
Christa Faust – Hardcore Angel weiterlesen
Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis
Lauenroth, Frank – Boston Run
Doping ist ein Thema, das spätestens seit den anhaltenden Skandalen bei der Tour de France in aller Munde ist. Nach und nach sind immer mehr Fahrer positiv auf verschiedenste Substanzen getestet worden, bis das Ansehen des Radsports mehr als nur angeschlagen war. Was aber, wenn jemand eine Substanz erfindet, die man am Ende eines Rennens gar nicht mehr nachweisen kann? Genau das hat einer der Protagonisten in Frank Lauenroths neuem Roman geschafft …
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Waites, Martyn – Gnadenthron, Der
_Das geschieht:_
Keine 15 Jahre ist Jamal alt, aber schon lange familien- und heimatlos. Als Strichjunge schlägt er sich in London durch. Sein Pech bleibt ihm treu: Aus einem Hotelzimmer lässt er einen Mini-Disc-Player mitgehen, der ausgerechnet dem „Hammer“ gehört, einem in der Unterwelt gefürchteten Killer mit saphirblauem Schneidezahn, der seine Opfer auf dem „Gnadenstuhl“ zu Tode zu foltern pflegt. Seine letzte ‚Sitzung‘ hat er auf eine Mini-Disc aufgezeichnet, die Jamal mit besagtem Player in die Hände fiel.
Der Dieb weiß, was seine Beute im 21. Jahrhundert wert ist: Er wendet sich nicht an die Polizei, sondern an die Medien und verlangt viel Geld für die Disc. Als Kontaktperson fordert Jamal den Starreporter Joe Donovan. Der ist allerdings ein ausgebrannter und selbstmordgefährdeter Säufer, seit sein Sohn vor zwei Jahren spurlos verschwand. Erst das Angebot, die Ressourcen der Zeitung für eine ausgedehnte Suchaktion einzusetzen, lässt ihn wieder einsteigen.
Jamal hat sich inzwischen nach Newcastle abgesetzt. Er weiß, dass ihm Hammer auf den Fersen ist. Untergetaucht ist er ausgerechnet bei „Father Jack“, einem sadistischen Mafioso, der von Jamals Coup Wind bekommen hat. Auch Donovan gerät in Schwierigkeiten. Der Journalist Gary Myers, der einen Korruptionsskandal recherchierte, wurde von Hammer gekidnappt. Unter der Folter hat Myers auch Donovans Namen genannt, und als dieser Verbindung mit Jamal aufnimmt, setzt er sich selbst auf Hammers Liste.
Gemeinsam nehmen Donovan und Jamal den ungleichen Kampf auf, in den sich zwei schlagkräftige Privatdetektive einmischen. Als Donovan in Erfahrung bringt, dass Hammer einen Auftraggeber hat und er dessen Namen zu enthüllen droht, ist sein Leben endgültig keinen Pfifferling mehr wert. Hammer ist ihm und Jamal ganz nah, und der Gnadenstuhl steht bereit …
_Krimi aus der britischen Mitte = mittelmäßiger Krimi?_
Newcastle-upon-Thyne ist eine Stadt im Norden Englands, gelegen etwa zwischen London und Edinburgh. Als Schauplatz kriminalliterarischer Aktivitäten ist sie bisher nicht bekannt geworden, eine Tatsache, der Martyn Waites offenbar ohne weitere Verzögerung abhelfen möchte. Intensiv bemüht er dafür jene modernen Ingredienzen, die – geschickt eingesetzt – Gesellschaftskritik suggerieren und als solche wohlwollend zur Kenntnis genommen werden.
Hier sind Reizthemen wie soziale Ausgrenzung, moralische Verrohung und globalisierte Menschenverachtung die Pfunde, mit denen Autor Waites wuchern möchte. Er mischt sicherheitshalber Folter, Pädophilie und „Spurlos-verschwunden“-Melancholie hinzu. Die daraus resultierende Übertreibung ist eine trittsichere Brücke zur Lächerlichkeit. Das Böse ist für Waites darüber hinaus nicht nur Wesenszug, sondern auch prägend für das Äußere. Diese Ansicht führt zu Figuren wie „Father Jack“ und dem „Hammer“: Was jeweils als Kreatur aus der Hölle namens „Menschheit“ geplant ist, wirkt eher wie eine Karikatur.
_Das Böse wirkt blöde_
Waites gibt sich erfolgreich große Mühe mit dem Ausdenken scheußlicher und detailreich geschilderter Brutalitäten. Weil er sie durch horrorfilmkompatible Klischee-Gestalten (Satanist mit blauem Zahn, Kinderschänder mit Mastschwein-Korpus) zum Einsatz bringt, verlieren sie an Intensität und verkommen zur Masche: Folter-Thriller à la „Hostel“ oder „Saw“ sind just erfolgreich, also rankt sich diese Geschichte um den „Gnadenstuhl“, der im ersten Drittel zum Einsatz kommt und später keine Rolle mehr spielt.
Die Weißkragen-Bösewichte scheinen zunächst nicht in dieses Bild zu passen. Bei näherer Betrachtung dominiert auch hier das Klischee: Wenn im Prolog „Mephisto“ als aalglatter Herr & Meister seinen Folterknecht „Hammer“ wüten lässt, begleitet er das mit jenem hochtrabenden Geschwätz, das Quentin Tarantino für seine Film-Gangster kultiviert hat. Die angebliche Ungerührtheit des smalltalkenden Schurken soll besondere Seelenkälte suggerieren. Dieser Kniff ist inzwischen jedoch so häufig zum Einsatz gekommen, dass er seine Wirkung verloren hat. Zumindest Waites kann ihm kein neues Leben einhauchen.
_Zu „böse“ passt „tragisch“?_
Alles Leid der Welt lädt der Verfasser auf Jamals schmale Schultern. Er muss personifizieren, was falsch läuft in der modernen Großstadtwelt. Das wirkt eine gewisse Weile verstörend, weil Waites üble Dinge in klare Worte zu fassen weiß. Allmählich verliert er jedoch entweder die Konzentration oder das Interesse an Jamals Schicksal. Tritt er im letzten Drittel noch auf, wirkt das eher pflichtschuldig: Als Hauptfigur kann ihn sein geistiger Vater schwerlich spurlos verschwinden lassen.
Ins Zentrum rückt nunmehr Joe Donovan. Nicht nur in der Kriminalliteratur ist der angeschlagene Journalist, der im tiefsten Elend sich und seine Berufsehre wiederfindet, eine oft und gern eingesetzte Figur. Einmal mehr geht Waites auf Nummer Narrensicher. Also: Donovan wurde der Sohn entführt, das hat er nie verwunden, seine Ehe zerbrach, er säuft und schleppt einen gewaltigen Colt mit sich herum, den er sich von Zeit zu Zeit dramatisch an die Stirn hält. Wenn diese Charakterskizze sarkastisch klingt, dann liegt es abermals an Waites Hang zur Übertreibung.
Der Schar unserer vom Leben gar sehr gezausten Gutmenschen gesellt sich ein ungleiches Privatdetektiv-Duo hinzu. Er ist schwul und versinkt im Drogennebel, sie schleppt die Erinnerung an eine selbstzerstörerische Liebe mit sich herum. Glücklicherweise erwachen sie stets dann aus ihrem Kummer, wenn es mit brachialer Gewalt Schurkenschädel zu knacken gilt …
Möchte man die Biografie des Verfassers mit diesen grellen Effekten in Einklang bringen, ließe sich als Begründung Waites‘ beruflicher Hintergrund anführen: Er arbeitete als Schauspieler für das Fernsehen, das auch in England auf dem Standpunkt steht, dass es ein Zuviel an knackigen Klischees gar nicht geben kann. Allerdings sollte man mit solchen Verallgemeinerungen Vorsicht walten lassen; möglicherweise hat Martyn Waites einfach verinnerlicht, dass es dem Verkaufserfolg nur nützen kann, wenn seine Werke so viel wie möglich von dem berücksichtigen, was den „Thriller der Woche“ auf den Abgreif-Paletten moderner Buchhandelsketten auszeichnet …
_Autor_
Martyn Waites wurde in der Stadt geboren, in der seine Krimis spielen: Newcastle-upon-Tyne. Hinter ihm liegen jene obligatorischen Lehr- und Wanderjahre, die sich gut in der Biografie eines später erfolgreichen Schriftstellers machen. Waites listet unter anderem Jobs als Straßenverkäufer, Barkeeper und Schauspiellehrer auf. Letzteres ließ ihn die Schauspielschule in Birmingham besuchen, die er nach drei Jahren abschloss. In den nächsten Jahren arbeitete Waites viel fürs Theater. Er trat in TV-Serien und Filmen auf, wobei er über Nebenrollen nie hinauskam.
In den frühen 1990er entstanden (nie veröffentlichte) Theaterstücke und erste Kurzgeschichten. Waites liebt die Werke von US-Autoren wie James Ellroy, James Lee Burke, Andrew Vachss, Eugene Izzi und anderen Vertretern des ‚harten‘, zeitgemäßen, realistischen Krimis, den er in Großbritannien unterrepräsentiert fand. Er verinnerlichte die genannten Vorbilder und siedelte seine eigenen Geschichten in Newcastle an, wo er inzwischen nicht mehr lebte, seine Verbindungen jedoch aufrechterhalten hatte.
1997 erschien „Mary’s Prayer“, der erste Roman einer Serie um den Reporter Stephen Larkin, der mit seinen privaten Problemen mindestens ebenso heftig zu kämpfen hat wie mit seiner Arbeit, die ihn immer wieder auf die Schattenseiten der modernen Wohlstandsgesellschaft führt. Diese Problematik prägte Waites auch dem Journalisten Joe Donovan auf, der 2006 in „The Mercy Chair“ debütierte und Larkin offenbar abgelöst hat.
Über Leben und Werk informiert Martyn Waites auf seiner Website: http://www.martynwaites.com.
_Impressum_
Originaltitel: The Mercy Seat (London : Pocket Books 2006)
Übersetzung: Ulrich Hoffmann
Deutsche Erstausgabe: Juli 2008 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 63611)
473 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-426-63611-4
http://www.knaur.de
Laymon, Richard – Show, Die
1963 in der Kleinstadt Grandville: Der sechzehnjährige Dwight verbringt einen heißen Sommer mit seinen besten Freunden, dem vorlauten Rusty und der burschikosen Frances, genannt Slim, für die beide Jungs heimlich schwärmen, seit sie ins Teenageralter gekommen sind. Einer ihrer beliebtesten Plätze ist die Janks-Lichtung im Wald, die nach einem berüchtigten Serienmörder benannt ist, der dort vor Jahrzehnten seine Opfer begraben hatte – und die allen Kindern und Jugendlichen verboten ist.
Ausgerechnet auf dieser Lichtung hält eine Vampirshow Einzug, die angeblich ein spektakulär-erotisches Programm bietet. Vor allem Dwight und Rusty sind begierig darauf, die angekündigte Vampirin Valeria zu sehen. Obwohl die Show eigentlich nicht für Minderjährige erlaubt ist, kommen die drei mit Hilfe von Dwights Schwägerin Lee an Karten für die erste Abendvorstellung.
Kurz zuvor aber macht Slim bei den Zirkusleuten eine grausige Beobachtung. Sie flüchtet, wird jedoch gesehen. Von da an fühlen sich die drei Freunde verfolgt, jemand bricht sogar in ihre Häuser ein und hinterlässt Spuren. Trotzdem geben sie ihrer Neugierde nach und besuchen die Show – eine fatale Entscheidung, die ihr Leben verändern wird …
Richard Laymon steht für harten Horror und ausgedehnte Splatterszenen. Umso angenehmer sind seine etwas ruhigeren Werke wie der vorliegende Roman, in denen der Fokus nicht auf blutrünstiger Gewalt liegt – und erfreulicherweise wurde genau dieser mit dem BRAM STOKER AWARD ausgezeichnet.
|Gelungene Atmosphäre|
Viele großartige Romane nutzen einen heißen Sommer und die Schwelle zwischen Kindheit und Jugend oder Jugend und Erwachsensein als Kulisse für ihre Handlung, darunter moderne Horrorklassiker wie Dan Simmons‘ „Sommer der Nacht“ und Stephen Kings „Es“. Laymon greift diese nostalgische Tradition auf, was einen besonderen Zauber über das Buch legt. Identifikationsfigur ist der Ich-Erzähler Dwight, der auf den Sommer zurückblickt, der sein Leben veränderte, mit all seinen schönen wie grausamen Erfahrungen. Russell, genannt Rusty, verkörpert einen vorlauten, leicht pummeligen Jungen, der gerne Scherze auf Kosten anderer macht und unangenehme Seiten aufblitzen lässt, ohne es sich dabei je ernsthaft mit seinen Freunden zu verderben.
Slim, die sich traditionell jedes Jahr einen neuen Spitznamen verpasst, ist ein knabenhaftes Mädchen, das sich von der lässigen Bogenschützin, mit der die Jungs seit der Kindheit ihre Abenteuer erleben, allmählich zu einer jungen, begehrenswerten Frau entwickelt. Während Rusty jede Gelegenheit für obszöne Bemerkungen nutzt, verspürt Dwight ein sehnsüchtiges Verlangen und gleichzeitig die Verwirrung über die erwachsende Sexualität. Dwight macht es dem Leser leicht, sich in ihn hineinzuversetzen. Er wirkt als Dämpfer für Rustys ungehobelte Sprüche, ohne selbst immer als strahlender Held dazustehen, seine Unsicherheit gegenüber Slim und seine leisen Hoffnungen, dass sie seine aufkeimenden Gefühle erwidert, werden glaubwürdig dargestellt. Ein ebenfalls gelungenes Element ist Rustys dreizehnjährige Schwester Bitsy, ein molliges, unbeholfenes Mädchen, das offensichtlich in Dwight verliebt ist. Dwight fühlt einerseits einen Beschützerinstinkt gegenüber der ihm ergebenen Bitsy, die oft von ihrem Bruder gehänselt wird, andererseits nerven ihn ihre Bedrängungen.
Natürlich verzichtet Richard Laymon auch hier nicht auf sexuell aufgeladene Szenen, die sich jedoch im Vergleich mit anderen Werken in Grenzen halten. Mehrfach fühlt sich Dwight wie hypnotisiert von Slims Körper im zarten Bikinioberteil. Ihre mädchenhafte Ausstrahlung steht im Gegensatz zum verführerischen Körper von Lee, Dwights junger Schwägerin, die trotz ihrer knapp dreißig Jahre wie eine unkonventionelle Neunzehnjährige wirkt und nicht weniger begehrliche Blicke von den Jungs erntet, allerdings ohne dass diese Momente zu sehr ausgereizt oder aufgesetzt wirken würden.
|Viel Spannung|
Für seine Verhältnisse lässt sich Richard Laymon viel Zeit, ehe sich richtiger Horror entwickelt, dennoch wird von Beginn an Spannung aufgebaut, die sich im weiteren Verlauf sukzessive steigert. Das ist kein leichtes Unterfangen, schließlich handeln die über fünfhundert Seiten einen einzigen Tag ab, die Handlung erzählt beinahe in Echtzeit. Die undurchsichtige Vampirshow schwebt zwar von Anfang an als unheilvoller Höhepunkt im Hintergrund, doch zuvor gibt es genug andere brisante Entwicklungen, beginnend mit dem Ausflug der drei auf die verbotene Lichtung. Nach einem gefährlichen Zwischenfall ist Slim verschwunden und irgendjemand hinterlässt bedrohliche Spuren in den Häusern der Freunde. Auch um Lee müssen die Freunde bangen, zumal sie durch Unterzeichnung eines Schecks dem mysteriösen Besitzer der Vampirshow ihre Adresse gegeben hat. Die Show selbst hält nach ruhigem Beginn ein grauenhaftes Finale bereit, bei dem sich das Gemetzel für Laymons Verhältnisse aber in Grenzen hält, wenn auch eine Magen-provozierende Szene nicht fehlt.
Bemerkenswert ist allerdings, dass ausgerechnet zwei kurze, rückblickende Sequenzen, die in keinem direkten Zusammenhang mit der Handlung stehen, den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen: Zum einen ist es ein Zwischenfall an einem vergangenen Halloween, als die Freunde nachts auf einer einsamen Straße eine verstörende Begegnung machen, die, trotz oder gerade weil sie ohne Gewalt auskommt, auch den Leser gruselt. Zum anderen ist es das Auftauchen eines Cadillacs mit zwei bedrohlichen Zwillingsmännern als Insassen, die es auf Slim abgesehen haben und die, undurchschaubar wie beim ersten Mal, noch ein weiteres Mal eine Rolle spielen. Schade, dass Laymon solche Momente nicht öfter in seine Werke hat einfließen lassen, denn hier zeigt sich ein ungeahntes Talent, auf subtile Weise einen Schauder beim Leser zu erzielen.
|Nur kleine Schwächen|
Im Vergleich zur sehr ausführlichen vorherigen Handlung ist das Finale recht kurz gehalten. Die Ereignisse überstürzen sich und auch der Epilog ist sehr knapp bemessen. Vor allem stört, dass das Verschwinden einer bestimmten Person nicht weiter erläutert wird. Auch wenn es eigentlich nur eine Erklärung dafür gibt, wirkt es zu lapidar und einfallslos; wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt hätte man schon noch einbauen können. Die Handlungen der Hauptcharaktere im turbulenten Finale sind zudem, wie es für Laymon auch wiederum typisch ist, relativ abgebrüht. Einzig der lebens- und leidenserfahrenen Slim nimmt man ihre Reaktionen vollständig ab, bei den anderen bleibt ein Hauch Unrealismus und Übertriebenheit zurück.
_Als Fazit_ bleibt ein für Richard Laymons Verhältnisse wenig gewaltvoller Horrorroman mit schöner Atmosphäre und weithin gelungenen Charakteren. Abgesehen vom etwas abrupten Schluss überzeugt die Geschichte und kann trotz des Umfangs in beinahe Echtzeit mit einer großen Portion Spannung aufwarten.
_Der Autor_ Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Im Jahr 2001 verstarb er überraschend früh und hinterließ eine Reihe von Romanen, die vor allem wegen ihrer schnörkellosen Brutalität von sich Reden machten. Nur ein kleiner Teil davon ist bislang auf Deutsch erhältlich. Zu seinen weiteren Werken zählen u. a. „Rache“, „Parasit“, „Im Zeichen des Bösen“ und „Vampirjäger“. Mehr über ihn gibt es auf seiner offiziellen [Homepage]http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm nachzulesen.
|Originaltitel: The Travelling Vampire Show
Originalverlag: International Scripts / Schlück
Übersetzt von Thomas A. Merk
Ausgezeichnet mit dem Bram Stoker Award
Taschenbuch, 528 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-67512-4|
http://www.heyne-hardcore.de
http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm
_Richard Laymon auf |Buchwurm.info|:_
[„Das Spiel“ 3491
[„Die Insel“ 2720
[„Rache“ 2507
[„Vampirjäger“ 1138
[„Nacht“ 4127
[„Das Treffen“ 4499
[„Der Keller“ 5289
Koontz, Dean – Todeszeit
_Mitch Rafferty_ führt ein zufriedenes Leben: Er ist mit seiner großen Liebe Holly glücklich verheiratet und liebt seinen Job als Gärtner. Alles ändert sich, als ihn ein Anruf auf der Arbeit erreicht. Ein Unbekannter erklärt, dass Holly entführt wurde. Mitch soll binnen sechzig Stunden zwei Millionen Dollar auftreiben und darf nicht die Polizei verständigen – ansonsten wird Holly sterben. Zum Beweis dafür, dass die Entführer es ernst meinen, erschießen sie gleich darauf einen Spaziergänger vor seinen Augen.
Mitch ist verzweifelt, schließlich besitzt er nur ein paar tausend Dollar Ersparnisse, was die Entführer sogar wissen. Um Holly nicht zu gefährden, verschweigt er das Verbrechen gegenüber der Polizei. Leider scheint einer der Ermittler zu ahnen, dass Mitch mehr über den Mord weiß, dessen Zeuge er wurde. Zudem haben die Verbrecher alle Vorkehrungen getroffen, um ihn im Fall von Hollys Tod als ihren Mörder darzustellen.
Während Mitch fieberhaft überlegt, wie er die Vorgabe erfüllen kann, erhält er neue Anweisungen. Offenbar besitzen die Entführer eine genaue Vorstellung davon, wie er an das Geld kommen soll. Bald stellt Mitch fest, dass er nicht nur permanent überwacht wird, sondern auch Teil eines perfiden Plans ist. Und er beschließt zurückzuschlagen …
_Thriller und Horror_ sind die Domänen von Erfolgsautor Dean Koontz. In diesem Roman fehlen die Geister und Dämonen – was ihn jedoch nicht weniger beängstigend macht.
|Spannung und rasanter Einstieg|
Unbekannte Verbrecher entführen einem den liebsten Menschen und fordern ein utopisches Lösegeld – binnen zweieinhalb Tagen. Keine Frage, dass diese Ausgangssituation den Leser packt und er wissen will, wie Mitch Rafferty diese schier unmögliche Aufgabe bewältigt. Im Gegensatz zu Mitch scheinen die Gangster genau zu wissen, wie er an die Summe gelangen kann, ebenso wie sie offenbar sein Leben, sein Umfeld, seinen Kontostand und sein Haus in- und auswendig kennen. Nicht nur Mitch, auch der Leser fragt sich, weshalb die Forderung ausgerechnet ihn trifft, und umso überraschter ist man, als sich der Grund dafür herausstellt. Koontz spart nicht mit Wendungen, die sich gerne auch mal um hundertachtzig Grad drehen und allen bisherigen Anschein zunichte machen.
Besonders quälend ist die Unsicherheit darüber, wer in Mitchs Umfeld in die Machenschaften eingeweiht ist, sodass er nicht einmal dem ermittelnden Polizeibeamten zu trauen wagt. Erfreulicherweise sind Mitchs Aktionen, mit denen er sich gegen die Gangster wehrt, kaum von Zufall geprägt; schön realistisch ist beispielsweise sein ungeschickter Umgang mit Schusswaffen. Die Handlung selbst ist geradlinig und temporeich angelegt, ohne große Abschweifungen oder Ruhepausen – eine Einladung zum zügigen Lesen und eine Aufforderung, sich in die Lage des Protagonisten zu versetzen und sich zu fragen, zu welchen Handlungen man selbst an seiner Stelle bereit wäre.
|Überwiegend gelungene Charaktere|
Das Interesse an einem Roman steht und fällt meist mit dem am Protagonisten, und so tut Dean Koontz gut daran, ihn als sympathischen Durchschnittstypen darzustellen, der eine ideale Identifikationsfigur bietet. Leider braucht es eine Weile, bis man nähere Einzelheiten über Mitch Rafferty erfährt, die ihm das nötige Profil verleihen. Diese Differenzierung setzt erst etwa ab Seite 100 ein, als er seinen Eltern einen Besuch abstattet. Ab diesem Zeitpunkt ist Mitch nicht mehr einfach nur der Gärtner mit der geliebten Ehefrau, sondern man wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert, einem äußerst komplizierten Familienverhältnis mit experimentierfreudigen Eltern. Daniel und Kathy Rafferty haben keine Mühen gescheut, um ihre fünf Kinder zu außergewöhnlichen Intellekten zu erziehen, was so seltsame bis grausame Methoden wie regelmäßige IQ-Tests und eine schalldichte Dunkelkammer beinhaltete und als Ergebnis bei Mitch in keine Akademikerlaufbahn, sondern nur in ein distanziertes Eltern-Kind-Verhältnis mündete.
Holly ist der krasse Gegensatz dazu; eine nicht sehr facettenreiche, aber liebevolle Ehefrau, die angesichts ihrer Lage nie ihre Würde und ihre Hoffnung verliert. Interessant ist auch eine der Entführer-Figuren, die den Dialog mit Holly sucht und dabei einen sehr unorthodoxen Eindruck hinterlässt, der schwer einzuordnen ist.
|Kleine Schwächen|
Zumindest eine der Wendungen wird in der zuvor stattfindenden Handlung eindeutig zu wenig vorbereitet. Ihre Darstellung hinterlässt einen unbefriedigenden bis unrealistischen Eindruck und ist zu sehr auf Effekt ausgelegt. Ein paar geschickt versteckte Andeutungen wären hier von Vorteil gewesen. Zudem kann Koontz es offenbar nicht lassen, doch zumindest eine kurze übernatürliche Szene einzubauen, die aber einen leicht kitschigen Eindruck hinterlässt in ihrem Versuch, die übergroße Verbundenheit von Mitch und Holly zu demonstrieren.
Letztes Manko ist das sehr knapp geratene Ende. Ein Epilog von wenigen Seiten präsentiert eine Zusammenfassung der letzten Jahre, und es ärgert den Leser, wie beiläufig verschiedene Entwicklungen dort abgehandelt werden, zumal fraglich ist, wie sich einige Ereignisse offenbar in Wohlgefallen aufgelöst haben – realistischer wäre es nämlich gewesen, wenn es hier noch einige Probleme und Schwierigkeiten zu bewältigen gegeben hätte.
_Als Fazit_ bleibt ein solider und vor allem temporeicher Thriller, der mit einer interessanten und zugleich erschreckenden Grundidee spielt. Der Hauptcharakter ist sympathisch und lädt zum Mitfiebern ein. Ein paar Schwächen verhindern die Erstklassigkeit des Romans, für alle Freunde des Genres ist er dennoch empfehlenswert.
_Der Autor_ Dean Koontz, geboren 1945 in Pennsylvania, gehört mit bislang über 400 Millionen verkauften Buchexemplaren zu den erfolgreichsten Horrorschriftstellern Amerikas. Vor seiner Karriere arbeitete er als Lehrer und veröffentlichte zwischendurch immer wieder Kurzgeschichten und Romane, zunächst mit geringem Erfolg. Der Durchbruch gelang ihm mit „Flüstern in der Nacht“, es folgten zahlreiche Bestseller, darunter Werke wie „Unheil über der Stadt“, „Ort des Grauens“, „Intensity“, „Trauma“, „Der Wächter“, „Todesregen“ und die |Frankenstein|-Trilogie.
|Originaltitel: The Husband
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
444 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-26552-3|
http://www.heyne.de/
http://www.dean-koontz.de/
_Dean Koontz auf |Buchwurm.info|:_
[„Todesregen“ 3840
[„Die Anbetung“ 3066
[„Seelenlos“ 4825
[„Irrsinn“ 4317
[„Frankenstein: Das Gesicht“ 3303
[„Kalt“ 1443
[„Der Wächter“ 1145
[„Der Geblendete“ 1629
[„Nacht der Zaubertiere“ 4145
[„Stimmen der Angst“ 1639
[„Phantom – »Unheil über der Stadt«“ 455
[„Nackte Angst / Phantom“ 728
[„Schattenfeuer“ 67
[„Eiszeit“ 1674
[„Geisterbahn“ 2125
[„Die zweite Haut“ 2648
Lee Child – Sniper (Jack Reacher 9)

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Nicole Drawer – Das Messer in der Hand

Eines Nachts wird in Hamburg eine blutüberströmte Frau mit einem Messer in der Hand aufgegriffen. Nicht weit von ihr entfernt findet man die Leiche eines Privatdetektivs, doch Manuela Kranz ist verwirrt, leidet an einer retrograden Amnesie. Sie kann sich an nichts erinnern, doch trotzdem ist die Sachlage für die Polizei so gut wie klar. Alle Indizien sprechen dafür, dass Manuela, die Frau eines reichen Bauunternehmers, die Täterin ist. Doch Johanna glaubt an solch eine einfache Lösung nicht. Sie betreut die Frau und versucht ihr zu helfen, sich an besagte Nacht zu erinnern.
Hurwitz, Gregg – Blackout
Als Krimiautor Drew Danner im Krankenhaus erwacht, erwarten ihn zwei Nachrichten. Die gute: Er hat einen epileptischen Anfall überlebt und ihm wurde der verursachende Gehirntumor erfolgreich entfernt. Die schlechte: Er wurde in der Wohnung seiner Exfreundin gefunden, die erstochen neben ihm lag. Drew selbst kann sich an nichts erinnern und wird zunächst schuldig gesprochen. In der Berufung erreicht er bald darauf einen Freispruch – wegen Unzurechnungsfähigkeit; sein Tumor wird als Auslöser für die Tat verantwortlich gemacht.
In der Öffentlichkeit wird Drew nach wie vor von vielen als Mörder angesehen, ebenso von der Polizei. Er stellt eigene Nachforschungen an in der Hoffnung, dass vielleicht doch ein anderer die Tat begangen und inszeniert hat. Kurz darauf geschieht ein zweiter Mord an einer Frau mit vielen Übereinstimmungen. Sofort wird Drew verdächtigt – doch er kann ein Alibi vorweisen.
Gleichzeitig geschehen rätselhafte Dinge in seinem Umfeld: Gegenstände verschwinden aus seinem Haus, Türen stehen plötzlich offen und jemand verpasst ihm im Schlaf eine Schnittwunde am Fuß. Immer stärker wird für Drew der Verdacht, dass der wahre Mörder ihm die Tat anhängen will …
Nach seinen Erfolgen mit „Die Scharfrichter“ und dem Nachfolger „Die Sekte“ legt Gregg Hurwitz hier den dritten Streich auf Deutsch vor, erneut ein Thriller, diesmal aber ohne Verbindung zu den früheren Werken.
|Spannung bis zum Schluss|
Gleich in doppelter Funktion wird Drew Banner zum Ermittler: Zum einen gilt es, den Mörder von Kasey Broach zu finden, der alles so arrangiert hat, dass Drew auf den ersten Blick wie der Täter aussehen muss, inklusive seinem Blut am Tatort. Zum anderen drängt es Drew danach, zu erfahren, ob er wirklich in geistiger Umnachtung seine Exfreundin erstochen hat oder ob, so seine leise Hoffnung, schon zu diesem Zeitpunkt jemand die Szenerie manipulierte, um vielleicht eine Reihe von Serienmorden auf ihn abzuwälzen. Dabei stehen Drew glücklicherweise mehr Möglichkeiten zur Recherche zur Verfügung als dem Durchschnittsbürger – als Krimiautor steht er in Verbindung mit Experten, die ihm Untersuchungsergebnisse und Informationen liefern können. Andererseits kämpft er seit seinem Freispruch mit den Blicken und bösen Sprüchen der Öffentlichkeit; nur wenige Bürger ziehen seine Unschuld in Betracht – die Ermittler Kaden und Delveckio machen keinen Hehl daraus, dass sie den Freispruch bedauern, seine Freundin verlässt ihn, Familie besitzt Drew nicht mehr. Was ihm bleibt, ist ein buntgewürfelter Haufen alter Freunde, auf den er sich verlassen muss.
Originell ist vor allem die Grundidee, dass Drew selbst nicht weiß, ob er möglicherweise ein Mörder ist oder nicht, und wie er, wenn es so sein sollte, mit dieser Tat umgehen soll. Der Anklage nach hat ihn eine gehässige Anrufbeantworter-Nachricht seiner Exfreundin so in Rage versetzt, dass er sie erstach; tatsächlich aber kann sich Drew trotz der Trennung nicht vorstellen, Hass auf Genevieve entwickelt zu haben. Stattdessen leidet er unter ihrem Tod und will auch ihretwegen die Wahrheit herausfinden. Bei der Auflösung bleiben keine offenen Fragen für den Leser zurück, das Motiv ist einleuchtend, wenn auch sehr ungewöhnlich für einen Thriller.
|Interessante Nebencharaktere|
Am besten gelungen ist die Darstellung von Caroline, einer klinischen Therapeutin in einer Jugendanstalt. Miss Caroline entpuppt sich als entstellte Schönheit, deren Gesicht von Narben durchzogen ist. Noch bevor Drew den Hintergrund dafür erfährt, ist er fasziniert von der immer noch attraktiven Frau, die sichtlich auf Professionalität bedacht ist und mit der sich allmählich eine Beziehung anbahnt.
Etwas zu klischeehaft geraten ist dagegen Junior, der vierzehnjährige Sprayer aus der Anstalt, der zufällig als Tatortzeuge ein verdächtiges Auto gesehen hat. Junior benimmt sich übertrieben abgeklärt und feuert Drew zu heiklen Nachforschungen an, scheinbar unbeeindruckt von jeglicher Gefahr; eher die Karikatur eines Ghettokids, auch wenn er für witzige Einlagen sorgt. Vielschichtiger sind dagegen Preston und Lloyd, zwei hilfreiche Freunde. Preston ist Drews Verleger, ausgestattet mit übertriebenem Selbstbewusstsein und immer für spitzfindige Bemerkungen gut, dem Drew zufällig im Laufe der Handlung hinter die Kulissen schaut und dabei überraschende Erkenntnisse gewinnt. Lloyd ist Mitarbeiter der Spurensicherung – einst stets als Berater für Drews Romane gut und jetzt Experte der Anklage – hin- und hergerissen zwischen heimlichen Hilfeleistungen für Drew in Sachen Haar- und Fingerabdruck-Analyse, Befürchtung vor Entdeckung durch Kollegen und am schwerwiegendsten der Pflege seiner krebskranken Frau Janice, die mit dem Tod kämpft.
|Kleine Schwächen|
Ein Manko des Romans ist der teilweise wirklich unpassende Humor, den Ich-Erzähler Drew in die Handlung einbringt. Drews selbstironischer Unterton wirkt sympathisch, vor allem, wenn man den Eindruck gewinnt, dass er seine Situation mit Galgenhumor betrachtet. Dagegen ist es kontraproduktiv, wenn er in jeder noch so ungünstigen Lage erst mal eine schlagfertige Antwort gibt. Vor allem gegenüber den ihm schlecht gesonnenen Polizisten Kaden und Delveckio gibt er sich betont locker und macht spaßige Bemerkungen, auch wenn er in Gewahrsam genommen und wie ein Mörder behandelt wird – eine übertriebene Lockerheit, die nicht mehr realistisch ist.
Der andere Punkt ist der teilweise verwirrende Anfang, der mit Rückblenden beginnt. Die Haupthandlung setzt nach seinem Freispruch ein. Der Leser ist zu dem Zeitpunkt noch gar nicht über die vergangenen Ereignisse im Bilde, erfährt erst nach und nach, weshalb Drew überhaupt im Gefängnis saß, sondern konzentriert sich zunächst auf seinen ersten Tag in Freiheit; erst auf Seite 35 setzt dann der Rückblick auf den Mord und seine Verhaftung ein. Dritter Punkt ist eine konstruierte Szene, was Genevieves Tod angeht; so gut sich dieses Element in die nachfolgenden Ereignisse einfügt, so unwahrscheinlich ist es, dass jemand auf diese Weise vorgehen würde.
_Als Fazit_ bleibt ein unterhaltsamer Thriller mit ungewöhnlicher Ausgangslage, der weitgehend spannend ist und mit teilweise interessanten Nebencharakteren aufwarten kann. Ein paar kleine Schwächen wie unpassender Humor schmälern allerdings den guten Gesamteindruck.
_Der Autor_ Gregg Hurwitz wuchs bei San Francisco auf und studierte zunächst Englische Literatur und Psychologie in Harvard und Oxford, ehe er sich dem Schreiben widmete. Dazu verfasste er Drehbücher, veröffentlichte literarische Artikel über sein Spezialgebiet Shakespeare und hielt Lehrgänge über das Schreiben. Auf Deutsch erschienen bisher „Die Scharfrichter“ und „Die Sekte“.
|Originaltitel: The Crime Writer
Aus dem Amerikanischen von Wibke Kuhn
ISBN-13: 978-3-426-19771-4|
http://www.droemer-knaur.de
_Mehr von Gregg Hurwitz auf |Buchwurm.info|:_
[„Die Scharfrichter“ 3295
[„Die Sekte“ 4403.
Donald E. Westlake – Mafiatod

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Thórarinsson, Árni (Thorarinsson, Arni) – Todesgott
Ein kleiner Tapetenwechsel kann doch eigentlich niemandem schaden. Das sieht Einar, der Held aus Árni Thórarinssons Krimi „Todesgott“, allerdings ein wenig anders. Er wird von seinem eingebildeten Chefredakteur ins ländliche Akureyri versetzt, um die dortige Lokalredaktion voranzubringen, und ist nicht gerade glücklich darüber. Die Provinz nervt ihn, die Artikel über Schulaufführungen und Straßenbefragungen ebenfalls. Nur gut, dass die Kleinstadt weit weniger langweilig ist, als Einar erwartet hat …
Alles beginnt damit, dass Einar über den Unfalltod der Frau eines Süßwarenunternehmers zu berichten hat. Die Tote ist bei einem Betriebsausflug aus einem Boot gefallen und ertrunken. Sie war vollgepumpt mit Medikamenten und man sagt ihr nach, sie wäre depressiv und tablettenabhängig gewesen. Niemand glaubt an einen unnatürlich Tod bis auf die Mutter der Verunglückten. Sie lebt im Altersheim und wird von allerlei Zipperlein geplagt. Einar kann ihr den Gefallen nicht abschlagen und beginnt, sich um die Geschichte zu kümmern.
Etwa zur gleichen Zeit verschwindet der Gymnasiast Skarphéinn. Er sollte die Hauptrolle im Theaterstück der Schule spielen und wird wenig später ermordet auf einer Müllkippe gefunden. Einar nutzt seine Kontakte zur örtlichen Polizei und versucht, dem Täter selbst auf die Spur zu kommen. Dies gestaltet sich nicht unbedingt einfach, denn Skarphéinn war unglaublich beliebt, scheint keine Feinde zu haben. Doch Einar, dem in der Provinz sowieso langweilig ist, lässt sich nicht kleinkriegen. Er wirbelt ordentlich Dreck auf, was ihn mehr als einmal beinahe den Kragen kostet …
„Todesgott“ lebt vor allem durch die Hauptperson Einar. Dieser berichtet aus der ersten Person und reichert seine Sichtweise mit einem guten Schuss Humor an. (Selbst-)Ironisch und um keine Sprachspielerei verlegen führt er den Leser durch die Geschichte und bügelt dabei einige Schwächen in der Handlung aus. Einars Bemerkungen über Land und Leute erheitern immer wieder, genau wie die häufige Verwendung von Metaphern. Der Autor tut sich und dem Leser den Gefallen, die Sprachbilder nicht zu bemüht zu gestalten, sondern sehr elegant und sie ganz unbeschwert einzuflechten. Einars Büro wird dementsprechend immer nur als „der Schrank“ betitelt. Den Papagei, den Einar zusammen mit seiner Wohnung gemietet hat, bezeichnet der Journalist immer wieder als seine Frau, was zu der einen oder anderen lustigen Situation führt.
Die Geschichte selbst orientiert sich weniger an der Bezeichnung Krimi. Vielmehr folgt sie Einars Alltag, in den zufällig ein, zwei Leichen integriert sind. Das ist auf der einen Seite originell, auf der anderen aber nicht immer spannend. Wer es gerne von vorne bis hinten schlüssig und stringent mag, der wird an „Todesgott“ nur wenig Freude haben. Dafür ist das Buch zu zerfasert und konzentriert sich zu stark auf Einar. Einige Nebenhandlungen sind überflüssig, und wenn man den eigentlichen Kriminalfall einmal genauer betrachtet, ist dieser auch nicht besonders gelungen. Allerdings kommen all diese Negativpunkte nicht gegen den guten alten Einar an. Sein Humor, sein lustiger Erzählstil und sein sympathischer Charakter sorgen dafür, dass man „Todesgott“ trotzdem gerne liest, auch wenn die Handlung an der einen oder anderen Stelle vielleicht hinkt.
Man darf das jetzt aber nicht falsch verstehen. Der Roman von Árni Thórarinsson ist kein schlechtes Buch. Einar ist ein Protagonist, wie man ihn selten findet, und Thórarinssons Schreibstil ist nicht zu verachten. Die Handlung ist zwar nicht immer gelungen, aber Handlung alleine macht noch kein gutes Buch. „Todesgott“ punktet in anderen Bereichen, und dort nicht zu knapp. Wer es gerne witzig und originell mag, der ist mit diesem Buch mehr als gut beraten.
|Originalitel: Tími nornarinnar
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
413 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-426-19743-1|
http://www.droemer.de
Villatoro, Marcos M. – Mania
FBI-Agentin Romilia Chacón erlebt in „Manía“ nicht den ersten persönlichen Schicksalsschlag. In [„Minos“, 2626 dem zweiten Band der Reihe um die temperamentvolle Agentin, brachte sie den Mörder ihrer Schwester zur Strecke, nun hat sie es mit dem Killer ihres ehemaligen Liebhabers Chip Pierce zu tun – und mit Tekún Uman, einem Drogenbaron, der in ihr die Liebe seines Lebens sieht.
Romilia ist schockiert, als sie nur wenige Stunden, nachdem sie bei Chip war und seinen Heiratsantrag abgelehnt hat, einen Anruf ihrer Chefin erhält. Ihr Liebhaber und Mentor wurde in seinem Haus ermordet und sie war vermutlich die Letzte, die ihn gesehen hat. Alle Indizien weisen darauf hin, dass Tekún Uman, der Drogenboss, Pierce ermordet hat. Uman hat eine Vorliebe für Giftpfeile und Pierce wurde mit einem getötet.
Außerdem hätte Uman auch ein Motiv. Es ist ein offenes Geheimnis in FBI-Kreisen, dass der Dealer schwer in Romilia verliebt ist und jeder glaubt an ein Eifersuchtsdrama. Jeder – bis auf Romilia. Diese ist sich ihren Gefühlen gegenüber Uman zwar nicht sicher, doch sie weiß, dass er nicht so gehandelt hätte. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass er ihr jetzt sympathischer ist. Als er sie entführen lässt, weil er sie in Gefahr wägt, wird Romilia sogar richtig sauer. Trotzdem hilft sie ihm, Chips Mörder zu suchen und damit den Mann, der Uman ins Verderben stürzen will. Doch wer ist der Täter? Und welche Verbindungen hat er zu einer Sekte fundamentalistische Christen, die bereits einen Bombenanschlag in LA zu verantworten hat?
Fundamentalistische Christen und südamerikanische Drogenbarone – diese Mischung klingt auf den ersten Blick kurios. Auch wenn die beiden Ereignisse anfangs etwas orientierungslos nebeneinander stehen, verbinden sie sich gegen Ende zu einem zumindest befriedigenden Kriminalfall. Wohltuend ist, dass Villatoro nicht noch einmal das Motiv des Serienmörders aufgreift, aber die Handlung ist letztendlich nur mäßig spannend. Einige Dinge werden zu schnell abgehandelt, die Lösung des Falls hätte durchaus länger und verdichteter sein können. Trotz einiger seichter Stellen kommt aufgrund des flotten Tempos keine Langeweile auf, allerdings ist negativ anzumerken, dass „Manía“ ohne Vorwissen der beiden Vorgängerbände nur schwer zu verstehen ist. Einige der Handlungsstränge, die in [„Furia“ 3870 und „Minos“ ihren Anfang nahmen, werden konsequent und sauber weitergeführt. Davon hat der Fan zwar viel – und Villatoro etabliert eine tolle Krimireihe -, es erschwert aber den Quereinstieg.
Nach wie vor fantastisch ist Villatoros Serienheldin Romilia Chacón, die mit ihrer Mutter und ihrem achtjährigen Sohn mittlerweile in L.A. lebt und FBI-Agentin geworden ist. Die temperamentvolle junge Frau ist ruhiger geworden, nachdem sie Minos, den Mörder ihrer Schwester, zur Strecke gebracht hatte, was ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens war. Trotzdem gehen manchmal die Pferde mit ihr durch und Villatoro weiß dies so zu beschreiben, dass man es ihm abkauft und Romilia ins Herz schließt.
Romilia ist gleichzeitig eine sehr nachdenkliche und wagemutige, anpackende Person, was der Handlung neben ruhigen auch einige actionreiche Momente verschafft. Ihre Herkunft aus El Salvador wird sehr häufig thematisiert und beschäftigt sie alltäglich. Dadurch wird ihr Charakter sehr farbig und lebendig, für die meisten deutschen Leser vermutlich auch exotisch. Romilia hebt sich angenehm ab von aalglatten, erfolgreichen und beinahe perfekten Heldinnen vieler amerikanischer Krimis und Thriller. Sie ist bodenständig, gehört einer ethnischen Minderheit an und überrascht dadurch, dass sie die Grautöne, die bei einer Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere gerne außer Acht gelassen werden, besonders gut zum Klingen bringt.
Mit Marcos M. Villatoros Schreibstil verhält es sich ähnlich wie mit seiner Protagonistin. Abgesehen von kurzen Einschüben, die Tekún Umans Sicht der Dinge widerspiegeln, erzählt er aus Romilias Perspektive in der ersten Person. Er wählt dazu nüchterne Worte, die eine unaufgeregte, manchmal düstere, aber nie hoffnungslose Stimmung erzeugen. Er schreibt unglaublich dicht und nah an der Hauptperson. Für den Leser ist es so, als ob er direkt in Romilias Kopf säße und sie bei ihren Abenteuern hautnah begleite. Er kann sich mit der jungen Frau identifizieren, was mit dazu beiträgt, dass die Reihe so gelungen ist.
„Manía“ hat vielleicht keine perfekte Handlung zu bieten, aber Hauptfigur und Schreibstil sorgen dafür, dass der Leser sich auch in den dritten Band der Reihe um Romilia Chacón verliebt.[„Minos“ 2626 ist nach wie vor der ungeschlagene Toptitel von Marcos M. Villatoro, doch „Manía“ ist ein würdiger Nachfolger.
|Originaltitel: A Venom Beneath the Skin
Aus dem Amerikanischen von Sigrun Zühlke
Taschenbuch, 318 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-63967-2|
http://www.knaur.de
_Marcos M. Villatoro bei |Buchwurm.info|:_
[„Furia“ 3870
[„Minos“ 2626
Harry Carmichael – Geflohen aus Dartmoor

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Cortez, Donn – Closer
_Das geschieht:_
Vor drei Jahren hat ein Serienkiller die gesamte Familie des Kunstmalers Jack Salter auf grausamste Weise ausgelöscht. Der ist daraufhin zum unerbittlichen Rächer mutiert. Er sucht den Unhold, doch in dem Wissen, dass noch viele andere Mörder ihr Unwesen treiben, hat Jack seinen Rachefeldzug auf alle in den USA und Kanada aktiven Psychopathen ausgeweitet. Er jagt sie systematisch, lockt sie in die Falle und sperrt sie in seinen privaten Folterkeller. Dort müssen sie ihm ihre Untaten gestehen. Mit der Leiche des schließlich getöteten Mörders werden die dabei entstehenden Tonaufnahmen der Polizei zugespielt.
Die Medien, die Gesetzeshüter und die Angehörigen der Mordopfer haben Jack längst ins Herz geschlossen, da er die Monster auslöscht, die man auf legale Weise oft kaum dingfest machen kann. Mann nennt ihn den „Closer“, denn Jack sorgt dafür, dass die Akten der Mörder geschlossen werden können.
Jack ‚arbeitet‘ auch deshalb so effektiv, weil er sich auf die Unterstützung der Prostituierten Nikki verlassen kann, der er einst das Leben rettete. Gemeinsam haben sie bereits diverse Serienkiller gestellt und ausgeschaltet. Jetzt steht Jack vor seiner größten Herausforderung: Er konnte die geheime „Jagdrevier“-Website infiltrieren, die Webmaster „Dschinn-X“ als Netzwerk für Serienmörder eingerichtet hat. Hier können sie als „Rudel“ miteinander kommunizieren, mit ihren Gräueltaten prahlen und ‚Jagdtipps‘ austauschen.
Wenn Jack die Nicknames der Teilnehmer entschlüsselt, kann er auf einen Schlag ein halbes Dutzend äußerst erfolgreicher Killer eliminieren. Darunter ist auch der „Patron“, in dem Jack den Mörder seiner Familie erkennt. Er gibt sich als „Dschinn-X“ aus und versucht seine Gegner zu täuschen und auszuspionieren. Doch die sind misstrauisch und sehr gewieft, wenn es um ihre Sicherheit geht. Nikki macht sich zudem Gedanken über Jacks psychische Verfassung. Die grausamen Folterverhöre haben ihre Spuren hinterlassen. Ist Jack noch der objektive Rächer, oder hat er das Lager gewechselt und ist selbst zum Lustmörder geworden …?
_Wenn schon, denn schon …_
Verkaufsbewährte Namen und grell angepriesene Unbekannte dominieren den deutschen Krimi-Buchmarkt. Gemeinsamer Nenner ist viel zu oft die mittelmäßige Qualität dieser Elaborate. Man muss wirklich entschlossen sein und über die Fähigkeit verfügen, Enttäuschungen gleich im Salventakt an der Leserseele abprallen zu lassen, will man in diesem Einheitsbrei nicht nur rühren, sondern etwas wirklich Lohnendes gleich Lesenswertes finden.
Wobei „lesenswert“ ja nicht unbedingt „neu“ oder gar „originell“ bedeuten muss. Beide Attribute kann Donn Cortez für „Closer“ sicher nicht beanspruchen. Das lässt sich aber selten so gut verschmerzen wie in diesem Fall. „Closer“ ist Handwerk pur und fern jeder klassischen Qualität, wie das diejenigen, die zwischen ‚Schund‘ und ‚Literatur‘ zu differenzieren pflegen, nur zu gern und angewidert bestätigen werden. Aber „Closer“ macht Spaß. Selten liest man einen Thriller, der nicht nur als Pageturner konzipiert wurde, sondern diesen Anspruch auch erfüllen kann. Dabei hat Donn Cortez im Grunde nur zwei bewährte Regeln beherzigt: Beherrsche deinen Job – das Schreiben – und gib dort Gas, wo die Wankelmütigen zaudern.
Der Vigilant mit seinem Drang zur Selbstjustiz gehört nicht nur in den USA zum festen Inventar der Unterhaltungsmedien. Zu verlockend ist der Gedanke, auf dem Weg zum ‚gerechten‘ Urteil eine Abkürzung zu nehmen, das scheinbar notorisch liberale und auch den überführten Übeltäter schützende Gesetz zu umgehen und die Strafe als Rache zu zelebrieren: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Selten wird dieses Prinzip so kompromisslos durchgespielt wie in „Closer“. Cortez arbeitet wie der Regisseur eines Horror-B-Movies mit intensiven Splatter-Einlagen. Zwar schwelgt er nicht in Blut & Gedärmen, doch er beschränkt sich nicht auf Andeutungen: Wenn Jack und das „Rudel“ foltern, dann erfahren wir, was sie ihren Opfern antun.
_Unter Blut und Schweiß kaum auseinanderzuhalten_
Das geschieht nicht (nur) als Service für die Fans des aktuell beliebten Folter-Pornos à la „Saw“ oder „Hostel“. Tatsächlich beschreibt Cortez ’nur‘ den entsetzlichen „Bind-Torture-Kill“-Alltag realer Serienkiller und lässt diese zusätzlich darüber reflektieren. Wenn die plakativen Sitzungen ausführlicher Foltersitzungen auszuufern drohen, ersetzt Cortez sie lieber durch fiktive ‚Essays‘, in denen „Dschinn-X“, „Gourmet“, „Patron“ oder „Road-Rage“ über ihren ‚Job‘ philosophieren. Das Entsetzen speist sich aus dem sachlichen Tonfall, in dem sie über schauerlichste Gräuel diskutieren.
Auf einer zweiten Handlungsebene ist „Closer“ die mindestens ebenso dramatische Höllenfahrt eines Mannes, der dem folgenschweren Irrtum unterliegt, er könne seinen inneren Frieden wiederfinden, indem er die Welt von ihren Dämonen befreit. „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Dieser berühmte, fast schon zur Plattitüde verkommene Aphorismus Friedrich Nietzsches (Nr. 146; „Jenseits von Gut und Böse“, 1886) trifft den Nagel auf den Kopf. Jack hat die Grenze womöglich überschritten. Diese Frage stellt sich stellvertretend für den Leser Nikki, die nicht nur Jacks Partnerin bei der ‚Jagd‘ ist, sondern auch die Stimme der Vernunft verkörpert, für die Jack taub geworden ist. Wenn er foltert, dann wendet er die Methoden seiner Gegner an. Dabei bedient er sich der gleichen ‚Argumente‘ wie seine Gefangenen, wenn diese ihre Taten rechtfertigen. Kein Wunder, dass Nikki Schwierigkeiten hat, zwischen dem gleichermaßen mit Blut bespritzten Täter und seinem Opfer zu unterscheiden, wenn sie in Jacks Folterkeller schaut.
Die Ambivalenz des Mannes Jack, der im Grunde als Sympathiefigur dargestellt ist, wird von Cortez vorbildlich in den Dienst seiner Geschichte gestellt. Die Sprache ist nüchtern, kein Zeigefinger wird erhoben, keine Kompromisse werden gemacht; es wird erklärt, aber nicht gewertet. Eine literarische Verfremdung der grausigen Fakten findet nicht statt. Dem Leser wird kein Hintertürchen gelassen.
Prompt und vom Verfasser natürlich methodisch geweckt, stellt sich Unbehagen ein. Man wird zum Voyeur gemacht und muss Stellung beziehen: Ist es nicht ‚richtig‘, dass eingefleischte Psychopathen, die dem Gesetz und seinen Hütern viel zu oft durch die Finger schlüpfen, schlicht ausgerottet werden? Cortez verdeutlicht den Preis der Selbstjustiz, und das macht er besser als jeder predigende Gutmensch.
_Mit dem Bleifuß auf dem Spannungspedal_
Im Vordergrund steht für Cortez die Geschichte. Die ist beispielhaft geplottet, weil stringent, rasant und dabei doch voller Überraschungen. Wenn Jack sich gleich mit mehreren Serienkillern anlegt, hat er, den Cortez erfolgreich als extrem organisierten und deshalb so erfolgreichen „Closer“ dargestellt hat, sich eindeutig übernommen. Das Schiefgehen eines ausgeklügelten Racheplans ist Klischee, aber so geschickt, wie hier variiert, beschert er einem Roman zuverlässig zusätzliche Spannungsschübe. Cortez wird im Finale möglicherweise zu theatralisch mit „Patrons“ Rechtfertigung seiner Schandtaten als Katalysator einer monströsen und buchstäblichen „art pour l’art“; hier orientiert sich Cortez unnötig am genialischen Metzel-Vorbild Hannibal Lecter.
Die Idee einer Website für Serienkiller ist so ‚logisch‘, dass sich tatsächlich die Frage stellt, wieso oder ob es so etwas nicht schon gibt. Schon erwähnt wurde, dass Cortez auch hier die ‚richtigen‘, d. h. erschreckenden Worte findet, wenn er seine Psychopathen chatten, über das Für und Wider verschiedener Mordmethoden beraten oder über frustrierende ‚Betriebsunfälle‘ klagen lässt. Dieser Wahnsinn hat Methode. Das lässt ihn sehr real wirken.
„Closer“ ist trotz der Geschwindigkeit, mit der die Ereignisse ablaufen, durchaus keine Hetzjagd von Mord zu Mord. Es gibt Ruhephasen, die vor allem der Erläuterung und Informationsvermittlung dienen. Sie sind sorgfältig in den Erzählfluss eingebettet. Nicht selten sprengen sie dessen Chronologie. Nicht einmal die Einleitung bleibt ohne Zeitsprünge. Was dort geschieht, wer Jack und Nikki sind und wer wen jagt, bleibt zunächst unklar. Nicht nur unsere beiden Hauptfiguren, sondern auch ihre Gegner lernen wir erst ‚bei der Arbeit‘ kennen.
Im letzten Drittel rückt Jacks Erkenntnisprozess in den Vordergrund. Er stellt sich endlich der Frage, ob „Closer“ womöglich der Spitzname eines weiteren Serienkillers geworden ist. Die Antwort fällt erneut anders aus als erwartet. Im Anschluss demonstriert Cortez, wie man den Leser mit einer ganzen Kette infam eingefädelter Schlusstwists von einer Verwirrung in die nächste stürzt: Die wahre Identität des „Patrons“ wird erfolgreich so spät wie möglich gelüftet.
Diese Tour-de-Force leitet gleichzeitig ein Happy End ein, das man nur tragisch, aber nochmals konsequent nennen kann. Es komplettiert einen Thriller, dessen Ökonomie vorbildlich ist. 400 Seiten benötigt Cortez für seine Geschichte. Sie werden mit einer Geschwindigkeit umgeblättert, die sogar den erfahrenen Leser überraschen dürfte …
_Autor_
Donn Cortez ist das Pseudonym des kanadisches Schriftstellers Don H. DeBrandt, der unter seinem Geburtsnamen Science-Fiction und Horror schreibt. „The Quicksilver Screen“, sein Romandebüt von 1992, wurde vom renommierten SF-Magazin |Locus| als Geheimtipp gehandelt. DeBrandt schrieb außerdem für |Marvel Comics|, wo er an Reihen wie „Spiderman 2099“ und „2099 Unlimited“ mitarbeitete.
Seit 2006 verfasst DeBrandt, der im kanadischen Vancouver lebt und arbeitet, Romane zur TV-Serie „CSI: Miami“. Über seine Werke informieren die Websites:
http://www.donncortez.com
http://www.sfwa.org/members/DeBrandt
_Impressum_
Originaltitel: The Closer (New York : Pocket Star Books, a division of Simon & Schuster 2004)
Übersetzung: Friedrich Pflüger
Deutsche Erstausgabe: September 2008 (Knaur Taschenbuch Verlag/TB Nr. 63703)
399 Seiten
EUR 8,95
ISBN-13: 978-3-426-63703-6
http://www.knaur.de
Als Hörbuch: Oktober 2008 (Argon Verlag)
Sprecher: Martin Kessler
5 CDs in Brillantbox (339 min)
EUR 19,95
ISBN-13: 978-3-86610-548-5
http://www.argon-verlag.de
_Mehr von Donn Cortez auf |Buchwurm.info|:_
[„CSI Miami: Der Preis der Freiheit“ 5017
[„CSI Miami: Tödliche Brandung“ 5122
McFadyen, Cody – Böse in uns, Das
Wer das Treiben des amerikanischen Schriftstellers Cody McFadyen schon etwas länger verfolgt, für den ist die FBI-Agentin Smokey Barrett keine Unbekannte. Smokey hat in „Das Böse in uns“ bereits ihren dritter Auftritt und muss sich auch dieses Mal mit einem verzwickten Fall herumschlagen …
Lisa Reid, eine junge Frau, die früher ein Mann war und zudem einflussreiche Eltern in der Politik hat, wird während eines Flugs getötet. Erst als das Flugzeug gelandet ist, merkt man, dass Lisa nicht mehr lebt. Smokey und ihr Team bekommen den Fall, da aufgrund des Berufs der Eltern besondere Rücksichtnahme nötig ist. Nichts darf an die Presse, doch dann stellt sich heraus, dass der Mörder im Körper der Leiche ein Kreuz mit einer Zahl hinterlassen hat. Was hat das zu bedeuten? Die Zahl ist dreistellig – hat der Mörder etwa schon über hundert Tote auf dem Gewissen?
Tatsächlich findet man wenig später die Leiche einer weiteren Frau, einer ehemaligen Prostituierten. Smokey sucht nach Berührpunkten zwischen den Opfern. Es scheint, als ob sie alle ein düsteres Geheimnis verbergen würden. Kurz darauf nimmt der Mörder Kontakt zu den Ermittlern auf: über eine Videoplattform, ähnlich dem Portal |youtube|. Das Dumme dabei ist, dass er außerdem die Videos sämtlicher Morde in den letzten Jahren hochlädt und sich dieser Skandal im Internet natürlich rasend verbreitet. Die Ermittler stehen mit dem Rücken zur Wand. Sie haben immer noch keine Spur, und nun droht der Täter damit, als nächstes ein Kind umzubringen …
„Das Böse in uns“ ist eines dieser Bücher, bei denen sich alles um die Hauptperson dreht. Smokey Barrett ist allerdings auch eine selten gute Protagonistin. Sie wirkt sehr eindrücklich und unglaublich realistisch, da sie durch ihren Beruf und einige harte Schicksalsschläge gezeichnet ist. Das sorgt dafür, dass sie sich zum einen sehr viele Gedanken über das Leben macht (und dabei auf einen großen Schatz von Erfahrungen zurückgreifen kann) und zum anderen eine sehr eigene, beinahe schon zynische Sicht der Dinge zugelegt hat. Gleichzeitig wird sie aber nie zu einseitig. Ein Hoffnungsschimmer bleibt immer. McFadyen hat eine schöne Balance zwischen der düsteren und hoffnungsvollen Seite seiner aus der Ich-Perspektive erzählenden Hauptperson gefunden, so dass der Leser sich gut mit ihr identifizieren kann.
Smokey schildert die Handlung also aus ihrer Sicht – auch wenn es einige, seltene andere Perspektiven gibt – und reichert diese daher mit sehr vielen Überlegungen und Meinungen zum Geschehen an. Der Thriller ist dadurch alles andere als objektiv, denn Smokey durchtränkt, wie bereits erwähnt, das ganze Buch mit ihrer starken Persönlichkeit. Da diese Abschweifungen trotz allem auf den Punkt kommen und nicht ausufern, behindern sie die spannende, geradlinige Handlung nicht. McFadyen schafft es, den Leser das ganze Buch über bei der Stange zu halten, indem er eine fesselnde Verbrecherjagd inszeniert. Gefüttert mit nur dem Nötigsten, fiebert der Leser mit der Heldin und ihren Leuten mit und folgt gebannt den einzelnen, häufig falschen Spuren.
Der Schreibstil des Autors hängt sehr eng mit der Hauptperson zusammen, da aus ihrer Ich-Perspektive erzählt wird. Genau wie Smokey ist die Geschichte dadurch manchmal zynisch, manchmal verletzlich, dann wiederum taff und aggressiv. McFadyens Umgang mit der Sprache ist elegant, ohne hochgestochen zu klingen. Er webt viele Sprichwörter und Redewendungen ein, was den Eindruck, Smokey direkt gegenüberzusitzen, zusätzlich verstärkt. Die Atmosphäre ist insgesamt recht düster und traurig, ganz wie die schicksalsgebeutelte Protagonistin, versinkt aber nicht in einem Tränenmeer.
„Das Böse in uns“ von Cody McFadyen ist ein rundherum gelungener Thriller mit einer spannenden Handlung, einer entsprechenden Grundstimmung und einer tollen Protagonistin. Der Roman ist zwar nicht unbedingt die originellste Kost – Serienmörder kommen ja mittlerweile in fast jedem amerikanischen Thriller vor -, lässt sich aber leicht lesen und bereitet Freude.
|Originaltitel: The darker side
Aus dem Englischen von Axel Merz
445 Seiten, Hardcover
ISBN-13: 978-3-7857-2339-5|
http://www.luebbe.de
http://www.codymcfadyen.com
_Cody McFadyen bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Blutlinie“ 3120
[„Der Todeskünstler“ 4473
Haines, Carolyn – Mädchen im Fluss, Das
Das Städtchen Drexel in Mississippi, im Sommer 1952: Die schwarze Jade führt einen Schönheitssalon und richtet im Bestattungsinstitut die Verstorbenen her. Obwohl alle Einwohner ihre Fertigkeiten schätzen, wird sie wie alle Farbigen gemieden und als Mensch zweiter Klasse behandelt. Zusätzliches Misstrauen entsteht durch die Gerüchte, Jade könne mit den Toten sprechen.
Jade wurde von dem schwarzen Ehepaar Ruth und Jonah aufgezogen, doch jeder in der Stadt weiß, dass sie die uneheliche und nicht anerkannte Tochter von Lucille Sellers Longier, Drexels First Lady, ist, auch wenn niemand über dieses offene Geheimnis spricht. Während sie Jade verleugnet, vergöttert Lucille ihre jüngere Tochter Marlena, eine blonde Schönheit, die mit dem reichen Lucas Bramlett verheiratet ist. Marlena und Jade sind befreundet, ohne jedoch ein echtes Schwesternverhältnis zu pflegen.
An einem Sommertag macht Marlena mit ihrer kleinen Tochter Suzannah einen Ausflug in den Wald. Wenig später wird Marlena schwerverletzt aufgefunden, Suzannah ist spurlos verschwunden. Deputy Frank Kimble nimmt die Suche nach dem Mädchen und den Männern auf, die Marlena beinahe umgebracht haben, unterstützt von Jade – eine gefährliche Aufgabe …
Ein bisschen Mystik, ein bisschen Krimi, eine intensive Atmosphäre und ein Hang zu den Südstaaten zeichnen die Romane von Carolyn Haines aus. Ähnlich wie ihr Erfolgsroman „Am Ende dieses Sommers“, greift auch dieses Werk auf diese bewährte Mischung zurück.
|Teilweise interessante Charaktere|
Im Mittelpunkt steht die Afroamerikanerin Jade, deren Ansehen in der Stadt von Widersprüchen geprägt ist. Einerseits ist ihr Schönheitssalon mit den Bildern der Hollywoodstars der einzige Hauch von Luxus im ländlichen Drexel, ein Anlaufpunkt für alle Damen der Gesellschaft, die sich widerwillig eingestehen müssen, dass niemand bessere Frisuren und Make-ups zaubert als die geheimnisvolle Farbige. Auch auf ihre Dienste im Bestattungsinstitut will niemand verzichten. Jade besitzt das Geschick, allen Toten einen würdigen Anblick zu verleihen. Mit Rouge, Wachs, Vaseline und Blumensträußen kaschiert sie die Makel des Todes, sodass selbst Angehörige von Unfallopfern nicht auf einen offenen Sarg verzichten müssen. Auf der anderen Seite ist die Einzelgängerin Jade den meisten Bewohnern unheimlich; es geht das Gerücht um, sie könne mit den Toten sprechen. Jade trägt ihr Außenseiterdasein mit Würde. Sie hat Jonah und Ruth, das schwarze Dienstbotenehepaar, als Eltern akzeptiert und ignoriert ihre leibliche Mutter Lucille. Sie drängt auch Marlena nicht dazu, sich als ihre Schwester zu bekennen, und ist damit zufrieden, der kleinen Suzannah Babysitterin zu sein.
Weiterhin gelungen ist die Figur des Deputys Frank Kimble. Ein düsteres Familienschicksal lastet auf dem Kriegsveteran, der seit seinem Einsatz unter einem Trauma leidet. Trotz seiner verdienstvollen Arbeit wird er ähnlich misstrauisch beäugt wie Jade; kein Wunder also, dass die beiden einander näherkommen. Bedeutsame Nebenfiguren sind außerdem Jades Zieheltern Ruth und Jonah und Lucille, von Jonah verehrt, von Ruth gehasst; zudem noch Dotty, Marlenas vorgeblich beste Freundin, ein oberflächliches Frauenzimmer, stets auf Männersuche und bald in eine Affäre mit Lucas Bramlett verstrickt. Allerdings erhält Dotty, die zunächst eine unsympathische Figur ist, gegen Ende noch Gelegenheit, sich zu bewähren, und erscheint in einem freundlicheren Licht. Marlena, von der Handlung her einer der wichtigsten Charaktere des Romans, geht dabei ein wenig unter; über ihr Verhältnis zu Jade wird mehr gesagt, als dass man es wirklich erlebt.
|Spannend und atmosphärisch|
Es ist ein typisches Bild der Südstaaten in den Fünfzigerjahren, das die Autorin hier entwirft. Ein schwüler Sommer mit drückender, feuchter Hitze, eine Kleinstadt voller Vorurteile und gestrigem Denken sowie eine scharfe Rassentrennung, auch wenn sie teilweise nur indirekt zum Tragen kommt. Afroamerikaner sind Menschen zweiter Klasse, werden entweder offen angefeindet oder gönnerhaft wie loyale Dienstboten behandelt. Auch wenn dies kein typischer Krimi ist, wird für Spannung gesorgt. Lange Zeit ist unklar, wer hinter dem Überfall auf Marlena steckt, welches Motiv sich dahinter verbergen mag. Während Marlena mit dem Überleben kämpft, weiß niemand, ob Suzannah noch lebt, ob vielleicht eine Lösegeldforderung eingeht und wo man suchen soll. Jade begegnet auf ihrer Suche nach ihrer Nichte unverhohlenem Hass, und zu Recht bangt Frank Kimble bald auch um ihre Sicherheit.
|Kleine Schwächen|
Weniger gelungen sind die spirituellen Einschläge, die ab und zu in der Handlung aufblitzen. Sowohl Jade als auch Frank erleben Visionen, die ihnen etwas über Suzannahs Schicksal verraten – ein unnötiges Konstrukt, das zudem etwas von der Spannung raubt. Tatsächlich wird die Suche nach Suzannah im Verlauf der Handlung noch in den Hintergrund gerückt; ihr Vater verhält sich gleichgültig, Jade konzentriert sich auf ihre Halbschwester, Frank kommt in den Wäldern hinter ein grauenvolles Geheimnis und schließlich wird auch noch Dotty entführt – alles interessante Nebenhandlungen, die aber etwas zu dominant im Vergleich zu dem verschwundenen Mädchen behandelt werden. Auch das Ende ist nicht optimal; nachdem sich der Kreis scheinbar geschlossen hat, wird auf den letzten beiden Seiten eine neue Entwicklung angedeutet, die fast Platz für einen Fortsetzungsroman böte und zu lapidar die Handlung beschließt.
_Als Fazit_ bleibt ein atmosphärisch dichter Südstaatenkrimi, der überzeugend das Flair der Gegend am Mississippi in den Fünfzigerjahren einfängt. Die Hauptcharaktere sind gelungen, allerdings haben sich auch ein paar kleine Schwächen eingeschlichen. Insgesamt erreicht der Roman nicht die Klasse von Haines Erstling „Am Ende dieses Sommers“, ist aber allen Südstaateninteressierten ans Herz zu legen.
_Die Autorin_ Carolyn Haines, Jahrgang 1953, wuchs in Mississippi auf und arbeitete zunächst zehn Jahre lang als Journalistin, ehe sie sich der Schriftstellerei zuwandte. Anfangs verfasste sie unter Pseudonym Romanzen, heute schreibt sie Kriminalromane, die alle in den Südstaaten spielen. Zu ihren Werken zählen unter anderem „Am Ende dieses Sommers“, „Der Fluss des verlorenen Mondes“ und „Wer die Toten stört“.
|Originaltitel: Penumbra
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karl-Heinz Ebnet
333 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-7857-2328-9|
http://www.luebbe.de
John Dickson Carr – Der vergoldete Uhrzeiger
Im Londoner Kaufhaus Gamridge stiehlt eine Ladendiebin eine kostbare Uhr. Vom Hausdetektiv erwischt, schlitzt sie diesem den Bauch auf und entkommt: ein bizarrer Mordfall so recht nach dem Herzen von Gideon Fell ist, der als Amateur-Ermittler so berühmt ist wie als Wissenschaftler.
Besagte Uhr wurde von Johannus Carver hergestellt, einem Meister seines Fachs, der zurückgezogen in einem großen Haus lebt. Dorthin begibt sich Fell, der den Uhrmacher und seine seltsame ‚Familie‘ gern persönlich kennenlernen möchte. Der Besuch erfolgt unter dramatischen Umständen: Gerade fanden die Bewohner einen Unbekannten tot in einem der Zimmer; der Mann ist offenbar ein Einbrecher. In seinem Nacken steckt der Minutenzeiger einer gewaltigen Turmuhr. John Dickson Carr – Der vergoldete Uhrzeiger weiterlesen
Kane, Andrea – Angsttage
Blut ist dicker als Wasser – aber ist es so dick, dass man dafür morden würde? Andrea Kane beantwortet diese Frage in ihrem Roman „Angsttage“ auf anschauliche Art und Weise.
Sally Montgomery ist eine tierliebe Kindergärtnerin, die für ihre Zähigkeit und Freundlichkeit bekannt ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und widmet ihre Zeit vor allem ihren Tieren. Als der reiche Unternehmer Frederick um ihre Aufmerksamkeit buhlt, gibt sie sich erst bescheiden, lässt sich aber dann doch von ihm dazu überreden, einen Wochenendtrip in die Berge zu machen. Doch dieser endet in einer Katastrophe.
Frederick wird erschlagen und verbrennt zusammen mit ihrer Hütte, Sally kann gerade so flüchten. Ihr wird schnell klar, dass es nicht besonders schlau wäre, zuhause aufzutauchen, wenn der Mörder Fredericks ihr noch auf den Fersen sein könnte – und wenn die Polizei sie verdächtigt, den Brand gelegt zu haben. Verzweifelt meldet sie sich bei ihrer ältesten Tochter Devon, die sofort Sallys Ex-Mann und ihren Vater Monty darüber informiert.
Monty, ein ehemaliger Cop, arbeitet als Privatermittler, und trotz der Trennung liebt er Sally immer noch. Er schwört Stein und Bein, die Täter zu finden, damit Sally nach Hause kommen kann. Mithilfe von Devon beginnt er, Fredericks Familie, die schwerreichen Piersons, auszuspionieren. Er glaubt, dass die Wurzel allen Übels dort zu finden ist. Und tatsächlich scheinen einige Familienmitglieder mehr zu wissen, als sie zugeben …
Andrea Kanes Geschichte strotzt nicht unbedingt vor Originalität. Die Handlung, die sie erzählt, ist nicht die erste, die sich mit den Machenschaften eines Familienclans auseinandersetzt, und hat dieser Thematik auch nichts Neues hinzuzufügen. Dass die Geschichte nicht so einfach zu durchschauen ist, hängt vor allem damit zusammen, dass die Autorin es versteht, falsche Spuren auszulegen und ihre Personen in Ungereimtheiten zu verstricken. Der Leser fragt sich beinahe automatisch, wer denn nun hinter der ganzen Sache stecken könnte. Da es nur eine begrenzte Anzahl verdächtiger Personen gibt, ist das Rätselraten einfach – und trotzdem kommt das Ende überraschend, wirkt aber nicht an den Haaren herbeigezogen.
Auch wenn Kane nicht viel Zeit darauf verwendet, einen großartigen, spannungsgeladenen Plot zu entwerfen, weist die Geschichte einige nette Wendungen auf und ist stellenweise sogar fesselnd. An und für sich ist „Angsttage“ aber zu breit angelegt, um wirklich mitreißend zu sein. Das Privatleben der Figuren nimmt zu viel Platz ein beziehungsweise Kriminalfall und Privatleben werden zu stark vermischt. Das ist vor allem bei Devon der Fall, die eine Affäre mit einem der Piersons beginnt. Des Weiteren wirkt Montys Ermittlergeschick häufig überstürzt. Er löst einige Ungereimtheiten zu schnell auf, was weder der Geschichte noch der Person des Monty gut tut.
Davon einmal abgesehen, sind die restlichen Figuren durchweg gelungen. Es handelt sich um bodenständige Menschen, die sehr optimistisch und freundlich sind. Sie sind gut ausgearbeitet und man kann sich mit ihnen identifizieren; was aber letztendlich störend ist, ist der Mangel an Ecken und Kanten, an düsteren Geheimnissen. Negative Gefühle findet man bei den Montgomerys selten. Diese Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität wird dem einen oder anderen vielleicht sauer aufstoßen, auch wenn Andrea Kane ansonsten saubere Arbeit geleistet hat.
Mit ihrem Schreibstil verhält es sich ähnlich. Auch dieser ist locker-luftig und insgesamt sehr optimistisch. Kane schreibt flüssig, leicht lesbar und verplaudert sich dabei an der einen oder anderen Stelle. Sie schweift aber glücklicherweise nie zu weit ab, sondern polstert die Geschichte dadurch unterhaltsam auf. Spaß machen auch die kleinen Neckereien zwischen den Hauptfiguren, die lebendig und realistisch wirken und manchmal sogar zum Lachen animieren.
„Angsttage“ ist kein straff durchkomponierter, hochspannender Thriller, sondern eher die Familienvariante davon. Nett, beschaulich, aber trotzdem gut geschrieben und sorgfältig aufgebaut. Andrea Kanes Geschichte ist sicherlich nicht für jeden etwas, wird ihren Leserkreis aber finden.
|Originaltitel: Wrong Place, Wrong Time
Aus dem Englischen von Karin Meddekis
444 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-404-15916-1|
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Gerritsen, Tess – Leichenraub
Im Jahre 1830 war die Medizin in Europa und Übersee bereits recht fortschrittlich. Universitäten mit ihren erfahrenen Doktoren und Professoren der Medizin bildeten die angehenden und zukünftigen Ärzte theoretisch und praktisch aus. Ärzte gehörten damals auch schon der sozialen Oberschicht an, und Studenten aus armem Hause mussten entweder zu Geld gekommen sein oder ein einflussreicher Gönner ebnete dem jungen Mann den Weg zu Respekt und Einkommen.
In den Krankenhäusern war der Chefarzt im Grunde ein Alleinherrscher, ein Gott in Weiß und für viele Kranke die letzte Hoffnung. Assistenzärzte und Studenten wurden ausgenutzt und oftmals mit sich und den Patienten allein gelassen. Hygiene in den Hospitale und Krankenhäuser war nur wenig bekannt und wurde nicht umgesetzt, oftmals einfach nur aus Unkenntnis.
Wie es auch heute der Fall ist, mussten die jungen Männer Leichen obduzieren, um den menschlicher Körper und seine komplexen Organe analytisch und mit den Augen und Fingern eines Mediziners verstehen zu können. Typische Krankheitszeichen oder Mangelerscheinungen konnten so identifiziert werden und Rückschlüsse auf den Krankheitsverlauf zulassen.
Mit der steigenden Anzahl von Universitäten stieg ebenso die Nachfrage nach Leichen zur Obduktion. Hingerichtete Verbrecher wurden per Gesetz auf den Vivisektionstisch der angehenden Studenten gelegt und für Studienzwecke seziert, ansonsten gab es nur die illegale Möglichkeit, entwendete Leichen von zwielichtigen Leichenräubern zu kaufen. Natürlich galt so eine Tat als ungesetzlich, und für dieses Vergehen erwartete den Leichenräuber der Galgen, doch das Geld, das man für eine ‚frische‘ Leiche bekommen konnte, war es wert, das Risiko einzugehen.
Tess Gerritsen hat in ihrem aktuellen Roman „Leichenraub“ bei |Limes| diese Thematik in einem spannenden Roman zum Leben erweckt.
_Inhalt_
Julia Hamil, die gerade ihre Ehe beendet und ein Haus samt Anwesen in Boston gekauft hat, stürzt sich in die Restauration und Renovierung ihres neuen Heimes. Haus und Garten bedürfen neben ihrem persönlichen Selbstbewusstsein eine Menge an Aufarbeitung. Bei der Gartenarbeit stößt sie auf etwas recht Hartes und scheinbar Großes, wahrscheinlich einen Stein, den sie in wilder Entschlossenheit ausgraben will. Doch beim näheren Hinsehen entpuppt sich der Stein als Totenschädel, und Julia sieht vor sich nicht mehr ihren neu erworbenen, chaotischen Garten, sondern vielmehr unerwarteterweise ein Grab.
Die Leiche wird von der forensischen Abteilung unter der Leitung der Pathologin Dr. Maura Isles ausgegraben und untersucht. Es handelt sich um die Gebeine einer jungen Frau, die vor circa 200 Jahren ermordet wurde – die Verletzungen des Schädelknochens lassen keine andere Vermutung zu.
Geschockt und verwirrt, fühlt sich Julia in ihrer neuen Bleibe nun etwas unwohl, denn auch die Vorbesitzerin, eine alte Frau, fand man leblos in ihrem Garten, allerdings war sie da schon seit knapp drei Wochen tot. Nur wenige Tage später bekommt Julia einen Anruf aus Maine. Es ist der Cousin der Vorbesitzerin, Henry Paige, der in sechs Kartons alle Dokumente der alten Frau besitzt. Ihn interessiert, was es mit den alten Knochen auf dem Anwesen auf sich hat. Wer war die junge Frau, die eines gewaltsamen Todes starb und heimlich verscharrt wurde? Anhand der Dokumente versuchen er und Julia die Vergangenheit zu rekonstruieren, um etwaige Hinweise darauf zu finden, was sich vor knapp zwei Jahrhunderten abgespielt haben könnte.
Die alten Briefe, unterzeichnet von einer Person mit den Initialen O. W. H., führen Julia und Henry in das Jahr 1830 in Boston. Hier ist der Tod allgegenwärtig in den Armenvierteln und Krankenhäusern der wachsenden Stadt. Der junge Student Norris Marshall, der an der medizinischen Fakultät in Boston studiert und auf einer Farm in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, verdient sich etwas Geld für seinen Lebens- und Ausbildungsunterhalt mit dem Ausgraben und Verkaufen von Leichen für die medizinische Hochschule. Er ist ein talentierter und ehrgeiziger Medizinstudent, der in der Medizin seine wahre Berufung sieht und davon träumt, später ein angesehener und erfolgreicher Arzt zu sein, so dass er seine soziale Unterschicht endlich hinter sich lassen kann.
Rose Connolly, eine junge irische Frau, die gerade in die Staaten ausgewandert ist, um sich eine neue Existenz aufzubauen, wacht in einem Bostoner Krankenhaus am Bett ihrer Schwester Aurina, die kurz vor der Entbindung steht. Hier lernt die junge Frau auch Norris Marshall kennen, der mit seinem Doktorvater und anderen medizinischen Studenten die morgendliche Visite durchgeht. Die schwangere Frau ist schwach, und unkontrollierte Blutungen setzen eine komplizierte Geburt in Gang. Kurz nach der Geburt stirbt Aurina an Schwäche und Meggie, ihrer neugeborenen Tochter, droht das Waisenhaus, doch Rose fühlt sich ihrer Schwester verpflichtet und nimmt sich ihrer jungen Nichte an. Sie arbeitet als Schneiderin für ihren Schwager, einen Trinker und groben Mann, der nur seine eigenen Vorteile sieht.
Eines Abend entdeckt Rose in der Nähe des Krankenhauses die Leiche einer Krankenschwester, die fast ausgeweidet wurde. Die Tat musste in den letzten Minuten geschehen sein und Rose sieht einen dunkel gekleideten Mann mit weißem, todesähnlichem Gesicht, der sich ihr nähert. Sie flieht panisch durch die dreckigen Straßenschluchten und läuft Norris Marshall, der mit einem Studienkollegen unterwegs ist, in die Arme.
Als in den nächsten Nächten wiederum eine Krankenschwester dem „Reaper“ zum Opfer fällt und Norris durch Zufall die verstümmelte Leiche findet, wird er selbst zum Tatverdächtigen. Denn die Verletzungen der toten Frauen legen den Verdacht nahe, dass es sich um jemanden handeln muss, der medizinische Kenntnisse vorweisen kann bzw. vielleicht Tiere wie Kälber und Schweine getötet und ausgenommen hat. Beides hat spricht daher als Indiz gegen den jungen Medizinstudenten, der nun um seiner eigenen Sicherheit willen den wahren „Sensenmann“, den er leibhaftig bei dem zweiten Opfer gesehen hat, finden muss – sonst befinden sich seine medizinische Laufbahn und sein Leben in höchster Gefahr.
Rose hingegen, die er als Zeugin benötigt und zu der er sich immer mehr hingezogen fühlt, wird von einem unbekannten Mann gebeten, ihm ihre Nichte Meggie zu überlassen – gegen ein großzügiges Entgelt, das alle ihre finanziellen Sorgen und Nöte im Nu verschwinden lassen könnte. Doch Rose ist nicht bestechlich und sieht sich nun zusammen mit ihrer kleinen Nichte einer Gefahr ausgesetzt, die sie nicht erkennen kann. Verzweifelt wendet sie sich vertrauensvoll an Norris Marshall und bringt sich damit noch mehr in Gefahr.
_Kritik_
Tess Gerritsen hat mit „Leichenraub“ einen Thriller geschrieben, der diemsal nicht die Reihe um Dr. Maura Isles fortsetzt. Zu Beginn kommt diese kurz vor, als sie Julia darauf hinweist, dass die junge Frau, deren Skelett sie im Garten fand, ermordet wurde. Also gibt es nur ein kurzes Gastspiel, aber die Haupthandlung ist spannend und interessant genug und kommt auch ohne die erfahrene und bei der Leserschaft beliebte Pathologin aus.
„Leichenraub“ ist eher ein historischer Krimi und als solcher literarisches Neuland, auf dem sich Gerritsen bewegt. Sie nimmt diese Hürde aber formidabel und inszeniert den Historienkrimi gekonnt, einfallsreich und spannend. Die Story spielt sich in zwei Zeitebenen ab: einmal natürlich die Gegenwart mit der jungen Julia und ihrer schaurigen Entdeckung und Spurensuche, und das Jahre 1830, das das historische Element bestimmt und den größten Erzählumfang einnimmt.
Tess Gerritsen, die selbst Ärztin ist, weiß, wovon sie schreibt und wie sie plastisch und realistisch ihr Wissen dem Leser zu vermitteln hat. Die Medizin ist hierbei die zentrale Figur, die den menschlichen Protagonisten so manches Mal den Platz auf der Bühne nimmt. Die Behandlungstechniken, die Hygiene der damaligen Zeit, die Forensik und Pathologie mussten ohne die technischen Möglichkeiten der heutigen Zivilisation auskommen, und viele kranke Menschen mussten schlicht aus mangelndem Wissen ihr Leben lassen. Ohne Antibiotika oder Radiologie und sonstige medizinische Technik waren die Ärzte nur auf ihr eher spärliches Wissen angewiesen, das sie entweder fachgerecht erlernten oder sich durch Kollegen und Experimente selbst aneignen konnten. Auch diese Aspekte erklärt die Autorin interessant und lehrreich und man sollte sich wundern, wie spannend medizinische Geschichte erzählt werden kann.
Die Story eines Frauenmörders ähnelt natürlich sehr seinem englischen Verwandten „Jack the Ripper“; auch dieser muss medizinische Grundkenntnisse gehabt haben, also ist die Idee eines unheimlichen Frauenmörders aus dem medizinischen Umfeld insofern nichts Neues. In der Handlung gibt es generell wenig Überraschendes; nach einem gut erkennbaren Muster wird der Leser schon im letzten Drittel der Handlung wahrscheinlich richtig kombinieren und die Identität des Täters offenbart haben. Die geschilderten Vorgänge sowie die Entwicklung die Protagonisten und ihr Zusammenspiel sind dagegen spannend und abwechslungsreich geraten, aber auch dies nur vor dem medizinischen Hintergrund. Die Grundstimmung ist unheimlich; die düsteren Hinterhöfe und Straßen Bostons, die mangelnde Hygiene in den damaligen Krankenhäusern und auch die detailreiche Schilderung der Vivisektion eines Leichnams oder der Raub einer Leiche im Schutze der Nacht auf einem Friedhof jagen dem Leser einen wohligen Schauder über den Rücken.
Die Protagonisten sind mit kräftiger Linienführung gezeichnet, allen voran der talentierte Jungstudent Norris Marshall, der seiner Vergangenheit entfliehen möchte und jede Mühe auf sich nimmt, um seine Zukunft möglichst erfolgreich und beständig abzusichern.
Als Kritikpunkt empfinde ich den gegenwärtigen Handlungsstrang, der mir recht überflüssig erscheint; hier hätte es gar keinen Wechsel zwischen den zeitlichen Ebenen geben müssen. Zu verwirrend sind die Sprünge und die Erklärungen; am Anfang und am Ende sind diese noch gut platziert, aber zwischendurch hemmen sie einfach die aufkommende Spannung der eigentlichen Handlung.
_Fazit_
„Leichenraub“ von Tess Gerritsen ist ein empfehlenswerter Thriller. Um das Prädikat sehr gut zu erreichen, hätte sich die Autorin auf die Erzählebene der Vergangenheit beschränken sollen. Ein historischer Thriller sollte der Erwartungshaltung genügen, gut recherchiert worden zu sein und sich auf Fakten und Beweise zu stützen, was der Autorin auch großartig gelingt. Ich hoffe, dass sie weitere Thriller im historischen Bereich verfassen wird, da sie auch hier zeigt, wie brillant man Medizin in einen spannenden Thriller umzusetzen vermag. „Leichenraub“ ist allerdings ein in sich abgeschlossener Roman, so dass es keine weiteren Episoden geben wird.
|Originaltitel: The Bone Garden, 2007
Übersetzung: Andreas Jäger
442 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-8090-2539-9|
http://www.limes-verlag.de
_Tess Gerritsen auf |Buchwurm.info|:_
[„Todsünde“ 451
[„Die Chirurgin“ 1189
[„Der Meister“ 1345
[„Roter Engel“ 1783
[„Schwesternmord“ 1859
[„Akte Weiß: Das Geheimlabor“ 2436
[„Scheintot“ 3913
[„Blutmale“ 4107
[„In der Schwebe“ 4454
Permezza, Franca – Partitura di Praga
_Story_
Commissario Trattoni ist erzürnt, als er mitten in der Nacht zu einem vermeintlichen Tatort gerufen wird, an dem ein nicht identifizierter Mann erhängt wurde. Immerhin ermittelt der Beamte in Venedig, und dort gibt es ständig Suizidkandidaten, die an Brücken oder im Gewässer gefunden werden. Doch der Tote wurde offensichtlich ermordet, allerdings erst später am Strick befestigt.
Trattoni findet recht bald heraus, dass es sich bei der Leiche um einen begabten tschechischen Musiker handelt, der bereits in den Neunzigern ausgewiesen wurde. Auf einer Reise nach Prag lernt Trattoni die Witwe des Opfers kennen und erfährt auch etwas mehr über dessen stille Liebschaften, über seinen Bezug zur Freimaurerloge und seine Passion für die klassische Musik.
Als in diesem Zusammenhang ein vermeintliches Original einer Mozart-Partitur auftaucht, verdichten sich für den Comissario die Motive für den Mord an dem Tschechen. Als er jedoch ein zweites Mal nach Prag aufbricht, scheint ihm der Fall zu entgleiten. Während seiner Abwesenheit wird ein Hauptverdächtiger ermordet und der Fall an Trattonis verhassten sizilianischen Konkurrenten vergeben. Gegen jegliche Vernunft ermittelt der schwergewichtige Diabetiker auf eigene Faust – und muss dafür fast einen hohen Preis zahlen.
_Persönlicher Eindruck_
Franca Permezzas zweites Buch um den fettleibigen Commissario Trattoni ist im Grunde genommen ein typisch italienischer Krimi, dessen schematischer Aufbau sich sehr gut in der Masse der dort veröffentlichen Kriminalliteratur verstecken könnte. Die Figuren lassen sich in entsprechende Sparten-Schubladen einsortieren, die üblichen Klischees um die einheimische Küche und Kultur werden gerne und effizient aufgegriffen, und auch die Detailverliebtheit bei der Darstellung der Schauplätze ist in diesem Genre gerade in den südländischen Publikationen handelsüblich und macht „Partitura di Praga“ zunächst einmal nur zu einem gewöhnlichen Roman mit Lokalkolorit.
Aber auch der Fall selber ist nicht wirklich spektakulär konzipiert. Eine merkwürdige Leiche baumelt an einer Brücke in Venedig und wurde wahrscheinlich Opfer einer tragischen Liebschaft – so weit, so gut; allerdings hat man dergleichen in ähnlicher Form schon häufig gelesen. Interessant wird das Ganze erst durch die Beziehungen zu den Freimaurern und die Entdeckung einer eigenartigen Partitur, die womöglich von Amadeus Mozart höchstpersönlich verfasst wurde. Allerdings gelingt es der Autorin nur sehr sporadisch, diese Inhalte auch passend in die Handlung einzubauen. Die Mordfälle und die möglichen Ursachen laufen bei der Aufklärung anfangs ein wenig aneinander vorbei und finden erst im Schlussdrittel zusammen, was die Story stellenweise willkürlich erscheinen lässt. Und hierin besteht auch das eigentliche Problem von „Partitura di Praga“.
Bei der Rahmenbeschreibung hingegen zeigt sich Permezza als eine der Besten ihres Faches. Die Schreiberin zeichnet ein recht ambivalentes Bild ihrer Heimatstadt Venedig, gibt sich betont ortskundig und liebevoll bei ihren Darstellungen, wettert aber zwischen den Zeilen auch immer wieder gegen den steten Verfall der Romantik-Hauptstadt. Das ist lebendig, fachlich bemerkenswert und auch richtig angenehm zu lesen. Darüber hinaus sind die kulinarischen Umschreibungen ebenfalls schön in den Plot eingewoben, wenngleich sie manchmal schon einen sehr dominanten Part zugesprochen bekommen. Aber schließlich gehören sie zum italienischen Krimi wie die Butter aufs Brot und sind daher auch in der üppigeren Variante gerne akzeptiert.
Insgesamt hat Permezza sicherlich ein ganz anständiges Buch geschrieben, bei dem zwar manchmal die Zusammenhänge etwas konkreter dargestellt werden könnten, welches aber gleichzeitig über einen guten Spannungsbogen verfügt und daher auch überzeugt. Mit Cammileri und Varesi kann sich die Dame aus Venedig zwar noch nicht messen, doch wenn es darum geht, kurzweilige Kriminalunterhaltung zu konzipieren, versteht Permezza durchaus ihr Handwerk. Mal sehen, ob sich Commissario Trattoni, wie im Roman angekündigt, schon zur Ruhe setzen wird. Als Hauptdarsteller ist er nämlich ein sehr angenehmer, eigenständiger Charakter, den man gerne wiedersehen würde.
|Aus dem Veneziano von Wolfgang Körner
270 Seiten
ISBN-13: 978-3-499-24583-1|
http://www.rowohlt.de
Ridley Pearson – Der blinde Tod
In Sun Valley, US-Staat Idaho, verbringt Generalstaatsanwältin Elizabeth Shalor gern ihre raren Urlaubstage. Das ist bemerkenswert, denn vor acht Jahren versuchte sie genau hier ein mit ihrer Arbeit unzufriedener Staatsbürger umzubringen. Damals entkam Shalor nur, weil der junge Deputy Walter Fleming rechtzeitig auf der Bildfläche erschien und den Strolch ausschaltete.
Seither ist Fleming Shalors Freund, ein Status, der neuerdings mit Privilegien aber auch Pflichten verbunden ist: Elizabeth Shalor gedenkt sich für das US-Präsidentenamt zu bewerben. In Sun Valley möchte sie vorab ausspannen sowie auf einer Tagung ihre Kandidatur bekanntzugeben. Walter Fleming, seit seiner Heldentat Sheriff von Sun Valley, ist für ihre Sicherheit verantwortlich. Das FBI ist wenig erfreut darüber, denn Shalor ist aufgrund ihrer politischen Ziele außerordentlich exponiert. Mit Anschlägen ist zu rechnen. Gern würde das FBI sie isolieren, doch Shalor sperrt sich. Sie vertraut ihrem Lebensretter Fleming.














