Archiv der Kategorie: Thriller & Krimis

Freeman, Brian – Las-Vegas-Killer

_Das geschieht:_

Ein Mann verfolgt und erschießt ein Millionärssöhnchen; er hinterlässt seinen sorgfältig platzierten Fingerabdruck. In einem Vorort wird ein Kind überfahren; an der Scheibe des Unfallwagens prangt der bekannte Abdruck. Einer ehemaligen Lehrerin wird die Kehle durchgeschnitten; der Verdächtige ist erneut unser dreister Unbekannter.

Wer ist der Mann, der offenbar eine Fehde mit der Polizei vom Zaun brechen will, und wo ist die Gemeinsamkeit zwischen den brutalen Taten? Jonathan Stride, Ermittler bei der Mordkommission von Las Vegas, wird mit seinem ersten großen Fall gleich ein heißes Eisen zugeschoben. Dabei ist der ehemalige Star-Polizist aus dem kalten, weit entfernten Minnesota ein Außenseiter, den sogar sein Vorgesetzter gern kaltgestellt sähe, da Stride nicht gewillt ist, politische Rücksicht walten zu lassen, sondern diverse hochgestellte Persönlichkeiten mit unangenehmen Fragen behelligt.

Zu ihnen gehört Boni Fisso, einer der letzten großen Mafia-Bosse, die Las Vegas einst regierten. Im Penthouse-Pool seines „Sheherezade“-Casinos wurde 1967 die Leiche der schönen Tänzerin Amira Luz gefunden – ein Mord, der nie zufriedenstellend aufgeklärt werden konnte. Bis Stride, seine Partnerin Amanda Gillen und seine Kollegin und Lebensgefährtin Serena Dial entdecken, dass die Ermordeten der Gegenwart in das Geschehen der Vergangenheit verwickelt waren, hat der Killer die Liste seiner Opfer verlängert. Er befindet sich offensichtlich auf einem Rachefeldzug. Was ihn antreibt, ist Rache für Amira Luz. Um ihn zu entlarven, müssen Stride, Gillen und Dial das Geheimnis lüften. Doch die Verdächtigen hatten vierzig Jahre Zeit ihre einstigen Verbrechen zu vertuschen. Stück für Stück müssen die drei Polizisten ihnen die Wahrheit entreißen. Das kostet Zeit, die sie nicht haben, denn der Las-Vegas-Killer rüstet längst zum großen Finale, für dessen Verwirklichung er sich einen besonders teuflischen Plan einfallen lässt …

_Stadt ohne Geschichte und Gewissen_

Las Vegas im US-Staat Nevada: eine Stadt, die inmitten einer heißen Sandwüste errichtet wurde und schon deshalb eine Torheit ist, die jedoch blüht und gedeiht, weil sie dem ansonsten verpönten und verbotenen Glücksspiel eine Nische bietet. Gigantische Casinos schossen nach dem II. Weltkrieg wie Fabriken aus dem Boden. Sie verbanden den Kitzel des Spiels um hohe Summen mit einem Unterhaltungsangebot, das die größten Stars ihrer Zeit darboten. Hinter den Kulissen hatte viele Jahrzehnte das organisierte Verbrechen das Sagen. Las Vegas ist eine ‚Gründung‘ der Mafia, die bis in die 1970er Jahre Erträge abwarf, die sich mit den Bruttosozialprodukten gar nicht kleiner Ausländer vergleichen ließen.

In dieser ‚großen‘ Zeit der Glitzerstadt wurzelt der Plot von „Las-Vegas-Killer“. Längst hat die US-Regierung die Mafia vertrieben. Las Vegas ist zu einer Touristenattraktion und –falle geworden. Die Verbrechensrate blieb zwar hoch, doch sind kriminelle Aktivitäten, wie Brian Freeman sie zur Grundlage seiner Geschichte macht, heute wohl nicht mehr möglich.

Vierzig Jahre sind an sich keine lange Zeitspanne. Nicht wenige Männer und Frauen, die damals Täter oder Opfer waren, haben überlebt oder mischen noch heute – vorsichtig geworden – im Vegas-Business mit. Die Zeit läuft in der Wüstenstadt anders ab; eine Tatsache, die Freeman immer wieder thematisiert, weil sie einerseits schwer verständlich ist und andererseits begriffen werden muss, damit die Story sinnvoll wird.

_Thriller ohne Originalität und Überraschungen_

Der Mythos Las Vegas ist – egal ob vergangen oder aktuell – ein Stoff, aus dem unzählige Kriminalromane und –filme entstanden sind. Die dabei gelungenen Werke zu kennen, ist nur bedingt von Vorteil, weil dies die Erkenntnis fördert, dass Freeman sich stur an die Vorgaben hält. Jedes Vegas-Klischee feiert fröhliche Urständ, was der Leser weniger begeistert registriert.

Für „Las-Vegas-Killer“ hat sich der Autor zwar einen soliden und ablauftauglichen Plot einfallen lassen, den er jedoch allzu sorgfältig konstruiert und entwickelt. Faktisch treibt er seinem Thriller damit jede Überraschung aus. Brutale Mord- und drastische Bettszenen sollen für Ersatz sorgen, aber da die einen einfallsarm und die anderen US-amerikanisch, d. h. puritanisch verdruckst daherkommen, will die Rechnung nicht aufgehen.

So erbarmungslos wie der Las-Vegas-Killer lässt Freeman die Handlung in ebenfalls sattsam bekannten Klischees (ver-)enden. Selbstverständlich wird ihr ein Schluss-Twist aufgesattelt, der die bisher erzählte Story plötzlich in Frage stellt. Um gänzlich auf Nummer Sicher zu gehen, lässt der Verfasser diesem Twist noch ein Überraschungs-Twistchen folgen … „Las-Vegas-Killer“ gehört zu jenen Romanen, die einfach kein Ende finden wollen, sondern immer noch weiter gehen, selbst wenn der logische Schlusspunkt längst gesetzt ist. Da wundert es nicht, dass auf den nun wirklich letzten Seiten die Fortsetzung vorbereitet wird.

_Thriller-Traum mit Seifenschaum_

Das bringt uns zu einem weiteren Manko: „Las-Vegas-Killer“ erschöpft sich keineswegs in einer möglichst spannenden Geschichte. Unabhängig von der Frage, ob Freeman eine solche überhaupt geglückt ist, nimmt er selbst immer wieder das Tempo aus der Handlung, wenn er die Soap-Opera-Maschine anwirft. Die arbeitet manchmal im Leerlauf, aber viel zu oft auf Hochtouren:

– Jonathan Stride ist heimatlos unglücklich in Las Vegas UND wird als Polizeibeamter gemobbt UND muss sich mit einer transsexuellen Partnerin zusammenraufen UND wird von seiner Lebensgefährtin lesbisch betrogen …

– Serena Dial ist Alkoholikerin UND wurde als junges Mädchen von ihrer Mutter als Prostituierte verkauft UND hat ihre beste Freundin UND Ex-Geliebte im Elend sterben sehen UND ist in mittleren Jahren kinderlos UND wird, obwohl unsterblich in ihren Jonathan verliebt, lesbisch (s. o.) rückfällig …

– Amanda Gillen ist eigentlich nur transsexuell, wird aber deshalb von den bösen Kollegen ständig gehänselt und muss, was viel schlimmer ist, für Freeman politisch korrekte Zaunpfahl-Hiebe austeilen: Seht doch, ich bin ein Mensch wie ihr! Akzeptiert mich doch endlich!

Mafiosi sind pompös und großtuerisch, nur um im nächsten Moment die Maske fallen zu lassen und schurkisch zu tücken, Politiker verlogen und niederträchtig. Der „Las-Vegas-Killer“ wird als übermächtiger Bösewicht geschildert und im Finale via Küchenpsychologie als Muttersöhnchen mit Riss in der Hirnwaffel demontiert.

Nein, dieses Buch weist definitiv keine Scorsese-Qualitäten auf. Näher kommt ihm eine Szene aus der TV-Serie „CSI Las Vegas“: Mogul Sam Braun sitzt mit den tattrigen Schauspielern Frank Gorshin und Tony Curtis – sie spielen sich selbst und gehörten zu ihrer Zeit zur Vegas-Prominenz – in seinem Casino und schwelgt rührselig in Erinnerungen an die gute, alte, böse Zeit (Doppelfolge „Grabesstille“ von Quentin Tarantino). Genauso ‚authentisch‘ wirkt „Las-Vegas-Killer“ mit seinem Talmi-Thrill aus zweiter Hand.

_Der Autor_

Brian Freeman wurde 1963 in Chicago, Illinois, geboren. Die Familie siedelte nach San Mateo in Kalifornien um und zog später nordostwärts nach Minnesota. Am Carleton College in Northfield studierte Freeman Englisch. Nach dem Abschluss 1984 arbeitete er u. a. in der Marketing- und PR-Abteilung einer internationalen Anwaltskanzlei.

Schriftstellerische Ambitionen spürte Freeman nach eigener Auskunft schon in seinen Jugendjahren. Ein erster Romanentwurf entstand während des Studiums; weitere, stets unveröffentlichte Manuskripte folgten. Erst 2004 erschien „Immoral“ (dt. [„Unmoralisch“/“Doppelmord“), 2037 der erste Thriller um Ermittler Jonathan Stride, und wurde sogleich ein Bestseller, der für einen „Edgar“, einen „Dagger“, einen „Anthony“ und einen „Barry Award“ nominiert wurde und den „Macavity Award“ der „Mystery Readers International“ für das beste Romandebüt gewann.

Die Jonathan-Stride-Romane von Brian Freeman erscheinen in Deutschland im Verlag |Hoffmann und Campe| (gebunden) bzw. zuvor im |Club Bertelsmann|:

(2005) Immoral [(„Unmoralisch“/“Doppelmord“) 2037
(2006) Stripped („Las-Vegas-Killer“)
(2007) Stalked (noch nicht in Deutschland erschienen)
(2008) In the Dark (US-Titel) / The Watcher (GB-Titel) (noch nicht in Deutschland erschienen)
(2009) Unsolved (noch nicht erschienen)

_Impressum_

Originaltitel: Stripped (New York : St. Martin’s Press 2006)
Übersetzung: Imke Walsh-Araya
Deutsche Erstausgabe: 2006 (Bertelsmann Club / RM-Buch-und-Medien-Vertrieb, exklusive Buchgemeinschaftsausgabe)
Erstausgabe für den deutschen Buchhandel: August 2008 (Hoffmann und Campe Verlag)
490 Seiten
EUR 17,95
ISBN-13: 978-3-455-40136-3
http://www.hoca.de

Roth, Silvia – Querschläger

Im April 2002 wurde Deutschland durch ein Ereignis erschüttert, das man bislang eher aus den Vereinigten Staaten kannte: Der neunzehnjährige Robert Steinhäuser lief in seiner ehemaligen Schule Amok und tötete dabei sechzehn Menschen. Die Autorin Silvia Roth verarbeitet in ihrem neuen Roman „Querschläger“ genau dieses Thema. Sie lässt das Ermittlungsteam Hendrik Verhoeven und Winnie Heller im Fall eines Amoklaufs ermitteln, der allerdings alles andere als „gewöhnlich“ anmutet.

Am Wiesbadener Clemens-Brentano-Gymnasium erschießt ein Schüler elf Menschen und nimmt sich anschließend selbst das Leben – so die offizielle Version der schrecklichen Tat. Doch schnell wird klar, dass der Täter, ein Außenseiter, der von seinen Mitschülern gemobbt wurde, nicht vorhatte, sich selbst umzubringen. Dafür spricht die Tatsache, dass er die Schuld einem Mitschüler in die Schuhe schieben wollte und sich vermummte, um nicht erkannt zu werden. Außerdem gibt es einen Zeugen, der ihn mit einer anderen Person hat reden hören. Ein Mittäter? Und wenn ja, hat dieser Nikolas Hrubesch mit Absicht getötet?

Die Wiesbadener Polizei ermittelt auf einmal nicht nur wegen des Amoklaufs, sondern auch wegen vorsätzlichen Mordes. Hendrik Verhoeven und seine junge Kollegin Winnie, die sich immer noch nicht so recht im neuen Team eingelebt hat, suchen nach möglichen Motiven für den Amoklauf und überprüfen die These eines zweiten Täters. Dabei stochern sie in einem Sumpf von Mobbing und Intoleranz herum. Da zwei der getöteten Schüler dafür bekannt waren, gerne auf ihren Mitschülern herumzuhacken, vermuten die Polizisten, dass der Zweittäter es explizit auf die beiden abgesehen hätte. Sie beginnen, im Umfeld der Getöteten zu ermitteln, doch es ist schwierig, durch den Mobbingsumpf durchzublicken …

Silvia Roth schreibt nicht alleine über den Tathergang und die Ermittlungen, sondern widmet auch dem Privatleben der Ermittler und den Überlebenden sehr viel Raum. Daraus ist ein über 500 Seiten starkes Buch geworden, dem man vorwerfen kann, ab und an den roten Faden zu verlieren. Gerade am Anfang geht die Autorin mehr auf das Leben der Ermittler als auf die Tat ein, und auch danach widmet sie den Gedanken und Gefühlen der Überlebenden beinahe mehr Raum als den eigentlichen Ermittlungen. Der Kriminalfall an und für sich ist daher eine zweischneidige Sache. Obwohl der Ausgangspunkt – die Vermutung eines zweiten Täters – sehr interessant ist, wird er nicht besonders konsequent umgesetzt. Der Verlauf der Geschichte deutet kaum auf den richtigen Täter hin, weshalb die Auflösung des Rätsels reichlich überraschend kommt – und auch nicht unbedingt glaubwürdig wirkt.

Die belletristischen Einschübe lassen das Talent der Autorin erkennen, denn sie zeichnen sich durch präzise Charakterbeschreibungen aus. Gefühle und Gedanken der Personen werden sehr anschaulich dargestellt, so dass man sie gut nachvollziehen kann. Besonders Winnie Heller ist interessant, da sie eine bewegte Vergangenheit hat und ihre inneren Konflikte gut dargestellt werden. Immer wieder lustig sind auch Hendrik Verhoevens Gedanken über den dicken, verzogenen Freund seiner fünfjährigen Tochter Nina. Ansonsten bleibt der Kommissar im Gegensatz zu seiner Kollegin leider etwas farblos. Auch andere Charaktere hätten etwas mehr Trennschärfe vertragen können. Zwei der Überlebenden des Amoklaufs sind beispielsweise nur schlecht voneinander zu unterscheiden, da ihre Gedankengänge zu ähnlich wirken.

Lobenswert ist der Schreibstil, der alle Elemente des Buches – den Kriminalfall, die Personenstudien, den Tathergang – gekonnt verbindet, ohne dass Bruchstellen entstehen. Silvia Roth flicht bei den Kapitelanfängen häufig Zitate von Mitschülern oder fiktive Zeitungsüberschriften ein und erweitert so den Blick auf das Geschehen um eine weitere Perspektive. Die Autorin schreibt eher nüchtern, ihre Wortwahl ist sicher und lässt keine Wünsche offen.

An und für sich bietet sie dadurch eine gute Grundlage für einen spannenden Kriminalroman, der sich auf die Lösung des Falls konzentriert. Leider franst „Querschläger“ aufgrund der ermittlungsirrelevanten Episoden stark aus. Obwohl diese stellenweise ein hohes literarisches Niveau vorweisen können, stimmt die Mischung zwischen Belletristik und Krimi in diesem Fall nicht ganz.

|511 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-455-40128-8|
http://www.hoca.de

Siegel, James – Lügenspiel

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er mal die Wahrheit spricht – dieses Sprichwort aus dem Volksmund beschreibt in einem Satz, worum es in „Lügenspiel“, dem aktuellen Thriller von James Siegel, geht. Protagonist Tom Valle ist ein ehemaliger Starjournalist, dessen Ruhm auf erfundenen Storys aufbaute – bis man ihm auf die Schliche kam. Nun lebt er in einem abgelegenen Nest namens Littleton und arbeitet für die dortige Lokalzeitung. Anders als erwartet kann dies jedoch überaus nervenaufreibend sein …

Toms beschauliches Berufsleben spielt sich zwischen der Berichterstattung über kleine Autounfälle und den Geburtstagswünschen für die ältesten Bewohner des Ortes ab. Doch er kann froh sein, dass er diesen Job überhaupt bekommen hat. Sein „Ruhm“ eilt ihm nämlich immer noch voraus. Er ist bekannt als der lügende Journalist, und niemand möchte glauben, dass er sein Leben tatsächlich herumgedreht hat.

Eines Tages gibt es einen Verkehrsunfall, bei dem ein gewisser Dennis Flaherty ums Leben kommt. Die Leiche, die unter diesem Namen begraben wird, gehört aber nicht einem Weißen, sondern einem Afroamerikaner mit unklarer Identität, wie Tom herausfindet. Selbstverständlich glaubt ihm niemand, auch nicht, als er glaubt, den Namen des Schwarzen herausgefunden zu haben – Benjamin Washington, Sohn von Belinda Washington, die er zu ihrem 100. Geburtstag im Altersheim besucht hat.

Offiziell ist Benjamin bei einer Flutkatastrophe in Littleton Flats vor fünfzig Jahren ums Leben gekommen. Damals brach ein Staudamm und spülte das kleine Dörfchen mit seinen über 800 Einwohnern weg. Niemand in Littleton möchte darüber reden, doch Tom erfährt, dass John Wren, sein Vorgänger, an genau dieser Sache dran war – und dann verrückt wurde und in den Wald in ein Blockhaus zog. Tom wittert eine große Story und macht sich auf die Suche nach John Wren, Benjamin Washington – und der Wahrheit über eine Katastrophe vor fünfzig Jahren. Dumm nur, dass jemand verhindern möchte, dass er recherchiert, und auch nicht davor zurückschreckt, sein Leben zu bedrohen …

„Lügenspiel“ ist eines jener Bücher, die sich direkt an die Leser wenden und wie aus der Erinnerung des Protagonisten geschrieben wirken. Da dieser Journalist ist, ist die Geschichte entsprechend gut aufbereitet und sorgt mit Rückblenden in die Vergangenheit, Vorgriffen in die Zukunft und sorgfältig gesetzten, bodenständigen Metaphern für Lesegenuss. Der Autor James Siegel schafft es anhand seines Schreibstils tatsächlich, dem Leser das Gefühl zu vermitteln, Tom Valle bei seinen Erlebnissen über die Schulter zu sehen und nur dessen subjektive Sichtweise serviert zu bekommen. Man macht sich dadurch automatisch Gedanken während der Lektüre, denn Tom Valles Leumund ist aufgrund seiner Vergangenheit selbstverständlich nicht der beste. Soll man ihm glauben oder soll man ihm nicht glauben? Der Autor beantwortet diese Frage nicht, sondern überlässt dies dem Leser.

Dieser wird Tom Valle vermutlich Glauben schenken, so ausgefallen die Story auch ist. Tom kommt nämlich trotz seiner Fehler sehr glaubhaft und sympathisch rüber. Auf den ersten Blick wirkt er wie einer dieser typischen abgestürzten Karrieretypen, die alleine wohnen und zu viel Alkohol trinken. Die neue, unglaubliche Geschichte rettet ihn quasi aus seiner Lethargie, wenn auch nicht unbedingt davor, stellenweise klischeehaft zu wirken. Der Loser, der den Weg zurück ins Leben findet, wurde einfach schon zu oft präsentiert, und Siegel kann diesem nur wenig Neues hinzufügen. Nichtsdestotrotz ist Tom Valle ein netter Erzähler, mit dem man sich identifizieren kann und der sehr gut ausgearbeitet ist. Die anderen Personen wirken ebenfalls realistisch und bodenständig, wenn auch stellenweise mehr wie Kulisse denn wie echte Figuren.

In der Summe ist „Lügenspiel“ jedoch eine sehr runde Sache mit einer harmonischen Personenkonstellation und einem durchgängig spannenden Plot. Die Handlung braucht eine Weile, um in Gang zu kommen, und legt auch kein sonderlich flottes Tempo vor, weiß die Spannung aber zu halten. Während der Anfang noch gut verständlich ist, wird das Buch gegen Ende immer abgedrehter und verliert beinahe den Boden unter den Füßen. Die Betonung liegt auf „beinahe“, denn James Siegel schafft es, der Geschichte trotz der teils absurden Verschwörungstheorien einen realistischen Anstrich zu geben.

James Siegels Geschichte über einen Journalisten, der einer ungeheuerlichen Sache auf die Spur kommt, hat durchaus ihre guten Seiten. Der sympathische Protagonist, der sichere Schreibstil und die gut konstruierte Handlung sorgen für eine Menge Lesespaß. Dieser wird allerdings dadurch beeinträchtigt, dass die Handlung sich an einigen Stellen verheddert und die Personen teilweise etwas stereotyp wirken.

|Originaltitel: Deceit
Übersetzt von Axel Merz
Hardcover, 428 Seiten
ISBN-13: 978-3-431-03751-7|
http://www.ehrenwirth.de

_James Siegel auf |Buchwurm.info|:_

[„Entgleist“ 690
[„Getäuscht“ 2825

Victor Gunn – Der Tod hat eine Chance

Gunn Tod Chance Cover kleinEin dummer Streich auf Kosten der Polizei verwandelt sich in ein für den Verursacher womöglich tödliches Komplott. Hoffen kann er nur auf zwei Beamte von Scotland Yard, die sich nicht auf die falsche Fährte locken lassen wollen … – Altmodischer und ‚gemütlicher‘ britischer Landhaus-Krimi, der seinen obskuren und realitätsarmen Plot mit einiger Verzögerung aber dann geschickt entwickelt: solide Serienware eines einst sehr beliebten und heute vergessenen Vielschreibers. Victor Gunn – Der Tod hat eine Chance weiterlesen

Holt, Anne – norwegische Gast, Der

Der klassische Kriminalroman greift tendenziell in der Frage nach dem Täter nicht vor und identifiziert den Mörder damit bereits in der Einleitung. Nein, in einem Krimi alter Tradition steht formal die Aufklärung des Verbrechens im Mittelpunkt der Geschichte. Der Leser übernimmt die Rolle des Ermittlers und fühlt sich ähnlich wie der literarische Detektiv oder Kriminalbeamte dazu herausgefordert, den oder die Mörder zu ermitteln und zu überführen. Was war das Motiv des Mörders? Worin lagen seine Beweggründe? Welche Indizien und Beweise tauchen auf? Wer gilt als prädestinierter Verdächtiger?

Die britische Autorin Dame Agatha Christi schuf mit ihren beiden ermittelnden Figuren Miss Marple und dem belgischen Hercule Poirot zwei Charaktere der Kriminalliteratur, die noch immer als Vorbilder dienen und an Ruhm nichts eingebüßt haben. Die norwegische Autorin Anne Holt hat nun mit ihrem aktuellen Kriminalroman „Der norwegische Gast“ einen angehenden Klassiker dieses Stils für die |Piper|-Reihe „Nordiska“ verfasst.

_Inhalt_

Alles beginnt mit einem Zugunglück. Der Express von Oslo nach Bergen entgleist, und obwohl es viel schlimmer hätte ausgehen können, so gilt dieser Unfall dennoch als Katastrophe. In Anbetracht der Verhältnisse hatten die Passagiere ein sagenhaftes Glück im Unglück, denn es gab nur ein Todesopfer: den Lokomotivführer; die übrigen 269 Reisenden kommen mit einem Schrecken oder nur leichten Verletzungen wie Hautabschürfungen, Prellungen und dem einen oder anderen Knochenbruch davon.

Das Schlimmste an ihrer Lage ist aber die Geographie. Mitten im Gebirge von Bergen eingeschlossen, werden die verunglückten Passagiere des Zuges 601 von einem Orkan und heftigen Schneefällen festgehalten. Die nächste Ortschaft ist zu weit entfernt, die Straße und Wege sind völlig überschneit, so dass den Reisenden nur das nahe gelegene Berghotel „Finse 1222“ als alternativer Zufluchtsort zur Auswahl steht.

Abgeschnitten von der Umwelt und der Zivilisation, bleibt ihnen nichts anderes zu tun als abzuwarten, bis sich das Unwetter gelegt hat. Doch im Laufe der nächsten Stunden wird der Schicksalsgemeinschaft schnell klar, dass es länger als ein paar Stunden dauern wird, bis Hilfe aus der nächsten Stadt zu ihnen kommen kann.

Die Spannungen in der Gemeinschaft nehmen zu, ebenso die Gerüchte, dass sich vielleicht ein Mitglied der Königsfamilie, die in einem Extra-Wagen gereist sein soll, in den oberen Stockwerken des Hotels befinden. Bewaffnete Sicherheitsleute scheuchen jeden neugierigen Besucher freundlich, aber bestimmt fort. Die Ärzte, die auf einem Weg zu einem Kongress waren, kümmern sich um die Leichtverletzten, und die Hotelangestellten haben alle Hände voll zu tun, um die vielen Menschen auf engstem Raum zu versorgen und vor allem zu beruhigen.

Unter den Passagieren ist neben einem bekannten Fernsehprediger auch die ehemalige Kommissarin Hanne Wilhelmsen. Diese war vor Jahren in einer Schießerei geraten und eine Kugel zerfetzte ihr Rückenmark, so das sie seit mehreren Jahren von der Hüfte ab gelähmt und auf ihren Rollstuhl angewiesen ist. Durch ihre Behinderung ist die frühere Beamtin launisch, verbittert und recht eigensinnig und anstrengend geworden.

Die angespannte Situation spitzt sich weiter zu, als der bekannte Fernsehprediger Cato Hammer erschossen aufgefunden wird. Es war eindeutig Mord, und Hanne ermittelt gegen ihren Willen, denn sie glaubt, dass die Polizei den Mord schnell aufklären kann, schließlich gibt es nur eine begrenzte Anzahl von potenziellen Tätern und auch der Tatort ist ja eher auf ein minimalen Umkreis eingeschränkt.

Doch die anfängliche Panik steigert sich und die Schicksalsgemeinschaft teilt sich in mehrere Lager auf. Einige Reisende sind abgeklärt und gelassen, andere hingegen befinden sich auf dem Weg in eine panische Hysterie und die nächsten wiederum versuchen sich als Anführer zu profilieren.

Das Unwetter wird nicht besser, eher im Gegenteil. Je stärker der Orkan an dem vom Schnee eingeschlossenen Hotel rüttelt, desto unruhiger werden die dort Eingeschlossenen. Hanne ist sich dessen bewusst und hofft, dass schnellstens der Mörder unter ihnen gefasst wird oder Rettung naht, sonst könnte es innerhalb von „Finse 1222“ zu einer wahren Katastrophe kommen.

Hanne Wilhelmsen – unterstützt von einem Arzt mit enormen Wissen und einem charismatischen Anwalt sowie der Hotelmanagerin – beginnt zu ermitteln, und als sie glaubt, einen Zeugen der Mordtat zwischen den Passagieren aufgespürt zu haben, wird dieser erstochen aufgefunden …

_Kritik_

„Der norwegische Gast“ von Anne Holt ist ein klassischer Kriminalroman, ganz im Stil der bereits erwähnten britischen Autorin Agatha Christi. Die Geschichte wird dabei aus der Perspektive der kauzigen Hanne Wilhelmsen geschildert. Mit vielen humoristischen Zwischenbemerkungen und Vergleichen durchsetzt, liest sich der Roman flüssig und fesselnd.

Anne Holt hat aber ihr Hauptaugenmerk auf den Ausbau und die Darstellung der verschiedenen Persönlichkeiten gerichtet. Es gibt etwa fünfzehn Personen, denen mit all ihren menschlichen Eigenarten eine literarische Seele eingehaucht wird. Dabei geht die Autorin sehr ins Detail, jedoch tut dies dem Spannungsbogen keinen Abbruch, sondern vertieft ihn nur. Die Protagonisten wirken derart gut konzipiert, dass der Leser deren Schicksal und ihre Ängste und Hoffnungen gut nachempfinden kann. Die ganze Story erscheint überhaupt recht realitätsnah und wird nicht übertrieben oder gar verworren.

Spannend sind nicht nur die Ermittlung des Täters, sondern auch die Beziehungen der eingeschlossenen Personen untereinander. Wer kennt wen? Wer verheimlicht etwas? Mit der Tragik der Abgeschiedenheit, der Angst und der Panik, aber auch dem Überlebenswillen und der Hoffnung legt die Autorin viel Wert auf die Dialoge ihrer sympathischen Figuren.

Ein Krimi ist nun allerdings kein Thriller, sodass hier angenehm wenig Blut fließt und auch die Spannung zwar vorhanden ist, nicht aber über die ganze Handlung dominant wirkt. Der Leser ist wirklich angehalten, sich selbst Gedanken zum Motiv und dem Ablauf des Mordes zu machen. Mit jedem Kapitel summieren sich die Hinweise, so dass der Leser erst zum Schluss mit der Auflösung des Rätsels konfrontiert wird.

Anne Holts Stil ist authentisch und sehr detailreich. Über die Hauptperson, die im Rollstuhl sitzende Hanne Wilhelmsen, erfährt man viel Persönliches, sodass man durchaus das Gefühl bekommt, die Figur schon länger zu kennen oder auch mitten unter den Eingeschlossenen zu sein und alles zu beobachten. Etwas paradox verhält es sich dabei aber, dass man sich zwar Hanne nahe fühlt, zugleich aber an ihrer Gedankenwelt keinen unmittelbaren Anteil hat. Ihre Ermittlungen, Vermutungen und Verdächtigungen behält sich fast gänzlich für sich, sodass der Leser ihr aus einer bestimmten Distanz nicht folgen kann, selbst wenn er das versucht. Einerseits erzeugt dieser Dreh Spannung und motiviert den Leser dazu, selbst aktiv zu werden, andererseits kann das Konzept schon etwas befremdlich wirken.

_Fazit_

Anne Holts skandinavisches Ich spiegelt sich gut in „Der norwegische Gast“ wider. Von Norwegen und seinen Menschen und nicht zuletzt dem Wetter erfährt der Leser – für einen Kriminalroman – recht viel, und die Autorin macht sich oftmals schelmisch im positiven wie auch negativen Sinne über ihre Landsleute lustig. Objektive Selbstkritik ihrer Figuren gibt ihre Liebe und Verbundenheit zu Norwegen gut wieder.

„Der norwegische Gast“ ist ein Lesevergnügen à la Miss Marple, die wie es mir erschien, eine Großmutter von Hanne Wilhelmsen gewesen sein könnte. Der Schauplatz erinnerte mich sofort an [„Mord im Orientexpress“, 1844 in dem es auch ein ähnliches Szenario aufzuklären gab. Ein Mord, eine eingeschränkte Lokalität und jeder könnte der Mörder sein – ein Whodunit klassischer Zusammenstellung. Die Zutaten für diese Art von Geschichte sind daher zwar nicht neu, aber doch gekonnt an den richtigen Stellen platziert.

Dieser Krimi ist für jedem Fan zu empfehlen, und man sollte sich die Lektüre keinesfalls entgehen lassen, erst recht nicht, wenn man ohnehin gerne [Whodunits]http://de.wikipedia.org/wiki/Whodunit oder nordische Krimis liest und sich in den skandinavischen Ländern mit ihrer Lebensart wohlfühlt.

_Die Autorin_

Anne Holt, geboren 1958 in Larvik, wuchs in Norwegen und in den USA auf. Als freie Autorin lebt sie heute mit ihrer Familie in Oslo. Ihre Kriminalromane werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und machen sie zu einer der erfolgreichsten skandinavischen Autorinnen weltweit. Zuletzt erschienen von ihr „Was niemals geschah“ und „Die Präsidentin“.

|Originaltitel: 1222|
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
317 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-492-04693-0|
http://www.piper-verlag.de

_Anne Holt auf |Buchwurm.info|:_

[„Was niemals geschah“ 1971
[„Die Wahrheit dahinter“ 1523

Seamark – Das Kokainschiff

seamark kokainschiff cover kleinIn London treiben Rauschgiftschmuggler ihr Unwesen. Kopf der Bande ist ein verschlagener Kapitän aus dem Fernen Osten, der vor Entführung und Mord nicht zurückschreckt, bis ihm wackere Polizisten und mutige Bürger das Handwerk legen … Reizvoll naiver Groschen-Krimi, der politisch völlig unkorrekt aber spannend zeitgenössische Klischees in eine schaurig-schöne, rasante Story packt und die Hafenkulisse Londons gut zu nutzen weiß: ein Lesevergnügen aus eindeutig vergangener Zeit. Seamark – Das Kokainschiff weiterlesen

Adams, Poppy – Wer die Ruhe stört

Die siebzigjährige Virginia Stone lebt von Geburt an auf Bulborrow Court, dem ländlichen Herrenhaus ihrer Eltern. Wie ihr Vater, hat auch sie ihr Leben der Schmetterlingsforschung verschrieben. Clive Stone war ein ehrgeiziger Wissenschaftler, Mutter Maud eine naturverbundene Umweltaktivistin. Virginias jüngere Schwester Vivien hat das Elternhaus bereits in jungen Jahren verlassen und ist nach London gegangen.

Schon früher waren die Schwestern, obwohl eng befreundet, sehr gegensätzlich – Ginny die ordnungsliebende Forscherin, Vivi die impulsive Chaotin. Jetzt kommt Vivien überraschend nach Jahrzehnten wieder zu Besuch. Nach der ersten Wiedersehensfreude ist Virginia vor allem misstrauisch. Sie fühlt sich durch die Anwesenheit ihrer Schwester irritiert; zu sehr hat sie sich an die Einsamkeit gewöhnt und hasst jede Störung ihrer Ruhe.

Während Virginia über den wahren Grund der Wiederkehr ihrer Schwester nachgrübelt, versinkt sie in Erinnerungen an ihr Leben mit Vivien vor über vierzig Jahren. Sie erinnert sich an glückliche Tage in ihrer Kinderzeit und Jugend – aber auch an dunkle Familiengeheimnisse, die sie längst verdrängt geglaubt hat und die nie wieder an die Oberfläche kommen sollten …

Ein abgelegenes Herrenhaus, eine verschrobene Besitzerin und dunkle Familiengeheimnisse – dies sind die bewährten Zutaten, die sich Poppy Adams für ihren Debütroman zurechtgelegt hat.

|Spannung auf mehreren Ebenen|

Gleich mehrere Fragen fesseln den Leser, sowohl in der Gegenwart als auch im Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielt. Schon früh ist erkennbar, dass Virginia sich zwar über das Wiedersehen mit Vivien freut, dass aber auch Spannungen und viel Unausgesprochenes in der Luft liegen und es womöglich zu einem Streit mit ungewissem Ausgang kommen mag. Nach und nach wird das anfänglich gezeichnete Bild von der Idylle einer wohlhabenden Forscherfamilie zerstört, indem immer mehr Enthüllungen aus der Vergangenheit ans Tageslicht geholt werden. In ihrer Liebe zu Vivi verwickelt sich die junge Ginny in eine verhängnisvolle Aufgabe, und man ahnt, dass das Vorhaben der beiden Schwestern ein böses Ende nehmen muss. Auch über dem Tod der Mutter liegt ein Schatten und Ginny muss sich nach all den Jahren mit einer möglichen neuen Ursache auseinandersetzen.

|Interessante Charaktere|

Lange Zeit sind es vor allem die Gegensätze zwischen den Schwestern, die für Faszination sorgen. Da ist die lebhafte Vivien, stets unbekümmert und spontan, die eindeutige Anführerin, obwohl drei Jahre jünger als Virginia. Keine zehn Jahre ist sie alt, als sie beim Spielen von einem Glockenturm stürzt und nur knapp überlebt. Doch anstatt sich zurückzunehmen, bleibt sie ihrer energischen Linie treu, immer die ergebene Schwester im Schlepptau, die gar nicht auf die Idee kommt, der geliebten Vivi einen Wunsch abzuschlagen.

Erfreulicherweise ist Virginia trotz dieser Ergebenheit alles andere als langweilig geraten. Schon früh entdeckt sie ihren Forscherdrang und eifert ihrem berühmten Vater nach. Stundenlang beobachtet sie Raupen und Schmetterlinge, katalogisiert sie, tötet sie zu Untersuchungszwecken. Was Vivien mit der Zeit öde wurde, bleibt bis an Virginias Lebensende ihre Leidenschaft. Auch dem Leser wird die bunte Welt der Schmetterlinge nahegebracht, immer wieder lässt sich Ich-Erzählerin Virginia zu kleinen Abschweifungen hinreißen, die nie ins Belehrende gleiten, sondern eindrucksvoll ihre Liebe zu dieser Wissenschaft unterstreichen.

Die Darstellung der Familienverhältnisse ist angenehm vielschichtig geraten. Anfangs erscheint das Bild harmonisch, doch allmählich beginnt es zu bröckeln. Maud Stone greift vermehrt zum Alkohol, was die entsetzte Virginia krampfhaft vor dem Rest der Verwandtschaft verbergen möchte; Vivien verlässt ihr Elternhaus und bricht mit dem Vater. Trotz der teilweise dramatischen Verwicklungen gibt es auch amüsante Szenarien, vor allem im Zusammenspiel mit Arthur, Vivis Freund und späterem Ehemann. Völlig ahnungslos steht er der Schmetterlingsforschung gegenüber und registriert erstaunt, wie intensiv sich sein Schwiegervater in spe mit dem scheinbar staubtrockenen Thema auseinandersetzt – während dieser nur über die naiven Äußerungen des Schwiegersohns müde lächeln kann.

|Kleine Schwächen|

Ein paar Mankos sind Poppy Adams bei ihrem Debüt dennoch untergekommen. Zum einen vermisst man ein wenig mehr Zeitgeist im Handlungsstrang der Vergangenheit. Die Schwestern werden in den turbulenten Vierzigerjahren geboren, doch von Krieg oder Nachkriegszeit ist nicht viel zu spüren; stattdessen macht die Handlung einen durchweg modernen Eindruck. Zudem kann das Ende nicht ganz die geweckten Erwartungen bestätigen. Die finale Wendung ist zwar schlüssig, lässt aber in der Umsetzung Atmosphäre vermissen, und vor allem Virginia erscheint in ihren Handlungen seltsam steril. Aufgrund der vorherigen Enthüllungen und der sich stetig steigernden Spannung erhofft man sich unwillkürlich einen Knalleffekt am Schluss – aber vergebens, denn eine wirkliche Überraschung tritt nicht ein.

_Als Fazit_ bleibt ein solider Debütroman, der eine dramatische Familiengeschichte mit Thrillerelementen verbindet. Die Charaktere sind gut gelungen, die Handlung ist spannend inszeniert. Kleine Abzüge gibt es für das verhältnismäßig unspektakuläre Ende.

_Die Autorin_ Poppy Adams, Jahrgang 1974, studierte Naturwissenschaften und arbeitete als Dokumentarfilmerin für |BBC|, |Channel 4| und |The Discovery Channel|. Das vorliegende Buch ist ihr erster Roman. Sie lebt mit ihrer Familie in London.

|Originaltitel: The Behaviour of Moths
Übersetzung von Rita Seuß
368 Seiten, gebunden|
http://www.hoca.de

Henn, Carsten Sebastian – Tod und Trüffel

Spätestens seit dem tierisch guten Tierkrimi [„Glennkill“ 1583 oder dem Klassiker „Felidae“ sind uns Tiere als Krimi- und Romanhelden nicht mehr fremd. Was lag da näher, als den besten Freund des Menschen zum ermittelnden „Beamten“ zu erheben, und dies zudem noch in einer ausgesprochen idyllischen Gegend? Genau diese Idee hat Carsten Sebastian Henn mit seinem Hundekrimi aus dem Piemont in die Tat umgesetzt, doch die Messlatte liegt seit den liebenswerten schafigen Krimihelden ausgesprochen hoch …

_Die Spürnasen ermitteln_

Das [Italienische Windspiel]http://de.wikipedia.org/wiki/Italienisches__Windspiel Niccolò lebt bei einer Familie im beschaulichen Örtchen Rimella im Piemont. Doch eines Tages ist alles anders: Die Menschen sind verschwunden! Niccolò macht sich auf die Suche nach seinen Freunden und Bekannten und findet – nichts! Als er seine Hundefreundin Cinecitta schließlich doch noch entdeckt, stürzt über den beiden die Welt zusammen. Niccolò kann sich retten, doch Cinecitta wird verschüttet. In jenem Moment, in dem Niccolòs Welt buchstäblich zusammenbricht, tauchen Wölfe auf und jagen das junge Windspiel. Niccolò rennt um sein Leben und kann seine Verfolger schließlich abschütteln. Allerdings verirrt er sich dabei und findet den Weg nicht mehr zurück nach Rimella. Bald fällt ihm aber die Lösung ein: Er muss Giacomo finden, den legendären Trüffelhund, der mit seiner Spürnase praktisch alles findet. Also begibt Niccolò sich nach Alba, wo er Giacomo aufsucht.

Giacomo führt ein angenehmes Leben in Alba; zwar findet er nicht immer Leckereien zum Naschen, doch kennt er eine Weinhändlerin, die ihm abends den köstlichsten Wein bereitstellt, der tagsüber nicht ausgetrunken wurde. So schwelgt Giacomo oftmals in weinseligen Träumen, die ihm der edle Barolo beschert hat. Als das aufgeregte Windspiel bei ihm auftaucht, braucht es daher einige Überredungskunst, um Giacomo aus seinem Leben herauszureißen. Als er jedoch einen Menschen beißt und selbst verfolgt wird, verlässt er Alba freiwillig und begibt sich mit Niccolò zusammen nach Rimella.

Dort haben derweil die Wölfe die Stadt erobert. Nirgends ist ein Mensch zu finden, dafür vergrößern die Wölfe ihr städtisches Territorium. Über allem wacht der gefährliche Grarr, der nicht einmal vor Brudermord zurückschreckt. Aber die Leitwölfin Laetitia beginnt Grarr zu durchschauen. Sie sucht nach ihrem Geliebten Aurelius, den Bruder Grarrs, der dessen teuflischen Plänen zum Opfer fiel, doch das weiß Laetitia zunächst noch nicht.

Die Biologin Isabella hat gemeinsam mit ihrer verwöhnten Hündin Canini ihr Lager nahe Rimella aufgeschlagen, um die Wölfe zu beobachten und vor allem vor den fiesen Attacken Tarcisio Burgnichs zu bewahren. Als Niccolò ihr das Leben rettet und sie im Gegenzug das Gleiche für ihn tut, entdeckt das junge Windspiel die perfekte Verbindung zwischen sich und der Biologin: Er kann ihre Gedanken lesen, doch was er da entdeckt, gefällt ihm gar nicht, denn er möchte Rimella lieber wieder für sich, die Hunde und die Menschen haben, vor den Wölfen hat er schreckliche Angst. Wieso will Isabella diesen gefährlichen Tieren also helfen? Was er nicht ahnt, ist, dass Burgnich ganz eigene Pläne für das kleine Städtchen hat, und nicht alle Lebewesen haben Platz in seinen Plänen …

_Tierische Helden_

„Tod und Trüffel“ spricht schon auf den ersten Blick an. Das farbenfrohe Cover zieren die beiden Helden unserer Geschichte – der legendäre Trüffelhund Giacomo mit seiner verschrobenen Nase und das kleine, zierliche und etwas ängstliche Windspiel Niccolò. Im Hintergrund sehen wir noch Teile der Stadt Rimella, die ein großes Unglück ereilt hat. Im gleichen Maße, wie die Menschen verschwinden, breiten die Wölfe sich dort aus und sichern ihr Territorium gegen Mensch und Hund.

Das gefällt Niccolò natürlich überhaupt nicht. Unterstützt von Giacomo und seinen alten hündischen Freunden, die sich noch aus der Stadt retten konnten, sagen sie den Wölfen den Kampf an, erst recht, nachdem Niccolò erfährt, was aus seinem Herrchen geworden ist. Während Niccolò manchmal etwas verzagt ist, wirkt Giacomo mitunter etwas phlegmatisch, was durchaus auch am Genuss diverser Köstlichkeiten wie Trüffel und Wein liegen kann, die ihm die Sinne benebeln.

Carsten Sebastian Henn präsentiert uns hier tierisch gute Helden, wie man sie leider nur selten zu lesen bekommt. Obwohl es bis auf wenige Ausnahmen nur tierische Charaktere gibt, tragen sie doch alle allzu menschliche Züge. Da wäre das kleine Windspiel Niccolò, das alles verliert, aber trotzdem nicht aufgibt. Niccolò trottet durch die Lande, um den Trüffelhund zu finden, der ihm helfen kann, zurück in seine Heimat und zu seinen Menschen zu finden.

Niccolò mausert sich im Laufe der Geschichte zu einem mutigen Helden, der am Ende sogar eine ganze Hundemeute anführt, die Rimella zurückerobern will. Als er schließlich die perfekte Verbindung zu Isabella entdeckt, scheint fast alles makellos, wäre da nicht die überaus eifersüchtige und verzogene Hündin Canini, die Isabella natürlich für sich allein haben möchte. Auch diese Zickereien dürften aus dem wahren Leben nicht allzu unbekannt sein.

Ganz anders Giacomo, der in seinem Hundeleben schon einige harte Schicksalsschläge erleiden musste. Erst verliert er sein Herrchen, mit dem er immer die allerbesten Trüffel gefunden hat, um dann zu einem Herrchen zu kommen, das ihn misshandelt. Aber Giacomo lässt sich nicht unterkriegen und flüchtet in ein Leben ohne Menschen. Ihm reicht es schon, ab und an verschiedene Leckereien aufzutun und das Leben und all seine Vorzüge zu genießen. Hier treffen also die unterschiedlichsten Charaktere aufeinander, die man einfach auf Anhieb liebgewinnen muss.

Den Hunden gegenüber stehen die Wölfe, die natürlich deutlich gefährlicher und rücksichtsloser charakterisiert werden. Aber auch bei den Wölfen gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel den weisen Aurelius, der allerdings den Intrigen seines Bruders zum Opfer fällt, doch Laetitia will ihn rächen und Grarrs Herrschaft beenden. Auf sich allein gestellt, trotzt sie den Schergen Grarrs und findet Unterstützung durch ihren Sohn Vespasian, der nicht ahnt, dass Aurelius sein Vater war.

_Verstricktes_

Rimella hat ein großes Unglück ereilt, die Menschen sind verschwunden und die Wölfe haben Einzug in die Stadt genommen. Doch was ist eigentlich wirklich passiert? Was steckt hinter all dem? Das sind die Fragen, um die sich praktisch alles dreht, denn die Hunde der Stadt verstehen nicht, was vorgefallen ist und wohin ihre Menschen einfach verschwinden konnten, ohne sie mitzunehmen. Um zu verstehen, was vorgefallen ist, braucht es allerdings erst Isabella und ihr menschliches Gespür.

Carsten Sebastian Henn macht viele Baustellen auf, um die sich seine Romanhandlung dreht. Wir lernen die verschiedensten handelnden Figuren kennen und erfahren, was sie vorhaben, denken und planen. Allerdings dauert es arg lange, bis wir beginnen, hinter die Fassade zu schauen und zu verstehen, was vorgefallen ist. Mir persönlich waren es deutlich zu viele Handlungsstränge für das mit gut 300 Seiten doch recht schmale Büchlein.

So verfolgen nicht nur die jeweiligen Rassen ihre eigenen Pläne, sondern sie splitten sich auch untereinander auf. Die Hunde wollen nahezu geschlossen ihre alte Heimat zurückerobern. Isabella möchte die Wölfe retten, durchschaut allerdings noch nicht ganz Burgnichs Pläne. Am schlimmsten ist es bei den Wölfen, die völlig auseinanderdriften. Da ist einmal Grarr, der alle anderen Wölfe befehligt und stets begleitet wird von seinen schaurigen Schergen. Wie wir später erfahren, verfolgen diese allerdings ihre ganz eigenen Pläne. Sie alle hören aber auf die Mutter aller Wölfe, deren Stimme in einer Höhle zu ihnen spricht und sie an die Legende von Romulus und Remus erinnert. Laetitia will Grarr stürzen und die Wölfe zurück in den Wald locken. Vespasian, der zunächst ein treuer Gefährte Grarrs ist, hilft Laetitia später mehr und mehr. Aber auch Aurelius verfolgte bereits eigene Pläne.

Insgesamt ist das alles kaum zu durchschauen. So findet die Handlung an zu vielen Schauplätzen statt, wodurch man leicht den roten Faden zu verlieren droht. Sicherlich waren nicht alle Handlungsstränge notwendig, um eine spannende Geschichte zu stricken. Sinnvoller wäre es meiner Meinung nach gewesen, sich auf wenige Handlungsstränge zu beschränken und dafür viel früher Informationen einzustreuen, die den Leser auf die Fährte einer möglichen Lösung locken. Doch Henn tut dies leider nicht. Er verfolgt die verschiedenen Geschichten und verliert dabei aus den Augen, dem Leser mitzuteilen, was eigentlich in Rimella geschehen ist. Das mindert dann auch irgendwann die Spannung, weil man zwar mit den tierischen Charakteren mitfiebert, aber gar nicht mehr genau weiß, was eigentlich Sache ist.

_Tierisch gut?!_

Unter dem Strich gefällt „Tod und Trüffel“ trotzdem gut. Insbesondere die tierischen Charaktere überzeugen auf ganzer Linie. Mit den beiden sympathischen Hunden Niccolò und Giacomo steht und fällt alles, und da man sie richtig ins Herz geschlossen hat, funktioniert auch das Buch als Ganzes irgendwo. Inhaltlich wäre weniger aber durchaus mehr gewesen. Lesen lässt sich das Buch dennoch prima; die Sprache ist einfach, beschreibt die Situationen aber immer so treffend, dass man sich in die Szenen hineinversetzen kann. Der Roman macht neugierig auf weitere Hundekrimis, denn wie es mit unseren beiden Hundehelden weitergeht, möchte ich jetzt natürlich schon wissen!

|336 Seiten, gebunden|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc/

Baden, Michael / Kenney, Linda – Skalpell N° 5

Michael Baden und Linda Kenney, die Autoren von „Skalpell N° 5“, wissen, wovon sie reden: Er ist Gerichtsmediziner und sie Anwältin für Bürgerrechte – genau wie die gegensätzlichen Protagonisten des ersten gemeinsamen Krimis.

Diese sind die junge, energische Bürgerrechtsanwältin Manny mit Herz und verwöhntem Hund sowie der erfahrene, bedächtige Pathologe Dr. Jack Rosen. Manny kann Jake eigentlich nicht mehr riechen, seit er sie in einem Prozess, bei dem sie sich auf verschiedenen Seiten der Anklagebank befanden, blamiert hat. Als er sie jedoch um Hilfe bei einem verzwickten Fall bittet, hilft sie ihm nicht nur, weil ihre anwaltlichen Fähigkeiten gefragt sind. Immer wieder ertappt sie sich bei Gedanken, die mit der Verführung von Jake zusammenhängen, auch wenn ihre schlagfertigen Antworten zumeist etwas anderes zeigen.

Der Fall rückt bei der gegensätzlichen Liebelei zum Glück nicht in den Hintergrund. Dr. Pete Harrigan, der Gerichtsmediziner von Turner und Jakes ehemaliger Mentor, ruft Jake an, damit er ihm hilft, die Knochen zu identifizieren, die beim Bau eines Einkaufszentrums in Turner gefunden wurden. Es stellt sich heraus, dass die Knochen eben kein alter Indianerfriedhof, sondern relativ jung sind und zu vier verschiedenen Gerippen gehören.

Bei seinen Ermittlungen entdeckt Jake, dass einer der Toten ein ehemaliger Soldat ist, der nach dem Krieg in eine psychiatrische Anstalt kam. Er sucht die Angehörigen des Opfers auf und kann sie überzeugen, mit Mannys Hilfe Klage gegen den Staat einzureichen. Doch der Kampf für Gerechtigkeit währt nicht lange. Erst stirbt Pete Harrigan, dann wenig später seine Haushälterin, und schließlich ziehen die Angehörigen die Klage zurück. Es scheint, als ob jemand Druck auf sie ausgeübt hat, doch wer? Die Bauherren des Einkaufszentrums, die die zeitliche Verzögerung nicht unbedingt schätzen? Oder gibt es jemandem im Hintergrund, der unbedingt verhindern möchte, dass die Wahrheit über die Skelette zum Vorschein kommt? Würde dieser Jemand so weit gehen, Pete und dessen Haushälterin brutal zu ermorden?

Zugegeben, am Anfang wirkt „Skalpell N° 5“ so langweilig und zäh wie viele amerikanische Krimis. Es dauert einige Seiten, bis die Geschichte in Schwung kommt und die Figuren nicht mehr wie abgekupfert wirken. Hat man diese Durststrecke hinter sich gebracht, findet man einen sehr spannenden, wendungsreichen Kriminalroman vor, der häufig überrascht. Die Frage nach dem Mörder wird erst am Ende geklärt, wie es sich gehört, obwohl es genug Fährten in diese Richtung gibt. Die Autoren legen zusätzlich noch andere Spuren aus, so dass der Leser mit seinen Verdächtigungen zwischen den einzelnen Personen hin und her springt. Jeder scheint Dreck am Stecken oder ein Motiv zu haben. Das Autorenduo schafft es zwar nicht immer zu fesseln, aber die Handlung ist sauber und spannend konstruiert und lädt zum Weiterlesen ein. Die Schnipsel aus dem Privatleben der Autoren – hauptsächlich romantischer Natur – werden elegant eingebaut und wirken nicht störend, wie das in anderen Büchern dieser Machart der Fall ist.

Die Personen bedürfen ebenfalls einer gewissen Aufwärmzeit. Der Einstieg in das Buch gelingt Baden und Kenney nicht besonders gut. Manny wird als arrogante, luxusverliebte Zicke mit eiskaltem Mundwerk dargestellt, Jake als ruhiger, langweiliger Wissenschaftler. Damit unterscheiden sie sich nur wenig von Charakteren ähnlicher Bücher. Erst mit der Zeit durchbrechen die Autoren diese anfängliche Oberflächlichkeit und zeigen, dass die beiden Hauptpersonen eben nicht nur reine Klischees sind. Manny ist nicht so luxusverwöhnt, wie es scheint, und Jake kein vertrottelter Gerichtsmediziner. Diese Unterschiede zu den gängigen Klischees hätten ruhig ein wenig besser herausgearbeitet werden können, da sie immer noch zu schwach sind, um „Skalpell N° 5“ wirklich originell zu machen.

Der Schreibstil an und für sich ist sehr nüchtern. Dank der guten Recherche der Autoren können sie mit vielen Fachbegriffen aufwarten und erklären diese auch. Überhaupt ist die sorgfältige Ausarbeitung der Obduktionen und Jakes Wissen ein großer Pluspunkt der Geschichte. Baden schafft es tatsächlich, interessante Dinge, die dem Leser nicht unbedingt bekannt sind, einzuflechten und so das Interesse wachzuhalten. Das ist insbesondere deshalb gut, weil der Roman sehr trocken und sachlich wirkt und sprachlich kaum berührt – wenn es nicht die Dialoge und Mannys Gedanken gäbe. Die Dialoge sind spritzig und schlagfertig, Mannys Gedanken sind sarkastisch und häufig angenehm überdreht. Die quirlige junge Frau bringt dadurch eine Menge Leben in das Buch, was dieses von der anfänglichen Lethargie befreit.

Hat man den trockenen Anfang erst einmal überwunden, kann man „Skalpell N° 5“ nur schwer aus der Hand legen. Die Handlung ist wider Erwarten spannend und überraschend, während die Personen sich, wenigstens stellenweise, originell präsentieren. Vor allem Mannys Charakter und ihre Dialoge hieven das Buch über die Hürde des guten Durchschnitts und machen Hoffnung auf weitere Bände mit dem gegensätzlichen Ermittlerduo.

|Originaltitel: Remains Silent
Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Taschenbuch, 318 Seiten|
http://www.heyne.de

Sylvain, Dominique – Letzte Show

Das Duo Infernale, das bereits in [„Die Schöne der Nacht“ 3246 das Pariser Kriminellenleben unsicher gemacht hat, ermittelt erneut. Dominique Sylvains Debütkrimi konnte auf ganzer Linie überzeugen, was vor allem dem genialen Ermittlerduo – bestehend aus der pensionierten Kriminalkommissarin Lola Jost, die ihre Nase einfach überall reinstecken muss, und der Masseurin und Stripperin Ingrid Diesel – geschuldet war, die sich einfach herrlich ergänzten und wunderbare Eigenarten offenbarten. Umso gespannter und erwartungsfroher war ich nun, als ich Sylvains zweiten Krimi aufgeschlug.

_Ein letzter Tanz_

Alice Bonin ist eine geniale Tänzerin, wenn auch nur eine durchschnittliche Schauspielerin. Ihr Geld verdient sie sich als Britney-Spears-Double, und ihr jüngster Auftrag führt sie in den Hochhausturm des Astor Maillot Luxushotels. Noch ahnt sie nicht, dass sie bald für Schlagzeilen sorgen wird, und zwar durch ihren Sturz aus dem 34. Stock, der live auf Video gebannt wird. Nichts deutet auf einen Mord, doch warum sollte sich die junge Frau das Leben nehmen? Das fragt sich auch Lola Jost recht bald, die zudem mit Alices Vater befreundet ist und ihm daher diesen Freundschaftsdienst tut und ihre eigenen Ermittlungen anstellt. Das geht natürlich nicht ohne ihre Freundin Ingrid, die nach wie vor als Stripperin des Nachts für Aufsehen sorgt.

Die Ermittlungen führen die beiden in hohe Kreise der Pariser Gesellschaft. Die beiden scheuen sich wieder einmal nicht, sich auch mit mächtigen Personen anzulegen, und so ist Ingrid Diesel auch bald ihren nächtlichen Job los, da sie den falschen Herren auf den Schlips getreten ist. Ein Tatverdächtiger ist Alices Exfreund Diego, dem sie immer noch hinterhertrauerte und der als Krankenpfleger seine Brötchen verdient. Der rassige Südländer fällt auch Ingrid gleich ins Auge, sodass sie gut nachvollziehen kann, dass Alice ihn nicht vergessen konnte. Doch die Dinge sind kompliziert, erst recht, als Ingrid eines Tages in ihrem Kühlschrank eine Hand findet, die von einem dicken Nagel durchbohrt wurde. Alle Spuren führen in genau jenes Krankenhaus, in dem Diego arbeitet. Aber was soll die Hand im Kühlschrank bezwecken und wer hat sie dorthin gelegt? Fragen über Fragen, die sich zu denen gesellen, die Lola und Ingrid sich bereits über Alice stellen.

Neben Alices Exfreund befragen die beiden wagemutigen Frauen natürlich auch Alices ehemaligen Kolleginnen und Chefs, doch nirgends findet sich eine heiße Spur. Bald darauf erwachen Ingrid und Lola gefesselt und wehrlos in einem kargen Raum. Eine mysteriöse Stimme spricht zu ihnen und befragt sie nach Alices Auftraggebern. Zwei Männer haben sie entführt und quälen sie nun mit Elektroschocks, um die beiden Frauen zum Reden zu bringen. Doch so leicht geht das bei ihnen natürlich nicht! Mit einer schauspielerischen Meisterleistung gelingt es Ingrid, sich zu befreien und gemeinsam mit Lola die beiden Männer in Schach zu halten. Einer der Entführer ist schnell identifiziert, und seine Identität führt die beiden Ermittlerinnen endlich auf die richtige Spur. Lola und Ingrid sind schockiert, als sie erkennen, mit welchen Kreisen sich Alice angelegt hat, sodass sie mit ihrem Leben zahlen musste …

_Abgestürzt?_

Endlich versorgt uns Dominique Sylvain mit spannendem Kriminachschub. Wie hatte ich mich auf das Wiedersehen mit dem unvergleichlichen Ermittlerduo Lola Jost und Ingrid Diesel gefreut! Kaum könnten zwei Frauen unterschiedlicher sein als diese beiden. Während Lola eher ein paar Pfunde zu viel durch die Lande schleppt, ist Ingrid durchtrainiert bis zum kleinen Zeh, denn sonst könnte sie schlecht als Stripperin arbeiten. Offiziell fungiert sie weiterhin als Masseuse, doch ihre eigentliche Leidenschaft lebt sie als Gabriella Tiger des Nachts aus. Um Lola Jost nach ihrer Pensionierung wieder zum Ermitteln zu bringen, braucht es nur wenig Überredungskunst. Ihr Sohn und die Enkel leben im fernen Japan, und sie vertraut ohnehin nicht wirklich auf die ermittlerischen Fähigkeiten ihres Nachfolgers, und tatsächlich findet die Polizei im Hotelzimmer Alice Bonins keinerlei Hinweise auf einen Mord. Ganz im Gegenteil, die Badewanne ist voller Wasser, auf dem unzählige Blüten schwimmen, alles sieht nach einem romantischen Szenario aus. Aber Lola Jost nimmt das lieber selbst in die Hand und wird am Ende selbstverständlich triumphieren und die wahren Täter an den Pranger stellen.

Getragen wird „Letzte Show“ wieder einmal von Lola und Ingrid. Die beiden ergänzen sich einfach hervorragend. Mit unglaublicher Penetranz befragen sie die verdächtigen Leute und lassen sich auch wirklich nicht eher abwimmeln, bis sie die gewünschten Informationen erhalten haben. Nichts kann sie abschrecken, nichts von ihren Ermittlungen abbringen, auch nicht die Entführung und die Tatsache, dass anschließend nicht nur sämtliche Klamotten und Papiere verschwunden sind, sondern dass darüber hinaus auch noch alle ihre Konten gesperrt wurden. Als sie die Wohnung eines betuchten Verdächtigen durchsuchen und einen gut sortierten Weinschrank entdecken, beschließen die beiden – ganz à la Robin Hood -, den kostbaren Wein mitgehen zu lassen und an bedürftige Menschen zu verteilen. Und natürlich wird diese Idee auch in die Tat umgesetzt. Einzig Ingrids permanente englische Flüche nerven auf die Dauer etwas, ebenso wie die Tatsache, dass Ingrids „Deutsch“ (im Original natürlich Französisch) nicht perfekt ist und Lola sie daher ein ums andere Mal korrigiert. Da kann man nur hoffen, dass sie ihre Sprachkenntnisse für die weiteren Fälle auffrischt und solche Ärgernisse dann nicht mehr auftreten.

_Undurchsichtig_

Natürlich ist es von Anfang an klar, dass Alice Bonin keinen Selbstmord begangen hat, sonst gäbe es ja schließlich auch keinen Fall zu lösen, doch wie verwickelt am Ende wirklich alles gewesen ist, ahnt der Leser selbstverständlich noch nicht. Lange dauert es, bis Lola und Ingrid für uns alles entwirren und uns Schritt für Schritt der Lösung des Falls näherbringen. Was sie dabei zutage fördern, hätte der Leser nicht selbst erraten können, zu unklar sind die Zusammenhänge, zu vage Sylvains Andeutungen. Was sie am Ende daraus gesponnen hat, konnte mich nicht vollends überzeugen, und auch Lolas und Ingrids Aktivitäten, um ihr Leben und ihre Konten zurückzugewinnen, habe ich zugegebenermaßen nicht vollkommen durchschaut. „Letzte Show“ ist sicherlich kriminaltechnisch gesehen nicht der gelungenste und am besten konstruierte Fall, auch wenn am Ende schon alle Puzzlestücke zusammenpassen. Dennoch überzeugt das vorliegende Buch wieder einmal durch seine Charaktere, durch deren Eigenarten und auch durch manch nette Metapher, die Sylvain an den passenden Stellen einstreut.

So ist „Letzte Show“ unter dem Strich ein unterhaltsames Lesevergnügen, das durchaus Lust auf mehr macht, obwohl man zugegebenermaßen einige Abstriche machen muss, was den reinen Kriminalfall betrifft. Manches wirkte auf mich zu konstruiert, zu aufgesetzt, um wirklich schlüssig aufgelöst werden zu können. Dennoch möchte ich Lola Jost und Ingrid Diesel als furioses Ermittlerduo ganz sicher nicht missen!

|Originaltitel: La fille du Samourai
Aus dem Französischen von Brigitte Lindecke
336 Seiten, kartoniert|
http://www.ullsteinbuchverlage.de/listtb/

Richard Stark – Fragen Sie den Papagei [Parker 23]

Nach einem Raubzug auf der Flucht, muss Berufsverbrecher Parker in der US-Provinz mit sehr unsicheren Komplizen einen neuen Coup versuchen. Sorgfältige Planung löst sich im Chaos auf und sorgt für ein spektakuläres Ende … – Endlich ist Parker, Kultfigur des Gangsterkrimis, wieder mit neuen Abenteuern in Deutschland präsent. Er ist der alte Profi geblieben, der in kleine, schmutzige Verbrechen verwickelt wird und dem nicht selten am Ende nur das nackte Leben bleibt: ein angenehm altmodisches, spannendes, routiniert geschriebenes Lesevergnügen. Richard Stark – Fragen Sie den Papagei [Parker 23] weiterlesen

Anthony Berkeley – Galgenvögel

berkeley-galgenvoegel-cover-kleinEine allseits ungeliebte Dame stirbt einen bizarren Tod. Selbstmord kann es nicht gewesen sein, wie ein anwesender Hobby-Detektiv feststellt, bevor er unüberlegt die Spuren verwischt. Um nicht selbst auf der Anklagebank zu landen, muss er im Wettlauf mit der misstrauischen Polizei den Fall selbst klären … – Klassischer „Whodunit“-Krimi aus der ganz großen Zeit des Genres. Der Verfasser spielt meisterhaft mit den Regeln ohne sie zu brechen und verschafft dem Leser ein nicht alltägliches Vergnügen: die Jagd nach einem Mörder, den er im Gegensatz zum Detektiv bereits kennt!
Anthony Berkeley – Galgenvögel weiterlesen

Peter Robinson – Ein seltener Fall

Endlich hat Chief Inspector Alan Banks Zeit gefunden, um einen entspannten Urlaub in Griechenland zu verbringen. Ein Zeitungsartikel aus seiner Heimat bringt ihn jedoch dazu, sofort wieder abzureisen. Seit seiner Kindheit, als sein Freund Graham spurlos verschwand, trägt er ein schweres Schuldgefühl mit sich herum. Kurz zuvor war der junge Banks von einem Fremden belästigt worden, ohne diesen Vorfall der Polizei oder seinen Eltern zu melden. Bis heute fürchtet er, der Unbekannte könnte der Mörder seines damaligen Freundes gewesen sein.

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Waters, Sarah – Solange du lügst

London um 1865: Die siebzehnjährige Susan Trinder ist eine Waise. Ihr Vater ist unbekannt, ihre Mutter wurde kurz nach Susans Geburt als Raubmörderin gehängt. Seither lebt Susan im Haus von Mrs. Sucksby, die Kinder aufnimmt und zu Dieben ausbildet. Die gestohlenen Wertgegenstände werden vom stillen Mr. Ibbs eingeschmolzen und zu Geld gemacht. Je älter Susan wird, desto offenkundiger wird die scheinbar grundlose Bevorzugung durch Mrs. Sucksby.

An einem Winterabend kommt ‚Gentleman‘ zu Besuch, ein junger Mann, den alle im Haus wegen seines guten Aussehens nur bei diesem Spitznamen kennen. Einmal im Jahr bringt er Diebesgut für Mr. Ibbs, doch diesmal legt er einen außergewöhnlichen Plan vor. Susan soll als Zofe bei der jungen Adeligen Maud Lily arbeiten und Gentleman dazu verhelfen, dass sie ihn heiratet. Die junge naive Frau lebt zurückgezogen mit ihrem alten Onkel und wird nach der Hochzeit ein großes Vermögen erhalten. Anschließend will Gentleman sie in ein Irrenhaus abschieben und das Vermögen mit Susan teilen.

Zögernd willigt Susan ein. Ihre neue Herrin entpuppt sich als scheues Mädchen, das Anwesen als düster, der Onkel als unfreundlich und dominant. Mit der Zeit entwickelt Susan eine Sympathie für Maud. Immer unwohler wird ihr bei dem Gedanken, die junge Frau zu hintergehen. Doch als es schließlich so weit ist, muss Susan erkennen, dass auch sie ein Teil einer Intrige geworden ist und nicht weiß, wem sie noch vertrauen kann …

_Bewertung_

Völlig zu Recht wurde Sarah Waters‘ Roman für den Booker Prize nominiert und erfüllt auch alle Erwartungen, die mit der Ankündigung einer Mischung aus Charles Dickens und Daphne du Maurier geweckt wurden.

|Spannend und wendungsreich|

Das viktorianische Zeitalter ist seit jeher prädestiniert für düstere Handlungen voller Geheimnisse und unheimlicher Schauplätze. Der Leser wird zurückversetzt in eine Zeit der riesigen Herrenhäuser mit ihren steifen Herren und den ergeben Dienstboten, in die schmutzigen Straßen von London mit den elenden Armenvierteln, Waisenkindern und Diebesbanden, finsteren Spelunken, Droschken in engen Gassen, in die Zeit menschenunwürdiger Irrenhäuser und zweifelhafter Heilmethoden.

Gefesselt verfolgt man die Schicksale von Susan und Maud Lily: Man fragt sich, ob Susan ihre Rolle als Zofe glaubwürdig spielt oder ob sie vorzeitig als Hochstaplerin entlarvt wird, wie sie auf dem Anwesen von Maud Lily und deren Onkel aufgenommen wird, ob sie tatsächlich wie geplant das Vertrauen ihrer neuen Herrin gewinnen und sie zur Heirat mit Gentleman überreden kann und ob der Plan der beiden Gauner aufgeht, die junge Frau zu entmündigen und an ihr Vermögen zu gelangen. Bald gesellt sich der Zwiespalt von Susan hinzu, der mit der Zeit immer größer wird. Immer schwerer fällt ihr der Gedanke, Maud zu hintergehen, immer unsympathischer wird ihr dagegen ihr Verbündeter Gentleman, doch nach wie vor fühlt sie sich zu der Tat gezwungen, nicht zuletzt, weil sie ihre Ziehmutter Mrs. Sucksby auf keinen Fall enttäuschen will.

Als verspräche diese Handlung nicht ohnehin schon viel Spannung, werden die Ereignisse durch plötzliche Wendungen mehrfach auf den Kopf gestellt. Nach dem ersten Drittel wechselt die Erzählperspektive von Susan zu Maud, um im letzten Drittel wieder zu Susan zurückzukehren. Vor allem im zweiten Teil werden viele vorherige Geschehnisse durch die neue Sichtweise relativiert und in ein gänzlich anderes Licht gestellt. Etliche Sätze erhalten eine neue Bedeutung, ebenso Mauds Onkel und seine akribische Bibliotheksarbeit, der Plot scheint sich in eine andere Richtung zu bewegen – doch auch diese ist noch nicht endgültig; wieder wird die Handlung durch eine Wendung gekippt, sodass man bis kurz vor Schluss nicht sicher sein kann, wem man in diesem Werk trauen kann und wer am Ende triumphieren wird. Trotz des kompliziertes Geflechtes, das die Lebensgeschichten der Hauptfiguren Susan und Maud mit einschließt, verliert die Autorin nicht den Überblick, sondern fügt alle Fäden folgerichtig zusammen, und zwar so verständlich, dass auch dem Leser keine offenen Fragen mehr bleiben.

|Gelungene Charaktere|

Im Mittelpunkt steht die Diebin und Betrügerin Susan, die zwar einerseits Sympathien erweckt, aber alles andere als eine strahlende Heldin ist. Auch wenn sie zunächst zögert, in Gentlemans kaltblütigen Plan einzustimmen, so überwiegt letztlich doch die Verlockung durch die versprochenen dreitausend Pfund, die an sie fallen und ihr ein neues, sicheres Leben ermöglichen sollen. Daran hält sie auch noch lange fest, als sie ihr Opfer näher kennengelernt hat und das Bedürfnis verspürt, die zarte, kindliche Maud zu beschützen. Obwohl Susan eine Betrügerin ist, fiebert der Leser mit ihr, bangt, ob ihre Tarnung standhalten wird oder nicht und ob sich ihre Zweifel ausweiten werden.

Maud Lily ist dagegen ein schwer durchschaubarer Charakter. Im Gegensatz zur abgehärteten Susan erscheint sie elfenhaft und kindlich, ein scheues Reh, welches das Haus nicht verlässt und sich vor dem strengen Onkel fürchtet. Erst auf den zweiten Blick, sprich, wenn Maud selbst zu Wort kommt, erkennt man ihre Facetten, die dann umso mehr überraschen. Sie ist beileibe nicht so naiv, wie sie ausschaut, doch ebenso wie bei Susan verschwimmen die Grenzen zwischen Täter und Opfer und machen aus den beiden Figuren faszinierende Charaktere mit Tiefe, ohne an Plausibilität einzubüßen. Auf jeder Seite spürt der Leser die sich immer stärker ausbreitende Hassliebe zwischen den Frauen, schwankt dabei selbst, für wen er Partei ergreifen soll und vermag das Ende der Entwicklung nicht vorauszusehen. Schwer einzuschätzen sind auch die restlichen Charaktere, der düstere Onkel mit seiner Besessenheit für Bücher, der charmante Gentleman mit seinem durchtriebenen Plan, die alte Mrs. Sucksby, in der Susan einen Mutterersatz sieht und die auch so viel doppelbödiger ist, als man glauben mag.

|Kaum Schwächen|

Will man dem Buch überhaupt etwas ankreiden, dann ist es vielleicht die Komplexität der verschachtelten Handlung, ein Übermaß an überraschenden Wendungen, bei denen eine jede scheinbar versucht, die vorangegangene zu übertrumpfen. Die spektakulären Enthüllungen überschlagen sich gegen Ende beinahe, dabei bietet die Handlung ohnehin schon genug unterhaltsamen Stoff. Zudem findet sich im ansonsten hieb- und stichfesten Plan Gentlemans ein kleines Logikloch, da – ohne zu viel verraten zu wollen – zwei Personen als Zeugen ihm theoretisch einen Strich durch die Rechnung hätten machen können. Dass sie nicht konsultiert werden, ist eher Glückssache und konnte im Vorhinein nicht ausgeschlossen werden.

_Als Fazit_ bleibt ein durchweg spannender historischer Thriller voller Wendungen und Überraschungen bis zum Schluss. Das viktorianische Zeitalter bietet die perfekte Kulisse für geheimnisvolle Machenschaften und düstere Schauplätze. Die beiden Hauptfiguren faszinieren und überzeugen durch ihre Undurchsichtigkeit und facettenreichen Charakterzüge. Lediglich die übertrieben häufigen Wendungen fallen etwas negativ auf.

_Die Autorin_ Sarah Waters wurde 1966 in Wales geboren. Sie studierte englische Literatur und schrieb ihre Dissertation über Homosexualität in der Literatur, was ihr häufig als Inspiration für ihre Werke dient. Mittlerweile erhielt sie zahlreiche Preise – z. B. den |British Book Award Author of the Year|, den |Crime Writers‘ Association Ellis Peters Historical Dagger|, den |Sunday Times Young Writer of the Year Award| – und war für den |Booker Prize| nominiert. Weitere Zu ihren Werken zählen „Die Muschelöffnerin“, „Die Frauen von London“ und „Selinas Geister“. Das vorliegende Buch wurde unter dem Titel „Fingersmith“ verfilmt.

Khoury, Raymond – Immortalis

Der Wunsch, unsterblich zu sein bzw. den körperlichen Verfall zu verlangsamen oder zu stoppen, ist so alt wie die Angst vor dem Tod selbst. Ein Jungbrunnen und Quell der ewigen Jugend ist jedoch weiterhin nur mystische Vorstellung. Doch auch die moderne Wissenschaft mit ihren heutigen Mitteln forscht daran, das Altern zu verzögern und das Sterben unserer Zellen aufzuhalten. Sollte es ihr wirklich gelingen, so wäre das in jeder Hinsicht eine Sensation, wenn auch eine sehr ambivalente.

Die Suche nach dem Elixier des ewigen Lebens spielte in der Fantasie und den Träumen der Menschheit immer schon eine große Rolle. Doch für den Menschen wäre diese Entdeckung eher Fluch als Segen. Unser Bevölkerungswachstum lässt nicht nach, und inzwischen sind wir bei 6,7 Milliarden Menschen auf der Erde angekommen, und pro Jahr kommen ca. 78 Millionen Seelen hinzu. Ewiges oder stark verlängertes Leben führte zu einer katastrophalen Situation.

Dieses Thema ist Grundlage des neuen Romans von Raymond Khoury mit dem Titel „Immortalis“. Auf dem Cover zeigt sich der Kreis einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt oder bzw. diesen frisst, um anschließend wiedergeboren zu werden – der Name dieses Symbols ist „Ouroboros“ (altgriechisch: Schwanzfresser). Es ist die Symbolik für die Unendlichkeit, für die ewige Wiederkehr und für Gegensätze, ähnlich dem asiatischen Prinzip von Ying und Yang.

_Inhalt_

Ein geheimnisvolles Buch – es war nie lange im Besitz eines einzelnen Menschen und brachte stets Tod und Verderben. Seit 250 Jahren suchen Wissenschaftler, aber auch Verbrecher dieses geheimnisvolle Buch, welches vielleicht das Wissen über die „Quelle des ewigen Lebens“ enthält.

Im Jahr 1749 beginnt die Jagd nach dem Buch und seinem gefährlichen Wissen in Neapel. Nur mit Mühe und unter Lebensgefahr schafft es der Marquis de Monteferrat, sich in Sicherheit zu bringen; er weiß, dass er nun wieder irgendwo mit seinem wohlgehüteten Geheimnis von vorne beginnen muss.

Fast 200 Jahre später, im Jahre 2006, geht die Geschichte im Südlibanon weiter. Ein irakischer Antiquitätenhändler versucht, das geheimnisvolle Buch an die dort lebende und arbeitende Archäologin Evelyn Bishop zu verkaufen. Gesehen hat sie es schon einmal vor Jahren; sie kann sich vage an eine Ausgrabung erinnern. Aber nach dem Irak-Krieg und in den Wirren der unruhigen Zeit herrscht sowieso ein stetiger Umsatz von illegal erworbenen Antiquitäten. Der Händler Faruk weiß um das Geheimnis des Buches, auf dessen Seiten die Formel für die ewige Jugend beschrieben sein soll. Und er weiß, dass es andere gibt, die bereits viele Jahre hinter dem Buch her sind, und diese Leute kennen keine Skrupel, jedes Mittel ist ihnen recht.

So werden Evelyn und Faruk unter Gewalteanwendung entführt. Zeugin dieser brutalen Tat ist Evelyns Tochter Mia, die noch nicht wirklich weiß, warum ihre Mutter entführt wurde und zwei Soldaten, die ihr nur helfen wollten, bei einer Schießerei ums Leben kamen. Es kommt, wie es kommen muss – die CIA schaltet sich ein, denn wenige Jahre zuvor fand eine Gruppe von Soldaten in einem Dorf ein Kellergewölbe, in dem anscheinend unethische medizinische Versuche stattfanden, denn die dort gefundenen Leichen weisen mit ihren Verletzungen auf nichts anderes hin.

CIA-Agent Jim Corben nimmt zusammen mit Mia die Verfolgung der Entführer auf. Sein Feind ist Hakim, ein gebildeter und charismatischer Arzt, der offenbar für die grausamen Experimente an Menschen verantwortlich ist.

Wenn sich allerdings zwei streiten, so freut sich meistens auch ein dritter im Bunde, und es gibt auch hier eine weitere Interessengruppe, die unmittelbar mit dem Buch bzw. der Formel in Verbindung steht. Es sind die Nachkommen desjenigen, der vor drei Jahrhunderten die Formal persönlich erprobt hat und schließlich einsieht, welche Probleme und Herausforderungen entstehen, wenn das Altern praktisch eingestellt wurde. Auch sie versuchen, ihr altes Erbe zurückzuerhalten, aber zu welchem Zweck eigentlich? Wie wollen sie dieses Wissen einsetzen?

_Kritik_

Raymond Khoury, der auch schon für „Scriptum“ verantwortlich ist, bedient sich in „Immortalis“ recht klassischer Methoden, um einen Thriller zu entwerfen, der in seinen Grundzügen mystisch sein soll.

Es gibt wie beschrieben drei Parteien auf der Jagd nach der Formel, die den Jungbrunnen Wirklichkeit werden lassen soll. Dazu gehören eine etwas naive Archäologin und ihre Tochter, ein beinharter CIA-Agent, der in der heutigen Zeit im Nahen Osten gar nicht so deplatziert wirkt, und schließlich die böse Fraktion, deren Kopf ein wahnsinniger und zugleich genialer Arzt ist. Hakim ist als Arzt ein Josef Mengele des 21. Jahrhunderts, der ganz eigennützig medizinisch-wissenschaftliche Experimente an menschlichen Versuchsobjekten ausführt.

Einzig und allein die Kulisse ist zeitgemäß und hätte auch interessant aufgearbeitet sein können, aber leider ist „Immortalis“ auch in dieser Hinsicht nur ein durchschnittlich, Spannungsroman ohne erkennbares Profil. Seit Dan Brown und seinen Verschwörungstheorien lebt dieses Genre zwar auf, wird aber allmählich allzu wenig inflationär aufgewärmt, auch wenn „Immortalis“ mit Klerikalverschwörungen nicht zu tun hat.

Ein Mystery-Thriller sollte unterschwellig präsent auf etwas Unerklärliches oder Geheimnisvolles deuten, aber auch das bleibt bei „Immortalis“ leider aus. Das wissenschaftliche Thema der tatsächlich stattfindenden Suche nach einer Formel zur Eindämmung des Alterungsprozesses wird leider ebenfalls ausgeblendet. Stattdessen gibt es Verfolgungsjagden und wilde Schießereien und Folterszenen.

Die Zeitsprünge in die Vergangenheit werden wie auch schon in „Scriptum“ im Vergleich zur Hauptebene attraktiver und lebendiger erzählt, allerdings wechselten mir die Perspektiven der Protagonisten zu stark. Zwei Zeitebenen, drei Fraktionen – das war etwas viel des Guten und mindert nur den Spannungsaufbau. Überdies ist eine Entwicklung der Figuren kaum wahrnehmbar. Einzig und allein Hakim ist interessant gezeichnet, auch der Marquis de Montferrat zeigt interessante Ansätze, die restlichen Charaktere wirken lustlos in die Geschichte eingefügt.

_Fazit_

Die Ähnlichkeiten zum Vorgänger „Scriptum“ stechen sofort ins Auge. Etwas einfallslos versucht der Autor seine Figuren in eine interessante Thematik einzubauen, doch bleiben sie letztlich nur nebulöse Gestalten ohne Erinnerungswert. Wie auch schon in „Scriptum“ gelingt es Raymond Khoury nicht, seiner Erzählung Seele einzuhauchen, was wesentlich von den Protagonisten abhängt. Sicherlich sind die Zeitsprünge in das 18. Jahrhundert recht spannend und abwechslungsreich erzählt, aber solcherlei erzählerischen Sprünge sind keine Siebenmeilenstiefel für eine spannende und fesselnde Story und ersetzen kein handwerkliches Geschick.

Enttäuscht bin ich auch von der Umsetzung der eigentlichen Thematik, denn man hätte aus diesem spannenden wissenschaftlichen Thema viel mehr machen können. Gerade in Hinblick auf die heutige Forschung wäre es gut gewesen, die Fiktion mit interessanten und wirklichkeitsnahen Fakten zu vermischen.

Als spannende und unterhaltsame Erzählung ohne Tiefgang ist „Immortalis“ bedingt empfehlbar, wenn man die Erwartungen nicht zu hoch ansetzt. Wer allerdings Mystery-Thriller mit etwas realitätsnaheren Themen und lebendiger Figurenzeichnung lieber liest, dem ist von dieser Lektüre ganz klar abzuraten.

|Originaltitel: Sanctuary
Deutsch von Rainer Schmidt
572 Seiten, gebunden|
http://www.rowohlt.de

_Raymond Khoury auf |Buchwurm.info|:_

[„Scriptum“ 2512 (Hörbuch)
[„Scriptum“ 2138 (Buchausgabe)

Maurice Procter – Verdammte Juwelen

Procter Juwelen Cover kleinDrei kleinen Gaunern gelingt unverhofft ein Riesencoup, doch dann stirbt ihr Opfer, ein brutaler Gangsterboss will ihnen die Beute abjagen und im Hintergrund wartet die Polizei: Der Kampf um Geld wird zum Wettlauf mit dem Tod … – Zwar dräut deutlich der moralische Zeigefinger, doch dieser Krimi um drei Kriminelle wider Willen erzählt seine Geschichte spannend und mit erstaunlich fatalistischem Unterton. Am Ende siegt zwar die Moral, aber dieser Sieg schmeckt bitter, denn er unterscheidet nicht zwischen Tätern und Gestrauchelten. Maurice Procter – Verdammte Juwelen weiterlesen

Hesse, Andree – Schwester im Jenseits, Die

Andree Hesse hat sich in Deutschland zunächst einen Namen als Übersetzer gemacht, doch gleich sein erster eigener Kriminalroman „Der Judaslohn“ ließ Kritikerherzen höher schlagen und brachte Hesse als Nachfolger Mankells ins Spiel. Hesses Krimiheld Arno Hennings hat einfach zu viele Ähnlichkeiten mit dem gebeutelten Kurt Wallander, als dass die Parallelen nicht auffielen, und auch in Hesses jüngstem Krimi „Die Schwester im Jenseits“ beweist er wiederum, dass er nicht nur sympathische Figuren zeichnen, sondern auch einen spannenden Krimi mit brisant politischem Hintergrund aufs Papier zaubern kann.

_Aus zwei Kriminalfällen mach‘ einen_

Es ist Neujahr in Celle, und der junge Kurde Mehmed Duman wartet auf einem Parkplatz auf seine weibliche Verabredung. Dass er zittert, liegt nicht nur an der eisigen Kälte in Norddeutschland, sondern auch an Mehmeds mulmigen Gefühlen, wenn er an seine Verabredung denkt. Doch die Frau taucht nicht auf, stattdessen trifft Mehmed eine tödliche Kugel. Als die Polizei Drogen in seinem Auto findet, fällt der Verdacht gleich auf das Drogenmilieu, denn Mehmed war erst kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er wegen Drogenmissbrauchs eingesessen hatte.

Von all dem ahnt Arno Hennings noch nichts, als er auf dem Rückflug von Danzig nach Hamburg sitzt. Über Weihnachten hatte er seine Freundin Aglaja und den gemeinsamen Sohn Andrzej besucht. Die Stimmung während des Besuches war allerdings mehr als getrübt, die Beziehung zwischen Arno und Aglaja erweist sich als immer schwieriger und Arno glaubt auch nicht mehr an Aglajas Rückkehr nach Deutschland. Kaum trifft er wieder in Celle ein, wartet allerdings zunächst Ablenkung auf Hennings. Schon auf dem heimischen Bahnhof trifft er auf seinen Kollegen Karsten Müller, der ihm von dem toten Kurden berichtet.

Zunächst scheinen die Ermittlungen eindeutig, doch je weiter die Polizisten in den Fall eintauchen, umso verwirrender wird er. Kurz darauf greifen einige Rechtsradikale zwei yezidische Kurden an. Aus dem Angriff wird schnell eine Massenschlägerei, bei der Arno Hennings unter Einsatz seines eigenen Lebens das eines Kurden retten kann. Und wo immer Hennings ermittelt, wohin auch immer er geht, eine Frau taucht immer wieder auf – Ronahi Duman, die Schwester des Toten, von der Arno Hennings auf den ersten Blick fasziniert ist.

Bevor die Polizisten der Lösung des Falls näherkommen, wird die Celler Kripo vom Fall abgezogen. Als kurz darauf der angesehene Chirurg Dr. El Tahir verschwindet und Arno wieder an einem Fall ermittelt, findet er schnell einige Parallelen zwischen den beiden Ereignissen und muss erkennen, dass die jungen Kurden beide Male der Schlüssel zur Lösung sind …

_Kein guter Start ins neue Jahr_

Das Jahr ist noch jung, als die Celler Polizisten in einem neuen Fall ermitteln müssen. Zunächst ist alles klar, Drogenhändler haben sich an Mehmed Duman gerächt. Aber natürlich ist bei Andree Hesse nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Das erkennt auch bald Arno Hennings, der sich in die Arbeit stürzt, um nicht über seine gescheiterte Beziehung zu Aglaja nachdenken zu müssen. Kaum ist er nämlich wieder in Celle angekommen, erreicht ihn ein Anruf aus Danzig, bei dem Aglaja ihm mitteilt, dass sie sich in einen Autohändler verliebt hat und nicht gedenkt, jemals wieder zurück nach Deutschland zu kommen. Arno hatte es befürchtet, doch offen ausgesprochen, trifft ihn die Wahrheit wie ein Messerstich mitten in die Brust. Sein einziger Trost in dieser Situation ist seine geliebte Hündin Basta, die er nach seinem Besuch in Danzig endlich wieder bei seinem Cousin abholen kann.

Bei Arno bricht einiges zusammen; die Frau seines Cousins vertraut ihm an, dass sie gedenkt, ihren Mann zu verlassen, weil sie nicht mehr an ihre Ehe glaubt, und auch auf eine alte Bekannte trifft Hennings wieder, nämlich auf Emma Fuller, die er bei früheren Ermittlungen kennengelernt hat, die wir ihn „Der Judaslohn“ nachlesen können. Die aktuellen Ermittlungen führen Hennings zu einem ehemaligen Soldaten, zu dem er mit Emmas Hilfe Kontakt herstellen will. Emma ist einsam und hat von Arnos Problemen mit Aglaja gehört. Als sie versucht, sich an Hennings heranzumachen, weist dieser sie allerdings brüsk zurück, was ihm im Nachhinein schon wieder leid tut, doch bei Arno Henning ist zurzeit einfach der Wurm drin.

Ähnlich gebeutelt scheint er uns wie unser aller Freund Kurt Wallander. Die Ähnlichkeiten setzen sich fort, denn auch Arno ist nun ein verlassener Mann, der seinem Kind hinterhertrauert, zu dem er kaum Kontakt haben kann. Er ist einsam, aber auch etwas kauzig, sodass andere Menschen es nicht leicht haben, sich ihm überhaupt zu nähern. Andree Hesse gibt seinem Krimihelden Arno Hennings immer mehr Profil, er baut sein Leben immer mehr aus, sodass er zu einem festen Bestandteil dieser Krimireihe geworden ist. Alle anderen Figuren verblassen neben Arno Hennings, sodass ich jetzt kaum etwas über seine Kollegen sagen könnte. Das finde ich schon etwas schade, denn zu sehr sollte man ein Buch oder eine ganze Reihe nicht auf einer einzigen Figur aufbauen.

_Heiße Kämpfe bei eisigen Temperaturen_

Eine Stärke von Andree Hesse ist ganz klar seine Fähigkeit, einen spannenden und komplexen Plot zu konstruieren. Seine Geschichte beginnt im Jahr 1987 im Irak, wo wir die kleine Nasira kennen lernen. Ihren Vater hat sie bereits verloren, doch nun haben Soldaten ihr Dorf überfallen und erschießen vor ihren Augen auch noch die geliebte Mutter. Mit ihrem Onkel und den anderen Dorfbewohnern flieht Nasira vor den feindlichen Soldaten, aber die Flucht ist schwer und fordert weitere Opfer. Die Menschen haben wenig zu essen und zu trinken, und Nasiras Tante bekommt mitten auf der Flucht auch noch ein Baby. Außerdem muss Nasira die meiste Zeit ihre kleine Schwester tragen, die selbst noch zu klein ist, um die Strapazen des Weges zu ertragen. Immer wieder schaltet Hesse zurück zu Nasira, die zu einer kurdischen Freiheitskämpferin wird. Es ist ganz klar, dass in ihrer Person die Lösung des Falles liegt, doch was Nasira mit den Kriminalfällen in Celle zu tun hat, erfahren wir natürlich erst ganz zum Schluss.

Hesse hat sich wieder einige brisante Themen für seine Geschichte herausgepickt. So schreibt er nicht nur über die Kriegsgräuel und die Flucht der Kurden im Irak, sondern er thematisiert auch den Fremdenhass und die Probleme der Kurden in Deutschland. Aber auch generell die Einwanderungsproblematik diskutiert Hesse, nämlich in der Person El Tahirs, der angeblich aus dem Libanon stammt. Das allerdings ist extrem praktisch, denn Flüchtlinge aus dem Libanon werden nicht abgeschoben, da sie von ihrem Land nicht wieder aufgenommen werden. Kommt El Tahir also gar nicht aus dem Libanon? Aber wer ist er wirklich? Und was hat ihn veranlasst, aus seiner Heimat zu fliehen und in einer kleinen Stadt in Norddeutschland ein neues Leben aufzubauen? Genau diese Frage wird zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Wie Andree Hesse uns seine Lösung präsentiert, ist absolut gelungen. Zwar ist er nicht gerade ein Meister des Spannungsbogens, aber seine Konstruktionen überzeugen dennoch. Vielleicht mögen es am Ende zu viele Zufälle sein, die die beiden Fälle in Celle miteinander verbinden, aber das verzeiht man Hesse dann schnell. Von selbst wird man als Leser wohl nicht auf die Lösung kommen, doch hält Hesse uns bei der Stange, indem er immer neue Informationen einstreut, die uns allerdings mehr verwirren als Klarheit zu schaffen.

Etwas Entwicklungspotenzial sehe ich noch im Spannungsaufbau, denn obwohl das Buch gut zu lesen ist und mich auch sehr schnell interessiert hat, wird die Handlung erst zum Schluss hin so packend, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Hesse versucht es mit einigen Cliffhangern, wie auch sein schwedisches Vorbild Mankell es immer wieder praktiziert hat, doch überzeugen diese bei Hesse nicht. Oft genug erkennt Arno Hennings nämlich, dass er etwas Entscheidendes übersehen hat, dass ihm eine Person bekannt vorkommt, er sie aber nicht zuordnen kann oder dass er das Gefühl hat, etwas Wichtiges übersehen zu haben (das kommt Mankell-Fans bekannt vor, nicht wahr?). Doch die Auflösung gibt es manchmal so gut wie gar nicht oder sie führt eher zu einem Stirnrunzeln. So findet er beispielsweise in einer Szene den Personalausweis einer wichtigen Zeugin und hat sofort ein Aha-Erlebnis. Und zwar hat Hennings auf den ersten Blick erkannt, dass sie nicht die Schwester ihres angeblichen Bruders sein kann, da nur wenige Monate zwischen ihren Geburtstagen liegen. Ehrlich gesagt fand ich es allerdings nicht schlüssig, dass Hennings sämtliche Geburtstage der handelnden Figuren sofort parat hat. Eine Kleinigkeit, über die man hinwegsehen kann, aber es sind mehrere solcher Szenen, die mitsamt dem verbesserungswürdigen Spannungsbogen den Gesamteindruck ein wenig trüben.

_Eine turbulente Woche geht zuende_

Nur eine Woche dauern die Ermittlungen an, dann ist die Lösung schon klar. Kaum zu glauben, wie viel in dieser kurzen Woche in Celle passiert ist. Aber obwohl die Polizei anfangs ziemlich im Dunkeln getappt ist, haben einige glückliche Zufälle dazu geführt, dass beide Kriminalfälle schnell aufgeklärt werden konnten. Andree Hesses dritter Kriminalroman rund um Arno Hennings gefällt gut, muss allerdings einige Abstriche in der B-Note hinnehmen. Hesses Versuche, die Spannung zu steigern, wirken manchmal etwas unbeholfen, dabei hat er es eigentlich kaum nötig, ungeschickte Cliffhanger einzubauen, da sein Plot wirklich gut gefällt. Thematisch und personell punktet Hesse, und auch sein Schreibstil gefällt gut, wobei er hier aber noch nicht mit Mankell gleichziehen kann. Hesses Bücher machen bei der Lektüre schon etwas „Arbeit“ und lesen sich nicht von alleine, wie es mir bei Mankell praktisch immer ergangen ist. Dennoch hat Andree Hesse mit seinem nunmehr dritten Arno-Hennings-Krimi bewiesen, dass er konstant gelungene Romane abliefert – Glückwunsch.

http://www.rowohlt.de/

_Andree Hesse auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Judaslohn“ 1213
[„Das andere Blut“ 3044

Kari Köster-Lösche – Das Grab im Deich

Inhalt:

Im halbfertigen Deich der Hallig Langeness wird die Leiche eines Neugeborenen entdeckt. Wer ist die Mutter? Und warum musste das Kind sterben?

Als auch seine Freundin in Verdacht gerät, eine Schwangerschaft verheimlicht und das Neugeborene einfach beiseite geschafft zu haben, nimmt Wasserbauinspektor Sönke Hansen die Ermittlungen auf. Denn ihre Unschuld steht für ihn fest. Doch wer war dann der Täter?

Details und Eindrücke:

Kari Köster-Lösche – Das Grab im Deich weiterlesen

Rose, Joel – Kein Rabe so schwarz

_Das geschieht:_

Im heißen Sommer des Jahres 1841 findet die junge Zigarrenverkäuferin Mary Rogers aus New York ihr grausames Ende. Ihre Leiche zieht man aus dem Hudson River. Die hübsche Frau war beliebt, ihr Tod empört die guten Bürger, die Presse spielt den Fall hoch. Deshalb wird die Ermittlung einem dem besten Kriminalisten seiner Zeit übertragen: Jacob Hays dient New York seit beinahe vier Jahrzehnten als Polizeichef. Er gilt als erfahren, aufgeschlossen und ist – in dieser Epoche keine Selbstverständlichkeit – unbestechlich.

Hays fahndet im Milieu der Unterwelt, die von gut organisierten, brutalen Verbrecherbanden mit malerischen Namen wie „Dead Rabbits“, „Plug Uglies“ oder „Bowery Butcher Boys“ beherrscht wird. Vor der Polizei fürchten sie sich nicht. Die Ermittlung ist deshalb schwierig und zeitaufwändig, zumal ein zweiter Sensationsmord Hays‘ Zeit in Anspruch nimmt: John Colt, ein erfolgloser Dichter, aber Bruder des berühmten Waffenfabrikanten Samuel Colt, ist mit seinem Drucker in Streit geraten, hat ihn erschlagen und die Leiche in einer Kiste versteckt, die nur zufällig entdeckt wurde. Obwohl reich und mit guten Verbindungen zur Politik, wird John zum Tode verurteilt. Seine Familie tut sich mit einer der großen Banden zusammen und lässt ihn aus der Todeszelle befreien.

In der Zwischenzeit hat Hays im Mordfall Rogers einen neuen Verdächtigen gefunden: Edgar Allan Poe ist ein leidlich bekannter Autor und Dichter aus Philadelphia, den seine unerbittliche Kritikerfeder dem literarischen Establishment entfremdet hat. Er lebt in bitterer Armut und seelischer Not und kannte Mary Rogers nach Hays‘ Ansicht ein wenig zu intim, um unschuldig zu sein. Aber Poe leugnet entschieden und die Beweise gegen ihn reichen nicht aus.

Hays gibt nicht auf. Die Ermittlungen ziehen sich acht Jahre hin. Hartnäckig versucht der alte Constable den Mord aufzuklären. Gemeinsam mit seiner Tochter entwirrt er ein Komplott, dessen brillante Infamie atemberaubend ist …

_Historienroman = historische Wahrheit?_

„Kein Rabe so schwarz“ ist ein Historienkrimi, dessen spannende Story und ihr geschichtliches Umfeld sehr genau recherchiert (und anschließend – s. u. – planvoll missachtet) wurde. 17 Jahre hat Joel Rose (mit Unterbrechungen) an seinem Buch gearbeitet, wie er in seinem Nachwort schreibt, und eine Unzahl zeitgenössischer Quellen sowie historischer Sachbücher und Artikel zu Rate gezogen, die er in Auswahl ebenfalls auflistet.

Ihm ist das seltene Kunststück gelungen, eine längst vergangene Welt wieder zum Leben zu erwecken. „Kein Rabe so schwarz“ nutzt die Ereignisse der Jahre 1841 bis 1849, um in die Lücken eine fiktive Handlung einzuflechten. Das Ergebnis ist gelungen. Realität und Erfindung gehen eine bemerkenswerte Symbiose ein. Die prominenten Personen, die Rose namentlich nennt oder auftreten lässt, sind zu den genannten Zeiten an den genannten Orten gewesen. Mary Rogers wurde 1841 grausam ermordet. Joseph Hays hat von 1772 bis 1850 gelebt und war für seine deduktiven Fähigkeit sogar in Europa berühmt. New Yorks bizarre Gangsterwelt und der Höllenpfuhl „Five Points“ sind ebenfalls authentisch.

Rose unterstreicht den Realitätsbezug, indem er einen Schritt weiter geht: Er schildert das Geschehen streng aus der Sicht der Menschen des 18. Jahrhunderts, verkneift sich also Vorgriffe auf das Wissen der Gegenwart. Die Figuren denken und sprechen, wie es in ihrer Zeit typisch war. Jacob Hays ist seiner Epoche als Kriminalist weit voraus. Trotzdem ist er kein Genie oder gar Übermensch, sondern bleibt in zeitgenössischen Irrtümern gefangen. So ist er beispielsweise davon überzeugt, Verbrechen anhand ihrer Physiognomie zu erkennen (fliehendes Kinn = feiger Mörder), eine in dieser Zeit sehr verbreitete ‚wissenschaftliche‘ Betrachtungsweise, die sich längst als absolut falsch herausgestellt hat.

Für Hays Zeitgenossen ist es selbstverständlich, dass schwarze Diener oder Sklaven ihnen rund um die Uhr zu Diensten und Frauen (willens-)schwache Wesen sind, die zu ihrem eigenen Schutz kontrolliert und von der Welt abgeschottet werden müssen. Hays selbst setzt Verdächtige unter Druck, presst ihnen Geständnisse unter Androhung körperlicher Gewalt ab. Der Tod am Galgen gilt als gerechte Sühne für jedes Kapitalverbrechen.

Gleichzeitig schließt Armut einen Menschen gesellschaftlich nicht aus, solange er nur seinen Status als ‚Gentleman‘ behält. Edgar Allan Poe ist zwar ein zerlumpter Schreiberling, von dessen Misere jede/r weiß. Dennoch kann er sich als Spross einer alten Südstaatendynastie und ehemaliger Offiziersanwärter unter die Prominenz seiner Zeit mischen. Sie helfen ihm nicht, sie lästern über ihn, aber sie dulden ihn in ihrer Mitte: Die Exotik der Vergangenheit zeigt sich hier als faszinierende Fassette.

_Realität als Spielplatz der Unterhaltung_

Rose arbeitet ausgiebig mit Zitaten aus zeitgenössischen Zeitungen, Romanen oder Gedichten. Er greift auch sonst den Sprachduktus der beschriebenen Epoche auf, wobei der Stil zumindest in der (überaus lesbaren) deutschen Übersetzung so gemildert wird, dass er bemerkbar bleibt, aber den Leser des 21. Jahrhunderts nicht überfordert.

In einem zweiten Schritt verlässt Rose die Ebene der Realität. „Kein Rabe so schwarz“ ist letztlich Fiktion, wie der Verfasser in seinem Nachwort versichert. Er hat sich die Geschichte ausgedacht und die historischen Fakten manipuliert, damit sie sich einpassen lassen, die Zitate wurden teilweise ‚zweckentfremdet‘ und anderen Personen in die Münder gelegt oder in die Federn diktiert – eine legitime Vorgehensweise, denn nie ersetzt ein Historienroman die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit. Die Umstände von Poes Tod werden so beschrieben, wie sie von der Forschung (die sich freilich weiterhin uneins ist) ermittelt werden konnten, aber seine Verwicklung in den Mordfall Marie Rogers ist erfunden.

_Edgar Allan Poe und Mary Rogers_

Der Meister der geschriebenen und gedichteten Literatur des 19. Jahrhunderts ist selbst eine ideale Romanfigur. Poes kurzes Leben (1809-1849) war turbulent und oft unglücklich, sein eigener Tod weiterhin nicht ohne Rätsel. Obwohl verschlossen und wohl depressiv, war er keineswegs einzelgängerisch, sondern eine in der Gesellschaft von Baltimore, Philadelphia oder New York City präsente Gestalt. Als (wenig erfolgreicher) Schriftsteller war Poe sehr interessiert an mysteriösen Vorfällen und Gewalttaten, die sich schon damals positiv auf die Auflagenhöhe auswirkten. Aus seiner Recherche im Fall Mary Rogers resultiert eine der ersten Detektivstorys der Weltliteratur: In „The Mystery of Marie Rogêt“ (dt. „Geheimnis um Marie Roget“), entstanden 1842, löst Privatermittler C. Auguste Dupin – Poe lässt die Ereignisse in Paris spielen – stellvertretend für seinen literarischen Vater den Mordfall Mary Rogers. Auch Poes Version fehlen letztlich die nötigen Beweise. Als Gedankenspiel und Lektion in deduktivem Denken ist „The Mystery …“ jedoch ein Meilenstein der (Kriminal-)Literatur.

Rose schildert Poe als vielfach Getriebenen, als Außenseiter, der gegen eine Welt wütet, die sein Talent nicht anerkennen und honorieren will. Er weigert sich dem Establishment nachzugeben und zahlt seinen Preis dafür. Poe ist vielleicht ein verkanntes Genie, aber Rose deckt auch seine weniger angenehmen Seiten auf – seinen Hang zum Plagiat, seine Charakterschwächen, seine manipulative Ader.

_Joseph und Olga Hays_

Joseph Hays ist nicht Poes Gegenspieler. Tatsächlich fällt es schwer, diesen Mann einzuordnen. Zunächst tritt er als personifiziertes Gesetz auf, aber mehr und mehr wird deutlich, dass Hays vor allem deshalb so unerbittlich ist, weil er mit seinem Privatleben wenig anzufangen weiß. Seine Familie hat er bis auf eine Tochter überlebt, Hobbys hat er nicht. Als man ihn seines Postens enthebt, macht er deshalb einfach weiter wie bisher.

Kein Unterhaltungsroman, der heute erfolgreich sein möchte, kommt ohne eine ’starke‘ Frauenfigur aus … Vor allem im historischen Umfeld ist das oft eine Herausforderung, da Frauen (s. o.) in vielen Zeitaltern nur ausnahmsweise die traditionellen Grenzen des ihnen zugewiesenen Lebensdreiecks (Kinder – Küche – Kirche) durchbrechen konnten. Olga Hays übernimmt wichtige Ermittlungsaufgaben für ihren Vater. Sie ist sogar berufstätig und intellektuell aktiv. Rose vermeidet es indes zu übertreiben; Olga bleibt in ‚ihrem‘ geschlechtsspezifischen Raum, dessen Wände sie nur behutsam dehnt.

Die Sorgfalt der Charakterisierung erstreckt sich auf die vielen weiteren Figuren. Das lässt verschmerzen, dass die Geschichte in ihrem letzten Drittel von ihrem Kurs abzuweichen und sich in eine Chronik der letzten Tage des Edgar Allan Poe zu verwandeln beginnt. Der Verfasser findet den Weg zurück in einem offenen Finale, das manchen Leser unzufrieden zurücklassen mag. Das Rätsel der Mary Rogers wird allerdings gelöst. Viele weitere Fragen bleiben ohne Antworten – genau wie im richtigen Leben.

_Links für interessierte Leser_

Einiges kann sich der Leser selbst erschließen. Vier Quellen, die für mich aufschlussreich waren, liste ich abschließend auf; unzählige Links führen auf weitere interessante Websites oder verweisen (ganz altmodisch) auf gedruckte Informationsträger:

– http://www.trutv.com/library/crime/notorious__murders/classics/mary__rogers („The Murder Mystery of Mary Rogers“: Douglass MacGowan rekonstruiert ausführlich und mit vielen zeitgenössischen Abbildungen den Mordfall Mary Rogers.)

– http://urbanography.com/5__points („Where ‚The Gangs‘ Lived. New Yorks Desperate Five Point Neighborhood in the mid-19th Century“: Gregory Christiano berichtet über das organisierte Verbrechen im New York des 19. Jahrhunderts. Eine grandiose Darstellung liefert – auch in deutscher Sprache – Herbert Asbury in [„Gangs of New York“, 596 Heyne-TB Nr. 18582; dieses Buch bildete die Vorlage zum gleichnamigen Film von Martin Scorsese. Auch Rose bezieht sich darauf.)

– http://www.usgennet.org/usa/ny/state/police/ch4pt3.html („High Constable Hays“: Auszug aus „Our Police Protectors, History of the New York Police“, 1885.)

_Der Autor_

Joel Rose wurde 1960 in Los Angeles geboren, wuchs aber in New York City auf, wo er Literatur am Hobart College sowie an der Columbia University studierte. Anschließend war er als Assistent für den Drehbuchautoren Leonard Kanter tätig und arbeitete an der TV-Serie „Miami Vice“ mit, was ihn zu seinem Thriller „Kill the Poor“ (1988) inspirierte. Dieser wurde 2006 verfilmt; dies geschah 2008 auch mit Roses Roman „Kill Kill Faster Faster“. Beide Filme wurden von der Kritik sehr positiv besprochen.

Neben seinen Romanen verfasste Rose auch den Comic-Roman „La Pacifica“ (1995) sowie das historische Sachbuch „New York Sawed in Half“ (2001). Mit seiner Familie lebt und arbeitet Joel Rose in New York. Über seine Arbeit informiert seine Website:

http://www.joelrosebooks.com

http://www.pendo.de

Baumm, Stephanie – Unsterblich wie der Tod

Dass Journalisten in der Literatur „wildern“, ist nichts Neues. Daher denkt sich der eine oder andere Leser auch in diesem Fall vermutlich: „Nicht noch so eine!“, denn immerhin hat diese bereits für verschiedene Zeitungen sowie Agenturen gearbeitet, bevor sie sich dem Schreiben von Büchern widmete. „Unsterblich wie der Tod“ heißt ihr Debüt und beweist, dass Journalisten sehr wohl gute Bücher schreiben können.

Das Buch steigt ohne lange Vorgeschichte direkt in die Ereignisse ein. Die Fotojournalistin Luisa lebt neuerdings in Angst und Schrecken, seit jemand ihr versucht hat, ihr die Leiche eines jungen Mädchens unterzujubeln und sie mit Anrufen belästigt. Die Polizei unternimmt wenig, hat sie sogar im Verdacht, die Täterin zu sein. Die Dinge spitzen sich zu, als man eine zweite Mädchenleiche findet, die nackt in der Nähe einer Bushaltestelle liegt. Auf ihrem Rücken steht „Für Luisa, in Liebe“ und neben ihr findet sich ein Handschuh von Luisas Lebensabschnittspartner Kurt, der allerdings ein Alibi besitzt: Er war zur Zeit des Mordes mit einer anderen Frau zusammen. Keine einfache Sache für Luisa, deren Sohn sich ebenfalls merkwürdig verhält. Der Mörder scheint alle Spuren auf sie lenken zu wollen, in ihrem kleinen Dorf in der Nähe von Kiel traut man ihr nicht. Nur der Kriminalkommissar Armin Stahl glaubt an sie – und Morten Vanderberg, ein berühmter Komponist, der ihr zufällig begegnet und in den sie sich vom ersten Augenblick an verliebt. Er verspürt das Gleiche, doch sie merkt schnell, dass Vanderberg etwas verheimlicht. Etwas, das auffällig viel mit den Mädchenmorden zu tun hat …

Was bereits auf den ersten Seiten auffällt, ist der für eine Journalistin unglaublich lebendige und emotionale Schreibstil. Das gelingt ihr vor allem durch ihr geschicktes Händchen für die Sprache und den Einsatz von Metaphern, Vergleichen sowie verkürzten Sätzen und ähnlichem. Ihr Schreibstil ist unglaublich gelenkig und aktiv und transportiert sehr viel mehr als die eigentliche Bedeutung der einzelnen Worte. Baumm schafft es, mit ausgewählten Begriffen Szenarien vor dem inneren Auge des Lesers zu erschaffen und geht dabei teilweise außergewöhnlich in die Details. Sie schafft es dabei, sich knapp zu halten, so dass die Kleinteiligkeit nicht stört, sondern im Gegenteil ein dickes Plus ist.

Ähnlich virtuos, wie sie mit Worten umgeht, gestaltet die Autorin auch die Handlung des Buches. Es gelingt ihr, eine sehr spannende Geschichte zu entwerfen, deren In-medias-res-Einstieg erst der Anfang von vielen Seiten fesselndem Lesevergnügen ist. Baumm schreitet in großen Schritten voran, so dass keine Längen auftreten, lässt Personen und zwischenmenschlichen Beziehungen dabei aber trotzdem genug Raum, sich zu entfalten. „Unsterblich wie der Tod“ ist nämlich kein eiskalter Thriller, sondern eine Geschichte, die auch psychologisch einiges zu bieten hat und die man nur schwer wieder aus der Hand legen kann. Das liegt auch daran, dass die Autorin gekonnt falsche Spuren auslegt, die den Leser spätestens ab der Mitte der Buches dazu animieren, sich selbst Gedanken über die Lösung des Falls zu machen. Die Lösung lässt zum Glück bis zum Ende auf sich warten, auch wenn sie ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr richtig überrascht. Gerade auf den letzten Seiten hat die Autorin damit zu kämpfen, dass sie sich auf einem sehr schmalen Grat zwischen Realismus und Fiktion befindet. In welche Richtung das Ende ausschlägt, liegt im Auge des Betrachters – nach vielen Seiten spannender Lektüre hat dies aber nur wenig Einfluss auf die Gesamtbewertung des Buches.

Die Figuren, die Baumm antreten lässt, zeichnen sich durch ihre Alltäglichkeit und gleichzeitig durch ihre Tiefe aus. Sie wirken sehr realistisch und werden anhand des Schreibstils treffend beschrieben. Sie sind zwar nicht unbedingt originell, aber der Leser kann sich mit ihnen identifizieren und versteht, was in ihnen vorgeht.

Überhaupt ist „Unsterblich wie der Tod“ ein sehr leserfreundliches Buch. Es ist flüssig, aber anspruchsvoll und spannend geschrieben, besitzt eine sauber aufgebaute, klar strukturierte Handlung und ermöglicht es, sich in die Geschichte hineinzufühlen. Stephanie Baumm hat einen tollen Krimi geschrieben, der Lust auf mehr Bücher der Journalistin macht.

http://www.droemer.de