asher von niemand Geringerem als Wolfgang Pampel gesprochen, der auch Harrison Ford seine Stimme leiht. Das gibt dem Hörspiel eine interessante Richtung, da es einfach unmöglich ist, Pampels Stimme zu lauschen, ohne das wettergegerbte Gesicht Indiana Jones‘ vor Augen zu haben. Ebenfalls ein Volltreffer ist Nicola Devico Mamone als Ysidro, dessen starker spanischer Akzent nicht nur nach altem Adel klingt, sondern der es auch schafft, Ysidro gefährlich und unberechenbar erscheinen zu lassen. Claudia Urbschat-Mingues als Lydia erweist sich dagegen als weniger glückliche Wahl. Die deutsche Stimme von Angelina Jolie sprüht geradezu vor Erotik, was dem kühlen Intellekt und der Kombinationsfähigkeit Lydias nicht unbedingt entgegenkommt.

Von diesem kleinen Kritikpunkt abgesehen, gibt es an „Jagd der Vampire“ absolut nichts auszusetzen. Das zwei CDs umfassende Hörspiel gibt sich viel Mühle, den Leser mit Hilfe der Geräuschkulisse an den Anfang des letzten Jahrhunderts zu versetzen, und ist damit mehr als erfolgreich. Die Straßen Londons, das nächtliche Paris, die Zugfahrten mit Ysidro – all das atmet den Geist der Jahrhundertwende, und das wird auch beim Hören mehr als deutlich.

Hamblys „Jagd der Vampire“ ist ein gefundenes Fressen sowohl für Fans von Vampirgeschichten als auch für Liebhaber von klassischer Detektivliteratur. Beides verknüpft die Autorin äußerst wirkungsvoll zu einem Roman weit jenseits der leidenden Vampire mit den traurigen Augen und stumpfen Zähne, die Anne Rice zuerst geprägt hat und die heutzutage große Teile des vampirischen Bücherregals bevölkern.

|Originaltitel: Those who hunt the Night, 1988
148 Minuten auf 2 CDs
ISBN-13 der Doppel-CD-Ausgabe: 978-3785738238|

Home – Atmosphärische Hörspiele


http://www.luebbe-audio.de

_Das |Gruselkabinett| auf |Buchwurm.info|:_

[„Carmilla, der Vampir“ 993 (Gruselkabinett 1)
[„Das Amulett der Mumie“ 1148 (Gruselkabinett 2)
[„Die Familie des Vampirs“ 1026 (Gruselkabinett 3)
[„Das Phantom der Oper“ 1798 (Gruselkabinett 4)
[„Die Unschuldsengel“ 1383 (Gruselkabinett 5)
[„Das verfluchte Haus“ 1810 (Gruselkabinett 6)
[„Die Totenbraut“ 1854 (Gruselkabinett 7)
[„Spuk in Hill House“ 1866 (Gruselkabinett 8 & 9)
[„Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ 2349 (Gruselkabinett 10)
[„Untergang des Hauses Usher“ 2347 (Gruselkabinett 11)
[„Frankenstein. Teil 1 von 2“ 2960 (Gruselkabinett 12)
[„Frankenstein. Teil 2 von 2“ 2965 (Gruselkabinett 13)
[„Frankenstein. Teil 1 und 2“ 3132 (Gruselkabinett 12 & 13)
[„Die Blutbaronin“ 3032 (Gruselkabinett 14)
[„Der Freischütz“ 3038 (Gruselkabinett 15)
[„Dracula“ 3489 (Gruselkabinett 16-19)
[„Der Werwolf“ 4316 (Gruselkabinett 20)
[„Der Hexenfluch“ 4332 (Gruselkabinett 21)
[„Der fliegende Holländer“ 4358 (Gruselkabinett 22)
[„Die Bilder der Ahnen“ 4366 (Gruselkabinett 23)
[„Der Fall Charles Dexter Ward“ 4851 (Gruselkabinett 24/25)
[„Die liebende Tote“ 5021 (Gruselkabinett 26)
[„Der Leichendieb“ 5166 (Gruselkabinett 27)
[„Der Glöckner von Notre-Dame“ 5399 (Gruselkabinett 28/29)
[„Der Vampir“ 5426 (Gruselkabinett 30)
[„Die Gespenster-Rikscha“ 5505 (Gruselkabinett 31)
[„Jagd der Vampire. Teil 1 von 2“ 5730 (Gruselkabinett 32)
[„Jagd der Vampire. Teil 2 von 2“ 5752 (Gruselkabinett 33)
[„Die obere Koje“ 5804 (Gruselkabinett 34)
[„Das Schloss des weißen Lindwurms“ 5807 (Gruselkabinett 35)

Patterson, James – 7 Sünden, Die

Der Alptraum der Eltern ist das spurlose Verschwinden des eigenen Kindes. Das Warten, Hoffen und Bangen, die auszustehenden Ängste sind nicht in Worte zu fassen, und viele warten tage- oder wochenlang, manchmal gar Jahre auf ein Lebenszeichen oder die Gewissheit, dass das Kind inzwischen den Tod gefunden hat. Das Leben danach oder mit diesem Zustand der Schwebe wird niemals wieder wie zuvor sein.

Vielleicht konnte man sich nicht verabschieden, vielleicht endeten die letzten Worte, die man gewechselt hatte, in einem Streit? Wie vielen anonyme Hinweisen, Spuren und Vermutungen kann man noch nachgehen und wann stellt sich die Ernüchterung ein? Mit welcher Energie ermitteln dabei die polizeilichen Behörden? Denn nicht selten sind es eher die Eltern, die sich hartnäckiger und ausdauernder auf die Suche nach einer (Er)Lösung begeben.

James Patterson und sein „Women’s Murder Club“ um die Ermittlerin Lindsay Boxer betreten wieder einmal die kriminalistische Bühne und sehen sich der Herausforderung gestellt, gleich zwei Fälle zu lösen.

_Inhalt_

Es ist drei Monate her, dass der herzkranke Sohn des kalifornischen Gouverneurs verschwunden ist. Michael Campion, ein hochintelligenter, aber dem Tode geweihter junger Mann, ist unauffindbar. Es gab keine Lösegeldforderung, genauso wenig wie einen Abschiedsbriefoder oder ein anschließendes Lebenszeichen.

Die Akte ist noch nicht geschlossen worden, aber alle gehen vom Schlimmsten aus. Wurde Michael entführt und ist in seiner Geiselhaft verstorben, wurde die Leiche beseitigt und haben die oder der Täter dem sonnigen Bundesstaat den Rücken gekehrt? Die Menschen in San Francisco trauerten um den Sohn der beliebten und berühmten Familie, doch nun, nach drei Monaten, geht das Leben weiter.

Bis zu dem Tag, an dem ein anonymer Anruf eingeht, der zwar nicht zurückverfolgbar, aber die erste wirklich heiße Spur ist. Michael soll an dem Tag seines Verschwindens die junge Prostituierte Junie Moon aufgesucht haben, und zwar direkt bei ihr zu Hause.

Detective Lindsay Boxer und ihr Partner Richard Cronklin suchen die junge Frau auf, und nach einem kurzen Gespräch wird dem Duo klar, dass Junie etwas weiß. Beim anschließenden Verhör auf dem Präsidium bricht die junge Frau zusammen und gesteht zwar, Michael nicht vorsätzlich getötet, aber die Leiche zusammen mit einem Freund entsorgt zu haben.

Die Spurensicherung findet in dem Haus, in dem Michael gestorben sein soll, keine Hinweise auf ein Verbrechen, keine Spuren weisen darauf hin, dass Michael in kleine Stücke gehackt und in Mülltüten weggeschafft wurde. Aufgrund ihres eindeutigen Geständnisses wird Junie trotzdem des Mordes angeklagt, und sie wird sich dem Gericht und der Jury stellen müssen.

Lindsays Freundin Yuki Castellano übernimmt als Bezirksstaatsanwältin die Rolle des Anklägers, als Junie ihr Geständnis widerruft. So hat sich das die junge Staatsanwältin nicht vorgestellt: dass der so eindeutige Fall zu einem Indizienprozess mutiert. Aufgrund des prominenten Opfers wird der Prozess zu einem Medienereignis und vielleicht zum größten Fehler ihrer Karriere. Und er wird sie in tödliche Gefahr bringen …

Zeitgleich geschieht in San Francisco eine Reihe von brutalen Serienmorden. Einfamilienhäuser brennen lichterloh und ihre wohlhabenden Besitzer sterben qualvoll in den lodernden Flammen. Die Täter gehen äußerst brutal und rücksichtslos vor; und schlimmer noch, sie hinterlassen nur Spuren, die auch gefunden werden sollen. Als Lindsay nur durch Zufall einem Anschlag entgeht und ihre Wohnung abbrennt, nimmt die Gefahr für sie sehr persönliche Ausmaße an …

_Kritik_

„Die 7 Sünden“ von James Patterson ist der siebte Fall für Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“. Dieser Thriller ist rasant, brutal und voll feuriger Hochspannung im doppelten Sinne. Der Autor erzählt seine Geschichte aus der Perspektive seiner Protagonistin Lindsay Boxer und parallel aus jener der Feuerteufel. Beide Erzählstränge laufen bis zum Ende unabhängig von einander und greifen nicht unmittelbar ineinander.

Die Kapitel sind sehr kurz gehalten, was Abwechslung verspricht und sich aufs Wesentliche konzentriert. James Pattersons Stil ist fast schneller als seine Handlung und dem Leser wird nicht viel Zeit zum Luftholen gelassen.

Für Überraschungen und Wendungen ist gesorgt, nicht nur zum Ende hin, sondern gerade das Verschwinden von Michael Campion und der sich anschließende Indizienprozess sind fulminant erzählt und gespickt mit zahlreichen Aha-Effekten. Dieser Part gehört aber hauptsächlich nicht zu Lindsay Boxer, sondern hier gehört die Bühne ihrer Freundin, der Staatsanwältin Yuki Castellano, die zwischen die Mühlsteine von Beruf und Privatleben gerät – und die mahlen bekanntlich sehr gründlich.

Jede einzelne Situation des Romans ist spannend geschildert. Viel Platz für Nebenhandlungen gibt es nicht: Rädchen greift in Rädchen und ergibt so ein sehr komplexes Ergebnis, das in sich logisch und nicht verworren aufgebaut ist. Der Leser verfolgt in kurzen Leseabschnitten jeweils die Ermittlungen von Boxer und Cronklin oder die Verbrechen der Raubmörder und Feuerteufel.

James Patterson lässt seine Protagonisten nicht viel von sich selbst erzählen, nur bruchstückhaft tritt Vergangenes zutage, das vielleicht für die zentrale Handlung nicht weiter von Interesse ist, für Leser, die andere Bücher um den „Women’s Murder Club“ noch nicht kennen, jedoch um so mehr. Lindsay Boxer zum Beispiel, die selbstbewusste Ermittlerin, steht zwischen zwei Männern, die sie verehren, und auch wenn sie es sich selbst nicht eingestehen möchte: Da geht noch was, fragt sich nur, in welche Richtung.

Das Quartett des „Women’s Murder Club“, wie sich die Damen selbst bezeichnen, besteht aus Lindsay Boxer, der Staatsanwältin Yuki Castellano, der inzwischen hochschwangeren Pathologin Claire Washburn und der Reporterin Cindy Thomas. Letztere spielt nur eine kleine Nebenrolle, und auch Claires Rolle ist knapp gehalten, aber als Pathologin gibt sie doch den einen oder anderen Hinweis, der wichtig sein könnte.

_Fazit_

„Die 7 Sünden“ ist ein hochspannender Pageturner, der keine erzählerischen Längen aufweist. Das feurige Tempo und die beständigen Überraschungen wecken das Interesse des Lesers, mehr vom „Mordsklub der Frauen“ zu erfahren.

Dies ist einer der besten und schnellsten Thriller, die ich bisher gelesen habe. Allerbeste Unterhaltung wird geboten, kurz und knapp auf das Wesentliche konzentriert: interessante Charaktere, Mörder, die teuflisch schlau agieren, und eine unschuldig schuldige Prostituiere mit mehr Schein als Sein in ihrer Wesensart.

„Die 7 Sünden“ kann man unabhängig von den anderen Romanen dieser Reihe lesen, doch eine Warnung als Randnotiz – dieses Buch macht süchtig nach mehr. Ein Thriller, den man gelesen haben muss.

_Der Autor_

James Patterson, geboren 1949, war Kreativdirektor bei einer großen amerikanischen Werbeagentur. Seine Thriller um den Kriminalpsychologen Alex Cross machten ihn zu einem der erfolgreichsten Bestsellerautoren der Welt. Inzwischen feiert er auch mit seiner neuen packenden Thrillerserie um Inspector Lindsay Boxer und den „Women’s Murder Club“ internationale Bestsellererfolge. James Patterson lebt mit seiner Familie in Palm Beach und Westchester, N.Y.

Weitere Informationen finden auf http://www.jamespatterson.com.

|Originaltitel: 7th Heaven
Originalverlag: Little, Brown and Co., New York 2008
Aus dem Amerikanischen von Leo Strohm
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-8090-2550-4|
http://www.limes-verlag.de

_James Patterson auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Dead“ 5703
[„Blood“ 4835
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Der 1. Mord“ 5247
[„Die 5. Plage“ 5376
[„Die 6. Geisel“ 5412
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47

Nomus, Jacob – Amarna-Grab, Das

Der deutsche Newcomer Jacob Nomus hatte sich seit 2003 bis dato dem Verfassen von Kurzgeschichten und -erzählungen gewidmet. Diese finden sich gesammelt in „Geschichten aus dem dritten Jahrtausend“. Seit Juni 2009 steht nun sein Roman-Erstling in den Regalen, der den Leser – der Titel lässt es deutlich werden – buchstäblich in die Wüste schickt. Ein Folgeprojekt mit dem Titel „Schuld“ steht ebenfalls in den Startlöchern und soll – laut Presseinfo des herausgebenden Kölner |Alea|-Verlags – spätestens 2011 veröffentlicht werden. Bis dahin fließt sicher noch so einiges Wasser den Nil herunter und es bleibt sicherlich auch mehr als genügend Zeit, um sich zuvor eingehend mit „Das Amarna-Grab“ zu beschäftigen.

_Zur Story_

Kairo, 2011: Der Fund zweier weiblicher Mumien im Tal der Könige elektrisiert den renommierten Ägyptologen Paul Starck. Beide stammen offenbar aus der 18. Dynastie und zudem aus dem Dunstkreis des Ketzerpharaos Echnaton, der nicht nur unter mysteriösen Umständen verschwand, sondern gleichwohl von seinen Nachfolgern regelrecht aus der Geschichte Ägyptens getilgt werden sollte. Die Autopsie nach allen Regeln der modernen archäologischen Kunst ergibt Entsetzliches: Die jüngere der beiden Frauen dort auf seinem Seziertisch war noch nicht tot, als die Mumifizierer sie für die Ewigkeit präparierten. Und ist die zweite Leiche eventuell sogar Echnatons sagenumwobene Ehefrau Nofretete? Ein DNA-Test soll Klarheit bringen. Doch der ist aufwändig und benötigt Zeit. Währenddessen wird, verborgen unter einer abgelegenen Tempelanlage, eine nicht minder faszinierende Entdeckung gemacht.

In Jerusalem des Jahres 33 schmieden drei Verschwörer ein ausgeklügeltes und höchst perfides Komplott gegen einen gewissen Yehosua, auf dass dieser mit sprichwörtlich tödlicher Sicherheit ans Kreuz geschlagen werde. Es kristallisiert sich sehr schnell heraus, dass es sich um niemand Geringeren als Jesus handeln kann. Nichts wird dem Zufall überlassen, alle Aspekte des Verrats, der Verhaftung, der Verurteilung durch den Hohen Rat sowie der römischen Jurisdiktion – sprich: Pontius Pilatus – und sogar scheinbar unwichtige Details der Kreuzigung werden beinahe minutiös geplant. Selbst der genaue Zeitpunkt scheint extrem wichtig zu sein: Die Hinrichtung des Messias muss am Vortag des jüdischen Passah-Festes zur Mittagszeit auf dem Berg Golgatha stattfinden. Noch erstaunlicher ist, dass die Verschwörer ganz offensichtlich zum intimsten Freundeskreis Jesu gehören und ihr Tun ihnen zutiefst widerstrebt.

Mordgedanken dürften auch in Ägypten um 1400 v. Chr umgegangen sein. Zumindest bei den vergrätzten Amun-Priestern in der Reichshauptstadt Memphis: Pharao Amenhotep IV. treibt die schleichende Unterminierung des althergebrachten Pantheons seitens seines Vaters auf die Spitze und erklärt nach seiner Machtübernahme den Gott Aton zum einzigen Gott. Damit ist er der erste bekannte Herrscher, der den Monotheismus zur Staatsreligion ausruft. Einer Vision folgend, lässt der nun unter dem Namen Echnaton regierende König die Stadt Achet-Aton aus dem Boden stampfen und verlegt seinen Lebensmittelpunkt sowie den Regierungssitz dorthin. Einst schloss der nach Unsterblichkeit Trachtende einen geheimnisvollen Pakt mit dem Gelehrten Aaron, welcher ihm die Söhne Semenchkare und Tutenchaton beschert, wiewohl seine Gattin Nofretete scheinbar nur Mädchen gebären kann. Im Gegenzug soll das Volk Israels aus der ägyptischen Knechtschaft entlassen werden.

_Eindrücke_

Die Verquickung von Fakten und Fiktion ist stets eine heikle Gratwanderung. Das Schlüsselwort lautet hier: Authentizität. Wenn man es also richtig machen will, gehört zu solch einem Projekt jede Menge Recherchearbeit und natürlich die Fähigkeit, deren Ergebnisse in die Erzählung einfließen zu lassen. Auch Leser ohne den entsprechenden Background sollen schließlich davon angesprochen und mitgerissen werden. Und allzu theoretisch-dröge darf’s logischerweise auch nicht zugehen, was insbesondere beim komplexen und vielschichtigen Thema Echnaton in besonderem Maße knifflig ist. Seine Person, ja eigentlich die gesamte Familie umgibt bereits von der eher konservativen Lehrmeinung vertretenen Sachlage her eine höchst mysteriöse, geheimnisvolle und somit interessante Aura. Zu den historisch belegbaren Umständen kommen die Spekulationen aus der grenz- bzw. populärwissenschaftlichen Ecke.

Und gerade mit denen spielt Jacob Nomus ganz besonders geschickt, wobei er sich unter anderem einige (oft kontrovers umstrittene) Thesen zunutze macht und sie schlüssig wie spannend in seinen Roman einpasst – ohne zu dick aufzutragen. Etwa die gelegentlich postulierte,aber nie bewiesene Querverbindung von Echnaton zu Moses‘ späterem Exodus präsentiert sich hier in Form des Paktes zwischen dem Pharao und dem Israeliten Aaron. Das sumerische Gilgamesch-Epos wird ebenso verwurstet wie Teile der Gralslehre bzw. apokryphes Gedankengut, das etwa Templern, Rosenkreuzern, Freimaurern oder der Prieuré de Sion nachgesagt wird. Insbesondere die Genetik – oder besser gesagt: die Genealogie – spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Eine wahre Spielwiese speziell für Kenner der Werke Hancocks/Bauvals, Baigents, Lincolns, Leighs oder auch Sitchins. Und obwohl diese Versatzstücke offiziell ins Reich der Fiktion gehören, würden diese Herren ob der einfallsreichen Kombination der Elemente vermutlich applaudieren.

Stilistisch gesehen bestünde hier und da noch ein wenig Verbesserungsbedarf, was verständlicherweise jedoch stark von persönlichen Präferenzen abhängt. Das betrifft einerseits das vergleichsweise trockene Dozieren über historische Fakten, was sicherlich sinnvoll für eine unbeschlagene Leserschaft ist, andererseits dem Tempus zuweilen geringfügig schadet. Gleiches gilt zum Teil für das Verständnis nicht unbedingt notwendiger Nebenhandlungen aus der Gründerzeit Achet-Atons. Diese illustrieren zwar – quasi als Ausgleich etwas anrührig – persönliche Tragödien des einfachen Volks und sollen wohl vordergründig die Eindringtiefe verbessern, sind aber dem Vorankommen der Story eigentlich nicht dienlich. Dann wäre da noch die etwas flache Figurenzeichnung. Insbesondere die neuzeitlichen Hauptfiguren Starck und Velikovsky bleiben insgesamt ziemlich blass. Dafür sind die historischen besser getroffen – sprich: lebendiger.

Allenfalls penible Besserwisser werden zudem noch fingerwedelnd anmerken, dass Echnatons Geburtsname „Amenophis“ in deutschen Publikationen sicher gebräuchlicher ist als der hier verwendete „Amenhotep“ – beides meint aber das Gleiche und ist richtig. Die Strukturierung in drei autonome Handlungsstränge mit jeweils eigenem Abschluss, welche zusammengenommen dann ein viertes, größeres Bild ergeben, ist gut gewählt und spannt den Leser erwartungs- und wohl auch wunschgemäß auf die Folter. Zumindest denjenigen, der thematisch unvorbelastet herangeht – wer mit der Materie vertraut ist, ahnt schon recht früh wenigstens die ungefähre Richtung, in welche die Reise aus den unterschiedlichen Epochen gehen wird. Wenngleich Jacob Nomus auch für diesen Kreis noch die eine oder andere Überraschung aus dem Grabmal zaubert. Nach fulminantem Start und ruhigerem Mittelteil zieht das Tempo in Richtung Showdown noch einmal ordentlich an und endet in einem würdigen – und vor allem: plausiblen – Finale.

_Fazit_

Nicht nur Freunden des historischen Thrillers wird das außergewöhnliche und unterhaltsame Puzzle gefallen, wobei eine gewisse Affinität zu Ägypten und grenzwissenschaftlichen Theorien zusätzlich spaßverstärkend wirkt. Vorkenntnisse sind aber keinesfalls Pflicht. So fiktiv, oder sagen wir einmal abwegig ist dieses gesamte, doch recht pfiffig ausgeklügelte Gedankenspiel aus Fakt und Fantasie bei genauerer Betrachtung auch gar nicht. Wirklich handfeste Kritikpunkte gibt es eigentlich keine und die Kleinigkeiten, die sich dennoch vielleicht an mancher Stelle zeigen, fallen ausnahmslos unter die Rubrik „individueller Geschmack“ – und über den lässt sich bekanntlich trefflich streiten. „Das Amarna-Grab“ ist der erneute Beweis dafür, dass lesenswerte Lektüre auch in Deutschland entsteht: eine Lese-Empfehlung meinerseits.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_

Jacob Nomus: Das Amarna-Grab
Alea Verlag, Köln, Juni 2009
Genre: Historischer Thriller / Drama
ISBN 10: 3-0002-8020-0
ISBN 13: 978-300028020-7
358 Seiten, Broschur
Preis: 15,90 €

Ken Bruen/Jason Starr – Crack

Ein selbst ernannter Dealer-König und eine schöne aber stets in Schwierigkeiten steckende Frau entfesseln in New York einen Krieg zwischen der Drogenmafia, der irischen IRA, der Polizei und diversen Psychopathen … – Hart an der Grenze zur Parodie pfeift dieser Trash-Krimi auf Moral oder Logik und setzt eine Kettenreaktion absurder und gewaltreicher Zufälle in Gang: witzig in Handlung und Stil, aber nichts für nervenschwache Gemüter.
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Victor Gunn – Auf eigene Faust

Gunn Faust Cover 1982 kleinDer bizarre Mord an einer Tante wird nur durch den gefährlichen Alleingang eines hartnäckigen Ermittlers als Element einer perfiden Verschwörung entlarvt – falls der Täter nicht schneller als sein Verfolger ist … – Der vierte Teil der lang laufenden Serie zeigt einen noch deutlich aktiveren Bill Cromwell in einem kuriosen Fall, der sich so zeitlos und ohne Bezug zur realen Gegenwart nur im englischen Kriminalroman ereignen kann: altmodisch aber nostalgisch unterhaltsam.
Victor Gunn – Auf eigene Faust weiterlesen

R. Austin Freeman – Der steinerne Affe

freeman-affe-cover-kleinEin scheinbar perfektes Verbrechen ruft den genialen Kriminologen Dr. Thorndyke auf den Plan; aus einem Häuflein arsengetränkter Menschenasche rekonstruiert er ein meisterhaftes Mordkomplott, das vor vielen Monaten eingefädelt wurde … – Routiniert und ein wenig altmodisch mischt Autor Freeman den klassischen „Whodunit“ mit einem „Howdunit“. Am Ende des unterhaltsamen, aber recht statischen und mit blass gezeichneten Figuren besetzten Krimis sind alle Fragen zufriedenstellend geklärt.
R. Austin Freeman – Der steinerne Affe weiterlesen

Preston, Douglas – Credo – Das letzte Geheimnis

Religion und Wissenschaft – können beide Bereiche miteinander oder zumindest reibungsfrei nebeneinander existieren? Wie interpretiert die Wissenschaft die Schöpfungsgeschichte? Wie oder was könnte Gott sein? Ein Energiefeld, eine Wesenheit, die wir noch nicht begriffen haben? Fragen über Fragen, die man bislang entweder mit Fakten der Wissenschaft oder seinem Glauben beantworten kann. Physik, Quantenphysik, Genetik, Relativitätstheorie mit den Gesetzen von Raum und Zeit – haben Gott und der eigentlich unbeweisbare Glaube an ihn und sein Wirken einen Platz neben diesen weltlichen Wissenschaften?

Douglas Preston hat in seinem Roman „Credo – Das letzte Geheimnis“ Gott und der Wissenschaft eine breite Bühne gegeben. Was würde passieren, wenn man die Möglichkeit gefunden hätte, mit „Gott“ zu kommunizieren? Würden dies Gläubige des Christentums und anderer Religionen hinnehmen oder ablehnend anzweifeln?

_Inhalt_

Der amerikanische Senat hat 40 Milliarden Dollar für ein Experiment genehmigt: Ein kleiner Kreis von hochtalentierten Physikern und Wissenschaftlern arbeitet hierfür an einem Teilchenbeschleuniger. Bei diesem Projekt soll der „Urknall“ erforscht und nachgebildet werden. Damit hätte man eine neuartige Energiequelle entdeckt, die alle bisherigen weit in den Schatten stellt. Die Leitung des Projekts hat der Nobelpreisträger Hazelius, der sich selbst als einer der schlauesten Köpfe der Welt sieht.

Die Zeit drängt und der Teilchenbeschleuniger „Isabella“ sowie die Wissenschaftler arbeiten fieberhaft an dem Projekt, denn die Regierung verlangt ungeduldig Ergebnisse. Doch aus der Wüste inmitten eines ehemaligen Indianergebietes unterrichtet man die Geldgeber eher sporadisch und verschlossen.

Doch damit gibt man sich nicht zufrieden und beauftragt den ehemaligen CIA-Agenten Wyman Ford damit, sich in das Team einzuschleusen, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen – unter dem Deckmantel eines offiziellen Kontaktmannes zu den Navajos, auf deren Land das Forschungsgelände errichtet wurde. Die Navajos sind mit dem Handel, den sie mit der Regierung vereinbart haben, nicht zufrieden und auch der Lobbyist Craven, dessen Idee dieser Handel war, ist alles andere glücklich.

„Isabella“ und das Projektteam sind schon länger ein umstrittenes Thema in den Medien. Einige Stimmen sprechen von Blasphemie, da man die biblische Schöpfungsgeschichte nachahmen will, und schon treten viele christliche und erzkonservative Kreise auf den Plan, die das Ende des Projektes fordern.

Auch ein bekannter Fernsehprediger, der nach vielen persönlichen Schicksalsschlägen nun die Chance auf Reichtum, Ansehen und Macht sieht, stachelt die Mengen mit seinen öffentlichen Reden gegen das Projekt „Isabella“ auf, das Gott simulieren will.

Wyman Fords Exfreundin, die er seit knapp zehn Jahren nicht mehr gesehen hat und die ebenfalls Teil des Forschungsteam ist, weiht Ford in die etwas komplizierten und komplexen Schwierigkeiten ein: „Isabella“ hat Kontakt mit einer offensichtlich übermenschlichen Intelligenz aufgenommen. Alle Versuche, den Kontakt zu lokalisieren, schlagen fehl. Noch immer erscheint eine Begrüßung auf dem Bildschirm und sie bezeichnet sich selbst als Gott, nicht irgendeine Wesenheit, sondern wirklich als der einzig wahre Gott. Im Dialog mit den Wissenschaftlern fordert „Gott“, von den alten Glaubensgrundsätzen abzurücken und die Naturwissenschaften als einzige Religion anzuerkennen.

Ford kann nicht verhindern, dass diese Botschaft durch Zufall nach außen dringt. Eine Welle der Entrüstung wogt durch die Medien, und auch der Fernsehprediger, der sich jetzt als Werkzeug und Waffe Gottes sieht, provoziert und hetzt die Menge zu einem wütenden und bewaffneten Mob auf, dessen Ziel die Zerstörung von „Isabella“ und dem Projekt-Schöpfer ist. Doch auch die Regierung sieht sich durch die Medien gezwungen, vor Ort nachzusehen, was in der Wüste vorgeht. Die Lage wird schnell dramatisch und droht zu eskalieren, als „Gott“ vom Ende der Welt spricht …

_Kritik_

Die Idee, „Gott“ als Protagonisten sprechen zu lassen, ist interessant und mal etwas anderes, sie schürt jedenfalls die Neugierde auf diesen Roman. Der Autor Douglas Preston, der alleine und zusammen mit seinem Kollegen Lincoln Child schon etliche wissenschaftliche Thriller verfasst hat, erzählt „Credo“ recht flüssig, aber ohne wirklich aufkommende Spannung. Die Protagonisten werden zu gemächlich eingeführt, und die unterschiedlichen Handlungsstränge wirken jeder für sich inhaltlich nicht nachhaltig interessant.

Die Dialoge mit „Gott“ wird sich der Leser anders vorgestellt haben. Man kann die Stimme und die Worte als seelenlos bezeichnen, wenn sie von Wissenschaft und Glaube spricht, aber einfühlsam, verständnisvoll und tiefsinnig ist die Unterhaltung keineswegs. Dieser Gott ist eher von Egoismus geprägt und seine Theorien und Forderungen entsprechen purem Pragmatismus. Empfindungen wie Liebe und Gefühl scheinen nicht im Wortschatz vorhanden zu sein.

Ford steht dabei bis fast zum Ende hin als blasser Beobachter am Rande des Geschehens und verhält sich recht passiv, erst am Ende nimmt er in der Handlung viel mehr Raum ein. Einzig und allein der Leiter des Projekts, Dr. Hazelius, umgibt sich in der Geschichte mit einem gewissen Charisma. Sein überlegener Intellekt verleiht ihm dabei etwas Würdevolles und Mystisches. Sein Leben, Denken und Handeln werden durchgehend durch die Wissenschaft beeinflusst und gelenkt. Seine Religion steht nicht in der Heiligen Schrift, sondern findet in Labors und Forschungseinrichtungen statt.

Der verblendete und sehr radikale Fernsehprediger ist ein klassischer Verlierertyp. Immer pleite und von seinen erlebten und gelebten Schicksalsschlägen auch körperlich gezeichnet, sucht er nach einer Aufgabe, die seinem Leben Sinn und vor allem Halt gibt. Doch Mitleid empfindet man als Leser wenig bis gar nicht; trotz einiger Niederlagen im Leben sollte man in der Lage sein, relativ klar denken zu können und auch Gottes Zehn Gebote nicht als „Leitfaden“ oder „Gebrauchsanweisung“ für möglichst wenige Sünden zu verstehen. Dass er radikale Jünger um sich schart und Gewalt in solchen Ausmaßen predigt, ist zwar nicht unrealistisch, aber dass er damit derart deutlich Gehör findet, halte ich doch für stark übertrieben.

„Credo – Das letzte Geheimnis“ wendet sich an die Religionen und an die Wissenschaft zugleich. Verschiedene Theorien werden hier vertreten. Einige Stimmen meinen, die Religion schließe die Naturgesetze und deren Wissenschaft nicht aus, denn schließlich hat Gott diese erst ermöglicht, wogegen andere schnell von Blasphemie sprechen, wenn die Wissenschaft neue Wege mit moderner Technik beschreiten möchte. Douglas Preston hat dies wirklich gut in Worte gefasst und seine Stellung weder pro noch kontra ausgearbeitet.

Dass Religion auf Menschen verführerisch und aufrührerisch wirken kann und deren Botschaften manipulierend interpretiert werden, wissen wir nicht erst seit heute. Doch die Gefahr dessen wird uns meistens erst dann bewusst, wenn es zu spät für einen friedlichen Weg ist; so auch in „Credo“, als die Spirale der Gewalt sich nach außen und innen einen Weg bahnt und ein Schlachtfeld der Verwüstung hinterlässt. Auch hier hat Douglas Preston in seinem Roman hingewiesen.

Doch auch die Risiken der Wissenschaft werden hier nicht außen vor gelassen. Was bringt uns die Wissenschaft, wenn wir dabei vergessen, was es heißt, menschlich zu handeln und Verantwortung nicht nur für uns selbst zu tragen? Wissenschaft besteht meistens aus Fakten und Beweisen, doch auch manche Theorien lassen sich (noch) nicht beweisen oder widerlegen. Auch der Wissenschafter ist in dieser Hinsicht ein gläubiger Mensch, und nicht selten zeigt sich in der Wissenschaft ein Phänomen, dass man zunächst nicht erklären kann, nur akzeptieren.

Douglas Preston erzählt seine Geschichte etwas zäh und langatmig. Spannung und Überraschungen kommen selten auf, so dass der Leser sich von einem Kapitel zum anderen hangelt, in der Hoffnung darauf, „Gott“ zu begegnen, der sich aber wirklich viel Zeit lässt und wenig präsent auftritt. Ebenso gestaltet sich Fords Suche nach der Wahrheit innerhalb des Projektes, die manchmal doch recht langweilig wirkt. Von einem Ermittler erwartet man schließlich etwas mehr Aktivität, die man hier aber kaum findet. Preston verfängt sich entweder in der Wissenschaft oder in der Religion, beides miteinander kombiniert präsentiert sich nur in einer Eskalation, aber wirklich diskutiert oder tiefsinnig ausgeformt wird die Grundidee leider nie.

_Fazit_

„Credo – Das letzte Geheimnis“ ist ein durchschnittlicher Roman des Bestseller-Autors Douglas Preston. Dieser Roman gehört zu seinen schwächeren und weiß nicht so recht zu überzeugen. Ich hatte den Eindruck, dass sich der Autor auch so manches Mal selbst verloren gefühlt haben mag und nicht wusste, in welche Richtung sich das Experiment um Isabella und Gottes Anwesenheit wenden soll. Bis zum Ende wirkt der Roman unspektakulär, zwar mit einer recht interessanten Theorie unterfüttert, aber nicht konsequent durchdacht.

|Originaltitel: Blasphemy
Aus dem Amerikanischen von Katharina Volk
586 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-426-19798-1|
http://www.droemer-knaur.de
http://www.prestonchild.de
http://www.prestonchild.com

_Douglas Preston auf |Buchwurm.info|:_

[„Der Canyon“ 4243
[„Maniac – Fluch der Vergangenheit“ 4249
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 2809
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 4124 (Hörbuch)
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 1725
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 2193 (Hörbuch)
[„Das Patent“ 701
[„Ritual – Höhle des Schreckens“ 656
[„Formula – Tunnel des Grauens“ 192
[„Riptide – Mörderische Flut“ 71