Die französische Krimiautorin Frédérique Molay trägt eine schwere Last mit sich: Sie teilt ihren Vornamen mit der Grand Dame des französischen Kriminalromans, Fred Vargas. Letztere legt die Messlatte für gute Literatur ziemlich hoch. Es wäre daher nicht unbedingt fair, Molay an ihrer berühmten Namensvetterin zu messen, besonders, wenn man bedenkt, dass „Die siebte Frau“ ihr Debüt ist, das in ihrem Heimatland bereits sehr viel Lob erhalten hat.
Im Mittelpunkt steht der etwas eigentümliche Leiter der Pariser Brigade Criminelle, Nico Sirsky, der so in seiner Arbeit aufgeht, dass er ständig Bauchschmerzen hat. Diese Beschwerden führen ihn zu der bezaubernden Internistin Caroline, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Kein besonders guter Zeitpunkt, denn nur wenig später nach ihrem ersten Zusammentreffen wird Sirsky zu einem grausamen Mordfall gerufen. Eine junge Frau, im ersten Monat schwanger, wurde sadistisch gefoltert und anschließend getötet. Am nächsten Tag werden die Ermittler zu einem ähnlichen Fall gerufen. Erneut wurde eine junge Frau bestialisch niedergemetzelt, doch dieses Mal hat der Mörder es nicht dabei belassen und hat eine Botschaft hinterlassen: In sieben Tagen will er sieben Frauen umbringen.
Für die Kriminalpolizei beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, der für Sirsky bald sehr persönlich wird. Sein eigener Schwager gerät in Verdacht: Die Botschaften, die der Mörder hinterlässt, richten sich direkt an ihn. Obwohl die Polizei in alle Richtungen ermittelt, kommt sie auf keinen grünen Zweig. Der Mörder hinterlässt keine verwertbaren Spuren, begeht keine Fehler, wird immer tollkühner – und der siebte Tag, jener Tag, an dem er eine Person aus Sirskys Umfeld töten möchte, rückt immer näher …
Zugegeben: Der Vergleich mit Fred Vargas und ihrer skurrilen Literatur ist gemein, denn kaum ein anderer beherrscht diesen Stil so gut wie sie. Doch auch in anderer Hinsicht hält Frédérique Molay nicht das, was der Vorname verspricht. Die Handlung des Buchs hat genau ein großes Problem: Die Geschichte des psychopathischen Serienmörders, der aufgrund seiner Kindheitserlebnisse zum Frauenhasser wird, ist nicht gerade neu – und in diesem Fall auch nicht besonders gut umgesetzt. Die Autorin erzählt ohne großes Aufheben und wirkt häufig lieblos. Sie scheint die Geschichte stur nach Schema F abzuwickeln, auch wenn sie immerhin keine unnötigen Längen einbaut. Das hängt allerdings mit der Natur der Handlung zusammen: Wenn Mörder und Ermittler nur sieben Tage Zeit haben, bleibt nicht viel Zeit für Abschweifungen. Aufgrund des flotten Tempos ist das Buch stellenweise sogar spannend – allerdings nicht aufgrund der abwechslungsreichen und überraschenden Ermittlungsarbeit. Diese gestaltet sich ähnlich zäh wie der ganze Krimi. Es fehlt an zündenden Ideen und innovativem Material.
Wie schon erwähnt, ist die Handlung des Krimis an einigen Stellen klischeeverdächtig. Das impliziert, dass es sich mit der Figur des Mörders nicht anders verhält. Ohne viel vorwegnehmen zu wollen, aber der Charakter des unfassbaren Phantoms erinnert an vielen Stellen an ähnlich geartete Täter, ohne dabei etwas Eigenes vorzuweisen. Psychologischer Tiefgang, ausgefeilte Charakterzüge – Fehlanzeige. Etwas besser sieht es für Nico Sirsky aus. Er wirkt zwar ebenfalls blass, zeigt aber Potenzial, das die Autorin allerdings nicht voll ausschöpft. Die Nebenfiguren nehmen leider nur sehr wenig Raum ein und hinterlassen dementsprechend noch weniger Eindruck. Gerade die Mitglieder von Sirskys Team sind kaum voneinander zu unterscheiden.
Der Schreibstil kann ebenfalls kaum punkten, wobei fraglich ist, inwiefern die Kritikpunkte mit der Übersetzung zusammenhängen. Molays Wortschatz und ihre Schreibe sind zwar in Ordnung, können aber keine Akzente setzen. Die Dialoge sind trocken und emotionslos und lockern die Geschichte nicht auf. Obwohl sie sich die Längen ansonsten verkneift, neigt Molay ab und an zu langatmigen Erläuterungen, die teilweise schlecht platziert sind und nur wenig Relevanz für die Geschichte haben.
In der Summe ist „Die siebte Frau“ ein eher durchwachsenes Krimidebüt, dem es an Originalität, häufig aber auch am Handwerklichen mangelt.
|Originaltitel: La 7e Femme
Originalverlag: Fayard
Aus dem Französischen von Brigitte Lindecke
Taschenbuch, 336 Seiten|
http://www.heyne.de
Zwei Männer sind getötet worden. Auf ganz ähnliche Weise erschossen. Doch welche Verbindung besteht zwischen ihnen? Hauptkommissar Van Veeteren von der Kripo in Maardam entdeckt eine heiße Spur, die in die Vergangenheit und zu einer schönen Frau führt. Wird er die nächsten Morde verhindern können?
Der Autor
Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.
Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.
Übersetzte Werke
Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)
1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall
Die Inspektor-Barbarotti-Reihe
1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8
Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)
Håkan Nesser auf |Buchwurm.info|:
[„Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod“ 422 (Hörbuch)
[„Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ 448
[„Sein letzter Fall“ 592
[„Der unglückliche Mörder“ 1182
[„Die Fliege und die Ewigkeit“ 3013 (Hörbuch)
Handlung
Kurz vor ihrem Tod hat ihre Mutter sie aufgefordert, nicht mehr bloß auf das Glück zu warten, sondern zu handeln. Als die Mutter dann ins Grab gesenkt wurde, beschloss sie nach Tagen des Herumsitzens zu handeln. Von ihrer Erbschaft kauft sie sich eine Pistole und legt eine Liste an, dann zieht sie nach Maardam.
In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar dringt eine Frau in das Haus von Ryszard Malik ein, einem Kaufmann, und erschießt ihn mit vier Schüssen: zwei in die Brust, dann noch zwei aus nächster Nähe in den Unterleib. Als Mardiks Frau Ilse ihn nach ihrem Theaterbesuch in der Diele findet, bricht sie ohnmächtig zusammen. Im Krankenhaus verdrängt sie die unaussprechliche Wahrheit. Erst nach Tagen erfahren die Kripobeamten, dass es vor dem Mord anonyme Anrufe gegeben habe. Es sei aber immer nur ein altes Popstück zu hören gewesen, mit dem sie, Ilse, nichts anzufangen weiß.
Zwei Wochen vergehen, bis auch Rikard Maasleitner auf ähnliche Weise niedergeschossen wird: zwei Schüsse in die Brust, danach zwei in den Unterleib. Keine Zeugen, keine Spuren, nichts. Die Bekannten sind ratlos und können sich das nicht erklärt. Die Presse hat ihnen nichts von den Schüssen in den Unterleib berichtet, sonst würden sie nun vielleicht in Panik ausbrechen. Kommissar Reinharts Freundin Winnifred Lynch ahnt, dass dies nur eine gekränkte Frau getan haben kann, der Unrecht angetan wurde. Wegen der Schüsse ins Geschlecht.
Heinemann findet die Verbindung: Beide waren 1965 im Abschlussjahrgang der Militärstabsschule Maardam, das heißt sie waren wie 31 andere Männer Stabsunteroffiziere. Hauptkommissar Van Veeteren veranlasst, dass jeder der acht Kripobeamten sich je vier der Teilnehmer an diesem Abschlussjahrgang, die Heinemann auf einem Foto gefunden hat, vornimmt. Die Befragungen sind langwierig, bringen aber wenig.
Deshalb ist es nicht wirkliche eine Überraschung, als Karel Innings in seiner Wohnung erschossen aufgefunden wird. Seltsamerweise am helllichten Tag und von jemandem, den er selbst eingelassen hat. Es stellt sich heraus, dass sich am Freitag zuvor Innings mit einem Mann getroffen hat, der ebenfalls zur Offiziersgruppe gehört. Dieser Mann hat nicht vor, sich als nächster für diese Sache damals hinrichten zu lassen. Vielmehr stellt er der Mörderin eine Falle.
Nur sieben Wochen nach dem Beginn der Hinrichtungen finden sich der vierte Mann und sein Racheengel. Van Veeteren ist mit Reinhart bereits unterwegs, um das Schlimmste zu verhüten.
Mein Eindruck
Ich haben den spannenden, geradlinig erzählten Krimi ruckzuck ausgelesen. Die Schrift ist groß gedruckt, und zwischen den einzelnen Kapiteln gibt es stets leere Seiten. Auch wegen der einfach formulierten, kurzen Sätze kommt man sehr flott voran.
Doch diese Leichtigkeit soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um ein brutales Verbrechen geht, dessen Sühne ausgerechnet am Internationalen Frauentag, dem 8. März, vollendet wird. Wie Reinharts Freundin geahnt hat, geht es um eine Vergewaltigung, und dreimal darf man raten, wer aus dieser Zeugung hervorgegangen ist: die Mörderin natürlich. In einem Abschiedsbrief an Van Veeteren legt sie ihre Gründe dar und beschreibt, was ihrem Leben und dem ihrer Mutter 1965 zugefügt wurde. Es ist ein erschütterndes Dokument. Welches Ende die Mörderin nimmt, sei hier nicht verraten.
Van Veeteren hat schon immer einen Hang zur Philosophie, und er fragt sich auch diesmal, ob alles so hat kommen müssen. Ob dieser Rachefeldzug das pure Böse ist oder nur ausgleichende Gerechtigkeit. Kein einziges Mal fragt er nach dem Gewaltmonopol des Staates, demgemäß er jeden verfolgen und bestrafen muss, der derart über andere richtet. Er fragt nach der Existenz des Guten, doch ihm fallen nur irrationale Glaubensgrundsätze aus der Jugend ein – Metaphysik. Genauso gut kann man an die Existenz des Zufalls glauben oder auch nicht.
Er wird vielmehr selbst Opfer sinnloser Gewalt, begangen von betrunkenen Jugendlichen, die ihn treten, als er schon am Boden liegt. Er hat sich natürlich gewehrt, aber sie sind in der Überzahl. Als er einen von ihnen nach seinen Gründen für seine Gewaltanwendung fragt, weiß der es nicht zu sagen. Es ist eine traurige Parallele zur Vergewaltigung, der die Mutter der Mörderin anno 1965 zum Opfer fällt. Aber kann aus Sinnlosigkeit denn Sinn entstehen, fragt sich der Leser. Die Mörderin schreibt in ihrem Brief, dass durch die Rache ihr Leben erstmals einen Sinn bekommen hat. Sie fühlte sie nach dem ersten Mord sofort wunderbar lebendig. Dass sie auch den Sinn ihres Todes selbst bestimmt, ergibt sich daraus.
Lange habe ich mich über das fruchtlose Vorgehen der Kripo gewundert, die einfach nicht nach dem vierten Mann gesucht hat. Auch der dritte Mann, Innings, wurde von ihr nicht überwacht. Die Gründe nennt Van Veeteren selbst: nicht genug Personal für die Überwachung von Nr. 3, und das Einzugsgebiet war zu klein, als dass sie Nr. 4 auf Anhieb hätte finden können. Doch das kann auch ein Trick des Autors sein, der seinen Mann Nr. 4 in einen Showdown gegen die Mörderin schicken will, um auf diese Weise Spannung zu erzeugen. Das gelingt ihm auch vollauf.
Dass Reinhart am Schluss beschließt, mit seiner Freundin ein Kind zu zeugen, sieht zunächst wie ein makaberer Zufall aus – eine zynische Absurdität. Aber das ist es nicht. Vielmehr wird so die Sinnlosigkeit der Existenz des Hurenkindes ausgeglichen, jener Frucht der Vergewaltigung anno 1965. Reinhart will per Kindeszeugung mit voller, guter Absicht wieder Sinn in einer absurd gewordenen Welt stiften. Und das kann nicht schlecht sein. Auch wenn das metaphysisch ist.
Innerhalb der Van-Veeteren-Reihe ist der Roman insofern wichtig, als hier der Hauptkommissar seine spätere Freundin Ulrike Fremdli kennenlernt. Sie ist die „Witwe“ von Opfer Nr. 3.
Unterm Strich
Verglichen mit so komplexen Werken „Sein letzter Fall“ und „Die Katze, die Schwalbe, die Rose und der Tod“ wirkt „Die Frau mit dem Muttermal“ außergewöhnlich geradlinig. Natürlich dreht Nesser den Ausgang des Falls ein wenig auf unerwartete Weise, aber die meiste Zeit ist die Geschichte recht vorhersehbar.
Das macht das Buch aber noch längst nicht zum Wegwerfkrimi. Selbst wenn die Polizeibeamten kaum charakterisiert werden, so entsteht doch ein Mitgefühl mit ihnen auf einer sehr allgemeinen menschlichen Ebene. Dort bewegen sich die Strafverfolger auf der gleichen Ebene wie die Täter und die Opfer. Das lässt die philosophische Verarbeitung und Betrachtung der blutigen Geschehnisse zu.
Eine Zeit lang dachte ich, hier würde das Militär angeklagt, aber so weit traut sich der Autor nicht vor. Es geht um Gewalt gegen Frauen, und eine dieser Frauen schlägt zurück – erbarmungslos und konsequent. Darf sie deswegen triumphieren? Nein, denn auch sie ist todgeweiht. Dennoch: Ohne die Frauenbewegung und die sozialkritischen Krimis der Schweden Sjöwall/Wahlöö in den sechziger Jahren wäre dieser Roman nicht möglich gewesen. Der Plot erinnert auch an Mankells Wallander-Thriller „Die fünfte Frau“.
Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: (5 Stimmen, Durchschnitt: 1,40 von 5)
Taschenbuch: 288 Seiten
Originaltitel: Kvinna med födelsemärke, 1997
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3442722802 www.btb-verlag.de
Auf einer Mangroveninsel vor der Küste Floridas findet ein Fischer die grässlich zugerichtete Leiche einer jungen Frau. Ein Meeresräuber scheint sie gepackt und umgebracht zu haben, doch Lieutenant Horatio Caine und sein CSI-Team von der Miami-Dade Police finden schnell heraus, dass hier raffinierter Mord die eigentliche Todesursache war.
Die kunstvolle Inszenierung der Tat weckt in dem erfahrenen Kriminalisten die Sorge, dass sich hier ein Serienkiller ‚warmläuft‘. In der Tat werden kurz darauf die Leichen eines Ehepaars aus dem Wasser gefischt. Der Ehemann war dem Mörder nur im Weg und wurde kurzerhand erschossen. Die Frau sitzt ausgeweidet am Steuer eines fünfzig Jahre alten Oldtimers, der auf offener See versenkt wurde.
Wie befürchtet, nehmen Gewaltintensität und Tempo der Bluttaten zu. Die Ermittlungen sind für die CSI-Spezialisten dieses Mal besonders schwierig, da sich die Tatorte unter Wasser befinden, in dem sich mögliche Indizien buchstäblich auflösen. Womöglich wird dem Killer die eigene Obsession zum Verhängnis; er hat sich das Kostüm eines bekannten B-Movie-Monsters nachschneidern lassen, das er bei seinen Attacken trägt. Die wenigen Spuren zusammenzutragen und auszuwerten, dauert indes seine Zeit – Zeit, die der Täter zur Vorbereitung einer neuen, noch bizarreren Mordtat nutzen kann …
_Die Stadt des gelebten Irrsinns_
Die „Miami“-Variante des erfolgreichen „CSI“-Franchises ist für einen gewissen Hang zu absurden Plots bekannt. Das kommt nicht von ungefähr, denn das reale Miami ist gleichzeitig Schmelztiegel und Vulkankrater für seine ethnisch und sozial oft sehr unterschiedlichen Bewohner. Hoch ist das Lebenstempo, gering die moralische Integrität vieler Glücksritter und Berufskrimineller, die von der tropischen Metropole magisch angezogen werden. Für die „CSI Miami“-Fernsehserie wird die Realität noch einmal dramatisiert und auf die Spitze getrieben. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Zum Geschäft gehört die Beschickung des Buchmarktes mit so genannte „tie-ins“, Romanen zur Serie. Die sind Teil fast jedes Film- und Fernseh-Franchises, wo sie in der Regel ein stiefmütterliches Dasein führen. Drittklassige Lohnautoren produzieren sie wie am Fließband, denn die Ware ist verderblich: Mit dem Ende einer TV-Serie endet in der Regel auch das Interesse an „tie-ins“.
Das „CSI“-Franchise mied den Bodensatz erfreulicherweise von Anfang an. Man heuerte ‚richtige‘ Schriftsteller an, die hohes Schreibtempo mit handwerklichem Geschick plus Talent verbinden: Max Allan Collins, Stuart Kaminsky und nunmehr Donn Cortez. Während die beiden ersten Verfasser auf eine eindrucksvolle Karriere zurückblicken können, ist Cortez noch relativer Neuling.
_Neuer Besen kehrt sehr gut_
Überraschung: Im Trio der „CSI“-Autoren ist er mit Abstand der Beste. So aberwitzig sein Plot vom mordenden Fischmenschen auch sein mag, er entwickelt ihn zu einer Story, wie wir sie gern im Fernsehen sehen würden. „Tödliche Brandung“ ist „CSI Miami“ vom Feinsten. Die Story wird rasant erzählt und weist gut getimte Höhepunkte auf. Wer glaubt, die mühsame Suche nach Spuren an Tatorten oder die umfangreichen Laboruntersuchungen ließen sich nur dank vieler Schnitte, erstaunlicher Tricktechnik und fetziger Musik ertragen, irrt: Cortez baut sie ins Geschehen ein, ohne dass dieses dadurch an Intensität verlöre.
Parallel dazu ‚arbeitet‘ er mit den bekannten Charakteren. Vor allem Horatio Caine wirkt in der TV-Serie zurückhaltend, ja kühl und oft abweisend. Hin und wieder lässt Darsteller David Caruso den wahren Caine durchscheinen, der wesentlich vielschichtiger ist, als er bereit ist zuzugeben. Cortez nutzt ’sein‘ Medium, um dem schweigsamen Caine quasi in den Schädel zu blicken. Der spricht wenig, aber denkt viel. Plötzlich wirkt er wesentlich menschlicher, ohne als Figur an Interesse zu verlieren.
Ähnlich ist es mit den anderen Beamten des „CSI“-Teams. Sie sind zwar eindeutige Nebendarsteller, die im Schatten Caines/Carusos stehen, verfügen aber ebenfalls über persönliches Profil und diverse Geheimnisse, mit denen der Verfasser sie geschickt zum Leben erweckt, ohne sie in Widerspruch zur Charakterisierung zu bringen, die das Fernsehen vorgibt – eine echte Herausforderung, die sich „Tie-in“-Autoren gern sparen und sich auf reine Handlung beschränken.
Cortez nutzt die Freiheit des Romans aus, um Winkel des „CSI“-Kosmos‘ zu betreten, die das prüde US-Fernsehen meiden muss. Hier ist es u. a. Calleigh Duquesnes Ausflug in Miamis Sadomaso-Szene – eine Szene, die Cortez als Teil einer kriminalistischen Untersuchung und der Konfrontation mit emotionalen Neuland ohne die sonst üblichen ‚ulkigen‘ Anspielungen & Schweinigeleien beschreibt.
Auch die Grausamkeit, mit der in „Tödliche Brandung“ Menschen zu Tode kommen, ist ein Gutteil ausgeprägter. Wer die TV-Serie kennt, wird sich über diese Aussage wundern, da dort Leichen in allen Stadien der Zerstörung oder Verwesung präsentiert werden. Cortez hat indes einen Weg gefunden, noch einen Gang höher zu schalten. Allerdings sind die von ihm geschilderten Scheußlichkeit kein Selbstzweck, sondern Teil der Handlung, die es nun einmal in sich hat.
_Die Imagination wird ‚reale‘ Vorlage_
„Gilly“, die „Kreatur aus der Tiefe“, erkennt der Filmfreund sogleich als ‚Kopie‘ des berühmten „Kiemenmanns“ aus dem phantastischen B-Movie-Klassiker „Creature from the Black Lagoon“ (dt. „Der Schrecken vom Amazonas“), den Regisseur Jack Arnold (1916-1992) 1954 zwar in Florida, aber nicht in der späteren Reichweite des CSI-Teams inszenierte.
Dass der Mörder sich dieses Kostüm wählte, ist ebenso perfide wie vielsagend, lebt doch der Film von der zwar verschlüsselten, für die 1950er Jahre jedoch sehr expliziten sexuellen Spannung zwischen dem Wesen und der schönen Frau, die es begehrt.
_Der Autor_
Donn Cortez ist das Pseudonym des kanadisches Schriftstellers Don H. DeBrandt, der unter seinem Geburtsnamen Science-Fiction und Horror schreibt. „The Quicksilver Screen“, sein Romandebüt von 1992, wurde vom renommierten SF-Magazin „Locus“ als Geheimtipp gehandelt. DeBrandt schrieb außerdem für „Marvel Comics“, wo er an Reihen wie „Spiderman 2099“ und „2099 Unlimited“ mitarbeitete.
Seit 2006 verfasst DeBrandt, der im kanadischen Vancouver lebt und arbeitet, Romane zur TV-Serie „CSI: Miami“. Über seine Werke informieren die Websites:
Frühjahr 1895. Am Strand von Föhr wird ein Boot mit einem Toten angetrieben, dem eine Auster auf die Brust geheftet ist. Wasserbauinspektor Sönke Hansen wird damit beauftragt, der Sache diskret auf den Grund zu gehen. Schon bald muss er feststellen, dass hinter dem Mord ein Kampf zweier Austerngesellschaften um die Pachtrechte steht. Doch als er kurz vor der Lösung steht, wird er wegen angeblicher Veruntreuung von Deichbaugeldern selbst vor den Anklagerichter geführt. Eine haltlose Verdächtigung, die offensichtlich nur darauf abzielt, ihn an weiteren Nachforschungen zu hindern. Denn die Hintermänner stehen Hansen näher, als er ahnt …
_Details und Eindrücke:_
Sönke Hansen erhält einen anonymen Anruf – der Unbekannte meldet einen Toten am Südstrand von Föhr, dem symbolisch eine Auster auf die Brust gelegt wurde. Darüber hinaus behauptet der Anrufer, dass Hansens Kollege Dr. Claussen, der die Aufsicht über die Austernbänke hat, nicht vertrauenswürdig sei.
Cornelius Petersen, Hansens Vorgesetzter, setzt Sönke Hansen auf den „Fall“ an. Hansen begrüßt die Unterbrechung seiner manchmal eintönigen Schreibarbeit. Darüber hinaus leidet er unter der Trennung von seiner dänischen Verlobten Gerda (Lehrerin), die seit einem Jahr verschwunden ist, da sie vor den preußischen Machthabern ins Ausland fliehen musste, weil sie dänische Kinder heimlich in ihrer Muttersprache unterrichtet hatte.
Sönke Hansen fährt per Dampfschiff nach Wyk auf Föhr. Sein erstes Ziel ist die kleine Zeitung „Föhrer Nachrichten“ und dort der Chefredakteur Hajo Clement. Zwischen den beiden Männern herrscht ein gespanntes Verhältnis. Dennoch erhält Hansen die Information, dass der bayrische Baron Eberle Gaispitzheim den Toten gefunden hat. Und so sucht Hansen diesen und seine Gattin im „Bayrischen Hirschen“ auf und erfährt einiges von dem sympathischen Ehepaar. Zum Beispiel, dass der Tote eine Tätowierung auf seinem Unterarm hatte: „La Perle de Cancale“. Cancale (in der Bretagne) ist berühmt für seine Fischerbootflotte, die meist in der Bucht von Mont Saint Michel bleibt, wo die Fischer ihre Austernbänke beackern. Die Baronin weist Hansen darauf hin, dass sie Würgemale am Hals des Toten bemerkte und somit davon auszugehen sei, dass er eines gewaltsamen Todes starb.
Als nächstes besucht Sönke Hansen seinen alten Bekannten Nummen Bandick und dessen Frau Matje und spricht mit ihm über den Fall. Danach trifft er auf Reimer, der früher zur Amrumer „Austernflotte“ gehörte und erfährt von ihm einiges über Austernfischerei. Hansen begibt sich danach in den Austernpark und trifft dort auf den Aufseher Erk Tammens; dieser erklärt ihm einiges über die Austernzucht und verrät auch, dass Dr. Claussen am Vortag im Austernpark war. Hansen stellt fest, dass dort zu wenig Arbeiter beschäftigt werden, und auch Erk Tammens hat das schon mehrfach bei Claussen bemängelt, ohne dass Abhilfe geschaffen wurde.
Sönke Hansen kommt das Ganze immer rätselhafter vor, da ihm kaum Austern gezeigt werden, und so stattet er dem Austernpark am nächsten Tag einen erneuten Besuch ab und macht dort die Bekanntschaft des jungen Austernbank-Pächters Carl Amsick. Mit ihm zusammen stellt Hansen fest, dass das Gros der Austern des Parks tot ist. Und somit wird schnell deutlich, dass es ihn diesem Buch um Austernmord im doppelten Sinne geht, denn es werden nicht nur Menschen, sondern auch Austern getötet.
Von Amsick hört Hansen auch, dass in der Nähe der Austernbänke ein englischer Lugger (Segler) gesichtet worden sei. Da sich Erk Tammens bisher stets so verhalten hat, als habe er etwas zu verbergen, geht Hansen erneut zu ihm, um die volle Wahrheit aus ihm herauszuholen. Als er im Austernpark ankommt, wird er Zeuge eines Streites zwischen Claussen und einem Mann, der sich später als James Dixon (Schotte) herausstellt, der darauf hofft, die preußischen Austernbänke zu pachten. Kurze Zeit spät kommt Erk Tammens zu Tode (laut Claussen handelt es sich um Selbstmord). Doch Hansen bezweifelt das sehr bald. Der Fall wird immer mysteriöser, als Hansen erfährt, dass von dem Lugger etwas ausgesät worden sein soll – im Auftrag des Wasserbauamtes.
Auch zwischenmenschlich geht es mit Hansen hoch her. Er begegnet bei einem weiteren Besuch, den er bei Nummen Bandick abhält, Jorke wieder, die ihn auf irgendeine Weise anzieht, trotzdem er sich noch an seine Verlobte Gerda gebunden fühlt. Jorke findet heraus, dass es sich bei der Auster, die man auf dem Toten gefunden hat, um eine französische Crassostrea gigas (Pazifische Felsenauster) handelt.
Je länger Sönke Hansen dem Fall nachgeht, desto verzwickter wird dieser. Meint man zu Anfang der Handlung, eine gewisse Beschaulichkeit des Plotaufbaus zu entdecken, merkt man sehr schnell, dass dem keineswegs so ist. Hansen gerät von einer Situation in die nächste: Da ist eine ominöse Einladung, eine Kutsche, die ihn zu überfahren droht, Hansen gerät in Verdacht, ein Spion im Austerngeschäft zu sein, er stößt durch den Hinweis eines Kollegen auf den Verbleib des mysteriösen Lugger, er lernt Dr. Marten Janssen, einen Malakologen (Spezialist für Muscheln und Schnecken), in der „Königlichen Biologischen Anstalt“ auf Helgoland kennen, kommt der „Austernpest“ (Pantoffelschnecke) auf die Spur – und da sind noch Gerda und Jorke, die beiden Frauen, die ihn beide emotional erreichen …
Kari Köster-Lösches Sönke-Hansen-Krimis zeichnen sich durch sehr gute Recherche, mehrdimensionale und fein gezeichnete Charaktere sowie sehr atmosphärisches Lokalkolorit aus. Darüber hinaus sind die Morde eher Beiwerk, im positiven Sinne. Hier schreibt eine Autorin, die nicht auf flache Effekthascherei aus ist, sondern mit sehr viel Liebe zum Detail ein buntes Gemälde erschafft, das viel über die Menschen, die Gesellschaft dieser Zeit und den Landstrich aussagt.
Mit wie viel Liebe zum Detail dabei vorgegangen wurde, zeigt auch, dass im Anschluss an den Romantext eine ausführliche Auflistung der Personen – sogar in der Reihenfolge, wie sie in der Handlung erscheinen – und ein kleines Wortverzeichnis (Glossar) sowie darüber hinaus das Rezept eines Austerngerichtes, das im Krimi vorkommt, angefügt werden. Überhaupt wird man auf perfekt in die Handlung eingebundene Weise umfangreich über die Austernzucht informiert, ohne geschulmeistert zu werden. Aber man erfährt auch viel über „Land und Leute“, und das macht den besonderen Reiz des Textes aus. Die Autorin vermittelt dem Leser den Eindruck, ihn in die Handlung einzuladen, zu den Menschen, die sie ausmacht – sozusagen einer von ihnen zu sein.
Ein Satz blieb mir besonders im Gedächtnis haften: |“Alle Abschiede sind schwer, besonders aber die, die einen Abschnitt des Lebens beenden.“|
_Fazit:_ „Der Austernmörder“ ist ein Sönke-Hansen-Krimi mit Lokalkolorit, mehrdimensionalen Akteuren, liebevollen Details und einer sehr dichten und stimmungsvollen Handlung.
_Die Autorin:_
Kari Köster-Lösche würde am 23. Januar 1946 als Kind deutsch-schwedischer Eltern in Lübeck geboren. Aufgrund der akademischen Tätigkeit ihres Vaters als Geologe verbrachte sie einen großen Teil ihrer Kindheit im Umfeld der Universitäten Uppsala und Lund in Schweden. In Gießen studierte sie Veterinärmedizin und promovierte in Bakteriologie. Sie war lange Jahre als Humanmedizinerin tätig und ging im Zuge ihrer Forschungen an BSE an die Öffentlichkeit, sehr zum Unmut führender Unternehmer in der Landwirtschaft. Die Autorin lebt mit ihrem Mann Karl-Heinz Lösche in Nordfriesland und hat bisher 29 Romane und zehn Sachbücher veröffentlicht, von denen einige in acht weiteren Sprachen erschienen sind. Der nächste Sönke-Hansen-Krimi „Die letzte Tide“ ist für den April 2009 angekündigt.
[„Mit der Flut kommt der Tod“ 1696
[„Das Blutgericht“ 1719 (Sachsen-Trilogie, Band 1)
[„Donars Rache“ 1729 (Sachsen-Trilogie, Band 2)
[„Mit Kreuz und Schwert“ 1730 (Sachsen-Trilogie, Band 3)
Ein kleiner Gangster will den Selbstmord seiner Tochter aufklären, wird in eine Falle gelockt und steht plötzlich als Mörder dar. Von der Polizei bedrängt, tritt er die Flucht nach vorn an und gerät in ein Komplott, das sein Leben endgültig zu zerstören droht … – Spannender und schneller Thriller im Gangster-Milieu für hartgesottene Leser: Sympathieträger gibt es nicht, Intrigen und Gewalt bestimmen die Szene – eine angenehme Abwechslung zu den Schmuse-und-Schwätzer-Krimis der Bestsellerlisten. Allan Guthrie – Abschied ohne Küsse weiterlesen →
Wer Lesestoff ein wenig abseits ausgelatschter Krimipfade sucht, der sollte einen näheren Blick auf Cornelia Reads Debütroman „Schneeweißchen und Rosentot“ werfen. Mit Madeline Dare hat Read eine eher ungewöhnliche Krimiheldin geschaffen, die ihren Fall erfrischend anders löst:
Madeline Dare ist eine Tochter aus ehemals gut betuchtem, alteingesessenem New Yorker Hause. Vom Glanz und Reichtum vergangener Tage ist in großen Teilen der Familie nur noch wenig übrig geblieben, auch wenn man gerne noch den Anschein wahren möchte. Zu ihrem eigenen Leidwesen lebt Madeline aber nicht mehr in New York, sondern ist ihrem Mann in das ländliche, langweilige Syracuse gefolgt. Während Ehemann Dean oft wochenlang in Kanada als Schienenschleifer arbeitet, schreibt Madeline für die „leichten“ Seiten der örtlichen Lokalzeitung Rezepttipps, Buchkritiken und Reiseempfehlungen.
In Syracuse passiert nicht viel Spektakuläres, und so berichtet man in Deans Familie immer wieder gerne von den Leichen zweier junger Mädchen, die vor neunzehn Jahren hier gefunden wurden. Der Fall wurde niemals gelöst. Stolz wird Madeline dann eines Tages bei einer gemütlichen Familienzusammenkunft auf der Farm von Deans Eltern ein Beweisstück präsentiert, von dem die Polizei nichts weiß. Madeline klappt bei dem Anblick die Kinnlade herunter, schließlich kann sie das Beweisstück ganz eindeutig ihrem Lieblingscousin Lapthorne zuordnen.
Und so ist Madelines Neugier entfacht. Sie muss unbedingt herausfinden, ob Lapthorne etwas mit den Morden zu tun hat, sonst hat sie keine ruhige Minute mehr. Sie fängt an, ein wenig nachzuforschen und Informationen zusammenzutragen. Doch offenbar macht sie das nicht unauffällig genug, denn plötzlich gibt es eine weitere Leiche. Obendrein offenbart sich ein beängstigender Zusammenhang zwischen den Morden: Alle Opfer werden wie Illustrationen zu bekannten Märchen inszeniert …
Wie eingangs bereits erwähnt, ist „Schneeweißchen und Rosentot“ kein Krimi von der Stange. Der Roman hat eine ausgeprägte belletristische Ader; der Krimiplot kommt erst ganz gemächlich in Fahrt, denn Read widmet sich erst einmal ausgiebig der Hauptfigur Madeline und ihren Lebensumständen. Bis die neunzehn Jahre zurückliegenden Morde überhaupt zu einem akuten Thema werden und Madeline ernsthafte Nachforschungen anstellt, dauert es eine ganze Weile.
Dass dennoch keine Langeweile aufkommt, ist vor allem Cornelia Reads unterhaltsamem Erzählstil zu verdanken. Sie erzählt ganz locker drauflos und offenbart dabei einen wunderbar trockenen Humor, der auch jene Passagen, die ohne viel Krimispannung auskommen müssen, unterhaltsam gestaltet.
Der Reiz der Geschichte liegt obendrein darin, dass Madeline eher zufällig in die ganze Sache hineinschliddert. Sie will gar keinen Mord aufklären und ist alles andere als eine knallharte, abgebrühte Investigativjournalistin. Alles, was sie will, ist die Gewissheit, dass ihr Lieblingscousin kein Mörder ist.
Dass ihr die Ermittlungen dann im weiteren Verlauf keine Ruhe mehr lassen und sie den Fall nun doch aufklären will, wird ihr teilweise selbst ein bisschen unheimlich. Doch da macht sich auch der Druck ihres Chefs bemerkbar, der mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen würde, dass Madeline nicht abgebrüht genug dafür ist, diese Geschichte bis zum Ende zu verfolgen. Und so bleibt Madeline doch am Ball. Unverhoffte Unterstützung bekommt sie dabei von ihrer alten Freundin Ellis. Und so schlingern die beiden als etwas chaotisches Ermittlerduo durch den Fall und sorgen schon durch ihre Art, die Sache anzupacken, für einige Spannung.
Es dauert zwar eine Weile, aber dafür entwickelt „Schneeweißchen und Rosentot“ sich dann im weiteren Verlauf umso spannender. Der Plot nimmt an Fahrt auf, Hinweise werden ausgestreut und der Leser kann miträtseln, wer hinter den Morden steckt. Das Ganze gipfelt in einem rasanten, nervenaufreibenden Finale, das man anfangs kaum für möglich gehalten hätte.
Protagonistin Madeline bringt man recht schnell Sympathien entgegen. Obwohl sie aus gutem Hause abstammt, ist sie überraschend bodenständig. Sie fühlt sich im eher provinziellen Syracuse zwar nicht besonders wohl, findet sich aber aus Liebe zum ihrem Mann Dean damit ab – zumindest solange Aussicht auf einen in nicht all zu ferner Zukunft anstehenden Ortswechsel besteht.
Dean stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Familie bewirtschaftet eine Farm, auf der Dean immer mal wieder aushilft und wo auch Madeline daher häufiger zu Besuch ist. Das scheint der alteingesessenen New Yorkerin aus guten Hause aber sympathischerweise eher wenig Bauchschmerzen zu verursachen. Ihre Herkunft spielt in ihrem gegenwärtigen Alltag kaum eine Rolle, und mit dem Upper-Class-Gehabe, das viele ihrer Verwandten an den Tag legen, kann sie eher wenig anfangen. Und so kann Madeline eben auf der Sympathieskala punkten.
Unterm Strich ist Cornelia Read mit „Schneeweißchen und Rosentot“ also ein außerordentlich vielversprechendes Debüt geglückt. Sie weiß mit einer sympathischen Protagonistin zu überzeugen und legt einen lockeren Schreibstil voll trockenen Humors an den Tag. Der Krimiplot kommt zwar aufgrund der ausgeprägten belletristischen Ader des Romans eher gemächlich in Gang, aber das mindert keinesfalls das Lesevergnügen. Der sich im Laufe des Romans entfaltende Krimiplot ist gut komponiert und entwickelt eine Spannung, die man in Anbetracht des eher gemütlich Starts kaum für möglich halten mag. Alles in allem ein erfrischender Krimispaß, der Lust auf weitere Bücher von Cornelia Read macht.
Nachdem Kurt Wallander sich zur Ruhe gesetzt hat, muss ein neuer, knorriger Ermittler aus Skandinavien her, der diese Lücke ausfüllen kann. Die Dänin Inger Wolf hatte dies sicherlich nicht im Hinterkopf, als sie ihren Krimi „Spätsommermord“ schrieb. Dennoch wirkt ihr Kommissar Daniel Trokic in gewisser Weise wie ein Nachfolger des deprimierten Mannes aus Ystadt.
Doch Daniel Trokic ist nicht alleine. Ihm zur Seite steht die junge, unkonventionelle Lisa Kornelius, die eigentlich Computerexpertin bei der Polizei ist, sich aber wünscht, endlich mehr in die wirklichen Ermittlungen eingebunden zu werden. Dazu hat sie die Möglichkeit, als man im Herbst eine nackte Frauenleiche in einem abgelegenen Waldstück findet, auf deren Torso eine Schierlingsblüte platziert wurde. Ihre Kehle wurde durchgeschnitten, aber anfangs ist nicht klar, wieso ausgerechnet sie Opfer eines Verbrechens wurde.
Anna Kiehl war Studentin und alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes. Weil sie ihre Meinung gerne offen kundgetan hat, hat nicht jeder sie gemocht, aber keiner hatte Grund, sie umzubringen. Erst als sich nach der Obduktion herausstellt, dass sie erneut schwanger war, ergibt sich eine erste Spur. Wer war der Vater des Kindes, wo doch alle Zeugen aussagten, dass sie keinen Freund hatte? Auf bloßen Verdacht hin lässt Trokic den Tümpel untersuchen, in dessen Nähe Anna Kiehls Leiche gefunden wurde. Tatsächlich finden Taucher einen weiteren Toten: Christoffer Holm, einen erfolgreichen und leidenschaftlichen Chemiker. Es stellt sich heraus, dass er der Vater von Annas Kind war und auch ihr Freund. Doch das Motiv bleibt unklar. Die Ermittler stochern im Nebel herum und merken nicht, dass sie dem Mörder dabei sehr nahe kommen. Gefährlich nahe …
Kriminalromane aus Skandinavien sind beileibe nichts Neues mehr, und so verwundert es nicht, dass die Erwartungshaltungen an „Spätsommermord“ nicht unbedingt hoch waren. Tatsächlich wirkt das Buch anfangs so, als ob es zwar gehaltvoll geschrieben und spannend wäre, mehr aber auch nicht – typisch skandinavisch eben. Allerdings entwickelt die Geschichte mit der Zeit doch etwas Eigenes. Sie wird zunehmend spannend und die anfängliche Distanziertheit lässt nach. Ihr größter Pluspunkt ist die interessante und authentische Umsetzung der trockenen Polizeiarbeit. Gerade was Lisas Arbeit am Computer angeht, gewährt Wolf immer wieder interessante und lehrreiche Einblicke. Gleichzeitig serviert die Autorin ihren Charakteren die Lösung des Falls nicht auf dem Silbertablett. Sie hangeln sich mehr oder weniger an Zufällen und blinden Verdachtsmomenten entlang, was das Ganze sehr realistisch wirken lässt. Wolf stellt keine Superhirne in den Mittelpunkt ihres Buches, sondern normale und bodenständige Charaktere.
Allen voran natürlich Daniel Tropkic, der, wie die anderen Figuren auch, eine interessante Vergangenheit aufweist. Dank dieser ist er ein vielschichtiger Mensch, der nicht bloß seine Funktion als Ermittler erfüllt. Er weist zwar nicht die Intensität eines Kurt Wallanders auf – dafür fehlt es ihm an tiefgründigen Gedankengängen und gesundheitlichen Problemen -, hat aber durchaus Entwicklungspotenzial. Gleiches gilt für Lisa, die ebenfalls einige interessante Züge aufweist. Sie ist frei von Klischees und gefällt durch ihre manchmal forsche Art. Jedoch hat man bei ihr ebenfalls das Gefühl, dass ihre Möglichkeiten noch nicht völlig ausgeschöpft sind. Das gilt auch für die Nebenfiguren, vor allem bezüglich der Mordfälle. Sowohl von der Intensität als auch von der Atmosphäre eines Henning Mankell ist Inger Wolf noch ein Stück entfernt.
Der Schreibstil wirkt kühl und distanziert, wie es das Cover des Buchs bereits erahnen lässt. Das wird Inger Wolf an einigen Stellen zum Verhängnis, denn obwohl sie flüssig und abwechslungsreich schreibt, springt der Funke zu selten über, um echte Begeisterung beim Leser hervorzurufen. Wie auch bei den Charakteren fehlt es an einem entsprechenden Vibe, der „Spätsommermord“ zu einem Pageturner machen würde.
Im direkten Vergleich mit Henning Mankell, dem Großmeister des skandinavischen Krimis, zieht Inger Wolf den Kürzeren. Dafür ist ihre Geschichte ein wenig zu eindimensional, zu distanziert und zu kühl. Dennoch ist „Spätsommermord“ spannend, handwerklich gut und weiß mit dem einen oder anderen Detail zu punkten. In Anbetracht der Tatsache, dass Inger Wolfs Schrifstellerkarriere gerade erst begonnen hat – das vorliegende Buch ist ihr zweites -, dürfte von ihr aber sicherlich noch einiges zu erwarten sein.
Einmal im Jahr besuchen die US-amerikanischen Antiquitätenhändler Dave Cannon und Bob Eddison England, um dort nach interessanten Stücken für ihren Laden zu stöbern. In Bartonbury, einem kleinen Städtchen in der Grafschaft Glouchestershire, wittern sie eine unerwartete Chance: Dort hat Tristram Vail seinen Altersruhesitz aufgeschlagen. Einst galt er als Hexenmeister und Antichrist, der eine große Anhängerschar um sich versammelte und durch gotteslästerliche und unzüchtige Praktiken von sich reden machte.
Nun ist Vail müde und knapp bei Kasse. Gern würden Cannon und Eddison einige Bände aus seiner legendären Bibliothek okkulter Schriften erwerben. Die Verhandlungen gestalten sich indes schwierig. Vail ist kein reuiger Sünder; im Gegenteil will er seine Memoiren schreiben, was einigen Jüngern, die inzwischen zu Ämtern und Würden gelangten, gar nicht gefallen dürfte. Außerdem geht das Gerücht, dass Vail hinter diversen Einbrüchen in Kirchen der Umgebung steckt, die anschließend auch noch geschändet wurden. Der Verdacht verstärkt sich, als Richard Foss, Vails Sekretär, in der Dorfkirche gefunden wird – scheinbar beim Versuch, einen kostbaren Kelch zu rauben, von einem alten Schwert durchbohrt, das sich wie durch Zauberhand (!) aus seiner Verankerung löste.
Chefinspektor Codd, der mit der Klärung des Falls beauftragt wird, ist ein alter Bekannter von Cannon und Eddison. Er hat deshalb nichts dagegen, dass sich das Duo detektivisch betätigt. Hinter den Kulissen von Bartonbury geht es alles andere als beschaulich zu. Nicht nur der alte Vail hütet düstere Geheimnisse. Schwarze Magie oder simpler Betrug: Was steckt hinter den Ereignissen? Diese Frage gilt es zu beantworten, bevor sich der nächste ‚Unfall‘ ereignet …
_Die Macht der Vergangenheit_
Alte Sünden sterben nicht wirklich, Ohne diese Tatsache gäbe es die meisten Krimis gar nicht. Irgendwann hat man einen Fehler begangen, man verstieß gegen ein Gesetz oder eine moralische Regel, kam davon bzw. wurde nicht zur Rechenschaft gezogen. Das Leben geht weiter, man steigt auf, genießt gesellschaftliches Ansehen. Immer bleibt jedoch die Erinnerung, die von der Angst vor Entdeckung begleitet wird. Irgendwann ist es so weit. Wie wird man reagieren? Das offene Geständnis widerspricht natürlich dem Wesen des Krimis. Genregerecht wird versucht zu vertuschen, man verwickelt sich in Widersprüche, gerät in die Enge, deren Fesseln schließlich durch Gewalt gesprengt werden sollen, was alles nur schlimmer macht.
Dieser Plot ist wahrlich klassisch und zeitlos zugleich. Er wird gern verwendet und kann durch diverse Ausschmückungen individualisiert werden. Das gelingt bedrückend oft besser als in diesem Fall: „Satan schreibt Memoiren“ – der Originaltitel lautet ähnlich knallig „The Devil Finds Work“ – ist einerseits ein grundsolider und andererseits ein ziemlich langweiliger Krimi, was durch die altbackene Übersetzung noch unterstrichen wird. Das Landhaus, das Schloss, der kleine Ort: Ein wirklich inspirierter Autor vermag auch im abgegriffenen Ambiente des englischen „Whodunit?“ Stimmung und Spannung zu schaffen. Michael Delving, der seine schriftstellerischen Erfolge außerhalb des Krimis feierte, bringt nur handwerklich sauberes Mittelmaß hervor.
_Zwei Amerikaner, aber nicht in Paris_
Seltsam fehl am Platz wirken Delvings Serienhelden. Dabei ist der Gedanke, zwei US-Amerikaner in die englische Provinz zu locken, gar nicht abwegig. Viele Krimi-Autoren haben sich des Kunstgriffs bedient, den Ort des Verbrechens quasi durch fremde Augen zu betrachten. Was für die Bewohner von Bartonbury selbstverständlich ist, muss den ausländischen Besuchern – und damit den Lesern – ausführlich erklärt werden. Amerikaner stehen darüber hinaus für eine lockere Lebensart, die gern in reizvollen Kontrast mit den steifen Briten gestellt wird.
Leider sind Dave Cannon und Bob Eddison zwei denkbar farblose Charaktere. Es musste noch ein Vierteljahrhundert verstreichen, bevor Archäologen, Historiker und Antiquitätenhändler zu Helden und die Buchläden mit Mystery-Thrillern geflutet wurden; Nicolas Cage führt in „National Treasure“ (besonders Teil II: „Das Vermächtnis des geheimen Buches“) vor, wie das dann filmisch umgesetzt wird: wesentlich actionreicher.
Dabei hat sich Autor Delving in dieser Hinsicht sogar etwas ausgedacht: Bob Eddison ist ein nordamerikanischer Ureinwohner (= „Indianer“, wie das 1970 noch gesagt werden durfte). Das ist für die Krimi-Handlung völlig unerheblich. Stattdessen baut Delving eine Szene ein, in der Eddison mit Rassenvorurteilen konfrontiert wird, was schrecklich aufgesetzt wirkt, weil es offenkundig nur Vorwand für einen politisch korrekten Anti-Rassismus-Appell an die Leserschaft ist. Womöglich hat sich diese in den turbulenten 1970ern, in denen die Diskussion über Menschenrechte en vogue war, nicht so sehr darüber gewundert wie der Rezensent im 21. Jahrhundert.
Bartonbury wird von der üblichen Schar exzentrischer Engländer bevölkert, die Delving publikumswirksam von Agatha Christie entliehen hat. Die Atmosphäre ist so altertümlich, dass die Erwähnung der Gegenwart des Jahres 1970 beinahe störend wirkt. Viele Zeilen widmet unser Verfasser der Beschreibung historischer Bauwerke und Artefakte; vielleicht wird der kleine Ort deshalb von so vielen Käuzen bewohnt … Bedauerlicherweise sind sie nur seltsam, aber nicht liebenswert und nur in Maßen unterhaltsam.
_Götterdämmerung für einen Magier_
Mehr Mühe hat sich Delving mit der Figur des Tristram Vail gegeben. Er ist in Gestalt, Auftreten und Biografie ein akkurates Ebenbild von Aleister Crowley (1875-1947), dem „Magicker“, Schriftsteller, Maler und Bergsteiger, der eine Zeit lang als „bösester Mensch des Jahrhunderts“ galt und sich selbst als die „Große Bestie 666“ aus den Offenbarungen des Johannes bezeichnete. (Insofern ist es nachvollziehbar, das uns Christopher Lee, der in seiner langen Filmkarriere so manchen gottlosen Finsterling mimte, vom Cover der deutschen Ausgabe bedrohlich anstarrt.) Tatsächlich war Crowley kein simpler Satanist, was seine Gegner, in den östlichen und kabbalistischen Lehren meist wenig bewandert und von Crowley, einem genialen Selbstdarsteller, geschickt manipuliert und gereizt, in der Regel nicht zur Kenntnis nahmen.
Michael Delving präsentiert mit Tristram Vail einen gealterten, von der Welt weitgehend vergessenen Crowley, der aber noch als Schatten seiner selbst eine faszinierende Persönlichkeit ist und von seinen Attitüden nicht lassen mag. Vail meint die Regeln der Selbstvermarktung verinnerlicht zu haben; er ist fest davon überzeugt, dass ihm seine Memoiren den Weg zurück ins Rampenlicht bahnen, denn „sex sells“, wie der alte Zyniker weiß. Zu seinem Pech verlässt er sich nicht darauf, sondern wandelt vorsichtshalber auch auf krummen Pfaden. Sein Schicksal ist nicht tragisch, sondern kläglich. Damit passt es sehr gut ins Finale, das zwar aufklärt, aber nichts von der Spannung der klassischen Kriminalromane aufweist, auch wenn alle Verdächtigen genrekonform zur Auflösung zusammenkommen: Dieser Roman ist keine echte Wiederentdeckung. „Satan schreibt Memoiren“ dürfte schon 1970 als simples Lesefutter gedient haben. Dabei ist es geblieben; nicht hinter jedem angejahrten Krimi verbirgt sich halt ein Klassiker, sondern manchmal nur – Staub …
_Der Autor_
Michael Delving wurde als Jay Williams am 31. May 1914 in Buffalo (US-Staat New York) geboren. Der Sohn eines Vaudeville-Produzenten besuchte in den frühen 1930er Jahren die Universität. In der Zeit der großen Wirtschaftskrise oft arbeitslos, trat er als Komödiant auf.
Ab 1936 arbeitete Williams als Presseagent für die „Hollywood Theatre Alliance“. Der II. Weltkrieg unterbrach diese Tätigkeit. Williams wurde einberufen und diente bis 1945 in der Armee. Schon in dieser Zeit begann er zu schreiben; sein Romandebüt wurde 1943 „The Stolen Oracle“, ein Krimi für jugendliche Leser.
Erfolgreich und berühmt wurde Williams vor allem mit seiner Mystery-Serie um „Danny Dunn“, die es zwischen 1956 und 1977 auf 15 Bände brachte. Neben weiteren Kinder- und „Young Adult“-Büchern verfasste er auch Historienromane und historische Sachbücher für ein erwachsenes Publikum, zahlreiche Science-Fiction-Storys sowie unter dem Pseudonym „Michael Delving“ sieben Krimis, davon sechs um den Antiquitätenhändler Dave Cannon, der mal mit, mal ohne seinen Partner Bob Eddison unfreiwillig in Verbrechen verwickelt wird. Insgesamt veröffentlichte Jay Williams, der am 12. Juli 1978 starb, mehr als 75 Bücher.
Die Cannon/Eddison-Krimis erschienen hierzulande im |Wilhelm Goldmann|-Verlag.
(1967) Smiling the Boy Fell Dead (dt. „Der Tod des Gärtners“) – Nr. 4188
(1970) The Devil Finds Work (dt. „Satan schreibt Memoiren“) – Nr. 4160
(1970) Die Like a Man (dt. „Das Geheimnis der 13 Stühle“) – Nr. 4141
(1972) A Shadow of Himself (dt. „Ein Schatten seiner selbst“) – Nr. 4210
(1975) Bored to Death/A Wave of Fatalities (dt. „Schwer wie Blei“) – Nr. 4538
(1978) No Sign of Life
Belgien ist ein kleines Land, das sich zwischen die Niederlande und Frankreich quetscht und literarisch bislang nur wenig Aufsehen erregt hat. Nachdem Skandinavien krimitechnisch bereits ordentlich ausgeschlachtet wurde, möchte Luc Deflo die Spannung nun in sein Heimatland bringen. Der Verlag nennt ihn „Belgiens Thrillerautor Nr. 1“, aber kann er mit „Totenspur“ wirklich überzeugen oder ist und bleiben Belgiens Importschlager die vielleicht besten Pralinen der Welt?
Eines Tages wird eine junge Frau verstümmelt in einer Badewanne gefunden. Es stellt sich heraus, dass sie vorher tiefgefroren war. Wenig später taucht im Hafen von Mechelen eine weitere Leiche auf, ebenfalls von einer jungen Frau und nicht weniger gut erhalten. Für den Polizeipsychologen Dirk Delau ist klar, dass man es hier mit einem Serienmörder zu tun hat, den es mit allen Mitteln zu stoppen gilt. Zu allem Überfluss findet man heraus, dass eine der Toten eigentlich bei einem Hausbrand in Frankreich ums Leben gekommen ist. Was ist hier los? Und wieso ähneln sich die beiden Toten äußerlich so sehr?
Nein, mit einem normalen Mörder haben es Dirk Delau und der Untersuchungsrichter Jos Bosmans hier wirklich nicht zu tun. Ihr Team ermittelt in alle Richtungen, doch sie werden von ganz oben behindert, als sie auf eine Verbindung zu dem Politiker Robert Pardon stoßen. Doch Jos lässt sich davon nicht beirren und setzt alles auf eine Karte. Anscheinend war diese Entscheidung richtig, denn wenig später findet man auch Robert Pardon tot in seinem Wagen. Angeblich ein Herzinfarkt – oder doch das Werk des Mörders?
Luc Deflo hat ein Buch geschrieben, das wie die Folge einer Krimi-TV-Serie wirkt. Er steigt direkt in die Geschichte ein und stellt seine Charaktere kaum vor. Das hat den Nachteil, dass man diese als Leser nicht richtig kennenlernen kann. Da vor „Totenspur“ bereits ein anderer Krimi mit Jos Bosmans und Dirk Delau erschienen ist, hat er sie vielleicht dort vorgestellt. Der Neuleser wird jedenfalls recht unsanft in den belgischen Kosmos geschleudert, und das wirkt sich negativ auf das ganze Buch aus. Jos Bosmans und Dirk Delau sowie die anderen Charaktere wirken wie ein guter Versuch, doch leider bleiben sie meistens recht durchschnittlich in ihrer Wirkung auf den Leser. An der einen oder anderen Stelle greift der Autor auf Klischees zurück, die den Lesegenuss zusätzlich schmälern.
Die Handlung selbst kann ebenfalls nicht punkten. Es fehlt an einem konstanten Spannungsaufbau, und die Geschichte gerät häufig ins Schlingern. Als Leser verliert man leicht den Überblick, und es mangelt an falschen und richtigen Spuren, die letztendlich zur Auflösung des Falls führen. Im Gegenteil ist die Mörderin von Anfang an bekannt, da auch sie in einigen Kapiteln zu Wort kommt. Die Jagd auf sie ist nicht besonders spektakulär, manchmal sogar unrealistisch. Das ist schade, denn an und für sich liefert „Totenspur“ gute Ansatzpunkte für eine wirklich spannende Geschichte. Sie hätte nur anders aufgebaut werden müssen.
Der Schreibstil könnte ausgefeilter sein, lässt sich aber leicht lesen und kommt ohne große Patzer aus. Die Dialoge wirken allerdings oft gekünstelt. Das spürt man besonders bei den Witzeleien zwischen Jos und Dirk, die nur selten zünden, oder auch den Gesprächen zwischen ihren Frauen, die häufig wie aus einer Vorabendserie entlehnt wirken.
Auch wenn sie vielleicht nicht unbedingt schmeichelhaft für die Figur sind, sollte man sich doch lieber an die Belgischen Pralinen halten. „Totenspur“ bemüht sich, ein gutes Buch zu sein, schafft es aber leider nicht, dem gerecht zu werden. Dazu ist die Handlung nicht straff und spannend genug und auch bei den Figuren und dem Schreibstil ist einiges im Argen. Fürs bloße Zwischendurchlesen sicherlich nicht schlecht, aber kein literarisches Feuerwerk.
|Originaltitel: Bevroren Hart
Aus dem Flämischen von Stefanie Schäfer
Taschenbuch, 357 Seiten|
Dass es im Weißen Haus in Washington, D.C., nicht immer mit rechten Dingen zugeht, wissen wir spätestens seit Bill Clinton. Der amerikanische Autor Brad Meltzer treibt es in seinem Thriller „Shadow“ auf die Spitze. Hier geht es nicht mehr nur um eine kleine Affäre, sondern um gefährliche Machtspielchen und düstere Geheimnisse, welche die Wiederwahl des fiktiven Präsidenten Hartson in Gefahr bringen könnten.
Michael Garrick ist Berater im Weißen Haus und hat es jeden Tag mit einem Haufen karrieregeiler Kollegen zu tun. Er selbst wirkt ziemlich bodenständig, aber das hält ihn nicht davon ab, sich ausgerechnet mit Nora Hartson, der Tochter des Präsidenten, zu treffen und sich in sie zu verlieben. Als sie eines Abends gemeinsam ausgehen, versucht Nora alles, um den Secret Service, ihre Bodyguards, abzuschütteln und es gelingt ihr sogar. Die beiden haben ein kurzes, aber intensives Date, das ein jähes Ende findet, als Michael seinen Boss Simon dabei beobachtet, wie dieser in einer Schwulenbar einen dicken Umschlag entgegennimmt. Das weckt Noras Abenteuerlust und sie folgen Simon, der den Umschlag an einem abgelegenen Ort zu vergräbt. Als sie der Sache auf den Grund gehen, finden sie einen Packen Geld, und Nora lässt es sich nicht nehmen, ein Bündel Scheine in die Tasche zu stecken.
Am nächsten Tag will Michael seine Beobachtungen über Simon der Ethikchefin des Weißen Hauses beichten, doch sie eröffnet ihm, dass Simon bereits vor ihm da war und die gleiche Geschichte, die er Caroline Penzler auftischt, ebenfalls erzählt hat – und alle Schuld auf Michael geschoben hat. Wer hat nun Recht? Die Situation sieht nicht besonders gut aus für Michael, denn die einzige Zeugin, die seine Aussage bestätigen könnte, ist schließlich die Tochter des Präsidenten, und es sähe nicht besonders gut aus, wenn sie in solche Unternehmungen verstrickt wäre. Und dann ist da ja auch noch das Geld, das sie mitgenommen haben … Zu allem Überfluss stirbt Caroline Penzler wenig später – angeblich an einem Herzinfarkt – und Michael gerät ins Visier des FBI. Um seine Haut und die von Nora zu retten, versucht er, Simons Schuld nachzuweisen und verstrickt sich dabei immer tiefer in den undurchsichtigen Fall …
„Shadow“ wird Fans von eiskalten Thrillern mit Heldenfiguren in dieser Hinsicht enttäuschen. Michael Garrick ist ein sehr ehrlicher und offener Erzähler, der keine Superkräfte besitzt und manchmal vielleicht ein wenig zu farblos wirkt. Er ist recht normal, was ihn aber menschlich und real wirken lässt. Es macht Spaß, ihn während der Lektüre zu begleiten, da er eine relativ objektive Sichtweise auf die Ereignisse erlaubt, ohne dabei völlig unterzugehen. Seine Vergangenheit und Persönlichkeit werden gut herausgearbeitet, wie auch bei den anderen Figuren. Meltzer greift nur selten Klischees auf, denn obwohl seine Figuren sehr gewöhnlich wirken, haben die meisten das eine oder andere Extra, das sie letztendlich hervorstechen lässt. Simon beispielsweise ist nicht das Monster, das man sich vorstellt. Im Gegenteil pflegt er ein behindertes Kind, für das er sogar beruflich zurückgesteckt hat. Ähnlich sieht es mit Michael aus, dessen Familiengeschichte eine ziemlich ungewöhnliche ist. Durch solche Besonderheiten schafft Meltzer es, nicht nur seine Charaktere, sondern das gesamte Buch aus der Masse herausragen zu lassen.
Die Handlung ist zwar realistisch, weist jedoch an der einen oder anderen Stellen ein paar Längen auf. Hinzu kommt, dass sie aus bereits bekannten Teilen konstruiert ist und dem Genre nicht viel Neues hinzufügen kann. Dank Meltzers mitreißender Erzählweise und des Erzählers, der alleine schon aufgrund seines Wesens zum Umblättern animiert, lässt sich „Shadow“ jedoch zügig und mit Freude durchlesen. Es gibt einige Action- und Verfolgungsszenen, die allerdings nie übermenschlich wirken und wie die Charaktere immer ein paar Besonderheiten aufweisen. Ähnlich ist es bei den Fettnäpfchen, in die der Held der Geschichte regelmäßig tritt. Meltzer schlachtet diese nicht aus. Michael gerät nie in eine Situation, aus der er nicht auch wieder halbwegs elegant herauskommen würde.
Insgesamt bleibt der Autor sehr bodenständig, und gerade das ist es, was die Geschichte so lesenswert macht. Ein weiterer Pluspunkt ist das zahlreiche (Insider-)Wissen über das Weiße Haus. Der Leser erfährt einiges über Washingtons wohl bekanntestes Gebäude, aber Meltzer macht nicht den Fehler, sich bei den Fakten aufzuhalten. Alleine durch seine spannende und anschauliche Schilderung des Alltags in den Büros – die sich so sehr gar nicht von anderen Büros unterscheiden – fließt ganz ohne belehrenden Zeigefinger oder Langeweile einiges an informellem Wissen in den Roman ein.
Der Schreibstil ist eng mit der Hauptperson verbunden und stellt diese in ihrer ganzen Schönheit dar. Meltzer unterscheidet sich nicht wirklich von anderen amerikanischen Thrillerautoren. Flüssig und mit einem Händchen für saubere Sätze und anschauliche Schilderungen, kann er das ganze Buch hindurch überzeugen. Eine eigene Note bekommt die Geschichte hauptsächlich durch Michaels Freund Trey, dessen Humor beinahe komödiantische Züge annimmt. Manchmal fühlt man sich tatsächlich mehr in einer coolen Krimikomödie als im Weißen Haus, wenn Trey einmal richtig loslegt.
In der Summe legt Brad Meltzer einen wenig außergewöhnlichen, aber sehr lesenswerten Thriller vor. Die Hauptperson ist sympathisch, der Schreibstil treibt die Geschichte flott voran und die Handlung weiß trotz einiger Längen zu überzeugen. Wer Thriller mit einem politischen Touch mag, der sollte sich bedienen.
|Originaltitel: The First Counsel
Aus dem Amerikanischen von Edith Walter
Taschenbuch, 524 Seiten|
Zwölf Kurzgeschichten erzählen von ‚klassischen‘ Verbrechen im schottischen Edinburgh und ihrer Aufklärung durch den exzentrischen, aber fähigen Inspector Rebus:
– Playback („Playback“), S. 9-36: Inspector Rebus hasst die moderne Technik, aber der raffinierte Anrufbeantworter eines Mordverdächtigen fasziniert ihn – mit unerwarteten Folgen …
– Der Fluch des Hauses Dean („The Dean Curse“), S. 37-70: Ein Pechvogel von Dieb stiehlt ausgerechnet ein Auto, in dem eine Bombe installiert wurde; John Rebus ist das des Zufalls zu viel …
– Frank und frei („Being Frank“), S. 71-88: Landstreicher Frank belauscht zwei aus seiner Sicht gefährliche Verschwörer; Inspector Rebus weiß zum Pech für ein diebisches Duo Franks wirre Rede zu deuten …
– Eine Leiche im Keller („Concrete Evidence“), S. 89-116: Die Spur ist längst eiskalt in diesem uralten Mordfall, doch John Rebus macht das mit Einfallsreichtum und Dreistigkeit wett …
– Ansichtssachen („Seeing Things“), S. 117- 144: Die Erscheinung des leibhaftigen Jesus Christus entpuppt sich als Fehlinterpretation im Rahmen eines sehr profanen Verbrechens …
– Gut gehängt („A Good Hanging“), S. 145-178: Als genialischer Mörder sollte man vorsichtig sein, wenn man sich mit Inspector Rebus anlegt …
– Von Meisen und Menschen („Tit for Tat“), S. 179-202: Beobachtet er seltene Vögel oder hübsche Frauen? John Rebus stellt einen Hobbyfotografen auf die Probe …
– Not Provan („Not Provan“), S. 203-224: Kann ein Täter zur selben Zeit an zwei unterschiedlichen Orten sein? Inspector Rebus erklärt, wie’s geht …
– Sonntag („Sunday“), S. 225-240: Ein scheinbar ganz normales Wochenende spiegelt für John Rebus eine schreckliche Erfahrung wider …
– Auld Lang Syne („Auld Lang Syne“), S. 241-258: Im Neujahrstrubel auf Edinburghs Straßen entdeckt Inspector Rebus einen Gewaltverbrecher, den er sicher im Gefängnis wähnte …
– The Gentlemen’s Club („The Gentleman’s Club“), S. 259-282: Hinter den Fassaden zweier vornehmer Familien fördert Rebus das nackte Grauen zutage …
– Monströse Trompete („Monstrous Trumpet“), S. 283-318: 15 aufgebrachte Frauen sitzen Rebus im Nacken, der ein gestohlenes Kunstwerk wiederbeschaffen soll …
_Gegeizt wird mit Worten, aber nicht mit Spannung_
Die John-Rebus-Romane des Ian Rankin zeichnen sich (mit Ausnahme des ersten Bandes, der allerdings eine Sonderstellung einnimmt) nicht nur durch ihren enormen Unterhaltungswert, sondern auch durch ihre mit den Jahren stetig zunehmende Seitenstärke aus. Als Leser hat man sich daran gewöhnt und glaubt inzwischen sogar an ein Muss dieser Breite, ist doch die kriminelle, kriminalistische und private Welt des John Rebus so komplex geworden, dass sie selbst episodenhaft unter 500 Seiten nur ansatzweise zu würdigen ist.
„Playback“, die erste Story dieser Sammlung, schürt denn auch die Befürchtung, dass die kurze Form nicht die richtige für Rebus ist. Der Plot ist simpel: ein „Whodunit?“, wie es kaum rebustypisch genannt werden kann und zudem hölzern erzählt wird. Schon Anfang der 1990er Jahre dürfte die Auflösung wenig überzeugend gewirkt haben. Mit unfehlbarer Sicherheit fischt Rebus – zu diesem Zeitpunkt noch Inspector – das entscheidende Indiz aus einem Mülleimer. Offenbar hat ihn der Blitz der Erkenntnis getroffen, denn keine ‚logische‘ Erklärung kann seinen Fund nachvollziehbar machen.
Aber bereits mit „Der Fluch des Hauses Dean“ hat Rankin die Kurzgeschichte in den Griff bekommen. Das geschilderte Verbrechen ist ebenfalls ziemlich abgehoben, aber das geht in einem Feuerwerk boshaft-präziser Milieustudien, Reminiszenzen an Edinburghs oft bizarre Vergangenheit, tragikomischer Tücken des Objekts und knochentrockener bis schwarzhumoriger Scherze unter, wie wir sie kennen und lieben. Das Privatleben seines ‚Helden‘ ist für Ian Rankin ebenso integrales Element des modernen Kriminalromans wie für die meisten seiner Schriftstellerkollegen (vor allem diejenigen weiblichen Geschlechts), doch er meidet geschickt die seifenoperlichen Pseudo-Dramen, mit denen diese viel zu oft die Handlung aufblähen.
_Die vielen Fassetten des John R._
Rebus ist ein vielschichtiger Charakter. Rankin nutzt die Kurzgeschichte, um diverse Aspekte seines Wesen herauszuarbeiten. Die Story unterstützt die Möglichkeit der konzentrierten Darstellung. Beeindruckend ist Rankins Kunst, diese Figurenzeichnung jeweils in eine spannende Krimihandlung einzubetten. Die ist selten klassisch und beschränkt sich nicht auf die übliche Entlarvung alibifester Verdächtiger. „Frank und frei“ ist ein schönes Beispiel für Rankins Spiel mit dem Genre. Im Mittelpunkt steht ein Außenseiter, dessen Leben Rankin anschaulich beschreibt, bevor Rebus eher zufällig die Szene betritt, woraufhin das Geschehen einen Verlauf nimmt, der so grotesk ist, wie das Leben manchmal tatsächlich spielt.
Gelungen balanciert Rankin auch mit „Ansichtssachen“ auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Ernst. Er kennt ’seine‘ Schotten, deren Eigenarten er buchstäblich Gestalt annehmen lässt. Schließlich gehört er selbst zu ihnen – eine Erkenntnis, die zu den eher düsteren Seiten des John Rebus überleitet, denn schnell kann die Stimmung umschlagen. Der Rebus aus „Eindeutig Mord“ ist dem ehemaligen Elite-Soldaten, der einen psychischen Zusammenbruch erlitt, noch sehr nahe; er ist labil und sehr von Stimmungen abhängig, was er gern vor sich selbst verbirgt. Gleichzeitig drastisch und einfühlsam beschreibt Rankin dies in „Sonntag“, als er dem Leser nur Stück für Stück ein furchtbares Erlebnis enthüllt, über das sich nachzudenken Rebus einfach weigert. Selbstverständlich funktioniert diese Verdrängung nicht; der Schrecken holt Rebus und mit ihm den Leser letztlich doch ein.
„Not Provan“ zeigt einen Rebus, der dem Gesetz nicht nur auf unkonventionelle Weise zu seinem Recht verhilft, indem er gesellschaftliche Regeln und Privilegien ignoriert bzw. durch seine ausgeprägte kriminalistische Findigkeit ersetzt. Dieses Mal bricht Rebus das Gesetz, um einen Verbrecher, dessen Taten er sehr persönlich nimmt, ins Gefängnis zu bringen. In „The Gentleman’s Club“ kann er den Schuldigen dagegen nicht der Gerechtigkeit ausliefern, was ihn, der unter der Schutzschicht des Zynikers sorgfältig sein idealistisches Wesen verbirgt, zutiefst verbittert.
Was macht John Rebus zu dem fähigen Polizisten, der er bei aller Exzentrik ist? Intelligenz, Erfahrung, dazu eine ausgeprägte Kenntnis Edinburghs und seiner Bewohner – das sind vier Schlüssel zum Erfolg. Da ist aber mehr, eine diffuse, schwer fassbare Intuition, über die sich Rankin Detective Constable Holmes, die heimliche zweite Hauptfigur dieser Sammlung, ausgiebig den Kopf zerbrechen lässt. Holmes – der Name ist Ironie, denn tatsächlich übernimmt diese Figur die Rolle des Watson – beobachtet seinen Chef bei der Arbeit und kommt selbstkritisch zu dem Schluss, dass ihm das Fünkchen vielleicht sogar irrer Genialität abgeht, das Rebus auszeichnet.
_Das Schicksal ist Schotte_
Dabei weiß Rebus um die Unwägbarkeiten eines Schicksals, das ihm immer wieder Streiche spielt. In „Auld Lang Syne“ nimmt eine Drogenrazzia einen völlig unerwarteten Verlauf, der aus einem anderen Blickwinkel betrachtet freilich völlig zielgerichtet wirkt; in „Ansichtssachen“ verwandelt sich eine religiöse Epiphanie in einen ganz und gar weltlichen Gangsterkrieg; in „Von Meisen und Menschen“ erweist sich das scheinbare Opfer heimtückischer Selbstjustiz als Täter: Nur selten sind die Dinge, wie sie zu sein scheinen. Was Holmes nicht begreifen kann, ist die daraus resultierende Lehre, die Rebus verinnerlicht hat – meide Konventionen und bleibe offen für Überraschungen, die garantiert eintreffen werden.
Auf dass diese Lektion nicht skandinavisch depressiv ausklingt, illustriert Rankin sie mit „Monströse Trompete“, einem kleinen Kabinettstück ausgefeilter Krimi-Komik. Ohne Rücksicht auf politische Korrektheit schildert er die einerseits kriminellen Umtriebe einer Gruppe von Frauen, die andererseits ausgesprochen ‚weibliche‘ und unter diesem Gesichtspunkt logische Beweggründe für ihr Tun vorbringen können. Holmes wendet an, was er auf der Polizeischule gelernt hat, und scheitert, während Rebus leichtfüßig über seinen Schatten springt und Deduktion mit Intuition ergänzt. Plötzlich wirkt ein völlig konfuses Geschehen absolut überzeugend. Der frustrierte Holmes akzeptiert die Tatsache, dass sein Vorgesetzter eine ganz besondere Sorte Mensch und Polizist ist, und ist gespannt auf die weitere Zusammenarbeit – eine Empfindung, die die Leser dieser zwölf Geschichten gern mit ihm teilen.
_Der Autor_
Ian Rankin wurde 1960 in Cardenden, einer Arbeitersiedlung im Kohlerevier der schottischen Lowlands, geboren. In Edinburgh studierte er ab 1983 Englisch, zunächst mit dem Schwerpunkt Amerikanische, später Schottische Literatur. Schon früh begann er zu schreiben. Zunächst hoffnungsvoller Poet, wechselte er als Student zur Prosa. Nach zahlreichen Kurzgeschichten versuchte er sich an einem Roman, fand aber keinen Verleger. Erst der Bildungsroman „The Flood“ erschien 1986 in einem studentischen Kleinverlag.
Nachdem sein Stipendium ausgelaufen war, verließ Rankin 1986 die Universität und ging nach London, wo er u. a. als Redakteur für ein Musik-Magazin arbeitete. Nebenher veröffentlicht er den Kolportage-Thriller „Westwind“ (1988) sowie den Spionageroman „Watchman“ (1990). Unter dem Pseudonym „Jack Harvey“ verfasste Rankin in rascher Folge drei Action-Thriller.
1991 griff er eine Figur auf, die er vier Jahre zuvor im Thriller „Knots & Crosses“ (1987; dt. „Verborgene Muster“) zum ersten Mal hatte auftreten lassen: Detective Sergeant (später Inspector) John Rebus. „Knots & Crosses“ war 1987 weniger als Kriminalroman, sondern eher als intellektueller Spaß im Stil Umberto Ecos gedacht, den sich der literaturkundige Autor mit seinem Publikum machen wollte. Schon die Wahl des Namens, den Rankin seinem Helden gab, verrät das Spielerische: Um Bilderrätsel – Rebusse – dreht sich die Handlung.
Mit John Rebus gelang Rankin eine Figur, die im Gedächtnis seiner Leser haftete. Als man ihn immer wieder auf das weitere Schicksal des Sergeanten ansprach, wurde er sich dessen Potenzials bewusst. Die Rebus-Romane ab „Hide & Seek“ (1991; dt. „Das zweite Zeichen“) spiegeln das moderne Leben (in) der schottischen Hauptstadt Edinburgh wider. Rankin spürt den dunklen Seiten nach, die den Bürgern, vor allem aber den (zahlenden) Touristen von der traulich versippten Führungsspitze aus Politik, Wirtschaft, Medien und Kirche gern vorenthalten werden. Daneben lotet Rankin die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Simple Schurken, deren möglichst malerisches, weil ‚gerechtes‘ Ende bejubelt werden kann, gibt es bei ihm nicht.
Ian Rankins Rebus-Romane kamen nach 1990 in Großbritannien, aber auch in den USA stets auf die Bestsellerlisten. Die renommierte „Crime Writers‘ Association of Great Britain“ zeichnete ihn zweimal mit dem „Short Story Dagger“ (1994 und 1996) sowie 1997 mit dem „Macallan Gold Dagger Award“ aus. 1992 ehrte man ihn in den USA mit dem „Chandler-Fulbright Award“ als „Nachwuchsautoren des Jahres“. Rankin gewann im Jahre 2000 weiter an Popularität, als die britische BBC begann, die Rebus-Romane zu verfilmen.
Ian Rankins [Website]http://www.ianrankin.net ist höchst empfehlenswert; über die bloße Auflistung seiner Werke verwöhnt sie u. a. mit einem virtuellen Gang durch das Edinburgh des John Rebus.
Die John-Rebus-Romane erscheinen in Deutschland im |Wilhelm Goldmann Verlag| (Stand: Juni 2008):
01. [Verborgene Muster 956 (1987, „Knots & Crosses“) – TB-Nr. 44607
02. [Das zweite Zeichen 1442 (1991, „Hide & Seek“) – TB-Nr. 44608
03. [Wolfsmale 1943 (1992, „Wolfman“/“Tooth and Nail“) – TB-Nr. 44609
04. [Ehrensache 1894 (1992, „Strip Jack“) – TB-Nr. 45014
05. Verschlüsselte Wahrheit (1993, „The Black Book“) – TB Nr. 45015
06. Blutschuld (1994, „Mortal Causes“) – TB Nr. 45016
07. [Ein eisiger Tod 575 (1995, „Let it Bleed“) – TB Nr. 45428
08. [Das Souvenir des Mörders 1526 (1997, „Black & Blue“) – TB Nr. 44604
09. [Die Sünden der Väter 2234 (1998, „The Hanging Garden“) – TB Nr. 45429
10. Die Seelen der Toten (1999, „Dead Souls“) – TB Nr. 44610
11. Der kalte Hauch der Nacht (2000, „Set in Darkness“) – TB Nr. 45387
12. [Puppenspiel 2153 (2001, „The Falls“) – TB Nr. 45636
13. [Die Tore der Finsternis 1450 (2002, „Resurrection Man“) – TB Nr. 45833
14. Die Kinder des Todes (2003, „A Question of Blood“) – TB Nr. 46314
15. [So soll er sterben 1919 (2004, „Fleshmarket Close“) – TB Nr. 46440
16. [Im Namen der Toten 4583 (2006, „The Naming of the Dead“)
17. „Exit Music“ (2007, noch kein dt. Titel)
Darüber hinaus gibt es zwei Sammlungen mit Rebus-Kurzgeschichten: diese sowie „Beggars Banquet“. Hinzu kommt „Rebus’s Scotland“, ein Fotoband mit Texten von Rankin, der hier jene Orte aufsucht, die ihn zu seinen Romanen inspirierten. Wer es versuchen möchte, kann auch seine Englisch-Kenntnisse mit Hilfe der Rebus-Krimis aufpolieren: „Just Ask Inspector Rebus“ sowie „Three New Cases for Inspector Rebus“ erschienen 2007 in der Reihe der Berlitz-Sprachführer.
|Originaltitel: A Good Hanging
Aus dem Englischen von Giovanni & Ditte Bandini
317 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-45604-8|
http://www.goldmann-verlag.de
Bislang war Daniel Kalla bekannt für seine rasanten Bioterrorismus-Thriller „Pandemie“ und „Immun“, doch nun widmet er sich einem ganz neuem Thema, nämlich der Psychotherapie. Nachdem die beiden Bestsellerautoren Sebastian Fitzek und John Katzenbach damit überaus erfolgreich waren, erscheint dies fast logisch, doch ob Kalla an die Erfolge anderer Thrillerautoren anknüpfen kann, wollen wir uns erst einmal genauer ansehen …
_Reif für die Therapie_
Dr. Joel Ashman hat früher als Psychiater praktiziert, doch seit einiger Zeit arbeitet er als Profiler für die Polizei. Als sein ehemaliger Kollege und Partner Dr. Stanley Kolberg brutal ermordet aufgefunden wird, ist es Ashman, der an den Tatort gerufen wird, um dort die Spuren zu deuten und ein Täterprofil zu entwerfen. Getötet wurde Kolberg durch eine Kugel, die seinen Hals gestreift und dabei die Halsschlagader aufgerissen hat. Nur wenige Sekunden blieben Kolberg danach noch, doch posthum wurden ihm schlimmste Verletzungen zugefügt. Der Täter muss Kolberg gehasst haben. Und da der Psychiater sich auf Aggressionstherapie spezialisiert hatte, fällt der Verdacht gleich auf einen seiner Patienten. Doch wer kommt für diese schreckliche Tat in Frage? Neben Ashman versuchen die beiden ermittelnden Beamten – Ethan Devonshire, der von allen Dev genannt wird, und Claire Shepherd -, genau das herauszufinden.
Die Polizisten versuchen, an Kolbergs Patientenakten heranzukommen, doch das erweist sich schwieriger als gedacht. Nach und nach kristallisieren sich allerdings einige ehemalige Patienten heraus, die ein Motiv gehabt hätten, Kolberg umzubringen. Auch Kolbergs Partner Calvin Nichol verhält sich höchst verdächtig. Eines Abends taucht er bei Ashman auf und will ihn warnen, seine Nase nicht in höchst gefährliche Angelegenheiten zu stecken. Kurz darauf entkommt Ashman nur knapp einem Anschlag auf sein Leben. Was weiß er, das er nicht hätte wissen dürfen? Ashman tappt im Dunkeln und muss um sein Leben fürchten.
Nach und nach treten immer mehr Verdächtige auf den Plan. Ashman erinnert sich an den Fall Angela Connor, eine ehemalige Patientin von ihm, die nach einem Selbstmordversuch bei ihm in Behandlung war. Schlussendlich hat sie sich von einer Brücke gestürzt, und es ist offensichtlich, dass Ashman sich nach wie vor die Schuld an ihrem Tod gibt. Was aber hat der alte Fall Connor mit Kolbergs Tod zu tun? Gibt es hier eine Verbindung?
_Wer ist hier eigentlich krank?_
Daniel Kalla verliert in „Rage“ keine Zeit: Gleich zu Beginn betreten wir den grausigen Tatort, an dem Kolberg literweise Blut verloren hat. Wir lernen die Protagonisten kennen und erfahren, dass Kolberg und Ashman einst Partner gewesen sind. Umso schlimmer trifft es Ashman, seinen väterlichen Freund so aufzufinden. Aus den dürftigen Hinweisen versucht er, ein Täterprofil zu erstellen. Die Polizei befragt immer neue verdächtige Patienten, deren Namen sich kaum einprägen, weil es so viele sind. Alle haben ein Motiv, doch die meisten auch ein Alibi.
Gleichzeitig denkt Ashman immer häufiger an Angela Connor, die ihm einst in monatelanger Therapie ihr Herz geöffnet hat. In zahlreichen Rückblenden erfahren wir, was Ashman mit Angela Connor erlebt hat. Der Psychiater erinnert sich an sein erstes Zusammentreffen mit ihr, als sie versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Schnell erzählt sie ihm vom Missbrauch in ihrer Kindheit, doch lange braucht es, bis sie ihm anvertraut, was sie in der Therapie bei Kolberg erlebt hat. Nur Andeutungen sind es, die sie zunächst fallen lässt, doch Ashman kann kaum glauben, was er von ihr erfährt. Die Polizei ahnt nichts von Ashmans Gedanken und sie weiß auch nichts vom Fall Angela Connor. Als sie aber herausfindet, dass es Beschwerden beim Gesundheitsamt über Stanley Kolberg gegeben hat, fällt auch Angelas Name, und ihr Bruder rückt plötzlich ins Zentrum der polizeilichen Ermittlungen.
Um Angela Connor drehen sich viele Passagen des Buches, und hier baut Kalla immer mehr Spannung auf, da man einfach wissen will, wie Angela ums Leben gekommen ist und was sie bei Kolberg erlebt hat. Der hatte nämlich einige Leichen im Keller, wie die Autopsie schließlich ans Tageslicht gebracht hat: Sein Leichnam weist zahlreiche Spuren auf, die auf regelmäßige SM-Aktivitäten hindeuten. Nach und nach erfahren wir, was Kolberg in seinem Leben getrieben hat und bleiben sprachlos zurück. Nur leider geht Kalla meiner Meinung nach einen Schritt zu weit: Die Geschichte, die er hier zeichnet, baut sich zunächst schlüssig auf, doch ab einem gewissen Punkt erscheint sie mir zu unglaubwürdig. Schade, denn bis zu diesem Zeitpunkt war der Spannungsbogen durchaus gelungen.
Recht früh wird darüber hinaus klar, was hier gespielt wurde, und die einzige Frage, die noch zu klären ist, ist die nach dem Mörder Kolbergs. Aber auch hier gibt uns Kalla genügend Hinweise, um frühzeitig den wahren Täter zu entlarven. Überraschungen gibt es daher gen Ende keine mehr, sodass das große Finale etwas verpufft – schade eigentlich.
_Therapie erfolgreich?_
Während das Buch am Ende vor sich hinplätschert, tragen leider die Charaktere die Handlung nicht weiter. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Joel Ashman, der den ermordeten Kolberg sehr gut kennt, da er jahrelang sein Partner gewesen ist und da Kolberg ihm ins Leben zurück geholfen hat, nachdem Kolbergs Frau tragisch ums Leben gekommen war. Erst später erzählt uns Kalla, was Ashmans Frau passiert ist und was dieser bereits in seiner Kindheit und Jugend erlebt hat. Das ist dann auch der Punkt, an dem Kalla ins Absurde abdriftet. Ashmans Vergangenheit ist zu tragisch, zu übertrieben, seine Lebensgeschichte zu tränenreich, als dass sie authentisch wirken könnte. In seinem Leben ist praktisch alles schiefgegangen, was nur schiefgehen kann, doch natürlich stellt Kalla seinem tragischen Helden eine Frau an die Seite, die ihn wieder aufrichten soll. Und das ist Claire Shepherd, die ebenfalls gezeichnet ist, da ihr Mann ihr übel mitgespielt hat. So nähern die beiden sich nur zaghaft an, die gebrannten Kinder scheuen das Feuer und können doch irgendwann nicht voneinander lassen. Somit bekommt der Leser dann auch noch die unausweichliche Liebesgeschichte zu lesen, bei der Kalla sich nicht einmal zu schade ist, auch noch einen Hund einzubauen, der eigentlich Ashmans Frau hinterhergetrauert hat, sich aber nun ebenfalls auf den ersten Blick in die neue Frau in Ashmans Leben verliebt. Kitschiger geht es kaum.
Was Kalla hier aus seinem Nähkästchen zaubert, hat schon Rosamunde-Pilcher-Qualitäten, die ich wahrlich in keinem Thriller zu lesen bekommen möchte. Diese Rahmengeschichte trieft vor Kitsch und steht damit in krassem Gegensatz zum brutalen Mord, den es aufzuklären gilt. Für meinen Geschmack bedient sich Daniel Kalla in vielerlei Hinsicht zu vieler Klischees, die auch schließlich das Fass zum Überlaufen bringen.
_Therapie nicht gelungen, Psychiater tot_
Unter dem Strich bleibt doch Enttäuschung zurück. Während die Geschichte durchaus Potenzial hat und die Erzählung um Angela Connor vielversprechend beginnt, schafft Kalla schlussendlich nicht die Gratwanderung zwischen einer packenden, aber auch glaubwürdigen Story. Seine Figuren gleichen Schablonen aus einem Kitschroman, die uns nicht einmal sonderlich sympathisch werden. Der Spannungsbogen beginnt gut, flacht dann allerdings angesichts der vielen Schnitzer deutlich ab, sodass das Buch gen Ende nur noch vor sich hinplätschert. Die Idee war gut und auch der flüssige Schreibstil gefällt, doch am Ende bleibt das Buch doch nur im Mittelmaß stecken.
http://www.heyne.de
_Daniel Kalla auf |Buchwurm.info|:_
[„Pandemie“ 2192
[„Immun“ 3761
Die amerikanische Autorin Lisa Gardner hat sich in letzter Zeit in Deutschland immer beliebter gemacht. Ihre Thriller zeichnen sich durch ein hohes Maß an Spannung und Pageturnerqualitäten aus. Während die ersten beiden von ihr im |Aufbau|-Verlag erschienenen Bücher auf die gleichen Hauptpersonen zurückgriffen, ist „Schrei, wenn die Nacht kommt“ komplett eigenständig. Neue Besetzung, neuer Fall – einzig die Spannung bleibt gleich.
Sergeant Detective Kincaid wird eines Nachts zu einem Tatort mitten in der Pampas von Oregon gerufen. Dort steht ein Auto mit laufendem Motor und angeschalteten Scheibenwischern mutterseelenallein am Straßenrand. Von der Fahrerin fehlt jede Spur. Was anfangs noch recht banal wirkt, wird schnell zu tödlichem Ernst. Als man ermittelt hat, dass das Auto Lorraine Conner gehört, und deren Ehemann Pierce Quincy, einen bekannten FBI-Profiler, verständigt hat, wird klar, dass dieses Verhalten überhaupt nicht zu Rainie, wie sie genannt wird, passt. Sie ist immer sehr vorsichtig, trägt normalerweise eine Waffe bei sich und würde sicherlich nicht mitten in der Nacht einfach irgendwo anhalten.
Etwas muss passiert sein. Tatsächlich meldet sich wenig später ein Mann, der behauptet, sie entführt zu haben, und fordert ein Lösegeld von Pierce Quincy. Er beginnt ein perfides Spiel mit den ermittelnden Beamten und mit Rainies Ehemann. Er füttert sie nur häppchenweise mit Informationen zur Geldübergabe und zu Rainies Zustand und zögert die Übergabe immer mehr hinaus, stellt immer höhere Forderungen und scheint insgesamt nicht in Eile zu sein. Die Polizei hat weder eine Ahnung, wer er ist, noch eine Spur von Rainie, was die Ermittlungen nicht gerade erleichtert. Hinzu kommt, dass Quincy sich aktiv einmischt und dabei eine andere Strategie fährt als der leitende Beamte Kincaid: Während Kincaid die Geldübergabe nur zum Schein arrangieren möchte, will Quincy unbedingt zahlen, um seine Frau in die Arme schließen zu können. Der Fall gewinnt an Brisanz, als der Entführer auch noch den siebenjährigen Dougie kidnappt. Rainie lag der Junge, der als Halbwaise von einer Pflegefamilie zur anderen wandert, sehr am Herzen. Es scheint, als ob Rainie mitnichten ein Zufallsopfer ist…
Lisa Gardner setzt dem Leser wie gewohnt Hochspannung vor und den einzigen Vorwurf, den man ihr machen kann, ist das „wie gewohnt“ in diesem Satz. Ihre Bücher ähneln sich trotz unterschiedlicher Charaktere. Das kann man sowohl negativ als auch positiv sehen, denn diese Eigenschaft macht die Autorin zu einer sicheren Adresse für fesselnde Thrillerliteratur. Die Handlung wird flott vorangetrieben und weist einen guten Spannungsaufbau auf. Sicherlich tut Gardner nichts wirklich Neues für das Genre, aber sie konstruiert ihre Geschichte sauber und grundsolide. Ein Blick in die Danksagungen enthüllt, wieso das so ist. Die Autorin dankt zig Leuten vom Polizisten bis zur Pharmazeutin und zeigt dadurch, dass sie gut recherchiert hat. Das merkt man, denn neben dem eigentlichen Handlungsstrang fließt auch sehr viel Alltagswissen über die Polizeiarbeit ein. Dabei begeht sie nicht den Fehler, sich an zähen Erklärungen über kriminologische Vorgehensweisen aufzuhalten, vielmehr berichtet sie über die informellen Abläufe bei den Ermittlungen, und lässt vor allem den Figuren sehr viel Raum.
Ihre Charaktere sind sehr ausgefeilt und tiefgängig. In ihrer Geschichte herrscht kein eitel Sonnenschein. Stattdessen konzentriert sie sich stark auf die menschlichen Abgründe, ohne zu sehr in diese abzurutschen. Auffällig ist auch, dass sie dieses Mal hauptsächlich aus der Sicht von Männern erzählt, was ihr aber sehr gut gelingt. Sie hat ein Händchen für ihre Personen, die sie allesamt mit Erinnerungen und Gedanken ausstattet. Dadurch wird das Buch zu einer sehr runden, sehr interessanten Sache. Selbst wenn die Handlung nicht so fesselnd wäre, könnte man „Schrei, wenn die Nacht kommt“ nicht aus der Hand legen, weil die Personen dem Leser so sehr ans Herz wachsen, dass er für einige hundert Seiten nicht anders kann als an deren Leben teilnehmen zu wollen.
Gardners Schreibstil ist insofern unverändert, da er immer noch sehr flüssig, gehoben und lebendig ist. Neu ist dagegen der ungewöhnliche, humorvolle Touch, der vor allem in den Dialogen zwischen Quincy und Kincaid zu Tage tritt. Obwohl sich die beiden am Anfang nicht riechen können, entwickelt sich eine Art rumpelige Freundschaft zwischen ihnen. Trotz des Ernstes der Lage lassen sie es sich nehmen, bissige Bemerkungen gegenüber dem jeweils anderen fallenzulassen. Anfangs wirkt das für Kenner von Gardners Büchern fremd, dann macht es immer mehr Spaß, die beiden bei ihren dezenten Schlagabtäuschen zu beobachten.
In der Summe ist „Schrei, wenn die Nacht kommt“ ein weiterer Klassethriller aus Lisa Gardners Ideenschmiede, der gut in ihren literarischen Kanon passt. Akzente kann er vor allem durch die Personenkonstellation setzen. Quincy und Kincaid sind interessante, gut ausgearbeitete Charaktere, deren Verhältnis zueinander das Buch auflockert und die spannende Geschichte noch lesenswerter macht.
|Originaltitel: Gone
Aus dem Amerikanischen von Manuela Thurner
438 Seiten, Taschenbuch|
_Lisa Gardner bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Schattenmörder“ 875
[„Lauf, wenn du kannst“ 4648
[„Kühles Grab“ 4853
Ausgerechnet auf dem Grab des isländischen Nationalhelden Jón Sigurdsson wird die Leiche einer jungen Frau gefunden – nackt, mit Spuren körperlicher Misshandlung übersät und erstickt. Sigurdsson starb 1879; wollte der Mörder etwas mit seiner Tat aussagen?
Kommissar Erlendur Sveinsson, der mit seinem Team die Ermittlungen aufnimmt, ist davon überzeugt, dass die Leiche nicht grundlos dort platziert wurde. Zunächst gilt es jedoch, die Identität des Opfers festzustellen, was sich als erstaunlich schwierig erweist. In seiner Not zieht Erlendur sogar seine Tochter Eva Lind zu Rate, die als Junkie und Gelegenheitsprostituierte die Unterwelt der Hauptstadt Reykjavík kennt.
Endlich bekommt die Leiche einen Namen: Birta gehörte zu den Drogenschmugglern des örtlichen Gangsterbosses Herbert Baldursson, der sie auch an Freier ‚vermittelte‘, denen gern die Hand ausrutscht. Offenbar lief Birtas letzte Party schrecklich aus dem Ruder. Oder hat die junge Frau den Unwillen des brutalen und jähzornigen Herbert erregt?
Erlendur will an so profane Erklärungen nicht glauben. Birta stammt wie Jón Sigurdsson aus den Westfjorden. Mit seinem wenig begeisterten Kollegen Sigurður Óli begibt er sich auf die lange Fahrt zur zerklüfteten Nordwestküste Islands. Er kommt in eine von Rezession und Landflucht gezeichnete Region – ein Niedergang, hinter dem Erlendur allmählich Methode zu erkennen glaubt.
In Reykjavík wird Herbert entführt und bleibt verschwunden. Offenbar gibt es jemanden, der um Birta trauert und ihren Tod rächen will. Ein angesehenen ‚Geschäftsmann‘ wird sehr nervös, denn Herbert erledigt allerlei Drecksarbeit für ihn, die tunlichst unbekannt bleiben sollten. Der ist in seinem Gefängnis inzwischen über die Hintergründe im Bilde und wird zu Erlendurs wichtigstem Zeugen – sollte er überleben …
_Kleine Insel auf krimineller Aufholjagd_
|“Morde werden hier im Affekt verübt. Meistens im Suff. Sie haben nie irgendwas Symbolisches an sich oder irgendeine tiefere Wahrheit. Morde sind hier schäbig, scheußlich und ganz und gar zufällig.“| (S. 97/98)
So spricht Polizist Sigurður Óli und gibt damit eine Grundsatzerklärung ab. Doch er irrt, während sein Kollege Erlendur gedanklich schon weiter ist: An der Wende zum 21. Jahrhundert beginnt sich auf der kleinen Insel hoch im Nordatlantik das Verbrechen zu wandeln. Die Globalisierung sorgt für einen Quantensprung. Verbrechen und Big Business beginnen sich zu vermischen, die Grenzen verwischen dabei. Der Tod wird zum Geschäftsrisiko – ein Faktor, den das organisierte Verbrechen kühl einkalkuliert.
Herbert und vor allem sein unsichtbarer Auftraggeber haben die modernen Regeln verinnerlicht. Das Spektrum ihrer kriminellen Aktivitäten ist breit: Für die Kneipen Reykjavíks importieren sie Prostituierte aus Osteuropa, die regelmäßig gegen ‚frische Ware‘ ausgetauscht werden. Gleichzeitig schmuggeln sie Drogen im großen Stil. Noch lukrativer ist die Aneignung und Ausbeutung politischen und wirtschaftlichen Insiderwissens. Wer gut schmiert und weiß, wann und wo Großprojekte geplant sind, kann früh einsteigen und absahnen; das ist nicht einmal illegal, sondern höchstens moralisch bedenklich – eine Einschränkung, die aus Sicht der „global players“ freilich nur für Schwächlinge von Belang ist.
_Nicht jeder Wurm mag ewig kriechen_
Selbstverständlich bleibt der ‚klassische‘ Mord dem modernen Island erhalten. Weiterhin bringen sich die Menschen aus Hass und Gier und auf denkbar hässliche Arten um. Im Fall der „Todesrosen“ irrt Sigurður Óli trotzdem ein weiteres Mal: Die hier beschriebenen Morde und Mordversuche sind zwar schäbig, aber dennoch von enormer Symbolkraft.
Wie Erlendur Sveinsson mag sich der lange unsichtbar bleibende, weil aufgrund seiner Unauffälligkeit in der Menge verschwindende Kidnapper Herberts nicht damit abfinden, dass nur die kleinen Fische für ihre Taten büßen müssen, während sich die Großen hinter einer Wand aus Geld, Macht und Verbindungen verschanzen. Ihm geht es dabei zwar um Gerechtigkeit, aber nicht um gerechte Strafe. Die Polizei bleibt deshalb außen vor. Selbstjustiz tritt an ihre Stelle.
Doch das Schicksal ist tückisch. Das Blatt wendet sich, die ‚Bösen‘ gewinnen die Oberhand und schlagen zurück. Als sie dennoch fallen, bleibt der Rächer als Opfer zurück. An die Stelle des verbrecherischen Spekulanten wird ein neuer ‚Geschäftsmann‘ treten, der die Beutelschneiderei seines Vorgängers genau studieren und verfeinern wird.
_Der Kommissar und die Last der Welt_
Zu dieser Erkenntnis ist Erlendur längst gelangt. Sein daraus resultierender Schwermut ist verständlich: Was in wirtschaftskriminellen Kreisen Allgemeinwissen ist, kann er, der doch eigentlich Gesetz und Ordnung repräsentiert, nur mühsam und ihm Rahmen einer anstrengenden Recherche in den Westfjorden in Erfahrung bringen. Was er dort entdeckt, hilft ihm wenig, denn während sein Gegner sich aller Regeln enthoben fühlt, muss sich Erlendur daran halten. Er kämpft quasi mit einem auf den Arm gebundenen Rücken.
Ausgeglichen wird dieses Handicap durch Erlendurs ausgeprägten Hang zur intensiven Fahndung und einer Abneigung gegen alles, was sich ihm dabei in den Weg stellt. Wieder einmal lässt Autor Indriðason seinen ohnehin gebeutelten Helden (dazu weiter unten mehr) beruflich ausgiebig gegen geschlossene Türen laufen, hinter denen sich seine Verdächtigen über ihn lustig machen oder sicher wähnen. Sie irren sich, denn Erlendur ist an einem Punkt seines Leben angekommen, an dem er an berufliche Stromlinienform als Voraussetzung einer Karriere keinen Gedanken mehr verschwendet. Solche Menschen sind gefährlich, wie Erlendur beweist, als er sich langsam aber buchstäblich hartnäckig der Lösung entgegenarbeitet. Die hat es in sich und ist mit einem hübschen, weil sehr ironischen Finaltwist verknüpft, der zur Abwechslung einmal funktioniert.
Wie es sich für einen skandinavischen Kriminalisten gehört, ist Erlendur auch privat keine Frohnatur, was noch vorsichtig ausgedrückt ist. Er lebt allein und ist einsam, seine Familienverhältnisse sind desaströs; seine Ex-Gattin hasst ihn viele Jahre nach der Scheidung noch immer aus tiefster Seele, sein Sohn ist Alkoholiker, seine Tochter drogensüchtige Prostituierte. Mit den daraus resultierende Problemen füllt Indriðason manche Buchseite. Erfreulicherweise übertreibt er es nie damit; „Todesrosen“ bleibt Kriminalroman. Hilfreich ist auch ein ausgeprägter Sinn für Humor, der eher schottisch als skandinavisch anmutet. Den hat Erlendur auch nötig, denn die Zukunft hält für ihn noch manche Prüfung bereit.
_Durcheinander als Veröffentlichungsprogramm_
Das weiß der Indriðason-Leser womöglich schon, denn obwohl „Todesrosen“ als siebter Band der Erlendur-Serie in Deutschland erscheint, steht er chronologisch an zweiter Stelle. Der Verlag begann nicht mit Nummer eins, sondern griff sich einfach einen Band aus dem Mittelfeld heraus. Die entstandenen Lücken wurden erst nachträglich gefüllt, als sich herausstellte, dass die deutschen Leser Indriðason-Romane schätzen und wohl auch ältere Titel nicht verschmähen würden. Diese rüde Behandlung sind besagte Leser freilich gewöhnt. Immerhin ist die Reihe inzwischen vollständig und sie wird sogar fortgesetzt, während viele andere lesenswerte Serien rüde gekappt (weil nicht schnell genug einträglich) wurden und werden.
_Der Autor_
Arnaldur Indriðason wurde am 8. Januar 1961 in Reykjavik geboren. Er wuchs hier auf, ging zur Schule, studierte Geschichte an der University of Iceland. 1981/82 arbeitete als Journalist für das |Morgunblaðið|, dann wurde er freiberuflicher Drehbuchautor. Für seinen alten Arbeitgeber schrieb er noch bis 2001 Filmkritiken. Auch heute noch lebt der Schriftsteller mit Frau und drei Kindern in Reykjavik.
1995 begann Arnaldur Romane zu schreiben. „Synir duftsins“ – gleichzeitig der erste Erlendur-Roman – markierte 1997 sein Debüt. Jährlich legt der Autor mindestens einen neuen Titel vor. Inzwischen gilt er – auch im Ausland – als einer der führenden Kriminalschriftsteller Islands. Gleich zweimal in Folge wurde ihm der „Glass Key Prize“ der Skandinaviska Kriminalselskapet (Crime Writers of Scandinavia) verliehen (2002 für „Nordermoor“, 2003 für „Todeshauch“).
Drei seiner Romane hat Arnaldur selbst in Hörspiele für den Icelandic Broadcasting Service verwandelt. Darüber hinaus bereiten die isländischen Regisseure Baltasar Kormákur bzw Snorri Thórisson Verfilmungen von „Nordermoor“ bzw. den Thriller „Napóleonsskjölin“ (Operation Napoleon), den Arnaldur 1999 schrieb, vor.
Die Erlendur-Romane erscheinen gebunden und als Taschenbücher im (Bastei-)Lübbe-Verlag:
(1997) [Menschensöhne 1217 („Synir duftsins“) – TB Nr. 15530
(1998) Todesrosen („Dauðarósir“)
(2000) [Nordermoor 402 („Mýrin“) – TB Nr. 14857
(2001) [Todeshauch 856 („Grafarþögn“) TB Nr. 15103
(2002) [Engelsstimme 2505 („Röddin“) – TB Nr. 15440
(2004) [Kältezone 2274 („Kleifarvatn“) – TB Nr. 15728
(2005) [Frostnacht 3989 („Vetraborgin“) – TB Nr. 15980 (erscheint März 2009)
(2007) „Harðskafi“ (noch nicht in Deutschland erschienen)
_Impressum_
Originaltitel: Dauðarósir (Reykjavík: Vaka-Helgafell 1998)
Übersetzung: Coletta Bürling
Deutsche Erstausgabe: Juni 2008 (|Lübbe|-Verlag/|editionLübbe|)
301 Seiten
EUR 18,95
ISBN-13: 978-3-7857-1612-0
http://www.luebbe.de
Als Hörbuch: Juni 2008 (|Lübbe Audio|)
4 CDs, gelesen von Frank Glaubrecht
340 min
EUR 19,95
ISBN 978-3-7857-3561-9
In seiner Heimat Italien hat Luca di Fulvio bereits einige Bücher veröffentlicht, unter anderem auch Kinderbücher. Sein erster deutscher Streich, „Die Rache des Dionysos“, möchte nicht so ganz zu dieser Tatsache passen. Der Thriller ist von einem Kinderbuch ungefähr so weit entfernt wie die Erde von der Sonne. Wer nun wissen möchte, ob di Fulvio eher bei der Lektüre für die Jüngeren oder bei der für die Älteren brilliert – nun, diese Frage kann nicht beantwortet werden, da di Fulvios Kinderbücher es bislang noch nicht bis nach Deutschland geschafft haben.
„Die Rache des Dionysos“ sollte allerdings lieber nicht in Kinderhand geraten, denn das Buch geizt nicht mit Blut und Leichen. Milton Germinal, junger und erfolgreicher Inspektor, wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Arbeitervorort Mignetta strafversetzt, nachdem man ihn beim Heroinkonsum ertappt hat. Tatsächlich ist er abhängig, was ihn das ganze Buch lang begleiten wird. Bereits am ersten Tag an seinem neuen Arbeitsplatz geht es rund. In einer Villa in der Nähe ist die Frau eines Aktionärs der Zuckerfabrik, die den meisten Leuten in der Mignetta Arbeit gibt, ermordet worden. Es war ein furchtbares Blutbad, Frau Neef ist buchstäblich zerfleischt worden.
Wer würde so etwas tun? Bei der Obduktion, die der Graf Noverre durchführt, der ohne Arme auf die Welt gekommen ist und nur dank seines Assistenten diesem Beruf nachgehen kann, finden sich weitere Auffälligkeiten. Doch bevor Germinal mit seinen unkonventionellen Ermittlungsmethoden wenigstens eine kleine Spur findet, wird eine weitere Frau ermordet, auch sie hat mit der Zuckerfabrik zu tun. Zur gleichen Zeit versucht ein Sozialist, die Arbeiter der Fabrik zu einem Aufstand zu bewegen, und es scheint, als ob seine Parolen auf fruchtbaren Boden fielen. Germinal, eigentlich ein gewissenhafter Ermittler, wird nicht nur durch seine Drogensucht beeinträchtigt. Zum einen freundet er sich mit dem Grafen Noverre an, der ihm tief in die Seele zu blicken weiß, und verliebt sich in die junge Tänzerin Ignés. Zu spät merkt er, dass all diese neue Bekanntschaften in eine alte Geschichte münden, die einen verheerenden Schaden anrichten könnte …
„Die Rache des Dionysos“ zeichnet sich durch seine düstere Atmosphäre und die lebendig gewordene Geschichte aus. Die Epoche der Industrialisierung wird sehr lebendig und pessimistisch dargestellt. Wenn man bedenkt, wie zu dieser Zeit riesige Moloche von Fabriken entstanden, wirken di Fulvios Schilderungen sehr authentisch, auch wenn er sich sicherlich sehr stark den finsteren Elementen dieser Zeit zuneigt. Dadurch gelingt ihm ein hervorragender Hintergrund für diesen spannenden Thriller, der die Lösung des Kriminalfalls lange nicht preisgibt und dann in ein fulminantes Finale mündet. Wie der Titel schon andeutet, gibt es innerhalb des Buches Referenzen zur griechischen Sagenwelt und natürlich dem Gott des Weines. Allerdings hält di Fulvio diese Stellen angenehm kurz und konstruiert auch keine komplizierte Analogie zu den alten Geschichten. Leser, die sich darauf freuen, tief in die Antike abzutauchen, werden daher enttäuscht. Der italienische Autor hat einen Thriller geschrieben, keinen historischen Roman, und das ist auch gut so.
Obwohl die Handlung gut konstruiert und packend erzählt wird, verlässt sich di Fulvio nicht darauf. Zusätzlich nehmen auch die Erlebnisse und Erinnerungen der fantastisch gezeichneten Figuren sehr viel Raum ein. Das ist nicht negativ, denn die Charaktere, die beinahe genauso düster sind wie der Grundtenor der Geschichte, sind tiefgehend gezeichnet, und jeder scheint ein dunkles Geheimnis zu besitzen. Dadurch erlangt der Roman weitere Spannung und wirkt vor allem sehr sorgfältig ausgearbeitet und konsistent.
Neben dem drogensüchtigen Germinal sticht vor allem der Graf Noverre hervor. Dank seiner ungewöhnlichen Behinderung ist er von vornherein ein interessanter Charakter mit einer sehr eigenen Persönlichkeit. Der Autor schafft es, dem Leser eindringlich zu vermitteln, welche Grenzen einem Menschen gesetzt sind, der ohne Arme geboren wurde. Dabei wird di Fulvio nie pathetisch, sondern behandelt seine Romanfigur mit großem Respekt. Diesen sollte auch der Leser aufbringen, spätestens, wenn er Noverres Lebensgeschichte erfährt. Mehr oder weniger geschickt hat der Autor diese in einem Extrateil aufgeschrieben. Dieser hängt nicht mit der eigentlichen Geschichte zusammen, ist aber wichtig, damit man die Hintergründe des Mörders und dessen Motiv versteht. Auf den ersten Blick wirkt es sicherlich ungewöhnlich, dies nicht direkt in die Geschichte zu packen; bedenkt man jedoch, wie oft Thriller durch die Ausschlachtung von Vergangenem langweilig oder unrealistisch werden, kann man Luca di Fulvio nur loben.
Am Schreibstil gibt es ebenfalls nichts zu meckern. Der Autor schreibt flüssig und sauber mit einem historisch anmutenden Unterton. Er begeht allerdings nicht den Fehler, den einige andere historische Autoren machen, indem er zu geschwollen oder zu erhaben wird.
„Die Rache des Dionysos“ ist ein literarisch ansprechendes, aber den Leser nie überforderndes Buch, das seine düstere Atmosphäre gut zu transportieren weiß. Die Handlung ist fesselnd, die Figuren sind lebensnah und abwechslungsreich. Kinderbücher hin oder her – für Erwachsene kann Luca di Fulvio schreiben. Das hat er hiermit bewiesen!
|Originaltitel: La Scala Di Dioniso
Aus dem Italienischen von Petra Knoch
571 Seiten, Taschenbuch|
Simone Buchholz, leidenschaftliche Wahlhamburgerin, ist keine Unbekannte. Sie hat als Redakteurin gearbeitet und bereits mehrere Sachbücher verfasst oder mitgeschrieben. Nun wagt sie sich an ihr Romandebüt, wobei sich zwischen ihr und ihrer Heldin Chastity Riley ein paar Parallelen erkennen lassen. Beide haben ihre jungen Jahre in Hanau verbracht und sind später an die Elbe gezogen. Noch etwas scheinen sie zu teilen: den Enthusiasmus für den Stadtteil St. Pauli. Das sollte spätestens dann klar geworden sein, wenn man „Revolverherz“ zuschlägt.
Chastity Riley ist Staatsanwältin und die Ich-Erzählerin der Geschichte. Sie ist gerade in einen besonders widerlichen Fall verwickelt. Im Hafen wurde eine junge Frau gefunden, erdrosselt und nackt. Auf ihrem Kopf thront eine blaue Perücke, sie wurde skalpiert. Chastity und dem alten, väterlichen Kommissar Faller wird schnell klar, dass sie es hier nicht mit einem normalen Mörder zu tun haben. Sie setzen alles daran, um die Ermittlungen voranzutreiben. Chas, die im Herzen von St. Pauli wohnt, hört sich dort auf eigene Faust um, weil die Tote im Stripclub „Acapulco“ auf dem Kiez getanzt hat. Dabei holt sie sich ihren Nachbarn, den ehemaligen Kleinkriminellen Klatsche zur Hilfe, der ihr, obwohl deutlich jünger als sie, eindeutige Avancen macht.
Wenig später finden sie eine zweite Leiche, ebenfalls Stripperin im „Acapulco“ und blutjung. Es gibt keine Verbindung zwischen den beiden Opfern. Anscheinend mordet der Täter wahllos, was die Ermittlungen nicht unbedingt leichter macht. Chas, Faller und ihre Kollegen haben ganz schön zu tun. Nebenbei hat Chas auch noch ihr Privatleben in Einklang zu bringen: Ihre Vergangenheit jagt sie, ihre Freundin Carla möchte sie erst mit einem älteren Herren verkuppeln und ist dann auf einmal verschwunden, Klatsche benimmt sich wie ein liebestoller Hengst und der FC St. Pauli verliert wie immer. Gerade in dem Moment, als der jungen Frau alles über den Kopf zu wachsen scheint, muss sie feststellen, dass der Fall vielleicht mehr mit ihrem Leben zu tun hat, als sie glaubt …
Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte es auch sehr gewundert. Chastity steht für einen Krimi sehr stark im Vordergrund. Das ist logisch, schließlich wird aus ihrer Erzählperspektive erzählt. Die Autorin verwendet allerdings zusätzlich Zeit darauf, das Privatleben der Staatsanwältin auszuleuchten. Das gelingt ihr sehr gut. Chastity ist interessant und gut ausgearbeitet und wirkt stellenweise wie eine kühlere, erfolgreichere Bridget Jones – und das ist ein positiver Vergleich! Chas ist umwerfend ironisch, kantig und voller Widersprüche. Sie hat düstere, schmerzhafte Geheimnisse, die sie dem Leser nicht vorenthält, und begeht viele Fehler, was sie menschlich erscheinen lässt. Hinzu kommt, dass sie nicht so einfach einem der existierenden Literaturklischees von Frauen zugeordnet werden kann. Sie ist keine Witzfigur aus einem Frauenroman, für die taffe Anwältin ist sie zu verletzlich und für die Karrierefrau trinkt sie zu viel Bier und mag Fußball zu sehr.
Die anderen Figuren im Buch sind amüsant und gut ausgearbeitet, lehnen sich aber zumeist an Klischees vom Kiez oder der Krimiliteratur an. Dass dies nicht störend wirkt, ist der Autorin hoch anzurechnen und hängt damit zusammen, dass sie trotzdem jeder Figur eine eigene Note zu verleihen weiß. Klatsche beispielsweise ist auf der einen Seite das Schlitzohr, hat aber auf der anderen Seite ein goldenes Herz und versucht, sein Geld mittlerweile legal zu verdienen – mit einem Schlüsseldienst, naheliegend für einen ehemaligen Einbrecher.
So viel Positives lässt sich über die Handlung nicht berichten. Die wirkt aufgrund Chastitys Dauerpräsenz häufig wie die Zweitbesetzung, was nicht unbedingt ein Fehler sein muss. Allerdings macht die Autorin den Fehler, es mit den düsteren Erinnerungen von Chas ein wenig zu übertrieben. Häufig wirken diese deplatziert und die Nähe zum Kriminalfall ist an einigen Stellen fraglich, was dem Buch ein paar Längen beschert. Des Weiteren lässt sich Buchholz‘ Lokalkolorit kritisieren. Wer nicht gerade in Hamburg wohnt, wird mit vielen ihrer Beschreibungen nur wenig anfangen können. Da sie wirklich ständig auf den besonderen Merkmalen der Stadt herumreitet, geht dem Leser Hamburg nach einer Weile auf die Nerven und Chastitys Liebe zur Elbstadt wird stellenweise unrealistisch. Ähnliches gilt für die Handlung, die nicht nur durch diesen Füllstoff gestört wird. Insgesamt ist der Kriminalfall, den es zu lösen gilt, nicht wirklich innovativ. Das Rotlichtmilieu mit seinen skurrilen Gestalten – sei es in Hamburg, Berlin oder in jeder anderen, größeren Stadt dieser Welt – ist immer wieder gerne ein Ansatzpunkt für Geschichten. Simone Buchholz schafft es nicht, ihre Handlung so zu zeichnen, dass sie eigenständig wirkt. Man glaubt nicht nur, Ähnliches schon einmal gelesen zu haben, sondern kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier an Spannung fehlt. Es fällt schwer, eine Spannungskurve auszumachen; vielmehr wirkt die Geschichte stellenweise wie eine Aneinanderreihung verschiedener Ereignisse und einiger Zufälle, die in der Summe doch ein bisschen zu häufig auftreten.
Das Buch ist im Präsens geschrieben, was bereits auf der ersten Seite für hochgezogene Augenbrauen sorgt. An diesem Erzähltempus sind schon ganz andere Autoren gescheitert. Häufig wirkt es holprig und verhindert das Aufkommen einer gewissen Atmosphäre. Bei „Revolverherz“ ist der Fall ähnlich gelagert. Der Krimi lässt sich, besonders am Anfang, nicht wirklich flüssig lesen und scheint zu ‚eiern‘. Buchholz überspielt dies allerdings recht erfolgreich mit den anderen Komponenten ihres Schreibstils, die da vor allem ihr Humor und ihre Ironie wären. Sie kann richtiggehend boshaft-bissig sein und ihr feiner, schwarzer Humor sorgt dafür, dass sie nie in die Nähe des seichten Frauenromanwitzes kommt. Sie schöpft aus einem breiten, alltäglichen Wortschatz, der auch den einen oder anderen vulgären Ausdruck enthält und manchem Leser vielleicht schon wieder zu flapsig sein wird.
Als Fazit lässt sich sagen, dass Simone Buchholz‘ belletristisches Debüt gute Ansätze zeigt, aber die eine oder andere Schwäche aufweist. Diese finden sich vor allem bezüglich der Handlung, die gerne etwas straffer und besser konstruiert sein dürfte. Die Figur der Chastity Riley ist dagegen sehr interessant und auch der Schreibstil hat seine guten Seiten.
Während einer Kältewelle sterben zwei Männer auf bizarre Weise. Ein misstrauischer Reporter glaubt nicht an Zufall und enthüllt nicht nur eine mörderische Intrige, sondern muss auch noch feststellen, dass er selbst darin verwickelt ist … – Sehr britischer Krimi der modernen Art, d. h. unter Einsatz diverser ablenkender „red herrings“ geplottet, mit gesellschaftskritischen Untertönen ausgestattet und mit zwar intensiven Seifenoper-Elementen versehen, die aber durch trockenen Humor und einen gesunden Sinn fürs Absurde angenehm gemildert werden; anders ausgedrückt: Lektürevergnügen für den leicht gehobenen aber nie behaupteten Anspruch. Jim Kelly – Kalt wie Blut weiterlesen →
Der Kalte Krieg zwischen den Geheimdiensten der irdischen Großmächte wird unter ‚Rekrutierung‘ der von Gott abgefallenen und aus dem Himmel gestürzten Engel geführt. Ein sorgfältig geschulter Agent soll ihnen auf dem Gipfel des Berges Ararat den Garaus machen, aber selbst gefallene Engel sind mächtige Kreaturen … – Ungemein dichte, vielleicht überambitionierte, weil die Spannung manchmal in einer Flut unnötiger Details ertränkende aber spannende, eindrucksvolle und sogar geniale Mischung aus Historien- und Spionage-Thriller, Phantastik und Love-Story. Tim Powers – Declare. Auf dem Berg der Engel weiterlesen →
Sheila Quigleys Geschichte erinnert ein wenig an die der englischen Bestsellerautorin Joanne K. Rowling. Abgesehen vom gleichen Herkunftsland hat auch sie von Sozialhilfe gelebt, als ein Verlag das Manuskript ihres ersten Buches „Run for home“ kaufte. Allerdings ist ihre Geschichte vermutlich noch ein wenig erstaunlicher. Immerhin soll die 1948 Geborene mit fünfzehn Jahren als Analphabetin und ohne Abschluss in einer Textilfabrik gearbeitet und mit achtzehn geheiratet und vier Kinder bekommen haben. Trotz dieser eher ungewöhnlichen Lebensgeschichte schreibt sie mittlerweile Romane.
Die Geschichte spielt in dem fiktiven englischen Armenviertel Seahills Estate. Im Mittelpunkt steht die Familie der sechzehnjährigen Kerry. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, sie hat fünf Geschwister und kennt weder ihren eigenen noch deren Väter. Das Einzige, was sie am Leben hält, ist das Rennen. Sie ist sehr gut in diesem Sport und träumt davon, die nächste Meisterschaft zu gewinnen. Doch ihr Training wird jäh unterbrochen, als eines Tages ihre Schwester, die hübsche Claire, verschwindet. Sie hat die Dreizehnjährige eigentlich nicht besonders gut leiden können, doch nun fehlt sie ihr. Gemeinsam mit ihren Geschwistern macht sie sich auf die Suche, genau wie die Polizei unter der Führung der temperamentvollen Lorraine.
Die Polizei interessiert sich aber nicht nur für Claire und weitere entführte Teenagermädchen. In letzter Zeit sind immer wieder ältere Leichen ohne Köpfe aufgefunden worden und es gibt lange Zeit keine Hinweise darauf, wer die Toten oder wer sie auf dem Gewissen haben könnte. Als es schließlich erste Hinweise gibt, wird die Situation nur noch verzwickter. Es scheint, als sei die resolute Kneipenbesitzerin Mrs. Archer in den Fall verwickelt, doch an sie gibt es kein Herankommen. Oder gibt es noch eine ganz andere, nicht greifbare Person im Hintergrund, die die Geschehnisse im Seahills Estate lenkt? Was hat Kerrys Familie damit zu tun? Ist das Geheimnis von Vanessa, der Mutter, vielleicht nicht nur ein Familiengeheimnis, sondern eines, das die Ermittlungen gewaltig vorantreiben könnte?
Das Beachtenswerteste an Quigleys Debüt sind dessen dichtes Personennetzwerk sowie die herausragend ausgearbeiteten Charaktere. Kerry und Co. besitzen alle ihre ganz eigene Persönlichkeit, die die Autorin perfekt in Worte zu formen weiß. Neben einer gehörigen Ecken und Kanten stellt sie vor allem die Mentalität solcher Menschen, die in ihrem Leben nichts geschenkt bekommen, gekonnt dar. Obwohl Kerry aufgrund ihrer Kratzbürstigkeit und ihres Hangs zu derbem Vokabular nicht unbedingt die freundlichste Zeitgenossin ist, wirkt sie doch sympathisch und vor allem authentisch. Man kann gut nachvollziehen, wie das junge Mädchen zu dem geworden ist, was sie ist.
Allerdings ist Kerrys Protagonistenrolle nur eine kleine. Eine einzige Hauptperson in dem Buch auszumachen fällt schwer, da Quigley das Seelenleben beinahe jeder Person beleuchtet, indem sie aus wechselnden Perspektiven schreibt. Was anderen Büchern schadet, tut „Lauf nach Hause“ gut. Die Abwechslung sorgt für einen fantastischen Gesamtüberblick, der weder die rasante Handlung beeinträchtigt noch zu sehr in die Breite geht. Da beinahe jede Person ein Geheimnis zu verbergen hat, ist es umso interessanter, etwas von dieser Person zu erfahren. Da dies zumeist durch eine gehörige Portion Humor gewürzt wird, kommt auch der Lesespaß nicht zu kurz.
Die Handlung ist gut konstruiert und verliert ihr Ziel nie aus den Augen. Es gibt verschiedene Erzählstränge, die Quigley auf interessante und nachvollziehbare Art und Weise zusammenführt. Dabei geht so gut wie keine Spannung verloren und der Leser weiß bis zum Finale nicht, wer hinter dem Gespinst aus Verbrechen steckt. Es ist allerdings nicht so, dass die Lösung zu überraschend oder aus dem Kontext gerissen wäre. Die Autorin bettet ihre Geschichte ihn einen genau abgesteckten Rahmen, der sowohl zeitlich als auch räumlich stimmig ist.
Als ob dies noch nicht genug wäre, überzeugt auch der Schreibstil auf ganzer Linie. Zum einen schafft es die Autorin, mit einem angemessenen Wortschatz und einfachen Sätzen das Innenleben sowie die Ereignisse präzise und lebendig darzustellen. In den Dialogen nimmt sie kein Blatt vor den Mund – besonders Kerry tut sich durch ihr unflätiges Mundwerk hervor -, doch ansonsten schreibt sie auf hohem Niveau. Was zusätzlich dafür sorgt, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann, ist der unterschwellige Humor, den die Autorin einfließen lässt. Anfangs fällt er gar nicht richtig auf, doch mit der Zeit bemerkt man die Ironie und den Zynismus, die sie immer wieder einflicht. Das lockert die Geschichte unheimlich auf und sorgt an der einen oder anderen Stelle sogar für einen Lacher.
Sheila Quigley schafft das, was vielen anderen Autoren nie gelingt. Sie webt einen geradezu magischen Erzählteppich, der nicht nur überquillt vor interessanten Charakteren und einem humorvollen Schreibstil, sondern auch mit einer spannenden, dichten Handlung aufwarten kann. Das Einzige, was Quigley fehlt, ist wohl der Erfolg ihrer Landsmännin Rowling.
|Originaltitel: Run for home
Deutsch von Monica Bachler
356 Seiten, Taschenbuch|
Der Amerikaner Charles Atkins weiß, wovon er schreibt. Genau wie die Hauptfigur in „Risiko“ ist er Psychiater, und es scheint, als ob dieser Beruf eine gute Inspirationsquelle für Geschichten darstellt. Auf seiner Website berichtet er, dass er dieses Buch schrieb, während er mit verhaltensauffälligen Jugendlichen arbeitete. Und genau darum geht es in diesem Buch. Ab wann ist ein Jugendlicher verhaltensauffällig? Wie kam es dazu? Und sind sie wirklich alle Monster?