Der eigenen Regierung sollte man eigentlich vertrauen können. Die Betonung liegt auf „sollte“, denn der Brasilianer Rubens, die Hauptfigur in R. Scott Reiss‘ Thriller „Todesspiel“, macht die gegenteilige Erfahrung.
Von denen, die ihn schützen sollten, gelinkt und verraten, flüchtet er zusammen mit seiner Tochter, der Teenagerin Estrella, nach Amerika. Doch das nicht ohne Hintergedanken. Er war früher Leibwächter für den Präsidenten, dessen Regierungsstil einigen lokalen Gruppierungen nicht gefallen hat. Als dieser bei einem getarnten Anschlag ums Leben kommt, steht der loyale Rubens alleine da. Seine Gegenspieler glauben, er hätte wichtige Informationen, und setzen sein Haus in Brand. Dabei stirbt seine Frau Rosa und er beschließt, ihren Tod zu rächen.
Einen Anhaltspunkt hat er bereits. Er vermutet, dass der New Yorker Honor Evans seine Finger im Spiel hat. Also versucht er den Mann ausfindig zu machen, ohne dass seine geliebte Tochter etwas davon mitbekommt. Als ihm dies gelungen ist, muss er mitanhören, wie Honor und seine Familie grausam niedergemetzelt werden. Er erfährt, dass sein eigentlicher Feind nicht Evans, sondern ein Phantom namens Nestor ist. Nestor hat alles, was Rubens nicht hat: Ansehen, Macht und Einfluss. Der ehemalige Leibwächter hingegen ist nur ein weiterer illegaler Einwanderer in den überfüllten Stadtvierteln New Yorks. Doch er ist clever – und er hat Freunde …
David gegen Goliath – R. Scott Reiss erzählt keine neue Geschichte in seinem Buch. Er greift auf bekannte Themen zurück wie den Drogenhandel in Südamerika oder die Verwicklungen großer Unternehmungen in illegale Nebenaktivitäten. Es gibt genug Autoren, die aus Altbewährtem noch eine spannende Geschichte stricken können, doch Reiss gehört nicht dazu. „Todesspiel“ ist ein gut konstruierter Thriller mit solider Spannung, dem es an dem Besonderen fehlt. Die Handlung ist zwar meistens nicht vorhersehbar, aber richtig in Fahrt kommt sie trotzdem nicht.
Es ist insgesamt sehr schwierig, in „Todesspiel“ die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Autor macht seinen Job gut. Die sprachliche Ausarbeitung ist sauber, flüssig und ohne Längen. Er gestaltet seine Geschichte lebendig und berichtet ausführlich, aber nicht ausschweifend über Gefühls- und Gedankenwelt seiner Hauptperson. Er geht gerade so tief ins Detail, dass man Rubens gut folgen kann. Trotzdem fällt es schwer, mit ihm warm zu werden. Er ist gut ausgearbeitet, aber einen Tick zu eindimensional. Er wirkt austauschbar und der Beweggrund seiner Handlungen – der Tod von Rosa – hätte ruhig etwas dramatischer dargestellt werden können.
Doch eine misslungene Figur ist Rubens deswegen nicht. R. Scott Reiss hat es in „Todesspiel“ einfach nicht geschafft, Handlung, Hauptperson und Sprache so lebendig werden zu lassen, dass man das Buch nicht zur Seite legen kann. Es ist folglich kein schlechter Thriller, sondern nur einer, der nicht wirklich zünden möchte.
|Originaltitel: The Animal Game
Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann
ISBN-13: 978-3-548-26963-4
395 Seiten, Taschenbuch|
http://www.ullstein-taschenbuch.de
Ein Motel in der englischen Provinz wird Schauplatz eines rätselhaftes Mordes. Zwei zufällig anwesende Scotland-Yard-Beamte übernehmen den Fall an, der sich bald zum Doppelmord entwickelt, und enthüllen ein sorgsam gehütetes Familiendrama … – Der 40. Fall des Ermittler-Duos Cromwell und Lister ist einer der besseren der langlaufenden Serie und bietet in routinierter Variation altmodisches Miträtseln des Lesers auf einer wendungsreichen Suche nach dem Täter, der in einem großen Finale überführt wird. Victor Gunn – Das rote Haar weiterlesen →
Ägyptische Mumien sind noch immer geheimnisumwittert und nicht nur für Archäologen wertvoll. Wie sah der Mensch aus, der für die Reise in das nächste Leben einbalsamiert wurde? Welche Krankheiten kann man mit neuen wissenschaftlichen Methoden diagnostizieren und daraus Rückschlüsse auf das Leben des seit Jahrtausenden Toten erhalten?
Der Prozess einer Mumifizierung wurde bereits vom griechischen Autor Herodot in seinem zweiten Buch ausführlich beschrieben. In der heutigen Zeit findet man nur noch wenige Mumien, und wenn, dann kommen diese nicht unbedingt aus Ägypten. Es gibt noch weitere Länder, deren Einwohner sich darauf verstanden, den Körper für die Nachwelt zu präparieren. Für Museen, die Mumien ausstellen, sind diese eine nicht unerheblich wichtige Geldquelle, denn der Tod übte schon immer eine gewisse makabere Faszination aus.
Im aktuellen Spannungsroman „Grabkammer“ von Tess Gerritsen spielen mumifizierte Tote eine große Rolle neben dem Ermittlungsduo Dr. Maura Isles und Jane Rizzoli.
_Inhalt_
Madame X ist die neueste Sensation eines alten Bostoner Museums, die zufällig bei Aufräum- und Archivarbeiten im Keller des Gebäudes gefunden wurde. Allem Anschein nach handelt es sich hierbei um eine ägyptische Mumie. Die Herkunft und das Alter sind aber noch relativ unbestimmt.
Im Bostoner Krankenhaus soll nun mit Hilfe der Computertomographie (CT) das Rätsel um das Geschlecht der Mumie und eventuelle körperliche Besonderheiten gelöst werden. Dr. Maura Isles, die Pathologin der Gerichtsmedizin, möchte der Untersuchung dieses sensationellen Fundes beiwohnen – eher aus Gründen der Neugierde als beruflichen. Die Spannung wächst, als die Untersuchung vor den Augen des Museumsdirektors, der jungen Archäologin Josephine Pulcillo, der Radiologen und Dr. Isles beginnt.
Nur wenige Augenblicke später entdeckt der radiologische Assistent auf den Röntgenbildern eine seltsame Verletzung in Madame X‘ Bein. Ein Fremdkörper ist von außen in das Wadenbein gedrungen. Das Projektil einer Schusswaffe – und Dr. Isles deutet darauf hin, dass die Frau nach der Verletzung noch gelebt haben muss, da sich die Wunde schon im Heilungsprozess befand. Damit ist Madame X ein Fall für die Gerichtsmedizin und wenig später auch für Detektive Rizzoli, denn die Tote ist keineswegs eine Jahrtausende alte Dame aus Ägypten, sondern eine junge Frau neuerer Zeit, die grausam und vorsätzlich umgebracht wurde.
In der toten jungen Frau wurde noch eine seltsame Münze mit einer ägyptischen Symbolschrift gefunden, und als die junge Archäologin Josephine Pulicillo diese entziffern kann, reagiert sie verstört und unruhig.
Als Dr. Josephine Puicillo im Kofferraum ihres Autos eine Moorleiche findet und diese sehr ähnliche Verletzungen aufweist, ist das Grund genug, um die Ermittlungen in die Richtung der jungen Archäologin zu verstärken. Aber was hat diese junge Frau mit einer Mumie aus diesem Jahrhundert und einer Moorleiche zu tun? Das Gebäude des Museums birgt dunkle Familiengeheimnisse, und der Schlüssel dazu liegt scheinbar in einer dunklen Erinnerung …
_Kritik_
Gerritsens „Grabkammer“ ist ebenso spannend wie die bisherigen Romane um das Duo Isles/Rizzoli. Die Idee, dass eine Mumie – bei der man logischerweise annimmt, dass diese ein paar tausend Jahre auf dem Buckel hat – sich bei einer klinischen Untersuchung mit moderner medizinischer Technik als erst kürzlich verstorben herausstellt, ist durchaus originell.
Die Autorin baut die Spannung in den darauf folgenden Kapiteln unaufhaltsam auf; mehr und mehr schließt sich der Kreis, und Janes Rizzolis Intuition ist dabei der Motor der Ermittlungen. Die Handlungsstränge fügen sich wie bei einem Puzzle zu etwas Ganzem, doch nach den ersten Leichen lässt die Spannung deutlich nach. Schon nach wenigen Kapiteln, die unglaublich viele Hinweise beinhalten, vermutet der Leser genau richtig – der Schlüssel ist bei Josephine Puicillo zu suchen.
In „Grabkammer“ spielt die Zeit die eigentlich größte Rolle, und das nicht nur in Bezug auf den Mumienfund. Nicht auf die Leichen oder die Ermittlungen konzentrieren sich die Handlung und die daraus resultierende Spannung, sondern ganz allein auf die Person der jungen Archäologin und ihre geheimnisvolle Vergangenheit, auch wenn sie noch sehr jung ist.
Ein Übermaß an Überraschungen und Wendungen gibt es dabei nicht zu bestaunen; es bleibt zwar durchaus spannend, dies aber gleichförmig und ohne weitere Höhepunkte. Ansprechender wäre es vielleicht gewesen, wenn Tess Gerritsen mehr Wert auf die Enträtselung der mysteriösen Toten gelegt hätte.
Stilistisch reiht sich „Grabkammer“ in die vorherigen Bände mühelos ein. Rizzoli und Isles bewegen sich auf sicheren Boden und geben sich keine Blöße, nur in privaten Dingen lernt man die Gerichtsmedizinerin von ihrer menschlichen Seite her besser kennen, doch auch sie kann sich nicht wirklich gehen lassen und wirkt für den Leser, als hätte sie ihre berufliche, professionelle Maske gar nicht abgesetzt.
Interessant sind die medizinischen und historischen Ansätze. Über Mumien und Schrumpfköpfen geht es über zu Moorleichen; jeder Fund wirft weiteren Fragen auf, engt aber zugleich den Täterkreis ein – alle Indizien lassen darauf schließen, dass es sich um jemanden handeln muss, der in archäologischen oder anderweitigen wissenschaftlichen Kreisen tätig war oder ist.
Auch spart Tess Gerritsen, die selbst Ärztin ist, nicht mit medizinischem Vokabular und erklärt vieles aus pathologischer Sicht, wenn sie Dr. Isles recherchieren und ermitteln lässt, auch wenn ihre Spurensuche auf dem Obduktionstisch stattfindet.
_Fazit_
„Grabkammer“ ist hebt sich stilistisch und inhaltlich nicht sonderlich von den anderen Romanen dieser Reihe ab. Allzu brutal sind die Taten nicht geschildert, nur die Leichen bzw. deren Konservierung ist originell und einfallsreich gestaltet.
Tess Gerritsen ist mit „Grabkammer“ ein solider und empfehlenswerter Thriller gelungen. Die Figuren und ihr privates wie auch berufliches Umfeld entwickeln sich im Verlauf der Reihe und kommen dem sympathischen Eindruck und Wiedererkennungswert zugute.
_Die Autorin_
So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Wie schon mit ihrem Aufsehen erregenden Debüt „Kalte Herzen“, eroberte sie auch mit ihren folgenden Thrillern die US-Bestsellerlisten im Sturm. Der große internationale Durchbruch gelang ihr mit „Die Chirurgin“. Tess Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, Maine. (Verlagsinfos)
|Originaltitel: The Keepsake; Keeping the Dead
Deutsch von Andreas Jäger
Jane-Rizzoli- & Maura-Isles-Serie Band 7
412 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-8090-2540-5|
http://www.limes-verlag.de
Cora Stephan erfreut die deutsche Bücherlandschaft nun schon seit über zehn Jahren unter dem Pseudonym Anne Chaplet mit zahlreichen Krimis. Grund genug für den Verlag, ihren ersten Roman „Caruso singt nicht mehr“ neu aufzulegen, denn der ist heute noch genauso interessant wie 1998.
In diesem Buch werden Paul Bremer, ein Frankfurter Aussteiger, sowie Karen Stark, eine forsche Frankfurter Staatsanwältin, eingeführt, die den Chaplet-Fan seitdem begleiten. Paul hat es nach Klein-Roda verschlagen, ein winziges hessisches Dorf, wo er dem Dorfleben frönt. Mit seinen Nachbarn versteht er sich zwar gut, aber wirklich angekommen ist er noch nicht. Das verwundert nicht, denn die Einwohner beobachten Neuankömmlinge – vor allem aus Frankfurt! – gerne argwöhnisch.
Davon ist nicht nur der ruhige, besonnene Paul betroffen, sondern auch Anne Burau, eine zugezogene Biobäuerin. Sie hat nicht nur gegen die Vorurteile zu kämpfen, sondern muss auch noch alleine den Hof versorgen, zusammen mit ihrer jugendlichen Tochter Rena. Paul verspürt Gefühle gegenüber der taffen Frau und ist mindestens genauso erschüttert wie sie, als ihr Ehemann Leo ermordet in ihrer Kühlkammer aufgefunden wird. Zeitgleich werden in der Umgebung Fälle von Tierquälerei und Brandstiftung gemeldet. Man fragt sich natürlich, ob es da einen Zusammenhang gibt. Sind es die rumänischen Banden, die man im Dorf jedes Verbrechens beschuldigt? Oder sogar Anne, die als die Ehefrau natürlich weit oben auf der Verdächtigenliste steht? Paul, Karen Stark und der ortsansässige Kommissar Kosinski ermitteln unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen, doch sie treffen sich in der Mitte …
Wer andere Bücher von Chaplet kennt, stellt schnell fest, dass Chaplet gut angefangen hat und besser geworden ist. In „Caruso singt nicht mehr“ erzählt sie eine Geschichte rund um Liebe und Verrat. Das betrifft nicht nur Anne, sondern auch sämtliche andere Figuren in der Geschichte. Eher ungewöhnlich für einen Krimi wählt die Autorin ein übergreifendes Thema, das sie in verschiedenen Facetten und Personenkonstellationen darstellt. Der eigentliche Kriminalfall rückt dadurch manchmal in den Hintergrund. Das ist allerdings nicht weiter schlimm, denn an anderer Stelle schafft Chaplet es, die Spannung auf ein Maximum zu bringen. Sie verwebt geschickt verschiedene Handlungsstränge und führt den Leser gekonnt in die Irre.
Doch was wäre ein Chaplet ohne interessante Figuren? Die Antwort ist simpel: gar nichts. Die Autorin seziert mit einem lachendem und einem weinenden Augen die Originale rund um Klein-Roda. Mal amüsiert, mal berechtigt kritisch beschreibt sie Leben und Leute aus der Sicht des sympathischen, offenen Pauls. Sie hat ein Händchen dafür, ihre Charaktere sehr lebensnah zu gestalten. Jeder hat seine düstere Seite, aber Humor und Fröhlichkeit kommen dabei nicht zu kurz.
Ähnliches gilt für den Schreibstil. Locker, humorvoll, aber gerne auch mal scharf schreibt Chaplet und achtet darauf, ihre Schreibweise der jeweiligen Perspektive anzupassen. Während Karen Stark eher frech und selbstbewusst klingt, ruht Paul in sich. Kosinski und Anne Burau haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und werden dabei stellenweise beinahe philosophisch. Doch einige Eigenschaften haben sie alle zusammen: Eine abwechslungsreiche Wortwahl, stellenweise eine starke Bildgewalt und ein starker Sog, das Buch auf keinen Fall zur Seite zu legen.
„Caruso singt nicht mehr“ mag im Original 1998 veröffentlicht worden sein, aber das Buch passt perfekt in Anne Chaplets Bücherkanon. Es ist eine rundum fantastische Sache. Eine spannende Handlung, tolle Figuren und ein mitreißender Schreibstil – was wünscht man sich mehr von einem Krimi? Nicht viel, doch die Frankfurter Autorin hat trotzdem noch etwas Zuckerguss parat: ein gut beleuchtetes, übergreifendes Thema und eine Handvoll, mindestens genauso hochwertige Nachfolgebände – die allerdings auch unabhängig voneinander gelesen werden können.
_Anne Chaplet bei |Buchwurm.info|:_
[„Russisch Blut“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2713
[„Schrei nach Stille“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5349
Die Philosophie an sich scheint eine recht friedliche Disziplin zu sein. Man schwafelt über Leid und Leben, tangiert vielleicht einmal den Tod, doch mit Mord hat die Philosophie eher weniger zu tun. Oder doch nicht? Schriftsteller Jens Johler verbindet in seinem Thriller „Kritik der mörderischen Vernunft“ Emmanuel Kant mit einer haarsträubenden Mordserie.
Der Berliner Wissenschaftsjournalist Troller erhält eines Abends eine E-Mail von einem Unbekannten, der sich Kant nennt. Darin gibt er an, im Gehirn von Dr. Ritter, einem renommierten Hirnforscher, nach Spiegelzellen gesucht zu haben. Troller ist alarmiert, denn er weiß, dass dieser merkwürdige Ausdruck sich auf Ritters Forschungstätigkeiten bezieht, bei denen er Tierversuche an Affen vornimmt. Sein Verdacht bestätigt sich. Als er Ritter einen Besuch abstatten will, trifft er dort nur die Kriminalpolizei, die ihn für den neuen Profiler hält.
Troller spielt dieses Spiel mit und erfährt einige pikante Details zum Mord. Er rätselt, wer der Täter sein könnte, als ein Briefbombenattentat die Tochter eines weiteren Hirnforschers tötet. Wieder meldet sich Kant per Botschaft, und Troller wird klar, dass er noch weitere Morde plant. Es muss eine Verbindung zwischen den Wissenschaftlern geben, nur welche?
Ehe er sich versieht, geschieht ein dritter Mord, auch dieses Mal ein Hirnforscher. Der Täter hinterlässt jedoch eine Spur: Er gibt sich als Troller aus, was dazu führt, dass der echte Troller in Gewahrsam genommen wird. Er hat kein Alibi, doch seine Freundin Jane, eine Kriminalreporterin, setzt alles daran, um seine Unschuld zu beweisen …
Tote Wissenschaftler, ein mordender Philosoph – das klingt nicht gerade spannend. Jens Johler schafft es jedoch, ein Gleichgewicht zwischen Wissen und Kriminalfall zu schaffen und dabei das Zwischenmenschliche nicht zu kurz kommen zu lassen. Auf der einen Seite stehen die häufig etwas längeren Ausführungen zur Hirnforschung sowie einige Gesprächsabende von Troller und seinem philosophischen Zirkel. Der Autor wird hier stellenweise etwas langatmig. Nicht jeder wird mit den Diskussionen des Gesprächszirkels etwas anfangen können, während die Einblicke in die Arbeit von Hirnforschern sehr interessant und aufschlussreich sind. Johler nimmt den Leser mit auf eine Reise in ein zukunftsträchtiges, stark umstrittenes Gebiet der Wissenschaft und legt gekonnt Pro und Kontra dar, ohne Stellung zu beziehen.
Er vernachlässigt dabei allerdings nicht den eigentlichen Kriminalfall, bei dem der Leser lange Zeit im Dunkeln tappt. Die Spuren sind rar gesät, obwohl Jane und Troller in alle Richtungen ermitteln. Gleichzeitig findet ein Wettrennen mit dem Täter statt: Wird er nochmal zuschlagen und wenn ja, wen wird es treffen? Einen weiteren Höhepunkt stellt Trollers Verhaftung und sein fehlendes Alibi dar. Der Autor lässt einige Zeit vergehen, bevor er auflöst, was Troller an diesem Abend gemacht hat, und so zweifelt der Leser plötzlich an der sympathischen Hauptfigur, die von der ersten Seite an alles andere als mörderisch gewirkt hat.
Wenn man es genau nimmt, besitzt das Buch eine dritte Handlungsebene: die des Zwischenmenschlichen. Troller und Co. sind sehr lebendig gezeichnet und alles andere als statisch. Sie entwickeln sich stetig weiter, was zu unvermeidlichen Kollisionen führt. Neben seiner Liebesbeziehung hat der grüblerische Troller vor allem an dem Verhältnis zu seiner Tochter Sarah zu knabbern, um die er sich nicht genug kümmert. Darüber hinaus nimmt die Beziehung zwischen Jane und Troller sehr viel Raum ein und wird außerdem von beiden Seiten beleuchtet. Jane, eine kompetente, junge Journalistin, tritt ebenfalls als Erzählperspektive auf, was dem Buch sehr viel Tiefe verleiht und bestimmte zwischenmenschliche Entwicklungen sehr breit beleuchtet. Dabei nehmen diese Entwicklungen der eigentlichen Handlung keinen Platz weg. Vielmehr stehen sie gleichberechtigt nebeneinander.
Das einzige Manko, das man dem Buch anlasten kann, ist der stellenweise etwas trockene Schreibstil. Gerade die theoretischen Teile werden dadurch etwas langatmig. Johler verzichtet auf Humor und Stilmittel. Er erzählt sehr geradlinig und niveauvoll, flicht dabei immer wieder Gedanken ein und setzt weniger auf Action als auf akribisches Nachdenken.
„Kritik der mörderischen Vernunft“ ist sicherlich keine Lektüre für jedermann. Dank der gelungenen Balance zwischen Theorie, Handlung und Beziehungen der Hauptpersonen ist der Thriller nicht so wissenschaftlich, wie man bei Titel und Cover befürchtet. Im Gegenteil gibt es durchaus spannende Momente und die wissenschaftlichen Einschübe sind glücklicherweise so aufgearbeitet, dass sie interessant statt trocken sind. Wer Interesse an ein wenig Bildung |und| Spannung hat, ist mit diesem Thriller sehr gut beraten.
Zwei Betrüger und eine schöne Frau planen einen geldgierigen Spekulanten auszunehmen. Der Coup scheint zu gelingen, aber mindestens einer der Beteiligten spielt falsch, um die Beute für sich allein zu gewinnen … – Typischer „Pulp“-Krimi der 1960er Jahre: schnörkellos, schnell und ohne Furcht vor Klischees, die sich hier vor allem um die weibliche Figur ranken; trotzdem und wegen des überraschenden Endes gut lesbar. Lawrence Block – Falsches Herz weiterlesen →
Karen Rose hat mit ihrem Bestseller „Todesschrei“ eine Trilogie begonnen, die sich um die in Dutton, Georgia, ansässige Familie Vartanian dreht. Special Agent Daniel Vartanian hat im ersten Band den Großteil seiner Familie beerdigt. In „Todesbräute“, dem zweiten Band, hilft er Alex Fallon, die Geheimnisse der Ihrigen wieder auszugraben. Das ist nicht einfach, denn irgendjemand möchte verhindern, dass bestimmte Dinge ans Tageslicht kommen.
Alex Fallon fällt aus allen Wolken, als sie eines Tages einen Anruf mit der Nachricht erhält, dass ihre Stiefschwester Bailey verschwunden ist und ihre Tochter Hope allein gelassen hat. Alex hat Bailey vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen. Damals war sie drogenabhängig und hatte kein Kind. Trotzdem ist die junge Frau alarmiert, denn sie fühlt sich schuldig bei dem Gedanken, dass sie sich nicht besser um Bailey gekümmert hat. Nach einer schrecklichen Familientragödie – dem gewaltsamen Tod ihrer Zwillingsschwester Alicia und dem Selbstmord ihrer Mutter – war sie bereits im Jugendalter aus Dutton verschwunden, um bei ihrer Tante und deren Familie ein neues Leben zu beginnen.
Nun muss sie zurückkehren in diese Kleinstadt, in der es soeben einen Mord an einer jungen Frau gegeben hat. Die Details des Falls erinnern Special Agent Daniel Vartanian verdächtig an den Mord von Alicia Fallon. Auch er ist ein Einheimischer. Damals hatte man einen Landstreicher für den Mord an Alex‘ Schwester verantwortlich gemacht, aber es scheint, dass es damals eine Ermittlungspanne gegeben hat.
Doch diese Tote soll nicht die Einzige bleiben. Es folgen nicht nur weitere Frauen und einige Männer, sondern auch Alex‘ Leben ist nach einem Anschlag in Gefahr. Der Schlüssel zur Auflösung des Falls ist Hope, die beobachtet hat, wie ihre Mutter entführt wurde. Doch die Vierjährige spricht nicht, sondern malt die ganze Zeit mit einem roten Farbstift in Malbüchern aus. Mit Hilfe von Alex‘ Cousine, der Kinderpsychologin Meredith, versuchen Hopes Tante und Agent Vartanian, dem dunklen Geheimnis in Dutton auf die Spur zu kommen. Dabei werden sie nicht nur mit der Vergangenheit konfrontiert, sondern auch mit der Tatsache, dass sie mehr füreinander empfinden …
„Todesbräute“ lässt sich ohne weiteres anderen Werken, die als „Romantic Suspense“ etikettiert sind, zuordnen. Eine spannende Handlung, garniert mit einem ziemlich kräftigen Schuss Liebe – die Meinungen über diese Verkopplung dürften auseinandergehen. Abgesehen davon, dass die Beziehung zwischen Daniel und Alex stellenweise fast schon schmalzig anmutet, kann sich „Todesbräute“ allerdings sehen lassen. Rose baut ihre Geschichte sehr spannend auf und nutzt verschiedene Perspektiven und Handlungsstränge, um das Geschehen umfassend darzustellen. Häufig verschleiert sie dabei jedoch die erzählende Personen und hält den Informationsgehalt gering. Es werden Fragen aufgeworfen, die der Leser erst am Ende des Buches beantwortet bekommt. Das großartige Finale ist so aufgezogen, wie man es von einem derartigen Thriller erwartet, doch wenn man etwas Innovatives sucht, ist man bei Karen Roses Buch sowieso an der falschen Stelle.
Der Roman dreht sich hauptsächlich um Daniel Vartanian und Alex Fallon. Beide sind von ihrer Vergangenheit traumatisiert, und selbst ein Leser, der „Todesschrei“ nicht kennt, kann den beiden inhaltlich folgen. Es ist Rose hoch anzurechnen, dass sie es schafft, die Geschehnisse aus der Vergangenheit so einzuarbeiten, dass sie nicht stören, sondern der Geschichte im Gegenteil noch mehr Tiefe verleihen. Vor allem Alex wirkt im Vergleich mit ähnlichen Figuren anderer Autoren sehr konturiert. Sie hat eine eigene Persönlichkeit, die die Autorin gut darzustellen weiß. Daniel wirkt dagegen fast ein bisschen blass.
Der Schreibstil weist keine Besonderheiten auf. Rose erzählt gradlinig und flüssig ohne Abschweifungen. Sie greift auf einen üppigen Wortschatz zurück und widmet sich häufig sehr eindringlich den Gedanken und Gefühlen ihrer Charaktere. Sie benutzt allerdings weder herausragende sprachliche Mittel noch setzt sie auf Humor.
Eine Thrillertrilogie über eine ganze Familie zu schreiben, ist eine interessante Idee. Mit „Todesbräute“ legt Karen Rose ein Buch vor, das dem Anspruch des Thrillergenres gerecht wird. Die Handlung ist spannend und gut geschrieben. Wer es zudem gerne etwas romantisch mag, ist bei Rose an einer guten Adresse.
|Originaltitel: Scream for Me
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Winter
ISBN-13: 978-3-426-66353-0
649 Seiten, Taschenbuch|
http://www.karenrosebooks.com
http://www.knaur.de
Dass in der christlichen Religion die Predigt der Toleranz und Nächstenliebe allzu oft nur Worte aus Schall und Rauch produziert, wissen wir leider nicht erst seit den blutigen Religionskriegen Europas. Gläubige Männer des Islams wiederum rufen noch heute in regelmäßigen Abständen zum heiligen Krieg auf, und auch Christen hegen weiterhin ihre unüberlegten Vorurteile gegen Menschen aus arabischen Staaten. Der christliche und der islamische Glaube gehören dabei zu den größten Weltreligionen und haben weiterhin bedeutenden Einfluss auf die Politik und die Wirtschaft zahlreicher Staaten.
Seit den Terroranschlägen vom 11.9.2001 und vermehrten Rufen nach einem heiligen Krieg (von beiden religiösen Strömungen ausgehend) haben sich die Fronten mehrmals verhärtet. Was würde passieren, wenn reaktionäre, rechte Kreise des Vatikans im Islam eine Bedrohung sähen, die es nicht nur durch Worte zu bekämpfen gilt? Auch wenn der Vatikan ein Kirchenstaat ist, so gibt es doch unterschiedliche Ansichten und politische Richtungen innerhalb der Kurie. Sieht man sich zurzeit die Krisenherde in der Welt an, so gewinnt man durchaus den Eindruck, dass die Christenheit erneut einen Kreuzzug gegen den Islam führt, wie dies die Bush-Regierung auch gern verbildlichte. Der nächste terroristische oder gar militärische Anschlag könnte einen Flächenbrand auslösen, der sich weltweit ausbreitet.
Das Autorenehepaar Ingrid Klocke und Elmar Wolrath, bekannter unter dem Pseudonym „Iny Lorentz“, hat unter dem Namen „Nicola Marni“ die „Die Tallinn-Verschwörung“, die sich um Verwicklungen rechtsradikaler Elemente mit Kardinälen aus dem kleinen Kirchenstaat dreht.
_Inhalt_
Andrea Kirschbaum, eine junge Assistenzärztin aus München, wird nach Dienstschluss beim Betreten ihres Wohnblocks von einem Priester und einer weiteren Person niedergeschlagen. Kaltblütig werfen sie die bewusstlose Frau von ihrem Balkon, um den Anschein zu erwecken, diese habe sich aus reiner beruflichen Überlastung heraus das Leben genommen. Der wahre Grund: Als unfreiwillige Zeugin einer geheimen Zusammenkunft stand sie Neonazis und Männern der Kirche im Weg.
Ihr Freund Torsten Renk, ein ehemaliger Bundeswehroffizier der zum [MAD]http://de.wikipedia.org/wiki/Amt__f%C3%BCr__den__Milit%C3%A4rischen__Abschirmdienst gewechselt und gerade aus Afghanistan gekommen ist, zweifelt die Polizeiangaben an und damit die Theorie, dass es sich beim Tod seiner Freundin um einen Freitod gehandelt haben soll. Er beginnt Fragen zu stellen und ermittelt geheimdienstlich, um die wahren Mörder aufzuspüren.
Er vermutet schnell, dass ein alter Bekannter aus seiner Bundeswehrzeit, der rechtsradikale Ansichten und Meinungen lauthals äußerte, etwas mit dem Tod von Andrea zu tun hatte, vielleicht einfach aus Rachsucht, schließlich ist es Renk zuzuschreiben, dass dieser entlassen wurde.
Zu gleichen Zeit im fernen Rom entdeckt die junge Studentin Graziella ein diabolisches Komplott. Ihr Onkel, ein Kardinal im kleinen Kirchenstaat, gehört einer Verschwörung an, die sich „Die Söhne des Hammers“ nennt. Dieser Geheimbund mit seinen rechtsradikalen Ansichten nimmt den Kampf gegen den islamischen Glauben auf, der für sie das „Böse“ darstellt. Der Vormarsch des Islams, gerade in Deutschland und Europa allgemein, soll verhindert werden. Der Beitritt der Türkei zur EU steht unmittelbar bevor, und der Islam hätte somit einen breiten Fuß in der Tür der christlichen Gemeinschaft der EU-Staaten. Auch Graziella, aufgerüttelt und schockiert, ermittelt auf eigene Faust und begibt sich damit in direkte Gefahr.
_Kritik_
Das Autorenduo entfaltet in „Die Tallinn-Verschwörung“ ein doch sehr unglaubwürdiges Szenario. Die zugrunde liegende Motivation, den Glauben an Gott und ein Leben für die Kirche zu kombinieren mit religiöser Verblendung und fanatischem Hass auf Ausländer, baut auf zwei Handlungssträngen auf, die in dieser Ausformung zu sehr der Logik widersprechen.
„Die Tallinn-Verschwörung“ ist stilistisch mehr als einfach gehalten und jegliche Klischee reichen hier einander die Hand. Weder ist die Handlung abwechslungsreich noch überrascht sie uns mit unerwarteten Wendungen, und wer hier zumindest eine interessante Stilistik erwartet, mit formschönen Dialogen, die interessant und unterhaltsam sind, der sollte dieses Buch gar nicht erst in die Hände nehmen.
Die Charaktere sind dabei ein Kapitel für sich. Torsten Renk als ermittelnder Einzelgänger mimt den Supermann und ist schlauer, gewitzter, stärker und klüger als alle anderen zusammen. Natürlich ermittelt er auf eigene Faust und natürlich sind seine Vorgesetzten zwar im Bilde, aber gebieten ihm keinen Einhalt, und natürlich fallen nur ihm einige Unregelmäßigkeiten am Tatort auf, wo hingegen langjährig erfahrene Kriminalbeamte keinen Gedanken daran verschwenden mögen. Torsten Renk ist die deutsche Antwort auf James Bond und ebenso heldenhaft überzeichnet wie der britische Geheimagent in seinen besten Jahren. Natürlich offenbart Renk sich selbst nur wenig, ist stets jedem anderen einen Schritt voraus und immer der harte Ermittler, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert. An oberflächlichen Parolen, die seine Gedankengänge dann durchstreifen, fehlt es dabei auch nicht.
Und auch sein Gegenpart, der böse Neonazi, ist nur sein negative Spiegelbild und erfüllt jegliches Vorurteil, physisch wie psychisch. Die Bösen Buben werden hier als glatzköpfige und recht minderbemittelte Menschen gezeichnet, die Bierflaschen mit ihren Zähnen öffnen und Frauen am liebsten nur am Herd und im Bett sehen wollen. Und so reihen sich hier Vorurteil an Vorurteil und Klischee an Klischee.
Auch die katholische Kirche wird diesen Roman nicht unterhaltsam finden: Sicherlich gibt es im Vatikan, wie auch sonst überall in der Politik, abweichende Meinungen zu gesellschaftlichen Themen, und es ist sicherlich der Fall, dass auch dort die Lager gespalten sind, doch solch kriminelle Energie und Verblendung der Fürsten in Purpur ist, auch wenn die Geschichte rein fiktiv sein soll, wenig unterhaltsam oder interessant, sondern eher eine Peinlichkeit für die Autoren.
Graziella, die neben Renk ermittelt, ist eine wohlerzogene, attraktive italienische Frau, deren Onkel ein ranghoher Kardinal ist, während sie selbst natürlich entgegen jeglicher Erziehung ihren eigenen Kopf durchsetzt. Auch ihre Persönlichkeit ist so oberflächlich, schlicht und übertrieben gezeichnet wie jene des restlichen Personals.
Es gibt einige gute Verschwörungsthriller mit Ideen, über die der Leser wirklich nachdenkt, vielleicht recherchiert und diskutiert. Bei „Die Tallinn-Verschwörung“ ist der Gedanke an einen möglicherweise realen Hintergrund schlicht indiskutabel. In diesem Roman ist alles nur schwarzweiß gehalten und nicht sonderlich intelligent ausgearbeitet. Man könnte meinen, die Autoren hätten mit diesem Roman ein Erstlingswerk abgeliefert, so einfach und vorhersehbar ist die Handlung konstruiert, und als besonders störend empfand ich obendrein den sprachlichen Stil, der, kombiniert mit vielen Klischees, jegliche Lust am Weiterlesen nimmt.
_Fazit_
Die Grundidee ist zwar interessant, aber das Ergebnis nahezu ungenügend. Weder kann die Geschichte durch Spannung oder inhaltliche Tiefe überzeugen, noch ist sie abwechslungsreich oder in sich logisch abgestimmt, von den stilistischen Mängeln ganz zu schweigen. Daher kann ich das Buch „Die Tallinn-Verschwörung“ absolut nicht als Lektüre empfehlen.
_Die Autoren_
Nicola Marni ist das Pseudonym des bekannten Autorenehepaars Ingrid Klocke und Elmar Wohlrath, das seit vielen Jahren unter den Pseudonymen Iny Lorentz, Eric Maron, Mara Volkers, Diana Wohlrath und Anni Lechner erfolgreich vor allem historische Romane veröffentlicht. Das Autorenpaar lebt in einem kleinen Dorf bei München.
|Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-20341-3|
http://www.randomhouse.de/pageundturner/
2007 hat Karl Olsberg „Das System“ auf seine Leser gehetzt und mit rasantem Techno-Thrill ordentlich punkten können, sodass sein aktuelles Werk „Der Duft“ schon so manchen bevorzugten Platz in den Buchhandlungen einnehmen durfte. Abermals hat Olsberg aus dem Thema Technologie ein Geschichtennetz gesponnen, um eine Welt aufzurütteln, die sich zu sehr in Sicherheit wiegt.
_Eine Unternehmensberaterin auf Abwegen._
Während irgendwo in Afrika Gorillas an seltsamen Verhaltensauffälligkeiten leiden, geht Marie Escher ihrem Beruf als Unternehmensberaterin nach und klopft eine gefährdete Firma auf ihr Einsparungspotenzial ab. Routine eigentlich. Dabei stößt sie auf eine Tochterfirma, deren Leiter sich nicht sehr erfreut zeigt über Maries Team und deren Schnüffeleien. Immer noch Routine. Dann allerdings schlagen sich zwei Mitarbeiter von Maries Team ohne ersichtlichen Grund schier den Schädel ein. Und hier hört die Routine auf.
Maries Alltag gerät aus den Fugen, ihre Karriere droht zu kippen und sie muss die Situation retten, jedoch ohne ihr Team, einzig mit einem Anfänger an ihrer Seite, der zudem noch völlig chaotisch und undiszipliniert ist. Sie gibt nicht auf, bohrt weiter in der Tochterfirma herum, reist nach Afrika, um sich einen Eindruck von den dortige Forschungen zu verschaffen, und gerät in einen Strudel aus Intrigen, Terrorismus und unverantwortlichen Experimenten mit Pheromonen. Und dann ist da noch diese Stimme in ihrem Kopf …
Auf der anderen Seite der Erdkugel bekommt es Lieutenant Bob Harrisburg mit einem schrecklichen Verbrechen zu tun, das amerikanische Soldaten an irakischen Kindern verübt haben. Obwohl die Täter in Gewahrsam sind, lassen sich keine Motive für diese Tat finden – Wahnsinn, behauptet man in Harrisburgs Umfeld, aber der nachdenkliche Psychologe ahnt, dass es eine andere Erklärung gibt, eine Erklärung, die eine große Gefahr bedeuten könnte, für die Friedenskonferenz, die in Saudi-Arabien stattfinden soll …
_Der Profi außerhalb seines Fachgebiets._
Ähnlich wie im „System“ geht „Der Duft“ sofort in die Vollen und lässt die Seiten nur so unter dem Leser dahinschmelzen. Leider geht der Story nach dem ersten Drittel die Puste aus. Nicht, dass Olsberg nicht auf der Klaviatur der Spannung klimpern könnte, aber man merkt ihm einfach an, dass das Thema „Pheromone“ nicht sein Fachgebiet ist. Wo sich die Geschichte von „Das System“ in Olsbergs „Heimstadion“ abgespielt hat – in der Welt der Quellcodes, der künstlichen Intelligenzen, der Hacker, Cracker und Serverfarmen von Antivirus-Firmen -, drückt sich die Story von „Der Duft“ an ihrem Kernthema einfach vorbei. Statt fesselnder technologischer Einblicke gibt es klassische Spannungselemente: ein bevorstehender Terrorismus-Anschlag und zwei Unternehmensberater, die gejagt werden, weil sie ein Geheimnis entdeckt haben.
_Unter dem Strich_ bleibt also ein recht konventioneller Action-Thriller mit ordentlichen Verfolgungsjagden, aber brutal gedrosseltem „Olsberg-Faktor“. Der hat zu Beginn des Romans noch seinen Stellenwert, führt den Leser ein in die Welt der Unternehmensberatung und lässt ihn spüren, dass Olsberg hier von erlebtem Wissen zehrt – nicht von recherchiertem. Letzteres macht sich dann in den letzten beiden Dritteln des Buches breit: Infos über Terrorismus, Nahostverstrickungen, die Armut in Afrika – in seltsam lehrbuchartigem Ton fließen all diese Dinge ein, oft mit erhobenem Zeigefinger, der nicht unbedingt subtil gegen die westliche Konsumgesellschaft gerichtet wird.
Zum Schluss zieht die Spannungskurve noch mal ordentlich an: Was zu Beginn des Romans nur als Randnotiz über die Vergangenheit der weiblichen Hauptfigur erscheint, gipfelt hier in ein fesselndes Dilemma zwischen Wahn und Wirklichkeit. Dennoch fehlt der bleibende Nachgeschmack.
Olsbergs nächstes Werk (Arbeitstitel: „Schwarzer Regen“) soll sich der „atomaren Bedrohung“ als zentralem Kernthema widmen. Bis dorthin ist „Der Duft“ durchaus in der Lage, dem Leser ein wenig die Zeit zu vertreiben, gegen „Das System“ kann er allerdings nicht, ähem, anstinken …
Dank der Erfolgswelle, auf welcher der finnische Bestsellerautor Ilkka Remes zurzeit surft, erobern nun auch seine älteren Werke den deutschen Buchmarkt, wie jüngst „Hochzeitsflug“ aus dem Jahr 2001, das auf dem Buchdeckel mit den Worten „Dieses Buch ist das Ereignis des Jahres!“ angepriesen wird. Derlei Lobesworte fordern eine gründliche Prüfung natürlich geradezu heraus!
_Abgestürzt_
Christian Brück und Tina Carabella sind glücklich – nur zwei Tage sind es noch bis zu ihrer Hochzeit. Tina fliegt schon einmal vor nach Frankfurt, während Christian sich weiter seiner Arbeit als Hirnforscher widmet. Doch dann ereilt den Verlobten eine Schreckensbotschaft: Das Flugzeug, das seine Tina genommen hat, ist vor der Küste Montenegros vom Radar verschwunden und abgestürzt. Das Flugzeugwrack ist jedoch vollkommen leer – nur einige persönliche Gegenstände der Reisenden sind dort zu finden.
Überstürzt fliegt Christian nach Montenegro, um seine Verlobte zu suchen und den mysteriösen Ereignissen auf die Spur zu kommen. Dort trifft er Rebecca, deren Mann ebenfalls im abgestürzten Flieger gesessen hat. Die beiden finden einen Mann, der das Flugzeugwrack ausgeschlachtet und Tinas Handtasche gefunden hat. Er verlangt eine horrende Summe für eine Videokassette, die Tina offensichtlich kurz vor dem Absturz aufgenommen hat. Christian hat nicht genügend Geld und hinterlässt seinen Pass als Pfand für den Betrüger, der ihm im Gegenzug die Kassette aushändigt. Nun fehlt Christian und Rebecca allerdings ein Abspielgerät für das Band …
Sie machen Bekanntschaft mit der taffen Journalistin Sylvia, die auf Teufel komm raus an exklusive Informationen gelangen will. Wie ehrenwert ihre Methoden dabei sind, ist ihr oftmals egal. Als Christian und Rebecca mit dem fehlenden Geld losgehen, um Christians Pass auszulösen, finden sie den Mann ermordet vor. Nun beginnt eine wahrlich teuflische Hetzjagd, denn irgendjemand ist hinter dem Videoband her. Bald muss Christian auf schmerzliche Weise erfahren, dass er nicht einmal den Amerikanern, die den Flugzeugabsturz untersuchen sollen, trauen kann, denn auch sie wollen das Band haben.
Zeitgleich begibt sich Christians Exfreundin Sara, die einst mit Tina in einer WG wohnte, in Cannes auf Spurensuche. Schnell findet sie heraus, dass Tina nicht nur schwanger war, sondern auch einer mysteriösen Sekte angehörte. War der Flugzeugabsturz womöglich ein Massenselbstmord der Sektenmitglieder? Und welche Rolle hat Tina dabei gespielt? Und welche der Mann, den sie noch im Flugzeug innig küsste?
_Gar nicht beschaulich_
Zu Beginn lernen wir Christien Brück kennen, den promovierten Hirnforscher, der in einem großen Technologie- und Wissenschaftspark an der Côte d’Azur forscht. Schon auf der ersten Seite des Buches muss er einem Patienten zu Hilfe eilen, der einen anaphylaktischen Schock erlitten hat. Ilkka Remes verliert wieder einmal keine Zeit und lässt seinen Spannungsbogen schon hier beginnen. Wie wir später allerdings feststellen müssen, hat Christians Arbeit rein gar nichts mit den späteren Geschehnissen zu tun.
Viel interessanter wird es allerdings bei Tinas erstem Auftritt, denn schon hier treffen wir Jacob, der Tina in seine Arme zieht und küsst, obwohl sie doch zwei Tage später Christian heiraten will. Was hier gespielt wird, bleibt lange Zeit im Dunkeln, sodass der Leser das Buch im Handumdrehen durchlesen wird, um all die Rätsel, die Remes von Beginn an einstreut, aufgeklärt zu bekommen.
Der Spannungsbogen ist auf der ersten Hälfte perfekt gelungen. Ilkka Remes wechselt in rasanter Weise die Schauplätze, er schickt uns einmal mit Sara nach Cannes, die Tinas komisches Verhalten aufklären möchte, dann wiederum begleiten wir Christian und Rebecca bei ihren Nachforschungen, die immer gefährlicher werden, da die Verfolger ihnen näher rücken. Wir treffen auf Kurt Coblentz, der offensichtlich mehr über den Flugzeugabsturz weiß, den wir aber lange Zeit nicht einordnen können. Außerdem begegnen wir Luc Cresson, der eine Frau bis ins Krankenhaus verfolgt, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Die Kapitel sind kurz und enden meist mit einem Cliffhanger, der uns immer weiter durch die Geschichte zieht.
Leider flacht der Spannungsbogen immer mehr ab, denn irgendwann wird die atemlose Jagd auf Christian langweilig. Wir kennen dann seine Verfolger, ohne aber mehr Hintergrundinformationen zu erhalten, warum sie eigentlich hinter der Videokassette her sind. Obwohl uns Christian schon sympathisch ist, ist zu klar, dass er als Held der Geschichte überleben wird, als dass wir wirklich mit ihm mitfiebern. Natürlich möchten wir wissen, was das mysteriöse Videoband zeigt, doch Remes hält uns zu lange hin und klärt es dann doch zu unspektakulär auf. In der zweiten Hälfte habe ich nur noch schnell weiter gelesen, um endlich zu erfahren, was mit dem Flugzeug eigentlich passiert ist. Glücklicherweise trägt Remes‘ flüssiger und klarer Schreibstil sehr dazu bei, dass man das Buch ratzfatz durchgelesen hat.
Der Spannung abträglich ist auch die Flut von handelnden Figuren. Manche lernen wir nur |en passant| kennen, da Remes uns noch verschweigt, was die Personen bezwecken wollen, aber irgendwann war ich mir manchmal doch etwas unsicher, wohin ich die jeweiligen Charaktere sortieren sollte.
_Rätsel enträtselt_
Die Geschichte in „Hochzeitsflug“ ist völlig undurchschaubar und mysteriös. Das macht aber gerade die Faszination des Buches aus und verleitete mich immer wieder zum Weiterlesen. Was uns Ilkka Remes allerdings als Lösung präsentiert, konnte mich nicht hundertprozentig überzeugen. Die Auflösung der Rätsel ist schon reichlich abgefahren, sodass man mehrere Augen zudrücken sollte, um sich wirklich mit diesem Ende zufriedenzugeben. Wie jemand die Absturzopfer aus dem Flugzeug holen konnte, ohne dabei Spuren zu hinterlassen und wie tatsächlich einige den Absturz überleben konnten, blieb mir ebenso ein Rätsel wie die Frage, wieso bei der Säuberungsaktion Tinas Videokassette übersehen werden konnte.
Eine weitere Frage, die Remes früh aufwirft, ist die nach Tinas und Saras Vergangenheit. Die beiden haben einst zusammen in einer WG gewohnt, bis Christian sich gegen Sara und für Tina entschieden hat. Doch irgendetwas muss zwischen den beiden Frauen vorgefallen sein, denn Sara weicht Christians bohrenden Fragen immer wieder aus und deutet nur an, dass sie nicht darüber sprechen wolle. Was jedoch passiert ist, erfahren wir in diesem Buch nicht. Dieses Rätsel verpufft demnach leider völlig.
Auch handwerklich merkt man, dass es sich um eines der früheren Werke des finnischen Erfolgsautors handelt. So zeigt er zwar schon, dass er seine Leser mit seinem Schreibstil mitreißen kann, doch manchmal schleichen sich kleine Unstimmigkeiten ein. So gab es beispielsweise eine Szene zwischen Christian und Sylvia – die im Übrigen natürlich beide ein arg schweres Schicksal erlitten haben -, in der Sylvia eine winzige flapsige Bemerkung macht. Als Reaktion darauf geht Christian praktisch an die Decke und bezeichnet Sylvia als „verdammtes Miststück“, obwohl ihre Aussage keineswegs verletzend war! Nur zwei Absätze später ist Christians Ärger offensichtlich verpufft, denn da doziert er (in einer eigentlich recht bedrohlichen Situation) über die Funktionsweise des menschlichen Hirns. Echte Menschen würden sich definitiv anders verhalten.
Besonders authentisch sind die Charaktere in diesem Buch leider nicht. Christian Brück ist zwar durchaus sympathisch und auch Sara und Sylvia wachsen uns irgendwie ans Herz, aber die Geschichte, die Ilkka Remes seinen Hauptcharakteren angedichtet hat, scheint mir arg übertrieben. Keine der Figuren lebt ein normales Leben, alle sind vielmehr schwer gebeutelt, verletzt und kompliziert. Auch hier zeigt sich, dass Ilkka Remes im Laufe seiner schriftstellerischen Karriere einiges dazugelernt hat.
_Flitterwochen ausgefallen_
Unter dem Strich hat mich „Hochzeitsflug“ dennoch durchaus unterhalten. In nur drei Tagen hatte ich das Buch durchgelesen, weil der Spannungsbogen zunächst praktisch perfekt konstruiert war. Und auch als die Spannung abflachte, zogen mich die Cliffhanger und Remes‘ Schreibe weiter durch das Buch. An einigen Stellen zeigten sich handwerkliche Schwächen und auch die Auflösung überzeugte mich nicht vollkommen, dennoch eignet sich das vorliegende Buch sehr gut als unterhaltsame Urlaubslektüre, auch wenn die zahlreichen Charaktere mitunter etwas verwirren. „Hochzeitsflug“ ist sicherlich nicht Ilkka Remes‘ bestes Werk – das ist bis auf weiteres [„Das Erbe des Bösen“ 5468 – und es ist ganz bestimmt auch nicht „das Ereignis des Jahres“, aber das Zitat vom Buchrücken trifft dann doch gut zu: „ein Spannungsroman, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.“
|Originaltitel: Uhrilento, 2001
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
443 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-423-21117-8|
http://www.ilkka-remes.de
http://www.dtv.de
http://www.ilkkaremes.com
Der Fahndungsdurchbruch in einem längst ‚kalten‘ Mordfall entpuppt sich als Teil eines Komplotts, durch das der wahre Täter aus der Schusslinie gebracht werden soll. Zwischen dem Erfolg der mächtigen Dunkelmänner und der Wahrheit steht nur der unbestechliche Polizist Harry Bosch … – In seinem 12. Roman um den unkonventionellen Ermittler lässt Connelly keinerlei Schwächen erkennen. Der Plot ist komplex aber schlüssig, die Umsetzung fesselt, das Tempo ist hoch und „Echo Park“ ein Pageturner, der dieses Prädikat verdient! Michael Connelly – Echo Park [Harry Bosch 12] weiterlesen →
Normalerweise geben Menschen Kontaktanzeigen auf, weil sie auf der Suche nach einem potenziellen Partner sind. Schenkt man dem englischen Autor John Harvey in seinem Buch „Verführung zum Tod“ Glauben, lockt man dadurch eventuell aber auch einen Mörder an …
Bei einer Routinebefragung finden Polizisten Shirley Peters ermordet auf. Ein Täter ist schnell zur Hand, denn die junge Frau hat einen gewalttätigen Ex-Freund, der sie eine Zeit lang verfolgt hat. Man nimmt ihn fest, doch er leugnet standhaft. Wenig später wird eine zweite Frau ermordet aufgefunden und Detective Inspector Charlie Resnick geht davon aus, es mit dem gleichen Täter zu tun zu haben – und dieser ist nicht der Ex-Freund.
Er findet schnell heraus, dass beide Frauen versuchten, per Kontaktanzeige eine neue Liebe zu finden. Nun gilt es, bei den Antworten auf die Annoncen einen gemeinsamen Nenner zu finden, was schwieriger ist als gedacht. Mögliche Verdächtige entpuppen sich schnell als Fehlgriffe, und da die Geschichte in den Achtzigern spielt, können die Beamten auch nicht auf die moderne Computertechnik von heute zurückgreifen.
Zeitgleich beginnt Charlie Gefallen an der Sozialarbeiterin Rachel zu finden, doch ihre Beziehung gestaltet sich eher schwierig. Genau wie die Suche nach dem Täter. Obwohl man nach mühevoller Kleinarbeit Verdächtige zur Hand hat, fällt es schwer, den Richtigen auszusieben. Dabei zählt jede Minute …
Detective Inspector Charlie Resnick steht weitgehend im Mittelpunkt der Geschichte. Er besitzt die klassischen Züge eines Ermittlers: Er ist ein seltsamer Einzelgänger mit einem ausgeprägten Musikgeschmack und achtet nur wenig auf sein Äußeres. Hinzu kommen jedoch eine Passion für die vier Katzen, mit denen er sein Haus teilt sowie ein ruppiger Humor, der sparsam dosiert wird und jedes Mal aufs Neue überrascht. Leider war’s das dann auch schon mit den Überraschungen. Gerade bei seiner Arbeit sticht Resnick nicht besonders heraus im Vergleich mit ähnlichen Figuren. Ihm fehlt es an einer eigenen Methode, die noch etwas Würze in die Geschichte gebracht hätte.
John Harvey verzichtet bezüglich der Handlung auf unnötige Ausschweifungen. Abgesehen von der sich anbahnenden Beziehung zwischen Rachel und Resnick räumt er Gedanken und Gefühlen der auftretenden Person wenig Raum ein. Resnick steht dabei zwar im Mittelpunkt, doch der Leser besucht auch die anderen Stationen der Ermittlung, die von Resnicks Untergebenen abgearbeitet werden. Die Hauptspannung bezieht „Verführung zum Tod“ aus der am Ende aufkommenden Frage, wer der möglichen Kandidaten der Täter ist. Streckenweise gibt es ein paar Längen, aber Harveys sicherer und treffender Schreibstil macht diese erträglich.
Harvey fasst sich kurz. Er schafft es, mit wenigen Worten und einem präzisen Vokabular alle Sachverhalte verständlich darzustellen. Dadurch gerät die Handlung nie ins Stocken, sondern legt ein zügiges Tempo vor. Der leichte Schuss Humor, der manchmal zwischen den Zeilen durchschimmert, sorgt dafür, dass dem Leser nicht langweilig wird.
In der Summe ist „Verführung zum Tod“ ein interessanter Krimi, aber kein strahlender Stern des Genres. Wer jedoch die trockene Ermittlerarbeit mag und Krimis, die einen starken alltäglichen Bezug aufweisen, der wird an diesem Buch sicherlich seine Freude haben.
Jeder ist sich selbst der Nächste – dieses Sprichwort gilt, laut der Hauptfigur in Kevin Lewis‘ Thriller „Jagd auf Frankie“, vor allem auf der Straße. Die Obdachlose Frankie begeht den Fehler, sich nicht an diese Maxime zu halten. Sie setzt damit etwas in Gang, das eine Nummer zu groß für sie zu sein scheint.
Frankie ist neunzehn Jahre alt und lebt seit vier Jahren in den Gassen Londons. Sie ist eine Einzelgängerin, doch als sie sieht, wie ein Zuhälter eine Minderjährige vergewaltigen will, legt sich bei ihr ein Schalter um. Sie verteidigt die Kleine und zieht dem Gangster in Notwehr eine Flasche über den Kopf. Wohl wissend, dass der Mord sie ins Gefängnis bringen kann und die Freunde des Zuhälters nicht ruhen werden, bis diese sie gefasst haben, ergreift sie die Flucht. Dabei überfällt sie eine ältere Dame, um an Geld für ein Zugticket zu kommen. Was sie nicht weiß: Das Medaillon, das sie ihrem Opfer entreißt, enthält einen USB-Stick mit brisanten Daten, und ehe Frankie sich versehen hat, ist ihr halb London auf den Fersen.
Sie flieht nach Bath, wo sie die ältere Blumenhändlerin June kennenlernt. June nimmt sie bei sich auf, ohne Fragen zu stellen. Plötzlich hat Frankie, die seit vier Jahren kein Dach über den Kopf hat, eine Arbeit, einen Schlafplatz und eigenes Geld. Sie beginnt ein neues Leben und hofft, dass irgendwann Gras über die Sache wächst. Doch sie hat die Beharrlichkeit ihrer Verfolger unterschätzt …
„Jagd auf Frankie“ ist nicht unbedingt ein klassischer Thriller, sondern erzählt vielmehr die Geschichte Frankies über mehrere Jahre hinweg und die damit verbundenen Ereignisse, die sie in der Mordnacht auslöste. Kevin Lewis setzt weniger auf Action, sondern bevorzugt eine glaubwürdige Darstellung der Ereignisse. Nüchtern und sachlich arbeitet er die einzelnen Handlungsstationen ab, und gerade seine authentische Darstellungsweise erzeugt Spannung. Da Frankie dem Leser ans Herz wächst, fiebert man mit der jungen Frau mit und möchte alles über ihr Schicksal wissen. Das – und nicht etwa zahllose Verfolgungsjagden oder die Frage nach dem Täter – ist der Grund, wieso man den Roman nicht aus der Hand legen kann. Eine einfache Formel, die nur wenige Autoren beherrschen.
Viele Thriller spielen in Regierungs- oder Wirtschaftskreisen, in manchen werden normale Bürger in einen Strudel von Ereignissen geworfen. Lewis geht einen eher ungewöhnlichen Weg und rekrutiert als Hauptperson ein Mädchen von der Straße. Er verschafft dabei nicht nur einen Einblick in einen Lebensbereich, der den meisten Lesern fremd sein wird, sondern gestaltet auch einen sehr vielschichtigen Charakter. Frankies Vergangenheit spielt eine bedeutende Rolle in der Geschichte und zeigt, wie verschieden die Biografien von Heimatlosen sein können. Obwohl der Autor sehr distanziert mit Frankie umgeht und ein direkter Zugang zu ihr kaum möglich ist, leidet man während der Lektüre mit ihr mit, denn man merkt schnell, dass sie bislang nur Pech in ihrem Leben hatte. Lewis nimmt den Leser folglich mit auf eine Achterbahn der Gefühle, und obwohl Nebenperspektiven existieren, ist es Frankie, die durch das Buch führt.
Die beinahe schon extreme Distanz wird bei der Betrachtung des Schreibstils besonders deutlich. Lewis schreibt kühl und simpel. Einen großen Zauber in Form von rhetorischen Stilmitteln darf man nicht erwarten. Der Autor beschränkt sich mehr oder weniger auf die Schilderung der Ereignisse und Frankies Innenleben, ohne diese bunter auszugestalten. Das ist etwas gewöhnungsbedürftig und sicherlich nicht die stärkste Lösung.
Sie erfüllt jedoch ihren Zweck. „Jagd auf Frankie“ ist ein gut lesbares und spannendes Buch, das Einblicke in das Leben auf der Straße gewährt. Die damit verbundene Handlung ist ruhig und authentisch und nimmt der Hauptperson Frankie nicht das Scheinwerferlicht. Wer gerne einen etwas anderen Thriller genießen möchte, ist mit Kevin Lewis‘ Roman gut bedient.
Im tropisch klimatisierten Miami gleichen die Weihnachtsfeiertage eher dem europäischen Fasching. Hitze, Alkohol und Drogen lassen manchen Zeitgenossen über die Stränge schlagen. Aktuell bereitet ein neues Phänomen der Polizei Kopfzerbrechen: Männer und Frauen verkleiden sich als Santa Claus und Weihnachtselfen, um im Schutz ihrer Kostüme die öffentliche Ruhe zu stören. Ryan Wolfe vom kriminaltechnischen Labor von Miami-Dade muss den Fall eines Santas übernehmen, der seine Eskapaden nicht überlebte: Man fand ihn nackt und tot in einem Hinterhof.
Kollege Eric Delko untersucht das gewalttätige Ende eines Mannes, den man ermordet aus dem Everglade-Sumpf zog. Die Identifizierung ist schwierig, da sich nicht nur Alligatoren an der Leiche gütlich taten, sondern ihr auch der Kopf durch eine Rohrbombe abgerissen wurde.
Teamchef Horatio Caine plagt sich mit einer besonders mysteriösen Angelegenheit: Der bekannte Bühnenmagier Abdus Sattar Pathan wurde gefasst, nachdem er in einem kleinen Laden den Besitzer zusammenschlug. Die Fingerabdrücke, die am Tatort gesichert wurden, sind jedoch nicht die seinen. Der Verdächtige muss freigelassen werden, was Caine enorm ärgert, der genau weiß, dass man ihn hereingelegt hat. Er fragt sich nach dem Grund und vermutet hinter der Tat ein ganz anderes Verbrechen.
Kurz darauf wird Pathan entführt – oder auch nicht -, und das FBI schaltet sich rüde ein. Bald gesellt sich „Homeland Security“ hinzu, da plötzlich Terroristen aus dem Nahen Osten ihr Unwesen treiben. Im CSI-Labor geht es hoch her, die Teams müssen neu gemischt werden, wobei es zu Verzögerungen und Fehlern kommt: Dieses Weihnachtsfest wird den Männern und Frauen um Horatio Caine noch lange im Gedächtnis bleiben!
_Besinnliche Tage der besonderen Art_
Weihnachten ist im Genre Kriminalroman ein wichtiges Datum. Seit jeher fasziniert der Kontrast zwischen der quasi verordneten Besinnlichkeit und dem Verbrechen, das in dieser Umgebung besonders krass wirkt. Hinzu kommt leidvolles Erfahrungswissen: An den Feiertagen kommen Menschen zusammen, die sich ansonsten womöglich mit gutem Grund aus dem Weg gehen. Sie werden in fragwürdiger Harmonie und Langeweile zusammengesperrt sowie mit gutem Essen und reichlich Alkohol versorgt. Explosionen sind auf diese Weise quasi vorprogrammiert.
Das Weihnachtsfest war schon vor der globalen Erwärmung nicht auf die christlich dominierten und verschneiten Regionen dieses Erdballs beschränkt. Auch dort, wo die Sonne am 25. und 26. Dezember hoch und heiß am Himmel steht, wird es in einer Mischung aus Tradition und lokalspezifischen Ergänzungen begangen, die bizarre Züge annehmen können. Donn Cortez profitiert von diesem Kontrast, wenn er dick vermummte und bärtige Weihnachtsmänner durch die tropische Nacht von Miami toben lässt.
Dieser Aufhänger ermöglicht den leicht variierten Einstand in ein neues „CSI“-Abenteuer, das ansonsten nach bekanntem Muster verläuft: Das Team um Horatio Caine bearbeitet simultan drei Fälle. Natürlich weichen diese stark von den Verbrechen ab, die normalerweise von der Polizei untersucht werden. Caine & Co. geben sich nicht mit ’normalen‘ Gewalttätern ab. Sie jagen den genialen und/oder wahnsinnigen und/oder ultrabrutalen Strolchen hinterher, die am Tatort (scheinbar) keine oder nur widersprüchliche Indizien zurücklassen, die erst einmal entdeckt und anschließend im Hightech-CSI-Labor trickreich ausgewertet werden müssen.
_Der richtige Mann für einen unterschätzten Job_
Das funktioniert im Fernsehen natürlich besser, wo wir beeindruckt sehen, wie z. B. die hübsche Natalia Boa Vista ausführliche Täterprofile buchstäblich mit den Fingern aus dem Computerspeicher zieht und an eine riesige Projektionswand wirft. Andererseits heißt der Verfasser von „Mörderisches Fest“ Donn Cortez – und der erweist sich als Autor dieses „Buchs zum Film“, das dem „CSI“-Franchise eigentlich nur einige zusätzliche Dollars in die Kasse spülen soll, als seltener Glücksfall: Cortez beschränkt sich nicht auf Dienst nach Vorschrift, sondern verwandelt einen simplen „Tie-in“-Roman in einen spannenden Krimi, der gänzlich für sich bestehen kann.
Bereits die Story ist mit ihren drei Subplots ausgezeichnet konstruiert. „Mörderisches Fest“ könnte man sich sofort als Drehbuch-Vorlage bzw. verfilmt vorstellen. Cortez bewahrt das Gleichgewicht zwischen dem rätselhaft Möglichem und der Übertreibung, welche die Illusion zerstören würde. Was sich hier vor dem geistigen Auge des Lesers abspielt, ist höchst mysteriös, wirkt aber jederzeit möglich. (IST es tatsächlich möglich? Das steht auf einem anderen Blatt, das niemand zur Kenntnis nehmen muss, denn verlangt wird nicht Realismus, sondern unterhaltsame „CSI“-Fiktion.) Technobabbel hält sich im Rahmen, komplexe Methoden und Techniken der Deduktion werden in klaren Worten dargestellt, wobei der Verfasser die Mühen einschlägiger Recherchen nie scheut. Auch die gewählten Schauplätze werden nicht einfach grob beschrieben, sondern geografisch und historisch im Stadtbild von Miami verankert.
Das Timing der Handlung stimmt; Cortez springt gekonnt von einem Brennpunkt zum nächsten, ohne den Cliffhanger-Effekt zu strapazieren. Die geschilderten Fälle sind kurios, grausam und offensichtlich unlösbar. Damit decken die Subplots das typische „CSI“-Spektrum ab. Die Variation gelingt, und Cortez ist immer gut für eine Zugabe: So konfrontiert er den auf Fakten fixierten Horatio Caine mit einem Terroristen, der ein hervorragender Magier ist: Labor trifft Bühne. Wer wird den Sieg davontragen? Die Frage ist natürlich rhetorisch, aber bis der selbstgefällige Pathan entzaubert wird, fügt er seinen Verfolgern manche trickreiche Schlappe zu.
_Alte Bekannte aber keine Neuigkeiten_
Donn Cortez muss seinen Job quasi mit einer auf den Rücken gebundenen Hand erledigen. Elementares, von dem das „CSI“-Personal betroffen wird, hat stets im Fernsehen zu geschehen. Niemals wird eine Hauptfigur deshalb in einem Buch zur Serie sterben oder nach Europa ziehen oder heiraten. Das schränkt die Verwicklungen ein, in die der Autor seine Figuren treiben kann. Cortez muss sich darauf beschränken, Bekanntes (Calleigh Duquesne muss über die Feiertage ihren Vater von der Flasche fernhalten) und Belangloses (Dr. Alexx Woods ist daheim ein Putzteufel) als frische Ware zu verkaufen. Auch das gelingt ihm, weil er auf die richtige Mischung von Kriminalfall und Seifenoper – darum handelt es sich ja, wenn private Aspekte ins Spiel kommen – achtet.
_Anmerkung: Ein Ende mit Fragezeichen_
„Mörderisches Fest“ ist also ein Roman, der (vor allem aber eben nicht nur) den „CSI“-Fans empfohlen werden kann. Dennoch wird die Lektüre Stirnrunzeln hinterlassen, denn längst nicht alle Rätsel werden gelöst; die Handlung endet offen. Leider (oder vorsichtshalber) wird nirgendwo darauf verwiesen, dass „Mörderisches Fest“ die eine Hälfte eines Zweiteilers ist, der mit „Todsicheres Alibi“ (ebenfalls bei |Egmont Vgs| erschienen) fortgesetzt wird.
_Der Autor_
Donn Cortez ist das Pseudonym des kanadisches Schriftstellers Don H. DeBrandt, der unter seinem Geburtsnamen Sciencefiction und Horror schreibt. „The Quicksilver Screen“, sein Romandebüt von 1992, wurde vom renommierten SF-Magazin „Locus“ als Geheimtipp gehandelt. DeBrandt schrieb außerdem für „Marvel Comics“, wo er an Reihen wie „Spiderman 2099“ und „2099 Unlimited“ mitarbeitete.
Seit 2006 verfasst DeBrandt, der im kanadischen Vancouver lebt und arbeitet, Romane zur TV-Serie „CSI: Miami“. Über seine Werke informieren die Websites:
Originaltitel: CSI: Miami – Harm for the Holidays (New York : Pocket Star Books, a division of Simon & Schuster 2006)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): Oktober 2007 (Vgs Verlag/CSI Miami, Bd. 5)
Übersetzung: Frauke Meier
306 Seiten
EUR 17,95
ISBN-13: 978-3-8025-3627-4
http://www.vgs.de
_Donn Cortez auf |Buchwurm.info|:_
[„CSI Miami: Der Preis der Freiheit“ 5017
[„CSI Miami: Tödliche Brandung“ 5122
[„Closer“ 5371
Mit den Niederlanden verbindet vermutlich niemand etwas Böses. Das Land der Tulpen, Clogs und Coffeeshops – was soll dort schon passieren? Schriftsteller Charles den Tex sieht das anders und implementiert mit „Die Zelle“ einen rasanten Thriller in Deutschlands blondes Nachbarland.
Eigentlich wollte Michael Bellicher, ein Amsterdamer Unternehmensberater, nur helfen. Als er Zeuge eines Unfalls auf der Autobahn wird, steigt er aus, um nach den Insassen des völlig demolierten Wagens zu sehen. Doch sie sind beide tot, und plötzlich steht Michael nicht mehr als Helfer da, sondern als Verdächtiger. Der Grund: Ein auf seinen Namen angemeldetes Auto hat in der Kleinstadt Monster einen Fahrradfahrer getötet – doch Michael gehört das Unfallauto nicht und er war auch noch nie in Monster.
Mithilfe der ansässigen Anwältin Guusje van Donee entlässt man ihn aus dem Monsterer Gefängnis, doch danach wird alles nur noch schlimmer. Der Unfall war ein Anschlag, die Insassen waren hohe Tiere in der Politik und Bellichers Name wurde nicht nur für das Unfallauto benutzt, sondern auch dazu, um mithilfe eines hohen Kredits marode Treibhäuser in Monster zu kaufen. Zu allem Überfluss wird er verfolgt. Da niemand bei der Polizei ihm Glauben zu schenken scheint, versucht er auf eigene Faust herauszukriegen, wer seine Identität dazu benutzt, ihn zu ruinieren. Zusammen mit Guusje und seinem persönlichen Bodyguard Richard, dem Neffen seines Unternehmenspartners, kommt er einem kriminellen Konglomerat auf die Spur, mit dem nicht zu spaßen ist …
In diesem Buch beweist Charles den Tex, dass ein guter Thriller auch auf nichtamerikanischem Boden wachsen kann. Seine Geschichte ist unglaublich rasant, authentisch und spannend bis zum Schluss. Er gönnt seiner Hauptperson keine Pausen, und Michael Bellicher, eigentlich ein ganz normaler Bürger, rutscht von einer dummen Situation in die andere. Trotzdem entsteht nie der Eindruck, die Handlung wäre überladen oder überschlüge sich. Den Tex hat die Handlung sauber durchkonstruiert und geht dabei über das übliche Geschichtenerzählen hinaus. Er kreiert ein Szenario, das aufgrund seiner Thematik den Leser zum Nachdenken anregt, ihn möglicherweise sogar ein wenig paranoid werden lässt. Ohne mahnenden Zeigefinger macht er deutlich, wie leichtsinnig wir heutzutage in der virtuellen Welt mit unseren Daten umgehen und wohin das theoretisch führen könnte.
Zur Demonstration seiner Überlegungen benutzt der Autor den schicksalsgebeutelten Michael Bellicher, der bereits in den Tex‘ preisgekröntem Thriller „Die Macht des Mr. Miller“ eine tragende Rolle gespielt hat. Warum auch nicht? Der Amsterdamer Unternehmensberater ist eine sehr sympathische Figur. Er erzählt manchmal nachdenklich, manchmal humorvoll, aber nie langweilig aus der Ich-Perspektive. Er ist kein Held, sondern ein ganz normaler Mensch, mit dem sich der Leser gut identifizieren kann. Sein Hintergrund als Unternehmensberater wirkt im übrigen sehr authentisch. Da der Autor selbst in diesem Metier gearbeitet hat, ist das allerdings kein Wunder.
Ob schriftstellerische Fähigkeiten eine große Rolle bei Unternehmensberatungen spielen, ist fraglich. Tatsache ist allerdings, dass Charles den Tex genau diese besitzt, denn das Buch ist wunderbar geschrieben, so rasant wie das Erzähltempo und gleichzeitig lässig und sympathisch wie die Hauptfigur. Bellicher bedient sich in Anbetracht seiner aussichtslosen Lage gerne eines bissigen Galgenhumors, und auch die Selbstironie kommt nicht zu kurz. Seine Gedanken und Gefühle werden unkompliziert und glaubwürdig dargestellt und behindern das Lesevergnügen nicht im Geringsten. Der niederländische Autor beherrscht nämlich die Fähigkeit, die Distanz zwischen Hauptfigur und Leser schmelzen zu lassen, so dass man sehr bald mit Michael mitfiebert, was wiederum ein Garant dafür ist, dass das Buch nicht so schnell zurück auf den Nachttisch findet.
Es muss nicht immer Amerika sein – Charles den Tex beweist, dass man auch in einem beschaulichen Land wie den Niederlanden einen anspruchsvollen, spannenden und wendungsreichen Thriller ansiedeln kann. „Die Zelle“ ist ganz großes Kino.
|Originaltitel: Cel
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
ISBN-13: 978-3-89425-659-3
445 Seiten, Hardcover|
http://www.grafit.de
Leo Rivers ist Privatdetektiv in Hull, einer Hafenstadt an der englischen Ostküste. Seine aktuelle Klientin ist Susan Hendry, deren drogensüchtiger Sohn Paul in der Praxis seines Hausarztes gefunden wurde: Offensichtlich hat er erst seine Lebensgefährtin Lucy ermordet und sich dann nach dem Einbruch eine Überdosis Rauschgift gespritzt. Ob dies ein Unfall oder ein Selbstmordversuch war, bleibt offen, denn Paul liegt im Koma, aus dem er wohl nie mehr erwachen wird.
Für Chief Superintendent Alexander Lister, der unbedingt Polizeipräsident von Hull werden möchte, ist Paul Hendry, der sich nicht verteidigen kann, das ideale Bauernopfer. Um die Politiker der Stadt sowie die Medien auf seine Seite zu bringen, lässt er durchblicken, dass Hendry auch verantwortlich für zwei weitere ungeklärte Frauenmorde ist. Lister verknüpft dies mit einem Feldzug gegen das Rotlichtmilieu von Hull, der ihm viel positive Publicity einbringen soll. Deshalb versucht er die Presse auf seine Seite zu ziehen sowie Störenfriede einzuschüchtern.
Zu diesen zählt er auch Rivers, denn dieser durchschaut das Spiel. Seine Ermittlungen ergeben ein anderes, besorgniserregendes Bild: In Hull treibt offenbar ein Serienkiller sein Unwesen, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Die drei fälschlich Paul Hendry zugeschriebenen Morde sind sehr wahrscheinlich nicht die einzigen Bluttaten des unbekannten und sehr organisiert vorgehenden Täters.
Von der Polizei angefeindet und auf der Basis mehr als magerer Indizien, macht sich Rivers auf die Suche nach dem wahren Mörder. Er enthüllt dabei eine Tragödie, die vor mehr als drei Jahrzehnten ihren Ursprung nahm und erst jetzt durch einen ebenso irren wie schlauen Mörder gerächt werden soll. Rivers muss sich sputen, denn noch ist dieser Feldzug nicht abgeschlossen – der Killer hat schon das nächste Opfer ins Visier genommen …
_Ritter in einer wenig glanzvollen Gegenwart_
Privatdetektive stehen seit jeher in einem gespannten Verhältnis zur Polizei. Wen wundert’s, da diese über – womöglich auch noch erfolgreiche – Konkurrenz, die zudem an keine Dienstvorschriften gebunden ist, nicht erbaut sein kann. Zwar verfügt der Detektiv nicht über die Möglichkeiten, die der Polizei ihre Ermittlungen ermöglichen und erleichtern sollen, doch öffnen sich ihm andererseits Türen, die den offiziellen Ermittlern manchmal verschlossen bleiben.
So wird aus dem Privatdetektiv des Kriminalromans die letzte Instanz; nicht unbedingt für das Recht, sondern für die Gerechtigkeit, die er auf manchmal leicht krummen Wegen vertritt. Der klassische Detektiv – und in diese Kategorie fällt Leo Rivers – ist ein Ritter in rostiger Rüstung. Letzteres ist längst zum Klischee geworden: Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit rentieren sich nicht in einer merkantil und moralfrei orientierten Welt. Deshalb haust auch Rivers in einem Büro, dessen liebevoll ausgemalte Schäbigkeit beinahe lächerlich wirkt; betrachten wir es als literarische Anleihe an die Klassiker des Genres.
Auf die stützt sich Robert Edric sichtlich in seiner düsteren und sehr komplizierten Geschichte einer ‚verzögerten‘ Rache. Sorgfältig vertuschte Skandale in gesellschaftlichen Hochkreisen sind ein trüber Teich, in dem schon die Großmeister des Genres – Chandler, Hammett, Macdonald – ihre Detektive fischen ließen. „Ihr Blut soll vergossen werden“ wirkt wie eine gen Osten über den Atlantik verlagerte und für das 21. Jahrhundert aktualisierte Version dieser Krimis, die stets viel über die politischen und sozialen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit aussagten.
_Diese Welt ist ein meist trostloser Ort_
Hull ist so, wie Edric diese Stadt schildert, die ideale Umgebung für Anti-Helden wie Rivers, dem mit seinen Freunden Sunny und Yvonne ähnlich angeschlagene Zeitgenossen zur Seite stehen. Die Globalisierungskrise wurde hier in den 1970er Jahren durch den Zusammenbruch der Fischerei vorweggenommen, die der Stadt ihre jahrhundertealte wirtschaftliche Basis nahm und einen ganzen Berufsstand überflüssig machte. Die Fischer wurden verdrängt und vergessen; sie sanken zur dauerarbeitslosen Unterschicht ab. Auch Rivers‘ Vorfahren waren Fischer; er kennt die Problematik, was es ihm ermöglicht, die verbitterten Männer zu verstehen, mit denen er es im Verlauf seiner Ermittlung immer wieder zu tun bekommt.
Politiker sind im Detektivroman quasi automatisch verdächtig. Sind sie selbst nicht in das zentrale Verbrechen verwickelt, finden sie genug andere Möglichkeiten, sich moralisch ins Unrecht zu setzen. Statt sich für die Menschen einzusetzen, die sie gewählt haben, verbringen sie ihre Zeit mit Intrigen, Korruption und dem Kampf um den Erhalt der Macht. In unserem Fall repräsentiert Chief Superintendent Lister diese Klasse einer neuen gesellschaftlichen Elite, die durch moralisch ebenso gleichgültige Bankiers, Manager oder Wirtschaftsmagnaten verstärkt wird. Der Mord an einer jungen Frau und später eine ganze Mordserie interessiert sie nur als Treibstoff oder als Stolperstein für ihre Karrieren. Lister sind seine arrangierten ‚Pressekonferenzen‘ wichtiger als der Fortschritt der Fahndung, die er Untergebenen überlässt, denen er im Bedarfsfall ein Scheitern in die Schuhe schieben kann. Auf diesem Niveau bewegen sich alle selbst ernannten Stützen der Gesellschaft, auf die Rivers trifft.
_War da nicht noch ein Serienkiller …?_
Verlierer oder Schurken stellen die kopfstarke Schar derer dar, mit denen es Rivers zu tun bekommt. Für die Freunde des unschuldigen Rätselkrimis bedeutet „Ihr Blut soll vergossen werden“ harte und bittere Kost. Verbrechen ist hier kein intellektuelles Spiel, sondern schmutzige, schmerzhafte Realität. Die eigentlichen Morde werden nie geschildert. Edric beschränkt sich auf die Darstellung der Folgen, was mehr als ausreichend ist. Seine Schlussfolgerung ist überzeugend: Zu den Opfern eines Verbrechens gehören auch die Überlebenden.
Auch die detektivische Ermittlung ist bei Eldric kein glanzvoller Sprung von Geistesblitz zu Geistesblitz. Rivers‘ Alltagsarbeit besteht aus Fußarbeit und Frustration. Selten erfährt er, was er wissen möchte. Pure Hartnäckigkeit und Berufsroutine bringen ihn langsam weiter. Dabei unterlaufen ihm Fehler und Fehleinschätzungen, die ihn mit in den Strudel von Schuld und Sühne ziehen. Letztlich muss Rivers sogar entdecken, dass ihn das Establishment missbraucht hat. Er hat den Mörder gestellt, doch zufrieden stellt ihn das nicht – es kann einen Mann wie ihn auch nicht zufriedenstellen, der im Grunde ein Idealist ist.
Der Mörder: keine Lecter-Kopie, die in blutigen Spektakeln schwelgt, sondern ein gestörter Mensch, der nur den Dämonen im eigenen Hirn verpflichtet ist. Die Bluttaten sind schäbig, die Leichen hässlich. In dem Heer egoistischer Karrieristen und Heuchler, mit denen uns Edric konfrontiert, fällt der Mörder eigentlich gar nicht auf.
_Traurige Realität in kunstvoller Sprache_
Das klingt nach einer geradezu niederschmetternden Lektüre. In der Tat lässt uns Edric kein Schlupfloch. Ruhepausen in Gestalt schwarzhumoriger Einlagen à la Ian Rankin oder Stuart MacBride gibt es nicht. Oder ist der Leser solche emotionale Intensität einfach nicht mehr gewöhnt? „Ihr Blut soll vergossen werden“ gehört zwar äußerlich zum Strom lieblos gestalteter Thriller, die der Buchfabrik-Gigant |Random House| allmonatlich auf den Markt wirft, doch inhaltlich ist dieser Roman von einer Qualität, die das übliche Lesefutter vermissen lässt. (Damit das bloß kein Durchschnittsleser merkt und womöglich vom Kauf abgeschreckt wird, wurde dem Roman in Deutschland der reißerische Dumm-Titel „Ihr Blut soll vergossen werden“ aufgeprägt.)
An dieser Stelle soll nicht schon wieder in jene Kerbe gehauen werden, die in Deutschland die „Literatur“ von der „Unterhaltung“ trennt. Diese fruchtlose Diskussion wird an anderer Stelle kundiger (und vehementer) geführt. Beschränken wir uns hier auf die nüchterne Feststellung, dass Robert Edric unabhängig vom gewählten Genre ein versierter Geschichtenerzähler ist. Er kann mit Worten umgehen, er hat ein Gespür für Handlungsstruktur und Timing. „Ihr Blut soll vergossen werden“ ist ein Roman mit mehr als 400 Seiten Umfang. Die Überraschung ist, dass jeglicher Leerlauf ausbleibt. Das kennt man als Leser der ziegelsteindicken Krimis der Gegenwart kaum noch, sondern hat sich darauf eingestellt, Passagen, die früher als Geschwafel erkannt und gekürzt worden wären, einfach zu überspringen. Edric hat und hält uns am Haken. Falls es das ist, was einen Literaten kennzeichnet, dann wünscht sich der Krimifreund mehr Schriftsteller wie Robert Edric!
_Der Autor_
Robert Edric ist das Pseudonym von Gary Edric Armitage, der 1956 im englischen Sheffield geboren wurde. Dort wuchs er auf und studierte Geografie – ein Fach, das er später als Dozent an der Hull University lehrte.
Schon in seiner Doktorarbeit zeigte sich Edric als Literat: Er untersuchte die Bedeutung geografischer Begriffe wie Landschaft und Raum im viktorianischen Roman. Als Autor wurde er aktiv, nachdem er 1982 nach Hornsea in East Yorkshire umgezogen war, wo er noch heute lebt und arbeitet. 1985 veröffentlichte Edric „Winter Garden“. Für seinen Debütroman wurde er mit einem James Tait Black Prize ausgezeichnet. Auch für seine weiteren, meist historische Themen aufgreifenden Romane wurde Edric mehrfach preisgekrönt.
Die „Song Circle“-Trilogie um den Privatdetektiv Leo Rivers erschien im Wilhelm Goldmann Verlag:
(2003) Die toten Mädchen („Cradle Song“) – TB Nr. 45661
(2004) Die Tote im Meer („Siren Song“) – TB Nr. 45662
(2005) Ihr Blut soll vergossen werden („Swan Song“)
_Impressum_
Originaltitel: Swan Song (London : Doubleday, a division of Transworld Publishers 2005)
Übersetzung: Giovanni u. Ditte Bandini
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2007 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. 46451)
416 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-442-46451-7
http://www.randomhouse.de/goldmann
Ein psychotischer Mörder inszeniert seine Morde, als würde er ein Theaterstück für die Öffentlichkeit aufführen, möglichst publik und vor großem Publikum. Alex Cross, jetzt nur ein Psychotherapeut, und seine Freundin Brianna Stone, eine Kripobeamtin, haben viel zu tun, um die Morde zu verstehen. Schnell werden zwei Aspekte deutlich: Der Audience Killer von DC, kurz DCAK, arbeitet nicht allein, und er überwacht sowohl Alex als auch Brianna. Zudem hat er Nachahmer, die erheblichen Schaden anrichten.
Als Alex erfährt, dass es seinem altem Feind Kyle Craig gelungen ist, aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado zu entkommen, macht er sich Sorgen um Brianna und seine Familie, denn der psychopathische Craig will sich garantiert an ihm rächen. Alex tritt der Kripo bei und steckt bald mitten drin. Da trifft Craig in Washington, D.C., ein und verbündet sich mit seinem Verehrer DCAK. Alex wagt sich kaum vorzustellen, wozu diese beiden Irren wohl imstande sein könnten …
Der Originaltitel „Double Cross“ ist doppeldeutig. Normalerweise bedeutet es, jemanden doppelt zu täuschen, etwa als Doppelagent. Gemeint ist auch ein doppeltes Kreuz. Diesmal bedeutet es aber, dass Alex Cross von gleich zwei Mördern aufs Korn genommen wird.
_Der Autor_
James Patterson, ehemaliger Besitzer einer Werbeagentur, ist der Autor zahlreicher Nummer-1-Bestseller. Allerdings sind es vor allem seine Alex-Cross-Thriller, die den Leser berühren. Folglich war Alex Cross bereits zweimal im Film zu sehen: „Im Netz der Spinne“ und „… denn zum Küssen sind sie da“ wurden beide erfolgreich mit Morgan Freeman in der Hauptrolle verfilmt. Für Einsteiger sei gesagt, dass Alex Cross ein sympathischer schwarzer Polizeipsychologe ist, der mit seiner Familie in Washington, D.C., lebt. Seine Actionreihe „Maximum Ride“ kommt demnächst über |Columbia Pictures| unter der Produktion des |Marvel|-Geschäftsführers Avi Arad als Filmreihe in die Kinos.
Patterson ist extrem fleißig. Sein letzter Solo-Roman vor „Blood“ in Deutschland hieß „Ave Maria“, ein Alex-Cross-Roman. Davor erschienen neue Alex-Cross-Romane mit den Titeln „The Big Bad Wolf“ und „London Bridges“. Im Original ist bereits „Double Cross“ erschienen. Seit 2005 sind weitere Patterson-Kooperationen veröffentlicht worden, darunter „Lifeguard“ sowie „Judge and Jury“; im Juli 2007 erschien die Zusammenarbeit „The Quickie“ (deutsch „Im Affekt“, 2008). Im Frühjahr 2003 (deutsch Mitte 2005) erschien auch eine Kollaboration mit dem Titel „Die Rache des Kreuzfahrers“ („The Jester“), deren Story im Mittelalter spielt.
Nähere Infos finden sich unter http://www.twbookmark.com und http://www.jamespatterson.com. Patterson lebt mit seiner Familie in Florida und Westchester, New York.
Mehr von James Patterson auf |Buchwurm.info|:
[„Das Pandora-Projekt“ 3905 (Maximum Ride 1)
[„Der Zerberus-Faktor“ 4026 (Maximum Ride 2)
[„Das Ikarus-Gen“ 2389
[„Blood“ 4835
[„Honeymoon“ 3919
[„Ave Maria“ 2398
[„Der 1. Mord“ 5247
[„Die 5. Plage“ 5376
[„Die 6. Geisel“ 5412
[„Wer hat Angst vorm Schattenmann“ 1683
[„Mauer des Schweigens“ 1394
[„Stunde der Rache“ 1392
[„Wenn er fällt, dann stirbt er“ 1391
[„Wer sich umdreht oder lacht“ 1390
[„Die Rache des Kreuzfahrers“ 1149
[„Vor aller Augen“ 1087
[„Tagebuch für Nikolas“ 854
[„Sonne, Mord und Sterne“ 537
[„Rosenrot Mausetot“ 429
[„Die Wiege des Bösen“ 47
_Handlung_
Der Audience Killer inszeniert seine erste „Story“ in dem netten Apartmenthaus, das in einem der besseren Viertel Washingtons liegt. Hier wohnt die Krimiautorin Tess Olsen. Er weiß, dass die Lady eine Biographie des brillanten Mörders Kyle Craig schreiben will und diesen sogar schon in seinem Hochsicherheitsgefängnis in Colorado besucht hat. Wie er Kyle Craig, den früheren FBI-Agenten, bewundert! Solche brillanten Morde schafft heute kaum noch einer. Höchstens er selbst.
Und er bemüht sich wirklich. In das überwachte Haus zu kommen, erweist sich als Kinderspiel, weil der Müll von einem einzelnen Bediensteten zu immer der gleichen Tageszeit rausgebracht wird. Der unbewachte Eingang ist schnell überwunden, die Treppen sind frei, und schnell ist die Apartmenttür der lieben Tess gefunden. Gut, wenn man schon eine Generalprobe erfolgreich absolviert hat. Das macht vieles leichter. Doch jetzt kommt die Nagelprobe: Wird die liebe Tess einem Handwerker öffnen, den sie gar nicht kennt?
Worauf man sich verlassen kann. So eine Handwerkeruniform hat noch jeden getäuscht. Flugs ist die liebe Tess außer Gefecht gesetzt, von ihren Kleidern befreit und an die Leine gelegt. Sie versucht, sich freizukaufen, doch das nützt nichts. Er hängt die moderne Lady Godiva über das Geländer ihres kleinen Balkons, bis die Leute von der Straße sich nach dem Ursprung der Schreie umsehen. Ja, wer hätte gedacht, dass sich in dieser ruhigen Gegend solch ein Schauspiel inszenieren ließe. Eine gaffende Menge sammelt sich unten auf der Straße. Zum Glück hat er alles auf Video aufgezeichnet. Und nun die Hauptattraktion des Abends, Ladies and Gentlemen: die fliegende Lady Godiva …
|Cross|
Alex Cross ist nicht mehr bei einer der Strafverfolgungsbehörden der Stadt oder des Bundes, sondern übt wieder seinen ersten Beruf als Psychotherapeut in seiner eigenen Praxis aus. Heute hat er es allerdings geschafft, mit seiner Freundin, der Polizistin Brianna Stone, aufs Land hinauszufahren und an einem Bergsee zu kampieren. Alles ist zu beider größter Zufriedenheit, ganz besonders der Sex. Bis Briannas Pager piepst und sie zum Dienst ruft. Irgendein Irrer hat eine Krimiautorin umgebracht. Bizarr. Cross fährt sie mit seinem Mercedes-Rover, auf den er sehr stolz ist, direkt zum Tatort.
Brianna Stone lässt sich einweisen, und bald folgt ihr Cross, der über die Menge vor dem Haus ein wenig besorgt ist. Ein Killer, der ein Publikum anlockt, um einen Mord zu begehen – das gab es bislang wohl kaum. Am Tatort wird er durchgelassen, denn die Beamten kennen ihn alle von früher, und zudem ist er mittlerweile landesweit bekannt. Nicht zuletzt durch seine Bücher. Zusammen mit Brianna durchsucht er alle Räume. Ihm fallen die unsignierten Hallmark-Postkarten auf. Erst später kommt er auf den Zusammenhang. Sie stammen aus Kansas City, abgekürzt KC – die Initialen von Kyle Craig.
Wesentlich interessanter als Postkarten ist jedoch ein Video, das der Täter ihnen hinterlassen hat. Cross staunt: Der Typ hat doch tatsächlich seine ganze Tat von A bis Z gefilmt. Ganz so, als inszeniere er seine eigene Show. Und ganz am Schluss wendet er sich direkt an Dr. Cross! Ganz so, als wolle er ihn herausfordern, doch mal zu versuchen, ihn zu schnappen. Es stellt sich heraus, dass der Audience Killer noch ganz am Anfang seiner „Karriere“ steht.
Die Nachricht, dass es Kyle Craig, dem er zu einem Freifahrschein ins Kittchen verholfen hat, gelungen ist, mit Hilfe seines Anwalts zu entkommen, trägt nicht gerade zur Beruhigung von Alex‘ Nerven bei. Nun sieht er sowohl sich, Brianna als auch seine Familie im Fadenkreuz dieses psychopathischen Killers. Was, wenn sich Kyle Craig mit seinem erklärten Bewunderer, dem Audience Killer, in Washington träfe, um gemeinsame Sache mit ihm zu machen? Aber wie er Craig kennt, hält sich Mastermind Craig für einen viel zu tollen Hecht, um Konkurrenz neben sich zu dulden.
_Mein Eindruck_
Nach dem ziemlich lahmen „Ave Maria“-Fall in Hollywood und den Mordfällen in „Blood“ ist Alex Cross wieder in alter Stärke zurück. Der Autor hat sich wohl seine fallenden Verkaufszahlen angeschaut und sich gesagt, er müsse sich mehr anstrengen. Das belegt jedenfalls die Stärke des vorliegenden Falls. Natürlich kann man sich sagen, dass es ein todsicheres Rezept gibt, um einen Thriller doppelt so gut zu machen machen wie den vorherigen: Man lässt zwei Serienmörder auftreten statt nur einen.
|DCAK|
Während wir von Kyle Craig nur die gewohnten Psaychopathenvorstellungen geboten bekommen, erweist sich der Audience Killer als eine wesentlich interessantere Erfindung. Der Typ tötet nur vor einem größeren Publikum, und je größer dieses ist, desto besser. Ein Kino – guter Platz! Ein Theater – noch besser! Die Leute im Publikum werden denken, der blutige Mord auf offener Bühne gehöre zum Stück – harhar! Der alte Shakespeare hat dafür jede Menge gute Szenen geschrieben.
|Psychologie|
Der „Publikumsmörder“ oder DCAK hält der mediengeilen und vergnügungssüchtigen amerikanischen Öffentlichkeit den Spiegel vor. Ihr wollt Blut, ihr wollt Mord, ihr wollt Tränen? Ich gebe sie euch! Und wenn die Medien auch nur wittern, dass es von diesen wertvollen Rohstoffen ein Tröpfchen geben soll, das sie dem lechzenden Publikum stolz apportieren können, dann fallen sie über den Ort des Geschehens, pardon: der Lieferung begierig her. Braves Hundchen.
Dies Sätze stammen nicht etwa von mir, sondern aus dem Buch. Doch der Autor legt sie nicht etwa den Mördern ins Hirn, sondern Alex Cross. Schließlich ist die sympathische Hauptfigur ja auch Psychologe und weiß sowohl ein krankes Hirn zu untersuchen wie auch eine seelenkranke Gesellschaft. Manchmal fragt sich der Leser, wer nun psychopathischer ist: die Mörder oder seine Opfer. Und er findet natürlich Trittbrettfahrer, die ihn imitieren. Er macht kurzen Prozess mit Plagiatoren.
|Technik|
Diesmal hat der DCAK-Killer sogar seine eigene Webseite eingerichtet, um mit seinen Taten und Fotos zu prahlen. Er lässt sich in geheimen Chat-Foren von seinen Fans gehörig feiern. Nicht wenige darunter halten allerdings Kyle Craig für den unübertroffenen Großmeister des Serienmordes. Daran muss DCAK noch arbeiten. In diesem Band spielt erstmals die modernste Kommunikationstechnik eine Rolle: das Internet mit seinen Foren etc., Mobiltelefone mit Kameras zum Fotografieren sowie Displays zum Anzeigen empfangener Fotos – alles nichts Neues mehr, klar, aber doch erfrischend up-to-date in Pattersons Thrillern.
|Der Sinn und Zweck|
Was soll das Ganze, fragt sich der Leser zusammen mit Stone und Cross. Wie schon angedeutet, wendet sich der DCAK-Mörder direkt an Dr. Cross. Dies ist eine Herausforderung an den Fachmann und Mörderjäger Cross, aber auch an seinen Boss, das Polizei-Department von Washington (DCPD) und somit auch an Brianna Stone. Der Publikumsmörder legt es zusammen mit seiner Komplizin darauf an, die ganze Polizei bloßzustellen.
Je länger die Suche nach ihm ergebnislos verläuft, desto schlechter steht die Polizei da. Und statt selbst Jäger zu sein, macht der Publikumsmörder nun zusammen mit Kyle Craig Jagd auf die beiden. Die Hirten sind zu Schafen geworden. Wirklich? Wie das fulminante Finale ausgeht, soll hier nicht verraten werden. Eins ist aber sicher: Alex wird weiterhin das zweifelhafte Vergnügen von Kyle Craigs Gesellschaft haben. Das sorgt hoffentlich für entsprechende Thriller.
_Unterm Strich_
Auch dies ist kein Thriller für zartbesaitete Leser. Die Opfer sind durchweg unschuldige „Zivilisten“, und viele von ihnen bekommen vor dem Tod noch ein ordentliches Spektakel geboten. „Spektakel“ ist das Schlüsselwort für den Audience Killer: Er inszeniert seine „Story“-Morde stets vor großem Publikum, als sei er ein Künstler des Mordes. Im Internet lässt er sich für seine „Kunst-Werke“ auch noch loben. Und die sensationsgeilen Medien instrumentalisiert er, um die maximale Reichweite und Wirkung seiner „Kunst-Werke“ zu erzielen. Das ist ungefähr das gleiche, als würde Damien Hirst einen weiteren Totenschädel mit Platin und Brillanten besetzen.
Vielleicht wollte James Patterson, wie schon des öfteren, wieder mal die nahezu pathologische Sensationsgier der US-Medien kritisieren. Besonders Dokumentationen über Serienmörder und Forensiker erfreuen sich großer Beliebtheit. Diesmal versucht er die Schattenseiten dieser Neugier und der sie bedienenden Medien zu beleuchten: Diese Mörder bedrohen auch Familien und Fernsehzuschauer.
Andererseits ist er verpflichtet, den Leser zu unterhalten. Dazu lässt er die beiden Mörder brutal zuschlagen. Es ist aber eine Sache, solche Morde zu schildern, und eine andere, den Leser sich daran aufgeilen zu lassen. Genau dies versucht der Autor durchweg zu vermeiden. Als beispielsweise Alex Cross eine der Täterinnen mit dem Auto quer durch Washington verfolgt, mutet dies zwar ungeheuer spannend an, doch letzten Endes führt die Verfolgte ihren Jäger nur im Kreis und an der Nase herum. Die Verfolgungsjagd, ein Topos in jedem Thrillerfilm, ist nur eine Farce. Ätsch!
Hinweis: Sein nächster Fall führt Alex Cross nach Afrika.
|Originaltitel: Double Cross (Alex Cross 13)
Originalverlag: Little, Brown & Co., New York 2007
Aus dem Amerikanischen von Leo Strohm
Taschenbuch, Broschur, 384 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-37204-1|
http://www.blanvalet-verlag.de
http://www.jamespatterson.com
Nachdem er im mörderischen Kampf mit seinem wahnsinnigen Bruder an Leib und Seele Schaden nahm (vgl. die Trilogie „Burn Case“, „Dark Secret“ und „Maniac“), zieht sich FBI-Agent Aloysius Pendergast – begleitet von seinem jungen Mündel Constance Green – für eine Weile in das abgelegene tibetanische Kloster Gsahrig Chongg zurück. Lama Thubten bittet ihn dort um seine Unterstützung: Aus der Schatzkammer des Klosters wurde das Agozyen gestohlen. Worum es sich bei dem uralten Artefakt handelt, ist den Mönchen nicht bekannt; der Überlieferung zufolge soll es dereinst die sündige Menschheit von dieser Welt tilgen.
Der Täter, ein englischer Bergsteiger, kann sich seiner Beute nicht lange erfreuen. Pendergast findet Jordan Ambrose brutal ermordet in einem Londoner Hotelzimmer. Das Agozyen ist verschwunden. Die Spur führt an Bord der |Britannic|. Das brandneue Linienschiff – es ist das größte der Welt – steht vor seiner Jungfernfahrt. 2700 betuchte und einflussreiche Passagiere werden während der siebentägigen Seereise von Southampton nach New York von 1600 Besatzungsmitgliedern betreut. Der Mörder hat sich mit dem Agozyen unter sie gemischt.
Auch Pendergast und Constance schiffen sich ein. Möglichst unauffällig beginnen sie die infrage kommenden Passagiere zu überprüfen. Eile ist geboten, denn Mitreisende beginnen spurlos zu verschwinden. Wenig später tauchen grässlich verstümmelte Leichen auf. Zu allem Überfluss beginnt ein leibhaftiger Dämon unter Deck umzugehen. Auf der |Britannic| macht sich Panik breit, Meuterei liegt in der Luft. Die Schiffsführung wird von der Situation überrumpelt. Eine bösartige Macht übernimmt buchstäblich das Steuer. Mit Höchstgeschwindigkeit steuert die |Britannic| auf die mörderischen Klippen der Carrion Rocks zu. Nur Pendergast könnte dem Einhalt gebieten, doch der steht längst im Bann des Agozyen …
_Mystery-Action, die den Bauch erfreut_
Zum achten Mal gerät Aloysius Pendergast, der für das FBI tätig ist (das aber dieses Mal nie in Erscheinung tritt bzw. keine Einwände gegen einen Beamten hat, der viele Monate in einem tibetanischen Kloster meditiert, sich von einem Bergmönch als Reliquienjäger anheuern lässt sowie auf eigene Faust einen Serienkiller jagt), in ein Abenteuer, das weder dem gesunden Menschenverstand noch den Naturgesetzen, sondern ausschließlich den Regeln der Unterhaltung verpflichtet ist. „Darkness – Wettlauf mit der Zeit“ klingt zwar nach einem dieser sinnfreien deutschen Titel, die übersetzten Thrillern gern übergestülpt werden, doch in diesem Fall trifft zu, was angedeutet wird: Ein düsteres Geheimnis muss gelüftet werden, damit eine Doppel-Katastrophe – der Untergang eines gigantischen Schiffes, gefolgt vom Untergang der Welt – ausbleibt.
Nach dem monumentalen, sich über drei Bände hin- und herziehenden Duell der Brüder Aloysius und Diogenes Pendergast kehrt das Autorenduo Preston & Child zu einer deutlich simpler gestrickten Handlung zurück. Wie Perlen auf einer Kettenschnur reihen sich mehr oder weniger spektakuläre Ereignisse. Die Chronologie bleibt gewahrt, es gibt keine Rückblenden oder Zeitsprünge. Auch topografisch geht es von Ort A nach B, dann nach C und so weiter. Für den Anschein von Dynamik sorgt eine Flut von Cliffhangern; die Handlung bricht im entscheidenden Moment ab, um zum nächsten Krisenpunkt zu springen.
_Nicht so hanebüchen wie üblich_
Die einfache Dramaturgie ist der Story angemessen. „Darkness“ funktioniert deutlich besser als die künstlich aufgeblähte Vorgänger-Trilogie. Preston & Child spinnen ein recht dünnes Garn, dem der Verzicht auf allzu übertriebene und dadurch ins Lächerliche abgleitende Knalleffekte guttut. Der Plot ist bewährt; schließlich bedient sich das Autorenduo seiner schon seit vielen Jahren. „Darkness“ ist wieder ein ‚Remake‘ von „Relic“ (dt. „Das Relikt“), dem ersten und mit Abstand besten Band der Pendergast-Serie. Das „American Museum of Natural History“ wird durch die |Britannic| ersetzt, in deren Stahlrumpf es ebenso verwinkelt und unübersichtlich zugeht. Die Führung des Schiffes ist untereinander uneins, es wird gemobbt und gemauschelt. Ein Monster schleicht durch die Gänge, bis sich die feine Gesellschaft in einen tobenden Mob verwandelt, der sich selbst effektiver meuchelt als jede Bestie. Darüber schwebt mehr als ein Hauch von „Titanic“ in der Seeluft, was Preston & Child gar nicht leugnen, sondern selbst mehrfach ansprechen; er sorgt für zusätzliche Gänsehaut, die nicht eigens heraufbeschworen werden muss.
Von außen ist keine Hilfe zu erwarten, der Ort des Geschehens ist isoliert, denn ein Schiff auf hoher See bleibt ein auf sich gestellter Mikrokosmos, der es zu einem klassischen und immer wieder gern genutzten Schauplatz macht. Die |Britannic| ist zu allem Überfluss so gut gegen (terroristische) Attacken aller Art geschützt, dass sie sich partout nicht lahmlegen lässt, als der Wahnsinn auf der Kommandobrücke regiert. (Auch ein aus „Relic“ übernommener Punkt.)
Bis es so weit ist, gilt es für den Leser, manche Flaute zu überstehen. Um auf die vertraglich vereinbarte Seitenzahl zu kommen, scheinen die Autoren tüchtig Stroh dreschen zu müssen. Absolut ohne Belang für das eigentliche Geschehen ist unter anderem eine endlos ausgewalzte Episode, die sich um die Entlarvung an Bord aktiver Falschspieler dreht. Viel zu viel Zeit investieren Preston & Child außerdem in die Biografien von Figuren, die nur Futter für das Monster sind.
Auch dass ein Handlungsstrang in Tibet spielt, lässt Unbehagen aufkommen. In der Tat kommen uns Preston & Child einmal mehr mit dem Langbart-Klischee der übermenschlichen Weisheit meditierender Himalaya-Mönche. Mit exotischen Ritualen lassen sich Seiten füllen, und es klingt bedeutsam, wenn die Autoren einige tibetische Sprachbrocken einfließen lassen. Faktisch langweilen solche Luftnummern, alldieweil Konsequenzen stets ausbleiben. Die Mönche von Gsahrig Chongg wirken nicht wirklich weise – geschickt fassen sie Binsenweisheiten in möglichst kryptische Worte. Selbst das vorgeblich allmächtige Agozyen begnügt sich damit, einen Ozeanliner zu verwüsten. Das Ende der Welt bleibt wieder einmal aus.
_Agent auf neuen Pfaden?_
Agent Pendergast war im Konflikt mit seinem Bruder Diogenes (der in „Darkness“ einen ‚Gastauftritt‘ hat; in der Mystery-Märchenwelt von Preston & Child gilt der Tod als reversibler Faktor …) vom exzentrischen und eigenwilligen Ermittler zum tragischen Übermenschen mutiert: aufdringlich geheimnisvoll, ausgestattet mit überragenden geistigen Fähigkeiten, die ihn zur Konstruktion eines virtuellen „Gedächtnis-Palastes“ befähigen, geschlagen mit einer bizarren Familiengeschichte, die beinahe außerirdisch anmutet, unermesslich reich und fähig, mit immer neuen Talenten und Fähigkeiten aufzuwarten. In „Darkness“ schalten Preston & Child einen Gang zurück. Die Figur Pendergast bekommt wieder Bodenkontakt, was ihr gut bekommt. Weiterhin schüttelt Aloysius Genialitäten aus den Ärmeln seines feintuchigen Anzugs, doch er ist nicht mehr seine eigene Karikatur.
An seine Seite tritt zum ersten Mal mehr oder weniger selbstständig Constance Green, bisher eher lästig als lebendiger Schatten der Vergangenheit und später Jungfrau in Not, die von Diogenes Pendergast primär deshalb gepiesackt wurde, weil er damit seinem Bruder eins auswischen konnte.
Als ausgezeichnete Entscheidung erweist sich der Verzicht auf ausgelaugte Figuren wie den Knurr-Cop Vincent D’Agosta oder den rasenden Reporter Bill Smithback. Preston & Child lieben ausgiebige Querverweise zwischen ihren Werken und kombinieren gern ihre Hauptfiguren neu. In „Darkness“ werfen sie diesen Ballast ab. Pendergast und Green bleiben unter sich.
„Darkness“ wird als Roman seine Leserschaft spalten. Was die eine Seite im Bruderkampf zu spektakulär im Sinne von übertrieben fand, wird die andere dieses Mal vermutlich vermissen. Klammert man den direkten Vergleich aus, kann man „Darkness“ unterhaltsam genug finden, um dem Autorenduo das fortgesetzte Breittreten bekannter Elemente zu verzeihen.
_Die Autoren_
Douglas Preston wurde 1956 in Cambridge, Massachusetts geboren. Er studierte ausgiebig, nämlich Mathematik, Physik, Anthropologie, Biologie, Chemie, Geologie, Astronomie und Englische Literatur. Erstaunlicherweise immer noch jung an Jahren, nahm er anschließend einen Job am „American Museum of Natural History“ in New York an. Während der Recherchen zu einem Sachbuch über „Dinosaurier in der Dachkammer“ – gemeint sind die über das ganze Riesenhaus verteilten, oft ungehobenen Schätze dieses Museums – arbeitete Preston bei |St. Martin’s Press| mit einem jungen Lektor namens Lincoln Child zusammen. Thema und Ort inspirierten das Duo zur Niederschrift eines ersten Romans: „Relic“ (1994; dt. „Das Relikt – Museum der Angst“).
Wenn Preston das Hirn ist, muss man Lincoln Child, geboren 1957 in Westport, Connecticut, als Herz des Duos bezeichnen. Er begann schon früh zu schreiben, entdeckte sein Faible für das Phantastische und bald darauf die Tatsache, dass sich davon schlecht leben ließ. So ging Child – auch er studierte übrigens Englische Literatur – nach New York und wurde bei |St. Martins Press| angestellt. Er betreute Autoren des Hauses und gab selbst mehrere Anthologien mit Geistergeschichten heraus. 1987 wechselte Child in die Software-Entwicklung. Mehrere Jahre war er dort tätig, während er an den Feierabenden mit Douglas Preston an „Relic“ schrieb. Erst seit dem Durchbruch mit diesem Werk ist Child hauptberuflicher Schriftsteller. (Douglas Preston ist übrigens nicht mit seinem ebenfalls schriftstellernden Bruder Richard zu verwechseln, aus dessen Feder Bestseller wie „The Cobra Event“ und „The Hot Zone“ stammen.)
Selbstverständlich haben die beiden Autoren eine eigene Website ins Netz gestellt. Unter [www.prestonchild.com]http://www.prestonchild.com wird man großzügig mit Neuigkeiten versorgt (und mit verkaufsförderlichen Ankündigungen gelockt).
Die Aloysius-Pendergast-Serie erscheint in Deutschland gebunden im |Droemer| sowie als Taschenbuch im |Knaur| Verlag:
(1994) „Relic“ (Relic – Museum der Angst / Das Relikt – Museum der Angst)
(1997) „Reliquary“ (Attic – Gefahr aus der Tiefe)
(2002) „The Cabinet of Curiosities“ (Formula – Tunnel des Grauens)
(2003) „Still Life with Crows“ (Ritual – Höhle des Schreckens)
(2004) „Brimstone“ (Burn Case – Geruch des Teufels)
(2005) „Dance of Death“ (Dark Secret – Mörderische Jagd)
(2006) „The Book of the Dead“ (Maniac – Fluch der Vergangenheit)
(2007) „The Wheel of Darkness“ (Darkness – Wettlauf mit der Zeit)
(2009) „Cemetery Dance“ (noch kein dt. Titel)
_Impressum_
Originaltitel: The Wheel of Darkness (New York : Warner Books 2007)
Übersetzung: Michael Benthack
Dt. Erstausgabe (geb.): Januar 2009 (Droemer Verlag)
499 Seiten
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-426-19808-7
http://www.droemer.de
_Preston & Child auf |Buchwurm.info|:_
[„Maniac – Fluch der Vergangenheit“ 4249
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 2809
[„Dark Secret – Mörderische Jagd“ 4124 (Hörbuch)
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 1725
[„Burn Case – Geruch des Teufels“ 2193 (Hörbuch)
[„Das Patent“ 701
[„Ritual – Höhle des Schreckens“ 656
[„Formula – Tunnel des Grauens“ 192
[„Riptide – Mörderische Flut“ 71
Wie schafft man es, einen Mord zu begehen und dabei ungestraft davonzukommen? Eine sorgfältige Planung ist das eine, doch wer nichts dem Zufall überlassen will, macht es am besten so wie der Mörder in Pentti Kirstiläs Buch „Klirrender Frost“: Er wird verrückt.
Sakari Kaarto hat es im Leben weit gebracht. Mit seiner Druckerei hat er viel Geld verdient, die Kinder sind gesund, die Frau zufrieden. Und trotzdem macht ihm das Leben keinen Spaß mehr. Mit dem Geld weiß er nichts anzufangen, die Kinder sind längst aus dem Haus und die Ehe hat ihre besten Tage hinter sich.
Eines Tages beschließt Kaarto, verrückt zu werden und alle daran teilhaben zu lassen. Er beginnt, während der Arbeit zu trinken und bietet jedem ein Gläschen an. Er bedroht den Freund seiner Tochter, weil er glaubt, dieser sei hinter ihrem Geld her. Er beauftragt einen Verbrecher damit, in sein Büro einzubrechen und den Safe zu leeren. Und am Ende ersticht er vor den Augen seines Schwagers seine Frau. Er leugnet diese Tat auch gar nicht, doch es kommt, wie es kommen muss: Vor Gericht wird er freigesprochen, weil er zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig war.
Drei Monate bleibt Kaarto in psychiatrischer Behandlung, dann wird er nach Hause entlassen. Wenig später findet man ihn erschossen an seinem Küchentisch sitzen. Alles deutet darauf hin, dass er sich selbst umgebracht hat, doch Kommissar Lauri Hanhivaara glaubt nicht daran. Winzige Details sprechen dafür, dass Kaarto nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist …
„Klirrender Frost“ ist der vierte Krimi mit Lauri Hanhivaara, einem nicht unbedingt alltäglichen Polizisten. Er tut sich vor allem durch seinen Humor und seine Beharrlichkeit hervor und dadurch, dass er gerne seinen eigenen Kopf durchsetzt. Hanhivaara ist zwar ziemlich verschroben, aber weit davon entfernt, ein Abklatsch des depressiven, skandinavischen Vorzeigeermittlers Wallander zu sein. Das wäre schon deshalb schwierig, weil die finnische Originalausgabe des Romans bereits in den Achtzigern erschien. Davon einmal abgesehen ist Kirstiläs Held lässiger, lockerer und vor allem humorvoller.
Sein Privatleben spielt eine angenehm geringe Rolle, so dass das Hauptaugenmerk auf der Handlung liegt. Diese ist ungewöhnlich für einen Krimi, denn die Geschichte beginnt mit einem langen Einblick in das Verrücktwerden des Sakari Kaarto. Hanhivaara tritt erst dann auf den Plan, als der Safe in Kaartos Büro geknackt wird, und rückt in den Vordergrund, als der Möchtegernverrückte schließlich stirbt. Der Mord an Kaartos Frau spielt nur eine marginale Rolle, obwohl er zuerst geschieht. Die Ermittlungsarbeit selbst bezieht sich hauptsächlich auf die Suche nach Kaartos Mörder. Eine so lange Vorgeschichte ist nicht gerade alltäglich, doch Kirstilä schafft es, sie spannend zu gestalten und viele Fragen aufzuwerfen. Wieso will Kaarto verrückt werden? Wird er Erfolg haben? Erfahren wir, wieso er seine Frau eigentlich umgebracht hat? Und hat er sich anschließend selbst umgebracht oder war es jemand anderer?
Dem schließt sich eine klassische Kriminalermittlung an. Alle möglichen Täter sind bekannt, doch natürlich leugnen sie. Nun liegt es an Hanhivaara, die Fehler in den Aussagen zu finden und den Bösewicht zu überführen. Diese Suche wird sehr geradlinig und ohne Abschweifungen dargelegt und gefällt durch ihre Einfachheit. Der finnische Autor schafft es, mit simplen Mitteln und ohne großes Brimborium eine Geschichte zu erzählen, die erst belletristisch und dann wie ein nüchterner Krimi anmutet.
Verbunden werden beide Teile des Buches durch den manchmal sarkastischen, manchmal einfach nur witzigen Schreibstil. Auch an dieser Stelle verzichtet Kirstilä auf Ballast. Er benutzt wenige, treffsichere Worte und verzichtet auf umfassende Darstellungen von Gefühlsleben und Gedankenwelt seiner Personen. Stattdessen bringt er Ereignisse und humorvolle Einschübe auf den Punkt, was eine schnelle, flüssige Lektüre ermöglicht.
Eigentlich ist es schade, dass Pentti Kirstilä so spät in Deutschland veröffentlicht wird, auch wenn seine Krimis zeitlos gut sind. Er bietet eine wesentlich leichtere, lustigere Alternative zu vielen anderen skandinavischen Autoren, und „Klirrender Frost“ tut sich vor allem durch seine spezielle Handlung hervor. Die ist zwar einfach, aber trotzdem sehr effektiv, wenn es darum geht, den Leser zu fesseln.
|Originaltitel: Jäähyväiset lasihevoselle
Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
ISBN-13: 978-89425-562-6
252 Seiten, Taschenbuch|
http://www.grafit.de
_Pentti Kirstilä bei |Buchwurm.info|:_
[„Nachtschatten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1887
Sean King und Michelle Maxwell sind das erfolgreiche Ermittlerpaar aus den Romanen des amerikanischen Bestsellerautors David Baldacci. In „Im Takt des Todes“ scheint es, als ob sich ihre Wege trennen würden. Während Michelle sich aufgrund ihrer psychischen Probleme von Seans Freund, dem Psychiater Horatio Barnes, behandeln lässt, begibt sich Sean nach Babbage Town, um einen Mord aufzuklären. Selbstverständlich bleibt es nicht bei der Trennung, denn was wäre ein Baldacci-Thriller ohne die Zusammenarbeit der beiden?
Babbage Town ist eine Art Wissenschaftsstadt, in der die schlausten Köpfe Amerikas leben und forschen. Das ist natürlich alles streng geheim und wird entsprechend bewacht, denn nach Angaben von Champ Pollion, dem Chef der Stadt, arbeitet man an Erfindungen, welche die Welt revolutionieren könnten. Ob der Tod des Wissenschaftlers Monk Turing damit zusammenhängt? Dummerweise ist die einzige Zeugin des Mordfalls, Monks Tochter Viggie, autistisch. Das Einzige, was man aus ihr herausbekommt, sind das immer gleiche Klavierstück, das sie bei Erwähnung ihres Vaters spielt, sowie der Satz „Codes und Blut“.
Sean steht vor einem Rätsel und wird außerdem von allen Seiten bei seinen Ermittlungen behindert. Sowohl FBI als auch CIA haben sich in den Fall eingemischt; Letztere vor allem deshalb, da Monk auf dem Gelände von Camp Peary, einer Art Ausbildungslager der CIA, umkam. Schließlich verstirbt auch noch Len Rivest, der Sicherheitschef von Babbage Town, der Sean ein paar Hinweise geben wollte. Zum Glück taucht da plötzlich Michelle auf, die sich ganz frech selbst aus ihrer Therapie entlassen hat. Gemeinsam machen sich die beiden auf die Suche nach dem Mörder und stoßen auf illegale Machenschaften der CIA, die sich das natürlich nur ungern gefallen lässt …
CIA, FBI, eine geheimnisvolle Stadt voller Wissenschaftler – Baldacci hat die Grundsteine für eine spannende Geschichte bereits mit der Auswahl des Schauplatzes und der beteiligten Parteien gelegt. Tatsächlich ist „Im Takt des Todes“ alles andere als langweilig. Selbst der Anfang, in dem es hauptsächlich um Michelle und ihre Probleme geht, ist mitreißend geschrieben und besitzt Relevanz für den weiteren Verlauf des Buches. Dagegen ist die eigentliche Frage nach dem Mörder der beiden Männer beinahe unwichtig. Viel spannender ist es, den Querelen zwischen den Hauptfiguren mit CIA und FBI zu folgen. Gerade der Geheimdienst sorgt mit dem mysteriösen Camp Peary für Spannung. Doch dabei bleibt auch das Wissen nicht auf der Strecke. Baldacci hat gut recherchiert und gibt seine Erkenntnisse über das Chiffrieren von Codes und die Quantenphysik an den Leser weiter. Dass es diesem schwer fällt, dies zu begreifen, liegt vermutlich mehr am Thema als am Autor, denn bis kurz vor Schluss macht David Baldacci alles richtig. Nur das Ende wirkt ein wenig zu actionreich und verworren, um noch Spaß zu machen.
Was in der Geschichten ansonsten positiv auffällt, sind vor allem die tiefgründigen Charaktere. Wer noch nie etwas von diesem Autor gelesen hat, wird überrascht sein. Michelle wird als Ermittlerin angekündigt und gibt ihren Einstieg als prügelnde, leicht reizbare Amazone. Das möchte nicht so wirklich zu dem Bild passen, das man erstens von einer Frau und zweitens von einer ermittelnden Person hat. Doch Michelle Maxwell ist mehr als das. In diesem Buch werden Teile ihrer Familiengeschichte aufgearbeitet, was sie zu einem unglaublich spannenden und interessanten Charakter werden lässt. Da bleibt Sean beinahe ein wenig blass, doch auch er wird gut dargestellt. Ein Höhepunkt ist außerdem der Psychiater Horatio Barnes, dessen Arbeitsmethoden etwas unkonventionell anmuten. Er selbst fällt auch ein bisschen aus dem Rahmen. Er fährt eine Harley, trägt lange Haare und zeigt einen netten Humor.
Voller Witz ist auch Baldaccis Schreibstil. Er legt ein zügiges Erzähltempo vor und lässt immer wieder amüsante Wortgeplänkel einfließen. Stellenweise erinnert „Im Takt des Todes“ mehr an einen coolen amerikanischen Actionthriller, und trotzdem kommt der Tiefgang nicht zu kurz.
Alles in allem ist „Im Takt des Todes“ ein flotter Thriller, dem am Ende ein bisschen die Glaubwürdigkeit abgeht. Dank der tiefgründigen Charaktere und des flotten Schreibstils ist das Buch allerdings trotzdem eine Empfehlung wert.
|Originaltitel: Simple Genius
Aus dem amerikanischen Englisch von Rainer Schumacher
ISBN-13: 978-3-404-15968-0
539 Seiten, Taschenbuch|
http://www.luebbe.de
http://www.davidbaldacci.com